flg. 3�8 � 44.�ahr?. Ausgabe ü flc. 203 Bezugspreis. ZVSchentlich 10 Pf-nnur. monatlich 8,— Reichsmark voraus»ablbar. Unter Streifband im In. und Slusland b.so Reichsmark pro Monat. «'er„Vorwärts" mit der illustrier. ten Sonntagsbeilage„Volk und Zeit" sowie den Beilagen„Unterhaltung unb Wissen".„Aus der Filmwelt", „Frauenstimme",„Der Kinder- treund".„Iugend-Vorwärts".„Blick in die Bllcherwell" und„Kultur- arbeit" erscheint wochcntäglich zwei- mal. Sonntags und Montags einmal. Telegramm-Adresse: „Sozialdemokrat Berlin" Morgenausgabe Devlinev Volksvlatt (lO Pfennig) Anzeig« upreiss: Sic einlvaltiae Ronvareille- geile 80 Ptennia. Reklamocile 5,— Reichsmark.„Kleine Anzeigen" das fettgedruckte Wort 2b V-enria fzutässta zwei fettoedruckle Wortel. jedes weitere Gort 12 Pfennig. Stellengesuche das erste Wo t lb Pfennig, iedes weitere Zi'ort 10 Pkennig. Worte llber 1b Bück» staben zählen für zwei Worte. Arbeitsmarkt Zeile 60 Pfennig. Familienan, eigen sür Abonncntui Zeile 40 Pfennig. Anzeigen für die nächste Nummer müssen bis 4lb Uhr nochmittogs im Knuptgefchäft, Berlin SW OS. Linden. strafte 3. abgegeben werden. Eeöfinet von S'-h Uhr früh bis S Uhr nachm. Zcntra\orqan der Sozialdemokrat»rcheti Partei Deutfchlands KedoPtion und Verlag: S erlin SW. b8, Linöenstraße 3 Fernsprecher: Tönhoff 292—297. Mittwoch, den 24. August 1927 vorwärts-verlag G.m.b.H., öerlin SW. öS, LinSenstr.Z Postscheckkonto:«erlin V! 53*—«»ukkouto: Bank der Arbeiter. Angestelten »nd Beamten. Wallftr. CS: Tiokoato-Sefellichaft. Denofllenkass« Lindenftr. z. Slutige Nachspiele zum �uftizmorö. Ein Toter iu Leipzig.— Zusammenstöße in Paris. Leipzig. ZZ. August. Zu Leipzig veranstalleken heuie die Kommunisten Kundgebungen gegen die Hinrichtungen Saccos und Vanzettis. Die Kundgebungen selbst verliefen ohne Zwischenfälle. Dagegen kam es beim Rückmarsch einer größeren kommunistischen Abteilung zu einem Zusammenstoß mit der Polizei, bei der die Demonstranten nach dem Bericht der Telegraphen-Union einzelne Beamten be- droht haben sollen. Die Polizei machte von ihren H i e b- wassea Gebrauch: ein Demonslrationsleilnehmer wurde ge- tötet, ein anderer verletzt. Auch ein veamler soll verletzt worden sein. Die TU. meldet dazu, die Demonstranten hätten unterwegs ver- sucht, eine Polizeiwoche zu stürmen, woraus der Polizei der TBaUeDoebuaub bekohlen worden iei. Da dt« Meldung erst in später Rachtskunde eintraf, war es nicht mehr möglich, eine" authen- tische Darstellung der bedauerlichen Borkommnisse zu erhallen, weshalb wir die Meldung nur mit Vorbehalt wiedergeben können. Paris, 23. August.(MTB.) Die Protestkundgebung gegen die Hinrichtung von Sacco und Banzetli aus den großen Boulevards hat zu mehreren ziemlich ernsten Zusammen st ößen mit der Polizei geführt, die alle Kundgebungen verboten hatte. An zwei Stellen kamen die Moni- sestanlen mit einem starken poiizeiausgebol, dos vom poiizei- präfeklen selbst geleilet wurde, ins Handgemenge. Die Manifestanten drangen in verschiedene Cafes ein und bemächtigten sich der G l ä s e r und anderer Trinkgesäße, die sie al» wurfge- schösse gegen die mehrfach mit blanker Masse vorgehenden Poll- zifteu benutzten. Aus beiden Seiten hat es eine Reihe von Ver- letzten gegeben. Auch wurden verschiedene Verhaftungen vorgenommen. Besonder» ernst scheint der Zusammenfloß vor dem Gebäude de»„Matin'" gewesen zu sein, wo geschossen wurde. Auch hier find Polizisten und Manifestanten verletzt worden. Am S.Zü Ahr war es anscheinend gelungen, die Boulevards zu räumen und die Ruhe einigermaßen wiederherzustellen. Doch meldet man Ansammlungen von Manifeslanken in den Reben- st r aßen, die in kleineren Trupps wieder die großen Boulevards zu gewinnen suchen. Die nordamcrikanische Botschask ist durch einen slarken Polizeigürtel abgesperrt, so daß den Teilnehmern an der Kundgebung es bisher unmöglich war, weiter vorzudringen; doch wird gemeidet, daß sie außerhalb des Polizeikordons sich in Trupps sammeln. Paris. 2Z. August.(Eigenbericht.) Der Präsident des Kartells der früheren Kriegsteilnehmer, das mehrere hunderttausend frühere Kombattanten umfaßt, hat der presse mitgeteilt, daß er den Vorsitz beim Empfang der amerikanischen Legion, den er im Ramen des Kartells übernommen hatte, niederlege. Zn Montpellier sind noch einer kommunistischen prolest- versammlung zwei Bomben geworfen worden, eine Bombe gegen die Polizeipräseklur und die zweite gegen das Gefängnis. Dadurch wurden mehrere Häuser schwer beschädigt und sämtliche Fensterscheiben im Umkreis von mehreren hundert Metern zer- trümmert. Ein Polizist im präfekturgebäude wurde lebensgefährlich verletzt. WTB. berichtet über die Vorgänge in Montpellier: Nach Beendigung einer Protestkundgebung wurde eine Höllenmaschine gegen einen Polizeiposicu geschleu- dert. Samtliche Fensterscheiben der Polizeistntion und der benach- borten Häuser wurden zertrümmert. Ein Polizist wurde leicht verletzt. Der Einwohner hatte sich eine Panik bemächtigt. Don der Höllenmaschine selbst wurde nichts gefunden. Drei Stunden später explodierte eine zweite Höllenmaschine, dir gegen das Standbild der Jungfrau von Orleans, 30 Meter von der Polizeiwache entfernt, geschleudert wurde. Sie richtet« nur einigen Sachschaden an. Nach Schluß einer kommunistischen Kundgebung in Lyon wurde in eine Polizeiwache eine Bombe geworfen, deren Splitter einen Schutzmann verwundete. Auch in der Nähe des Gefängnisses wurde eine Bombe zur Explosion gebracht. In der Stroßenbahnhalle von Lyon blockierten unbekannte Täter die Weichen mit Zement, so daß gestern morgen die Straßen- bahnen nicht ausfahren konnten. Verschiedene Wagen wurden zur Entgleisung gebracht. Erst nach stundenlanger� Ber- spätung konnte der Straßenbahnverkehr wieder einsetzen. öeruhigung in Genf. Genf, 23. August. Der heutige Vormittag ist in Genf vollständig ruhig oerlausen. Ein heftiger Regen hat beruhigend auf die Gemüter gewirkt. Der von den Manifestanten angerichtete Sachschaden wird auf etwa 100 000 Franken geschätzt. Es wird als selbstverständlich betrochiet. Paß der am Gebäude des Völkerbundssekretariats verursachte Schaden vom Kanton Genf gedeckt wird. Die Genfer Kantonal- und die Bundesbehörden hoben dem Völkerbund ihr Bedauern und ihre Entrüstung ausgesprochen. Die wegen der Vorgänge Ver- hasteten kommen vors Polizeigericht. heute abend kam«s kurz vor 18 Uhr in der Nähe des ameri- konischen Kosulates zu einer großen Mensche nansamm- l u n g. Di« Polizei sperrte hierauf alle zum Konsulat führenden Straßen ab. Da gewisse Elemente der Aufforderung, sich zurück- zuziehen, nicht unverzüglich Folg« leisteten, wurden von der Feuer- wehr zwei Motorspritzen in Tätigkeit gesetzt, was sofort wirkte. Die Menge, welche hauptsächlich aus Neugierigen bestand, zerstreute sich langsam. Die Polizei nahm zehn Per- �onen fest, die alle verletzt waren. An verschiedenen Punkten der Stadt sind Absperrungen vorgenommen worden, insbesondere in der Nähe des Völkerbundspalastes. Das 3. Infanterieregiment ist in Zllarmbereitschaft gesetzt worden. » In Casablanca beschloß das Vertöidigungskomitee Sacco und Panzetti, alle amerikanischen Waren und Filme zu boykottieren. Nach der Versammlung kam es zu Zu- sammsnstößen mit der Polizei, wobei acht Polizeibeamte und mehrere Monisestanten verletzt wurden. 15 Personen wurden ver- hastet. Somben und Polizeiattacken in Amerika. Boston. 23. August. Die Pofizei zerstreute heute 300 Manifestanten, die sich vor dem Gefängnis angesammelt hatten. Sieben Personen wurden ver- hastet. Vor dem Postamt explodierte eine Bombe. Eine zweite Bombe, die mit Dynamitpatronen geladen war, wurde in einem Versammlungssaal der Quäker in Chestnut e n t- deckt. In Seattle(Fern-West) wurde in der vergangenen Nacht ein halber Häuserblock im Jtalienerviertel durch eine Bombenexplosion zer st ort. Vier Personen wurden ver- letzt(!?). Zwei Mitglieder des Verteidigungskonsitees haben die Auslieferung der Leichen Saccos und vanzettis beantragt, wahrscheinlich im Auftrog von Frau Sacco und-Luigio Banzetti. Um Ausschreitungen zu verhindern, ging die amerikanische Polizei überall da, wo sich Zwischenfälle ankündigten, mit äußer- slerStrengevor. JnBoston wurden etwa 120Personen f e st g e n o m m e n. In C a m e r o n i a, wo ein Soldat bei Auf- lösung einer Protestversammlung getötet wurde, oerhaftete die Polizei außer dem Täter noch 150 Demonstranten. In New Tort gingen 200 Polizisten mit dem Gummiknüppel gegen die Demonstranten vor: zwölf Verletzte wurden ins Kranken- Haus gebracht. In San Francisco wurden 127, in Chicago 40 Ver- Haftungen vorgenommen., Eleveland(Ohio), 23. August. An der katholischen St. Iosephskirche explodierte Heute eine Bombe. Einige Kirchenfenster und Fenster benachbarter Gebäude wurden zertrümmert. Verletzt wurde niemand. Ein Bischofspalast in Chile verbrannt. Buenos Aires. 23. August.(EP.) Der Bischofspolast in der chilenischen Hafenstadt A n c u d ist durch Feuer zer st ort worden. Der Bischof und ein Geistlicher erlitten Brandwunden. Ein Verletzter ist seinen Wunden e r- legen. Man vermutet, daß es sich um ein Altentat im Zusammen- hang mit der Sacco-Vanzetti-Affäre handelt. Buenos Aires. 23. August. Eine Menschenmenge veranstaltete vor den Bureaus einer Zei- tung eine Demonstration für Sacco und Vanzetti. Sobald die Nach- richt von der Hinrichtung bekannt wurde, zog die Menge vor die Gebäude amerikanischer Firmen und warf dort die Fenster- scheiden ein. Die Polizei war n i chch i m st a n d e, die Ruhe- störungen zu verhindern. tvanöerausfteUung öer Leichen?! Boston, 23. August.(Reuter.) Wie der Saeco-Vanzetti-Derteidigungsausschuß mitteilt, beab- sichtigt er, die Leichen Saccos und Vanzettis, die in besonders konstruierten Särgen untergebracht werden, in den Städten der östlichen Vereinigten Staaten öffentlich zur Schau zu stellen. Auch die westlichen Städte, ungefähr bis Chicago, sollen auf der Fahrt berührt wc-d«n. Vorläufig sind die Leiche» in den Bostoner Geschäftsräumen des Ausschusses auf- gebohrt. Ein weilerer Plan des Verteidigungsausschlisses ist, von Sacco und Vanzelti Totenmasken anfertigen zu lassen, die dann in großer Zahl vertrieben werden sollen. Die Leiche Madeiras' ist auf die Bitte seiner Mutter einer Bestattungsanstalt seiner Heimatstadt übergeben worden. Lob des Justizmordes. In der deutschen Rechtspresse. Der Fall Sacco— Vanzetti ist keine Angelegenheit der Partei. Er sollte\>s wenigstens nicht fein und ist als solche auch hier niemals behandelt worden. Die beiden nach sieben- jähriger grausamer Seelenfolter getöteten Italiener, die noch mit ihrem letzten Atemzug ihre Unschuld beteuerten, waren Anarchisten und als solche geschworene Gegner der So- zialdemokratie. Es besieht keine geistige Gemeinschaft zwischen den Sozialisten, die den Staat zum Beherrscher der Wirtschast machen, und den Anarchisten, die ihn zerstören wollen. Aber von diesen Meinungsverschiedenheiten war im Fall Sacco— Vanzetti mit Recht niemals die Rede. Nicht um sie handelt es sich hier, sondern darum, daß zwei Menschen auf unzureichen- den Verdacht hin zum Tode verurteilt, jahrelang unter Todes- androhung gehalten und schließlich doch grausam abgeschlachtet wurden. Es handelt sich darum, daß ein Gericht aus Rassen- und Klassenhaß ein leichtfertiges Todesurteil gefällt hatte und daß hinter der Maske der Moral die Fratze einer brutalen kapitalistischen Klassenherrschaft in Erscheinung getreten war. Der Schrei gegen die Richter und Henker von Massachusetts war ein Schrei für Menschlichkeit und Recht. Daß es trotzdem ein Teil der deutschen Presse fertig bringt, sich gegen diese Bewegung zu wenden und den Justiz- morf) von Boston zu rechtfertigen und zu beschönigen, kann man nur mit Bedauern feststellen. Wie sehr müssen sich die Leser dieser Presse in ihrer Auffassung von den elementarsten Begriffen des Rechts von den übrigen Teilen des deutschen Volkes entfernen, wenn sie solche Kost vertragen können! Da gähnt ein Abgrund, der nicht zu überbrücken ist! Es ist die reaktionäre, vor allem die deutsch- nationale Presse, die sich zur Verteidigerin des elektrischen Stuhls aufwirft. Sie tut es, je nach dem Grade ihres Rechts- radikalismus, mit mehr Brutalität oder mehr Diplomatie. Unerreicht bleibt das nationalsozialistische„Deutsche Tageblatt", das die Hinrichtung„sehr erfreulich" findet, well sie die richtige Antwort an„d i e I u d e n" gewesen sei. Mit dem gleichen Grad von Sinn ober Irrsinn hätte das anti- semitische Blatt die Hinrichtung der beiden Italiener und nicht die Bewegung gegen sie als„jüdische Mache" behandeln können. Aber auch die alldeutsch:„Deutsche Zeitung" zeigt sich über die Vollbringung des Justizmordes sehr befriedigt. Was bei ihrer Meinungsschwester von etwas weiter rechts„jüdische Mache" heißt, das heißt bei ihr„eine Auswirkung der boljche- wistijch-kommunistischen Ideologie". Nach einer ausführ- lichen Schilderung dieser Auswirkung wird gesagt: „Unter solchen anormalen Verhältnissen, unter dem Drucke des Terrors, mußte die Staatsgewalt ihre Zlufgabe erfüllen. D i e Straße sollte zur höchsten Kassationsinstanz werden. Wäre sie durchgerungen, und hätte das Gericht, ohne daß neue Entlastungs- Momente hinzugekommen wären, sein Urteil ausgehoben, dann hätte sich niemand gesunden, der so naiv war, zu glauben, daß die Richter aus innerster Rechtsüberzeugung gehandelt hätten. Ein jeder hätte gewußt, daß der Terror seine Wirkung getan, und das Gericht vor ihm zurückgewichen sei. Dann aber hätte die Strohe einen Sieg erfochten, der verhängnisvoll gewesen wäre." Nach der Theorie dieses ehrenwerten Blattes muß ein Todesurteil gegen Unschuldige vollstreckt werden, wenn„die Straße" gegen den Justizmord protestiert! Das ist eine Auf- fassung von der„Staatsautorilät", die uns hier nicht zum erstenmal begegnet, die vielmehr in vergangener Zeit eine überaus verhängnisvolle Rolle gespielt hat. Auf einen ähnlichen Ton ist die' agrarische„Deutsche Tageszeitung" gestimmt. Freilich macht sich bei ihr das Wenn' und Aber schon stärker bemerkbar: „Gewiß, unter denen, die gegen die Hinrichtung Saccos und Vanzettis Einspruch erheben zu sollen glaubten, befinden sich zweifellos auch Idealisten, die vor einem grauen- vollen Justizirrtum warnen zu sollen vermeinen und nichts anderes im Auge haben, als die Wahrung des h ö ch st e n Rechtsgutes. Aber ihre Stimme verhallte doch im Toben und in den Drohungen derer, die aus der Gesinnungsgemein- schaft mit den beiden Anarchisten heraus Kundgebungen der Straße und einer aufgehetzten, einseitig unterrichteten Masse als Druck auf die Justiz eines„kapitalistischen" Staates auszuspielen versuchten." Wenn nur die Gesinnungsgenossen der beiden Anarchisten demonstriert hätten, so würde man von ihren Demonstratio- nen wenig bemerkt haben, denn ihre Zahl ist in der ganzen Welt überaus gering. Die Idealisten müssen also wohl schon in der Mehrzahl sein. Wenn trotzdem das agrarisch-deutfch- nationale Blatt aus der ganzen Tragödie nur die eine Lehre zu ziehen weiß,„daß die kostbaren Güter des Rechts und der Ordnung nicht dem EinflußderStraße... preis- zugeben" seien, so ist darauf zu erwidern, daß man„die kostbaren Güter des Rechts" auch nicht einer Verwahr- l o f u n g preisgeben darf, die zur allgemeinen Empörung herausfordert. Der„Berliner Lokal,-Anzeiger" schließlich glaubt die außenpolitische Seite der Angelegenheit anschlagen zu sollen, indem er den Richtern und Scharfrichtern von Boston seine Hochachtung zu Füßen legt: „Organe und Organisationen unserer Linken haben in dem Leitartikel- und Resolutionskampfe besonders zuchtlos gearbeitet. In einer Weife gearbeitet, die eine schwere Belastung für die deutsche Außenpolitik bedeutet. Es ist nötig, daß man in Amerika wisse: Die solche Sprache sprechen, solche Ansichten ver- fechten, sind nicht die berufenen Wortführer des deutschen Volkes, das in seiner überwiegenden Mehrheit der endgültigen Schicksalsgestaltung der beiden Anarchisten zwar mit menschlichem Mitgefühl, aber ohne Haß und Voreingenommenheit gegen die Männer miterlebte, die ihre Pflicht, ihre mensch- „lichc und moralische Pflicht zu tun glaubten, als sie die B e g n a d i- g u n g, als sie neuen Strasausschub für Sacco und Banzetti ver- warfen." Dieser Ton paßt besonders gut zu einem Blatte, das sich während des Krieges und nach dem Kriege durä) eine be- sonders raffinierte Hetze gegen Amerika ausgezeichnet hat! Unser Haß richtet sich— wem braucht man das erst zu sagen?— nicht gegen das amerikanische Volk, sondern gegen das Unrecht, gleichgültig wo es geschieht! Verzicht aus den Kampf gegen das Unrecht aus außenpolitischen Gründen, wäre das nicht etwas, was der„Berliner Lokal-Anzeiger" sonst als eine„nationale Würdelosigkeit" zu bezeichnen liebt? Es wäre in der Tat ein Zeichen tiefster nationaler Erniedri- gung, wenn wir in Deutschland einen solchen Verzicht üben sollten aus Furcht, uns sonst die Ungnade der derzeitigen Machthaber Amerikas zuzuziehen! Auch der„Berliner Lokal- Anzeiger" würde nicht so veeifert sein, den Henkern Saccos und Vanzettis feine Hochachtung zu versichern, wenn er nicht durch Gesinnungsgemeinschaft mit ihnen verbunden wäre! Serliner tzotels ohne Nationalflaggen. Der Magistrat besucht sie nicht mehr. Zu den empörendsten Erscheinungen in Groß-Berlin gehören jene Luxushotels, die fortwährend ausländische Gäste beher- bergen, sich aber beharrlich weigern, die Flagge der Nation zu hissen. Nicht einmal am Tage der Bestattung des ersten Reichspräsidenten hatte das H o t e l A d l o n, das unmittelbar neben dem Präsidentenhause und der englischen Botschajt gelegen ist, es für nötig gehalten, die Farben des Reiches zu hissen. Ganz zu schweigen von dem Verfassungstage, an dem das Haus ebenso ungeschmückt blieb wie der Kaiserhof, Esplanade und Bristol. Jetzt hat der Magistrat den sehr oerständigen Beschluß ge- faßt, an keiner Veranstaltung mehr sich zu beteiligen, die in diesen verfassungsfeindlichen Gaststätten getroffen werden. So hat fetzt Oberbürgermeister B ö ß dem Verband der Funkindustrie, der wegen der Eröffnung der Funkausstellung im Hotel Esplanade ein Fest- essen bereiten will, seine Absage gesandt, mit der Berufung auf den Magistratsbeschluß, der den Boykott der Reichsflagge nicht noch durch amtliche Hilfeleistung unterstützen will. Wie der Oberbürgermeister, so werden auch die übrigen Magistratsmitglie. der der Veranstaltung, fernbleiben. Das gleiche kommt für das Hotel Kaiserhof, in dem der jetzt in Berlin eingetroffene Bürgern, ei st er Walker von New Jork durch den Amerikanischen Club bewillkommnet wer. den sollte, in Frage Der Oberbürgermeister von Berlin wird seinen Kollegen aus New Jork im Rathause begrüßen, aber er wird der Feier im Hotel Kaiserhof fernbleiben. � Die Entschiedenheit, die in dem Beschluß des Magistrats zum Ausdruck kommt, ist den Hotelinteressenten augenscheinlich über- rafchend gekommen. Sie erklären, wie«ine Berliner Lokal- korrespondcnz zu melden weiß, daß das Nichtflaggen am Ver- faffungslag— der Magistrat hatte bekanntlich zu allgemeinem Flaggen in Reichsfarben ausdrücklich aufgerufen!— nicht etwa Opposition gegen den Verfassungstag oder gegen die schwarzrot» goldene Flagge bedeuten sollte, vielmehr seien sie aus geschäft- lichcn Gründen zu einer neutralen Haltung gezwungen. In den Hotels verkehrten außer Republikanern auch Ang»> >»»»»>!>»!»—____ Die Todesstrafe. Von Henry Zeltner. Die Todesstrafe, ein Ueberbleibsel aus Barbarenzeiten, ist ein Schandfleck der amerikanischen Kulturl Todesstrafe— das bedeutet Brutalität über alle menschlichen Begriff«! Ich habe der ersten Hinrichtung beigewohnt. Bis zum Ende meiner Tage werde ich diese widerlichen Eindrücke nicht vergessen! Schaudernd überläuft mich ein Gefühl des Abfcheus. das sich nicht beschreiben läßt. Als Gast des Staates war es mir gestattet, der Hinrichtung Julius Miller beizuwohnen, der überführt wurde, den New-Iorker Sportler Baron Wilkins am 24. März 1924 ermordet zu haben. Meine Gedanken fieberten. Mein Gehirn war wie betäubt, als zwei kräftige Wärter den Armensünder hereinschleppten und in den Stuhl schnallten. Ich schloß die Augen. Doch eine seltsame Macht zwang mich, sie wieder zu öffnen. Und ich starrte einem hühnenhaften Teufel in die Augen, bei dem jede Bewegung erkennen ließ, daß es ihm Spaß machte. Er winkte lustig und lächelte— mit einem Grinsen, daß man sich in der Hölle glaubte. Mein Herzschlag stockte...... Kann ein Staat, der sich auf das Christentum gründet, ein Staat, dessen Vorväter Gott baten, sie zu führen, als sie Leben und Frei- heit suchten— kann ein solcher Staat etwas so Schauderhaftes dulden und gutheißen? Kann dieser Kerl, ein bezahlter Beamter des Staates, ein Mensch sein? Feucht war die Luft. Ein Frösteln ging einem durch Mark und Bein. Mein Nachbar, ein junger Berichterstatter, der auch der ersten Hinrichtung beiwohnte, raunte mir zu: „Kalt Ist? hier..." Es klang hohl, wie eine Stimme aus dem Grabe. Ist es denn möglich, daß dies das zwanzigste Jahrhundert sei? Das Jahrhundert der Fahrzeuge, die durch die Luft segeln, von Stimmen. Liedern und Musik, die durch den Aether schwingen. — kann dies das Zeitalter der Aufklärung sein, das einem Menschen das Leben mit einem fürchterlichen Schlage aus dem Leide schlägt? In welchem Punkte steht diese Justiz höher als die des Urmenschen, der weniger aus Rache, denn zur Selbsterhaltung tötet? Ich sehe keinen Unterschied. Kräftigere Leute seufzten, und ich brach fast zusammen beim Anblick dieser schauderhaften Prozedur. Aus einem Gang hinter einer gelben Tür drang das Geräusch von Schritten— es war Pfarrer McEaffrey, der die letzten Gebete sang. Dicht neben ihm, «in Kruzifix in der Hand, kam der Armesünder.„Jesus, rette meine Seele!" murmelte er, der in einem Augenblicke heißer Leiden- hörige der Rechtskreise, und um diesen Teil der Gäste nicht vor den Kopf zu stoßen, habe man sich dazu enischlossen, den Mitgliedern der Vereinigung zu empfehlen, am Vcrfassungstag« überhaupt nicht zu flaggen! Man stößt also lieber die Republikaner vor den Kopf als die Rechtskreise! Nachdem jetzt der Beschluß des Magistrats jedoch veröffentlicht worden ist, bemüht man sich, die„Differenz" aus der Welt zu schaffen, und in Konferenzen, die bereits am Montag und Diens- tag stattgefunden haben, hat man beschlossen, eine Abordnung zu Oberbürgermeister Böh zu schicken, um diesem die „Gründe" für das Verhalten der genannten Hotels darzulegen. Man will unter allen Umständen bis zur Ankunft des New Jorker Bürgermeisters Walker zu einer Vesständigung mit dem Magistrat gelangen, da es für die Leitung des Kaiferhofes natürlich mehr als peinlich wäre, wenn der Oberbürgermeister seinem New Jorker Kollegen schristlich die Gründe ausein- andersetzen würde, die ihn verhindern, an dem Empfang in dem genannten Hotel teilzunehmen. Um sich nicht das Geschäft mit den Amerikanern zu oerderben, sind die Hoteliers sogar bereit, eine„alle Teile befriedigende Rege- lung" der Angelegenheit herbeizuführen. Wahrscheinlich wollen sie Berlin zu einem Seehafen erklären und die schwarzweihro!« Handelsflagge mit oder ohne Reichsflagg« zeigen, das heißt zu der Brüskierung nachträglich auch noch den Hohn fügen. Nun finden in den genannten Hotels auch vielfach Veranstal- tungen statt, die vom Auswärtigen Amt vorbereitet sind. Sollte der Außenminister des Reichs nicht etwas von Bedrückung darüber empfinden, daß der Magistrat Berlin dieser hohen Be- Hörde die Aufgabe abnimmt, für die Achtung der Reichsflagge einzutreten? Amerikaner müssen eingreifen. Nachdem der Oberbürgermeister dem Amerikanischen Klub auf seine Einladung zum Donnerstag eine Absage erteilt hatte unter Hin- weis auf den Beschluß des Magistrats, suchte der Vorstand des Klubs «ine Unterredung mit einem Vertreter des Magistrats nach. Dabei erklärte der Vorstand, daß bei allen Veranstaltungen des Amerika- nischen Klubs die Reichsflagge selbstverständlich neben der Flagg« der Vereinigten Staaten zu hängen pflegt und daß in diesem besonderen Falle die Direktion des Hotels Kaiser- Hofs gebeten werden würde, die Reichsflagge und die amerikanische Flagge auch vor dem Hotel wehen zu lassen. Der Vertreter des Magistrats erklärte, daß er diese Er- klärung zur Kenntnis des Herrn Oberbürgermeisters Böß bringen würde. Sollten sich die deutschen Hoteliers nicht schämen, wenn sie von Ausländern erst an ihre nationalen Pflichten erinnert werden müssen? Roeches Geist in öer Goethe-Gesellschast. Sogar die Thüringer Ordnungsregierung rückt von ihm ab! Weimar, 23. August.(Eigenbericht.) Bei der Trauer feier der Goethe-Gesellschaft für den verstorbenen Universitätsprofessor Roethe-Berlin hatte der stell- vertretende Vorsitzende der Gesellschaft, Unioersitätsprosessor Michels. Jena, eine„Gedächtnisrede" gehalten, die schon nach bürgerlicher Meinung dem angeblich neutralen Charakter der Goethc-Gesellschaft einfach Hohn spricht. Der Redner nannte unter anderem die Revolution von 1918„einen Sieg der Meuterer und Des e>t e n r e". Da die beiden Staatsminfster üeptheuher und Paulsen der Sitzung beiwAhnten, stellte der Abgeordnete Gen. Dr. Kieß ein« Änfragc an die t h ü r i n g i sche Rä"g ie-r u n g, ob sie die Aeußerung des Herrn Michels billigt oder ob sie in geeigneter Weise ihren Standpunkt oder den ihrer, bei dem Vortrag anwesenden Mitglieder zum Ausdruck gebracht habe. Darauf antwortet nunmehr am Dienstag die Regierung, daß Michels allerdings in seiner Rede ein« Anzahl Wendungen poli- tischer Art gebraucht hat, die geeignet waren, die Gefühle Andersdenkender zu verletzen. Di« von uns erwähnt« schaft jeden Gedanken an die Folgen verlor— und den Mord beging. Der Staat aber läßt mit voller Ueberlegung, all sein Denken und alle Fähigkeiten beherrschend, nach eingehender Beratung den Mann in einen gelben Stuhl schnallen.„Jesus, rette meine Seele!" murmelt er noch immer. Das Kruzifix hat man ihm abgenommen, damit die bewaffneten Wächter ihn besser festschnallen können. Ein« Kappe, mit einem Kabel verbunden, wird ihm aufgesetzt. Dann bindet man ihm eine Maske vor» Gesicht, die nur die Lippen frei läßt— Lippen, die hinter der schwarzen Maske geisterhaft grinsen. Ein stämmiger, gedrungener Wärter verschwindet im Reben- räum. Der Strom wird eingeschaltet....«in Summen.... die Glieder des Armensünder» fliegen auf und nieder. Die Adern schwellen zum Bersten. Krachend fährt der Körper in die Riemen. als walle er sie sprengen. Die Gurte ächzen... Dampf steigt vom Kopfe auf, von den bloßen Knien, die sich btau und schwarz färben. Die Lippen werden schwarz. Schaum bricht hervor... Und wieder hat der Staat einen gesetzlichen Mord begangen. der in diesem Jahrhundert des Fortschritts und der Aufklärung als gerechtfertigt erachtet wird— als zum Wohl« der Menschheit. Auf dem Heimwege waren die grünen Felder mit dem Bold des Herbstes betupft. Nie war die Natur so schön. Wohin da» Auge schweift, nichts als Schönheit, nichts als Schönheit! Ich schloß die Augen. Und wieder sah ich den gelben Stuhl. Ein Hüne winkte. Em Grinsen....(Deutsch von H. Hesse.) Friedhöfe als Naturschuhstätlen. Die fortschreitende Kultivierung des Landes schränkt die Gebiete immer mehr ein, in denen sich die Natur noch ungestört entwickeln und erhalten kann. Man sinnt daher aus immer neu« Mittel, um einzelne Stellen der deutschen Landschaft in ihrem ursprünglichen Charakter zu erhalten. Dabei ist man schon früher auf den Gedanken gekommen, jene geweihten Stätten des Friedens, die die Gottesäcker darstellen, für diesen Zweck auszunutzen. So hat man die Friedhöfe dem Vogelschutz dienstbar gemacht und ihre Bepflanzung dementsprechend eingerichtet. Man kann aber noch weiter gehen und Friedhöfe überhaupt zu Natur- schutzstätten ausbilden. Einen solchen Vorschlag, der auch für andere Gegenden zutrifft, macht Hermann Jung für die Eise! im„Natur- forschxr". Er weist darauf hin, daß diese idyllischen Totenftätten, die reichen Park- und Gartenanlagen gleichen, den Dögeln die besten Rist- und Brutplätze gewähren, und meint, daß man diese günstige Gelegenheit mehr ausnützen müsse.„Vögel, die längst nicht mehr bei uns wohnen, weil wir ihnen nicht den nötigen Schutz gewähren, müßte man in diesen Friedhöfen hegen und pflegen," schreib: er. „Seltene Pflanzen findet man in solchen Totengärten dank der Ver- wildcrung, die man in anderer Beziehung so sehr gerügt hat. Gemach, solche Gärten tun uns not, und niemand sollte das Idyll und die Ruhe stören, die die Natur hineingelegt hat. Auf Eifeler Dorf- Friedhöfen gedeiht manches Pflänzlein nach dem der Forscher lange Jahr« oergeben» in der Heimat gesucht hat. Uralte Friedhöfe kenne Aeußerung über die Revolution könne Michels aber als Meinung des verstorbenen Roethe angeführt haben. Aber nach Ansicht der beiden Staatsminister, die der Feier als Mitglieder der Gesellschaft beigewohnt haben, wäre diese Aeußerung besser unterblieben, zumal im übrigen die Feier durchaus würdig verlaufen sei. Die beiden Staatsminister hätten sich gegen die Entgleisung des Professors Michels nicht wenden können, ohne den Takt zu ver- letzen, wohl aber habe Staatsminister Paulsen am nächsten Vormittag, unmittelbar nach der Tagung der Gesellschast, Gelegen» heit genommen, dem neu ernannten Präsidenten der Gesellschast, Professor Petersen- Berlin, den dringenden Wunsch zum Aus- druck zu bringen, daß die Goethe-Gesellschast künftig darauf achten möge, daß bei weiteren Veranstaltungen politische Aeußc- rungen vermieden würden. Staatsminister Paulsen hat dabei dar- auf hingewiesen, daß es der Wunsch weiter Kreise in Weimar sei, daß die Goethe-Gesellschast, wie früher, sich politisch a b! o l u t neutral verhalte und daß die Montagtagung mit der Rede des Herrn Michels die letzte gewesen sei, in welcher die Politik in die Kundgebungen der Goethe-Gesellschast hineingetragen worden sei. Der Präsident der Goethe-Gesellschast hat daraufhin zugesagt, daß auch er in diesem Sinne wirken wolle. So sehr die Stellungnahme des Herrn Paulsen auch befriedigen kann, so sehr muß es aber wundernehmen, dgß die Gosthe-Gesell- schaft in ihrem soeben erschienenen„Jahrbuch" dennoch die volle Rede Michels der O c f f e n t l i ch k e i t anzubieten w a g t. und so liest man denn, daß Michels im Zeichen der Goethe- Gesellschaft außer den oben mitgeteilten Aeußerungen noch alle die Leute als„schlecht" zu bezeichnen, beliebt, die„Roethe mit giftigem Haß oerfolgten". Man fragt sich, wer das nur gewesen sei» kann? Und der Nationalversammlung in Weimar macht Michels schließ- lich den Vorwurf, daß sie Roethes Vaterstadt Graudenz den Feinden kampflos überlassen habe!__ Weitere Maßnahmen gegen tzakenkreuzler. Uebrrraschcnde Haussuchungen. Der Verdacht, daß die n a t i o n a l s o z i a l i st i s ch e d e u I s ch e Arbeiterpartei trotz des bereits vor längerer Zeit erlassenen Verbotes fortbestehe, ist durch die gestrige Vernehmung zahlreicher Angehöriger dieser Organisation— wie wir bereits mitteilten— mit ziemlicher Sicherheit erwiesen. In Verfolg der weiteren Polizeimaßnahmen gegen die Hakenkreuzler wurden im Laufe des gestrigen Bormittags bei 26 führenden Nationalsozialisten Haus- s u ch u n g e n vorgenommen. Ganz überraschend erschienen Krimi- nalbeamte auf der Bildfläche und nahmen ein« Sichtung der Korre- spondenzen usw. vor. Zu der gleichen Zeit schritten in den früheren Parteiräumen, dem jetzigen sogenannten„Bureau der Abgeord- neten" in der L ü tz o w st r a ß e 44 Kriminalbeamte zu einer über» raschenden Haussuchung, die belastendes Material zutage förderte. Insbesondere liesern einige Belege, die aus der letzten Zeit datieren, den Beweis für das Fortbestehen der Nationolfozialeu Partei. Die Sichtung des umfangreichen beschlagnahmten Ma» tcrial» ist noch nicht abgeschlossen. Daher ist auch noch nicht ersichtlich, welche Folgerungen sich an» dem Resultat der Untersuchung ergeben werden. Die Polizei be- findet sich insofern in einer seltsamen Lag«, als das Reichsvereins- gesetz für die Fortsetzung einer verbotenen Organisation im Gegen- satz zum Gesetz zum Schutz der Republik keine Etrafan-- d r o h u n g vorsieht. So wird die Polizeibehörde nur im L e?� waltungswege gegen eine derartige Vereinigung einschreiten können, was ja wohl auch mit gehörigem Nachdruck geschehen wird- Ztei***'—»•«•"H Iii,>,»•.." ■••Jnh-.+.rt*?<.?-:? 5�* V*'t;* V--«n-...-- a Uederführung von Max HSlz nach Souneuburg. Der StraD- gefangene Max Hölz ist aus der Strafanstalt Groß�strehlitz w Oben. schlesten nach der Strasanstalt Sonnenburg übergeführt worden. Die Verlegung war vom Verteidiger beantragt worden, um chm Be» sprechungen mit Hölz zur Vorbereitung von Anträgen«ch Wiaser» aufnahm« des verfahren» zu erleichtern. Zu Seipel- Schober» Zall-Erfolgen gehört auch da» gewattige Ansteigen der Austritt« aus der(katholischen) Kirche in Dentschöster- reich, in Wien allein seither über 20<)(X>! ich in der Eisel, die abseit» von der großen Straße Legen, die kaum noch ausgesucht werden, weil die Toten, die dort ruhen, keine An- gehörigen mehr besitzen. Man hat diese Gottesäcker fast vergessen, aber man sollte ihnen wieder Geltung verschaffen und die Natur in ihrem Bestreben unterstützen, Schutzgebiete zu schassen für Pflanzen und Tiere. Laßt die Toten nur ruhen, fie stören nicht, ste helfen nur schützen und hegen, was Menschenhand zerstören möchte." 3m Trianonthealer ist man von der sommerlichen Ueberhitzung der Cochonneri« zur Hausmannskost des erprobten Schwankes zu- rückgekehrt. Es war eine Jubiläumsvorstellung(die 250., glaube ich) des Dreiakters von Sturm-Färber:„So ein Mädel!" Diese lustige Schülergeschichte, die sich um eine abgeschrieben« Schularbeit dreht, bringt neben der schwankmäßigen Zuspitzung und heillosen Komplizierung— schließlich wollen vier Personen die Schuld aui stch nehmen— sehr hübsche Charakterisierungen. Der Weiberfeind- liche Schulmonarch wird dank der Darstellung des Mitverfassers Hans Sturm zu einem höchst individuellen Porträt direktorialen Fimmels, in dem aber auch die versöhnlichen Züge nicht fehlen. Den kecken Backfisch, der für den lateinschwachen Schüler die rettende Tat begeht, stattet Irma Klein mit allen Erfreulichkeiten aus. Da auch die kleineren Rollen alle gut besetzt waren und alles ani Schnürchen lief, gab es einen gelungenen und kurzweiligen Abend, r. Das Hunderennen. Die neueste Sportmode der Engländer, das Nennen von Windhunden nach dem elektrischen Hase», hat sich zu einem Riefengeschäst ausgewachsen, in dem viele Millionen an- gelegt sind. Di« verschiedenen Gesellschaften, die diese Hunderennen betreiben, arbeiten mit Kapitalien, die im ganzen die Summe von 20 Millionen Mark übersteigen. Ihre Einnahmen sind so glänzend, daß die Aktien dieser Unternehmen in manchen Fällen um das Zehnfache gestiegen sind. Ebenso machen die Züchter und Trainer der Hunde glänzende Geschäfte. Windspiele, die gute Renner sind und noch vor einiger Zeit höchstens 200 M. wert waren, werden jetzt mit Preisen bi« zu 7000 M. bezahlt. Die Trainer, die die Tiere zu tüchtigen Läufern ausbilden, erhalten große Gehälter. Hunderttausende von Besuchern drängen sich zu den Rennen, b«i denen hohe Eintrittspreise gefordert werden. Findige Unternehmer werden dem deutschen Volke sicher auch dies« Kulturerrungenschaft noch zuführen. Ein milder Richter. Vor dem Grafschaftsgericht in Mansfield (England) erschien in einem Prozeß ein Bergmann als Schuldner. Bekanntlich ist gegenwärtig im englischen Kohlenbergbau eine Krise und daher haben viele Bergleute verkürzte Arbeit oder sind aide:!!- los. Der Angeklagte bewies, daß er nur 27 Mark wöchentlick, ver- diene, aber obendrein noch seine Mutter milernähren müsse. Trotz. dem sei er bereit, monatlich 2 Mark Abzahlung zu leisten. Der Richter wies darauf hin, daß eine solche Abzahlung unter diesen Umständen viel zu hoch sei. Er entschied, daß der Angeklagte monatlich nur eine Mark abzuzahlen habe. Da» Hrohe Schauiplelhau» rvöifnet seine dieöjähnge Spielzeit am 30. August mit Sullivan» burlesker AuSstattungÄopereltc„Der istiilado' Der Vorvertaui beginnt am DomierStag. «In Wilhelm- II.. JUm..Wilhelm II., das Zchickwi eines Volkes" ist der Titel eines Filme», den der.Marlin Berger Film" herausbrinal. Das Manuskript ist von Dosio«offler. Ritter öer Sittttchkeit. Aus einer dcutschnationalen Küche. In dem Kampf für das Schund- und Schmutzgefetz stand die chugenberg-Preff« in vorderster Reihe� Schon damals ist ihr im Reichstag nachgewiesen worden, wie heuchlerisch dieser Kamps war. In der Generaldebatte der dntten Lesung hatte Genosse Breit- scheid«ine Fülle von Beispielen hierfür mitgeteilt, ohne daß bis heute von Hilgenberg auch nur ein Wort der Erwiderung erfolgt ist. Den Mitteilungen Breitscheids war zu entnehmen, daß auf einer einzigen Seite des„Berliner Lokal-Anzeigers" aus einer beliebigen Nummer zahlreiche Inserat« schmutzigster Art ent- halten waren, während sich in der gleichen Nummer ein Leitartikel befand, in dem mit dem Brustton der Ueberzeugung für das Gesetz gegen Schund und Schmutz Stimmung gemacht wurde. Auf den Tisch des Hauses, dessen Mitglied zu sein auch H«r Hugenberg die Ehre hat, wurde die ,Lotal-Anzeiger">Seite aus- gebreitet. Aber nicht nur, daß Hugenberg, Vorsitzender des Aufsichtsrats der August Scherl G. m. b. H- und Mitglied der d e u t s ch n a t i o i nalen Fraktion des Reichstages, die Ausführungen Breitscheids unwidersprochen hinnahm und bis heute unwidersprochen ge- lassen hat. Die in Hugenbergs Verlag erscheinenden. Zeitungen setzen das damals gebrandmarkt« Treiben sogar noch heute bedenken- los fort. In einer der letzten Nummern der Hugenbergschen„Nachtausgabe" wird in Gedichtform glossiert, daß das deutsche Volk für Boxen, den„Kampf der Fäuste", mehr Interesse habe als für den „Faust", und auf der gleichen Seite des Blattes findet man den Beginn eines Kriminalromans schlimmster Sorte:„Der Höllen- d o k t o r, e i n Dr. Fu Mandschu-Roman", über dessen Schund- und Schmntzcharakter nirgends' ein Zweifel bestehen kann. So sieht Theorie und Praxis aus! Ein Blick in den Anzeigenteil des„Berliner Lokal- Anzeigers" zeigt, daß es auch nach den Reichstagsdebatten vom Dezember vorigen Jahres 3>�t von Kuppeleianzigen schlimmster Art geradezu wimmelt: „Kapitän, große Figur, unabhängig, weltgewandt, kein All- tagsmensw, wünscht Bekanntschast ebensolcher Dame!" „Gebildete junge Aerztin sucht wegen Mangels an Be- kanntschaft für ihren Aufenthalt in Berlin seriösen Käme- ra d e n für Auto-'und Wassersport." „W o kann einsame Dam« angeln?" „Tanzteepartner von fescher Frau, Mitte 20, groß, blond gesucht." „Herr, 30er, groß, sucht Bekanntschaft stattlicher Dame zwecks Unterhaltung, Geselligkeit." „Germane, 40, 182 groß, stattlich, kräftige Figur, wünscht Geselligkeit und Theaterbesuch mit vornehmer t e m p e r a- m e n t v o l l e r Dame." „Ferienreise, Akademiker, 38, Rheinländer, sucht junge, schöne vollschlanke Dame als Reifebegleiterin." „Hockstourist, Dr., 37, sucht für vergnügte August- reise hübsch«, gebildete Touristin." „Moderner Herrenfahrer, 34, keine Alltagsnatur, sucht zwecks Autosahrten und Geselligkeit solides bescheidenes Mädel von voller Figur und ohne Anhang." „Diana, gebildet, groß, schlanke, moderne Dam«, unabhängig, streng waidwännische jagend, Revier in entzückender Gegend, sucht Wochenendgesellschaft." Diese Aupwahl mag für heute genügen: sie ist nur eine kleine Auslese aus zwei Nummern der Hugenberg-Plantage. Immerhin ist sie ein drastischer Beweis für Hugenbergs Geschäfts- Methoden: Die Moral hört auf, wo das Geschäft l�n.fäaLt........ f1. Igirmisnv aM ,B»r-nnlanö. helsingsor», 23. August. Der Vorstand des Gewerkschaftsbundes beschloß, an die Arbeiter die Aufforderung zu richten, vorläufig alle amerikanischen und aus amerikanischen Rohstoffen hergestellte Waren zu boykottieren. Die unparteiische Kriegsforschung. Banderveldes Anregung.— Arbeitsbeginn im Spätherbst. Ueber die zu bildende deutsch-belgische Kommission zur Untersuchung der gegenseitigen Greuelbeschuldigungen wird dem „Soz. Pressedienst" mitgeteilt, daß vorerst nur eine persönliche An- regung des Ministers Vandervelde vorliegt, die sich wieder auf eine �Forderung des Professors Meurer stützt, die dieser in einem Gutachten über den belgischen Volkskrieg vorgebracht hat. V a n d e r» oeld« hat einen baldigen zustimmenden Beschluß der belgischen Regierung in sichere Aussicht gestellt, so daß voraussichtlich unmittel- bar nach der. Böllerbundstagung die Einzelbssprechungen über die ZusaMmeusstzung-der Kommission, Umfang ihrer Tätigkeit, Beginn ihrer Wirksamkeit, Art und Weise ihrer Prüfungemethöden usw. beginnen können. Die Kommission dürfte aus fünf Personen bc- stehen: Ein Neutraler als Vorsitzender, der, fall» Belgien und Deutschland sich über die Person nicht einigen können, vom Papst ernannt werden könnte, zwei Neutrale, die von beiden Ländern er- wählt werden, und je ein Vertreter der deutschen und der belgischen Regierung. Man erwartet, daß die Kommission im Spätherb st ihre Tätigkeit aufnehmen wird. Vertretung im Nanöatsausschuß. Bei der bevorstehenden Tagung des Völkerbundsrats wird auch, wie dem„Sozialdemokratischen Pressedienst" mitgeteilt wird, eine Einigung mit dem Gencralsekretariat über die Person des beut- sehen Vertreters in der Mandatskommission her- beigeführt werden. Von den bisher genannten Persönlichkeiten sind einige ganz in den Hintergrund getreten, da schon die Möglichkeit ihrer Ernennung schlechte Aufnahme gesunden hat. Dagegen ist jetzt eine Kandidatur in den Vordergrund getreten, die bisher nur nebenbei erwähnt worden ist. Als bevorzugter Anwärter wird nämlich jetzt der frühere Ostafrika-Gouverneur v. R c ch e n b e r g ge- nannt, der seit dem Sommer d. I. an den Arbeiten des inter- nationalen Arbeitsamtes über Zwangsarbeit der Ein. geborenen teilnimmt. Rechenberg steht dem Zentrum nahe. Als Mitglied der Mandatskommission würde er ein Gehalt von 2000 Goldfranken jährlich beziehen, wofür er an den Beratungen im März und im September, eventuell auch im Juni In jedem Jahre teilzunehmen hätte. Das Recht öer Minöerheftsvölksr. Zweiter Kongrcytag. Senf. 23. August.(Eigenbericht.) In der zweiten Vollsitzung des Minderheltenkongresses stand zu- nächst das Problem„Staatsfouoeränität und Minderheitenrecht" zur Debatte. Der erste Berichterstatter Professor L a s« r s o h n(Jüdischer Vertreter aus Lettland) zeichnete den Gegensatz der alten Souverän!- tätsideen zum neuerwachsendcn Recht der Minderheiten und forderte einen energischen Ausbau des innerstaatlichen Völkerrechtes. Der zweite Berichterstatter Prof. v. V a l o g h (Madjare aus Rumänien) ergänzte diese. Ausführungen durch hifto- rifche Darlegungen über den Souveränitätsbegriff. Der Katalonier D u r a n erklärte, daß es im Interesse der Staatenselbst liege, die Rechte aller aus ihrem Gebiete ansässigen Minderheiten an- zuerkennen und zu schützen. Dr. Gündifch(Deutscher aus Un- garn) schloß die Debatte mit Hinweisen auf die innere Beziehung der Minderheiten zur Idee der Siaatssouveränität ab. Die Nachmittagssitzung beschäftigte sich mit der Gefährdung des europäischen Friedens durch nationale Un- duldsamkeit. Das von Dr. Amerde, dem Generalsekretär der Minderheitsorganisationen, gehaltene Referat gipselte in der Feststellung, daß bei weiterer Verschleppung der Minderheitenfragen die Gefahr einer stärkeren Bedrohung des europäischen Friedens mehr und mehr drohe. Staatsanwaltschaft«ine wesentliche Mitwirkung bei der Entscheidung des Disziplinargerichtes über den Ausschluß der Oesfentlichkeit«in, indem ein Ausschluß der Oeffentlichkeit.nur auf Antrag der Staats- anwaltschast selbst oder mit ihrer Zustimmung erfolgen kann. Gegen diese der Staatsanwaltschaft beigelegt« Befugnis, den Ausschluß der Oeffentlichkeit durch Berweigerung ihrer Zustimmung zu verhindern, hat sich der Staatsrat in seinem Gutachten gewandt. Das Staatsmini st erium hält jedoch an seiner Auffassung fest, daß es gerechtfertigt ist, der Staatsanwalt- schaft jene Befugnis einzuräumen, weil es in erster Linie Ausgabe der Staatsregierung und ihrer Organe ist, im allgemeinen Interesse über die Wahrung des Grundsatzes der Oeffentlichkeit zu wachen. Die von einzelnen Seiten geäußerte Ansicht, das Disziplinar- g e r i ch t könne von der Staatsanwaltschaft auch zum Aus- schluß der Oeffentlichkeit gezwungen werden, trifft n i ch t z u. Die Staatsanwultschast ist nur in der Lage, den Ausschluß der Oeffentlichkeit zu verhindern, nicht aber auch, ihn gegen den Willen des Disziplinargerichts herbeizuführen. Das üeutfch'tschechis'che Visum. Aufhebu.ttg in Sicht. Prag. 23. August.(TU.) Die Verhandlungen, die vor kurzem mit Deutschland über die Aufhebung der Paßvisa gepflogen wurden, haben zu einem s a st vollkommenen E i3t v e r st ä n dn i s geführt, so daß der Auf- Hebung keine Hindernisse internationalen Charakters ent» gegenstehen. Deutschland könnte ebenso wie Deutschösterreich die Bisa> durch bloße Verordnung mit augenblicklicher Gültigkeit auf- heben. Ig der Tschechoslowakei ist jedoch eine gutachtliche Aeuhexueg aller beteiligten Ministerien ersordcrlich. Diese stimmen der Aus- Hebung zu mit Ausnahme des Fürsorgeminifteriums, das in der Aufhebung der Pähvisa eine Bedrohung de» heimischen 2t r b« i t s m ar k t e s erblickt. Da» einzige und letzte Hindernis der Aufhebung liegt in dem Mangel eines tschechoslowakischen Ge- setzes zum Schutz des Arbeitsmarktes, wie es in Deutschland und Deutschösterreich besteht, und daß diese Frage unabhängig von Pah- formalitäten regelt. Nach Informationen aus Handelskreisen ist in der nächsten Zeit eine Intervention zu erwarten, damit diese» Hindernis der Aufhebung der Paßvisa beseitigt wird. Englänüerlanüung in Nankinn- Der Bormarsch der Nordarmee stockt. London, 23. August.(Eigener Drahtbericht.) Auf Befehl des Kommandierenden der britischen Expeditton»- armee in China wurden am Dienstag 180 britisch« Marine» soldaten in Nanking gelandet. Sie sind zur Bewachung de» Gebäude» der.�Internationalen Import- und Export-Eom- pagnie", in dem die Europäer Nanking» konzentriert worden sind, bestimmt. Der Bormarsch der Nvrdtruppen scheint infolge Munition»mangels vorübergehend zum Stocken gekommen zu sein. Zusammenstöße zwischen Chinesen und Annamiten. pari». 23. August. Die Agentur Indopacifique berichtet au» Haiphong, daß am 17. August dort infolge einer unbedeutenden Ursache einige chinesenfeindliche Kundgebungen, der annamitischen Bevölkerung ausgebrochen seien, die vier Tage angehalten und ernste Zwischensälle herbeigeführt hätten. Bei den Zusammen- stoßen zwischen Chinesen und Annamiten seien sechs Personen getötet worden, davon fünf Chinesen, 100 Personen, in der Mehrzahl Chinesen, verwundet, gegen dreißig Häuser geplündert, und an acht Stellen seien Brände ausgebrochen. Man habe 180 Verhaftungen vorgenommen. Zwei Plünderer würden vor das Schwurgericht kommen. 57 Manisestanten. darunter neun Chinesen, seien von den Gerichten zu je drei bi, sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden.> Was geht im Reichsverkehrsminifterium vor! Minister und Wafferstraßenverwaltung. Als der frühere Re'cfuverkehrsinimster Krahne durch den deutfchnationalen Reichstagsablzeordneten und ehemaligen Gewerk- ichaftssekretär Koch ersetzt wurde, waren sich die Arbeiter, vor allem die Arbeiter der Wasserstraßenabteilung des Rcichsverkehrs- Ministeriums, darüber im klaren, daß Koch in der Erledigung von Arbeiterfragen bestimmt nicht in den Bahnen seines Vorgängers wandeln werde. Herr Krahne war gewiß nicht der Mann der Wafferstraßenarbeiter: sie hatten manchen ichwierigen Strauß mit ihm auszufechten. Aber er brachte zwei Voraussetzungen mit: soziales Empfinden und gründliche Kenntnis des Betriebes der Reichswasserstraßenverwaltung. Beides geht Herrn Koch vollständig ab. Und so ist denn auch unter seiner Aero bis jetzt das Unglaublichste möglich gewesen, und nicht einmal die Bemühungen seiner christlichen Freunde und Bundesgenossen konnten ihn in den meisten Fällen dazu bewegen, Arbeitersragen das nötige Verständnis entgegenzubringen. Im„Reichsverkehrzblott" Nr. 25 vom 9. August 1927 ist eine Verfügung enthalten, die ganz einfach die seinerzeit mi� den Organisationen getroffenen Bestimmungen über den Ausbau und die Wahl der Betriebsvertretungen in der Reichswasserstraßenverwaltung zum Teil außer Kraft setzt. Diese Verfügung wurde erlassen, ohne daß vorher die wirt� schaftlichen Organisationen gemäß 8 61, Absatz 2 des Betriebsräte- gesetzes gehört worden sind. In welch rigoroser Weise dabei vor- gegangen wurde, zeigt am besten die vom Reichsverkehrsministerium selbstherrlich getroffene Festsetzung, daß die Reichswasserstraßen- Verwaltung„kein Betrieb mit wirtschaftlichen ■3 w e ck e n" sei. Das Reichsverkehrsministerium hat die ganze Frage abhängig gemacht von einer vom Vorläufigen Reichswirtschafts- rat endgültig zu treffenden Entscheidung. Die Folge ist, daß für die Betriebsvertretungen der Reichswasserstraßenverwaltung der Z 65, Aisfer 1 und 2 und der§ 87 des Betriebsrätegesetzes außer Kraft gesetzt werden. Die Betriebsvertretungen haben dadurch kein Recht mehr, über die Wirtschaftlichkeit des Betriebes mit- zureden. Ob das im Interesse der Verwaltung und des Steuerzahlers liegt, ist den Herren, die gegenwärtig im Reichsverkehrsministerium zu bestimmen haben, anscheinend völlig gleichgültig. Auch sonst haben sich im Reichsverkehrsministerium in der letzten Zeit Mißstände eingebürgert, die geradezu zum Himmel schreien. A m 1 9. I u i, i d. I. wurde im Reichsarbeitsministerium für die bei der Reichswasserstraßenverwaltung beschäftigten Arbeiter ein Schi eds svru ch gefällt, der ihnen einige tarifliche Ver- besserungen brachte. Bis zum heutigen T a g e ist dieser Schiedsspruch bei den nachgeordneten Dienststellen der Reichswosser- straßenverwaltung nicht« i n g e g a n g e n. Die Behörden weigern sich daher, die ihnen auserlegten Verpflichtungen zu erfüllen. Gewiß hat die Reichswasserstraßenverwaltung bei ihrer gegenwärtigen Zu- sammensetzung, bei ihrem Hängen zwischen Himmel und Erde, wo die Organisation für die Verreichlichung noch nicht restlos nach unten durchgeführt ist, den Mittel- und Unlerbehörden gegenüber manche Schwierigkeit zu überwinden: damit ist den Arbeitern aber nicht gedient. Wenn der Reichsverkehrsminister nicht imstande ist, sich bei seinen Referenten und nachgeordneten Dienst- stellen die nötige Autorität zu verschaffen, dann hat er eben seinen Beruf verfehlt. Daß er seinen Beruf verfehlt hat, zeigt am besten ein Artikel des Zentralorqans der Deutschen Wasserstrahen-Gewerkschaft„Strgm und Schleuse"(Rr. 15/16 vom 6. August 1927), der die Ueber- schrift trägt: „wer regiert im Reichsverkehrsministerium?" In diesem Artikel sind ein« Menge Beschwerden, die die ch r i st- l i ch e Organisation dem Reichsverkehrsministerium zur Entscheidung vorgelegt hat. zum Abdruck gebracht und u. a. wird in einem Schreiben der Deutschen Wasserstraßen-Gewerkschast an den Herrn Minister folgendes gesogt: „Beiliegend übersenden mir Abschrist einer Eingab« zur persön- lichen Kenntnisnahme mit der ergebenen Bitte, den von uns ge- meldeten Beschwerden doch einmal energisch nachgehen zu wollen. Im allgemeinen herrscht in den Betrieben der Eindruck, der Herr Minffter kann befehlen, was er will, jeder Bauamtsvorftand regiert deshalb doch nach seinem persönlichen Ermessen." gez. Unterschrift.. Stimmt, den Eindruck haben auch andere Leute. Herr Koch, der deutschnationale Reichstagsabgeordnete und ehemalige Gewerk- fchaftssekretär, ist der Spielball seiner Regierung?- und Geheim räte, liest unterwegs gelegentlich mal«ine Zeitung und läßt im übrigen die Dinge laufen, obne sich sonderlich darum zu kümmern, daß davon das Wohl und Wehe von Tausenden abhängt. Um die Arbeitszeit bei öer Straßenbahn. Roch immer keine Einigung. Gestern waren vor einem vereinbarten Schiedsgericht unter Vorsitz des Gewerberats Körner neue Verhandlungen über den ?lbschluß des Manteltarifes für das Personal der Ber- liner Straßenbahn. Trotz ssebenstündiger Verhandlung kam dos Schiedsgericht nicht über die Beratungen hinaus. Die Schwierig- keilen liegen besonders in der Neuregelung der Arbeits- zeit des Verkehrspersonals, die die Tariforganisationen von neun auf acht Stunden verkürzt haben wollen. In dieser Frage zeigten sich die Vertreter der Direktion der Berliner Straßenbahn besonders hartnäckig. Die Parteien kamen schließlich dahin über- ein, die Verhandlungen abzubrechen und sie am Freitoonach- mittag sortzusetzen. Die Ucbcrarbcit in den Rcichsarbcitsvcrwaltungen. Zur Beilegung des Tarif st reites zwischen den Auge- st e ll t e nv e r b ä n den und den R e i ch s ar b e i ts v ee m a l- tungen finden Mittwoch nachmittag im Reichsarbeitsminisierium Schlichtungsoerhandlungen statt. Die schon seit Monaten schwebenden Parteiverhandlungen über die Bezahlung der Ueberzeit- arbeit führten zu keinem Resultat. Das Angebot des Ressorts trug den gesetzlichen Bestimmungen in keiner Weise Rechnung. ver Streik ia der Rheivßhiffahrt beigelegt. Köln, 23. August.«! i iiiii it***! ij.irniL'-JJ'J iiAUiUV'- ggg*1'! Creme I-eodor dick ausgestrichen verhindert schmerzhafte« Anschwellt» und Juckreiz, wirkt kühlend und reizmlldernd, gleichzeitig beste Toilettecreme I von herrlichem Blütengeruch, weder fettend noch llebend. Tube SV Psg. j und 1.— Ml. Prvbetubeu erhältlich tu allen Chlorodont-Berlaussstellen. 1 Gruppe nur sehr selten ist, befinden sich mindestens 89 Proz. aller Beschäftigten in den Lohngruppen 5 8 bis 8 9 Pfennige. Die Gärtnereigehilfen antworteten auf dos brutale Vorgehen der Gärtnereihesitzer mit der Forderung nach einer Lohnerhöhung. Die Verhandlungen vor dem Gewer beaufsichtsamt in Karls- ruhe endeten damit, daß beide Parteien ihre Anträge bis zum EMtritt der neuen Mietpreiserhöhung am 1. Oktod« zurückziehen. Die Gehilfen konnten diesem Vorschlag um so eher zustimmen, da sie sowieso erst zum 1. Oktober neu« Lohnforderungen zu stellen beab- sichtigten. ver Mfal! der Niederlande. ..Los von Moskau!" Das Niederländische Arbeitersekretariat sNAS.), das seit Iahren der Moskauer Gewerkschaftsinternationale apge- schlössen ist, will von Moskau nichts mehr wissen. Das Niederländische Arbeitersekretariot zählt nur 15 999 Arbeiter— eine verschwindend geringe Zahl gegenüber den 299 999 Mitgliedern des Propaganda- Kundgebung der Freien Gewerkschaften am Sonntaft, dem 28. Auftust. 14*� Uhr. in Dreptow (Spielwiese). Die Kundgebung beginnt mit Gesang von Chören des Arbeiter- sängerbundes. Dann folgt: Ansprache des Kollegen Eggert (Riesenlautsprecher). Sprechchor und gemeinsamer Schlußgesang(die Internationale). Sammelplätze: Deutscher Baugewerksbund: Bastenplatz, Ryuterplatz(Neukölln), Hochbahn Skalitzer Straße, von Lausitzer Platz bis Oranienstrahe, Landsberger Allee Ecke Thorner Straße. Bekleidungsindustrie: Dönhoffplatz. Abmarsch 12 Uhr. verband der Böttcher: Schlejisches Tor. Graphische Industrie: Spreewoldplatz(Görlitzer-Bahnhof). Zentralverband der Dachdecker und Berufsseuerwehrmänner: Kott- busser Tor(Hochbahn). Einheitsverband der Eisenbahner: Bethcmienufer(Verbandshaus). verband der Fabrikarbeiter Deutschlands: Andreasplatz. Filmgewerkschaft: Alexandrinen- Ecke Oranienstraße. Zentralvcrband der Fleischer: Michaelkirchbrücke Ecke Holzmarkt- straße. Verband der Gärtner und Deutscher Musikerverband: Oranienbrück«. Gemeinde- und Staatsarbeiter: Lausitzer Platz, Küstriner Platz, Iohannisstraß«(Verbandshaus), Horn- Ecke Porckstraße. Deutscher holzorbeiterverhand: Am Köllnischen Park. Hotel-, Restaurant- und Cafeangestellte: Elsasser- Eck« Ackerstraß«. Verband der Lebensmittel'- und Getränkearbeiter: Warschauer Platz. Lederindustrie: Michaelkirchplatz. verband der.Maler: Melchiorstraße(Derbandshaus). Maschinisten und Heizer: Lausitzer Platz(Hochbahn bis Schlesisches Tor). Metallarbeiterverbond und Kupferschmiede: Mariannenplatz. Rahrungs- und Genußmittelarbeiterverband: Michaelkirchstraße Ecke Köpenicker Straße. Zentralverband der Steinarbeiler: Bethanienufer. Tabakarbeiterverband: Jnselstraße(Bundeshaus). Textilarbeiterverband: Stralauer Platz. Deutscher Verkehrsbund: Weberwiese. Zentralverband der Zimmerer: Engelufer, von Köpenicker bis Adal- bersstraße. AsA-Organisationen: Porck-Gneisenaustraße. Abmarsch 12 ilhr. Der Abmarsch von allen Plätzen(mit Ausnahme der AfA- Organisationen und der Bekleidungsindustrie) erfolgt 121- Uhr.| Arbeiter, A n g« st e l l t e, B e o m ke, es ist eure Pflicht, � an dieser Kundoebung teilzunehmen. Sämtliche Lokale, die für das Gewerkschaftsfest in Frage kommen, haben die Tarife für das Gastwirtsgewerbe anerkannt, weshalb die Sperren aufgehoben sind. Allgemeiner Deutscher Gewerkfchaftsbund. Ortsausschuß Verlin. Allgemeiner freier Angestelllenbund. Orlskarlell Berlin. Allgemeiner DeutscherBeamtenbuad.OrlsausjchuhGroß-Berlin I Hölländischen Gewerkschaftsbundes: trotzdem war es für die Mos- kauer doch ein bedeutendes Aktioum: denn es war, abgesehen von den Balkanländern mit ihren etwas verworrenen Gewerkschaftsverhält- nissen, diseinzigeGewerkschaftszentraleinEuropo. die der Moskauer Gewerkschaftsinternationale angehörte, ohne aus einer direkten Spaltung der Gewerkschaften— wie die„roten" Gewerkschaftszcntralen Frankreichs und der Tschechoslowakei— hervorgegangen zu sein. In jüngster Zeit wurden die Beziehungen zwischen dem RAS. und Moskau immer gespannter. Moskau wollte das RAS. bevormunden und zu einem gehorsamen Organ der kom- munistischen Partei Hollands herabdrücken. Die h ö l l ä n d i s ch e K P. ist heute ein völlig bedeutungsloses Gebjldc, das von niemand ernst genommen wird und seine sämtlichen Führer, sei es durch Austritt, sei es durch Ausschluß, verloren hat Das niederländische Arbeitersekretariot wollte sich von dem Einsluß dieser Partei freimachen und bei den letzten Kommunalwahlen stellte es eigene Kandidaten auf. Dos Moskauer Exekutivbureau wandte sich daraufhin an die in dem RAS. organisierten Arbeiter mit der Auf- sorderung, nicht für die Kandidaten de RAS., sondern für die der KP. Hollands zu stimmen. Das Niederländische Arbeitersekretariat hat nun daraus Konsequenzen gezogen und seinen Vertreter aus dem Moskauer Exekutivbureau abberufen. Der nächste Kongreß des NAS. soll über den formellen Austritt aus der Moskauer Gewerkschaftsinternationale beschließen. In polen murren die Arbeitslosen. lieber die Einschränkung der Unterstützung. Warschau, 23. August.(Eigenbericht.) Die Delegierten der Arbeitslosen aus dm Kohlenrevieren in Oberschlesien, Dombrowa und anderen, erschienen am Montag beim Arbeitsminister und interpellierten wegen der Einschränkung der Arbeitslosenunterstützungen. Der Minister erklärte, die Verordnung nicht mehr zurückziehen zu können, teilte jedoch gleichzeitig mit, daß er den Selbstverwaltungen in den betrejsenden Ge- bieten gewisse Geldmittel zur Verfügung gestellt habe, die zur B e- schäftigung der Arbeitslosen verwendet werden sollen. Lohnvcrhandlungcn im ostoberschlcfischcn Bergbau. katlowih, 23. August.(MTB.) Zwischen dem Arbeitgeberverbnnd und der Arbeitsgemeinschaft der Gewerkschaften haben am Montag Lohnoerhandlungen bc- gönnen. Die Arbeilsgemeinschast verlangte eine- Erhöhung der Löhn« um 2 5 Proz., was der Arbeitgeberverband grundsätzlich ablehnte. Die Angelegenheit wird dem Schlich tungsausschuß K a t t o w i tz unterbreitet. Nächste Woche findet in Kattowitz ein allgemeiner Betriebs- rätekongreß stattt, in dem auch diese Lohnoerhandlungen behandelt werden. Eine Streikgefahr besteht nach Lage der gegen- wärtigen Verhältnisse nicht. Mußollni unterbindet die Auswanderung. kein Arbeiter darf aus Italien ziehen. Rom. 23. August.(TU.) Am 1. September treten die neuen Verordnungen zur Ein- schränkung der Auswanderung in Kraft. Kein italienischer Arbeiter darf fortan die Grenzen des Königreiches überschreiten, ohne im Besitz eines gültigen Arbeitskontraktes mit einer bekannten ausländ!- schen Firma zu sein oder von Verwandten bis zum dritten Grade, die im Auslande leben, zum Besuch« aufgefordert zu sein. Man meint, daß die Zahl der Auswanderer dadurch zum mindesten um die Hälste verringert werden wird. Auch die andere Hälste würde ohne diesen Zwang im Lande bleiben, wenn sie sich„redlich nähren" könnte. Berschärfnng im Bndapester Metallarbeiterstreik. Budapest, 23. Augich.(EP.) Gestern abend(raten die Vertrauensmänner der verschiedenen Betriebe der Metallindustrie im Gewerkschaftshause zu einer Kon- ferenz zusammen, um über die weitere Haltung der streikenden Ar- beiterschajt schlüssig zu werden. Die StreiNage ist unverändert, doch hat sich die Zahl' der Streikenden heut« früh wieder um einige Hundert erhöht. Achtimg, I. SPD.-Vuchdmck»! Der ffraltionanocflont) trifft sich eine Stunde vor Beginn drr(Saugeneralversninmlnng am Mittwoch, 24. August, im Saal 5 des Gewerkschaftshause«. Achtung, Werner, Marienseldcl Am Donnerstag, l»te» Rxtetlgtrfe IftSetfctjnng an« bim«»gllschi» r»» I»ll- Llopp»! ,Was bedeutet das?" fragte Boyd mit bleichen Lippen und war eine Morgenzeitung vor Fräsers verschlafenen Augen aufs Bett. „Das scheint eine Zeitung zu sein," sagte Fräser gähnend. „Wie ist Oe Geschichte in die Zeitung gekommen?" Boyd zeigte drohend auf eine Spalte der ersten Seite und auf die Ueberschrift: Der Feind des neuen LachstrustsI Der erste Schuß im Kampf um die Lachsfischerei gefallen! Die Nordamerikanische Konservendosen-Gesellschaft will um die Oberherrschaft in den Häfen von Alaska kämpfen. „Ich weiß nicht," sagte Fräser gleichgültig. „Du weißt es nicht?" „Nein, ich lese nur die Berlobungs- und Dergnügungs» anzeigen in einer Zeitung. Was steht denn drin?" „Hier ist ein ganz ausführlicher Bericht über unser Unter- nehmen, nur lächerlich gemacht, verdreht und übertrieben. Hier steht, daß ich mich an die Spitze einer neuen Lachs- konserven-Gesellschaft gestellt habe, um dem Trust Konkurrenz zu machen. � Hier steht von Georges und Marchs Feindschaft, und daß wir uns heimlich darauf vorbereiten, letzteren un- schädlich zu machen. Großer Gott! Dieser Artikel kann uns um die Unterstützung der Bank bringen und unser Unter- nehmen von vornherein umwerfen." „Ich habe den Bericht nicht drucken lasten." „Du lügst. Der Artikel ist in deinem blühenden Stil ab- gefaßt," schrie Emerson zornig.„Alton schwört, daß er nichts davon weiß, kein anderer als du kann uns den Streich gespielt haben, denn kein Fremder weiß von diesen Dingen Bescheid." Fräser schwieg. Es war das erstemal, seit Emerson ihn kannte, daß es Fräser an Worten zu fehlen schien: ob er aber aus Scham- gefühl schwieg oder ob er einen anderen Grund hatte, daraus konnte Emerson nicht klug werden. Di« Natur des Aben- teurer? war so zusammengesetzt, daß man ihn nur schwer durchschauen konnte.'Schließlich sagte er trotzig, indem er sich wieder zur Wand drehte:„Was nützt es, wenn ich leugne." Als Boyd wutschnaubend aus dem Zimmer stürzte, war er indessen überzeugt, daß Fräser der Schuldige sei. Den ganzen Tag erwartete er voller Angst eine Absage von Hilliard, als es aber Abend wurde und sogar mehrere Tage vergingen, ohne daß der Bankdirettor etwas von sich hören ließ, atmete er leichter. Er hatte sich schon der Hoffnung hin- gegeben, daß der Artikel ohne schlimme Folgen bleiben würde, als eines Tages die gefürchtete Botschaft kam. Hilliard ließ ihn durchs Telephon bitten, am nächsten Morgen um 11 Uhr zu ihm zu kommen. „Das bedeutet Schwierigkeiten," sagte er düster zu Georg«. „Ich werde Fräser den Hals umdrehen," murmelte Balt, „als wenn wir nicht schon Schwierigkeiten' genug hätten." Als Boyd klopfenden Herzens zur festgesetzten Zeit nach dem Bankdirettor fragte, wurde er in ein Wartezimmer ge- führt, und der Diener sagte:„Herr Hilliard bittet Sie, einen Augenblick zu warten." Hinter einer Tür hörte er die Stimme einer Frau und Herrn Hilliards Lachen. Der Bankdirektor schien guter Laune zu sein das war jedenfalls ein Trost. Jetzt wurde die Tür zu Herrn Hilliards Privatkontor geöffnet, und er hörte das Rascheln eines Frauentleides. Seine ganze Aufmerksamkeit war so stark auf die bevor- stehende Unterredung konzentriert, daß er gar nicht auf die Dame achtete, die aus dem Privatbureau kam, bis sie Plötz- lich stehen bsieb und dann mit ausgestreckten Händen auf ihn zukam:„Boyd Emerson!" Er zuckte zusammen und stand vor Cherry Malotte. „Fräulein Malotte!" rief er.„Wie in aller Welt—." Er ergriff ihre beiden Hände, si�sah ihm lachend ins Gesicht. „Wie in aller Welt kommen Sie hierher?" „Ich bin heute nacht mit dem Dampfer von Kalvit ge- kommen," sagte sie.„wie freue ich mich. Sie zu sehen." „Was führt Sie denn nach Seattle? Ich dachte, Sie seien in Kalvik— „St!" Sie legt« einen Finger auf den Mund und warf einen Blick über ihre Schulter auf die Tür zu Hilliards Bureau.„Ich werde Ihnen später alles erzählen...." „Herr Hilliard läßt Sie bitten," meldete ein Bote. „Ich muß Sie gleich sprechen," unterbrach Boyd sie hastig,„die Unterredung wird nicht lange dauern, können Sie auf mich warten?" „Ja, ich werde hier auf Sie warten." Die Freude, sie wiederzusehen, war so aufrichtig, daß er ihre Hände noch einmal heftig drückte und mit einem Lächeln kennen werden. Von dem städtischen Gut Tasdorf ist man in einer knappen halben Stunde in den Kiesgruben. Hier in diesen alten Kiesgruben spielt sich ein Leben ab, wie man es sich eigentlich gar nicht schöner und romantischer wünschen kann. Vigwam üer Seßhaften. Zunächst muß man unterscheiden zwischen den Seßhaften und denen, die am Sonntag, evtl. auch schon am Sonnabend hinkommen und am Sanntagabend ihre Zelte wieder abbrechen. Die Seh- hasten haben sich diesen einzigartigen Fleck zu dauerndem Sommer- aufenthalt erkoren und man kann an ihnen die Hübsche Beobachtung machen, wie wohl im wilden fernen Urwald so eine erste menschliche Siedlung zustandekommt. Sie haben sich auf dem Gelände heimisch gemacht und was in der Ferne der Pallisadenzaun ist, das ist hier «in Zaun aus Kstäuchera oder Tchils, die mit Draht oder Bindfaden verbunden sind. Ein Zaun muh aber auf alle Fälle sein, damit der Neuling weiß, wie weit er sich zu wagen hat. Wer die Zaungrenze überschreitet, muß sich auf derb« Zurufe gefaßt machen, wenn nicht sein höfliches Gebaren den Fremdling als einen kennzeichnet, der Auskunft haben möchte. Innerhalb des Zaunes, der übrigens durch allerlei Zierrate geschmückt ist, erheben sich die Wigwams, hier aus- nahmslos aus Zelten bestehend. Es gibt Naturgenießer, die un- unterbrochen seit dem Mai draußen sind. Die haben sich zwei Zelte aneinandergebaut. In dem hintersten schläft man auf Strohsäcken. Das vordere stellt die Wohnstube dar. Den Eingang flankiert ein veritabler Kochofen, dessen Rohr sich hoch in die Lust reckt. Hier findet man die ganze Familie beisammen, natürlich in leichtester Kleidung, im Badeanzug. Die Frauen sind mit den Kindern über- tags draußen, während der Mann auf Arbeit ist und abends hinaus- kommt. Das ist das richtige amerikanische Camping-Leben, und die Menschen, die das mitmachen, sehen braun und kräftig und gesund aus. Während aber so die Seßhaften immer wieder zu ihrem Zelt zurückkehren, müssen die anderen sich jeden Sonnabendabend ihren Lagerplatz neu erkämpfen. Die anderen, das sind aber die für diese Stelle Charakteristischen. Das sind die sogenannten wilden Horden, die zum größten Teil aus irgendeiner vielfach aus jungkommunisti- schen Organisation ausgebrochen sind und wie das so schön heißt, einen eigenen Laden aufgemacht haben. Sie nennen sich selber mit dem fremden Wort Clique, womit sie tatsächlich das Richtige treffen, denn das Wort heißt auf Deutsch„Bande" oder„Sippschaft". Diese jungen Menschen, zu denen oft genug auch Mädchen kommen, waren, wenn sie sich überhaupt zu einer Jugendorganisation gesellten, das Kreuz der Organisation. Immer hatten sie was'zu„meckern", niemals war es ihnen recht zu machen. Bis sie dann austraten und sich als„Clique" zusammenfanden. Und wie die Organisation waren ihnen auch ihre Gebräuche un- erwünscht. Deshalb haben sie sich eine eigene Wanderkluft zusammen- gestellt, die das wunderlichste-ist, was man sich denken kann. Es ist irgendeinem Maskenkostüm mit bayerischem Einschlag nicht un- ähnlich. Aber dies« jungen Leute sind riesig stolz auf ihre Eigenart. Mögen auch die andern lachen und spotten, sie kehren sich nicht daran. Hier in den Kiesgruben fühlen sie sich wohl, hier können sie sich für 24 kurze Stunden ausleben. Hier.können sie sich geben, wie sie es wünschen. Mal dem süßen Nichtstun, dem sich alle hinge- geben, mal übermütig und den Seßhaften viel zu lärmvoll ins nahe Wasser tollend. Orj« und Paule und Jule müssen derweilen bei dem Zelt bleiben, Kartoffeln schälen und das Wasier zum Kochen bringen. Dann wird irgendein Pamps gekocht, der von derselben Güte in der Volksküche verabreicht, Empörung hervorrufen würde, hier aber mit Wohlbehagen verzehrt wird. Dann wieder Ruhe. Dann wieder mal Lärm und Krach. So geht das den ganzen Tag. Lärm ist leider aber immer dabei, an der Lagerstätte, auf der Hinfahrt und erst recht auf der Rückfahrt. Denn dann muß man mit Gewalt diese schweren dunklen Gedanken betäuben, daß es nun wieder für sechs lange graue Tage aus ist mit aller Freiheit, daß man zurück muß in diese dreckigen Hinterhäuser mit den stinkigen Höfen, vor denen man sich nicht retten kann. Dann wird man laut, viel lauter, als andere Leute es oer- tragen können, denen es auch nicht besser geht. Und dann gibt es lange und laute Dispute mit den Mitfahrenden und oft auch dem Bahnpersonal. Dann gibt es wohl Feststellung der Personalien. Aber den Jungen macht das nichts aus. Sie singen, schreien und toben so lange, bis der Zug in den dreckigen Schlesischen Bahnhos einfährt, wo sie sich mit Hallo und Geschrei verabschieden. Die anderen, die vernünftigen Jungen und Alten seufzen! Das ist nun des Berliners Wochenende. Die Clique aber weiß, daß sie sich in acht Tagen wiedersieht zur Fahrt nach den Kiesgruben am Stienitzsee. auf den Lippen in Herrn Hilliards Allerhelligstes eintrat. Das Lächein war indessen verschwunden, als er eine halbe Stunde später wieder herauskam. Statt dessen trug sein Gesicht einen Ausdruck, der sie veranlaßte, schnell zu fragen:„Was ist los? Ist etwas schief gegangen?", Er nickte, und erst als sie durch den Vorraum gingen, war er imstande, zu sagen:„Lassen Sie mir einen Augenblick Zeit. Ich bin außer mir um zu sprechen. Können wir zu- sammen essen, dann werde ich Ihnen alles erklären. Erzählen Sie mir nun erst, warum Sie hier sind." „Ich habe ein großes Minengeschäft mit Herrn Hilliard vor, er bat mich, zu kommen und darum bin ich hier. Oh! ich weiß kaum, wo ich anfangen soll! Sie erinnern sich wohl, als Sie in Kalvik waren, erzählte ich Ihnen, daß mehrere Männer für mich in den Bergen nach Gold gruben." „Ja, ich weiß.": „Vor einigen Wochen entdeckte einer von ihnen eine Kupferader. Ich ließ das Metall untersuchen, und es zeigte sich, daß es sehr wertvoll war. Ohne daß ich es wußte, hatte man Proben des Metalls einem Mann hier in Seattle vor- gelegt, und dieser hat sich mit Herrn Hilliard in Verbindung gesetzt. Herr Hilliard sandte mit dem nächsten Postdampser einen Sachverständigen nach Kalvik, meine Leute hatten in- zwischen tüchtig gearbeitet, so daß das Metall sichtbar war, und der Sachverständige war sich bald über den Wert der- selben klar. Da ich sein Angebot, den Grund zu verkaufen, ablehnte, was der schlaue Herr Hilliard vorausgesehen hatte, forderte er mich auf, zu persönlicher Verhandlung hjeherzu- kommen. Und hier bin ich nun, bereit mit Herrn Bank- direktor Hilliard abzuschließen, falls wir handelseinig wer- den. Finden Sie nicht, daß ich eine geschäftstüchtige Frau bin?" Boyd lächelte über ihre Begeisterung.„Ich bewundere Sie sehr und hoffe, daß Sie Herrn Hilliard tüchtig schröpfen werden. Mir will er keinen Pfennig geben." „Es wird Zeit und Geld kosten, bevor die Mine ergiebig wird, und Hilliard ist ein geiziger alter Herr." „Das ist wahr," bemerkte Emerson,„eben erst hat er eine Bombe in unser Unternehmen geworfen, daß mir die Zähne noch im Munde klappern. Er hat versprochen, mir hunderttausend Dollar zu leihen und eben hat er sein Ver- sprechen zurückgezogen." i „Sie müssen mir von Anfang an erzählen, wie es Ihnen ergqngen ist," sagte Cherry Malotte.„Ich sterbe vor Neu- gierde. Aber von Anfang an, vorstehen Sie." (Fortsetzung folgt.) i""! Der Mann mit öen 19 Dräuten. Fälle des Diebstahls und des Betruges im Rückfalle auf. Vielseitig zeigte sich Schmittau auch in seinem Beruf, den das Gericht sich aussuchen konnte, denn er bezeichnete sich als Chauffeur, Förster, Landwirt und Koch. Zehn Vor- strafen hatte er bereits, und zweimal war er im Irrenhaus. Auch in der Ehe hatte er Pech gehabt. Sie wurde für ungültig erklärt, da er eine Frau geheiratet halte, die bereits oerheiratet war. Dafür hielt er sich dann an anderen Frauen schadlos. Er hatte es besonders auf Köchinnen und Hausangestellte abgesehen und knüpft« ohne große Schwierigkeiten in Tanzlokalen, auf der Straße, in Restaurants und auch auf dem Autobus zahlreiche Bekanntschaften an. Der neue Liebhaber eroberte die Herzen der Mädchen im Sturm, und wenn er der Erlorenen die Ehe oersprach, widersetzten sie sich nicht, wenn er den Wunsch äußerte, sie nachts in die Wohnung der Herrschaft zu begleiten. Das Erwachen aus dem Glück war für die Mädchen sehr schmerzlich. Waren sie so leichtsinnig gewesen, sich am Morgen unter irgendeinem Vorwand von dem Angeklagten aus der Wohnung schicken zu lassen, so fanden sie nach ihrer Rückkehr den Bräutigam nicht mehr vor. Dafür war der Reisekosser durchwühlt und die Wertsachen waren verschwunden. Eine zweite Methode, eine neue Bekannte zu prellen, war die Vertrauensprobe. i Schmittau, der vorgab,'schnell noch einen Weg machen zu müssen, f ließ sich ein Pfand geben, damit die Schöne ihn nicht„versetze". Dann versetzte er aber sie und selbstverständlich auch das Pfand. In anderen Fällen begaunerte er die Besitzerinnen von schönen Ringen. Schließlich gab er noch für Darlehen als Pfand einen Wechsel, den er als angeblich ausgeschiedener Hauptwachtmeister der Schupo zur Absindung bekonimen haben wollte. In Wirklichkeit war es ein wertloser Wisch, denn der Wechsel befand sich zwar auf einem rich- 1 tigen Formular, aber der Text war völlig sinnlos ausgestellt. Zwei Jahre Gefängnis und drei Jahre Ehrverlust beantragte der Staats- anwalt.„Ich bitte um lebenslänglich. Wenn ich es nicht erhalte, dann lege ich Berufung ein. Ich will ins Irrenhaus, denn die Polizei oerfolgt nnch immer," meinte dazu der Angeklagte. Mit Rücksicht auf seine Minderwertigkeit erkannte das Gericht auf zwei Jahre Gefängnis und drei Jahre Ehrverlust, unter Anrech- � nung von fünf Monaten auf die Untersuchungshaft. Großer poftüiebftahl auf�mt NG. IS. 60 vllv Mark erbeutet.— Der Täter flüchtig. Reiche Beute machte gestern abend ein diebischer Postaushelfer. Ein 32 Jahre alter Paul Wegener, der als Aushelfer schon mehrere Jahre bei der Post beschäftigt war, hatte gestern abend auf dem Amt NO. 18 Dienst. Bei dem Sortieren, das er zu besorgen hatte, kamen ihm auch Wertbriefe und Pakete in die Hände. Wegener arbeitete mit einem anderen Mann zusammen in einem kleinen Raum. Als der Kollege auf kurze Zeit weggehen mußt«, be- nutzte er die Gelegeicheit zu einem Diebstahl. Der Kollege traf ihn bei seiner Rückkehr nicht mehr an und schöpft« Verdacht. Es wurde festgestellt, daß er mit einem W e r t b r i e s e, der mit 1 0 0 l> Mark deklariert war, das Weite gesucht hatte. Der Brief enthielt aber, wie bald ermittelt wurde, nicht 1000, sondern 60 000 Mark. einen Betrag, den der Ungetreue jedenfalls nicht erwartet hatte. Der Flüchtige, der mit seiner Frau und mehreren Kindern in der Weber- straße wohnte, hat sich auch zu Hause nicht mehr sehen lassen. Er ist von kleiner Figur und schmächtig und geht etwas lahm, meistens an einem Stock. Mitteilungen über seinen Ver- bleib an Kriminalkommissar Brathke, Dienststelle F. 2, bei der Ober. postdirektion in der Königstraße- Der Untergrnvdbahnbau im Osten. Der Bau der Untergrundbahn in der Frankfurter Allee nimmt einen rüstigen Fortgang. Soeben ist zwischen Mainzer Straße und Warschauer Straße mit den Ausschochtungs- arbeiten begonnen worden. Zur Beförderung der Sandmasien aus der Baugrube wurden zwei riesige mechanische Förderanlagen er- richtet. Teilweise sind die Straßen erfüllt von Lagern verschiedenster Baumaterialien: die Promenade der Warschauer Straße bzw. Petersburger Straße sind zum großen Teil für diesen Zweck ein- gezäunt. Im allgemeinen gestalten sich die Bauarbeiten Verhältnis- mähig einfach. Die Promenade der Frankfurter Allee ist so breit, daß irgendwelche größeren Absperrungen oder Verkehrs- behinderungen unnötig sind. Nur an den Stellen, wo die Bahn- Höfe eine Verbreiterung des Tunnels erfordern, werden die Straßenbahngleise seitlich oerlegt. Das ist auch bei dem Bauabschnitt, an dem augenblicklich mit Hochdruck gearbeitet i wird, der Fall. Die Verlegung der Gleis« ist hier bereits erfolgt, ' doch bleibt immer noch genügend Platz für den durchgehenden Straßenverkehr. Das flotte Arbeitstempo, das überall an den Bau- � stellen herrscht— sogar verschiedene Straßenbrücken sind bereits l errichtet worden—, läßt keinen Zweifel darüber, daß der vor- ! gesehene Termin der Fertig st ellung der ersten Teil« der i neuen Strecke, Frühjahr 1928, eingehalleu werdtn wird. ' Um Dienst und Ehre gebracht. Der Alkohol hat den Steuerassistenten G. um Dienst und Ehre j. gebracht. Den Schlußpunkt für sein bisheriges Leben bildete die » Verhandlung vor dem Großen Schöffengericht Berlin-Mitte, vor l dem er jetzt wegen Urkundenfälschung angeklagt war. Eine« Tages f war zu ihm auf das Steuerbureau zwecks Rücksprache eine alte Frau i gekommen. Diese Gelegenheit benutzte der Angeklagte, um der Frau ! vorzuhalten, daß sie angesichts der kniffltchen- Steuerfragen und , wegen ihres Alters doch eine Hilfe brauchte. Der alten Frau hotte ' das eingeleuchtet, und so ließ sie den Angeklagten ihre Steuersachen erledigen und Einzahlungen machen, worüber der Angeklagte ihr auch Quittungen brachte. Sie war deshalb recht erstaunt, al» sie eines Tages eine Mahnung wegen rückständiger Steu- e r n erhielt. Als sie hierauf die von dem Angeklagten erhaltenen ! letzten beiden Quittungen zum Steueramt brachte, erwiesen sie sich ' als gefälscht. Von dem Angeklagten waren auf beiden die Daten ge- ändert worden, weil er die von der Frau erhaltenen Gelder, kleine Beträge in Höhe von 16 und 19 M. zunächst für sich verbraucht und � erst eingezahlt hatte, als ihm von der Frau die Mahnung mitgeteilt [ worden war. Ein Schaden war also nicht entstanden, jedoch konnte sein« Wiedergutmachung den Stcuerassistenten nicht vor der Anklage schützen. Sein Vorgesetzter bezeichnete ihn auf Grund der Personal- , alten als Alkoholiker und auch Prof. Strauch nannte ihn einen - degenerierten Trinker. Das Urteil lautet mit Rücksicht hierauf auf : 6 Monate Gefängnis, unter Zubilligung voller Bewährungsfrist. Die Tclbftfahrerin im Berliner Verkehr. Die Frau am Steuer ihres Wagens— das ist keine seltene Er- scheinung mehr in Berlin. Zum Ausflug, zur Spazierfahrr. zu Ein- kaufen in der Stadt lenkt die moderne �zrau ihren Wagen durch das Gewühl der Straßen mit einer Sicherheit, die manchem erfahrenen Chauffeur zur Ehre gereichen würde. Aber erst in letzter Zeit ist dieser Brauch stärker in Erscheinung getreten. Während im. Vorjahre, und sogar noch in den erste» Monaten dieses Jahres, die � Zahl der für Frauen ausgestellten Führerscheine nicht nennenswert war, ist erst in den letzten Monaten seit März eine stärkere Zunahme zu oerzeichnen. Im März wurden 47, im April 65. im Mai 120 Führerscheine für Selbstfahrerinnen ausgestellt. In '■ den beiden nächsten Monaten war die Zahl etwa» genuger. Und 1 ■i. zwar 107 im Juni und 117 im Juli. Im ganzen wurden seit März 456 Führerscheine für weibliche Perionc» ausgestellt. Im Verhältnis zu den für Männer ausgestellten Fahrscheine» ist diese Zahl jedoch noch recht gering. In der Zeit von April bis Juli wurden im Tages- durchschnitt über 100 Führerscheine für Männer ausgestellt. Ein prügelhelü hart beftrafl. Ueberfall auf einen Wohlfahrtspfleger. Das Amtsgericht Pankow oerhandelle gestern gegen den Ar- beiter R., der in angetrunkenem Zustande den ehrenamtlich täligen Wohlfahrtspfleger D r o ß verprügelt hatte. R. war mit Notstands- arbeiten beschäftigt. An einem Regentage konnte nicht im Freien ge- arbeitet werden. Auf besseres Wetter wartend, sammelten sich die Arbeiter in einer Kamine, der? trank N. eine ganze Anzahl Flaschen Bier. In den späten Nachmittagstunden ging er mit einem Arbeits- kollegen nach Hause. Aus ihrem Heimwege kehrten sie noch einmal ein, tranken noch einmal einige Glas Bier und kamen dann in die Wirtschaft Wulf. Dort erkannte R. in einem der Gäste einen Wohl- fahrtspfleger wieder, der seiner Mutter eine beantragte Unterstützung nicht bewilligt hatte. Er ging auf D. zu und beschimpfte ihn mit Strolch, Wohlfahrtspenner und dergleichen Worten. Droß wollte Aufsehen vermeiden, beendete sein Kartenspiel, bezahlte und verließ das Lokal. Kaum war der Wohlfahrtspfleger gegangen, so stürzte R. hinterher, schrie D. nach und schlug, als er herankam, auf ihn ein. In besonders roher Weife griff er den nicht sehr starken D., hielt ihn mit der einen Hand am Kopfe fest und schlug ihm mehrere Male mit der Faust ins Gesicht. Wie der Arzt feststellte, waren die Oberlippe verletzt, drei Zähne ausgeschlagen und auch am Kopf stark schmerzende Wunden zu sehen. Bon dieser Schlägerei her ist D. heute noch nicht wiederhergestellt. Er hat, sicher von den Schlägen auf den Kopf, eine Nervenkrankheit davongetragen. Der Staatsanwalt beantragte, diese rohe Gewalttat mit drei Monaten Gefängnis zu bestrafen. Das Gericht ging über den Antrag hinaus und verurteilt? den Angeklagten zu vier Monaten Gefäng- n i s wegen Körperverletzung und zu drei Monaten Ge- fängnis wegen öffentlicher Beleidigung. Beide Strafen wurden zusammengezogen zu fünf Monate» Gefängnis. Der Vorsitzende betonte in der Urteilsbegründung, daß der Staat die Verpflichtung habe, die im Interesse der ärmeren Bevölkerung hilfsbereiten Wohl- fahrtspfleger vor derartige Roheitsakte zu schützen. Sozialüemokratie für ValS- und Naturschutz. Die Sozialdemokratische Fraktion des Preußischen Landtages hat durch den Abgeordneten Z a ch e r t folgende Kleine Anfrage ein- bringen lassen. Nach Zeitungsnachrichten soll die Absicht bestehen, den z w i- sch e n Strausberg und Detershagen gelegenen Wald abzuholzen. Seit langer Zeit sollen schon Verhandlungen zwischen dem Forst- fiskus und der Stadt Strausberg schweben. Es handelt sich um eine waldfläche von 2000 Morgen, die am Frefbad Stienihsse gelegen ist. Die Beseitigung diese» Walde» würde eine schwere bevölkerungspolitische und gesundheitliche Schädigung der Groß-Lerliner Bevölkerung bedeuten. Ich frage daher: Was gedenkt die Staatsregierung zu tun, um der Groß-Berliner Bevölkerung den Wald zu erhallen? „Nur nicht unser schönes Auto beschmutzen." Von einer seltenen Gefühlsroheit zeigt« das Gebaren zweier den gebildeten Kreisen angehörenden Herren, von denen einer als Führer eines Privatautos durch unvorschriftsmäßiges Fahren einen Unglückfall recht ernster Natur herbeigeführt hat. Am 4. April d. I. war durch die Berliner Straße zu Friedrichsfelde ein Privatauto gekommen. Der Inhaber des Wagens war der Land- gerichtsrat Frehland: sein Schwager, der Lehrer Dr. Rahn, saß neben ihm: sie kamen aus Karlshorst. Ein Rad» fahrer, an dem das Auto vorbeisaust«, konnte sich gerade noch im letzten Moment retten. An der Ecke der Luisenstraße jedoch passierte das Unglück. Rahn bog in die Straß« ein, und nahm den Bogen zu kurz. Er gab aber weder ein Signal, noch sonst zu erkennen, daß er in eine Straße einbiegen wollte. So riß der Wagen einen aus der Richtung Berlin kommenden Motorradfahrer um, der mit seinem Begleiter in weitem Bogen auf den Straßendamm geschleudert wurde, wo beide mit ernsten Verletzungen liegen blieben.. Im Nu sammelten sich Leute an, die sich natürlich um die Verunglückten bemühten. Als sie die Insasien des Autos baten, die beiden doch in ihrem Wagen ins Krankenhaus zu bringen, lehnte der Land- g«richt«rat Frehland das ab. Auch der Lehrer weigerte sich, diesen selbstverständlichen Liebesdienst zu tun. Dabei fiel von einem der beiden Herren das Wort:„Nur nicht unser schönes Auto beschmutzen". Die Verletzten hatten nämlich bei dem Fall stark blutende Wunden davongetragen. Erst als da, Publikum eine drohende Haltung annahm und der fahrlässige Führer bald ge- lyncht worden wäre, fuhren sie endlich mit den Verletzten davon. Dr. Rahn stand nun unter der Anklage der fahrlässigen Körperverletzung vor dem Amtsgericht Lichtenberg, das nach Pernehmung verschiedener Zeugen von der Schuld de» Angeklagten überzeugt war und ihn, trotzdem der Amtsanwall nur 150 Mark Geldstrafe beantragt hatte, zu 300 Mark Geldstrafe ver- urteilte. Ein Fahrer, der sich wie dieser.�errenfahrer" Dr. Rahn benimmt, verdient, daß ihm von der Polizei der Führerschein«nt- zogen wird. Hygiene bei der Volksspeisung? Man schreibt uns: In der städtischen Volksspeisung des Bezirks Mitte in der Gormannstrahe kann man sich jür 10 Pf. Pfand einen Löffel zum Esten borgen. Hat man abgespeist, so muß man, um sein Pfandgeld zurückzuerhalten, den Lössel sauber wieder lunkxß/imm,� Einen neuen Weg zum sozialen Ausstieg und zur Gesundung des deutschen Voltes gibt Profestor Karl Schöpke in seinem Vortrag über die Heranziehung der Erwerbslosen zur Landarbeit. In Zingst an der Ostsee sei ein Institut entstanden, das der Ausbildung de» groß- städtischen Arbeiters zum Landarbeiter dient. Es sind hier Land- lehrgänge mit kostenloser Ausbildung eingerichtet. Notwendig zur Teilnahme ist vor allem ein ärztliches Gejunaheitszeugnis. Die Teilnehmer werden theoretisch und praktisch in etwa vier Wochen in der Landarbeit ausgebildet. Die«isgebildeten Landarbeiter gehen ln geschlossenen Kolonnen auf die Güter. Sie bilden der Gutsverwal- tung gegenüber«ine Einheit. Die Entlohnung erfolgt nach den üblichen Tarifen. Der Landwerker muß sich bei Eintritt in das Institut auf sechs Monate Landarbeit verpslichten. Die Schwierigkeit liegt jedoch darin, daß ein Großstädter nur ungern auf das Land geht und auch seiner ganzen Konstitution nach wenig dazu geeignet ist. Da« ist sowohl in Suropa wie auch in den Bereinigten Staaten der Fall.— In seinem Dortrag über Seeflüge weist Wolf Blei darauf hin, daß die Ozeanflüge der Amerikaner nur als sportliche Leistungen zu werten sind, und daß ein regelmäßiger atlantischer Verkehr allein mit mehrmotorigen Flugzeugen betrieben werden kann:— Eugen Szatmari setzt seinen Zyklus über feine Reise nach der Sahara mit dem Vortrag„Die Oase der 300 Palmen" fort. Leider ist dieses Referat unübersichtlicher und weniger plastisch als das erste,— Abends bringt das auegezeichnete Kammerkonzert Trio von Reger und Mozart. Wie immer, klingt die Geig« von den Bergs wann und ausdrucksgesättigt. F. S. abliefern. Zu diesem Zwecke steht auf einem Stuhl«in Eimer mit:" Wasser, in dem man ihn abspülen kann, und daneben hängt ein Handruch zum Abtrocknen. Der auf diese Weise gesäuberte Lössel wird jojorl ohne weitere Reinigung am Schalter an den nach st en Anwärter weiter verliehen. Wenn er Lust hat. kann er ihn nochmals in die Bazillenbrühe tunken und an dem scheckigen Handtuch abtrocknen. Man kann wohl nicht be- haupten, daß der Bekämpfung der Tuberkulose damit gedient wird, wenn in den Voltsspeiseanstalten die Bazillen sozusagen von Mund zu Mund weiter gegeben werden. Eine Reinigung der Lössel mit einer Bürste in heißem Sodawasser, ein kaltes Nachspülen und dar- auf folgendes Abtrocknen dürste wohl das mindeste sein, was man in gesundheitlicher Hinsicht verlangen könnte. Unter den Tausenden, die täglich den benachbarten Arbeitsnachweis besuchen, dürste sich eine Kraft finden, die für billiges Entgelt diese Arbeit gern über- nimmt._ Der Abflug Koenneckes verschoben. Ungünstige Wetterlage. Köln, 23. August. Nach den letzten Berichten derDeutschen Wetter- warte hat sich die Wetterlage über dem AUantischen Ozean stark verschlechtert, so daß von einem Flug« Koennecke« abgeraten wurde. Auch aus England wird st Ü r m i s ch e s Wetter mit starken Regenfällen gemeldet, wie es seit einem halben Jahrhundert in in England nicht erlebt worden sei. Im Kanal herrscht heftiger Sturm, der sich tief in die Nordsee hinein erstreckt. Da- gegen werden von der amerikanischen Seisp des Atlantischen Ozeans nur schwache Winde in westlicher Richtung gemeldet. Infolgedessen wurde der für die letzte Nacht als wahrscheinlich gemeldete Zeitpunkt des Starts der„Germania" zum Ozeanflug verschoben. Für die nächsten 48 Stunden ist mit einem Antritt der Luftreise nicht zu rechnen. Nachdem Koennecke schon am Dienstag vormittag auf dem Flug- platz anwesend war, wo unter seiner Leitung alle Benzin- und Oelbehälter gefüllt wurden, begab sich der Bewerber um den 25 000- Dollar-Preis in den Nachmittagsslunden wieder auf den Flugplatz, wo nochmals eine Ueberholung der ganzen Maschine stattfand. Die Benzintanks sind nach den Weisungen Koenneckes noch einmal um- gebaut und die Leitungen auf ihre Haltbarkelt besonders durch- geprüft worden. Im Laufe des Nachmittags trafen von den deut- fchen Wetterwarten Meldungen ein, die befagten, daß über Irland sich eine neue schwere Depression gebildet habe, und es wurden auch vom Atlantik selber Wettermeldungm nach Köln ge- geben, deren Gefamtbild nicht gerade erfreulich war. Koennecke ist jedoch der Ansicht, daß im Lause dieses Monats die Wetterlag« sich nicht allzu fehr oerändern werde. Der. Flieger hatte den Auf- trag gegeben, daß gegen 9 Uhr abends die Maschine � f l u g f e r t i g gemacht wird. Der Abflug sollte zwischen 10 und 11 Uhr erfolgen. Der Reichskommistar für die Presteausstellung 1928 Dr. Külz traf am Dienstag mittag auf dem Flugplatzgelände ein und nahm in Anwesenheit Koenneckes und zahlreicher Pressevertreter eine Be-, sichtigung des Flugzeuge».Germania" vor, Straßenbahnunglück in Saarbrücken. 14 Schulkinder verletzt. Saarbrücken. 23. August. heule abend um 20 Uhr riß sich der Anhängerwagen de» von Rolenbühl kommenden Slroßenbohnzugc». der mit ln die Stadl zurückkehrenden Sindern des Kindererholungsheim» Rolenbühl beseht war, lo» und sauste in voller Fahrt die abschüssige Straße hinunter, um schließlich aus einen entgegen- kommenden Zug der Linie/ aufzufahren. Bei dem Zusammenstoß wurden 14 Kinder teils leicht, teils schwer verletzt. Die Schwerverletzten wurden ins Krankenhaus gebracht. während die Leichtverletzten nach Anlegung von Notverbänden der elterlichen Wohnung zugeführt wurden. Die Schuldsrage ist noch nicht geklärt.._ Schutz für die amerikanische Botschaft. Da mit der Tatsache gerechnet werden mußte, daß nach der Hinrichtung von Sacco und Vanzetti auch in Berlin kommunistische Demonstrationen in der Nähe der amerikanischen Botschaft stattfinden werden, hatte das Berliner Polizeipräsidium besondere Maßnahmen zum Schutze der ameri- kanischen Vertretung beschlossen. So wurde gestern nachmittag ein Kraftwagen-Patrouillendienst eingerichtet und gleich- zeitig der Streifendienst erheblich oerstärkt. Die amerikanische Bot- schaft war in weitem Umkreise von Polizeikordons abgesperrt. Selbst auf den Bänken des Wilhelmplatzes durste in den gestrigen Abend- stunden niemand sitzen. Vor dem Palais des Reichspräs i- deuten in der Wilhelmstraße wurde ein Passant verhaftet, der gegen den Reichspräsidenten Beleidigungen ausstieß.— Zu einer größeren Ansammlung kam es in den gestrigen Nachmittagsstunden am Bülowplatz, so daß Polizeibeamte einschritten. Sechs Personen, die der Aufforderung zum Weitergehen nicht Folge leisteten, wurden zwangsgestellt. Der Chef der englischen Zivilluftfahrt in Berlin eingetroffen. Gestern nachmittag 4,05 Uhr traf aus Dresden kommend der Chef der englischen Zivilluftfahrt. Sir Sefton Branker. im Flugzeug auf dem Berliner Zentralslughafen Tempelhos ein und wurde von einem Vertreter des Reichsverkehrsministeriums und den Direktoren der Deutschen Lusthansa und der Flughafengesellschafttzempfangen. Sir Branker, von dem der Ausspruch stammt. Perlin sei das Luft- kreuz Europas, besichtigte mit besonderem Interesse die neuen Anlagen der Lusthansa in Tempelhof. nidrf vergessen! Geben Sie ein halbes dieses vollkommen unfchädliehen Bleichmittels der kalten oder fchwachwarmen Sauge bei- Sie werden erstaunt sein über* das schöne Weiß, das Jhre Wäsche zeigt! Sil zum Bleichen� ohnegleichen! £ �rzberger-Heöächtmsfeze?. Am Fr«itog, dem 26. August, abend- 8 Uhr. veranstaltet der Ortsverein Tiergarten des Reichsbanners Schrvarz-Rot- Gold in Verbindung mit einigen westlichen Ortsvereinen aus Anlag der 6. Wiederkehr des Tages, an dem der Reichsminister Er�berger ermordet wurde, aus dem Wittenbergplatz eine Gedächtnis- feier. Die Gedächtnisrede hält der Vorsitzende der Berliner Zen- trumspartei Herr Rektor Kellermann. Für die Sozialdemokratie spricht Landtagsabgeordneter Otto Meier, für die Demokraten Redakteur Rowack. Reichs- und Staatsbehörden sind zu der Vcr- anstaltung eingeladen. Ebenso haben die republikanischen Parteien ihre Mitglieder zur Teilnahme aufgefordert und eingeladen. Wochenende mit den Naturfreunden. Eine Wochenendfahrt nach Riedersinow— L i e p e r Schleusen— Liepe— Kloster C h o r i n veranstaltet der Touristen-Verein„Die Naturfreunde". Zentrale Wien am u n d 4. S« p t e m b e r. Die Fahrt beginnt am Sonnabend, 17,3z Uhr, ab Stettiner Fernbahnhos nach Nieder- sinaw. Von hier aus Wanderung über Lieper Schleusen(Vc- sichtigung) nach Liepe. Nachtlogis s Betten). Am Sonntag früh Wanderung über Forsthaus Liepe und durch das Naturschutzgebiet „Plagefenn" nach Chorinchen.(Mittagsrast.) Danach Besichtigung der Klosterruine Chorin und Wanderung nach Chorin. Von hier Rückfahrt 20,44 Uhr, Ankunft in Berlin 22,18 Uhr. Preis der Teilnehmerkarte 7 M.(Eisenbahnfahrt bin und zurück. Nachtquartier (Betten) mit erstem Frühstück und Morgenkafse, Besichtigungen.) Mittagessen für 2 M. kann bestellt werden. Teilnehmerkarten sind zu haben bei Bruno Damnitz, N. 65, Lüderitzstr. 68, Richard Walter, Neukölln, Siegsriedstr. Sä(Laden), Hugo Sinn, N. 20, Stettiner Straß« 30, Erich Thomas, N. 65, Luxemburger Straße 1(Laden), „Vorwärts"-Spedition, Berlin-Treptow, Graetzstraße 50. Eine indische Arbeiterstadt unter Wasser. Die Stadt Ahmedabad, eines der Zentren der in- difchen Baumwollindustrie, ist von einer schweren Ue der schwemm ung heimgesucht worden. Betroffen wurden vor allem die Arbeiter der Baumwollspinnereien, da das Ar- beiterviertel völlig unter Wasser stand. Di« aus Lehmhütten bestehenden Wohnungen der Textilarbeiter wurden fast u einem Drittel von den Fluten fortgeschwemmt. Ueber 40 000 ersonen sind ohne Obdach, Arbeit und Nah- r u n g. Die Mehrzahl der Fabriken hat zwar nur geringen Schaden erlitten. Bei den Unternehmern besteht jedoch wegen der schlechten Konjunktur die Neigung, die chochwasserkataftrophe als billigen Vor- wand zu einer möglichst langen Stillegung der Betriebe zu nehmen. Die Gewerkschaften haben eine Hilfsaktion eingeleitet und bereits große Summen zur Beschaffung der notwendigsten Gegenstände und Lebensmittel aufgebracht. Explosionsungliick in einer Schule. Bad Dürkheim. 23. August. In der 7. Knabenklasse der hiesigen Schul? ereignete sich gestern ein schweres Unglück. Der Klassenlehrer Wolf, ein als gewissenhaft und tüchtig anerkannter Lehrer, erteilte Naturunterricht. Durch un- bekannte Ursache explodierte eine beim Unterricht verwendete Sauer st offflasche. Zehn Schüler wurden verletzt, da- von einer schwer. Er erlitt Gesichtsverletzungen und wurde ins Ludwigshafener Krankenhaus übergeführt. Rumänisches Munitionödepot in die Luft geflogen. In der Nacht zum Dienstag ist in Rumänien abermals ein Munitionsdepot explodiert, und zwar ist das innerhalb von zwei Wochen die dritte Explosion von Munitionsdepots. Es handelt sich um das Depot Alba Julia, das anscheinend eben- falls einem Anschlage zum Opfer gefallen ist. Di« benachbarte Eisen- bahnlinie wurde so schwer beschädigt, daß der Zugverkehr ein. g e st« l l t werden mußte. Ueber die Zahl der Opfer verlautet noch nichts. ISO Personen in den Keller grflürzt. In der englischen Stadt S t o ck t o n brach während einer Ver» steigerung der Fußboden ein. 120 Personen stürzten in den Keller, wobei 24, meist Frauen, erhebliche Verletzungen davontrugen. Tragödie einer Mutter. Bastenburg. 23. August. Aus dem Oberteich wurden heute früh fünf Leichen ge- borgen. Es handelt sich um die schwerkranke Frau des Maschi- nisten und Schwerkriegsbeschädigten Emil L. aus Jankendorf bei Partsch, die mit ihren vier Kindern im Alter von drei bis acht Iahren den Tod gesucht hat. Sie hatte in einem Brief an das Wohlfahrtsamt ihren Entschluß mitgeteilt. Der Grund zu der Tat scheint in ehelichen Zwistigkeiten zu bestehen. Selbstmord eines Reichswehrsoldalen. In K o l b e r g hat sich ein Soldat der in Garnison liegenden Mincnwerserkompa- g n i e aus bisher unbekannten Gründen erschossen. 10 000 Häuser durch Erdbeben zerslörk. Das Erdbebengebiet von Namangen(Turkestan) wird ständig von neuen Beben heimgesucht, so daß die Verwüstungen immer größer werden. Bisher find über 10 000 Gebäude zerstört, darunter 7000 Wohn- Häuser. In Namangan sind rund 30 000 Einwohner ohne Obdach. Auch die Stadt A n d i d s ch a n gilt als völlig vernichtet. Sprechchor für proletarisch« Aeie, stunden. Morgen, Donnerstag, abend! '/,8 Uhr, UebungSftunde in der Sophienschule. Weinmeislerstr. 16/17. l Frouenveransialkungen heule» ZNttlwoch, 24. August: »«. Abt. Neukölln. Uhr bei Klinther, Echillerpromknab- 11, Vortrag! „Die Stellung der Frau im neuen Staat." Resercntin Hcnni, Rriohldt. Um zahlrcichcn Besuch wird gebeten. Einsendungen IS« dteie Rubrik sind Berlin SW 68, Lindensrrahe i. partewachrichten für Groß-Serlin ilets«n da» Bezirkiletretariat. L Hoj, 2 Tren. recht», ja richten. t. ftrei» Prenzlauer Berg. 26. August, 19 Uhr. I «rwerb»Iose Jugend/ Mittwoch, S1. August, Besichtigung des Zugcndland Zossen. 1211 Uhr nor dem Aufgong zum Poisdamcr Ringdahnlof. 12�6 Uhr. Fahrprei» 1,20 M. hin und»utütf. «renzberg. ge Steffen Abfahrt 6. st reis«renzberg. Bund der freien Berlin, vrronstaltet am Sonntag, 2fi chulaefellfchafien, Bezirksverbanb J August, auf der Treptower Spiel- wiese im Rahmen de» Dewerkschaftsfeste» ein flindertrejfen aller weltlichen Schulen. Di- Ortsgruppe Kreuzberg versammelt sich auf dem Lausther " Abmarsch 18 Uhr. Die Genossen und Freunde der freien Schule beten. Arbeiterwohlfahrtsheile und SrnShrung-geld stnd' abzurechnen. 11. Kreis Schütuberg. Dannerstag, 23. August, 20 Uhr erweiterte Vorstands. sihung bei Will. Martini.Luiber-Str. 79. Bvrlraa:..Das tomm!Nde Reicks- fckula-sess und da» Konkordat." Referent Stadtschulrat Dr. Kurt Löwen. stein. Sämtliche Funktionäre nehmen an der Sitzung teil. Die Ab- teiiungen werden gebeten, die Aunkt.oniire tazu einzuladen. 13. Kreis Tempeihaf. Freitag. 2». August, pünktlich 20 Uhr. bei Zii-ndorf, Mariendorf, llhausscestr. 19, wichtige Kreissitzung. Die Genossinnen und Genossen werden gebeten, uollzählig zu erfchelnen. 14.«rei» P-nl-w. Freilag, 28. August, 20 Uhr, bei Meeh», Berliner Etr-ß- Grfe Lindenpromenade, Sitzung de» Kreisbitdungsausschiisse» Erscheinen heute. ANiiwoch, 24. Zlugust: 7. Abt. Kahlobcnde Itzlb Uhr bei Söll, Bergstr. 71 sBarlrag de? Genossen Kurt Luaet: Dabm», schlegelstr. 9: B-irau, Echwarzkopsfstr. 1; Raus», Borenstr. 19: Kude, Strelitzcr Str. 53. 2». Abt. ZahlÄende 1914 Uhr Bezirke 72, 78, 75 bei Klauß, Prenzlauer Allee 51.„ 23. Abt. Di- Mitgliedernersanimlung fallt aus. 40. Abt. Da uns leider wieder einmal men vass-ndes Lokal zur Ver-stgung steht, mutz die Mugliederpersamniiung ausfallen. Achtung' Zllont-g, 29. August. Istzh Uhr. Sitzung stimiliche- Funktionäre. »1.«dt. Fri-h-nan. 20 Ubr im G-sellichaft-z mme: de- Raiskeller-. Lauter. platz, Mitgliederversammlung. Shemo:»Do» Reich-schulgesetz." Referent Stadtverordneter Dr. Siegfried Kawercu. Morgen, Donnerstag. 25. August: 35. Abt. Tewaelhof. 20 Uhr bei Primu«(Lokal zur Linde), Werder- Eck« Friedrich. Kart-Stratze, Sitzung de»-nger-n Vorstandes. Wichtig- Tages. ordnung. arscheinen nnbedingi erforderlich. Sozialiftische flrbeiterjugenü Groß-Serlin. Achtung, Abteilung»leiterl Sämtliches Werbematerial für unseren Jugend» tag(Handzettel, Flugblätter, Eintrittskarten) mutz heute ab 17 Uhr von allen Abteilungen abgeholt werde». Abrechnung heute, Mittwoch, zwischen 17 und 19 Uhr. Heu!e, ZNiltwoch, 24. August. IS'/s Uhr: Wedding: Heim See» Ecke Turiner Straße.»Bauernkriege."- Rosenthalel ~''|"bend.— Andreasplatz: Mit. Partei."— Reichenberger ■bi Hei I Dorstadt: Schule Gipsstr. 23a. Internationaler Abend.— na d»WWMWWIWWI .>e>m Diestelmenerstr. 5/8.„Reformlleidung Reichenberger Str. 88.„Das Reichsbanner." „Arbeiterjugend und „Unser Wafd."— R Albert-Straße.„Sexuelle Frag! straße 29.„Der 11. August.— Lichtenberg. Mitte: Heim Dossestr. 22. Heiterer Abend. Werbebezirk Reuktzlln: Jugendheim Kann-r Straße. Werbebezirksmitglieder. Versammlung. Wichtige Tagesordnung. Erscheinen aller notwendig. ndreasplotz rtei."— Friedrichshai»: iertel: Heim Spandau: Heim Lindenufer 1. Vorträge, vereine uns Versammlungen. Reichsbanner„Schwarz Rok-Gold-. SefchSkt, stell«: Berlin Sil. Sebastianstr.«7138. Hos 2 Tr. Steglitz, Ortsverein(Kameradschaften Steglitz. Lichterfelde-Lankwitz): Da., d. 25., 20 Uhr, Tur». und Uebungsabend in dee Turnhalle Ringstraße.— Freitag, 28. August: Mitte: 19fh Uhr untergrunddahnhof Witten» bergplatz Erzberger-Gedächtnisfeier. Wilmersdors: lOZH Uhr Antreten auf dem Fehrbelliner Platz zur Erzberger-Kundgebuna. Dchöneberx-Friedeuau: Achtung! Pflichweranstaltung. K Uhr Antreten Wariburgplatz drs grfamten Ortsvcreins zum Abmarsch zur Erzberger. Gedächtnisfeier. Steglitz. Ortsverein(Kamerad- schaft Steglitz. Lichterfeide-Lankwitz)! l9 Uhr Antreten Dilpoelplatz zur Teilnahme an der Erzberger-Gedächimsfeier. Fahnen(umflort) und Spielleute ""- irlhas(Kameradschaft): Dd., d. 23., gehen mit. Pflichtveranstaltung.— Tempe! 20 Uhr, Funktionärsttzung bei Primus, Werder ,«xev., u. Ecke Friedrich-Karl-Straßr. Berliner Arbeiter. Schachtlub, Wcrbcbrzirk West. Mittwoch. den 24. August, 20 Uhr: Abt. Moabit! SIemrnsstr. 12: Wettkampf gegen Nordwest. — Donnerstag, 25. August, 20 Uhr: Abt. Westend! Saphir. Charlotte. Str. 88: „Endspiele."— Montag, 29. August, 20 Uhr! Werbebezirkssitzung Sophie. Shar. jotte-Str. 88. Spielplan September mitbringen. Gäste überall willkomme». — Di« Abt. Treptow peranstaitet Donnerstag, 25. August, 20 Uhr, einen Propagandawettkampf an 13—20 Brettern gegen die Abt. Tempelhof und Südwest bei Matzdorf, Trepiow, Griitz. Ecke Krüllstraße. Im Anschluß daran findet ein Gästeturnier statt. Schachspieler, oder die es werde» wollen, sind hierzu herzlichst eingeladen. Richtschachspieler erhalten uuentgeltlicksen Unier- richt. Die Abt. Treptow spielt jeden Donnerstag ab 20 Uhr im genannten Lokal. Deutscher Ssperantobuud. Ortsgruvpe Berlin, Freitag, 25. August. 20 Uhr, Konditorei Dobrin, Hackescher Markt. Bericht über den Danziger Kongreß. Vorführung der Esperantoreden auf Grammophonpiatten. Gäste willkommen. llontziotlo« Deduting Club, Biilowstr. 10t. Mniwoch'«Uhr! Mrs. Diente: Don'ts .........__________________:r...., Verband fiit Freidenkertum und Feuerbestattung«. 93., 12. Unteebezirk Steglitz. Mitgliederversammlung Donnerstag. 23. August, bei Schellhase, Steg. Thema:„Das Zieichsschulgesetz— ein Feldzug gegen die Erich Pbppel. iugend." Referent Sport. Rennen zu Ruhleben am Dienstag, dem 25. August. I.Rennen. 1. B-rcarole lTreuherz). 2. Moralprediger(Besitzer), ?>. Nippsache(Schröder). Toto: 17: 10. Platz: 13, 22, öS: 10. Ferner liejen: Aquabit. Cardinal, Satan, Petronia, Ntpenseuer. 2. R c n n e n. 1. Eckstein(Ch. Mills). 2. Michael(J.MIll»), 3. Johannis. seuer(Laulcnberger). Toto: 23: 10. Platz: 17, 14. 18:10. Ferner liefen: Terrazzo, Abdullah Silver, Charade. Else B. t Weinbrand, Punier, Möglich. 3. Renn en. 1. Colonel Bosworth(Ch. Mills). 2. Pechsackel(Knöp- nadcl jun), 3. Lockung(Janß jun.). Toto: 21: 10. Platzt 12, 12: 10. Ferner liefen: Florian. Aberglaube. 4. Rennen. 1. AugiaS(I. Mllls), 2. Arion Bingen(Ch. Mills), 3. Ladt) Morgan(Switzer). Toto: lö: 10. Platz: 10. 11, 15: 10. Ferner Uesen: Britton, Abendslern. Nelly Arnbotd, MaxirnuS. 5. Rennen. 1. Niederländer(Weidner jun.), 2. Kletterrose(Röll), 3. Lampe(I. MillS). Toto: 110:10. Platz: 36. 101, 38:10. Ferner Uesen: Flaggenlied. Lunaria, Jsegrimm, Jram, Liebesbote, Lu, Regenbagen, Vikar, Potsdam, Pclronella A. 0. Rennen 1. Qnisi quasi(Jrmer), 2. Edelsteins Sohn(Besitzer), 3. Ingrid Halle(Besitzer). Toto: 16:10. Platz: 15, 31, 13:10. Ferner liefen: Lindowtind, Goudster jun., Wcinsca, Kasimir, Divisionär, Erisa, Radiola. Höhensonne, Baromeier. 7. Rennen. 1. Mr». BoSworth(Eh. MillS), 2. Blaue Adria(B. Heckert), 3. Königsadler(Lautenberger). Toto: 15:10. Platz: 13, 16, 13:10. Ferner liesen: Barmaid. Manzanares, Wildkatze. Monarch I, Denkmünze.. 8. R e n n e n. 1. Tasso(I. Mills), 2. Holstein(Lemzer), 3. Hennh Cord. Toto: 49:10. Platz: 32, 16, 31:10. Ferner liefen: Gondel, Leucht- käfer. Joachim. Anler I. Lombardei, Heider. Lord Volo, Kroschel, Doorn, Frank, Modedame, Gelbstern, Propeller, Essi, Armenier. S. R e n n c n. 1. Prinzeß Fortuna(Lemzer), 2. Euba(Weiß). 3. Prinz Adbell(Heckert). Toto: 64: 10. Platz: 29, 32. 59: 10. Ferner liefen: Zangemann. Notula, Marne, Importeur, Odessa, Albatros, Lustschlffcr, Elia Bolo, Prinzessin Etawah, Crassus, Ftametta. tu » jk j � M H 1 Wetterbericht der öffentlichen Wetterdienststelle für Berlin nnd Umgegend iRachdr. vcrb.) Wechselnd wollig mit Neigung zu Schauern, Temperaturen etwas niedriger als bisher.— Für veolschland: Westlich der Elbe wolkig bis heiter mit ungcändcrten Temperaturen. Oestlich der Elbe etwa» Ab- kühlung und wechselnd bewölkt, im ganzen Reiche Neigung zu Schauern. Ordentlich wohl sühlt man sich, wenn man„Staatl. Fachingen" trinkt. Frische, Arbeitsfreude und Energie halten von neuem Einkehr. Mit Recht heißt es daher:.Fachingen verlängert das Leben!" evßär? erinnern uns en frohe Stunden der Vergengenheit£s gibt ober euch Freund Schäften, die der Gegenwert Jnhölt geben° zum Beispiel Berlins meistgerauchte Cigdrette Unrationelle Tabakwirtfthast. Verfehlte staatliche Eingriffe.— Das Problem des Handels.— Die zn hohen Spesen. Wenn der Reichstag wieder zusammentritt, wird er die Schmie- rigkeiten in der Zigarettenindustrie durch«in paar Ver- ordnungen des Reichsfinanzministeriums und durch unglückliche Einigungsversuche der Zigarettenindustrie selbst nicht viel verändert vorfinden. Die Beschäftigung und die Produttion zeigen eine ge- wisse Besserung, doch scheint es. daß sie zum Teil durch künstliche und nur vorübergehend wirkende Eingriffe hervorgerufen ist. Beschäftigungsgrad der im deutschen Tabakarbeiterverband organi- sierlen Zigarettenarbeiter und die versteuerten Zigareltenmengen. Monat Januar. Februar. März.. April.. Mai... Juni.. Juli.. August.. September Oktober. November Dezember 19-25 Monatszahl dft Scfdjöfti- gung in Pro». Quartal» zahlen der Prod. in Milli-rd. Stück !.bi .9 78,5' 71 78, 86,0 80,3 86,8 83,6 84,6 70,6 27, 28 28, 6.94 8,29 12,69 3,58 1926 Monats. zahl der Beschiilli. gung in Pro». Quartals zahlen der Prod. in Milliard. Stück 31,8 31,1 39,0j 41,3' 49,4 69, 9i 58,21 47,7 482, 52, 61 46, 6,06 7,37 7,70 7,21 1927 Monats» zahl der Beschäm» gung in Pro,. 63,1) 53,7j 57,3] 70,0 83,7 85,8 82,2 Quartal«. zahlen der Prod. in Milliard. Stück 6,87 8,12 Die grohen Schwankungen, deren erstes Opfer stets die Arbeiter- schaft ist, sind zum Teil die Folge der häusigen gesetzgeberischen Aenderungen: so namentlich die riesige Vorversorgung im Sommer 1925 vor dem Inkrafttreten der starken Steuer- erhöhung durch Einführung der Materialsteuer. Auch die Pro- duktionssteigerung, die das letzte Quartal verzeichnet, wird zu einem grohen Teil auf das Konto des berüchtigten Maierlasses des Reichsfinanzministeriums zu setzen sein, der die Unternehmungen zu starken Umsatzsteigerungen angepeitscht hat. Das läßt auch das Wiederabsinken der Beschästigungszahl der Zigaretten- a r b e i t e r im Juli vermuten.(Dieses Absinken ist noch etwas größer als in der Tabelle, da in die Julizahl zum erstenmal die Ueberstundenarbeiten besonders mit eingerechnet sind.) Aber nicht nur der amtliche Erlaß, sondern auch die kartellähnlichen Vorverhandlungen innerhalb des Gewerbezweiges selbst haben zunächst einmal dazu geführt, daß man allseitig die Umsätze steigerte. Diese Kartellverhandlungen scheinen für diesmal gescheitert zu sein. Der„Schutzverband" der Großziaarettenindustrie, der aus Anlaß der amtlichen Versuche, die Handelsspesen zu regeln, «inen Ausschließlichkeitsvertrag mit dem gesamten Handel ab- schließen wollte, ist auf einen unüberwindlichen Widerstand der Außenseiter und auf den Unwillen des Handels selbst gestoßen. Damit ist die Frage aus de» Verhandlungszimmern der Privat- Wirtschaft wieder vor die politischen Entscheidungsstellen gekommen. Denn die Ursache der Aufblähung bleibt in der heutigen gesetz- lichen Regelung, mit ihrem System der übergroßen Steuerstundungen. begründet. Diese Stundungen bedeuten einen sich ewig er- neuernden zinslosen Betriebskredit, der die Firmen zu einer übermäßigen Erweiterung ihrer Betriebe und erst recht zu einer weiteren Beschleunigung des Um- schlags, dadurch auch zu starken Reklameausgaben und zum Kampf um den Händler antreibt. Nach den Berichten einiger Aktiengesell- schasten betrug nun die Steuerschuld in Prozenten des Aktienkapitals: bei Reemtsma 257 Pro,;., bei Muratti 374 Proz., bei Batschari 322 Pro;., bei Greiling 438 Proz., bei Laferme allerdings 0 Proz., bei Jasmatzi 55 Proz., bei Manoli 104 Proz. Auch die Verschuldung bei Waldorf-Astoria sowie bei Haus Bergmann, die das je Fünfsache des Aktienkapitals beträgt, dürfte zum großen Teil eine Verschuldung an den Fiskus sein. Auf das wirklich investierte Gesamtkapital der Zigaretten- industrie bezogen, wird die Steuerschuld als das Eineinhalb- bis Zweifache des Kapitals angegeben! Diesem Zustand, der die Steuer- einnahmen wie die normale Jndustrieentwicklung gleich gefährdet, sollte man zunächst durch eine vernünftige Aenderung der Stundungsbestimmungen begegnen. Die hohen Handelsrabatte find, wie schon gesagt, mit die Folge der Produktionsaufblähung. Das bedeutet nicht, daß es jedem einzelnen Tabakhändler gut geht, vielmehr verteilt sich der gesamte Umsatz auf«ine übergroße Zahl von Händlern, die bei geringster Verschärfung der Krise an den Rand des Eristenz- Verlustes gestellt würden. Es genügt der folgende Vergleich der Be- deutung des Tabakwarenkleinhandels in Deutschland und in andepen Ländern(die Zahlen beziehen sich für Deutschland, Oesterreich und Schweden auf das Jahr 1925, für Großbritannien und Frankreich auf das Jahr 1924): Zigaretten- unS Tabakverbrauch. Der jährliche Zigarettenverbrauch pro Kopf der Be- völkerung betrug in Deutschland 483, in Großbritannien 652, in Oesterreich 586, in Frankreich zirka 200 bis 250, in Schweden 197 Stück. Da der Tabakwarenhandel sich nicht auf Zigaretten beschränkt und der Anteil der Zigaretten am Tabakverbrauch in verschiedenen Ländern verschieden ist, sei noch der gesamte Tabakoer- brauch in Kilogramm pro Kopf angegeben: Deutschland., Großbritannien Oesterreich 4, Schweden,, Frankreich.. 13 Kilogramm 1,3 1,6 1,4 1,4 In allen diesen Ländern ist also der durchschnittliche Gewichts- Umsatz ziemlich gleich(Deutschland an erster Stelle), während in dem Zigarettenumsatz England an erster, Oesterreich an zweiter und Deutschland an dritter Stelle steht. Die verschiedene Verteilung der Bevölkerung zwischen Stadt und Land erklärt zum Teil diesen Unter- schied in den Rauchsittcn. Die Ueberfetzung Ses Hanüels. Die verteilt sich aber der Umsah auf die Gesamtheit der Tabak- warendetallhändler? ZähU man olle Tabakwarenkleinhändler, also nicht nur die sogenannten Spezialisten, sondern auch die Gastwirt- schasten, Kölonialwarengeschäfte usw., die einen ausgedehnten Ziga- rettenhandel betreiben, zusammen, so entfallen in Deutschland aus 10 000 Einwohner 83 solcher Geschäfte. Man vergleiche damit die entsprechenden Zahlen in anderen Ländern: In Schweden beträgt-die Zahl der Händler per 10 000 Ein- wohner 32: die Zahl der von dem österreichischen Tabak- Monopol konzessionierten Tabakhändler(Trafikanten) pro 10 000 Einwohner beträgt 24, die Zahl der vom französischen Mono- pol konzessionierten 12 pro 10 000 Einwohner. Allerdings hat England, das weder ein Handelsmonopol des Staates(wie in Oesterreich und Frankreich) noch die zwangsweisen Abfindungen der Kleinsthändler(wie in Schweden) kennt, eine noch größer« Zahl von Kleinhandelsgeschäften pro 10 000 Einwohner als Deutschland, näm- lich 95. Verechnet man also den Durchschnittsumsah, so steht Deutsch. load au letzt« Stelle. Es entsieleu jährlich Zigaretten auf ein«in- zelnes Kleinhandelsgeschäft(in 1000 Stück): in Deutschland 53, in Eng- land 65. in Schweden 62, in Frankreich zirka 160 bis 200, in Oester- reich 243. Dem Umsatzgewicht aller Tabakwaren nach scheint Eng- land wiederum schlechter dazustehen als Deutschland(England 140 Kilogramm pro Geschäft, Deutschland 220 Kilogramm, Frank- reich 1180 Kilogramm, Oesterreich 2110 Kilogramm und Schweden 4970 Kilogramm), doch dürfte dies infolge des relativ viel höheren Wertes der Zigaretten gegenüber den anderen Tabakwaren die Richtigkeit des ersteren Vergleiches, soweit Umsatzwert« in Betracht kommen, nicht in Frage stellen. Uebermäßig hohe Spesen. Diese relativ geringeren Umsätze haben zur Folge, daß aus 1000 Zigaretten in Deutschland größer« Spesen entfallen, und daß daher größere Handelsrabatt« verlangt werden müssen als in anderen Ländern. Die deutschen Sätze für den Kleinhandels- rabatt sind nach der Iuliverfügung des Reichsfinanzministeriums je nach dem Umsatz auf 27 bis 2914 Proz. erhöht worden, doch dürften die wirtlichen Rabattsätze noch um einige weitere Prozente über den amtlichen„Richtlinien" liegen: so hatte der.Schutzverband" den kartelltreuen Händlern noch einen weiteren„Treurabatt" in Aus- ficht gestellt. Für Länder mit freier Tabakwirtschaft haben wir keine genauen Angaben, aber es genügt schon ein Vergleich mit den Monopolländern. In Prozent des Verkaufspreises betrug der Handelsrabatt: in Frankreich 1924 8,1 Proz., in Oesterreich 1925 10 Proz.,(dto. unter Berücksichtigung der Gewinnrückzahlungen der Händler 9,3 Proz.), in Schweden 1925 13,4 Pro,;. Die Uebersetzung im Tabakhandel ist in Deutschland zum großen Teil die Folge der Inflation. Die Probleme des Tabakwaren- Handels bilden sicherlich nur einen Teil vom Gesamtproblem der Zigarettenindustrie. Denn auch in d« Produkttonssphäre ist eine übergroße Iersplilkernng in dieser an sich entwicklungsfähigen Industrie festzustellen. Das überraschende Steigen des Verbrauchs, das zum großen Teil auf die Zunahm« des Rauchens der Frauen und auf den Zuwachs der städtischen Bevölkerung zurückzuführen ist, haben wir schon oben in Ziffern gezeigt. Dieser Konsumsteigerung ist es zu verdanken, daß die Zigarettenindustrie nicht nur den vollen Betrag der Steuer- erhöhung, die nach Einführung des Dawesplanes erfolgt«, getragen hat, sondern daß sie auch noch darüber hinaus erhöhte Preise von den Konsumenten verlangen konnte, sei es zur Deckung notwendiger Ausgaben, die die Qualitätsverbesserung erforderte, sei es zur Deckung übergroßer Produktions-, Reklame- und Handels- spesen, die das heutige Regime der Steuerstundung und der Betriebs- Zersplitterung ermöglicht und erzwingt. Jedenfalls ist die durch- schnittliche Erhöhung des deutschen Zigarettenprcises nicht nur ein« Folge der hohen Steuern. Der Anteil der fiskalischen Lasten an dem Preis ist im Laufe des Jahres 1925 von 15,5 auf 21,8 Proz. gestiegen, um im Juni 1926 auf 18,5 Proz. zu fallen und 1927 sich auf 19.5 bis 19,6 Proz. zu erhöhen. Im Durchschnitt wird heute eine 4,6 Pf.-Zigorett« statt der 3,6 Pf.-Zigarette vom Sommer 1925 geraucht. Dieser Mehrpreis von 1 Pf. verteilt sich aber zwischen dem Fiskus und dem Gewerbezweig fast zu gleichen Teilen. Die gestiegene Kaufkraft der Bevölkerung und die Zunahme des Zigarettenrauchens haben also der Zigarettenindustrie und dem Tabakwarenhondel einen gewissen Sonderverdienst erlaubt, der bisher offenbar zum großen Teil in Form überflüssiger Spesen ausgegeben wurde. Aufgabe der Oeffentlichkeit, vielleicht der Gesetzgebung, wird es sein, Wege zu finden, um diesen Sonderverdienst dem Ver- braucher— in Form von Preisermäßigungen oder Qualitäts- erhöhungen— oder, soweit es nötig ist, der S t e u e r k a s s t! zuzuführen. Die freie Konkurren;, die sich allerdings-n den letzten Iahren unter den abnormen Bedingungen der übermäßigen Steuer- stundung abspielt, hat diese Aufgabe nicht gelöst, und auch die privatmonopolistischen Versuche der letzten Monate haben sich als der Aufgabe nicht gewachsen erwiesen. Konzentration in üer Elektroindustrie. Zusammenschluß süddeutscher Großkraftwerke. Die Verhandlungen zwischen Württemberg und Baden über den Zusammenschluß des Leitungsnetzes der Württembergischen Landes-Elektrizitäts-A.-G. und des Badenwertes sind jetzt zum Ab- schluß gekomnien. Damit wird zwischen Pforzheim in Baden und dem württembergischen Obertürkheim die noch fehlende 100 OOO-Volt- Verbindung hergestellt. Mit dieser Verbindung ist ein durch- laufendes.100 OOO-Volt-Leitungsnetz von annähernd 600 Kilometer Länge vom Oberrhein bis zu den bayerischen Groß- kraftwerken am Walchensee geschaffen. Das Bedeutsame ist, daß sämtliche Großkraftwerke Süddeutschlands an dieser Leitungsstrecke gelegen sind, so daß die Werke untereinander in den Perioden der Ueberlastung oder des Absatzmangels ausgleichend eingreifen können. Dadurch wird nicht nur die Sicherheit der Stromversorgung verstärkt, sondern die Werke können auch durch den gegenseitigen Ausgleich gewisse Unregel- Mäßigkeiten im Absatz und der Stromherstellung leichter überwinden, so daß die Ersparnis erheblicher Unkosten sich künftig auch im Strom- preis bemerkbar machen wird. Bedeutend« Ausbauken bei dem Preußischen Kraftwerk Ob«. weser A.-G. Das dem preußischen Staat gehörende Kraftwerk Oberweser A.-G. in Kassel gibt in ihrem mit dem 31. März 1927 abschließenden Geschäftsbericht interessante Einzelheiten über die vorgenommenen Betriebserweiterungen an. Die Stromabgabe stieg von 141 auf 169 Millionen l ichine gewaltsam zwischen seinen nackten Armen zerdrücken, während der Zug wie ein Gewitter heranrollte. Sekundenlang erkannte man Gesichter hinter den Scheiben und die Schatten der K'ellner, die sich in dem erhellten Raum des Speisewagens bewegten. Das Licht aus den Fenstern glitt über die Köpfe der schreienden Bauern und das nächtliche Feld wie die weiße Schwinge eines Vogels— dann schlug das Schweigen der Ebene hinter dem Zuge zusammen. Niemand wagte es, nach der Stelle zu sehen. Das klägliche Kammern Milkas zerriß gleich dem Heulen eines geprügcllen Hundes die Stille. Nur die Glühwürmer auf der Böschung des Bahndammes elänzten unbekümmert wie strahlende Ringe an den grünen Fingern der Gräser in die weite und reine Nacht. Ratiotialifirnrng öer Rechtschreibung. Von Schulrot Hans Lawerenz. Ein jeder von uns weiß aus eigener mehr oder weniger schmerz- licher Erfahrung daß unsere deutsche Rechtschreibung nicht rationell ist. Sie teill diesen Charakter allerdings mit fast allen Recht- lchreibungen der Welt, auch mit denen der Völker, die auf die Nationalisierung ihres wirtschaftlichen und kulturellen Lebens be- Sacco unö vanzetti. rr..... .Weltprotest! Huatfchl Sie kamen mit Papier, mit doUars hätten sie kommen mästen!' sonders stolz sind. Immerhin haben die barocken Willkürlichkeiten der deutschen Rechtschreibung— schon wegen ihrer wirren Un- durchdringlichkeit— doch wohl kaum ihresgleichen auf der Welt. Unsere Rechtschreibung wäre rationell, wenn sie die geringst- mögliche Zahl von Schriftzeichen erforderte und sich auf streng laut- treue Schreibweise beschränkte. Das tut sie aber nicht. Wir haben — die Satzzeichen eingerechnet— so ungefähr 250 Schriftzeichen. Jeder Deutsche muß ja 8(sgge und schreibe: acht!) Alphabete er- lernen, nämlich die kleine und große sogenannte deutsche Schreib- schrift, die kleine und große sogenannte lateinische Schreibschift, die kleine und große deutsche und die kleine und große latei- nische Druckschrift. Streng rationell wäre die Erlernung nur �eines Alphabets. Doch wird man der Druckschrift aus technischen Gründen ja wohl ihre eigenen Lettern zugestehen müssen. Das gibt zwei Alphabete. Gesteht man der Großschreibung Daseinsrecht zu. kommt man schon auf vier Alphabete. Es sind die vier Alphabete, die bei den meisten Kulturvölkern üblich sind. Die eckig« Schreibschrift, die manche für die nationale deutsche Schrift halten, und die entsprechende Druckschrift find ein unrationeller Sonderluxus des deutschen Volkes. Ilebrigens ist diese Schrift eine Erfindung des internationalen Mönch- tums und zuerst in französischen Klöstern gebraucht worden. Wir würden uns in nationaler Hinsicht nicht das geringste vergeben, wenn wir auf diese Schrift verzichteten. Dagegen würden wir der Ein- sachheit, der leichteren Zugänglichkeit, der Werbekraft des deutschen Schrifttums ungemein dienen, wenn wir uns der sogenannten lateinischen Schreib- und Druckschrift bedienen würden. Gänzlich unrationell ist die wenig lauttreue Schreibweise der deutschen Wörter. Der Gebrauch der Dehnung», und Schärsungs- zeichen ist völlig unlogisch und willkürlich. Bei vielen Wörtern sprechen wir den Selbstlaut gedehnt, ohne daß ein Dehnungszeichen folgt: Lid. mir, gibt Der i-Laut hat ein doppeltes Dehnungszeichen: e(Lied) und h(ihr); bei a, o wird die Dehnung durch Verdoppelung (Aar, Moor) und Dehnungs-h(Ahr, Mohr) bezeichnet, bei u dagegen nur durch Dehnungs-h. Welche Wirrnis! Nicht anders steht es mit der Kürzung. Unlogisch ist auch die Verwendung der Lautzeichen im einzelnen. Zur Schreibung des f-Lautes bedürfen wir dreier Zeichen (s, v, pH); der Schreibung des ks-Lautes dienen sogar fünf Zeichen (x, chs, chs, ks, cks)l In komischem Gegensatz dazu steht die Tatsache, daß wir ganz verschiedene Laute mit demselben Buchstaben be- zeichnen: ch ist in ich ein ganz anderer Laut als ch in ach, n in Angst ein ganz anderer als n in an. Groß« Willkür herrscht auch in bezug aus die Endlaute._ Auch die Großschreibung der Dingwörter und der dingwortlich gebrauchten Wörter— hier liegen tausend« von Fußangeln der Rechtschreibung— ist nicht durch die Vernunft geboten. Die Recht- schreibung anderer Völker kommt ohne sie aus, ohne- daß dadurch das Schrifttum an Verständlichkeit und Sinn verliert. Noch viel ver- wickelter und sckier unergründlich sind die Regeln über die Zusammen- schreibung der Wörter. Was ist richtig: Ich geh« zu gründe, ich gehe zugrunde oder ich gehe zu Grunde? Die Zahl der Rätsel dieser Art ist bei dem Wortreichtum und bei dem Bau der deutschen Sprache Legion. Von logischen Regeln ist da gar keine Rede. Alles ist Willkür. Willkür aber ist bekanntlich unrationell. Die Schrift ist Verkehrs- und Verständigungsmittel. Alle übrigen Verkefjrs- und Verständigungsmittel werden ständig rattonalisiert, d. h. den zweckmäßig erscheinenden Verbesserungen unterworfen. Wer an unzweckmäßig erkannten Verkehrs- und Verständigungsmitteln festhält, gilt als Narr. Auch die konservativsten Fortschrittsfeinde haben sich herrlich schnell an das Auto gewöhnt und lehnen es ab, ihre alten Karren zu benutzen, und auch als Auto wählt jeder das rationellste, d. h. zweckmäßigste. Die Ideologien des Konservativis- muß schwinden vor den Tatsachen des greifbaren Vorteils. Eine rationalisierte Rechtschreibunq böte tausend greifbare Bor- teile, brächte materiell« und kulturelle Werte von ganz unschätzbarem Ausmaße. Eine vernünftige deutsche Rechtschreibung würde in allen Schraftstuben, Amtszimmern, Geschäftsbureaus. Setzereien unge- Heuer viel Zeit ersparen. Mit Feder und Maschine könnte schneller geschrieben werden. Man setze nur 10 Proz. Ersparnis voraus— es könnten bei einer gründlichen Rationalisierung aber mindestens 25 Proz. werden— und berechne dann die Millionen Stunden von Arbeitsersparnis! Das wäre nur der unmittelbare Gewinn. Dazu kommt der mittelbare. Wieviel Zeit wird heute damit versäumt, die richtige Schreibung eines Wortes festzustellen. Wenn nur jeder Schreibende im deutschen Sprachgebiet täglich einmal im Duden nach- schlägt— und dos muß er mindestens— welche Arbeitszeit gibt das summiert! Wieviel Zeit müssen unsere Schulen auf die Erlernung der deut- schen Rechtschreibung verwenden! Jahrelang erfordert sie«inen wesentlichen Teil der gesamten Bildungsarbeit. Dabei ist es gar keine Bildungsarbeit. Da die meisten Rechtschreibregeln nicht logisch sind, sondern nur auf Willkür beruhen, ist ihre Erlernung rein mechanische Einpaukarbeit: sie wirkt geisttötend statt geistbildend und wird Schülern und Lehrern zur Qual. Es ist vergeudete Kraft. Wenn diese Kraft aus andere Dinge, auf geistbildende Dinge verwendet würde, das ergäbe ein kulturelles Plus von kaum schätzbarem Ausmaße! Geradezu verheerend ist es, daß unsere unrationelle Recht- schreibung ein wesentlicher Maßstab bei Prüfungen und Ein- stellungen ist. Ganz naiv fordern Behörden und Geschäfte von den Bewerbern um Anstellung„sichere Beherrschung der deutschen Recht- schreibung'. Dabei ist die Behauptung schwerlich kühn, daß es kaum einen Deutschen gibt, der die Rechtschreibung sicher beherrscht. Lehrer der deutschen Rechtschreibung, die sich für völlig firm hielten und nun daraufhin geprüft wurden, haben verblüffend viele Fehler gemacht. Trotz allem werden noch heute, wie gesagt. Prüfungs- arbeiten, Aufsätze, Niederschriften nicht nach ihrem geistigen Gehalt, nicht nach der Flüssigkeit und Lebendigkeit ihres Stiles, sondern maßgebend nach der Anzahl ihrer Rechtschreibfehler beurteilt. Es läßt sich sowohl die Schreibung: ich muß acht geben, wie auch die: ich muß Acht geben, als auch schließlich: ich muß achtgeben, irgendwie begründen, keine hat vor den anderen Anspruch auf besondere Logik und besondere Richtigkeit: vor der«cht schulmeisterlichen Engherzigkeit der verknöcherten Pedanten aber sind zwei dieser Schreibungen Tod- sünden, und wenn irgend ein armer Prüfling oder Stellenbewerber zufällig mehr als drei solcher„Todsünden' in seiner Arbeit hat, dann ist er vor diesem Tribunal gerichtet, er ist durchgefallen, mag auch sonst seine Arbeit noch so wertvoll sein. Dergleichen geschieht jeden Tag. Es ist eine Auslese nach einem Maße, das allgemein als falsches Maß anerkannt ist, das aber niemand abschaffen will, weil es doch nun einmal fo üblich ist. Echt chinesisch, oder vielmehr echt deutsch, und vor allem ganz echt bureaukratisch! Was kümmern die Bureaukratte die seelischen, geistigen, praktischen, kurz die rationellen Werte, wenn nur das geheiligt« Schema gerettet ist! Die wirtschaftliche Rationalisierung wird aus rein m a t« r i e l- len Gründen durchgefuhirt. Ihre kulturelle Bedeutung er- scheint in vieler Hinsicht sehr bedenklich. Eine Rationalisierung der deutschen Rechtschreibung würde wirtschaftlich wie kulturell nur große Vorteile bringen, und zwar ganz ungeheure Vorteile. Irgendwelche kleine Reform der Rechtschreibung, wie sie ja schon mehrmals durchgeführt worden ist, hat wenig Zweck. Wir brauchen eine völlige Neugestaltung. Sie durchzuführen wäre eine dankbare Aufgabe für das Reichsministerium des Innern. Der jetzige Minister wird ja aber schwerlich an diese Ausgabe herangehen. Er hat mit kulturreaktionären Gesetzentwürfen genug zu tun und wird ohnehin Gegner aller Rationalisierung auf geistigem Gebiete sein. Auch würde er mit der Vorbereitung vermutlich eine Kommission von Rechtschreibgelehrten betrauen, die nach allen Erfahrungen kaum etwas Ganzes zustande bringen würde: denn zu dieser Aufgabe gehören Leute mit freiem und weitem Blick. Dem jetzigen Reichs- tag« traue ich die Lösung der Aufgabe auch nicht zu, und ebensowenig verspreche ich mir von einer etwa zu entfachenden Volksbewegung. Die Rationalisierung der Rechtschreibung wird sicherlich erst von der organisierten Arbeiterschaft durchgesührt werden, wenn sie die Regierungsgewalt in die Hand genommen hat. Trotzdem wäre es verfehlt, bis dahin die Hände in den Schoß zu legen. Immer wieder muß aizf die blödsinnige Rückständigkeit der Rechtschreibung hinge- wiesen werden. Denn wenn die Berechtigung einer Ausgabe nicht bewußt erkannt wird, dann wird sie auch nicht durchgeführt. Der größte Eröftauöamm öer Weit. Deutschland erhält jetzt seine erste große Staumauer aus Erde in der S or p e- T al sp e r r« im Sauerland, über deren Anlage Fritz Nellissen in der„Umschau' Näheres berichtet. Diese Anlage ist der gewaltigste Erdstaudamm, der bisher überhaupt errichtet worden ist. Der Verfasser oergleicht diese großartige Talsperre mit dem altögyptischen Möris-Ttausee, der vor 4000 Iahren gebaut wurde und den Herodot eins der sieben Weltwunder nennt. Bei der Sorpe-Talsperre wird dasselbe Ziel wie bei der Anlage des antiken Bauwerkes verfolgt, nämlich die Aufspeicherung des Wassers zur Zeit des Ueberflusses, das dann bei Trockenheit für das rheinisch- westfälischs Industriegebiet verwertet werden kann. Der Wasser- reichtum mehrerer nasser Jahre soll hier gesammelt werden, um in ausgesprochen trockenen Jahren das Eintreten eines Wassermangels zu vermeiden. Zu der Wahl eines Erddammes wurden die Ruhr- talsperrenverein« dadurch bewogen, daß er unter den verschiedenen Bauarten der billigste ist: daneben bietet ein solcher Damm den Vorzug, daß bei geringen Unterhaltskosten und unbegrenzter Lebens- dauer das Austreten von Risten so gut wie ausgeschlosten ist. Es ist «in 00 Meter hoher und 0 00 Meter langer Damm, der eine Sohlenbreite von fast 300 Meter hat. Die Krone des Bau- wertes, die 600 Meter lang und 10 Meter breit ist, wird eine� Fahr- straß« erhalten, zu deren Seiten breite Fußgängerwege liegen. Welch ungeheure Erdbewegungen für diesen Damm notwendig sind, geht aus der Tatsache hervor, daß 3 Millionen Kubikmeter Erdmasten dazu notwendig sind, die zu beiden Seiten eines betonierten Dichtungskernes aufgeschüttet werden. Die Bauweise der Talsperre wird sich etwa folgendermaßen vollziehen: Der Teil des Dammes, der der Wastermaste zuliegt, besteht aus wasserdichtem Material, das aus dem Lehm des Talbodens und dem verwitterten Talschiefer des anstoßenden Gebirges gewonnen wird. Diese Massen werden in dünnen Lagen angeschüttet und mit schweren Walzen festgelegt. Die Außenfläche des ungeheuren Erdkörpers wird mit gemauertem Pflaster befestigt. Sollte trotzdem noch etwas Master in den Damm eindringen, so wird dieses durch Sickerleitungen und Rinnen im Innern der Mauer aufgefangen und unschädlich abgeführt. Der Dichtigkeitszustand läßt sich zu jeder Zeit durch einen Besichtigungs- gang prüfen, der den Dammkörper durchzieht. Der Teil der Stau- mauer, der den Wastermasten abgewendet ist, dient als Stützkörper und besteht aus gewalzten Schüttmasten mtt starkem Gehalt von Geröll und Kies. Das Wasser wird aus dem Stausee durch zwei Kanäle abgeleitet, die in die Felshänge eingebettet sind: einer dieser Kanäle bildet zugleich die Zuleitung des Druckwassers für die Tur- binen des Kraftwerkes, das unterl>alb der Sperrmauer liegt und 3 Millionen Kilowattstunden im Jahre erzeugen kann. Der Stausee der Sorpe-Talsperre saßt 80 Millionen Kubikmeter: die Bauzeit ist mit sechs bis acht Iahren angenommen. Da der Wasser- reichtum der Sorpe gering ist, so wird es wohl mehrere Jahre dauern, bevor das Staubecken zum ersten Male gefüllt ist. 00� Millionen Kubikmeter Wasser sollen dann als„eiserner Bestand' für Trocken- jähre aufgespeichert werden, während man die übrigen 20 Millionen Kubikmeter für das Kraftwerk verwende« wird, Staats- Theater Schauspielhau» 8 Uhr: Ein besserer Herr Schiller-Theater L Uhr Im weißes Rßß'I MtiMllZM Norden 10334— äT i U. EndelOr/jU. fler Kexer Die Komodie Bismarck 2414/7516 Uhr, Ende 10 Der ZKM Trianoo-Taeaier nA 8'/, Uhr: §0 ein m Mädel (Das Extemporale) lostspis! ron Stnra a. Ferbor Hans Sturm. Irma Klein. Kilbarfl. To.»i fienr, AreinL Lustspiclhaus «l.« Uhr. Cafä Electrlk iCnibaua- TDeai Täglich SV. Uhr: Der größte Erfolg Beriiss! ßer fröhliche Weinberg Lustspiel in 3Akten v. Karl Zuckmayet Lobe, Ebelsbacher Parkett statt 4 Mk Ugl. auch Sonntags nur ea m. Rose-Theater SV, Uhr: FOrstenwcnde Gartenbohne SV, Uhr: Bunter Teil. « Uhr: Ucbe ist Tramal Ttsester ilss Westoiis Der große Dperettesorfolgl Täglich SV. Uhr: Die Tugend- prinzetsin Elliliüflnunn. tRhstHsü. Marlies bdvrk, tarll« Katssr, tiiih Karin, Bitlsr, H. I.ün:id!!li Preise 1, 2, 3 M. usw. 8ai«s*u<-li6f.at.: teamüiatOnbiaoBIr.; rii. Königträu. 81. Hasenheide 21 10 S Uhr Donnerstag; Zum 150. nalr Oiä Sciiule v.üzcaii ihBBi. a. MnilenBcriplit] Hör BoditisjU'jgust Täglich 8V, Uhr Ait-Heideiberg 'düBipisI to» Miytf-fttr.ln iattoni, Kssfer. Stjml.Enttls Preise: 1,-. 2.-. 3.- M. usw. lallindstz-BSnna» Dts. Künstler- Tb SV« Uhr „Da wirst midi heiraten" Lessing- Theater SV. Uhr Israel Flaaetarium an Zoo '/ctlSng. Jcadiimtlhalir Straße Noll. 1378 3er Starnenhimmal auf der Reise von Berlin neck dem Aequetar Vorführungen; 4V» 6, T/t, 1 Uhr. Eintritt I M. Kisdircnt. IS Jabm 11.51 1. tefer an IM. Tor Kottb. Str. 6 Tägl. 8 Uhr: AMMM Gevraltiges • Prosraiütn S5 Th. in.Mmifaispaiasl letzte Vorsteüung!" V,9 Uhr Mim- REVfcJS „An und aus" sefirbUEiö! In der Gcsomfauflftgc del.Vonrßrt»- sind besonders«rlrksen» und trotzdem Komisehe Oper SV, Uhr SV, Uhr Berlins neueste Sevue: iSlrcag verböte« t»! Cm Berus der ypräoteren Uideosdiattm! 1 jUeber 200 Mitwtrk. ✓ a 9alletls.l j Vorvorkauf 3. d. Tbsaterkasic ah 10 Uhr unonlarbr. 1 8s Nollendorf 7350 Das große EsrUffsiafifsgs- Programtm! Sonnabends u. Sonntage 2 Vareteü. 3 � u. 0 Uhr— 3» eu ermäBigten Preisen dae ganze Programm. 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II Charlotten barg: Saizrrenßr. 58, Friedenau: Haupt ßr. 7i, Ans jede gezogene Rummer sind zwei gleich hob« Sewwn« gefalle»,»nd zwar Je einet aus die Lose gleicher Rummer in den beiden Abfeilungen! und ll Zt» der. von 1000«,«Dt, »ach Berlin. heutigen Bormittagsziehung fiel ein Hauptg: it. in Abteilung I nach Würzburg, in Abteiln jeminn lung ll Qoviel mehr Sclimutz lost man tnitSü als imf" �ewöhnlicten -a I 'WaschmitranW■ Sorgfältigste Versuche haben ergeben, dass Suma fast 50 Prozent mehr Schmutz aus der Wäsche herausholt als andere W aschmittel. V ergleichenSie beim Waschen mit Suma, wieviel dunkler die Waschlauge nach dem Kochen der Wasche in Suma ist als bisher. Diese einzigartige Wasch Wirkung verdankt Suma neben seinem fast doppelt so hohen Gehalt an reiner Seife der Eigenart, im Kochen einen Strom von Millionen kleiner perlender Bläschen zu bilden, die die Wäsche durchdringen und selbst den hartnäckigsten Schmutz behutsam daraus entfernen. 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August 1027 In der litachmittagßziehung wurden Gewinne über ISO M. gezogen s.»cwln»« ,» vooo M. 1ZSBS7 1 SSS7g 202210 24SB2Z 10»«ann»« ,u 3000 SO. 63891 103656 181913 193780 300771 12 wtBtnn« ,» 2000 53t, 36854 68781 24079! 245617 319686 341677 26««-.'»n, ,» 1000 M. 1640 13749 63347 59168 110036 122867 189364 239114 270748 271900 277971 329339 335684 74»«mim« jn 500 M. 2787 9374 12780 14255 16438 59041 61747 70076 75649 89171 98778 111962 150136 162539 165911 168957 182904 183608 194631 199658 206806 218135 229066 232352 236658 256301 287152 268668 269402 287742 302876 303529 314399 327206 327944 328809 339438 192®«DinM ,» 300 51t. 3012 9883 10885 14963 20699 26406 31817 S7020 43466 43993 45469 47405 60737 61800 53389 59369 60474 64976 66761 66969 69734 73140 76367 76477 77676 80606 89695 89714 90794 91079 93908 94740 100119 104378 104805>05737 107663 109068 111541 121056 126200 128748 132110 145291 148393 153100 162104 165082 174269 1/5655 182158 194784 193921 196384 206106 209214 212288 213063 2131 14 215082 216707 217162 218458 224698 227913 228098 231280 235263 238814 239381 241444 255278 256672 258328 259736 267695 270295 272533 276626 294969 297233 303538 307499 307602 300655 312048 322850 323329 332828 338864 337423 943357 344305 344561 346860 347603 6. jZlehungslag 23. August 1927 5n der Vormittagsziehung wurden Gewinn« über ISO M. gezogen 2 Seminse ,u 100000 M. 161333 4»ewion, 6000«t. 1 1 5396 1 80937 4«tsinn« ,tt 3000 M. 24510 60192 8»-Winne au 2000 W. 32539 99279 130880 199897 26»ewinn« au 1 000 an, 39786 46449 57006 66525 72738 7821 6 79218 96665 143611 232118 236422 281898 295950 62»ewinn«|U 500«R. 18344 18565 27685 69996 69443 71311 80688 82004 100923 112802 123571 132055 141146 168378 175506 191202 202461 203817 206940 227068 229697 269307 270707 271484 281129 288006 300491 302841 322738 323865 328029 204»,winn, au 300 TU. 663 4646 8381 1 1 978 1 4663 1 5582 25335 30602 33825 34826 40552 42979 44553 44777 45375 45596 47957 56924 61635 64580 67852 68023 76705 76412 81014 68322 87409 92126 97328 101650) 09218 114788 116638 118456 127099 128744 130973 135583 136174 141773 144093 144362 145417 146211 149S40 151796 162512 154843 162466 166216 177659 182064 183692 186047 194580 197373 201929 204163 205417 208699 210944 214700 227351 231861 232670 233473 234323 238095 243965 251586 252803 256953 238160 261606 261899 262846 263126 267599 273449 274528 285641 287091 287671 287675 238978 295578 296267 305043 308130 309406 309304 314247 320406 322033 326175 326108 329073 339425 340006 342050 343147 346359 Dentsdier MefallarfieiteMiiaDd Verwaltungsstelle Berlin Den Sollegen zur Rachrtchl, daß unser Mitglied, der Drücker Fritz Gläser am 20. August gestorben Ist. Ehre seinem Sadenkem l Die Beerdigung findet am Donner». tag. dem 25. August. 17 Uhr. von der Leichenhalle des Iafobifirchhofes, Neulölln, au» stall. Rege Beteiligung erwartet Die Ort»verwalt»»g. Connetsfaa. den 35. August, abend» T Ahe, im„Jugenbloal** bei Verdandshanse», Cinicnflc. 93,55 Branchenversammlung aller Werkzeugmacher- Lehrlinge. Tageeordnung: 1. Borlrag:.Die Bedeutung der Dewertschgsten Im Leben de» Ardeste?»". Referent; Kollege Heinz Morquarl. 2. Branchenangelegen. heilen. Z. Berschiedeneo. (feellog. den 29. August. nachmtHaga 5 Ahe. bei Odciag. Aannunftc. 37 Bf Versammlung derMeiallformern verufsgenossen Tagesordnung: l. Bericht Übet die Berhandlungen vor dem Schlichtung». ausschuß 2, Beschlußfassung. Zahlreiche» Erscheinen wird erwartet. Achtung! Achtung! DeAftöM« m 28. August. Der Treffvuntt aller Metallarbeiter mst ihren AngehSrtgen ist der Mariannenpiatz. Abmarsch pLnftlich 12Vj Uhr. Ausstellung de« Zuge» eine Halde Stunde vorher. 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