Mbenöausgabe Nr. 415 ♦ 44. Jahrgang Ausgabe B Nr. 205 »fjuasbthinaintflut mtb«njeigtnpteife sind in der Morgenausgab« ongcaebe» «edaklian: sw. 6i, Liadenstrahe 3 Zernsprecher: SSichoff 292— 292 I»l..«dr«sse: Sojialdemofcat Berlin NO Derltner VolKsvlAkk (10 Pfennig� ßreitag 2. September 1 Y27 «erlag und«nzeiginadtellung: Deschästszrik bi,» Uhr Verleger: vorwSrl». Verlag GmbH. verlin SW. SS, Linden stratze» Zernsprecher: VSnhoff 292- 292 Zcntrzlorgan der dozialdetnokratirchen partei Deutfcblands Gegen öie Todesstrafe! Antrag der hessischen Sozialdemokraten. Darmstadl, 2. September. Die sozialdemokratische Fraktion im Hessischen Landtag Halle zu dem bevorstehenden neuen Strafgesetzbuch beantragt, die hessische Re- gicrung aufzufordern, 1. im Reichsrat gegen die Wieder. aufnähme der Todesstrafe in das neue Straf- gesetzbuch zu stimmen, 2. bis dies erfolgt oder falls die Todesstrafe auftechterhalten bleiben sollte, grundsätzlich in jedem einzelnen Fall« die zur Vollstreckung erforderliche Zustim- m u n g den von hessischen Gerichten erkannten Todesstrafen z u versagen._ Die InterParlamentarier in Serlin. Die Beratungen des nächste» Kongresses. Pari», 2. September. Die 2S. Tagung der Interparlamentarischen Friedensunion wird nicht, wie berichtet wurde, in zwei Jahren, sondern bereits 1928 in Berlin stattfinden, und zwar zu Anfang Juli. Ihr voraus wird eine Beratung des Exekutivausschusses im April 1928 in Prag gehen. Die Tagesordnung der nächstjährigen Tagung steht folgende Punkte vor: 1. Das parlamentarische Regime(an Stelle des ur- sprünglich beabsichtigten Themas: Die Krisis des Parlamentaris- mus): 2. Bestimmung der Rechte und Pflichten der Nationen: 3. Das Völkerwanderungsproblem: 4. Kolonialproblem und Mandate. Verschärfung ües polnischen Grenzkonstiktes Ei» Ultimatum der Grcnzbchiirde gegen Litauen? Warschau, Z. September.(TU.) Me aus Wilna gemeldet wird, hat eine polnische Delegation den litauischen Grenzbehörden im Zusammenhang mit der von polen verlangten Auslieserung des kürzlich von einer Ntauifäjen Wache aus potnischem Boden verhasteten polnischen Grenzsoldaten ein 4Sstündige» Ultimatum gestellt und erklärt, datz Polen die Verantwortung für alle Folgen ablehnen müsse, falls Litauen der Forderung nicht nachkomme. wie hierzu aus k o w n o gemeldet wird, hat die litauische Regierung gestern den ausländischen Vertretungen in Sowno Kenntnis von dem Verlauf der Ereignisse gegeben und gleichzeitig mitgeteilt. daß sie gegen das polnische Vorgehen p r o» e st eingelegt hat. Tanger bleibt international. Fiasko der spanischen Pläne. London, 2. September. General Primo de Rivera hotte erklärt, er hoffe, daß nach der Wiederaufnahme der Tangerverhandlungen England den spanischen Standpunkt billigen werde. Dazu schreibt der„Daily Telegraph", es sei schwer einzusehen, woraus Primo de Rivera seine Ansicht geschöpft habe. Der englische Standpunkt in der Tangerfrag« bleibe unverändert. England stehe nach wie vor auf dem Standpunkt, dah das internationale Regime in Tanger aufrechterhalten werden müsse. Es wolle ebensowenig, daß Spanien oder irgendeine andere Macht in Tanger irgendeine Vor- h e r r s ch a s t ausübe. Trotz der offiziellen Dementis scheine fest- zustehen, daß die Pariser Verhandlungen über die Tangerfraae ein vollständiges Fiasko erlitten hätten. Die tvieöervereinigung ües Süüens. Hankau und Nanking schlicsien sich zusammen. Schanghai, 2. September. Der Znnenminister der Rankingregierung wu erklärk, der weg für die Verschmelzung der Regierungen von honkau und Ranking stehe nunmehr ossen. Am 15. dieses wonats werde das zentrale Exekutivkomitee der Kuomintang in Ranking zu einer Vollsitzung zusammentreten, in der der Zusammenschluß der beiden Regierungen verkündet werden soll. Cnglanös Truppen in Schanghai. Schanghai. 2. September. In Verfolg der gegenwärtigen Politik der allmählichen Ver- Minderung der britischen Kräfte in Schanghai werden, wie amtlich mitgeteilt wird, vier Bataillone mit einem Bestand von ungefähr 3299 Mann und eine Brigade Artillerie zurückgezogen werden. Infolgedessen werden im nächsten Winter die Bestände der in Schanghai verbleibenden britischen Truppen fünf Bataillone mit 4999 Mann und eine Panzerwagenkompagnie betragen. �isenbahnkataftrophe in Zrankreich. D-Zng Paris— Bordeaux entgleist. Paris.?. September. Der v-Zug Paris— Bordeaux ist kurz nach wilternacht bei Zoue-les-Tours entgleist. Der Lokomotivführer wurde gelötet. Der Sachschaden ist beträchtlich. Alan weiß noch nicht, ob unter den Trümmern Noch Opfer liegen. Die englischen Ilieger verloren? Längst überfällig!— Ungünstiges Weiter auf dem Ozean.— Mistglückier Versuch französischer Flieger.- Nach dreistündigem Flug zurückgekehrt. New Jork. 2. Scplember. Das englische Flugzeug„St. Raphael" gilt als verloren. Das Wetter an der Küste ist überall sehr ungünstig. Starke Regenfälle. Nebel und Gegenwinde werden von allen Küstcnsiakionen gemeldet. Landung des„St. Raphael" am St. Lorenzstrom? Otlawa, 2. September. Beim Luftamt war gestern eine nichtamtliche Meldung einge- trofsen, wonach das britische Flugzeug„St. Raphael" am Ufer des St. Lorenz st romcs, 799 Meilen östlich von Quebec-City infolge Benzinmangels gelandet sein sollte. Wie das Luftamt dazu mitteilt, lag in später Nachtstunde noch keine Bestätigung der Meldung vor. Mißlungene Gzeanflüge. Start des„Blauen Bogel"— Rückkehr nach drei Stunden. Paris, 2. September. Um 6,32 Uhr ist das Farman-Flugzeug„planer Vogel" mit Givon und Eorbu an Bord zum Ozeanslug auf dem Flug- platz Le Dourget gestartet. Gegen 9,40 Uhr erschien dos Flugzeug wieder über dem Flugplatz LeBourgel und schickte sich zur Landung an. Die Landung vollzog sich um 10 Uhr glatt. Der Ozeanslug ist auf unbestimmt-. Zeit verschoben." NotlanSungen öer Amerikaner. London, 2. September. Wie aus Caribou Maine berichtet wird, ist der Eindecker„S i r John C a r l i n g", der sich aus dem Wege von London im Staate Ontario nach London in England befand, infolge dichten Nebels in der Nähe von Caribou Maine gelandet. Die Insassen waren unverletzt. Sie teilten mit, daß sie ihren Flug morgen vormittag wieder aufnehmen wollten. New JJork, 2. September. Nach einer Meldung aus St. Johns ist auch der„Royal W i n d s o r", der bekanntlich gestern zum Flug nach England ge- startet war und nach dem„St. Raphael" Ausschau halten sollte, in- folge ungünstiger Witterung in St. Johns auf Neufundland zur Landung gezwungen worden. Funkers mahnt zur Sesannenheit. Professor Junkers hat aus Warnemünde an die Besatzung der„Bremen", Hauptmann Kachl, Loose und v. H ü n e s e l d. folgendes Telegramm gerichtet: „Bezugnehmend auf telephonische Anfrage betreffend Start der„Bremen" möchte ich Ihnen meine Besorgnis nicht ver- hehlen, das Unternehmen zu so später Jahreszeit nochmals in An- griff zu nehmen. Die langen Rächte und schnell wechselnde Witte- rungslage im September erhöhen das Risiko» so daß der Flug vom Standpunkt der Forschung und Entwicklung nicht mehr gerechtfertigt erfcheint. Ich halte mich trotzdem nicht für berechtigt, mich den von Ihnen angeführten Gründen zu verschließen, und stelle Entscheidung über den Start und dessen Zest nach Ihrem Wunsch inIhreigenesErmessen. Ich überlasse Ihnen dies« Entscheidung um so unbedenklicher, als ich fest überzeugt bin, daß Sie sich durch öffenlliche Diskussionen, wie zum Beispiel des eben durch die Presse bekannt gewordenen Starts in England oder andere Ein- Wirkung in Ihrer nüchternen Entschließung nicht berin- s l u s s e n lasten werden." Rhembesatzung unö Ost-Locarno. Briand will die Besatzung nicht als Druckmittel benutzen. Genf. 2. Sepiember. Von zoverlästigcr a l l i i e r k e r Seite werden der TU. folgende Mitteilungen über die bevorstehende Unterredung der alliierten Außenminister mit Dr. Stresemann gemacht: Briand wird gemäß Vereinbarung mit Chamberlain Dr. Strese- mann gegenüber zum Ausdruck bringen, daß nach sranzäsischer Aus- sassung die alliierte Rheinlandbesehung in erster Linie als Garantie für Me Sicherheit Frankreichs aufzufassen sei. Aus diesem Grund« könne die endgül« ige Räumung des Rheinlandes zunächst nur etappenweise vorgenommen werden und zwar nur im Verhältnis zn der in Gang befindlichen Reorganisierung und Umgruppierung der französischen Armee und dem Abbau des französischen Festungsgürtels an der Ostgrenze Frankreich». Da diese Maßnahmen bereits in Angriss genommen feien, so bestehe die Mög- lichkeit einer Räunmng des Rheinlondes schon vor den im Ver. sailler Vertrag festgelegten Fristen. Zwischen der englischen und französischen Regierung sei eine llebereinkunst dahin erzielt worden, daß die Rheinlandbesehung nicht als eine Garantie für die Erfüllung des Dawes-Plane» sowie gleichfalls nicht als eine Garantie der polnischen Westgrenze anszusassen sei. Die französische Regierung vertrete die Aussastung. dah der Abschluß eines Ost-Locarno im Interesse des französischen Friedens wünschenswert und zweckmäßig fei. Die Besehung des Rheinlandes fei jedoch nicht als ein Druckmittel ansznsasten, die deutsche Regierung zum Abschluß eines Ost-Locarno zu zwingen. Jfc Diese Mitteilung dürfte zu optimistisch sein. Wenn auch Frankreich auf eine Garantie der polnischen Westgrenze durch Deutschland verzichten dürfte, so legt es andererseits auf eine Verschärfung des Kriegsverbotes, ähnlich wie im Rheinpakt, entscheidendes Gewich'. Moskau hofft auf den Zerfall von Senf. Moskau. 2. September. Die Nachricht über den Austritt führender Politiker aus dem Völkerbünde ist von der Moskauer Sowjetpresse mit der größten Genugtuung begrüßt worden. Da die Sowjctpresse von jeher eine durchaus feindselige Einstellung gegenüber dem Völkerbunde einnimmt, so gibt ihr die scharfe Kritik, die Iouvenel und Lord Cecil an diesem Institut üben, eine gern benutzte Gelegenheit, ihren Spott über das Genfer Tribunal der Völker zu ergießen. Die „Prawda" spricht schon von den ersten Anzeichen eines v 3 l- ligen Zersalls des Bölkerbundes. Die Enttäuschung eines der Mitbegründer und führenden Repräsentanten des Bölkerbundes, wie Lord Cecil, versetze dem Ansehen dieser Liga einen nicht wieder gut- mmichenden Schlag.„Für uns", so schreibt die„Prawdr",„und , unseren Siandpu.rlt bringt ckllerVmgs die Revision der Meinungen, die dieser Oberpriester des Bundes jetzt vorwwoch. nichts Neues, denn der Bölkerbund hat ja immer nur eine solgerichtige imperio- l i st i s ch e Politik getrieben. Wichtig aber erscheint uns die Kritik Cecils und Iouvenels deswegen, weil ja gerade sie die Oberküchen- meifter der Genfer Küche gewesen sind, deren Dünste mehr alz einen Kopf in Europa umnebelt haben." Ein neues Genfer Protokoll! Ein polnischer Friedensplan. Paris, 2. Sepiember.(Eigenbericht.) Der»Petit Parifiea" läßt sich aus Gens melden, daß die polnische Regierung in ihrem Wunsche, einen neuen Schritt zur Lösung des Sicherheilsproblems zu wn. der Völkerbundsversammlung einen allgemeinen Pakt des gegenseitigen Nicht- a o g r i s s s vorzulegen beabsichtigt. Es fei jetzt noch zu früh, Einzelhelten über diesen Pakt zu verösfentllchen, dessen Versaster der ständige Vertreter Polens, Sokal, beim Völkerbund sein soll. Der Plan wird sofort bei Beginn der Sestion. wahrscheinlich am 7. oder S. September, der Versammlung vorgelegt werden. Das Blatt, das diese Meldung in großer Ausmachung bringt, fügt hinzu. daß ein derartiger Plan außerordentlich zur Befreiung Europas beitragen würde, da Polen zwischen Deutschland und Sowjetrußland am meisten einer Konfliktsgefahr ausgesetzt sei. Die Zukunft öie Dawes-planes. Baldige Acndcrung ausgeschlossen. New Jork, 1. September. Leon Fräser, der bisherig« Pariser Bertreter des Genernl- agenten für die Reparationszahlungen, der— wie bereits gemeldet— wieder nach New Pork zurückkehrt, erklärte, daß eine baldig« R e v i s i o n des Dawes-Plans ausgeschlossen sei. Dagegen sei n i ch t zu erwarten, dah die festgelegten Jahre-zahlungen von 1929 an über sehr viele Jahre hinaus geleistet werden könnten. Trotzdem bezweifle er indessen vorläufig, daß unter den Beteiligten eine Einigung über die Revision möglich sei. Gegenüber der von Bernhard Baruch und anderen Finanziers geäußerten Anschauung, daß der unausbleibliche Konflikt zwischen Repa- rationszahlungen und Auslands an leihen schließlich eine Revision herbeiführen müsse, bemerkte Fräser, daß die deutschen privatwirtschaftlichen Anleihen unbedeutend seien gegenüber den Riesenbeträgcn des Dawes-Planes. Ihr« Tilgung sei auf viele Jahre verteilt, so daß eine Kollision beider Verpflichtungen kaum zu be- fürchten sei. Fräser fügt« hinzu, Deutschland hindere in mancher Hinsicht selbst seine wirtschaftliche Er- Holling, wie beispielsweise durch den hohen Autozoll. der schädigend wirke, während es doch selbst eine Mastensabrikatiin von Automobilen nicht besitze. L �purifikation ües Seamtenftanöes/ Bismarcks Beispiel. Wenn heutzutage ein Polizeiangestellter entlasien wird, metl er als Werber einer verbotenen Organisation er- tappt worden ist, schreit die Rechtspresse über„Unfreiheit im neuen Deutschland". Früher war's besser— nicht wahr?— und am allerbesten wird es wohl unter der Regierung des gefeierten Rationalheros Bismarck gewesen sein! Wie es aber damals war, darüber liefert ein soeben erschienenes Buch von Erich F ö r st e r über den ehemaligen preußischen Kultusminister Falk einige sehr zeitgemäße Aufklärungen. Während des Kulturkampfes, am 18.' August 1873, schrieb Bismarck aus Darzin folgenden Brief an Falk: Zkrehrtester Herr Kollege! Die LanTirät?, welche mit den Jesuiten und Polen sympathisieren, ver- werten den staatlichen Einfluß, der ihnen anvertraut ist, zur cherbei- ftihrung staatsfeindlicher Wahlen. Ich habe eine durch- greifende Richtigstellung dieser ebenso geftihr- lichen wie vernunftwidrigen Einrichtung seit Jahr und Tag begehrt und mit Mühe in meiner nächsten Heimat durch- gesetzt. Das Zehnfache des Geschehenen ist aber noch zu inn. und die Wahlen sind nahe. Ich benutze die Anlage, um Ihre Bundes- genossenschaft zu diesem Zweck zu erbitten. Die„Anlage" entbielt ein Verzeichnis von Landräten, die in Bismarcks Augen verdächtig waren. Falk sagte in seiner Antwort die erbetene Bundesgenossenschaft unbedingt zu, und die auf der schwarzen Liste stehenden Land- rate wurden vor dle Tür gese tz t. Roch deutlicher wurde Bismarck in einem anderen Schreiben, das er am 13. März 1873 dem Staatsministerium vorlegte: Vertraulich. Bei verschiedenen Gelegenheiten habe ich mir be< rdts gestattet, aus die Notwendigkeit ausnierksam zu machen, daß der Regierung, namentlich in den dem feindlichen Einflüsse des Klerus be- sonders zugänglichen Teilen des Staates, solche Organe zur Ver- iügung stehen, welche bei Bekämpfung geistlicher Uebergrisse nnd Auflehnungen sich nicht aus äußerliche und formale Ausführung ihrer Austräg« und Gesetze beschränken, sondern aus«igeneni Antriebe innerhalb ihres Wirkungskreises mit selbständigem Eiser die der Rs> gierung durch staatliche Notwendigkeit gesteckten Ziele auch ihrerseits erstreben. Es heißt die Schwere des Kampfes und die Berantwort- lichkeit der Regierung für die Art seiner Führung unterschätzen. wenn von, Staate nicht jedes in seiner Macht stehende Mittel ange- wendet wird, um den Widerstand gegen die Autorität des Gesetzes zu brechen. Auch für die Ausführung der Dcrwaltungs- r e f s r m in den westlichen Provinzen halte ich die Purifikation tReinigung) des veamtcnstandes in demselben für unerläßliche vor- bedingungcn. Deshalb betrachte ich es als eine verantwortliche Pflicht, welche sämtlichen Mitgliedern des Staatsministeriums gegen dieses»nd gegen das Land obliegt, daß bei der Ernennung und Be- ftätigung aller Beamten, welche irgendwie zu einer Betätigung in kirchenpolitischer Beziehung berufen sind, kein Kandidat zugelassen werde, dessen unbedingte Zuverlässigkeit einem Zweifel unterliegt »nd daß die im Dienste befindlichen Beaniten, welche ihre Aufgabe nicht mit voller Hingebung erfüllen, soweit das Gesetz es gestaltet. ohne Ansehen der Person und ohne Verzug entfernt werden, damit sichere und brauchbare Männer an ihre Stelle treten können. Ins- besondere gilt dies von den Landräten, durch deren Widermilligkeit oder Schwäche in ihren Kreisen die Kraft der Regierung gebrochen wird. Bei den Beamten, die da scharenweise hinausflogen, handelte es sich selbstverständlich durchweg um bürgerliche Männer. Denn Sozialdemokraten brauchten nicht erst hin- ausgeworfen werden, die kamen schon gar nicht hineint Bis- her ist noch niemals der Versuch gemacht worden, die bis- marckschen Regierungsgrundsäße sinngemäß aus die Republik anzuwenden— wie groß wäre dann erst das Geschrei in der Rechtspresse! Oder würde es dann vielleicht still werden. weil dieser Sorte eben nur das f e ft e Z u g r e i f c n im- paniert? 100 Jahre alt und Koch modern. Die gesammelren Werke des raffiniertesten französtschen Dramen- fabrikanten Eugene S c r i b e umfassen 7« Bände. In neun Jahren wurden an einem einzigen Pariser Theater' nicht weniger als ISO Stücke von ihm herausgebracht. Das muß eine schöne Arbeit gewesen sein, aus diesem über 100 Jahre alten Wust eins herauszufischen, dos sich heute auszuführen lohnt, und vielleicht eine zweifelhafte Arbeit dazu. Denn die Scribeschen Erzeugnisse sind nicht wertvoll genug, um als klassisch zu gelten uyd die Aussicht ist gering, eins zu finden, das in unsere Zeil paßt. Herr Leo Lenz setzt sich also hin. frischt Ccribes„L e o n i" auf, gar nicht von Grund aus. sondern bloß leicht darüber hin, er ersetzt sozusagen die Postkutsche durch Eisenbahn und Auto, und siehe da, es ersteht ein Lustspiel, dos die Stücke- schrciber der Gegenwart nicht moderner angepackt hätten. Leoni ist die arme Verwaudt« eines vornehmen gräflichen Hauses, getreten, geduckt von der hochmütigen Familie, aber geliebt vom gräflichen Sohn. Mit dem Reichtum des Grafen ist es aber recht windig bestellt. Der Pleitegeier flattert. Reiche Heirot wird erwogen, Spiel- schulden drücken, Schande droht: Leoni faßt einen Entschluß, der bei Edelleuten selten ist: sie geht in die Welt, um zu arbeiten. In kurzer Zeit hat sie den berühmtesten Modesalon von Paris. Der vornehmen Welt liegt sie stolz zu Füßen, und die exklusive Kundschaft vergöttert sie. Ihre Verwandten schämen sich zwar furchtbar, aber Leonis Einsluß nutzen sie für ihre Zwecke aus. Arbeit schändet zwar, aber wenn man halt vor dem Ruin steht... Natürlich kommt auch der Moment, wo einer der hochnäsigen Gesellschaft gründlich die Meinung sagt, natürlich kriegen sich die Paare, die der Autor dreieinhalb Akte lang hat zappeln lassen. Kurz und gut, es entsteht ein Bild des Lebens, wie es sich unsere Notionaldichterin Hedwig Courths-Mahler auch nicht schöner ausmalen kann. Aber Scribe-Lenz bringen doch etwas mehr. Sie zeichnen«ine Skizze vom heutigen oberflächlichen Getriebe, vom nichtigen Lebensgenuß, von der pompösen Ueber- schätzung der Aeußerlichkeiten. Der Dialog ist mit„Wendenden" Witzworten gewürzt.„Was, Journalfft willst du werden, du ein Graf? Alle Journalisten sind durchgefallene Gymnasiasten!" Die gestrige Aufführung im„Berliner Theater" war ein grandioser Erfolg. Das alte Haus schmuck hergerichtet, dos Stück blendend inszeniert(Regie I. E. Hermann), die besten Darsteller ver- pflichtet, so führt sich die neue Direktion Barnowsty ein. Di« prächtige Ausstattung kann es mit einem Revuetheater aufnehmen. Im dritten Akt gibt es ein« richtige Modenschau. Lautlose Stille trat da im Parkett ein. Die muntere Erika o. T hellmann fft die Leonie. etwas spröde zwar, und nicht von der kindlichen Anmut, die wir sonst an ihr kennen, aber flink, forsch, quecksilberig, lieb und ab und zu sogar rührend. Da ist noch der gute lieb« Georg Alexander, der mit seiner Stottererrolle Lochsaloen entsesielt und sich doch nicht zum Schwarzveißrote tzmüenburgfeier. Ei« bezeichnendes Programm. Der Hauptkriegerverband veranstaltet am 2. und 3. Oktober einen Reichskriegertag in Berlin. Zweck: Hindenburgfeier. Das Programm der Feier, die im Stadion abgehalten wird: 1. Hymnus für Fanfaren und Trompeten. 2. Der Weltkriegsoldat, Massen- Sangerchor mit großem Or- chester. 3. Einreiten des Herolds und Ansprache desselben. 4. Gruppen aus der Entwicklungsgeschichte der Uniformen deutscher Krieger au« ollen Zeitaltern. a) Lehnsreiterei aus der Zeit König Heinrichs I. b) Deutscher Ritterorden. c) Londsknechtsfähnlein mit Fahnenschwenker. ä) Kurbrandenburgische Dragoner aus der Zeit des Großen Kurfürsten. c) Bewaffneter Altmärkischer Boue-rnhaufen mit h-storffcher Fahne aus derselben Zeit. k) Aus fridericianischer Zeit: Königsgrenadiere, Seydlitz- Kürassiere und Zielen> Husaren: Parademorsch der Grenadiere. g) Schlesische, märkische usw. Landwehr aus der Zeit der Be- fretungskriegc. b) Landwehrbataillon Hameln.(Hannoversche Landwehr.) i) Düppelstürmer. k) Regiment 71(1870). I) 3. Sarderegiment zu Fuß(Vorkriegszeit). 3. Einmarsch der Fahnen des DRKBK. g. Einmarsch der Fahnen und Standarren der alten Armee. Hierzu stellt das Wehrkreiskommando III eine Fohnenkompagnie, eine Stondorteneskadron und eine Batterie. Während dieses Aufmarsches wird ein Ehrensalut von 12 Schuß (Kanonenschläge) abgegeben. 7. Nach Vollendung des Aufmarsches wird der Präsentier- marsch geschlagen. Sä mtliche Zuschauer haben sich zu erheben. Sobald der Prösenttermarsch verklungen ist, intoniert die Musik dos Niederländisch« Dankgebet, die ganze Versammlung singt den ersten und letzten Bers mit. 8. Abmarsch der Reichswehr unter der Hauptloge. Di« Fahnen der Kriegerocrcin« schließen sich an. Ueberschrist: Geburtstagsfeier für den Präsidenten der deutschen Republik. Mit Kostümsoldaten. So wie man— sei es aus Mi- lilärfronimheit, fei es aus Gedankenlosigkeit— klein« Jungen mit bunten Bleisoldaten erfreut. Ein veröientes Enöe. Ter„Teutsche Spardienst" stellt sein Erscheine«-in. Dem Bürgerblock geht es nicht gut. Zu den mancherlei Fehl- schlüge», die er erfahren mußte, gesellt sich ein neuer. Der «Deutsche Spordien st", ein Wochenblatt des unter der Leitung des Herrn v. Loebell stehenden Kuratoriums für Spar- und Bereinfachungsmaßnahmen, hat mit dem 31. August zu bestehen aufgehört. Angeblich soll es nicht möglich gewesen sein, das Interesse an der Durchsetzung von Sparmaß- nahmen in so breite Kreis« zu tragen, daß die Fortführung des Spardienstes als selbständiges Wochenblatt möglich gewesen wäre. Wir müssen sagen, daß dies eine Anmaßung ist, die eben nur in Kreisen, die Herrn v. Loebell nahestehen, möglich ist. Es ist ein starkes Stück, an der geringen Zahl der Abonnent«» eines üblen Tendenzblattes das Interesse der Oefsentlichleit an einer sparsamen Wirtschaftsführung der öffentlichen Hand messen zu wollen. In Wirklichkeit besteht dieses Interesse in den breitesten Schichten des Volkes sehr lebhast. Allein der„Vorwärts" hat dieses Thema mit steigendem Erfolg immer wieder behandelt. Auch die sozialdemo- kratischen Abgeordneten haben dos ihrige getan, um auf sparsamste Wirkschaftsführt'ng in Reich, Staat und Gemeinde zu dringen. Wenn diesem Wirken nicht immer Erfolg beschieden war, so lag dies an den bürgerlichen Parteien, die über Sparsamkeit ander» als wir denken. Es sei nur an die Debatten über den Reichswehr- etat erinnert. Eins Belehrung durch Herrn v. Loebell war also völlig über- flüssig, und die allgemeine Ablehnung, durch die das Loebell-Blott Clown degradiert, da ist die Kabarettkünstlerin Marga L i o n. die eine Luxusherzogin zu spielen hat. Das ist«ine ganz famose Idee des Regisieurs, für dies« Rolle eine Künstlerin zu verpflichten, in deren Wesen etwas Angefaultes liegt, deren Oberflächlichkeit sozu- sagen zur Innerlichkeit geworden ist. Den Hauptanteil am Erfolg hat Adel« Sandrock, eine Schauspielerin, wie geschaffen, würde- volle verarmte Gräfinnen zu spielen. Sie ist der vornehmste Haus- brachen, den man feit langem auf der Bühne gesehen hat. Der Beifall des angeregten Hauses nahm kein Ende. Ernst Degner. „Der Mitaöo/ (Große» Schauspielhaus.) Dielerlei Eindrücke sind statt eines Gesamteindruck» zu buchen: diese auf Zartheit und leiseste Musikschwingen gestellt« Operette E u l l i o a n s gehört in keiner Weis« ins Große Schauspielhaus. Jeder Step und jeder Charleston gibt zwar jenen Leuten recht, die 1327 für eine große Zeit halten, aber jeder Jozzion ist eine Ohrfeig« für die Musiker, die eine gute Hälfte der englischen Partitur auch nach„Geisha" noch für lebensfähig halten. Zugegeben: es hätte schlimmer gemanscht werden können. Immerhin ist der Zwiespalt in der Musik und in der Jnstrumentotton so groß, wie zwischen Japan und diesen modernen Bubiköpfen, wie zwischen der Trautheit eines japanischen Zimmers und dieser großartig ausgebauten Stadl Titttipu. Es gibt viel, so viel zu sehen, vor allem an Kostümen, die Ernst Stern in buntem Gemisch von Stil und Phantasie her» gezaubert hat. Lichter spislen erquickend in Tag und Nacht hinein, Kirschbäume scheinen zu Wühen und zu verwelken, Häuser li«g«n tot da und wachen wieder auf, die Beine der Girls und der Boys tanzen einen exakten, wenn auch nicht mehr neuen Schritt. C h a- re ll hat keine' so originelle Choreoaraphie mehr geschaffen wie im im vorigen Jahr: auch dieses Schöpferische im Metier läuft sich tot. Der Kapellmeister Römer ist eisrig, allzu eisernd am Werk. Mir scheint, er verdirbt dadurch auf der einen, stillen Seite von 1883, was er auf der anderen, lauten von 1927 gut macht. Bon den Sängern und Spielern ist Rita Georg, die kesse, mondäne Frau, fehl am Platz am Dum?)um. Die Humonsten Bendow und S z a k a l kommen nicht recht zur Geltung. I a n k u h n ist ein hübscher, döch� steifer Liebhaber. Ueber allem aber schwebt der Geist des Rettungsengcls P a l l e n b c rg. Er ist der eigentliche Regisseur, der wirklich« Lust- springer, der große Spieler, der in Scherz und Ernst, in Demut nnd makierter' Würde gleichemaßen bezwingende Koto. Mit dem Bachstelzenlied— singen kann der Kerl auch— hotte er den größten Triumph. Man lacht« über seine Mimik, selbst wenn er nicht sprach oder sang. Er hätte alle Rollen übernehmen sollen. Selbst als Zwerg im Kästchen hätte Pollenbcrg noch«inen Riesenerfolg gehabt. Ihm ist der große Beifall des Hauses zu danken. k. s. Dt« Große Perllner ktuuslaussiellvog und die Jurysreie Kunitichau im LandcZouSstcllungZgebäude Alt-Moabit wird insolge der früher cmtretenden Duntelhett nicht mehr wie bisher von tl— 7 Uhr. sonder» ab I.September von 10—6 Uhr den Besuchern zugänzlich sein. jetzt sein verdientes Ende gefunden hat, kann nur begrüßt werden. Wer die Schreibweise des„Spardienstes" verfolgt hat, wird zugeben müssen, daß sie ausschtießlich in einer ununterbrochenen Propaganda für einen neuen Abbau von Beamten, Angestellten und Arbeitern bestand. Bon neuen Ideen, die Verwaltung von innen heraus zu reformieren, war nichts zu merken, dafür um so mehr von dem Streben, die Verfassung im reaktionären Geiste rückwärts zu revi- dieren. Dabei war besonders bedauerlich, daß es noch immer den Anschein hatte, als ob der R e i ch s s p a r k a m m i sj o r oder Beamte seines Bureaus mit dem tendenziösen Blatt oder dem Loebell- Kuratorium in Berbindittig stehen, obgleich der Reichssparkommissar erklärt hatte, dem Verlangen der Sozialdemokratie auf Trennung von diesem Kuratorium entsprochen zu haben. Jetzt soll der.Spardienst" eine beschränkte Fortsetzung im „D e u t s ch e n s p i e g e 1" des Dr. K r i e g k sinden. Wenn hier die wahre politische Richtung der versolgten Absidsten auch klarer zutage tritt, wird sich die ollgemeine Ablehnung ntchr ändern. Herr Kriegk war Presieches des Bürgerblocks bei der Reichspräsidentenwahl. Damals kam auf der Rechten die Parole auf:„Nie wieder Kriegk!"_ Deutscher Stäötetag. Hauptversammlung in Magdeburg. Die Hauptversammlung des Deutschen Städtetages, die alle drei Jahre zusammentritt, wird am 23. Septem ver in der Neuen Stodthalle zu Magdeburg tagen. Im Mittelpunkt des Programms steht ein Referat vom Präsident Dr. Mulert über das zurzeit besonders aktuelle Problem„R s i ch s p o l i t i k und Städte". Im Anschluß an die Hauptoersammlung des Deutschen Städtetages findet am 24. September die Jahresversammlung des Preußischen Stödtetages statt. Oberbürger- meister Dr. Bracht- Essen und Frau Stadtverordnete Schröder, Mitglied des Reichstags, Altona, werden über die Zusammenarbeit der kommunalen und wirtschaftlichen Selbstverwaltung auf dem Ge- kieic der Sozialpolitik sprechen. Die deutschen Städte aus dem ganzen Reiche werden Vertreter zu den Tagungen entsenden Die Reichsregierung, die Länderregierungen und ein« große Zahl von Behörden und Verbänden werden in Magdeburg vertreten sein. -» Vor dem Zusammentritt des Städtetages findet in Magdeburg die zweite Reich s.konserenz für Kommunalpolitik statt, die von der Kommunalpolittschen Zentralstelle der Sozial- demokratie einberufen ist. Sie beginnt am 20. September um 11 Uhr mit einer Sffzung des KomnrunalpW, tischen Beirats der Partei, dann folgt zunächst eine nichtöffentliche Tagung, in der Ober- bürgermeister Genosse B e i m s- Magdeburg organisatorische An- gelegenheiten besprechen wird. Am 21. September folgt eine öffent- liche' Tagung. Auf dieser wird Stadtrat W u tz k y- Berlin über kom- munale Wohnungswirtschaft und Genosse Hermann Meyer- Solingen über Wohnungskultur referieren. Außer- dem ist ein Vortrag über die Kulturpflege in der Ge- meinde vorgesehen. Teilnohmeberechtigt an der nicht öffent- lichen Sitzung sind neben dem Beirat und dem Reichsausschuß nur die von den Bezirken gewählten Delegierten. An der ö f s e n t l i ch e n Sitzung können außer den Delegierten auch G ö st e nach vorheriger Anmeldung bei der zuständigen Bezirks- organifation oder bei der Kommunalpolittschen Zentralstelle lest- nehmen._ Richter Thayer in Boston hat nach einer amerikanischen Mel- dung einen nervösen Zusammenbruch erlitten. Er hatte das Todes- urteil über Sacco-Vanzettt gefällt und sich geweigert, ein neues Verfahren zuzulassen. Da» Wiener Strafgericht. Am 3. September beginnen vor zwei Schösfensenaten die ersten Verhandlungen gegen die sopenann- ten Iuli-Verhasteten. Von den 203 Demonstranten, die wegen der Juliunruhen dem Landesgericht eingeliefert worden sind, befinden sich noch 65 in Untersuchungshaft. Ob und was sür eine Amnestie zum 80. Geburtstag Hitchen- burgs erlassen werden soll, dos ist Berotungsgegenstand der Justiz- minister des Reichs und der Länder am Sonnabend in Berlin. Als französischer Spion verhastet wurde in Landau, also im besetzten Gebiet, der Angestellte Diez von der Reichsvermögens- Verwaltung. Das Deutsche Theater erössnete gestern die Winterspielzeit mit der Wiederausnahm« von Shaws Komödie„Der Arzt am Scheideweg e". Wieder feierte der intime Sttl, das ausge- glichene Ensemblespiel dieser Bühne(stille) Triumphe. Homolka, Schroth, Wallburg, Laos haben noch die gleichen Rollen inne wie in der vorhergehenden Saison. Sie bilden eine Versammlung� von Aerzten, in der jeder einen Charakterkops markiert. Frida Richard ist noch die alt« Wirtschafterin, kratzbürstig nach außen, aber innen gediegenes Gold. M o i s s i tritt auzs neue ins Ensemble als Maler Dubedas. In der Premier« hat er vor vielen Jahren der Rolle seinen Stempel ausgedrückt. Heute ist er noch abgeklär- ter, souveräner als damals. Wunderbor ist sein Glaubensbekennt- nis zur Schönheit, und Leuchten geht von seinem Sterben aus. Den vornehmen, aber im Grunde gewissenlosen Modearzt— den Ben« nington— verkörpert jetzt Winterstein. Sehr erfreulich gab Cäcilie L v o v s k y Frau Ienifer. Prärofoelitisch in ihrer Erscheinung gab sie dem Shawschen Idol Wärme und Kühle zugleich. — r. Habima-Gaslspiel. Wieder war es der D y b e k Aus-kis, diesmal in hebräischer Sprache, der als erstes Gastspiel dieses jüdischen Theaters im Komödienhaus gegeben wurde. Ein Mysterien- spiel, beinahe in bvzantinisch-russischem Stil, von außerordentlicher Wirkung. Die Aufführung vor vielen Iahren in Jiddisch mutete vertrauter, jüdischer an. Eine seierliche Messe wurde diesmal unter der Regie WachtaNgows gegeben. Die darstellenden Kräst« wußten zu erschüttern, auch im nichtverstandenen»nd doch gefühlten Wort. Die Tänze waren von einer packenden Gestalttingskrast beseelt. Di« eigenanige Musik Engels verstärkte den Zauber der Ausführung. h?. ISlet der eiekttische Stuhl? Die Hinrichtung durch den elek- irischen Stuhl, die jetzt bei der Tötung von Sacco und Banzetti so viel besprochen worden ist. hat eine scharfe Kritik erfahren, und man hat behauptet, die Verurteilten würden auf diese Weise über- Haupt nicht aus dem Leben befördert. Diese Annahme erhält eine starke Bckrästtgung durch einen Aufsatz des berühmten dänischen Neurologen Prof. Diggo Ehristiansen, in dem er erklärt:„Der elek- irische Stuhl tötet nicht." Nach allen Erfahrungen hat der Arzt die Pflicht, Wiederbelebungsversuche bei Personen einzuleiten, die durch den elektrischen Strom anscheinend getötet sind, und häufig ist man dabei erfolgreich, denn das Aufhören der Atmung und des Herz- schlages ist kein Zeichen des Todes. Ei» Mensch känn erst dann sür tot erklärt werden, wenn die Todesstarre eingetreten ist oder sich Zeichen der Verwesung zeigen. In den dänischen Krankenhäuser» darf deshalb niemand aus dem Bett entfernt werden, bis 6 Stunden nach dem angenommenen Eintritt des Todes verstrichen sind. Zurück zu Ibsen. Die großen amerikanischen Blätter bringen unter diesem Stichwort die Voranzeige für die Aufführung des neuesten OMeill, das den Titel führt„Seltstimes Zwischenspiel". Das Stück behandelt ein Familiendrama, die unverstandene Frau. Es ist im Dialog der Tradition Ibsens angepaßt. Der zweite Ariesische Kongreß wurde Donnerstaavormittag in Lcuwarden tHolland) in Gegenwart von mehreren bundert Teilnehmern, darunter auch solchen aus Teutschland, eröffnet. Er ist vo» verichiedenen A-reinigungni zum Studium und zur Erhaltung der friesischen Sprache nnd Botksärt einberufen. Im Verlause der Sitzung hielt der Breslauer Nniversitäls- Professor Dr. Siebs einen Bortrag über die Friesen und ihre Sprache. Eröffnung öer Junkausstetlung. Di« Leute, die sich mit der Herstellung des Funkgeräts von Berufs wegen beschäftigen, die großen Firmen und die kleinen Bastler, diese ganze, noch so junge Industrie, ist wieder nach dem Kaiserdamm gezogen. Es bandelt sich um die alljährlich fällige Herbstausstellung des Verbandes der Funkindustrie, und das Funk- haus aus dem Messegelände ist bis auf den letzten Platz mit jenen komplizierten Geräten der drahtlosen Kunst gefüllt, die einem das Leben mehr oder weniger angenehm machen können. Was man zu sehen kriegt. Die Technik des Rundfunks hat heute einen so hohen Grad er- reicht, daß die Weiterentwicklung der Rundfunkgeräte nur mehr in gleichmäßigen Bohnen erfolgen kann. Wenn demnach auf der Aus- fiellung neu« umwälzende Erfindungen, die auf einer Fortentwick- luna der Physik beruhen, nicht erkennbar werden, so ist doch sestzu- stellen, daß an einer konstruktiven Durchbildung und Fortentwicklung des Funkgerätes jowi« der Einzel- teile von der Funkindustrie gearbeitet wurde. Di« Konstruktionen aller Einzelteile, wie Widerstände, Transformotoren, Spulen und Kondensatoren, sind von größter Vollkommenheit. Hand in Hand mit der Verbesserung der Einzelteile ging die Verbilligung ihrer Herstellung, was man* auch auf der Ausstellung le- slätigt finden wird. Die aus vorzüglichen und billigen Einzelteilen zusammengebauten Empfänger sind billig und doch leistungsfähig. Vor allem finden wir. daß bei den besseren Ausführungen befonde- rcr Wert auf große Selektivität g«legt wird. Bei d«n Empfängern tritt deutlich eine sehr erfreulich« Typenbeschränkung hrrvor. Für die einsachsten Ansprüche finden wir noch immer den Detektorempsänger. Doch tritt er als Ausstellungsobjekt im Vergleich zu anderen Jahren sehr in den Hintergrund. Als verbesserter Ortsempsänger mit Lautsprecherempfang wird nach wie vor ein Audion-Rückkopplungsempfänger mit Zweiröhren. Niederfrequenz-Verstärkung ang«. boten. Allerdings ist dieser Einpfänger, besonders wenn die Röhre unmittelbar an die Antenne geschaltet ist, ein sehr gefährlicher Räch- bar, da er vor allem der Urheber der bekannten Rückkopplungs- frörungen ist. Wegen seiner Billigkeit wird er sich aber nach wie vor weiter behaupten. Für höhere Ansprüche wird fast ausschließ- lich der Fünf, bis Sechsröhren- R e u t r o d y ne e m p s ä ng e r bevorzugt. Erst für die allerhöchsten Ansprüche, und wenn der An- schluß an kleine Rahmenantennen verlangt wird, kommt der Sechs- bis Achtröhren-Supcrheterodyneempfänger in Frage. Die Entwicklung der Lautsprecher ist weiter in der Richtung ge- ganeen, den Trichter entbehrlich zu machen. Die neuen Typen sind fast alle als Flächenlautsprecher ausgebildet und besitzen im allgc. meinen recht gute, gleichmäßige und natürliche Wiedergabe von Sprache und Musik. Auch in Formgebung Hot man sich bemüht, Schönes und Einfaches zu schaffen. Bei den Rohren wird besonders«ine neue Konstruktion interessieren, bei der der Heizfaden von der emittierenden Masse des Heizfadens vollständig oder nahezu getrennt ist, so daß der An- schluß des Heizfadens an das Netz nicht mehr die schwer zu unter- drückenden Geräusche geben wird. Einen großen Fortschritt finden wir bei der Durchbildung der Anodenbatlerien, und zwar ist die Entwicklung dahin gegangen,«in- mal die Laperfähigkeit zu erhöhen und ferner, um dem großen Stromoerbrauch, der für den Lautsprecherbetrieb erforderlichen Röhre gerecht zu werden, die Kapazität der Batterien zu vergrößern. Wir finden eine groß« Zahl von Typen, die mehrere Ampere- stunden ohne nennenswerten Spannungsabfall herzugeben, in der Lag« sind..„ Sehr ins Auge fallend ist der Fortschritt, den die Netzanschluß. geräle zeigen, die bekanntlich nur für Wechselstrom zugclasien sind. Diese Geräte sind vielfach so gebaut, daß sie nur den Änodenstrom liefern. Man findet aber auch Apparat«, die den Heizstrom mit- liesern, ohne daß störende Nebengeräusche austreten. Sehr erfreu- lich ist es, daß man dieses Jahr viel weniger von den unzulässigen Gleichstrom-Netzanschlußgeräten aus der Ausstellung findet. Die Reichspost zeigt auch In diesem Jahr wieder einig« wichtig« Anwendungen der Funktechnik und sonstige Einrichtungen, die durch den Rundfunk bc- solideres Interesse erlangt haben. In einer Koje wird ein Bild- s e» d e r ausgestellt, während in einer weiter entfernt davon liegen- den zweiten' Koje der dazugehörige Bildempfänger unter- gebracht ist. Für die Uebertraguna eines Bildes oder von Schrift- zeichen, die auf eine vorschriftsmäßige Blattgröße aufgezeichnet fein müssen wird ein Betrag von 2 M. je Stück erhoben. In einer ande- rcn Koje wird die Deutsche Reichspost die Mittel zeigen, die heute erfordersich sind, um eine genügend scharfe Wellenein- si« l l u n g bzw. Wellenkonstanz zu erreichen. In dieser Abteilung dürste noch besonders die Ausstellung der Ouarzkr ist alle interessieren, die bei der neuzeitlichen Wellen- Messung eine hervorragende Rolle spielen. In einer vierten Koje zeigt die Deutsche Reichspost eine� Reihe don Mitteln, die angewendet werden, um stark« Rundfunk- störer unschädlich zu machen. Wir sehen hier, in welcher Weis« die unangenehmen Straßcnbohnstörungen entstehen und was man zu deren Verringerung machen kann. Weiter sehen wir Heil- gerät« mit und ohne Störungsunterdrückcrschaltung, störende Motore �0 n i 9' n- C; 'Aq b tr, Lageplan der Funkausstellung. mit Schaltmitteln, um die Störungen zu unterdrücken usw. Schließ- lich ist noch vor einer der Kojen eine vollständige Schiffs- k a b i n e in natürlicher Größe aufgebaut, die die Einrichtung einer neuzeitlichen Schiffsfunkstation darstellt. Auch der Arbeiler-Radio-Bund hat unter den sehr interessanten Bastlerarbeiten in Koje 131 einixe Geräte ausgestellt, die seine Mitglieder selbst gebaut haben. Der Platz in der Funthalle hat sich in diesem Jahr al» so UN. zureichend erwiesen, daß es nolwendig war. die Ausstellungsfläche durch Hinzuno hm« der Wochenendhäuschen am Funk- türm zu vergrößern. Der Sender im Zlugzeug. Am gestrigen Vorbcfichtigungstage wurde den Vertretern der Presse ein sehr interessantes Experiment gezeigt. Der Sender Witz- leben setzte sich in Verbindung mit einem Flugzeug der deutschen Lusthansa, das über dem Messegelände seine Kreise zog und mit einem kleinen Telephomesender ausgerüstet war. Frage und Antwort des Mannes im Flugzeug waren im Lautsprecher ausge- zeichnet zu vernehmen. Zwischen dem Sprecher und Experimenta- tor Prof. Leuthäuser und dem Flugzeuggast entwickelte sich eine richtige Unterhaltung. Naoigotionsbefehle wurden erteilt und vom Flugzeug ausgeführt. * Die Ausstellung wurde heute mittag um 12 Uhr durch Staats- sekretär Sautter in Gegenwart des Oberbürgermeisters B ö ß und vieler Ehrengäste eröffnet. Sefeh! ist Sefehl! „Gehorsamsverweigerung" eines ReichSwehrsoldaten. Ein nicht alltäglicher Fall von Gehorsamsverweige- r u n g eines Reichswshrsoldaten beschäftigte heute das P o t s- dam er Schöffengericht. Angeklagt war der 28jährige Ge- freite Adolf S ch a t i n a t vom ReichzweHrr«giment 9 in Potsdam. Der Angeklagte, der feit 1917 Soldat ist, hat mehrere Gefechte im Kriege mitgemacht, war verschüttet und längere Zeit kränklich. Er war' kein besonders tüchtiger Soldat und dos Wasser fürchtete er besonders. Am 11. Juli war der Angeklagte ohne Grund zum Antreten der Nichtschwimmer in der Kaserne nicht erschienen. Am folgenden Tage fand in der Potsdamer Militärschwimmanstalt Schwimmunterricht statt. Der Angeklagte wurde an die Leine genommen und ihm aufgegeben, ins Wasser zu gehen und Schwimm- Übungen zu machen. Sratl dessen krabbelte er sich an dem Balken wieder aus dem Wasser heraus. Dann wurde er an die Krsvzlein« genommen, aber wieder kam er aus dem Wasser zurück. Er klagt« über Wadenkrampf und Uebelkeit, auf der Schwimmbrücke erbrach er sich. Auf den dritten Befehl, ins Wasser zu gehen, gehorchte der Angeklagte nicht. Zur Hauptverhandlung wurden drei medizinische Sachverständige und ern Sachverständiger für Körperübungen geladen.(!) Der Angeklagte machte zu seiner Verteidigung geltend, daß er an Atemnot und Angstgefühlen leide, jobald er ins Wasser komme, ebenso will es ihm«rgehen, wenn er einen großen Platz zu übergueren Hobe. Er ist der einzige So'dat im Regiment, der nicht schwimmen kann. Die Sach- verständig«» bezeichneten den Angeklagten als einen willensschwachen Menschen niit hysterischem Einschlag. Bei ihm sei zwar der Wille da ober die Energie fehle, jedenfalls sei er ein Soldat, wie er nach dem Gutachten der Sachverständigen nicht zu brauchen ist. Von jedem Soldaten wird aber gefordert, daß er schwimmen könne. Das Gericht verurteilte den Angeklagten zu 14 Tagen verschärftem Arrest. Außerdem, schwebt gegen ihn«in Ent- laisungsverfahren, da er als Soldat nicht mehr zu oerwenden ist. Todessturz des Rennfahrers Feja. Der Tod hält reiche Ernte im Lager der Rennfahrer. Auf der RennbahnOerlikon bei Zürich verunglückte am Donners- tag abend beim Training der 28 Jahrs alte Rennfahrer Ernst Feja aus Breslau. Er wurde infolge Reifenschadens vom Rade geschleudert. Beim Sturz verlor er die Schutzkappe, so daß er beim Anprall auf den Zcmentboden einen Schädelbruch erlitt und sofort tot war. Früh schon ging Feja zum Radsport, um als Amateur gute Plätze zu erkämpfen.' Ende 1924 wurde er Berufsfahrer._ Sranüftistung in einer Klavierfabrik. Das fseuer schnell gelöscht! In der vergangenen Nacht sah ein Wächter auf seinem Rund- gang einen Feuerschein in der Klavierfabrik von T h e i n am Sachsendamm 4 4. Er stieg in den Keller hinab und fand einen großen Haufen Sägespäne, der zusammengekehrt, mit einer schnell brennenden Flüssigkeit übergössen und an- gezündet war. Gleich darauf nahm er auch einen Mann wahr, der über den Zaun sprang, um das Grundstück zu verlassen. Er schoß zweimal hinter ihn her, traf ihn aber wahrscheinlich nicht. Weil er zunächst die Feuerwehr rufen mußte, so konnte er den Flüchtigen nicht weiter verfolgen. Die Wehr erschien bald und konnte das Feuer leicht löschen, bevor es Schaden angerichtet hatte. Während sie noch an der Brandstelle war, tauchte der verdächtige Mannwieder auf, wahrscheinlich, uni zu sehen, was aus seinem Anschlag geworden war. Der Wächter und Schupobeamte, die zu- gleich mit der Feuerwehr erschienen waren, verfolgten ihn, er entkam jedoch in der Dunkelheit über die Rangiergleise des Derichiebebahn- Hofs Tempelhofs hinweg und ist noch nicht ermittelt. Grubenunglück in Westfalen. Hamm, 1. September.(TU.) Auf der Zeche Grimberg bei Kamen ging gestern nach- mittag«in Teil einer Strecke zu Bruch, wobei vier Berg- arbeiter verschüttet wurden: drei von ihnen erlitten schwere Gehirnerschütterungen und innere Verletzungen, der vierte wurde leicht verletzt. Juteruatioualer Luftposttongrest. Im Haag wurde am Donnerstag der Internationale Luftpostkongreß eröffnet, dessen Aufgabe es ist, ein Ab- kommen über den internationalen Luftpostverkehr, dos Anfang 1928 in Kraft treten soll, auszuarbeiten. Auf dem Kongreß sind ZZ Länder vertreten. die Lohnbewegung öer Putzer. Entscheidung in 14 Tagen. Die im Baugewerksbund organisierten Putzer hatten ihre Fochgruppenleitung beauftragt, den Tanfoertrag zum 30. September zu kündigen und eine völlige Neugestaltung dieses Dertragcs zu fordern. Die Fochgruppenleitung hatte einen Vertragsenk- w u r f ousgearb«itet und den Unternehmern vor etwa a ch t Wachen zugestellt. Die wichtigste Forderung der Putzer ist die, für all« Putzarbeiten die Löhne tariflich zu regeln. Jetzt sind nur die Löhne für einige Jnnenputzarbeiten tariflich geregelt, olle übrigen Arbeiten und die gesamten Außen putzarbciten unter- liegen der freien Vereinbarung. In dem jetzigen Tarifvertrag heißt es, daß di« Arbeitszeit die gesetzliche sei. Gefordert wird, daß die Arbeitszeit vom 1. Fe- bruar bis. 30. November täglich acht Stunden, und in den Monaten Dezember und Januar sieben Stunden beiragen soll. Sonn- abends soll dis Arbeitszeit nur 6V2 Stunden betragen und an den Togen vor den hohen Festen um 1 Uhr Arbeitsschluß sein. Mit der tariflichen Icstl«guna sämtlicher Löhne soll mit einem schon über 50 Jahre bestehenden Zustand gebrochen werden, der sich wohl früher bewährte, als die Unternehmer durchweg aus der Praxis hervorgegangene Fachleute waren, heute aber, wo an ihre Stelle Banken und Syndizi getreten sind, unhaltbar geworden ist. Zumal in der letzt«n Zeit wurden Akkordsätze vereinbart, bei denen di« Putzer noch nicht einmal ihren tariflichen Stundenlohn ver- dienten. Die Unternehmer ließen sich endlich am 29. August zu Ver- Handlungen herbei, in deren Verlaus sie immer wieder erklärten, daß die Forderungen der Arbeiter für sie unannehmbar s«i«n, und lehnten jede Diskussion darüber ob. Sie teilten weiter mit, daß sie noch ihre Gegenvorschläge ausarbeiten müßten, worauf schließlich die Verhandlungen bis zum 14. September vertagt wurden. Der Fachgruppenoorstand hat darauf in seiner Sitzung am Min- woch b«schlossen, von dem einmal beschrittenen Weg nicht ab- zuweichen. Er ist bereit, weiter zu verhandeln, wcnn die Unter- nehmer aus die Forderungen der Putzer eingehen wollen. Wollen sie das nicht, wird er alle Schritte unternehmen, um die Forde- rungen gegen den Willen der Unternehmer durchzusetzen. Ueber dieses Ergebnis der Verhandlungen berichtete am Donnerstag abend der Fachgruppcnleiter Genosse Lehmig in der stark besuchten Versammlung der Putzer in den Residenzfestsälen. Die Versammelten waren über das ablehnende Verhalten der Unternehmer sehr ausgebracht. Alle Diskussionsredner vertraten die Auffassung, daß am 1. Oktober die Arbeit niedergelegt werden müsse, wenn die Unternehmer auf die Forderungen nicht eingehen wollen. Die Fochgruppenleitung wurde b« 0 u f- trogt, an den ausge st eilten Forderungen sc st- zuhalten und alles vorzubereiten, um bei weiterer Hartnäckigkeit der Unternehmer den Kampf für dies« Forderungen ausnehmen zu können. Sechzig Jahre organisiert. Der„T a b 0 k- A r b e i t e r", das Organ des Deutschen Tobak- arbeiterverbandes, brachte in seiner letzten Nummer das Bild des Genossen Wilhelm F e l d in B u r g st e i n f u r t, der am 31. August 80 Jahre alt geworden und seit S0 Jahren organisiert ist. Feld wurde 1847 in Krefeld geboren, erlernte die Zigarrenmacherei und begab sich 1867 auf die Wanderschaft. In Mündelheim wurde er in diesem Jahr« Mitglied des Allgemeinen deutschen Zi- garrenarbeitervereins. An seinem jetzigen Wohnsitz grün- dete er im Jahre 1870 eine Ortsgruppe der Organisation und leitete 1872 den Zigarrenarbeiterstreik. An den Gencralversamm- l u n g e n der Tabakarbeiterorganisation hat Feld in den Jahren 1889 bis 1898 wiederholt teilgenommen. Und wie das vor allem in der Frühzeit der Gewerkschaftsbewegung selbstverständlich war, betätigte sich Feld auch politisch. Im Oktober 1868 trat er dem Lassal- leanischen Arbeiterverein bei und im folgenden Jahre schwenkte er mit Fngsch« und anderen zu den E i s e n a ch e r n ab. Hervorragend beteiligte sich Feld an der Gründung von Orts- gruppen der Partei in Hann.-Münden, Soest und Burgsteinfurt. Im Jahre 1890 stellte die Sozialdemokratische Partei Wilhelm Feld als Reichstagskandidaten für den Wahlkreis Ahaus-Stein- furt-Tecklenburg auf. Seine Agitation schafft« dem Soziaiismus in dieser teilweise noch recht dunklen Gegend Eingang. So hat der Zigarrenmanchcr Wilhelm Feld während rund 60 Jahren s«iner 80 Lebensjahre der gewerkschasiltchen und politischen Arbeiterbewegung zur Ausbreitung oerholfen, wofür ihm diese zu großem Danke verpslichtei ist. Dieser Dankespflicht wird am besten entsprochen, wenn wir Jüngeren uns den Eifer für die sozialistische Organisation und die Treu« zur Organisation, wie sie unser« Alten wie Feld bekundeten, als gutes Beiipiel dienen lassen. Tcxtilarbciterstrcik in G-ra. Gera. 1. September.(25X23.) Heut« sind die Arbeiter d«r München-Bernstorser Textilbetrieoe in den Streik getreten, nachdem der Svruch d«s Schlichtungsaus- fchusses, der eine Lohnerhöhung, von-4 Proz. vorsah, von ihnen abgelehnt worden war._ Kampfesweise des Unternehmertums in Japan. Polizei und pinkerlongarden Hand in Hand. Die Arbeitskämpfe in Japan beginnen allmählich Formen anzunehm«n, di« an die berüchtigtcn P i n k e r t 0 n- Methoden erinnern. So wird zurzeit ein Streik i» der Fabrik Dai Nippon Spinning Company in Tokio von der Gesellschaft mit Hilfe der Polizei geführt. 5heftige Zu- sammenstöße zwischen den Streikenden und der Polizei waren die Folg«. 600 Frauen werden von der Gefellschast innerhalb des Fabrikgrundstückes wie Gefangene gehalten, um ihnen jede Verbindung mit den Streitenden unmöglich zu machen. Die- jenigen, die sich mit den Aufständischen solidarisch erklären, werden gewaltsam am Verlassen d«r Arbeit» st ätte ge- hindert. Die Fabriktore sind verbarrikadiert und werden von einer 20 0 Mann starken, bis an die Zähne bewaffneten Schutzgarde bewacht, die ihrerseits wieder durch polizeiliche Absperrung aller nach dem Betriebe führenden Straßen und Plätze gedeckt wird. Als die Ausständig«» in der 21äh« der Fabrik eine Ver- s a m ml u n g zur Besprechung der Streiklage abzuhalten versuchten, wurden sie von der Polizei angegriffen. Vier Mitglieder der Streikleitung wurden dabei verhaltet. Auch ein Dcnionstrotions- zug vor der Fabrik wurde gemeinschaftlich von der Polizei und den Pinkerton-Garden auseinandergesprengt. Augenblicklich stehen an- nähernd 2000 Arbeiter und Arbeiterinnen im Streik, der sich gegen die Herabsetzung der in der japanischen Textilindustrie ohnehin schon sehr niedrigen Löhn« wendet. Die Allgemeine Japanische Gewerkschafts- federation hat die Führung des ursprünglich wilden Streiks in die Hand genommen und zur Ernährung der falt sämtlich mittel- losen Ausständigen am Sitz der Streikleitung eine Küche eingerichtet. Die Sparkasse der Dank der Arbeiter. Angestellten und Deamlen A.-G„ Verlin. Wallstr. KS. ist täglich mit Ausnahme von Sonnabend von 9—3 Uhr und 4— 6 Uhr. Sonnabends von 9—1 Uhr geöffnet. Verantwortlich für Politik: Richard»«rast, In: Wirtschaft:». iNingrlhöscr: Girwerkschottsb-w-min«: ffrirtr. lickara: Feuilleton: R. K. DRchrr: Lokal«» und Sonstiae»: Friz Karstadt; ilnzeiqen: TI>. S locke: sämtlich in Tcrl>n. Bkrlag: Vorwart-.Derlaz G. m. i>. H.. Verlin. Sruck: Vorwärts.Buck.druckerei und Verlagsonstalt Paul Linaer v To. Berlin EW K8, Lindcnstrah« Z. chlerja 1 Beilage. ßefdiäfite-Jlnjäger (SiezirSz Jlortiert- Cften. & Restaurant Patzenhofer Joachim Willert, Jllexanderstr. 42, amA/exanderpiah ßiere: Beste Speisen• Getränke ßiere. 6i20-=2O, sI20�25 Spezialität: Hachepeter•-6/2o=2ö,8/20=25 Möbel- Hasemann Neue Schönhauser Straße 1 (Edte WelnmelsrerslraÄ«) Filiale; Lothringer Straße 25 (Sdiennauser Tor) Sleis 200 aufgestellte Zimmer in 4 EtaOen in feder Preislage no AniCrligung nach eigenen und gegebenen Entwürfen| □ i BANDAGIST LANGEtf |2t Im Siadibad an der Sdiidia�tbrücke 2 werden Sie erstkl. bedient Spezialität: 3 T 3 iB E Ä I WbthSddAc Scliönheitspile.ere» Haarfarben* Pediküre. 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Seit dem Tage, da Bethmann-Hollweg in kritischer Zeit den Ausspruch getan hat: Freie Bahn dem Tüchtigen, ist in der Schule manche Reform durchgeführt worden, aber die wesentlichste: die Befreiung des Menschen von dem über- mäßigen Eramenszwange ist noch immer nicht eingetreten. Es ist nun einmal so: der Deutsche hat von allen zivilisierten Völkern die größte Ehrfurcht vordem ab- gestempelten Wissen, und man muß leider verzeich- nen, daß dieses unfreie Wesen auch im neuen Staate sich un- gebührlich breit macht. Wohl ist auf politischem Gebiete die Schar derer, die aus dem Volke heraus als neue leitende Kräfte emporstiegen, nicht gerade klein zu nennen, während z. B. das grausige Kriegshandwerk in den Iahren 1914— 1913 keinen führenden Kriegshelden aus der Masse der„Müsch- koten" schuf. Aber es kam nicht dazu, den Beamtenkörper so umzuformen, daß die Republik auch wirklich von Republikanern verwaltet wird. Und dort, wo das Kapital herrscht, wurde der Bildungsdünkel erst recht genährt; heute wird von dem Lehrling, den die Maschinenfabrik sucht, das Ä.bitrrrientenexalllen verlangt. Erfreulich ist, daß troiz der schwierigen wirtschaftlichen Lage ein Anwachsen der Zahl der Schüler höherer Lehr- anstalten aus dem unteren Beamten-, Angestellten- und dem Arbeiterstande nachgewiesen werden kann. Daß von der oberen Gesellschaftsschicht dieser Aufstieg nicht sympathisch begrüßt wird, ist begreiflich: sie ist in der Lage der baltischen Barone, die nicht dulden wollten, daß die lettischen Dienst- mannen deutsch lernten. Wer als Schulleiter sich um das soziale Moment der häuslichen Erziehung kümmert, wird den höher strebenden Kindern das vollste Lob spenden können; die so oft prophezeite Entfremdung des an Wissen reicheren Kin- des von den einfachen Eltern tritt nicht ein. Dies fei zur Ehre unserer oft verleumdeten Jugend bemerkt. Die große Masse des Durchschnittspublikums hängt aber nach wie vor an der offiziellen Abstempelung ihrer Sprößlinge durch die Schule. Ein Beispiel bietet die Abschaffung der Verteilung der Klaffen- plätze nach der Güte der Zensuren; was dem vernünftigen Pädagogen eine durchaus einleuchtende Sache ist, wird von vielen Eltern bejammert.„Denken Sie sich, unser Gustav ist wieder sechs Plätze heraufgekommen— dä muß man ihm doch etwas dafür kaufen," solche Reden sind heute nicht mehr möglich. Nur dreimal im Jahre zieht die Zensur den Quer- fchnitt durch das Wissen und Betragen des Schülers. Für die Mehrzahl der Berufe, so für den Beamten-, Ge- lehrten-. Technikerstand usw., ist die Voraussetzung die Ab- foloierung der ganzen Schule, also das Abiturium, oder die Erreichung einer gewissen Klasse. So hat sich im Sprach- gebrauch der Schüler noch das sogenannte„Einjährigen- cramen" erhalten, das aber auch früher für den Schüfer der Vollschulen kein Examen war. Vielmehr brachte der Auf- stieg von Unter- nach Obersckunda die Berechtigung bei, nur ein Jahr zu dienen, und das ältere Geschlecht wird wissen, wie sich die Schar der Schüler lichtete, sobald die Zensur des Untersekundaners den Vermerk„wird oersetzt" enthielt. Dieses BereGtigmtgsroesen, das sich, wie gesagt, an bestimmte Klassenerreichung knüpft, ist nicht nur wie im alten Obrigkeitsstaat geblieben, sondern hat sich noch stärker durchgesetzt; weit ab ist man vom amerikanischen System: hier hast du ein Amt, eine Tätigkeit— sieh zu, wie du fertig wirst. Jenem System hat nun der „Bund entschiedener Schulreformer"(Berliner Vorstand: i. A. Paul Oestrcich) den Krieg erklärt, aus der Grundanschauung heraus, daß das Bcrcchtigungswesen„als Auslesesystem f a lf ch ist und das mehr oder weniger mechanische Schulwissen an die Stelle sachlicher Eignung setzt." Man wird der hierin liegenden Kritik unbedingt beipflichten können; jeder Schüler in höherem Semester weiß, welche Wissenslast er mit sich umherschleppt, die er nur des Examens wegen sich aneignet, und die er nachher so schnell als möglich zu"vergessen trachtet. Wenn auch manches hiervon unter der Flagge: Geistes- gymnaftik fegelt, so wäre dieser Zweck auch auf bessere Weise erreichbar.— Zweifellos ist das im Schachdorf Ströbeck den Schülern beigebrachte Schachspiel oder auch die hier und da betriebene Zeitungslektllre ein gleichartiges Moment. Weiter führt der„Bund" zum Beweise der Schädlichkeit des jetzigen Systems aus: dieses unnötige Wissen wird Kin- dern beigebracht, deren Eigenart es keineswegs entspricht, denen aber die Tatsache, daß ihnen— und zwar ihnen allein � dieses mechanische Wissen den Weg zu diesen und jenen Aemtern und Stellungen öffnen kann, einen geistigen Hochmut oerleiht, der zum Schaden für die Beziehungen der verschiedenen Beoölkerungsklassen zu einander ausschlägt. Man kennt das Kastenwesen in Beamten- und Angestellten- kreifen, das in früherer Zeit im Reserveleutnant seinen typischen Ausdruck fand— man weiß auch, daß die Ab- f-hließung der Stände in Süddeutschland nie so weit gegangen ist und geht, wie dies im preußisch beeinflußten Norden der Fall ist. Der Schluß, den der,„Bund" zieht, ist die »volle BeseUigmtg des Berechtigungswefens". Um die Jugendbildung zur Entfaltung aller wesentlichen Gaben jedes einzelnen zu bringen, wäre nötig, die„gleich- mäßige produktive Schulung der intellektuellen, künstlerischen, techni'sch-werktätigen, sozialen Anlagen, ohne Trennung in verschiedenen berechtigten Schulen". Wie bekannt, ist man heute wenigstens so weit vorgeschritten, daß vor der Berufs- wähl eine"Begabtenprüfung erfolgt, die die vorhandenen Fähigkeiten feststellt. Daß das von dem„Bunde" angestrebte Ziel einen weit größeren Einfluß auf die Entwicklung der im Kinde schlummernden Eigenarh haben muß, ist einleuchtend, da die Schulung sich bereits a?f solche Anlagen erstreckt. Zur Erreichung des idealen Zieles soll der Abschluß der allgemeinen Bildung mit der Pubertät erfolgen zugunsten eüirx ümgarea imö Lerujsjchulung. Wie soll 0d)i5pfet:ifd)ß Jugend. Beruerkungen zur Berliner Iugendausftelluug. Wieberholt schon sind in den vergangenen Iahren in größeren Städten Ausstellungen der Jugend veranstaltet worden mit dem Bestreben, der breiten Oeffentlichkeit das Eigenleben der modernen Jugend, soweit sie sich zur Jugendbewegung bekennt, zum Bewußt- sein zu bringen. Diese Ausstellungen erwiesen sich fast stets als ein mehr oder minder großes Fiasko. Das war natürlich. Der positive Gewinn der Jugendbewegung läßt sich nicht leicht aus einer Ausstellung zur Schau bringen.'Was die Ausstellungen zeigten, waren zum größten Teil ungenügende Resultate irgendwelcher Selbstbetätigung der Jugend in ihrer freien Zeit, war ein Dilettan- tismus, der in seiner Leistungshöhe oft weit hinter der Hausarbeit, den Freizeitarbeit�i früherer, kleinbürgerlicherer und familiärer Zeiten zurückstand. Zurückstehen mußte, denn da die Lebensformen der modernen Jugend ander« geworden find, muß folgerichtig auch das schöpferische Leben anderen Ausdruck finden. Eine von einer Reichszentrale aus organisierte Ausstellung, wie die jetzige Berliner Schau, durste nun aber zu der Hoffnung berech- tigen, daß es den Veranstaltern gelingen werde, das so oft erstrebte Ziel wirklich einmal zu erreichen, das charakteristische Wesen der Jugendbewegung zu erfassen, zmn Ausdruck zu bringen, ob eigene gestaltende Kraft in der Jugendbewegung vorhanden ist, und wie sie sich im gesellschaftlichen Leben innerhalb seiner politischen, künstle- rischen und wissenschaftlichen Bereiche, sowie allgemein kulturell darstellt. Wie sind die Veranstalter mit ihrer Aufgabe fertig geworden? Der erste unmittelbare Eindruck von der Ausstellung ist denk- bar g ü n st i g. Die Art. wie diese Ausstellung arrangiert wor- den ist, die Fähigkeit ihrer Gestalter, nicht nur das an sich schon anschauliche allgemeine Iugendleben und-treiben lebendig darzu- stellen, sondern auch nüchterne, sonst nur in abstrakten, vom Aus- stellungsbesucher doch übergangenen Zahlenstatistiken, bearbeitete Fragengebiete durch künstlerische und technische Mittel so eindrucke- voll und verlockend zur Anschauung zu bringen, zeugt von sicherem, pädagogischen Gefühl und verrät einen Arbeitswillen, der der Jugend alle Ehre macht, ist eine schöpferische Leistung. Der Ein- druck von der Ausstellung wäre restlos befriedigend, würde sich ein gleich starker und schöpferischer W'lle und ein ähnliches originelles Gefühl auch sonst noch äußern. Daß man es bezweckte, daß die Ausstellung tatsächlich vom kulturellen Willen der Jugend zeugen sollte, verrät dasjöorwort der Programmschrist, in dem es heißt: „Der Anspruch auf ein lebbastes Allgemeininteresse wird aber vor allem durch den Teil des Ausstellungsplanes begründet, der vom Kulturwillen der deutschen Jugend Zeugnis ablegen soll. Wir stehen in der deutschen Jugendarbeit nicht nur vor einer weit verzweigten jugendpflegerischen Tätigkeit, sondern die deutsche Jugend- bewegung ist heute gleichzeitig in hohem Maße Kulturbcwegung. Mir sehen in der jungen Generation der Gegenwart Ansätze zu einer neuen Lebcnsgestal- t u n g, wir setzen überall eine eigenartige Einstellung der Jugend zu den großen Problemen unserer Zeit, und mehr und mehr greifen diese neuen Kräfte auch in das gegenwärtige Geschehen ein." Wenn das so ausdrücklich betont wird, muß man annehmen können, daß sich die Veranstalter auch wirklich darum bemüht hoben, hierfür den Beweis zu bringen. Im Interesse des guten Rufes der Jugendbewegung möchte man das bezweifeln, denn das, was von diesen Ansätzen zu neuer Lebensgeftaltung auf der Ausstellung ge- zeigt wird, ist wenig, und selbst das wenige oerblaßt, mag es sich nun um Zeugnisse aus politischem, wissenschaftlichem oder kllnst- lerischem Schassensgebicte handeln, gegenüber den Leistungen, den wirklich revolutionären, das ganze gesellschaftliche Leben beein- flussenden Schöpfungen, die uns eine nicht als Jugendbewegung, wenn auch als„die Jungen" in die Geschichte eingegangene Gene- ration geschenkt hat, ich meine die achtziger Jahre. Doch, wie gesagt, ganz so gering, wie es nach der Ausstellung scheint, sind in Wirklichkeit die geistigen Ergebnisse der Jugendbewegung nicht. Die deutsche Jugendbewegung ist heute bereits über zwanzig Jahre alt. Ihre ersten Führer und Vertreter stehen in reisen Iahren, haben aiso längst Gelegenheit gefunden, ihre lebensreformatorische Kraft, ihr gesellschaftsgeftaltendes Wirken zu erproben. Peter Polier fragt« vor längerer Zeit in einem Aufsatz in der Weltbühne,„Alter Wandervogel" betitelt, einmal nach diesen Proben. Er kam zu dem Urteil, daß von erfolgreichen Ergebnissen der Jugendbewegung kaum etwas zu spüren sei. Warum nahm die Jugend jetzt nicht die Gelegenheit wahr, sich gegenüber diesen An- schouungen, die keinesfalls vereinzelt sind, zu rechtsertigen? Warum uersiichte man nicht in gleicher lebendiger Form, wie man die zeit- lichcn Nöte der Jugend veranschaulicht hat, den Einfluß der Jugendbewegung, so weit er vorhanden ist, auf das gesell- schastliche Leben zur Darstellung zu bringen. Also zum Beispiel aus die junge Lehrerschaft, das neuzeitliche Volksbildungswesen(Volks- Hochschulen, Bolksbibliotheken, Arbeiterbildung), auf die Jugend- gerichtsbarkcit, das Fürsorgewesen, die Jugendpflege, den Lehrlings- schütz, aber selbst auf Gemcrkschafts- und Parteibewegung, sowie auf das künstlerische Leben twenngleich er auf diesem Gebiete am schwächsten sein dürfte). Man hat sehr geschickt das Freizeiten- Problem behandelt. Zahlreiche der erwerbslosen Freizeitenkurse haben unter ausschließlicher organisatorischer und geistiger Leitung von Jugendlichen gestanden. Warum würdigt man diese Leistun- gen nicht? Sie verdienten, ebenso in den Vordergrund gestellt zu werden, wie es die Erscizeinung des fast rein aus der proletarischen Jugendbewegung hervorgewachsenen Arbeitcrstudcntentums vcr- dient«. Gezeigt werden hätte ferner müssen der lebensgestaltende Wille der Jugend in der Wohnungsgestaltung, der Kampf der Jugend mit den alten Gewalten, den überlieferten Formen, den überholten Sitten. Alles das ist wesentlich, ist selbst da noch wesent- lich, wo es nur negative Ergebnisse gezeitigt hat, denn noch im Unterliegen kann ein Wille sichtbar oder fühlbar werden. Selbstverständlich ist es schwer, geistiges Leben sichtbar zu machen, das nicht in abgeschlossenen Arbeiten vorliegt, sondern vcr- flochten und einbezogen ist in das organische gesellschaftliche Leben. Aber irgendwie hätte es versucht werden müssen. Da man es unter- lassen hat, kann die Ausstellung das Wesen der Jugend auch nur un- vollkommen zum Ausdruck bringen. Karl Ullrich. nun die Feststellung der für Aemter und Berufe notwendigen Befähigungen, Kenntnisse und Fertigkeiten gemacht werden? Der„Bund" schlägt hierfür den Nachweis »durch Einstellunzspröfung uud Erprobung" vor. Gleichzeitig fordert er die Einrichtung von Prüfung?- und Feftftellungämtern, bei denen jeder Jugendliche unäb- hängig von seiner Vorbildung sich prüfen lassen kann. Da nun die erstere Forderung, Einstellungsprüfung, wohl das pädagogisch-technische Leistungsvermögen der in den Schulen tätigen Männer und Frauen übersteigen wird, dürfte das zu zweit genannte Prüfungsamt den ausschlaggebenden Faktor bilden. Dabei wäre zu beachten, daß schließlich doch die Lehr- kräfte den heranwachsenden Schüler am besten zu beurteilen vermögen und daher bei der Errichtung solcher Prüfungs- ämter nicht übergangen werden könnten. Auch würde ihre Mitwirkung sich günstig in dem Sinne erweisen, daß die der Auslese aller Begabten dienende Institution nicht wieder bloß den aus höheren Schichten stammenden Schülern zugute käme, die durch weltmännisches Zluftreten den Vorrang vor dem weniger gewandten, aber begabten, ärmeren Mitschüler erhielten. Daß als eine weitere prinzipielle Forderung der Fortfall aller Schulgelder verlangt wird, fei noch erwähnt. Schließlich eine scheinbar einfache, aber in der Praxis doch wohl nicht leichte Forderung: Ersatz der Klassenzensuren durch Leistungs- und Veranlagungszeug- nisse. Hiermit wird dem Lehrkörper eine Aufgabe zu- gewiesen, die nicht leicht zu lösen ist. Wäre es nicht möglich, daß die Lehrer je nach ihrer eigenen Veranlagung und Ein- ftcllung verschiedene Veranlagungsmomente entdecken? Da die neue Forderung aber auch Leistungszeugnisse aufführt, so ist hier wohl mehr eine Zusammenfassung der Einzelzensuren zu einem allgemeinen Urteil anzunehmen, dem dann die Ver- anlagungsprophezeiung angehängt wird. Unstreitig hat die Erklärung des„Bundes entschiedener Schulresormer" eine Frage zur Diskussion gestellt, die das größte Interesse für alle Kreise hat. Gerade die hart arbeitenden und mit jedem Pfennig rechnenden Klassen müssen in die Lage gesetzt werden, für ihre Kinder die Möglichkeit eines Aufstiegs zu erhalten. Und alle in dos Leben ein- tretenden Jünglinge und Mädchen sollten stets auf ihre Schul- zeit als auf eine Periode der Arbeit zurückblicken können, die nicht der Schule, den Lehrern gewidmet war, wohl aber in ihnen selbst das Bewußtsein weckte, nicht nur an Wissen, sondern auch an innerer Bildung ein Höchstmaß erreicht zu haben._ i£)as„Kinderfest". Als Antwort an den Festkritiker!n der letzten Nummer der „Kulturarbeit" geht uns folgendes Schreiben zu: Es sei mir als einem, der in dem Spiegel der Kritik vom 26. August 1927 sich selbst erkennen will und der Sie Richtigkeit der Kritik anerkennt— mcht aber die Berechtigung des Kritikers—, vergönnt, dem Kritiker folgendes zu antworten. Es ist zu bedauern, und fordert viere G-noijen zur. SeldsUrrüX dem werden kann, Frage kommenden Wahlverein— dessen Struktur allerdings eine andere ist als in einem Arbeiterbezirk— von über 1000 Mitgliedern, sich nuretwa 10 Pro z. Genossen zur Parteiarbeit b e r e i t f i n d e n, die in allen mit der Partei verbundenen Organi- sationen ebenfalls als Funktionäre tätig find. Gerade jene, die den besten Willen haben, Gutes und Großes zu leisten, geben oftmals ihr schwaches Können zu und beklagen sich bitter, daß all die Kritiker niemals für eine praktische Mitarbeit zu haben s i n d. Es ist nicht bekannt, ob der Kritiker zu dem Stab der täligen Parteigenossen gehört, was aber bezweifelt wird, denn wäre es der Fall, so wären die kritisierten Mängel und Fehler nicht vor- gekonimen, da lein Rat und sein« Mitwirkung sie vmmedea hätten. Dos Recht zur Kritik kann nur dein zuerkannt werden, der den ehrlichen Willen zeigt, positiv und praktisch mitzuarbeiten. H. 'Wandern als �ulturaufgabe. „Das Wandern, das Wandern"— ein frischer, lebendiger Rhyltz- mus, eine befreite, selige Stimmung zieht durch die frohe Melodie des Schubert-Liedes vom Müller, der sich hinaus sehnt in die weite Welt. Diese Sehnsucht nach vollkonimener Entspannung, noch Schweigen und Stille ist nur zu verständlich. Denn der Uber- inüdcte, abgehetzte Mensch hat genug und übergenug von Erleb- nissen und Eindrücken, er will endlich einmal allein sein, um auf stillen, abgelegenen Wanderwegen zu sich selbst zu kommen. Für ihn bedeutet das Wandern das selige Bewußtfein, losgelöst zu sein von dem Hetztempo der Arbeit, an Stelle der Maschine!: den Gesang der Vögel, das Rauschen der Baumkronen hören zu dürfen. Für ihn schließt der stille, gemächliche Wandertag das Glück in sich, endlich einmal sein eigenes Tempo, seinen eigenen Rhythmus bestimmen zu dürfen. Aber man müßte an der Zukunft verzweifeln, wenn man an- nehmen wollte, die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse hätten es fertig gebracht, die gesamte Arbeiterklasse in dieser Weise zu zer- mürben. Glücklicherwcije gibt es überall sportgestählte, kraftvolle, gesunde Proletarier, die immer wieder mutig den Kampf mit dem Leben, mag er noch so mühselig und schwer sein, ausnehmen. Für sie bedeutet die Alltagsarbeit ein immer sich erneuerndes Messen ihrer eigenen Fähigkeiten. Das ncroenzerrüttende Rattern der Maschinen vermag ihre Seele nicht zu zermürben, sondern jeder Schlag hämmert in ihr Bewußtsein nur noch fester das große Ziel der Verwirklichung des Sozialismus Für diese Arbeiter bedeutet auch das Wandern einen Teil ihrer Weltanschauung. Nicht Abgeschieden- heit, Natursrieden, vollkommene Entspannung, sondern die Aus- »ahme neuer Eindrücke, die Kenntnis neuer Lebensumstände, den Gedankenaustausch mit Werktätigen anderer Gegenden, anderer Vc- rufe— das ist es, was sie in die Weite hinaustreibt. Für sie ist das Wandern nicht nur das selige, beschauliche Ruhen in Heide und Wald. Sie haben den Drang in sich, tiefer hineinzublicken in die Wirklichkeit des Daseins, das für sie nicht losgelöst von den Menschen ihrer Klasse, in der reinen Freude an der Naturschönheit, besteht. Wenn andere sich begeistern am Anblick der stillen, im tiefsten Frieden liegenden Dörschen und das Geschick der Menschen rühmen, die darin wohnen dürfen, so kann ihnen diese Art des Manderns nicht ge nügen. Sie betrachten das friedliche Dörschen nicht nur aus der Ferne, sondern sie gehen hinein in die kleinen Holzhäuser usd versuchen einen Einblick in das Leben seiner„glücklichen" Bewrchvcr zu bekommen. Der Arbeiter, der auf diese Weise seine Heimat und, wenn er über Sprachkenntnisse verfügt, auch da? Ausland durchwandert, wird mit der Zeit eine Förderung seiner volkswirtschaftlichen und poli- tischen Kenntnisse, eine Vertiefung seiner gesamten Bildung erfahr-n, wie sie ihm anschaulicher und eindrucksvoller kaum dargeboten ..._____ i*L EM. Von niederstürzenden.Hölzern erschlage«. Auf dem Gelände der Firma Memlock. Messen u. Hirschfeld am Blockdammweg'2 in K a r l s h o r st ereignete sich heute früh ein folgenschwerer Unfall. Der 29jährige Maschinist Erich D r e w e S aus der Karl-Egon-Straße 21 zu Karlshorst wollte gegen 4� Uhr morgens einen vierrädrigen Karren auf einen Bohlenbelag schieben. Plötzlich brach ein Rad, und der Wagen, der mit Fournierhölzern beladen war, stürzte um. Drewes wurde unter den Hölzern begraben. Erst einig« Zeit später konnte er von dem Betriebsleiter der Firma, der hinzukam, aus seiner entsetzlichen Lage besreit werden. Der Verunglückte hatte schwere inner« Verletzungen davongetragen und mutzte in das Königin-Elisa- beth-Hospital überführt werden, wo die Aerzte nur noch den in- zwischen eingetretenen Tod feststellen konnten. Die Leiche wurde polizeilich beschlagnahmt. Gefährliches Spielzeug. Die Spandauer Feuerwehr wurde heute vormittag gegen 11� Uhr nach der Predigergartenstrohe 1 alarmiert, wo in der im vierten Stockwerk gelegenen Wohnung des Schneiders B. Feuer ausgebrochen war. Der Brand tonnte nach kurzer Zeit ge- löscht werden. Ein zweijähriges Kind trug schwere Brand- - mt« S-« n am ganzen Körper davon ltnd mutzte in das Spandauer Krankenhaus geschafft werden, wo es hoffnungslos daniederliegt. Die drei Kinder der B.schen Eheleute im Aller von 2, 3 und 5 Jahren waren für kurze Zeit allein in der Küche geblieben. Das jüngste Kind spielte mit Streichhölzern, wobei die Kleider und Möbel in Brand gerieten. Durch das Geschrei de? Kinder wurden Hausbewohner aufmerksam, die sofort die Feuerwehr herbei- riefen._ Sport. Sport in den Messehallen. Wie das Ausstellungs-, Messe- und Fremdenverkehrsamt der Stadl Berlin uns mitteilt, sollen die Hallenanlagen am Kaiserdamm nach ihrem völligen Uebergang in die Verwaltung der Stadt außerhalb der Au-stellungs- und Messezeiten für die Veranstaltung von sportlichen Wettkämpfen aller Art zur Verfügung stehen. Das Amt hofft hierdurch, an seinem Teil zur Sicherung großer sportlicher Veranstaltungen für die Reichshaupt- stadt beitragen zu können. Den Auftakt der Sportveranstaltungen am Kaiserdamm bildet«in b o x s p o r t l l ch e r Abend am Freitag, 9. September, in der Reuen AutoHalle, bei dem ssch Franz D! e n e-r nnd Charles Smkich, Dcmdem. gegenüber. stehen werden. * Sonnabend abend Beginn der Ringkämpfe im Sportpalast. Um den in den letzten Jahren in den Hintergrund getretenen Rings.pcrt wieder zu neuem sportlichen Leben zu verhelfen, veranstaltet der Sportpalast ab Sonnabend abend internationale Ringkämpse Dreiunddreitzig Ringer von Namen haben bereits ihre Meldungen abgegeben. Für eine Durchführung der Kämpfe im streng sportlichen Geist bietet die Zusammensetzung des Schieds- gerichts Gewähr. Beginn der Kämpfe um 8 Uhr. Arbeit«. Angcstellte und Beamte besuchen alle die Berliner BergnUgungs- Plätze, wo ihnen in de» Abendstunden nach des Tages Mühen und Arbetl ein« angenehme Abwechslung zu ganz soliden Preisen geboten wird..Insolgc der- Eintritts in den Herbst und da die Tage zusehends lürzer werden und es früher dunkel wird, beginnen die Vorstellungen fernerhin bereits schon um Uhr. Die P-rgnügungsplätze werden pünktlich 18 Uhr mit vollem Betrieb eröffnet, so daß auch diejenigen, welche in den späten Abendstunden geschäftlich verhindert sind, dte Möglichkett haben, die Attraktionen usw. in Augenschein zu nehmen. Durch den immer stattfindenden Wechsel der Ge, schäsic sowie Alirakfionen usw. verändert st» das Bild der Berliner Vcr» gnügpngsplätze ran Woche zu Woche. Ein reger Besuch dieser Veranstaltungen wird daher bestens empfohlen. Wir verweisen auf das Inserat in der heutigen Ausgabe. Herren-Sakko-Anzug rostbrauner, modern gemusterter Y— Cheviot, einreihig........ v•• Herren-Sakko-Anzug dunkelgrauer proß- karierter— Cheviot, zweireihig....... WU« Herren-Sakko-Anzug Kammgamart, blaugran, mit Yj— feinen Streifen, zweireihig... Herren-Sakko- Anzug aparter dunkelbrauner Cheviot QY— mit flottem Karo, zweireihig>*** Herren-Sakko- Anzug blargrünes. elegant genms-|nj{|— tertes Katnmaarn, einreihig Blaue Sakko-Anzüge bewährte QuaL, IChev. u Karom-— garn, jenachQualit 110.— ,87.— WJ» Herren- Schlüpfer 47_ impräg. Gabardine in dunkelgrau"■• Herren-Ulster% impr&g. Gabardine in dnnkelgrau•|Y- und modefarbig........ Herren-Ulster dunkelmodefarbiger in sich ge- 7�0- musterter Gabardine...... Herren-Ulster cn. reinwolL graugemustert Cheviot Herren-Ulster in dunklen Mode- MM- ..116.- ioa.-U3» Gabardine faiben.. Gummi- Mantel prima Gummierung, Schlüpfer- �. form. Kbper-. 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