MbenSavssabe Nr. 391 ♦ 44. Jahrgang Ausgabe L Nr. 195 ««,uz-»«dlnau»se« Mld«nzilMnpiilk find in der Morgenaszgab«bH. Berlin SB». 68, Linden strafe 3 Zernsprecher: vvahosZ 292— 23'« ZmtraXorgan der Sozialdemokrat» fd�en parte» Deutfcbtands Linksruck in der Tschechoslowakei. Eintritt der Benesch-Partei in die Regierung angekündigt. Prag, lg. August.(Eigenbericht.) Ministerpräsident Svehla und andere führende tschechische Politiker, auch Präsident M a s a r y t, befinden sich seit einiger Zeit in Karlsbad zur Kur. Heute meldet nun„Lidoue Nooiny"(Volks- zcitung), ein großes seriöses PMgerblatt, das gewöhnlich gut in- formiert ist:»Bei den Verhandlungen in Karlsbad wurde beschlossen, daß die tschechischen Nationalsozialisten, und zwar schon im Herbst dieses Jahres, in die Regieerung eintreten werden, also kurz nach den Gemeindewahlen, die Ende Oktober oder Anfang November fällig sind." Das würde bedeuten, daß die Nationaldemokraten aus der Regierung austreten und diese durch die National- sozialen nach links hin erweitert wird. Ministerpräsident Soehla scheint zur Erkenntnis gekommen zu sein, daß aus die Dauer das bisherige erzreattionäre Regime nicht aufrechtzuerhalten ist. Für dos proletarisch« Lager bedeutet der Eintritt der National- sozialen in die Regierung eine Klärung, denn die Nationalsozialen geben sich durch diesen Schritt neuerdings als linker Flügel des Bürgertums zu erkennen, als eine Partei, die, obwohl sie viele Arbeiter in ihren Reihen hat, doch niemals eine prole- tarifch-sozialistische Partei gewesen ist.„Lidove Noviny" melden weiter, daß die tschechischen Sozialdemokraten sich be- züglich Ihres Eintritts in die Regierung zwar noch nicht entschloffen, aber dennoch bereits sich entschieden hätten, späte st ens im Frühjahr gleichsalls in die Regierung einzutreten. Die Republik hat seinerzeit den Tag, an dem einst Johannes Hus— unter schnödem Bruch des kaiserlichen Freigeleits— in Konstanz wegen Ketzerei verbrannt worden ist, zum Staats- s eiertag erklärt. Daraufhin war. der Vatikan sehr böse ge- worden, und hatte seinen Nuntius von Prag abberufen, zumal auch eine tschechische antirömische Nationalkirche staatliche Förderung genießt. In den letzten Tagen hat der Vatikan diese Haltung auf- gegeben und sich zum Friedensschluß mit der Republik bereit erklärt. Die Defatzungsstärte. Heute Ministerrat in Paris. Paris, 19. August.(Eigenbericht.) Heute tagt ein Ministerrat, der in der Frage der Herabsetzung der Rheinlandbesatzung aller Voraussicht nach endgültig entscheiden wird. Die bisher in Deutschland und England veröffentlichten Ziffern gehen aber, dem„Petit Parisien" zufolg«, weit über die Zahl hinaus, um welche die französische Regierung im Einverständ- nis mit dem Generalstab die Truppenbestände herabzusetzen gedeatt. Pariser Blätter nennen 4009 statt 10000! Im Anschluß an den Ministerrat werden Briand und Hoesch den deutsch- französischen Handelsvertrag unterzeich- n e n; die Veröffentlichung des Deriragstextes ist kaum vor September zu erwarten. Der Kampf um üie Revision. Versagt Mastachnsctts— wird Washington angerufen. Boffon, 19. August. Die Verteidiger don Sacco und Vanzetti erklären, daß für den Fall einer Ablehnung ihrer Anträge durch den Obersten Gerichtshof des Staates Massachusetts der Antrag auf Einforderung der Prozeßakten durch den Obersten Bundes-Gerichts- hof in Washington gestellt werden wird. Darauf werde sich Staatsanwalt Wust mann nach Washington begeben, um beim dortigen Gerichtsarchioar die nötigen Alten zu hinterlegen und wahrscheinlich werde gleichzeitig trotz der in der vorigen Woche durch den Richter Oliver Holmes in Beverly.erjolgten Ablehnung ihres Antrages auf persönliches Erscheinen Eaccos und Danzettis vor dem Richterkollegium ein neuer dahingehender Antrag bei irgendeinem der Obersten Gerichts- höse der Vereinigten Staaten gestellt werden. Es ist nicht bekannt. ob der vollbesetzte Gerichtshof bereits zu einer Entscheidung über die Punkte gekommen ist. die ihm am Dienstag vorgelegt wurden. Der Umstand aber, daß an der heutigen Sitzung vier Richter nicht teilgenommen haben, läßt darauf schließen, daß sie ihre Beratungen abgeschlossen haben und daß dos Ergebnis in wenigen Stunden der Presse bekanntgegeben wird. Derteidi- ger Hill hat heute dem Gerichtshof ergänzende Prozeßakten zu- gestellt zur Entgegnung auf die Argumente, die der Staatsanwalt am letzten Dienstag verlas und mit denen er die Behauptung auf- gestellt hatte, daß der Erlaß zur Bestätigung eines Rechtsirrtume in Fällen, auf die Todesstrafe steh:, durchaus in der Zuständigkeit eines einzelnen Richters liege. Verteidiger Hill erwidert darauf, daß er keinen einzigen Fall finden könne, in dem ein einzelner Richter die letzte Entscheidung über einen Antrag auf Anerkennung eines Rechtsirrtums getroffen habe. Die ergänzenden Prozeßakten erstrecken sich auch auf die Frage der Voreingenommenheit des Richter, Thayer.. öegnaöigungsaktion auch für Maöeiros. Washington, 19. August. Der portugiesische Geschäftsträger ersuchte das Staatsdepartement, die Note des portugiesischen Präsi- Kenten an Coolidge, in der um Begnadigung für den seinerzeit zusammen mit Sacco und Vanzetti zum Tode verurteilten Madeiras gebeten wird, auch dem Gouverneur Füller mitzuteilen. Die portugiesische Note führt aus, daß Portugal die Todes- strafe nicht kenne, und daß die Hinrichtung Madeiras' böses Blut in Portugal erregen würde. Der Geschäftsträger fügte hinzu, Portugal habe V er tröge mit verschiedenen Staaten, wo- nach Portugiesen nicht zum Tode verurteilt werden könnten. Im Staatsdepartement wurde erwidert, die Note des portugleskschen Präsidenten sei Füller bereits übermittelt worden. Im übrigen hätten die Vereinigten Staaten keinen derartigen Vertrag mit Portugal. Di« Ausländer genössen alle Rechte der amerikanischen Strafprozeß- ordnung. aber sie könnten nicht eine bevorzugte Behandlung bean- spruchen. Der Rechtsbeistand des Madelros, der wegen eines mit der Sacco- und Vanzetti-Angelegenheit n i ch t in Zusammenhang stehenden Mordes zum Tode verurteilt worden war. und mit ihnen htismnrnen hingerichtet werden sollte, hat an das Gouvernements- sekretariat das Gesuch gerichtet, einen Psychiater mit der Prü- fung zu beauftragen, ob Madeiras geisteskranke Verwandte habe. In dem Prozeß war bezeugt worden, daß feine Familie krank sei und daß er früher an epileptischen Anfällen gelitten hätte. Die Hin- richtung Madeiras war vom Gouverneur mit der Begründung auf- geschoben worden, daß er ein wichtiger Zeuge in der Angelegenheit Sacco— Vanzetti sei. Sowjetrußlanü unü Marokko. Veröffentlichungen des„Matin". Paris, 19. August.(Eigenbericht.) Der„Matin" veröffentlicht angebliche Dokumente über die Tä- tigteit der kommunistischen Internationale in den französischen Ko. lonien, speziell in Marokko, wonach die Moskauer Regierung den Rifkabylen große Unterstützungen an Geld, Waffen und Munition hat zukommen lassen. So wird ein Brief der Komintern vom 4. Januar 1927 veröffentlicht, in welchem diese ihren Vertrauens- mann in London beauftragt, den Rifkabylen 4S00 Gewehr« zukommen zu laffen. Der Vertrauensmann bestätigt diesen Auftrag in einem Brief an den russischen Militärattache in Paris. In einem weiteren Brief vom 16. Januar 1927 teilt Botschafter Kre- st i n s k i in Berlin dem russischen Militärattache in Paris mit, daß er zwei Offiziere, einen Major Jürgens und einen Hauptmann Engelhardt beauftragt habe, deutsch« Spezialoffi- zier« für die Rifkabylen anzuwerben. Diese beiden Offiziere hätten außerdem vom deutschen General st ab inter- essante Mitteilungen über Marokko erhalten. Am 30. Januar 1927 entwirft Kameness aus Moskau für die spanische kommunistische Partei einen aussührlichen Propagandaplan für Marokko, nur die spanische Zone zu desorganisieren. Diese Instruktionen werden aus- führlich in einem weiteren Brief des russischen Militärattaches in Paris an den Delegierten der Moskauer Internationale in Marokko, A r g i a s e f f, bestätigt. Der„Matin" kündigt die Veröffentlichung weiterer Dokumente an und behauptet, es sei nun erwiesen, daß die kommunistische Propaganda und die Sowjetregierung ein und dasselbe und nicht voneinander zu trennen seien. Die Norütruppen am Iongtsekiang. Sunhatscus Wii»ve organisiert den Abwehrkampf. London, 19. August. Die Nordtruppen haben den Iangtsekiang noch nicht über- schritten, weil die dazu erforderlichen Transportmittel fehlen. Etwa 60 000 Einwohner sind aus der Provinz Tschekiang vor den eindringenden Nordtruppen nach Futschau geflüchtet.— Eine weitere Meldung aus Schanghai besagt, daß unter der Leitung der Witwe Sunyatsens eine dritte national« Division ge- bildet worden fei. Die Angehörigen dieser Division sind Gegner des Tjchiangkaischek und hätten sich zu einem Bündnis mit Ruhland verslichtet. Man erwartet, daß sie einen Handstreich gegen �Kanton unternehmen werden. polnische(Quertreibereien. Vor der Festsetzung neuer Maximalzölle. Wie die polnische Presse mitteilt, beabsichtigt die Warschauer Regierung demnächst eine Verordnung mit neuem Maximal- Zolltarif zu erlassen. Diese neuen 5)öchstzölle können natürlich nur die Länder treffen, mit denen Polen noch keinen Handelsvertrag abgeschlossen hat, sie sind daher insbesondere gegen Deutsch- l a n d gerichtet. Diese Absicht muß gerade im gegenwärtigen Zeit- puntt, wo beide Länder vor der Wiederaufnahmt der Handels- Vertragsoerhandlungen stehen, sehr befremdend wirken. Da die Verordnung erst vier Monate nach ihrem Erlaß in Kraft treten soll, liegt die Vermutung nahe, daß die polnisch« Regierung hiermit einen Druck auf die deutschen Verhandlungspartner ausüben will. Wir sind von jeher für eine wirtschaftliche Verständi- g u n g mit Polen eingetreten. Um so mehr ist von unserem Stand- punkt aus diese polnische Zolloerordnung zu verurteilen, die nur Wasser auf die Mühlen der vertragsfeindlichen Kreise in Deutschland sein wird. Irgendeinen anderen Erfolg kann die Warschauer Regierung von solchen Maßnahmen nicht erwarten. t Kärnten als öeispiel. Die Volksgemeinschaft der Minderheiten. Von Hermann Wendel. Trotz Dölkerbundgeist und Minderheitenschutz bildet die Behandlung der nationalen Minoritäten eine der wesent- lichsten Gefahrenquellen für den europäischen Frieden. Aber wenn mn 22. August der Minderheitenkongreß in Genf zu- 'ammentritt, kann er wenigstens eine neue Seite im Buch einer Erfolge beschreiben: nilit dem Gesetzentwurf über die lowenische K u l tu r a u t o n o m ie in Kärnten, -»er von allen großen Parteien des Klagensurter Landtags eingereicht wurde und wahrscheinlich noch diesen Herbst unter Dach ustd Fach kommen wird. Rund ein Viertel der Bevölkerung Kärntens war zu Be- nn des zwanzigsten Jahrhunderts slowenisch. Freilich rennte diese Südslawen der Gebirgswoll der Karawanken so gründlich von den Brennpunkten der nationalslorvenischen Be» wegung in Krain, daß sie nur zum geringen Teil nationales Selbstbewußtsein eingesogen hatten und sich willig der mehr oder minder planmäßigen Germanisieruna durch Schule, Ver« waltung, Gericht, und Heer hingaben. Daß auch das wirt- schaftliche Schwergewicht der slowenischen Bezirke Kärntens diesseits der Karawanken in Klagenfurt und Mllach, nicht jenseits der Berge in Krainburg und Laibach liegt, gab bei der Volksabstimmung im Oktober 1920 den Ausschlag, als in der Zone II, in der die Zahl der Slowenen die der Deut- sehen um mehr als das Doppelte übertraf, nur 13 278 Stim- men auf Südslarviien und 22 623 auf Oesterreich fielen. Die vielen Tausend« von Slowenen, die sich damit zu Oesterreich bekannten, sprachen sich damit nicht etwa für das Deutschtum, sondern nur für das ungeteilte Kärnten aus. Obendrein hatten sie das Versprechen der maßgebenden Kärntner Landesbe- Hörden in der Tasche, daß ihr slowenisches Volkstum in der österreichischen Republik besser gewahrt werde als drüben in Slowenien, wo sich der Serbe mit seinem ortho- doxen Glauben und seiner kyrillischen Schrift breitmachte. Vor allem die Sozialdemokratie, die zahlenmäßig stärkste Partei im Lande, drang denn unablässig aus Einlösung jenes Versprechens, und mit ihrer Hilfe kam der Gesetzentwurf vom 14. Juki 1927 zustande, der die B i l d u n a e i n e r s l o w e- nischen Volksgemeinschaft mit öffentlich-rechtlichem Eharakter vorsieht. Jeder volljährige Kärntner Landesbürger darf sich an den letzten vierzehn Tagen jedes Jahres in das slowenische Volksbuch eintragen und wird damit ohne weiteres Mitglied der Gemeinschaft, die aus ihrer Mitte einen Volks- rat von zwölf Mitgliedern wählt. Zu den wichtigsten Rechten der Volksgemeinschaft gehört die Vefugnis, jede Art von Schulen mit slowenischer Unterrichtssprache zu eröffnen und zu verwalten und dafür freiwillige Spenden zu sammeln oder Beisteuern auszuschreiben; das Land Kärn- ten besoldet die Lehrkräfte, die allerdings österreichische Bundesbrüder sein müssen. Die Aussicht führen slowenische Ortsschulräte, die aus den Reihen der slowenischen Schul- gemeinde erkoren werden. Damit ist das Unterrichtswesen der slowenischen Minderheit in Kärnten aus der politischen Sphäre herausgehoben und auf die Grundloge der Selbstver- waltung gestellt.; Freilich findet der Gesetzentwurf bei den Stammes- brüdern der Kärtner Slowenen im Südslawenstaat wenig Beifall. Da die Slowenen zwar der kulturell fortgeschrittenste und geistig regsamste, aber auch, anderthalb Millionen Köpfe zählend, der kleinste aller südslawischen Stämme sind, empfin- den sie Verluste ihres Volkstums besonders schmerzlich, und wenn sie an die Wiedergewinnung der Hunderttausende von Volksgenossen, die 1918 an Italien gefallen sind, wegen der Stärke dieses Staates vor der Hand nicht zu denken wagen, hoffen sie im stillen desto mehr, daß das schwache Oesterreich eines Tages seine Slowenen herausgeben muß. Solchen Wünschen und Erwartungen zieht die Kulturautonomie den Boden unter den Füßen weg, da sie ein gut Stück n a t i o« naler Befriedigung bedeutet und Jrredentagelüst« schwer aufkommen läßt. Auf die schärfste Ablehnung stößt die Einrichtung des einseitigen Nationalkatasters; man glaubt, daß die Furcht vor Terror viele Slowenen von der Eintragung ab- halten werde. In der Tat beherbergt Kärnten eine besonders üble Spielart von Hokenkreuzrüpeln, die den„Windischen" gern die Hölle hcißmachen möchten. Wenn Otto Bauer in seinem Werk„Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemo» kratie" es als unvermeidlich bezeichnet, ,chie freie Nationali- tätserklärung durch ein System von Strafandrohungen gegen den Einfluß der politisch und wirtschaftlich Mächtigen zu schützen", so wäre es sicher ein Verdienst der Kärntner Partei, solche Vorkehrungen in das Gefetz hineinzubriingen. Auch scheint die Erörterung nicht unangebracht, ob in den über- Wiegend slowenischen Bezirken nicht erst die Auflegung eines zwiefachen, eines slowenischen und eines deutschen Volks» registers, den Sinn der freien Nationalitätsbestimmung er- schöpft. Eine weitere Abbröckelung des slowenischen Bevölte- rungsteiles besorgt man trotz der Kulturautonnmie in Laibach um so eher, als die Volkszählung 1880 noch 85 154 Kärntner mit slowenischer Umgangssprache feststellte, 1910 66 602 und 1923 nur mehr 37 224. Gleichwohl widerspricht die national- slowenische Forderung, der Staat solle alle slowenisch Sprechenden mit Zwang der slowenischen Volksgemeinschaft zuweisen, völlig dem Begriff der nationalen Selb st- Verwaltung aus Grund des National- r a t a st e r s, wie ihn zur Lösung der Nationalitätenfrage im Habsburgerreich zuerss die österreichische Sozialdemokratie durch den Mund Karl Renners verfochten hat. Denn da die sogenannten objektiven Kennzeichen für die Zugehörigkeit zu einer Nation nicht ausreichen— die Elsässer zählen sich trotz ihrer deutschen Sprache zur sranzösischen Nation!— entspricht es der nationalen Demokratie, wenn sich jeder mündige Staatsbürger freien Willens zu einer Nation bekennen darf. Der nationale Zwang aber erinnert an den religiösen Zwang dunklerer Jahrhunderte, und voll- ends ein Unding wäre es, im slowenisch-deutschen Mischgebiet nach der Abstammung sondern zu wollen: auf der Kan- didatenliste der deutschen Partei in Slowenien für die nächsten Skupschtinawahlen finden sich die„germanischen" Namen Kaschier, Possek, Wesensschegg, Semlisch, Preletz, Spruschina, Stoff und Miglitsch, während für das Erwachen des slo- wenischen Nationalgefühls in den letzten Menschenaltern Männer wie Bleiweis, Gutsmann, Linhart, Einspieler» Kleinmayr, Mcnzinger, Ziegler wichtig waren. Die Kultur- autonomie wird nicht verhindern, daß auch künftig in Kärnten Slowenen ebenso freiwillig ins Deutschtum hinein- wachsen, wie sich in Krain Deutsche slowenisieren werden. Aber das wichtigste ist doch, daß dieses Gesetz jede Zwangsnationalisierung in Zukunft vereitelt: wer sich als Slowene bekennt, vermag seinen Kindern ungehindert und mühelos slowenische Erziehung zuteil werden zu lassen. Damit ist an einer scharfen Ecke für die Befriedung der Nationali- täten viel getan. Bedenklich stimmt, daß bisher ausschließlich kleinere Staaten wie Lettland und Estland und jetzt Oesterreich ihren Minderheiten Kulturautonomie zugestehen, während sonst die über den Minoritäten geschwungene Fuchtel noch nicht über dem Knie zerbrochen ward. Wo ist der erste große oder mittlere Staat, der dem Bei- spiel Kärntens folgt? Reichswehr am Verfassungstag. Gestler genehmigt Gieße» und Donaueschingen. Gewissermaßen zum Ausgleich für die Angriffe, die es wegen seines Flaggenerlasses von deutschnationaler Seite ein- stecken mußte, läßt das Reichswehrministerium jetzt erklären, daß es das Verhalten der Offiziere billigt, die in Gießen und Donaueschingen durch demonstratives Entfernen die Verfassungsfeier störten. Um diese Entscheidung verständlich zu machen, wird be- hauptet, daß sowohl in Gießen wie in Donaueschingen„Partei- politische" Reden gehalten worden seien, anstatt„über- parteiliche", wie das Wehrministerium sie erwartet hat. Daß das nur eine sehr üble Ausrede ist, leuchtet ohne weiteres ein. Denn schließlich wird kein politischer Eunuche bestimmt, eine Verfassunqsred» zu halten, sondern ein Mensch, der fest zur eigenen Ueberzeugung steht. Andernfalls soll er ab- lehnen, eine solche Rede zu halten. Aber daß der jeweilige Wehrkommandeur sich die Zensur darüber anmaßt, ob etwas „parteipolitisch" ist oder nicht, das ist nur in diesem von 5ia!bh:iten erfüllten Geßlerschen„Wehrstaate" möglich. Gegen fchwarzweißrote Zlaggenüiebe. Verordnung zum Schutz der Reichsfarben in Oldenburg. Di« unhaltbaren Zustand« In den oldenburgischen Oftseebädern —«i-tn Frage kommen vor allem Travemünde, Timmcndors und Niendorf— wo die schwarzrotgoldenen Flaggen der republikanischen Bädegäst« nahezu Nacht für Nacht gestohlen und zerstört werden, hat das oldenburgische Staatsministerium endlich veranlaßt, eine Verordnung zum Schutze der Reichsfarben in den Bädern zu erlassen. Darin wird erklärt, daß die Regierung die Zustände unter keinen Umständen weiter dulden werde. „Ganz abgesehen davon, heißt es in der Verordnung, daß das Vorgehen eine Verunglimpfung und unter Umständen strafbare Be- Die pfiffigen und öer öeutfthe Staat. Don Fritz S o l m i tz. Die deutsche Bourgeoisie ist in eine peinliche Zwickmühle ge- raten, Wilhelm, ihr einstiger Kaiser und Held, hat jeden Kurswert verloren. Seins Nachkommen erfreuen sich zwar wärmster Sym- pathie bei gewissen unverheirateten Damen über 40, ihre Photo- grophien zieren so manches jungfräuliche Nachtiischchen, und manches keusche Abendgebet trägt ihren Namen mit gen Himmel empor— aber dchnit ist auch der Kreis ihrer Anhänger so ziemlich erschöpft. Und die„Kaiserin Herminc"— ach Gott, Herminchen hat sich wirk- lich schwere Mühe gegeben, sie hat in Berlin Quartier gemacht für ihwn Auserkorenen, sie hat durch ihren angeheirateten Vetter, Herrn G.. Sylvester Viereck, in dessen Adern blauestcs Hohenzollernblut rollt, in USA. Reklame machen lassen. Aber es hat alles nichts genutzt. Die lyrischen Schwärmereien Ihrer Majestät—„mein Märchenprinz" hieß da der ausgerissene Wilhelm— haben die Nankees ein- fach gelangweilt. Nach drei Fortsetzungen wurde die Veröffentlichung eingestellt. Katastrophaler Kurssturz für Hohenzollern. Nüchterne Geschäftsleute haben dieses Papier längst abgestoßen, interessieren sich weit mehr für republikanische Werte. Idealen nachzujagen, ist nie Sache des deutschen Geschäftspatrioten gewesen. Die„gute Gesell- schaft" schickt sich an, ihren Frieden mit der Republik zu machen. Sie wäre längst so weit, hätte nicht diese Republik einige abstoßende Eigenschaften. Sie riecht so penetrant nach Proletarierschweiß: der „Ludergeruch der Revolution" steckt noch so unangenehm in vcr- schiedenen Artikeln ihrer Verfassung. Kein Hindenburgweihrauch kann diesen peinlichen Geruch von Arbeit und Massenversammlung ganz übertäuben. Rein— Geschäfte machen mit dieser Republik— jederzeit zu Diensten: aber lieben kann man sie doch wirklich nicht. Aber irgendein anbetungswürdiges Ideal, irgendeinen Popanz muß man der harrenden Menge der schafsgeduldigen Mitläufer doch zeigen. Monarchie?— Nein, damit locken wir keinen Hund mehr vom Ofen. Republik?— Nein, das geht wirklich nicht. Wirtlich eine peinliche Situation. Samiel hilf! Und Samiel hat geholfen. Will inan nicht mehr Monarchie und kann nicht Republik sagen, -dann sagt man eben einfach„der Staat". Für„den Staat" sind wir� •tich alle, von den Böltrschen bis zu den Kommunisten, denn die wollen doch auch im Staat mitreden. Und die übrigen, die Deutsch- nationalen, das Zentrum, die Sozialdemokraten, die sind doch erst re-)t„staatserhaltend": am allerstaatserhaltendsten sind aber natür- ltch wir. wir Männer von der„nationalen" Couleur. So l«itartikelt es um Hugenberg. Ist es nötig, auf diesen pfiffigen Taschenspielertrick mit ernst- basten Argumenten zu antworten?— Ueberflüssig jedenfalls Nicht: osnn man kennt die oerklcistcrnde Wirkung solcher Schcinparol-n der bürgerlichen presse auf die Gehirn« unpolitischer Leser. Darum sei es gleich deutlich gesagt: dieser„Staat", für den sich neuerdings die bürgerliche Presse begeistert, ist«ine leere Abstraktion, schimpfung der Reichsfarben enthält, hat auch der Reichsange- hörige berechügten Anspruch auf den Schutz der von ihm gezeigten verfassungsmäßigen Rsichsfarben. Die zuständigen Behörden sind angewiesen, alle Maßnahmen zu treffen,' die eine Eqtsernung. mut- willige Beschädigung od»r Vernichtung solcher Flaggen zu oerhin- dern geeignet sind und etwaige Täter zur Strasoersolgung zu bringen." Es hat lange gedauert, bis diese Verordnung zum Schutze der Reichsfarben herausgekommen ist. Kein Wunder, denn Oldenburg hat eine Rechtsregierung._ Wie fie öemonftrieren! Blick hinter kommunistische Kulissen. Die KPD. veranstaltet heute abend wieder Protestkundgebungen für Sacco und Vanzetti�. Parole: Massenkundgebung, Masjenprotest. Massen heraus. Erste Seite„Rote Fahne"— Befehl an die Massen: „heule, Freitag/ 19. August, 19 Uhr. nach dem ehemaligen Herrenhaus, Leipziger Straße, und Sophien-Säle, Sophien- straße 17/18.". Dies jür die Massen. Für die Führer lautet der Befehl— „Rote Fahne", zweite Beilagenseite: „Instruktionsabend heule, Freitag, den 19. August, 1914 Uhr. im Sitzungssaal des Karl-Liebtnecht-Hauses, Kleine Alexanderstraße 28, für alle Referenten der Bezirksleitung und der Verwal- tungsbezirksleitungen. Tagesordnung: 1. Jnnerpolitifche Lage Deutschlands.... An dieser Sitzung müssen alle Referenten teilnehmen. An der Zusammenkunst müssen ferner teil- nehmen: alle Mitglieder der Kulturfraktionsleitun- gen der VB., der Lehrerfrattion, olle Referenten sowie die Pol.- und Org.-Leiter der Verwaltungs- bezirksleitungen des KJVD. und des ISB. und die O b- leute der Elternbeiräte der Verwaltungsbezirke, Die betreffenden Ressortleiter der Bezirksleitung der Partei und der, Jugend müssen ebenfalls zu dieser Zusammenkunst erscheinen." Di« Massen werden zum Demonstrieren für Sacco und Dan- zetti geschickt, die F ll h rer hoben das nicht nötig. Sie beratschlagen zur selben Zeit, wie man die Arbeiterbewegung am besten spaltet. Die Hetze gegen Sie Handarbeiter. Der Landbund will ihnen die Freizügigkeit rauben. Neuerdings machen sich unter den Großagrariern wieder die Bestrebungen geltend, die die Landarbeiter aus naheliegenden Grün- den ihrer gesetzlich sestgelegten Freizügigkeit berauben wollen. So hat erst kürzlich«in Westdeutscher Arbeitgeberverband nach Ab- hilsemaßnohn'en„gegen den K o n t r a k t b r u ch" landwirtschast- licher Arbeiter" gerufen. Ihm folgt jetzt der Kreislandbund Königs- berg-Reumark. Dieser schreibt in seinem Nachrichtenblatt u. a.: „In der letzten Zeit mehren sich wieder die Klagen über den Kontraktbruch ländlicher Arbeiter, und die Frage, wie dem- selben zu steuern sei, wird immer dringender aufgeworfen. Hier gibt es nur ein Mittel, und das haben die ländlichen Arbeitgeber selbst in der Hand: Es darf kein Arbeiter. der nicht ordnungsmäßig seine. Stelle verläßt, also unter srist- gerechter Kündigung, von irgendeinem Landwirt in Arbeit und Lohn genommen werden. Ganz ausgeschlossen aber muß es sein, weil sittlich verwerflich, daß ein Landwirt Leute eines anderen Landwirts zum Kontraktbruch verleitet, um sie bei sich einzustellen. Ein solches Verhalten unter Berussgenossen kann unter keinen Umständen gutgeheißen werden, weil es gegen Treu und Gläübdlt verstößt. Es kann durch nichts gerechtfertigt werden, auch»I ch t durch den größten A r b e i t e r m o n g e l. Bon Landbundmitgliedern muß mit aller Entschiedenheit er- wartet und verlangt werden, daß sie ihren Berufsgenossen die Treue halten, da sonst die Einigkeit im Landbund einen schweren Stoß erleiden würde. Wir weisen aus den Beschluß der letzten Generaloersammlung hin:„Wer einen kontraktbrüchigen Arbeiter beschäftigt bzw. einstellt, kann aus dem Landbund aus- geschlossen werden." Man fordert also offen den sozialen und gesellschaftlichen Boy- kott gegen Arbeiter, die von dem Recht der Freizügigkeit Ge- ein hohles Nichts. In Wahrheit gibt es keinen absoluten„Staat", sondern nur Staaten, Staaten sehr verschiedener Art. Das so- schistische Italien ist so gut ein„Staat" wie das demokratische Frank- reich, das feudale Abessinien wie das bolschewistische Ruhland. Was ist das Gemeinsame all dieser Staaten?— Rur, daß sie auf einem umgrenzten Bezirk«ine bestimmte Ordnung menschlichen Zusammen- lebens garantieren. Daß ein« solche Ordnung notwendig ist, darin sind sich allerdings alle Menschen— von ein paar hirnverbrannten Anarchisten abgesehen— vollkommen einig: aber alles kommt darauf an, wie diese Ordnung aussieht. Darum haben die Menschen seit Jahrtausenden gekämpft, und darum werden sie weiter kämpfen, bis die S t a a t s f o r m erreicht ist, die allen gleich gerecht wird, die sozialistische. Für die Sozialdemokratie ist die Frage„staatserhaltenv" oder „staatsverneinend" längst gelöst. Wir hassen den Staat, der eine Ausbeutungsmaschine der herrschenden Klaffe ist: wir dienen dem Staat, der die Organisationsform eines freien Volkes ist. Das Deutsche Reich steht heute zwischen beiden Formen: es ist nicht mehr, wie bis vor acht Iahren, ein brutaler Herrenstaat: es ist noch nicht ein Reich der Freiheit und Gleichheit. Darum kämpfen wir um diesen Staat, um die deutsche Republik. Solange die demokratische Republik besteht, so lang« stehen wir treu zu ihr: denn sie ist der Boden, aus dem wir unseren Kamps ausfechten. Unsere Liebe ober und unser Herzblut gehören dem Staat der Zukunft, der sozialistischen Republik, um die wir kämpfen. Für die pfiffigen Mächler aber, die uns mit der Redensart von der Li?j>e zum„Staat", der unabhängig sei von der„Staatsform", betören wollen, für die haben wir nicht mehr als ein mitleidiges Achselzucken. öerufungsskanSal an öer Universität Jena. Prof. Dr. M. Voerting schreibt uns: Seitdem vor Iahren die damalige sozialistische Regierung in Thüringen einige Professoren gegen die Zustimmung der Fakultät berufen hat. kämpft Prof. Plate bis auf den heutigen Tag auf den Zinnen der akademischen Burg gegen sogenannte„leichtfertige" Be- rufungen. Es wird daher Zeit, sich Herrn Plates eigenes Verhaltcn bei Berufungsangelegenheiten etwas näher anzuseilen. Man stößt da alsbald auf folgenden unglaublichen Fall, der aus der Zeit stammt, als Plates völkisch« Partei im Landtag das Zünglein an der Wag« bildete und infolgedessen entscheidenden Einfluß in der Regierung ausübte. Der Kustos des phyletischen Museums, das Plate als Nachfolger Haeckels untersteht. Eduard Uhlmann, Freund und Mitarbeiter Plates, ist zum Professor an der Universität Jeyo ernannt worden. Eine vorherige Habilitation ist nicht erfolgt, auch liegt kein« einzige wissenschaftliche Lesstung vor. Das einzige, was aufzusiiiben ist, ist ein Artikel in der Jenaer Zeitschrift für Natur- Wissenschaft, der außerdem nur zusammengeschriebene Ansichten anderer Leute enthält.— Gllnstlingswixlschait an den Universitäten ist ja«in oft und leider vergebens beklagter Zustand, aber es ist geradezu schamlos, wenn derselbe Professor, der aus der einen Seite brauch machen, und gegen U n t e r n e h m e r. die sich an die Land» bundparolen nicht kehren. Immer ist es der Kontraktbnrch, der als Vorwand dient. Docnach, ob die Großgrundbesitzer mit ihrer be- kannt schlechten Behandlung von Landarbeitern den Kon- traktbruch direkt herausgefordert haben oder nicht, danach fragt kein Mensch. Am liebsten möchten die �Großagrarier hinter jeden Arbeit- nehmer. der einmal einen Arbeitsvertrag eingegangen ist, einen Polizisten setzen— natürlich nicht hinter die Unternehmer, die Arbeitskräfte in menschenunwürdigen Wohmmgen unterbringen und auch sonst ihren Verpflichtungen nicht nachkommen. Interessant ist die Kundgebung aus dem Kreise Königsberg deshalb, weil der derzeitig« Reichsinnenminister und amtliche Hüter der Reichsoerfassung, Herr v. K e u d e l l, dort beheimatet ist. Wir sind gespannt, ob angesichts dieser Verhältnisse, die er ja besonders gut kennen muß, sein Ministerium etwas zum Schutz, der Frei- zügigkeit der Landarbeiter tun wird oder untätig zusieht, wie eine derartige Hetze noch mehr Menschen dem Lande entfremdet, das sonst immer nach Arbeitskrästen schreit. Cisele wird abgeschüttelt. Aber er bleibt Pressechef. München, 19. August.(Eigenbericht.) Nunmehr äußert sich auch die offizielle Parteikorrespondenz der Bayerischen Volkspartei zu den Auseinandersetzungen zwischen Dr. W i r t h und dem Pressechef der bayerischen Staatsregierung Dr. E i s e l e. Die Annahme, als ob die umstrittenen Aussätze Dr. Eiseles in der„Neuen deutschen Zeitung" von Port» Alegre (Südamerika) im Einverständnis mit dem bayerischen Ministerpräsi- denten oder der Bayerischen Volkspartei geschrieben worden seien, wird als jeder sachlichen Grundlage entbehrend bezeichnet. Die Auf- sätze seien reine P r i o a ta r b�i t. Die Korrespondenz bezeich- net es allerdings als u n e r w iRi s ch t, daß der Pressechef der bayerischen Regierung eine private, politisch« publizistische Betäti- gung entfaltet. Sie hebt aber hervor, daß Dr. Eise!« im Gegensatz zu seinen Amtsgenossen im übrigen Deutschland nicht Staats- b e a m t e r, also keine beamtete Persönlichkeit sei. Es geht auch mit Reichsfarben. Eine erfolgreiche Zurechtweisung. Die rheinisch-westsölischen lippischen Tischler haben vom 6. bis 8. August einen Tischlertag in Duisburg abgehalten unter dem Protektorat des Duisburger Polizeipräsidenten Meyer. Der Polizeipräsident, ein überzeugter Republikaner, erschien. Er sah dip Meister vom Hobel, er sah schwarzweißrote Fahnen, er sah Phantastefahnen, aber nicht eine schwarzrotgoldene Fahne. Und er sprach: „Meine Herren, Sie haben mich in meiner Eigenschaft als staatlichen Beamten eingeladen. Da ich konstatieren muß, daß Sie In ihrem Tagungslotal die Farben der Verfassung vermieden haben, werde ich, wenn Sie nicht innerhalb 19 Minuten das Ver- säumnis nachholen, ernstlich gezwungen sein, meine Anwesenheit zu bedauern." Sprachs und setzte sich. Es waren noch kein« 10 Minuten ver» strichen, so sah man im Saal die schwarzrotgoldene Fahne. Die Er- Ziehung zur Achtung gegenüber der Republik geht langsam, aber sicher!* Au» der host in Wien entlassen und das verfahren gegen ihn eingestellt— dies widerfuhr dem Kommunisten I i a l a, der am 15. Juli den ersten Schuß auf die Polizei abgefeuert hoben fällte. Dieser oielstrapazierte„Beweis" gegen die Demonstranten ist also spurlos oerflogen. Eine Kremlrechnung für Polen. Die Sowjetregierung hat an die polnische Regierung eine Rote gerichtet, in welcher sie 3909 Dollar für die dem polnischen Hauptmann Orlinski bei seinem Flug Warschau— Tokio gewährte Unterstützung fordert. ver ängstliche Faschismus hat schon wiedcf«ine„kommunistische Verschwörung aufgedeckt", und zwar in Tarent: neue Arbeit für die Sondergerichtc! einwandfreie Berufungen mit moralischem Pathos angreift, auf der anderen Seite seinen Freund ohne jede wissenschaftliche Leistung in eine außerordentliche Professur lanciert. Da» Jubiläum des Germanischen Naiionalmuseums. Der Festakt der Feier des 7Sjährigen Bestehens des Germanischen Rational- museums in Nürnberg ging Donnerstag in der Karthäuser Klosterkirche des Museums vor sich. Der Festredner. Pros. Dr. Sauer- Freiburg, schilderte die bisherige Geschichte des Germani- schcn Nationalmuscums. Die Geschichte des Germanischen National- museums war Ausdruck und Symbol der Entwicklung der nationalen Idee in Deutschland. In warmen Worten gedachte er der Männer, die sich um das Germanische Nationalmuseum verdient gemacht haben, in erster Linie des Gründers des Museums, des Freiherrn von Aufseß. Er schloß seine Rede:„Vergeßt nicht das Erbe, das heilige Bcrmöchtnis, das dem deutschen Volke vermacht worden ist. das Eigentum des deutschen Bolkes ist. Das soll fürderhin das Sorgenkind, ober auch Deutschland Stolz bilden!" Der bayerische Kultusminister teilte in seiner Begrllßungs- anspräche mit, daß der bayerische Staat als Jubiläumsgabe dem Museum zwei Gemälde des Augsburger Künstlers Jörg Bres, dar- stellend die Kreuzigung Christi und die Flucht nach Aegypten, aus dem 16. Jahrhundert, übergebe. Als Vertreter des Reichspräsidenten und der Reichsregierung überreichte Staatssekretär Dr. Z w e i g e r t als Ehrengabe des Reiches das Bild eines alten Elsässer Meister- aus der Zeit Schongauers. Als Vertreter der Stadt Nürnberg sprach Oberbürgermeister Dr. Luppe, der insbesondere auf die kulturelle Aufgabe des Germanischen Nationalmuseums hinwies. Heber neu aufgefundene Meisterwerke der antiken Plastik machte Solomon Reinach in der letzten Sitzung der Pariser Akademie de Inseription Mitteilung. Es handelt sich zunächst um eine Bronze- statue des jungen Bacchus, die in Aegypten gesunden wurde und die in ihren, formen an die Putten des Donatello erinnert. In Smyrna wurde ein Terrakottakopf des olympischen Jupiter, ferner zwei Köpfe junger Mädchen aus der ersten Hälfte des vierten Jahr- Hunderts gefunden. Schließlich wurde der obere Teil einer Replik des schlafenden Hermaphroditen gesunden, von dem das vollständigste Exemplar im Nationalmuseum zu Rom ist. Reinach glaubt, daß das Original eine Bronzestatue aus Kleinasien war, die etwa um das Jahr 299 v. Chr. gegossen wurde. Der volksbühae, Theater am Vülotvplah und Theater am«chiffdauer- dämm wurden neu verpflichtet: Georg Czimeg(Dien). Friedrich Gna» <£>ambiirp), Ernst Gronau, Ferdinand Hardt(Berlin), Fritz KlaudiuS, Jacob Sinn(Gera). «ine Stlflung fiir da, Vasteur-ZnfHtot. Ein in San Nemo verstorbener Arzt Reno klppcrt vermachte dem Pasleur-Jnstitut 20 Millionen Franken. «haplln,«hcscheidung. Vor einigen Tagen legte der Anwalt der Frau Eharlie Chaplins in ihrem EhcschciduiigSproze!, lein Mandat nieder. Er erttäitc, dah Frau Chaplin von ihiem'Gatten eine Bergleichziumine von 1 Million Dollar geboten worden sei. Dieic habe jedoch den Vergleich mit dein Hinweis abgelehnt, dag st- die Klageerhcbung gegen Charlie Chaplin verlange, weil er in Beziehungen zu einer bekannten Filmschauldielerrn stehe. Der Anwalt fühlte sich unter die cn Umständen verantatzt, sein Mandat niederzulegen. « 6dm Thea Das große Angebot.— Eine D?r Nordwesten Berlins scheint ein günstiges Pflaster für Agen- t"rcn zu sein, dort lisg«n sie jedenfalls alle nebeneinander— gleich i.üchtern,- gleich häßlich, gleich überfüllt. Es herrscht gar kein Kon- iurrenzneid, man sagt ruhig: hören Sie, Herr W. meint, es sind die und die Aussichten, oder ich komme gerade von Herrn H., er sag:, der Direktor von B. wird erwartet. Äst das nun ein schlechtes Zeichen oder nicht? Reich ist wohl noch keiner durch die Bermitt- langen von Engagements geworden. Und dann, es ist ja ein so großes Angebot von Kräften da, daß es wirklich nicht darauf ankommt, sich gegenseitig etwas wegzuschnappen. Trotzdem hängt jeder Theateragent an seinem Metier. Es ist wie ein Fluch, der einem verfolgt, man kommt nicht davon los, wenn man mal in irgendeiner Beziehung gestanden hat zu den Brettern, die die Welt bedeuten. Man kann zu jeder Jahreszeit zu einem Agenten kommen, er wird sie immer für die ungünstigste halten, warum mit dem August ein« Ausnahme machen? Die neue Spielzeit beginnt meist am 1. September, manchmal erst am 15- September. Dieses Jahr ist es etwas eigentümliches, es ist gar keine Konjunktur vor- banden. Viele Direktoren haben ihr Ensemble noch nicht zu- sammen, sie müssen noch abschließen, deswegen kommen sie nach Berlin. So hofft der Schauspieler weiter auf seine große Chance. Was der Agent dabei tun kann, ist herzlich wenig. Er kann dem Direktor nur einig« Schauspieler nennen, die für ihn in Frage lommen. Da nun jeder Direktor mit mehreren Agenten arbeitet, kann er die Wahl haben zwischen einigen fünfzig Leuten, die für dasselbe Fach in Frage kommen. Die persönliche Leistung fällt sehr ins Gewicht. Gewiß, der Agent kann die Möglichkeit vermitteln, daß ein Schauspieler wenigstens gehört wird, wieviele(und nicht die schleclstesten) können sich nicht einmal diese Gelegenheit verschaffen. Wieviel er leistet, hängt natürlich doch von seiner Bs- gabung ab. Die Aufgaben eines Agenten sind es: dem schlecht informierten Direktor aus der Provinz geeignete Kräfte in Borschlag zu Der tägliche Regenguß. Seit einer Woche ist täglich eine Wassermenge auf das Land her- niedergegangen, die nicht nur das abgemähte Getreide, sondern über- Haupt alle Feldfrüchte, die auf nicht ganz hohem, durchlässigem Boden stehen, in die größte Gefahr bringt. War der kühle und auch schon reichlich feuchte Frühsommer dem Wachstum, namentlich des Gemüses und des Obstes, nicht günstig, so ist jetzt mit dem Bersaulen im Boden und am Baume zu rechnen. Allgemein hört man, daß die Pflaumenernte eine sehr reich« werden könnte, falls jetzt günstiges Wetter ein- trat«, aber jeder neue Morgen scheint neue Regengüsse zu bringen. Die Frühkartvsfelernte ist in vollem Gange: wer es einigermaßen vermeiden konnte, die Aussaat auf niederem Boden vorzunehmen, wird auf eine sichere Ernte rechnen können, während das hohe Grundwasser im niederen Boden die Kärollen zur Fäulnis bringt. Recht traurig sieht es mit der Haferernts aus: weite Felder mit den regengepeitschten Mandeln bieten sich dem Blicke dar. Wenn man auch gewöhnt ist, von der Mark als einer Sandbüchse zu sprechen, so ziehen sich doch an den zahlreichen kleinen Flüssen und an vielen Seen niedrige Landslächen hin, die, früher als Wiesen genutzt, mit *" der fortschreitenden Ausdehnung der menschlichen Betriebe als Acker- unh.iAärtenland behandelt werden. Wie mancher Siedler hat in diesem Sommer seinen ganzen oder halben Morgen nberslutct oder so durchweicht gesehen, daß alles Gcpflanzte ständig dem zerstörenden Einfluß des Wassers ausgesetzt war. Auch in den Ziergärten sind viele Verluste zu befürchten Blumenzwiebeln, die im Hochsommer im Ruhezustand verweilen sollen, um im Herbst zu neuem Triebe angeregt zu werden, faulen völlig weg. Hilfsmittel zur Abwendung der Schäden durch zu reichen Wassersegen sind nur in beschränktem Maße vorhanden: Gräben können gezogen werden, aber meist ist der B-�den auf dem kleinen Besitztum so dicht mit Pflanzen besetzt, daß man schon beim Auswerfen der Gräben vielen Schaden erleidet. Wer über hohes und niederes Land verfügt, sollte seine Kulturen auf beide Landarten verteilen: er hat dann meist Aus- sicht, die eine Hälfte zur vollen Ernte bringen zu können. Der Walüwirt von Jagen 44. Kein Mord, sondern Selbstmord. Mordalarm durchlief gestern den Norden Berlins. Der Büffetier Kragemann aus der Müllerftr. 162 war in der im Jagen 14 der Tegeler Forst gelegenen einsamen Schankwirtschaft, die er für seine Braut, eine Frau M., leitete, erschossen ausgefund«n worden, und es war die Vermutung aufgetaucht, daß Krägemann ermordet worden war. Die Leiche des erschossenen Büssetiers ist nun von. dem Gerichtsarzt Prof. Dr. Strohmann besichtigt worden. Das Ergebnis der polizeilichen Ermittlungen und das Gutachten des Arztes lauten übereinstimmend dahin, daß h ö ch st w a h r- scheinlich kein Verbrechen, sondern Selbstmord vorliegt. In der letzten Zeit herrschte eine Mißstimmung zwischen Kr. und seiner Braut, und man nimmt an, daß die Mißstimmung über den Streit den Büfferier veranlaßt hat, sich zu erschießen. Sowohl die Lage der Leiche als auch der Schußkanal deuten auf einen Selbstmord hin. Die Leiche ist aber trotzdem beschlagnahmt >>nd nach dem Schauhause gebracht worden und wird dort heute oder morgen obduziert werden. Kragemann war unter den Ausflüglern jener Gegend eine wohlbekannte Persönlichkeit. Viele Wanderer nahmen in seiner Bude, die mitten im Walde steht und von Tischen und Stühlen umgeben ist. Erfrischungen zu sich. Vor zwei Iahren wurde er in der Oeffentlichkeit genannt. Er betrieb mit seiner Braut ständig auch Kleintierzucht, besonders hielt er viel Hühner. Ein- brechcr drangen damals in seine Stallungen ein, schlachteten die Hühner ab und standen im Begriff, sie in einem Sack weg- anschaffen, als er sie überrafcküe. Als er von einem der Einbrecher bedroht wurde, griff er zur Waffe und streckte mit einem Schuß den Angreifer tot nieder. Die anderen entkamen. Kragemonn wurde damals zur Verantwortung gezogen, in der Hauptverhandluntz aber freigesprochen, weil er nachweislich in der Notwehr gehandelt hatte. Rheinische Aebeitersän�er in Berlin. Die Rheinischen Arbcitersänger werden in der Zeit vom 27. bis 29. August d. I. in Berlin weilen. Zu diesem Zweck findet am Sonnabend, dem 27. August, abends 8 llhr, im Saalbau Friedrichs- Hain unter der Führung des Gaues Berlin des Deutschen Arbeiter-Sängcrbundec daselbst ein Gastkonzert statt. Gleichzeitig haben die Rheinischen Arbeitersänger, »nd zwar die Freie Chor-Vereinigung, Köln, dem Ortsausschuß Der- lm des Allgemeinen Deutschen Gewerkschastsbundes und AsA-Bundes ihre Mitwirkung bei dem am 28. Zlugust d. I. in Treptow statt- findenden G e we r k s ch a f t s s e st zugesagt. Nile Tchlachierei polizeilich geschlossen. Wie wir heute morgen mittciUen/erkranktcn in Staaken bei Spandau 19 Personen nach dem Genuß von frischem Hackfleisch zum Teil unter schweren Vergiftungserscheinungen. Jetzt wird ein neuer Fall aus dem Osten Berlins bekannt. Mehrere Per- sonen erkrankten unter Verglstungserscheinungen, die sich in Er- brechen, Durchsall usw. äußerten. Der behandelnde Arzt stellte Stätte des Künstlerverbandes. bringen. Geeignet— wer ist geeignet? Die Agenten müssen daher das Theaterwesen wirklich kennen, müssen wissen, was in Beuthen verlangt wird, und das Repertoire von Schweinfurt im Kopf haben. Sie müssen verantworten können, wenn sie den oder jenen emp- fehlen, müssen aus der Fülle des Angebots eine Auswahl treffen. Die Auswahl ist oft sehr schwer. Es wird immer schwer sein, über Talent oder Nichttalent zu entscheiden, am schwersten bei einem Schauspieler, d. h. bei einem reproduzierenden Künstler. Woher kommen alle die vielen Menschen, die den Drang zur Bühne in sich spüren? Es sitzen seit Mai zahllose junge Menschen in Berlin herum, die Arbeitslosenunter st ützung beziehen. In einem für sie errichteten Mittagstisch essen und lieber ver- hungern, als einen anderen Beruf ergreifen. In den abgetretenen Gebieten, im Elsaß, in Oberschlesien, in Holstein sind deutsche Theater eingegangen, ihre Darsteller aber sind meist ins Reich gekommen, sie müssen untergebracht werden. Sie wenden sich a.r die Agenten, sie warten, daß noch in letzter Stunde Abschlüsse zustande kommen. Viele Theater konnten durch Zusammenschlüsse mit verschiedenen Bühnen ihr Ensemble verringern, das bedeutet einen Zuwachs von Kräften. Und der natürliche Zuwachs läßt nicht nach. Es ist nichl einmal möglich, dos gesamte gute Angebot unterzubringen. Die größte Schwierigkeiten für den Agenten ist die E i n t e i- lung nach Fächern. Was heißt es: ich bin jugendlicher Lieb- haber, ich bin Sentimentale? Es ist auch noch nicht der kleinste Umriß des Können damit gegeben. Trotzdem wird heute noch genau so wie vor 50 Iahren nach Fach engagiert. Wenn es noch zu Ab- schlössen kommen sollte, so wird wohl hauptsächlich die muntere Naive mit Operettenmöglichkeiten Aussicht haben und Naturburschen. Diese beiden Fächer sind für unsere Zeit selten geworden. Die Möglichkeiten für einen Vertrag sind im August nicht schlechter als in einem anderen Monat, sogar vielleicht etwas besser, da das Repertoire schon aufgestellt ist und man ganz bestimmte Darsteller sucht. Di« Agenturen haben sich olle merklich geleert. Vielen ist das Geld ausgegangen und andere sind mutlos geworden. Fleischvergiftung fest und benachrichtigte den zuständigen Kreisarzt. Nach den bisherigen polizeilichen Feststellungen haben die Erkrankten rohes Hackfleisch gegessen, das aus einer Schlächterei in der Boxhagsner Straße bezogen worden war. Das Geschäft wurde daraufhin polizeilich geschlossen und mehrere Fleischteil« be- schlagnahmt, die zur Untersuchung an das Nahrungsmittelamt über- fandt wurden. Lebensgefahr besteht glücklicherweise bei keiner der erkrankten Personen._ Setriigerische fiutogefchäfte. Gefälschte Schecks und ivertlose Wechsel. Ein vielgesuchter Schwindler, der die Verfolgungsbchörden des In- und Auslandes schon lange beschäftigte, wurde gestern abend von der Berliner Kriminalpolizei am Kurfürstendamm festgenommen. Ein 28 Jahre alter aus Rappoldskirchei� gebürtiger„Kaufmann" August H o f c r spielte in Wien, Prag, Paris, London und.B r i g h t o n, wahrscheinlich auch noch an anderen Orten, den Vertreter einer„Transito-Maatschapij" in Amsterdam, die Ein- und Ausfuhrgeschäfte betreiben sollte. Ob diese Firma besteht, ist noch dahingestellt. Jedenfalls aber ist Hofer nicht be- fugt, sie zu vertreten. Seit Monaten hielt sich der elegant gekleidete Mann in Berlin auf, wohnte in verschiedenen Hotels und Penfionaten und verkehrte in Handelskreisen, besonders in denen der Automobilbranche. Er kaufte Wagen an, die angeboten wurden und zahlte mit Schecks auf die Pariser Filiale einer New Porter Bank, oder, wenn diese nicht angenommen wurden, auch mit Wechseln. Noch lieber brachte er Lagerscheine über lombardierte Arnos an sich und versuchte dann, diese Wagen auf seine Schecks und Wechsel herauszubekommen. Die Ermittlungen der Kriminalpolizei, die sich mit ihm befaßte, weil weder für die Schecks noch für die Wechsel Deckung vorhanden war, ergaben, daß Hofer bei der New Porker Bank bzw. ihrer Filiale in Paris einmal ein kleines Konto gehabt hat, das aber längst erloschen ist. Das Scheckbuch, das er von dieser Zeit her besaß, benutzte er nun zu den Schwindeleien. Die Wechsel versah er mit gefälschten Stempeln der„Transito-Maatschapij". Kürzlich versuchte der Schwindler am Kurfürstendamm drei Autos, deren Lagerscheine er sich verschafft hatte, mit falschen Wechseln über 6009 und 12 000 M. in seine Hände zu bekommen. Hierbei aber erwischten ihn Beamte der Inspektion R 7, die hinter ihm her waren und nahmen ihn fest Wahrscheinlich hat er noch mehr Leute betrogen, als bisher bekanntgeworden ist. Der Verlmstete trug häufig eine schwarze Hornbrille, wahrscheinlich aber nur, um seine Gesichtszüge zu oerändern. Ob er wirtlich ein August Hoser aus Rappoldskirchen ist, steht noch sehr dahin. Wahrscheinlicher ist. daß der Mann, der auch englisch und sranzösisch svricht, einen falschen Namen führt. Das Dunkel, das um feine Person noch herrscht, muß erst weiter geklärt werden. Ei» internationaler Taschendieb erwischt. Einige Aufregung verursachte gestern nachmittag um 6 Uhr eine Verhastungausosfe n erStraße an der sehr belebten Ecke der Hardenberg- und Ioachimsthaler Straße. Kriminalbeamte der Sonderdienststelle waren schon lange hinter einem feingekleideten Manne her, der sich verdächtig an« den Haltestellen der Autobusse und Straßenbahnen umhertrieb. Sie hatten in ibm bereits einen 34 Jahre alten, aus Wien gebürtigen „Kaufmacin" Richard D i t r i ch erkannt, einen. internatio- len gewerbsmäßigen Taschendieb, ihn aber bisher nie- mals eines Diebstahls überführen können. Gestern endlich sahen sie, wie er an der Haltestelle des Autobus 20 einer Dame das Porte- monnaie aus der Tasche zog. und sie griffen so schnell zu, daß er es nicht mehr beseitigen konnte. Trotzdem spielte der Ertappte den Entrüsteten und drohte den Beamten mit einer Beschwerde beim Polizeipräsidenten. Das gestohlene Portemonnaie, das 50 Mark enthielt, wurde aber bald bei ihm gesunden und der Dame zurück- gegeben. Der Verhaftete wurde, immer noch laut protestierend, nach dem Polizeipräsidium gebracht. Er will schon seit 8 Wochen sich in Berlin aufhalten, seine Wohnung aber selbst nicht kennen. Kleinstädtisches vom Ttettiner Bahnhof. Man schreibt uns: Sonntag nachts läuft der Wochen end- zug aus Swincmünde ein. Da ich einen Angehörigen ab- holen wollte, so war ich bereits etwas vor 12 Uhr zur Stelle und ging in den Warteraum, um einen Imbiß zu nehmen. Als ich gerade beim Essen war, kam ein Polizeibeamter in Begleitung zweier Bahnbeamten. Die drei gingen von Tisch zu Tisch und wiesen jeden aus dem Wartesaal, der keine Fahrkarte hatte. Man mußte also mit kauendem Munde sofort den Raum verlasien. Ein der- artiger Bahnhossbetrieb existiert meines Wissens in ganz Deutsch- land nicht. Das Kurioseste ist aber, daß in dem riesigen, hunderte Quadratmeter großen Vorraum vor den Sperren sowohl wie auf den drei breiten Bahnsteigen nichr eine einzige Sitz« gcleaenheit ist. Man sah dort alte und gebrechliche Leute an dem Mauerwerk gelehnt stehen. Der Abort und Walchraum ssir Damen, d. h. nur für Reisende, war ebenfalls geschloffen, so daß auch dadurch von weither kommenden Reisenden.' noch dazu gerade den Damen, die Möglichkeit genommen wird, sich vom Staube zu befreien. Zur„Belustigung" des wartenden Publikums trat dann noch ein Beamter mit einem etwa 5 Meter langen Besen in Akt:. der den riesigen Borraum mit lang ausholendem Bogen lehrte. Den unentgeltlichen Genuß des Staubes hatte dann das Publikum noch dazu. Es ist wohl dringend notwendig, daß an geeigneter Stelle Maßnahmen getroffen werden, diese Kleinstädtere'en zu beseitigen. Gemütliches öerlin. Warum das Feuerlöschboot zu spät kam. Bei dem Brand des Dampfsägewerkes von Nadge in Ober- s ch ö n c w e i d e hat es ein Kuriosum gegeben, wie man es in der Weltstadt nicht für möglich hielt. Es handelt sich um das allerdings schuldlose Versagen des F e ue r l ö s ch b o o t e s, das wir be- reits mitgeteilt hatten. Der Oberbranddirektor G e m p p hatte sofort nach Einrrefsen der Wehren nach Berlin den Alarm um sofort z r Entsendung des Feuerlöschbootes gegeben. Schlauchmaterial w�.ds bereitgelegt, um beim Eintreffen des Bootes sofort die Anschlüssc- herstellen zu können. Was aber nicht eintraf, war das Feuerlöschboot. Auf eine Anfrage der Feuerwehr kam die überraschende Mitteilung, daß die Mühlendammschleuse nicht gezogen werden könne. Als Grund wurde angegeben, daß der Schleusen- wärter nicht anwesend war. Selbst aus Umwegen war es dem Feuerlöschboot nicht möglich, an die Brandstätte zu gelangen. Es scheint dringend notwendig, daß dieser unerhörte Vorfall Gegen- stand einer eingehenden Untersuchung wird. Wie nun, weyn ein- mal Menschenleben in Gefahr geraten und durch ein derartiges Ver- sagen ums Leben kommen? Rettungsboote find lcck und gehen mit den Rettern unter, Rettungsringe hängen in Restaurants, und das Löschboot, auch«in Rettungsinstrument, kann nicht fahren, weil eine Berliner Schleuse nächtlicherweile nicht geöffnet werden kann. Man darf sich nicht wundern, wenn ein solches Berlin Gegen- stand des Gelächters in der Provinz wird. Das Wasserbauamt Berlin teilt dazu mit, daß die Mühlen- dammschleuse maschinell betrieben wird und im Sommer nur bis 9 Uhr abends geöffnet sei, da die Schleuse in der Nacht nicht benutzt werde, könne man das Personal nicht eine Nachtschicht machen lassen. Die Feuerwehr wisse aber, daß die Mühlendammjchleuse nachts außer Betrieb ist, und sei angewiesen, von 9 Uhr abends an den Spreekanal zu benutzen und sich an der Stadtschleuse, die mit Handbetrieb zu regulieren ist, durchzuschleusen. Die Bedienung der Feuerlöschboote sei für die Handhabung der Schleuse besonders ausgebildet. Nach Vereinbarungen sei der Feuerwehr, obwohl sie die Bedienung der Schleus« verstehe, nicht gestattet, die Schleuse ohne Vermittlung des Schleusenmeisters zu passieren. Das gestrige Großfeuer stellt den größten Brand dar, der sich seit längerer Zeit von einem derartigen Ausmaß in der Um- gebung Berlins ereignet bat. Die Wehren waren mit insgesamt 10 Löschzügen zur Stelle und die ganze Nacht hindurch mit den Ablösch- und Aufräumungsarbeiten beschäftigt. Trotz des ein- setzenden Regens bildeten sich immer neue Flammenherde. die durch den Wind angefacht wurden. Aus 21 Schlauch- leitungen größten Kalibers wurden unaufhörlich gewaltige Waffermengen in das Flammenmeer geschleudert. Gegen 4 Uhr morgens trafen zahlreiche Ablösungszüge ein, um die völlig Kr» schöpften Mannschaften, die Uebermenschliches geleistet hatten, abzulösen. Dem tatkräftigen Eingreisen der Wehren unter Leitung des Berliner Oberbranddirektors G e m p p ist es zum größten Teil zu verdanken, daß die Hauptgebäude des umfangreichen Komplexes des Dampfsäge- und Fournierwerkes vor der Einälc�» rung verschont blieben. Der Schaden ist sehr erheblich, aber durch Versicherung gedeckt._ Steirer in Berlin. 60 Mitglieder der Grazer Lehrerakademie, die auf einer Studien- reise durch Deutschland begriffen sind, trafen unter Führung des Hofrates Welisch in Berlin ein. Der Oesterreichisch- Deutsche Volks b und veranstaltete gestern einen B e- grüßungsabend im„Bierhaus Dreher", an dem Vertreter des Unterrichtsministeriums, der Stadt Berlin, der Philologen- und— Lehreroerbände teilnahmen. In den Ansprachen des Abends wurden die Fragen der Schulangleichung Oesterreichs an Deutschland berührt und Vergleiche zwischen dem neuen österreichischen Schulgesetz und dem deutschen Reichsschulgesetz gezogen. Zweierle! Maß. Das hessische Amtsgericht in Büdingen hatte einen Einwohner Büdingens namens Alfred Wörnlein zur Räumung seiner Wohnung verurteilt. In dem Urteil hieß es:„in Sachen S r. Durchlaucht des Fürsten zu Isenburg und Büdingen gegen den Alfred Wörnlein.... Beklagter wird verurteilt, seine Wohnung im Hause des Herrn Klägers.... Wegen dieser ungleichen Behandlung von Kläger und Beklagten erhob die Republi- konische Beschwerdestelle in Berlin Beschwerde bei dem hessischen Justizministerium, da der Dorfall in der hessischen Oeffentlichkeit mit Recht beträchtliches Aufsehen hervor- gerufen hatte. Der hessische I u st i z m i n i st e r hat darauf der Republi- konischen Beschwerdestelle folgenden Bescheid erteilt: Bereits vor Eingang des vorbezeichneten Schreibens habe ich auf Grund einer Notiz in der„Darmstädter Zeitung" vom 2. Juli 1927 Veranlassung genommen, den Sachverhalt aufzuklären. Es hat sich ergeben, daß das Urtcilsrubrum von dem Kanzleibeamten, dem das Urteil von dem Richter diktiert worden war, bei der Reinschrift kurzerhand der Klageschrift entnommen und von dem Richter übersehen worden ist, die unangebrachte Bezeichnung des Klägers zu berichtigen. Dem Amtsgericht ist das Erforderliche bemerkt worden. I.V.: gez. Dr. Malzahn. In zwei Klepperbooten über den Aermelkanal. Am gestrigen Donnerstag gelang es dem Direktor des Draun- schweigischen städtischen Verkehrs- und Presseamts, Dr. Wiche, und dem Studenten Werner Schröder, den Aermelkanal zwischen Kap G r i z n e z und Dover im Faltboot.Klepperbub Braunschweig" trotz Regen, starken Windes und Seegangs zu überqueren. Die Leistung ist um so höher einzuschätzen, als die beiden Faltbootfahrcr auf ein Begleit- oder Schutzboot verzichtet hatten. Die vermißten Honolulu-Flieger auft,efunden. London. 19. August. Die beiden an dem Pacific-Flug beteiligten und vermißten Flug- zeuge„Miß Daran" und„Golden Eagle" sind heute aufgefunden und sämtliche Insassen ln Sicherheit gebracht worden. Somit ist kein Flugteilnehmer verunglückt. An den Nach- forschungen nach den beiden niedergegangenen Flugzeugen beteiligte sich praktisch die gesamte amerikanische Flotte, unterstützt von Marine- und Zivilflugzeugen. .Volk und Zell", unsere illustrierte Wochenschrist, und .Der üindersreund" liegen der heutigen Postauslage bei. Arbeiter, Angestellte und Beamte« Besucht die Berliner Nergnlliiung-pliitze, welche sich bereits fiir die Spütsaisern aerllstet haben. Alles bisher Dagewesene hat einen grohcn Wechsel erfahren, so bah jeder einzelne Vcrgnllaüngspark Groh-Berlins ein nollkommen geändertes Bild zeigt. Wie alljährlich, so sind auch in diesem Jahr die aus Reisen befindlichen Attraktionen nach Berlin zurttckgckchrt, um den Besuchern abwechslungsreiche und angenehme Stunden zu bereiten, ssllr alle Werktätigen find diese Stätten die billigsten: man hat daselbst Gelegenheit, stch das, für was man Interesse Hot, anzusehen. Jedem Geschmack ist Rechnung getragen, so bah jeder Besucher befriedigt nach?a»se geht. Die Inhaber der Bcrgnllgungsplätze Groß. Berlin» geben sich die erd-nk. lichste Mllhe. dem Publikum etwas Gutes zu bieten. Wir verweisen auf das Inserat in der heutigen Ausgabe. Verantwortlich für Politik: Richard Bernstein; Wirtschaft: A. Saieruus: Gcwerksiboftsbewcauna: Ariedr. Igksrni Feuilleton: K. Ä- Bischer: Loktliee und Sonstiges: Zrih«arftädt: Anzeigen: Th. Glocke: sämtlich in Berlin Verlag: Borwärts-Verlag G. m. b. H., Berlin. Druck: VorwSrts.Buchdrncker. und VerlagsanstaU Paul Einacr v Co. Berlin SW IS, Lindenstrasie Sicrz» l Beilag«. Sillige und angenehme tzerbstferien. Die Hochsaison in den Luftkurorten und Sommerfrischen geht .miimehr ihren, Ende entgegen. Der Massenverkehr verschwindet und eine gewisse Ruhe und Beschaulichkeit zieht nunmehr in diesen Orten ein. Jetzt beginnt erst die wirkliche Sommer- frische. Der von, Alltagegewühl ruhesuchende Arbsitsmensch smdet jetzt im Urlaub seine innere Sammlung. Die Ferienheim- gcnojsenschast„Naturfreunde" in Jena, deren Häuser vor- wiegend im herrlichen Thüringen liegen, und die bereits 5 Ferienhein,« und 5 Wanderyeime besitzt, hat sich mit ihren Einrichtungen die Ausgabe gestellt, es auch den wenig begüterten Arbeitnehmern zu ermöglichen, die ihm zustehenden kurzen Fcrientage angenehm und genußreich ver- bringen zu können. Daß die Einrichtungen einem vorhandenen Bedürfnis entsprechen, zeigt der überaus starke Bestich dieser Hein,«. In der Hauptferienzeit Juli bis Ende August ist der Ansturm der- artig groß, daß noch weitere zehn Heime nötig wären. Aber auch in den anderen Monaten, im sogenannten Spätsommer, hat die Ge- nossenschast ein Interesse daran, daß die Heime möglichst stark besucht werden, damit bei den äußerst niedrigen Uebernachtungc- und Ver- pflegunßssätzen eine Rentabilität erzielt werden kann. Aus diesem Grunde hat sich die Genossenschaft entschlossen, vom 1. September dieses Jahres ab bis zum kommenden Frühjahr auch Nichtmit- gliedern der Genossenschaft dieselben vergünstigten Sätze zu gewähren wie ihren Mitgliedern. Für Uebernachtung sind deshalb in den Häusern 7l> Pf. bis 1 M. und für volle Ber> .pflegung einschließlich Uebernachtung 3,59 M. zu zahlen. Volle Pension in Anspruch zu nehmen, ist nicht Pflicht. In jedem Heim lönncn alle Lebensmittel und Getränke zu ortsüblichen Preisen gelauft werden. Diese Ferienheime sind: l. Frauenwald in Frauenwald(Thüringer Wald), 770 Meter Seehöhe, herrliche Waldausflüge nach Oberhof— Schmücke— Wasserberg usw. Bahnstation: Frauenwald i. Thür.— 2. Genossenschaftsferien. heim in Friedrichroda, 460 Meter Seehöhe, herrliche Ausflüge nach Spießberg, Heuberg, Jnselsberg usw. Bahnstation: Friedrichroda.— Z. Eisenhammer. Dübner Heide. Großer See, schöne Waldwege. Bahnstation: Söllichau oder Düben der Bahnlinie Wittenberg— Eilenburg.— 4. Steigerhaus bei Saatfeld a. d. Saale. Eine halbe Stunde von der Stadt. Herrliche Wälder. Ausflüge nach dem Schwarzatal, Schwarzburg, oberes Saaletal, Leutenberg usw. Bahnstation: Saalfeld.— 5. Muldenhaus in Raute„kränz i m Vogtl. 650 Meter Seehöhe. Riesige Waldungen. Idyllisch« Lage. Lustkurort. Bahn- station: Rautenkranz der Bahnlinie Chcmnitz-Adors. Daneben unter- hält die Genossenschaft noch mehrere Wanderheime, wie das Siebs- baus bei Kahle i. Thür., das Frnsterbacher Pirschhau» bei Tambach-Dietharz, das Spannerhaus bei Alicnburg i. Th., den Auerhahn bei Ruhla i. Thür, und dos Heidehaus bei Neugraben(Lüneburger Heide). Sie sind alle wunderschön gelegen und besuchcnswert. Vor allein auch der Winteraufenthalt mit seiner reinen würzigen Bergluft ist zur Erholung besonders geeignet. Auf Wunsch übersendet die Genossenschaft bereitwilligst einen Prospekt über ihre Heime. Schüleraufnohmen in den Ausbauschulen. Die Groß-Berliner Ausbauschulen Köllnisches Gymnasium(nebst Reolgym- nasium) und Kaempf- Schule(Realschule) nehmen zu Michaelis noch Schüler auf. Beide Anstalten beginnen mit Untertertia und führen in drei Jahren bis zur Obersekunda bzw. in sechs Jahren bis zur Reife für Universität und Hochschule. Freischule, freie Lern- mittel, Wirtschastsbeihilfe, Fahrkostenentschädigung, nach bestandener Reiseprüfung auch Stipendien für das Studium werden noch den Bestimmungen des Magistrats gewährt. Anmeldungen be- gabter Gemeindeschüler der Klassen 2 m und 1 zur Aufnahme- Prüfung sind an den Bezirksschulausschuß Berlin 1— 6 im Stadthaus Klosterstraße bis zum 24. August durch die Rektoren der Volksschulen zu richten. Auskunft erteilt auch der Direktor des Köllnischen Gymnasiums, Insel st raße 2— 5. *-Jbtstiger föeziwß bilden"Weften. Bauhütte .> Berlin S;": toT J GaselischaK iiir Bau- . auslührungen aller Art Berlin SW 48, Wilhelmstr. 106 Fernsprecher: Zentrum 3203, 3203, 3207 fu Das OeDoi der Stande ist der Eintritt in den Erd- und Fener- Bestaifimdsvereln WWM Srog- Berlin ,,, W35, Steglitzer Straße 66 Fernsprecher; Nollendorf 4168,69 OOS'SöllJN Gebrüder Cxroh Gegründet 1381 55 eigene Verkaufsstellen In nllcn Stadtiellen Cro�-Berllns[6 10 eigene Dampfmolkereien FEUERDESrnTniKOS-VEftEIN > vormals VbfcvFemrfx-stBttung&AÄreln OroMerlin\A< a.0. 1911 UNTER RBIOHSAUPSIOHT GESCHÄFTS GEBIET, DErTSCHES REICH MEMELGEBIET UND FREISTAAT DANZIO HADPTGESCHÄrTS STELLE, BERLIN N4 I N VALI DENSTR. 110 RUF, NORDEN 3S8S-M, 0044 EIG.VERWALTUNGSGEBÄODE KEIN KIRCH EN AUSTRITT KRFOROERUCH NACU EINMONATIGER MITGLIEDSCHAFT UNBEDINGTEN RECHTSANSPRUCH AUF K03TENLOSE,PIEXSTVOLLE BESTATTUNG Besucht die Berlinerl Vergnügungsplätze! Vergnügungspark an der Schillingsbrücke KSpsnieker Straße 27 a Inhaber: Oeschw. Weidemann Tägl. geöffnet! 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Seilaye öes vorwärts Gibt es s ozialLstif Ge�ultur? Von Dr. Theodor TiGaner. Wird das Vorhandensein oder die Möglichkeit sozial!- stischer Kultur erörtert, so ist die Gefahr eines Mißverstand- nisses groß, da Weder über das Wesen der Kultur noch über die Beziehungen zwischen Kultur und Sozialismus aus- reichende Klarheit herrscht. Geht man davon aus, daß alle Vorgänge des sozialen Lebens sich in die drei Gebiete der Gütererzeugung, der Güterverteilung und des Güterverbrauchs einordnen lassen, so gelangt man dazu, das gesamte Gebiet des Güterverbrauchs, also der Lebensführung, mit dem Be- Begriffe Kultur zu bezeichnen. Unter Kultur versteht man demnach Die Gesamtheit der Lebensführung* eines Einzelnen, einer Klasse eines Volkes oder der Menschheit und verbmdet nicht ohne weiteres mit diesem Begriff irgend- ein Werturteil. Kultur ist vielmehr eine soziale Erscheinung. die der Entwicklung unterliegt, deren einzelne Phasen man als Kulturstufen bezeichnet. Zur Kultur als dem. Gebiete der Lebensführung gehört selbstverständlich nicht nur die Befriedi- gung materieller Bedürfnisse, also der Verbrauch materieller Güter, wie Wohnung, Nahrung, Kleidung, sondern auch der Genuß ideeller Werte, wie Kunst, Wissenschast. Reli- gion usw. Nach der materialistischen Geschichtsauffassung ist die gesamte Kultur der Ueberbau, der sich auf der Grundlage der jeweiligen Produktionsverhältnisse erhebt. Nun kann es heutzutage keinen Zweifel mehr unterliegen, daß die Lebens- führung einer Gesamtheit, sei sie nun Klasse oder Volk, ent- scheidend durch die wirtschaftkichen Verhältnisse bestimmt wird. Es ist namentlich klar daß das Proletariat in seiner Gesamtheit durch seine ökonomische Lage zu einer bestimmten Lebens- führung, einer proletarischen Kultur, genötigt wird. Aber um diese Erkenntnis bandelt es sich nicht, wenn das Wesen und die Bedeutung sozialistischer Kultur erörtert wird. Vielmehr hat sich aus der Lage des Proletariats eine besondere Jdeo- logie, der Sozialismus, entwickelt, der wie jede Ideologie trotz der Abhängigkeit von wirtschastfichen Umständen eine Tendenz zur Verselbständigung ausweist, in der Art, daß bestimmte kulturelle, sittliche und rechtliche Folgerungen sich auch dort durchsetzen, wo die ökonomischen Berhältnisse die Aufnahme sozialistischer Ideen nicht ohne weiteres verständlich machen, wo vielmehr nur die Fortentwicklung bestimmter Gedanken- gänge in der Richtung auf den Sonalismus in Erscheinung tritt. Es handelt sich hierbei um die idcologischen Formen, in denen sich nach Marx die Menschen einer Veränderung der ökonomischen Grundlagen ihrer Existenz bewußt werden und, worauf es hier besonders ankommt, den Kampf um diese Umwälzung mit geistigen Waffen, also losgelöst von den ökonomischen Interessen, ausfechten. Wenn man also ohne weiteres von einer bestimmten Lebenshaltung, einer Kultur des Proletariats, sprechen kann, so kommt es hier doch darauf an. inwieweit der ideologisch? Inhalt dieser Kultur bestimmend für die Kulturstufe der Zeit oder des Volkes im allgemeinen ist oder werden kann. Ent- scheidend ist in erster Linie, worüber auch kaum ein Zweifel bestehen kann, die Ideologie der herrschenden Klasse und d,e Macht dieser— bürgerlichen— Kultur wirkt jich zunächst darin aus, daß das Proletariat nicht sowohl broußt darum bemüht ist,«ine eigene Kultur zu entwickeln, als vielmehr sich der bürgerlichen Kultur anzupassen, wenn auch m cbgeschlos- senen proletarischen Kreisen, wie Arbeitergesangvereinen. Arbeiterturnvereinen, Arbciterabstinentenvereinen usw. Auf dem Gebiete der Kunst werden freilich Stoffe bevorzugt, die sich mit der Lebenshaltung des Arbeiters und seinen sozialen Idealen beschäftigen. Dies gilt sowohl von Malerei wie von Dichtkunst, vielleicht namentlich vom Schauspiel, ohne daß jedoch diese Wahl des Stoffes schon die Bezeichnung einer be- sonderen sozialistischen Kultur rechtfertigen würde. Die Lebensführung des Proletariats, also die vorhandene proletarische Kultur, paßt sich daher im wesentlichen den Formen der bürgerlichen Lebensführung an. Darüber hinaus existiert zwar im Sozialismus ein bestimmter, aus der Lage des Proletariats hervorgegangener Geistes- gehalt, der aber keineswegs die Gesamtheit des Proletariats erfüllt und auch da, wo er vorhanden ist, sich auf bestimmte politische Forderungen und deren Rechtfertigung beschränkt. ohne auf die Gesamtheit der Lebensführung entscheidenden Einfluß auszuüben. Man kann sich natürlich auch vorstellen, daß bei weiterer Durchsetzung sozialistischer Forderungen die Lebenshaltung des Proletariats im wesentlichen so gestiegen ist. daß z. B. das Bedürfnis nach RauschmittAn und Genuß- giften weder auf Uebersättigung mit anderen Genüssen noch auf besonderem Elend und dem Wunsch, es zu vergessen, beruht. So können soziologisch Erscheinungen der Kultur- entwicklung teils auf die Lage des Proletariats, teils aus die Erfordernisse des Klassenkampfes, teils auf allmähliche Besse- rung in der Lage des Proletariats zurückgeführt werden. Im allgemeinen wird es aber leichter sein, negativ zu sagen, welche Vestandteile einer bürgerlichen Kultur nicht mit dem Sozialis- mus vereinbar sind, wie z. B. auf dem Gebiete religiöser Bedürfnisse, als positiv zu behaupten, welche Merkmale oder Erscheinungsformen der Lebensführung charakteristisch für eine sozialistische Kultur sind oder sein werden, d. h. ihre Wurzeln in der Ideologie des Sozialismus haben. Es wäre nun allerdings noch zu prüfen, ob die Durch- fetzung einer sozialistffchen Kultur in dem dargelegten Sinne bis zu ihrer relativen Allgemeingültigkeit lediglich der Ent- Wicklung überlassen bleiben darf, oder ob Bemühungen ausgewandt werden müssen, der bürgerlichen Kultur bewußt einesozialistischegegenüberzustellen. Diese Frage hat nicht nur theoretische Bedeutung. Denn die Normen der bürgerlichen Kultur sind für die Bourgeoisie Mittel zur Behauptung ihrer Stellung im Klassenkampf. Dem- gegenüber genügt es nicht, nur Kritik zu üben. z. B. an den Ein„Haus des Volkes" in ProbfkZella. Wer über Halle— Jena von Berlin nach München fährt, blickt auf, wenn er in der letzten thüringischen Station, Probstzella, wo alle Schnellzüge halten, ein ragendes, neues Gebäude mit der weithin sichtbaren Aufschrift:„Haus des Volkes" erblickt. Von der Turmzinne weht die schwarzrotgoldene Fahne. Man fragt: Wie kommt der kleine Ort von noch nicht 2000 Einwohnern zu diesem Bolkshaus? Genosse Franz I t t i n g. der Besitzer der Ueberlandzentrale in Probstzella, hat das große Werk für die Arbeiterorga- n i s a t i o n e n bauen lassen: nicht nur, wenn auch in erster Linie, als Heim der Arbeiterschaft Probstzellas und Um- gcbung, sondern auch als Erholung»- und Unterrichts- stätte der gesamten deutschen Arbeiterschaft. Der Bau war außerordentlich schwierig: der Bauplatz muht« aus dem Felsen herausgesprengt, an 6000 Kubikmeter Felsen bekoegt und fortgeschafft werden. Die Bauzeit betrug zweieinhalb Jahre. Ein- geweiht wurde das„Haus des Volkes" am 30. April 1927, von der Arbeiterschaft erstmalig benutzt am 1. Mai dieses Jahres. Seit- her haben ost größere Veranstaltungen der mitteldeutschen Arbeiter- organisationen und Schulungswochen der Arbeiterschaft dort ihre Stätte gehabt. Zur Beaussichtigung und Mitoerwaltung des Hauses ist-aus den Arbeiterorganisationen Probstzellas ein Ausschuß ge- bildet, der mit dem Genossen Jtting zusammen tätig ist. Die Be- Nutzung des Hauses und seiner Einrichtungen st e h t jedem frei: nur die Organisationen der Kommunisten und der Rechts- Parteien als solche sind ausgeschlossen. Der Wirtschaftsbetrieb ist nicht an einen Unternehmer»erpachtet, sondern wird in gastsreund- lichem Geiste durch vom Genossen Jtting und dem Hausausschuß ein- gesetztes Personal geführt. Er umfaßt alle Zweige eines modernen Hotelbetriebes und kann sich qualitativ neben einem erstklassigen Großstadthotel sehen lassen. Die Gegend um Probstzella ist landschaftlich von hohem Reiz. Leim Betrachten der etwa 60 Meter langen und fünf Stock- werke hohen Fassade fällt die Vermischung zweier Stilarten auf. Das ist auf die Beteiligung zweier Architekten aus ganz verschiede- nen Schulen zurückzuführen. Den ursprünglichen Plan und über» wiegend das äußere Gesicht des Baues schuf ein thüringischer Archi- tekt alter Schule. Meinungsverschiedenheiten mit ihm veranlahten, als der Bau ziemlich hochgeführt war, daß er aus der Bauleitung ausschied und das Bauhaus Dessau durch seinen Architekten Arndt' das Werk zu Ende führte. An der Fassade wurde zwar einiges anders gegliedert, doch war nichts Wesentliche» mehr zu ändern, daher das zwiespältige Gesicht. Für die innenräumlich« Gestaltung ist allein das Bauhaus Dessau verantwortlich. Und da kann man wohl sagen: sie ist geglückt: wirklich eine Tat, ein Ausdruck des kulturellen Strebens der Arbeiterschaft. Im E.r d g e s ch o ß befindet sich das HotelvestibA, ebenso wie alle Aufgänge und Korridore einfach und übersichtlich ausgeteilt, in wohlabgestimmten, lebendigen Farben gehalten, mit neuartigen Be- leuchtungskörpern versehen(indirektes Licht). Dazu die Wirtschafts- räum«(Küche, Bäckerei, Keller, Eisräume usw.). ausgestattet mit den modernsten elektro- und wärmetechnischen Maschinen. Heizung und Warmwasserversorgung des sehr großen Gebäudes erfolgen durch Fernanlage vom Elektrizitätswerk aus. Die nächsten beiden Stockwerk« enthalten Fremdenzimmer mit einfachen, zweck- mäßig-bequemcn Bauhausmöbeln. Jedes Zimmer hat Fernsprecher, Zentralheizung, kaltes und warmes fließendes Wasser, eingebaute Schränke, automatische Entlüftung, wie übrigens das ganze Haus. Einig« Zimmer haben Bad. Außerdem befinden sich in diesen Etagen Bäder. Ruheräume und rusiische Dampfbäder. Die dritte Etage umfaßt Gesellschafts- und Versammlungsräume, Lese- und Billardzimmer, Bücherei, schallsicher gebaut« Kegelbahnen, Dusch- räume, Wohnungen: die vierte«in sehr hübsches Foyer und einen herrlichen, rund 1000 Personen fassenden Saal in rot und grau. Die übrigen Stockwerke bergen Galerie, Kinokabine, technisch« und Wirtschastsräume usw. Alle Räume sind untereinander mit Fernsprecher verbunden, die Etagen durch Personenaufzug. Bühne, Beleuchtungsanlage, Bühnenzubehör, versenkbares Orchester sind ganz erstaunlich groß- zügig und modern eingerichtet. Die Bühnenverhältnisse lassen auch Aufführungen mit großem szenischen und Personenaufwand zu. Bisher spielte mehrmal» das Nationaltheater von Weimar. Die Kinoeinrichtung besitzt die modernsten Apparate. Technisch sehr be- merkenswert vom Standpunkt proletarischer Haushaltführung aus ist neben der maschinellen Einrichtung der Küche und der Heizungs- und Entlüftungsanloge die Wäscherei, wieder mit neuesten M»- schinen ausgerüstet. Das Haus besitzt vier große Garagen, Garten- paoillon, Terrassen, Gewächshaus, Sportplatz, Kaskaden sind im Bau und werden in diesen Wochen fertiggestellt. Eine Jugend- Herberge wird ausgebaut, die Errichtung einer vorläufig barocken- artigen, später massiven Turnhalle ist geplant. Alles in allem: Ein Werk, entstanden in gemeinschaftlichem Schaffen, ehrenvoll sür Bauherrn, Architekten und Belegschaft, die sich ganz auf die neuen, ungewohnten Ideen einstellte: ein macht- volles Zeugnis kulturschöpferischen sozialistischen Aufbaues! Das„Haus des Volkes" eignet sich gut zu Ferienkuffen und Tagungen der sozialistischen Arbeiterschaft und verdient weit über Thüringen hinaus bei reisenden und erholungsuchenden Arbeitern Beachtung, um so zu seinem Teil im weiteren Sinn« dg» Wort wahrmachen zu helfen, unter dem die Einweihung erfolgte: Zur Förderung neuen Geiste» schuf dich,„Haus des Volkes", zäher Wille,-. allen Widerständen zum Trotz! geltenden Grundsätzen auf sexuellem Gebiet vder gegenüber der Geburtenregelung, denn der Weg von der Kritik zur Erschütterung von Grundsätzen ist außerordentlich weit, und selbst die theoretische Widerlegung von Normen raubt ihnen keineswegs ihre Macht im Leben. Die Gesellschaft stellt auch unabhängig vom Staat ein organisiertes Ganzes dar, mit Machtmitteln, wie z. B. der gesellschaftlichen Aechtung, die keineswegs unterschätzt werden dürfen. Durch eine Art gesellschaftlicher Hierarchie beherrscht die bürgerliche Moral die Lebensführung der Gesamtheit und es ist daher sehr zu erwägen, ob nicht auch auf dem Gebiete der Kultur der Klassenkampf mit den Mitteln der Vourgeoisie, d. h. in diesem Falle mit den Mitteln der Organisation, also einer umfassen- den Kulturorganisation, geführt werden muß. Es ist nun« geistesgeschichtlich außerordentlich interessant, daß die Fdee einer Grganlsation der Kultur gleichzeitig in den verschiedenen Ländern völlig unabhängig und mit den verschiedensten Begründungen auftauchte. Selbst an einer soziologischen FundierUng, die dem Ideengang des Sozialismus entspricht, fehlt es nicht. Jedoch will ich mich an dieser Stelle mit dem Hinweis auf das Problem begnügen. Da aber die Aufgabe gestellt ist, ist ihre Lösung möglich. Wie nämlich Karl Marx mit Recht sagt,„stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer be- trachtet, wird sich stets finden, dgß die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigsten» im Prozeß ihres Werdens begriffen sind".__ — nicht Gnade! In alten Zeitungen und Zeitschriften stöbern ist interessant»nd bringt den Gewinn, daß man sich doch bewußt wird, wie gewisse Er- rungenschaften unserer Kultur so feste Wurzeln geschlagen haben, daß selbst reaktionäre Regierungskombinationen daran nicht rütteln können. Namentlich gilt dies von den Rechten, die der Frau als Ergebnisse stanger und harter Kämpfe zuteil geworden sind. Die Frau genießt seit dem Untergang des Obrigkeitsstaates— wenigstens in der Theorie— alle Rechte des Mannes. Wie sonderbar berührt heutzutage die Lektüre eine» Auf- rufe? zu einer Sammlung, die von wrhlsituierten Frauen vor- anstaltet wurde, um einer kranken Näberin, deren Fleiß, sittsames Betragen und Bescheidenheit in vollen Tönen gepriesen werden, die Wohltat eives Kuraufenthaltes zu verschaffen! Die Gnädigen, sür die da» arm« Wesen an einem wahrlich nicht bevorzugten Platze der Wohnungen in langer Arbeitszeit sich abgearbeitet hatt«, waren so gnädig gewesen, auf dem Wege einer Kollekte die Mittel aus. zubringen. Heute wird der kranken Arbeiterin die Wohltat dyr . Versckückung in ein Heilbad ohne demütigend« Begleitumstände zu- teil: sie hat ein Recht darauf—, von Gnade ist nicht mehr die Rede. Ein anderes Bild aus der Vergangenheit, ebenso wie da« erste der Wirklichkeit entnommen: In einem bekannten Kurort K. des westlichen Deutschlands sollte in der Stadlverordnelenversammlung über den Neubau der höheren Mädchenschule beschlossen werden. Der Bürgermeister hatte zu der Sitzung die Schulleiterin als Sach- verständige eingeladen. Zwei Stadtväter schüttelten die Schale ihres Zornes über diese„Brllskierung" in heftigen Worten aus:„Draußen werden wir als.Hansnarren hingestellt, daß wir uns da« gesallen lassen... und: die Anwesenheit der Oancen ist nicht zulässig, die Stadtverordneten wissen selbst, was sie zu tun und zu lassen haben." Daß dieselben Männer, die so redeten, der Tüchtigkeit der Leiterin unaufgefordert Beifall zollten, macht die Angelegenheit noch schlim- mer: der Gedanke, daß Frauen in öffentlichen Dingen mittun, war für jene Männer einfach das betonnte„rote Tuch". Wurde«in« Frau gefragt, so war das eben eine Gnade... Wir alle wissen, daß im Kaiierreich« durchgreifende Reformen nur dann möglich waren, wenn sich die obere Schicht, die Iunkerkaste. davon Vorteile oer- sprach. Mit einem großen Aufwand von juristischer Rabulistik wurde der Frau die elementarste Betätigung im Staat und in der Ge- meinde abgestritten. Wenn heute die Verhältnisse so ganz anders geworden sind, io ist dies neben dem das ganze Etaatsgebäud« umwerfenden Ge- danken der Reoolution.der unermüdlichen Arbelt der Frauen unserer Partei zu verdanken. Selbst die geringe Zahl der sreidenkedden bürgerlichen Frauen versagte fast immer bei den sozialen Fragen. Das Gewicht der Organisation, da« die sozialdemokratischen Frauen in die Wagschale werfen konnten, brachte den Umschwung herbei. Und die Lehre aus diesen Zeugnissen einer von uns Aelteren noch durchlebten Perlode? Sie lautet: nur der Zusammenschluß bietet die Gewähr sür neu« Siege und sür die Erl)altung der bereits gewonnenen Positionen. Eine sür alle und alle für eine: in dieser schwesterlichen Hingab« liegt die Lösung der Kulturaufgabe der arbeitenden Frau. proSeftaktion der Krastörosthkenführer. Mr Einheitstarif, gegen Polizei, nastnahmen. Der Deutschi, Verkehrsbund hatte zu heute vormittag nach dem Saalbau Friedrichshain eine öffentliche Ver- s a m m l u n g aller Berliner Krastdroschkenführer ein- berufen, um für die Einführung des Einheitstarifes und gegen die angeblichen Polizeifchikanen zu demonstrieren Di« Krastdroschkenführer waren dem Ruf der Organisation so zahlreich gefolgt, daß der groß« Saal und die Tribüne schon lange vor Beginn der Versammlung stark überfüllt waren. In den Straßen sah man nur noch wenige Kraftdroschken, diese wurden von Fahrern gesteuert, die immer noch glauben, ohne die Solidarität mit ihren Berufskollegen auskommen zu können. Der Sektionsleitcr der Kraftfahrer im Deutschen Verkehrsbund, Genosse ch e y l. ging zunächst auf die vor einiger Zeit erfolgte Einführung des Kleintarifes ein, die dazu geführt hat, daß für die Fahrer der Mitteltarifdrofchken eine nicht unwesentlicbe«chmälerung des ohnehin schon geringen Ver- dicnstes eingetreten ist. Es lausen zurzeit in Berlin 12 0 0 bis 1S00 Kleinkraftdroschken. Die Fahrer dieser Droschken nehmen den anderen Fahrern einen Teil ihres Verdienstes weg. Bei den Lohnoerhandlungen betonen die Unternehmer stets, daß sie ihren Fahrern keine Lohnerhöhungen ge- währen könnten, weil sie die Löhne auf die Mitteltarife ausgebaut Hütten, ihnen aber die Kleinkraftdroschken eine so erheb- liche Konkurrenz machten, daß sie ohne eine Aenderung der Taxen keine höheren Löhne zahlen könnten. Die Einführung der Kleinkraft- droschken hat auch dazu geführt, daß die Kraftdroschken- sührer in zwei feindlich« L a g e r gespalten worden sind. Genosse ch e y l ging dann kurz auf die Verhälnisse im P a r i s e r Kraftdrosch kengewerbe ein. Es gibt dort zurzeit etwa 14000 Droschken, die aber fast alle den gleichen Typ haben und zu einem Tarif fahren. Das hat zur Folge, daß von den Iahrlustigen keine Wagen bevorzugt werden, so daß auch unter den Krastdroschkenführern leine Feindseligkeiten aufkommen können. Der Verkchrsbund sowohl wie die Berliner Krastdroschkenführer sind der Auffassung, daß das Publikum so billig wie'möglich fahren muß. Die Kraftdroschke soll nicht nur ein Verkehrsmittel der besitzenden Klasse sein. Es muß aber auch dafür gesorgt werden, daß die Führer öffentlicher Verkehrsmittel, wie es die Krajtdroschken sind, wenigstens menschenwürdig existieren können. Eine Aenderung der Taxen in Berlin muß in allerkürzester Zeit erfolgen, wenn es im Berliner Kraftdroschkengewerbe nicht zu einer Katastrophe kommen soll. Im Anschluß daran sprach Genosse Bergmann vom Verkehrs- bund über die Polizeischikanen gegen die Krastdroschkensahrer und die schon wiederholt gekennzeichneten Mißstände, die durch die neue Berliner Droschkenordnung nicht behoben worden sind. Die klein- lichen Schikanen der Polizeibeamten, die in geradezu lächerlich wir- kenden Anzeigen ausarten, sind für die Krastdroschkenführer ein- fach nicht mehr zu ertragen. Das Kraftvertehrsamt und das Ber- liner Polizeipräsidium müssen sich schnellstens dazu bequemen, die Berliner Droschksnordnung in ihren unhaltbaren Para- graphcn zu revidieren und die Verkehrsbeamten anzuweisen, nicht so scharf gdgrn die Kraftfahrer vorzugehen. Es fanden dann zwei Entschließungen einstimmige Annahme, deren eine fordert, daß nur Kleinkraftdroschken mit einem Sitz gestattet wird, zum Kleintarif zu fahren, während die zweite for- dert, daß den vom Vcrkehrsbunde beantragten Abänderungen der für die Führer untragbaren Paragraphen der Droschken- vrdnung stattgegeben wird. Unberechtigte Entlassung bei See Lusthansa. Wie leichtfertig oftmals Entlassungen ausgesprochen werden und noch dazu der Entlassene an seinem Fortkommen gehindert wird, zeigte eine Verhandlung, vor der Kanimer 32 des Berliner Arbeitsgerichts am Mittwoch dieser Woche. Die Angelegenheit ist um so bedauerlicher, als es sich um die Deutsche Lufthansa A.-G. handelt, die doch immerhin auf ihren Ruf Wert legen muh. Lei der Lusthansa war seit dem 27. November 1926 der Heizer L. beschäftigt. Er wurde am 11. Juli d. I. plötzlich fristlos entlassen, weil ein anderer Arbeiter bei Aufräumungsarbeiten am Sonntag, dem 10. Juli, in einem unverschlossenen Armaturenschrank des Kesselhauses einige in Zeitungspapier eingewickelte Eßbestecke fand, die der Kantine gehörten. Man vermutete, daß der Heizer L, die Bestecke in der Kantin« gestohlen und in dem Armaturenschrank versteckt hatte, um ste gelegentlich mitzu- nehmen. Die fristlose Entlassung wurde ausgesprochen, ohne daß die Betriebsleitung den geringsten Beweis in den Händen hatte oder auch nur zu führen versuchte. Die vor dem Arbeitsgericht geführten Pergleichsver- Handlungen scheiterten, da die Firma stch weigerte, dem Ent- lassenen ein Zeugnis über einwandfreie Führung auszustellen. Der Vorschlag des Arbeitsgerichts, eine Ehrenerklärung auszustellen, kam die Firma wohl nach, jedoch hatte die Erklärung eine Form, aus der man alles mögliche herauslesen konnte. In den, Kammertermin konnte die Firma trotz des Auf- gebots an Zeugen auch nicht den geringsten Beweis dafür erbringen, daß der gegen L. erhobene Verdacht des Diebstahls begründet war. Die Zeugenaussagen erweckten vielmehr den Eindruck, als ob die Betriebsleitung nur nach einem Enrlassungsgrund gesucht hatte. Nur sehr zögernd erklärte sich der Vertreter der Lufthansa schließlich zu folgendem Vergleich bereit: 1. Die Beklagte stellt dem Kläger ein Zeugnis über einwandfreie Führung und Leistung aus. 2. Die Beklagte stellt dem Kläger eine E h r e n e r- k l ä r u n g aus, daß der gegen den Kläger geltend gemachte Ver- dacht sich als unbegründet erwiesen(nicht etwa nur: als nicht stichhaltig). 3. Die Beklagte zahlt dem Kläger 135 M. als Entschädigung gemäß lj 87 BRG. 4. Der Kläger behält sich seine Schadenersatzansprüche wegen entgangenen Verdienstes vor. 5. Die Beklagte behält sich vor, die 135 M. auf die etwaige Schaden- crsatzsumme anzurechnen. 6. Die Beklagte verpflichtet sich, die Ehrenerklärung an ihrem schwarzen Brett auszuhängen. Da der Kläger infolge des Versagens eines Führungszeugnisses keine neue Stellung bekam, wird in einem neuen Termin noch über die Schadenersatzklage entschieden werden. Zum Streik in öer Rheinschiffahrt. Ter Tarifvertrag der Maschinisten und Heizer. Das im Zentraloerband der Maschinisten und Heizer organi- sierte Maschinen- und Kessclpersonal der Rheinschiffahrt war an dem Streik nicht aktiv beteiligt. Der in unserer Morgenausgabe aus Duisburg mitgeteilt« Tarifabschluß des Zentraloer- bandes der Maschinisten und Heizer gilt nicht nur für den Mittel- und Unterrhein, sondern für die gesamte Rheinschiffahrt. Dem Tarifvertrag haben auch die Ma- schinisten und Heizer in Mannheim zugestimmt, so daß für die Mitglieder dieses Verbandes die Bewegung der Rheinschiffahrt be- endet ist. Die übrigen an der Bewegung beteiligten Organisationen stehen in Unterhandlungen, über deren Ausgang wir als- bald berichten werden. Tarifvertrag für Sie Veferjchiffahrt. Duisburg, 19. August.(Eigenbericht.) Nach drei ergebnislosen Verhandlungen wurde für die Weser- schiffahrt unter dem Vorsitz des Schlichtsrs ein Tarifvertrag mit Geltung vom 1. Juli ab vereinbart. Beim Laden, Löschen usw. ist die achtstündige Arbeitszeit zugrunde gelegt. Darüber hinausgehende Arbeiten, nichtgewährte Pausen sind als Ucber- stunden anzusehen. Die dadurch eingetretene Arbeilsverkürzung beträgt 6 Stunden pro Tag oder 36 pro Woche. Die Fahrzeit ist ebenfalls neu festgelegt, alle Sonntage durch freie Tage als Ruhetage anerkannt, ebenso ist die Zahlung der Rhein löhne dei Rheinfahrten anerkannt, desgleichen die bessere Bezahlung der Ucber-, Sonntags- und Nachtarbeit. Das Schiffspersonal braucht nicht mehr in der Ladung zu arbeiten. Die Wochenlöhne bleiben dieselben, gelten aber für 6 statt 7 Tage. Zu- dem gelten die Löhne laut früherer Vereinbarung bis 31. Dezember 1927. Des Personal der Weserschiffahrt ist fast restlos im Deut- schen Verkchrsbund organisiert. Gesamtaussperrung in öer krefelöer Seiöenknöussrle Da der Schlichter die von den Gewerkschaften geforderte Ver- bindlichkeitserklärung des Schiedsspruches abgelehnt hat, geht der Kampf zunächst weiter. In Krefeld ist nunmehr die Gesamtaussperrung eingetreten. Ausgesperrt sind zurzeit etwa 12 000 Textilarbeiter und-arbeiterinnen. Da auch die Veredelungsindusirie ausgesperrt hat, ist damit zu rechnen, daß nunmehr auch die Samtindustrie zum Erliegen kommt. Da- durch würden weitere 8000 Textilarbeiter und-arbeite- rinnen in Mitleidenschast gezogen. *• Beginnends Stillegung der Samtindustrie. Krefeld, 18. August.(WTB.) Die Krefelder Samtindustrie sieht sich zu starken Arbeits- einschränkungen gezwungen, da infolge der Stillegung der Färbereien starker Materialmangel eingetreten ist und durch die Stillegung der Ausrüstungsanstalten die einkommende Ware nicht mehr ausgerüstet werden kann und dem Verderben ausgesetzt ist. Wie wir hören, ist zunächst die Arbeitszeit etwa auf die Hälft� der bisherigen Beschäs- tigung herabgesetzt worden. Es ist jedoch damit zu rechnen, daß bei weiterer Fortdauer des Arbeitskampfes in absehbarer Zeit die völlige Stillegung der Betriebe erfolgen muß. Bewegung in den sächsisch-thüringischen Webereien. Für die sächsisch-thüringischen Webereien ist von den Gewerk- schaften zu Ende August der Lohntarif gekündigt worden. Gefordert wird eine Erhöhung des Spitzenlohnes von 5 7 auf 6 7 Pfennig. Nach dem Scheitern der Parleiverhand- k u n g e n hat der Arbeitgeberverband den Schlichtungsaus- s ch u ß Gera angerufen. Auch vor dem Ausschuß kam es z u keiner Einigung. Die Lohnoerhandlungen sollen deshalb ai/ 22. August fortgesetzt werden. Kommt es abermals nicht zu eiuiz Einigung, dann wird am 23. August ein Schiedsspruch gefällt werdet Lanüarbeiterbehenölung in den Domänen. Die barbarische Behandlung von Landarbeitern, wie sie wieder- holt von Gütern brutaler Agrarier gemeldet werden muhte, findet in der jüngsten Zeit mehr und mehr auch in den vom Staat verpachteten Domänen Eingang. Seit dem Frühjahr dieses Jahres besteht auf der Domäne Zubzow zum Berdruß des Pächters wieder ein Betriebsrat. Der erste Vorsitzende des Betriebsrates ist bereits vor einiger Zeit entlassen worden. Wegen der fristlosen Entlassung schwebt eine Klage beim Arbeitsgericht. Das an Stelle des ausgeschiedenen Vorsitzenden tretende Betriebsratsmitglied sollte nach dem Willen des Pächters denselben Weg gehen. Am 28. Juli 1927 bekam der Vorsitzende hintereinander drei verschiedene Ar- beitsbescheide, so daß er sich bei dem aussichtsführenden Be- amten beschwerte und fragte, was er nun eigenllich machen solle. Dieser brüllte nhn sofort an und verbot sich die„freche Schnauze" des Arbeiters. Der Domänenpächter kam wie ein brüllender Löwe herangestürzr und schrie den Vorsitzenden an: �„Halten Sie Ihr freches Maul, sonst scheren Sie sich sofort nach'Hause." Als der Arbeiter sich über diesen Ton beschwerte, wurde er fristlos entlassen. Der Arbeiter forderte nun einen Schein, auf dem der Grund der Entlassung vermerkt ist. Zu- nächst war der Pächter bereit, ihm diesen zu geben; später aber schrie er den Arbeiter an:„Scheren Sie sich sofort vom Hofe,«ie bekommen keinen Schein." Der Arbeiter bestand auf seinem Schein. Außer sich vor Wut rief nun der Gutspächter den in der Nähe arbeitenden Vorschnitter mit seinen sechs Schnittern heran und be- fahl ihnen, den Betriebsratsoorfitzenden mit der Forke auf den Kopf zu schlagen. Glücklicherweise wei- gerten sich die Schnitter, der Aussorderung nachzukommen. » Aufforderung zum Totschlag! Und dang jammern die Blätter der Agrarier über Land flu cht und Leutenvi'l Ausgehobene Sperren. Die Sperre über die Lokale Sonnen- wende, Jnh. Nischik, Treptow, und Strauchwiese, Jnh. Lubosch, Niedcrschönhausen, wird hierdurch aufgehoben. Die Forderungen des Zentralverbandes der Hotel-, Restaurant- und Cafe-Angestellten wurden bewilligt. läafenMlc. Teppidie Linoleum VaMkiaie»K?„ veaieii (3. Bargende K. G. Charlottenburg, Windscheidstr. 11, Ecke Pestalozzfstr Wilmersdorfer Str. 79, Edce Sybelstr. Tclephoal Steinplatz 4194, 583S, 8836. Stasr KM.fMfMülIeM Vom 1». bis 22. August 1927 1 Buhnenschau llik!oria-Lidilliil!lllieati!rF,A,.,!etaer Vom 19. bis 22 August 1927 Ild war zu Deiilelbeig Mot Ferner: Bühnenschau Juxcndllcke haben Zutritt [ODCuniia- Palast, AndreasstraBe 64 Vom 19. bis 22. August 1927 Ein schwerer Fall PassanHithmielUerÄ"/« Vom 19. bis 22. August 1927 Ein rhefnisdies Haddien bei rheirJsdiem Wein... Aof dertlfihne: Ein Winzerfest am Rhein XLesdau's crbmöbel /oüsnJete formtn Aparte Muster Aläßige Preise Wertttlilrn u. Verkauf: Meukölln AotiipuberUr. 20 und Hermannsfr. 10 (Tel. Meuk, 1759) Haikepeter zum , Guten Happen' Nenköl]n,Herinannstr.l60 Tel.: Neukölln 643[37 Hauptverkelirslokal des Reidisbanners: OaswaM�acü�oTO i2cujec gcL;riije<±ciasten.{Rceisjeri Dunkelblauer jso.- C h e v i o 2•«eihig, Größe SS, M. Dunkelblau, haltbarer Cheviot o/r 2-reihig. Größe 33. M. OO.— BlauerMelton- C h e v i o 1- tx.2-rcihig, Größe 38, M. 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