flbenSausgabe Nr. ZSH � 44. Jahrgang Musgabe ES Nr. 177 Bezugsbed ingungen und Anzi>g«npr«ise sind in der M-rz«naussabe angegeben Reilaktion: Sw. SS, Lindeaslroge i S-rnspr-cher: Dönhoff 292— 29Z Tel.-Adresse: Sozialdemokro» Berlin (ü ) Verlinev VolKsvlÄkt Montag 1. August 1927 Verlag und Anzeigenabteilung: S-schiiftezeit S-b bi» 5 Uhr Serleger: vorrnörts-verlag sozialen Höherentwicklung nicht förderlich sind. So sind auch die Folgen des jüngsten Blutbades ganz andere als die des Massakers auf dein Pariser Marsfeld 1791. Keine Panik, kein Verschwinden der sozialdemokratischen Ve- wegung, keine Flucht ihrer Führer. Rein menschlich betrachtet, hat das Proletariat schwere Verluste erlitten an Menschen- leben, Verluste, die am tiefsten empfunden werden von unserer Partei. Denn uns ist nicht, wie den Ausbeutern, der arbeitende Mensch bloßes Mittel für die Zwecke, sondern Selbstzweck, das Menschenleben daher heilig. Aber so tief wir die gefallenen Opfer beklagen, unsere Sache selbst ist unerschüttert. Nicht nur haben unsere Organi- sationen ihre Geschlossenheit bewahrt, auch der Geist, der sie beseelt, ist nicht minder krafwoll als bisher. Je mehr dies zutrifft, desto mehr dürfen wir erwarten, daß auch die Saat des Hasses und der Rache, die jedes Blut- bad unvermeidlich sät, nicht so furchtbare Folgen noch sich ziehen wird, sobald das Proletariat einmal zur Macht kommt, wie das in den Tagen der großen bürgerlichen Revolution der Fall war. Das wird für unsere Gegner noch wichtiger als für uns. Der Vormarsch des Proletariats ist ein unaufhaltsamer— ebenso unaufhaltsam, wie der der Großindustrie. Roch kein Blutbad konnte ihm dauernd Halt gebieten, auch das grausamste nicht. Auch nicht die Tausende von Proletarierleichen, die der Junikampf von 1848, die blutige Maiwoche von 1871 kosteten. Vergeblich triumphierten nach jeder dieser furchtbaren Tragödien die Sieger und wähnten, der Hydra de? Lohnproletariats seien die Köpfe für immer zertreten. Aber die moderne Gesellschaft kann ohne dies« Hydra nicht leben, sie muß sie immer wieder selbst hervorrufen und immer mehr verstärken, will sie existieren können. Der Sieg des Proletariats ist gewiß. Un- gewiß jedoch die Art, w i e er sich vollzieht. Niemand hat ein größeres Interesse, als gerade die besitzenden Klassen, dah er in größter Milde vor sich geht, da.ß er eintritt unter Ve- dingungen, in denen die Methode« der Demokratie bei allen fest«ngemen-zM sind, Die Gemütsart der unteren Massen hängt in hohem Maße ab von der Art, wie der Herrschaftsapparat der oberen sie behandelt. Härte und Grausamkeit bei Polizisten und Richtern ebenso wie bei Fabrikdirektoren haben die Tendenz, auch Härte und Grausamkeit im Proletariat zu erzeugen. Sie wirken am erbitterndsten dort, wo sie sich mit Milde gegen- über Verbrechern an dem arbeitenden Polke paaren. Welche Sinnlosigkeit der Sieger von heute, aber der Besiegten von morgen, in den kommenden Siegern durch die eigene Praxis solche Gemütsart künstlich zu züchten! Leider zeigt die Erfahrung, daß solche Erwägungen auf die herrschenden Klassen nie Einfluß übten. Ihre Herrschgier ist ebenso kurzsichtig wie ihre Profitsucht, sie verrohen ebenso unbedenklich die Volksmassen, wie sie Raubbau an den wich- tigsten Produktivkräften treiben. Trotzdem brauchen wir nicht zu verzweifeln. Das Pro- letariat hat es verstanden, indenvier Menschenaltern der demokratischen Bewegung in Europa(auf dem Festland; in England setzte sie schon früher ein) trotz aller Hindernisie und trotz der Infamien der herrschenden Klassen nicht bloß sich selbst immer mehr zu bilden und zu kräftigen, sondern auch seine Ausbeuter immer mehr zu zwingen, es mit vermehrter Rücksicht zu behandeln und so alle überflüssigen Härten und Grausamkeiten des Klassenkampfes immer mehr abzuschwächen. Es wäre ein Illusion, zu erwarten, die ausbeutenden Klassen würden die ausgebeuteten zu immer größerer Mensch- lichkeit erziehen. Ihre Praxis wirkt in entgegengesetztem Sinne. Wohl aber ist es das Proletariat, dessen Praxis dahin geht, nicht bloß sich selbst, sondern auch seine Ausbeuter im Sinne der Humanität zu erziehen, ihnen immer mehr Mensch- lichkeit aufzudrängen. Diese beiden Wirkungen sehen wir in der heutigen Ge- sellschaft tätig. Zeitweise überwiegt die von den Ausbeutern verfochtene, die auf Verrohung der Massen abzielt. Aber sie vermag sich nirgends dauernd durchzusetzen. Schließlich macht sich immer wieder das Proletariat Bahn und es erweitert dabei das Regime der Me n s ch l i ch k e i t in allen Schichten der Bevölkerung. Bor dem Kriege deuteten viele unter uns diese Erschei- nung als eine Milderung der Klasiengegensätze. Das war ein Irrtum. Sie spitzen sich immer schroffer zu. Damit werden auch die Formen, in denen die Klassengegensätze ausgefochten werden, immer gewalttätiger, wenn die steigende Macht des Proletariats das nicht zu paralysieren wüßte. Der Krieg und der ihm vielfach folgende Bürgerkrieg haben auf die nach Humanität oerlangende Gemütsart des Proletariats vielfach schlecht gewirkt und die allgemeine Roheit aller Klassen gesteigert. Aber wo das Proletariat sich Selbständigkeit und Freiheit bewahrt oder erobert hat, da überwindet es rasch die verrohenden Wirkungen des Krieges, da tritt es überall als der stärkste unter den Faktoren der heutigen Gesellschaft hervor, die nach Menschlichkeit verlangen, menschliche Formen des Klassenkampfes anstreben und schließ- lich auch durchsetzen. Geheime tzanüelsvertragsüiplomatie. Die deutsch-franzöfischen Verhandlungen gefährdet. Paris, 1. August.(Eigenbericht.) Im„Pvpulaire* stellt Grumbach fest, bah einmal mehr ein r u ch der deutsch-französischen Wirtschaftsverhandlungen drohe, ohne daß die öffentliche Meinung in Frankreich oder Deutschland wisse, warum. Diese werde systematisch von den Verhandlungen ferngehalten und erfahre nur durch lächerliche, nichtssagende Kom- muniques davon, daß überhaupt Verhandlungen stattfanden. Es habe sich auf diesem Gebiete eine Art Geheimdiplomatie herausgebildet. Sie ist nicht weniger gefährlich für die Mil- lionen Verbraucher und einen großen Teil der Produzenten sowie für den Frieden als die politische Geheimdiplomati«. Der Kampf gegen Sie Nacktheit. Don Paul Gutmann. Man erfährt, daß in Duisburg die Monumentalfigur einer knienden Frau, das Werk des verstorbenen Bildhauers Lehmbruck, von Bubenhänden zerstört worden ist. Zur Abwechslung geht es biesmal nicht gegen Reichsbannorleute oder sog mannte Rassen- fremde, sondern gegen den leblosen Steinklotz eines toten Künstlers. Das Werk— es ist offenbar diefelbe„Kniende*, die wir vor Jahren in der neuen Nationalgalerie„Unter den Linden" bewundern durften— ist der Ausdruck eines um die tiefste Beseelung schwer ringenden Asketen, eines die Gegenwart verneinenden Idealisten. Warum also die Wut gegen ein Werk von absoluter Unsinnllchkeit, von einer an die frühe Gotik erinnernden Verzerrung des Leiblichen ins Uebergeiftige? Etwa, weil hier überhaupt ein nackter weiblicher Körper dargestellt worden ist? Dieses Weib könnte selbst die Phan- taste des ausgehungertsten Säulenheiligen nicht berühren. Weil hier Geist zum Vorschein kommt, weil hier der Triumph des Gedan- kens und der Seele über das niedrig Zeitliche geformt worden ist. Jene Zerstörer eines Kunstwerks haben«inen Instinkt bewiesen, der zur Bewunderung reizen könnte, wenn er nicht so kannibalisch roh wäre. Sie haben klipp und klar gezeigt, daß alle Argumente, die im Kampf gegen den sogenannten Schund und Schmutz, gegen die anstößige Nacktheit und dergleichen vorgebracht werden, nichts als lügenhaft« Phrasen sind, und daß in Wirklichkeit ein ganz anderer Feind oerfolgt wird. Sie haben nicht etwa vor Empörung eins jener illustrierten Schundblätter, auf denen lüstern die lesbische Liebe v:r» herrlicht wird, nicht eine jener widerlichen Nacktdarstellungen, die heute allenthalben auf der Straße ausgehängt werden, in den ver- dienten Schmutz getreten, sie haben das Werk eines Geisteskämpfers beseitigt. Und das ist es, was ihrer Untat den Stempel des Symbo- lischen aufdrückt, was sie in Zusammenhang bringt mit allen jenen Finsterlingen, die sich in Verbrechen gegen den Geist austoben. Die Kunstmörder von Duisburg haben in ihrem rohen Fanatis- mus den Geist als den wahren Feind erkannt Das nackte Weib aus Stein war für sie dasselbe, was das Republikanerabzeichen für die Arensdorfer Hunnen bedeutet. Die Nacktheit, die sich in viehischer Lust austobt, ist nicht gemeint, nicht die Rohheit biersaufender, gröhlender Landsknecht«. Aber gefährlich erscheint ihnen der Ge- danke, der Wahvheitsdrang, der Kampf um den Fortschritt. Da die Menschen im allgemeinen sich immer nur gegen das wenden, was sie unmittelbar bedroht, so wäre die Wut gegen ein Steinbild oder gegen ein Reichsbannerabzeichen unbegreiflich, wenn sie nicht darin Heraus- forderungen gegen ihr eigenstes erbärmliches Wesen erblickten. Die demütig kniende von Lehmbruck war das Symbol, das den frechen Dünkel einer Kaste verhöhnt«, ihre Nacktheit war das Zeichen freien Bekennermutes, das den Affen des ewig Gestrigen, den Clowns unter dem Naskenplunder der Monarchie dos wütig erhitzte Blut durch die Nürnberg, 1. August. Am Sonntagabend starb in Fürth der Genosse Martin S e g i tz im Alter von 74 Iahren. Am 26. Juli 1853 wurde er in Fürth geboren und lernt« nach dem Besuch der Polksschul« als Zinngießer. Ihm wurde so die Not der kleinen Meister und das Elend der Heimarbeiter wohl bekannt, was für den geistig regsamen und sozialempfindenden jungen Mann bestimmend für seinen weiteren Lebenslauf wurde. Gar bald fand er Anschluß an die empor- strebende freie Arbeiterbewegung. Mit vielem Fleiß studierte er die sozialistisch« Literatur und stand bald in den Reihen der leiten- den Genossen. Bald war er über die Grenzen seiner Vaterstadt Fürth hinaus in der Arbeiterbewegung bekannt und nahm sowohl in der Partei wie in der Gewerkschaftsbewegung Vertrauens- stellungen ein. 1879 kam er zum Fürther Kopfblatt der„Frön- tischen Tagespost," der„Fürther Bürgerzeitung" und einige Jahre darauf in die Redaktion der„Fränkischen Tagespost" nach Nürn- berg. Mit den Genossen Grillenberger und S ch e r m gehörte Segitz zu den Begründern der Metallarbeiter- zeitung. Die Arbeiterschaft hatte unter dem Sozialistengesetz oft genug Gelegenheit, die Tätigkeit Segitz' schätzen zu lernen. Als im Jahre 1894 die Nürnberger Arbeiterschaft daran ging, das erste Arbeitersekretariat in Deutschland zu gründen, wußte sie keinen Geeigneteren für die Leitung dieses wichtigen Institutes als den in sozialpolitischen Dingen so überaus erfahrenen Martin Segitz. Unter seiner Leitung entwickelte sich das Arbeitersekretariat zu einer Mustereinrichtung, die später vielfach nachgeahmt wurde. Als der Bestand des Arbeitersekretariats gesichert war, wurde die Arbeitskraft von Segitz auch für parlamentarische Dienste benötigt und nun trat Genosse Segitz wieder in die Redaktion der„Frän- tischen Tagespost" ein, der er bis zum Herbst 1923 an- gehörte. Im bayerischen Landtag zählte Genosse Segitz mit zu den ersten sozialdemokratischen Abgeordneten. Er gehörte der Kammer 30 Jahre lang an und war in der letzten Zeit ihr Alters- Präsident. In den letzten Monaten hinderte ihn allerdings Krankheit daran, sein Mandat auszuüben. Nach der Revolution hatte Ge- nosse Segitz zuerst das schwierige Amt eines D e m o b i l- machungskommisfars zu verwalten und später stand er sowohl dem Ministerium des Innern wie dem Sozial- Ministerium vor. Dem Reichstag gehörte Genosse Segitz als Abgeordneter des Wahlkreises Fürth-Erlangen-Hersbruck-Lauch vom Jahre 1898 bis 1903 an. Mit der Fürther Parteibewsgung war Segitz verbunden wie kein zweiter. Zwar gehörte er nicht zu den Gründern der örtlichen Parteiorganisation, aber als er Ende der 1860er Jahre zur Parteibewegung stieß, war er bald ihr geistiger Leiter. Als die Parteibewegung in Fürth soweit gestärkt war, daß sie bei Wahlen mit einem eigenen Kandidaten austreten konnte, war es nur ein einziger, der als Nachfolger August Bebels für die Reichstagskandidotur in Frag« kam, Martin Segitz. Auch in den örtlichen Körperschaften war Genosse Segitz als Mitglied tätig. Schon 1893 wurde er in das Gemeindekollegium Fürth gewählt, dessen Mitglied er blieb, bis die neue Gemeindeordnung das Einkammersystem brachte. Die Beerdigung ist auf Mittwoch nachmittag 3 Uhr angesetzt. Kommunalpolitifche Konferenz. Die Bedeutung des Verhältniffes zur Landwirtschaft. Kassel. 1. August.(Eigenbericht.) Im Gewerkschaftshaus zu Kastel tagte am Sonntag eine kommunalpolitische Konferenz der Partei, die von über 100 Delegierten des Agitationsbezirks Hesten-Kastel besucht war. Die Tagesordnung enthielt als Hauptpunkt ein Referat des Landtagsabgeordneten G«- nosten W i t t i ch, Frankfurt a. M. Genosse Wittich stattete sein Referat mit ungemein reichem Zahlenmaterial aus und gab einen instruktiven Einblick über die Entwicklung der Landwirt- s ch a s t und der Industrie, wobei er besonders auf die Weltwirtschaft- lichen Veränderungen hinwies. Als Hauptaufgabe der deutschen I Adern jagte. Sie hätten vielleicht lieber mit den Stiefelabsätzen einen Reichsbannermann zertreten, sie haben sich begnügt, das Werk eines freien und wahrhast Schaffenden in Trümmer zu schlagen. Scheiöungsfitber in Rußland. Die Scheidungen nehmen in Rußland immer mehr zu, wie die letzten Statistiken beweisen, die in der„Krasnaja Gazeta" veröfsent- licht werden. Während der ersten fünf Monate dieses Jahres wurden in Petersburg 9681 Ehen und 7255 Scheidungen in die Register eingetragen. Die entsprechenden Zahlen während derselben Monate 1926 waren 8472 Ehen und 2126 Scheidungen. Während im Jahre 1926 auf je 100 Ehen 26 Scheidungen kamen, hat sich in diesem Jahre der Prozentsatz verdreifacht, so daß er jetzt mehr als 75 Proz. aller Ehen ausmacht. Dieses Scheidungsfieber ist nicht verwunderlich, wenn man die Entwicklung der Ehescheidungsgesetze während der Sowjetregierung berücksichtigt. Seit der Revolution werden immer neue Versuche mit der Vereinfachung der Ehe- schließung und Ehetrennung gemacht. Im Dezember 1917 wurden alle religiösen Zeremonien bei der Ehe verboten und nur die Zivil- trauungen zugelassen. Die kirchliche Heirat, die unter der Zaren- Herrschaft die einzig gültige in Rußland war, wurde durch einen ein- fachen Gesellschaftsoertrag ersetzt. 1925 ging man dann noch weiter und erklärte die Tatsache des Zusammenwohnens zweier Personen verschiedenen Geschlechts für genügend zur Eheschließung. Ueber diese Bestimmung waren besonders die Bauernfrauen aufgebracht und erklärten, daß sie es sowieso schon schwer genug hätten, ihre Männer bei sich zu behalten. Daraufhin wurde die Maßnahme zurückgenommen, aber am 1. Januar 1927 wieder durchgesetzt mit der einzigen Rücksichtnahme auf die Bauernbevölterung, daß es für „wünschenswert" erklärt wurde, wenn sich die Eheschliehenden im Standesamtsregister eintragen ließen. Dies geschieht aber besonders in den Städten nur selten. „Sie sind zusammengezogen" ist der ganz übliche Ausdruck für den Abschluß einer Heirat. Ein junger Mann, der ein junges Mädchen kennen und lieben lernt, bittet sie einfach, zu ihm zu ziehen, es sei denn, daß sie selbst ein größeres Zimmer hat, worauf er sich bei ihr einquartiert. Nur wenn sie beide gewissen Wert auf Acußer- lichkeiten legen, begeben sie sich innerhalb eines Monats auf ein Standesamt und teilen dort ihre Heirat mit. Die Ehescheidung, die ja nach dem kanonischen Recht in Rußland verboten war, ist etwas ganz neues; sie vollzieht sich jetzt in den einfachsten Formen. In der amerikanischen Zeitschrift„Liberty" schildert Elias To- benkin eine solche Scheidung, wie sie allgemein üblich stt. Die Szene ist auf einem Mostauer Standesamt. Ein junges Paar tritt ein und übergibt dem Ehescheidungsbeamten, einem Mädchen von etwa 22 Iahren, seine Personalpapiere.„Etwas über ein Jahr ver- beiratet" stellt diese fest.„Kinder vorhanden?"„Kein Kind," er- klären beide.„Welchen Namen wollen Sie künftig tragen?" wendet sich nun die Beamtin an die Frau.„Meinen Mädchennamen," er- widert diese. Die Beamtin streicht«ine Zeile in einem Buch aus, schreibt etwas auf die Papiere der Frau und die des Mannes, stempelt sie— und die Scheidung ist erfolgt. Solche Scheidungen werden in einem Bormittag viele auf einem Standesamt vollzogen. Landwirtschast bezeichnete er die Sicherung einer ausreichenden- Volksernährung aus eigener Kraft, wobei er sich gegen die Schutzzoll- Politik der Rechtsparteien wandte und für eine Jntenswerung der Viehwirtschaft eintrat. Uns als Sozialdemokratische Partei müsse es ferner angelegen sein, sich mit aller Kraft für die soziale und kulturelle Hebung des deutschen Bauernstandes einzusetzen. Das Referat fand starten Widerhall. Die Debatte bewies, wie wichtig diese Frage be- sonders in den Parteibezirken ist, die einen starken agrarischen Einschlag aufzuweisen haben. Außer diesem Tagesordnungspunkt wurde noch ein Referat des Kreisdeputierten Genossen P r e ch t über Gegenwartsaufgaben der Sozialdemokratie in der Kommunalpolitik behandelt, wobei in erster Linie rein praktische Beispiele herangezogen wurden. Auch an dieses Referat knüpfte sich eine sehr rege Debatte, aus der hervorging, daß noch mehr als bisher die soziale Kommunalpolitik zielbewußter zu gestalten ist._ vertrauenskunügebung für hörsing. Frankfurt a. M.. 1. August.(Eigenbericht.) In der letzten außerordentlich stark besuchten Versammlung des hiesigen Reichsbanners konnte Bankier Frohmann von der Demo- kratischen Partei unter lebhafter Zustimmung aller Kameraden fest- stellen, daß alle Kameraden, ganz gleich welcher Partei sie ange- hören, ihrem Führer dafür danken, daß er jetzt seine ganze Kraft dem Reichsbanner widmen wolle. Die Versammlung gestaltete sich zu einer machtvollen Vertrauenskundgebung für Otto H ö r s i n g._ Hegen Sie tVleüerkehr von Grchies. Paris bedauert die zwecklose Auseinandcrsetzuug. Paris, 1. August.(Eigenbericht) In Pariser Blättern werden die Auseinandersetzungen über die Ereignisse von O r ch i e s und der scharfe Charakter, den sie in einem Teil der deutschen, besonders der Rechtspresse, angenommen haben, lebhaft bedauert. Sämtliche hiesigen Blätter unterstreichen die völlige Zwecklosigkeit einer solchen Auseinandersetzung. die die guten Beziehungen zweier Völker grundlos wieder zu kom- promittieren drohe. Wo alle derartig schmerzlichen Fragen erhoben werden, sind solche Streitigkeiten nutzlos und gesährlich für den Frieden, schreibt der„Ouotidien". Es handle sich nicht mehr darum. sich über das zu streiten, welche Gründe der einen oder anderen Partei ausschlaggebend gewesen sein mögen, sondern nur darum, durch einen Appell an die Vernunft ihrer Wiederkehr vorzu- beugen._ die gescheiterte Polen-Anleihe. Die Oeffentlichkeit erfährt nichts. Warschau, 1. August.(Mtb.) Die polnische Oeffentlichkeit beginnt immer, mehr, sich mit der mißglückten polnischen Anleihe zu beschäftigen. Bor allen Dingen wird verlangt, daß die Oeffentlichkeit über die Lage der Dinge aufgeklärt werde. In Finanzkreisen wird behauptet, daß die Erklärung der Regierung, die Lage in Amerika sei für jede Auslandsanleihe ungünstig, nicht den wahren Grund für den Abbruch der Anleiheverhandlungen bilden könne, denn inzwischen seien andere Anleihen in Amerika zustande gekommen, so z. B. die dänische Anleihe._ Goethe-Bünde gegen Reichsschulgeseh und Konkordat. Den Mit- gliedern des Reichsrats und des Reichstags ist ein von den Goethe- Bünden in Berlin, Bremen(Vorort), Breslau, Delmenhorst, Dresden und Stuttgart unterzeichneter Einspruch gegen Reichsschulgesetz und Konkordat zur Kenntnis gebracht worden. Das isländische Parlament. Das endgültige Ergebnis der Wahlen zum isländischen Alching liegt nunmehr vor. Es erhielten die Sozialisten 6080 Stimmen und 4 Sitze(bisher 2), die Konservativen 13. die Bauernpartei 17, die Liberalen 1, die Unab- hängigen 1. Die Gründe brauchen nicht angegeben zu werden. Der Staat hat nur an den etwa vorhandenen Kindern Interesse, für deren Er- Ziehung einer der beiden Ehepartner sorgen muß. Die Zustände sind soweit gediehen, daß sich viele Moskauer Damen mit jeder neuen Jahreszeit einen neuen Mann zulegen; besonders verlassen junge Frauen ihre älteren Männer, während wieder ältere Herren sich von ihren Frauen trennen, um jüngere schöne zu heiraten. Gegen diese Seuche der Scheidungen gibt es kein gesetzliches Mittel, aber doch immerhin ein gesellschaftliches. Die Frauen schließen sich zu- sammcn und boykottieren den Mann, der seine Frau schlecht behau- delt oder verläßt. Ein solcher findet dann keine andere Frau. Aber das ist natürlich nur in kleineren Gemeinden, besonders unter den Bauern, möglich, nicht in den großen Städten. hinter rasenöen Motoren. Es genügt nicht, als Besucher auf der Tribüne gesessen zu haben. das Rennprogramm vor sich, in der Hand das Fernglas, um den angenehmen Nervenkitzel des wahnsinnigen Kampfes um den Rekord zu fühlen— es genügt auch nicht, neben den donnernden, keuchenden Motoren gestanden und eine ölschmutzige Hand mit den besten Wünschen zur Fahrt gedrückt zu haben— erst wenn man selbst ein- mal in einem jagenden, rasenden Fahrzeug gesessen ist— wenn alles Denken sich auf das schmale graue Band der Bahn dort vor dem Kühler konzentriert und der Zetter des Taxometers vorwärtsrückl, langsam stetig— erst dann versteht man die Schönheit dieser Tollheit. An jeder Kurve, an jeder Kreuzung hockt der Tod und lauert. Aber daran denkt man nicht. Fühlt nur die Gefahr— fühlt die Maschine, die hämmert und klopft und faucht— fühlt, wenn sie nach- läßt, wenn sie hungrig ist— fühlt, wenn sie steigt in der Leistung— man fühlt, selbst zur Maschine geworden— die letzte Verbindung zwischen Wille und Motor-- Kurve um Kurve.— Die Spannung der Nerven ist ein klammern- der Griff.— Ah— man müßte schreien können— schreien gegen die Spannung— aber dann ist es ja vorbei— dann ist die Kraft fort— die Kompression des Willens. Kurve um Kurve-- der Zetter des Taxometers fällt zurück— hinten rast und donnert der zweite Wagen— nicht umsehen, weiter — weiter— qualvolles Weiter— jagen-- Gas... Gas... l Und wieder Kurve. Und wieder sitzt dort der Tod und grinst. Und wartet. Aber daran denkt man nicht. Eine Maschine denkt nicht-- Gas--- Gas--- n Stunde um Stund« vergeht. Runde um Rund«. An den Tri- bünen vorbei— deren Menschen zu einem grellen Farbenchaos ver- schwimmen. Ein« Fahrt ohne Ziel-- auf einem heimtückischen schmalen silbergrauen Band. Bis ein Reifen platzt— bis der Tank leergssoffen ist. Das sind dann jagende Sekunden— eine Zigarette— keine Hand ist schnell genug. „Los— rasch—?" „Und wenn sich die Schraube lockert?" Rein— nein— nein.— Sie lockert sich nicht— nein.— Und Aentrumspessimismus. Wird«nd kann der linke Flügel des Zentrums sich durchsetzen? In der„Frankfurier Zeitung" untersucht der bekannte Zentrumspublizist Dr. Heinrich Tripel die Gründe, die es dem linken Flügel des Zentrums bisher unmöglich gemacht haben, sich durchzusetzen. Er stellt zunächst fest, daß bei den Zentrumswählern tiefe Unzufriedenheit mit der Rechts- koalition herrscht: „Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß die große Mehrheit der Zentrumswählerschaft mit der Koalition der Rechten unzufrieden ist. Der jetzige Reichskanzler, Dr. Marx, ist es selbst gewesen, der in der Ver- gangenheit wiederholt sich gegen eine Teilnahm« der Deutschnatio- nalen an der Regierung ausgesprochen hat. Man braucht nur seine Wahlreden zu den Reichstagswahlen des Jahres 1924 nachzulesen — bekanntlich ist in jenem Jahre der Reichstag zweimal aufgelöst worden—, um dies nachweisen zu können. Alle diese Wahlkämpfe, auch den um die Reichspräsidentschaft, hat er mit ausgesprochener Frontstellung gegen die Deutschnationalen in vorderster Linie ge- führt. Kein politisches Gebiet lag dabei außerhalb des Schlacht- geländes. Auch das kulturpolitische nicht. Und Marx mag auch wohl heute noch zuweilen ein« große Sorge darob empfinden, daß er sich um kulturpolitischer Ziele willen mit Politikern verband, für die Schule und Religion nur Mittel zur Stabilisierung ihrer reaktionären politischen Machtstellung sind. Das muß sich rächen, auch gm Zentrum. Jedenfalls sind alle diese Kämpfe in der Zentrums- Wählerschaft noch nicht vergessen. Dasselbe gilt hinsichtlich der skrupellosen deutschnationalen Opposition in der Zeit, da Dr. Wirth Reichskanzler war. Wer heute in Zentrumsversammlungen spricht und dabei hervorhebt, daß zwar die jetzige Regierungskoalition manches Gesetz zustande gebracht hat, das für die Deutschnationalen ein parteipolitisches Opfer bedeutet, daß aber im Grund« nichts ge- slhehen ist, was die Zentrumspolitik als solche fördern könnte, der kann des Beifalls gewiß sein. Er braucht nur zwei wichtige Punkte hervorzuheben, die Reichswehrreform und die Wahl- r e f o r m, um daran erkennen zu lassen, wie wenig die politische Initiative in der bestehenden Koalition beim Zentrum liegt. Die Animosität gegen die Deutschnationalen ist noch nicht im geringsten verloren gegangen." . Der politische Wille der Zentrumswähler also spricht gegen den Bürgerblvck, aber— so oersichert Teipel mit tiefem Petsimismus— das Schwergewicht des rechten Flügels der Rcichstagsfrakbion des Zentrums wird auch in Zukunft diesen politischen Willen innerlich aushöhlen: „Wenn die nächsten Wahlen keine Mehrhell der Weimarer Koalition bringen, dann ist es so gut wie ausgeschlossen, daß eine ander« Koalition als der Block der Rechten gebildet werden wird. Dann wird es gewissen Leuten der Zentrumsfraktion immer leicht sein, die berühmte„Zwangs: läge" herzustellen, indem die Deutsche Bolkspartei ermutigt würde, jede andere Koalition als eine Koalition der Rechten abzulehnen." Der linke Flügel des Zentrums könne daran nichts än- dern, solange das Listenwahlsystem bestehe. Das Listenwahl- system bringe ein System der Abhängigkeiten der Zentrums- abgeordneten mit sich, das die Rechte begünstige. Teipel schildert diese Abhängigkeiten in folgenden Ausführungen: „Ist es denn nicht möglich, daß das Gewicht des linken Flügels innerhalb der Zentrumsfraktion stärker werde und solche Männer zum Schweigen bringe, die aus bekannten, aber ver- hüllten Gründen die Koalition der Rechten anstreben? Diese Frage ist u n b e di n g t zu verneinen. Es müßten Wunder- dinge geschehen, ehe von den nun einmal festgelegten Kandidaten- listen des Zentrums«in Kandidat oerschwände und einem anderen Platz machte. Noch größere Wunderdinge aber müßten geschehen, damit an die Stelle eines rechtsgerichteten Kandidaten auf der Wahlliste ein linksgerichteter nominiert würde. Es kommt, noch hinzu, daß die im Zentrum ernannten Kandidaten in der Hauptsache Interessenvertreter sind, bei denen der schon donnert wieder der Motor, daß der weiße Wasserdampf aus den, Kühler schlägt und die langen Funken aus dem Auspuffrohr zischen-- Gas-- Gas! An dem anderen vorbei, der die Zähne zusammenbeißt im staubschwarzen Gesicht— und am Tod vorbei, der bei dem brennenden Wagen eines Gestürzten sitzt und grinst.— Und dann ist die letzt« Runde gefahren. Ganz langsam als sei er plötzlich sehr müde geworden, fährt der Wagen vor. Im Mega- phon schrillt eine heisere Stimme Zeit, Stunden, Minuten, Sekunden — die Kapelle spielt einen grellen Tusch— der frernd klingt nach den, betäubenden Donner der Maschine-- Hände klatschen— viele Menschen schreien Bravo-- Waren es Stunden? Oder Sekunden? Man wankt ein wenig, wenn der feste Boden unter den Füßen ist. Man schließt die Augen.— Muß sie schließen. Was war? Es ist«in seltsamer Augenblick, wenn man wieder Mensch ist. Nicht mehr Maschine. Wenn man denkt. Nicht fühlen muß! Man lächelt über die Menschen, die Bravo brüllen und schreien und klatschen-- man möchte das heiße Metall des Wagens ein wenig streicheln-- 1_ Otto W a l l m i ch r a th. Das lakeinische Alphabet für lürkisch-tarlarische Sprachen. Unter dem bunten Völkergen, isch der Sowjetunion besinden sich etwa 15 bis 29 Millionen Angehörig« türkisch-tartarischer Stämme, bei denen, wie bei allen Mohammedanern, bis heute das arabische Alphabet im Gebrauch war. Auf Veranlassung Moskaus fand jedoch 1926 in Baku ein türkologischer Kongreß statt, an dem unter anderem auch deutsche Türkologen teilnahmen und der den prinzipiellen Reform- boschluh faßte, möglichst bald in allen Schulen und im Schrifttum der Sowjettürken und Tartaren das arabische Alphabet durch das lateinisch« zu ersetzen. Nun hat, den Bakuer Blättern zufolge, die Aserbeidschaner Sowjetregierung das endgültig bearbeitete lateinische Alphabet für Türko-Tartaren angenommen und dessen Einführung und alleinigen Gebrauch vom September 1927 an in Schulen, Presse und Literatur angeordnet. Ein römisches Thealer bei klagenfurl ausgegraben. Der Pro- fcssor der Archäologie an der Wiener Universität, Rudolf E g g e r, gräbt zurzeit aus dem Zollfeld bei Klagenfurt ein interessantes römisches Theater aus. Die Anlage befindet sich aus zwei überein- anderliegenden Terrassen, von denen die obere Tanzplatz und Bühne trägt, während eine aus. schön geschliffenen, teilweise bemalten Mar- morblöcken bestehende und bis zum ersten Stock erhaltene antike Palastfassade den Abschluß bildet. Das Theater ist etwa 79 Meter breit und faßte in dem amphitheatralischen Zuhörerraum etwa 2999 Personen. Das Theater stammt aus dem 1. Jahrhundert n. Ehr. Ewe talenmtloaal««uafiavsNelluvg wurde in Hamburg am Sonntag anläßlich der Hundertjahrfeier de« Kunstverem» eröffnet. c« Corbnfler, der bekannte ftubrcr der modernen französischen Architektur. wird im Herbst d I. eine Vortvk>«reiie durch Deutichland veranstalten, die mit einem Vortrag über städtebauliche Probleme iu Hamburg be- ginnen wird. Der eng Usch e«srlkaforschec Harry Zohnston ist. wie au« London ge- meldet wird, g-ft-rd-n. Er hat u.». de» Kongo erforscht und wlssenschaft- liche Beobachtungen am Kilimandscharo augestellt. Englischer Druck im nahen Grient» Das ferne Moskau gemeint, Aegypten und Irak getroffen. Haifa, im Juli.(Eigener Bericht.) Der Abbruch der russtsch-englischen Beziehungen beginnt auch im Mittleren Osten einen Zustand zu offenbaren, der tatsächlich schon seit langem besteht. Wie an einem tranken Körper traten auch hier zum ersten Male nach außen hin die Anzeichen auf, daß der politische und soziale Organis- mus des Nahen Orients schwere Krankheitskeime in sich trägt. Eine objektive Prüfung der Sachlage zwingt hierbei zunächst zu der Feststellung, daß Rußland an diesem Ort und in dieser Phase der Auseinandersetzung der passive Teil ist; es hat aller Wahr- fcheinlichkeit nach, nur aus Mangel an Mitteln und an geeigneten Objekten, kaum etwas getan, was eine englische Aktivität in diesem Umfange rechtfertigte. Im Mittleren Osten ist von russi- scher Propaganda zurzeit recht wenig zu spüren. Selbst die jüdischen Kommunisten Palästinas unterlassen zurzeit ihre Agitation. Alle Handlungen Englands sprechen dagegen für den Willen,«ine Stund« zu nützen, die so rasch nicht wiederkehrt. Ueberall, wo Englands Ein- fluß am Werke ist, äußert sich«ine geradezu krankhafte Aktivität für den Ausbau der politischen und militärischen Machtpositionen, die weit mehr als Symptom einer ner- vösen Ueberreizung als des Bewußtseins einer völligen Ueberlegenheit über den Gegner zu werten ist. Die Stellen, an denen die Arbeit Englands eingesetzt hat, sind rein militärischer Art. Für eine politische Aktion gegen den Bolsche- wismus bleibt England im Mittleren Osten nicht viel zu tun übrig. Es war ein Leichtes, die verschiedenen Staaten zu einer a n t i- bolschewistischen Einheitsfront zusammenzubringen, die pratisch in einer überstaatlichen Polizeiaktion besteht. Diese Heilige Allianz im Duodezformat hat das Sicherheitsbedürfms Eng- lands aber nicht befriedigt. Der Mittlere Osten, von Aegypten an- gefangen bis zum Persischen Golf, bildet für England im Falle eines asiatischen Konflikts ein wichtiges Aufmarsch- und Etappengebiet, das vor allem der militärischen Sicherung be- darf. Deshalb sind au zwei verschiedenen Stellen zv gleicher Zeit Konflikte ans- brachen, denen die gleichen Motive zugrunde liegen. Sowohl in Kairo wie in Bagdad kämpft die englische Politik um den ausschlaggebenden Einfluß auf die Armeen beider Staaten. Hier wie dort setzt England alle Hebel in Bewegung, die Posten der obersten Befehlshaber mit britischen Militärs besetzt zu halten, um den Staaten zwar die be- trächtlichen Lasten eines Heeresbudgets aufzuhalsen, während die Heer« als solche gefügige britische Machtinstrumente werden sollen. Die Zentren des Widerstandes gegen die englischen Versuche sind an beiden Orten die Bolksvertretungen. Zwar sind sie weder in Aegypten noch in Mesopotamien pazifistisch, geschweige denn sozialistisch oder gar kommunistisch orientiert. Sie sind lediglich die Vertreter einer Klasse, die noch auf lange Zeit hinaus das soziale und das politische Leben des Mittleren Ostens bestimmen wird und die ein buntes Gemisch von Vertretern des Großgrundbesitzes und des Großhandels darstellen, teilweise durchsetzt mit bereits proletarifierten Intellektuellen, aus deren Reihen ihre führenden Köpfe und die konsequenten Borkämpfer ihrer nationalen Freiheitsideen kommen. Diese Elemente nehmen ähnlich wie die bürgerlich« Opposition Chinas gelegentlich geistige Rücken- deckung bei Moskau. Von einer inneren Verbundenheit mit dem Bolschewismus kann selbst bei den Radikalsten von ihnen kaum die Rede sein. Wenn deshalb England gegen die Opposition, die sich einer Verewigung der britischen Herrschast im Zeichen des Kampfes gegen den Bolschewismus widersetzt, zu Feinde zieht, so reitet es be- wüßt gegen Windmühlen an. Die politische Offensive, die England in beiden Ländern mit Hilfe seiner„Könige" Fuad und Faisnl gegen die widerspenstigen Elemente unternimmt, trägt den Charakter innerer Unwahrhastigkeit und läuft auf die Beseitigung des Einflusses der Bolksvertretungen durch eine Art faschistischer Diktatur hinaus. Die ägyptische Hofpartei rüstet bereits zu einer Wahl- kampagne gegen die Parlamentsmehrheit mit einer von dem eng- lischen Oberkommissar Lord Lloyd erfundenen Musik. Sie wird zu dem Text gespielt, daß das ägyptische Parlament nicht der Aus- druck des Volkswillens, sondern der Tummelplatz von die wahren Bolksinteresien schädigenden Demagogen sei. Auch im Irak hält sich ein Abenteurer von Englands Gnaden, der ehemalige türkische Freischarenführer und Inhaber des„Eisernen Kreuzes", I a s f a r Pascha a l Askari, zu einem kleinen Staatsstreich für den Fall bereit, daß die Volksvertretung ivider den englischen Stachel lecken sollte. Was sich auch aus diesem Chaos entwickeln wird, der Versuch, die brüchigen Stellen des englischen Imperiums mit Hilfe Völker- rechtlicher Spitzfindigkeiten durch ein« Militärdiktatur zu versteifen, ist zum mindesten sehr gewagt. Er wird vielleicht für einige Zeit gewisse Erfolge bringen, aber nach politischen Crfarungs» gesetzen pflegen solche Mittel gerade in dem Augenblick zu ver- sagen, wenn sie zur praktischen Anwendung kommen. Wenn Eng- lands Stellung im Mittleren Osten durch nichts anderes gehalten werden kann, als durch eine Säbeldiktatur, dann ist es um seine Aussichten nicht gerade gut bestellt und es kann wirklich zu Katastrophen kommen, wenn es nicht gelingt, die englische Borbeugungspolitik noch rechtzeitig mit einem anderen und besseren Geist zu erfüllen. poltische Wille weniger Bedeutung hat als der Wille, die besonderen Berufsinteressen zu vertreten. Der Hinweis darauf, daß doch die Masse der katholischen Arbeiter politisch links orientiert ist, besagt wenig, weil es meistens Gewerkschastsbeamte sind, die als Arbeitervertreter auf der Lsste Platz finden. Diese Beamten aber sind Herrn Stegerwald Untertan, dessen Tendenz nach rechts einmal durch den gewerkschaftlichen Gegensatz gegen die freien Gewerkschaften festgelegt ist, der aber auch als Führer des Deusschen Gewerkschaftsundes ein großes Interesse daran hat, daß die Re- gierungstoalition im Reiche der parteipolitischen Zusammensetzung der im Deutschen Gewerkschaftsbunde oereinigten Organisationen parallel bleibe. Die Minderheit in der Zentrumsfraktion aber bleibt bei den letzten Entscheidungen ohne Kraft, weil keiner der Abgeordnetey es wagt, wider den Stachel zu l ö ck e n. Denn«r ist ja politisch unselbständig. Er hat sich seinen Wahlkreis nicht selbst erobert, sondern er wird von den unteren Pa r t e i i n st a n z e n auf die Liste gesetzt und ist von deren guter Meinung abhängig. Die unteren Parteiinstanzen aber sind selten freie Arbeiter, sondern meistens wieder G e w e r k- schaftsbeamte und Mittelständler, Landwirte, die ihr politisches Bekenntnis gewöhnlich von den Erfahrungen be- stimmt sein lassen, die sie in den Kommunen machen. In den Kommunen aber ist der Bürgerblock und die bürgerliche Einheitsliste an der Tagesordnung. Zu alledem kommt die nach rechts neigende Haltung des höheren Klerus, mit der jeder Zentrumsabgeordnete zu rechnen hat. So ist das Fraktionsmitglied sehr gebunden, und daraus ergibt sich die eigentümliche Tat- fache, daß Dr. Wirth zwar in der Fraktion starte Sympathien besitzt, ja daß man ihm auch in hohem Maß« Recht gibt, daß aber nichtein einzigervon diesen diepersönliche Zivil- kurage aufbringt, sich mit ihm solidarisch zu er- klären. So wird denn gegen die Meinung der Wähler- s ch a f t, angeblich infolge einer„Zwangslage", die Koalition der Rechten d i e Koaliton der Zukunft bleiben, wenn nicht das System, wie es heut« ist, in der Wurzel revidiert wird." Aus diesen Darlegungen spricht tiefer Pessimismus und Resignation. Für di« Sozialdemokratie heißt die Schluß- folgerung: alle Kräfte müssen auf den kommenden Wahlkampf konzentriert werden, um durch einen sozialdemotrati- schen Wahlsieg dem Bürgerblock die parlamentarische Grundlage zu entziehen._ Der golüene Defreiungssäbel. Le Rond vermittelt vergeblich zwischen Litauen und Polen kowno, 1. August. Der aus seiner oberschlesischen Tätigkeit wohlbekannte sran- zösische General L e Rond stattet zur Zeit den baltischen Ländern einen Desuch ab. Er wurde in Kowno mit großen Ehren empfangen und vom litauischen Staatspräsidenten mit dem litauischen Ritter- kreuz dekoriert. Man nimmt hier allgemein an, daß der Ge- neral versucht hat, eine litauisch-polnische Versöhnung anzubahnen, daß aber seine Bemühungen ganz erfolglos geblieben sind. Le Rond reiste von Kowno weiter nach Riga. Wenn auch ein kleiner Kreis in Kowno einzusehen beginnt, daß der immer noch bestehende Kriegszustand zwischen Litauen und Polen ein Ende finden muß, so widersetzen sich doch die chauvinistischen Parteien jedem Kompromiß. Die aus Amerika zurückgekehrten A u s- wanderer, die das wohlhabendste Element in Litauen bilden, schenkten dem litauischen Oberkommandierenden General Shukauskas einen goldenen Säbel mit dem Motto:„Mit diesem Schwert sollst Du Wilna erobern!" Alle Meldungen über eine angebahnte litauisch-polnische Aussöhnung werden hier als unbegründet be- zeichnet. Norwegen hat mit Deutschland und Oesterreich Verhandlungen über die Aushebung des Paßvisums begonnen. Kommunisteugesetz in Brasilien. Die Abgeordnetenkammer Brasiliens genehmigte mit 118 gegen 18 Stimmen den Gesetzentwurf über die Unterdrückung des Kommunismus in Brasilien. Litauische Diktaturfreunüe. Smetona läsit sich huldigen. kowno, 1. August. Der litauische Staatspräsident Smetona befindet sich wiederum- auf einer Reise durch Litauen, wobei ihm in Stadt und Land feierliche Empfänge bereitet werden, an denen sich die Rechtsparteien und die jüdischen Organisationen zahlreich beteiligen. Beim Empfang in der Ortschaft Gruslauke begrüßte der katholische Priester den Präsidenten mit einer längeren Ansprache, in der es hieß: Die staatserhaltenden Elemente in Litauen wünschten keine Wahlen, sie seien auch mst�em Kriegszustande und der Zensur einverstanden, mit deren Beseitigung sich die Regierung nicht übereilen sollte. Smetona möge dauernd an der Spitze der Regierung bleiben. Kein Einschwenken der Arbeiterparteien. Die»Lietuvas Zinkos" erklärt die Meldung der Regierungs. presse über eine angeblich abgehaltene Geheimkonferenz der Sozialdemokraten und der Volkssozialisten, die sich für eine „rücksichtsvolle" Haltung gegenüber der Regierung ausge- sprachen hätte, für falsch. Es handle sich hier nur um einen „W u n s ch t r a u m" der Regierungspresse. Ernannte �bgeorünete". Ein reaktionärer polnischer Wahlreform-Plan. Hemberg, 1. August.(OE.) Mehrere Warschauer und Lembergcr Blätter melden, daß die polnische Regierung, die eine öffentliche Stellungnahme zu der von den Rechts- und Mittelparteien erhobenen Forderung nach einer Reform der Wahlgesetze bisher stets vermieden hat, jetzt selbst an einem solchen Reformplan arbeitet. Die Blätter registrieren dabei ein in den Warschauer politischen Kreisen um- laufendes Gerücht, dessen Entstehen allein schon für das in Polen herrschende politische Regime höchst bezeichnend ist: in der Kanzlei des Ministerrats werde ein Projekt ausgearbeitet, das die Cr- nennung eines Teiles der S e j m a b g e o r d n e t e n durch die Regierung vorsehe, und zwar soll die Zahl der ernannten„Bolksvertreter" der Zahl der nicht abgegebenen Stimmen entsprechen. Bei einer Stimmenthaltung von 25 Proz." der Wahlberechtigten wäre also die Regierung in der Lage, ein Viertel der Sejmsitze für Männer ihrer Wahl m Anspruch zu nehmen, die zusammen mit den regierungsfreundlichen Abgeordneten die er- wünschte Mehrheit bilden könnten. Daß ein verfassungsmäßiges Zustandekommen einer solchen„Parlamentsreform" kaum denkbar ist, nehme den Mitteilungen nichts von ihrer Glaubwürdigkeit. pause in üen tschechischen Verhandlungen. Interessengegensätze der Metallindustrien. Prag. 1. August.(WTB.) Die tschechoslowakische handelspolitische Deputation mit den Vertretern der verschiedenen Industrien ist von Berlin zurückgekehrt. Zu weiteren Verhandlungen wird es nach der Sommerpause un- gefähr Anfang September kommen. Inzwischen werden Be- ratungen der einzelnen Industrien stattfinden. Während die Stand- punkte der tschechoslowakischen und der deutschen Textilindustrie sich bereits ziemlich genähert haben, bestehen in anderen Zweigen, vor allem in der M e t a l l i n d u st r i e, noch bedeutende Differenzen. Soroöin noch in Ehina! Hontau. I. August.(Reuter.) Die Fraget ob der vormalige russssche Ratgeber der Hankau- Regierung, Borodin, tatsächlich abgereist sei, wurde von seinem per- sönlichen Vertreter lächelnd verneint, der erklärte, es sei aus- geschlossen, daß Borodin sein« Verbindung mit der chinesischen Revolution abschneiden sollt«. Der Vertreter bezeichnet die Meldung als vollkommen unwahr". Internationaler Gewerkschastskongreß. Die erste Sitzung im„Grand PalaiS". 5. 5. Paris. 1. Augusts(Eigenberichts Heute vormittag 11 Uhr wurde in Paris im Grand Palais oer Internationale Gewerkschastskongreh er- öffnet. Der groß« Saal, in dem der Kongreß stattfindet, ist mit den Fahnen der französischen Gewerkschaften reich geschmückt. Pur. c e l l, der Vorsitzende des Internationalan Getöerkfdjaftsbundes, er. öffnet den Kongreß, indem er zunächst der Toten der Gewerkschasts- internationale und der internationalen Arbeiterbewegung gedenkt. In einer längeren Ansprache erinnert er dann an die Entwick- lung der letzten Jahre� Die wirtschaftliche Entwicklung der letzten 10 Jahre ist so ungeheuer, daß in früheren Perioden min. bestens 100 Jahre dazu nötig gewesen wären. Purcell weist dann besonders auf die Lage der Koionialvölker hin, wo durch die rapide Entwicklung des Kapitalismus die Lage der Arbeiter- schaft eine besonders bedrohlich« war. In diesem Zusammenhang bespricht Purcell eingehend die Ereignissein China, das heute der Schauplatz der größten kapitalistischen Konkurrenzkämpfe geworden ist. Von den zahlreich eingetroffenen Delegierten sind aus Deutschland unter anderen Leipart, Aufhäuser und Tar- n o w anwesend, aus Oesterreich H u e b e r und Domes, aus Frankreich I o u h a u x und L e n o i r. aus England H i ck s und Purcell. aus Holland Stenhuis, Oudegeest und Brown find als Sekretäre des IGB. anwesend. Außer den Vertretern der Gewerkschaften sind die internationalen Berusssekretäre anwesend, darunter Fimmen und andere. Unter den eingeladenen Gästen be- findet sich F r i tz A d l e r, der Sekretär der Sozialistischen Arbeiter- internationale, Bracke von der französischen Partei, Macdo- n a l d von der englischen Arbeiterpartei, serner Albert T h o- mas, der Direktor des Internationalen Arbeitsamtes. Protest öes Deutschen Mustkerverbanües. Gcgcn das„Schlestsche Landesorchester". Der Deutsche Musikerverband hat an das Preußische K u l t u s m i n i st e r i u m eine Eingabe gerichtet, die sich mit dem unglaublichen Vorgehen des„Schlesischcn Landcsorchcsters* gegen die Orchcstermusiker beschäftigt. Das Ministerium hat, wie wir er- fahren, den Regierungspräsidenten von Breslau zu einem Bericht ausgefordert. Hoffentlich macht das Kultusministerium nach dem Eingang des Berichtes rasche Arbeit; denn die Kündigungen de» Schlesischen Landesorchesters— einer gemeinnützigen Gesellschaft— sind so brutal und ungeheuerlich, daß ein« rasche Bei- legung des Streites am Platze wäre. Emil Hirbig 50 Jahre Angestellter. Heute vor 30 Jahren wurde der Genosse Emil G i r b i g zum ersten Vorsitzenden des Glasarbeiteroerbandes gewählt. Er trat damals an die Spitze einer Organisation, die klein an Mit- gliedern und außerordentlich schwach in sinanzieller Beziehung war. linier seiner Leitung hatte die Organisation der Glasarbeiter schwere Kämpfe zu überstehen. In rastloier, unermüdlicher Tätigkeit hat der Genosse Girbig sich seiner Aufgabe gewidmet. Wenn es in der Gasindustrie gelang, die Organisation groß zu machen, so ist der Erfolg nicht zuletzt der aufopferungsvollen Tätigkeit des Genossen Girbig zu verdanken. Was ihn am meisten ehrt, ist, daß er stets ein hilf». bereites Herz für die Verbandvmitglieder gehabt� hat. Seine stetige Arbeit in den letzten Jahren Im Interesse der Starerkrantten wird freudig anerkannt. So darf Genosse Girbig am heutigen Tage zurückblicken aus ein an Arbeit reiches Leben. Er darf sich der Erfolge freuen und kann des Dankes der Glasarbeiterschast gewiß sein. Wir wünschen ihm, daß er noch lange Jahre Kraft haben möge, sein Lebenswerk fort- zusetzen.__■■ Oer Streik bei öer»veschimag' beevöet. Ein guier Erfolg der Werkmeister. Zum S t r e i k d e r W e r k m s i st c r bei der„Deutschen Schiff. und Malchinenbau-A.-G."(Deschimag), Werk Ioh. Tecklenburg in Wesermunde, wird uns vom Deutschen Werkmeisteroerband, Ge- schäftsstellc Bremen, geschrieben: Der Kampf der Werkmeister und Werkfllhrer um bessere Gehalt», und Tarifbedingungen ist erfolg- reich zum Abschluß gebracht worden. Die Wiederausnahme der Arbeit erfolgte nach einem siebentägigen Streik am 28. Juli. Es kam zu einer Verständigung auf der Basis, daß die Werkmeister und Werksührer in Zukunft den gleichen Gehalts, und Tarifbedingungen unterliegen wie ihre Kollegen bei der A.-G.„Weser" in Bremen. Damit ist die H a u p t s o r d e r u n g, um die seit Monaten vom An- gcstelltenrat des Werkes Tecklenborg und der zuständigen Stelle de» Deutschen Werkmeisteroerbandes gekämpft wurde, in vollem Um. fang» erfüllt. Der gute Erfolg, der für die Betriebsangestellten der Schiffs- werft Tecklenborg erreicht werden konnte, wurde in erster Linie er- möglicht durch die erfreuliche Geschlossenheit und vorzügliche Disziplin der Werkmeister und Werkführer. Es wäre zu wünschen, wenn auch die anderen Angestslltengruppen nicht nur bei der Schiffswerft Tecklenborg, sondern bei den meisten deutschen Seeschiffswersten sich an der gewerksckiastlichen Geschlossen- heit der Werkmeister ein B e i s p i el nehmen würden. Die Tarif- bestrebungen der Angestelltenvcrbände wären dann zweifellos viel erfolgreicher als sie bisher waren. Erfolgreicher Kampf öer Pfälzer Textilarbeiter. Ludwlgshasen, 31. Juli.(Eigenbericht.) Die Streikbewegung der Pfälzer Textilarbeiter ist mit einem vollen Erfolg für die Arbeitnehmer abgeschlossen worden. Der Ludwigshasener Schiedsspruch wurde bekanntlich vom bayerischen Landesschlichter für verbindlich erklärk. Di« beiden Textilarbeiterverbände hatten bei den Nachverhandlungen ihren Antrag auf Verbindlichkeitserklärung nur deswegen zurück- gezogen, weil die sogenannte Friedensklausel fehlte. Nunmehr sind die Sicherungen dafür, daß kein« Maßregelungen stattfinden und daß der Streik nicht als Unterbrechung des Arbeit». Verhältnisses gilt, geschaffen worden. Die Akkorddifferenzen werden in besonderen Verhandlungen geregelt. Es ist damit zu rechnen, daß auch hier für die Textilarbeiter ein Erfolg heraus- springen wird. _ Das Auftrumpfen der pfälzischen Textilunternehmer. die sich schließlich an die Gewerkschaften mit der Bitte um Einstellung des Streiks gewandt hoben, hat also nichts gefruchtet. Schieüsfpruch für üte oberfchleMe Montanindustrie 20 Prozent Zleberstundenzuschlag. Gleiwiß, 1. August.(MTB.) Die am Tarifvertrag mit dem Arbeitgeberverband der ober- schlesischen Montanindustrie beteiligten Organisationen hatten sich an den Schlichter für O b e r s ch l e s i e n, Prosessor Brahn, mit dem Ersuchen gewandt, entsprechend dem§ ß der«rbeit»zeitnot. Verordnung vom 14. April lS27«ine Entscheidung über die Höhe des Zuschlages zu fällen, der für die Arbeitsstunde«. welch« über 48 Sttmdeu in der Woche geleistet werde»», z» zahle»» M. Die am 27. Juli gefällte Entscheidung hat folgenden Wortlaut: Dem Antrage der Angestelltenorganifationen entsprechend entscheide ich über die in§ Ka des Arbeitszeitnotgesetzes bestimmten Ueber- stundenzuschlöge nach Anhörung beider Parteien und Verhandlungen mit ihnen wie folgt: Vom 1. Juli 1927 ab ist sür jede von einem Angestellten geleistete Ueberfwnde einZuschlagvon20Proz. von 1lxo des Monatsgehalts zu zahlen. Der Wiederaufbau im fächstschen Unwettergebiet. Ueber die W i e de r a u f b a u a r b e it e n im sächsischen Un- settergebiet, von denen ein Teil aus Mitteln der Erwerbslosen- fürsorge durchgeführt werden soll, wird zurzeit von der sächsischen Regierimg ein besondere' Plan ausgearbeitet. Das Reichs- arbeitsmini st erium wird in etwa 10 bis 14 Tagen zu diesem Plan Stellung nehmen und bestimmen, cm welchen Projekten das Reich sich finanziell beteiligen wird. Internationaler �rbeiterlnnsnkongreß. Paris. 30. Juli(WTB.) Heute hat hier ein internationaler Gewerkschastskongreß der Arbeiterinnen stattgefunden, der.sich in der Hauptjache mit dem Problem der Heimarbeit beschäftigte. Eine in dieser Frage an- genommene Entschließung fordert die Abschaffung der Heimarbeit als einer vom sozialen und gewerblichen Stand- punkt aus verwerflichen Erscheinung. Pari», 1. August.(TU.) Nach zweitägigen Verhandlungen wurde die Internationale Arbeiterinnenkonserenz geschlossen. Deutschland war durch Frau Gertrud Hanna oertreten, die sich in ihrem Bericht über die wirtschaftliche Bedeutung der Frauenarbeit in der Industrie gegen die Ungleichheit der Entlohnung der beiden Geschlechter wandte. Die Konferenz nahm die Schlußfolgerungen der Rednerin zur Erreichung des Zieles an:„Gleicher Lohn für gleiche Arbeit," und ferner den Antrag, möglichst alle Frauen gewerkschaftlich zu organisieren. In einer Friedensresolution protestierte schließlich die Konferenz gegen jede Politik, die zu einem neuen Kriege führen könnte._ Vereinbarung für Rheinland-Westfalen. Für die Gas-, Wasser- und Eleklrizikätsarbeiter. Esse«. 1. August.(Eigenbericht.) Die Vereinbarung über die Arbeitszeit und Lohn- r e g c l u n g für die Arbeiter der Gas-, Wasser- und Elektrizität»- werke in Rheinland-Wcftsalen wurde von einer kombinierten B e- zirkstonserenz der beteiligten Verbände am 30. Juli an- genommen._ Der Schiedsspruch für die Schwerindustrie verbindlich. Essen, 1. August.(Eigenbericht.) Die Bezirksleitung des Deutschen Metallorbeiteroerbandes Esten teilt mit: Der Neichsarbeitsminister hat den Schieds» s p r u ch über die Regelung der Arbeitszeit der Eisen- und Stahlindustrie Nordwest sür verbindlich erklärt. Dadurch ist der Spruch Gesetz geworden. Die Bezirksleitung oerweist auf den Beschluß der Bezirtskonserenz des Deutschen Metall- arbeiteroerbandes vom 80. Juli, wonach nur denAnweisungen der Organisationsleitung Folge zu leisten ist. Sport. Länöerwettstreit im Metropol-varietö. Der Flaue huthauen Sieger. Mit großer Spannung wurde am Sonnabend das interessante Ringen Pietro Scholz gegen T o r n o w- Finnland verfolgt. Der Berliner konnte mit seinem bekannten guten Können den starken Finnen des öfteren ernstlich gefährden. In der 52. Minute faßte Scholz einen Doppelnelson, der mit blitzschnellem Armzug am Boden beantwortet wurde und dadurch dem Finnen den schwer machten Sieg brachte; reicher Beifall belohnte Sieger und Besiegten, Huthanen konnte im Kamps gegen den Estlander Ne ström seinen Sisgeszug weiter fortsetzen, ein schneller Hüftschwung des Finnen war nach 3? Minuten von Erfolg gekrönt. Am gestrigen Schlußtag hatte sich wieder ein sehr zahlreiches Publikum einge» funden— eine stattliche Sportgemeinde, die zum schönen Ringsport zurückgekehrt ist- Die beiden Finnen H u t h a n en und Tornow lieserten das erwartete spannende Treffen um den ersten Platz. Beide trugen ihr bestes Können, das bereits im einzelnen hervorge- hoben worden ist, gegeneinander aus. Der große gewandte Huthanen hatte in dem starken Tornow, der technisch gleich gut ist. seinen Mann gesunden. Ein Hüftzug mit Kopfgriff fesselte auch Tornow nach 35 Minuten auf die Matte. Den letzten Kampf des Wettstreits trugen Pietro Scholz und R e st r ö m aus, erster« als der schnellere hatte nur in der riesigen Kraft ein Hindernis. Mit plötzlichem Armzug, auf Nackenhebel pariert, konnte et den Estländer nach 1 Stunde 38 Minuten hinter sich lassen. Beiden Paaren lohnte starker Beifall. Der Exweltmeister Heinrich Weber stellte darauf die Sieger im Länder-Wettstreit vor. Erster wurde Hu th a n e n- Finnland ohne Niederlage; Zweiter d« Finne T or-c now mit nur einer Niederlage; Dritter blieb Pietro Scholz� Berlin, der den Estländer R e st r ö m auf den vierten Platz ve» wiesen hatte._ Rennen zu Strausberg am Sonntag, dem 3t. Füll. ».Rennen. 1. Lanz(Dippelt), 2. Black Vcloet, S. Franzia. Toto 272: 10. Platz: 22, 13, 12: 10. Ferner Uesen: Jiiade, Florida, Leonarda, Arndt, San Marco. 2. Rennen. 1. Magier(Oertcy, 2. Rache, 3. Sahara. Toto: 14: 10. Platz: 12, 13:10. Ferner liejeu: Polaca, Theano. 3. Rennen. 1. Wunderbar(Petzelt), 2. Tippet. Toto: 11:10. ».Rennen 1. Logarithmus(Petzelt), 2. Heiliger Narr, 3. Sscortal. Toto: 50:10. Platz: 14, 13, 18: 10. Ferner liefen: Eatauia, Belladon«, California, Coro Bube. 5. R e n n e n. 1. Txusu(R. Murdhh), 2. Menelaos, 8. Ancilla. Toto: 90:10. Platz: 25, 14:10. Ferner Uesen: Elf, Korea, Prachtrose. 6. Rennen 1. König Lear(Jentzsch), 2. Lichtelfe, 8. Klothilde. T-to: 16:10. Platz: 10. 10: 10. Ferner Uesen: Antwpe. 7. Rennen. 1. Abteilung: Fadda(Kbert), 2. Manon, 3. Easter Lilh. Toto: 35;ia Platz: 15, 29, 15:10. Ferner Uesen: Kadewitt, Ocker, Alarid, Gossel, Benezianerin— 2. Abteilung:!. Perlenfischer(Jentzsch), 2. Oetava, 3. Melantho. Toto: 25: 10. Platz: 12. 13. 14: 10. Ferner Uesen: Proklamation, BaSko, Trajan, Waith, Steinzeit, Dr. Mabuse. «lingelhiser: Lokale» BerantworNich für Politik: Bietet Schill: Wirtichali: 9. Sewerkschaftsbcwegung: O. Schiadlet: Feuilleton: 8. H.®8 und Sonstiges: Fritz Karstadt: Anzeigen: Th.©lockt; sämtlich Verlag: Vorwärte-Nerlag©. m. b. Berlin. Druck: Vorwärts-Buchdruckeret und Verlagsanftalt Paul Singer u Co., Berlin EW SS, Linden stratze S. Kierza 1 Beiloge. iraftierrad-Bremse ßnkmd&Kteitfften l&kehr.unormüdüch imDienßunaichöpf- IkbinihrerVQrmn- dunßßielufnoden- heit ihrer Be/ftzer ist der Stolz der OpeI-Werke,dieihr Streben, der deutjdm Winfcbnfl zu nutzen, in /ormBem Masse behhntfehen. 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Tor Kottb.Str.6 Tägl. 8 Uhr; Gewaltiges Programm. Ritni. Fi Ihr, Ersatzteile ViiUiih grillt Mlanftl Pumpenfabrik Berlin N 65, Riliiidieiidorfir Sit. 95 WINTERGARTEN Im Rahmen d. August-Spielplans: Das Dreigestirn des Humors: I Lotte WerKmetsler. Otto Remter Oscar saBo■ Preise der Plätze I Mk. bis 8 Mk. ■ Anf. 8 Uhr. Rauchen gestattet| METROPOL-THEATER Täglich 8 Uhr !Die dßajadere von Emmeridh KAImAn Reichshallen-Theater Allndtndlicd 8 Uhr Stettiner Sänger iura ScbliaCt Eine Hochzeit In der MOIIerstraBe Dönhoff- Brett'! i (Saal und Garten) Varieti), Konzart, Tanz Berliner Ulk-TriO Neukölln, KcP lahnstr. 74/75 L o°- S»te EiaEKSn- Kaotaöah;"S.sS',sr C. Höcker, Berlin , Lichtenberger StraSe 22, KgsL 3861 Nr. 359 4 44.Fahrgakg Heilage öes vorwärts Montag, 1. August 1927 Ein schöner Sonntag. Rieseuverkehr auf allen Verkehrsmitteln- Rekordzahlen. Gsstern hatten mir den ersten mirklich schönen Sonntag in diesem Sommer. Sogar der traditionelle Wolkenbruch blieb aus. Dom frühen Morgen bis zum späten Abend brannte die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Das hochsommerliche Wetter verfehlte daher auch nicht seine Wirkung auf die vielen Daheimgebliebenen, denen dar Geldsäckel tein« Erholungsreise erlaubt. Schon von 6 Uhr morgens an strömten die Scharen der Ausflügler den Vorort- und Stadtbahnhöfen zu. Gegen die 10. Vormittagsstunde wurde der Andrang bereite beängstigend. Der Hauptstrom der vielen Tausende ergoß sich naturgemäß nach den Vororten mit „Badegelegenheit". Die Freibäder am Wannsee, Müggelsee, Tegel, Grünau, O b e r s ch ö n e w c i d e. Saatwinkel usw. waren schon in den Mittagsstunden über- füllt. Aber auch überall an den Flußläufen und Seen, an den nichtoffiziellen Badestellen bildeten sich nach Tausenden zählende Wadekolonien. Im Freibad Wannsee herrschte ein Massen- andrang. Schätzungsweife 70 000 Badegäste— eine Rekordzisfer— bevölkerten den schönen, langgestreckten Strand und suchten Ab- kllhlung in den Fluten der Havel.— Fast ausnahmslos haben auch die Gastwirte der Ausflugslokale ein gutes Geschäft gemacht. Die Lokale waren vielfach überfüllt. Wie die Reichsbahn- direkt ion Berlin mitteilt, hat der gestrige Sonntag bisher den stärksten verkehr in diesem Jahre gebracht. Znsgesamt wurden 2 113000 Personen aus der Ring, und Vorortbahn besördert. Man kann sich leickst ein Bild von der Verkehrsdichte und dem Andrang auf den einzelnen Bahnhöfen machen, wenn man einig« Zahlen darüber erfährt. So steht an der Spitz« Nikolassee und Wann- see mit allein 123 000 Ausflüglern, die die Fahrt vom Potsdamer Bahnhof antraten, es folgt Grünau mit 78 000, Friedrichshagen mit 51 000, Rahnsdorf mit 35 000, Treptow mit 32 000, Erkner und Potsdam mit je 26 000 Fahrgästen. Die Schalterbeamten und die Bahnbeamten hatten den Massen gegenüber oft keinen leichten Stand, dennoch ging alles reibungslos und gelassen vonstatten. Aber auch auf die Fernbahnhöf« hatte ein ungewöhnlich starker Ansturm eingesetzt. Zwölf Vor- und Nachzüge mußten«in- gesetzt werden, um die Reisenden wohlverfrachtet an ihre Endziele zu bringen. Vom Stettiner Bahnhof gingen sechs, vom Anhalter Bahnhof vier und vom Potsdamer Bahnhof zwei Vor- und Nach- züg« zu den planmäßigen Zügen ab. Für die nach Berlin zurück- flutenden Ferienreisenden mußten elf Vor- und Nachzüge eingesetzt werden. Alle Züge hatten eine durchschnittliche Besetzung von 100 Prozent aufzuweisen. Einen Massenverkehr hotte auch die Berliner Straßenbahn zu bewältigen. Zns- gesamt wurden über 1 Million Fahrgäste nach allen Himmels- richtungen, so nach Tegel, Pichelsdorf, den östlichen Vororten usw. befördert. Den Schaffnern wird der gestrig« Tag in nicht allzu guter Erinnerung bleiben. Er war ein Großkampstag im wahrsten Sinne des Wortes. Die A b o a g hatte gleichfalls alle zur Verfügung stehenden Wagen für den Ausflugsverkehr in Betrieb gestellt. 110 Wagen haben allein auf diesen Strecken Dienst gemacht. Vom Bahnhof Nikolassee wurden etwa 15 000 Fahrgäste nach dem Freibad Wannsee befördert. Die Ausflugswagen nach dem Spree- wald, Mellensee, nach Rheinsberg, Freienwolde und Buckow waren besonders gesucht und voll besetzt. Leider auch viele Vadeuufälle. Im Tegeler See ertrank der 33jährige Diener Gustav Heß aus der Stiehlerstraße 14. Rettungsversuche blieben ver- gebens. Gleichfalls im Tegeler Sc«, in der Nähe des Jagens 05, ertrank der ISjährige Hausdiener Bernhard Uske aus der Acker- straße 85. Seine Leiche konnte nicht geborgen werden. Noch ein drittes Opfer forderte der Tegeler See in dem 43jährigen Arbeiter Paul Vogel aus der Erasmusftr. 16. V. konnte von der tjrei- Tvilligen Feuerwehr nur noch als Leiche geborgen werden. Im Teufelssee im Grunewald ertrank der 11jährige Schuler Gerhard K o n r a d aus der Kastanienallee 46. Im Freibad W i l h e l in s st r a n d in Oberschöneweide ging der 48iähnge Maurer Josef Pade aus der Kadiner Sraßc plötzlich unier. Der Verunglückte konnte bald aus dem Wasser gezogen werden, doch blieben Wiederbelebungsversuche ohne Erfolg. Zwischen Gatow und E l a d o w ertranken zwei junge Mädchen, die eine Paddel- bootsahrt unternommen hatten. Aus unbekannter Ursache kenterte das Boot, und die beiden Insassinnen fanden den Tod. In �der Havel bei Potsdam ertrank ein unbekannter 13— 20 j ä h ri g e r junger Mann. Seine Leiche konnte geborgen werden. Beim Baden in der Havel ertranken gestern nachmittag die 25jährige Meta Pastwa aus der Wröhmänner straße zu Spandau und die 30jährige Elisabeth F i s ch m a n n aus der U f n a u ftr a ß e 8 zu Charlottenburg. Rettungsversuche blieben ohne Erfolg. Dem Reichswasserschutz war es noch nicht möglich, die Leichen der Ertrunkenen zu bergen. Sonntag in Varnemünüe. Wohl selten hat man eine solche Fülle von Kleidern aus Seid«. Voile, Leinen mit Stickerei und Spitzen in einem Zuge beisammen gesehen, als dies in dem gestrigen Warnemünder Sonder- z u g e der Fall gewesen ist. Es war eine Huldigung der Jugend an die Ostsee— und wer würde sich heute mit Bubikopf und kurzem Rock nicht zur Jugend rechnen? Die Ostsee hatte dann auch ihr ver- fllhrerischstes Gesicht aufgesteckt: spiegelglatt lag das„Meer" unter den scharf sengenden und rotbraun brennenden Sonnenstrahlen da: es war zum„See" geworden, wie wir ihn in der Mark allenthalben kennen. Wer durchaus Seeluft haben wollte, mußte diese während der Dämm erfahrt dm eleganten Fähre„Schwerin" einatmen: da der Aufenthalt in dem dänischen Gje'oser nur ein wenige Minuten umfassendes Betreten des Landes ermöglicht— Teilnehmer der gestrigen Fahn berichten von Zwanzig Minuten—, so sind natürlich irgend welche dänischen„Eindrücke" ausgeschlossen.— Wenn der Landwind weht, ist die Ostsee kein Tummelplatz aufgeregter Bade- cpisoden: das Auge hat Gelegenheit genug, anderweite Eindrücke aufzunehmen. Und da sieht es, daß in dein„Burgenlande", zu dem sich der ganze Sandstrand umgewandelt hat, schwarzwcißrote Fahnen Trumpf sind— vielfach wohl cus Gedankenlosigkeit, weil eben der Warnemünder Laden diese bietet. Die unter der Monarchistcnfahn« am Boden schlumniernde Zeitung ist meist Berliner demokratisches Gewächs! Freilich dort, wo„am Strom" der Großherzogliche" Jachtklub sein Heini hat und die Motor- und Segelboote ankern, ist die Abwandening von der republikanischen Standarte schon eine bewußte. Die Hotels find klüger: nur eins zeigt durch Hissung von Schwarz-Weih-Rot an, daß es auf„republikanisches" Geld verzichtet. Jn> übrigen: viel hat sich in Warnemünde nicht geändert: es ist immer noch einer derjenigen Seebadeorte, wo für das gern ge- nommenc Geld auch etwas gebeten wird.— Schließlich sei noch einex Ueberraschung gedacht: der Sonderzug vierter Klasse wies mehi Wagen dritter als vierter Klasse auf. Vernünftige Leute ziehen den weiten Raum der vierten dem Kasten der dritten vor. Siedlers Sommerfefte. Auf dem Gelände der ehemaligen Flughalle in Biesdorf, nicht weit von Karlshorst, l)ot sich seit Iahren eine ausgedehnte Siedlung entwickelt, die als Biesen Horst bereits bekanntgeworden ist: sie ist gelagert um eine riesengroße Grasebene als Kern, die nach dem Willen des Bezirksamtes Lichtenberg ein- mal ein Stadion werden soll. Dieser machtvolle Plan war am Sonntag der Schauplatz eines echten und wahrhaft sckzönen Volksfestes, wie es, mit Ausnahme des Falkenberger Festes, in der Ferne und Näh« Berlins wohl noch kaum gefeiert worden ist. Hinzu kam, daß ein unerhört schönes Weiter das ganze Programm zum vollen Gelingen verhalf. Umstclö Uhr setzte sich ein Festzug in Marsch, der eine Fülle grotesker Motive mit sich führte. Dem Lichtenberger Bezirksamt sagt man die nicht ganz glaubhafte Ab- sieht nach, es wolle diese wirklich prächtige und mit unendlichen Mühen und Arbeiten geschaffene Siedlung glatt vernichten, um daraus«inen Wald zu machen,«ine Art Stadtpark. Dafür mußten nun die Lichtenberger die lebendig gewordene Satire der Biesen- horster einstecken. Man fühlte den Amtsschimmel in vierbeiniger Person mit, man zeigte— es:varcn erschreckend dürre und magere Stecken— den kommenden Wald, inan zeigte die kommenden Wochenendhäuser. Ein gräßlicher Drache, das Bezirksamt, schickt sich an, ganz Biesenhorst zu verschlingen. Di« Baubureaukratie, die bekanntlich in Berlin über etwa 30 Instanzen verfügt und den Siedlern das Leben schwer inacht, wurde arg und mit Recht gezaust. Nach dem mit großem Beifall ausgenommenen Umzug entlud sich in einer sehr ulkigen und mit vielen zugkräftigen Anspielungen ge- spickten dramatisierten„Vorstandssitzung" unter freiem Himmel der Unmut der Siedler über die bezirksamtlichen Veniichtungspläne, die selbstverständlich in den, befürchteten Radikalismus gar nicht zur Ausführung kommen können. Dann gab es prächtige turnerische Vorführungen der Freien Tu rncrschafi Lichtenberg- Friedrichsfelde. Der Niedermärkisch« Volkstanz- kreis, unterstützt van einer geradezu entzückenden Wandervogel- Dorfkapelle,!n der selbst der Brummbaß nicht fehlte, bot Volks- tanze in seltener Vollendung. In diesen jungen Menschen steckt tänzerische Begabung. Erich Weiner t sprach, von Beifall unterbrochen, seine spitzen politischen Satiren und Grotesken. Kinderkreise führten reizende Liedertänzchen vor. Kasperle hatte voll« Häuser und die Tanzdiele im Freien konnte die Tanzlustigen nicht fassen. Als der Abend hcreindäinmerte, entfalte sich ein wunder- bares märchenhaftes Bild. Im ungeheuren Kreis alühten Taufende von farbigen Lämpcken in der Nacht. Dann prasselte ein Feuer- werk auf und die Flammen eines Holzstoßes loderten machtvoll zum nächtlichen Himmel. Ansprache, Lieder, Tänze, Musik, fröhliche Rufe, so ging das bis tief in die Nacht. Das ganze ein emzia- artiges Erlebnis. Kleingärtner-Sommerfest in Lichtenberg. Den Lichtenbergern scheint Petrus wohlgesinnt: während die meisten der bisherigen Kleingärtnerfcstc im strömenden Regen vor sich gingen, schien am Sonntag eine richtige Fest-Sonne. Um 2 Uhr nachmittags versammelten sich die Festteilnehmer— Pächter der Arbeitcrgärten vom Roten Kreuz, Bezirk Lichtenberg— am Rathaus m Lichtenberg, formierten sich zu einem Propaganda-Umzug und marschierten mit Musik rund um die nächste Nachbarschaft. Dann ging's nach dem Saalbau Friedrichshain zur Kassee- tasel. Musik und Tanz. Den Höhepunkt des Festes bildete die Bekanntgabe und Prämiierung der aus dem Parzellenwett- bewerb hervorgegangenen Sieger. Die Freude all dieser Klein- gärtner an ihrem Streifchen Grünland, das ihnen Erholung und neue Kräfte zu tätigem Schaffen vermittelt, ist groß und tief: der heftige Kampf, den sie um die Erhaltung ihres Plätzchens an der Sonne führen, ist ein gerechter und wenn man all die frohen Gesichter und lachenden Mienen sah, wurde man sich dessen richtig bewußt. Die fröhliche, zahlreiche Gesellschaft vergnügte sich bis zum späten Abend. Die Großen tanzten, die Kleinen spielten, jeder kqm auf seine Rechnung. Im fröhlichen Fackelzug ging's dann wieder heimwärts. Ein hoffnungsloser ßaU. Folgen der Haftpspchose. Ein hoffnungsloser Fall! 22 Jahre Gefängnis hat der An- geklagte S. hinter sich: vier bis fünf Jahre Gefängnis vor sich. Vier bis fünf Jahre?! Hält er diese durch, so werden es bestimmt noch mehr. Wie gesagt, ein hoffnungsloser Fall! Trostlos dieser Angeklagte auf der Krankenbahre vor dem Richieriisch Trostlos auch sein Schlußwort, in dem er seine Richter um Milde bittet.„Glauben Sie mir, meine Herren Richter, im Innern der Seele bin ich nickst der rücksichtslose und verdorbene Verbrecher Das Bewußtsein meines verfehlten Lebens hat mich seelisch ruiniert und nimmt mir die Kraft, mich von selbst wieder aufzurichten. Ich habe ein schrecklich schweres Leben hinter mir. Meine ersten Strafen haben mir die Möglichkeit genommen, mich journalistisch zu betätigen. So war ich widerstandslos dem Bösen ausgeliefert. Ich will nicksts Schlechtes von meinen toten Eltern sagen: was kann ich aber dafür, daß ich meine unchückliche Konstitution mit ins Leben bekommen habe? Ich war dieses Mal ehrlich bestrebt, aus redlichem Wege weiterzukommen: der Tod meiner Mutter, dt« Beschlagnahme ihre, Nachlast«« haben mich rückfällig werden lassen." Der Angeklagte weint. Es ist nicht Theater, das er hier dem Gericht vormacht: er empfindet es wirklich so, er trauert um sein verfahrenes Leben und weiß, daß es vielleicht doch auch anders hätte kommen können. Sein Vater hatte eine Konzertagentur, die feine Mutter nach dessen Tode fortführte. In der Schule kam er bis zur Unterprima. Er verließ sie aber, da er in sich schriftstellerische Talente vermutete. Er will an der„Neuen Züricher Zeitung" und an manchen anderen Blättern journalistisch tätig gewesen sein. Dann glaubte er sich zu einer künstlerischen Laufbahn ausersehen und hielt Vortragsabende, wie er behauptet, nicht ohne Erfolg. Dann kam er in schlechte Gesellschaft- Seit 1003 folgte eine Strafe auf die andere: Einbruchsdicbstähle, Warenhausdiebstähle,— 22 Jahre Gefängnis! Die Freiheitsberaubung vertragen aber verschiedene Leute verschieden. Es gibt Menschen, die In der Haft seelisch zu» sammenbrechen. Vielleicht weil in ihnen das Bewußtsein ihres verfehlten Lebens besonder« stark ist. Es sind dies in der Regel psychopathische, nicht selten schwer hysterische Personen. Dieser Angeklagte vertrug die Haft überhaupt nicht. Schon im Jahre 1314 j inußie er zum ersten Male in die Imnableiliing des Gefängnisses übergeführt werden. Im Jahre 1326 magerte er plötzlich ab. Er konnte nicht mehr gehen. Ein weiteres Verbleiben in der Unfreiheit bedeutete Lebensgefahr. Er wurde aus der Hast entlasten. Sofort nahm er an Gewicht zu, tonnte wieder gehen und... mußte wieder stehlen. Vier Stoffdiebstähle hintereinander beging er bei Wertheim, obgleich ihm der Zutritt zu diesen Warenhäusern schon feit langem oerboten war. So kehrte er ins Gefängnis zurück, verlor wieder an Gewicht und konnte wieder nicht gehen. Prof. Dr. Leppmarrn kennt den Angeklagten bereits feit 13 Iahren. Er hält ihn nicht tür geisteskrank: ein intelligenter hoch- stehender Mensch, aber erblich belastet und schwer hysterisch. Auf Dr. Leppmans Veranlassung hin wurde er seinerzeit au« der Hast entlassen. Seine Abmagerung sei psychischen Ursprungs: wenn er sich ein wenig mehr in der Gewalt hätte, so würde er vielleicht die Haft besser vertragen. Ein schwieriger Mensch, der auch vor Selbftbeschädigungen nicht zurückschreckt. Das Gericht verurteilte den Angeklagten zu sechs Monaten Gefängnis. Er hat aber noch eine Reffftrafc von vier bis fünf Jahren zu ver- büßen. Ob er sie ertragen wird, ist schwer zu sagen. Gibt man ihm aber die Freiheit zurück, so stiehlt er ganz bestimmt wieder. Für ihn gibt es keinen Ausweg— ein hoffnungsloser Fall! fln üen Gräbern öer Weltkriegsopfer. Nie wieder Krieg! Der Garnisonfriedhof in der Hasenheide glüh: in der Mittagsonne. Hier sind die Gräber von zahlreichen Opfern des Völkermordens, das die Welt fünfzig Monate hindurch verwüstete. 31. Juli: Zum dreizehnten Male hat sich der Tag des Kriegsbeginn- gejährt. Wie alljährlich haben die r e p u b l i k a- nijchen undpazisi strichen Verbände auch diesmal wieder an den Gräbern der Deutschen ebenso wie der Franzosen, Engländer und Russen, kurz, der vormals„feindlichen" Kriegsteilnehmer Kränze niedergelegt und aufgerufen zum Kamps wider den Krieg. Weihevoll ertönt Gesang des Arbeiter sängerbundes. Dann nimmt Genosse Pfarrer F r a n ck e das Wort.„Angesichts der Toten", ruft er aus,„laßt uns geloben zu kämpfen gegen den Krieg. Kein nationaler Verband hat heute eine Toten- gedenkfeier. Wenn die Toten sprechen könnten, würden sie uns zu- rufen: Nie wieder Krieg!" Genosse Palizeioberst a. D. Schützinger, selbst alter Frontsoldat, spricht:„Kein großes Erlebnis war der Krieg, nein, er war eine traurige Begebenkeil. Wir verzichten heute auf jeden Haß, und es ist traurig, daß durch Dinge wie den Fall O r ch i e s alte Wunden wieder aufgewühlt werden. Aber die Kämpfer für den Frieden stehen in erhöhter Bereitschaft. Es wird mir unvergeßlich sein, wie mir der Führer der französischen Kriegsteilnehmer, C a s s i n, vor einigen Monaten zurief: Wir müssen dem Krieg seine Ehre nehmen! So ist es: der Krieg i st ein Verbrechen. Aber so wie wir beute keinen Unterschied kenne» zwischen gefallenen deutschen und nichtdeutschen Brüdern, so werden wir die Grenzpfähle hin- wegräumen und allen denen die Hand reichen, die sichmitunoalsKämpferfürdenFriedcnbekennen und mit uns geloben: Nie wieder Kr!eg!" Zwei Redner lasten es sich dann freilich nicht nehmen, in kommunistische Phrasen zu verfallen. Kein Ort scheint hierzu weniger geeignet, als gerade die Grabstätte van Opfern des Weltkriegs. Wieder erklingt Gesang. Mit ernsten Gedanken oerläßt man den Friedhof. In det tzochzeitsnscht vergiftet. Ter falsche Arzt als Gattenmörder. Ein npt seltener Rohheit ausgeführter G a t t e n m o r d, der vor einiger Zeit in Innsbruck aufgeklärt wurde, hat feine Kreise jetzt auch nach Berlin gezogen. Die Vorgeschichte dieses fast einzig dastehenden Verbrechens ist folgende: Im Januar d. I. lernte auf einer Rcije von Innsbruck nach ijall ein Fräulein Ottilie Stöhr aus Innsbruck in der Eisenbahn! einen jungen Mann kennen, der sich ihr als Or. meck. Nagele. Assistenzarzt eines bekannten Schweizer Chirurgen, vorstellte. Die beiden jungen Leute fanden Gefallen aneinander: Nagele verkehrte in der Familie des Mädchens, hielt schon Ende Januar bei dem Vater um ihre Hand an und vermählte sich mit ihr am 10. Mai. AI? Mitgift erhielt das junge Paar 11000 Schweizer Franken und 61 000 Tschechokronsn ausgezahlt. Die H o ch z e i t s r e i l e sollte über Marienbad nach Ungarn gehen. Schon in der ersten Nacht er- krankte die junge Frau und starb trotz aller Bemühungen des „Arztes" am 13. Rka, in Marlenbad. Bald nach der Beisetzung fliegen den schwer betroffenen Eltern Bedenken auf, sie konnton' sich den plötzlichen Tod der sonst kerngesunden Tochter nicht erklären. Die Jnnobrucker Kriminalpolizei sah sich den jugendlichen Witwer etwas genauer an und stellte fest, daß et sich doli Anl- und Astislenlenlüel zu Anrecht beigelegt hatte. Er war in Wirklichkeit Laus mann und hatte nur einige Klassen der Handelsschule absolviert. Bei seiner Vernehmung bestritt er zunächst jedes Berfchuldzn, gab dann aber zu, daß er seiner Frau mehrere Algopaninjektionen gemacht halle. Die Leiche der jungen Frau wurde exhumiert und jestgestelli, daß kein organisches Leiden den Tod verursacht hatte. Die chemischen Untersuchungen sind noch- nicht abgeschlossen. Später fand man auch Briefe des Nagele, die ein eigeniiimliches Licht auf feinen Charakter werfen. Schon wenige Tage nach dem Begräbnis feiner Fron hatte er sich an verschiedene H c i r a t r> o c r m i t t l u n g,S b u r e o s gewandt, u. a. auch an eines in Berlin. Er fand's ein Lichtbild ein und erwähnte in dem Beglesifchreibsn, daß er 25 Jahre alt, beruflich und gejelllchaftlich gut gebildet, im Besitz vnfehnliwcn Vermögens und von„gutmütigem Charakter" fei. Einer dieser Briefe wurde in Berlin beschlagnahmt und der Jnnsbrucker Polizei über- fand!. Man vermutet aber, daß der„gutmütige Charakter", der sich so rasch über den Tod seiner Frau tröstete, noch andere Schreiben, vielleickt auch direkt an heiratslustige Frauen und Mädchen, geschickt hat. Zur Beurteilung seines Wesens wäre es vielleicht aufklärend,- zu erfahren, was für Pläne er in diesen Briefejd entwickelt hät. Alle Personen, die von Eduard Nagele aus Innsbruck Zuschriften dieser Art erhalten haben, werden ersucht, sich bei der Mordinsvektign, Kriminalrat Gennai, im Zimmer 104 des Berliner Polizeipräsidiums zu melden. Strcckcnflrbcitcr von einem Iug« iibcrf«tz Zminendingen. 1. August.(WE5B.) Heute früh zwischen 6 und 7 Nhr wurde flu» der S'recke Imme»dingen— H i n l s ch i n g e n von dem Personenzug 1742 Jmmendingen— Waldehut«ine R o t i e Eisenbahn- arbeiter überfahren, die infolge Nebels das Herannahen des Zuges nicht bemerkt hatten. Während ein Ar beiler ge- tötet wurde, wurden drei andere schwer verletzt. FoZgcnschwercr Jugzusammrnstoß in Sin-rrikfl. Parts. 1. August.(WTB.) Die„Chicago Triuüne" mcldec aus R: o de Janeiro, daß vergangene Nacht zwischen Delcastillaue und Terra novo ein D-Zug und ein Güterzug infolge falscher Weichenstellung zu- sammengestoßen seien. 25 Personen wurden getötet und eine große Anzahl verletzt. Die beiden ersten Wagen des D-Zuges sind völlig zerstört. Bom Blitz erschlagen. Nach Blätterineldungen aus Bozen wurde ein K a p u z! n e r- P a t e r, der mit zwei Knaben eine Partie auf den Marmolata unternommen hatte, auf dem Rückwege vom Blitz getötet. Der Blitz war in die Drahtseilsicherung des Weges aefahren, an der der Pater sich festgehalten hatte. Die beiden Knaben haben nur leichte Verletzungen davon- getragen. v Minöerheit�völker der Türkei. Von Dr. A. A b e g h i a n. Die Türkei hat nie eine den Forderungen der Wissenschaft entsprechende Statistik gehabt. Amtlich-administrativen, aber nicht zuverlässigen Angaben von 1914 zufolge betrug die Ge- samtbevölkerung der Türkei in ihren heutigen Grenzen rund 16 Millionen. In Wirklichkeit aber war sie'nicht höher als 12 bis 13 Millionen. Durch den Krieg und Epidemien wurde sie erheblich herabgesetzt. Man vergesse nicht, daß sie 1911 bis 1922 ununterbrochen in Kriegen verwickelt war und währenddessen große Verluste gehabt hat. Noch entscheidender war die Vernichtung oder Ausweisung von Millionen Nicht- Mohammedanern Tllrkisch-Armeniens und Kleinasiens. 1,SMil- Honen Griechen mußten auf Grund des Lausanner Ver- träges und noch früher aus der Türkei nach Griechenland um- gesiedelt werden: die Zahl der aus der Türkei entflohenen oder ausgewiesenen Armenier betrug etwa 760 000, die der ermordeten aber— während des Krieges und der Depor- tationen— eine Million. Auch war die Zahl der T s ch e r- k e s s e n nicht gering, die im türkisch-griechischen Krieg zu Griechenland gehalten hatten und später zur Flucht gezwungen waren, etwa 30 000. Endlich sind die Verluste der türkischen Bevölkerung selbst, infolge der langjährigen Kriege, sehr groß gewesen: etwa 1,5 Millionen. Demgegenüber hat nun die Türkei auf Grund desselben Lausanner Vertrages 350 000 türkische Einwanderer aus Griechenland aufgenommen. Außerdem hat sie infolge des Moskauer Vertrages von 1921, kraft dessen Rußland ihr die armenischen Provinzen in Trans- kaukasien: Kars, Ardahan, und Surmalu abgetreten hat, 200 000 Einwohner mehr erhalten. All dies berücksichtigt, ist die Bevölkerung der Türkei gegen die Vorkriegszeit um 3,5 bis 4 Millionen geringer. Das natürliche Wachstum der türkischen Bevölkerung ist ein Problem für sich: türkische Presseorgane sowohl als auch amtliche Stellen haben sich mehr- mals in dieser Frage pessimistisch geäußert. Wie groß ist nun die Bevölkerungszahl der Türkei in der Gegenwart? Die Erhebungen der in Vorbereitung stehen- den amtlichen Statistik werden erst später eine mehr oder wenige genaue Antwort geben können. Bezeichnend ist, daß einer neueren Probestatistik der Stadt R o d o st o am Mar- marameer zufolge jetzt die Bevölkerungszahl von 40 000 in der Vorkriegszeit auf die Hälfte gesunken ist. Für das ganze türkische Reich hat das türkische Blatt„Jleri" vor drei Jahren 12 Millionen angegeben, während das Blatt „Akscham" wenig später nur auf 5— 6 Millionen schätzte. Nach der Meinung des russischen Forschers A b o l t i p erreicht die gegenwärtige Bevölkerungszahl wahrscheinlich kaum 6 Mil- lionen. Andere türkische Zeitungen halten 8— 10 Millionen für richtiger. Das englische„Statesmans Pearbook" gibt ebenfalls diese Zahl an: es entspricht auch u. E. dem wirklichen Zustande am ehesten., National ist die Bevölkerung heute zweifellos einheitlicher als zur Vorkriegszeit. Die türkischen Nationalisten haben allerdings, wenn auch durch inderGeschichtenochnie dagewesene barbarische Mittel, einen Teil ihres .�nationalen Programms" erfüllt. Wenn wir also die Gesamt- bevölkerung der Türkei auf 9 Millionen angeben, so beträgt die Zahl der Türken, der herrschenden Rasse, etwa 6 Mil- lionen, die aller Mohammedaner aber 8 Millionen. Der Rest besteht aus Anhängern anderer Religionsgemeinschaften und Mitgliedern anderer Volksstümme. Die Griechen und die Armenier stehen auch jetzt unter den Minderheitsvölkern an erster Stelle, wenn sie auch im Ver- hältnis zu ihrer früheren Zahl ganz erheblich reduziert find. Sie sind hauptsächlich in Konstantinopel konzentriert. Die anderen christlichen Minderheiten sind: Syrier, Chaldäer, Bulgaren, Russen u. a. Auch die Juden wohnen hauptsächlich in Konstantinopel. Mohammedanische Minderheiten sind vor allem die Kurden, dann die Tscherkessen, Lazen, Tataren und andere Volksstämme in Kleinasien. Die Kurden, rund 1� Millionen, kommen als die hauptsächlichste nationale Minderheit der Türkei in Betracht. Sie sind in ihrem historischen Heimatlande Kurdistan ansässig und machen dort die überwiegende Mehrzahl der Bevölkerung aus. Der Lausanner Vertrag hat die Kurden— wie überhaupt alle nichttürkischen Mohammedaner— aus den Reihen der Minderheitsvölker ausgeschlossen. Selbstverständ- lich hört dadurch die kurdische Frage nicht auf, ein Problem türkischer und internationaler Politik zu sein. Da Kurdistan unmitetlbar an das— ebenfalls überwiegend von Kurden be- wohnte— Mofsulgebiet grenzt, also in den Bereich der britischen Orientpolitk fällt, erhöht sich seine Bedeutung um so mehr. Die türkische Regierung würde unschwer die briti- schen Pläne durchkreuzen können, wenn sie die Einsicht hätte, selber den gerechten Forderungen der Kurden entgegenzu- kommen und ihnen eine national-kulturelle Autonomie zu gewähren. Die Türken erkennen als Minderheitsvölker nur an die Griechen, Armenier und Juden. Aber auch diese Anerkennung ist nur formell. Tatsache ist, daß die christlichen Minder- heiten und die Juden der heutigen Türkei in nationaler und kultureller Hinsicht viel mehr gehemmt sind als es zur Zeit der Sultane der Fall war. Früher hatten sie als besondere Religionsgemeinschaften ihre kulturellen, kirchlichen und Schulfreiheiten. Wenn heute ihre Lage nur bedauernswert genannt werden kann, so tragen nicht nur die extremen türkischen Nationalisten schuld daran, sondern auch die Ententemächte. Für diese sind ja die kleinen Völker des Orients nichts mehr gewesen als einfache Schach- f i g u r e n, die sie in allen Fällen im Stich gelassen haben, wenn es den Ententemächten vorteilhaft für sie selbst erschien. Seit dem Lausanner Vertrag sind die türkischen Macht- haber bemüht, nicht nur alle nichttürkischen Mohammedaner, sondern auch die Ehristen und die Juden zu t ü r k i s i e r e n. Einerseits werden nämlich allerlei Vorwände ausgenutzt, um nicht erwünschte Elemente aus dem Lande zu weisen und deren Besitz zu enteignen, andererseits werden unsagbare Schwierigkeiten und Hemmnisse für alle N i ch t t ü r k e n geschaffen, um deren Türkisierung zu be- schleunigen. In einigen Städten(z. B. Brussa) hatte man sogar den privaten Gebrauch der nationalen Sprachen in den Geschäften und den öffent- lichenAn st altenverboten. Das Türkische will man allen Nationalitäten nicht nur als Staatssprache, sondern auch als Familien- und Geschäftssprache aufzwingen, um sie in Kürze assimilieren zu können. Die in französischer Sprache erscheinende offiziöse„Republique" schrieb noch vor etwa zwei Jahren(3. Oktober 1925):„Der Gebrauch einer nichttürkischen Sprache ist vollkommen u n z u l ä s s i g, sei es im geschäftlichen Leben, sei es in der Familie, die ja den Hauptteil des Lebens aller Leute, ausmacht, denn eben das ist das Haupthindernis der Einverleibung. Es ist also notwendig, daß dieser Zustand ein Ende finde." Ein anderes Blatt,„Jeni Türk"(13. April 1925), schrieb:„Eine schonungslose Maschine der Assimilation muß fortwährend und ununterbrochen ihre Pflicht erfüllen." Erst vor kurzem(27. Mai 1927) behandelte das Konstantinopeler offiziöse Blatt„Milljet" in einem Leit- artikel seines Chefredakteurs Mahmud Bey unter der viel- sagenden Ueberschrift:„Einheit in der Sprache und im Geiste" dieses Thema. Ganz besonders wird Wert darauf gelegt, die stammesfremden Kurden, solange das nationale Gefühl in ihnen nicht allseitig erwacht ist, zu assimilieren. Dasselbe End- ziel erstreben die zahlreichen Deportationen nam- hafter kurdischer Familien aus ihren 1000jährigen Heimstätten nach den entlegensten Gegenden Westkleinasiens. Schließlich wollen die türkischen Nationalisten auch ihre Erneuerungs- maßnahmen im öffentlichen Leben derselben„Assimilations- Maschine" dienstbar machen: durch Herbeiführung von ge- mischten Ehen, Abschaffung religiöser Sonderheiten usw. Noch mehr, die nationalen Minderheiten der Türkei wer- den indirekt aufgefordert, sich sprachlich und völkisch a l s Türken zu erklären, um demgemäß auf alle ihre Minderheitsrechte zu verzichten. Sie sind auch in der Tat gezwungen worden, in diesem Sinne Schreiben an den Völkerbund zu richten. Dies ist der Stand der nationalen Minderheiten in der heutigen Türkei, also keineswegs ein beneidenswerter. * Li; MP«'5 V-'f p. >'*'. t&c-wbsgms Bist Du Genosse? Kämpfst du mit uns für die Erhaltung des Friedens, gegen Nationalimus und Kriegshetze? Willst du in der deutschen Republik die Freiheit sichern helfen gegendieRückschrittlerin jeder Gestalt? Willst du mit uns gegen den Kapitalismus und für die sozialistische Gesellschaft kämpfen? Willst du die Rechte der Arbeit erweitern und die Arbeiterklasse widerstandsfähig erhalten gegen soziale Unterdrückung und wirtschaftliche Ausbeutung? Dann mußt du noch heute die Beitrittserklärung für die Sozialdemokratische Partei ausfüllen und das Kampfblatt der Sozialdemokratie, den Vorwärts abonnieren! Oeitrittserk!ärung. Hiermit erkläre ich meinen Eintritt in die Sozial» demokratische Partei«Bezirk Berlin. Abteilung_ An Beiträgen entrichte ich: Eintrittsgeld 50 Pfennig, _ Wochenbeiträge männl. 20, weibl. 10 Pf., Sa._ M. ___ den_ 1927. Vor- und Zuname:___ geb. am_ zu_ Staatsangehörigkeit:. Wohnung:_ .Stand Bei der Auinadme is> lehr erwvnicht, daß außer dem EiniriNsgeid mindesiene die Beiträge«llr einen Monat«4 Wo-hen« gezahlt werden, Ich abonniere den.Vorwärts" mit der illustrierten Sonntagsbeilage.Volk und Zeit" und den Beilagen .Unterhaltung und Wissen",„Aus der Filmwelt", „Kinderfreund" und„Frauenstimme" in Groß-Berlin täglich zweimal jrei ins Haus. (Monatlich 3 Goldmark, wöchentlich 70 Goldpfennig.) Name Wohnung: -Straße Nr.- vorn- Hof— Quergeb.— Seitcnfl.— Tr. links— rechts bei_ (Dieser Zettel ist ausgefüllt einzusenden an Alex Pagets, Berlin SW.68, Lindenstraste 3, Hof II.) „Wat freut Sie denn so bei den lautigen Zellen?" „Da� mich„Lebewohl"* von meinen Hübneraugen befreit hat!" *) Gemeint ist natürlich das berühmte, von vielen Aerzten empfohlene HDhnerauKeii»l.ebewobl und Lebewohl. Balletucbelben, Blechdose(8 Pflaster) 75 Pfg, Lebewohl. PuBbad gegen empfindliche Füße und Fußschweiß, Schachtel (2 Bäder) 50 Pfg., erhältlich in Apotheken und Drogerlen. Wenn Sie keine Enttäuschungen erleben wollen, verlangen Sie ausdrücklich das echte Lebewohl In Blechdosen und weisen andere, angeblich„ebenso gute" Mittel zurück R wirksam sind die KLEINEN LZli: ANZEIGEN in der Gesamtauflage[1 des.Vorwärts" und trslsdam UUli FASAN EINHEITSPREISE Marke Fasan.. 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