Menöausgabe Nr. 3$7 ♦ 44. Jahrgang Ausgabe B Nr. 141 Sizugsbedlnzunsen und Tinttlsenvttlk lind in der Morgeuousgab« onfitflfben «edoitton: SS). 68, Cinöenffrabe 8 Zernsprecher: Dönhoff 292— 29T T-I.Sdreffe: Sozialdeniokral verlin Vevlinev Volkslklerkt (10 Pfennig) Mittwoch 17. August 1�27 Verlag und Anzeigenabteilungz Eeschäftzzeit bis S Uhr Verleger: Vorn»SrI».verlag Gnibh. verli» SS). 68, Livdenstraffe 3 Zernsprecher: Dönhoff 292— 297 Zentralorgan der Sozialdemokrati fcben partel Deutfcblands Der Kampf um öie Revision. Vor dem Obersten Gericht von Massachusetts. Boston(Massachusetts). 17. August. Die Gründe für und wider die von der Verteidigung erhobenen Einwände gegen die Entscheidungen der Richter Sanderson und Thayer vom Obersten Staatsgericht von Massachusetts in der An- gelegenheit Sacco-Vanzetti wurden heute von vier Richtern des Obersten Staatsgerichts, die als Vollgericht tagten, entgegengenommen. Die Verteidigung hatte ihre Berufung darauf gegründet, daß der Bundesrichter Thayer sich von Voreingenommenheit habe leiten lassen. Der Generalstaatsanwalt erwidert« hisrauf, daß kein ausreichender Beweis für eine Voreingenommenheit vorliege, der Sanderson zur Vorlegung eines Revisionsantrages berechtigt hätte. Der Oberste Gerichtshof hat seinen Beschluß bis Freitag vor- behalten. Nur die Kommunisten wolle« einen Proteststreik. Jtem Sort, 17. August. Die Soziali st ische Partei gab bekannt, daß sie nicht an dem von den K o m m u n i st e n veranstalteten Proteststreik für Sacco und Vanzetti teilnehmen werde. Der Sekretär der Sozia- listischen Partei erklärt«, obwohl die Bemühungen um Sacco und Vanzetti ungeschwächt weitergingen, sei das Zustande- kommen eines neuen Proteststreiks unwahrscheinlich. Attentatschrecken. Jtm Sotf. 17. August. Die Polizei berichtet, daß«ine Anzahl führender Persönlich- keilen und Vereinigungen anonyme Androhungen erneuter Bomben- anschläge erhalten haben für den Fall, daß Sacco und Vanzetti hingerichtet würden. In einem Drohbrief wurde angekündigt, die Stadt könne im Falle der chinrrichtung damit rechnen, daß ein öffentliches Gebäude oder die Bahnhofsanlage in die Luft gesprengt würde. Die Polizei teilt mit, daß in Rcading(Massachusetts) erhebliche Mengen Munition gestohlen worden sind. Liberale für Simultanschule. Deshalb lösen sie die Rechtskoalition— in Tanzig. vunzig. 17. August.(WTB.) Die Auseinandersetzungen über den sozialdemokratischen Antrag, die neue Schule in dem Vorort Ohra aus simultaner Grund- laze einzurichten, haben zum Ausscheiden der Deutsch- liberalen aus dem Senat geführt. Der Vorsitzende der Deulschliberalen Partei. Senator Ernst, hat dem Präsidenten des Senats folgenden Beschluß des Hauptvorstandes der Deutschliberalen Partei mitgeteilt:„Der Hauptvorsland billigt die Stellungnahme der Fraktion in der Frage der Schule Ohra und beschloh daher, daß die Senatoren der Partei aus dem Senat ausscheiden." Gleichzeitig haben die Senatoren E r n st und S i e b e n s r e u n d ihr Ausscheiden aus dem Senat erklärt. » Die Liberalen bestehen auf Errichtung der Schule auf simultaner Grundlage, während Zentrum und Deutschnationale die konfessionelle Schule wollen. Da eine Einigung nicht erzielt werden tonnte, ist der Austritt der Liberalen aus der Rechts- koalition erfolgt._ Der Rückzug der Südtruppen. England frohlockt. London, 17. August. Nach den letzten Meldungen aus Schanghai weichen die Süd- truppen weiterhin zurück. AusManking fliehen Tausende nach Schanghai. Unter den Truppen der Südarmee soll eine starke Verwirrung herrschen, da zahlreiche Truppenteile nicht mehr wissen, von wem sie politisch abhängig sind. Viel« dieser Elemente sollen einen Handstreich aus Schanglsai planen. Jaschiftenroheit. Das Denkmal des Erbauers der Vrennerbahn entfernt. Innsbruck, 16. August. Während Nordtirol das sechzigjährige Bestehen der Brennerbahn feiert, benutzen die Italiener diese Tage, um das auf der Paßhöhe des Brenners stehende Denkmal des Er- b a u e r s der Bahn, des Württembergers Karl Etzel abzutragen. An dessen Stelle soll zur Erinnerung an die„italienische Tat" (Elektrisierung der Bahn) ein Denkmal treten, das allen Reisenden schon bei Ihrem Eintritt nach Italien die Größe und Macht des neuen Italiens zeigen soll._ Sauernkrieg um Waffer. Im dürren Aegypten. k a i r o. 17. August. Unzuträglichkcllen bei der Verteilung von Wasser haben in einigen Teilen des Landes zu blutigen Zusammenstößen zwischen den Bewohnern benachbarter Dörfer geführt, die sich bei der Zuteilung übervorteilt glaubten. In Oberägypten ist es zu einer sörmlichen Schlacht zwischen Einwohnern und Beduinen gekommen, die nur durch das Eingreisen eines starke» Polizeiausgebots beendet werden konnte. Der Schulze der Ortschast. der zu ver- Mitteln suchte, wurde g e« ö« e t. 17 Bauern teils tödlich, teils schwer verletzt. Handelsvertrag mit Irantreich. Heute vormittag unterzeichnet.— Der Zollkrieg beendet. Paris, 17. August. heute vormittag 8.SS Uhr ist in Paris nach langwierigen Berhandlungen ein Abkommen unterzeichnet worden, das die deutsch-frauzösifchen Mrtschaflsbeziehungen auf längere Zeil regelt. Der unerquickliche Zustand eines Zollkrieges, wie er praktisch während der letzten Wochen be- standen hat, ist damit beseitigt. • Das deutsch-französische Handelsabkommen, das soeben unterzeichnet worden ist, kann sowohl für die wirtschaftlichen wie für die politschen Beziehungen zwischen den beiden Nach- barstaaten eine ganz besondere Bedeutung beanspruchen. Beide Staaten sind auf den Handelsverkehr miteinander an- gewiesen. In beiden Ländern aber herrschen Regierungen, die, in protektionistischen Gedankengängen befangen, eine Zollpolitik der Unduldsamkeit betreiben und mehr darauf bedacht sind, die eigene Industrie und Landwirt- schaft zu schützen, als sich in den weltwirtschaftlichen Verkehr einzugliedern. Politische Reibungen taten ein übriges, um die längst als notwendig erkannte wirtschaftliche Verständi- gung immer wieder hinauszuzögern. Auch jetzt ist sie noch nicht vollkommen erzielt. Immerhin ist der Grund für eine dauernde Zusammenarbeit gelegt, die Voraussetzung dafür geschaffen, daß ein stärkerer Waren- austausch stattfinden und damit eine engere Verbindung zwischen den beiden Völkern gefördett werden kann. Die große grundsätzliche Bedeutung des Vertrages geht allein schon aus der Tatsache hervor, daß trotz jahrelanger Bemühungen alle Versuche einer Regelung des deutsch-fran- zösischen Wirtschaftsverkehrs nur für kurze F r i st und in ganz engem Rahmen Erfolg haben konnten. Acht der- artige kurzbefristete und zeitweilig verlängerte Provisorien sind auf diese Weise abgelaufen, ohne daß sich die Völker näher gekommen wären. In diesem Zustand der Unsicherheit hatten die Hochschutzzöllner in beiden Ländern Zeit und Ge- legenheit, ihre Quertreibereien gegen eine positive Handels- politik immer wieder mit Erfolg durchzuführen. Anstatt der so dringend erforderlichen Atmosphäre der Versöhnlichkeit, die auf wirtschaftlichem Gebiete für eine gedeihliche Eni- Wicklung der politschen Beziehungen vorhanden sein muß, konnte sich Eigensucht und neidische Rivajität immer aufs neue entfalten. Schwerindustrie und Agrarier haben hüben wie drüben bis in die letzten Tage hinein alles getan, um den Unterhändlern ihre ohnedies schwere Aufgabe noch schwerer zu machen. So wurde das Abkommen, dessen Abschluß bereits für Mitte Juli angekündigt war, um mehr als einen Monat verzögert. Wiederholt drohte der Abbruch. Der fran- zösische Handelsminister hat schließlich eine Reise nach Ame- rika, die seit langem geplant war, um volle acht Tage hinaus- geschoben, um dieses Lertragswerk doch noch zum Abschluß bringen zu können, hier konnte man also feststellen, wie all- mählich auch in Frankreich das Interesse an einer vertrag- lichen Regelung der Handelsbeziehungen mit Deutschland größer geworden ist. Man wird diese Entspannung begrüßen können, wenn man sich auch darüber klar sein muß, daß sie zunächst nur ein Schritt zu einer endgültigen Verständigung der Völker ist. Das Vertragswerk ist dem Umfang wie dem Inhalt nach von großem Jnteresie. Neben der Regelung der all- gemeinen Handelsbeziehungen, in denen insbesondere die Frage der Konsulatsvertretungen eine nicht immer erquickliche Rolle gespielt hat, enthält es das grundsätzliche Anerkenntnis der gegenseitigen Meistbegünstigung und eine große Zahl verschieden gearteter Zollbindungen. Die Zollregelung zeigt besonders drastisch die Schwierigkeiten» unter denen das ganze Abkommen zustande gekommen ist. Wieder, wie schon bei früheren Abkommen, machte sich die große Ver- s ch i e d e n h e i t des deutschen und des französischen Zoll- s y st e m s störend bemerkbar. Während Deutschland neben einer-Reihe von Zollh�rab- setzungen als wichtigstes Zugeständnis die volle Meistbegünfti- gung zu geben pflegt, konnte Frankreich das aus verschiedensten Gründen nicht. Es mußte statt dessen versucht werden, eine rechtliche Formel zu finden, die praktisch dem deutschen Handel mit Frankreich die gleichen Rechte gibt wie allen anderen Staaten, die mit Frankreich zu tun haben. Man mußte also statt der formalen die praktische Gleich- berechtigung erzielen: das ging nur auf die Weise, daß man die einzelnen Positionen und Klauseln des Vertrages unter großem Feilschen für Deutschland günstig gestaltete. Aber auch da gab es noch Schwierigkeiten, wie sie wohl in der Technik der modernen Handelsverträge geradezu einzig dastehen. Frankreichs Zolltarif ist nämlich durch die Inflation des Franken überholt. Die Zollsätze entwerteten sich und entsprechen heute weder dem finanziellen Bedürfnis des französischen Staates, noch sind sie geeignet, irgendwie ordnend die französische Wirtschaft zu beeinflusien. Gerade auf das letztere aber legen die Franzosen besonderes Gewicht. Sie versuchten, die Nachteile der gegenwärtigen Zollregelung durch eine allgemeine heraufsetzung des Zolltarifes zu be- seitigen. Dabei schössen sie aber derart über das Ziel hinaus, daß die französische Kammer die Vorlage ablehnte. Die krauzöstsche Regierung beharrt trotz dieses Mißerfolges bei ihrer Absicht, die Zölle zu erhöhen. Die deutsche Delegation mußte dem Rechnung tragen. Und so ergibt sich, daß"dieser Handelsvertrag praktisch für Deutschland und für andere Staaten bei einer ganzen Reihe von Waren höhere Zoll- mauern bringt als bisher. Für eine Reihe von Waren wird nämlich in einer be- sonderen Liste der geltende französische M i n d e st tarif fest- gesetzt. In einer zweiten Liste jedoch sind Zollsätze angeführt, die über den augenblicklich geltenden französischen Höchst- zollen liegen. Man konnte' sich natürlich mit einer derartigen Regelung nur bescheiden, weil man annehmen muß, daß die Kammer bei nächster Gelegenheit sonst noch höhere Zoll- sätze beschließen würde, als im Vertrag vorgesehen sind. Auf einer dritten Liste des Handelsvertragstarifes sind Waren aufgeführt, bei deren Einfuhr sogar Deutschland eine gewisse Benachteiligung gegenüber anderen Ländern erfährt. Deutsch- land verweigert dafür auch dem französischen Handel Vor- teile, die andere Staaten in Deutschland genießen. Das ganze trägt also den Charakter einer Notlösung, die den ver- schiedenen politischen Strömungen und Machtverhältnissen nach Möglichkeit tragen und Reibungen für die Zukunft aus- schalten will. Bewährt sich die Notlösung, so wird. der Aus- bau des Handelsvertrages sicherlich nicht mehr so schwer sein wie der Abschluß des gegenwärtigen Abkommens, das, wenn nicht unvorhersehbare Schwierigkeiten auftauchen, auf lange Jahre hinaus die Völker einander wirtschaftlich näher bringt. Darin liegt auch der politische Wert des Abkommens, des ersten Handelsvertrags mit Frankreich. Auch bei diesem Vertrag hat die gewaltige Machtstellung der großindusttiellen Trusts eine entscheidende Rolle gespielt, Waren schon die früheren Staatsverträge nicht zu halten, ohne daß sich die deutsche und die französische Schwer- i n d u st r i e verständigten, so mußte jetzt erst ein pvivates Abkommen der beteiligten chemischen Industrien den Weg zu einer Verständigung der Staaten ebnen. Die Nebenregierung der kapitalistischen Machtgruppen zeigte sich auch im vorliegenden Falle mit aller Deutlichkeit. Die internationale Arbeiterschaft wird dafür kämpfen müssen, daß die Reibungen dieser großen privaten Konzerne mitein- ander nicht auf dem Rücken des arbeitenden Volkes ausge- tragen werden. Denn es ist ja schließlich nicht gesagt, daß immer, wie in dem vorliegenden Falle, die gegenseitige Rivalität mit einer Verständigung endet, ohne daß die Handels- und Staatspolitik der aufeinander angewiesenen Staaten darunter leidet. /ins öem Inhalt des Handelsvertrages. An wesentlichen Einzelheiten aus dem Handelsvertrag mit Frankreich ijt noch folgendes hervorzuheben: Die Benachteiligung, der deutschen Waren in dem fran- zösischen Zolltarif ausgesetzt bleiben, gilt nur bis zum IS. Dezember 1928 und wird dann ebenso wie die deutschen Gegen- maßnahmen hinfällig. An dem genannten Termin tritt also die volle Meistbegünstigung in Kraft. Uebrigens ist die Benachteiligung nur formeller Art. Sie bedeutet jedenfalls für die deutsche Industrie keine Schlechterstcllung als für die Industrien anderer Länder, die mit ihr am franzästschen Markt in Konkurrenz stehen. Die deutschen Industriesachverständigen haben ihr deshalb zu- gestimmt. Unter den Gegenmaßnahmen, die Deutschland gegen die Benach- teiligung seiner Waren in Frankreich getroffen hat, ist die Beschrän- kung der Einfuhr französischer Wein« auf 369 999 Doppelzentner im Jahr die wichtigste. Da die deutsche und die französische Regierung von ihren Par- lamenten dazu ausdrücklich ermächtigt sind, wird der Vertrag mit Wirkung vom 5. September in Kraft treten. Die deutsche Regierung bedarf dazu nur noch der Zustimmung des Reichsrates und eines Ausschusses des Reichstages. Dem Plenum des Reichstages wird das Abkommen nur zur nachträglichen Genehmi- gung vorgelegt. Es ist kündbar am 1. April 1929 mit drei Monaten Frist, so daß es frühestens am 39. Juni, also nach 22 Mo- naten von jetzt ab gerechnet, hinfällig werden kann. Außerdem hat sich Frankreich ober noch ein besonderes Kündigungsrecht für den Fall vorbehalten, daß sein Parlament noch einen neuen Zoll- tarif beschließt. Da aber bereits der gegenwärtige Vertrag die in Frankreich feit langem geforderte Neuregelung der Zölle bringt, hofft man, daß dieses Kündigungsrecht nur auf dem Papier stehen bleibt. So besteht Grund zu der Annahme, daß dieses Abkommen tatsächlich der endgültige Vertrag mit Frankreich sein wird. Das wäre dann der erste Handelsvertrag mit Frankreich seit Bestehen des Deutschen Reiches. In dem Vertrag sind für alle exportwichtigen Waren Deutsch- lands diejenigen Erleichterungen erzielt worden, die nach Lage der Dinge erreicht werden konnten. Dagegen haben die deutschen Unter- Händler in der Frage der konsularischen Vertretungen nicht alles erlangt, was sie gefordert hatten. So dürfen Konsulate in Marokko nicht errichtet werden, während der Waren- und Schifssocrkehr dorthin nach Art der Meistbegünstigung geregelt ist In Clsaß-Lothringen hat Deutschland zwar das Recht er- halten, Konsulate zu errichten, muß sich jedoch vorher mit der französischen Regierung ins Einvernehmen setzen. Hier rächt es sich, daß Deutschland nach dem Kriege 1879—71 bis zum Beginn des Weltkrieges auch seinerseits französische Konsulate im Elsaß nicht geduldet hatte. Gegenüber der grundsätzlichen Wichtigkeit des ganzen Vertrages bedeuten allerdings diese Nachteile wenig. Deutsche Kleinftaaterek. Wildungen verliert die Geduld.— Eine staatsrechtliche Toktorfrage. Jahrelang schweben zwischen dem Freistaat W a l d e ck und Preußen Verhandlungen über den Anschluß Waldecks an Preußen. Sie schleppen sich mühselig fort, ein Ende ist nicht abzusehen. Was ist das: Freistaat Waldeck? Ein Landchsn von 1055 Quadratkilometern Flächeninhalt und 55 570 Einwohnern, die sich in der Hauptsache von Ackerbau und Viehzucht ernähren. Verkehr und Handel ist gering. Die innere Verwaltung besorgt Preußen auf Grund eines Staats- Vertrages. An der Spitze der Verwaltung steht der Landesdirektor Dr. Schmieding, dem von unse- ren Genosten schwere Unregelmäßigkeiten vorgeworfen werden. Die Hoheitsrechte nimmt ein L a n d e s a u s- s ch u ß von drei Personen vor, die vom Landtag— 17 Abgeordnete— gewählt sind. Ein Musterstück deutscher Klein- staaterei! Nun hat die Stadt Bad Wildungen, die zu diesem Miniaturländchen gehört, die Geduld verloren, wie folgende Meldung zeigt: „Wie die„Waldecksche Zeitung" berichtet, hat der Gemeinberat der Stadt Bad Wildungen den Beschluß gefaßt, u n a d- h ä n g i g von den zwischen dem Freistaat Waldcck und Preußen schwebenden Auseinandersetzungen niit dem preußischen Innen- ininistenum direkte Verhandlungen über einen An- schluß an Preußen aufzunehmen." Der gesunde Menschenverstand sagt Bravo. Die Kenner des Staatsrechts aber werden den Finger an die Nase legen und den Kopf schütteln. Unabhängig von der obersten Landesbehörde direkte Verhandlungen mit der Regierung eines anderen Landes über die Asnderung von Gebiet und Verfassung führen? Ist das nicht Landesverrat, vielleicht sogar Hochverrot? Landesverrat am Ländchen W a l d e ck zwar, aber immerhin Landesverrat! Eine Doktorfrage für alle, die für den Föderalismus schwärmen. Waldsck ist ein besonders lächerliches Beispiel für deutsche Kleinstaaterei. Aber liegen die Dinge in Mecklenburg, Old-en- bürg, Braunschweig, Anhalt, Lippe, Hessen, Hamburg, Bremen und Lübeck nicht ganz ähnlich? Wird nicht der gesunde Menschenverstand, der das Ende deutscher Kleinstaaterei for- dort, dort überall von starrem lächerlichen Konservatismus vergewaltigt?__ Die Reichswehr rückt aus. Ter Zwischenfall auf der Gicßcner Verfasfungsfeier. In Gießen gab es bekanntlich bei der Verfassungsfeier einen Zwischenfall, weil die Reichswehr während der Rede des Profcstors Hüter unter Protest den Versammlungsraum verließ und auch der Reichswchrkapelle Anweisung gab, sich zu entfernen. Nach den ersten Meldungen über den Vorfall fühlte sich die Reichswehr dadurch beleidigt, daß der Festredner die Frage der Fürsten- abfindung angeschnitten Hab«. Es liegt ein ausführlicher Be- richt über seine Red« vor, und dieser ergibt, daß Professor Hüter die Fürstenabsindung überhaupt nicht erwähnt hat. Seine ganze Rede war daraus aufgebaut, zu beweisen, wie zwange- läufig in Deutschland die Demokratie gekommen ist. Dabei sagte er auch, daß heute sogar die größte monarchiststche Partei bei ihrem Eintritt in die Regierung versprochen hat, Schmähungen gegen Schwarzrotgold einzustellen. Er verwies weiter darauf, daß die deutjchnationalen Minister den Eid auf die Verfassung ge- leistet haben, daß ihre Partei und ihre Minister der Verbannung des Exkaisers und dem gesetzlichen Schutz der Republik zugestimmt hatte». Als nun der Satz folgte, der Geschichtsunterricht in den deutschen Schulen sei Für st engeschichte, zog die Reichs- wehr demonstrativ ab. Nun folgte ein historischer Rückblick über die Zeit des Despotismus und über die Zeit nach dem Freiheitskriege, wo Schwarzrotgold verboten war: jetzt verließ auch die Reichswehr- kapelle das Lokal. Es lst also nichts anderes geschehen, als da? ekn aufrechter Re- publikaner in einem der Republik geweihten Fest als Demokrat gesprochen hat. In einer historisch durchaus begründeten Weise schilderte er den Werdegang der deutschen Republik und ihre Bor- geschichte. Welche Vorstellungen müssen noch heute in führenden Stellen der Reichswehr herrschen, daß ein« derartige Schilderung genügt, um dagegen zu protestieren und mit solchem Protest die republikanischen Festteilnehmer herauszufordern. Das Verhalten des Reichswehrkommandeurs richtet sich vor dem deutschen Volke von selbst. Es steht in der Geschichte des deutschen Heeres unseres Wissens einzig da. Denn es ist nichts bekannt, daß jemals preußisches oder anderes deutsches Militär vor den byzantini- schen T i ra de n ausgerückt wäre, die bei den offiziellen Kaiser- geburtstagsfeiern und ähnlichen Anlässen üblich waren, in den Ofjizierskasinos jedoch oft genug bewitzelt wurden. Auch H i n d e n- b u r g hat sich die Rede von Kardorss angehört, obwohl dieser gleich- falls mit historischen Rückblicken die Farben Schwarzrotgvld und die Bedeutung der republikanischen Politik gewürdigt hat. Gerade in diesem Vergleich zeigt sich der Mangel an Takt in dem Be- nehmen der Gießener Reichswehr. Wir sind gespannt, was das Reichswehrministerium in dieser Sache unternehmen wird. Neuorganisation in öer Justizverwaltung. Rationellere Gestaltung der Betriebe. Nachdem durch Reichsgesetz vom 9. Juli 1927, einem lang- jährigen Wunsche der Iustizbeamtenschast entsprechend, die Bezeich- »ungen„Gerichtsschreiber" und„Gerichtsschreiberei" durch die Be- Zeichnungen„Urkundsbeamter der Geschäftsstelle" und „Geschäftsstelle" für die reichsgesetzlichen Bestimmungen er- setzt ist, soll die gleiche Regelung demnächst auch in Preußen für die preußischen Gesetze und Verordnungen durchgeführt werden. Wie der Amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, ist ein entsprechen- der Gesetzentwurf bereits vorgelegt. Gleichzeitig wird auch eine Vorlage über die Dien st Verhältnisse der mit der Wahr- nehmung der Geschäfte eines Urkundsbeamten der Geschäftsstelle betrauten Beamten beraten werden: dieses Gesetz soll an die Stelle des noch aus dem Jahre 1879 stammenden Gerichtsschreiberq g e s e tz e s treten. Im Zusammenhang damit wird die Gerichts- schreiberordnung aus dem Jahre 1913 durch eine den neuzeitlichen Verhältnissen angepaßte Personal- und Dienstordnung für das Bureau und die Kanzlei der preußischen Justizbehörden (Buto), die bereits mit dem 1. Juli 1927 für die Arbeitsgerichte in Kraft getreten ist, ersetzt werden. Das Wesen der Neuregelung besteht darin, daß die iu Betracht kommenden Arbellen in drei Arbeitsgebiete ausgeteilt wer- den(Arbeitsraten), denen drei Pcrsonalgruppen entsprechen: Die schwierigen Bureauarbeiten einschließlich der auf Bureau- beamte übertragenen richterlichen Geschäfte(Rate A) sollen durch die Beamten des schwierigen Bureaudienstes(Beamte der Ober» sekretärlaufbahn) wahrgenommen werden. Die Geschäfte des einfacheren Bureaudienstes, das Registrieren, Protokollführen usw.(Rate B) sollen einer n e u zu s ch a f f e n d e n Gruppe von Beamten des einfacheren Bureaudienstes(Registraturbeam- t e n) obliegen. Die reinen Kanzleiarbeiten(Kanzleirate) sollen künftig im wesentlichen durch Angestellte, insbesondere auch durch Stenotypistinnen und Maschinenschreiberinnen erledigt werden. Die Neuregelung, die einem dringenden Bedürfnis der Ve» waltung, auch einem Wunsche des Preußischen Landtags und der ge- samten Iustizbeamtenschast entspricht, bedeutet eine wesentliche Etappe auf dem Wege zur rationellen Gestaltung des Justizbehördenbetriebes. Strafmilderung in Marokko. Das französische Kriegsgericht von Taza hat das Todesurteil gegen den deutschen Fremden- l e g i o n ä r Klemm, der desertiert war und A b d e l K r i m als eine Art Generalstabschef gedient hatte, aufgehoben und ihn zu sieben Iahren Zwangsarbeit verurteilt. Die Berufung stützte sich auf eine Namensverwechslung im ersten Prozeß! Die irische Rationalversammlung hat sich bis zum 11. Oktober vertagt. fluch üoppelzüngig. T eutsche Volkspartei konkurriertmitdenTeutschnationalen Der Demokratische Zeitungsdienst hatte behauptet, die Reichsgeschäftsstelle der Deutschen Volks- partei in Berlin habe am Verfassungstag schwarzrotgold geflaggt. Dazu erklärt die„Tägliche Ru n d s ch a u": „Wir können dem Demokratischen Zeitungsdienst verraten, daß das Haus, in dem sich die Räume der Reichsgeschäftsstelle der Deutschen Volkspartei befinden, sogar doppelt schwarzrotgold beflaggt war. Einmal hatte der Hauswirt, der Mitglied der Demokrat!- fchcn Partei ist, eine schwarzrotgoldene Fahne am 5)ause angebracht, und dann hatte die R e i ch s p o st, die in demlelben Hause Anits- räume hat, ebenfalls schwarzrotgold geflaggt. Die Reichs- gcschäftsstelle der Deutschen Volkspartei hat mit dieser Beflaggung jedoch nichts zu tun. Also war die Freude über den bekehrten Sünder v e r f r ü h:." Herr v. K a r d o r f f, führender Parlamentarier der Deutschen Volkspartei, hat am Verfassungstag im Reichstag die offizielle Festrod« gehalten. Er sprach über Schwarz- rotgold: „Auch wer wie ich mit heißer Liebe an Schwarzwcißrot hängt, auch wer wie ich den Wechsel der Farben in der Stunde der Not aus tausendfachen Gründe«- für einen Fehler, vor allem aber darum für einen Fehler gehalten hat, weil cr unser innerpolitisches Leben um einen anscheinend unüberbrückbaren Gegensatz bereichert hat, der muß das eine.bekennen, die gesetzlich festgestellten Reichssarben Schwarzrotgold müssen geachtet werden. Ein Land, das seine eigenen Farben nicht achtet, kann keinen Anspruch erheben auf Achtung der Welt. Und darüber hinaus werden wir bekennen müssen, daß die heute gellentzen Reichsfarben mit der deutschen Geschichte des vergangenen Jahrhunderts aufs engste verknüpft sind. Denn als die deutsche Burschenschaft nach den Frei- heitskriegen sich die Pflege des Glaubens an die innere Freiheit und die Einheit des Batcrlandes zur Aufgabe gemacht hat, wählte sie .diese Farben. Und als diese vom hohen Idealismus getragenen Männer in dunkler Zeit ihren Glauben an Deutschlands Einheit und Freiheit mit ihrer bürgerlichen Existenz und mit einem Leben hinter Kcrkermauern bezahlen mußten, als sich e>n unerhörter Polizeidruck wie ein Mehltau auf fort- fchrittliches und freiheitliches Denken legt«, als diese ideale Bewegung ihr Ende erreicht zu haben schien, da tonnt« ein Dichter klagend sagen: „Das Tand ist zerschnitten, Mar Schwarz, Rot und Geld, Und Gott hat es gelitten, Wer weiß, was er gewollt." Aber es sei weiter daran erinnert, daß am 7. März 1818 von Preußen der Antraggcstellt wurde, beim Bundestag über dem Palais Taxis in der Eschenheimer Gasse die schwarzrot- goldene Fahne zu hissen:— es fei daran erinnert, daß der Kaiser Friedrich als Kronprinz in Versailles sich für diese Fahne ausgesprochen hat, und daß kein Geringerer als Heinrich von Trcitschke sie die Farben der deutschen Sehnsucht ge- nannt hat. Und endlich: diese Farben sind das Sinnbild des großdcutschen Gedankens. Und an diesem großdeutschcn Gedanken wollen mir doch fest- halten, und wir wolle» auch heute der Ueberzsugung Ausdruck geben, daß auf die Dauer keine Macht der Erde stark genug sein wird, zu verhindern, daß eincs Tages das deutsche Deutsch-Ocstcrreich mit dem Heimatland«, in welcher staatsrechtlichen Form auch immer, vereint und verbunden sein wird." So 5)crr v. K a r d o r f f. Die Reichsgeschäftsstelle der Deutschen Volkspartei in Berlin aber legt Wert darauf, die Farben der Republik nicht zu zeigen und nicht zu achten. Es scheint, daß sie den Ehrgeiz besitzt, eine Konkurrenz in Doppel- züngigkeit und Verlogenheit zwischen deutschnationaler Politik und volksparteiiicher Politik zu eröffnen. Qualität öer Proöuktion. Von M. S o st s ch e n k o. Bei meinem Bekannten Gussew wohnte ein Deutscher aus Berlin. Er mietete bei ihnen ein Zimmer. Wohnte bei ihnen fast zwei Monate. Er war nicht irgendein Finne oder von sonst irgendeiner Nationalminorität, sondern ein richtiger Deutscher aus Berlin. Russisch konnte er gar nicht. Mit seinen Wirten verständigte er sich mit den Händen und mit dem Kopf. Natürlich kleidete sich dieser Deutsche blendend. Reine Wäsche. Akkurate Hose. Nichts Ueberflüffiges. Direkt wie aus dem Kasterl. Und als dieser Deutsche wegfuhr, ließ er seinen Wirtsleutcn viele Sachen zurück. Eine ganze Menge ausländischer Sachen, verschiedene Fläschchen, Kragen, Schächtclchen. Außerdem fast zwei Paar Unter- hosen. Und einen Sweater, kaum zerrissen. Dabei spreche ich gar nicht von verschiedenen Kleinigkeiten für Herren- und Damenbedarf. Das alles legte man in einen Winkel beim Waschtisch. Die Wirtin, Frau Gussew, eine ehrliche Dame, man kann nichts Schlechtes von ihr sagen, deutete dem Deutschen vor seiner Abreise an:„Bitte, bitte, haben Sie nicht in der Eile irgendwelche aus- ländische Produktion hiergelassen?" Der Deutsch« schlug mit dem Kopf aus, was bedeuten sollte: „Bitte, bitte, nehmt alles, es ist nicht der Rede wert, ich stehe nicht darum." Da verteilten die Wirtsleute die zurückgelassene Produktion. Gussew selbst legte sogar ein ausführliches Verzeichnis der betreffen- den Sachen an und zog natürlich gleich den Sweater über und nahm die Unterhosen an sich. Dann ging er zwei Wochen lang herum, die Unterhosen in den Händen. Zeigte sie allen, war übermäßig stolz darauf und lobte die deutsche Qualität. Die Sachen waren zwar sehr abgetragen und hielten im all- gemeinen kaum zusammen, aber es war richtige ausländische Ware, die auch nur anzusehen angenehm war. Unter den zurückgelassenen Sachen war auch so eine Flasche oder. besser gesagt eine ziemlich ilache Büchse mit einem Puloer. Das Pulver war im allgemeinen rosafarben und fein. Und hatte einen ziemlich sympathischen Geruch, entweder„Lorigan" oder vielleicht Role? Nach den ersten Tagen der Freude und des Jubels begannen Gussews zu raten, was dos für ein Puloer sei. Sie rochen dazu, kauten es und warfen es auf die Herdplatte, konnten aber nicht erraten, was es sei. Sie trugen cs im ganzen Hause herum, zeigten es verschiedenen Spezialisten und anderen Hausintelligenzcn, wurden aber nicht klü'-r dooon Viele sagten, es sei Puder, andere aber behaupteten, cz w'ire das feine deutsche Talkum für Neugeborene. Gussew sagte:„Ich brauche das feine deutsche Talkum nicht. Ich habe keine Neugeborenen. Ich lasse es Puder fein. Nach jedem Rasieren werde ich mir damit die Fratze pudern. Ich will auch ein» mckl im Leben kulturell leben." Er begann sich zu rasieren und zu pudern. Nach jedem Rasieren ging er rosafarben und blühend herum und duftete beinah.— Rings um ihn selbstredend Neid und Fragen. Gussew propagierte aber wirklich die deutsche Produktion. Er lobte viel und eifrig die deutsche Ware.„Wieviele Jahre," sagte er, „ärgerte ich mich mit verschiedenen russischen Abfällen herum und endlich habe ich das Richtig« erlebt. Und wenn dieses Puder einmal ausgehen wird, weiß ich wirklich nicht, was ich machen werde. Ich werde gezwungen sein, mir noch ein Büchschen zu bestellen. Es ist eine zu wundervolle Ware." Eine» Monat später, als das Puder fast zu Ende ging, kam zu Gussew ein intelligenter Freund. Am Abend beim Teetrinken las er, was auf der Büchse geschrieben stand. Es stellte sich heraus, daß es ein deutsches Mitte! gegen Flöhe war. Sicher wäre ein anderer, weniger lebenslustiger Mensch durch diese Tatsache sehr bedrückt gewesen. Und vielleicht hätte sich sogar bei einem wenlger lebenslustigen Menschen vor überflüssigem Arg- wohn die Fratze mit Hitzblasen und Finnen bedeckt. Gussew war aber nicht so. „Das verstehe ich", sagte er. Das ist eben Qualität der Produttion. Das ist eben Höchstleistung. Die Ware ist unüber- trefflich. Wenn man will, kann man damit die Fratze pudern oder aber die Flöhe bestreuen. Zu allem kann man es brauchen. Und bei uns?" Hier lobte Gussew noch einmal die deutsche Produktion und sagte:„Deshalb staunte ich. Einen ganzen Monat lang pudere ich mich und nicht ein einziger Floh hat mich gebissen. Meine Frau, Madame Gussew, beißen sie. Auch meine Söhne kratzen sich ver- zweifelt ganze Tage lang. Und ich, sehen Sie, gehe herum und nichts geschieht mir. Auch die Insekten spüren die richtige Produttion. Das ist wirklich..." Jetzt war Gussew mit seinem Pulver zu Ende. Wahrscheinlich beißen ihn nun wieder die Flöh«. (Aus dem Russischen von Ella Drod.) vorstaSttheater. Die Warenhäuser, die Leihhäuser, die Schlemmerlvkale, die Tanzpaläste, und sogar die vegetarischen und koschereis Restaurants, alles schiebt sich in den Berliner Westen hinein. Nur die alten Vor- stadttheater bleiben stehen. Sie werden manchmal aufgefrischt und erhalten, wie das C e n t r a l- T h e a t e r in der Alten Jakobstraße, eine neue Logenvergoidung und einen neuen Anstrich ihrer ver- schimmelten Wände Doch all diese Theater vei-morsche» langsam hier in der City. Diese Theater liegen in den Häfen, als wenn sie sich schon vor der offenen Straß« verstecken müßten. Sie sind eingekeilt zwischen die Kleinbürgcrwelt, die noch in den Hinterhäusern wohnt und vergebens nach frischer Luft schnappt und zwischen die Kausmannshäuser, die sich nach der Fassade hin breitmachen. Breit- machen mit Geldschränken und Bureaus und Warenlagern. Da müssen die Schreiber und Lageristen und Expedienten sich zusammen- quetschen. Die Materie braucht mehr Platz al» die Menschen. Und je mehr Materie ausgestapelt wird, desto schlechter wird die Luft auch in den Borstadttheotern. Im Vorstadttheater ist ständig Inventurausverkauf mit herab- gesetzten Preisen. Man kann trotzdem nicht sagen, daß darum alle ausgcbotenen Ladenhüter schon ganz aus der Mode gekommen sind. Das Stück„Der Herr Verteidiger" von Molnar und Alfred Halm im Central-Theater, bringt Schwank und Rührstück zugleich. Alles wird im kessesten Tone abgehandelt. Es entpuppt sich der berühmte Advokat als ein ziemlich fadenscheiniger Ehren- mann. Es bewährt sich der schon achtfach vorbestrafte Dieb als ein Gentieman. Seine Lebensdevise ist: ich bin kein Lump, aber vielleicht ein Genie. Das ist Hundetagsittenlehre. Merkwürdig, wie dieses Centraltheater-Publikum, das auf billige Eintrittspreise und«in gut gepflegtes Zwifchenaktbier sieht, sofort dem Diebe Beifall klatscht, wenn er sich getraut. Polizeichef und Advokat als Nullen und Narren zu traktieren. Das ist auch ganz in der Ordnung, weil bei Molnar und Halm diese beiden Koryphäen miserabel wegkommen. So sind wir bei dem Moralwert des Stückes angelangt, ja, wenn die Spitzel und Großmäuler solche Nebbich wären, wie die Autoren es sich träumen, dann würde kein Justizmord auf Erden verübt werden. Dann brauchten wir nicht zu fürchten, daß Sacco und Banzetti elektrisch geschlachtet werden. Dann würde die Vernunft regieren. Aber die Vernunft soll ja abgeschafft werden in Massachusetts und in der Alten Jakobstraße. Hermann B ö t t ch e r und Erich Kaiser- Tietz, die sich in den Theatern auf der westlichen Berliner Kante sommerlich nicht behaupten können, beglücken mit ihrer Routine das Vorstadttheatcr. Man lohnt es ihnen, daß sie die Vernunft auf den Kopf stellen, mit vielen Bravos und sogar mit duftenden Sommer- blumen.____ Max Hochdorf. lieber ihn schrieb Sinclair. In einei� Londoner Hotel starb gestern abend an den Folgen einer Herzkrankheit der bekannte Konseroenkönig Armour aus Chikago im Alter von 61 Jahren. Der Verstorbene war der Sohn des Begründers der Firma, Philip Armour, gewesen. Er war außerdem im Getreidehandel, Bank- und Eisenbahnwesen interessiert, vor allem gehörten ihm die von Sinclair beschriebenen Schlachthäuser in Chikago. volkbiihaenjugcud. Ausspracheabend am 17. August, 19'/, Mr. in der schule, Wemin-istelstr. 17. Tagesordnung: Aufbau und Idee der Sondcrabteiluugcn. Vorbereitung der Werdeumzüge am 24.(Norden, Osten) und am 2S. August(Süden. Nculölln). Veranstaltungen der Werbe« woche<29. August bi» 3. September). steine Verlängerung der Musikausssellung. Der Haupt, und WirtschastZ« polinsche Ausschuß der Franksurter Stadlociordnetenoersammlung hat gestern beschlossen, unter wlSdrückiichcr Anerkennung der Bedeutung der Jntcr- nationalen MiisikauSstcllung von einer Verlängerung Absland zu nehmen, da die VoibcreitungSarbcllcn für die Messe so weit gediehe» seien, daß eine Verschiebung der Herdstmessc ntchi mehr in» Auge gesagt werden könne. von der Aobetstistung. Wie mitxetcilt wird, betrug der HauptsondS der Nobclstistung am 31. Dezember 1926 3086t 874 Kronen. Daraus ergibt sich, daß die Nobelpreise sür das lauieitde Jahr 121187 Kronen betragen werden. Ziehungsbegmn öer 5. Klasse. Unter großem Andrang des Publikums. Gestern vormittag um 8?» Uhr wurden im Gebäude der Lotteriedirektion in der Jägerstraße von dem tech. nischen Direktor die letzten Prüfungen vorgenommen und die Lose und Gewinne eingeschüttet. Zunächst wurden alle vor- liegenden Beschwerden verlesen und dem Publikum die Los«, die angeblich nicht mehr in der Lostrommel sein sollten, gezeigt. Auch sämtliche große Gewinne wurden gezeigt und dann einzeln in die Gewinntrommel gelegt. Heute vormittag war der Andrang in der Iägerstraße erheblich stärker. Um 8 Uhr sollte die Ziehung beginnen. Als der Zuschauer- räum geöffnet wurde, waren sofort alle Bänke besetzt. Nur schub- weise konnte das Publikum eingelassen werden. Der Beginn der Ziehung verspätete sich etwas. Die für den heutigen Ziehungs- tag bestimmten Kommissare sind Beamte der Preußischen Bau- und Finanzdirettion. Sechs Beamte haben vormittags Dienst und sechs nachmittags. Den einzelnen Beamten wird die Art der Tätigkeit von dem technischen Direktor erst zu Beginn der Ziehung angegeben. Einige Minuten nach M9 Uhr nahmen die drei Ziehungs- kommifsare und hinter ihnen, aus erhöhten Stühlen, die drei Kontrollkommissare ihre Plätze ein. Ein Klingelzeichen verkündete den Beginn. Beide Trommeln werden gedreht und dann die Klappen geöffnet. Zu gleicher Zeit faßt ein Kommissar ein Los, der andere einen Gewinn. Losnummer und Gewinnhöhe werden verlesen. Dann wiederholt der zweite Kommissar, der in der Mitte sitzt, die Anoaben und spießt Los und Gcwinnrolle auf eine Nadel. Nachdem die ersten hundert Gew-inne gezogen sind, werden die Trommeln geschlossen und gedreht. Die gezogenen Los- und Ge- winnröllchcn werden auf einen Faden gezogen und versiegelt. .Sitte, wo ist hier Nr. 57?' Ein Groft-Berliner Straßenkuriosum. Eine Straße, die mit 57 zu zählen a n f ä n g t und mit 57 am anderen Ende wieder aufhört und mitten dazwischen auch noch ein Grundstück mit der rechtmäßigen Nr. 57 besitzt... Wie, das gäbe es nicht in Berlin? So etwas käme nur in Schild« vor? O nein, Sie kennen Berlin nicht— oder Sie bedenken wenigstens nicht, daß es erst sieben Jahre her ist. seit es ein ein- heitliches Groß-Berlin gibt. Und sieben Jahre reichen eben nicht aus, um einen einheitlichen Straßenzug auch einheitlich durchzu- numerieren. Beweis: Die Attilastrahe in Tempelhos.' die künftige große Ausfallstraße im Zuge der Manteuffelstraße, zu- sammengesetzt aus der alten Attilastraße Tempelhofs und der Tcmpelhofer Straße Mariendorfs. Eine Straß« mit stärkstem Ver- kehr(nach den Bahnhöfen Mariendorf und Südende), seit Jahren in eifrigster Bebauung begriffen. Und jedes Haus darf numerieren, wie es will, nach alter oder nach neuer Zählung, nach Tempelhofer oder Mariendorfer Muster. Da gibt es also tatsächlich kilometerwett voneinander«ittsernt zwei Häuser Nr. 57, da gibt es zwei Nachbarhäuser, von denen das eine die Nr. 41, das andere die Nr. 78 trägt! Auch 10S und 56 liegen dicht beieinander! Bis sich der Bezirk zu einer«inheillichen Numerierung ent- schließt, geben wir daher zum Nutzen und Frommen unserer Leser, die etwa dienstlich oder außerdienstlich einmal ein Haus in der Attilastraße zu suchen haben, den nachstehnden„Straßensührer" durch das Nummernlabyrinth dieser kuriosen Hauptstrahe: _ 43 laufend bis 57.. 46 laufend bis 16.. unbebaut._ A t t i l a st r a ß e._■ (künftig) 87. 23.. 40. 41. 78 laufend bis 37.... 106. 56. 57. Wir hoffen, daß er dereinst einen Platz im Märkischen Museum erhält als dauernde Erinnerung an das achte Jahr der Einheitsgemeinde Berlin! Die �willingswagen� öer Straßenbahn. Die erst kürzlich auf der Linie 177 versuchsweise In Betrieb genommenen zehn„Z w i l l i n g s w a g e n" haben sich bereits gut bewährt, so daß sich schon jetzt die Straßenbahn mit dem Gedanken trägt bei Wagenneubestellungen diesem Typ den Borzug zu geben und ihn auf allen weiteren Linien lausen zu lassen. Die Beobach- tungen haben gezeigt, daß die Zwillingswagen eine wesentlich schnellere Absertigung ermöglichen und auch eine Verminderung der Fahrzeit zur Folg« haben. Die bisher geltende Anordnung wurde so geändert, daß ein Motor dein Triebwagen entnommen und in den Anhängewagen eingelegt wurde, so daß feder Wagen einen modernen, lustgekühlten Motor erhalten hat. Der zweite Wagen wird dadurch nicht mehr vom ersten gezogen, beide Wagen laufen gleich- zeitig an und bremsen gleichinäßig und selbständig. Das Gesamt- gewicht des Zuges wird zum Ansahren und Bremsen ausgenutzt: infolgedessen kann mit großer Kraft angefahren und gebremst werden. Durch den nach der Mitte verlegten Eingang konnte die Zahl der Sitzplätze von 24 auf 32 erhöht werden. Zur Unterstützung des Glockenzeichens ist ein Lichtsignal vorgesehen, das bei jedem Anschlag der Glocke des zweiten Wagens auch im Vorderwagen und vor den Augen des Führers aufblitzt. Die Lüftung wurde durch die sogenannten„F l e t t n e r- L ü f t e r" wesentlich verbessert: auch mit den als Schiebetüren angeordneten Eingangstllren, die durch ein Handrad bedient werden, hat man die denkbar besten Erfahrungen gemacht. Im letzten Jahr sind 1000 veraltete Wagen aus- rangiert und 1000 neue— die bekannten gelben Wagen— in Dienst gestellt worden. Die alten Wagen wurden nach Herausnahme der Eiscnteile vollständig verbrannt, da die Verbrennung die billigste Art der Vernichtung darstellte. Schade um das schöne Brennholz. Zahlreiche arme Familien hätten auch noch die Arbeit des Ver- brennen?— allerdings im eigenen Ofen— ebenso wie den Ab- transport kostenlos übernommen. Die Wirtschaftlichkeit in allen Ehren— aber genau so wie.zahlreiche Großfirmen ihre Holzabsälle verkaufen, hätte sie die Straßenbahn oder wer immer hier verant- wortlich sein möge, ihr überflüssiges Holz für Heizzwecke abgeben können. Oder haben sie unter Dampfkesseln ein immerhin noch wirtschaftlich einwandfreies Ende gefunden? Vielleicht äußern sich die in Frage kommenden Stellen zu dieser Angelegenheit! Weitere Veruehmung Gntowskis. Der Seifenhändler Gutowski wurde in der vergangenen Nacht von Kriminalrat Gennat und Kriminalkommissar Neb« bis in die frühen Morgenstunden hinein weiter verhört Was er zu den Todes- fällen in der Rosenthaler Straß« und in seiner Wohnung in der Kursürstenstraße ausgesagt hat, ist bereits bekannt. M i t a n d c r e n ungeklärten Todesfällen will er nichts zu tun haben. Er bestreitet, daß außer der Hedwig Oesterreich in seiner Wohnung ein Mädchen gestorben oder gar von ihm zerstückelt worden sei Für die Zeit, die für den Tod der Hausangestellten Frieda Ahrendl die Zerstückelung ihrer Leiche und die Beseitigung der Leichenteile in Betracht kommt, machte er bestimmte Alibi- angaben, die genau festgelegt wurden und jetzt im einzelnen nachgeprüft werden. Unter den Sachen, die in der Wohnung ge- funden und beschlagnahmt wurden, befinden sich auch blut- befleckt« Wäsche st ücke, und zwar Leib- un� Bettwäsche. Gutowski gibt für diese Besudelungen eine Erklärung, die, wenn sie sich bestätigt, harmlos wäre. Das ganze beschlagnahmte Material muß noch chemisch untersucht werden. Daß er häufiger Besuch von Straßenmädchen und auch von anderen Mädchen»n seiner Wohnung gehab« hat, bestreitet der Verhastete nicht. Er wird heute, nachdem die Verhöre nunmehr abgeschlossen sind, wegen Totjchlages dem llvterjuchunZsrichtor vorgeMrt Werden, Eine ganze Kamille verfthwunöen. Zwei geheimnisvolle Kriminalfqlle. Fast zu gleicher Zeil werden die Behörden aus zwei höchst merkwürdige und geheimnisvolle kriminalfälle aufmerksam, die seit Zähren unaufgeklärt sind, aber an den Orten, an denen sie sich zu- getragen haben, unausgesetzt die Gemüter beschästigen. Es sind in dem ersten Fall jetzt genau 2H Zahre her, daß die Familie des Bergmannes Broda in Recklinghausen, bestehend aus der Frau Broda und ihren süns unmündigen kjndern, wie vom Erdboden verschwunden ist. Alle Recherchen der Polizei ganz Deutschlands blieben bisher ohne jeden Erfolg, und es scheint, als sollte der rälselhasle Berbleib der Personen in ewiges Dunkel gehüllt bleiben. Der zweite Fall hat sich in G ö r l i h zugetragen und liegt bereits 8 Jahre zurück, hier handelte es sich um eine damals 35jährige postbeamtln Hildegard Fritsche, die von einem Gang zum Postkasten nicht zurückgekehrt ist und seitdem sporlos verschwunden ist. Im Februar des Jahres 1925, also vor nunmehr zweieinhalb Jahren, tauchte in Recklinghausen zum ersten Male das Ge- rücht von dem spurlosen Verschwinden der Familie Broda auf. Der Ehemann Broda, ein Mann in den Vierzigern, gab an, F r a u und Kinder zur Bahn gebracht zu haben, damit sie zu Verwandten in dem nahen Lünen fahren sollten, denn Broda, der auch mit seiner Familie in Unfrieden lebte, war arbeitslos, und es ging ihm herzlich schlecht. Aber weder Frau noch Kinder sind in Lünen angekommen, trotzdem Broda sie bis auf den Bahnsteig geleitet hatte und auch die Fahrkarten nach Lünen gelöst haben wollte. Im Lause der Zeit recherchierte die Polizei auch nach der Richtung hin, ob die Frau mit ihren fünf Kindern nicht etwa in die 0 st preußische Heimat gefahren sein könne. Aber nichts, rein gar nichts ist von den sechs Personen bisher ermittelt worden. Was Wunder, wenn vie Polizei eine sorgfältige Beobachtung des Bergmannes Broda vornahm und ihn mit allen polizeilichen und psychologischen Mitteln bearbeitete, um ein eventuelles Geheimnis zu lüften. Es war aber nichts aus ihm herauszubekommen. Die Polizei ist jedoch der festen Ueber, zeugung, daß Broda, dem die große Familie unter den obwaltenden Um- ständen eine Last sein mußte,' seine Frau und Kinder ermordet hat. Nach zweijähriger Untersuchungshast mußte man den Ver- dächtigen aus dem Gefängnis entlasten..., Ein neuer furchtbarer Verdacht tauchte mit einem Male gegen den Bergmann auf. Man entsann sich, daß zur fast selben Zeit, als das Verschwinden der Familie Broda bekannt wurde, die großen Schlackenhalden auf Zeche Graf Vlumenthal, die in unmittelbarer Näh« liegen, auf unerklärliche Weise in Brand geraten waren. Der Brand dauerte wochenlang an. Wenn es wahr ist, was jetzt gemunkelt wird, daß der Verbrecher die Opfer betäubt und dann auf die Schlackenhalden gebracht hat und diese dann anzündete, dann ist ein Aufhellen des Verbrechens nicht möglich. Nur ein Geständnis des Wissenden kann die Bevölkerung des Gebietes von einem schweren Druck befreien, unter dem sie steh!, solange das Thema Pröda besteht. Wie es heißt, hat die Polizei die Unter- suchung jetzt nach einer anderen Seite hin vorgenommen, über deren Ergebnis aber noch nichts gesagt werden kann. Ebenso rätselhaft und unheimlich ist das Verschwinden der Postbeamtin Hildegard Fritzsche aus Görlitz. Am 20. Oktober 1919 war sie wie üblich nachmittags 4 Uhr aus ihrem Dienst gekommen, den sie seit 10 Jahren zur vollen Zufriedenheit ihrer Vorgefetzten ausgeübt hatte. Sie ging dann bis 7 Uhr spa- zieren. Als sie zurückkehrte, stand das Abendbrot bereits auf dem Tisch. Sie ging aber mit dem Bemerken wieder hinaus, daß sie rasch noch eine Postkarte in den Kasten stecken wolle und gleich wiederkommen werde. Don diesem Ausgange ist sie nicht zurückgekehrt. Sie kann nicht die Absicht gehabt haben, wegzubleiben, denn sie hatte weder Mantel noch Hut noch Handtasche oder dergleichen, auch keinen Pfennig Geld mitgenommen. Der Briefkasten ist nur sieben Minuten von der Wohnung entfernt. Die sorgfältigsten Nachforschungen haben auch nicht die geringste Spur von dem Verbleib der Vermißten ergeben. Niemand hat sie auf dem Weg« nach dem Briefkasten beobachtet oder gesehen, wohin sie sich von da aus gewandt hatte. Auch unter den unbekannten Leichen ist die ihrige nicht gefunden worden. Bekanntschaften pflegte die Ver- mißte nur mit Herren, die auch in ihrer Familie verkehrten. Keiner von ihnen hat eine Ahnung, was sie veranlaßt haben könnt«, das Elternhaus zu verlassen. Ganz flüchtig hatte sie, wie festgestellt wurde, einen Mann kennengelernt, der damals noch in einem Militärverhältnis stand aber am 21. Oktobek ent- lassen werden sollte. Diesen Mann hatte sie drei- oder viermal vor- übergehend gesprochen. Ob er mit ihrem Verschwinden in Verbin- dung steht, weiß man nicht, denn es war nicht möglich, ihn zu er- mittel». Man weiß auch gar nicht, wie er heißt. Weil man an- nehmen muß, daß das Mädchen einem Verbrechen zum Opfer ge- fallen ist, so hat jetzt die Mordkommission der Kriminalpolizei die Nachforschungen noch einmal aufgenommen und erbittet Mitteilungen, die irgendwie zur Aufklärung beitragen können. Hildegard Fritsche, die jetzt 43 Jahre alt sein müßte, ist 1,68 Meter groß, von schmächtiger Figur, hat graue Augen, eine etwas aufgeworfene Oberlippe und trug zwei falsche Zöpfe. Besondere Kennzeichen sind eine Brandnarbe am linken A rm und«ine Blinddarmoperationsnarbe. Als Schmuck trug sie an der linken Hand einen Trauring mit der Gravierung F. A. F. 16. 10. 52. Die Junkers-iVerke in öer flbwehr. Die Wetteraussichte« waren günstige. Das Ergebnis der gestrigen Destauer Beratungen über die Wiederholung des Ozeanfluges ist von einigen Blättern so ausgelegt worden, als hätten die Junkers-Werke auf einen neuen Versuch überhaupt verzichtet. Wie das Wolff-Bureau von einer Junkers nahestehenden Seite erfährt, trifft diese Aussassung aber nicht zu. Das Projekt des Ozeansluges wird von den junkers-werken auch weiter betrieben, allerdings nicht mit irgendwelcher Rekordüber- stürzung, sondern mit der ruhigen Sachlichkeit und Ueberlegung, die auch, wie in der Presse'durchaus anerkannt wurde, den Vorberei- tungen des ersten Versuchs zugrunde lag. In diesem Zusammenhang wird übrigens auch die Darstellung als falsch bezeichnet, wonach der Start am Sonntag nur aus Prestigegründen erfolgt sei, obgleich die Wettermeldungen ausdrücklich abgeraten hätten. Tatsächlich liegen die Dinge so, daß die Hamburger Seewarte, ebenso wie die anderen beratenden Meteorologen, die Wetterlage am Sonntag als besonders günstig dargestellt haben. Entscheidend war dabei, daß man den Flugzeugen, wenn sie die ver- abredete Nordroute über die Orkney-Inseln wählten, auf dem größten Teil des Weges nach Amerika günstiges Wetter und sogar Rückenwind voraussagte. Auf der Nordsee fanden die Maschinen dann aber so außerordentlich schlechtes Wetter, daß es ihnen un- möglich war, überhaupt bis zur Nordroute durchzudringen. Diese Tatfache bestimmte das Schicksal des Fluges. Feuer auf Bahnhof Köpenick. Mehrere Züge der Feuerwehr waren gestern nacht fast zehn Stunden lang mit der Bekämpfung eines gefährlichen Feuers auf dem Bahnhof Köpenick beschäftigt. In dem Lagerraum eines Bahnhofsgebäudes, in dem viele hundert Zentner Preßkohlen lagerten, war vermutlich infolge Selbstentzündung Feuer entstanden. Die Gefahr wurde erst bemerkt, als ein Teil des Preßkohlenoorrates in Flammen stand. Große Wassermengen mußten in den Brandherd geschleudert werden. Erst gegen 11 Uhr vormittags waren die Ablösch- und Aufräumungsarbeiten beendet. Etwa 2 5 0 00 Kilo Preßkohlen fielen den Flanimen zum Opfer.— — In einer Tischlerei auf dem Grundstück Urban st raße 19 brach heute früh gegen 4 Uhr Feuer aus, das sich in kurzer Zeit auf den ganzen Betrieb ausdehnt«. Der Feuerwehr, die mit zwei Lösch- zügen anrückte, gelang es. das Feuer nach fast dreistündiger Tätigkeit niederzukämpfen. Die Entstehungsursache ist noch unbekannt. Die Zwangsvorführnng. Ueber eine sehr rigorose Behandlung eines Angeklagten durch das Amtsgericht Neukölln wird uns berichtet. Der Redakteur eines Mitteilungsblattes für die Großsiedlung Britz war angeklagt, eine Berichtigung nicht gebracht zu haben. Den ersten Termin ver- säumte der Angeklagte. Noch bevor er auf sein Versäumnis ausmerk- sam wurde, stellte das Gericht die Vorladung zu einem zweiten Termin zu. In dieser Vorladung war der übliche Satz eingedruckt: „Bei Nichterscheinen erfolgt Zwangsoorführun g". Trotz dieser Ankündigung kamen am Morgett, an dem der Termin stattfinden sollte, zwei Polizcibeamte mit einem Haft- und Vor- sührungsbesehl. Der Angeklagte durfte von morgens um sechs Uhr bis zum Beginn des Prozesses auf dem Polizeirevier warten. Wenn auch zugegeben werden soll, daß es notwendig sein kann, sich des Angeklagten durch Haftbefehl zu sichern, so muß doch gesagt sein: Bei derart lächerlich geringen Strafdeliktcn hätte eine Androhung von Geldstrafe bei Nichterscheinen weit besser gewirkt. Derartige Maßnahmen sind völlig überflüssig und wirken schikanös Es ist an der Zeit, daß die Aufsichtsbehörde einmal dem Amtsgericht Neu- kölln auf die Finger sieht, ob dort nicht weit über das Maß mit derartigen Methoden gearbeitet wird. An das Polizeipräsidium fei die Frage gestattet, ob es nicht taktvoller wäre, wenigstens für derartige Zwangsvorführungen Beamte in Zioll zu verwenden? Der Reoieroorsteher des Bureaus in der Lahnstraße in Neukölln hat, das soll hervorgehoben werden, wenigstens die Vorführung vor das Amtsgericht durch einen Beamten in Zivil vornehmen lassen. Seinen 69. Geburfxkag beging Genosse August S trel ow, Mit- glied der 10. Abteilung, am 15. August. Seit 35 I a h r e n hat er als Funktionär der Partei stets in vorbildlicher Weise unermüdlich in . der Kleinarbeit feinen Mann gestanden, Hauernrennen. Der groste Tag von Buckow. Auf zum Bauernwettreiten! prahlen Plakate in den südlichen Vororten. Der Berliner, der glaubt, daß die Grenze der Vergnügen am Spreetunnel in Stralau endet, fühlt sich geschlagen, denn ein Bauernreiten hat er noch nicht mitgemacht. So ist auch eine an- dächtig zuschauende Menge auf dem flachen Stoppelfeld der Buckower Dorfmark versammelt, eine größere steht hinter den Dorfgärten und an den Wegrainen als Zaungäste, obwohl sie von hier aus nur den Hall der Sensationen empfindet, die vom Feld herüberschallen. Da drinnen aber sind die bevorzugten Gäste, es ist auch in Buckow wie überall, das zahlende Publikum hat den Vortritt. Alles zeigt die laute Angevegtheit des großen Vorganges, daß nunmehr die Buckower Bauern reiten. Die mehrere Kilometer lange Bahn auf einem abgeernteten Roggenfeld ist dicht bestanden mit Zuschauern aller Schichten, Alters und verschiedenen Geschlechts. An den Biertheken dagegen stehen die rechten und echten Bauern, die nur gelegentlich einen Blick auf die Bahn werfen,, wenn es gilt,«ine Behauptung gegen die andere zu stellen, welches Pferd welchen Besitzers das jeweilige Rennen machen wird. Der unterliegende Teil ist dann meist auch derjenige, der die Zeche für die Runde zu bezahlen hat. Hinter diesen Vergnügungssüchtigen ist die Hautevolee aufgefahren, die stehend aus ihren schmucken Zwei- spännern gleichsam die Tribünenplätze einnimmt. Schlächtermeister Lehmann aus Berlin SO. und Pserdehändler Schultz? aus Neukölln zeigen, daß bei ihren Familien noch alles beieinander ist und daß es ihnen gut geht. Mittlerweile wickelt sich auf dem Gelände das große Programm ab, das mit musikalischen Einlagen einer Handsesten Kapelle gewürzt, mit Tusch und Trara darin besteht, Zug. und Ackerpferde, auch solche vielleicht mit Halbblut, also keine berufsmäßigen Rennpferde, über den Acker zu jagen. Sie werden von kühnen und zähen Burschen geritten, meist von den Söhnen der Besitzer, die«ine gute Figur auf den Pferden machen, als wären sie geborene Kavalleristen. Ein harmloses und natürliches Vergnügen, gegen das man nichts einzuwenden hat und das sogar zu begrüßen wäre, könnte man nur den Reitern mehr Pferdcoerstand wünschen. Sie sollten ihren Tieren jetzt nach der schweren Arbeit der Ernte ein wenig Ruhe gönnen. Dagegen glaubt man bei den Pferden, die diese'Rennen bestreiten, umgekehrt mehr Menschenverstand wahr- nehmen zu können: bei einem Teil zeigt er sich darin, daß sie trotz der Schwere der Aufgabe Feuer und Temperament genug aus- bringen, als erste durchs Ziel zu schießen, bei einem anderen auch wieder in der Bedächtigkeit und Schlauheit dieser undressierten guten Geschöpfe, wie sie z. B. beim Hürdenspringen erst einmal mit dem Vorderfuß gegen die Hindernisse stoßen und wenn diese umfallen, froh ihren Weg weiter fortsetzen. Da hilft dann keine Empörung und kein Spott der enttäuschten Zuschauer, so«in Bauerngaul hat seinen Kopf für sich. So sind eine Anzahl großer Erlebnisse an diesem Sonntag- nachmittag« zu registrieren, nicht zuletzt das, daß es auch in Buckow schön ist und daß es sogar mit der Elektrischen zu erreichen ist. Aber hoffentlich gibt diese Feststellung nicht Anlaß, die Bauernrennen künftig als Attraktion dem Stadtrummel einzureihen, dazu wären sie zu schade._ Auf den Tchienen tot aufgefunden. In der Nähe vom Bahnhof Zehlendorf, zwischen den Kilometer- steinen 13,2 und 13,3, auf dem Bahngleis der Fernbahn Berlin— Potsdam wurde heute morgen 5 Uhr die völlig verstümmelte Leiche eines Mannes gefunden, dessen Perso- nalien noch nicht festgestellt werden konnten. Ob Selbstmord oder ein Unglücksfall vorliegt, bedarf noch der Aufklärung. Die Leiche wurde in die Friedhofshalle in Zehlendorf gebracht. Erdbebenopfer in Turkeftan. London. 17. August. Wie Reuter aus Moskau meldet, sind bei dem letzten Erdbebe» in Namangan in Turkeftan 130 unterirdische Erschütterungen regi- ftriert worden. Im ganzen wurden ungefähr öOOHäuler zerstört und über 2 5 0 0 b« s ch ä d i g t. Der angerichtete Schaden fall sich auf über eine Million Rubel belausen. Die Zahl der Toten hat fich auf 30 bis 40 Pcrjonen, die der Verwundeten auf 70 bis 80 erhöht, �. � Die Notlage öer Silöhauer. Soll das Kunstgewerbe aussterben? Wenn ein Verurteilter vom Leben zum Tode befördert werden jell, erhült er noch einmal das Recht der freien Meinungsäußerung, dazu eine Henkermahlzeit nach freier Auswahl. In einer ähnlichen Lage befinden sich die im Deutschen Holzarbeiterverband organisierten kunstgewerblichen bzw. kunsthandwerklichen Bildhauer, wenn die Richtung der neuen reinen Sachlichkeit und Zweckmäßigkeit mit dem Schlagwort„Form ohne Ornament" einzig und allein ausschlag- gebend wird. Bei einer Besprechung der Wohnbauausstellung in Stuttgart im „Vorwärts" vom 2. August 1927 Abendausgabe„Eine soziale Bau- ausstellung" wurde aus diese neue Richtung der Architektur hin- gewiesen und daß man das beinahe den Stil unserer Zeit nennen könne. Daran schließt sich der Vergleich des Hauses mit einer Wohn- Maschine,„befreit vom Ballast sentimentaler Ornamente, ein lebendes atmendes Nutzwesen: schreckhaft noch anzuschauen für den Banausen und ewigen Spießbürger, der alles so haben will, wie es bei Groß- Väterchen war"� Letzteres ist es, was mich veranlaßt, dem Drängen meiner Kol- logen nachzugeben und den Versuch zu machen, den„Vorwärts" als unser führendes Arbeiterblatt auch fürdieNotlage der kunst- gewerblichen Bildhauer zu interessieren. Notschreie der Künstler waren des öfteren schon im Feuilleton des„Vorwärts" zu lesen, wir wünschen, als frei gewerkschaftliche Ar- b c> t e r im gewerkschaftlichen Teil gehört zu werden. Das kaufkräftige Publikum wird durch die bürgerliche Presse beeinflußt. Die Arbeiterpresse sollte aber auch in dieser Frage derer gedenke», denen die völlige Ausschließung aus dem Produktions- prozeß droht, denn das wäre unzweifelhaft die Folge der Ablehnung jedes plastischen Schmucks. Nu, wenn schon! Die Pferdedroschken- kutscher haban sich ja auch damit abfinden müssen, daß das Auto im Verkehrswesen dominierend geworden ist! Es sroigt sich nur, ob alle diejenigen so ohne weiteres als ewige Spießbürger oder Banausen anzusprechen sind, die zwar gegen die Autoraserei, nicht aber gegen die Entwicklung der Technik an sich, und ebenso gegen Sportsexerei und Brutalität des Boxens und nicht gegen die die Jugend kräfri- gende Sportbewegung sich wenden. Noch viel weniger aber die- jenigen, die aus ihrem Schönbeitsempiindcn berous sich gegen den Stil der neuen reinen Sachlichkeit ohne jedweden ornamentalen Schmuck auflehnen. Die Sozialdemokratische Partei war schon inimer bestrebt, auch das Interesse für das weite Kunstgebiet, und was damit in engem Zusammenhang steht, Kunstgewerbe und Kunsthandwerk, bei ihren Anhängern zu wecken. Es handelt sich hier nicht allein um die Ve- Hebung der beruflichen Notlage der Bildhauer, sondern um die Vcr- tretung des Standpunktes, daß ein revolutionäres Zeitalter wohl eine neue Stilrichtung bedingt, daß damit aber durchaus nicht gesagt ist, �ie glatte Fläche sei einzig und allein das den neuen Stil Kennzeichnende. Den neuen Ausdruckssormen können und wollen wir nicht widerstreben, am wenigsten in unseren Sied- lungsanlagen, wo der reine Zwcckmäßigkcitsstil schon durch die allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse gegeben ist, und trotzdem könnt« auch hier dem künstlerische» Schönheitsempfinden über die glatte Form und Fläche hinaus durch dezente V e r- Wendung plastischen Ornaments Rechnung getragen werden: um wieviel mehr bei repräsentativen Gebäuden und besseren Inn,»- und Wohnungsausstattungen. Gibt uns doch die Natur die schönsten Vorbilder, und nur der Spießbürger und Banause geht achtlos an Kunstformen der Natur vorüber. Der Deutsche Holzarbeiterverband wirkt für alle seine Berufs- und Branchengruppen und so auch für die Bildhauer, nicht nur durch Herausgabe der Sonderhefte„D i e B i l d h a u e r e i" mit zahlreichen Abbildungen, auch in neuzeitlichen Stil- f o r ni e n, sondern auch durch Maßnahmen zur Belebung des Bild- Hauerberufs durch Eingaben an Behörden zwecks Arbeitsbeschaffung, durch Beschränkung der Lehrlingszahl in Anbetracht der Notlage der Bildhauer, andererseits aber dadurch, daß der jugendliche Nach- wuchs zur Ausbildung in guten Fachschulen als Ergänzung der Werk- stattlehre angehalten wird. Wenn allerdings die neue Stilrichtung der glatten Fläche obsiegt und das kaufkräftige Publikum zur Abstinenz aus dem kunstgewerb- lichen Gebiet erzogen wird, dann ist der Bildhauerberuf völlig überflüssig. Dann ist es aber auch ein Verbrechen, nur einen einzigen jungen Menschen Bildhauer werden zu lassen. Schreiber dieses hat aber andere Anschauungen von Kultur- und Kunstentwick- lung. Das Schmuckbedürsnis wird nach Ueberwindung unserer allgemeinen Wirtschaftslage auch auf dem Gebiete der plasti- schen Gestaltung wieder so rege sein, daß es zu einer Gesundung des Bildhauerberufs kommen wird. Darin sollte uns auch die Arbeiter- presse unterstützen. P. D u p o n t. Sozialpolitik gegen Angestellte. Der Vorstoh der Grubenbesitzer. D>r Vorstoß der Grubenunternehmer und ihrer deutschnationalen Helfershelfer im Reichstag zum Zweck der Herausnahme der kaufmännischen Angestellten aus dem Reichsknappschaftsgesetz stößt auch außerhalb der Reihen der Angestellten auf immer stärkeren Widerstand. So weist„Die Reichsversichcrung" darauf hin, daß mit dem Ausscheiden ihrer kaufmänirischcn Angestellten aus der Angestelltenpensinnskasie eine erhebliche Minderung des Kreises der Beitragszahler eintreten und die hohe Entschädigungslast auf eine geringere Zahl von Ange- stellten abgewälzt werden würde. Praktisch wäre damit die Leistungs- fähigkeit der Angestelltenpensionskasse endgültig erledigt. Die Schickjalsgemeinschast der beiden Gruppen der Angestellten im Bergbou wird also wohl einen anderen Weg einschlagen müssen, als ihn der deutschnationale Antrag Lambnch-Leopold im Reichstag vorgeschlagen hat. Das ist sicherlich auch die Ansicht der maßgeben- den Stellen im Arbeitsministerium. »Der Internationale Gewerksthaststag.� Mit dieser Ueberschrift versehen, brachte die„Rote Fahne" am Dienstag früh einen Artikel, der mit den folgenden Sätzen eingeleitet wurde: „Zum 28. August ruft, im Rahmen des alljährlichen I n t e r- nationalen Gewerkschaftstages, der Ortsausschuß Berlin des ADGB. zu einer Propagandakundgebung in Treptow auf. Anschließend soll in den Treptower Lokalen ein Gewerkschastsfcst arrangiert werden." Weil in den weiteren Ausführungen die kommunistischen Gs- werkschaftsmitglieder ausgefordert wurden, diese Gelegenheit zur Propaganda für die KPD. zu gebrauchen, sie gegen die Gewerk- schajlen zu mißbrauchen, wandten wir uns gegen die Anmaßung der KPD.-Zentrale. Nebenbei erwähnten wir, daß der JGB. nur aus- nahmsweise im vergangenen Jahre zur Feier seines 2Sjährigen Be- stehens eine internationale Werbewoche veranstaltet hatte, es also nicht zutrifft, daß es sich um eine ständige Einrichtung des JGB. handelt, was eine„Gewerkschaftszentrale", wie die KPD. sie unter- hält, eigentlich wissen müßte. Bezeichnend ist nun, wie die„Rote Fahne" operiert, um ihre Unkenntnis in gewerkschaftlichen Angelegenheiten vor ihren Lesern zu verschleiern. Die Geschichte von dem„Internationalen Gewerkschaftstag", die sie erzählt hat und die ihr a l s f a l s ch na ch- gewiesen wurde, benutzt sie zu einem zwar völlig unangebrachten, dafür aber um so einfältigeren Angriff auf den JGB., indem sie heute u. a. schreibt: „Daß der Berliner Ortsausschuß des ADGB. isoliert zu der Kundgebung ausruft, und daß der JGB. gerade in diesem Jahr der zugespitzen imperialistischen Konflikte und der verschärften Ausbeutung der Arbeitermasien n i ch t zu einem einheitlichen inter- nationalen Demonstrations- und Werbetag aufgerufen hat, ist ebenfalls blamabel für den JGB. selbst und mit ihm für die deutschen Gewerkschastsspitzen." So oder so, der JGB. muß heruntergerissen werden von den Kominunisten. Ihr ganzer„Kamp s" gegen„imperialistische Kon- siikte" wie gegen die Ausbeutung der Arbeitermasien erschöpft sich darin, der„reformistischen" Gewerkschaftsbewegung bei jeder Gelegenheit in den Rücken zu fallen und sie gleich der Sozialdemokratie fortgesetzt zu beschimpfen. Und darin ist die KPD. samt ihrer„Roten Fahne" ziemlich stark. Wenn diese„Gewerkschaftsfreunde" die Absicht haben, auch das Berliner Gewerkschaftsse st am 28. August durch allerlei Quertreibereien zu st ö r e n, dann muß der Ausführung der kom- munistifchen Anschläge, es zu einer kommunistischen Partei- demonstration abzustempeln, vorgebeugt werden. Gegenseitigkeit mit polen. In der Erwerbslosenfürsorge. Wie der Amtliche Preußische Pressedienst auf Grund eines Runderlasies des preußischen Ministers für Bolkswohlsahrt mitteilt, hat der Reichsarbeitsminister bestimmt, daß polnischen Staatsange- hörigen im Deutschen Reiche die Erwerbslosen- und die Krisen- fürsorge unter den gleichen Voraussetzungen und in gleichem Umfange zu gewähren ist wie deutschen Reichsangehörigen. Di« Leistungen der Arbeitslosenver- sicherung und der staatlichen Notstandshilfe, die den Deutschen in Polen gewährt werden, sind als gleichwertig denen der deut- schen Erwerbslosenfürsorge und Krisensürsorge anzusehen: die Gegenseitigkeit ist daher als verbürgt anzusehen. Diese Anordnungen gelten nicht für landwirtschaftliche Wanderarbeiter polnischer Staatsangehörigkeit, die durch die 8. Ausführungsverordnung zur Verordnung über Erwerbslosenfür- sorge vom 24. März d. I. von der Beitragspflicht zur Er- wcrbslosensürsorge befreit sind. Diese Personen können die Leistungen der deutschen Erwerbslosenfürsorge auch in Zukunft nicht erhalten._ Gewerkschaftliches Erwachen in flften. Der Delegierte des Allindischen Gewerkschafts- tongresses, Giri, der die indischen Arbeiter auf der Inter- nationalen Arbeitskonferenz in Genf vertrat, hat sich, wie der „Soz. Presiedienst" aus Bombay erfährt, bei seiner Rückkehr nach Indien in bemerkenswerter Weife über die Ergebnisse der Tagung geäußert. Als wichtigstes Resultat der Zusammenkunft für Asien erscheint ihm die zum erstenmal praktisch gewordene Zu- sammenarbeit der Gewerkschastsorganisationen des Fernen Ostens. Die Arbeitervertreter Indiens, Japans und Chinas seien täglichzu Beratungen über ihre Haltung zu den verschiedenen Fragen zusammengekommen. Dabei habe sich' das Bedürfnis nach dauernder enger Zusammenarbeit herausgestellt, und die Gründung eines übernationalen asiatischen Gewerkschaftskomitees fei nur noch eine Frage der aller- nächsten Zeit. Zunächst sei die Entsendung einer indischen Arbeiter- delegation nach Japan und ein Gegenbesuch japanischer Arbeiter in Indien beabsichtigt. Auch mit China sei ein Austausch von Abord- nungen geplant, um eine einheitliche gewerkschaftliche Aktion der drei großen Länder des Fernen Ostens vorzubereiten._ Aufgehobene Sperre. Die Sperre über das Lokal Blumen- garten, Oberschöneweide, Inhaber Körtig, wird hiermit auf- gehoben. Die Forderungen des Zentralverbandes der Hotel-, Restaurant- und Cafeangestellten wurden bewilligt. Die Zahl der Arbeitslosen in Wien ist in der ersten Hälfte des August um 4SS auf 75 416gc stiegen. Gegenüber dem Vorjahr wurden 8895 weniger Arbeitslose gezählt. WirtflHast Der Petroleumkampf in Inüien. Aus Kalkutta wird uns geschrieben: Indien ist zu einem der wichtigsten Kriegsschauplätze für den Kampf ausersehen, der zwischen den englischen und amerikanischen Petroleuminteressenten um die Beherrschung des internationalen Erdölmarktes geführt wird. Das russische Naphthasyndikat beabsichtigt nach einer Vereinbarung mit der Standard-Oil-Company gegen 1 999 Tonnen Petroleum nach der Levante und dem Fernen Osten zu liefern, der das Monopol der englischen Royal-Dutch-Shell im Orient brechen soll. Von den britischen Petroleumgesellschasten wird als Gegenmine der Versuch gemacht, die anglo-indische Regierung zum Erlaß eines Einfuhrverbots für russisches Petroleum nach Indien zu bewegen. Das Einfuhrverbot soll mit der Begründung erfolgen, daß das russische Petroleum Privatbesitz ist, der von der Sowjet- regierung widerrechtlich beschlagnahmt worden ist. Ernteaussichten in Amerika. Nach den von der amerikanischen Regierung dem Internatio- nalen Ackerbauinstitut in Rom übermittelten Ernteergebnissen stellt sich für den Bereich der Vereinigten Staaten von Nord- amerika der Gesamtertrag an Getreide aus 213 843 Millionen Doppelzentner. Der Ertrag ist mithin um 2,3 Proz. größer als im Jahre 1926 und um 5P Proz. größer als im Durchschnitt der Jahre 1921 bis 1925. Der Ertrag an Roggen wird mit 15 621 699 Doppelzentner angegeben. Er liegt also über dem Ertrag des Jahres 1926. Der Ertrag an Wintergetreide dagegen macht mit 159 441 Millionen Doppelzentner nur 88,2 Proz. der vorjährigen Produktion aus. Da- bei muß aber das immerhin sehr gute Vorjahr in Frage gezogc» werden. So liegt denn auch der Ertrag 1927 um ungefähr 4 bis 5 Proz. über dem Durchschnitt der Jahre 1921 bis 1 9 2 5. Gut wird der Aussall des Frühgetreides veranschlagt (81 296 699 Doppelzentner). Di« Schätzung bedeutet gegenüber dem Borjahr«in Mehr von 4 5,3 Proz. und ein Mehr von 17,7 Proz. verglichen mit dem Durchschnitt der Jahre 1921 bis 1925. Belebung in der Brückenbauindustrie. Auch in der Brücken- bau industrie, die in weit höherem Maße als andere Zweige der Eisenkonstruktion unter Veschästigungsmangel litt, macht sich seit einigen'Monaten ein kräftiger Ausschwung bemerkbar. So teilt die A.-G. für Eisenindustrie und Brückenbau (vorm. Johann Kaspar Hartort) in Duisburg bei ihrem jetzt vorliegenden Jahresabschluß mit, daß die aus dem Vorjahr her- übergenommenen und im ersten Halbjahr neu eingegangenen Aus- träge die Beschäftigung für eine Reihe von Monaten sicher- stellen. Darunter befinden sich auch zwei langfristige Groß- b r ü ck e n a u f t r S g e. Di« Bilanz hat sich nach der notwen- digen Umstellung des Unternehmens erheblich verbessert. Durch Zusammenlegung des Aktienkapitals von 3 auf 2 Millionen, durch umfangreiche Grundstücksverkäuse waren außerordentliche Abschreibungen auf die überbewerteten Anlagen sowie die Beseitigung des Verlustes von 519999 M. aus dem Vorjahre möglich. Gegenüber dem hohen Vorjahrsverlust wurde 1926 ein Reingewinn von 93 999 M. erzielt. Auch die finanzielle Lage zeigt nicht mehr die Anspannung der letzten Bilanz. Die Gesell- schast verteilt auf die 250 999 M. Vorzugsaktien die rückstan- dige satzungsgemäße Dividende für 1924 und 1925 und gleichfalls für das abgelaufene Jahr in Höhe von 6 Proz. Aus dem Reiche der AEG. In Verbindung mit der kürzlich ver- Sffentlichten Meldung über Kapitalcrhöhung bei der AEG. ist die Absicht der E l e k t r i z kt ä t s- L ie s e r u n g s- G e s e l l s ch a f t, gleichfalls eine Erhöhung des Kapitals um 5 auf 39,9 Millionen vor- zunehmen, von besonderem Interesie. Auch diese Gesellschaft, die den AEG.-Konzern sehr nahe steht, begründet die Notwendigkeit einer Kapitalerhöhung mit der E r w e i t e r u n g der von ihr betriebenen oder kontrollierten Unternehmungen. Ferner erfordern die Be- teiligung am Elektrizitätswerk A n g o r a neue Mittel.— Die Bank elektrischer Werk« bringt eine Dividende von 19 Proz. gegen 9 Proz. im Vorjahr in Vorschlag. Auch dieses Elektrounternehmen, an dem die AEG. gleichfalls maßgebend be- teiligt ist. muß demnach ein reiches Gcwinnjahr zum Abschluß bringen. Die Ufa(Universum-Film A.-G.) teilt mit, daß sie mit der Metro Goldwyn und mit der Famous Players-Gejellschaft in New York neue abgeänderte Verträge über den Austausch von Filmen abgeschlossen hat, deren Einzelheiten noch festzulegen sind. Die Rol der Ostmark ist das Leitmotiv einer Grenzmark- tagung der deutschen Bodenreformer am 3. und 4. September in Liegnitz. Auftakt bildet eine Geschäfts- ausschuhsitzung des Bundes Deutscher Bodenresormer. Dieser folgt eine Beamtenoersammlung, wo Johannes Lu- bahn, Leiter des Heimstättenamtes der deutschen Beamtenschaft, über das Beamtenheim st ättengesetz und seine Wir- k u n g e n sprechen wird. In öffentlicher Versammlung reden über„Siedlungswille und Siedlungswesen in der Ostmark": Preu- bischer Landtagsabgeordneter P i s ch k e(Frankfurt a. d. Oder), Dr. Kö bisch(Obernigk) und Stadtpfarrer Dr. Schenkel(Stutt- gart). Dr. Adolf Damaschke, Vorsitzender des Bundes Deut- scher Bodenresormer, wird dies« Versammlung leiten. Der darauf- folgende Sonntag beginnt mit einer Mitgliederversammlung des Landesverbandes Schlesien des Bundes Deutscher Bodenreformer. In einer zweiten öffentlichen Versammlung sprechen: Dir. K n o r r(Berlin), Prof. Dr. Kühn(Leipzig) und Adolf Damaschke über:„Handwerk, Industrie und Boden- reform". Die Sparkasse der Bank der Arbeiker. Angestellten und Beamlea A.-G„ Berlin. Wallstr. 65. ist täglich mit Ausnahme von Sonnabend von ö— 3 Uhr und 4— 6 Uhr, Sonnabends von 9— 1 Uhr geöffnet. Verantwortlich Mr Politik: Richard Bernstein: Wirtschaft:«. Saternu,: Tcwerks-tiaslobeweauna: Isriedr. kdkorn: gemlieton:*. S. Diicher: Lokale» und sonstiges: Fritz Narstädt: Ä!>, eigen: Ttz.«vloike: sämtlich in Berlin. Verlag: Vorwärts-Vcrlag G. m. b H., Verlin.?rurk: Vorwärts-Buchdruckerek und VerlagsanstaU Paul Singer u Co. Berlin CW Sä, Lindrnstrage tz. IZu noch nie dagewesenen Preisen bringen wir Stores, Gardinen, Bettdecken ]KQnstler-Gardinen in besten Qu al i täten für 5.90, 7.SO, 8.90 M. (UalbStoreS in allen Webearten 1.75, 4.S0, S.SO 8.— M. j Gardänen-Keste Einzii-tosii n. tlBiil-feoilir zum halben Preis. — Einzelverkauf von 9— 7 Uhr.— Spfizial-Gardinen-WeMtteo NenhdUn, Bergsir. 67 2. Stock, am Kiogbahnhof 1 Kein Laden! Holzhäuser Wothcnmdhlaicr— Prospekte g r alt«! Wald- u. Waa»«rp«rzcUcn-Nad>weUj (Berlin-Hambg.-Bahn). Erfolgreichstes Bad gegen Gicht. Rheuma, Ischias und Frauenleiden. Erfolg tausendfach bestätigt Eröffnung I. Mai 1927. Kurzeit ganzjährig. Prospekte durch die Badeverwaltung und diverser Reisebureaus MM Lesdnu's Korbmöbel IbllnMl Fonnfn Aparte Muster Mäßige Preise Vnkitihn i. 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