flbeaSaosgabe Nr. 351 ♦ 44. Jahrgang Ausgabe B Nr. 173 Bezugzbtdlnsunqe» und«nztiqrnprtlk sind in d«r Movgen<>u»gü> schreibe siebzig Groschen täglich beziehen(42 Ps.) für die An» schaffung von Bedarfsgegenständen, Zigaretten, Kostzubußen und dergleichen mehr), haben sich von ihren kümmerlichen Er- spornt ssen«in paar Groschen oder Schilling abgeknapst, um sie als kleine aber vielsagende Gabe in die Hände der Berwundeten und Hinterbliebenen zu legen. Aus Beiträgen von 30 Groschen aus- wärt? bis zur Höchfispend« von 3 Schilling(3 Mark) hat sich ge- meinsam mit den Spenden der Krankenpflegerinnen, Spitals- angestellten und einigen Kriegerwitwen, die Summe von 10 3 Schilling(62,80 Mark) ergeben, die der Gemeinde Wien zur zweckmäßigen Verwendung für die unglücklichen Opfer zur Ver- sügung gestellt wurde. (döe an einen Reichskanzler. Erster Mann im Deutschen Reiche Wird durch seine Pflaumenweiche Ein geklärtes Temp'rament, Das mit Recht man maßvoll nennt. Trachtest Du, durch selbstbewußten Eiser stärker zu verkrusten,— Trage Sorgfalt, daß indes Der oerhärtende Prozeß Auf die Glieder und G?lenke, Welche linksseits, sich beschränk«. Rechterseits durch Schmer und Saft Bleib« stets molluskenhaft! So— halb Butterkrebs, halb Panz«r— Manövrierst Du als ein ganzer Staatsmann ohne Hindernis Zwischen Tat und Kompromiß. Lrnks schützt Dich die rauhe Schale Gegen alles Radikale. Dein« Rechte, wohl erweicht, Macht dort jeden Anschluß leicht. Links sieht als unnahbar Schroffen, Rechts man Dich der Liebe offen. Rechts steckst jeden Tritt Du ein, Links tritt Dein gepanzert Bein. Leitest Du die rechten Tritte Links ab, heißt Du„Mann der Mitte". Wenn man diesen Typ beschaut, Scheint er einem altvertraut. In der Zeit des fortgerannten Herrschers alle wir ihn kannten. Nur hieß das im alten Staat: Wirklicher Geheimer Rat. Mich, von Lindenhecken. Wisder ein jüdisches Milieustück. Das ziemlich vergilbte Lustspiel ,L i l y G r ü n" des Ungarn Enterich F ö l d« s ist sozusagen ein ins Jüdische übersetzter „Mein Leopold" oder ein„Jettchcn Gebert" mit glücklichem Aus- gang. Die Bühnenfiguren sind durch di« Bank grundehrliche, vor Rechlfchassenheit überquellende Menschen. Sogar die Ehever- Mittlerin, die Lily Grün den Mann fürs Leben besorgt, ist eine höchst achtbare Person. Selbstverständlich hat sich Lily einen ganz anderen Mann in ihr Köpfchen gesetzt als den kleinen Tuchreifenden Ladislaus, der die Heirat perfektuiercn möchte und überhaupt alles vom geschäftsmäßigen Standpunkt ansieht. Hinter seinem Orderbuch schlägt aber ein verdammt gutes Herz, was die romantische Lily endlich im dritten Akt einsieht, und wodurch der glückliche Ausgang besiegelt ist.— Wenn das Theater die ,Fk o m ö d i e" mit diesem anspruchslosen Lustspiel einen großen Erfolg erzielt, so liegt das erstens an der sehr geschickten Charakterisicrungskunst des Autors und zweitens an der prächtigen Darstellung. Unter der Regie des Friedrich Lobe wuchsen die mit Liebe gezeichneten Typen zu warmem, pussierendcn Leben: am erstaunlichsten Paul Morgan als kleiner Reisender Ladislaus. Seine Komik hatte etwas rührend Tragisches. Er eroberte sich mit seiner zarten, bewußt unbeholfenen Art nicht nur Lilys, sondern auch des Parketts Herzen. Mit Aus- nähme von Max Grünberg, der in seine Liebhaberrolle einen Schuß Intrigantentum legte, erfreute jeder Darsteller. In erster Reihe sind Friedrich Lobe selbst, Fritz Beckmann und von den Damen Alice Hechy, Emilie Kurz und D o r a P a e tz o l d zu nennen._ Dgr. Die ZNusikberalungsslelle im Zentralinstitut für Er- ziehung und Unterricht macht es sich zur Aufgabe, der Oeffentlichkeit auf musikalischem Gebiet beratend zur Seite zu stehen. Ihr Wirkungskreis erstreckt sich auf Vorbereitung, Zulassung, Aus- nahmeprüfung an den Hochschulen für Musik, d«r staatlichen Akademie für Kirchen- und Schulmusik, Vorbereitung für das Musik- lehramt an höheren Lehranstalten, für den Beruf des Kirchen- Musikers, des Prioatmustklehrers usw. Auch in der Frage des Orchesternachwuchses wird sie durch Hinweis auf geeignete Er- ziehungsftätten Dienste zu leisten suchen. Ueber den engeren Rahmen der musikalischen Berufsberatung hinaus soll die Musik- beratungsstelle eine Zentrale für alle mit Musikerziehung und Musik- pflege in Zusammenhang stehenden Fragen werden und durch Hin- weis auf öffentliche Einrichtungen(Bibliotheken, Chöre, Sammiun- gen usw.) und Veranstaltungen(Fortbildungskurse, Tagungen, Musikscste) das allgemeine Interesse zu fördern und anzuregen suchen. Die Musikberatungsstelle ist wöchentlich zweimal, Dienstags von 11 bis 1 Uhr und Donnerstags von 3 bis 7 Uhr, im Hause des Zentralinstituts, Potsdamer Straße 120, geöffnet. Schriftliche Anfrageck' sind zu richten an die Mufikberatungsstelle im Zentraliirftitut für Erziehung und Unterricht, W. 35, Potsdamer Straß« 120. Telephonische Anfragen können nicht beantwortet werden. Das Flugzeug im Dienste der Forstwirtschaft. Die Verwendung-- möglichkeil des Flugzeuges ist heute nicht mehr darauf beschränkt, Kriegsdienste zu leisten und als Verkehrsmittel zu dienen, auch andere Möglichkeiten haben sich inzwischen dem Flugzeug eröffnet. Es sei hier nur an die Rekiameslugzeuge erinnert. Aber auch die Landwirtschaft, oder richtiger die Forstwirtschast, ist in letzter Zeit daran gegangen, das Flugzeug in ihren Dienst zu nehmen In den letzten Wochen sind(wie schon früher) Flugzeuge dazu benutzt worden, um in größeren Waldbeständen Pommerns einen systemati- schen Kampf gegen Forstschädlinge durch Verstreuen von Eisten zu sichren. Es war dieses ein ganz offenbarer Erfolg. Bei Vietzow sind 400 Hektar Waldgelände durch insgesamt 32 Flüge mit IL 000 Kilogramm Gift bestreut worden. In der Nähe von Tempelburg hat man sogar einen Waldbestand von 1000 Hektar durch Flugzeuge bestreuen lassen. In 70 Flügen wurden 41 000 Kilogramm Pulver verbraucht. Es ist ein Vorteil dieser Schädlingsbekämpfung durch Flugzeuge, daß große Strecken innerhalb kurzer Zeit inst einem Male durch das verstreute Gist für die Schädlinge unwohnlich ge- macht werden: denn mit An- und Rückfluq stellt sich jedor einzelne Streuflug auf etw-a 20 bis 30 Minuten. Ju allen Arbeiten bei der Durchführung der Flüge brauchte man lediglich 6 Personen. Das lateinische Alphobck in Japan. In Japan ist gegenwärtig eine starke Bewegung im Gange, an Stelle der jetzigen, aus der chinesischen Silbenschrift abgeleiteten japanischen Schrift das latei- nische Alphabet einzuführen. Pros. Tanakadate vor» der Universität Tokio, der sich mit den Vorarbeiten hierfür befaßt, hat erklärt, daß die Annäherung Japans an die europäische Zivilisation diesen Schritt in unabsehbarer Zeit unbedingt notwendig machen werde, hauptsächlich für die Erleichterung des Handelsverkehrs und für den Schulunterricht. Aus der Suche nach Sybarls. Die italienische Wissenschaft will jetzt das Geheimnis der berühmten Genießerstadt Sybaris ent- schleiern. Sybaris Blütezeit fiel in das 8. bis 6. Jahrhundert o. Ehr. Ein dichter Legendenkranz windet sich um diese Stadt, deren Glan; und Reichtum noch heute, Jahrtausende später, sprichwört- lich sind. Die Sybariten, Meister im Lebensgenuß, waren so reich, daß sie es sich leisten konnten, die Straßen ihrer Stadt und die Landstraßen der Umgebung mit kostbaren Zelttüchern zu über- dachen, um gegen die Sonnenstrahlen geschützt zu sein. Man kennt ferner die berühmten Geschichten des mit Rosenblättern gepolsterten Bettes. Die Krotoniaten, die auf den Wohlstand von Sybaris neidisch waren, überfielen unter Milons Führung die Stadt, de- lagerten und erstürmten sie, worauf die dreihunderttausend Ein- wohner teils getötet, teils in die Sklaverei geführt wurden. Das Ende der Tramp-Romantik. Die Romantik des alten aine- rikanischen Tramplebens geht allmählich zu Ende. Früher war der Tramp ein wandernder Gelegenheitsarbeiter, meistens ein höchst eigenwilliges Individuum, und jeder schlug sich allein durchs Leben, so gut es gehen mochte. Jetzt hat vor kurzem der erste Kongreß dieser ersten Wanderarbeiter stattgefunden: man ist organisiert, hat ein Zcntralbureau, einen Präsidenten, juristische Beiräte und aner- kannte Bureaus für Arbeitsvermittlung. Nun will man allerdings auch den Namen Tramp loswerden, der künftig nur noch für nicht- arbeitende Landstreicher verwandt werden soll, während der regu- läre Wanderarbeiter die vornehmere Bezeichnung Hobo vorzieht. Zu dem Kongreß waren übrigens mehrere Delegierte im Auto er- schienen._ Eine große englische ümssan-ssciliing in Wien wird sür den Herbst vor« bereitet. Sic soll die Kunst Englands von Hozarth bis sur Megenwart in Sauptwerkcn zeigen. Die engiischcn Museen und die Sammlungen des Königs steuern dazu Bilder bei. üonzertrekord. Alsredo C a l c l l a, der bekannte italienische Pianist, Dirigent und Komponist modernster Richtung, ist soeben von seiner onreri- kanischcn Konzertreise zurückgekehrt, bei der er nicht weniger alS sechzig Orchesterkonzerte im Verlaus von zwei Monaten gegeben hat. Beseitigung öes Mietersthutzes? Ei» sonderbares Gerichtsurteil. Durch Kaufvertrag vom Januar 131 l erwarb der jetzt 77 Jahre oltc Gastwirt Fr. Müller die in Tempelhof, Berliner Straße 37 belegene Gastwirtschaft mit sämtlichem Inventar von seinem Vorgänger Aug. Schmidt. Der damalige Hauscigen- tümer genehmigte den Uebergang des Mietsverhältnisses auf Müller durch Nachtrag vom 27. Januar 1311. Der Mietvertrag ist einer der früher allgemein in Berlin üblich gewesenen sormularnräßigen Skrtrüge. .Der jetzige Eigentümer des Hauses, der das Grundstück 1313 käuflich erwarb, kündigte im vorigen Jahre den Vertrag, weil es sich nach seiner Ansicht um ein Pachtverhältnis handelt und das Mieterschutzgesetz hierauf keine Anwendung findet. Da Müller diese Kündigung nicht anerkannte, weil sie im Gegensatz zu der Hirtsiefcr- Verordnung vom 11. November 1326 steht, klagte Hoffmann auf Röu>nung und gewann den Prozeß auch in beiden Instanzen. Die Ent- scheid ii ngsgriin de desLandgerichtsurteils— Landgericht II Berlin, 22. Zivilkammer— 35 Om 730/26— lauten, wie folgt: 13 „Die den Beklagten überlassenen Räume im Erdgeschoß waren, wie unstreitig ist, bei der Ilebernahme durch sie am 1. Februar 1311 mit einer für den Betrieb-iner Gastwirtschaft geeigneten Ausstattung und Einrichtung versehen und auch in ihrer baulichen Beschaffenheit zu dem vereinbarten Zweck geeignet. Sie sind mithin den Beklagten als fruchtbringende Sache überlassen worden. Das Rechtsverhältnis der Parteien stellt sich demnach, wie das Reichs- gericht in ständiger Rechtsprechung bei Vorliegen dieser Voraus- setzungcn angenommen Hot, als Pachtvertrag dar. Diese Pacht er st reckt sich auch auf die mitllberlassenen Wohn- räume von 4 Zimmern im ersten Stockwerk. Sie sind nur durch die Gastwirtschaft betretbar und haben mit dieser die Küche und Toilette gemeinsam. Sie stellen also schon nach ihrer baulichen Anlage keine selbständige Wohnung dar. Noch weniger trifft das nach ihrem Zweck zu. Sie sind ständig mit der Gastwirt- schoft zusammen den Pächtern dieser überlassen worden, um ihnen eine bequeme immittelbar zugängliche Unterkunft zu bieten. Eine Trennung von den Wirtschaftsräumen erforderte erheblich« Um- bauten.(So behauptet naürlich der Eigentümer.(Die Red.) Sie können nach alledem, nach ihrer Bestimmung, dem wirtschaftlich.?!! Zweck der Gastwirtschaft zu dienen, und nach ihrem räumlichen Verhältnis zu dieser, nur als Zubehör gelten und müssen deren Rechtsschicksal solange diese Beziehungen be- stehen, teilen. Daß die Parteien das Vertragsvcrhältnis als Miete bezeichnet haben, ist gleichgültig, auch welche Auffassung das Mieteinigungsamt über die Natur des Vertrages gehabt. Nach der Rechtsprechung des Reichsgerichts kommt es auch nicht darauf an, wer die Jnvcntarstücke angeschafft hat, und wer deren Eigentümer ist. Die Ausführungen die die Beklagten hiergegen vor- bringen, desgleichen ihre Ausführungen, die sich auf deii früheren Zustand der streitigen Räume beziehen, sind nicht erheblich und nicht imstande, die für sie harte Rechtslage zu ändern. Der Wohlfahrtsminister Hirt'siefer sagt in seiner Ver- ordnung voni 11. November 1326 über Lockerung der Zwangs- Wirtschaft für gewerbliche Räume, daß Läden, die mit Wohnraum zusammenhängen, nach wie vor dem Mieterschutzgesetz unterstehen und nicht gekündigt werden dürfen, das Landgericht II Berlin ist dagegen der Auffassung, gerade weil die Wohniing so eng mit dem Laden zusammenhängt, gibt es keinen Mieterschutz: die Mieter sind vielmehr auch aus der Wohnung hinauszuwerfen. Bei einer solchen Rechtsprechung wird es wohl nicht viele Ladcnmieter geben, bei denen nicht plötzlich das Mictverhöltnis in ein Pachtverhältnis um- gedeutet wird, und damit diese Mieter um ihren gesetzlichen Schutz gebracht werden können.— I st das der Wille des Gesetz- gebers? Was sagt das Wohlfahrtsniinisterium zu dieser Wegcskommentierung seiner Ver- ordnung? Am 2. Aug u st soll die Räumung durch den Gerichtsvollzieher vorgenommen werden, die alten Leute mit drei erwachsenen Töchtern(davon eine geistesschwach), wissen heute noch nicht, wo sie bleiben werden. Ohne Entschädigung, ohne Existenzmittel müssen sie die Räume verlassen, in denen sie 16 Jahre lang ihr Brot hatten. Aufgabe des Wohnungsamtes ist es, noch vor dem 2. August eine geeignete Wohnung für diese un- schuldigen Opfer einer unverständlichen Rschtsprcchiing zu schassen, und Aufgabe des Reichstages muß es sein, gesetzgeberische Maß- nahmen gegen die Wiederholung solcher Fälle umgehend zu tressen. �anübunüpatrioten. Die deutschen Wanderarbeiter im Urteil der pommerschen Gntsbefitzcr. Kürzlich erschien eine Flugschrist des Pommerschen L a n d b u n d e s, in der Angaben von Gutsbesitzern über die bei der Beschäftigung deutscher Wanderarbeiter gesam- melten Erfahrungen registriert werden. Die Angaben sind zum Teil so haarsträubend und für die deutschen Wander- arbeiter so beleidigend, daß es lohnt, einige von ihnen fest- zuhalten. Die Gutsverwaltung in Reetzow und Klein B e e l o w schreibt: Augenblicklich haben wir eine Kolonne Stettiner Erwerbsloser zur Kartoffelernte. Auch diese Leute sind durchaus unbrauch- bar und faul und legen es nur darauf an, in der Woche bei einer leichten und geringen Arbeit einen möglichst hohen Verdienst zu haben. Die Hälfte der Leute ist bereits nach zwei bzw. fünf Tagen wieder davongegangen. Herr von Eisenrot-Silberberg aus dem Kreise Arnswalde sagt: Außerdem ist noch zu bemerken, daß die polnischen Wanderarbeiter mindestens doppelt soviel leisten wie die deutschen Wanderarbeiter. Ein Herr F a b r i c i u s bemerkt: Die Leute wollen einfach nicht arbeiten. Sie erklärten mir rund heraus, was soll ich bei Ihnen arbeiten, ich gehe ja viel bequemer stempeln. Herr N ob e l auf C h i n n o w, Kreis Ufedom-Wollin, schreibt folgendes: Nach dem, was ich jedoch in anderen Wirtschaften sah, möchte ich fest behaupten, daß deutsche Schnitter noch nicht 50 Prozent von dem leisten, was polnische Schnitter an Arbeit schaffen. M. E. ist es Grundsatz der deutschen Wanderarbeiter „recht wenig tun und viel verdienen". Sie säen nicht, und sie ernten nicht, und die Gutsoerwalwng ernährte sie doch. Graf von Schwerin in Ducherow gab folgendes Urteil ab: Ich sehe jedenfalls meinen Versuch, nur mit deutschen Wander- arbeiten! auszukommen, als fehlgeschlagen an und werde ihn nicht wiederholen, solange bei einem großen Teil der deutschen Arbeiterschaft die Meinung besteht, auch ohne Arbeit leben zu können. Besonders bezeichnend ist die Antwort des Ritterguts- besitzers von Z i tz e w i tz, G r. G a n f e n im Kreise Stolp: Während der polnische Wanderarbeiter ein ausgezeichneter landwirtfchastlichcr Arbeiter ist, der mit großer Vertragstreue seinen Verpflichtungen nachkommt, bildet nach meinen Ersahrungen der deutsche Wanderarbeiter ein dauernd unzufriedenes und Unfrieden verbreitendes Element. Trotzdem gleiche Lohn- und Verpflegungssätze für deutsche wie für polnische Wander- arbeiter gegeben wurden, habe ich in allen Jahren nach einer Be- schäftigungsdauer der deutschen Wanderarbeiter von höchstens zwei Tagen eine Entlassung dieser einer weiteren Beschäftigung vorziehen müssen. Die frappante Uebereinstimmung der Urteile macht diese Auslassungen von vornherein verdächtig. Wenn es keine Gutsbesitzer gibt, die mit den deutschen Wanderarbeitern zu- frieden sind, so kann das nicht an den letzteren allein liegen. Bielmehr wird man die Ursache auch darin suchen müssen, daß man an die niedrig entlohnten und oft grauenhast unter- ? gebrachten Wanderarbeiter Anforderungen stellt, die zu er- üllen man eben Pole sein muß. Denn Polen ist nun ein- mal noch heute das Land niedriger Löhne und sozialen Rückstandes. Ist dem aber so— und nach allem was man über die Liebe der Großagrarier zu ihren Arbeitern weiß, ist es nicht anders— so verdienen diese angeblich betriebswirtschaftlichen Urteile als schamlose Hetze energische Zurückweisung. Die Deutschnationalen fassen den berühmten„Schutz der nationalen Arbeit", der zur Begründung der Wucherzöllc herhalten muß, dahin auf, daß die Rente der Groß- grundbesitzer, nicht ober die Arbeitskraft der Tätigen gefördert werden soll. So erklärt es sich, daß man mit streng nationaler Geste die Einfuhr fremder Waren fern- halten, die Einfuhr billiger und anspruchsloser Arbeitskräfte aber steigern will, um auf die deutsche Landarbeiterschaft einen sozialen Druck auszuüben. Praktisch wird da- durch die Entvölkerung des platten Landes künstlich be- günstigt. Denn dafür, gegen billigen Lohn bei mangelhafter Unterkunft zu arbeiten und dann noch am Arbeitsplatz und sogar in der Oeffentlichkeit als Tagedieb be- f ch i m p f t zu werden, dafür dankt mit Recht der größte Teil der deutschen Arbeiter. Die niedrigen Schmähungen der deutschen Großgrund- besitzer gegen die Wanderarbeiter richten sich so von s e l b st. Aber man wird sich an sie erinnern müssen, wenn die Großagrarier wieder mit Zollansprüchen vor das Par- lament treten. Das Saargebiet bleibt deutsch. Die Volksvertreter sagen es dem neuen Landeöregentcn. Saarbrücken, 27. Juli.(WTB.) Der Präsident der Regierungskommission des Saargebiets Sir Ernest W i l t o n hat im Beisein des Regierungstommissars K o h- mann den Präsidenten des Landesrats Scheuer und die Führer der einzelnen Landesratsfraktionen empfangen. Die Fraktionsführer trugen dem Präsidenten ihre prinzipiellen Wünsche in bezug auf das Zusammenarbeiten der Regierung mit dem Landesrat vor, wobei sie besonderes Gewicht darauf legten, daß sür die Zukunft die Gutachten des Landesrats mehr als bisher Be- rücksichtigung erfahren und die Regierungskommission mit- Helsen möge, daß das Saargebiet entsprechend dem Wunsch seiner Bevölkerung baldmöglich st zum Deutschen Reich zu- rückgeführt werde. Der Präsident gab seiner Freude Aus- druck, die Vertreter der Bevölkerung bei sich zu sehen, und sprach die Hoffnung aus, durch die persönliche Fühlungnahme zu einem guten Verhältnis zwischen Regierung und Landesrat zu kommen. Für 60 000 gefallene Engländer wurde in Ppcrn ein Krieger- denkmal enthüllt. Vor dem römischen Slaalsgerichtshof wurde gegen 19 Kommu- nisten wegen Hochverrats verhandelt. Zwei erhielten 12 Jahre, drei 10, die übrigen 3, 8, 6. 5 und 4 Jahre Zuchthaus. Milderung der Devisenbestimmungen in Frankreich. Der Finanz- minister hat in einem Rundschreiben an die Leiter der Kreditanstalten »ine Reihe von Mlderungen der seit dem Jahre 1924 erlassenen Bestimmungen über die Verhütung der Kapitalflucht verfügt. Mors an üer Sraut. I» einem Wutaufall im Bett erwürgt. Eine furchtbare Liebestragödi«, die an den Fall der ermordeten Elfe Arndt in der Rofenchaler Straße erinnert, hat sich in der ver- gangenen Nacht im Hause Fidicinstrahe 23 abgespielt. Der 22 Jahre alt« Brauereiarbtüter Artur Fischer erwürgte dort seine Braut, die 24 Jahre alte Näherin Emma M a r s ch n e r aus der Ringbahnstraße 13 zu Tempelhof. Die jungen Leute unterhielten seit längerer Zeit ein Verhält- nis, das Mädchen hatte aber zu Bekannten wiederhalt geäußert, daß es die Absicht habe, sich van Fischer zu trennen. In der Woh- nung der Mutter kam schließlich mehrmals eine Aussöhnung zu- stände. Gestern muß Fischer das Mädchen wieder getrossen und überredet haben, ihn in seine Wohnung zu begleiten. Gegen 3 Uhr morgens erschien er auf dem Polizeirevier und teilte mit, daß er seine Braut ermordet habe. Die Beamten fanden seine Angaben bestätigt. In dem Zimmer Fischers, der im hohen Erdgeschoß als Untermieter wohnt, lag das Mädchen vollständig entkleidet tot im Bett. Am Halse zeigten sich deutlich« Würgemale, und außerdem hatte der Mörder seinem Opfer eine Schnur um den Hals gelegt. Nach seiner Darstellung ist er mit dem Mädchen abermals in Streit geraten und hat die Unglück- liche in ausbrechender Wut gepackt und ermordet. Als sein Ver- brechen ihm zum Bewußtsein kam, versuchte' er, das Mädchen ins Leben zurückzurufen, hatte aber keinen Erfolg. Er verließ endlich das Haus, suchte mehrere Lokole auf, um sich Mut anzutrinken und stellte sich schließlich der Polizei. Die Leiche wurde beschlag- nahmt und nach dem Schauhause gebracht. Da bei Fischer offenbar sadistische Neigungen zutage getreten sind, so ist die Ver- mutung nicht von der Hand zu weisen, daß er vielleicht auch sür den Mord an Else Arndt als Täter in Frage kommt. Die Unter- suchung ist noch im Gange.____ Esperanto-Weltkongreß. In diesen Tagen findet in Berlin ein Vorkongreß an- läßlich des 19. Esperanto-Weltkongresses in D a n z i g, statt. An diesem Vorkongreß nehmen u. a. Japaner, Engländer, Schweden, Amerikaner, Jugoslawen, Russen usw., im ganzen 25 verschiedene Nationen teil. Zu Ehren der ausländischen Gaste lud das Komitee der Berliner Efpsrantovereinigung zu einem Begrüßungsabend in die Aula des Dorotheenstodtischen Realgymnasiums, Dorotheen- straßc 12. Der große Saal bot ein interessantes, eigenartiges Bild der verschiedensten Menschenrassen, die, geeint durch eine Sprache, gleichsam eine große Familie bilden. Der Vorsitzende des Berliner Komitees begrüßte die zahlreich erschienenen Gäste und verlas hierauf viele Glückwunschschreiben der Behörden, u. a. ein Schreiben des Ministers des Innern, des Berliner Magistrats, des Messeamtes und Frsmdenbureaus u. a. m. Das Schreiben des Berliner Mesie- amtes enthielt gleichzeitig«ine Einladung des Direktors Schick, ge- legentlich der großen Ausstellung im Jahre 1930 auch den Esperanto- kongreß in Berlin abzul)alten.- Im Namen des Berliner Polizei- Präsidiums sprach Regierungsdirektor Spender, der das große Interesse der Polizei für ein internationales Verständigungsmittel der Völker hervorhob, das zur Nölkerverbindung und zur Völker- Versöhnung beitrage und gleichzeitig ein wichtiges Hilfsmittel im Kriminaldienst darstelle. Hierauf ergriffen die Vertreter der ein- zelnen Länder das Wort: als erster Dr. Osaka im Namen des japanischen Ministeriums, dann der Vizepräsident der englischen Esperantovereinigung. Im Namen der Holländer sprach eine Frau. Besonderen Dank sprach der Vorsitzende dem Engländer Warden aus, der bereits viele Werke in die Esperantosprache übersetzt hat. Was hat der Flugpastor verbrochen? Wir berichteten seinerzeit über die Trauung zweier junger Paare im Flugzeug und die üblen Folgen, die diese Angelegenheit für den amtierenden Pastor gehabt hat: Pfarrer Teich mann wurde durch das evangelische Koiisistoriuni der Mark Brandenburg vom Amt suspendiert. In diesen Tagen nun hat das Kon- sistorium zum erstenmal in offizieller Sitzung über den Fall ver- handelt. Wir schrieben damals, daß die evangelische Kirche sich noch an ganz andere Dinge gewöhnen müsse, und fügten hinzu:„Wenn sie sich aber auf die Zeitentwicklung nicht einstellt, wird sie bestimmt keine Lorbeeren ernten und keine neuen Anhänger gewinnen." Dies scheint inzwischen auch das Konsistorium eingesehen zu haben. Denn es erklärt jetzt, nicht die Trauung im Flugzeug sei zu verurteilen, sondern die Tatfache, daß die kirchliche Handlung verfilmt worden fei. Dadurch sei aus dem feierlichen Akt eine Sensation gemacht worden, und da» sei zu verwerfen. Da dürfen wir das hohe Konsistorium vielleicht daran erinnern, daß vor dem Kriege tausend- fach Bilder und Photographien von den Hochzeiten sürstlicher Per- sönlichkeiten bis zum Fürsten von Reuß-Greiz-Lobenstein mittlerer Linie abwärts verbreitet worden sind mit dem knienden Paar und dem segnenden Pastor darauf. Ist das keine Sensation»- macherei? Pfarrer Teichmann bleibt bis auf weiteres vom Amt suspendiert. Sind anno dazumal- auch die diversen Hos- Prediger disziplinarifch belangt worden? Der„Hrntiüstein ihrer Ehe". Das Versteck im Humboldthain. Ein« wilde Jagd gab es vor einigen Tagen in der Siemens- straße. Hier hatte ein 25 Jahre alter Fritz M. unter verwickelten Umständen versucht, sich in den' Besitz eines Brautjchatzcs zu setzen, der ihm eine sofortige Heirot ermöglichen sollte. M. war häufiger Gast in einem Lokal in der Siemensstraßc und hatte in Er- suhrung gebracht, wo die Wirtin ihr Geld und Ihre Schmuck- fachen aufbewahrt«. Als sie neulich zu einer kurzen Besorgung das Lokal verließ, faßte er den Entschluß, sich diese Werte anzueignen. Er ging ober nicht den direkten Weg. Vom Hofe aus zwängte er sich durch ein enges Klosettfcnster. drang in das Schlafzimmer der Wirtin ein und holte aus einem Schränkchen bares Geld und Schmucksachen im Gesamtwert von etwa 4000 Mark. Aus demselben Wege, auf dem er gekommen war, kehrte er out den Hof zurück und fetzte sich dann, um keinen Verdacht zu erregen, wie ein harmloser Gast in den Schonkraum. Als die Wirtin zurückkehrte, wurde der Dieb- stahl alsbald entdeckt. Di« Frau, die„ihre Pappenheimer kannte", wollte rasch die Polizei holen und bat einige andere Gäste, solange ein Auge auf M. zu haben. M., dem die Be- obachtung natürlich nicht entging, sprang plötzlich auf. Alle glaubten, daß er zur Tür hinaus wallte und verstellte ihin den Weg. Et aber setzte über die Theke, rannte durch die Wohnung und versteckte sich im Keller. Als man ihn auch hier ausitöberte, sauste er mit einem Lastenaufzug in das 4. Stockwerk hinauf, erkletterte das Dach und flüchtete über einige Noehbardöcher hinweg auf die Straße hinunter. Ehe seine Verfolger ihn greisen konnten, war er in ein Auto gestiegen und davongefahren. Die Wohnung seiner Braut wurde in der Ramlerstraßc ermittelt, und hier nahmen die Beamten der Dienststelle B 3 eine überraschende Durchsuchung vor. Von dem gestohlenen Gut wurde aber nichts gefunden. Das Pärchen bestritt alles und M. gab an, daß er lediglich aus Furcht vor seinen Verfolgern geflüchtet sei. Man setzte sie wieder auf freien Fuß, hielt sie aber unter ständiger Be- obachtung. Es fiel auf, daß das Paar seine Spaziergänge mit Vorliebe in dem Humboldthai n unternahm und hier einem bestimmten Platz an der H i m m e l f a h r t s k i r ch e besonders liebevolle Aufmerksamkeit schenkte. Beim Nachgraben ent- deckte man denn dort auch die der Wirtin gestohlenen Sachen, die den Grundstein zu der neuen Ehe hatten bilden sollen. Jetzt wurden M. und sein Bräutchen wiederum sestgenommen, und der jung« Mann gab den Diebstahl auch zu. Er ist bisher u n- b e s ch o l t e n, war aber so oernarrt, daß er vor keinem Mittel zurückschreckte.___ Eisenbahndammrutsch in Leipzig. Leipzig. 27. Juli.(TU.) Nach Passieren des Münchener v-Zuges gestern kurz nach 20 Uhr ist der Eisenbahndamm bei der Güldenen Aue in Leipzig in einer Länge von 50 bis 60 Metern abgerutscht, so daß der eine Schienenstrang teilweife freigelegt wurde. Der Betrieb wird ein- gleisig aufrechterhalten. Man glaubt, daß durch den Regen der letzten Tage die Erde des Bahnkörpers gelockert wurde. Ein Boot und drei Mann. Stadt und Mesieamt Frankfurt a. M. haben das Angebot eines Kapitän S i c v e r t angenommen, der mit einem neuen 9/4 Meter langen und 3!4 Meter breiten Segelboot, das den Namen „Frankfurt a. M." tragen wird, mit drei Mann Besatzung eine Welt- umsegelung unternehmen will. Von Frankfurt a. M. aus soll auf der Donau das Schwarze Meer erreicht werden, von da geht es durch die Dardanellen und den Suezkanal nach Ostindien und weiter von i-ingopore nach Vatavia. Hier soll das Boot überholt werden. Die Weiterfahrt geht dann durch die Inseln des Stillen Ozeans, und die Strecke bis zur Küste von Chile soll in Begleitung eines großen Dampfers zurückgelegt werden. Durch die Straße von Magclhacs soll die Ostküfte von Amerika gewonnen werden und die Fahrt in New Port enden. Kapitän Sievert hat dm Auftrag, in zahl- reichen Städten Vorträge über die Bedeutung der Frankfurter Messe zu halten, über die der Segler zahlreiches Wcrbematerial mitführen wird. Französische Anerkennung sür deutsche Seeleute. Für die ain 26. Februar d. I. durch das deutsche Motortankschisf„P h ö b u s" der aus 53 Mann bestehenden Mannschaft des sranzösischen Fisch- dampsers„M a l o u i n" geleistete Hilfe hat die französische Re- gierung jetzt durch den hiesigen Generalkonsul dem Kapitän Courtin vom Dampfer„Phöbus" eine silberne Plakette und dem Radioteleqraphisten Meusch eine Bronzeplakette überreichen lassen. Im beigefügten Schreiben heißt es, derartige Mutbezeu- gungcn von deutschen gegenüber französischen Seeleuten sei nicht nur ein Beweis von der hohen Pflichtauffassung, sondern sie stärkten auch in Frankreich die Gewißheit, daß unter tragischen Umständen die Herzen zweier Völker sich näherten und sie sich dadurch besser oerstehen und schätzen lernten. Die Ortsausschüsse öes MDGH. Ihre Tätigkeit im Jahre INÄS. Obschon die Gewerkschaften im alkgemeinen unter der Last der Wirtschaftskrise schwer zu leiden hatten und ihre Mitgliederzahlen. zurückgingen, haben traizdem die Ortsausschüsse des Allge- »'.einen Deutschen Gewerkschastsbundes im Jahre 1926 in der Festigung ihres Besitzstandes weitere erfreuliche Fortschritte gemacht. Der Sturz der Währung hatte die Ortsausschüsse besonders stark getroffen und viel« zur Einstellung ihrer Tätigkeit gezwungen. Die jüngste Statistik bietet nun wieder einen sicheren Ueberblick über das weite Gebiet der Ortsausschüsse, soweit sie sich als lebensfähig erwiesen. Insgesamt bestanden im Berichtsjahr 192Z Ortsausschüsse. von denen 1933— 83,8 Proz. an der Statistik beteiligt sind. Diesen waren 11 SIS Gewerkschaften angeschlossen, die am Ende des Jahres 3 264 523 Mitglieder, darunter 598 214 weibliche und 129 997 jugendliche, zählten. Demnach wurden von der Statistik der Ortsausschüsse 83 Proz. der gesamten Zahl der Mitglieder des ADGB. erfaßt. Bon den berichtenden Ortsausschüssen zählen 644, also reichlich die Wülfte, bis 1999 Mitglieder, 388— 35,8 Proz. über 1999 bis 10 009 Mitglieder und 52= 4,8 Proz. über 10 000 Mitglieder. Man kann diese Gruppierung, in der gleichen Reihenfolge, als die kleineren, mittleren und größeren Ortsausschüsse bezeichnen. Auf die erste Gruppe entfallen 269 188, auf die zweite 1 138 119 und auf die letztangeführte Gruppe 1 857 216 Mitglieder. Nach der Zahl der Mitglieder liegt demnach das Schwergewicht des Ortsausschuß- bestandes bei den mittleren und größeren. Doch ist die Ausdehnung der Ortsausschüsse aus die kleineren Orte ungemein wichtig, da sie den Gewerkschaften weit auf das Land hinaus Stützpunkte oerschassen. Heber 25 000 Mitglieder hoben 17 Ortsausschüsse, und zwar sind es die folgenden Orte, die 1926 folgende Mitgliedcrzahlen aufwiesen: Berlin 296 706, Hamburg- Altona 163 765, Dresden 113 574, Leipzig 106 260, München 66 526, Frankfurt a. M. 60 536, Nürnberg 54 641, Stuttgart 53 611, Hannover 56471, Köln 49760, Breslau 47 813. Chemnitz 41833, Magdeburg 39 788, Bremen 39 267, Bielefeld 31 731, Stettin 30 583 und Kassel 29770. Die Ortsausschüsse nehmen in dem organisatorischen Aufbau des Allgemeinen Deutschen Gewerschaftsbundes eine wichtige Stellung ein. Sie verfügen über Einrichtungen, die zum Teil hohe Kosten verursachen, aber auch für die Mitglieder einen großen Wert haben. In erster Linie stehen hier die Rechtsberatungseinrichlungen der Ortsausschüsse, die Arbeitersekretariate und Rechtsauskunfts- stellen. Die«rsteren werden von vollbesoldeten Angestellten geleitet und bestehen an Orten mit einem größeren Mitgliederkreis. Im Berichtsjahre unterhielten 118 Ortsausschüsse Arbeitcrfekretariate und 240 hatten nebenberuflich verwaltete Rechtsauskunftsstellen einge- richtet. Zur Erledigung der Berwaltungsarbeiten unterhielten 45 Orte eigene Gewerkschaftsbureaus. In diesen Einrichtungen wurden insgesamt 253 Angestellte beschäftigt. Dem Bildungswesen wird im weiten Maße Rechnung getragen. 775 Ortsausschüsse unterhielten für alle angeschlosienen lNewerkschaften gemeinsame Bibliotheken. In 438 Orten simb zur Pflege des Bildungswesens Ausschüsse eingesetzt und in 260 Orten besondere Ausschüsse sür die Jugend geschaffen. Zur Ueberwachung der Bauarbeiterschutzbestimmungen sind im 445 Orten aus sachkundigen Personen zusammengesetzte Kom- Missionen gebildet und in 225 Orten bestehen Betriebsräte- zentralen. 104 Ortsausschüsse besitzen eigene Gewerk- scha�tshäuser mit Bureauräumen, Versammlungssälen, Re- stauraaits usw. 33 Gewerkschaftshäuser sind mit Herbergen verbu«den. Zum Betrieb dieser Unternehmungen fungieren in der Riegel besonder« Gesellschaften. Ihre Kassenumsätze erscheinen nicht in den Kassenübersichten der Ortsausschüsie. Dlie Ausgaben der Ortsausschüsse werden durch Beitrags- leistim>: der angeschlossenen Gewerkschaften bestritten, die meist pro Mitgliö berechnet werden. Seit 1924 hat sich die Beitragslcistung erfreulich aufwärts entwickelt. Angaben über die K a f s e n v e r- h ä l t n i s s e liegen von 1038 Ortsausschüssen mit zusammen 3 220 205 Mitgliedern vor. Die Gesamtcinnahme betrug im Be- richtsjafire 3 093114 M., davon kommen 2 304 716 M. auf Beiträge. Im Durchschnitt kam auf jedes Mitglied eine Beitragseinnahme von 72 Pf., gegen 62 Pf. im Borjahre und 43 Pf. im Jahre 1924. Diese Steigerung der Anteile läßt die gut« Entwicklung der Beitrags- leistung erkennen. Die Gesamtausgabe belief sich auf 2 731413 M. Bon ihnen entfallen auf Agitation 171900 M., auf Gewertschaftshäuser, Herbergen und Bersammlungssäle 77 457 M. sZuschüssch und aus Sekretariate und Rechtsauskunftsstellen 799 563 M. Für Bildungszwecke wurden 454434 M. verausgabt. Die Berwaltungskosten betrugen 655 818 M. und die sonstigen Ausgaben 403 286 M. An die Bezirksausschüsse wurden 155 076 M. geleistet. Als gemeinnützige Einrichtungen er- halten ein Teil Arbeitersekretariate auch Zuschüsse aus Kassen von Gemeinden, Kreisen, Ländern und anderen Körperschaften. Diese Zuschüsse beliefen sich im Berichtsjahr auf 120 684 M. Landarbeiter und Arbeitslosenversicherung. Die Landarbeiter, die Stiefkinder der Sozialpolitik, haben beim Kampf um die Gestaltung der Arbeitslosenversicherung verhältnismäßig günstig abgeschnitten. Das oerdanken sie in erster Linie den: unermüdlichen Drängen der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion auf Einbeziehung der Landwirtschaft in die Ar- beitslosenoersicherung. Jeder Landarbeiter muß sich die für ihn be- sonders in Betracht kommenden Bestimmungen des Arbeitslosen- versicherungegesctzes genau ansehen, damit die Unklarheit, die auf dem Lande noch vielfach über das neue Arbeitslosenverficherungs- gesetz besteht, beseitigt wird. Was ist praktisch erreicht worden? Zunächst sind nach§ 70 solche Arbeiter von der Versicherung ausgeschlossen, die neben chrer Beschäftigung bei einem Arbeitgeber noch Besitzer oder Pächter landwirtschaftlichen Grundbesitzes von solcher Größe sind, daß sie von den Erträgen mit ihren Angehörigen leben können und als Arbeiter nur weniger als die Hälfte des Jahres tätig sind. Im Z 71 ist bestimmt:„Versicherungsfrei ist eine Beschäftigung in der Land- und Forstwirtschaft, wenn der Arbeitnehmer 1. auf Grund eines schriftlichen Arbeitsvertrages von mindestens ein- jähriger Dauer beschäftigt wird oder 2. auf Grund eines schriftlichen Arbeitsvertrages auf unbestimmte Zeit beschäftigt wird und ihm ohne wichtigen Grund nur mit mindestens sechsmonatiger Frist ge- kündigt werden darf." Anstelle des Arbeitsoertrages können gleichlautende Bestim- mungen des Tarifvertrages treten. Somit ist also zu beachten: Ist eine Jahresarbeitsvertrag abgeschlossen, dann muß sechs Monate vor Ablauf vereinbart werden, ob der Vertrag weiterläuft oder nicht. Bei Verträgen auf unbestimmte Zeit gilt ohne weiteres sechsmonatige Kündigung. In jedem Falle, werm das Arbeitsverhältnis in einer Frist von 6 Monate aufgekündigt wird, fei es durch den Unternehmer oder Arbeiter, sind beide Teile verpflichtet, in der Kündigungsfrist Beiträge zur Ar- beitslosenversicherungskasie zu leisten. Die land- und forstwirt- schaftlichen Arbeiter und Arbeiterinnen mit kürzeren Kündigungs- fristen oder die, für die überhaupt keine Kündigungsfrist gilt, sind ohne weiteres in die Arbeitslosenversicherung einbezogen, ohne irgendwelche besondere Voraussetzungen. Arbeiter, die i» die häusliche Gemeinschaft des Arbeitgebers aufgenommen sind, sogenanntes ländliches Gesinde, sind nach§ 72 von der Arbeitslosenversicherung vollkommen ausgeschlossen. Im Z 96 ist festgelegt, daß«in Arbeitnehmer bei plötzlicher Ent- l a s s u n g Arbeitslosenunterstützung beziehen kann, wenn das Ar- beitsverhältnis ohne Zustimmung des Arbeitnehmers und ohne sein Verschulden vorzeitig gelöst wird. Im Z 144 ist in dem Abschnitt, der von der Aufbringung der Mittel handelt, bestimmt, daß bei plötzlicher Entlassung der Unternehmer allein den doppelten Betrag zahlen muß, was als Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbei- tragsanteil für 6 Monate zu zahlen wäre. Sieht man sich die für die Landwirtschaft in Frage kommenden Bestimmungen des Arbeitslosenversicherungsgesetzes in ihrer Gesamtheit an, dann kann von einem erheblichen Erfolg der Sozialdemokratischen Reichstagsfraktion ge- sprachen werden. Es gilt nunmehr folgender Grundsatz: Ent- weder der Landarbeiter steht in einem ungekündigten Arbeite« Verhältnis, dann braucht er keine Beiträge zu zahlen, oder er muß mit Arbeitslosigkeit rechnen, dann setzt 6 Monate vorher die Bei- tragszahlung ein und er bekommt mit dem Eintritt der Arbeits- lostgkeil Erwerbslosenunterstützung. Der Landarbeiter zahlt also erst dann Beiträg«, wenn ihm gekündigt wird, sonst grundsätzlich nicht, während der Fabrikarbeiter fortlaufend Beiträge zahlt. Wie man diese Regelung auch beurteilen mag— sie hat auch ihre Mängel— für den Landeirbeiter ist sie ohne Zweifel eine ver- hältmsmäßig vorteilhafte Regelung. Ausgeschlossen von der Versicherung bleibt künftig lediglich noch das Gesinde. Bedeutsam sind auch die§§ 96 und 144: sie bestrafen die Maß» regelungen des Landarbeiters In einer Weise, daß mancher Aebeitgeber zukünftig von Maßregelungen lieber absehen wird. Vereinbarung für Sie«estöeutfihe kanaljchiffahrt. Bochum, 26. Juli.(Eigener Drahtbericht.) In dem Tarifstteit in der westdeutschen Kanalschiffahrt ist es zwischen den Unternehmern und dem Deutschen Verkehrhsbund sowie dem Zentralverband der Maschinisten und Heizer zu einer Vereinbarung gekommen. Di« Arbeitszeit beim Laden und Löschen regelt sich künftig auf der Basis der achtstündigen Arbeitszeit: darüber hinausgehende Arbeitsleistungen werden mit 25 Proz. Zuschlag zum Arbeitslohn bezahlt. Seither hatte das Personal drei freie Tage im Monat. Die neue Vereinbarung sieht eine neue Regelung vor, die zwei freie Sonntage im Monat festlegt, die nicht gefahren werden dürfen. Wenn an den übrigen Sonntagen im Monat gefahren wird, ist dafür ein freier Tag in der Woche mit einer besonderen Vergütung zu gewähren, andernfalls muß für diese Sonntage Bezahlung erfolgen. Für die Gehaltsempfänger wurden Vergütungen für Ueber-, Nacht- und Sonntagsarbeit nicht gezahlt, auch wurde kein Wachtgeld vergütet. Die neue Regelung sieht Bezahlung für diese betreffenden Dienste vor. Das Personal hatte angedroht, noch in dieser Woche in den Streik zu treten, falls es nicht zu einer Verein- barung kommen würde. Alle Vorbereitungen für die Streikaktion, durch die die gesamte westdeutsche Kanalschifsahrt stillgelegt worden wäre, waren bereits getroffen._ Zum Konflikt in öer papkerverarbeitenöen InSuflrie. Der Schiedespruch nicht verbindlich erklärt. Der Schiedsspruch über den M a n t e l v e r t r a g mit dem Arbeitgeberoerband der papierverarbcitenden Industrie ist nicht für verbindlich erklärt worden. Die Unternehmer hatten den Schiedsspruch abgelehnt, die Arbeiter angenommen und Verbindlich- keitserNärung beantragt._ Der Konflikt der polnischen Eisenbahner beigelegt. Warschau, 26. Juli.(OE.) Der Konflikt zwischen dem Eisenbohnerverband und dem Ver- kehrsminister Romocki, der den Gewerkschaften das Mitbesttm- m u n g» r e ch t bei der geplanten„Kommerzialisierung" der Eisen- bahnverwaltung verweigerte, ist durch persönliches Eingreifen Pilsudstis beigelegt worden. Den Eisenbahnern wurde ein« Lohn- erhöhung mit Wirkung vom 1. September zugesagt. Wirtsthast Die Staatsbetriebe flnü rentabel. Ein reaktionärer Minister läßt sich berichtigen! Leider gibt es auch amtierende Minister, die die Hetz« des Privatkapitals gegen die Staatsbetriebe mitmachen. Der sächsische F i n a n z m i n i st e r Weber hat am 15. Juli auf der nieder- sächsischen Handwerkertagung in Delmenhorst wahrheitswidrig ge- äußert, daß kein einziger„seiner" Staatsbetriebe noch rentabel sei, Hören wir, was die sächsische Staatsregierung zu der Aeuße- rung dieses ihres Ministers erwidert. Die Nachrichtenzentrale der Staatskanzlei verbreitet in der sächsischen Presse folgendes:„Die Worte des Finanzministers Weber können unmöglich richtig wieder« gegeben sein, denn von den zum Finanzministerium gehörenden Staatsbetrieben haben im letzten Geschäftsjahr nur die Kalk- und Hartsteinwerke und die Gewerkschaft Gottes Segen(Staatsbetciligung rund 80 Proz.) mit Verlust abgeschlossen, der 125 000 M. bzw. 763 000 M. beträgt. Dagegen ist es den sonstigen alten Unter- nehmungen des Staates— der Porzellanmanufaktur, den Hütten- werken bei Freiberg und dem Blaufarbenwerk Oberfchlema— gelungen, ohne V e r l u ft abzuschließen. Die Münze in Mulden- Hütten hat sogar, wie schon in den Vorjahren, einen Gewinn (93 090 M.) aufweisen können. Durchaus erfreulich haben sich 1926 die Betriebsergebniss« der neueren Unternehmungen des Staates entwickelt. Die Aktiengesellschaft Sächsische Werke(Staatsbeteiligung 100 Proz.) erzielte im letzten Geschäftsjahr einen bilanzmäßigen Reingewinn von 2 800 009 M., die Kraftverkehr Freistaat Sachsen A.-G.(Staatsbeteiligung 54 Proz.) aus dem Lastkraftwagen- verkehr einen bilanzmäßigen Reingewinn von 169 009 M., die staatliche Kraftwagenverwaltung aus dem Berkehr mit Personen- omnibussen einen solchen von 583 909 M. Das lausende Geschäftsjahr wird bei diesen drei Unternehmungen voraussichtlich noch günstigere Ergebnisse bringen. Das gleiche gilt von der Sächsischen Staats- dank, deren bilanzmäßiger Reingewinn in 1926 zirka 1 260 000 M. betragen hat." Diese notwendig gewordene Berichtigung der sächsischen Staats- kanzlei spricht für sich. In diesem Zusammenhang ist der Umfang interessant, den die Staatsbetriebe in Deutschland haben. Die„Wirt- schaftskurve" der„Frankfurter Zeitung" bringt in Heft 1/1927 eine Arbeit von Otto Böttcher, nach der die Staatsbetriebe an der deutschen Rohstosferzeugung des Jahres 1925 folgendermaßen beteiligt sind: an der Steinkohlenproduktion. „, Braunkohlenproduktion „„ Rohkaliproduktion.. „, Roheisenproduktion.. „„ Bleiproduktion... ,, Aluminiumproduktion. Quote im Jahre 1925: . mit 10-11 Prozent .. 4 »* b,6„ . m 0,63, »»05„ .. 74 Da die Aluminiumproduktion innerhalb der Gesamtwirtschast nur geringe Bedeutung hat, kann man von einer ernstlichen Kon- kurrenz der öfsentlichen Hand gegen die Privatwirtschaft kaum sprechen. Bei der weiterverarbeitenden Industrie sind die Anteilziffern der Staatsbetriebe oder der Firmen, an denen der Fiskus mit einem geringen Prozentsatz beteiligt ist, noch g e« r i n g e r(mit Ausnahme der Elektrizitätsvcrsorgungsdetriebe). Der Anteil der Staatbetriebe an der Gesamtindustrie ist danach sehr klein. Man muß bedauern, daß er nicht beträchtlich größer ist. Kartell- und Monopolschädcn wären notwendig viel ge- ringer, wenn der Staat größeren Einfluß in der Privotwirt- Normung im Vau elektrischer Lokomotiven. Im Anschluß an die vor kurzem erfolgte Bestellung von 88 elektrischen Lokomotiven und 15 Triebwagen hat die Hauptversammlung der Deutschen Reichsbahn- Gesellschaft eine Beratung über Konstruktionsfragen einberufen, an der auch Vertreter aus Oesterreich, der Schweiz, Schweden und Norwegen teilnahmen. Im Laufe der Verhandlungen wurden wichtige Beschlüsse bezüglich der Vereinheitlichung der elektrischen Lokomotiven und ihrer Aus- rüstungsteile gefaßt. Es wird dafür Sorge getragen werden, daß für den Bau der in Auftrag gegebenen Lokomotiven alle bisher im elektrifchen Zugbetrieb gesammelten Erfahrungen verwertet werden. Sport. Der Länderwektstreit im Mekropol-Dariek�. Willing- Berlin und N e st r ö m— beide ohne Niederlage—> setzten gestern ihr erstes Tresfen fort, das wegen Eintritt der Schlußstunde abgebrochen wurde und sich zu einem interessanten Ringen gestaltete. Zug um Zug wurde mit größter Erbitterung pariert, mit einem Tempo, wie man es selten bei so schweren Gegnern sieht. Der temperamentvolle Neström mußte— nachdem er bereits in vorangegangenen Kämpfen Verwarnungen und Geld- strafen erhalten- hatte— vom Kampfleiter auf seine baldige DIs- qualifikation aufmerksam genmcht werden, worüber das Schieds- gericht heute entscheiden wird. Diesem Draufgängertum konnte die Kraft des Berliners nicht lange widerstehen, er mußte sich nach 19 Minuten durch Ueberstürzer als besiegt bekennen. Di« Niederlage des Russen T u r o f f konnte nur als eine Frage der Zeit betrachtet werden. Dem großen Gewicht sowie d.er Kraft des Finnen Tor- n o w war er nicht gewachsen: nach 39 Minuten konnte dieser den Russen auf beide Schultern drücken. B r ü ck n« r- Breslau zeigte im Kampf gegen den schweren Dortmunder Meyerhanz wieder seine bereits zur Genüge hervorgehobene Kampfweise, die jedoch sür einen Sieg nicht ausreichte, den der Dortmunder nach 30 Minu- ten durch Untergriff an sich brachte. Verantwortlich fllr Politik: Victo, Schlss; Wirtschaft:®. glingclhofer; Gewerkschaftsbeweauno: 0. Schindle,: Feuilleton: S>r. Zohn«chikow»». Lokal-, und Eonftig«-: Sri»«aeftiidti«Nieigen: Td.»>«««! sämtlich in Verlin. Verlag: Vorwärto-Verlag®. m. b H., Berlin. Druck: Vorwärts.Vuchdruckcret und Berlagsanstall Paul Singer u Co.. Berlin SB KZ. Linden strafte 3. Korbmöbel! Sonderangebott An Private zu Engrospreisen. Eigene Fabrikate in gedieeenen Ausführungen kauten Sie in groner Auswahl und billig bei Wilhelm Schulze Hlonbijoup aiz 12, Hof pari. 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