Abendausgabe Nr. 379* 44. Jahrgang Ausgabe B Nr. 7S7 B«,ugsb«d!nzung«« und Anzelg-nprtlk knd in der Morgenausgabe angegeben yteftatiion: STD. 6«, Cinttenflcafee 3 Fernsprecher: VSnhoff 202— 297 ZaL-Sdrcff e: Sejlalftetnofcaf Setiin Nerltner VolkSblÄkk Zentralorgan der Sozialdemohrati fchen Partei Deutfcblands (lO Pfentus Ireitag 72. August 1927 Verlag und Anzeigenabteilung: Geschäft-, eit 8� bi» S Uhr Verleger: VorwSrls.Verlag GmbH. SerUn SIV. SS, Lindenslrahe Z Zernsprecher: vönhofs 202— 20» Die Kolter von Doston. Dienstag Entscheidung über den Einspruch.— Die Bewegung dauert an. Boston, IS. August. Sacco und Vanzetti waren gestern in heiterer Stimmung, jedoch verharrte Sacco weiter im Hungerstreik. Richter Sanderson hat sich damit einverstanden erklärt, die Einwendungen, die die Verteidiger gegen seine Weigerung, einen Rechtsirrtum anzuerkennen, erhoben hatten, einer Plenartagung des obersten Staatsgerichtshofes zu unterbreiten. Er wird wahrschein- lich am Dienstag zusammentreten. Die Polizei baut ab. Die Alarmbereitschaft der New Uorker und Bostoner Polizei ist wieder aufgehoben worden, da man keine weiteren besonderen Demonstrationen für Sacco und Vanzetti erwartet. Die öewegung dauert an. New Vark. 12. August. Di« Presse bringt sehr ausführliche Berichte über weitere Maljenprotefte, die gestern in den Industriestädten erfolgten und zu zahlreichen Verhaftungen und Z w i s ch e n s ä l l e n führten. In Chicago führte eine junge Italienerin eine aus mehreren tausend Personen bestehende Menschenmenge an, die, wie schon kurz gemeldet, mit Reizgasbomben auseinandergetrieben werden muhte. Di« Führerin wurde verhaftet. In Kongrehkreisen verursachten die Kundgebungen der letzten Tagen stärkste Stimmung für Antisremdengesetze. Iremöenhetze in Gang. New Jork. 12. August. Arbeitsminister Davis beabsichtigt, olle Arbeitgeber um ihre Mitarbeit zu bitten, um festzustellen, ob ihre Angestellten und Ar- beiter das Recht haben, sich in den Vereinigten Staaten aufzuhalten. Man glaubt, daß Tausende von Personen auf ungesetzliche A r t über Kanada und Mexiko nach den Vereinigten Staaten ein- gewandert sind, und erwartet, daß Ausweisungen von Ausländern in großem Umfange erfolgen werden. Bei Wiederzusammentritt des Kongresses soll versucht werden, ein Gesetz durchzubringen, das alle Ausländer zwingt, bei ihrer Einreise ihre Fingerabdrücke abnehmen zu lassen. Der Morü in Sasel. Basel. 12. August. Die unverzüglich eingeleitete amtliche Untersuchung über die in einer Wartehall« der Straßenbahn erfolgte Bombenexplo- s i o n hat bisher noch keinen sicheren Anhaltspunkt für die Urheber und den Charakter der Höllenmaschine ergeben. Einer der Schwer- verletzten, ein Straßenbahnschaffner, ist bald nach seiner Einlieferung in das Kronkenhaus ge starben. Der Verstorbene hinterläßt eine Frau und fünf Kinder. Man hofft, weitere Schwer- verletzte am Leben erhalten zu können. Ungefährliche Bomben in Sofia. Sofia. 12. August. Bergangene Nacht gegen 10 Uhr haben Unbekannt« Bomben in den Garten des amerikanischen Konsulats in Sofia geworfen, nach- dem sie von einem benachbarten Haufe aus die Mauer des Hofes überstiegen hatten. Die Explosion hat weder Sach- noch Per- sonenschaden angerichtet. Man nimmt an, daß die Bomben als Protest gegen die Hinrichtung von Sacco und Vanzetti geworfen worden sind. Bombcnfund im Londoner Oftend. Die Polizei hat bei der Durchsuchung eines Ladens Im Londoner Ostend eine explosionsfertige Bombe aufgefunden. Nach Aussage der Sachverständigen hätte die Bombe wenige Minuten später explodieren müssen. �reudenkundgebung in Südamerika. Buenos Aires, 12. August. Die Nachricht von dem Strafausschub für Sacco und Vanzetti wurde von den Zeitungen durch Signale»erbreitet und löste bei der auf der Straße versammelten Menschenmenge Freuden- kundgebungen aus. Ohrfeige für üen Orünungsblock in tzalle. Der Wiederwahl von Bürgermeister Seydel die Bestätigung versagt. halle. 12. August. Trotz des heftigen Widerstandes der Sozialdemokratie wurde vor einiger Zeit der deutschnationale Bürgermeister Seydel vom Ordnungsblock, dem sämtliche bürgerlichen Parteien einschließlich der Demokraten angehören, auf 12 Jahr« zum zweiten Bürger- meister der Stadt Halle wiedergewählt. Man wollte nicht einmal das Ergebnis des schwebenden Disziplinarver- fahren? abwarten und begründete dies damit, daß jenes ja nur aus formellen Gründen geführt werde. In Wirklichkeit hatte man natürlich Angst vor den nächsten Konmiunalwahlen, als deren Er- gebnis man eine Linksmehrheit befürchtet, und da will man noch retten, was zu retten ist. Wie wir hören, trifft es jedoch keineswegs zu, daß das Disziplinarverfahren gegen Seydel nur aus formellen Gründen geführt wird, vielmehr ist sogar Anklage aufDienst- Entlassung erhoben worden. Die bisherige Untersuchung hat nämlich ergeben, daß gerade der vom Ordnungsblock wiedergewählte Herr Seydel bei den Kreditgewährungen der Stadt. dank ein geradezu unglaubliches Verhalten an den Tag gelegt hat, und daß Stadtbankdirektor B e r g e r, den man als den Sün- denbock hinzustellen beliebt, vorwiegend entsprechend den Weisungen des Herrn Seydel gehandelt hatte. Das Disziplinarverfahren hat weiterhin ergeben, daß die Höhe der hallischen Stadtbankverluste wenig st ens 7,6 Millionen Mark beträgt; nächst den Ver- lusten der Preußischen Seehandlung und der Zentral« der Provinz- banken ist dies also der größte Schaden, den das öffent- liche Bankwesen je erlitten hat. Man kann also ver- stehen, wenn die deutschnationale Strategie alles versucht, diesen Skandal zu vertuschen, und dazu sollte die Wiederwahl des Herrn Seydel dienen. Wie wir erfahren, hat jedoch das preußische Staats- Ministerium Beschluß gefaßt, daß dem Herrn Seydel die Be- stätigung alsBürgermeister versagt wird. Den hallischen Stadtverordneten wird es überlassen, ob sie die Wiederbesetzung der vakanten Bürgermeisterstelle bis zur Beendigung des Dienststrafoer- fahren- gegen Seydel aussetzen wollen, oder ob sie das Amt einer anderen, zuverlässigeren Persönlichkeit übertragen wollen. Man darf gespannt sein, wie sich nun in Halle die deutschnationalen Draht- zieher aus dieser Klemme ziehen werden. Grzesinskis»Geheimreife". Eine Wiener Korrespondenz verbreitet die auch von Berliner Blättern abgedruckte Meldung, der preußische Innenminister G r z e s i n s k i fei mehrere Tage in aller Heimlichkeit in Wien gewesen und habe da allerlei dem Rechtsblock höchst ver- dächtige politische Gespräche geführt. Dazu wird von zuständiger Stelle mitgeteilt: Eine Wiener Reise stand schon seit Monaten auf dem Programm des preußischen Innenministers und war für den Tag seines Urlaubsbeginns, den 7. August, festgesetzt. Minister Grzesinski beabsichtigte lediglich, die ihn als preußischen Polizei- piinister besonders interessierende Organisation d er Wiener P o l i z e I zu studieren und hat diesen Vorsatz auch in den drei Tagen seines Wiener Aufenthalts ausgeführt. Er hat während der ganzen Zeit seiner Anwesenheit in Wien politisch stärkste Zurückhaltung bewahrt und auch mit keiner politisch irgendwie exponierten Persön- lichkcit Unterredungen gehabt, sich vielmehr ausschließlich aus die polizeilichen Studien beschränkt. wo bleibt Zagorfki! Polen auf der Suche nach Pilsudskis Gegner. Warschau. 12. August. Alle den verschwundenen General Zagorski betreffenden Ge- rüchte sind bisher unbestätigt geblieben oder bereits wider- legt worden. Die Meldung von der Auffindung seiner Leiche bei Rembertow erweist sich als unsinnige Sensationsmeldung. Die Presseandeutungen über angebliche heimlicheVerschleppung Zagorskis in einem Privatauto Pilsudskis erweisen sich ebenfalls als unhaltbar, da das betreffende Auto inzwischen im Manöver- gelände von Chrzanow festgestellt worden ist. der Umschwung in?rlanü. Regierungs- und Parlamentskrisc. Dublin, 12. August. Der Beschluß der unter Führung de V aleras stehenden irisch-republikanischcn Partei, dem König den Treueid zu leisten und die Sitze im Parlament einzunehmen, hat eine Minister- krise schwerster Art hervorgerufen. Durch diesen Beschluß verliert die Regierung Cosgrave die Mehrheit, die sich bisher aus der republikanischen Partei und der Arbeiter- partei zusammensetzte. Der gesprengte Minislerrat. Monarchisten verlassen das griechische Koalitionskabinett Athen, 12. August. Der Minister des Innern, Tsaldaris. und die anderen monarchi- stifchen Minister verließen die Ministerratssitzung. Dieser Schritt ist erfolgt wegen der Meinungsverschiedenheit über den Plan des Finanzministers, der Nationalbonk das Recht der Ausgabe von Bank- noten zu entziehen und eine neue N otenbank zu schaffen. pariser Vertragshoffnungen. Die Tarisfragen im Handelsvertrag gelöst. Paris. 12. August.(Eigenbericht.) Am Donnerstag haben wiederum Sitzungen der deutschen und französischen Handelsoertragsdelegation stattgefunden. Nach französischer Darstellung seien wiederum Fortschritte Erzielt und die Tarifs ragen im großen und ganzen gelöst worden. Die deutsche Delegation habe in Berlin Instruktionen nachgesucht. Wenn von der Reichsregierung keinerlei Einwände erhoben werden, so wird dem„Petit Parisien" zufolge ein Abkommen im Lause des Sonnabends unterzeichnet werden können. Der»nationale" Zilm. Verschleierte Subventionen für„nationalen" Kitsch. Die Macht des Films als kulturpolitischer, als Faktor der Propaganda kultureller, weltanschaulicher, politischer Gesinnungen ist unermeßlich groß. Aus der Erkenntnis dieser Macht, die sonst nur mit der älteren der Presse und der neueren, noch nicht genug gewürdigten des Rundfunks zu vergleichen ist, kündigt der Artikel 118 der Reichsverfassung die Filmzensur an. Daß diese genau so beschränkt ist, wie die übliche behördliche Kunstauffassung und genau so schwarz- weißrot, wie der„Normalmensch" von Külz bis Keudell, ist bekannt. Nicht bekannt ist aber, daß„nationale" Wochenschauen schlecht verhüllte Hetzsilme usw. behördlich unterstützt werden. Neben dem jetzt aufgedeckten Skandal der Finanzierung der „Phöbus" durch das Marineamt des Reichswehrministeriums, neben der immer wieder geleugneten Teilnahme der Reichs- wehr und Marine an Aufnahmen„nationaler" Filme, genießen diese eine wesentliche indirekte Subvention durch die geschickte Handhabung gewisser Zensurbestimmungen. Das Gesetz vom 12. Mai 1920, das zwei Prüfstellen» Berlin und München, und die Beschwerdeinstanz der Ober- filmprüfstelle Berlin einsetzte, bestimmt folgendes: „Die Zulassung ist zu versagen, wenn... die Vorführung geeignet ist: I. die öffentliche Ordnung oder Sicherheit zu gefährden; 2. das religiöse Empfinden zu verletzen; 3. verrohend oder ent- sittlichend zu wirken; 4. das deutsche Ansehen oder die Beziehungen Deutschlands zu auswärtigen Staaten zu gefährden.— Die Zulassung darf wegen einer politischen, sozialen, religiösen, ethischen oder Weltanschauungstendenz als solcher nicht versagt werden." An Hand dieses Gesetzes zensiert die Filmprüfstelle, spricht evenwell dos Verbot für Jugendliche aus und cnt- scheidet auf Antrag über die Freigabe für Jugendliche. Die Prüfungsgebühr beträgt pro Meter beim gewöhnlichen Film 10 Pf., beim volksbildenden oder künst- lerifch wertvollen Film 5 Pf., beim Lehr» film 2'� Pf. Diese eben genannten Prädikate kann auf Antrag der Firmen die durch Verfügung des Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung vom 1. Juli 1924 eingesetzte„Bild- stelle des Zentralinftituts für Erziehung und Unterricht" (bzw. die Bayerische Lichtbildstelle) erteilen. Dieser Ausschuß besteht aus dem nicht stimmberechtigten(doch durch die Art seines Vortrags mitbestimmenden!) Vorsitzenden(in Verlin ist dies der bekannte Professor Lampe, dessen Beziehungen zur Ufa bekannt sind), und je einem Vertreter von Kunst und Literatur, je zwei Vertretern der Filmindustrie, der Behörden (Wohlfahrts- und Kultusministerium, Provinzialschulkolle- aium usw.) und der Jugendämter und Verbände der freien Wohlfahrt bzw. volksbildenden Vereine. Diese Stelle hat sich in ihren Richtlinien den Typus des „normalen Durchschnittsbesuchers" geschaffen, nach dessen angeblichem Normalempfinden die Gutachter die Titel verteilen, unter denen ein Film erhebliche Vergünstigun- gen genießt, einmal die bereits erwähnte Ermäßigung der Prüfungsgebühren, und dann die sehr be- deutende Herabsetzung der Lustbarkeitssteuer. Von jeder Aufführung müssen normalerweise 15 Proz. der Bruttoeinnahme als Lustbarkeitssteuer abgeführt werden. Bei Lehr-, volksbildenden oder künstlerisch wertvollen Filmen ermäßigt sich die Steuer um 3 bis 8 Proz. Eine Ermäßigung um 3 Proz. tritt bereits ein, wenn eine Vorführung im Beiprogramm I 100 Meter Lehr- oder 200 Meter volksbildenden l F i l m zeigt. Daher kommt es, daß z. B. jede Ufa- Wochenschau gerade 220 Meter lang ist! Wir geben die Namen einiger für„überwiegend v o l k s b i l d e n d" erklärten Filme wieder: Sämtliche Deulig-Wochen und Ufa-Wochenschauen. Fridericus Rex, I— IV. Bismarck, I. In Treue stark. Zopf und Schwert. Ruhrschande. Wein, Weib und Gesang. Vier Tage mit der„Emden". Des Königs Grenadiere. Das deutsche Mutterherz. Ferner sämtliche Filme der dreiö Institute, sofern sie nicht direkt als i Hier finden wir Filme, wie z. B.: U-Boote heraus! Mit U-Boot 178 gegen den Feind! Die bewaffnete Entente und das deutsche Heer. Die Frau als Kriegshelferin bei der Herstellung von Hand- granaten(im amtlichen Verzeichnis ist dieser Film in die Rubrik „Volkswohlsahrt" geordnet). Ludendorffs S3. Geburtstag, u. a. m. „K ü n st l e r i s ch w e r t v o l l" sind fast alle Ufa-Filme, sind„Die Tragödie eines Volkes",„Des Königs Grenadiere", „Die für die Heimat bluten" und andere.„Lehrfilme" sind z. B. der Deulig-Film„Der Versailler Friedensvertrag— ein Weltdrama", und der frischfröhliche„Weltkrieg" ä la Hilgenberg. Ausdrücklich verboten für Jugendliche sind„Potem» km" und„Der Wolgaschiffer", während„Die 11 Schillscheu hsfilmstelle und ähnlicher Zehrfilme bezeichnet sind. Offiziere",„Lanv unterm Kreuz", ,�>es Königs Befehl, „Ich hatt' einen Kameraden", jugendfrei sind. Jetzt wird es klar, warum vor jedem Film eine Wochen- schau oder irgendein kleiner Lehrfilm gezeigt wird und warum dies vor dem„künstlerisch wertvollen"„Metropolis" und dem „Weltkrieg"-Lehrfilm nicht geschieht. Klar wird aber vor allem aus den genannten Titeln, wie die Gutachter der Bildstellen ihre Arbeit auffassen und welche Kunstmeinung sie dem„Durchschnittsmenschen" unter- schieben. Klar wird auch die beträchtlich ver- schleierte Subvention der„nationalen" Filme durch das indirekte Steuergeschenk an diejenigen, die sie vorführen. Die Reaktion spekuliert auf die Masse derer, die in der schwlllstisch-vornehmen Atmosphäre Courts-Mahlerscher Romane das Ziel des Lebens und Strebens erblicken, auf die Masse derer, die— abgearbeitet— glauben, nur dann Ent- spannung zu finden, wenn Hirn und Herz sich nicht an- zustrengen brauchen. Auf sie spekulieren die Reaktionäre, die bestimmenden Einfluß in fast allen großen Filmgesell- schaften haben und setzen ihre rührseligen Bilder aus der guten, alten Zeit vor. Und haben durch das ihnen von den Bildstellen gegebene Vorrecht die billige Möglichkeit, reat- tionäre Anschauungen auf politischem, religiösem, sozialem Gebiet zu propagieren. Hilfe gegen diese erlaubte Steuerhinterziehung muß durch die parlamentarische Kontrolle der reaktionär orientierten Gutachter, durch ihre Ersetzung durch Volksvertreter erwartet werden. Sofortige Selbsthilfe der Arbeiterschaft ist durch rege Förderung aller wahrhaft fortschrittlichen Filme zu erreichen. Nachspiel zum Hallenser Skandal. Der Zwischenfall bei der Verfassungsfeier. Die monarchistischen Ausfälle de, Redners bei der Verfassungs- feier in Halle, des Professors Paul M e n z e r, werden auch die preußische Staatsregierung beschäftigen. Zur Berichterstattung über den Zwischenfall, der den empörten Protest der Republikaner zur Folge hatt«, ist der Regierungspräsident G r ü tz n e r heute in Berlin eingetroffen. Er hat auf Grund des eingehenden Berichts des Polizeipräsidenten zu Hall«, der der gestrigen Berfassungsfeier in Halle selbst beiwohnt«, wegen überaus schwerer Angriffe, die der Festredner Unioersitätsprofessor Dr. Menzer auf Kultusminister Dr. Becker gerichtet habe, sowie wegen des sonstigen Inhaltes der Festrede dein Kultusminister" eingehend berichtet und im Hinblick auf die äußerst starke Erregung, die die Ausführungen des Professors Menzer ausgelöst hätten, die sofortige Entsendung eines Untersuchungskommissars dringend angeregt. Wir möchten hoffen, daß die Untersuchung mit der gebotenen Energie durchgeführt wird auf die Gefahr hin, daß die Rechtsregie- rung im Reiche darin wieder eine preußisch« Eigenmächtigkeit sieht. Hlückwünsche ües /taslauös zur Verfassungsfeier. Die Berliner Bertreter aller ausländischen Re- gierungen haben gestern beim Reichs außenmini st er ihre Karten abgegeben, um dadurch die Glückwünsche ihrer Regierungen zur B e r fa s s u n g» s e t e r der deutschen Republik auszusprechen. Lanübunölügen. Schäbige Bauxrnpropaganda. In diesen Tagen geht durch fast alle Landbundzeitungen eine Rotiz, in der von dem Genossen Krätzig und von der Genossin Wurm behauptet wird, daß sie in einer der letzten Reichstags- sitzungcn dauern- und landwirtschaftsfeindliche Acußerungen getan haben sollen. Der Genosse Krätzig soll erklärt haben:„Der deutsch« Bauer ist so rückständig wie keiner in der Welt." Der Genossin Wurm legt man folgende Worte in den Mund:„Ich wünschte nur das eine, das nämlich, daß die E r n t e möglichst schlecht wird, damit wir in unserem Kampf gegen die Agrar- zölle recht behalten." Die Landbundbehauptungen sind eine bodenlose Lüg« zu dem durchsichtigen Zweck, Mißtrauen gegen die Sozialdemo- kratische Partei unter der vom Landbund enttäuschten Landbeoölke- rung zu sähen. Was die Redner der Sozialdemokratie tatsächlich gesagt haben, kann mit Leichtigkeit in den stenographischen Reichs- tagsberichten nachgelesen werden. Danach hat Genosse Krätzig in der Sitzung vom 8. Juli 1S27 zum Mehl- und Kartoffel- zoll gesprochen. Er polemisierte gegen den Landbund, erwähnte die den Mitgliedern des Volkswirtschaftlichen Ausschusses bei einer Be- sichtigung der Biologischen Reichsanstolt gemacht« Mitteilung, daß viele fremd« Länder den deutschen Kartoffelexport sperren, well die deutschen Kartoffeln mit vielen schlimmen Krankheiten, Haupt- sächlich Kartoffelkrebs, behaftet seien, und erklärte dann wörtlich: „Sorgen Sie lieber dafür, daß auf diesem Gebiete Remedur eintritt. Dann werden die Landwirt« auch größere Ernten haben und es wird nicht nötig sein, daß Sie dem armen Lolke dieses letzte und unentbehrliche Lebensmittel durch Zölle weiter verteuern. Die deutsche Landwirtschast ist aber eben noch ungeheuer rückständig." Genossin Wurm hat in der 337. Reichstagssitzung zur Frage der Fleischzölle gesprochen. Dabei hat sie nach dem stenographischen Bericht Seite 11 405 gesagt: „Die Steigerung der Produktion an lebenden Schweinen beruht in der Hauptsache auf der g u t e n Ernte des Jahres 1925. Diele der Herren Großgrundbesitzer flehen ja schon längst zum Himmel: Der Herr beschere uns bloß keine gute Ernte! Denn wenn es eine gute Ernte gibt, fallen die Preise. (Unruhe und entrüstete Zurufe rechts.— Zuruf von der Deut- schcn Volkspartei: Das sogt eine Frau hier im Reichstag!) — Jawohl, eine Frau sagt das hier im Reichstag, weil es in der Tat vielfach so ist." Es wird abzuwarten sein, ob der Landbund anständig genug ist, seine Behauptungen zu widerrufen. Aber selbst wenn er es nicht tut, halten wir keinen Bauern für derart rückständig, daß er den Z w e ck dieser dick aufgetragenen Lügen nicht erkennen müßte. Diejenige Art der Landbundpropaganda ist so schäbig, daß sie sich gegen ihre Urheber selbst richtet. Schulgesetz u-nü Schulreform. Gegen Keudells Reichsschulgesetz. Der„Bund entschiedener Schulreformer", der als „Volksoerband für neue Erziehung" nicht nur die fortschrittlichen Lehrer aller Schulgattungen, sondern auch einen großen Teil der an dem Aufbau unseres Schulwesens bewußt mitarbeitenden Eltern- schaft in sich vereinigt, erläßt zu dem vorliegenden Reichsschulgesetz. entwurf folgende Entschließung: Der„Bund entschiedener Schulreformer" ruft olle wahren Volkssreunde zum Kanips gegen den Versuch auf. durch ein Reichsschulgesetz, gemäß dem Entwurf aus dem Reichsamt des Herrn Keudell, dem deutschen Bolke sein« zukunftsstarke Ge- meinschaftsbildung vorzuenthalten. Echte Deutsche aller Schichten, Klassen und Glaubensrichtungen, die ihr jedem seine Bildungssrei- heit gönnt, kämpft mit uns gegen den Reichsschulgesetzentwurf, der Schulzerschlagung, der Vildungsoerminderuna, der kirchlichen Lehrer. Unterjochung, der Volkszertrümmerung, der seelischen Unfreiheit, der Untüchtigmachung des deutschen Volkes im Menschheitszusammen- lchluß, kämpft mit uns für die große einheitlich freie Gesamtvolksschule der Deutschen, in der jedes Kind eine Totalität erarbeiten kann, für die autonome Schule, die an onst schulfreien Togen oder in wahlfreiem Unterricht auch den ton- essionellen Gruppen die Freiheit zur Auswirkung ihrer Kulturgüter sibt! Freiheit in der Einheit, nicht Freiheit in tyranni. ierender Sonderbündelei! Glauben in Ehrfurcht vor remdem Glauben, nicht„Glauben" als ängstlich eingezäun- ter Besitz, als eingedrillter Gedächtnisstofs! Es geht um beut- ches Kulturwerden. Kein Reichsschulgesetz, das nicht Ein- heit, Freiheit und Wachstum der deutschen Jugend sichert. I. A.: Paul vestreich. Wilhelms trautes Exil. Von Georg Biesenthal. ... Und unten fließt der Rhein. Er macht bei Amerongen einen Knix, einen Hostnix sozusagen, denn majestätischer Abglanz liegt über den Dingen. Hier, im Palais des Grafen Bentinck, das zwischen stattlichen Linden ins Land lugt, hatte Wilhelm im Rovem. der 1918 zur ersten Ruhe auf der Flucht die provisorischen Zelte aufgeschlagen, die er Im Großen Hauptquarter so plötzlich abge- brachen hatte. Bald taufte er von der alten Baronin van Heemstra, ein Stündchen landeinwärts, da»„Huis ten Doorn". Dieser Streifen Landes ist ein Paradies für die Reichen, die sich in den Wäldern um Zeist, Driebergen und Doorn von den Strapazen des Guldenmachens erholen müssen, denn es sind die herrlichsten Wälder in Holland und die teuersten Sanatorlea. ver- schämt etwas abseits: das Dörfchen Doorn. Auf dem Marktplatz, flankiert von den großen Hotels, Autoauffahrt wie bei einer Opern- premiere. Wilhelm ist kein schlechtes Geschäft für die Holländer, wenn er auch keine Steuern zahlt, aber seine Anwesenheit stärkt den Fremdenverkehr. Sogar«in indischer Maharadscha war da. und gummikauende Amerikaner zu Haus. Im Fenster des Andenken» Händlers ein Stoß„Meine Erinnerungen, von Wilhelm I. R." Das gehött zur Atmosphäre. Die Besucher in Dooni gehen nämlich mit ausgesperrten Nüstern umher und Habens unentwegt mit der Atmosphäre. Damit ist's aber nur halb so schlimm. Denn dieses Dorf, weltberühmt geworden über Nacht, ohne eigene» Zutun, durch Schicksal und Zufall, wird ebenso wieder vergessen sein, wenn der da drüben einst die ewige Ruh« findet, die er nicht verdient. Mauern, Stacheldraht und Hecken bergen da» Hau» zu Doorn, den 20 Hektar großen Wald und die Pracht seiner Gärten. Das alte Tor, jetzt verschlossen, zeigt als neues Initial die Preußenkron« und ein goldenes W. Ein Schloß mit Tradition. Aber er hat wieder mal verstanden, der Fassade den„Stempel seiner Persönlichkeit" auszuprägen. Fehlt nur noch, daß Anton o. Werner das Haus ringsherum mit Fresken geziert hätte, die bedeutsam« Moment« aus seinem Leben allegorisch darstellten. Zuerst baute man mal im Garten einen Taubenschlag im Renaissancestil. Nach außen gebogene Pfeiler in Form eines Blüten- kelchs, aus der Erde wachsend, tragen das Taubenhaus. Da werden sich aber die Tauben, soweit welche vorhanden sind, riesig gefreut haben! In modern holländischem Stil wiederum ist dos neue Tor- gebäude errichtet, aus Backsteinen, aber mit hohen Giebeln und allerhand goldenem Blech versehen. Don hier aus führt«ine breite Lindenallee zum zweistöckigen efeuumrankten Schloßbau. Es geht höchst preußisch zu an diesem Tor, ein Schutzmann steht drohend im Schilderhaus und es braucht nur die Tochter des Oberhos- meisters— ja, das gibt es noch auf Doorn— es braucht also nur das Töchterlein da vorbeizututschieren, dann rasselt die ganze niederländische Wache zusammen und es heißt strammgestanden. Wilhelm lebt also wirklich„ganz wie ein Privatmann". Wie ein Privatmann? Noch viel bescheidener!— wie ein ganz schlichter Arbeiter. Schon am frühen Morgen beschäftigt er sich mit Holzhacken. Schließlich, wenn der Sohn am Schmiedefeuer steht, darf der Batcr auch Holzhacker sein. Handwerk hat goldenen Loden, und den haben die Hohenzollern noch nie verachtet. Daß er seine neue Tätigkeit dazu benutzt hat, um als Draufgänger, der er ist, den Park zu verschandeln und ein paar alte Bäume umzulegen— tut nichts. Machtgelüste müssen wegreagiert werden, sei es mit dem Zepter, dem Schwert oder dem Beil. Die weithin das Schloß umgebende Blumenpracht— wie man sie selbst in Holland selten findet— Weiher, Wald und weite Rasen. flächen— das alles genügte ihm noch nicht. Er hat jetzt außerhalb der Schloßmauern noch ein großes Wiesengelände neu hinzuge- kauft— nur eben„um eine freie Aussicht zu behalten". Der Boden in Doorn ist mit der teuerste in Holland, man kann sich also un- gefähr vorstellen, wie Abfindungsgelder angelegt werden. Und kann begreiflich finden, daß er auf eine Rückkehr nach Deutschland ver- zichtet hat. Die Leute in Doorn erzählen noch, wie„elend" und „oerfallen" er aussah, als er hierher kam, wie er gesenkten Hauptes über den Rasen trabte, sie sahen in ihm«inen toten Mann. Er ist dann aber rasch wieder zu Kräften gekommen und hat sich be- kanntlich so gut erholt, daß einer Heirat nichts mehr im Wege stand. Wilhelm ist durchaus kein gern gesehener Gast in Doorn. Man hat ihn aufgenommen, tolerant gegen alles Fremde, wie man nun einmal als Holländer ist. Ueber seine Vergehen ist man orientiert— und wenn auch das für die braven Doorner, die sich„um Politik nicht kümmern", nicht einmal der Hauptgrund ihrer Antipathie ist, so waren sie doch restlos entsetzt, als sie sahen, wie seine Selbst- Herrlichkeit Schloß und Part verunziert hat. Don nun an hielt man in Doorn die Deutschen für die Barbaren der Kunst. Trotz Hermin«, die für Volkstümlichkeit sorgt und sich bei Blumenfesten leutselig „unters Volt mischt". Auf den verschwiegenen Wegen Doorns wandeln merkwürdige Gestalten, schworzweißrote Bändchen und kleine Ordeaszeichen im Knopfloch. Deutsche Pilger, die vielleicht mühsam Erspartes zu- fammengelegt haben, um heute gen Doorn wallsahrten zu können. Und dann von ihrem obersten Kriegsherrn schnöderweise noch nicht einmal empfangen werden. Verstohlen angeln sie durchs Gitter nach kleinen Blümchen aus seinem Garten, die später in gepreßtem Zu- stand unter Glas als häuslicher Fetisch Verwendung finden. Man sieht auch, wie sie sich gruppenweise photographieren lassen, im Hintergrund das Schloß und im Vordergrund eine Tafel„Deutscher Kriegerverein I P*. Sie machen sehr ernste Gesichter dabei, und das ganze ist ihnen eine höchst feierliche, sozusagen zelebrale An- gelegenheit. Sichtbarlich schwebt um ihr« Nasenspitzen ein Motto: „Ziehe deine Schuhe aus, denn der Ort. auf dem du stehst, ist ein heiliger Ort". Uebertragung von Muskelgeräufchen. In Wien sind neuerdings von der wissenschaftlichen Leitung der dortigen Sendestation sogenannte„Experimentalvortröge" eingeführt worde», die zweifellos für die Wissenschaft von außerordentlichem Wert sein werden. Und zwar hat man begonnen, den Vortragsraum für eine Stunde in ein Laboratorium umzuwandeln, um auf diese Weise die wissenschaftlich« Forschung einem breiteren Publikum zu- gänglich zu machen. Ein besonderes Ereignis war kürzlich ein Experimentaloortrag von Dr. F. S ch e m i n z k y, der«inen neuen Apparat, das sogenannte Elektro st«thostop, vorführte, der die Opposition wirü gewarnt! Ter Verweis gegen Trotzki med Sinowjew. Moskau, 12. August. Das milde Urteil des Zentralkomitees und der Zentral- kontrollkommission der Kommunistischen Partei gegen die Opposition hält die„Iswestija" nicht davon ab, jetzt nachträglich mit den Oppositionsführern nochmals ins Gericht zu gehen. Das Blatt schreibt:„Die fraktionelle Wühlarbeit der Opposition hat in den letzten Monaten einen noch nie dagewesenen Umfang angenommen. Sie erstrebte die Schaffung von Elementen zur Bildung einer neuen Partei innerhalb der KP. Ob die Opposition dies ganz bewußt wollte oder nicht, ist ziemlich gleichgültig—, jedenfalls werden sich hinter ihr nicht nur alle Parteideserteure, Rene» gaten und aus der Partei Ausgestoßene verstecken, sondern auch. wie die Tatsachen bereits deutlich zeigen, die Gegenrevolutio- när«. Alles, was sich durch die Diktatur der Arbeiterklasse ge- drückt fühlt, wäre bereit, die Erleichterung zu begrüßen, welche sie durch die antiparteilichen Vorstöße der Opposition erhalten. Die Plenartagung sah sich den gröbsten Verletzungen des Parteistatuts gegenübergestellt. Vor ihr zeigt« sich eine Erschütterung der Lenin» Grundlagen des Parteiaufbaues, offene Verletzung von Parteibeschlüssen und ebenso der von der Opposition selbst übernommenen Verpflichtungen. Daß die Schuldigen Mitglieder des Zentralkomitees waren, machte ihre Schuld nur größer. Dennoch hat das Plenum nicht die Schlüsse gezogen, die unter den gegebenen Umständen unausbleiblich schienen. Indem es die früheren Verdienst« der Genossen Trotzki und Sinowjew in Betracht zog und in dem Bestreben, sie der Partei und sich selbst zu retten, machte das Plenum den letzten Versuch zu einer friedlichen Schlich. tung de, Streites: es beließ sie im Zentralkomitee und begnügte sich mit einem strengen Verweis. Don den Gemaßregelten selbst wird es nun abhängen, welche Stellung sie künftig einnehmen werden, d. h., ob sie in den Reihen der Lenin-Partei bleiben und in den ersten Reihen des revolutionären Proletariats der Welt marschieren werden, ober ob die Partei über sie hinweggehen muß." öulgarischer parlamentsbetrieb. Regierungskoalition und Oppofitionsblock. Sofia, 11. August.(Eigenbericht.) Die S o b r a n j e s e s s i o n ist nach stebenwöchiger Dauer ge- schlössen. Rein faktisch ist die Opposition völlig macht- los. Besonders schwierig ist die Position der im„Eisernen Block" verbündeten Bauern und Sozialisten. Die Debatte anläßlich der Thronrede galt in erster Linie diesem Block, gegen den man eine Schlammflut von Intrigen richtete, um ihn auseinander- zusprcngen. Vergeblich: die verbündeten Arbeiter und Bauern haben erst in der letzten Woche durch den gemeinsam«ingebrachten Antrag auf breiteste Amnestie aller politischer Verbrecher gezeigt, daß sie gewillt sind, solidarisch den Kampf gegen die faschistische Reaktion zu führen.— Die Regierungspartei besteht aus zwei sehr deutlich voneinander getrennten Lagern: die sozusagen demokratischen Teile um den Ministerpräsidenten Lcaptscheff und die offenen Faschisten um Zankosf. Es ist ein offenes Geheimnis, daß hinter den Kulissen ein heftiger Machtkampf zwischen diesen beiden Gruppen um die ergiebige Staatskrippe spielt. Zum offenen Bruch scheint man e» aber nicht kommen lassen zu wollen, weil man dann um die Machtposition der Koalition überhaupt fürchtet. Zadianerausstand in Bolivien. In Pocota erhoben sich 2700 Indianer, töteten mehrer« Weiße und rückten auf andere Ansiedlungen vor. Regierungstruppen nahmen 37 Häuptlinge fest. Die Unruhen haben auf die Gebiete von Ehayanta, Eolquechaca und Cocopata übergegriffen. Die Dienstpflicht der Elsaß- Lothringer. Elsaß-Lothringern, die im deutschen Heere gedient haben, ist von Gesetzes wegen nicht ge- stattet, ihre Dienstzeit bei Beförderungen oder Pensionierung in An- rechnung zu bringen. Jedoch soll die frühere Dienstleistung bei Be- förderungen berücksichtigt werden. ganz schwach« elektrische Ströme, die mit den seinsten Meßapparaten nicht erfaßt werden können, verstärken und durch ein Telephon hörbar machen kann. Bei diesem Vortrag nun schloß man dos Elektrostethoskop an den Sender an und der Dortragend« unternahm den Versuch, die geheimnisvollen elektrischen Ströme, die im mensch- lichen Körper bei jeder Muskelbewegung entstehen, durch das Mikrophon in den Aether zu senden. Jede Bewegung eine» Muskels erzeugt diese elektrischen Ström«, die zwar im Muskel selbst ver- ankert sind, in ihrer Stärk« und in ihrem Rhythmus jedoch durch das Gehirn beeinflußt werden. Bisher sind mit diesem neuen Apparat nur Versuche in den wissenschaftlichen Laboratorien gemacht worden. die interessante Ergebnisse zu Tage förderten. Der Apparat machte nämlich nicht nur di« Muskelgeräusche eines gekrümmten Arme, oder einer geballten Hand hörbar, sondern er setzte auch die durch bloß« Vorstellung erzeugten Muskelzuckungen in die akkustifche Wirklich- keit um. Und zwar ließ man die Versuchsperson nur an den Be- grisf„Geballte Hand" oder„Faust" denken. Sofort stellten sich elektrisch« Ströme ein, die durch das Elektrostethoskop hörbar wurden, wenn auch nicht in der gleichen Stärke wie bei der tatsächlich ge- ballte Hand. E» ist selbstverständlich, daß gerade diese Versuche und Experimente Allgemeininteresse beanspruchen können und es ist das Verdienst des Leiters der Radio-Dolkshochschule in Wien, Prof. Richters, daß durch da» Mittel des Rundfunks die ganz« Welt daran teilnehmen kann. Sine Ford- Symphonie. In New York wurde kürzlich ein; symphonische Dichtung vorgeführt, deren Thema die Automobilfabri» kation ist. Da» Werk ist angeregt worden durch die Mitteilung, daß die Fordschen Fabriken vor einigen Monaten den zehnmillionsten Wagen fertiggestellt haben. Von einer malerischen Schilderung des Morgengrauens in Detroit über den Lärm der Fabrik hinweg gelangt die Komposition zu einer Apotheose des amerikanischen Genius. Bei ihrer Aufführung in einem Konzert de» New Vorker Philharmonischen Orchester, erhielt die Symphonie lebhaften Beifall. Volksbühne t. v. wird auch im nächsten Jahr ibren Mitgliedern „eben den Theatec Vorstellungen wieder eine grofje Anzahl wahlfreier Sonderdardietungen in«estalt von Konzerten. Tanzmatineen. Autoren. abenden und Vorträgen vermitteln. In den Konzerten werden die Pbil» harnioniter, hervorragend« Chöre und zahlreiche Solisten mitwirken. In einigen Konzerten, die jüngeren Komponisten gewidmet sind, werden dieie ieibst dirigieren, stür die Tanzmattneen wurden verpflichtet: Mary Big- man und Gruppe. Yvonne weorai und Gruvpe. Hertha Feist und Gruppe. Drei Palucca. Ursula Falk» Ky Magito usw. In den Autorenabenden werden Carl Zuckmayn. Ohnll Bernhard,«ihm Bilk, Max varthel und ander« ,u Woct kommen. Für Vortragszyklen stellten sich Jul. Bad. Mfr. Bolfenstein, Max Dert. Bruno Taut, Leo Keltenberg und Margarete vallmann zur Verfügung. Mltgliederanmeldungen zur Volts- bühne S. B. werdenf8 Uhr verfinsterte sich der Himmel sehr schnell. Ein schweres Gewitter kam herauf. Obgleich ein äußerst starker Wolken- bruch von längerer Dauer niederging, ist es nur an wenigen Stellen zu Ueberschwemmungen tiefliegender Straßenzüge gekommen. Ins- gesamt wurde die Feuerwehr zehnmal um Hilse- lei st ung angerufen. In der Rathaus- und Rathenau- straße zu Oberschöneweide, sowie am Pichelsweg in Spandau waren die Straßen derart überschwemmt, daß der Verkehr einige Zeit stockte. Kurz vor 9 Uhr wurden mehrere Löschzü�e der Feuerwehr nach dem Bahnhos Stralau- Rummelsburg alarmiert. Ein kalter Blitz Halle das Stellwerk getroffen, da» ganze Dach wurde abgerissen und auf die Straße g-schleudert. Mehrere Bahnbeamte wurden durch den gewaltigen Luftdruck zu Boden geworfen, ohne glück- licherweise ernsten Schaden zu nehmen. Nach kurzer Zeit erholten sie sich von dem ausgestandenen Schrecken. Sie konnten im Dienst verbleiben. Die Feuerwehr war fast fünf Stunden mit den Auf- räumungsarbeiten beschäftigt. Losgerissene Mauerteil« und ein Schorchtein, die einzustürzen drohten, muhten abgetragen werden. Da auch das übrige Mauerwerk starke Risse zeigte, muhten Absteifungen vorgenommen werden. Die Stellwerkanlage selbst soll dagegen völlig unbeschädigt geblieben sein. »Das junge Deutjchlanü/ Eröffnungsfeier im SchloffZBellevne. Am heutigen Vormittag wurde im Schloß Bellevue die von dem Reichsausschuß der Iugendverbände veranstaltete Aus- stellung„Das junge Deutschland', über die wir schon«inen Ueber- blick gegeben haben, in feierlicher Weise eröffnet. Der Festakt fand in der in dem herrlichen Park neuerrichteten Festhall« statt, die Feier selbst wurde von den Musik- und Gesangdarbietungen des Bach-Kreises der Göttinger Studenten stimmungsvoll umrahmt. Unter den zahlreich erschienenen Persönlichkeiten sah man den preuhi- schen Kultusminister Dr. Becker, Prof. D r i g a l s k i vom Ber- liner Gesundheitsamt, den ehemaligen Rejchzininister Dr. Külz, den Vorsitzenden des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, Genossen L e i p a r t, den Reichstagspräsidenten. Genossen L ö b e. den Reichskunstwart Dr. Redslob, den Ministerpräsidenten von Mecklenburg-Schwerin, Schröder, den ehemaligen Staatssekretär Heinrich Schulz, den Genossen Rudolf Wissel und Prof. Hein- rich Zille. Genosse Erich Ollenhauer begrüßte im Namen der Aus- stellungsleitung die Besucher und gab seiner besonderen Freude dar- über Ausdruck, daß die Länder und Behörden durch eine zahlreich« Vertretung ihr besonderes Interesse bekundet haben. In eindring- lichen Worten hob er hervor, daß das Problem der Freizeit für Jugendlich« bewußt in den Mittelpunkt der Ausstellung gestellt wor- den ist. Es käme nicht darauf an, einer bestimmten Altersklasse de» Volkes eine Sonderstellung zu verschaffen, doch für das Gesamt- wohl des Volkes ist«? eine notwendige Voraussetzung, daß die kommende Generation aus dem Schoß einer gesunden Jugend steigt. Nach dieser Begrüßungsansprache nahm der Reichskanzler Dr. M a r x das Wort zu seiner Festrede, in der er folgendes sagt«: „Meine Damen und Herren und meine lieben jungen Freund«! Ueber der Berliner Bevölkerung liegt noch der tiefe Ein- druck der gestrigen Verfassungsfeier, von der man nur hoffen kann, daß ihr noch glänzendere folgen werden. Besonders erfreulich war es, daß die Jugend an der gestrigen ver- fassungsfeier einen besonderen Anteil genommen hat als die Fackel- träger des Geistes von Weimar. Di« Pflicht der Regierung ist es darum, einer solchen Jugend alle Unterstützung zuteil werden zu lassen. Ein neuer Gemeinsamkeitsgeist ist im Entstehen begriffen. In diesem Sinne erscheint die A-beit des Reichsausschusses, die er für die Ausstellung„Das junge Deutschland' leistet«, als ein leuch- tendes Vorbild. Die Reichsregierung spricht daher allen an dem Werke Beteiligten ihren herzlichsten Dank aus. Ein wahrhaft guter Dienst am Volke ist geleistet worden. Zum ersten Male tritt die deutsche Jugend geschlossen an die Oeffentlichkeit, um das Gewissen des ganzen Volkes wachzurufen für die Aufgaben, die es an dieser Jugend zu leisten hat. Aus diesen Gründen ist es daher besonders fu begrüßen, daß die Freizeitfrage eine besondere Hervorhebung ge- unden hat. Di« Lösung dieses wichtigen Problems muß unbedingt vollbracht werden und Reichsregierung und Regierung der Länder betrachten es als eine heilig« Pflicht, dieser Frage ich: besonderes Interesse zu widmen. Auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege ist auch schon Großes geleistet worden. Auch für dieses Gebiet gilt der Satz, daß Vorbeugen besser als heile» ist. Reich und Länder werde» alles tun, um der geistigen und körperlichen Ertüchtigung der Jugend die Wege zu bahnen. Der Reichspräsident, der durch einen dringend gewordenen Erholungsurlaub verhindert ist, auf dieser Ausstellung persönlich zu erscheinen, schließt sich den herzlichsten Glückwünschen der Reichsregierung für die Ausstellung an und wünscht ihr einen weitgehenden Erfolg.' Für die Worte des Reichskanzlers Dr. Marx dankte die ver» fammlung mit starkem Beifall und unternahm dann einen Rund- gang durch die Ausstellung, wobei Reichsinnenminister v. Keudell Gelegenheit nahm, noch einige Begrüßungsworte für das Reichs- innenministerium zu sprechen.__ Glinüer Marm in Deffau. Start z« den letzte« Probeflüge«. Im Dessauer Pressehauptquartier gab es heute früh blinden Alarm. Die Tatsache, daß um 6 Uhr früh die Piloten mit ihren Be. gleitern zum Flugplatz hinausfuhren, gab zu dem Gerücht Ver- anlassung, daß die günstigen Wettermeldungen, die tatsächlich im Augenblick vom Atlanttt vorliegen, die Festsetzung des Starts für heute früh verursacht haben. Auto auf Auto mit Press«. Vertretern raste hinter den Fliegern her, doch klärte sich auf dem Flugplatz bald das Mißverständnis auf. Es handelte sich nur um den Start zu den letzten Probeflügen. Da das Wetter zunächst günstig war, starteten um 7.30 Uhr Loose und Köhl auf der„Bremen' zu einem Versuchsflug� der etwa 4 bis 5 Stunden dauern soll und in dessen Verlaus im Zusammen- arbeiten mit der F u n k st a t i o n der Iunkers-Werk« der Empfang von Wettermeldungen auf dem Flugzeug ausprobiert werden soll. Außerdem beabsichngen die Flieger, den nach Westen führenden Kurs nördlich vom Harz mit Richtung auf Holland eine Strecke hindurch zu erkunden, da, wie jetzt feststeht, der Start zum Ozean- flug auf jeden Fall in den Abendstunden stattfinden wird. Di« Flieger haben nämlich ausgerechnet, daß, wenn sie am Abend Dessau verlassen, sie unter Berücksichtigung weniger starker Gegenwinde über dem Ozean bei Tagesanbruch die Nebelzone von Neu- f u n d l a n d erreichen werden. Dieses gefährliche Hindernis wollen sie unter allen Umständen bei Helligkeit überwinden. Sie könnten dann auch die 10 bis 12 Stunden von Neufundland bis noch New Park entlang der amerikanischen Ostküste bei Tageslicht zurückfliegen. Wenn also der Start des Ozeanflugs, wie dies vorläufig festzustehen scheint, am morgigen Sonnabendabend erfolgt, dann werden die Maschinen nach Annahme der Piloten Montag früh vor Neu- fundland eintreffen und am Montagabend New Dork er» reichen. ..Bremen' passierte Berlin! Um 11,35 Uhr startete auch die zweite Ozeanmaschine „Europa' unter Führung von R i st i c z und E d z a r d mit Mister K n i ck« r b o ck e r als Passagier zu dem Probeflug. Während sie startet«, erschien die am Morgen aufgestiegene„Bremen' plötzlich wieder über dem Flugplatz und warf eine Meldung ab, wonach sie wegen des Wetters nach Norden ausgebogen sei, und dann folgende Route beflogen habe: Wittenberg— Potsdam— Staaken— Berlin» T e m p e l h o f— Brandenburg— Rathenow— Havelberg— Magdeburg Halle— Leipzig. Von Tempelhof bis Rathenow habe sehr schlechtes Wetter geherrscht. An Bord der Maschine sei alles in Ordnung, der Motor laufe gut. Die„Bremen' werde voraussichtlich gegen 1 Uhr nachmittags landen. Bei Schluß dieses Berichtes waren beide Maschinen gleichzeitig in der Luft. Start doch am Sonnabend. Wie wir erfahren, ist der Start zum Ozeonslug nunmehr auf den morgigen Sonnabend, abends zwischen 6 und 7 Uhr. festgesetzt worden. Zur Absperrung wird nicht nur die Polizei und die Beleg. schast der Iunkers-Werke, sondern auch die Dessauer Reichswehr her- angezogen werden. Die Zahl der Ehrengäste, die sich angemeldet haben, wächst von Stunde zu Stunde. Das Wetter ist in Dessau ziemlich ungünstig. Raubmörder Schumann begnadigt. Der 24jährig« Handlung»- gehilfe Walter Schumann, der am Weihnachtsheiligabend 1925 den Tabakhändler David Wurzel In dessen Geschäftslokal in Neukölln ermordet hatte, und der vom Schwurgericht II wegen Raubmordes zum Tode verurteilt wurde, ist auf ein Gnadengesuch der Rechtsanwälte Dr. S. A r o n und Dr. Mendel zu lebens- länglichem Zuchthaus begnadigt worden. Schumann selbst hatte auch eine Eingabe an den Iustizminister gemacht, in der er sagte:„Ich will nicht auf das Schafott, denn ich liebe das Leben!' „Volk und Zeil', unsere illustrierte Wochenschrist, liegt der heutigen Postauflage bei. Dirantwortlich für Politik: Richard»rrastei»! Wirtschaft:«. Satreall,; S«w«rtfii>aft»beweamia:»rirdr. Cdforn: UroMeton:».».»Ischrr; Lokal«» und Sonstiges: Fritz AarfkSM; Anzeigen: Tl>. Stockei fiimtlich in Berlin. Berlag: Lorwärts-Verlag®. m. b. H.. Berlin. Druck: Norwartz. 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Zwar heißt es in Artikel 146 der Reichsversassung, daß für die Aufnahme eines Kindes in eine bestimmte Schule seine Anlage und Neigung, nicht die wirtschaftliche und gesell- schast'iche Stellung seiner Eltern maßgebend sei, daß ferner für den Zugang Minderbemittelter zu den mittleren und höheren Schulen durch Reich, Länder und Eemeinden Mittel zur Gewährung von Erziehungsbeihilfen bersitzu- stellen seien; aber trotz dieser unzweifelhaften Erleichterungen bleibt bestehen: die Kinder der Besitzenden schieben sich spielend in die akademischen Berufe hinein; die große Mehrzahl der begabten Kinder des Proletariats aber werden durch die wirt- schastliche Lage ihrer Eltern genötigt, so früh wie möglich Geld zu rerdienen, werden gezwungen, Handwerker, Hand- lungsgehilfcn und Fabrikarbeiter zu werden. Ein Teil von denen, die es in ihren Leistungen bei entsprechender Ausbildung den normal begabten Kindern der Besitzenden mindestens gleichtun würden, wird allmählich durch eintönige Ma- schinenarbeit so zermürbt und abgestumpft, daß ihr Streben nach Wissen und Bildung seyr bald erlahmt. Andere verdrängen ihren Bil- dungstrieb durch Sport und Bereinsmeierei. Das ist aber nur ein geringer Bruchteil der befähigten jungen Arbeiter. Jagend--, spartet und Geroerks ch aftsbervegung bieten ein ausgedehntes Betätigungsfeld für die jugendliche Intelligenz. Geht eine geschickte Ausnutzung aller Bildungs- Möglichkeiten und ein ernstes Selbststudium unter geeigneter Führung neben der Tätigkeit in der Arbeiterbewegung ein- her, so werden zweifellos die Ergebnisse dieser Bildungsarbeit bei entsprechend Begabten so sein, daß sie sich vor denen, die eine reguläre Mittelschule und Hochschule besuchen konnten, nicht zu verstecken brauchen. Die große Mehrzahl jedoch kommt mit der Zeit in eine Sphäredes Halbwissens, die, wenn sie mit stark ausgeprägtem Selbstbewußtsein zu- sanrmen auftritt, gefährlich wird und zwangsläufig tragi- komische Figuren schafft. Um diesen Mißstand abzuhelfen, wurden eine Anzahl teilweise sehr wertvoller Einrichtungen geschaffen, von denen neben den Bildnngskursen der Partei und der Gewerkschaften noch die halbstaatlichen Wirtschafts- schulen, die Akademie der Arbeit in Frankfurt und die Hoch- schule für Politik zu nennen sind. Neuerdings versucht man auch die Hindernisse im 'Weg der Arbeiter zur XCniocrfität beiseite zu räumen. Außer der praktisch kaum in Frage kommenden Möglichkeit, ausschließlich durch Selbst- st u d i u m die Reifeprüfung abzulegen und sich so den Zu- gang zur Hochschule freizumachen, gibt es für den Arbeiter mit bloßer Dolksschulbildung noch zwei Wege zur Erreichung des gleichen Ziels: der eine ist die Ablegung der sogenannten Begabtenprüfung zum Studium ohne Reifezeugnis tMinisterialverordnung vom 24. Avril 1923), der andere ist der Besuch der in Berlin und H a m b u r a eingerichteten Arbeiterabiturientenkurse, die- ihren Schülern nach dreijähriger Ausbildung Gelegenheit geben, die Reife- Prüfung abzulegen. Die Zulassung zur Begabtenprüfuna hat zur Borbedingung den Nachweis a u ß e r g e w ö h n- licher Anlagen und Fähigkeiten für das Fach, das man zu studieren wünscht. Der Lehrplan der Arbeiter- abiturientcnkurse baut auf reiner Bolksschulbildung als Grundlage auf und kommt mit feinen Endzielen dem der neunstufigen Oberrealschule nahe. Die bisher abgeschlossenen Lehrgänge waren Beweise für die Brauchbarkeit der neuen Einrichtung: durchschnittlich 85 Proz. eller Schüler bestanden. Berlin scbickte 14, Hamburg 18 Arbeiterabiturienten zur Hoch- schule. Ungefähr ebensoviel junge Arbeiter dürsten die Bc- gabtenpriikung bestanden haben. Aber selbst wenn der Weg zur Hochschule durch Erlangung der staatlichen Abstempelung frei geworden ist, lo kann das Studium selbst noch an der Unmöglichkeit der Aufbringung der hohen Gebühren(unge- fähr 150 M. pro Halbjahr) und der Unterhaltskostcn scheitern. Die Schwierigkeiten in dieser Hinsicht sind unendlich groß, aber die meisten Studenten bringen Energie nenug auf, damit fertig zu werden. Der größte Teil der Arbeiterstudenten widmet sich dem Studium der Volkswirtschaft und der Rechtswissenschaft. Hier sind die meisten An- knüpfungspunkte zu der früberen Betätigung in der Jugend-, Vartei- und Gemerkschaftsbeweguna. Viele wählen das Lehramt als kunstigm Beruf. Ein geringer Prozentsatz studiert Medizin und Ingenieurwissenschaften, Das Arbeiterstudium wird in Kreisen der Arbeiterführer keineswegs einheitlich beurteilt Die grundsätzliche Frage: SollanÄrbeiter an bürgarllchenKochschnlen studieren? wird vielfach verneint. Man vertritt die Auffassung, daß es der Arbeiterbewegung nicht zum Nutzen gereichen könne. wenn ihr ein Teil ihres begabten Führcrnachwuchfes entzogen würde. Es bestehe die Gefahr, daß die Arbeiterstudenten die Fühlung mit ihren Klassengenossen verlören, daß manche die Möglichkeit, sich von ihrer Klasse zu lösen, ausnützen würden und als selbstzufriedene Bürger in irgendeinem akademischen Beruf landen oder gar beeinflußt durch den Lehrbetrieb an den Universitäten ins Lager der Gegner der Arbeiterschaft hinüberwechseln würden. So wenig die Bedeutung dieser Einwände unterschätzt werden darf, so viel mehr muß darauf hingewiesen werden, daß es der Arbeiterbewegung wohl kaum schaden kann, wenn vollwertig akademisch durchgebildete Ar- beiter in ihren Funktionärkörper ausgenommen werden. Aber auch dieienioen Arbeiter, die nach Abschluß ihrer Studien in den Slaotsdienst übergehen, brauchen für die Arbeiter- bewegung nicht verloren zu sein. DeurokratisiLruNg der Verwaltung ist ein Hauptziel der Partei. Die Durchdringung des staatlichen Verwaltungsapparats� der Justiz, der Schule mit volks- freundlichem Geist ist eine Forderung des sozialdemokratischen Aktionsprogramms. Gibt es einen idealeren Verwaltungs- Äxbeiter i In der Hochbahn und im Vorortzug, in der Elektrischen und im Omnibus kann man sie täglich antreffen, wenn sie auf dem Weg zur Arbeitsstätte oder von Kontor und Fabrik heimkehren. Geistesabwesend, vollkommen gefangen von irgendeiner Lektüre, meist einem billigen, zerlesenen Büchlein, haben sie kein Auge und Ohr für ihre Umgebung. Durchfurchte Gesichter, mit vorzeitig er- grautem Haar und verarbeiteten Händen, oft aber auch junge Menschen, die noch nicht vom Lebenskampf gezeichnet sind, so sitzen sie einem gegenüber. Sie achten nicht der Stöße des Zuges, nicht der rüttelnden Räder, ihre ganze Aufmerksamkeit gilt nur dem Büchlein, das sie in der Hand halten. Gelingt es aber, durch irgend- einen Zufall einen Blick auf das Titelblatt zu werfen, so erlebt man nur zu ost die trübe Ueberraschung, den Titel irgendeines minder- wsrtioen, süßlichen Romans oder eines anderen Machwerks zu finden, das kaum den Wert einer Unterhaltungslektüre besitzt. Im Grunde ist es allerdings nicht verwunderlich: In der Schule wird den jungen Menschen, wenn sie zur Entlassung kommen, zwar in der Regel eine Fülle von guten Ermahnungen und Warnungen mit auf den Lebensweg gegeben, aber höchst selten findet sich ein Lehrer, der seinen Jungen oder Mädel in dieser legten Schulzeit etwas bietet, das sie im späteren Leben auch wirklich brauchen können. Wieviel Wertvolles könnte erreicht werden, wenn der Lehrer diese Stunden dazu verwendete, mit den Schülern einen Bücherzettel zusammenzustellen, in dem wertvolle Werke der Technik, der Hygiene, der Volkswirtschaft, der Literatur und Ge- schichte, der Kunst und der Unterhaltung zu finden sind. So aber über- läßt der junge Arbeiter die Auswahl seiner Lektüre meist dem Zu- fall, oder er greift, wenn er sich fortbilden will, zu o b e r f l ä ch- lichen populären Schriften, die ihm nur einige Ergebnisse mitteilen, ihn aber um die Kernfragen, die mannigfachen Probleme, die jedes Wissensgebiet, auch das kleinste, in sich schließt, herum- führen. Zweifellos haben die populären Schriften als erste Ein- sührung, als Hilfsmittel, um zu einer Uebersicht zu gelangen, einen großen Wert. Aber andererseits schließen sie die Gefahr in sich, eine gewisse Halbbildung zu erzeugen, die schlimmer ist als jede Unbildung. Der Halbgebildete, der von allem ein klein wenig weiß, hält sich auf Grund dieses Wissens für berechtigt, alles, was er hört oder sieht, zu kritisieren. Er hat von allem eine vorgefaßte Meinung. Jede andere Ansicht lehnt er als falsch ab. Da er die ungeheure Fülle der Problemstellungen nicht kennt, ist es für ihn ein unfaßlicher Gedanke, daß es mehr als eine Lösung für jedes Problem, für jede Frage geben könnte. Während der wahrhaft Gebildete, das ist der immerLernend« undSuchende, jederzeit bereit ist, einen Irrtum seinerseits zu verbessern, ist der Halbgebildete unbelehrbar. Gewiß ist dieser Typ seinem Wesen und seiner Entstehung noch ein durchaus bürgerlicher. Aber j« mehr Bildungsmöglichkeiten sich dem ganzen Volk, nicht nur den oberen Schichten, öffnen, desto größer ist die Gefahr, die dadurch auch dem Proletarier sich nähert. Nur durch ehrliche Selbstkritik und durch das unaufhörliche Streben, nicht an der Oberfläche der Dinge stehen zu bleiben, kann er ihrer Herr werden. Für den Arbeiter bedeutet der Erwerb eines Buches oftmals ein großes pekuniäres Opfer, das er sich buchstäblich am Munde absparen muß. Der bekannte Astronom Bruno H. Vür> gel erzählt in seine Büchlein„Vom Arbeiter zum Astronomen"', wie er jeden Pfennig sparte und seine Mahlzeiten aus das allernot- wendigste beschränkte, um Mittel für Bücher aufbringen zu können. „Zuerst kaufte ich nur Rcklam-Bändchen, weil sie wegen ihrer Billigkeit insbesondere für mich in Frage kamen, und immer neue Welten gingen für mich auf," schreibt er.„Vielfach stieß ich auch auf vollkommen unübersetzbare Fremdworte, und es dauerte lange, bis ich dahinter kam, daß es so etwas wie ein Fremdwörterbuch gab. Langsam, ganz langsam bohrte ich mich in den ungeheuren Felsen der Dichtung und des Wissens ein.. Ueberall hatte Bürgel seine Bücher bei sich. Er las auf dem Weg zur und von der bsamten, einen weitblickenderen, als den, der gewissermaßen zwei Welten angehört: der akademisch gebildete Arbeiter? Gibt es einen Richter, der dem Geist der neuen Strasgesetz- gebung gerechter werden könnte, als den, der aus der Ar- beiterklasse hervorgegangen, von frühester Jugend an mit allen Nöten des Alltags zu kämpfen hatte, mit all jenen unglück- lichen Verhältnissen, denen das Verbrechen entspring'.? Wird der ehemalige Arbeiter als Schulmann zu seinen Schülern nicht ein anderes Verhältnis gewinnen können als der Nur- akademiker und Nurlehrer? Die sozialen Aemter der Univer- sitäten bemühen sich, der zunehmenden Verengung des geisti- gen Horizonts der jungen Akademiker entgegenzuarbeiten: die Nachteile des heuligen(notwendigen) Spezialistentums sollen gemildert werden dadurch, daß man dem Studenten die Mannigfaltigreit des Alltagslebens zeigt. Aber all die Führungen durch industrielle Werke, Zeitungsbetriebe, Ge- füngnisse, Krüppelheime und Warenhäuser, ja selbst das Werk- studententum vermitteln nicht jenen Grad sozialer Einsicht, den die meisten unserer Arbeiterstudenten haben und der heute van den Dienern des Volkes und des Staates verlangt werden muß. Der regelmäßige Zugang einer Anzahl von Arbeitern zum Hochschulstudium und zu den akademischen Berufen ist deshalb durchaus zu begrüßen. Obwohl viele Staats- und Hochschulbehörden dem Studium der Arbeiter grundsätzlich nicht unsympathisch gegenüberzustehen scheinen, so fehlt es doch an einer ausreichenden Finanzierung des Ärdeiterstudiuuis. Recht lobenswert ist das Vorgehen Hamburgs, das seinen Arbcitcrabiturienten bis zum Abschluß ihres Hochschul- stvdiums ein monatliches Stipendium von 80 M. be- zahli. Nur ein kleiner Teil der Arbeiterstudenten sind Mit- glicder der Studienstiftung des deutschen Volkes. Die große Mehrzahl der andern muß sich durch mühsame Nebenarbeit ihren Unterhalt und ihre Studienkosten selber verdienen. Man mag über den pädagogischen Wert der Selbsthilfe der Studenten denken wie man will— bis zu einem gewissen Grade fordern wir sie unbedingt—, man wird eine Grenze finden, deren Ueberschreitung den Erfolg des Studiums beein- md Q�uet). Arbeit, und in der Fabrik lag er während der Mittagspause neben seiner Maschine und las und verarbeitete des Gelesene. Noch charakteristischer für den ungeheuren Wissensdrang des nachmaligen Wissenschaftlers ist die Beschreibung, wie er seine Nächte ver- brachte. Er hatte hinter seinem Bett eine große Kiste für die Petroleumlampe angebracht, um sie vor dem Umwerfen zu schützen, wenn er einschlief. Unter dem Bett befand sich sein« Bibliothek, ebenfalls in einer Kiste, die früher der Aufbewahrung von Sohlen- leder gedient hatte.„Das war eine gar seltsame Akademie," sagte er selbst,„aber mit eisernem Fleiß habe ich mich durchgearbeitet." In der Nachkriegszeit bildeten sich aus diesem Bildungsdrang der Arbeiter heraus große Organisationen, die den Zweck ver- folgten, den Proletarier für billiges Geld mit guter Literatur zu versorgen. Es sind dies in Berlin vor ollem der„Dücherkreis" und die„Büchergilde". Der„B ü ch e r k r e i s" wurde Anfang 1324, ursprünglich im Zusammenhang mit dem Dietz-Berlag, gegründet, bis er sich am 1. Januar 1926 selbständig machte. Er umfaßt heute etwa 50 0<1y Mitglieder, denen er für einen Monatsbeitrag von 1 Mark 12 illustrierte Monatshefte und 4 Bücher zur Auswahl liefert. Er hat unter anderem herausgebracht: Nexö„Sühne" France„Das Land der Sehnsucht", G o r k i„Der Sohn der Nonne", Woldt„Die Welt der Technik", ferner Werke von Barthel, Wolf, Stolz und anderen namhaften Autoren. Augenblicklich ist das Buch von Hermann Müller„Die Ge- schichte des Vollzuasrats" in Vorbereitung. Der„Bücherkreis" hat sich in den letzten drei Monaten um 18 000 Mitglieder vermehrt, ein Zeichen für die ausgezeichnete Auswahl seiner Bücher und ein äußerer Beweis für die große Beliebtheit, die er in den Kreisen der Arbeiter genießt. Die„Büchergilde Gutenberg" wurde am 1. Oktober 1324 gegründet. Sie liefert für ein Eintrittsgeld von 75 Pfennig und einen monatlichen Beitrag von 1 Mark eine Auswahl von vier wertvollen Büchern im Jahr. Sie umsaßt heute ungefähr 32 000 Mitglieder. Zwischen ihr und ihren Mitgliedern besteht ein äußerst reger Briefwechsel— sie muß vierteljährlich etwa 6000 Briefe beantworten. Die„Büchergilde" ist ursprünglich eine Organi- sotion der freien Gewerkschaft der Buchdrucker, die ihre Mitglieder mit gutem, billigem Lesestoff versorgen wollte. Allmählich ver- größerte sich der Kreis immer mehr, und heute ist der ursprüngliche Rahmen gesprengt, so daß jeder Arbeiter, gleichgültig, welchem Berufe er angehört, Mitglied werden kann. Als erstes Werk brachte die Büchergilde die köstlichen Humoresken ihres großen amerikanischen Kollegen, des Buchdruckers Mark Twain heraus, die großen Anklang fanden. Ferner erschienen Werke von Barthel, Colin Roß, Arnim Wegener, Preczang u. a. Großer Beliebtheit erfreuten sich auch: Moritz Hart- manns„Krieg im Walde", John Schikowskis„Geschichte des Tanzes", zwei Serien von Jack London und außerdem medizinische und technische Literatur, die allerdings weniger ver- langt wird als Romane und Unterhaltungsschriften. Jetzt will die Büchergilde billige Bändchen in hervorragender Ausstattung, so unter anderem S t o r m s Novellen, herausbringen, die zum Preise von 1,50 Mark erhältlich sein sollen. Die kulturelle, soziale und ethische Bedeutung dieser beiden großen, von Arbeitern für Arbeiter geschaffenen Organisationen kann gar nicht hoch genug veranschlagt werden. Nicht nur daß sie für den oftmals mühsam mit dem Dasein ringenden Autor ein sicheres Absatzgebiet schaffen, sie suchen auch vor allem die furcht- bare Lücke auszufüllen, die im Leben des mangelhaft vorgebildeten Arbeiters klafft, der verlangend feine Hände nach den Geistes- schätzen der Welt ausstreckt, ohne sie sich jemals erwerben zu können. Aber auch der vielen Bibliotheken und Lesesäle, die um der Arbeiter und Angestellten willen geschaffen wurden, möge ab- schließend gedacht sein. Ihre Entstehung und Entwicklung soll in einem weiteren Aufsatz im Rahmen der Kulturbeilage behandelt werden. Dr. E l k e. trächtigt. Die teilweise katastrophalen Examensergebnisse der letzten Jahre sind zu einem nicht geringen Teil darauf zurück- zuführen, daß die Studenten einen großen Teil ihrer eigent- lichen Studienzeit auf den Erwerb ihres Unter- Halts oerwenden mußten und dabei ihr Studium notgedrungen vernachlässigten. Vor dieser Ge- fahr die Arbeiterstudenten zu bewahren, kann man erst in zweiter Linie vom Staat verlangen. Hier helfend und sichernd die Hand zu reichen, wäre vor allem Ausaab? der Arbeiter- orgonisoitoncn Nur wenn den Arbeiterstudenten, die sich immerhin schon im praktischen Leben und meist auch schon iy der Arbeiterbewegung bewährt haben, ein möglichst rcibungs- loses Studium gesichert wird, we'den sie den Hoffnungen, die man in sie setzt, roll gerecht werden können. L. Schreiner. Das Weltivoekidtressen aus der Freusburg, das rund 450 junge Menschen aus 20 Nationen, darunt'er Angehörigen von 200verschiedenen Iugcndverbänden des In- und Auslandes in engster Aussprache und frohem Zusammenleben im Geiste der Juxend vereinigte, hat bedeulsame praktische Erfolge ge- zeitigt. Es bildet sich ein„deutscher Arbeitsausschuß für Vorbereitung des Weltdundtreffens 1328 in Holland". Dieser Ausschuß besteht aus über 120 führenden Männern und Frauen der deutschen Juaendbewegung, die den verschiedensten Richtungen politi- scher, weltanschaulicher und konfessioneller Art angehören. Seine Aufgabe ist, unter der deutschen Jugend die Idee des Welt- bundes der Jugend für den Frieden zu verbreiten, der auf dem nächstjährigen Treffen in Holland gegründet werden soll und die Voraussetzung für die Formung eines Zufammenschlusies der deutschen Jugendsünde hierfür zu schaffen. Die laufenden Ge- schäfte sind einem achtzehnköpfigen sogenannten„engeren Ausschuß" übertragen. Eine Geschäftsstelle wird eingerichtet. Vezlrk»bi>daog»au»lchoß Groh-Lerlin. Ferien turluS in Ober- k i e tz< M üble vom?g Auaust bis 3. September. Tbema: Die aeiltigen und iozialen Strömungen des IS. und 2t>. Jab> Kunderts. Lebrer Genosse Dr. Karl Schröder. Koben betragen einschliejgich Verpflenung. Schlaf- aeld,.Hörerae bühr und Fabractd 30,50 Mark. Anmeldungen Ichnelllteni an unier Bureau, Lindcnstr. 3. 2. Hot II. Zimmer8.— Sternwarte Treptow: Karten zum ermäßigten Preis von S0 Pfennig sind in unserem Bureau zu haben Die Karten aelten das ganze Jahr(natürlich nur einmal für einen beliebigen Portrag oder Fllm). > wie öle KPD. spaltete. Ei» Brief und seine Folgen. -l)>« Bolschswisten versuchen aus einer Redewendung <;in«s Briefes von Oudegeest im Jahre 1924 den Nachweis zu erbringen, daß der Internationale G?w«rkschaftsbund bzw. seine Leitung sich der Wiederherstellung der internationalen Gewerschasts einheit widersetzt habe. Die Beschlüsse des Wiener Kongresses und die Konsequenzen, die der Pariser Kongreß aus dem Brief von Oudegeest gezogen hat, sind so klar, daß über das aufrichtige Be streben der Gewerkschaften oller Länder, die von den Bolsche. wisten zerstört« Einheit der Gewerkschaften wiederherzustellen, gor kein Zweifel bestehen kann. Wie berechtigt aber das Mißtrauen gegenüber den Bolschewisten war, und leider heute noch ist, geht aus einem anderen Brief hervor, der gleichfalls aus dem Jahre 1924 stammt und in Moskau von dem kommunistischen Abgeordneten Walter Stöiker an die Zentrale der KPD. geschrieben wurde. Der Brief hat folgenden Wortlaut: Moskau, den 13. März 1924. An die Zentral« der KPD., zu chd. d. Gen. K o e n e n, Berlin. Lieber Wilhelm! „... Am wichtigsten erscheint im Moment den führenden Ge- nosien hier die Erledigung der Gewerkschaftsfrage. Je mehr ich mir auf der Fahrt eure Formulierung des Beschlusses zur Gewerkschaftsfrage von Sonnabend durchdacht«, umso unmöglicher erscheint sie mir. Ich habe deshalb gleich hier mit Sinowjew und Losowsky vereinbart, euch zu telegraphieren, diesen Be- fchluß nicht zu veröftentlichen, falls das nicht schon geschehen ist. Die Exekutive wird in diesen Tagen in der Gewerkschaftsfrage einen offenen Brief an die deutsche Arbeiterschaft richten. Die Linie dieses Briefes ist allerdings noch nicht bestimmt. Losowsky bleibt bei seinem alten Beschluß der Einberufung eine, Gewerkschaftskongresses von uns au». Gregor(Sinowjew— d. R.) hat sich noch nicht endgültig entschieden. Unterwegs und erst recht hier bin ich zur Auffassung gekommen, daß wir un» nunmehr endgültig entscheiden und in der Ge< workschastsfrag««ine fest« Linie beziehen müssen. Entweder ent> schließen wir un», den Kampf jetzt mit allen seinen Konsequenzen aufzunehmen(dann Einberufung eines Gewerkschaftskongresses und Durchführung der Spaltung so geschickt wie nur möglich). Oder als zweit« Linie noch einmal ausweichen. Schlucken der Bedingungen der Reformisten und Mittel und Wege suchen, die Entscheidung über die Spaltung der deutschen Gewerkschaften, trotz der Bersuch« der Reformisten, hinauszuschieben. Als Ventil dann auch Einberufung eines allgemeinen Arbciterkonqresies, aber mit der festen und klaren Einstellung der gesamten Partei, unter allen Umständen jetzt eine Spaltung zu verhindern. Eine dieser beiden Linien muß von un» klar und fest bezogen werden, wenn nicht das Chaos in der Gewerkschaftsfrage noch weit schlimmer werden soll ol» bisher. Für beide Weg« scheint mir ober eure Formulierung des Beschlusses unmöglich zu fein, denn entweder wir rechnen mit der Spaltung, nehmen sie auf und rufen dann einen Gewerkschaftskongreß ein. auf dem selbstverständlich dann nur Vertreter der Gewerkschafts. organisationen erscheinen können,«inen Kongreß, der nur vom Zwölfer-Ausschuß einberufen werden kann, oder aber wir weichen eben aus und ziehen dann einen allgemeinen Arbeiterkongreß, der dann gegen die Gewertfchaftsspaltung nicht nur noch außen hin, fondern auch wirklich in seiner ganzen Linie eingestellt werden muß, auf. Selbst für den Fall, daß wir uns für eine Aenderung Unserer Gewerkschaftstattik entschließen, kann man in unserer Re- solution unmöglich noch außenhin davon sprechen, daß wir eine solche Aenderung beschließen, so wie ihr es getan habt. Gerade in einem solchen Falle, glaube ich, müssen wir erst recht die Beibehaltung unjerer Taktik im Kampfe um die Einheit noch oußenhm betonen, um dann um so erfolgreicher unsereu eigentlichen Zweck durchsehen ZU können. Freitag abend wird das Präsidium der Exekutive entscheiden. Wenn irgend möglich, werde ich Samstag nach- mittag zurückfahren und Dienstag nachmittag in Berlin sein. Ver- einbare dann bitte, daß Dienstag abend«in kleiner Kreis von Ge- nosien zusammentritt, damit wir sofort über die Lage sprechen können. Schlecht ist nicht mit mir gefahren, sondern soll erst Morgen hier ankommen. Mit freundlichen Grüßen gez. Waller. Der Brief bedarf beinahe keines Kommentars. Es geht aus ihm nicht nur mit aller Evidenz hervor, daß die Spaltung der Gewerk- schaften auf Anordnung von Moskau von der KPD. organisiert und betrieben wurde. Als jener Brief geschrieben wurde, bestanden schon«ine Reihe von kommunistischen Ge- werkschaftsorganisationen. Am 2S. November 1923 hatte die KPD. eine Reichskonferenz der Ortsaus- l ch ü s s e durch ADGB. einberufen. Der gesamt« Apparat der KPD. war auf die Spaltung der Gewerkschaften eingestellt. Wie hat nun die KPD. aus diesen Moskauer Brief reagiert? Hat sie versucht, nochmals auszuweichen,„um dann um so erfolg- reicher ihren eigentlichen Zweck durchsetzen zu können', oder hat sie sich entschlosien,.den Kampf jetzt mit allen seinen Konsequenzen aufzunehmen' und die.Spaltung so geschickt wie nur möglich" durchzuführen? Die KPD. hat sich zur letzteren Konsequenz entschlosien oder aber auf Anordnung von Moskau sich entschließen müssen. Die erste Entschließung, auf die Stöcker in seinem Schreiben an- spielt, ist in der.Roten Fahne' vom 9. März 1924 veröffentlicht. In dieser Entschließung wird zwar gleichfalls mit ziemlicher Deut- lichkeit die Spaltung vorbereitet und„für Ende Mai ein Kongreß der revolutionären Delegierten der gewerkschaftlich nicht organi- sierten klasienbewußten Arbeiter der Betriebe, der Delegierten der Erwerbslosen und der revolutionären Betriebsröte einberufen'. Es wird weiter gesagt, daß die Betriebsräte„das Gerippe für die zu bildenden revolutionären Industriever- bände' liefern sollen. Man vermied es aber nach außen hin, die Mitglieder der freien Gewerkschaften zu diesem Kongreß aufzurufen und direkt zur Bildung von Sonderorganisationen aufzufordern. In der Funktionärkonferenz vom 27. März 1924, über die die „Rote Fahne' vom 29. März einen ausführlichen Bericht enthält, war dies« Resolution des Zentralkomitees und der Bezirksleitung wesentlich abgeändert. Es wird dort„für Ende Mai «in Kongreß der revolutionären Delegierten der gewerkschaftlich organisierten und auch der freigewerkschaftlich nicht organisierten klasienbenmßten Arbeiter der Betriebe. der Delegierten der Erwerbslosen und der revolutionären Betriebs- räte' einberufen. Als Zweck dieses Kongresies wird dann ausdrücklich angegeben, daß„die Massen der Arbeiter In revolutionären, außerhalb des Einflüsse» der gelben Amsterdamer Bureaukraten stehenden Industrie- verbänden zur Führung der bevorstehenden kämpfe ersaßt werden'. Es wird also mit aller Klarheit zur Spaltung der Ge- w e r t s ch a f t« n übergegangen. In einem Zusatzantrag wurde dann„die Einberufung des Arbeiterkongresies in der organisatorisch zulässigen kürzesten Frist' gefordert.„An diesem Kongreß haben teilzunehmen: 1. die Vertreter aller Betriebe: 2. Vertreter der Ar- beitslosen: 3. Vertreter der selbständigen(kommunistischen) Orga- nisationen: 4. die Vertreter der Opposition in den Gewerkschaften. Der Kongreß muß noch Aufstellung der polltischen Richtlinien sofort den organisatorischen Aufbau der Industrieorganisationen mit einheitlicher CeiKng für alle Fragen in Angriff nehmen.' So hat die KPD. die Spaltung der Gewerkschaften organisierti Oudegeest hat angesichts dieser verbrecherischen Tätigkeit der Kom- munisten, diesen gegenüber Vorsicht und Mißtrauen walten lassen. Die Stöcker und Koenen sind heut« noch führende Mitglieder der 5tPD. Sie besitzen die bodenlose Unverschämtheit, ihre eigenen Taten eskamotieren zu wollen. Da, wird ihnen nicht gelingen. Kommunistische Methoden. Zur Eroberung der Gewerkschaften. (RSD.) Eine Zeitlang glaubten die Kommunisten, die Gewerkschaften im offenen geistigen Kampfe gegen die„Reformisten' erobern zu können.� Dies« IzoffNUNgen sind längst dahin. Gewohn- heitsgemäß will man den Kampf gegen die freie Ge- werkschaftsbewegung, wie sie nun einmal trotz allen Bemühungen der Kommunisten ist, nicht aufgeben und sinkt so all- mählich zu Methoden herab, die die Verachtung eines jeden ehr- lichen Freiheitskämpfers hervorrufen müssen."Im.Trud' vom 21., 22., und 23 Juli erschien eine Artikelserie über„die Arbeit der Kommuni st en in d«n Gewerkschaften der k a p i t a l i st i s ch e n Länder', die ein sehr trauriges Bild von der Situation ergibt, in der sich die Kommunisten befinden. Aus den traurigen Erfahrungen werden hier aber auch die Lehren gezogen. Wie lauten sie nun? „Die Betriebszellen haben alle Maßnahmen zu ergreifen, um in den Betrieben und Fabriken die Institution der Gewerkschaftsobleute zu erobern, unabhängig davon, welcher gewerkschaftlichen Richtung(Amsterdam, Christ- liche, Nationalsozialisten usw.) die Obleute angehören.' E» versteht sich, daß die Kommunisten zu diesem Zweck den Arbeitermassen ihre Parteizugehörigkeit verheimlichen müssen und gegebenenfalls selbst als gute„Christen' oder Nationalsozialisten' vor den Arbeitern auftreten müsien. Dazu Punkt 9 der Lehren: „In den Ländern, wo rote Gewerkschaften bestehen und wo die kommunistische Arbeit in den Gewerkschaften anderer Rich- tungen schwach ist, ist es notwendig, daß die Parteikomitees Parteimitglieder in Gewerkschaften anderer Richtungen a b- kommandieren, ohne vor der Notwendigkeit zurückzu. schrecken, daß diese Parteimitglieder aus d«n roten Gewert- schaften austreten.' Lockspitzeltum und Spionage sind hier direkt zu einer kom- munistischen Parteipflicht erhoben. Es scheint auch nicht bei den Worten zu bleiben. Man hat bereits gewisi« praktische Er- fahrungen gesammelt und man kann sich der Erfolg« rühmen. „Trud'vom 24. und 20. Juli veröfsentlicht einen längeren Haß- artikel Melnitschanskijs über die Amsterdamer Internationale. Der Artikel ist ausgebaut zum Teil auf einer geschickten Ausnutzung der Veröffentlichungen eines Kritikers der Amsterdamer Institutionen(Weckerle) in der deutschen Arbeiter. presse, daneben aber— und darin soll der Schwerpunkt des An- griffs von Melnitschanskijs li«gen— auf den nicht veröffentlichten und, wie M. selbst zugibt, nicht für die Oeffentlichkeit be« stimmten Ausschußprotokollen des IGB., aus denen hier große Auszüge wiedergegeben werden. Es handelt sich vor- wiegend um die Erörterung von finanziellen Schwierigkeiten des IGB., eine Angelegenheit, die naturgemäß eine Organisation, die gegen zahlreiche Gegner zu kämpfen hat, nicht immer in voller Oeffentlichkeit behandeln kann. Diese Ausschußprotokolle konnten von Melnitschanskij nur auf unfaire Weise, wohl nicht anders als durch Spionage, erlangt werden. M. scheint sich ober über die Schamlosigkeit einer öffentlichen Ausnutzung von auf solche Art erlangten Dokumenten keine Gedanken zu machen. Der moralisch« Vcrsall der kommunistischen Gewerkschaftsführer macht Riesen- fortschritte.__ Hegen die Freizügigkeit der Landarbeiter. Der Reichsverband der land- und forstwirtschaftlichen Arbeit. gebervereinigung stellt in seinem bereits erwähnten Geschäftsbericht mit resignierenden Worten fest, daß der Kampf um die Einfüh- rung der Entlassungsscheine in der Landwirtschaft b i s. her vergeblich war. Im Anschluß an diese Feststellung er- klärt er wörtlich folgendes: „Es wird also nichts anderes übrig bleiben, als daß seitens sämtlicher bestehenden Organisationen der Landwirtschaft und der mit ihr zusammenhängenden Berusszweige erneut in Erwägung gezogen wird, gegen den leidigen Kontrattbruch der vertraglich gebundenen ländlichen Arbeitnehmer eigen« Abhilfemah- nahmen zu schaffen.' Diese Erklärung scheint nicht ohne Wirkung geblieben zu sein. Dem Vorstand des Deutschen Landarbeiterverbandes ist in diesen Tagen ein Rundschreiben des Arbeitgeber- Verbandes E.V. Trier(Weinbau Mosel) vom 7. Juli 1927 in die Hände gefallen, in dem es zum Schluß heißt: „Ferner wurde b« s ch l o s s e n, keine Mitgliedsfirma darf einen Arbeiter oder«ine Arbeiterin einstellen, die bei einem anderen Mitglied« weggelaufen sind, es sei denn, daß der bisherige Arbeitgeber seine Zustimmung zur Ein- stellung gibt. Es muß deshalb jeder Arbeiter oder jede Ar- beiterin vor der Einstellung gefragt werden, wo sie bisher beschäftigt waren. Der bisherige Arbeitgeber� ist dann möglichst telephonisch anzuftagen, ob er der Einstellung zustimmt. Im verneinenden Falle ist die Ar- beitskraft abzuweisen. Entsprechend der gefaßten Be- schlüsse werden Sie gebeten, die beiliegenden Derpflichwngs- scheine zu unterschreiben.' Dem Rundschreiben lag ein entsprechender Verpflichtung s- schein bei. Das Vorgehen des Arbeitgeberverbandes e. D. Trier stellt den Versuch dar, die allen Arbeitern, auch den Weinbergsarbeitern, durch den§ III der Reichsverfasiuna gewährte Freizügigkeit zu unterbinden. Es handelt sich deshalb um ein verfas- sungswidriges Vorgehen. Da der Schutz der Reichsver- fasiung eine der wichtigsten Aufgaben der Regierungsstellen sein soll, muß von ihnen oerlangt werden, daß sie schnellstens und ohne umständliche Erwägungen gegen den erwähnten Arbeitgeberverband einschreiten._ Lohnerhöhung in der Zentralheizungsindustrie. Die Lohnverhandlungen in der Zentralheizungs» .ndustrie für Rheinlond-Westfalen haben zu einer Verständigung geführt. Der Zwischenlohn wird ab 4. August um 5 Pfennig erhöht, und ab 3. November tritt ein weiterer Aus- schlag von 8 Pfennig pro Stunde ein. Schiedsspruch für das rheinische Elektrogewerbe. Für dos rheinische Elektrogewerbe wurde in Köln ein Schiedsspruch gefällt, wonach der Lohn ab 28. Juli um 3 Pfennig und ab 29. September um weitere 2 Pfennig pro Stunde erhöht wird. Die Arbeitnehmer haben angenommen, die Arbeitgeber abgelehnt.__ Reise Albert Thomas' nach Nordeuropa. Genf, 11. August. Der Direktor des Internationalen Arbeitsamtes, Albert Thomas, ist in Begleitung seines Abteilungschefs von Genf zum Besuch Dänemarks, Schwedens, Norwegens, Finnlands, Estlands, Lettlands und Litauens abgereist. Thomas wird in den ersten Tagen des Monats September wieder nach Genf zurückkehren. �ueöehnong Ses Loözer Streiks. Solldarilälsflreit der Textilarbeiker. Warschau, 12. August.(Eigenbericht.) Die Textilarbeiter in Lodz haben beschlossen, die streikenden Straßenbahnarbeiter, die bekanntlich auf diese Weise gegen die En:- lassung der beiden Führer des letzten Streiks protestiert haben, eben- falls durch eine Streikaktion zu unterstützen. ver Pariser Kongreß de» Znlernaiionalen verbände» der Ar- bester der Buchindustrie hat den Rechenschaftsbericht angenommen. Von zahlreichen Rednern wurde dem Bedauern Ausdruck gegeben, daß der italienische Verband nicht vertreten sei. Im Anschluß daran protestierte der Kongreß gegen das Terrorregime des Faschismus. de» Iltticn Manne«. Bei einem Rundgang burdj einzeln» VergnUgungeparks ist sestzustellen, daß auch fllr den kleinen Geldbeutel einwandfreie und gute Darbietungen zur Verillgung stehen. Der rührige Bcr. band Oer Dergniigung-platzinhaber wacht aufmerksam Uber seine Blähe. Durch auareichendes, geschulte» Nontroll personal ist dafür gesorgt, daß Sitte und An- n r..u Femer: Bfihnenacliaa Hermann Lorenz Invalld.nitraB« 161[73 Kaffee:: Tee:: Kakao Eigene RSsterei seit 1879 Berliner||lkaTriO Neukölln, w Ulwstr.74/7|i Fürst, Neukölln, Herniannslr.38 Ecke Mahlower Str. Klndarwaflan n Bellfadern Fabrik für Ruhebetten, Auflegemitratzen u. Feldbettstellen Fabrikpreise— Liderung in Neukölln und angrenzende Gegend frei Haus niim. FIRw. Ersatzteile ■nlillift ,nlli Rolilankll. 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