Abendausgabe Nr. 3b7 44. Jahrgang Ausgabe B Nr. l$l «-zussbedingmigeii Hub«nzeig-nprelfe Bitt ia der aRocatimasaeb« enfleetfetn Rebattlon: SXB. 68. Clobenffrabc 3 Asrasprecher: VSnhoff 262— 2g, I«l..»br«b»: Soziolbemolrot v«»» Derliner Volksblcrkk Zentralorgan der Sozialdemokrat» feben Partei Deutfcblands (lO Pfannia) ßreitag 5. August 1�27 Berlag uod Anzelginabteilung: S«schSft-z-it bi« S Uhr Verleger: VorwSrls-Verlag tvmby. verlia sw. 68. cinbenstrab« 2 Zernsprecher: Dönhoff 202— 2», Sriefe lebendig Toter. Taeco und Vanzetti schreiben... Baston. 5. ilngnst. Sacco und BonzeM schrieben gestern aus der Toienzelle heraus zwei Briefe, in denen sie nochmals ihre Unschuld be- l e u e r n und den Gouverneur Zuller, den Richter und den Staats. anmalt als Mörder bezeichnen. Sie würden sterben, wie alle Anarchisten für die Anarchie. Die bisherige Verteidigung der beiden Verurteilten hat ihr Amt einem der bedeutendsten amerikanischen Rechtsanwälte abgetreten, der noch im letzten Augenblick versuchen wird, das Bundesgericht zu einer Intervention zu bewegen. Es besteht jedoch wenig Hoffnung, datz die'Verurteilten ge- rettet werden. Die Wachen des Gefängnisses und in der Umgebung der Wohnung des Gouverneurs Füller find verdoppelt worden. In Boston herrscht jedoch vollständige Ruhe. Frau Sacco hat gestern ihrem Mann einen anderthalbstündigeu Besuch gemacht. Sie SerUaer Gewerkschaften an Sie USft.-öotschast. Die gewerkschaftlichen Spitzenkörperschaften Berlins haben heule das nachstehende Telegramm au die uordamerikanische Botschaft iu Berlin abgesandt: Erhielten aus Boston die Rachricht, die inzwischen auch in der Presse ihre Bestätigung gefunden hat, daß Sacco und Vanzetti un- widerruflich verloren und Hinrichtung am 10. August erfolgen soll. Wir können nicht annehmen, daß das ameritani- sche volkdieseubarbarischeu Akt einer Rachejustiz billigt, wir appellieren an die Menschlichkeit der amerika- nischen Regierung, zugleich erheben wir im Ramen von 400000orgauislertenArbeiternundAnge st eilten Berlins gegen die Hinrichtung schärfsten Protest und richten an die Regierung der Vereinigten Staaten in letzter Stunde noch einmal das dringende Ersuchen, den Justizmord zu ver. hindern und eine Wiederaufnahme des Prozesses zo er- wirken. Allgem. Deutscher Gewerkschastsbund. Ortsgr. Berlin. Sabolh. Allgemeiner Freier AngestMenbund, Orlskartell Berlin. Fla tau. Ver proteftfturm. In R o s a r i o(Argentinien) sind noch vor Bekanntwerden der Nichtbegnadigung die Arbeiter in einen Sympathiestreik für Sacco und Vanzetti eingetreten; zwei Geschäftshäuser sollen von den Streikenden angegriffen worden sein; man erwarte die Aus- rufung des Generalstreiks, der angedroht worden war, falls den beiden Anarchisten keine Gnade gewährt werde. 6 Di« Stadtverordnetenversammlung von Rio de Janeiro hat«im Namen der amerikanischen Kultur und der gesamten Zivis ation"«inen Protest gegen die Hinrichtung von Sacco und Vanzetti beschlossen. 6 Eine Gewerkschaftsversammlung in Brooklyn- New Park nahm ein« Entschießung an, in der der Präsident des amerikanischen Gewerkschaftsbundes, Green, aufge- fordert wird, den Generalstreik im ganze Lande zu er- klären. Ein Redner erklärte, eine Reihe ähnlicher Versammlungen werde in den verschiedensten Landesteilen abgehalten werden. * Die heutige Pariser Morgenpresse äußert sich in entrüsteten Artikeln über die Entschließung des Gouverneurs Füller, Sacco und Vanzetti hinrichten zu lassen.„Wenn die Beiden dm 10. August hingerichtet werden", sagt der„üuotidien", wird ihr Begräbnis das Grab der Gerechtigkeit in den Ver- einigten Staaten bedeuten."„Der Gouverneur Füller mag sich in acht nehmen", schreibt der„Populaire",„das Blut der' beiden Unglücklichen wird auf die Vereinigten Staaten zurückfallen und ihnen die Verachtung der ganzen Welt ausladenl" Die ..Volant«" hofft, daß sich die französische Regierung dem Protest der gesamten Welt anschließen und beim Präsidenten Coolidge intervenieren werde. Für Sonntag hat das Komitee für Sacco und Vanzetti die Pariser Bevölkerung ohne Unterschied der Parteirichtung zu einer Riesendemonstrotion auf den Boulevards aufge- rufen. Die Regierung wird sich dieser Manifestation nicht widersetzen, um anzudeuten, daß sie mit dem Protest der ge- samten Welt solidarisch ist. Die Kommunistische Partei Nordamerikas fordert auf, am Dienstag um 12 Uhr in den Generalstreik einzutreten als Protest gegen die Hinrichtung von Sacco und Vanzetti. Die Polizei schützt die Banken gegen Bombenattentate. In Washington bewacht die Geheimpolizei die staatliche Schatz- k a m m e r und die anderen Staatsgebäude, ebenso das Haus Kelloggs wegen etwaiger Bombenattentate. Für Kellogg ist außerdem«ine Spezialwache als Schutzgegen Meuchelmord gestellt worden._ John dillon gestorben. Der alte Borkämpfer Irlands. London. 5. August. An den Folgen einer Operation ist in einer Londoner Klinik im Alter von 7K Jahren der Vorkämpfer für die irische Unabhängig- keit I o h n Dillon gestorben. 45 Jahre hat Dillon dem englischen oder irischen Parlament angehört und ist 1925 gegen de Valera unterlegen. Dillon war aus politischen Gründen mehrere Male KuGesängnisjtrosen verurteilt worden. Funkers bricht öen Weltrekord. Die Hauptprobe für den Ozeanflug erfolgreich beendet.- Start zum Amerika- flug wahrfcheinlich nächste Woche. Die Iunkers-Flieger Risticz und Edzard haben die große Auf- gäbe, die sie sich gestellt, aus der Zunkers-Ozeanmaschine L 33 glänzend gelöst. Sie sind nach einer Flugdauer von 52 Stunden und 23 ZNinuten heute vormittag um 10 Uhr 13 Minuten aus dem Dessauer Flugplatz glatt gelandet.(Zwei Berliner Morgenblätter brachten voreilig die Falschmeldung, daß der Flug bereits nach 45 Stunden in der Rächt abgebrochen worden sei.) Der von Ehamberlin ausgestellte Weltrekord wurde um 9 Uhr 1 Minute gebrochen. Die Maschine hat bis zuletzt absolut gleichmäßig und zuverlässig gearbeitet. In der Theorie hätte das Flugzeug vou Vesiau aus glatt Rem Park erreicht. Die Lanöung. Um 10 Uhr 10 Minuten hörte man plötzlich, wie der Motor ab» gestellt wurde, die Maschine ging in einer kurzen Schleife nieder und landete 10 Uhr 11 Minuten 8 Sekunden nach einer Gesamtflugzeit von 52 Stunden 23 Minuten mitten auf dem Feld mit stehendem Motor. Im nächsten Augenblick stürmte von allen Seiten die nach Tau» senden zählende Menschenmenge über das Feld, aber schneller als sie war ein Auto, das die Piloten von der Maschine abholte und rasch zum Verwaltungsgebäude des Flughafens brachte. Vor dem Ge» bäude begrüßten dann Risticz und Edzard, die beide sehr frisch unv vergnügt aussahen, ihre Frauen, Risticz insbesondere seine beiden kleinen Söhne. Dann mußten die beiden Flieger von allen Seiten Glückwünsche und Händedrücke entgegennehmen, ein hoch noch dem anderen wurde von der sie dicht umgebenden Menschenmenge ent- gegengebracht, und minutenlang mußten die glückstrahlenden Piloten mit' ihren Familien und mit Professor Junkers dem Kreuzfeuer der Photographen und Kinooperateur« standhalten. Nachdem sich dann die erste Ausregung gelegt hatte und all- mählich Ruhe eingetreten war, begannen die offiziellen Ansprache», und zwar sprach als erster der anhaltische Staatspräsident D e i st, dann Professor Junkers, der Oberbürgermeister der Stadt Dessau, Direktor Sachsenberg von den Junkers-Ftug- zeug-Werken, und schließlich dankten R i st i c z und E d z a r d für die ihnen zuteil gewordenen Ehrungen. Die beiden Piloten haben mit der Junkers Ti 33 den Welt- rekord Chomberlins um 1 Stunde 12 Minuten überboten. Start nach New IJork nächste Woche. Die Iunkers-Werke werden nun mit größler Beschleunigung die Vorbereitungen für den wirklichen Ozeanflug treffen. Der Start Dessau— Rew Pork soll bereits in der nächsten Woche erfolgen. Der Probeslug der Junker s-Maschine ist eine glänzende technische Leistung. Es wird versichert, daß die Maschine nicht voll ausgeflogen worden fei, so daß beim Ozeanslug noch höhere Geschwindigkeit er- reicht werden könnte. Die Zuverlässigkeitsprobe ist gelungen. Ob das Risiko des großen Fluges über den Ozean glücklich überwunden wird, muß die Tat beweisen. (Siehe auch 3. Seite.) Reichsfarben unü Sehörüen. Die Notwendigkeit gesetzlicher Klarstellung. Wie wir bereits in unserer Morgenausgabe melden konnten, beabsichtigt die preußische Staatsregierung durch eine Notverordnung mit Gesetzeskraft die Rechtsun- sicherheit zu beseitigen, die durch die Entscheidung des Ober- Verwaltungsgerichts in der Flaggenfrage entstanden ist. Unter formaljuristischen Gründen— wenn man nicht sagen will: Vorwänden— hat diese höchste Spruchkammer den Ge- meinden das Recht zugestanden, entgegen den Anord- nungen der Landesregierung auf die Hissung der R e i ch s f a r b e n bei Staatsfestlichkeiten zu verzichten. Es gibt nun auch Entscheidungen, in denen das Oberverwal- tungsgericht zuungunsten rebellierender Gemeindeinstanzen entschieden hat. Eine davon sei hier dargestellt: Der MagistratinStolpin Pommern hatte am 13. August 1925 einen Beschluß gefaßt, wonach den Inhabern städtischer Dienst- und Mietwohnungen gestattet werden soll, auch in anderen Farben als den verfassungsmäßigen Farben des Reichs� des Landes, der Provinz oder der Gemeinde und auch an anderem Tagen als an solchen, an denen die Dienstgebäude selbst beflaggt werden, zu flaggen. Der Erste Bürgermeister in Stolp beanstandete diesen Beschluß, da er gesetzwidrig sei; nach Ministerialerlassen vom 25. Juli und 30. Juli 1925 dürfen In- haber von Dienstwohnungen oder fiskalischen Mietwohnungen nur dann, wenn das Dienstgebäude selbst geflaggt sei, und nur in den verfassungsmäßigen Farben des Reiches, des Landes, der Provinz oder der Gemeinde flaggen; es sei mit allen gesetzlichen Mitteln dafür zu sorgen, daß das Flaggen mit schwarzweiß- roten Fahnen auf sämtlichen Dienslgebäuden, auch denen der Gemeinden, unterbleibe. Den Beanstondungsbeschluß focht der Magistrat mit der Klage beim Bezirksausschuß a n und be- tonte, es handle sich um ein« Selbstverwaltungsangelegenheit: von den Gemeinden könne die Anwendung des Erlasses vom 25. Juli 1925 nicht oerlangt werden. Der Bezirksausschuß und das Oberverwaltungsgericht entschieden zuungunsten des Magistrats, indem u. a. aus- geführt wurde, es sei zu prüfen, ob der in Frage kommende Ma- gistratsbeschlüß die Gesetze verletze oder die Befugnisse über- schreite. Der Beschluß sei im Anschluß an die erwähnten M i- nisterialerlasse gefaßt worden und gestatte ausdrücklich den Inhabern städtischer Dienst- und Mietwohnungen, auch andere als die verfassungsmäßigen Farben zu verwenden. Die Inhaber städtischer Dienst- und Mietwohnungen werden also durch den Ma- gistrat gedeckt, weim sie Flaggen hissen, welchen eine politische Be- deutung innewohne. Der Magistrat sei nicht befugt, in dieser Weise für die städtischen Beamten einzutreten und sie zu einem gegen behördliche Maßnahmen gerichteten Ver- halten zu ermuntern. Der Magistrat überschreite mithin in seinem Beschluß die ihm zustehenden Befugnisse. In dem vorliegenden Falle hat also der Magistrat eine Zurechtweisung einstecken müssen, an der besonders die Feststellung interessant ist. daß der Magistrat die Beamten nicht gegen behördliche Maßnahmen aufzuputschen hat. Im Falle Potsdam aber hat sich das Oberoerwaltungsgericht hinter die Gemeinde gestellt, die gegen die Staatsregierung auftrat. Durch derartige widerspruchsvolle Entscheidungen wird die R e ch t s u n s i ch e r h e i t auf die Spitze getrieben. Bleibt sie, dann wird man es erleben müssen, daß keiner sich mehr auskennt und daß daher Dutzende von Verwal- l tuugsjtrei.tverjahren über Kine au sich selbstoersMid- liche und unzweifelhafte Rechtslage stattfinden. Ein Regieren oller gegen alle, unnnötige Kosten, Belastung des Ver- waltungsapparats, Mißstimmung und Verärgerung unter Be- Hörden und Beamten wäre die Folge. So ist Preußens Plan, hier einmal völlige Klarheit zu schaffen, nicht nur politisch, sondern auch sachlich eine Not- wendigkeit. Hoffentlich wehren sich gegen ihn nicht wieder gerade diejenigen Kreise, die sonst nicht genug nach einer starken Staatsautorität rufen können. Im übrigen wird die Freude mancher Gemeinden an den verfassungswidrigen Farben bald nachlassen, wenn alle R e- publikaner am Verfassungstag sich treu zur Re- publik bekennen, indem sie die Reichsfarben zeigen, Nummer 15. Die kommunistische Opposition erreicht Fraktionsstärke. Der nächstfällige Austritt aus der kommunistischen Reichstags- fraktion ist erfolgt. Der Reichstagsabgeordnete Karl Vierath Hot sich mit B o h l a solidarisch und seinen Austritt aus der KPD. erklärt. Die kommunistische Opposition hat nun Fraktionsstärke erreicht. Sie besitzt 15 Mitglieder, die kommunistische Fraktion nun nur noch 30 Mitglieder. Die„praada' triumphiert. Austritte ans der Opposition der KPR. Moskau. 5. August.(OE.) Im Zusammenhang mit dem Auftreten der Frau K r u p s k a j a, der Witwe Lenins, gegen die Opposition stellt die„Prawda" triumphierend fest, daß die Reihen der Opposition sich zu lichten beginnen:.Die Opposition verliert nicht nur Mannschaften, sondern auch bedeutende der ganzen Partei bekannte Führer. Als einer der ersten hat der alte Lcningrader Bolschewik Badajew die Opposition verlassen, ihm folgten die Genossen Nikolajewa und Salutzki, mit denen die Opposition sich gebrüstct und welche sie gegen die Parieimchrheit ausgespielt hatte. Jetzt ist auch die Ge- nossin K r u p s k a j a von der Opposition abgerückt und gegen ihre Wühlarbeit aufgetreten. Ferner hat auch Genosse S o k o l n i k o w den Bruch mit der Oposition vollzogen, weil er bei der Gründung einer Partei in der Partei nicht mitwirken will, lind endlich liegen auch schon Kollektiverklörungen von ganzen Gnippen vor, welche die Manifeste der Opposition unterzeichnet haben, jetzt aber ihre Unterschriften zurückziehen wollen." Mekkapilger erzählen. Königsmordgeschichten aus Hedschas! London, 5. August.(TU.) Pilger, die soeben aus Mekka nach Basra zurückkehrten, be- richten nach einer.Times"-Meldung über einen Mordversuch an König Ibn Saud und seinen ältesten Sohn Emir Saud. Der Emir Khalid, ein Neffe des Königs, und sein Vater wurden beobachtet, wie sie mit Sklaven über die Mauern des Palastes Ibn Sauds stiegen. Die Wache eröffnete das Feuer und ver- wundet« mehrere Personen. Khalid und sein Bater sind ge- sangen genommen worden und sollen hingerichtet oder in Taif eingekerkert werden. Zehn bezahlte Mörder, die den Gouverneur von Al Hasa ermorden wollten, sind crgrissen und hingerichtet worden, Keuöells Helfer. Parteifreunde des Verfafsu«gsministers4 Der deutschnationale Kapp-Landrat und jetzig« Reichs- innenminister Keudell hat die besondere Verpflichtung, die Verfassung vor Angriffen zu schützen. Er hat ja den Eid auf diese Verfassung geleistet, und so ein Eid will immerhin ge> halten sein. Seine Freunde machen es ihm freilich sehr schwer, bei seinem Eid und seinem Amte zu bleiben. Da ist zum Beispiel in Düsseldorf ein deutschnationales Parteiblättchen, das den schönen Namen„Der Führer" trägt und in einer seiner letzten Ausgaben die von den oeuffchnationalen Reichsministern in Festveranstaltungen gefeierte Verfassung von Weimar in schamloser Weise oerspottet.„Der Führer", das Blatt der größten Regierungspartei,„empfiehlt" den deutschnationalen Lehrern, bei Verfassungsfeiern in der Schule etwa folgende Rede zu halten: „Der glorreiche Verfassungstag. Ein« Fe st rede, für die Zwangs-Schulfeiern zur Gratisbenutzung zur Verfügung gestellt. Liebe Schüler und Schülerinnen! Wir sind heute vereinixt, um den größten Tag der deutschen Geschichte zu feiern. Es ist ja schlimm genug, daß sein Datum gerade in die Zeit der Schulferien fällt, so daß sich im Jahre 192S die Schulfeiern in Düsseldorf, die unserer herrlichen Verfassung par orde du Becker gewidmet werden mußten, auf die kurze Zeit vom 27. Juli bis 10. September verstreuten. Aber was tut's, die Hauptsache ist doch, daß mal wieder an einem Tag nicht gearbeitet zu werden braucht. Es ist ja schade, daß der Landwirtschast dabei mitten in der Ernte ein wichtiger Tag verloren geht, aber wer wird nicht gern nötigenfalls einen Teil der Ernte unseres Landes vernichtet sehen, wenn es gilt, damit den erhabenen Gottheiten der echten Demokratie ein ihrer Partei wohlgefälliges Beweihräucherungsopfer darzubringen?... Ihr seht, der 11. August gibt uns Grund genug zur stolzen Freude. Was war Leipzig, was Sedan, was die Reichsgründung gegen jenen unvergleichlich herrlichen Kuhhandel von Weimar, aus dem die„freieste Verfassung der Welt", wie aus einem Gusse, hervorging! Gewiß ist heute die polizeiliche Bevor- mundung der Bürger ärger als im alten Kaiserreich, gewiß hat die sozialistische Zwangswirtschaft uns zeitweilig einen Zuchthausstaat geschaffen, wie wir ihn vorher nicht kannten, gewiß feiert die Gesinnungsschnüffelei Orgien wie nie zuvor, und manche sozialistischen Be a m t e n bis in sehr hohe Pöstchen hinaus haben sich schon für dermaßen kleine Bestechungs- g e f ch e n k e als zugänglich erwiesen, daß man sie beinahe als unbestechlich bezeichnen könnte. Es stnd also noch viele Schönheits- fehler im demokratischen Deutschland vorhanden, und jener Berliner Gelehrte hat nicht ganz unrecht, der gesagt hat, Demokratie sei organisiertes Pfuschertum. Aber dennoch, welche andere Leistung des demokratischen Deutschland soll man denn dem Volke als Sedan-Ersatz aufschwatzen, wenn nicht den 11. August? Wir können und wollen den 11. August nicht schöner seiern, als daß wir seinen geistigen Bätern Scheidemann, Preuß, Barmat, Severing, Becker usw. in tiefer Ehrfurcht ge- loben, dem demokratischen Gedanken unser Leben zu weihen und nie zu oergessen, was wir der Weimarer Koalition unter sozial- demokratischer Führung schuldig sind. In diesem Sinne singen wir das Lied:„Stolz weht die Flagge Schwarz-Rot-Gold" und im Anschluß daran die Internationale." Das Ganze soll humoristisch sein. Es ist aber nur der gequältö Witz einer Menschenschicht, die ihre Führer mit Wider- willen„regieren" sieht und am liebsten den ganzen Laden zertrümmern würde. Was das Geschreibsel über die Spalten des„Führers" hinaus interessant macht, ist die Tatsache, daß es in dem Organ der größten Regierungs- partei des Bürgerblocks, in einem Organ der Partei des Verfassungsmini st ers Keudell er- scheint! Das Zentrum hat die Verfassung von Weimar mit geschaffen. Der Zentrumskanzler Marx wird bei der Verfassungsfeier am 11. August eine Ansprache halten. Die deutschnationalen Minister werden nicht fehlen. Das Zentrum ist empfindlich gegenüber jeder Kritik von republika- nischer Seite. Will es weiter dulden, daß die deutschnatrona- len Koalitionsbrüder fernerhin die Reichsflagge als „Schandfleck" bezeichnen und die Verfassung, an der das Zentrum so hervorragend mitgeschaffen hat, in der Düsseldorfer Manier durch den Kot gezogen wird? Keudell hat das Wort. Marx darf nicht schweigen! Tarifrecht unü Klassenjustiz. Eine Freisprechung, die keine ist. Zwei Strafrechtsvorgänge in Königsberg und Düsseldorf gaben uns vor einiger Zeit Veranlassung, die Berständnislosigkeit von Staatsanwälten und Strafrichtern gegenüber dem modernen Arbeitsrecht zu beleuchten. In beiden Fällen war ein Strafverfahren gegen Arbeitnehmer eingeleitet worden, weil sie nachträglich Ansprüche auf Grund eines Reichstarifver- träges geltend machten. Das war nach Meinung dieser Staats- anwälte und Straftichter nichts weniger als Betrug. Für die Unter- nehmer zweifellos ganz entzückende Perspektiven! Aus dem Um- wege über das Strafrecht wird nicht nur Sinn und Zweck wichtigster Bestimmungen des T a r i f r e ch t s beseitigt, der Arbeit- nehmer wird auch noch für die Geltendmachung seiner ihm zustehenden Ansprüche be st rast. Der Vorgang in Königsberg, wo die Arbeitnehmer durch Straf- befehl zu je 160 M. Geldstrafe bzw. 30 Tagen Gefängnis verurteilt wurden, ist immer noch nicht erledigt. Im Düsseldorfer Fall hat das Amtsgericht bei der weiteren Verfolgung der Angelegenheit den Angeklagten auf Kosten der Staatstasse freigesprochen. Die Begründung dieses Freispruches ist ebenso erstaunlich, wie die Tatsache, daß überhaupt ein solches Strafverfahren eingeleitet werden konnte.• Man vergegenwärtige sich: nach dem geltenden Tarifrecht durfte der Unternehmer nur unter Innehaltung der Bestimmungen des Tarifvertrages einen Vertrag mit dem Arbeitnehmer ab- schließen. Das ist Sinn und Zweck der gesetzlichen Vorschrift über die Unabdingbarkeit der Tarifverträge, die durch den staatlichen Hoheitsakt der Allgemeinverbindlichkeitserklärung zum Range eines Gesetzes erhoben werden. Der Unternehmer mißachtet Tarifvertrag und Geseh� er vereinbart schlechtere Arbeitsbedingungen. Will man schon bei einem solchen Vorgang von Betrug sprechen, dann kann nur der Unternehmer verfolgt werden, weil er sich einen rechtswidrigen Vermögensvorteil verschafft hat. Das gilt auch dann, wenn beide Teile, Unternehmer und Arbeitnehmer, mit voller Abficht gegen die Unabdingbarteit verftoßm hätten, weil sonst kein Beschästigungsverhältnls zustande gekommen wäre. Man weiß ja, wie unter solcher Pression eine„Einigung" erzielt wird. Nach der strafrechtlichen Seite hin kann also immer nur eine Schuld des Unternehmers vorliegen. Soweit die privatrecht- l i ch e Seite in Frage kommt, bestimmt das geltende Tarifrecht ausdrücklich, daß solche Vereinbarungen unwirksam sind: an ihr« Stelle treten die tariflichen Bestimmungen. Im Düsseldorfer Fall hat deshalb das zuständige Zioilgericht, nämlich dos Tarif- schiedsgericht, den nachträglich geltend gemachten Anspruch a n- erkannt. Dieser entscheidende Zusammenhang geht in dem Düsseldorfer Strafgerichtsurteil vollständig verloren. Weit schlimmer ist jedoch, daß nach Ansicht dieses Gerichts der Angeklagte wegen Betruges zu bestrafen gewesen wäre, wenn er schon beim Vertragsschluß die Umvirtsamkeit der fraglichen Bestimmungen gekannt hätte. Die Geltendmachung der gesetzlich gesicherten Tarifbedingungen ist also doch Betrug, wenn in voller Kenntnis der Rechtswidrigkeit schlechtere Arbeitsbedingungen vereinbart wurden. In solchem Falle verübt jedoch nicht der Unternehmer, sondern der Arbeitnehmer nach Meinung des Amtsgerichts in Düsseldorf Betrug... Der Vorgang beweist nur wieder mal. daß auch für die Arbeits- Sense nnS Lippenstift. Von Kurt Osfenburg. Michael, ein Student der Philosophie, der zu seinem optimistisch blauen Auge»aufschlag eine schwere, mächtige Gestalt und die breiten Hände ländlicher Vorfahren mitbekommen hatte, nahm Charleston- stunden. Tanzstunden von dem Geld, das er sich in durchwachten Nächten mit langweiliger Schreibmaschinenarbeit und durch die Einpaukuug griechischer und lateinischer Weisheit in den schwachen Schädel eines faulen Fabrikantensöhnchens schwer genug verdient hatte. Das Geld sollte ursprünglich zum Einkauf solcher jenseitiger Güter dienen, wie sie zu seinen Schwärmerblicken paßten: zum Ein- kauf dickleibiger Schwarten längst vermoderter Weltweisen und zu Kolleggcldern. Essen und Trinken war ohnedies das wenigste, was im Leben Michaels von Belang war. Aber das Schicksal, das die Frommen bedroht, fügte, daß die mondäne dunkeläugige Schwester des lässigen Schülers mit den weichen Schritten einer eleganten Katze in d>« Stube kam und mit ihren langen gepflegten Händen irgendein Ding vom Schreibtisch des Bruders nahm. Der berühmte und berüchtigte Liebesschlag traf den armen Michael, als er aufstand und sich linkisch über hie blasse Hand beugte. Er stürzte sich damals schon(wenigstens bildlich) mit der leiden- schaftlichen Schücksternheit seiner Träum« dem unbekannten Mädchen zu Füßen und war mit Körper und Seele bereit, sich zu— bla- mieren. Aber, wie es so geht, sie fand ihn ungeheuer romantisch und überdies dekorativ wie ein« afrikanische Plastik... Sie lud Michael zu ihren Nachmittagetee« ein, spürt« mit Ver- gnügen seine schmachtende Hingerissenheit, brennende Abschiedshand« küsse, sehnsüchtige Berührungen. Schließlich und endlich kam es sogar zu einem Ausflug mit dein Bruder. Michael wußte von den Mädchen nur, was fein« hungrigen Träume ihm vorgaukelten. Und überdies war das außer einer nied- lichen Gepflegtheit auch da, einzige, was an dem mattherzigen Fräulein interessant war. Der Tag war glühend heiß, die kurze Eifenbahnsahrt wie ein Flug in andere Länder... Dann kam das Vesper in einem Wirts- Haus, und Michael genoß die Butterbrote, die sie mit ihren heiligen Händen bereitete, wie ein Gläubiger die göttliche Mahlzeit. Wenig später lagen die beiden(der Bruder Quartaner war— Gott segne ihn!— auf eigene Faust räubern gegangen) am bemoosten Rand des Waldes, in Schatten und Hitze gehüllt. Vor ihnen wellten in üppiger Pracht wogende Felder, tiefer am Horizont und im Dunst des Nachmittags verschwimmend Dörfer und Städtchen... Michael klopfte das Herz bis zum Hals. Er wagte nicht, das Gesicht dem Mädchen zuzuwenden, das neben ihm ausgestreckt lag. Er sah nach da? andere« Seite, und wie als Symbol sommerlichen Reichtums stand ein Mädchen oder eine Frau im Korn und schnitt die Nehren. Sie war groß und stark, und ihre Hüften wiegten sich mit dem Schwung der Sense. Dann blieb sie heiß atmend stehen, schob das weiße Tuch vom Kopfe: er blickte, aufwärts gerichtet, in ein braunes, breites, von der Sonne durchglühtes Gesicht. Sie lachte unmerkbar und lief wenige Schritte seitwärts an den�Rand des Feldes, wo ein Baum weiten Schatten warf: beugte sich nieder, und Michael sah. wie sie ihr Kind aufhob und an die Brust nahm. Atem von Kirn und heißer Erde drang zu ihm... Jäh war es Michael, als wenn ein Vergessenes,«ine Quelle in Ihm wach würde. Wie lange war er weg vom Dorf, Vater und Mutter tot... Glück und Leid wuchsen über ihn hinaus und rissen Höf- lichteit und Scheuheit fort. Er wandte sich verzaubert um, der Freundin nahe zu sein. Da lag sie, halb aufgerichtet, blutleer und grau das Gesicht, das Spiegelchen in der Hand urd den Stift in den dünnen Fingern der anderen, ernsthaft und sachlich bemüht, sich die blassen Lippen zu malen. Michael starrte sie an! Sie lachte ein wenig, und dann kam die Puderdose... Michael wurde plötzlich nüchtern: wie häßlich und künstlich die weißen Wangen und die knallroten Lippen im Licht des Tages waren! Verstört begann er ein Gespräch und versuchte, in dem Mädchen den Traum und das Glück wiederzufinden, das ihm ent- gleiten wollte. Aber siehe!— jetzt, da seine Augen geöffnet waren vom Leben, erkannte er lächelnd und schaudernd, daß seine Göttin nur der Schatten einer Frau und im Geist ein« Gans war. ver falsch übersehle Schwanktilel. Der Titel des neuen Stückes im Renaissance-Theater stimmt erwartungsvoll:„D r. Bolbec und sein Gatte". Wieso hat der Dr. Bolbec einen männlichen Gatten, fragen wir spannunggeladen. Aber schon durch die erste Szene sehen wir eine bange Ahnung Wirtlichkeit werden. Dr. Bolbec ist eine Frau Dr. Bolbec. Der Lustspieltitel lockt mit einem Uebersetzungsfehler. Im Französischen klappt das Wortspiel. Sein oder nicht sein ist hier keine Frage: im Deutschen muß«, heißen:„Dr. Bolbec und t h r Gatte". Den abgetakelten Stoff von der berühmten Frau und dem an die Wand gedrückten Ehemann ziehen die Autoren Georges B e r r und Louis V e r n e u i l von neuem auf. Charmanter Verneuil, wie ist das möglich? Den beiden Franzosen ist bei der Behandlung des Themas, das vor Jahr- zehnten einmal aktuell gewesen Ist, nichts andere» eingefallen als den Veteranen der deutschen Schwankfabrikation. Dem Ehemann wird eines Tages die Rolle de» Prinzgemahls zu bunt, er pumpt sich mit Energie und seine Frau mit Eifersucht auf und macht so aus Dr. Bolbec ein liebwertes Weibchen. Im Anfang ist da» Stück mit Pikanterien gewürzt: es endet traut und sinnig wie im Back- fislfcschmöter. Die Absicht der Theoterdlrektion, das Publikum mit dieser belanglosen Dagcwesenheit gründlich zu langweilen, durch- kreuzen die Darsteller durch ihr fein abgetöntes Spiel(Regie Paul Marx). Ein ganz eigene» Gesicht hat Oskar S i m a. Sein Ehe- mann Bolbec ist von hoffnungsloser Entschlossenheit. Bevor er strafrechtspflege eine Reform an Haupt und Gliedern dringend erforderlich ist. Er lenkt jedoch gleichzeitig die Aufmerk- samkeit auf den Strafgesetzentwurf, der nicht zuletzt auch auf solche Gefahren hin gründlich zu prüfen ist. Der»Kerl mit üer verbrecherftirn�. Irgendeine Behördenstube in einem Nestchen an der Donau. Ein Beamter hat an der Wand seines Bureaus ein Brustbild Goethes hängen. Da kommt zufällig ein Kollege herein und sieht das Bild.„Wer ist der Kerl!" ruft er. Gelassen entgegnete der andere:„Nun, das ist doch Lenin!"—„Richtig!" stimmte wieder der erst« zu, man sieht ohnehin gleich— die Verbrecherstirn!" Armer Goethe! Amier Lenin! Aber gegen die geistige Monströsität eines kgl. freistaatlichen Oberassistentenaspiranten oder eines außeretatmäßigen Kanzlistensubstituts ist kein Kräutlein ge- wachsen. die vor üem Anschluß. Eine internationale Anleihe für Dcutschösterrcich. Nach einer Meldung der„Wiener Allgemeinen Zeitung" sollen die Vorarbeiten für die Auflegung einer internationalen Anleihe für Oesterreich im Gange sein. Sie ist angeblich sowohl für die Beschaffung von Jndustrieprodukten wie auch für die Beschleunigung des staatlichen Jnvestiga» tionsprogramms bestimmt. Einleitende Fühlungnahmen sollen in London, Paris und Rom erfolgt sein. Maß- gebende englische Finanzkreise hätten zwar. die Führung eines zu gründenden Finanzsyndikats abgelehnt, aber ihre Unterstützung für ein solches Syndikat zugesagt. Das Anleiheprojekt soll hauptsächlich aus der Erwägung entstanden sein, daß allenfalls mit dem Anschluß Oesterreichs an Deutschland vorläufig nicht gerechnet wird, andererseits aber auch ein enger wirtschaftlicher Zusammenschluß Oesterreichs mit den Nach- folge st aaten von England nicht gewünscht wird. Der eng- liche Donauhandel würde unter einer Bestätigung der Meist- begünstigungsverträge mit den Subventionsstaaten sehr zu leiden haben. Englische Finanzkreise seien sich der Notwendigkeit bewußt. wenigstens eine provisorische Lösung des österreichischen Problems herbeizuführen. Diese Lösung des österreichischen Problems scheint uns aller- dings sehr provisorisch zu sein. Auslandsanleihen vermögen wohl gewisse äußere Schwierigkeiten vorübergehend zu beheben, sie werden aber niemals Oesterreich und seine Wirffchaft l e b e n s- sähig gestalten können. Die Siegerstaaten mögen sich vor der wahren Erkenntnis sträuben, wie sie wollen, die wettere Entwicklung wird sie überzeugen, daß Oesterreich unter den heutigen Bedingungen zu einem dauernden Siechtum verurteilt ist. Da» verrälerlsche Lichtbild. Mit„120 000 Demonstranten im Lustgarten" will die Berliner„Prawda" allen, die nicht dabei waren, imponieren. Aber— o Unvorsichtigkeit— in der Beilage zeigt die photographische Ausnahme hinter den im Bordergmnd ausgestellten Demonstranten eine gewaltige leere Fläche. Vergebens sucht ein in das Bild hineinretouchiertes Plakat diese wenigstens auf einer Bildseite zu verdecken, der aufmerksame Beschauer erkennt beut- lich, daß die Menschen nur einen Bruchteil der Platzfläche einnehmen. So ergänzt hier. einmal das..Pild Heu Text ip ungewollter, aber treffender Weise.. t Die Hamburger Reederei Rickmers behauptet zu der Beschlag. nähme eines ihrer Dampfer durch die Nanking-Regierung, daß dieser Dampfer lediglich Sprengstoffe für japanische Bergwerke führte und keinesfalls Munition zu irgendwelchen militärischen Zwecken.— Dabei sind in beiden Sendungen Hunderte von Kisten von schwarzem Sportpulver oerladen! Italienische Faschisten im Auslande werden gelegentlich so be- handelt, wie sie es in Italien den Andersdenkenden tun. Deshalb hat die Faschistenreyierung beschlossen, die Unfallrenten für faschisti- sches Berufsrisiko auch den Auslandsfaschisten zu gewähren. seine berühmte Frau anredet, gibt er sich regelmäßig einen ver- zweifelten Ruck, als ob er sagen will: Jetzt ist mir schon alles eins. Je trauriger sein Gesicht wird, desto lustiger wird das Parkett. Hilde Wörner ist zuerst, als Advokatin kalt, nüchtern, sachlich wie ein Beamter. Dann blüht plötzlich eine Innigkeit auf, die gefangen nimmt. Und entzückend ist ihre weibliche Verstörtheit und be- dingungslose Hingabe, Dgr. Journalisten mit Gewinnbeteiligung. William T. Stewart, der Leiter des New Porker„Sun", hat im Oktober vorigen Jahres mit einem Versuch begonnen, die Mitarbeiter seines Blattes durch Gs- winnbetciligung an dessen Erfolg zu interessieren. Er erklärte jetzt, wie die„Literarische Welt" erfährt, die Ergebnisse der vergangenen neun Monat« hätten einen wesentlichen Aufschwung des„Sun" ge. bracht, den man nur dem neuen System zuschreiben könne. Es handelt sich dabei, wie Stewart erklärt, nicht nur darum, die Iour- nalisten zu höheren Leistungen anzuspornen, sondern auch darum, dem Blatte seinen Mitarbeiterstab zu erhalten. Die Zahl der Iour- nalisten, die durch eine Zeitung zur Berühmtheit gelangt sind und daraufhin zum Film übergehen oder den Posten eines publizistischen Berater, wirtschaftlicher und politischer Organisationen annehmen, wachse in erschreckendem Maße. Es werde den Zeitungen Amerikas kaum etwas anderes übrig bleiben, als dem„Sun" auf seinem Wege zu folgen. Die zweite deotsä)« Raturschuhtagung, die in Kassel stattfand, faßte folgende Entschließung:„Der zweite deutsche Naturschutztag in Kassel hält in Anbetracht der außerordentlichen Bedeutung der Na- tur für alle Kreise des Volkes ein« für alle deutschen Länder mäg- lichst einheitliche gesetzliche Regelung der wichtigsten Forderungen des Naturschutzes für dringend geboten. Er begrüßt als wichtigstes Glied auf diesem Weg« die Absicht der preußischen Staatsregierung, dem Preußischen Landtag demnächst den Entwurf eines Naturschutz. gesetzes vorzulegen." Ein Walfisch von einem Dampfer gerammt. Bei der Ankunft des Ozeandampfers„Baltic", der in diesen Tagen von New York in Liverpool eintraf, berichtet die Mannschaft über ein Zusammen- treffen mit einem Walfisch, der an der Südküst« Irlands von dem Schiff gerammt worden war. Das ganze Schiff wurde plötzlich von einem schweren Stoß erschüttert, dem weitere leichte Stöße folgten.„Es war, als ob der alte Neptun die„Baltic" mit einem Teppichklopfer bearbeitete," erzählt einer der' Matrosen. Als man die Schiffswand untersuchte, fand man einen etwa sechs Meter langen Walfisch, der sich im Bug des Schisses aufgespießt hatte und durch die wilden Schläge seine« gewaltigen Schwanzes die Erschllt- terungen des Schiffsrunipfes bewirkte. Der Kapitän ließ sofort bei- drehen und schickte die Ingenieure nach vorn. Als man den Wal- fisch befreite, sah man, daß er eine etwa einen Meter lange Wunde im Rücken bei dem Zusammenstoß davongetragen hatte. Vi« juryfrei« ttuustschau verlin Im Land«Sau»stcllungZgebSud« am Lehrter Bahnhos wir» Mille August ein« Nmhängung erfahren. Die Neuerösfnuna wird noch bekanntgegeben. Sunstchroulk. Die Galerie Matthieien, Bellevuestrage 14, zeigt in diesem Monat anläßlich des 60. Geburtstages d«S Dichters Mar Dautheudetl eine Leine Auswahl vsu Aquarellen des Künstlers. puf öem Dessauer Klugplatz. Wie die Jnnkers-Rekordmaschine den 52-Stundenflug vollendete. Dessau, 5. August(Drahtbericht). In ständig wachsender Spannung verfolgt« gestern Nacht auf dem Dessauer Flughafen eine kleine Schar von leitenden Ange- stellten der Junkers-Werke und von Pressevertretern in Gegenwart des offiziellen Sportzeugen den weiteren Verlauf des Rekord- fluges der Junkers-Maschin« 33 L unter Führung der Piloten R i st i c z und E d z a r d. Alle 40 bis 50 Minuten Hörle man das regelmäßige Surren de» Motors, sah man die Maschine am Sternenhimmel als dunklen Punkt heransausen, die Wendemarke runden und wieder auf die Reife nach Leipzig gehen, von wo dann nach 25 Minuten wieder die Meldung über das Eintreffen des Flugzeuges ankam. Kurz vor Mitternacht ging die Maschine in die 43. Runde, kam pünktlich zurück und begann die 44. Runde, die die Entscheidung über einen neuen Streckenweltrekord auf ge- schlossener Bahn bringen sollte. Der bisherige Weltrekord für eine Flugstrecke in geschlossener Bahn wurde v on den franzö- fischen Fliegern Drouhin und Landry im August 1925 auf einem Farman-Doppeldecker nach 45 Stunden mit einer zurück- gelegten Strecke von 4400 Kilometer ausgestellt. Um 1 Uhr 11 Minuten kam aus Leipzig die Meldung, daß die Maschine die Wendemark« gerundet und demnach bereits 4393 Kilometer zwischen den Wendemarken zurückgelegt habe. 22 Minuten später, um 1 Uhr 33 Min. traf sie wieder in Dessau ein und hier wurde nun nach der 44. Rund« offiziell festgestellt, daß der Weltstreckenrekord von der Junkers 33 L auf 4460 Kilometer verbessert worden war. Auf dem leuchtenden Transparent auf dem Flugplatz, von dem aus den Fliegern Nachrichten über die Zeit und die zurückgelegte Strecke übermittelt wurden, erschien die Inschrift „iA60, wir gratulieren". Unter dem Winten der auf dem Flugplatz Stehenden flog die Ma- schine nach Aufstellung des neuen Rekords eine Runde über dem Flugplatz und ging dann wieder auf die Reise nach Leipzig. Nach- dem sie die 45. Runde zurückgelegt hatte, brach sie den Pendelslug gegen)43 Uhr früh ab, da sich in Richtung Bitterfeld-Leipzig die Sicht verschlechtert hatte. Die FU�ger kreisten dann länger als eine Stunde über dem Dcssauer Flugplatz. Die Junkers-Werke hatten im Verlauf des gestrigen Abends aus einer abgeworfenen Meldung der Piloten den Schluß gezogen, daß aus irgendwelchen Gründen der Brennstoffvorrat nicht mehr lange reichen und die Maschine deshalb im Laufe der Nacht landen würde. Diese Annahm« stellte sich jedoch al» irrig heraus. Da» Flugzeug blieb weiter in der Lust und begab sich, als es Heller wurde, gegen 4 Uhr früh, nachdem es durch eine weiße Leuchtkugel Signal gegeben hatte, wieder auf den Pendelflug nach Leipzig, legte aber nur noch elne Runde, die 46., zurück und verbesserte so den Streckenweltrekord auf 4660 Kilometer. Dabei ist zu berücksichtigen, daß die Flieger bis dahin noch etwa 1200— 1300 Kilometer in Runden über dem Dessauer Flugplatz zurückgelegt hatten, die aber nicht gewertet wurden, weil sie nicht innerhalh der beiden Wendemarken geflogen wurden. Um?15 Uhr kehrte die 33 U von Leipzig zurück und wurde nun bei Hellem Tageslicht durch lebhaftes Winken begrüßt, was von den Piloten deutlich sichtbar er- widert wurde. Dann wurde mit rotem Wimpel eine Meldung von Bord der Maschine abgeworfen, die folgenden Wortlaut hatte: „Am 4 Uhr 15 Min. haben wir noch 180 Liter Brennstoff, so daß wir zwischen 10 Uhr 30 und 11 Uhr werden landen müssen. Auf der„Back" ist alles wohl. Wir wünschen wohl geruhl zu hab�. Der Motor spuckte ein bißchen, und die Fernsicht war schlecht, deshalb sind wir über dem Platz geblieben. Mächtige» kreuzweh haben wir beide." Es zeugte von der guten Laune der Flieger, daß sie zur De- schwerung des Meldebeutels ein Butterbrot vor- wandten. Dann kreiste die Maschine weiterhin in ziemlicher chähe über dem Flugplatz. Um 5,48 Uhr waren die Flieger genau 48 Stunden in der Lust. Das Wetter ist prachtvoll, der Motor arbeitet anscheinend völlig regelmäßig. Wenn die Piloten ihre Absicht, zwischen 10,30 und 11 Uhr zu landen, wahrmachen können, dann würden sie den Weltdauerrekord Chamberlins um etwa 1)4 Stunden verbessert haben. Chamberlin hatte diesen Rekord von 51 Stunden 11 Minuten aufgestellt. Das Interesse an diesem in Deutschland bisher einzig dastehenden Rekordflug wächst von Stund« zu Stunde, immer neue Gäste, Pressevertreter, die Angehörigen der Piloten, Filmoperateure usw. treffen auf dem Flugplatz ein. Man erwartet auch Mitglieder des Aero-Clubs und der Deutschen Versuchsanstalt für Lustfahrt. Professor Junkers will noch vor Ps- endigung des Fluges mit seiner eigenen Maschine von Warnemünde hier in Dessau eintreffen. Um 8 Uhr morgens begannen die letzten Runden, die die Eni« scheidung darüber bringen sollten, ob die Junkers-331� den Welt- dauerrekord Chamberlins brechen werde. Mit nervöser Spannung verfolgten die zahlreichen Zuschauer im Flughafen und on den Rändern des Flugfeldes wie auch die Belegschaft der Junkers-Werke das Arbeiten des Motors und die Kreise der Maschine, die, je nach- dem. welcher Pilot gerade am Steuer saß, bald in Rechts- und bald in Linkskurven über dem Flughafen und seine Umgebung schwebte. Die Junkers-Werke ließen dann das Schlafwagenflugzeug G3i aufsteigen, von dem aus sich ein« gute Gelegenheit bot, die Rekord» Maschine bei ihrem ruhigen Fluge in nächster Näh« zu beobachten. Um 9 Uhr ertönte auf dem Flughafen ein brausendes choch, der Weltrekord Chamberlins war um eine Minute überboten, die Maschine war 51 Stunden 12 Minuten in der Luft. An dem Transparent erschien die Aufschrift: „9 Uhr. 51 Stunden 12 Minuten." Als Antwort auf das jubelnde Winken der Zuschauer löste sich von der Maschine eine weiße Leuchtkugel als Zeichen dafür, daß an Bord alles in Ordnung war, und daß der Flug weiter fortgesetzt wird. Bei Schluß dieses Berichtes, um Z410 Uhr, schwebte die Maschine nach immer in geringer Höhe und in ganz langsamem Fluge über dem Flugplatz. * Nach der Landung der Flieger, über fre wir an anderer Stelle berichten, dankt« Professor Junkers den Fliegern und seinen gesamten Arbeitern und Angestellten für das, was sie geleistet haben und betonte, daß dieser Erfolg nicht nur das Werk, sondern das ganze deutsche Volt ehre. Dann eroriff Staatspräsident D« i st das Wort, um die beiden Flieger und Professor Junkers auf das herz- lichste zu beglückwünschen. Für die Stadt Dessau brachte Stadtrat Neumann ein Hoch auf Desiaus berühmten Bürger Professor Junkers aus, der den Namen Dessau in der ganzen Welt bekanntgemacht und zu Ehren gebracht habe. R i st i c z und E d z a r d sprachen schließ- lich in schlichten Worten den Dank für die ihnen zuteil gewordenen Ehrungen aus. Damit waren die Bcgrüßungsfeierlichkeiten beendet, und die Flieger konnten sich endlich zur wohlverdienten Ruhe in ihre Wohnungen begeben. Verfassungsfeiern öes Reichsbanners. Da die große Bundesverfassungsfeier des Reichsbanners am Sonnabend, den 13., und Sonntag, den 14. August in Leipzig stattfindet, an der auch ein großer Teil der Berliner Reichsbannerangehörigen teilnimmt, veranstalten die Berliner Ortsvereine ihre Verfassungsfeiern beretts am kommenden Sonnabend und Sonntag. � Am Sonnabend feiert der Ortsverein Friedrichshagen im Müggelseekasino den Verfassungstag. Alle anderen Veranstaltungen finden am Sonntag, dem 7. August statt. Es sind sieben Feiern vorgesehen, die an folgenden Plätzen stattfinden: Tiergarten: Restaurant„Carlshof"(Ringbahnhos Beusselstraße); Prenz- lauer Berg: Saalbau Friedrichshain! Wedding: Großes Volksfest im Schillerpart: Charlottenburg: Spandauer Bock: Wilmersdorf: Restaurant Viktoriagarten, Wilhelmsaue: S p a n d a u: bei Löbel(Stadtpark): Treptow: im Alten Eierhaus. Die an den einzelnen Feiern teilnehmenden Reichsbannerabteilungen marschieren in geschlossenen Zügen zu den Festlokalen. Der Beginn der Feiern in den Lokalen ist um 15 Uhr. Alle Feiern sind im Rahmen von V o l k s f e st en aufgezogen, bei denen durch Musik und Gesangsvorträge, durch Reden und Rezitationen und zum Schluß durch Kinderbelustigung und Tanz zur Unterhaltung beige- tragen wird. Die Fe st reden halten: Senatspräsident Dr. G r o h- mann. Reichstagsabgeordneter K ü n st l e r, Bürgermeister Dr. O st r o w s k i, Stadtrat M ü n s i n g e r, Staatsminister a. D. Siering. Polizeioberst a. D. Lange und Ministerialrat a. D. Breuer. Die Verfassungsfeiern des Reichsbanners haben sich lm Laufe der Jahre immer mehr zu wahren und beliebten Volksfesten ent- wickelt. Sie dürften auch in diesem Jahr die republikanische Be- völkerung aller Kreise wieder versammeln und so den ersten ein- drucksvollen Auftakt zu dem Verfassungstag bilden. Die Tragödie einer Liebe. Doppelselbstmord in einem Weinlokal. Ein aufregender Dorfall spielte sich kurz vor Mitternacht in einem Weinlokal Am Weidendamml ab. Dort war ein junges Paar eingekehrt, das in einer Nische Platz nahm und sich ganz unauffällig betrug. Wenige Minuten vor 12 Uhr sprang der junge Wann plötzlich aus und gab aus seine Begleiterin einen Pistolenschuß ab. der sie so schwer traf, daß sie kot zu Boden sank. Ehe noch andere hinzuspringen kannten, richtete er die Waffe gegen sich selbst und jagte sich eine Kugel in die Schläfe. Da er noch schwache Lebenszeichen von sich gab, so brachte man ihn nach der Klinik in der Ziegelstraß«. Dort liegt er in bedenklichem Zustande darnieder. Die Leiche des Mädchens wurde beschlagnahmt und dem Schauhause zugeführt. Nach Papieren, die man bei den jungen Leuten fand, stammen beide aus Stettin. Cr ist ein 21 Jahre alter Kaufmann Rudolf Dobberthin vom Ober- weg 91. das Mädchen eine 18 Jahre alte Ell! V l a n ck, die am Töpferweg 1 wohnte. Allem Anscheine nach hat sich das Paar schon mehrere Tage in Berlin aufgehalten und auch«inen Ausflug nach Potsdam unternommen. Daß ihre Mittel zu Ende gingen. läßt sich daraus schließen, daß Dobberthin verschiedene Sachen in der Jägerstraße versetzt hatte. Die Pfandscheine hatte er noch in der Tasche. Aus einer Postkarte geht weiter hervor, daß das Paar den Entschluß gesaßt hatte, gemeinsam aus dem Leben zu scheiden. Serlla lehnt eine lkrbjchafi ab. Der Architekt Georg Kriedte. der im Februar 1927 starb. hat testamentarisch seine in der Krüll. und Kiesholzstraß« in Treptow belegenen neun Wohnhäuser der Stadt Berlin vermacht mit der Bestimmung, daß die Häuser verkauft werden sollen und von dem Erlös ein Altersheim errichtet wird. Der Stadt ist von der Aufsichtsbehörde die Annahme der Erbschaft bis auf weiteres nicht gestattet worden, da von Verwandten des Erblassers die Rechtsgiltigkeit des Testamentes angefochten worden ist. Kriedte wurde in weiten Kreisen seit Jahren für g elftes- trank gehalten. Er litt an Verfolgungswahn und Paralyse, be- schäftigte unablässig die Gerichte sowie andere Behörden in auf« fälligster Weise. Mit dem Tode des erst 47jährig«n Mannes hing feine ausschweifende Lebensweise eng zusammen. Das Testament wurde von Kriedte wenige Tage vor dem Tode abgefaßt und wird in der Hauptsache als Racheakt eines Unzurechnungsfähigen be- trachtet, um die allernächste Verwandtschaft vom Erbe auszuschließen. Die Stadt hätte sich mit der Annahme der Erbschaft nur in lang- wierige Prozesse verwickelt. Der Ranbüberfall in Lichtenberg. Zu dem Raubmordversuch in Lichtenberg, über den wir heute früh berichteten, erfahren wir, daß man bisher noch keine Spur der Täter gefunden hat. Besonders auffallend ist bei diesem Verbrechen, daß ein Mädchen sich an der Ausführung beteiligt hat. Der junge Bursche war etwa 20 bi, 25 Jahr« alt. 1,55 bis 1,60 Meter groß, hatte dunkles, nach hinten gekämmtes Haar und ein friches, volles Gesicht. Bekleidet war er mit einem dunklen Jackett, einer hellen Hose und braunen Schuhen mit Kreppgummi- sohlen. Eine Kopfbedeckung hatte er nicht. Das Mädchen, dos etwa 18 bis 19 Jahre alt sein mag. war von kleiner zierlicher Gestalt, trug einen dunkelblonden glatten Bubenkopf und«in kurzes weißes Ripskleid mit kurzen Aermeln und chworzem Ledergurt, dazu hell« Strümpfe. Di« Ermittlungen ergaben nun, daß es sich wahrschein. lich um einen in allen Einzelheiten wohlüberlegten R a u b- Überfall handelt. Di« Räuber müssen die Kasse in größter Eile geplündert haben. Größere Scheine, die zu Boden flatterten, ließen sie liegen und nahmen nur das Hartgeld, ungefähr 87 M. Do- Mädchen, das als letzte in die Herrenobteilung gekommen war, muß die Ablenkung der Geschäftsfrau benutzt haben, um in die hinten gelegenen Wohnräume noch einen dritten oder vierten Helfershelfer einzulassen. Diese durchwühlten die Schränke und Kommoden, fanden aber darin nichts, was sie mitnehmen wollten. Das Befinden der Überfallenen Frau Bräuning ist zufriedenstellend. Für die Erhaltung der Grünfläche». Vorstand und Ausschuß der Berliner medizinischen Gesellschaft haben folgende Entschließung einstimmig angenommen: ,Ln der letzten Zeit sind der Oeffentlichkett verschiedene Verkehrs- und Bauvorschläge bekannt geworden, denen wertvolle Teile des Tiergartens, des Bellevueparks und noch anderer Park- und Grünanlagen im Innern von Berlin zum Opfer fallen sollen. Demgegenüber halten Vorstand und Ausschuß der Berliner medizini- schen Gesellschaft es für ihr« Pflicht, auf dag ernsteste vor dem un- wiedcrbringlichen Schaden zu warnen, der durch die Ausführung solcher Pläne der Gesundheit und der Erholung der Berliner Be- völkerung zugefügt würde. Es wird vom ärztlichen Stand» punkt für vollkommen unzulässig erklärt, daß von den ohnedies sehr geringen Freiflächen in Zu- tunft auch nur daegeringste Stuck durch Bebauung oder Verkehreanlagen den Er h o l u n g s b e d ü r f t i- gen. besonders Kindern und Alten, entzogen wird. Dagegen wird als dringende Notwendigkeit erttärt. weit mehr al» bisher Erünflächen Kmderu und Kleinlindera freizugeben." Das Lastauto auf öem Sürgersteig. Ein Autobus fährt in eine Arbeitergruppe. An der Ecke Danziger und Dunckerstraße, im Nor. den Berlins, ereignete sich heute früh gegen 8 Uhr ein schwerer Straßenunfall, bei dem zwei Passanten schwere Verletzungen da- vontrugen. Beim Einbiegen in die Danziger Straß« verlor der Führer eines mit Steinen belndencn L a st k r a f t w a g e n s mit Anhänger die Gewalt über die Lenkung und fuhr auf die Mittelpromenade. Der Wagen prallte mit großer Wucht gegen«inen Stratzenbahnmast und einer Haltestellentafel, die umgerissen wurden. Zwei an der Haltestelle stehende Personen konnten nicht mehr rechtzeitig zur Seite springen und wurden von dem Lastkraftwagen erfaßt. Die 32jähriae Angestellte Else Kühne aus der Schliemannftr. 3 trug einen Schädelbruch und schwere Verbrennungen durch den Autokühler davon. Ein 42jähriger Kaufmann Anton P. aus der Schliemannstraße erlitt Kopf-, Becken und Armverletzungcn. Di« Verunglückten fanden im Krankenhaus am Friedrichshain Auf- nähme. Die Schuldfrage ist noch ungeklärt..,., Ein anderer eigenartiger Unfall, bei dem zwei Arbeiter schwer, zwei andere leichter verletzt wurden, trug sich heute früh gegen �49 Uhr vor dem Hause Kurfürstendamm 65 zu. Ein Autobus der Linie 1 fuhr in vollem Tempo von hinten in einen Karren hinein, der von vier Straßenarbeitern g«zog«n wurde. Hierbei trugen der 49jährige Arbeiter Johann Witt aus der Rüdersdorfer Str. 21 und der 24jährige Kurt W e n d- rich aus der Gcorgcnkirchstrah« ja schwere Verletzungen davon, daß sie nach Behandlung auf der Rettungsstelle 33 in die Rollen- dorfklinik übergeführt werden mußten. Zwei andere Arbeiter, der 21Iähnge Erich Bugcent aus der Genterstraße 58 und der 26iähnge August Rodschinfki au» der Scheererstr. 10 erlitten stark blutende Fleischwunden, konnten jedoch nach Anlegung von Notverbänden m ihre Wohnungen gebracht werden. Durch den Vorfall trat eine viertelstündige' Verkehrsstörung ein. Das Opfer üer Jungfrau. Tie Schahgräber aus der Schrotzburg. Ein richtiges Stückchen Mittelalter erlebte man in einer Ge- richtsverhandlung, die vor kurzem in Konstanz stattfand. Lebte da In einem Bodenseedörfchen eine biedere, nicht gerade mit Glücks- glltern gesegnete Bauernfamilie. Ihr freundete sich ein zugezogener Anstreicher an, der bald heraus hatte, daß das Ehepaar nicht nur einen guten Glauben sondern einen noch besseren Averglauben hatte. Und so erzählte er die Geschichte von dem Goldschatz im Werte von drei Millionen, der auf der Schrotzburg von einem Raub- ritter vergraben sei. Würde das verlangte Sühneopser gebracht, In- dem eine rein« Jungfrau Ihre Unschuld opfere, dann bring« der Geist selbst den Schatz und die Erlöser können die drei Millionen teilen und herrlich und in Freuden leben. Diese Geschichte ließ das Ehepaar nicht ruhig schlafen. In der darauffolgenden Nacht begab sich der Ehemann mit dem Getsterbeschwörer auf die Schrotzburg. Um Mitternacht sollte die Unterredung mit dem Geist stattfinden. Oben angekommen, beschrieb der Geisterbeschwörer einen Kreis, murmelte allerhand unverständliche Wort« und nahm den auf- geregten und erschrockenen Vau« bei der Hand. Da schlug es vom Kirchturm zwölf, der Beschwörer sank in die Knie, schlotterte und markierte alle Zeichen des Entsetzens, so daß dem Begleiter angst und bang« wurde. Sein« Ausregung steigerte sich noch, als nun die Unterredung mit dem Geist begann. Der Geist war zwar nicht zu sehen,-auch hören konnte man ihn nicht, aber der Beschwörer stand Rede und Antwort und au» den Antworten tonnte der ent- fetzte Begleiter entnehmen, daß der Geist innerhalb 24 Stunden den Schatz in sein Hau- bringen würde, wenn die verlangt« Jung- flau als Sühneopfer Hingegeb e» oder ein Kampf mit ihm siegreich beständen wäre/ Bor Aufregung in Schweiß gebadet, trat man den Heimweg an und entschloß sich narf) reislicher Ueberleguna. den Kampf lieber nicht auszunehmen. Da war die andere Lösung leichter, denn der Bauer hotte ja eine Tochter von 15 Jahren. Die Mutter war angesichts des in Aussicht stehenden Reichtums auch einverstanden und hatte nicht viel Mühe, die Tochter, die von dem Geisterbeschwörer schon durch Versprechen eines Fahrrades und eines neuen Kleides gefügig gemacht war, für den Plan zu gewinnen. Und bald war das Sübneopfer im Eltern- haus vollzogen. Leider aber ließ sich der Geist mit dem Schatz nicht sehen, wohl aber meldete sich das Amtsgericht Konstanz, das Eltern und Geisterbeschwörer zur Verantwortung zog. Die Eltern wurden mit Gefänanis bestraft, der Geisterbeschwörer aber erhielt 1 Jahr 3 Monat« Zuchthaus. Fabrikfeuer tn der Köpenick« Straße. Drei Löschzüge der Berliner Feuerwehr hatten heute früh um 8 Uhr mehrere Stunden mit der Bekämpfung eines gefährlichen Feuers zu tun, das in den Lagerräumen der chemischen Fabrik Alchima in der Köpenick« Straße 147 ausgebrochen war. Chemikalien uüd Packmaterialien gaben dem Feuer reiche Nahrung. Den Anstrengungen der Webren gelang es, das Feuer auf seinen Herd zu beschränken. Die Ent» stchungsursache ist noch unbekannt. Zuden und Christen.„Unsere Mitarbeit an der deutschen Kultur" ist das Thema einer 44 Seiten starten Sondernummer der„CV.- Z e i t u n g", die d«r Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens aus besonderem Anlaß herausgibt. Mit freundlicher Ge- nehmigung der Redaktion entnehmen wir der Zeitung den folgenden Vorabdruck: Arno holz' Antwort. Von Schwätzern aus verschmitzten Buden Laß dich nicht Heuchlings überlisten: Ich tenne Christen, das find Juden, Ich kenne Juden, die find Christen. Ob Rase grade oder krumm, Hauptsache— Jndividibum! Arno Holz. „Bofl und Zelt", unsere illustrierte Wochenschrift, und .Der kindersreund" liegen der heutigen Postauslage bei. Hroß-Serliner parteinachrichten. Morgen Sonnabend. S. August: ». Abi. Die Genossen baden beim Gen. Herrichen, Wtlsnacker Straß« 40 zwsschei» !!-» Uhr 6 tonto gahlunge» ,n leisten. A.«dt. 20 Uhr bei ssiistner, Gibinger Straße 24 wichtige FtinMoniirssßung. 54. Abt. Gdarlottenbnrg. 20 Uhr dei Casper. Duerilte-Slraße I Funilionärsstznng. 7». Abt. SchZnebcrg. Die Funllioniirocrfamminng findet nicht heut« yrcitag, sondern morgen Sonnabend, pünktlich 20 Uhr im Lokal Achtenhagen. Siedlung Lindenhos statt. Erscheinen aller Funltionäre notwendig. »4.«dt. Neukölln. Morgen 7 Uhr Iunltionörsttzung bei Schröder, Steinmetz- slraß» 52. Erscheinen Pflicht___ Die Berliner Vergnllgungipiötze haben jetzt nach Beendigung der Schulferien einen sehr regen Zuspruch. Eltern haben flch mit ihren Kmdern wahrend der Ferien vorwiegend am Wasser oder in ihren Lauben aufgehallen um auch den Kleinen eine kurze Erholung zu bereiten. Anfang»ächsstr Woche müssen nun die ssieinen wieder den Weg zur Schul« antreten. Jetzt werden die ssleinen wieder seh, gern- Karussell sahien oder an sonstigen harmiosen B-lustiaungen teiinehn�en. Durch den regen Wechiel der Geschäste, weicher vorwiegend In der letzte» ge!» ein» getretenes», geben fast durchweg alle Beillner DergnUgungoviatze eln andere» Bild ob. iodaff den Besuchern neue Attraktionen und sonstige Boltsbelustigungen gezeigt werden tonnen. Es wird daher der werklöttaen Bevölkerung Berlin» besten« empfohlen den Bergnllgungspiötzen einen regen Besuch adzustatten. Wir verweiseit aus da« Inserat der heuttgen Ausgabe. Verantwortlich sslr Politik: Richard Bernstein; Wirtschaft: A. S«ter»»»i Dewerkschaktsbewraimg: Urievr. Etzkarn! sseullleton:». S. DIscher! Lxkale« und Sonstiges: Fritz ssarstödt: Anzeigen: Th. Glock«! sämtlich in Berlin. Verlag: Vorwörts-Verlag D. m. b H.. Berlin. Druck: Borwörts-Buchdruckere und VerlagsanftaU Paul Singer u To. Berliu EW 68, Lindenstrafie Hierzu 1 Setlage. �fäfdiiffc'JInseigisr* (Beziwfc füden-Wejien. rsorp Gewerksdialtüdi-Genossensdiaftl. Versidierungs- Äktiengesellsdiaft Die Versicherung alier Arbeiter und Angestellten[s Auskunft erteilen alle Vertrauensleute, sowie die Rechnungsstelle Berlin S 42, RitterstraQe 126, 1. Das Gebot der Stunde ist der Eintritt in den Erd- und Fcucr- Bestatlnndsverein GroD-Berlin m W35, Steglitzer Straße 66 Fernsprecher; Nollendorf 4158/69 Bauhütte , i Berlin££ J Gesellschaft für Bau« � ausfUhrungen aller Art Berlin SW 48, Wilhelmstr. 106 Fernsprecher: Zentrum 3205, 3206, 3207[23 G Die J�eer.Ä?rÄ Veten jeder Art transportable so- fÖr WOdienendDsljlSer wie feststehende Oefen und Kachelherde, führt sämtliche Reparaturen und Töpferarbeiten aus.— Kostenlose heiztechnische Beratung 52] und Vorschläge. 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Aus dem Gebiete der Trinkerfürsorge betätigt sich neben kom- munalen Trinkerfürsorgestellen eine Anzahl von Vereinen, die zum erheblichen Teil ein sektenhaftes Gepräge haben. Ost hat diese private Fürsorgearbeit auch Erfolge gezeitigt. Die Trinkerfürsorge von heute ist aber in vielen Städten und Kreisen in das Gesamtgebiet der Gesundheitsfürsorge ganz zweifellos immer noch nicht so eingegliedert, wie dies zu wünschen wäre. Und dies ist sehr bedauerlich Wie in allen Zweigen der Gesundheitsfürsorge, so ist auch auf dem Gebiete der Trinkerfürsorge zu verlangen, daß die Organisation in der öffentlichen Hand und zwar bei don Trägern der Selbstverwaltung, namentlich bei den L�ommunalverrvaltungen sich befindet. Die kommunale Trinkerfürsorge arbeitet dann in geeigneter Weise mit den verschiedenen Vereinen, die sich der Hilfe für Trunksüchtig« widmen, zusammen. Der Ausbreitung und Gestaltung der Trinkerfürsorge ist es sehr abträglich— und auch heute ist dies noch sehr wenig erfreulich, daß die verschiedenen Organisationen, die nach- gehende Trinkerfürsorge treiben, einander nicht recht ver- stehen, oft aneinander vorbeiarbeiten. Die Meinungsver- schiedenheiten zwischen Abstinenten und Temperenzlern spielen hier eine nicht unbedeutende Rolle. In vielen Vereinen be- geht man ferner gewisse Fehler. Manche Vorstandsmitglleder überschätzen nämlich ihre Kräfte. Mag der gute Wille vieler Laien, die seit Jahren in der Trinkerfürsorge stehen, noch so groß fein, er oermag medizinische Kenntnisse nun einmal nicht zu ersetzen. Man vergißt bei dem Kampfe vieler Vereine gegen den Alkoholismus den Ärzt als— unentbehrliches— Organ der Fürsorge. Es mag ja sein, daß hie und da, namentlich in ländlichen Gegenden, ein geeigneter Arzt nicht zur Verfügung steht: ganz sicherlich aber kann von einem Mangel an Aerzten, die für eine trirker- fürsorgerische Tätigkeit in Betracht kommen, in den meisten Städten nicht die Rede fein. Rur dann, wenn ein tüchtiger, sozialmedizinisch interessierter Arzt, nament- lich ein auf dem Gebiete der Nerven- und Geisteskrankheiten und in der sozialen Psychiatrie geschulter Arzt, als leitende Persönlichkeit die Initiative und Exekutive in beträchtlichem Umfange zu entfalten vermag, in der Trinkerfürsorge seines Amtes waltet, wird es möglich fein, wirklich erfolgreich ar- beiten zu können. F��lich bedarf er der tätigen Mitarbeit von Fürsorgern, Fürsorgerinnen oder anderen Helfern, die auf dem Gebiete der Trinkerfürsorge besonders erfahren sind. Als Mitarbeiter bei der praktischen Trinkerfürsorge braucht man unbedingt sowohl Frauen wie auch Männer. ODelblkche Gräfte haben oft einen besonders guten Spürsinn und verstehen es recht gut, mit den Trinkerinnen oder den Frauen der Trinker umzugehen. Es gibt auch manche Trinker, bei deren Be- trcuung die Fürsorgeschwester leichter zum Ziel kommt als ein männliches Wesen. Handelt es sich jedoch darum, einen Trinker einer Gemeinschaft von Menschen zuzuführen, die alkoholgegnerisch ist und es sich zur Aufgabe macht, die Lebensführung ihrer Mitglieder zu beobachten, so wird oft eme männliche Persönlichkeit, die Mitglied eines solchen Ver- eins ist, für die Betreuung am Platze sein. In den städtischen Trinkerfürsorgestellen arbeitet man daher auch dann, wenn kommunale Fürsorgeschwestern für die Trinkerfürsorge zur Verfügung stehen, trotzdem gleichzeitig mit solchen männlichen Fürsorgern und ehrenamtlichen Helfern zusammen. Nicht jede Fürsorgeschwester— mag sie noch so intelligent sein— ist für die Alkoholfürsorge geeignet. Gewöhnlich betätigen sich in der Trinkerfürsorge solche Frauen, die über ein besonders großes Maß von Ruhe verfügen. Es ist auch kein Fehler, wenn die in der Trinkerfürsorge tätigen Menschen einem Herkules ähneln. Trinker und Trinkerinnen haben nicht selten gewisse— sagen mir— robuste Umgangsformen. Schwächliche und nervöse, womöglich zappelige Menschen, werden in der Trinkerfürsorge, wenn sie sich auch noch so sehr für sie begeistern, böse Erfahrungen machen und Schiffbruch erleiden. Ein großer Teil des Erfolges, der in kommunalen Trinkerfürsorgestellen, die unter ärztlicher Leitung stehen, er- zielt werden kann, liegt darin verankert, daß der Arzt dem Trinker androhen kann, ihn für den Fall seiner Rückfällig- keit einer Anstalt zu überweisen. Handelt es sich um einen Alkoholiker, der der Trunksucht schon so stark verfallen ist, daß zum Zwecke seiner Genesung eine ambulante Betreuung nicht genügt, so muß man dafür Sorge tragen, ihn auf mehrere Monate in eine geeignete Trinkerheilanstalt einzuweisen. Gar nicht selten sind Trinker hiermit auch voll- ständig einverstanden und, nach Rückkehr aus der Trinkerheil- anstatt, mit dem dortigen Aufenthalt und seinen Erfolgen überaus zufrieden. Die Einweisung in Trinkerheilstätten gestaltet sich in vielen Städten und Kreisen deshalb sehr schwierig, weil die erforderlichen Geldmittel nicht ohne weiteres zur Verfügung gestellt zu werden pflegen. Ein besonderes Kapitel des Haushaltsplanes für die Zwecke der Trinkerfür- sorge ist häufig nicht vorhanden. Da kommt es nun darauf an, ob der Dezernent de? Wohlfahrtsamtes geneigt ist, aus den ihm zur Verfügung stehenden„sonstigen" Mitteln die er- forderlichen Kosten zu bestreiten. Da ein Aufenthalt in einer Trinkerheilstätte meist nur dann Erfolg hat, wenn er min- bestens drei Monate, oft sechs Monate und darüber dauert, so stellt sich der Betraa für den Aufenthalt in einer Trinker- hei'stätte recht hock,. Die Trinker sind meist Leute, deren Der- mögensverhältnisse trübe sind. Viele Trinker sind kränklich. lEine Rückzahlung des für eine mehrmonatige Kur in einer c5m Ätijaug maz das c2Öort! Kulturarbeit in der Taubfturuuleuledranstalt. Als kürzlich die Kreise und Vereine der Taubstummen den LOOjtihrigen Geburtstag Samuel H e i n i ck e s feierten, des be- rühmten deutschen Schulmeisters und Taubstummenlehrers, der durch seine Ersindung der Lautsprache ihr Retter und Wohltäter geworden ist, zählten die Taubstummen nach Tausenden, die seiner dankbarst gedachten. Nach Tausenden? wird mancher Leser verwundert fragen. Nach einer Statistik von 130? bestanden in Deutschland 9 0 Taub- stummenanstalten, davon waren 25 staatlich, 42 von Kommunalverbänden, 4 von Städten und 19 von Prioatvereinen unter- halten, mit insgesamt 6703 Zöglingen. Es handelt sich hier vor- wiegend nur um Schüler. Die Zahl der Taubstummen ist absolut gestiegen, aber im Verhältnis zur Bevölkerung zurückgegangen. Die einzelnen Provinzen Preußens weisen außerordentliche Unterschiede auf. Es entfielen bei der Volkszählung 190Z auf Ostpreußen 19.3 Taubstumme auf 10 000 Einwohner, auf Westpreußen 17,4, auf Pom- mern 11,4, dagegen im Rheinland nur 6,1, Westfalen 6,0, Schleswig. Holstein 5,8. Wenn man dieser eigenartigen Erscheinung auf den Grund geht, daß Taubstumme im öffentlichen Leben weniger bemerk- bar werden als Blinde, deren relativ geringerer Zahlensatz größten- teils noch in Anstalten dauernd verborgen bleibt, so entspricht es einesteils wohl der Art des Leidens, daß es den Taubstummen er- möglicht, ihr Leidm nicht sosort sichtbar werden zu lassen, anderen- teils aber auch der Tatsache, daß die meisten Taubstummen dank einer energischen pädagogischen Fürsorge von ihrem Leiden— man könnte sagen— fast befreit werden. Heute geschieht tatsächlich das Wunder, die Ta u b st u m m e n lernen reden. In der von Dr. Felix Reich in Berlin-Weißen- see geleiteten Taubstummenanstalt hatte man kürzlich Gelegenheit, den Verlauf dieses Lehrprozesses in den einzelnen Schulklassen selbst wahrzunehmen. Stumniheit wird in den häufig st en Fällen nur durch Taubheit bedingt, meist immer, wenn diese angeboren wurde oder vor der Zeit entstanden, in der die Sprache erworben und hinreichend gefestigt ist. Bei den heutigen Lehr- und Unterrichtsmethoden handelt es sich ausschließlich darum, den Kindern«ine reine Lautsprache beizubringen, also eine Sprache, wie sie die Gesunden führen und von ihnen verstanden wird, keine Zeichen- und Gebärdensprache. Den Sinn der Dinge er- schließt nur der reine Sprachbegrifs, wie er sich im Munde formt und mit allen Beiworten der grammatikalischen Regeln zum Satz als Grundlage des Denkens zusammenfügt. Hier in der Schule sah man nun, wie„das Wort" gleich einer Schöpfung in das taubstumme Kind hineintritt. Do ist eine Gruppe der Kleinen, der ALC-Schützen, fünf- bis siebenjährige Kinder. Sie zu unterrichten, ist die schwerste Aufgabe für den Lehrer. Und doch wird von den Pädagogen ge- fordert, den Unterricht obligatorisch schon mit dem fünften Lebensjahre beginnen zu l a j s e n, der Zeit, da das Kind feine Wahrnehmungen noch nicht durch Zeichen und andere Hilfsmittel festgelegt hat. Verkümmerte, vielleicht noch vor kurzem im Winkel ihres Herzens beküipmerte Kinderchen hocken ihrer acht oder zehn auf kleinen Bänkchen in Hufeisenform um den Stuhl des Lehrers. Sie sitzen ganz im Bereich seiner Hand, die mit heftigen Gestikulationen an ihnen heruniwerkt, d. h. bald hier hin, bald dort hin fährt, bald einen allzulauten Mund dämpft, bald das Kinn hebt oder eine schwierige Silbe buchstäblich mit dem Finger aus den kleinen Mundlöchern herausholt. Oft müssen beide Hände arbeiten, auf der Brust des Sprechers und am Mund des Kleinen, eine mühevolle, zermürbe?' de und wiederum eine außerordentlich künstlerische Arbeit, die vielleicht schwieriger ist, als ein Instrument zum Erklingen zu bringen. Unartikulierte Laute kollern von den Lippen der Kleinen, ihre Augen brennen, die Fäustchen ballen sich in schwerem Ringen bei der Gestaltung�des Wortes. Die Hand des Lehrers fährt begütigend über ihre«cheitel. Ein kleines Mädel ist durch die Gegenwart eines ttreinden so schüchtern, dcß ihr alle Worte falsch im Mund stehen. Ein kleiner Junge gleicht einem Wolf, der hungrig immer wieder nach dem entschlüpften Brocken hascht. Wenn aber durch das Nicken des Lehrers und seine laute Bejahung— die Kinder sehen scharf auf seinen Mund und lernen die Worte von seiner Lippen- st e l l u n g ablesen— den, Sprecher gezeigt wurde, daß das Wort nun endlich richtig gesetzt und verstanden herausgekommen ist, geht ein Lächeln und Aufatmen über dos Kind. Drei bis vier J.rhre gchen allein mit diesem Unterricht zum Erlernen der Sprache dahin, darum auch die Forderung eines früheren Schulbeginns. Eine 10jährige Schulzeit würde dann ungefähr einer Volksschulbildung entsprechen. In einer der nächsten Klassen hat sich ein unerhörter Borfall begeben.. Während die Klaise beim Spielen in der Pause auf dem Hofe war, blieb ein Kind in der Klasse eingc perrt, weil der Riegel selbsttätig beim Tür- zuschlagen vorsprang. Man konnte nicht zu ihm hinein und es konnte nicht heraus. Nun steht des gewichtige Borfall an die Schultasel geschrieben und bietet hinreichenden Stoff zu Verwicklungen und Ent- wirruvgcn und zum Formen neuer Begriffe. Di« Klasse ist mit Bs- geistermig dabei und am meisten die kleine Heldin, der das Malheur passiert ist. Irc den-rbereu Klassen, die sich nicht nach Alters« unterschieden bilden, sondern nach dem Grad der Befähigung, wird eifrig Politik erörtert. Dabei zeigt sich der gesunde Sinn der Kinder, selbst verwickeltes Geschelien mit ihren naiven natürlichen Sinnen zu erfassen. Der Eingriff Amerikas in Mexiko wird sehr richtig auf das selbstsüchtige Gebaren des stärkeren Staates zurückgesührt, sich der reicher? inexikanrschen Ocl- quellen zu bemächtigen. Dagegen behauptet ein junges Fräulein aus Palästina, daß Petroleum auf Bäumen wachse, was nach dem miß- verstandenen Wort„Oel" für sie das nächstliegende war. Der Schlußpunkt seiner Schöpfung, den der gütige Direktor mit Stolz präsentiert, ist ein E i n z e l s ch ü l e r, nunmehr schon ein Student, den der Direktor durch das Abitur gebracht hat. Mit dieser einzig dastchenden Leistung verbindet nämlich der Direltor mit Recht die Forderung nach einer Schule mit weitgehendem Lehrziel, das mindestens in der Obersekundo schließt. Vorläufig zeigten sich die Behörden nicht sehr entgegenkommend und erst seit Ostern dieses Jahres ist die erste Bersuchsklasse dieser Art an die staatliche Taub- stummenanstalt in Neukölln angegliedert.„Das viele Geld, das für schwachbegabte Taubstumme verwendet wird, ist verloren. Dagegen bringt jeder Pfennig für die gutbegabtcn Taubstummen— sie beziffern sich auf etwa 10 Proz. oller normalen Gehörlosen— Zins und Zinscszins in seelischer, geistiger und wirtschaftlicher Beziehung." Sein 20jähriger Schüler ist der beste Beweis: er hat bereits ein« Ersindung auf dem Gebiete des Fernsehens gemacht, an der er nun praktisch weiter studiert. Wenn wir aber die Taubstummen so wenig bemerken, hat es seine Ursache auch darin, daß sie sich als v o l l g u l t i g e Arbeiter in den allgemiineu Arbeitsprozeß einreihen.- Nur auf dem flachen Lande kann man vielleicht hin und wieder beob- achten, daß solche Unglückliche mit ollen Zeichen der Idiotie und der Hisslosigkeit zum Gespött der Umgebung herumirrcn, sobald sie keine folgerichtige Schulbildung genossen haben. Nach einem kürzlich erschienenen Bericht sind die von den Gehörlosen bevorzugt:n Berufe folgende: Schneider 18 Proz., Schuhmacher 12 Proz., graphische Berufe, Maler, Anstreicher, Schlosser, Koldarbeiter. Nur sehr wenig Taubstumme sind in der Landwirtschaft beschäftigt, was vielleicht daher zu erklären ist, daß die gründliche Schulausbildung auch den Drang zur besseren Lebensstellung in ihnen wachgerufen hat. Weibliche Gehörlose in der Minderzahl beschäftigen sich vor- wiegend als Schneiderinnen, auch als Zeichnerinnen und in Hand- fertigkeitsberufen. Die beruflich beschäftigten Taubstummen sind durchweg alle ge- werkschaftlich organisiert. Sie bleiben der Gewerkschaft auch treu, wenn sie später als selbständige Arbeiter ihre Existenz verbessern sollten. Mehr als ihre gesunden Arbeiterbrüder empfinden sie mit ihrem Anschlußverlangen den Segen der Gewerkschaft, die sie gegen Unrecht und Zurücksetzung im Arbeitsprozeß schützt. Trinkerheilstätte aufgewendeten Geldbetrages kommt daher gar nicht oder aber nur in geringem Umfange in Betracht. Die Bedenken des Wohlfahrtsamts, die der Verwendung großer Beträge für die Unterbringung für Personen in Trinkerheilstätten entgegenstehen, sind zu oerstehen, wofern andere Aufgaben des Wohlfahrtsamts zurückgestellt oder be- schränkt werden müssen. Trotzdem aber ist diese Rechnung vom kommunalpolitischcn Standpunkte aus falsch. Wir wissen, daß es gerade die Trinker sind, die in großer Anzahl die Krankenhäuser, Irrenanstalten, Obdachs und Gefängnisse bevölkern. Hier verschlingt aber ihr Aufenthalt auch viel Geld, das ja doch die Öffentlichkeit her- geben muß— freilich aus den Taschen verschiedener anderer Behörden und Verwaltungsstellen. Eine Trinkerfürsorge vermag, nur dann etwas Ersprieß- liches zu leisten, wenn auch die Geriete vnd Polizeibehörden willens sind, tätig mitzuarbeiten und in geeigneten Fällen schnell am Werke zu sein. Trinker oder Trinkerinnen, die gewalttätig sind, bei denen der Verdacht der Gemein- gefährlichkeit besteht, muß man auf frischer Tat einer geeigneten Betreuung zuführen. Wenn die polizeilichen Nach- sorschungen und Feststellungen lange Zeit dauern, dann ist es sehr schwer, den Sachverhalt klarzustellen. Die Glaubwürdig- keit der Aussagen wird dann später meist stark in Zweifel gezogen. Man hat nun in den letzten Jahren in einigen Orten zwischen den Trinkerfürsorgestellen, den Gerichten und den Polizeibehörden Abmachungen getroffen, die eirte schnelle für- sorgerische Erfassung in allen den Fällen zum Zwecke haben, in denen ein Trinker gemeingefährlich wird oder in denen ein besonders krasses asoziales Verhalten des Trinkers oder die Vernachlässigung seiner Familie zu schleuniger öffentlicher Fürsorge dringend Veranlassung geben. Mit der Trinkerfürsorge ist gewöhnlich auch eine Für- sorgetätigkeit an ÄNorphwistcu uud B�okairnsteu verbunden. Leider haben diese beiden Gruppen von Sücht- lingen in den letzten Iahren außerordentlich zugenommen. Bei ihnen bedarf es ganz besonders sorgfältiger fürsorgerischer Arbeit, um Erfolge zu erzielen. Allgemein ist dieser Für- sorgezweig noch nicht ausgebreitet. Man wird hier, vor allem aber auf dem so großen Gebiete der Trinkerfürsorge, noch große Aufgaben zu lösen haben, und zwar wird man gut tun, die ganze Organisation der Fürsorge an den„Süchtlingen" zu erweitern, um dann die Plattform zu gewinnen, von der aus eine wirklich großzügige und erfolgreiche Arbeit getrieben werden kann. Die HZIünchener Kultur in Gefahr! In den„Münchener Neuesten Nachrichten" war kürzlich fol- gende Notiz zu lesen: „Dem schon seit längerer Zeit bestehenden Ausschank von Bissner Bier in der Gaststätte Schleich hat sich nun als zweiter Betrieb das Parkhotel zugesellt. Wir sind also auf dem besten Wege, das Berliner System auch in München einzubürgern und damit wiederum ein Stück Münchener Eigenart der gedankenlosen Nachäfsung auswärtiger Sitten und Gebräuche zu opfern." Dieses Blatt scheint der Meinung zu sein, daß die Münchener Kultur sich nur in dem»nc-ezügelten Verbrauch einheimischen Bieres äußern dürfe. Daß die„Müchener Eigenart", die sich in seinen weltberühmten Kiinstsammliinzen äußert, est? wertvolleres Gut bildet als der Rekord im Bicrtrinken, scheinen die„Münchener Neueste Nachrichten" und ihresgleichen nicht zu wissen Für die Volksbühne. Eine Reihe proletarischer Jugendorganisationen veröffentlicht folgenden Aufruf: „Die Berliner Volksbühne ist dem Gedanken des Zeittheaters, wie er von der Jugend in ihrer bisherigen Arbeit vertreten wurde, entgegengekommen. Sie hat Sonderablei- l u n g eft eingerichtet, die ihren Angehörigen neben fünf Bor- stellungen in der Volksbühne fünf Aufführungen der Piscator-Bühne im Theater am Nollendorfplatz vermitteln. Wie bisher wollen wir für die Bolksbühne unentwegt wirken und für ein« Erneuerung des Theaters, das dem Willen des Proletariats Aus- druck gibt, eintreten. Die Mitglieder einer Anzahl Organisa- tionen betrachten es darum als ihre selbswerständliche Pflicht, alle Kräfte für die Volksbühne und deren Sonderabteilungen einzusetzen. Ummeldungen bisheriger Volksbühnenmitglieder und Neuanmeldun- gen für diese Abteilungen sind unter dem Kennwort„Sonder- o b t e i l u n g" in den Zentralstellen der Bolksbühne abzugeben." wirklich populär können wissenschaftliche versuche zur Revolutionierung einer Wissenschaft niemals fein. Ist aber einmal die wissenschaftliche Grundlage gelegt, so ist das Popu- larisiereu leicht, Karl Marx. Internationaler Gewertfthastskongreß Oudegeest legt sein Amt nieder! J. S. Paris, S. August.(Eigenbericht.) Her Songreh nahm heute seine Arbeiten wieder aus. Die erste Kommission, die die Frage der Rekonstruierung des ZGB. zu beraten hat, ist mit ihrer Arbeit noch nicht fertig geworden. Es wurde eine Subkommission eingeseht, die sich ganz besonders mit der Frage des Sihes des 3GV. und der zu bestimmenden teilenden Persönlichkeiten, sowie mit der F i n a n z f r a g e zu befassen hat. Q u d c g e e st gab zu Beginn der heutigen Sitzung folgende Erklärung ab:„Infolge der Beratung der Ersten Kommission habe ich sestgcstelll, dah ich nicht mehr das vertrauen aller angeschlossenen Landeszentralen besitze. Deshalb habe ich mich entschlossen, um eine ruhige Entwicklung unserer Debatten auf dem Songreh zu gewährleisten, mein Amt als Sekretär des ZGB. niederzulegen und eine Wiederwahl nicht anzunehmen. Es wurde sodann der Bericht der Rlandatsprüfungskommission erstattet, aus dem hervorgeht, dah 23 Landeszenlralen mit 159 Delegierten und 2 7 internationale Verufssckrelariate mit 41 Delegierten vertreten sind. 3 o u h a u x gab dann eine Erklärung ab zu der Ent- schliehung des Gouverneurs Füller belrefscnd Sacra und van- z e t t i. Er erklärte, dah die Entscheidung ein Attentat aus das Recht und die Menschlichkeit sei. Er appellierte an den Songreh, alle Mittel in Bewegung zu setzen, um die Arbeiter- klasse der ganzen Welt gegen dieses Attentat zum Protest auszurufen. hierauf erstattete A u f h ä u s e r. der im Rennen der Dritten Kommission sich mit der Organisation der Angestellten und Beamten der sreieu Berufe sich zu befassen hat, seinen Bericht. Die Schluhsolgerung des Berichtes enthielt folgende Vorschläge: Die freie Gewerkschaftsbewegung aller Länder müsse sich be- mühen, die Organisationen der Angestellten und Beamten zum An- schluh zu veranlassen und die Errichtung solcher Organisationen zu fordern. Bei der Organisation der Angestellten und Beamten müsse auf alle beruflichen Eigenheiten ihrer Arbeitsbedingungen, ihre soziale Stellung und ihre Mentalität Rücksicht genommen werden. Angestellten- und Beamtenorganisationen haben eigene Bedürfnisse und Forderungen, es ist daher unmöglich, auf die Wirksamkeit der Gewerkschaften aller Berufe die gleiche Schablone anwenden zu wollen. Die Angestellten und Beamten sollen nicht gegen ihren willen in Handarbeiterorganisationen aufgenommen werden. Dort. wo eine gemeinsame Organisation von Hand- und Kopfarbeitern sich bewährt hat, ist diese Zusammenarbeit zu fördern. Konferenz öer Serufsfekretare. Dem Internationalen Gewerkschaftskongreß ging unmittelbar eine Konferenz des Vorstandes des JGV. mit den internationalen Derufssekretären vorauf. Die Konferenz, zu der außer den Vorstandsmitgliedern und Se» kretären des JGV. und den Verufsfekretären auch die übrigen Mit» glieder der Verufsfekretariat« erschienen waren, wurde zunächst von Genossen Mertens(Belgien) geleitet, da sich der Vorsitzende Purcell wegen einer Handverletzung entschuldigt hatte. Da aber Mertens am Nachmittag des ersten Verhandlungstages nach Brüssel zurückberufen wurde, führte Genosse L e i p a r t die Verhandlungen zu Ende. Die Beratungen waren hauptsächlich den Beziehungen zwischen dem Internationalen Gewerkschafts- bund und den Internationalen Berufssekreta- riaten gewidmet. Um dieses Verhältnis organisatorisch zu regeln, war«ine Kommission eingesetzt worden, die der Konserenz einen Entwurf unterbreitete, der aber keine Zustimmung fand. Die bisherige Einrichtung, daß dem Ausschuß des Internationalen Gewerkschaftsbundes drei Vertreter der Berufssekretariate an- gehören, wurde als unzweckmäßig erkannt und a u f g e- hoben. Die Berufssekretariate sollen nicht— wie im Entwurf vor- gesehen— alle drei Jahre einmal, vor jedem Kongreß des JGB. zusammentreten, sondern fortab alljährlich vom Vorstand des JGB. zusammenbcrufen werden zu gemeinsamer Tagung, in der jeweils der Tätigkeitsbericht des Vorstandes des JGB. erstattet wird. Diese Regelung ermöglicht eine innigere Zusammenarbeit zwischen den internationalen Berufssekretären und den JGB. An den iNM- nationalen Gewerkschaftskongressen nehmen die Berufssekretäre mit beratender Stimme teil. Eine besondere Beitragsleistung der Be- rufsfekretariate an den JGB., wie der österreichsiche Vorschlag sie vorsieht, wurde von keiner Seite befürwortet. In der Schlußabstimmung wurden die neuen Bestimmungen mit allen Stimmen gegen die Fimmens, des Sekretärs der Inter- nationalen Transportarbeiterfödcration, angenommen, der keinerlei Beschränkung der Internationalen Verufssekretariate in der Auf- nähme von Organisationen ausgesprochen wissen wollte, während über die Aufnahme von Organisationen, die einer im Gegensatz zum LGB. stehenden Gewerkschnftsinternationale angehören, eine Ver- ftändigung zwischen dem JGB. und den Berusssekretariaten von Fall zu Fall erfolgen soll. Abgelehnt wurde allerdings ein An- trag, der die Aufnahme einer Organisation in ein Internationales Sekretariat von der ausdrücklichen Zustimmung des JGB. ab- hängig gemacht wissen wollt«. Der Vorschlag über internationale Hilfsaktionen wurde der Be- schlußfaffung des Internationalen Gewerkschaftskongresses überlassen und soll dessen Beschlüssen entsprechend umgestaltet werden. internationale flrbeiterinnenkonferenz. Paris, 3. August(Eigenbericht). Zu der Internationalen gewerkschaftlichen Frauenkonferenz am 29. und 30. Juli in P n r i s hatten 14 der dem JGB. angeschlossenen Landeszentralen 47 Vertreterinnen entsandt, und zwar Deutschland 10, Oesterreich 8, Belgien 4, Dänemark 3, Frankreich 10, Schweden 3, England 1, Spanien 1, Tschechoslowakei 1, Polen 2, Ungarn 1, Lettland 1, Holland und Spanien 1. Die deutsche Delegation bestand aus den Genossinnen Marie Friedrich- Schulz, Dora G e h r k e, Frida G l a d o s ch, Gertrud Hanna, Luise K ä h l e r, Anna Kengerter, Anna Rabe, Emma R i t s ch e, Grete S e h n e r und Maria Wolf. Das Referat über Arbeiterinnenschutz, Referentin Helene Burniaux, Belgien, brachte eine interessante Aus- spräche über die grundsätzliche Frage: Ist ein besonderer Schutz der arbeitenden Frauen aus bevölkerungspoliti- schen Gründen zu erstreben oder nicht? Bekanntlich lehnen Vertreterinen auch proletarischer Frauenorganisationen der skandi- navischen Länder einen solchen Schutz ab mit der Begründung, Sonderschutzgesetze für Frauen erschweren ihnen die Ge- legenheiten, auf dem Arbeitsmarkt einen ihren Fähigkeiten entsprechenden Arbeitsplatz zu finden, und sie hindern sie in ihrer Entwicklung zu Persönlichkeiten. Die Vertreterinnen der skan- dinavischen Länder glauben, die Frauen würden durch Sonderschutz- gesctze auch gehindert fein, die fast ausnahmslos überall anzu- treffende niedrigere Bezahlung der Frauenarbeit zu beseitigen, die eine größere Gefahr für Gesundheit und Leben der arbeitenden Frauen bedeute als Berufsgefahren. Diese Auffassung wurde von den Vertreterinnen aller übrigen Länder bekämpft. Auch der als Gast den Verhandlungen folgende Vertreter der schwedischen Landeszentrale schloß sich dieser Ansicht an. Der von der Refcrentin vorgeschlagene Antrag fand denn auch, bei Stimmenthaltung der Vertreterinnen aus Dänemark, in folgender Fassung einstimmige Annahme: Arbeikerinnenfchuh. „Die am 29. und 30. Juli in Paris tagende Arbeiterinnenkonfe- renz von Delegierten der dem Internationalen Gewerkschaftsbund angeschlossenen Organisationen gibt ihrem festen Willen Ausdruck, sich mit aller Kraft für die folgenden Forderungen zum Schutze aller in Lohn und Gehalt stehenden weiblichen Berufstätigen einzusetzen: 1. Arbeiterinnenschutz: Diese Forderungen utnfassen alle dem Schutze der Arbeit dienenden Maßnahmen: Achtstundentag, Gewerbe- inspektion, Krankenversicherung, gewerkschaftliche Freiheit, Mindest- löhne. 2. Maßnahmen zum Schutze der Arbeiterin als Frau: Diese For- derungen zielen auf die Ratifizierung der Washingtoner Konvention betreffend die Ruhezeit vor und nach der Schwangerschaft und die Nachtarbeit der Frauen als Mindestforderung die Ausdehnung und Durchführung der Vorschläge der Arbeitskonserenzen von Genf und Washington betreffend den Schutz der Arbeiterinnen in ungesunden Industrien und in der Landwirtschaft." Auf Veranlassung der deutschen und österreichischen Delegation wurde eine Fassung gewählt, die ausdrücklich erkennen läßt, daß auch die Arbeiterinnen der Landwirtschaft, die Hausgehilfinnen, die in Kranken- und Wohlsahrts- a n st a l t e n beschäftigten weiblichen Arbeitnehmer und die weib- lichen Ange st eilten des Handelsgewerbes der Arbeite- rinnenschutzgesetzgebung unterstellt werden sollen. Bedeutung der Frauenerwerbsarbeit. Die Aussprache zum Referat der Genossin Gertrud Hanna über: Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Frauenerwerbsarbeit ergab Uebereinstimmung in der Auffassung aller Vertreterinnen, die Werbearbeit zur Gewinnung aller auf Erwerbsarbeit angewiesenen Frauep für die Gewerkschaften und zur tätigen Anteilnahme der weiblichen Mitglieder an der Ge- wcrkschaftsarbeit weiter mit aller Energie zu betreiben. Die von der Referentin vorgelegten Leitsätze fanden allseitig« Zustimmung. Ein einstimmig gefaßter Beschluß unterstreicht besonders die in allen Ländern festzustellende Tendenz zunehmender Frauenerwerbsarbeit in allen Berufen, die durch Zwangsmaßnahmen nicht gehemmt werden kann, und die Notwendigkeit des Strebens nach besserer materieller und ideeller Bewertung der Frauenarbeit. Die Heimarbeit. Bei Behandlung der Frage der Heimarbeit, Referentin Genossin Varley, England, ergaben sich Meinungsverschieden- heiten über die Auffassung der Referentin und die der Vertreterinnen der übrigen Länder über die Frage, wie die Schäden der Heimarbeit aus der Welt geschafft werden könn- ten. Die Forderung der Reserentin: Abschaffung der Heimarbeit, lehnte die Konferenz ab, und auch die Referentin gab zu, daß mit Heimarbeit auf absehbare Zeit ge- rechnet werden'muß. Die Schäden der Heimarbeit müssen nach der Meinung der übrigen Konserenzteilnehmer bekämpft werden durch Gleichstellung der Entlohnung von Heimarbeit und Werk stattarbeit und durch Ausdehnung der Sozialgefctz- gebung auf die Heimarbeiter. Eine von den deutschen und öfter- reichischen Delegierten eingebrachte,«instimmig angenommene Ent, schließung bringt diese Auffassung zum Ausdruck. Die Eni- fchließung tritt ferner ein für starke Propaganda der G c- werkschaften zur Gewinnung der in der Heimarbeit beschäftig- ten Personen für die gewerkschaftliche Organisation, und sie bcauf- tragt die Internationale Arbeitskonferenz in Genf, für ein inter- n a't i o n a l e s II e b e r e i n k o m m e n zur Festsetzung von Mindestlöhnen für Heimarbeiter zu wirken. v i � Eine weitere Entschließung der Konferenz fordert die Frauen der Welt zum Kampf gegen Faschismus und Kriegs- � 6 �E/ift' anzunehmen, daß der Internationale Gewerkschaftskongreß die Beschlüsse der Arbeiterinnenkonferenz als die Meinung des Kon- greffes akzeptieren wird, deren größter Wert darin liegt, daß eine internationale Tagung der Gewerkschaften d.e Bedeutung der Frauenarbeit und die sich daraus eraebenden Prc- bleme, die in allen Ländern die gleichen find, zum Gegenstand der Erörterung gemacht hat in der Absicht, in allen Landern in gleicher Weise die Lösung dieser Probleme herbeizuführen. Die Nache Ses wollkonzerns. Räch den einstweiligen Perfügungen— Mahregelungen. Was für ein Ehaos in den Arbeitsverhältnissen durch Unter- nehmerdickköpfigkeit angerichtet werden kann, zeigt der m Lechzig tobende A b w- h r t a m p f der Textilarbeiter gegen die C a ch- fische Wollgarnfabrik G. m. b. H. vormals-Littel und Krüger, die zum Nord deutchen Wollkonzern geHort. Räch Abschluß eines langen Streits, der schließlich� zu Schied-- fprüchen führte, durch die der Konzern vom Rerchsarbeltsmlmsterium verpflichtet wurde die Tarife.zu erfüllen, weigerte sich die Wo»- garniabnk, einig« Arbeiter, die am Streik beteiligt«-»_ farbigem Zephir, Läng 75 cm....... Kieler Anzüge»u- blauweiß gestreiftem Cadett für 6 Jahre•. 1S»50, 11- Jüngllngs-Schul- AnZÜge haltbar« Che- Tlets, Knie- oder Breechet- Xlß_ hose, Gr. 33... 43.-. 3t«Wa Jgl.-Sport-Anzg. modernste Musterung mit Knlckerboclcer, Gr. 88, jdh 53.-. 47.- WU. Jgl.-Sakko-Anzg. mittolfarb. Choriota tn.Um->|Q schlaghose. Gr. 38. 53., 47. 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