Abendausgabe Nr. 349 44. Jahrgang Ausgabe B Nr. 172 Bezugsbedingungen und Anzeigenpreife find in der Morgenausgabe angegeben Redaktion: Sm. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292- 292 Tel.- Adresse: Sozialdemokrat Berlin 16ne 10 Pfennig Dienstag Vorwärts= Berliner Volksblaff 26. Juli 1927 Berlag und Anzeigenabteilungi Gefchäftszeit 8% bis 6 Ubr Berleger: Borwärts- Berlag GmbH. Berlin Sm. 68, Cindenstraße 3 Fernsprecher: Donhoff 292-292 Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Seipel vor dem Nationalrat. Aussprache über die Wiener C Wiener Vorgänge. Angriff auf Bürgermeister Seitz. Wien, den 26. Juli.( TU.) Der österreichische Nationalrat begann heute die Aussprache über die Wiener Vorgänge mit einer dreiviertelstündigen Rede des Bundeskanzlers. Seipel erklärte, daß fein Land und feine Regierung jemals so unschuldig in eine Revolte hineingestoßen worden sei, wie Desterreich, wo zwischen den Parteien fin ernst hafter Konflikt geschwebt hat. Die Polemiken zu dem Schattendorfer Prozeß hatten schon allein genügt, die Leidenschaften aufzupeitschen. Unglaublich sei es aber, daß, nachdem eine Anzahl Geschworene als befangen abgelehnt worden waren, die anderen Geschworenen bedroht wurden. Merkwürdige Freisprüche von Geschworenen seien auch von der Regierung beobachtet worden. Eine parlamentarische Intervention in der Frage der Schwurgerichte sei dann zu verstehen gewesen, aber nicht eine wilde Revolte. Fest stehe, daß zuerst die Polizei angegriffen worden sei, die erſten Verwundeten auf den Rettungsstationen seien nur Polizisten gewesen. Wenn der Landeshauptmann die Bitte des Polizeipräsidenten Schober um sofortigen militärischen Einsatz erfüllt hätte, wäre viel weniger Blut gefloffen. Der Polizeipräsident sei durch die Ablehnung der Bitte zur Ausrüstung der Polizei mit Gewehren geradezu gezwungen worden. Auf eigene Verantwortung habe dann der Polizeipräsident noch Militär herangezogen. Dieses habe nur beruhigend gewirkt. Das Militär hätte von vornherein nicht schießen brauchen, fein Erscheinen hätte. schon die unruhigen Massen vorsichtiger gestimmt. 3u spät habe Bürgermeister Dr. Seit seine Bersäum nisse eingesehen. = Um feinen Fehler gut zu machen, habe der Bürgermeister die Gemeindeschuhwa che eingeführt. Er, der Bundeskanzler, mache ihm teinen Vorwurf daraus, daß er ohne Befragung der verfassungsmäßigen gefeßgebenden Körperschaften vorgegangen sei, was er ihm aber zum Vorwurf mache, sei, daß Dr. Seitz sein gegebenes Wort nicht einhalte, wonach die Wache nur für die Tage der Gefahr eingerichtet werden solle. Es würde nicht dem Frieden dienen, wenn aus der Schuhwache eine ständige Einrichtung werden sollte, da die Wache in Wien und in den Ländern als ständige Bedrohung der Ruhe angesehen werde. Das größte Unglück aber sei, daß jetzt, da alle anderen Kräfte Das größte Unglück aber sei, daß jetzt, da alle anderen Kräfte um die Wiederherstellung von Ruhe und Frieden bemüht feien, ſo unerhörte Angriffe gegen die Polizei gerichtet wurden, die unter Todesopfern ihre Pflicht getan haben. Als der Kanzler noch einmal die Pflichttreue der Polizei bekräftigte, erhob sich bei gleichzeitigem Beifall rechts und in der Mitte starter Lärm bei den Sozialdemokraten, wodurch der Kanzler einige Minuten am Weitersprechen gehindert wurde. Nach Wiedereintritt der Ruhe sprach der Kanzler der Polizei und den Angehörigen der Wehrmacht für ihre Pflichterfül lung seinen Dank aus. Zu dem Verkehrsstreit übergehend erklärte der Kanzler, daß dieser Streif ihm so vorkomme, als ob während einer Wirtshausrauferei auch noch das Licht ausgelöscht werde.(?!) Ohne die Unterbrechung der Telephonverbindung zwischen der Polizeidirektion und den einzelnen Polizeiwachers würde es in Wien weniger Opfer gegeben haben. In ihrer Begründung für den Abbruch des Generalstreifs hätten die Sozialdemokraten nachher selbst zugegeben, daß es notwendig gewesen sei, gegen falsche Nachrichten im Auslande vorzugehen und das Parlament rechtzeitig zusammenzurufen. Indem sie aber drei Tage lang die falschen Nachrichten unwiderlegt gelassen häften, hätten sie den österreichischen Staat vor dem Ausiande entwaffnet. Dadurch, daß der Zusammentritt des Parlamenis zunächst Hörsings Rücktritt genehmigt. Noch kein Nachfolger bestimmt. Wie uns bei Redaktionsschluß mitgeteilt wird, hat das preußische Staatsministerium in seiner heutigen Sihung den Oberpräsidenten der Provinz Sachsen, Otto Hörsing, in Uebereinstimmung mit dessen Antrag, in den einstweiligen Ruhe. st and versetzt. Ueber die Person des Nachfolgers, wegen der mit dem Provinzialausschuß in Verbindung getreten werden soll, wurde ein Beschluß noch nicht gefaßt. Faschistische Reformarbeit. Die Landtagsmehrheit von Steiermark gegen Wien. Wien, 26. Juli.( Eigener Bericht.) Im Landtag von Steiermark fam es am Montag zu scharfen Auseinandersetzungen zwischen den Bertretern der bürgerlichen Parteien und denen der Sozialdemokratie über die Wiener Vorgänge. Die Mehrheit nahm schließlich einen Antrag an, der an die Bundesregierung folgende Forderungen stellt: Einschrän= fung der Pressefreiheit, Wiedereinführung der Todes= strafe, Reform des Schwurgerichts, Schutz der öffentlichen VerPehrsmittel und lebenswichtigen Betriebe vor einer Stillegung durch | zweifelhaft erschienen sei, sei die Revolte nur durch einen schmalen Schritt von der Revolution geschieden gewesen. Die Bewegung sei nicht von draußen in das Land getragen worden. Bielmehr sei die Schädigung der Republik ihr durch ihre eigenen Kinder zugefügt worden. Allerdings habe eine internationale Partei sich der Sache bemächtigt, indem sie den Justizpalast anzündete und für Fortdauer der Bewegung bis zum Sturz der Regierung und womöglich bis zur Aenderung der Verfassung zu sorgen getrachtet habe. Auch ausländische Agenten dieser Partei seien in Wien tätig gewesen. Der Bundeskanzler erklärte weiter, daß feinerlei Drohungen einer ausländischen Regierung nach Wien gerichtet worden seien. Der Kanzler appellierte dann an führen, daß die Wiederholung der Wiener Vorfälle unmög= das Haus, die Aussprache lediglich von dem Gesichtspunkte auszu ich gemacht werde. Einen Teil der Schuld trage auch das Parlament oder vielmehr diejenigen im Parlament, die die Meinung hätten aufkommen laffen, als ob sie die Demokratie nicht ftüzen wollten. Die Sozialdemokraten forderte der Kanzler auf, endlich einmal deutlich einen scharfen Trennungsstrich zwischen einer demokratischen Oppofifion und einer Beschützerin von Revolten zu ziehen. Zum Schluß erklärte der Kanzler: Verlangen Sie nicht von uns, daß wir Maßnahmen treffen, die für die Wiederholung solcher Borgänge und solcher Berbrechen einen Freibrief ausstellen. Wir Ranglers wurde mit lautem anhaltendem Beifall der Regierungswollen feft fein, aber wir wollen nicht hart sein. Die Rede des parteien aufgenommen. Auf der Suche nach dem Rathaus- Schühen. Wien, 26. Juli. Ein Zeuge hat angegeben, einen Mann gesehen zu haben, der während der Unruhen von einem Fenster des ersten Stockwerkes des Rathauses auf die gegenüberliegende Bolizeiwachstube Schüsse abgab. Er wurde von der Polizei veranlaßt, die im Rathaus vertehrenden Personen beim Passieren des Tores zu beobachten. Er bezeichnete einen Obermagistratsrat, also einen der höchsten Beamten des Rathauses, als denjenigen, der die Schüsse abgegeben hat. Die Lage des Bureaus dieses Beamten stimmt mit der Lage des Fensters, aus dem geschossen worden ist, überein. Der Beamte leugnet, geschoffen zu haben und wurde vorläufig auf freiem Fuß belassen. Die Gemeindewache dauernde Einrichtung? Wien, 26. Juli. Der Gemeinderatsausschuß für die allgemeine Verwaltung beschäftigte sich gestern mit einer Vorlage des Gemeinderats, welche die Grundlagen für die neue Gemeindewache gefeßlich regeln soll. Die Anträge der Mehrheit besagen, daß die Gemeindewache in einer Stärte pon 2000 mann aufzustellen sei. Die Bewaffnung besteht aus einer Repetierpistole und einem Säbel oder einem Gummifnüppel. Am 1. September soll die Bache auf 1000 Mann herabgesetzt werden. Pied freigelaffen. Wien, 26. Juli.( WTB.) Nach Mitteilung der Staatspolizei wurde die vom Landgericht gegen den deutschen kommunistischen Landtagsabgeordneten Bied geführte Untersuchung eingestellt, der Staatsanwalt ist von der Antlage zurüdgetreten. Bied wurde der Polizei wieder übergeben. Diese genehmigte Pieds Abreise nach Deutschland. Von Weimar bis Potsdam. Zwei Schulkompromiffe. Von Heinrich Schulz. Das Weimarer Schultompromiß war eine politische Notwendigkeit zum besten der jungen deutschen Republit. Ohne eine Einigung von Zentrum und Sozialdemokratie in der Schulfrage wäre die Verfassung nicht zustandegekommen und die außenpolitische Katastrophe des Bersailler Friedensvertrages nicht bezwungen worden. Es war Wunsch und vertrages nicht bezwungen worden. Wille der beiden Parteien, das Chaos zu vermeiden, und aus diesem Grund gaben sie beide in der Schulfrage nach. Das Bentrum setzte die Anerkennung der Bekenntnisschule in der Verfassung durch, mußte sich aber anderseits zur Anerkennung der vollen Gleichberechtigkeit der weltlichen Schule bereit erklären. Die Sozialdemokratie mußte die Bekenntnisschule zugestehen, erreichte aber gleichzeitig neben der Anerkennung der weltlichen Schule eine Reihe von erheblichen Verbesserungen. So ist die Einführung des Arbeitsunterrichts und der Erziehungsbeihilfen durch die Verfassung eine unmittelerfreuliche Seiten auf diese Weise wenigstens durch sozialbare Folge des Weimarer Schulkompromisses, dessen unpädagogische Fortschritte zum Teil wieder wettgemacht wurden. Kompromiß zwischen dem Zentrum und den mit der evan= Dem gegenwärtigen Reichsschulgesetzentwurf liegt ein gelischen Orthodorie verbundenen Deutschnationalen zugrunde. Es ist selbstverständlich, daß bei einer solchen Verbrüderung das Zentrum seine Mindestforderungen inbezug auf die Bekenntnisschule sicher in den Hafen bringt. Aber die Zugeständnisse, die es dem rechts von ihm befindlichen Koalitionsbruder dafür einräumen muß, sind nicht wie bei dem Partner des Weimarer Schulkompromisses aus dem Wunsche geboren, die Republik zu festigen, die Verfassung zu fichern und den Schulfortschritt anzuregen. Es liegt vielmehr Ideologie, in allem das Gegenteil anzuftreben. Die Deutschim Wesen der überlieferten deutschnational- evangelischen nationalen sind nur Republikaner in Gänsefüßchen und der Konjunktur halber, sie sind es nur, weil sie auf diese Weise ihre wirtschaftlich zollpolitischen und einige andere innerpolitischen Herzenswünsche verwirklichen können. Sie werden die unbequeme scheinrepublikanische Maske sofort wegwerfen, wenn sie von ihr feine Vorteile mehr erwarten fönnen. Was sie deshalb über die nächsten Wünsche des Zentrums hinaus durch das Schulgesetz noch erreichen möchten, sind im wesentlichen die soliden alten Ladenhüter der kon= fervativen Schulpolitit der Bortkriegszeit. Daß sie sich hierbei mit dem Zentrum, wenigstens mit seinem größeren rechten Flügel, schnell zusammenfinden, ist bei der langjährigen Bundesgenossenschaft der Konservativen und des Zentrums in der alten preußischen Schulgesetzgebung fein Wunder. Man darf dieses neue Schulkompromiß deshalb wohl mit gutem Fug und Recht das Potsdamer Schulfom= promiß nennen. So wie sich mit dem Namen Weimar Geistigkeit, Liebe zur Freiheit und zur Republik verknüpft, so ist mit dem Namen Potsdam das alte preußische Regiment der geistigen Unfreiheit der Massen, der Erziehung zur Demut vor göttlicher und weltlicher Autorität verbunden. Kein Wunder, daß bei einem aus solchem Geist geborenen Schulgesetz für den Schulfortschritt, für soziale umd pädagogische Ausgestaltung des Schulwesens nichts übrig bleibt. Man sollte glauben, daß hierüber auch im Zentrum, vor allem bei seinem linken Flügel, fein Zweifel obwalten könnte. Der demokratisch- republikanische Teil des Zentrums will mit der Sozialdemokratie und der Demokratie die Republik ich ühen und festigen. Er muß deshalb mit der Sozialdemokratie Wert darauf legen, daß die gemeinsame republikanische Front der katholischen und nicht katholischen Arbeiter zur Sicherung der Republik nicht dadurch beeinträchtigt wird, daß man den alten 3antapfel religiöser Unduldsamkeit zwischen sie wirft. Aus dem Geifte der Duldung war das Weimarer einen Generalstreit und Umwandlung des Söldnerheeres in eine Schultompromiß geboren. Die inzwischen leider verstorbenen Miliz nach dem Muster der Schweiz. England- Aegypten. ,, Wesentliche Arbeiten in aller Stille" oder endlose Beratungen ohne Ergebnis? London, den 26. Juli. ( TU.) Der diplomatische Korrespondent des Daily Telegraph" berichtet, daß im Verlaufe der Besprechungen zwischen dem ägyptischen Ministerpräsidenten Sarwat Pascha, dem Auswärtigen Amt und dem englischen Generalgouverneur Lord Lloyd alle Seiten der englisch- ägyptischen Probleme die Basis für fünftige Verhandlungen gefunden sei. Die Vertreter Großbritanniens hätten sich absolut fest gezeigt, wo immer lebenswichtige Reichsinteressen in Frage ständen, wogegen man der ägyptischen Eigenliebe jede mögliche Konzession gemacht habe. Es werde keine amtliche Erklärung abgegeben, bevor sich Sarwat Pascha mit seinen Kabinettskollegen besprochen habe. Trotzdem stehe fest, daß wesentliche Arbeiten während seines Aufenthaltes in London in aller Stille geleistet worden seien. 25 amerikanische Redakteure find als Gäste der CarnegieStiftung für internationalen Frieden in London eingetroffen. Sie werden auf ihrer Europareise auch Berlin besuchen. Führer des Zentrums, die persönlich an dem Weimarer Schulfompromiß beteiligt waren, die Gröber, Hize und Burlage, maren mit ihren sozialdemokratischen Kontrahenten einig in dem Wunsch, daß die gesetzliche Auswirkung des Schulkompromisses dem deutschen Volke endlich den Schulfrieden bringen möge. Selbst die einfachste Ueberlegung muß ergeben, daß die je zigen deutschnationalen Kontrahenten des Zentrums sich von solchen Erwägungen nicht leiten lassen, sondern daß sie umgekehrt ein lebhaftes Interesse daran haben, die republikanische Arbeiterfront zu schwächen. Ihre Taktik ist auch durchaus folgerichtig, wenn sie zu diesem Zweck durch den Schulgesetentwurf die Schulgegensäge zu verschärfen, statt zu mildern suchen und für den nunmehr einsetzenden Kampf um die Schule den Schutz der Religion gegen die angeblich religionsfeindlichen Bekämpfer des Keudellschen Schulgesetes als Losung ausgeben. Die Germania" hat es in dem einzigen Artikel, in dem sie bisher zum Schulgesetentwurf Stellung genommen hat, für notwendig gehalten, die Sozialdemokratie daran zu er innern, daß sie in Weimar mit dem Zentrum ein Schultompromiß abgeschlossen hatte, das sich auf der Gleichberechtigung der drei Schularten aufbaute, ein Kompromiß, daß also unseren Anschauungen. weiter enigegenfam als das zweite unter demokratischem Einfluß zustandegekommene, das dann Bestandteil der Reichsverfassung wurde". Diese Erinnerung mar völlig überflüssig. Die Sozial- Demokratie bekennt sich nach wie vor zum Weimarer Schul- iompromiß, moralisch auch zu dem ersten, von dem die„Ger- mania spricht, verbindlich aber besonders zu dem zweiten. Beide waren dem gleichen Motiv entsprungen: Verfassung und Republik zu schützen. Von beiden wurde eine Beruhigung der breiten Volkskreise in der Schulfrage erwartet, im Geiste beider ist die Sozialdemokratie zur Mitarbeit in der Reichs- schulgesetzfrage bereit. Das jetzige Potsdamer Schul- k g m p r'o m i ß dagegen steht in schärf st em Gegensatz zu dem Weimarer Schulkompromitz von 1919 und zu dem Geiste, aus dem es geboren wurde. Das Weimarer Schulkompromiß war eine Notwendigkeit. Das Potsdamer Schulkompromiß, in seiner Wirkung eine Stärkung der poli- tischen und kulturellen Reaktion, ist selbstverständlich nicht notwendig, sondern muß mit allen Kräften bekämpft werden. Dabei wird sich die Sozialdemokratie aber nicht auf den Leim eines Kulturkampfes im historischen Sinne des Wortes locken lassen. Sie wird vielmehr überall und zu jeder Zeit, besonders aber in Hörweite von katholischen und evangelischen Arbeitern, mit allem Nachdruck betonen, daß die Gegnerschaft der Sozialdemokratie zum Keudellschen Gesetzentwurf keine Gegnerschaft zu irgendeinem Religionsbekenntnis bedeutet, daß sie vielmehr durch ihre Schulpolitik die Religion aus den Kämpfen der Zeit herausheben will. Nicht irgend welchem Bekenntnis gilt der Kampf der Sozialdemokratie, sondern den Feinden der Republik und der Demokratie, mögen sie sich in das militärische Kleid der Stahlhelmleute hüllen, mögen sie ihre reaktionären politischen Absichten hinter kirchlichen Gewändern verbergen! 44 �ahre Zuchthaus! Tas Urteil im Stuttgarter Kommunistenvrozest. Stuttgart. 26. Juli.(MTB.) Am 28. Tage der Verhandlungen im Stuttgarter Kommunisten- prozeß wurde abends gegen 10 Uhr das Urteil durch den Senats- Präsidenten des Reichsgerichts, Niedner, verkündet, wonach t. das Verfahren gegen die Angeklagten Lämmle, Ruoff, Frey, Hepperie und Kuhnte eingestellt wird, 2. verurteilt werden: die Angeklagten Baikhardt zu acht Jahren Zuchthaus und 800 Mark Geldstrafe, Braune zu zwei Jahren sechs Monaten Zuchthaus, woraus aus Grund des Urteils der Fünften Strafkammer des Landgerichts vom S. März die verhängte zehnmonatigc Gefängnisstrafe angerechnet wird und die Strafe in 264 Tage Zuchthaus und 250 Mark Geldstrafe zu- sammengezogen wird, Stegmaier zu sechs Jahren sechs Monaten Zuchthaus und 650 Mark Geldstrafe. Groß zu feckzs Jahren Zuchthaus und ZOO Mark Geldstrafe, Gockeler zu 13 Jahren Zuchthaus und 100 Mark Geldstrafe und Daniel zu Zwei Jahren sechs Monaten Zuchthaus und 300 Mark Geldstrafe. Die Untersuchungshaft wird bei allen Angeklagten angerechnet, wobei bei Baickhardt ein Jahr, bei Braune und Stegmoier je fünf Monate Zuchthaus als verbüßt angerechnet werden. Bei sämtlichen Verurteilten werden außerdem die Geldstrafen auf die Untersuchungs- hast mit angerechnet. Die Kosten des Verfahrens sallen bei den Verurteilten den Angeklagten zur Last, während sie bei den Angc- klagte», für die Einstellung des Verfahrens ausgesprochen wurde, der Slaatskofse zur Lost fallen. In einem Schlußwort betonte Senatspräsident Niedner daß nicht die Angeklagten die voll Verantwortlichen für sämtliche Straftaten seien, sondern daß diejenigen die Hauptschuld treffe, die sich in Ruhland In Sicherheit gebracht hätten. In einem Schlußwort betonnte Senatspräsident N i e d n e r ti. a.; Es handelte sich hier in diesem Versahren, das wohl von den 400 Slrasverfohren. die bisher vom Reichsgericht durchgeführt worden sind, als mit das schwerste anzusehen ist, vor allem darum, daß es voll erwiesen und jetzt auch von einem Verteidiger, der in Zwei Skizzen. Die kleine Frau im Kabarett. Von G e r d l a n d. In unserer herrlichen, hoheitsvollen, kaltgesonderten, tierisch- gemeinen Stadt liegt das Viertel des Amüsements, der Limousinen, der kostbaren Konkubinen im Westen, und liegt das Viertel der®e- fchäste, der Konfettlon, der Filmindustrie, der Berlage gesondert, und das der Dirnen(womit natürlich die prostituierten Dirnen gemeint sind--- Herr, wie können Sie sich unterstehen----) liegt gesondert, und das der Fabriken und der Direktoren und das der Arbeiter. Da ist nun im Norden unserer Stadt ein Lokal, in dem die k'eine» Ladneiinnen, die Arbeitergesellen, die kleinen, ganz arm- selige» Nutten'hr Vergnügen suchen und finden. Sie sitzen da an runden Tischen, trinken Bier und ein Gesösf, das auf den stolzen Namen Moccn hört, die Musik spielt die neuesten Schlager. Es wird getanzt, geliebt, gefchmeiniegelt, nackteste Gelüste werden offenbar. lind aus der Bühne ist Kabarett. Oh, bitte evgebenst, es gibt keine spitzfindigen, intellektuell bebrillten Conferenciers in diesem Lokal, auch keine Solotünzerinnen von der„Leningrader Hofoper", keine schwedische Nachtigall, höchstens eine vom Wedding, höchstens einige mittelmäßige Akrobaten, eine Tänzerin mit drei Leberflecken auf dem Popo, eine Wahrsagerin, die sich die Augenbrauen mit Teer nach- gezogen hat, einen Willy-Rosen-Jmitator(wenn ich keinen Dalles hält',— den steht man ihm denn auch an seinen ausgefransten Hosen a») und diverse Nummern. Da sitzen nun die Menschlein, lachen sich schier tapntt über die vulgären Spaße einer„Kanone", sie sitzen da, die jungen Kerle mit ihren Bräuten oder mit den typischen sogenannten Berliner Nutten, die ein Kapitel für sich sind, über das zu referieren ich viel inniges Vertrauen in den Mund des Herrn Volks- wohlfahrtsministers lege. Die Nntien also sitzen(die Feder quillt über), sie sitzen geputzt, noch nicht vertiert, doch nicht mehr Mensch, sitzen, ein Objekt der materiellen Lüste, ein Subjekt der Seuche, sitzen und harren. Aber da sitzt ncch eine Frau, alt ist sie und schön gewesen, in einem geschmacklosen Kleide. Sitzt vor einem leeren Bierglase und >aucht Zweipfeimigzigaretten. Dann erhebt sie sich und geht weg, dann geht der Vorhang hoch. Und da turnt ein iiiogercc Männlein. assistiert von eben dieser kleinen Frauenseele, deren Blicke um Applaus betteln, deren Brust, Gesäß und Beine in dünnem, prallem Trikot stecke». Die alte, kleine Frau zum heimlichen Gaudium der Zu- schauer. Nu» kommt sie wieder raus, setzt sich vor das leere Glas, raucht, schmeißt �Blicke. Als sie drei Euragao intus hat, wird sie gesprächig. Früher Scala und Wintergarten. Der Mann tuberkulös zurück aus Frankrcut), schon vermodert. Drei Kinder. Eines davon Fabrik, Nachtschicht. Tagsüber Reinmachefrau(Klosett, Stunde 2 Groschen). Abends hier, Kabarett. Nachts:„Wenn ick mal det jroßc Laos jiwinne, denn mecht' ick mal'ne Nacht alleene schlascii." Kommentar hier nicht ani Platze, wird dem Herrn Polkswohl- jahrtsminister überlasten. hohem Ansehen steht, nicht mehr bestritten wird, daß die ttommu- nistische parte! im Jahre 1923 dazu übergegangen ist. ihr Ziel, die Verfassung des Deutschen Reiches in gewaltsamer weise zu zerstören. vorbereitet zu haben, und daß sie serner dazu übergegangen ist, dieses Ziel unmittelbar zu verwirklichen. * Vierundvierzig Jahre Zuchthaus wegen hochverräterischer Unternehmungen im Jahre 1923! Ein ungeheuer hartes Urteil. Aber ein gerechtes Urteil? Das Reichsgericht begründet das Zuchthausurteil mit der Schwere des Verbrechens: Hochoerrat gegen die Verfasiung. Geplant, vorbereitet, und zur Verwirklichung übergegangen. Im Jahre 1923 sind Hitler, Ludendorff und Kompagnie dazu übergegangen, ihr Ziel, die Verfassung des Deutschen Reiches in gewaltsamer Weise zu zerstören, vor- zubereiten, und sie sind ferner dazu übergegangen, dies Ziel unmittelbar zu verwirklichen. Lude ndorff wurde in diesem„schwersten aller Straf- verfahren", in dem der Hochverrat voll bewiesen war, frei- gesprochen, und Hitler zu 6 Monaten F e st u u g oerurteilt. Aber die Kommunisten: 44 Jahre Zuchthaus! Sie waren nicht Führer, nicht die voll Verantworllichen, nur Werkzeuge. Aber— 44 Jahre Zuchthaus. Luden- üorff und Hitler waren die Führer des Putfches, die voll Verantwortlichen. Aber— Freispruch und sechs Monate Festung. Entweder war das Urteil im Hitlerprozeß ein Verbrechen, geradezu Teilnahme am Hochoerrat— oder das Reichsgerichtsurteil ist eine Beugung des Rechts gegenüber einer bestimmten Partei. So oder so— der Schluß bleibt der gleiche: es ist keine Gerechtigkeit mehr in der Hochverrats- justiz. Es gibt unter staatspolitischem Gesichtspunkt nur e i n Mittel, um gefährlicher, verzweifelter Empörung gegen so schreiende Ungerechtigkeit vorzubeugen. Es muß endlich ein Strich unter die Vorgänge von 1923 gezogen werden. A m n e st i e! Der Gedanke, daß die Verurteilten von Stutt- gart 2, 6, 8 ja 13 Jahre im Zuchthaus begraben sein sollen, während Hitler, Ludendorff, Ehrhardt, Claß als freie Män- ner umherlaufen, wäre unerträglich. „Zu besonüerem Sefremöen/ Verdiente und erbliche Ehrendoktoren. Wir berichteten vor einigen Tagen, daß die Kölner Universität den preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun zum Ehren- doktor ernannt hat. Bekanntlich ist die Gründung dieser Universität, die erst nach der Revolution erfolgte, ein Verdienst des preußischen Kabinetts. Trotzdem ist— wie zu erwarten— die Rechtspresse über diesen Akt der Dankbarkeit äußerst ungehalten. Die„Deutsche Zeitung" gibt ihrem Mißbehagen in folgenden Worten Ausdruck: Zu besonderem Befremden gereicht dem Wissenschaftler die von der wirtschafts- und sozialwistenschaftlichen Fakultät der Univer- sität Köln jüngst Herrn Otto Braun, Preußens derzeitigen Minister- Präsidenten, verliehene Ehrendoklvrwürde. Je größer die Zahl der aus nicht wissenschaftlichen Gründen Bedachten wird, desto mehr muß die Bewertung der Auszeichnung sinken. Das Nationalistenblatt hat entschieden Pech. Denn gleichzeitig mit dieser Veröffentlichung wird bekannt, daß die Tübinger Universität zu ihrem Jubiläum den ehemaligen Herzog Albrecht von Württemberg zum Ehrendoktor ernannt yat und zwar„wegen der Leistungen seiner Vor- gänger in einem Amt, das er selbst nicht mehr hat antreten können". Tübingen hat damit also ein erbliches Ehrendoktorot eingeführt. Aber gegen diese byzantinische Geste wird die„Deutsche Zeitung" ganz gewiß nicht Front machen, sie entspricht durchaus der Mentalität der nord- und süddeutschen Domela- Lakaien. Mägdelein. Nun hält die Limousine vor dem Portal des Herrlichkeit strotzen- den Palastes, nun steigen wir aus, der alte Geheimrat, der nichts als chicke Legatianssekretär, Marielueienne, die holde, liebreizende, und ich. Nun sind wir im Trubel des Festes, eines jener Feste, auf denen die Heroen der Wissenschast, der Kunst, des Geldes, der geilen Lüste sich zu treffen pflegen. Der Herr des Hanfes, das ist ein Bankier mit einem goldenen Herzen, ein freudiger Spender, ein liebevoller Gastgeber. Es sind da all die Menschen, die und deren Werke man sonst von weitem bewundert, all die akademischen Maler, die wunderofsenbarenden Frauen, die Chirurgen mit den goldenen Händen. Ja, mrn ist«'» kleiner Journalist(noch dazu einer, der Wahrheit will) und versinkt. Und dann ist da die Tochter des Hauses, eben von der Ponsion aus der Schweiz zurückgekehrt, blond, nüttlich, knicksend, schamhaft, und doch so.... Sie hat noch nicht viel er- lebt, nur Pension, nur ein abgelehnter Antrag, vier Küsse in einem verschwiegenen Garten vielleicht, nur Eltern, nur Balle und Feste, sonst nichts. Und so steht sie da und wird wohl nicht recht klug aus mir, das kleinreizliche Mägdelein, steht da und lächelt befangen, denn ich— es sei nun geschrieben—, ich denke an ein noch jüngeres Mägdelein, das jetzt, ja jetzt eben wohl, seinen Leib verkaust, seinen Leib in der Ackersirahe für ganz billiges Geld. An jenes unschuldige und so unermeßlich unkeusche Mägdelein denke ich. Und das, während ich diesem reichen Kind« in die etlvas dummdreisten Augen blicke. Ja, hier im Taumel der Ja.zzbanden, der lustzaubernden sogenannten ästhetischen Frauen denke ich an einen Ackerstraßen-Keller mit Ratten und rotem Licht, einer zerlegenen Chaiselongue und einein sehr, sehr jungen, sehr, sehr miserablen Mägdelein. Und dann spricht man über die neue Revue im X. P.-Theater mit der etwas dummdreisten Tochter des reichen Mannes. Zlammenöe Entrüstung. Ich werde von der Rechtspresse ausgefordert, mich sittlich zu entrüsten. Ein französisches Schullesebuch enthält«in« Greuel- geschichte aus dem Weltkrieg, wie ein deutscher Soldat einen sieben- lährigen französischen Knaben erschießt, der, mit einem Holzgewehr kindlich spielend, auf ihn anlegte. Die französische pazifistische L e h r e r v e r e i n i g u n g ist der Sache»achgegangen und hat als den wahren Sachverhalt festgestellt, daß es sich nicht um einen sran.-östschen, sondern einen deutschen Knaben, das Kind eines deut- sehen Zollbeamten,, gehandelt hat, das während eines Grenzgesechtes aus dem Fenster sah und von einer abirrenden Kugel getrosfen wurde. Das Holzgewehr ist freie Erfindung.— Und nun ergeht die entsprechende Aufsorderung an alle anständig Gesinnten usw., usw. Aber da fallen mir, der ich gerade mitzumachen im Begriff stehe, etliche Haare in die schöne Entrüstlingssuppe. Das erst« Haar: Wie jene dcutschnationale Presse, die sich hier mit der Gest« non- chalanter Selbstverständlichkeit auf die Auftlirungsarbeit fronzö- s i s ch e r Pazifisten stützt, Tag sllr Tag die deutschen Pazifisten beschimpft, weil sie denselben Kampf gegen die Lügen des deutschen Nationalismus führen. Ich finde j» aller Bescheidenheit, daß da nicht viel Recht zu flammender Entrüstung sür jemand gegeben ist, Wanölungsfähigkekt. Ein ehemaliger Monarchist als„Prawda�-Rchaktcnr. Dem„Sozialistischen Boten" wird aus Moskau geschrieben;: Man berichtet, daß unter der kommunistischen Opposition starke Empörung über die„orthodoxen Leninisten" aus der jungen Pro- fcsiorengeneration, die sich gegenwärtig um Bucharm scharen, herrscht. Ueber einen von ihnen, A. S l e p k o w, der Fachmann aus dem Gebiet der Hetze gegen die Opposition geworden ist, haben die Anhänger Trotzkis folgende biographische Angaben zutage gefördert: Es stellt sich heraus, daß Slepkov im Jahre 1918 in der Tscheka von Rjasanj in Haft war und der Zugehörigkeit zu gegenrevo. l u t i o n ä r e n Gruppierungen angeklagt wurde. Die m o n- archistlschen Anschauungen Slepkovs wurden durch seinen Briefwechsel, der der Tscheka in die Hände gefallen war, be- legt. Unter der Drohung der Todesstrafe tat Slepkov Buße, und einer der heutigen Oppositionellen ermöglichte seine Freilassung. Heute ist Slepkov Redakteur an den Organen des Zentralkomi- tees der KPdSU., der„P r a w d a" und dem„B o l s ch e w i k", kämpft erbarmungslos gegen die„?lbweichungen" Trotzkis, Sinow- jews und Kamenews und beschäftigt sich nebenbei natürlich auch noch mit der„Vernichtung" der Sozialdemokratie. deutliche Worte an Amerika. Tardieu gegen die„weisen Ratschläge". Washington. 26. Juli(MTB.). Die Zeitschrift„Nations Business" bringt ein Interview mit Andre Tardieu, in dem«r erklärt: Das Abkommen, dos Berenger mit Mellon geschlossen hatte, ist tot. Keine französische Regierung wird jemals die Verantwortung dafür übernehmen, Frank- reich für 62 Jahre zu binden. Die Schulden Frankreichs seien ein von einem Freund erhaltenes Darlehen und müßten in diesem Geiste behandelt werden. Die Amerikaner hielten sich sür bessere Menschen, weil sie reicher seien. Diese Arroganz mache es andern Völkern schwer, den ameri- tonischen Idealismus richtig zu schätzen. Di« Amerikaner glaubten, daß sie, weil sie seit dem Kriege gewaltig« Fortschritte gemacht haben, alles besser wüßten, und versuchten, andere Nati- onen zu belehren, ohne zu erkennen, daß ihr Rat für die meisten europäischen Länder ungeeignet sei. Die Probleme Europas und Amerikas seien grundverschieden.„Ihr habt nur ein Achtel der Kriegszeit mitgemacht und uns im Stiche gelassen, sobald der Siez errungen war. Jetzt wollt ihr uns weise Ratschläge geben. Das paßt uns natürlich nicht." Auch die Franzosen haben an den Miß- Verständnissen teilweise Schuld, da sie gern alles auf die lange Bank schieben und sich um internationale Probleme zu wenig kümmern. Beide Länder müßten sich entgegenkommen, dann werde auch die Schuldenfrage freundschaitlich gelöst und Frankreichs Freundschaft sür Amerika neu befestigt werden. Dos Skeuervereinheitlichungsgeseh. Der seit vielen Monaten vom Reichskabinett beratene Entwurf eines Gesetzes über die Vereinheitlichung des Steuerrechts ist jetzt endlich nach Ueberwirchung der erheblichen Schwierigkeiten, die von Bayern gemacht wurden, dem Reichsrat zugegangen. Das Gesetz ist ein Rahmengesetz. Es enthält solgcnde vier Gesetze: Das Grund- stcuerrahmengefetz, das Gewerbe steuerrahmen- gesetz, das Gebäudeentschuldungsgesetz und das Steueranpassungsgesetz. Die Gesetze sollen am 1. April 1928 in Kraft treten, doch können die Landesregierungen an- ordnen, daß das Grundsteuerrahmengeseg und dos Gewerbesteuerrahmengesetz erst vom 1. April 1929 c.b Geltung erhalten. In Gleiwih wurde ein Beamter der politischen Abteilung der Landeskriminalpolizei, Kriminalkommissar Mann unter dem Verdacht verhaftet, militärische G e h e i in n i fs e an Polen verraten zu haben. Die Verhaftung geschah durch einen Reichsanwalt aus Leipzig. der sofort„Landesverrat" brüllt, wenn ein Deutscher irgendeine unserer amtlichen Knegslügen bloslegt. Und ein zweites Haar: Las ich nicht in der gleichen reichs- deutschen nationalistischen Presse erst vor wenigen Tagen Meldun- gen aus Wien über 15 nackt ausgezogen« und bei lebendigem Leibe verbrannte Wachtpolizisten, über die ausgestochenen Slugen eines Polizeiossiziers, über die einem Schutzmann aus dem Leibe ge- trampelten Gedärme, über planmäßig mit Benzin und Petroleum arbeitende Weiberbataillone? Wer hat diese Greuellügen sabriziert? Slm Erde der gleiche reichsdeuische Journalist, der heute flammende Entrüstung über das französische Lesebuch schnaubt. Ich bekenne mit Schmerz: Ich kann mich über französische Schullesebücher nicht entrüsten, solange ich mich wegen deutscher Zeitungen schämen muß. Die sittliche Entrüstung der deutschen Greuelfabrikanten riecht zu sehr nach Konkurrenzneid gegen andere, die es geschickter anzufangen wissen. Sittlich entrüsten kann man sich nur in anständiger Gesellschaft. Aber wenn eine Einbrecher- kolonne die Tugendlosigkeit des betrügerischen Bankkassierers be- jammert, der bereits vor ihnen die Tresors entleert hat, so bleibt dem anständigen Menschen nur übrig, schweigend beiseite zu stehen. __ Jonathan, r Der Große Skaalspreis der Akademie. Di? Akademie der Künste schreibt soeben den Großen Staatspreis aus, um den sich in diesem Jahre Maler und Bildhauer bewerben können. Vor- bedingung ist, daß die Bewerber die preußische Staatsangehörigkeit besitzen und am 10. Dezember 1927(am Tage der Einlieserung der Wettbewerbsarbeiten in Berlin) das 32. Lebensjahr nicht über- schritten haben. Eine Zulassung zum Wettbewerb bei Ueber- schreitunz der Altersgrenze wird in dies:m Jahre nochmals bei den Bewerbern in Erwägung gezogen werden, die nachweislich durch den Heeresdienst in den Jahren 1914— 1918 in ihrer Berufsausbildung behindert waren. Die näheren Ausschreibungsbedingungen können von der Akademi: der Künste, Berlin W 8, Pariser Platz 4, bezogen werden. Ein prähistorischer Riesenelesanl. Schon vor längerer Zeit wurden bei Rochester in der englischen Gpafschaft Kent die Knochen- reste eines riesigen Elefanten, der Art„Blepbss aniiquas" gefunden, dessen Alter auf annähernd 100 000 Jahre geschätzt wird. Das Tier ist größer als ein Mammuth und übertrifit sogar das prähistorische, amerikanische Mastadon um mehrere Fuß. Leider fehlen einige Knochen des Skeletts, vorhanden sind 3 Beine, die Becken und das Rückgrat. Trotzdem ist das Skelett viel vollständiger als jedes andere bislang gefundene Exemplar dieser Riesenelefanten- gattung mit ibren geradegerichteten Stoßzäbncn. Das Skelett ist jetzt nach mühsamer Arbeit im naturwissenschastlichen South-Ken- sington-Museum in Landau ausgestellt worden. Für die Wissenschast ist der Fund von allergrößtein Wert. Die VIscatorbühn« im Theater am Nollendorfplatz hat.Heimweh« von Franz Jung und.H c n k e r s d i c n st' von ZUsred Walsen- fte in zur Uraufführung angenommen. Malhilde Serao, die bekannte italienische Romanschriststellerin und Journalistin, starb in Neapel wsolge Schlagansalls. versthanöelung ües Teufelssees. Eine merkwürdige„Erschließung". In diesen Tagen brachte ein Miitagsblatt unter der Ueberschrift„Erschließung des Teufelssees" ein« Mel- dung, die nur mit größter Verwunderung aufgenommen werden kann. Danach soll der Fiskus,„der Wochenendbewegung folgend", wie es schön, aber unzutreffend heißt, die Erlaubnis erteilt haben, mitten im tiefen Grunewald in einem als Freifläche und Dauerwald ausgewiesenen Gebiete, am idyllischen T e u f e l s s e e, einen Bau zu errichten, der es dem„waldhungrigen Großstädter" ermöglicht, in kürzester Zeit mitten Im Grünen zu sitzen und Wald und See zu genießen. Der geplante Neubau mit seiner Frontlänge von Sl) Meter, einem Saal, Gastraum und ausgerechnet mit W e i n- u n d Spielzimmer usw., mit breiter, langgestreckter, vor- geschobener Terrasse, soll am südlichen Ufer des Teufelssees errichtet werden. Durch die Höhenlage des Bauterrains wird man aus zahl- reichen Fensteraugen auf die Terrasse und über sie hinaus auf den See und in die Landschaft blicken." Hotclartigc Unterkunft für Wochenendgäste ist vorgesehen.„W ie in großen See- b ädern" wird man im Badeanzug zum Strand gehen und auf der eigenen großen Wiese sich sonnen können. Mit der Durchführung des Projektes soll bereits begonnen sein. Die Meldung klingt uns geradezu phantastisch. Was ist am Teufelssee zu„erschließe n"? Weil er einer der wenigen Erholungsstätten in der Peripherie Groh-Berlins ist, wird er seit Jahren gerade von den arbeitenden minderbemittelten Kreisen der Bevölkerung in ständig wachsendem Maße aufgesucht. üicr findet der Berliner Naturfreund nahe der 2<)-Psennigzone Wald, Sonne und Wasser, und er liebt dieses idyllische Fleckchen Erde eben deshalb, weil es schlicht und ursprünglich auf ihn wirkt und jede„Aufmachung" fehlt. Setzt man ihm aber jetzt mitten in die Stille der Notar hinein einen Riesenkasten mit „Betrieb" und allem sogenannten Komfort der Neuzeit, mit Jazzbands und A u t o g a r a g e, vor die Nase, so ist gerade dem einfachen Manne für sich und seine Familie der Teuselssee v e r< leidet. Denn das Gmndhotel aufzusuchen, gestatten ihm weder seine Mittel, noch liegt ihm daran. Das Projekt durch- führen, hieße nichts anderes, als eine billige Erholungs- Möglichkeit für jedermann zum Vorrecht von finanz- kräftigen Dielenbesuchern umzuwandeln und ein einzigartiges Natur- idyll zu vernichten. Mögen die Herrschaften mit dem dicken Porte- monnaie über das Wochenende ruhig weiter im eigenen Auto in eins der„großen Seebäder", nach'Heringsdorf, Zinnowitz oder Zoppot, fahren! Wald und Wiese am Teufelssee aber sollen den kleineren Portemonnaies vorbehalten bleiben. Giebt es nicht geschäftstüchtig« Unternehmungen mit allem Luxus für Berlin WW. schon zahlreich genug am W a n n s e e und an den H a v c l s e e n? Und weiß man denn zuständigenorts nicht, wie stark die Erholungs- Möglichkeit für den minderbemittelten Großstädter schon eingeschränkt ist durch die allzu unifangreichen Abholzungen»n Grunewald? Weiter aber ist die Frage auszuwerfen, wie— wenn die Mel- dung des Mittagsblattes totsächlich zutnfft— der Fiskus dazu lommt, rücksichtslos über den Kopf der Bevölke- rung und ihrer Vertretung hinweg in so lebens- wichtigen Fragen Beschlüsse zu fassen und Konzessionen zu erteilen. Wir wenigstens protestieren aufs schärfste gegen die Verschandelung des Teufels fees durch g c- schnftliche Spekulation, auch wenn sie sich unter lmn Schlagwort der Wochenendbewegung ein soziales Mäntelchen um- zuhängen versucht. Gegen öie roten Bürgermeister. Wo die„Deutsche Zeitung" hetzt— und wo nicht. Im Verwaltungsbezirk Prenzlauer Berg wurde vor jetzt sechs Monaten der Oberstadtinspektor Wachsmuth als ungetreuer Beamter ertappt. Damals richtete die„Deutsche Zeitung" gegen den sozialdemokratischen Bezirksbürgermeister Dr. Ostrowski eine Hetze gehässigster Art. Gerade dem raschen Zupacken unseres Genossen Ostrowski, der noch nicht lange das Amt des Bürgermeisters von Prenzlauer Berg hatte, war es zuzuschreiben, daß Wachsmuth' überführt wurde und schließlich seine Betrügereien eingestand. Aber das schwarzweißrote Blatt beschimpfte den roten Bürgermeister, wie wenn ihm die Verantwortung dafür zufiele, daß Wachsmuth die ihm anvertrauten Wohlfahrtsgelder unterschlagen und durch Aktenbeseitigung sein verbrecherisches Treiben verdeckt hatte. Wachsmuth war ein alter Beamter der Stadt Berlin, und mit den Unterschlagungen hatte er schon in der' Kriegs- zeit b e g o n n e n, als es in Berlin noch keine Verwaltungsbezirke und kein« roten Bürgermeister gab. Zum Schutz des jo angepöbelten Bezirksbürgermeifters Dr. Ostrowski ersuchte. Oberbürgermeister Döß die Staats- anwaltschaft, geg�tz den verantwortlichen Redakteur der„Deut- schen Zeitung" einzuschreiten, und sie erhob dann Anklagewcgen Beleidigung. Vor Gericht rettete der Angeklagte sich vor der ihm drohenden Bestrafung, indem er(wie schon am 2S. Juni im „Vorwärts" berichtet wurde) den Vorschlag des Richters, mit einer- bedauernden Zurücknahme der Beleidigungen die Sache wieder gut zu machen, gern annahm. Die danach inögliche Zurücknahme des Strafnntrages stand dem Oberbürgermeister zu, auf dessen Antrag die Staatsanwaltschaft gegen den Redakteur des wüst darauflos schimpsenden Blattes eingeschritten war. Wie wir erfahren, hat jetzt 0 b e r b ü r g e r in e i st e r B ö ß in Uebereinstimmung mit Bürgermeister Ostrowski die Beilegung der Sache durch Vergleich genehmigt und den Strafantrag zurückgenommen, so daß Einstellung des Verfahrens erfolgt ist. Inzwischen ist, wie gemeldet wurde, in einigen anderen Verwal- tungsbezirken Berlins entdeckt worden, daß dort gleichsalls Unterschlagungen vorgekommen si.id. Dabei hat man Gelegenheit gehabt, zu schen, daß die„D e u t s ch e Z e i t u n g" in ihrer Berichterstattung über solche Dinge„auch anders kann",'lieber jene Unterschlagung von Wvhlfahrtsgeldern im Verwaltungsbezirk Prenzlauer Berg brachte sie In großer Aufmachung einen langen Artikel, der mit starker Betonung hervorhob, wieder sei so etwas in einem Bezirk vorgekommen, der einen Sozialdemokraten zum Bürgermeister habe. Damit sei, fügte das Blatt hinzu,„doch wohl genügend bewiesen, daß in solcher Unlauterkeit Systein liegt". Solche Vorlommnisse seien, las man da weiter,„die notwendige Folge davon, daß roten Ehren- männern die Handhabung des Verwaltunasapparates überlassen ist". Dasselbe Blatt hat aber jetzt über die im Verwaltungsbezirk Charlottenbura aufgedeckte Unterschlagung von Steuergeldern den vom Nachrichtenamt der Stadt Berlin allen Zeitungen zugegangenen sachlichen Bericht in recht bescheidener Aus- machung und ohne Kommentar gebracht. Auch in einer zweiten Mitteilung über die Angelegenheit hat sie sich ganz sachlich geäußert und Hut mit keiner Silbe oersuckck, dem Bezirksamt oder dernÄBezirksbürgermeister die Verantwortung aufzubürden. Wie tonnt' sie sonst so tapfer schmälen, die brave„Deutsche Zeitung"! Aber bei dem Fall aus Charlottenburg, wo man keinen s0zialdemokratisck>en Bürgermeister hat, ist ihr bisher die Sprache weggeblieben. Hier konnte sie nicht von „roten Ehrenmännern" reden, weil ja� Charlottenburg von den Bürgerlichen unter starkem Anteil der Schwarzweißroten beherrscht wird. Die Hetze gegen den roten Bürgermeister Dr. Ostrowski hat mit einer Abbitte geendet. Die beleidigenden Aeußerungen des Schimpfartikels hat der angeklagte Redakteur mit Bedauern zurück- nehmen müssen. Lohnt es, sich mit solchen Gegnern vor Gericht herumzuschlagen? iladloerordnele Kenossio Dr. Nöte?ronkenltial spricht heule alend 19.» Uhr Im R u n t> s u» k über daS Thema:„Erholungssürsorzc für die : G rotzstadtlmder". Herlins modernster Hafen. Das Werk der Behala. Am l. August erlebt das Verliner Hafenschi ff ahrlswefen einen historischen Wendepunkt. Die Reedereien verlassen ihre über 50 tzahre benutzten Anlagen am Kronprinzenufer, am Friedrich-Karl- Ufer vnd am Humboldthafen, um für den Stückgutumschlag künstig die modernen Anlagen des West Hasens zu benutzen. Damit wird der Westhafen, der größte Berlins, mit seinen drei großen Becken zum Mittelpunkt des Schisfahrtsverkehrs. hafenbetrieb und Schiffahrt können von nun an planmäßig zu- fammenarbeiten. Inhaber des Westhafens, mit dessen Bau im Jahre 1914 be- gönnen wurde, ist die Behala(Berliner Hasen- und Lagerhaus- Aktiengesellschaft), die den Plänen des verstorbenen Stadtbaurates Friedrich Krause eine moderne und über die alten Entwürfe weit hinausgehende Vollendung gegeben hat. Bei der Schaffung der neuen Anlagen hat man sich ausschließlich von praktischen Ersah- rungen leiten lassen, so daß im Gegensatz zu anderen Häsen, für den Westhofen nicht die Gefahr besteht, daß er sich eines Tages als unwirtschaftlich erweisen wird. Es wird viel«her der Fall sein, daß nach der Erbauung des Mittellandkanals der West- Hasen einen weiteren wirtschaftlichen Aufschwung erleben wird. Das erscheint jetzt als sicher, wenn man einen Blick auf die Verkehrs- zahlen der Behala wirft, die ja nur einen Teil des gesamten Berliner Wasseroerkehrs bewältigt. Es ergibt sich eine o u st e i- gende Kurve, die von 820 933 Tonnen im Jahre 1923 zu 1S9163S Tonnen im Jahre ISA führt. Die Vertreter der Berliner Presse hotten Gelegenheit, die neuen Anlagen im West- Hafen zu besichtigen. Die wichtigsten von ihnen sind: ein drittes Hasenbecken, senkrechte Ufer am Spandauer Schisfahrtskanal, 9 Lagerschuppen. 11 Kräne, ein Garagenbau und die notwendigen Straßen und Gleise. Im ganzen verfügt der Westhasen über 5000 laufende Meter Kailängen, 7500 laufende Meter Gleise, 12 Hallen, einen Getreide- speicher für 30 000 Tonnen,«inen Zollspeicher für 25 000 Tonnen, cine große Kohlenverladeanlage, 30 Kräne und eine große Anzahl anderer Fördermittel. Die technische Leistungsfähigkeit des Hafens wird ergänzt durch feine Eigenschaft als Tarifstation der Reichsbahn und durch die Ausstattung mit einem Zollamt. Neben den Lagerhallen, die sich nach Form und Farbe dem archi- tcktonischen Gesamtbild des Westhafens gut einfügen, bestehen söge- nannte Freilager, die in gleicher Höhe mit den Ladeflächen der Fuhrwerke liegen. Alles in allem ergibt sich ein Bild, das etwas weniger bunt ist als die der alten Aerladepläge. Die Einrichtungen des West- Hafens, den die Behala mit einem Kostenaufwand von 7 Millionen Mark fertiggestellt hat, bedeuten aber eine wesent- liche Ersparnis von Kraft und Zeit, und darin liegt das Geheimnis seiner Lebenskraft, die dem heutigen Wirtschaftstempo standhalten wird. Verlegung des Stückgutumschlaghafens. Zum 1. August werden die auf den Berliner Wasserstraßen fahrenden Reedereien ihre Umschlagsbetriebe vom Humboldt-Hafen und dem Kronprinzenufer nach dem W e st h a f e n verlegen, indem für die Zwecke der Eilschiffahrt eine beträchtliche Anzahl neuer Einrichtungen geschaffen worden sind. Dieser Wechsel des Stückgutum- fchlags ist daraus zurückzuführen, daß die Hasen- und Ladeeinrich- tungen am Humboldt-Hafen und Kronprinzenuser veraltet sind und an beiden Plätzen keine Möglichkeit besteht, Schuppen zu erbauen, um die ankommenden Güter unter Dach und Fach zu bringen. Auch für die freiliegenden Güter sind die Laderayipn mit Rücksicht auf den steigenden Schifsahrtsverkehr zu klein geworden. Bei zunehmeii- den Wirtschajtsverkehr reichen auch die Hafenanlagen nicht mehr für die heutigen Bedürfnisse aus, es würde zu einer störenden Ueber- füllung kommen. Der Westhafen dagegen, der von der Berliner Hafen- und Ladehaus-Aktiengesellschaft verwaltet und betrieben wird, verfügt über die modernste Lade- und Speichereieinrichtun- gen, die jetzt erheblich erweitert und vervollständigt worden sind. Morügerüchte. Tie Mordkommisfione« zweimal alarmiert. Nach zwei verschiedenen Stellen Berlins wurden gestern in den späten Abendstunden die beiden Reservemordkommissionen der Kri- minalpolizei gerufen. Es stellte sich in beiden Fällen heraus, daß ein Verbrechen nicht vorlag. Das erste Mordgerücht tauchte in Buch auf. Dort wurde kuxz nach Feierabend in der Nähe der Schönerlinder Chaussee an einer hohen Kiefer ein Mann erhängt aufgefunden. Die eigentümlichen Begleitumstände ließen den Verdacht auftauchen, daß er von dritter Hand getötet worden sei. Es stellte sich aber bald heraus, daß der Unbekannte seinem Leben selb st ein Ende gemacht hatte. Mit einer etwa VA Meter langen Leine aus- gerüstet, war er 5 Meter hoch den Baum hinaufgestiegen, hatte die Schnur befestigt, und war dann wieder auf einen 2 Meter tiefer ge- legenen Ast herabgestiegen. Wie die Spuren an der Baumrinde deutlich zeigen, hatte er sich hier niedergesetzt, sich die Schlinge um den Hals gelegt und seine Hände selbst gefesselt, um jeden eigenen Rettungsversuch unmöglich zu machen. Dann erst hatte � er den Todeesprung in die Tiefe getan. Die Leiche wurde in die Halle des Kinderheime in Buch qebvacht. Der noch unbekannte Tote ist etwa 45 Jahre alt, 1,75 Meter groß, hat dunkles, grauaemischtes Haar und trug einen braunen Iackettanzug, ein weißes Hemd mit blaukariertem Einsatz, graublau geringelte Strümpfe und schwarz« Schnürstiefel. Einige Stunden später wnrde die Kriminalpolizei nach dem Westen der Stadt, nach der R a n k e st r a ß e, gerufen. Hier betrieb im Hause Nr. 32 der 51 Jahre alte Weinhändler Fritz P e l z e r aus Köln ein offenes Ladengeschäft, an dos sich eine Wohnung an- schließt. Pelze r war Junggeselle und wollte sich demnächst ver- heiraten Um 7 Uhr hatte» Nachbarn ihn noch vor der Tür stehen sehen. Später fand man ihn im Schlafzimmer tot auf dem Fuß- boden daliegen. Ein herbeigeholter Arzt tonnte die Todesursache nicht mit Sicherheit feststellen und glaubte, am Halse Würgemole zu erkennen. Der Gerichtsarzt, Prof. Fraenkel, der die Leiche unter- suchte, konnte aber keine Spuren äußerer Gewalt erkennen. Es wurde aber ermittelt, daß Pelzer sich einer gewaltsamen Ekttfcttungskur unterzogen und so sein Herz sehr geschwächt hatte. Gesten, abend hatte er sich aus feinen Vorräten eine Flasche alten Kognak heraufgeholt und einige Glas davon getrunken. Die Einwirkung des starken Alkohols mag zu einem H e r z s ch la g gc- führt haben. Die Leiche, die in das Charlottenburger Schauhau» gebracht wurde, wird dort obduziert werden. Im Wahnsinn. Ein aufregender Vorfall spielte sich heute vormittag gegen 149 Uhr in dem Hause Bergstraße 7 zu Mariendorf ab. ilnter seltsamen Umständen versuchte der 49jährige Maschinenführer R. aus dem Leben zu scheiden, kfldem er zunächst drohte, alles kurz und klein zu schlagen. Als Frau R. nach einer kurzen Besorgung wieder in die Wohnung zurückkehren wollte, fand sie keinen Einlaß. Die Wohnungstür war von innen verrammelt. Auf dem Treppenflur mochte sich starker Brandgeruch bemerkbor. Die Marien- dorfer Feuerwehr wurde alarmiert. Sie verschaffte sich gewaltsam Einlaß in die Wohnung. Den Beamten bot sich ein trauriger An- blick. Die ganz« Wohnungseinrichtung war demoliert. Sämtlich« Möbel waren mit einer Axt zertrümmert worden, und aus dem Schlafzimmer drangen' dichte Qualmwolken hervor. Die Beamten dranger» in das brennende Zimmer ein und sairden R. mit durchschnittener Kehle in einer großen Blut- lache am Erdboden liegend auf. Neben ihm lag ein Rasiermesser, das er zur Ausübung der Tat benutzt hatte. Der Selbstmörder wurde durch die Feuerwehr in hosfnungslosem Zustande in das Swndortlazarett in Tempelhof geschafft. Das Feuer, das die Zimmereinrichtung ergriffen hatte, konnte nach kurzer Zeit gelöscht werden. Man vermutet, daß ein plötzlich ausgebrochener Wahnsinns- anfall R. zu seiner Tat veranlaßt hat. ..* Zu der Zrrsinnslal des Kindermädchens vora Kahnerk erfahren wir, daß die Kranke im vorigen Jahre schon in einer Heil- a n st a l t behandelt und im November als gebessert entlassen war- den sein soll. Vorläufig ist es unmöglich, das Mädchen zu ver- nehmen, da es ganz voni seinen religiösen Wahnvorstel- l u n g e n erfüllt ist und keine vernünftige Antwort gibt. Sie be- hauptet z. B., sie habe den„Teufeln" da« kleine Mädchen fort- genommen, diese hätten es aber immer wieder in die Badewanne gelegt, bis es ertrunken war. Ein Reichsbannersportler als Retter. Am Sonntaynachmittag nach 6 Uhr kenterte aus dem K r ü p e l- s e e infolge eines heftigen Windstoßes, ein von zwei Personen — einem Herrn und einer Dame— besetztes Paddelboot, das Segel gesetzt hatte. Das dein Rsichsbannerkamerade» Kurt Burflan gehörige Motorboot„Hella" hatte das Paddelboot etwa 500 Meter üderholti zurückschauend bemerkte der Führer aber das Unglücksboot und eilte den mit den Wellen Kämpfenden zu Hilfe. Es gelang auch, beide Personen m das Motorboot zu holen; die Dame, des Schwimmens unkundig, hatte sich am Segel fest. geklanimert, war aber dem Versinken nahe. Zwei hinzukommende Ruderboote halfen die im Wasser schwimmenden Utensilien und Kleidungsstücke bergen. Das Paddelboot wurde in Schlepptau ge- nommen und so alles in Sicherheit gebracht. Bemerkenswert war, daß am Ufer etwa zwölf Segel- bzw. Ruderboote lagen, deren Besitzer ollem Anschein nach die mit den Wellen Kämpfenden be- obachteten, sich aber sonst völlig passiv verhielten. Sonniges Wetter für einige Tage. Nachdem gestern bereits das böige Wetter der letzten Tage eine rasche Aufheiterung erfuhr, ist heute die Temperatur erheblich ge- stiegen. Nach Abzug der Druckströmungen ist heute und morgen sicher, übermorgen vielleicht auch noch, mit heiterem sonnigem Wetter zu rechnen. Auch die Druckauslösungcn über den Ozean werden an ihrer Wsiterwanderung nach Westeuropa aufgehalten, aber Druckanstiege sind im allgemeinen nicht von langer Dauer. Das Regengebiet ist nach Osten auf Rußland zu weiter- gewandert. Am Ende der Woche ist leider, so teilt die Wetterdienststelle noch mit, wieder mit schlechtem Wetter zu rechnen. Seit dem 9. Mai haben wir noch keinen regenfreien Sonntag gehabt und sollen ihn auch vorläufig nicht bekommen. 24-Stundenzeit beider preußischen Verwaltung. Wie der Amtliche Preußische Pvessedienst einem zugleich im Namen des Ministerpräsidenten und sämtlicher Staatsminister er- gangenen Runderlaß des Ministers des Innern an die nachgeordneten Behörden aller Zweige der preußischen Staatsverwaltung entnimmt, hat das preußssche Staatsministerium beschlossen, für die gesamte Staatsverwaltung die 24-Stundenzählung einzu- führen. Hiernach soll in Zukunft auch im dienstlichen Verkehr verfahren werden. Wo besondere Verhältnisse dafür sprechen, neben der 24-Stundenzählung zur Erläuterung einstweilen die bisherige Zählung in Klammern beizufügen, so soll hiergegen nichts eingewandt werde». Einheitskurzschrift beim Polizeipräsidium Berlin. Vom Einheitskurzschriftverein beim Polizeipräsidium Berlin wird uns geschrieben: „Gegenüber der in der Oeffentlichkeit von bestimmter Seite un- ausgesetzt verbreiteten Behauptung, daß die deutsche Einheitskurz- schrist den Ansordcrungen an eine zeitgemäße Stenographie nicht ent- spreche, stellt der Cinheitskurzschristoerein beim Po» lizeipräsidium Berlin auf Grund der umfangreichen Unlerrichtserteilung und praktischen Erprobung einmütig fest, daß die Einheitskurzschrift sich als leicht faßlich. deutlich und in höchsten! Grade l c i ft u n g s f ä h i g erwiesen hat und den älteren Systemen in keiner Weise nachsteht. Beim Polizei- Präsidium Berlin sind von dein Obersekretär Krause, der gleich- zeitig geprüfter Kurzschristlehrer ist, innerhalb eines Jahres über 1000 Beamte und Angestellte in der Einheitskurzschrift mit guten Erfolgen ausgebildet worden. Der obengenannte Einheitsturzschriftverein richtet darum an die Regierungen des Reiches und der Länder die dringende Bitte, die Einheitskurzschrift in Schule und Verwaltung restlos durchzuführen und alle auf eine Asnderung der Einheitskurzschrift abzielenden Bestrebungen zurückzuweisen. Die Erdbeben in Steiermark. Graz, 26. Juli(WTB.). Die gestrigen Erdstöße wurd«n auch in ganz Steiermark verspürt. In Falenz stürzten Schornsteine ein, einzelne Häuser bekamen Risse; im Postgebäude Auseewiesen stürzte die halbe Decke ein. In Maria Zell flüchteten Ein- heimische und Hotelgäste auf die Straße, da sie weitere Erdstöße befürchteten- Besonders stark wurde das Erdbeben In, Nuerztol wahrgenommen. Das jeisrnagraphische Institut der Grazer Universität meldet, daß der Seismograph beim ersten Stoß aus den Lagern sprang. An den Gräbern der Weltkriegsopferi Eine große Anzahl repu- blikanischer Verbände forderte zur 13. Wiederkehr des Kriegs- beginns zu einer Kundgebung gegen, den Kriegs- w a h n s i n n aus.„Am Jahrestag des fluchwürdigen Ver- brechen?," so heißt ce in der Vorankündigung,„das an der Menschheit In den Jahren 1914 bis 1918 von den Militaristen ver- übt wurde, rufen wir alle Kämpfer gegen den Krieg auf. Wir wollen an den Gräben, der Opfer des Weltkrieges das Gelöbnis erneuern, mit aller Kraft dem Frieden zu dienen und den Nachkriegsmilitarismus, wo er sich auch zeigt, zunächst im eigenen Lande rücksichtlos zu bekämpfe n." Am Sonntag. dein 31. Juli, legen die Organisationen an den Gräbern der deut- schen und ehemals„feindlichen" Soldaten aus dem Garnison- friedhof Hasenheide Kränze nieder. Treffpunkt ist 10,30 Uhr am Kaiser-Friedrich-Platz, Ecke Lehniner Straße (Untergrundbahnhof H a s e n h e i d e). Es sprechen u. a. Pfarrer Bleier, Pastor Francke und Polizeioberst a. D. Schützinger. Finanzwesen der ADGB.- Verbände. wurde durch Zuruf wiebergewahrt. Sn Kelner Schlußreds betonte Green den ehrlichen Willen der Bereinigten Staaten, mit sämtlichen Republiken Lateinamerifas in Freundschaft zu leben. Der Kongreß zeigte trog der von gewissen Südamerikanern an den Tag gelegten Mißftimmung, daß man den nordamerikanischen mit Rußland als richtig anerkennt. 4 Einnahmen 148,1 Millionen, Ausgaben 135,5 Millionen Mark im Jahre 1926. Standpunkt der Ablehnung einer Zusammenarbeit Die Finanzgebarung der dem Allgemeinen Deutschen Gewert Unterstützungen gegen 26,26 M. im Vorjahre, und auf jedes schaftsbund angeschlossenen Verbände im Jahre 1926 wird durch Mitglied tamen im Durchschnitt 9,96 m. Arbeitsdie ungemein hohen Unterstügungsausgaben lofenunterstügung, während dieser Pro- Kopf- Betrag im charakterisiert. Ganz besonders große Ansprüche hat die Unter| Vorjahre mur 3,32 m. ausmachte. Diese Zahien kennzeichnen zur stügung der Arbeitslosen an die Rassen der Verbände Genüge die schwere finanzielle Belastung der Verbände durch die gestellt. Dieser dadurch stark erhöhten Mehrausgabe steht nur eine Krise. geringe Steigerung der Einnahmen gegenüber. Zwar sind in der Höhe der Beitragsfestlegungen gegen das Vorjahr erfreuliche Fortschritte festzustellen, jedoch zogen fie feine Mehr einnahmen an Verbandsbeiträgen im gleichen Ausmaß nach sich, da die starke Beschäftigungslosigkeit die wirkliche Beitragsleistung fehr ungünstig beeinflußte. Die an der Statistik beteiligten Verbände verzeichnen 1926 eine Gesamteinnahme von 148 139 716 M. Davon kommen auf Beitragsleistungen 137 638 607 m. und 10 501 109 m. auf andere Einnahmequellen. Die Einnahmen an Verbandsbeiträgen erhöhten sich von 109 214 010 m. auf 116 942 931 M., während die an Lotalbeiträgen von 20 477 323 m. auf 18 593 697 M. zurückgingen. An Extrabeiträgen tamen nur 2101 979 m. gegen 6 565 307 m. im Vorjahre ein. Auch die sonstigen Einnahmen und die Eintrittsgelder ergeben gegen das Vorjahr geringere Beträge, so daß trotz der 7 728 921 M. höheren Einnahmen an Verbandsbeiträgen gegen 1925 nur eine Mehreinnahme von 643 015 m. verbleibt. Von der Einnahme an Beiträgen tamen im Durchschnitt auf jedes Mitglied 1926: 34,62 m. und 1925: 32,78 m. Die Gesamtausgabe betrug 135 529 991 m.( 1925: 125 874 093 m.). Hervon wurden für Unterstützungen 62 064 263 m. verausgabt. Auf die Unterstützung der Arbeitslosen tamen allein 39 607 609 m. Von je 100 m. Ausgabe entfielen 45,79 m. auf Versammlung der Lebensmittel- und Getränkearbeiter Bereinbarung über die Verschmelzung. Montag abend wurde die bereits zweimal vertagte Mitglieder versammlung der Berliner Lebensmittel und Getränkearbeiter im Gewerkschaftshaus fortgesetzt. Auf Beschluß der Versammlung werden entsprechend einer von der erweiterten Ortsverwaltung und der Vertrauensmännerversammlung mit der Oppofition" ge troffenen Vereinbarung für Berlin ein Angestellter und je zwei Befürworter und Gegner der Verschmelzung zum Verbandstag delegiert. Es find ferner fünf Erfahleute vorgesehen. Hodapp vertrat noch einmal feinen ablehnen den Standpunkt in der Frage der Verschmelzung, wie sie geplant fei. Er fönne nur eine Verschmelzung mit dem Verband der Böttcher befürworten. Diese Ansicht teile ein großer Teil der Mitglieder. Der Redner führte weiter aus, daß der Haupt vor st and nach einem Beschluß des Verbandstages in Augsburg vers pflichtet gewesen wäre, über die Frage der Verschmelzung nach dem Vorliegen des Statutenentwurfs eine Urabstimmung herbeizuführen. Danach famen Befürworter und Gegner der Verschmelzung zu Wort. Der Statutenentwurf für den neuen Verband wurde allgemein bemängelt. Zu dem Entwurf wurden eine Anzahl Abänderungsanträge angenommen. Zunächst ein kommunistischer Antrag, wonach zwei Broz. des Bruttowochen perdienstes jedes Mitgliedes als Verbandsbeitrag gezahlt werden follen. Ebenfalls angenommen wurden die Anträge des Genossen Hodapp, in denen die Vertretung der Mitglieder auf allen Gebieten des Arbeitsrechts und die Finanzierung von Agitationen und Lohnbe megungen wie bisher durch die Hauptkasse gefordert werden. Die Kommunisten hatten nicht weniger als 48 Anträge formuliert, die sie aber erst in der Versammlung einreichten, da nach den eigenen Worten eines Kommunisten sein Gesinnungsfreund die Anträge drei Wochen lang für sich behalten und nicht der Verwaltung zugestellt habe. Es wurde beschlossen, diese Anträge dem Hauptvorstand zur Veröffentlichung in der Verbandszeitung zu überweisen. Zum Schluß brachten die Kommunisten die jetzt übliche Reso lution ein, daß am 4. August alle Arbeiterorganisationen gegen die imperialistische Kriegsbedrohung Sowjetrußlands demonstrieren. Sodapp ließ über diese rein parteipolitische Resolution nicht abstimmen, worauf die Kommunisten unter wüstem Lärm nach Schluß der Bersammlung gewaltsam eine Abstimmung herbeizuführen suchten. Nationale und internationale Schmutkonkurrenz. Ein wichtiges Reichsgerichtsurteil. Eine Pleite internationaler Schmugtonturrenz auf Kosten der Arbeiter brachte der Ausgang des Kampfes um den Bau der Rotterdamer Maasbrüde. Im Wettbewerb um diesen Bau hatte eine deutsche Firma ein billigeres Angebot gemacht. Trotzdem wurde der Brückenbau nunmehr endgültig an Union- Freund in Auftrag gegeben. Um die Arbeit der einheimischen Industrie zu erhalten, war, wie das Organ des Niederländi schen Gewerkschaftsbundes De Strijd" feststellt, ein Reichs. zufchuß notwendig. Vom Arbeitsstandpuntt aus, betont das Blatt, müsse diese Maßnahme begrüßt werden; es sei für die niederländische Arbeiterklasse von Bedeutung, wenn die Regierung diefen Weg beschreitat, da die deutschen Arbeiter länger und zu niedrigeren Löhnen als die niederländischen arbeiteten. Die Regierung müsse in solchen Fällen immer zur Unterstüßung bereit sein, bis es der deutschen Arbeiterbewegung geglückt sei, die Löhne auf den niederländischen Stand zu bringen. Es handle fich hier nicht um den Schuh einer technisch rückständigen Industrie, sondern um die soziale Lage der arbeitenden Klasse. Im vorliegen den Fall habe es für Niederland nur die Alternative gegeben, Komische Oper 81 Uhr: 8 Uhr: Berlins einzigste Revue: Streng verboten!!! Die Revue der verbotenen Leidenschaften! Ueber 200 Mitwirk. 8 Balletts. Vorverkauf a. d. Theaterkasse ab 10 Uhr ununterbr Concordia- Palast, Andreasstraße 64 Vom 26. bis 28. Juli 1927 Das Rätsel des Borobudur Außerd.: Menschen in Leidenschaft Neukölln, Passage- Lichtspiele, Bergstr.151/ 52 Vom 26. bis 28. Juli 1927 Primanerliebe Ferner: Bühnenschau Schwarzer Adler, Frankfurter Allee 99 Vom 26. bis 28. Juli 1927 Aus den Geheimakten der Sitten- Polizei mit Bruno Kastner Ferner: Bühnenschau Viktoria- Lichtbildtheater Frankfurter Allee 48 Vom 26. bis 28 Juli 1927 Tom Mix in: Der Kampf im Pulverturm Ferner: Die Hos'chen des Fräulein Annette Ferner: Bühnenschau Schlafzimmer 470,-M. Speisezimmer 210, Herrenzimmer 285, Wohnzimmer.275, Anrichteküchen 110, Schreibtische Ankleideschränke 15, Standuhren* 95, Auf Teilzahlung 95, Möbelhaus Kuntoff Neukölln, Prinz- Handjerystr. 2 Auch die Notfallunterstühung erhöhte sich wesentlich, und zwar von 1084 564 m. auf 2 338 995 m. Die übrigen Unterstüßungsausgaben veränderten sich nicht erheblich. Außer den bereits erwähnten Unterstützungen wurden 1926 noch verausgabt: für Reiseunterstützung 589 798 m., Umzugsunterstützung 152 655 M., Krankenunterstützung 14 758 596 M., Invalidenunterftügung 1 363 257 M., Sterbefallunterstügung 2 197 759 M., sonstige Unterstügungen 501 151 M. und für Rechtsschutz 554 443 M. Alle diese Unterstützungen bedingten zusammen gegen 1925 eine Mehrausgabe von 1973 787 m. Die größeren Summen für Unterstügungen fonnten zum Teil durch eine ftarte Minderausgabe für Lohnbewegungen, Streits und Aussperrungen gedeckt werden. Das Krisenjahr 1926 war der Führung wirtschaftlicher Kämpfe nicht günstig, die an Zahl und Umfang hinter denen, die im Vorjahre stattfanden, ungemein ſtart zurückstanden. 1926 verursachten die wirtschaftlichen Rämpfe nach der Verbandsstatistik eine Ausgabe von 6 100 760 m. gegen 29 656 960 M. im Vorjahre. Die Ausgabe für Verbandsorgane und Bildungs: 8 we de betrug 7116 318 M., hiervon famen 4879 573 m. auf Verbandsorgane. Für Agitation, Konferenzen, Verbindungen usw. wurden 21 653 042 M. und für alle Verwaltungszweige zusammen 38 595 608 Mart verausgabt. Die anteiligen Beträge dieser Kosten an den Gesamtausgaben änderten sich gegen das Vorjahr nur unI wesentlich. entweder vergrößerte Arbeitslosigkeit und Verschlechterung der Arbeitsbedingungen oder staatlicher Schuß, wobei die Gewerkschaftsbewegung ohne jeden Vorbehalt den staatlichen Schutz wählte. nalen Grenzen auf Kosten der Arbeiterschaft Schmuh Wie international, so wird auch innerhalb der natio furzem das Reichsgericht ein bedeutsames Urteil gefällt. Der fonfurrenz getrieben. Gegen diese Schmugfonkurrenz hat vor Inhaber eines privaten Berliner Wach und Schließfäße des Tarifvertrages nicht ein und schlug dadurch die Konkur institutes hielt die für allgemeinverbindlich erklärten Minimalrenten aus dem Felde. Er wurde zur Unterlassung der geringeren Entlohnung verurteilt, und gegenüber seinen Konkurrenten für schadenersaßpflichtig erklärt. Die Begründung des Urteils sieht in bem Vorgehen des Verurteilten einen Verstoß gegen die guten Sitten. Dieser Verstoß liegt nach der Auffassung des Gerichts darin, daß der Verklagte den Tarifvertrag nur darum nicht einhält, um die gesegestreuen Wettbewerber unterbieten zu fönnen. Unhaltbare Mißstände bei der Firma Regenberg. Bei der Firma Regenberg, Fuhrgeschäft Lichtenberg, Ber bindungsweg 3-5, herrschen unglaubliche Mißstände. Troßdem dort zurzeit 24 Arbeiter beschäftigt find, besteht fein Betriebsrat. Bis vor kurzem konnte die Gewerkschaft in dem Betrieb nicht Fuß faffen. Auf Veranlassung des Berkehrsbundes fand in letzter Beit eine Betriebsversammlung statt, die den Boden für den gewerkschaftlichen Zusammenschluß der dort Befchäftigten vorbereitete, um die Mißstände zu beseitigen. Obwohl die Arbeiter zurzeit 14 bis 16 Stunden täglich befchäftigt werden(!!), bezahlt ihnen die Firma nur 8 Stunden. Trotz der im Tarif vorgesehenen Bezahlung der Feiertage werden diese nicht vergütet. Desgleichen wird für Ueberstunden teine Entschädigung gewährt. Das Unternehmen erzielt ungeheure Verdienste, gibt den Arbeitern aber bei der Lohnzahlung immer nur Abschlagzahlungen. An diesen unhaltbaren 3uständen haben die Arbeiter jedoch selbst mit schuld. Wenn sie restlos gewerkschaftlich organisiert wären, würden solche Zustände erst gar nicht ein geriffen sein oder wären schon längst beseitigt. Es gilt daher für die Arbeiter der Firma Regenberg, das Versäumte um gehend nachzuholen und durch die Gewerkschaft ihre gefeßlichen und tariflichen Rechte zu wahren. 6500 Hüttenarbeiter ausgesperrt. Neunkirchen( Saar), 25. Juli.( Mtb.) Wegen Lohndifferenzen haben am Sonnabend nachmittag die Hütten- und Kotereiarbeiter der Neunkircher Hütte die Arbeit niedergelegt. Die Generaldirektion fündigte daraufhin, einer Mitteilung der„ Boltsftimme zufolge, die Aussperrung der insgesamt 6500" Mann umfassenden Belegschaft an. Wie wir hören, wird sich der Schlichtungsausschuß heute mit der Angelegenheit beschäftigen.( Es handelt sich in dem Konflikt darum, die im Mai vorgenommene zehnprozentige Lohnreduzierung rüd. gängig zu machen. D. Red.) Der panamerikanische Gewerkschaftskongreß beendet. Washington, 25. Juli.( WTB.) Nachdem sich die Erregung einiger Delegierter über das energische Vorgehen der Vereinigten Staaten in Nicaragua in entsprechenden Resolutionen Luft gemacht hatte, endete der panamerikanische Arbeiterkongreß gestern friedlich auf der gemeinsamen Basis der Verurteilung der Dritten Internationale, der in einer Entschließung die Schuld an den ständigen Unruhen in Mexiko zugeschrieben wurde. Präsibent Green, der Leiter der American Federation of Labour, der während der Tagung ständig zur Mäßigung mahnen und die Vereinigten Staaten gegen Angriffe hatte verteidigen müssen, erwarb sich durch sein besonnenes Auftreten allgemeine Achtung. Er FASAN EINHEITSPREISE Marke Fasan.. Mk. 12.50 Marke Silberfasan Mk. 16.50 Marke Goldfasan Mk. 19.50 Fasan- Schuhe gelten unter Kennern als die preiswürdigsten Erzeugnisse der gesamten Schuhindustrie. Verkaufsstellen; Ecke Berlin O, Warschauer Str. 31, Revaler Straße Berlin- Schöneberg, Hauptstraße 20 Gehaltskonflikt bei der Warschauer Handelsbank. Warschau, 25. Juli.( TU.) Unter den Angestellten der Warschauer Handelsbank droht wegen der zu niedrigen Gehälter ein Streit auszubrechen. Die Angestellten haben eine Lohnerhöhung von 40 Broz. verlangt, die bisher nicht bewilligt wurde. Der Angestelltenverband beabsichtigt deshalb, einen Streit zu proklamieren. in Nr. 346 des„ Borwärts" hat sich ein sinnentstellender DrudIn dem Artikel„ Bertrauensmännerwahlen bei der Reichsbahn" Am 1. August findet die Neuwahl der fehler eingeschlichen. Vertrauensmänner der Schwerbeschädigten( nicht gleichzeitig noch ergänzend, daß es sich bei dieser Wahl nur um den der Sachverständigen) im Reichsbahnbetrieb statt. Wir bemerken Reichsbahndirektionsbezirk Berlin handelt. Wirtschaft Der Landwirtschaft geht's gut. Ein weiterer Beweis. Die Höhe der Preise ist für die Landwirtschaft fast wichtiger als die Größe der Ernte. Das haben wir vor wenigen Tagen noch zahlenmäßig festgestellt. Wir fanden, daß der Durchschnittspreis gegenüber dem vorhergehenden Wirtschaftsjahre höher lag um 71 M. die Tonne bei Roggen, um 27 M. die Tonne bei Weizen, um 30 m. die Tonne bei Gerste und um 27 M. die Tonne bei Hafer. Trotz der fleinen Ernte waren im ganzen die Einnahmen größer als in dem besseren Erntejahr 1925/26. Ein weiterer, sehr beachtenswerter Beweis fann erbracht werden, wenn man die in Deutschland für das Wirtschaftsjahr Hafer in Vergleich stellt zu den durchschnittspreisen, wie 1926/27 errechneten Durchschnittspreise für Roggen, Weizen und sie sich aus den Notierungen des Getreidemarktes in Chikago und dem in Posen errechnen lassen. Wir haben der Errechnung dieser Durchschnittspreise ebenfalls den 1. September, 1. Oktober, 1. Dezember 1926 und 1. Februar und 1. April 1927 als Stichtage zugrunde gelegt. Es ergibt sich folgendes Bild: Durchschnittspreise im Wirtschaftsjahr 1926/27 pro Zonne Roggen Weizen Hafer 228,- 266,- 183, 165,- 211, 155, in Berlin „ Chikago " Posen 124, Das Bild spricht in stärkstem Maße zugunsten Deutschlands. Es zeigt, daß Deutschland mit seinen Durchschnittspreisen für Getreide im Wirtschaftsjahr 1926/27 gegenüber den beiden Getreideerzeugungsländern, Amerika und Polen, durchaus führend ist. Der Roggen wurde höher notiert: gegenüber Chikago um 63 M. die Tonne, gegenüber Posen um 73 M. die Tonne. Der Weizen wurde gegenüber Chitago um 55 M., der Hafer um 59 M. die Tonne höher notiert. Die Durchschnittsnotierungen für Weizen und Hafer in Bosen konnten nicht errechnet werden, weil die Unterlagen fehlen. Daß fie aber ebenfalls zugunsten Deutschlands sprechen, beweisen die Durchschnittsnotierungen, wie sie im Heft Nr. 12 von Wirtschaft und Statistik" vom Markt in Posen für Gerste und Hafer im April 1927 registriert werden: Gerste per Tonne 173,80 m.( Deutschland im April 218 M.), Hafer per Tonne 168 M.( Deutschland Mitte April 211 M.). " Diefe Tatsachen sind um so erwähnenswerter, als uns unzählige Fälle bekannt sind, wo die Landwirte Deutschlands kleine Höhernotierungen in Bosen und Chikago sofort benutzten, um von der fatastrophalen Lage der deutschen Landwirtschaft zu sprechen. Was damals als Beweis ausgespielt wurde, muß auch heute als beweisträftig angesehen werden. Deutschland geht mit den Getreidepreisen in der Welt voran! Wieder ein Grund, behaupten zu können, daß die landwirtschaftlichen Unternehmer feinen Grund zur Klage haben. Die städtischen Kreditgenossenschaften, die insbesondere den Kaufleuten und Handwerkern dienen, haben nach den letzten Veröffentlichungen bis zum 30. April 1927 starte Zugänge der Spareinlagen und fremden Gelder zu verzeichnen. Bei 991 von rund 1300 angeschlossenen Genossenschaftsbanken betrugen nach den Mitteilungen des Deutschen Genossenschaftsverbandes die fremden Gelder am Durchschnittsziffer für sämtliche 1300 Kreditgenossenschaften einen 30. April 1927 rund 690 Millionen Mart, so daß man auch dieser Bestand von rund 900 Millionen Mart annehmen kann. Die eigentlichen Spareinlagen betragen 426, die Einlagen auf laufendes Konto 264 Millionen Mark. Man fann annehmen, daß bei jämtlichen städtischen Kreditgenossenschaften heute die älfte des Bortriegsbestandes an fremden Geldern wieder erreicht ist. Neue Auslandsanleihen. Auch die Stadt Dresden hat jetzt 12 Milltonen Mart in London als 25jährige 5½ prozentige Anleihe zum Auszahlungsfurs von 87 Proz. sich gesichert. Zur Durchführung eingeleiteter Wohnungsneubauten hat ferner die Dollaranleihe abgeschlossen, deren Erlös an zehn öffentliche Realkreditinstitute für erste Hypotheken weitergegeben werden wird. Die Auszahlung der Darlehen an die letzten Geldnehmer erfolgt zu einem Kurse von 90 Prozent, so daß einschließlich des jährlichen Verwaltungszuschlages von ½ Proz. insgesamt eine 3ins belastung von rund 71% Pro 3. eintreten wird. Deutsche Landesbantzentrale in New York eine 5- MillionenBerantwortlich für Politit: Bictor Schiff; Wirtschaft: G. Klingelhöfer; Gewerkschaftsbewegung: D. Schindler; Feuilleton: Dr. John Schitowski, Lotales und Sonstiges: Friz Karstädt; Anzeigen: Th. Glode; fämtlich in Berlin. und Berlagsanstalt Baul Ginger u Co, Berlin SW 68, Lindenstraße 3. Berlag: Vorwärts- Berlag G. m. b. S., Berlin. Drud: Vorwärts- Buchdruderet Le& Bücher: Wissen, Madyt gibt J. H. W. Dietz Nachfl., G.m.b.H. Lindenstraße 2. Auf Teilzahlung Herren Garderobe Kleine Bequeme Anzahlung!* Abzahlung! 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