Bbenöausgabe Nr. 407 ♦ 44. Jahrgang Ausgabe B Nr. 20? Se,ug»bed!ngun«»» und Anze!gen?r«!s« sind in der Morgenausgab« angegeben «edattion: Sw. öS, Lindenstrahe 3 Aernspreeher! Dönhoff 292— 297 T-l..»vreffe: Sozialdemokrat verlia Devliner PuIIt�Irlaff (10 Pfennig) Montag 29. August 1927 «erla««nd Änzelgenidteilung: SeschSftszett 8� bis S Uhr Verleger: vorwörts-verlag GmbH. Seclin 910. öS, Llndenstrob» 3 Fernsprecher: Dönhoff 292— 29. Zentralorgan der Sozialdemokrat» feben parte» Deutfchlands Jefttag- Kampftag. Der Aufmarsch der Groß-Berliuer Gewerkschafte«. Berlin, das Berlin der Arbeit, stand am gestrigen Sonn- tag im Zeichen des Gewerkschaftstages. Aus allen Himmels- richtungen kamen gegen Mittag die Mitglieder der Gewerk- schaften und die Jugendlichen nach ihren Sammelplätzen. Der Strom der Sonntagsnachmittags-Wochenendler, der sich aus Berlin hinaus bewegt, nahm die umgekehrte Richtung ins Stadtinnere, nach dem Süden. Die ersten fanden noch spärliche Gruppen, doch mehr und mehr schlössen sich die Reihen, die einzelnen Branchen und Gruppen zu Verbänden, die sich dann zu schier endlosen Zügen aneinanderschließend, das ganze Straßenleben beherrschend, zu einem Zuge nach dem gemeinsamen Ziele bewegten, der großen Spielwiese im Treptower Park, dem Sammelplatz aller großen proleta- rischen Massenkundgebungen des arbeitenden Groß-Berlin. Vom herrlichsten Wetter begünstigt, nahm die Feier einen prächtigen Verlauf. Ohne die geringste Störung, ab- gesehen von einigen wenigen Plänkeleien, die die Kommu- nisten durch provozierende Transparente hervorriefen, voll- zog sich der Aufmarsch. Die im großen und sianzen wohl- disziplinierten Massen machten den Ordnern chre Aufgabe leicht. Die Schätzung der Zahl der Teilnehmer mit über lül) OVO bleibt weit hinter der wirklichen Zahl zurück. Manche der älteren Gewerkschaftsgenosien konnten den weiten Weg nicht bis zu Ende machen, wieder andere, insbesondere auch die Frauen, zogen es vor, sich in den Lokilen vorsorglich einen Platz zu sichern. Nachdem der Aufmarsch beendet, bot die Spielwiese ein erhebendes, farbenprächtiges Bild. Die Masse, Leib an Leib gedrängt, unübersehbar, mit vielen einfachen roten Fahnen und schönen alten Gewertschaftsbannern, harrte des Beginns der Feier, der ringsum Zehntausende von Zuschauern Zeuge sein wollten. War die äußere Organisation auch muster- gültig, so wird doch bei ferneren Gewerkschaftsdemonstratio- nen allgemein ihr Zweck auch äußerlich noch kräftiger betont werden müssen. Die Gewerkschaften müsien selber dafür sorgen, daß ihre Wünsche und Forderungen zu gehörigem Ausdruck kommen und selber bestimmen, welchen Text ihre Transparente tragen sollen. Die weltlichen Schulen hatten die Gelegenheit benutzt, um die Kinder selber durch wirkungsvolle Plakate mit einheitlichem Text für die freie Schule demonstrieren zu lassen. Was über den Charakter der imposanten Kundgebung der Berliner Gewerkschaften zu sagen ist, brachte Genosse Eggert vom ADGB. zu treffendem Ausdruck. Die beiden Lautsprecher reichten leider nicht aus, um seine Rede auch dem am weitesten entfernt stehenden Zuhörer deutlich zu ver- Mitteln. Um �3 Uhr bat der Ansager am Mikrophon die un- absehbare Menge, die Unterhaltung und die Musik einzu- stellen. Es dauerte einige Minuten, bis diese Aufforderung zu den am Anfang der Wiese harrenden Menschenmengen ge- drungen war. Erst nach den ersten Klängen des vom Gau Groß-Berlin des Deutschen Arbeiter-Sängerbundes vor- getragenen..Festgesanges" trat völlige Ruhe auf dem weiten Platze ein. Nachdem der Gesang verklungen war, trat Ge- nosie Eggert an das Mikrophon. Eggert: Gewerkschaftsgenosien, Angestellte, Arbeiter and Arbelterlnnon von Groß-Verlln! Unser heutiger Gewerkschaftstag gilt den hohen Zielen der Gewerkschaftsbewegung. Er soll ein Kampftag und zugleich ein Festtag sein. Ein K a m p s t a g gegen jene Gewalten in Staat und Gesellschaft, die dem Ausstieg der Lohn- und Gehaltsempfänger, der Arbeiterklasse, entgegenwirken: ein Festtag in Erinnerung an die sturmbewegte Vergangenheit, die zwar reich war an Opfern, aber auch reich an Erfolgen. Er soll den Protest zum Ausdruck bringen gegen die unzulängliche Lebenshaltung der breiten Massen der arbeitenden Bevölkerung, gegen die anhaltende und steigende Tcurung. gegen das preisunichernde Kartellwesen in der deuischen Wirtschast, gegen die schutzzöllnerische Handelspolitik weiter und ein- flußreicher Kreis«. Und dieser Gewerkschaststag soll vor allem ein eindringlicher Appell sein an die Massen der U n- organisierten, ihren Gleichmut und Jndifserentismus aufzu- aeben. Trägheit und Torheit endlich abzulegen. Er soll sein ein Appell an alle, die unserer Bewegung noch fernstehen, an den Ingenieur und Techniker, Angestellten, Kaufmann, Bankbeamten, aber auch an die Beamten in Staat und Kommunen, nicht zuletzt jedoch an die großen Massen der Arbeiter und der Frauen. Mögen sie in einfältigem Hochmut oder in parteipoltischer Verblendung oder in stoischer Unwissenheit beiseite stehen— sie müssen ausgeklärt und den Gewerkschaften zugeführt werden, so restlos und voll- kommen, wie sich auch das Unternehmertum organisiert hat. Und endlich soll er ein Apell sein an das Weltgewissen, Greuel- taten, wie die Hinrichtung von Sacco und Danzetti, endlich un- möglich zu machen, die Todesstrafe zu beseitigen. Heute sind in unseren Derbänden über 4 Millionen Männer und Frauen organisiert. Eine stolze Arme«, eines Geistes und eines Willens, höheren, gerechten Anteil zu nehmen an den Gütern des Lebens, und den Staat nach ihren Idealen gestalten zu helfen, innerlich aebunden durch die Bande lief erlebter, unverbrüch- sicher Solidarikät. Unter den tarifmäßigen Bedingungen, die diese 4 Millionen er- rungen haben, arbeiten jedoch heute nicht weniger als 10 Millionen Menschen. Sechs Millionen sind also Nutznießer der gewerkschaftlichen Errungenschaften, ohne selbst am Werke unserer Arbeit mitzuwirken. Sechs Millionen tatenlose Nutznießer! Ein«dunkle Schar. Ihr muß das Würdelose ihres Verhaltens klar gemacht, das Schädlich« gezeigt, gewerkschaftliche Erkenntnis vermittelt werden. Sie müssen in Reih' und Glied unserer Verbände kommen, sich schulen, freie Männer und Frauen, kampftüchtige Gewerkschafter werden! Die Aufgabe, jene Sechsmillionenschar unseren Fahnen zuzu- führen, kann um so besser, ja vielleicht überhaupt nur dann erfüllt werden, wenn die Gewerkschaften frei sind von parteipolitischen Streitigkeiten. Keine Gewerkschaft kann ihre Aufgaben erfüllen, wenn sie parteipolitischen Parolen folgt, dem Zellenbau■ verfallen und dergestalt die gewerkschaftliche Geschlossenheit verlieren würde. Wie unerläßlich aber die Organisierung und Schulung der fern- stehenden Millionen für unsere Gewertschaften ist, geht aus der Gesamtlags der Arbeiterklasse deutlich genug hervor. So ist in Deutschland im letzten halben Jahr eine Teurung der Lebenshalkung um rund 6 Proz. zu verzeichnen. Die Gehälter und Löhne sind nicht entfernt in diesem Ausmaß gestiegen. Neue Lohnkämpfe der Gewerk- schaften sind deshalb notwendig, um die letzte Teurungswelle wieder auszugleichen. Auch der Kampf um die weitere Verkürzung der Arbeitszeit, besonders um die restlose Durchführung des Achsstundentages sst zwingender geworden und wird mit dem Fortschritt der indu- striellen Entwicklung immer zwingender werden. Ferner harren, besonders der Berbände des AfA-Bundes, auf dem Gebiete der Sozialversicherung in allernächster Zeit große Auf- gaben. Denn noch in diesem Jahre finden die Wahlen zur Angefielltenverficherung statt. Alle gewerkschaftlichen Kräfte, auch die der Arbeiterverbände, müssen soweit wie möglich zum Wohle der Angestellten eingesetzt werden. Aber die größten Ausgaben erwachsen den Gewerkschaften auf intemationalem Gebiete, im Internationalen Gewerkschastsbund. Die deutschen Gewerkschaften, der A D G B und der A f a- B u n d, sind einer der stärksten Pfeiler der gewerkschaftlichen Internationale. Hier müssen unsere gemeinsamen Arbeiten und Kämpfe den Fragen des Friedens und der weltwirtschaftlichen Ber- ständigung gewidmet sein. Besonders richtet sich mein Ruf an die gewerkschaftliche Jugend Die Jugend von heute ist die Vollkraft von morgen. Wahrt und fördert, ihr Iugendvolk, mit uns das Werk, das die Väter geschaffen und uns anvertraut hoben! Kämpft für die Ziele unserer Gewerkschaften mit dem unerschrockenen Mute, der einer freien Jugend würdig ist! Und wenn den Gewerkschaften je Gefahr drohen sollt«— sei es von welcher Seite es sei— dann verteidigt die Gewerkschaften mit ganzer Hingabe, dann schlagt die Gefahr nieder! Die Gewerkschaften müssen sein, weil die Arbeiterklasse leben muß. Die Gewerkschaften müssen sein und bleiben das Feld der Einigkeit. Der heutige Gewerkschaftstag sei in diesem Sinne e i n Kampftag und ein F e st t a g I Er sei der Ausdruck für das Ziel und für das Streben: gleichberechtigt mitzuwirken bei allen Fragen, die Arbeit und Wirtschaft berühren und das Lebens- Verhältnis der Arbeiterklasse ausmachen. Berliner Gewerkschaftsgenossen, Frauen und Männer alle, stimmt mit mir«in in den dreifachen Ruf: Die Berliner Gewerk- schaften des ADGB. und des AfA-Bundes, und der Internationale Gewerkfchaftsbund, sie leben hoch, hoch, hoch! Dem dann folgenden Gesang„Das heilige Feuer" schloß sich noch der Sprechchor unter Leitung Floraths mit einem packenden Vortrag an, worauf die Kundgebung der Spielwiese mit dem Masiengesang der Internationale beendet wurde und die Züge mit klingendem Spiel in die ihnen zugewiesenen Lotale abrückten. (Bericht über den Aufmarsch 3. Seite.) Wköer ein geglückter Ozeanflug. Brock und Schlee bei London gelandet.— Weiterflug nach München. Das große Wagnis des Ozeanfluges ist zwei amerikanischen Fliegern wiederum geglückt. Di« Piloten Brock und Schlee. die. wie gemeldet, mit ihrem Flugzeug„Stolz von Detroit" Sonnabend früh 5 Uhr 14 Minuten amerikanischer Zeit zu dem Trans- ozeanflug gestartet waren, sind gestern vormittag 10 Uhr 33 Minuten in Croydon gelandet, haben also die erste Etappe ihres Weltsluges in etwa 2 4 S l u n d en zurückgelegt. Der gelbe Eindecker näherte sich dem Flugplatz bei schönstem Sonnenschein mit großer Schnelligkeit und landete vollkommen glatt unter den Beifallsrufen einer vielhundertköpfigen Menge. Die Flieger wurden bei ihrer Landung von den Vertretern der Behörden bewillkommnet und fuhren dann sofort Im Auto nach London. Sie er- klärten, sie hätten eine glänzende Uebersahrt gehabt. fühlten sich aber trotzdem ermüdet. Vie Piloten berichten. London, 29. August. Der Pilot Schlee erklärte in einem Interview, das Flugzeug .Stolz von Detroit" hätte drei Stunden lang die Orien- tierung verloren, als es in einer Höhe von 5909 Fuß über dicken Wolken über der Grafschaft Devon flog. Zuerst hätten die Flieger geglaubt, ise wären über Irland. Da aber die Küste anders aussah, wären sie auf 299 Fuß herabgegangen und hätten über einer Ortschaft Briefe niederfallen lassen mit der Frage, wo sie sich be- fänden. Jemand Hab« in dicken Buchstaben mit Kreide aus den Boden geschrieben:.S e a t o n, Grafschaft Devon", und die Küsten- wache habe die Nationalflagge gehißt. Nun hätten sie Bescheid gewußt. Schlee sagte weiter, auf ihrem Fluge hätten sie nichts ge- gessen, aber viel Wasser getrunken. Betriebsstoff hätten sie noch für wenigstens acht Stunden gehabt. Ihre Maschine befinde sich in tadelloser Verfassung. Die Flieger berichten weiter, daß sie in Höhen von 299— 19 999 Fuß geflogen sind. Nach München 8 Uhr 3? gestartet. London. 29. August. Das Flugzeug„Stolz von velroit" ist heule vormittag S Ahr 31 Minuleu zum Fluge nach München gestartet. Die Flieger erklärten, daß sie unter allen Umständen ihren Weltflug in IS Tagen beendet haben müssen. Bon München führe ihr Weg nach Belgrad. Der Kurs geht warscheinlich über Köln— Frankfurt a. M. Die Deutsche Lusthansa hat alle in Frage kommenden Flugleitungen angewiesen, den Amerikanern im Bedarfsfall jegliche Hilfe und Unter st ützung zuteil werden zu lassen. Außerdem werden in München für die Weltflieger Spezialkarten für die nächste Etappe nach Budapest oder Belgrad bereitgehalten. Der Ozeanslug des„Stolz of Detroit" dürfte für die B e- urteilung der meteorologischen Verhältnisse aus dem Atlantik im Hinblick aus die Vorbereitungen der deutschen Ozeanflieger von Interesse sein. Auch wenn man berücksichtigt, daß Brock und Schlee nicht wie die anderen amerikanischen Ozeanflieger direkt von New Dork, sondern erst von Neufundland nach Europa geflogen sind, also rund 1S99 Kilometer weniger zurückgelegt haben als ihre Vorgänger, so muß man doch feststellen, daß die Maschin« 'eine außerordentlich kurze Flugzeit gebraucht hat,«in Beweis, daß sie sehr starken Rückenwind gehabt hat. Für die deutschen Flieger, die in Dessau und Köln zum Start nach Amerika bereitstehen, ist dieser Flug der Amerikaner ein Zeichen dafür, daß in Uebereinstimmung mit den Meldungen der Seewarte bei einer Ozeanllberquerung von Ost nach West augenblicklich noch immer mit starken Gegenwinden zu rechnen ist, wenn sich auch eine langsame Besserung der meteorologischen Verhältnisse über dem Atlantik durchzusetzen scheint. München, 29. August. Bei der für heute zwischen 14 und IS Uhr vorgesehe- nen Landung der Weltflieger Brock und Schlee in München handelt es sich um eine Zwecklandung zur Aufnahme von Benzin. Der Flug dürfte, wie der Landesdienst des Süddeutschen Korresvondenzbureaus München erfährt, heute nachmittag in Rich- tung Wien— Konstantinopel sortgesetzt werden. hente Start der französtsthen Gzeanflieger! Wie dem.Exceisior" kurz nach Mitternacht vom Flugplatz L« B o u r g« t mitgeteilt wurde, hat sich die atmosphärische Lage über dem Ozean derartig gebessert, daß man für heute mit günstigem Wetter und einem Windumschlag rechnen kann. Daher ist es nicht ausgeschlossen, daß die französischen Flieger C o st e- Le Brix, Drouhin-Leoin« und Gioon-Eorbu doch noch im Laufe des heussgen Vormittags den Flug nachNewDork über Irland antreten. Besonders groß ist die Wahrscheinlich- keit des Startes bei Coste: dos Betreten des Platzes vor dem Schuppen des„Blauen Vogels" ist seit gestern verboten. Der geheimnisvolle Eindecker. London, 27. August. Ein um 9 Uhr abends auf der Insel Valentia(Südwestirland) aufgefangener Funkspruch des Dampfers„California" berichtet, daß ein Eindecker auf S1 Grad nördlicher Breit« und 24/2S Grad westlicher Länge in 1999 Fuß Höhe gesichtet wurde, der in westlicher Richtung flog. Nach Informationen, die das Wolff-Bureau zu dieser Meldung eingezogen hat, kann es sich n i ch t um ein deutsches Flugzeug handeln. Koennecke, der bekanntlich einen Zweidecker fliegt, ist noch in Köln. Von Junkers wurde auf Anfrage erklärt, daß die„Bremen" und die„Europa" noch in Dessau seien. Di« übrigen in Vorbereitung befindlichen deutschen Ozeanstugprojekte sind noch Ansicht eines von uns be- fragten hervorragenden Fachmannes noch nicht soweit gediehen. Unter diesen Umständen liegt die Annahme nahe, daß es sich um ein englisches oder um ein französisches Flugzeug handelt, voraus- gesetzt, daß die Beobachtungen der„California" richtig gewesen sind. Genf und Kabinettsitzung. Aber«nr 4 Mann l Herr Stresemann fährt morgen nach Genf. Am Nach- mittag zuvor sitzt das Kabinett, das aber in seiner jetzigen Ferienbesetzung nur vier Mann zählt, nämlich Stresc- mann, C u r t i u s, G e ß l e r und Schiele. Die deutsch- nationale Presse macht großen Lärm über den„Bankerott von Locarno". Wie wenig ernst das ist, jjeht aus der Tatsache hervor, daß von den vier deutschnationalen Ministern nur ein einziger es für notwendig hält, an einer Kabinetts- sitzung, in der über auswärtige Politik entschieden wird, teilzunehmen. Internationaler �ugenötag. Sammlung der Kräfte.— Friir Jugendschutz, Völker- befriedung und Vöikerverständignng. Slullgart, 29. August.(Eigenbericht.) Den Austakt zur internationalen Kundgebung der sozialistischen Jugend hatte am Samstag abend ein imposanter Fackelzug vieler tausend junger Arbeiterinnen und Arbeiter gebildet. Vor den Stufen des illuminierten Rathauses hielt, umgeben von roten Bannern der Fahnendelegationen, Genosse lvestphal eine Ansprache. Er wies darauf hin, daß zur selben Stunde, in der sich diese Kundgebung abspielt, die Gedanken unzähliger Genossen aller Länder in Stutt- gart weilen. Beweis dieser warmen Teilnahme seien die zahlreich anwesenden Vertreter deutscher Ortsgruppen und außerdeutscher so- zialistischcr Jugendorganisationen und serner die große Menge Sym- pathietelegramme, die der Leitung aus allen deutschen Gauen und aus vielen Ländern zugegangen sind. In einem begeisterten Hoch auf die sozialistische Jugend-Jnteiuationale tlang der eindrucksvolle Abend aus. Der Sonntag sah die Masse jugendlicher Genossen bei einer Kundgebung in der L i e d e r h a l l e. Der große, mit roten Fahnen ausgeschmückte Saal war übervoll. Zur Verschönerung der Feier trug das philharmonische Orchester das Chorwerk„Menschheitswillc" vor. Nach einleitenden Worten des Vorsitzenden der Ortsgruppe Stuttgarr, Schöttle, entrollte Genosse Roßmann ein Bild von der sozialistischen Bewegung in Stuttgart und deren Tradition. Dann ergriff Genosse Crisplen für die sozialistische Arbeiter-Internationale das Wort und wies auf die enge Verbundenheit von Jugend und Erwachsenen in der sozialistischen Bewegung hin. Genosse voogt- Amsterdam gab einen interessanten Rückblick über die Entwicklung der Arbeiterjugendbcwegung und zeichnete die Arbeit Hendrik de Mans und Dannenbergs für die Arbeiterjugend und ge- dachte des allzu früh gefallenen Ludwig Franck. Genosse Oltenhauer-Berlm wies daraus hin, daß die Feier ein Augenblick der Sammlung der Kräfte und ein Rückblick auf die schon bestandenen Kämpfe sein soll. Er bedauerte die Spaltung der Jugendbewegung, die aber von der sozialistischen Arbeiterjugend nie gewollt gewesen sei. Als wichtigste Zukunftsaufgabe bezeichnete er den Kampf für Jugendschutz, Välkcrbefricdung und Völker- Verständigung. Am Sonntag»achmitag veranstaltete die sozialistische Arbeiter- jugcnd eine machtvolle Kundgebung. Als erster Redner sprach dabei Genosse Erispicn, der die wertvollen Kräfte der Jugend für die sozialistische Bewegung unterstrich. Nach ihm überbrachte Genosse Kanitz-Wien die Freundschastsgrüßc Oesterreichs. Die Erben des Geistes von Stuttgart 1907 seien diejenigen, die diesen Geist frei fortgetragen und nach ihm gehandelt hätten. Das seien die so- ziallstischen Organisationen, nicht die kommunistischen. Nicht Deutsch- laud über alles und Frankreich über alles, sondern die Internationale üb>r alles, müsse die Losung sein. Genosse Weikert-Karlsbad, der Vertreter der Tschechoslowakei, wies darauf hin. daß in seiner Heimat die Einigung der Arbeiterjugend gute Fortschritte mache. /Genosse Caprcra-Paris hielt in französischer Sprache einen Appell an die versammelte Jugend. Zum erstenmal seit dem Weltkrieg sei es wieder Tatsache geworden, daß sranzvsische Vertreter bei einer Veranstaltung der sozialistischen Arbeiterjugend anwesend sind. Diese Tatsache sei ein neuer Beweis sür die völkerverbindende Kraft des Konzert Freie Chorvereinigung Köln a.Rh. Der Gau Berlin-Brandenburg tat nicht schlecht daran, seinen Bruderverein„Freie Chorvereiniguna" zu einem Gastkonzxrt im Saalbau Friedrichshain einzuladen. Der gefüllte Saal und der stürmische Jubel des Publikums gaben ihm recht. Als man nach dem Sängergruß„Feldemsamkeit" vor allem das köstliche Liebchen „Hochsommerubend" von R. Würz mit seinem sonnigen„Sommer- sädchcn" vernommen, da wußte man, diese Sänger gehören jenem kulturellen Verband Süd-Westdeulschland und Oesterreich an, wo die Stimmen rein wie der beste alte Rheinwein fließen und Lebens- sreude und den göttlichen Humor ganz naturgemäß ausstrahlen. Darum ging man auch mit ihrem Programm nickst allzu streng ins Gericht, das in seinem ersten Teil etwas zu sehr der Liedertaselei huldigte. Außerdem war es wohl meist Nationalspeise der rheini- scheu Sänger, ihren gesanglichen Lorzügen besonders angepaßt. Zwei Werke ragten aber wuchtig aus diesem Kleinleben hervor, der„Zug des Todes" von A. Fleischer, mit seinem Hegarschen Ansang und dem Schubertsch verklingenden Schluß, ein sanglich dankbares, textlich sehr geschickt ausgeschöpftes und wirkungsvoll gesteigertes Werk, und dgs moderne Tendenzlied„V o l k" von H. Heinrich. Diesen Chor muß man sich merken. Der gedanken- reiche Text von I. H. Brach, der noch etwa» formell« Glättung vertragen würde, findet eine Vertonung, die an die besten Lendvai- schen heranreicht. Der originelle kanonische Ansang, die wuchtigen Zujammenballungen der Schlußteile der einzelnen Strophen, der prachtrolle neu« Einsatz„Vaterland" und der hinreihende Schluß geben dem kernhaften Werk einen ausgeprägten Charakter. Die Ausführung erweckte ein weithinhallendes Bravo. Wenn auch die beiden letzten Othegravens etwas Ermüdung zeigten und so den perlenden rheinischen Humor nicht mehr in alter Naturfrische wiedergaben, so war alles andere vollständig kritikfrei. Der etwa hundert Mann starke Chor r�-sügi in allen Stimmen über ein absolut erstklassiges, feingebildstes Material. Diese schönen, schl'ckt,-.freien Tenöre, die lein Verlegenheitsfistulieren kennen, wer- den von unseren Sängern mit unverhülltem Neid studiert worden sein. Die vollen, klaren, durch keinen„Bierunterton" störenden Baßstimmen, sind der ebenbürtige Gegensatz. Und dann das mühe- lose Reagieren auf die leisesten Akzente, das unforcierte Heraus- treten der Gegen- und Mittelstimmen, der prachtvolle Nollklang, die absolute Tonreinheit, die vorbildliche Textbehandlung(die aber nie die melodisch« Linie stört), das volle Sichausgeben, das war alles einzig und ruft nach einem baldigen Wiederkommen. Der Solist des Abends, der Cellist Armin Lieber m»«n, dem dies- mal ein besonders breiter Raum in der Mrrtragssolge eingeräumt war, ei'mite unter Assistenz des in letzter Stunde eingesprungenen vortreklüchen Pianisten Reichert seine zahlreichen Verehrer durch vollendete Telnik und seelenvolles Eindringen in eine Materie, die nach besserer Unterhaltungsmusik schließlich im herrlichen Schubert npsel.e. Heinrich Maurer. Sozialismus. Genosse Eisner-Nürnberg entbot aks Vertreter der deutschen sozialistischen Jugendgruppen der Versammlung die Grüße. Nach ihm sprach«in Vertreter der georgischen sozialistischen Jugend, der mit der bolschewistischen Verfolgung der georgischen Sozialisten scharf ins Gericht ging. Als letzter Redner sprach Ge- nasse Vorringk-Amsterdam, woraus die Versammlung mit einem begeisterten Hoch auf die Internationale geschlossen wurde. Schwarzrotgolö am Rhein. Heran an de« Staat und hinein in die Regierung! Köln, 29. August.(Eigenbericht.) Am Sonntag marschierten bei herrlichstem Wetter in dem kleinen Rheinstädtchen Rüdesheim am Fuße des Niederwalddenkmals die Tausendmannschaften der westdeutschen Republikaner auf. Bald stand das Straßenbild Rüdesheims vollkommen unter dem Ein- druck von Schwarz-Rot-Gold. Mit Sonderzügen und zu Schiff waren die Trupps herbeigekommen, aus Hessen und der Rheinpfalz, vom Niederrhein und aus dem Saar- gebiet. Als sich die Massen nachmittags zu einer großen Kund- gebung auf dem Sportplatz formierten, schätzte man mehr als 30 000 Teilnehmer. Ein solcher Aufmarsch war sür das kleine Städtchen ein wohl noch nie dagewesenes Ereignis. Der preußische Ministerpräsident Olto Vraan, der das Wort Schillers:„Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr alles setzt an ihre Ehre!" in den Vordergrund stellte, nahm scharf gegen die offenen und versteckten Feinde der Republik Stellung. Dabei ging er vor allem aus die not- wendige Demokratisierung der Verwaltung ein und betonte, wir zwingen niemand in den Dienst der deutschen Republik zu treten. wer aber beim Eintritt den Eid leistet, muß auch innerhalb und außerhalb des Dienstes sich bewußt sein, daß er für diesen Staat einzutreten hat. Gegenüber PoincarH und den letzten französischen Aeußerungen in der Frage der Rheinlandbesetzung betonte Braun, daß die Besetzung nicht eine Garantie für den Frieden und die Sicherheit Europas, sondern im Gegenteil eine dauernde Gefahr sür den Frieden Europas sei. Unter dem Bei- fall der zahlreichen Zuhörermenge forderte er die einige und ver- lrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich und die Erfüllung der deutschen Republik mit sozialem Inhalt. Nach Braun sprach Hermann Wendel und der österreichische Genosse Lculher, der besonders dem Anschiußgedanken Oesterreichs an Deuischland und der Herstellung einer einigen großen deutschen Republik Ausdruck gab und die Verbundenheit des beut- schon und österreichischen Volkes betonte. Es sprachen noch die Genossen Kirchmann-Freiburg-Br., kcrrl Severlng und Ernst heil- mann, serner der demokratische Abgeordnete Riedel, der die Treue der Demokraten zur Rpeublik betonte und endlich Philipp Scheide- mann. Die Forderungen sämtlicher Redner, die Echeidcmann kurz aus eine Parole brachte, gipfelte darin: „heran an den Staat und hinein in die Regierung!" Die Kundgebung endete mit einem Hoch auf die deutsche Republik. An der Kundgebung waren auch zahlreiche, dem Reichsbanner angehörige Zentrumsmitglieder beteiligt, obwohl das Zentrum seine ossizielle Beteiligung abgelehnt und auch Dr. Wirth wegen Krankheit seine Beteiligung abgesagt hatte. Jedenfalls war der republikanische Tag in Rüdesheim ein großer Erfolg, der seinen Eindruck auf die Bevölkerung nicht oerjehlen wird. Neichswehrspion im Saargebiet) französische Presse-Behauptnug. Paris. 29. August. „Petit Journal" berichtet aus Saargemünd � Ein Reservist meldete seinem Vorgesetzten, ihm seien 1000 Franken sür die Aus- händigung eines selb st tätigen Gewehrs, Modell 24, an- Die Schlußseier der inlcrnalionalen Musikausslellung. Aus Anlaß des Abschlusses der internationalen Ausstellung„Die Musik im Leben der Völker" fand Sonnlag vormittag in Frankfurt a. M. im Bachsaal der Ausstellung eine weihevolle Schlußfeicr stall Eines der bekannteftcn europäischen Blälerorchcster, die Bancka Munizipal de Barcelona, spielte spanische Weisen. Der Direktor des Völker- bundsinstituts für geistige Gemeinschaftsarbeit, L u ch a i r e-Genf, überbrachte die Grüße dieses Völkerbundsinstltuts und betonte, daß nach den furchtbaren Mißtlängen des Krieges nichts notwendiger ge- worden sei als eine große gemeinschaftliche Manifestation der Völker zu Ehren der Musik als Ausdruck der Seele der Völker und als ein Werkzeug zu ihrer Erziehung� Der Redner schloß mit dem Gedanken. daß die Verehrung Goethes nicht nur eine Pflicht der Dankbarkeit sei, sondern auch ein Mahnruf an die Menschheit, das Chaos im eigenen Selbst zu beherrschen. Die Schlußworte sprach dann Oberbürgermeister Dr Land- mann. Das Wunder sei geschehen, daß der Weckruf Frankfurts gehört morden fei, und daß alle, die sich noch vor einigen Iahren mit der Waff« in der Hand gegenüberstanden, zusammengekommen soicn in Ehrfurcht vor den Schöpfungen der Musik. Darauf gab der Ober- bürgermeister den Beschluß der Stadt Frankfurt bekannt, die schönste Straße in einem neuen Stadtviertel, im Stgdtteil Sachsenhausen, mit dem Namen des größten lebenden deutschen Musikers, Richard Strauß, zu benennen, und überreichte dem persönlich anwesenden Meister feierlich die Ehrenurkunde. Zum Abschluß dirigierte Richard Strauß selbst seine symphonische Dichtung Don Juan, und die Bonda Munizipal solgle begeistert dem Meister. Die verleihring des Frankfurter Soethe-preises. Am 178. Geburtstage Goethes gelangte der vor einigen Monaten neugeschasiene Frankfurter Goethe-Preis in Höhe von 10000 Mark erstmals zur Verteilung. Aus diesem Anlaß hat im Geburtshaus des Dichters, im Frankfurter Goethe-Haus, ein Festakt im engen Kreis« stattge- funden. Oberbürgermeister Dr. Landmann gab den Beschluß des Kuratoriums, dem führende Geister aus allen Teilen des Reiches an- gehören, bekannt. Danach kann der alljährlich zu verleihende Preis nur einer mit ihrem Schassen bereits zur Geltung gelangten Person- lichkeit zuerkannt werden, deren schöpferisches Werk einer dem An- denken Goethes gewidmeten Ehrung würdig ist. Der Preis ist dn- stimmig dem Dichter Stefan George zuerkannt worden, der als Dichter, Lehrer und Mensch wie kaum ein zweiter in unseren Tagen die Goethesche Würde des Dichters gehütet hob«. Ein Vach-Konzert mit Bach-Jnstrnmenken. Ein Musikfest, das in dem englischen Ort Haslemere stattfand, zeichnete sich dadurch aus, daß Werke Bachs und anderer Komponisten seiner Zeit aus Jnstru- menten zu Gehör gebracht wurden, wie sie damals üblich waren. Der Veranstalter des Musikfestes ist der Deutsch-Schweizcr Arnold Dolmetsch, der seit vielen Jahrzehnten in England lebt und sich ganz der Aufgabe gewidmet hat, die alten Instrumente neu zu be- leben, die im Zeitalter Bachs im Gebrauch waren. Er hat vortreff- liche Harpsichorde. Clavichorde und Violen da Gemba gebaut, die allein imstande find, den ursprünglichen Klangcharakter dieser Musik wiederzugeben. Die Aufführungen verschiedener Konzerte Bachs und Purcels mit diesen Originalinstrumenten riefen einen eigenartigen Zauber hervor.„Zuerst klang es für Ohren, die an die mächtigen geboten worden. Dadurch gelang es, öinen aus Wiesbaden ge» bärtigen deutschen R e i ch s we h r l e u t n a nt festzunehmen, der dem man Pläne von Mailly und Bitsch sowie ein« Liste fand, bis Angaben über Offiziere und Mannjchajten und deren Verwendung enthielt. Anmerkung des MTB.: Diese Meldung muß mit großer Vorsicht aufgenommen werden. Wie von zuständiger deutscher Stelle hierzu erklärt wird, ist es völlig ausgeschlossen, daß ein Reichswehrossizier mit Wissen und Billigung seiner Vor- gesetzten sich mjt derartigen Angelegenheiten besaßt. Die Wiener Polizeiwahl. Schobers Wahlmache. Wie die verlogene Greuelpropaganda am 15. Juli viel« Wienep Polizisten gegen das Volk verhetzte, so sind auch die schweren An- klagen der Wiener Arbeiterpresse gegen das Vorgehen der Polizei in den blutigen Julitogen von den reaktionären Vorgesetzten aus- genutzt worden, um eine wilde Agitation gegen die freie Polizei- gewerkschaft zu entfesseln. Aber darauf allein konnte man sich nicht verlassen, und so hat man kurz vor der Neuwahl der widerrechtlich aufgelösten Pers'onalvertretung die Kommandanten des Iulidramas mit dem einzigen Orden der Republik, dem goldenen und silbernen Ehrenzeichen, dekoriert. Auch das schien noch nicht genug Erfolg zu versprechen, und so hat man aus den Unternehmer- und R e g i e r u n g s gel d e r n, di« Herrn Schober reichlich zur Verfügung gestellt worden sind, i tt den letzten zwei Tagen vor der Wahl nicht weniger als 3500 Wachleute mit Geldspenden bedacht, ohne daß jemand den Grund dafür erfahren hätte. Aus all diesen Einwirkungen ist das Wahlergebnis erwachsen, das gegenüber dem März dieses Jahres die Stimmenzahl der freien Gewerkschaft von über 4000 auf 891 heruntergedrückt hat, während die„Unpolitischen", d. h. die Liste des Kommandos und des Soziaiistenhasses, 3931 Stimmen erhalten hat. Etwa 1800 Wachleute sind der Beteiligung an einer derartig vorbereiteten Wahl ferngeblieben, davon sind aber nicht mehr als 200 in Urlaub! Bei allem Druck und aller Wahlbeeinflussung muß man sich natürlich doch eingestehen, daß«in großer Teil jener 4000, die im März noch freigewerkschaftlich gewählt haben, nicht allzu fest von dieser Ueberzeugung beseelt gewesen sein kann. Di« 891 aber, di« selbst unter diesen Umständen treu blieben, die kann man wohl als unerschütterlich treue Freigewerkschafter und Sozialdemo- kraten ansehen. Sie werden der Kern sein, um den sich bald die Gewerkschaft stärker und geschlossener als vorher wieder sammeln wird; denn die nun gewählte Personalvertretung wird natürlich an dem Draht der Direktion tanzen und in der Vertretung der wirklichen Interessen der Polizeimannschaft versagen. Sacco und vanzetti eingeäschert. Tausende geleiten die Qpfer der Klassenjustiz. London. 29. August.(Eigenbericht.)' In Boston war am Sonntag das Leichenbegängnis für Sacco und Vanzetti. Eine große Anzahl Arbeiter hatte sich eingefunden, um den beiden Opfern der amerikanischen Klassenjustiz die letzte Ehre zu erweisen. Der Leichenzug bewegte sich u. a. auch durch das Asmterviertel zum Krematorium. Die Asche B a n z e t t i s wird von Mitgliedern des Verteidigungskomitees nach Europa gebracht, wo«ine Kampagne gegen die amerikanischen Justiz- Methoden geplant ist. Kundgebung in London. London, 29. August.(Eigenbericht.) In einer Riesenkundgebung gegen die Ermordung Saccos und Vanzettis sprachen Mitglieder des Generalrats der Gewerkschaften, des Bergarbeiteroerbandes und der Unabhängigen Arbeiterpartei. Eugen Tschen, der gewesene Außenminister Südchinas, ist auf der Fahrt nach Moskau in Wladiwostok eingetrofsen: ebenso die' Witwe Sunyatsens. modernen Instrumente gewöhnt sind, wie Geistermusik." schreibt ein Kritiker,„bald aber gewöhnten sich die Ohren an dies« zarte Kammer- musik und empfanden ihren eigenartigen Reiz". lieber eine Million Kleingärten in Deutschland. 1925 wurden 1 072 023 Kleingärten in Deutschland gezählt. Es handelt sich dabei um gärtnerische Kleinbetriebe mit einer Fläche von unter 500 Oua- dratmetern. Diese 1 072 023 Kleingärten hatten zusammen eine gärtnerisch genutzte Fläche von 28 000 Hektar. Rechnet man die Kleingärten von unter 500 Quadratmetern mit den 5,14 Millionen land- und forstwirtschaftlichen Betrieben zusammen, so ergibt sich, daß 8,2 Millionen Haushaltungen in größerem oder kleinerem Um- fange an der land- und forstwirtschaftlichen oder gärtnerischen Be- wirtschaftung des deutschen Grund und Bodens unmittelbar be- teiligt sind, d. h. reichlich zwei Fünftel aller Haushaltungen. Die verkehrsreichsten Punkle der welk. Diejenige Bahn, die die meisten Menschen in der Welt befördert, soll nach den Angaben von New Parker Blättern die New Porter Hoch- und Unter- grundbahn sein, und an ihr liegen auch die verkehrsreichsten Punkte der ganzen Welt, nämlich die Stationen Times Square und die Station am Bahnhos der Grand-Central-Eisenbohn. Die Hauptgleise dieser Bahn sind 621 Kilomeier lang, von denen 398 Kilometer unter. 233 Kilometer über der Erde liegen. Für den Einheitsfahr- preis von 5 Cents, etwa 20 Pfennig, kann man 43 Kilomerer weit fahren. An Wochentagen werden täglich durchschnittlich 2,75 Millionen Fahrgäste auf der Untergrundbahn und 1 Million aus der Hochbahn befördert. Die Züge folgen einander in den Stunden des größten Verkehrs in Abständen von 1 Minute und 48 Sekunden. In der Zeit vom Juli 1925 bis Juni 1926 hat die Bahn 1 130 484 650 Per- sonen befördert. Der Triumphzog der Zigarette. Während im Jahre 191Z in Deutschland annähernd 13 Milliarden Zigaretten hergestellt und ge- raucht wurden, waren es im Jahre 1926 33 Milliarden. Auf 6en Kopf der Bevölkerung umgerechnet sind das 530 Stück. Wie der ..Heimatdienst" berichtet, soll die Zahl der Betriebe, die Im Jahre 1924 noch über 500 Fabrikanten zählte, jetzt auf etwa 20 Konzerne zusammengelegt sein. Die Tabaksteuer von 700 Millionen Mark wird zu zwei Drittel von der Zigarette getragen. Die jährlichen Dawes-Zahlungen wachsen bekanntlich mit dem Verbrauch von Tabak, Alkohol und ähnlichen Ausgaben. Was uns das Planetarium lehrt.- Eine billige volkstümlich» Schrift für Planetariumsbesuchcr ist soeben erschienen. Ein Vor- führer des Jenaer Planetririums, Herr Dr. Friedrich Dannenberg, Lehrer der Sternkunde an thüringischen Bolkshochschulen, gibt durch die Schilderung einer Stunde im Planetarium eine Einführung in die Giundbegriffc der Sternkunde. Das Heftchen kostet mit einer bcraussaltbarcn Sternkarte des Tierkreises 0,50 M. im Verkauf. Der Titel der Schrift ist: Was uns das Planetarium lehrt. Eine erste Einführung in die Sternkunde, zugleich ein Erinnerungsbüchlein ran Dr. Friedrich Dannenberg(Verlag H. Böhlau, Weimar). Die pre-hische Geologische Loadesanslall weist daraus bin, daß in ibrer VcrtlicbSstelle. Berlin N. 4, Jnoalidcnilr. 4t, t>>r daZ Publikum die Möz- lichkeit besteht, sich die sür Wanderunaen usw. benötigten Geologischen Karten vor dem Ankauf vorlegen zu lassen. Die Kundgebung der Gewerksihasten in Treptow. Die Aufstellung und der Aufmarsch der Züge entwickel- ten sich von den 25 Sammelstellen aus. so daß die nach- stehende Reihenfolge der einzelnen Jndustriegruppen und Verbände nicht ihrer numerischen Bedeutung entspricht. Der AfA-Vund versammelte seine Organisationen an der Dorck- und Gneisenau- straße.«Schon lange vor Abmarsch bot sich hier ein buntes Bild, belebt durch Fahnen uiid Transparente wirkungsvollster Art. Zwei mächtige Transparente— eins mit dem A s A> Z e i ch e n und eins mit der Aufschrift: Der AfA-Bund fordert den Achtstunden- tag, die 45-Stunden-Woche— wurden im Zuge, der eröffnet wurde vom Zentraloerband der Ange st eilten, voran- getragen. Dann folgte die Jugend in sehr starker Beteiligung. weiter der Bund der technischen A n g e st e l l t e n und Bc- amten, Deutscher Werkmci st erverband, Allgemeiner Der- band der Deutsche» Bankange st eilten, Genossenschaft Deut- scher Bühnenangehöriger, Internationale A r t i st e n- löge, Deutscher Chorsänger- und Ballettverband, Polier-, Werk- und Schachtm'eisterbund. Verband der Zu- s ch n e i d e r, Zuschneiderinnen und Direktricen und der Werkmeister- oerband der Schuhindustrie. Nach 12H. Uhr setzte sich der imposante Zug in Bewegung. Vorbei ging es am Freidenkerhaus in der Gneisenaustratze, wo dte rote und die schwarzrotgoldene Fahne den Zug grüßten. Neue Scharen von Demonstranten schlössen sich hier an. Beide Bürger- steige waren besetzt mit Z u s ch a u e r n, die eifrig die Ausschristen der Transparente studierten. So dürste daher auch das Transpa- rent:„Wahlen zur Angestellten Versicherung im No- vember! Wählt nur freigewerkschaftliche Ver- trauensleute!" seine'Wirkung nicht verfehlt haben. Gegen WA Uhr traf dann der Zug, der vier Musikkapellen und zehn Tambourzüge des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold mit sich führte, über den Kaiser-Friedrich-Platz. Camphausenstraße, Urbanstraße, Hermannplatz, Kaiser-Friedrich-Strah«. Wildenbruch- straße, Harzer Straße, Elscnstraßc im Treptower Park ein. Das originelle Schild der Artisten siel auf der Wiese unter all den Fahnen und Transparenten noch besonders auf. Der Dcmgewerksbund. In stattlichen Zügen sammelten sich die Bauarbeiter auf dem Baltenplatz und auf dein Reuterplatz. Zahlreiche rote' Fahnen und Cmbleme zeugten von der Kampfesstimmung der Organisation. Kleinere kommunistische Ausfälle und Seitensprünge blieben im wesentlichen unbeachtet. Mächtig zündeten die Transparente der Dachdecker und Steinsetzer, die eine restlose Durchführung des Acht- stundentages verlangten und scharfe Worte gegen die reaktionäre Sozialpolitik der Bürgerblockregicrung enthielten. Ueberall aus den Straßen des proletarischen Neuköllns wurden die Züge von der Bevölkerung mit freundlichen Zurufen begrüßt. Er- srevlich war auch die starke Anteilnahme der Frauen. Nachher traf man sich im Paradiesgarten und im Deutschen Garten. Auf dem Küstriner und Lausitzer Platz, in der Boret- und Iohannisstraße fanden sich die Der Zentralverband der Skeinarbeiler versammelte sich ebenfalls am Bethanienufer. Eine Kapelle der Freien Turnerschaft bildete die Spitze. Mit den Klängen der Internationale setzte sich der Zug in Bewegung und schloß sich an die Eisenbahner an, mit denen gemein- sam nach Treptow marschiert wurde. Die Arbeiter und Arbeiterinnen der Bekleidungs-Industrie. Vekleidungsarbeitsrverband, Textilarbeiterverband, Hutarbeiter und Friseure trafen sich um 12 Uhr mittags auf dem Dönhoffplatz. Die Beteiligung war recht stark und es dauerte eine ganze Weile, bis sich der lange Zug formierte und in Bewegung setzte. Die einzelnen Verbände trugen zahlreiche Transparente, auf denen ihre Wünsche und Forderungen zum Ausdruck kamen, voran. Achtstundentag und Lohnregelung. Mit Musik und Gesang, unter einem wahren Flaggen- wald nahm der Zug seinen Weg durch die Kommandanten-, Oranien-, Skali'tzer-, Grätzstraße, vorbei am Görlitzer Bahnhos auf die große Spielwiese in Treptow. Die Fabrikarbeiter trafen sich auf dem Andreasplatz und waren bei ihrem Abmarsch, der sich ebenfalls in völliger Ordnung vollzog, schon über IM) Mann stark. Auch dieser Zug glich einem wogenden Meer von Bannern. roten Fahnen und Transparenten. Besonders wirkungsvoll war ein großes Transparent, das einen Fabrikarbeiter darstellte, der mit den Worten:.Du bist noch nicht im FabrikarbeiterverbandN in die Masse der Zuschauer zeigte. Die Transparente in diesem Zug zeigten nur rein gewerkschaftliche Forderungen. Der Zug gelangte ebenfalls ohne Störungen nach Treptow. Er fand noch Platz in der Nähe des Mikrophons. Organisation war die graphische Arbeiterschaft wiederum zahlreich gefolgt.-Unter den Klängen der Musik marschierten etwa IS ÜlXZ Arbeiter und Arbeiterinnen, voran die Jugend, dem für Demonstrationen traditionell gewordenen Treptower Park zu. Das im vergangenen Jahre aus Anlaß des 2Sjährigen Jubiläums des Internationalen Gewerkschoftsbundes gestiftete Banner mit der mahnenden Inschrift„Einigkeit macht stark" wurde dem Zuge vorangetragen. Dann sah man in bunter Folge Plakate, Transparente und viele rote Fahnen. Wohldiszipliniert/ wie es bei derartig mustergültigen Gewerkschastsorganisationen seit jeher selbst- verständlich ist, verfehlte dieser Zug sein« Wirkung nicht. Auch die beschämt abseits stehenden Unorganisierten mußten es verspüren:„Hier lebt e i n Wille zum Kampf um die wirtschaftliche Befreiung der Arbeiterschaft. Dieser Wille wäre unüberwindbar, wenn auch w i r uns der Pflicht gewerschaftlicher Orga- n i s a t i o n bewußt wären." Wie es nicht anders zu erwarten war, hatten die Kommunisten bei den graphischen Verbänden von einer nennenswerten Verfolgung ihrer Ziele Abstand genommen, weil es bei dieser gewerkschaftlich gut geschulten Arbeiterschaft nicht möglich gewesen wäre, entsprechend den Mos- kauer Parolen„das Feld zu beherrschen". So hat die graphische Arbeiterschaft auch diesmal wieder den Deweis innerer Geschlosien- heit und vorbildlicher Werbekraft erbracht. Sie hat durch diesen reibungslosen Aufmarsch aber auch zugleich den Weg gewiesen, der in der Zukunft beschritten werden muß, um die noch Fern- stehenden in das Heer der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter einzugliedern. Der ZNetallarbeiterverband hatte seine Mitglieder am Mariannenplatz versammelt. Unter Bor- antritt der Metallarbeiterjugend setzte sich ein riesiger Zug in Be- wegung, der von zahlreichen Musik- und Tambourkorps begleitet war. Die Siemensarbeiter und die Belegschaften der AEG. marschierten in Sonderkolonncn mit, sonst waren die Züge in Bezirksgrupven geteilt.„Die Siemensarbeiter fordern höhere Löhne," betonte bedeutungsvoll ein mitgeführtes Schild. „Gebt der Jugend mehr Freizeit, bezahlt die Schulzeit," sorderten Plakate der Jugendlichen und„Wir wollen eine gute Berufsausbildung und die Abschaffung der Prügel- strafe" verlangten wiederum andere. Trotz Bestimmungen der Ortsverwaltung über den Inhalt der Plakate hatten es gewisse Leute verstanden, ein Schild einzuschmuggeln das in irgendeiner Beziehung zur„Weyer-Union" stand. Es fand keine Beachtung und die Träger hatten wohl selbst den Eindruck, daß sie in diesem G e- werkschastsdemonstrationszuge am falschen Platze waren. Auf dem Wege durch die Köpenicker-, Schlesische- und Treptower Straße fanden die Metallarbeiter, denen sich in imposanter Zahl die Kupfer- schmiede angeschlossen hatten, reichlich Gelegenheit, ihre numerische Stärke und ihren Klassenkampfgeist zu demonstrieren. An der Kreuzung der Falkenstein- und der Schlesischen Straße schloß sich der Zug dem von der Oberbaumbrücke her kommenden Vcrkehrsbund an. Die Maschinisten und Heizer trafen sich auf dem Lausitzer Platz. Trotzdem zahlreiche Mitglieder durch Arbeit an der Teilnahme ver- hindert waren, hatte der Zug dennoch eine ansehnliche Stärk«. In diesem Zuge sah man ebenfalls in aufsallend starker Zahl Organi- sationsbanner, rot« Fahnen und Transparente mit gewerkschaft- lichen Forderungen. Der Zug, dem die Musikkapelle des Turnver. eins„Fichte" voranschritt, erreichte als erster die Spielwiese, wes- halb er auch dicht am Mikrophon Ausstellung nehmen konnte. Der verkehrsbund sammelte seine Mitglieder auf der Weberwies«. Schon lange vor dem Abmarsch herrschte hier eine beängstigend« Fülle. Trotzdem voll- zog sich der Abmarsch in mustergültiger Ordnung. Die Spitze des beim Abmarsch etwa 6M1 Teilnehmer zählenden Zuges bildete die Jugend, d«r sich die Sektion der Haus- und Wachange- stellten und dann die übrigen Sektionen anschlössen. Die sehr zahlreich vertretenen Musikkapellen waren hauptsächlich von Zivil- berufsmusikern und Reichsbannerleuten gebildet, von denen sich besonders die Reichsbannerkapelle des Bezirks Friedrichshain durch fleißiges Spielen hervortot. Eine er- drückende Fülle von roten Fahnen, ein farbenfreudiges Bild. Die selbstgefertigtcn Transparente enthielten fast durchweg rein gewerk- schaftliche Forderungen wie:„Wir wollen mehr Freizeit", Hoch der Achtstundentag",„Herauf mit den Löhnen und Gehältern" usw. Einige wenige Transparente verrieten mit ihren Auffchriften wie „Wir stehen fest zu Sewjetrußland", allzu deutlich ihre Herkunft. Der Zug, dem sich unterwegs immer mehr Teilnehmer zugesellten, denen der ganze Weg zu beschwerlich war, erreichte die Treptower Wiese ohne Störungen, wo er noch dicht beim Mikrophon Auf- stellung nahm. Die holzarbetter sammelten sich im Köllnischen Park vor ihrem schmucken Verbands- haus und dem stattlichen Bau der Landesversichcrungsanstalt. Die Jugend voran bildete sich ein schier endloser Zug, den das Auto der Berlagsanftalt in zwei gleich große Teile trennte. Ein« besondere Propaganda hatte die Ortsverwaltung nicht unternommen. Um so mehr waren die KPD.-Leute bemüht, ihr« Parolen zur Geltung zu bringen, deren Text sich hier allerdings in erträglichen Grenzen hielt. Di« Gruppe der T a u b st u m m e n war wieder vollzählig ver- treten.. Der Zug nahin seinen Weg durch die Köpenicker Straße, vorbei, an den Plakatsäulen, von denen sich die Bezugseinladung für den„Vorwärts" besonders abhob. Di« KPD.-Fraktion hat es bei den Holzarbeitern schon zu einer Fahne gebracht, die die Einheits- front— wie man sie auf jener«Seite osrsteht— drastisch verkörperte. Dem imposanten Marsch der Holzarbeiter, dem die Jugend vorauf- ging, konnten die Zwischenakt« samt Begleitmusik keinen Ab- bruch tun. Der Zug der Eisenbahner. Der Einheitsverband der Eisenbahner sammelte seine Mitglieder am Bethanienufer vor seinem Derbandshous. Recht zahlreich fanden sich die Eisenbahner am Sammelplatz ein, so daß ein stattlicher Zug Zm Spreegarten hatten die Eisenbahner formiert werden konnte. Ein großes beflügeltes Rad, schwarz der Rahmen, rot die Speichen, golden die Flügel. wurde an der Spitze des Zuges mitgcführt, auf den Flügeln der Spruch:„Vorwärts immer, rückwärts nimmer". Dem Wahrzeichen folgte die Eisenbahnerjugend und das Neuköllner Reichsbanner- Tambourkorps. Dann schlössen sich die Belegschaften der einzelnen Bahnhöfe an. Prächtige Banner wurden im Zuge mitgeführt. Auf einem großen Transparent liest man auf rotem Untergrunde:„Einer für alle, alle für einen". Durch die Adalbertstraße, am Kotbusser Tor vorbei, schlängelte sich der Zug über Neukölln, wo er sich mit anderen vereinte, nach Treptow. In~ ihre eigene Kapelle. Die fünf Verbände der Lebens- und Genußmittelindustrie hatten je einen besonderen Sammelplatz. Der Rahrungs- und Gc- nußmittelarbeiterverband. Bäcker, Konditoren und Süßwarenarbeiter und-arbeiterinnen war eine der ersten Gruppen, die im Treptower Park eintrafen. Der Gesangverein„Morgengrauen" verkürzte hier durch seine Darbietungen die Zeit bis zur Ankunft der folgenden Gruppen. Die Lebensmittel, und Getränkearbeiler hatten ihren Tress- puntt am Warschauer Platz. In den Mittagsstunvea setzte sich der starke Zug unter Vorantritt einer Musikkapelle in Bewegung. An der Spitze wurde die alte Gewerkschaftsfahne von 18 86 getragen. Auch hier wurden Transparente mitgeführt, die zum Eintritt in die Gewerkschaften ausforderten. Der Zug ging über die Oberbaumbrücke, durch die Falkensteinstraße, Schlesische Straße, Schlesischen Busch und traf mit als erster auf der Trep- tower Wiese ein. Gemeinde- und Staatsarbeiter. Die Beteiligung übertraf alle Erwartungen. Galt es doch die Treue und den Kampfeswillen für das große Ziel der Gewerkschaften aufs neue zu manifestieren. Die imposanten Züge setzten sich pünktlich unter Vorantritt mehrerer Reichsbannerkapellcn in Beweguna Zahl- reiche rote Banner und Transparente mit wirksamen Inschriften wurden in den Zügen mitgeführt. Das Interesse, das die Außen- stehenden der machtvollen Kundgebung entgegenbrachten, bewiesen die dichten Menschenreihen, die in den Straßenzügen Spalier bildeten. So mancher schloß sich den Demonstranten an und marschierte mit hinaus nach Treptow. Aus den Fenstern der Häuser wurden Tücher geschwenkt, rote und schwarzrotgoldene Fahnen. Begeisterte Hochrufe auf die internationalen Gewerk- schaften wurden allenthalben ausgebracht. Langsam näherten sich die Züge dem Treptower Park. Die Gruppe Lederindustrie marschierte vom Michaelkirchplatz ab. Voran unter wehenden roten Fahnen die Mitglieder des«Sattler-, Tapezierer, und Portc�euilleroerbandes. Die Beteiligung war in diesem Jahre stärker als im Vorjahre. Die weiblichen Mitglieder hätten jedoch stärker vertreten sein können. Immerhin bot der starke und einheitlich geschlossene Zug ein erfreuliches Bild. Den Sattlern folgten die Schuhmacher, denen eine Moskauer Jazzmusik vor- anschritt. Im Zug der Schuhmacher wurden viele kommunistische Plakate getragen. Aber trotz oder vielleicht wegen der Moskauer Jazzmusik und den Roten Frontleuten war die Beteiligung hier nur sehr schwach. Genau gezählt waren es 18llPersonen, die unter dem„Sowjetbanner" marschierten. Den Schuhmachern folgten die Lederarbeiter, die leider auch nur sehr spärlich vertreten waren. Verhältnismäßig sehr stark war die Gruppe der G ä r t n e r, der ein starkes Musikkorps voranschritt. Der Arbeiter-Samariterbund verdient der besonderen Erwähnung. Seine ausgezeichnete Organi- sation hat sich gestern wieder glänzend bewährt.«Sämtliche Züge wurden von Arbeiter-Samaritern begleitet. In Treptow hatte der Arbeiter-Samariterbund vier große Zelte aufgestellt, während die Arbeitcr-Samaritcr um die Spielwiese patrouillierten, um bei Un- fällen gleich bei der Hand zu sein. Der gesamte Apparat funktionierte ausgezeichnet dank der Hingabe der Ärbeitersamariter, die nahezu 100 Unfälle zu behandeln hatten, außerdem einige Transporte von Erkrankten nach deren Wohnungen. Zu den wetteren Vergnügungen in den Lokalitäten hatte die Kolonne in jedes Lokal eine Woche gelegt, wo auch noch einige Unfälle resp. Ohnmächten behandelt wurden. Das Feuerwerk führte leider im Schloß Treptow in drei Fällen zu Brandwunden. Auch hier leisteten die Arbeitersamariter rasche Hilfe. In den 16 Lokalen entwickelte sich bald ein lebhaftes Treiben. Besonders in den an der Spree gelegenen bevor- zugten Restaurationsgärten war die Nachfrage nach Tischen und Stühlen weit größer als das Angebot. Doch allmählich fanden auch die Verspäteten ein Unterkommen. Neben den zahlreichen Musikkapellen, unter denen auch die Reichs- bannertorps, sorgten auch die Mitgliedschaften des Arbeiter- sängerbundes für Unterhaltung. In erster Linie fei die zu einer Feftrolle in Berlin erschienene„Freie Chorvereini- u n g Köln a. R h." genannt, die im Spreegarten und bei nappe(früher Zenner) fan�j und reichen Beifall erntete. Aber auch andere namhafte Männerchöre, wie Fichte-Georgina, Uthmann-Chor, Friedrich-Hegar-Chor, Meinekescher Chor, Volkschor Südosten, Berliner Volkschor und nicht zuletzt die Typographia bestritten mit anderen den künstlerisch-unter- haltenden Test. Den insbesondere von der Jugend sehnlichst erwarteten Beschluß des durchaus wohlgelungenen Gewerkschaftsfestes bildete das Riesenfeuerwerk auf der Spree, das einen in des Wortes vollster Bedeutung blendenden Verlauf nahm und mit flammenden Schriftzeichen von der Brücke der Abtei herab zu gewerkschaftlichem Zusammenschluß und Zusammenhalt mahnend« endete. Das unsichere nächtliche Serlkn. Raubüberfall auf einen Kellner. In der Nacht zum Sonntag wurde auf dem Helmholtzplatz der 32 Jahre alte Kellner Hermann Müller aus der Schönhauser Allee ISS mit schweren Verletzungen blutüberströmt aufgesunden. Schupobeamte und Passanten brachten den Besinnungslosen nach dem Krankenhaus am Friedrichshain, wo die Aerzte schwere Messerstiche in Kopf und Unterleib feststellten. Kurze Zeit barauf wurde vor dein Hause Schliemannstr. 1 ein anderer Mann in einer großen Blutlache bewußtlos aufgefunden, in dem man später einen 27 Jahre alten Arbeiter Humbert T c d e s ch i aus der Pappellallee 2l erkannte. Die Erniittlungen der Kriminalpolizei ergaben, daß Müller, der als Bierzapfer an- gestellt war, auf dem Heimwege von Tedeschi und zwei unbekannten Männern überfallen und zu Boden geschlagen worden war. Die An- greiser hatten wahrscheinlich eine größer« Summe Geldes bei ihm vermutet. In dem sich entspinnenden Kampfe verletzte Müller dem Tedeschi einen Faustschlag in das Gesicht, so daß er rücklings in eine große Schaufensterscheibe stürzte und sich Ner- letzungen der Pulsader und der Halsschlagader zuzog. Erschreckt über das Unglück ihres Komplizen haben die beiden anderen dann Die Flucht ergrissen. Müller gelang es, sich bis zum Helmholtzplatz zu schleppen, wo er zusammenvrach. Im Besitz des Tedeschi wurde «in blutiges Messer gefunden. Er wurde in das Staatskrankenhaus gebracht. Ebenso wie Müller ist er aber durch den Blutoerlust so geschwächt, daß er noch nicht vernommen werden konnte. Bon drei Betrunkenen überfallen. In der vergangenen Nacht kurz nach 2 Uhr wurde der 29 Jahre alt« Reichsbahnassistent Gerhard G. aus der Gitschiner Straße, als er auf dem Heimwege vom Dienst durch die Gneisenaustraße die Nostitzstraße«reicht hatte, von drei betrunkenen Männern an- gerempelt. An der Ecke fielen die drei ohne weiteres über ihn her und mißhandelten ihn so schwer, daß er später auf der Rettungsstelle verbunden werden mußte. Als auf seine Hilferufe ein Schupobeamter v�m 192. Revier herbeieilte, ergriffen die Uebel- täter die Flucht. Der Beamte verfolgte sie und konnte einen.auch festnehmen, während die beiden anderen entkamen. Der Ergriffene, der nach der Wache gebracht wurde, weigert sich, seinen Namen zu nennen und behauptet, daß er an dem Ueberfall nicht beteiligt ge- wesen sei. Er sei, wie er sagt, nur zufällig vorübergekommen. Vorläufig wurde er in Gewahrsam behalten. Schüsse in der Nacht. In der Nacht zum Sonntag erhielt der Arbeiter Erich Sauer aus der Nostitzstraße 23, als er gegen 2li Uhr seine Wohnung fast erreicht hatte, vor dem Hause Nr. 21 plötzlich einen Schuß, ohne daß er jemanden sah. Der Ahnungelose erhielt einen Prellschuß am Knöchel und mußte nach dein Urbankranken- haus gebracht werden. Die Nachforschungen nach dem Schützen hatten noch keinen Erfolg.— In der Falkenberger Straße 21 zu Hohenschönhausen sah der Händler Otto L. gegen 2'A Uhr nachts, daß ein Mann auf dem Hofe verdächtig herumsuchte. Weil dem K. Sfte? Hühner gestohlen worden sind, dachte er wieder an einen Dieb, nahm seine Pistole zur Hand und paßte auf. Als er dann ein Geräusch an der Tür hörte, war er überzeugt, daß der Ver- dächtige einbrechen wolle. Erschoß durch die Tür hin- durch und traf den vermeintlichen Einbrecher ins Bein, so daß er hinsiel. Es ergab sich aber, daß eresmiteinemBetrunkenen zu tun hatte, der erklärte, er habe fürchrerlichen Durst gehabt und es sei ihm nur darum zu tun gewesen, irgendwie ein Glas Wasser zu bekommen. Der Mann wurde als ein Arbeiter Theodor B. festgestellt. Er wurde zum Glück nur leicht verletzt. ßesinahme ües posiüefrauüanten Wegner. Er ist seiner Beute nicht froh geworden. 60 000 Mark erbeutete, wie wir mitteilten, wider Erwarten ein Postaushelfer Megner auf einem hiesigen großen Amt. als er einen Geldbrief unterschlug, der nur mit 1000 Mark deklariert war. wegncr hatte sich au« dem Staube gemacht, als ein Kollege, der mit ihm sortierte, auf kurze Zeit den Raum verlassen hatte. Aus seine Ergreifung sehte die Oberpostdirektion eine Belohnung au«. Heule früh um 6 Uhr sah ein Kutscher, der ihn kannte, den Gesuchten in der Palisaden st raße und ließ ihn sestnehmen. Man fand bei Wegner nur noch 2453 Mark, außerdem 399 Mark auf dem Anhalter Bahnhof. Beim Verhör durch die Kriminalpolizei bekannte der Verhastete, daß er seiner Beut« nichtsrohgeworden sei. Als er die Veruntreuung und seinen Namen schon bald nach der Tat in den Zeitungen gelesen Hobe, sei er sehr unsicher geworden. Er habe sich nicht mehr getraut, die ur- sprünglich« Absicht, in größeren Hotels zu wohnen, auszuführen, viel- mehr nur kleine Wirtschaften besucht und die Nächte auf Hausböden geschlafen. An mehreren Stellen habe man ihn jedoch auf dem Boden erwischt und zum Hause hinausgetrieben. Dann sei er jedes- mal gezwungen gewesen, die Nacht im Friedrichshain auf einer Bank, oder auch darunter, zu schlafen. Der größte Teil des Geldes sei ihm gestohlen worden. Das wird aber wohl nicht stimmen. Es ist vielmehr anzunehmen, daß der Desraudant das Geld irgendwo versteckt hat. Bisher war aus ihm nicht viel herauszubringen. Er ist ausfällig schweigsam. Gleich nach der Tat, sobald die Geschäfte auf waren, kaufte sich Wegner einen neuen Anzug und gab den alten, nachdem er 399 Mark hineingesteckt hatte, als Handgepäck auf dem Anhalter Bahnhof in Verwahrung. So wurden die 399 Mark dort gefunden und beschlagnahmt. Diese Anlage der 399 Mark läßt auch auf andere Verstecke schließen, in denen sich wahrscheinlich noch größere Summen befinden. Krancntgleisung auf Bahnhof Zoo. Zwischen den Bahnhöfen Tiergarten und Z o o l o g i- scher Garten entgleiste heut« früh gegen 4 Uhr aus bisher noch ungeklärter Ursache ein großer Kran, der bei den Bahnbauarbeiten benutzt wird. Dadurch trat«ine Störung des Stadtbohnverkehrs von fast zweistündiger Dauer ein. Das Gleis Schlesischer Bahnhof— Charlottenburg war während dieser Zeit gesperrt. Der Verkehr konnte Aber die Ferngkesse aufreihtech'akken werten, ho0. Ferner Uesen: Eleinadler, Mainberg, Immerweih, Hochstapler. Rückgrat, Tornado, Carl Ferdinand, Abendwind, AmerSsoort, Brandmeister. Rheinland, Willa. 5. Renne n. 1. Larida(Wermann), 2. Fürstenrus, 3. Bergmeister. Toto: 67: 10. Platz: 17, 16, 12: 10. Ferner Uesen: Sigberte, Eskimo, Beluga, Lüsen. 6. R e n n e n. 1. Tnrmalin sFranzke), 2. JrenäuS, 3. Trier. Toto: 25: 10. Platz: 20, 42. 38: 10. Ferner Uesen: Greis an, MenewoS, Florida, Karola, Ancilla, Hochachtungsvoll. 7. R c n n e n. 1. HcrmcS(Jentz'ch), 2. OfiriS, 3. Traunegg. Toto: 25: 10. Platz: 15, 16: 10. Ferner Uesen: Sanktion, Chalzit. Verantwortlich sllr Politik: Richard Vera stein: Wirtschast:«. Sateraa»: ~' Feuilleton: st. K. Dlscher: Lokale» Stocke; siimtstch in Berlin. ____ Sruck, Lorwärto-Buchdruckeret und VcrlagsanftaU Paul Einger u Co., Berlin 633 68, Lindenstrast« 8. |!■■■■■■■■■■■■■■■[[|| Thealer LUhllptele DfW. WM IHM Norden 10334—37 na Ende 10»/, U. Utile 3 laff ähmngen I Der Jlexer Donnerstar. 1. Sept. 8 Uhr Der Arzt am smeidewea Vorverkauf eröffnet Die Komödie Bismarck 2414/7516 8'/. Uhr, Ende 10 Der Snob Freitag, 2 Seplemb. 7»/, U. Zum I.Male Zinsen Vorverkauf eröffnet Trimon- Theater n 87. Uhr: eil1 Mädel (Das Extemporale) UnUpitl in Stana o. Frtnr Hunltom, Irma Klein. Milben. T«i Rnr. Irein. Vorzeiger zahlen für Parkett nur 60 Pf. Lustspielhau» 8»/, Uhr. Caiö Electrik Walhalla- Tüeai Täglich 8'/, Uhr: Der grüBte Erfolg Berlins I Oer fröhliche Weinberg Lustspiel in 3 Akten v. Karl Zuckmayer Lobe, Ebelsbacher Parken statt 4 Mk. lägt, auch Sonntags nur 00 PI. Planetariuni am Zoo Vvlitj. inchimilhaler Sink Noll. 1578 Dar Sternenhinnn»! suf der flei sa von Berlin nach dam Aaquatar Vorführungen; 4'� 6, 7'/„ 9 Uhr. Eintritt I M. I>f er eil. IS Jehrtn D.SOM Sillinberg-Bühnee Dts. Künstler-Th 8'/. Uhr »Da wirst midi heiraien" Lessing Theater 8'/, Uhr Israel ftose-Theater 8 Vi Uhr Forstenwende Gartenbohne 5 Uhr: Konzert und bunter Teil 8 Uhr liebe ist Trump: Bariuwstj-Kitmtn Th. Kdolggrätz. St. Hasenheide 2110 8 Uhr Uhti Auffübnmj»! Die SdiDia T.Uznadi Komftdienhaas Norden 6304 Guhpiil da Makiatr klnsfltmdm Theatin „Hablma" 1. Septem b., TVi U. Dybuk berliner Thealer Dönhoff 170 I.Septemb., 71/, U. Erflfienimntilloaj: L6onie Unhpisl m In Im ilieat. a. 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