flbenöausgabe Nr. 419 44. Jahrgang Ausgabe B Nr. 207 SkftuasfcMngunatn uni Anzeigenpreis« sind In t«t Morgenausgod« ongegeben Rettotfion: SU). 68, Cinbenffiabe 8 Fernsprecher: OSnhoff 292— 297 XsL-Ubceffe: Sozialöemotraf verlin Derltner Volks�lakt (10 pfs n n i z) Montag S. September 1 �27 verlas und Anzeigenabteilung: Eefchüftezeit«lb dt- b Uhr Verleger: vorwarts-verlag GmbH. verll» Sw. 68, Lludenstrahe 3 Zernsprecher: VSnhoss 292— 29» �entralorgan cler Sosisläemokratltcben Partei Veuttcklancls präflöentenwahl in Genf. Bollversammlnug des Völkerbundes. V. Sch. Gens. 5. September, mittags.(Eigenbericht.) Von einem besonderen Andrang von Journalisten und Publi- tum zur heutigen Eröffnungssitzung der Vollversammlung war keine Rede, es waren mindestens hundert Sitzplätze frei. Die Abwesenden haben nichts versäumt, denn die Begrüßungsrede des zurzeit amtierenden Rotsvorsitzenden Villegas war noch färb- loser als gewöhnlich Diese Eröffnungsrede soll eine Art Tätig. keitsbericht des Völkerbundes über dos verflossene Jahr dar- stellen: kein Wunder, daß dieser Bericht qualitativ etwas mager aus- fiel, obwohl er quantitativ endlos erschien. Villegas bemühte sich zunächst um den Nachweis, daß, ungeachtet der Austritte Spaniens und Brasiliens, im vorigen Jahre der Völkerbund insofern immer universeller wurde, als leine Veranstaltungen in steigendem Maße auch von Nichtmitgliedeni besucht wurden. So hätten die Ver- einigten Staaten und Argentinien an der A b r ü st u n g s k o n s e- re n z teilgenommen und außerdem Ruhland, Mexiko und die Türkei an der Wirtschastskonferenz. Villegas oersuchte auch, das Fiasko der Abrüstungskonferenz zu beschönigen, indem er von der„scheinbaren Langsamkeit" ihrer Arbeit sprach, die in Wirklichkeit„weise Voraussicht" sei und den Enderfolg um so mehr verbürge! Dagegen führt er das Scheitern der Marinekonfcrenz Englands, Amerikas und Japans auf Ueber- eilung und ungenügend« Vorbereitung zurück. Alles in allem war dieser Bericht matt und insofern ein getreues Spiegelbild der ollgemeinen Stimmung, in der nach den Enttäuschungen des vergangenen Geschäftsjahres die tz. Völkerbundsver- jammlung beginnt. (Suani gegen Mensdorf zum Präsidenten gewählt. V. Lob. Gens, ö. September.(Eigenbericht.) Nach dem Bericht Villegas' trat in der Nollversammlung eine längere Pause ein, um der Mandatsprüfungskommission Bericht zu erstatten und sodann die Wahl des Präsidenten vorzunehmen. Um Uhr begann die zweite Sitzung, die die erste Sensation brachte. In der Zwischenpause hatte man vergeblich versucht, eine Einigung über den Präsidenten zu erreichen, wie sie sonst bisher immer erfolgt ist. Die einen hielten an dem Uruguayer G u a n i fest, der aber gerade von einem Teil der Lateinamerikanern aus persönlichen Gründen bekämpft wurde. Die mit Guani unzufriede- nen Südamerikaner befürworteten die schon seit einigen Tagen vor- geschobene Kandidatur des Oesterreichers Mensdorf, des che- maligen k. u. k. Botschafters in London, die von den Franzosen und den Engländern unterstützt wird. Diese Kandidatur wurde selbst von den Deutschen mit gemischten Gefühlen betrachtet, denn man konnte in ihr einen Versuch erblicken, die Selbständig- keit Oesterreichs zu betonen, also gewissermaßen gegen den Anschlußgedanken zu demonstrieren. Selbst unter den Deutsch-Oesterreichern waren die M e i n u n- gen geteilt und man versuchte, noch in der letzten Stunde, Mensdorf von seiner Kandidatur abzubringen, da Oesterreich gegenwärtig von der Welt konkretere Hilse braucht, als ein so platonisches Geschenk. Aber der frühere k. und k. Botschafter, der mit dem englischen Königshaus oerwandt ist, war zu eitel, um das Opfer seines Verzichtes zu bringen, zumal er sich des Er- folges sicher glaubte. Aber das überraschende Ende vom Liede war, daß schon beim ersten Wahlgang Suani mit 24 von insgesamk 4? ab- gegebenen Stimmen gewählt wurde, während Mensdorf nur 21 Stimmen erhielt. Zwei Stimm- zettel waren unbeschrieben. Für die Seipel-Regierung be- deutet diese Niederlage eine schwere Blamage, für den An- schlufzzedanken jedenfalls keinen Schaden. Nach der Sitzung wurde allgemein behauptet, auch Deutschland Hab« für Guani gestimmt, während Mensdorf in der Hauptsach« nur die Stimmen der süd- amerikanischen Staaten erhalten habe. Selgische Kandidatur für den Not. V. Leb. Genf, 5. September.(Eigenbericht.) Die belgische Delegation erklärte heute mittag offiziell, daß sie für die Wiederwahl zum Rat kandidieren werde, Belgien muß, um wiedergewählt zu werden, zunächst mit zwei Dritteln aller Stimmen für w i e d e r w ä H l b ar erklärt werden. Damit ist der Anschlag Mussolinis auf das Mandat Bänder- vcides im Rat zunächst gescheitert. Ver üeutsch-belgische Zwischenfall. Gens, S. September.(Eigenbericht.) Der deutsch-'belgisch« Zwischenfall ist zwar auf dem Weg« zur Regelung, noch gibt es aber gewisse Schwierigkeiten. In der Zwischenpause zwischen den beiden Sitzungen halten Stresemann und v. Schubert eine Besprechung mit Vanderoelde und De Brouckere, in der die am Sonnabend und Sonntag zwischen v. Schubert und De Brouckere angebahnte Verständigung besprochen wurde. Die Schwierigkeiten sollen darin liegen, daß die Reichsregierung — offenkundig mit Rücksicht aus die dcutschnationale Presse— sich noch nicht dazu entschließen kann, für sich auf die Untersuchung des Franktireurkrieges zu verzichten. Der gesunde Menschenverstand spricht zwar dafür, daß man diesen nicht genügend durchdachten Vorschlag Vanderveldes aufgebe, zumal sich inzwischen herausgestellt hat, daß er praktisch undurchführbar wäre und politisch nur vergiftend wirken würde. Aber man befürchtet anscheinend auf deutscher Seite, daß ein solcher Verzicht als ein Sieg des belgischen Ministerrats aufgefaßt werden könnte. Parade der Katholiken. Stegerwald Borsitzender des Katholikentages- Eine Verbeugung vor den Arbeitern Dortmund, 5. September.(Eigenbericht.) Am Sonnabend begann hier der 66. Deutsche Katho- l i k e n t a g. Die Stadt ist in Erwartung vieler Zehntausender von Gästen bunt mit Fahnen geschmückt, unter denen Schwarzrotgold in erfreulich starkem Maße Heroortritt. Neben dem Reichskanzler Marx sind auch der österreichische Bundeskanzler Seipel und viele hohe Beamte erschienen. In einer Fülle von Ansprachen wurde immer wieder betont, daß der deutsch« Katholizismus sich im neuen Deutschland Freiheiten erfreuen dürfe, die ihm früher versagt ge- wesen seien. Man bekannte sich zum Frieden unter den Konfessionen und wies darauf hin, daß dieser Katholikentag stärker als je ein früherer im Zeichen der sozialen Frage stehen soll. Am Sonntagmorgen sand auf der großen Kampfbahn in Anwesenheit des päpstlichen Nuntius Pacelli unter außergewöhnlich starker Beteiligung ein Festgottesdienst statt. 76 Sonderzüge hatten gewaltige Mosten— zumeist Proletarier— nach Dortmund gebracht. Die Ansprache hielt der Bischof von Paderborn. Er mahnte die Unternehmer zur Gerechtigkeit und Lieb«, die Arbeiter, ljch von Haß und Neid loszusagen. Diejenigen, die die soziale Frage nicht im Zeichen der Kirch« lösen wollten, seien Voltsoerderber! Am Sonntagmittag tagte dann die Eröffnungssitzung in der keineswegs mehr überfüllten Westfalenhall«. Sie wählte Adam Stegerwald zum ersten Vorsitzenden des Katho- likentages. Die Wahl zeigt, daß man bestrebt ist, durch Aeußer- lichkeiten die mit ihren religiösen und politischen Führern unzu- friedenen katholischen Massen zu beruhigen. Der Vorsitzende des Zentralkomitees, Aloys Löwen st ein, legte der Eröffnungsoersammlung zwei Anträge vor. Der erste be- stätigt die weltlich« Unabhängigkeit des Papstes, der zweite verlangt die B e k e n n t n i s s ch u l e. In ihm wird angesichts der Verhand- lungen über das Reichsschulgesetz jedes katholische Mitglied des Reichstages aufgefordert, kein« Lösung anzunehmen, die nicht die volle Gleichberechtigung der Bekenntnisschule gegenüber anderen Schularten bringt. Der außergewöhnlich vorsichtig formulierte Antrag wurde ebenso wie der erste Antrag ein- stimmig angenommen. In der Sonntagsversammlung sprach nach der Begrüßungsrede des Präsidenten Stegerwald und einer Ansprache des Nuntius Pacelli der Iesuitcnpater Cohanß und dann der Reichstags- abgeordnete Prälat K a a s über„Die Kirche im heutigen Deutsch- land". Er erklärte das Konkordatsproblem als eine Frage erster Ordnung. In bezug aus die Schulforderungen erklärte Kaas:„In einer Gesellschaftsordnung, die in gigantischen Klassenkämpfen sich zerfleischt, hat die Kirche die Mission, das Evangelium der sozialen Gerechtigkeit und Brüderlich- keit zu predigen und seine unbequemen Wahrheiten auch denen einzuhämmern, die Christi Namen tragen möchten, ohne die Pflichten zu erfüllen, die diesem Namen solgen." Nachmittags folgte der Eröffnungssitzung eine Arbeiter- kundgebung. Wer von ihr irgendeine kritische Stellung zu den brennenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Problemen er- wartet hatte, wurde tief enttäuscht. Die Versammlung kain über allgemein gehaltene Begrühungsworte, Dankesredcn und Bekennt- niste über die Bedeutung der katholischen Arbeiterschaft nicht hinaus. Auch Stegerwald nahm im Verlauf dieser Kundgebung das Wort. Er erklärte, es sei das erstemal, daß ein aus der christlichen 2lr- beiterbewegung hervorgegangener Führer das Präsidium des deut- schen Katholikentages übernommen habe. Marx für üie Neichsfarben. Dortmund, 4. September. Im Rahmen des Katholikentages fand am Sonntag ein« Reihe von Nebenveranstaltungen statt, so die Versammlung der katholischen öffentlichen Beamten, in der auch Reichskanzler Dr. Marx das Wort ergriff. Er betonte, daß er gerade von den katholischen Be- amten besondere Pflichttreue gegenüber Staat und Beruf verlange und daß er das Staatsgrundgesetz hochhalte und achte. Besonders die höheren Beamten seien verpsliätet, die versassung zu achten und zu ehren. Es sei nicht mit nationaler Würde vereinbar, wenn man über die Verfassung wegwerfend rede, die von ihr anerkannten Farben verächtlich behandele und demonstrativ von Schwarzrol g e l b rede. wenn Schwarzrot g o l d gemeint fei. Nationaler Stolz sollte auch diejenigen, die sich mit unserer Staatsform schwer abfinden könnten, davon abhalten, eine für uns so beschämende Haltung ein- zunehmen, wie man es jüngst erlebt habe. Die letzte Bemerkung richtet sich osfensichtlich gegen die B e r- l i n e r H o t e l i e r s, die es mit nationaler Würde vereinbar halten, ausländische Flaggen zu hissen, die deutsche Reichsflagge aber zu boykottieren. Katholikentag unü Schule. Dortmund, 5. September. Das Problem derSchule, das durch den Reichsschulgesetz- entwurf in die Erörterung gerückt ist, beschäftigt den Katholikentag in erster Linie. Die Generalversammlung der katholischen Schulorganisation, die neben dem Katholikentag stattfand, brachte heute vormittag eine Rede des Kanzlers Marx, der etwa folgendes ausführte: Die erste und dringendste Aufgab« der katholischen Schulbewe- gung ist heute, bei den bevorstehenden Verhandlungen über das Reichsschulgesetz dafür zu sorgen, daß die berechtigten Wünsche der deutschen Katholiken erfüllt werden. Wir haben die feste Ueberzeugung, daß dies gelingen wird, wenn man auf allen Seiten gewillt ist, mit den großen Grundrechten, die wie gewaltige Quader in unsere Verfassung hineingesenkt sind, mit dem Eltern- recht und der Gewissensfreiheit ernst zu machen. Wer diese großen Grundsätze anlastet, der rüttelt an den Fundamenten des Staates. Das Recht der Eltern auf die Erziehung der Kinder ist das primäre. Das R e ch t d e s S t a a t e s auf die Schule soll in den berechtigten Grenzen in keiner Weise bestritten oder eingeengt werden. Das Wohl des Staates und der Allgemeinheit kann aber nicht gewahrt bleiben, wenn der Staat in das Recht der Eltern und das Gewissen eingreift. Immer und immer wieder haben wir betont, daß wir für uns keine anderen Staats- bürgerrechte oerlangen, als wir sie auch anderen zuzugestehen bereit sind. Wenn also diejenigen, die mit uns nicht einer Welt- anschauung sind, Schulen dieser Weltanschauung, wenn andere die Gemeinschaftsschule fordern, werden wir ihnen nicht im Wege stehen. Freiheit und Gerechtigkeit für alle soll die große Losung sein. Erst dann wird Schulfriede in unserem Volke werden, den wir so dringend notwendig haben, damit wir aus der Zeit des Haders heraus zur positiven Arbeit kommen.... Die Schule müßte die populär st e Angelegenheit in unserem Volksstaat sein. Trotzdem steht ein großer Teil des Volkes vielfach noch abseits, steht vielfach in einem gewisten Gegensatz zur Schule. Wir Katholiken sperren uns auch nicht gegen eine Reform der Lehrerbildung. Alles, was sie tut, um theoretisch und praktisch gründlich gebildete Lehrer und Lehrerinnen heranzubilden, zu dein sagen die deutschen Katholiken ein frohes Ja. Pfarrer Dr. O f f e n st e i n- Wilhelmsburg bezeichnet« in einem Vortrag« die Bekenntnisschul« als eine unverrückbare Forderung katholischen Glaubens. Dr. Wirth unü üie katholischen Arbeiter. Eine unzweideutige Erklärung. Im„Westdeutschen Volksblatt", dem Blatt der republik- treuen katholischen Arbeiter, nimmt der Verbandspräses der Katholischen Arbeitervereine, Dr. Müller, Stellung zu den Angriffen auf Dr. W i r t h, wie sie in einigen katho- tischen Blättern erhoben werden. Besonders der Versuch, Dr. Wirth als Abtrünnigen zu bezeichnen und ihn als„halben Sozialdemokraten" hinzustellen, findet schärfste Abwehr: Dr. Müller schreibt: „Ich bemerke ausdrücklich, daß ich nicht nur für mich spreche, sondern aus der Stimmung der katholischen Arbeiter. verein« heraus, die ich genau kenne. Es ist oft der Brauch gewesen, einen unbequemen Gegner dadurch mattzustellen, daß man ihn verdächtigt, er sei kein rechtgläubiger Katholik mehr. Die katholischen Arbeiter wissen aus der Vergangenheit sich solcher Vorgänge zu erinnern. Sie sind fest enstchlosscn, einem der- artigen Gebaren mit aller Schärfe entgegenzutreten.... Hier und da könnte man, besonders auf gegnerischer Seite, die Ansicht finden, die Arbeitervereine ständen hinter Wirth. Ob solche Ansicht berechtigt war, diese Frag« scheide ich hier aus. Aber die Arbeitervereine werden sich hinter Wirth stellen, wenn man versuchen sollte,... Herrn Dr. Wirth als Sozialisten, als abtrünnigen Katholiken zu verdächtigen, um ihn dadurch„unmöglich zu machen". Die katholischen Arbeitervereine werden sich dann schützend vor Wirth stelle», und zwar nicht seiner Person wegen, sondern aus Grundsatz, um endlich einmal ein so widerliches Ver- fahren, wie es gegenwärtig wieder hier und da durchbricht, mit aller Gründlichkeit abzutun." Diese Sprache ist kräftig und deutlich. Dr. Müller kennt, wie man sieht, die Praktiken jener heimlichen Verdächtigun- gen, halben Andeutungen und ganzen Unwahrheiten genau genug, um sich nicht von ihnen imponieren zu lassen. Es fragt sich nur, wer auf die Dauer der Stärkere sein wird: die abwehrbereite katholische Arbeiterschaft oder der ganze Troß der Dunkelmänner, die schon andere zu Fall brachten, als einen Dr. Wirth! Wie der Kampf aber auch ausgehen mag, er wird so oder so dazu beitragen, daß bei den katholischen Arbeitern die Erkenntnis für die Notwendigkeit der Klassensolidarität gegen Beeinflussungen wächst, die nur im Dienste des kapitalistischen Unternehmertums wirksam werden. Reichsminifter gegen ReZchsfarben. Koch in Stettin. Der deutschnationale Reichsverkehrsminister Koch hat gestern bei der Einweihung einer schwarzweißroten Fahne des deutschnationalen Arbeitervereins in Stettin eine Rede gehalten, in der er alles nachgebetet hat, was zum Thema des Flaggenstreits in der Rechtspresse zu lesen war. Dabei hat er in taktloser Weise der Antwort des Reichskanzlers auf den bekannten Brief des preußischen Ministerpräsidenten, über die noch im Kabinett beraten werden soll, vorgegriffen. Herr Koch hat in seiner Rede dem preußischen Ministerpräsidenten Br a u n vorgeworfen, er habe die Flaggenfrage„auf dem Wege des Boykotts" zu lösen versucht, er wolle„Staatsbürger zwinge n", die Reichsfarben zu zeigen. Gegen diese rabulistische Verdrehung hat schon die Presse des den Deutschnationalen koalierten Zentrums sehr richtig ausgeführt, daß von Boykott und Zwang gar keine Rede fein könnte, es sei vielmehr ein selbstverständliches Gebot der Würde, daß sich amtliche Per- sonen weigerten, Gaststätten zu besuchen, die in allen Farben der Welt zu flaggen, nur nicht in den verfassungsmätzigen deutschen. Herr Koch hat sich auch nicht gescheut, die unerträglich heuchlerische Bemerkung zu wiederholen, die schwarzrotgolde- nen Farben seien„durch die Agitation des Reichsbanners Parteiflagge geworden". Herr Koch weih doch sehr gut, wie seine Gesinnungsfreunde die Farben der Republik zu behandeln liebten und noch behandeln, wie ihre Besude- lung mit den gemeinsten Schimpfworten— wovon das heute beliebte„schwarzrot gelb" nur eine Ableitung ist— gang und gäbe war, wie oft bornierter Fanatismus an diesem Symbol der neuen Staatsform vergriff. Zur Abwehr dieses parteimähig reaktionären Angriffs auf Schwarzrotgold ist das Reichsbanner gegründet worden, und feine unbestreit- baren Erfolge erregten bei den Gesinnungsfreunden des Herrn Koch wilde Wut. Nachdem sich nun eine Überpartei- liche Organisation gefunden hat, die die verfassungsmäßigen Farben gegen den reaktionären Pöbel schützt, verteidigt und zur Anerkennung bringt, stellen die Deutschnationalen das Ganze auf den Kopf und erklären: Dadurch, daß sich das Reichsbanner der Reichsfarben angenommen hat, find diese zu einer Parteiflagge geworden. Der Herr Reichsverkehrsminister Koch folgt gedankenlos dieser Abart von Logik und bezeichnet die verfassungsmäßigen Reichsfarben als„Parteiflagge". Das tut er zweifellos in der Absicht, die Reichsfarben herabzusetzen. Er gibt seinen Hörern zu verstehen: Diese Flagge ist gar nicht eure Flagge, sondern sie ist die Flagge einer feindlichen Organi- sation. Das ist der Koalitionskollege des Reichsbannerkameraden a. D. Wilhelm Marx! Attentat auf einen Vertreter üer US�l. Politische Hintergründe? Dresden, 5. September. Die Dresdener Kriminalpolizei stellt Erkundungen über ein Attentat an, das am Sonnabend an dem Sekretär der Handels- nbteilung des amerikanischen Konsulats in Dresden, dem Kaufmann Emil Sieger, verübt wurde. Dieser wurde bei einem Spazier- gang von einem unbekannten Mann am Sonnabend abend in den Rücken geschossen, glücklicherweise ohne lebensgefährlich verletzt zu sein, da die Kugel dicht unter dem Herzen stecken blieb. Steger befand sich auf einem Spaziergang in Begleitung seiner Frau und eines Freundes, die aber beide nach dem Attentat mit dem Schwer- verletzten so sehr beschäftigt waren, daß der Täter unerkannt ent- kommen konnte. Die alsbald alarmierte Älordkommisston nahm sofort eine Ab- suchung des Geländes vor, auf dem sich der Dorfall abgespielt hatte. Es war m der Nähe des B i s m a r ck- D e n k m a l s auf den Päcknitzer Höhen. Ein Polizeihund verfolgte eine Spur bis zur nächsten Straßenbahnhaltestelle. Auf der Flucht ist der vermutlich crtsunkundige Täter in eine Lehmgrube gestürzt, aus der er stch cber wieder herausarbeitete. Welche Motive der Tat zugrunde liegen, ist unbekannt. Die vorliegenden Meldungen äußern den Verdacht, daß es stch um einen Racheakt wegen der Hinrichtung Saccos und Vanzettis handele. Als einziger Anhaltspunkt dafür dient die Tatsache, daß der Kon- sulatssekretär in der Angelegenheit Sacco und Vanzetti fast 30 Ab- ordnungen empfangen und mit ihnen verhandelt hat. Es bedarf also erst näherer Beweise, ob diese Vermutung überhaupt gerecht- fertigt ist. Die Kriminalpolizei setzt ihre Untersuchung fort. Der Ostausschuß des preußischen Landtags bereist zurzeit die Proomz Ostpreußen. Die Abgeordneten wurden am Sonntag in Königsberg von Vertretern der Provinz empfangen. Oberpräfidenr Siehr verwies dabei auf die bedrohte Lage Oftpreußens und auf dessen Benachteiligung durch die Reichsregierung, die bekanntlich die Mittel für die Grenzlande im Osten durch Geldzuweisungen an Bayern, Baden und Sachsen stark vermindert hat. j piscator-öühne. „hoppla— wir leben" von Ernst Toller. Man stürzte sich auf das Stück, auf feine Politik, auf seine Kunstform, auf seinen Regisseur. Neben den feinen Leuten, die Frack und Smoking zur Feier des Abends gewählt und ihre Damen mit den schon frühzeitig ausgcmotteten Winterpelzen und vielleicht schon bezahlten Perlenkolliers geschmückt hatten, standen, kattun- bekleidet, mit Wanderoogelhosen und Schillerkragen, die Gott sei Dank sehr gesunden und sommerlich gebräunten Jünglinge und Mädchen, die von der bevorzugten und sonst auch überall sichtbaren Premierengesellschaft deutlich und standesgemäß abgesondert bleiben wollten. Es geschah folgendes: der aufpeitschende und fabelhafte Film, den Erwin P i s c a t o r und sein Kameramann Kurt O e r t e l zeig- ten, hat sich dem Gedächtnis tief eingeprägt. Während Edmund Weisel eine bohrende und urweltlich betäubend« Musik spielte, wurde die Zeitenuhr vom August 1914 bis zum 3. September 1927 noch einmal aufgedreht. Der riesige, erschreckend schwarze Zeiger ragte über die blendende Leinwand. Mit Krümpcrwagen und Kano- nen schob sich die Wellenkriegsarmee ins Feld. Greuel und Grauen im Schnee, Sturmangriff, Explosionen, Drahtverhau, Patrouillen- spränge. Sterben, Hassen. Endlich Waffenstillstand. Nur die Hände und der vcrdreckte Unterkörper der eben noch feindlichen Soldaten, die sehnsüchtig nach der Versöhnung greifen, werden sichtbar. Papier- frieden, Spartakus, Kapp-Putsch, Kampf nicht mehr gegen die Kriegs- Heere, sondern gegen das Vürgervolk im Landesinneren. Wahl- agitation mit Lastautos, schreienden Plakaten, Flugblättern, Extra- ausgaben der Zeitungen, Rußlandrevolution, Mussolinis Marsch, dazwischen aber Cancan und Jazz in Bar und Tingeltangel. Box- niatch, Rennplatzklamauk, nackte Ballerinenschentel, alles miteiii- ander, durcheinander, übereinander. Der Zeitenzeiger dreht und droht gespenstisch über die Leinwand. Nichts darf verweilen, jedes Ereignis muß dem wahnsinnigen Mil-bmasch vorbeirasen, gegen- einander, untereinander, Tobsucht und Idee, das versluchte, beinahe schon vergessene Unglück der letzten Jahre, Fanal und Feuer der dicken Berta. Kaliber 42, alles zugleich, alles im Wirrwarr. Wer nicht ganz und gar abgebrüht ist, oder gekokst oder Morphium ge- spritzt hat, fängt zu zittern an. Und immer noch das Bumsen und Heulen und Wiehern und wütende Gekläff dieser jappenden, jagen- den, jaulenden Musik. Dreizehn Jammerjahre illustriert mit sausen- den Bildern und durch irrsinnige, doch die Nerven ungeheuer zer- hemmende Musik. Der letzte Film verdunkelt, der letzte Ton ver- dröhnt, Piscator hat uns gerädert, wie er uns rädern wollte. Der Vorhang öffnet sich. Auf der Bühne wird Ernst Tollers Stück„Hoppla, wir leben" gespielt. Am Anfang starke Spannung. Draußen knallen die Gewehrsalven, das Ge- knattere hallt drinnen in der Kerkerzclle bei fünf Menschen wider, die auch an die Wand gestellt werden sollen. Todesangst und Revo- lutionärinut noch aufregend gemischt. Der Präsident der Republik begnadigt die zum Tode Verurteilten. Der eine, Wilhelm Kilman, der einst roter Soldatenrat war, darf bald in die Freiheit. Der andere, Karl Thomas, wird noch acht Jahre im Zuchthaus gehalten. Nach diesem dramatischen Vorspiel ist Kilman schon Minister ge- worden, und Thomas redet mit dem Minister. In Thomas kann Deutschnationale Schwarzrotgolü-Scheu. Fahnenstangen gefährden die Ernte.— Ter grüne Jäger- Hut als Zylinder.— Ein fleißiger Arbeiter im Kohlfeld. Trotz aller Richtlinien und deutschnationalen Ministerreden treibt die Schwarzrotgold-Scheu der angeblichen Regierungspartei immer neue Blüten. Ueber den Preußischen Landtag ergießt sich zurzeit eine Flut Kleiner Anfragen deutschnationaler Abgeordneter, die lediglich den Zweck verfolgen, ihrer Wut über die Durchführung der Verfassungsfeier in Preußen Ausdruck zu geben. Freilich, als offizieller Abgeordneter der Partei kann man nicht mit der Un- geniertheit der„Kreuzzeitung" verkünden, daß einem Richtlinien und Ministeroersprechen Wurst sind. Da müssen denn die lächerlichsten und dümmsten Vorwände herhalten, um die Maßnahmen der preußi- schen Regierungsorgane zu bekritteln. Typisch hierfür ist eine Kleine Anfrage des holsteinischen deutsch- nationalen Abgeordneten Milberg. Herr Milberg ist un- tröstlich über den Erlaß, den der Landrat des Kreises Oldenburg (Holstein), Dr. Schmidt, kurz vor dem Derfassungsiage herausgebracht hat. In anerkennenswerter Weise hat der Landrat Dr. Schmidt dafür gesorgt, daß rechtzeitig schwarzrotgoldene Fahnen für die Beflaggung der Schulgebäude von der Regierung besorgt wurden. Da Dr. Schmidt aber seine Pappenheimer kannte und wußte, daß Deutschnationale nie um Ausreden verlegen sind, wo es gilt, republikanische Regierungsmahnahmen zu sabotieren, so hatte er bei Uebersendung der Fahnen in dem Geleitschreiben angeordnet, daß dort, wo etwa noch Fahnenstangen auf den Gebäuden fehlen sollten, zunächst einmal eine geeignete Stange proviso- risch hergerichtet und die Fahne daran genagelt werden sollte. Ueber diese Durchkreuzung einer erhofften Sabotagemöglichkeit ist Herr Milberg aus dem Häuschen. Er hat entdeckt, daß die pro- visorische Herrichtung von Stangen eine ungeheure Gefahr für den Kreis Oldenburg bedeute. Man muß es wörtlich genießen. In der Anfrage des Herrn Milberg heißt es: „Da das Beflaggen von Schulgebäuden auf dem Land« bisher nicht üblich war, fehlte es an Fahnenstangen. Es mußten also, wenn den Anordnungen des Landrats gefolgt werden sollte, Leute zum Herrichten von Fahnenstangen abgeordnet werden, die sonst mit der Bergung der Ernte, die sich in diesem Jahr« be- sonders schwierig gestaltet, beschäftigt waren... Hält das Staats- Ministerium es für richtig, daß diese Verfügung so spät erlassen wurde, daß Arbeitskräfte der Einbringung der Ernte entzogen werden mußten?" Herr Wilberg hat als Parlamentarier schon öfter bewiesen, daß ihm der Sinn sür Komik— zum mindesten für seine eigene— gänzlich abgeht. Bei seiner parlamentarischen Ungeschicklichkeit glauben wir auch gern, daß er mindestens einen Tag dazu braucht, um eine schwarzrotgoldene Fahne an eine Stange zu nageln. Nor- malen Leuten dürfte dies jedoch in wenigen Minuten möglich sein. Und so bleibt nur zu bedauern, daß Herr Milberg selber nicht mit gutem Beispiel vorangegangen ist und seine Kraft in den Dienst der Crntearbeit gestellt hat, anstatt mit kindischen Kleinen Anfragen stch und dem Ministerium überflüssige Arbeit zu machen. Uebrigens haben andere Leute ganz nach dem Herzen Milbergs gehandelt. Wie aus einer Kleinen Anfrage des Genossen Neumann- Allenstein hervorgeht, nahm die Verfassungsfeier in Heileberg(Ost- preußen)«inen eigenartigen Verlauf. Am Flaggenmast des Lanvratsamts wehte die preußische Flagge. Aus einem Dachfenster, von Bäumen fast verdeckt und aus die Stange gerollt war eine zweite Fahne herausge- steckt(vermutlich die R e i ch s f l a g g e). Die Feier fand in einem unbeflaggten Schulgebäude statt. Das betreffende Schulzimmer war ohne jeden Schmuck. Die Festteilnehmer trafen bei ihrer Ankunft den Schul- leiter, Direktor Rogalski, arbeitend im Kohlfeld des Vor- g a r t e n s an. Von den Spitzen der Behörden waren nur der Bürgermeister und der Landrat erschienen. Dieser hatte als Kopfbedeckung einen grünen Jägerhut und hielt eine„Festrede" über die Kom- petenzverteilung zwischen Reich und Ländern. die Revolutionsidee nicht erlöschen. Der Wahlrummel und Kilmans Opportunitätsgefchwätz, das ekelt den unwandelbaren Revolutionär an. Thomas hat kein Brot, kein Weib, keine Bleibe. Die Revo- lutionsidee ist sein einziges Eigentum. Um diesen letzten Schatz nicht zu verlieren, will er den Revolver auf Kilman ziehen. Ein anderer kommt ihm zuvor, ei» Mörder von der Cliaue rechts, der ruhiger schießt und tödlich trisit und entkommt. Bei Thomas wird der Revolver gesunden. Kopf ab für Thomas, haben die Richter bestimmt. Als der wirtliche Täter gesaßt wird, und Thomas wieder in die Freiheit könnte, ist er moralisch nicht mehr lebensfähig. Er hängt stch auf. Ist das ein Zeitstück? In der Anlage und in der Phantasie sicher.„Hoppla— wir leben", das ist ja ein kesser und keifender Titel. Man hofft, Toller wird uns das dramatische Wort ebenso mächtig ums Maul schlagen, wie Piscator das mit seinen Bildern, wie Meisel das mit seinen höllischen Disharmonien vermochte. Doch der großartige Stoff ist dem Dramatiker zerronnen. Die Bilder der Realität, die er erfindet und gestaltet, sind mit den kindlichsten Mitteln ausgestattet. Toller hat mit unzulänglichen, aus der dürfti- gen Tageszeitung geborgten Worten die Schande der Streber, der verantwortungslosen Kannegießer, der soldatischen Großschnauzen, des Adelspacks, des Fememörders und des Geldbonzen gegeißelt, In diesem Kampf, in dieser Gesinnung und unbeugsamen Ehrlichkeit ist er unser treuer Genosse. Er ist sogar mehr als er selber, da er mehr gesitten hat. Aber er hat ein miserables Theaterstück � geschrieben. Sein Pathos zündet nicht, wenn es auspufft. Einiges Karikaturistische gelingt ihm, hie und da spießt seine Satire einen Trottel auf. Doch bald wieder die mitleidwürdige Ohnmacht des Charekteristikers, der nur redende Schatten erschuf. Der Schauspieler merkt es sehr bald, daß er keine Rolle, son- dern nur unbändig leblose Worte zu beleben hat. Der Schauspieler greift dann zu Drückern und Tricks und Ueberchargierungen. Bor- läufig sind bei Piscator wenige Schauspieler, die dieses Kunststück fertig bringen ohne lästig zu werden. Alexander Gran ach ist glücklich, sich in den tragischen Revolutionär hineinträumen zu dürfen. Er überwindet trotzdem uickit die Eintönigkeit, an die«r gebunden ist. Oskar S i m a. der Darsteller des die Revolution verratenden Ministers, füllt die Schattenrclle noch am besten. Paul G r ä tz amüsiert als trotteliger Spießer, weil dieser politi- sierende Tapergreis die einzige dem Dramatiker gclüngene Figur ist. Alles andere bleibt Mittelmaß und wird von dem wahrschein- lich selbst resignierenden Regisseur gar nicht erst strapaziert.. Tollers Freunde jubelten um den Erfolg. D'e Gelinnuugsfeiude wehrten sich nicht. Doch alle, ob Freund oder Feind, gerieten irgend- wie in Hitze um dieses neue Piscator-Theater, das ein sehr energi- scher und erfindungsreicher Mann gegründet hat.' _ Max H o ch d o r f. Das Wohnungselenö auf öer Sühne. Zwei Bühnen eröffnen die Saison mit Komödien, die schon über ein Viertelinhrhundert alt sind und d-ren Thema— leider— immer noch aktuell ist. Die beiden Theater und ihr Besucherstamm, die Stücke selbst, das Milieu, in dem sie spielen, und auch die Dichter sind grundverschieden, aber der Vorwurf ist der gleiche: Das Elend der Äermsten, die keine vernünftige Stätte haben, wo sie sich betten Wir sind sicher, daß an dieser verfaffungsfeier kein deutsch« nationaler Abgeordneter etwas auszusetzen hat. Und nach dem Bor- bild des Direktors Rogalski arbeiten sie nun fleißig im Kohlfeld ihrer Kleinen Anfragen. Geüenktag üer Schande. Kundgebung am Grabe der ermordeten Matrosen. Köln. 5. September.(Eigenbericht,) Di« Sozialdemokratische Partei Kölns hatte ihre Anhänger für Sonntag zu einer großen Kundgebung an der Stätte ausge- rufen, an der am ö. September 1917, also vor zehn Iahren, der Matrose R e i ch p i s t j ch und der Heizer Köbis unschuldig hingerichtet worden waren. Aus dem ganzen Rheinland waren Tausende und aber Tausende dem Ruf gefolgt. Die Gedenkrede hielt Reichstagsabgeordneier D i t t m a n n. Er hob nochmals die Unschuld der erschossenen Matrosen hervor und kennzeichnete das Mordsystem der alten militaristischen Gewalthaber. Zum Schluß der Kundgebung wurden drei Kränz« durch Kameraden der Er- schossenen an deren Gräbern niedergelegt. Kein Sruch Irankreich-Ruß!anö. Erklärungen BriandS und Nakowskis. Paris, 5. September.(Eigenbericht.) Zu der Angelegenheit Rakowski läßt B r i a n d durch die Radio- agcntur erklären, er überlasse der Sowjetregierung die Entscheidung, ob Rakowski abberufen werden soll oder nicht. Er selbst betrachte die Desavouierung Rakowskis durch Tschitscherin als befriedigend. In keine m Falle aber dürfe man„diese bedauerliche Angelegenheit" als einen Schritt zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Rußland ausfassen. Rakowski läßt durch die russische Botschaft erklären: Er mißbillige auf das Entschiedenste die Idee, als sollten die Vertreter Sowjetrußlands in Frankreich Aufstand und Desertion organisieren. Jeder Vertreter Rußlands, der sich in die inneren Angelegenheiten Frankreichs einmische, würde sich unwürdig zeigen des Vertrauens, das er genieße und ungeeignet zur Mit- arbeit an der Annäherung beider Länder. Die Erklärung, die er(Rakowski) als Mitglied des kommunistischen Zentralkomitees unterzeichnet habe, fasse nur die Hypothese eventueller Kriege gegen Rußland ins Auge. und beziehe sich also nicht auf einen konkreten akuten Fall, noch weniger auf Frankreich, das Rußland gegenüber Friedenspolitik treibe. Rakowskis Unterschritt unter der Erklärung könne für seine diplomatische Tätigkeit»ur d i e Schlußfolgerung zulassen, daß er mit um so größerer Energie an der Beseitigung der noch bestehenden Diffe- renzen arbeiten und so die Friedensaussichten erhöhen wolle. Rakowski protestiert endlich„mit aller Schärfe" gegen jede andere Auslegung, die der Politik seiner Regierung, seineu eigenen Gesllhlen und seiner Meinung durchaus zuwiderlaufen müssen. Diese Erklärung Rakowskis bringt natürlich die Angriffe ge- wister Blätter nicht zum Schweigen. Der„Matin" verlangt auch heute noch, daß Rakowski sofort ausgewiesen werde und schreibt, daß die meisten der jetzt im Gefängnis sitzenden französischen Kom- munisten nicht soviel gesagt und geschrieben hätten wie Rakowski. Wäre Rakowski ein Arbeiter und nicht etwa Botschafter, dann wäre er schon längst jenseits der Grenze. Es sei ein unmöglicher Zustand, daß der Präsident der Republik diesem Menschen noch einmal die Hand gäbe, daß Briand ihm einen Stuhl anbiete und daß französische Truppen vor ihm präsentierten. Man dürfe allerdings nicht so naiv sein, zu glauben, daß der Nachfolger Nakowskis besser sein würde: die Sowjetbotschast werde immer der Ort sein, wo Komplotte gegen die Sicherheit und Ordnung Frankreichs ausgeheckt werden. Aber man müsse verlangen, daß der Vorsteher der Botschaft diese Tätigkeit wenigstens ohne Lärm betreibe. Türkische Dahlkomödie. Sämtliche Kandidaten der Volks- partei wurden in 48 Wahlkreisen, die im ganzen 241 Abgeordne-e zu stellen haben, gewählt. Die noch ausstehenden 8 Wahlkreise mit 7S Abgeordneten werden natürlich ebenso„wählen". können. In der Komödie„Zins en", übrigens dem ersten Stück, das Bernhard Shaw versaßt hat, richtet er seine Pfeile gegen Mietwucherer. Der junge Dr. Trench will von seinem Schwieger- vater, Herrn Sartorius, keine Mitgift annehmen, als er erfährt, daß er ein Spelunkenbesitzer ist und sein Geld aus dem Aermsten der Armen grausam herauspreßt. Dieser edle Zug des jungen Herrn hält aber nur solange vor, bis es an den eigenen Beutel geht. Weit schlimmer als die geschäftstüchtigen Häuserbesitzer kommen bei Shaw die erbarmungslosen jungen Leute weg, für die es Armut einfach nicht gibt, weil sie das Elend nicht sehen und nicht sehen wollen. Die Komödie ist aktueller als es die vornehmen Besucher der K o m ö d i e geträumt hätten, obwohl es für sie kaum etwas ausmacht, ob zehn- oder zwanzigprozentlge Mietsteigerungen geplant sind. Der Wohl- fahrtsminister sollte sich dos Stück recht bald ansehen. Vielleicht stimmt es ihn, trotz all der Lustigkeit aus der Bühne, ein wenig nach- denklich. Höchst erquicklich ist die Darstellung unter Förster- Larrinagas Regie. Albert S t e i u r ü ck hat das unheimliche Format des unerbittlichen Zinseintreibers Sartorius. Aus seiner kalten Gemessenheit droht beständig ungezügelte Bnitalität hervorzu- brechen. Grete Mosheim faßt die Tochter Blanche weniger laut, weniger unwirsch und histerisch, aber nicht weniger wirtsam ab, als es die Rolle vorsieht. Die Komödie beendet eine prachtvolle Liebes- szene, die sie und ihr Partner, Hans Brausewetter, ganz entzückend spielen. Max G ll I st o r f f s(Cokane) würdevolle und ewig gekränkte Grandezza ruft Lachstürme hervor. Julius Falken- stein ist als schäbiger Agent bejammernswert, mitleidheischend und später als gemachter Mann höchst belustigend in seiner Lielgeschäftig- lcit. Renee Köhler, eine neu« Erscheinung im Ensemble, fällt durch ihr hauchzartes Wesen auf. » ist nicht G crhart Hauptmanns glücklichster Wurf. Auch hier bewundern wir seine Gestaltungskraft, die leibhaftige Menschen auf die Beine stellt, und eine Gott sei Dank überwundene� Welt sür Stunden lebendig werden läßt. Aber im „roten Hahn" sprudeln Humor und Satire nicht mehr ursprünglich, und der tragische Ausgang will nicht recht in das hohe Lied von selbstbewußter Spitzbüberei passen. Um so mehr hat die Bühne die Verpflichtung, die Kostbarkeiten des Dramas glänzen zu lassen. Aber die Ausführung im Thalia-Thcater unter Josef Kielens Regie ist einfach undiskutabel. Bühnenbilder und Darstellung sind gleich kümmerlich. Statistenrollen sind aus unerfindlichen Gründen gestrichen. Die Vorgänge schleppen sich mühselig hin, so daß jeder Koniakt mit dem Parkett verloren geht. Else Beck- Rest stellt die Ficlitzen als ein schleichendes Weib mit verkrochenem hinter- hältigen Charakter und bös« stechendem Blick hin. Sie spricht einen Dialekt, der außer in der Theaterschule nirgends beheimatet ist. So sieht die immer noch resolute verwitwete Wolfen nicht aus. Einige respektable Leistungen können an dem traurigen Ergebnis des Abends nichts ändern. Ernst Degner. Vtc INilolieder der Dolksbütive E. D. werden von der GeickäitSlcitunq ersucht, ihre Mitaliedttarle. soweit eS noch nicht geschebon ist, rascheitenZ ab. zuholen. Die Boritellunacn aller Bühnen(Theater am Bülowplah, Theater am Schiffbauerdamm. Schillcr-Tbeater. Tbalia-Tbcater, Oper am Platz der ZIepublik, Ps?cator-Btihnej baben inzwischen begonnen. Neuanmcldungen von Mitgliedern müssen sofort ersolgen. Der Tag der /lrbeiterjugend. Eine mächtige Kundgebung im Schillerpark. Mit Stolz darf die sozialistische Arbeiterjugend auf den gestrigen Tag zurückblicken. Ei» imposanter Massenaufmarsch. Würde und Disziplin gaben ihrer Kundgebung das Gepräge. Im Bewuhtsein ihrer hohen Aufgabe hat die Arbeiterjugend die roten Fahnen durch die Straßen des Berliner Nordens getragen, hat sie für die Idee des Sozialismus gerade dort geworben, wo das Elend der kapitali- stifchen Welt am krassesten in Erscheinung tritt. Und ihr Ruf hat ein vielfaches Echo gefunden. Verheißungsvoller Auftakt zur Kund- gebung war die Morgenfeier im Mercedespalast In der Utrechter Straße, von deren Häuserfronten die Fahnen der Republik grüßten. U c b e r 2000 Jungen und Mädchen waren in dem großen Saal versammelt, als die Feier durch die Gesnngdarbietungen des„Jungen Chors" und des„Sing- kreises der SAJ." eröffnet wurde. Daraus sprach Gertrud Cysoldt Dichtungen von Aalt Whitmann. Und dann, als der Chor wieder gesungen hatte und die letzte Strophe des Liedes „Brüder zur Sonn«, zur Freiheit" verklungen war, sprach der Sprechchor, von Albert F l o r a t h hinreißend dirigiert, Franz Rothenfelders Chorwerk„Fahnen..." Packend und aufrüttelnd Heinrich Witte als Hauptsprecher. Szenen aus Gerhart Haupt- manns„Weber" folgen. Gespielt von jungen Menschen. Echt und stark. Stürmischer Beifall dankt ihnen für die große Leistung. Ge- waltig ertönte dann der gemeinsame Gesang der„Internationale" als erhebender Ausklang. Hinaus ging es ins Freie, wo sich ein langer Zug formierte, der zum Platz der 308. Gemeindeschule marschierte. Dort fand die Speisung der 2000 statt. Für 15 P f e n n i g erhielt die Arbeiterjugend von der Stadt- küche ein kräftiges Mittagessen. Gemischtes Gemüse mit Fleisch. Allen hat es geschmeckt und alle wurden satt. Gegen 3 Uhr sammelten sich die Teilnehmer an dem gro.ßen Demon- st r a t i o n s z u g in der Ruheplatzstraße am Coubierplatz. Ein langer Zug, der nach Tausenden zählte, wurde hier gebildet. An der Spitze marschierten die Kinderfreunde. Hinter ihnen das Tambourkorps des„Reichsbanners" vom Neuköllner Bezirk. Dann folgte der endlose Zug der Jugend, in dem die Parteigenossen des Kreises Wedding marschierten, die vom Tambourkorps des„Reichsbanners" vom Friedrichshain ge- führt wurden. Mit einem roten Wimpel grüßte ein« Gruppe H a m- burger Jungens. Zahllos die leuchtenden roten Fahnen und die Transparente, auf denen die Arbeiterjugend— oft sehr drastisch— ihr« Forderungen verkündete. Musik ertönt, Gesang erschallt, Hoch- rufe auf die Republik werden ununterbrochen laut. Mit kräftigem, freudigem„Frei Heil" werden die Massen begrüßt, die dicht den Weg säumen. Der ungeheure Zug bewegt sich durch die Gericht-, Pank-, Wiesen-, Reinickendorfer, Liebemvalder, Amsterdamer, Müller- und Türkenstraße zum Schillerpark. Dort, auf der Bürgerwiese, nimmt das Heer der jungen Kämpfer Aufstellung vor dem Turm der Kameradschaft. Bon grün- umkränzten Fahnenmasten flattern die Flaggen aller Länder. Durch rote Bänder sind sie mit der großen roten Fahne verbunden, die über dem Tun» der Kameradschaft weht. Dem Auge bot sich ein überwältigendes Bild: Blauer Himmel, Sonnenschein, Grün der Wiesen und Bäume, sestlich gekleidete Jugend, Kopf an Kopf ge- drängt, rote Fahnen über allen Häuptern. Fanfarenstöße verkünden die Eröffnung der Kundgebung. Bürgermeister Leid und der Kreisleiter Frank vom Parteibezirk Wedding begrüßen die Jugend als Mitkämpfer der Alten mit einem herzlichen„Glück auf!" Der Vorsitzende der„Sozialistischen Arbeiterjugend Groß- Berlin", D i e d e r i ch, legt für die junge Generation das Treu- gelöbnis ab. Mit einem dreifachen, begeistert aufgenommenen Hoch auf die Internationale schließt die Kundgebung des Nachmittags. Di« Teilnehmer verteilen sich über die große Wiese. Vor dem Turm der Kameradschaft wurden Szenen aus T o l l e r s„Maschinen- st ü r m e r" aufgeführt. An anderen Stellen Hans-Sachs-Spiele. Die Kinder werden mit einem Kasperletheater ersreut. Dichte Kreise bilden die Eltern als Zuschauer dort, wo Volkstänze vorgeführt tverden. Ein wahrhaftes Volksfest wurde so gefeiert. Nicht vergessen sei die aufopfernde Tätigkeit der A r b« i t« r s a m a r i t e r, die in ihrem großen Zelt mehrere plötzlich Erkrankte behandelten. Die Dunkelheit senkte sich herab. Am Nachthimmel leuchteten die Sterne. Wieder riefen die Fanfare». Wieder drängten sich die Massen um den Turm der Kameradschaft, den heller Fackelschein er- leuchtete. Jetzt sprachen die Genossen Crispien.Löb«, Fried- länder und die Genossen des Auslandes: Brojda(Rußland), Speelmann(Holland) und Kern(Tschechoslowakei). Crispien schilderte die Ursache, die zur Gründung der sozialistischen Jugend- internationale führten und zeichnete in scharf umrissenen Worten die zukünftigen Aufgaben. Dieser Festtag sei kein bloßer Feiertag, sondern ein Tag des erneuten Bekenntnisses zum Klassenkampf, ein neuer Beginn für die Arbeit an der Befreiung des Proletariats. Brausender Beifall dankte ihm und den ausländischen Genossen, von denen der Russe und der Holländer in ihrer Muttersprache redeten. Nachdem Genosse Dr. Friedländer im Namen der soziali- stischen Studenten der Kundgebung seinen Gruß entboten hatte, erhob sich stürmischer Beifall, als Reichstagspräsideat Ge- nasse Paul Löbe den Turm der Kameradschaft bestieg. Mit zündenden Worten rüttelte er an das Gewissen jedes einzelnen, nicht nachzulassen in dem großen Kampf um die Freiheit, für die schon unzählige Opfer gefallen sind. Der Appell an die„junge Garde des Proletariats" fand einen begeisterten Widerhall. Er- griffen sang die Menge die„Internationale". Dann bildete sich der große Fackelzug, der einem Triumphzug glich. Er ging durch die Müllerstraße zum Brunnenplatz, wo in einem kurzen Schlußwort Genosse Lösche an die Teilnehmer die eindringliche Mahnung richtete, die tief- gehende Wirkung des Tages auszunutzen durch verstärkte Mitarbeit in der Zukunft. Es war ein Tag, der in der Erinnerung der Berliner Arbeiter- jugend unvergeßlich fortleben wird. Kinderfest auf dem Exerzierplatz. Die Kinderfeste, die das Bezirksjugendomt Prenz- lauer Berg ein- oder zweimal in jedem Sommer veranstaltet, sind den Besuiherir sehr ans Herz gewachsen. Das Fest wurde am letzten Sonnabend mit einem großen Festzua eingeleitet, in dem ein Zirkus riesiges, beifällig aufgenommenes Aufsehen erregte. Alle Völker st ämme waren vertreten: von den Beduinen bis zu den Eskimos, von den Chinesen bis zu den Negern, stets jugendliche „Delegierte". Dann folgte der riesige Kinderzug, dem schwarzrot- goldene Fahnen vorangetragen wurden. Zwei Musikkapellen de- gleiteten den Zug. Jedes Kind erhielt für seine 20 Pf. Ein- trittsgeld eine Papiermütze und eine Stocklaterne als Zugab e. Auf dem Spielplatz„Einsame Pappel" löste sich der Zug auf und verteilte sich auf einzelne mit Nummern bezeichnete Plätze, wo die Jugendgruppen des Bezirks die Kinder mit Tanz, Spiel, Wettlauf, Kasperletheater und Märchenerzählungen aufs beste unter- hielten. Besonderes hatten die K i n d e r f r e u n d e mit ihrer Zirkusoeranstaltung arrangiert, die durch ein indisches Zelt und ein Völkerkundemuseum ergänzt wurde. Dazu spielte das Jugend- orchestcr Linden Hof erste Kunst für die zahlreich erschienene ältere Jugend. Ein Fackelzug beendete nach«instimmiger Ueber- zcugung der Kleinen das Fest zu früh, obwohl es schon nach 20 Uhr war. Ein Toöesfihuß. Seltsame Schiehaffäre im Lehrlingsheim. Ein noch ungeklärter Dorfall, bei dem ein junges Menschen- leben vernichlel wurde, rief heute die Mordkommission der Kriminalpolizei nach dem Masse st ist in der Mecklenburgischen Straße. Das Slifk ist bekanntlich an die Stadt Berlin übergegangen. Das Bezirksamt Wilmersdorf hat darin ein Säuglings. und ein Lehrlingsheim eingerichtet. Das Lehrlingsheim beherbergt Fürsorgezöglinge, die einer praktischen Tätigkeit zugeführt werden. Ein großes Zimmer im 2. Stock bewohnten vier Zöglinge, darunter ein 14 Jahre alter Schlosserlehrling Bernhard Schmidt und ein 1 Jahr älterer Feinmechanikerlehrling Hermann K u a k o w s k i. Heute morgen um 6 Uhr begaben sich die beiden anderen nach ihren Lehrstellen. Eine halbe Stunde später kam Kuakowski zu dem Lehrer der Ab- teilung gelausen und teilte ihm mit, der Schlosser habe einen Blut stürz bekommen und liege im Zimmer. Der Lehrer eilte in das Zimmer und fand Schmidt in einer großen Blutlache tot auf dem Fußboden liegen, mit den Füßen im Schrank, mit dem Kopf auf den Dielen. Er blutete stark aus einer Kopf- wunde. Als man den Kuakowski weiter fragen wollte, was ge- schehen sei, war er verschwunden. Die Kopfverletzung wurde als eine Schußwunde festgestellt. Ein Verbrechen scheint aber nicht vorzuliegen, wenigstens fehlt es bisher an jedem Beweggrund da- für. Die beiden Burschen lebten durchaus einträchtig miteinander. Vermutlich hat Schmidt, auf dem Unterteil des Schränke? stehend, etwas vom Bücherbrett herunterholen wollen, das er nur so er- reichen konnte. Unterdessen hat Kuakowski wohl mit einer 5 Milli- meter T e s ch i n g p i st o l e, die er besaß, gespielt. Die Kugel des Schutzes, der dabei losgegangen sein muß, hat Schmidt in den Kopf getroffen und auf der Stelle getötet. So er- klärt sich auch die Lage der Leiche, die von der Mordkommission zur Obduktion beschlagnahmt wurde. Kuakowski ist noch flüchtig. Auf seiner Lehrstelle ist er nicht erschienen. Volle Gewißheit darüber, ob ein Verbrechen oder ein Unglücksfall vorliegt, kann erst durch seine Vernehmung und durch die Obduktion geschaffen werden. Krawalle in potsüam. Ausschreitungen nach einer Potsdamer Beteranenfeier. Zu mehreren Zusammenstößen ist es in der Nacht vom Sonn- abend zum Sonntag, und zwar nach einer Potsdamer Veteranen- ehrung gekommen, die im Cafe Sanssouci stattfand. Gegen ll-12 Uhr nachts, als die Stahlhelmleute aus dem Cafä kamen, standen mehrere Trupps Kommunisten in der Nähe des Hotels „Weißer Schwan". Aus beiden Seiten kam es zu gegenseitigen Anrempelungen und in wenigen Minuten war eine regelrechte Schlägerei im Gange. Dabei wurde ein Mitglied des Bismarck-Bundes namens Schulz aus Brandenburg am Kopf verletzt und ebenso der Arbeiter Hu n hold, der der Kommunistischen Partei angehört. Hunold wurde in das Potsdamer städtische Krankenhaus geschafft. Das Ueberfallkommando wurde alarmiei� und zerstreut« die Menge. Noch bis gegen 1 Uhr nachts fanden an verschiedenen Ecken Anrempelungen statt. * Die Nachricht eines Montagsblattes, daß ein Reichswehr- f o l d a t von einem Stahlhelmer in Potsdam überfallen und durch Dolchstiche schwer verletzt wurde, wird von der Potsdamer Polizei dementiert. Von einer solchen Bluttat sei der Polizei nichts bekannt. Gerüchte, die in Potsdam umlaufen, wollen wissen, daß ein Streit zwischen einem Stahlhelmer und einem Reichswehr- soldaten aus persönlichen Motiven unzutreffend ausgebauscht worden ist. Ausschreitungen beim Lausiher Stahlhelmtag. Senslenbcrg, 5. September. Anläßlich des gestrigen Lausitzer Stahlhelmtages kam es hier zwischen Mitgliedern der KPD., des Roten Frontkämpfer- b u n d e s und Stahlhelmangehörigen zu einer Schläge- r e i, in deren Verlauf es auf beiden Seiten Verletzte gab. Nach den bisherigen Feststellungen wurden vier Schwerverletzte, 18 nüttelschwer durch Hieb- und Stichwunden Verletzte und eine größer« Anzahl Leichtverletzte gezählt. Von den Schwerverletzten schweben zwei in Lebensgefahr. vie kleingartenüauerkolonien kommen.� Der Magistrat hat jetzt den Stadtverordneten eine Vor- läge zugelien lassen, in der er die lange ersehnte Auswerfung von Heimstättenaartengebieten und Dauerklein- gärten beantragt und die Stadtverordnetenversammlung um ihre Zustimmung ersucht. In der beigefügten Liste der Gebiete, die aus- gewiesen werden sollen, stehen für Heimstättengärten 42 Hektar Privat land und 519 Hektar fiskalisches Land, für Dauerklein- gärten 1478 Hektar städtisches Land, das sind im ganzen 203 9 Hektar Kleingartenland. Nach dem Beschluß der Deputation für das Sicdlungs- und Wohnungswesen soll jeder Klein- garten 200—300 Quadratmeter Fläche haben, so daß auf diese Ge- samtfläche 80000— 90000 Kleingärten untergebracht werden könnten. Da ftir Berlin die G e s a m t z a h l d c r K l e i n- gärten etwa 130000 beträgt, so würden für den größten Teil m den auszuweisenden Gebieten Kleingärten bereitgestellt werden können, und der Rest würde— sogt der Magistrat— auf den unbebauten Grundstücken der Stadt„seine Gärten behalten". Anders denken über diese Regelung die Kleingärtner. Sie halten sie keines- wegs für so günstig, wie sie dem Magistrat scheint. " An der nicht großen Gesamtsläche, die zur Ausweisung bestimmt ist, sind die einzelnen Verwaltungsbezirke begreiflicherweise sehr ungleich beteiligt. Fünf Bezirk?(Mitte, Tiergarten, Fried- richehain, Kreuzberg, Schönebcrg) geben ganz leer aus. Bei den übrigen fünfzehn Bezirken finden sich Unterschiede von dem Mindest- betrag 14,3 Hektar(Prenzlauer Berg) bis zu dem Höchstbetrag 532,9 Hektar(Bezirk Pankow)._ Großdachftuhlbrand am Sachsendamm. In der Sonntaanacht gegen$14 Uhr brach in dem Dachstuhl des Eckgrundstückes Sachsendamm 65 Feuer aus. Als der erste Löschzug der Feuerwehr an der Brandstätte erschien, hatte das Feuer eine solche Ausdehnung angenommen, daß der Alarm„G roß- f e u e r" gegeben werden mußte. Unter der Leitung des Brand- direktors Stiepeldey waren sechs Löschzllge bis in die Mittags- stunde hinein mit den Lösch- und Ausräumungsarlieiten beschäftigt. Stundenlang mußten aus zahlreichen Schlauchleitungen gewaltige Watzcrmengen in das Flammenmeer geschleudert werden. Der größte Teil des Dachstuhls mit den Bodenkammern wurde vernichtet. Die Wohnungen der oberen Etagen, des erst vor Jahresfrist fertig- gestellten Eckhauses, haben starken Wotzerfchodcn erlitten. Der Schaden ist sehr bedeutend. Zu dem nächtlichen Großfeuer in der Lehderstraße zu Weihen see wird noch folgendes bekannt: Das Feuer, das in einem Fabrikraum der Maschinenfabrik von G. entstanden war, breitete sich mit rasender Schnelligkeit aus und griff vom Seiten- slügel auf das Ouergebäude über. Die Wehren unter Leitung des Oberbranddirektors Gempp mußten aus-zehn Schlauchleitungen stundenlang Wasser geben, up des Feuers Herr zu werden. Erst nach achtstündiger Löschtätigkeit war die Gefahr beseitigt. Der Schaden ist sehr erheblich, zum größten Teil aber durch Versicherung gedeckt. Ein Teil des Betriebes ist auf einige Zeit gestört, die Entstehungsursach« beider Brände tonnt« noch nicht ermittelt werden, Gefälschte Russen-Noten. Ein Georgier als Hersteller festgenommen. Gefälschte russische Tscherwonetz-Noten tauchten im vergangenen Monat an verschiedenen Stellen in Berlin auf. Da die Vertreiber wohl wußten, daß deutsche Banken und Wechselstuben Noten dieser Art nicht einwechseln, so hatten sie sie russischen Staats- angehörigen in die Hände gespielt, die im Handelsverkehr mit dem Heimatlande standen. Obwohl mehrere der Käufer die Noten Privat- banken in Berlin und München zur Prüfung vorlegten, hielt man sie allgemein für echt, da die Fälschung sehr geschickt vorgenommen worden war. Erst als einige besonders vorsichtige Abnehmer sich an die Reichsbankfalschgeldabteilung wandten, kam die Fälschung ans Licht. Die Nachforschungen ergaben nun weiter, daß die falschen Noten. ehe sie in die Hände der Käufer gelangt waren, schon durch eine ganze Reihe von Zwischenhändlern gegangen warm. End- lich gelang es auch, den Mann zu ermitteln, der die Fälschungen nach Deutschland gebracht hatte. Es ist ein Sekretär Basilius S'ada- t h i e r a f ch w i l i, ein gebürtiger Georgier, der in Frank- f u r t a. M. verhaftet und nach Berlin überführt wurde. Es ergab sich, daß S. vorher in München gewesen war und dort Anschluß an verschiedene Geschäftsleute gesucht und gesunden hatte. Durch die vereinten Bemühungen der Reichsbanksalschgeld- abteilung in Berlin und der Franksurter Kriminalpolizei wurde eine von S. eingerichtete F a l s ch m ü n z e r w e r k st a t t in Fron- s u r t a. M. entdeckt und ausgehoben. Unter falschem Namen hatte S. von einem Besitzer einer kleinen Druckerei einen Raum und Maschinen abgemietet und dem Ahnungslosen vorgespiegelt, daß er Schriften in seiner Muttersprache drucken lassen wolle und dazu seine eigenen Leute mitbringen werde. Bei der Aushebung wurden ganze Ballen angefangener Falschscheine gefunden, die für mehr als 120 000 Stück falsche Ein-Tscherwonetz-Noten ausgereicht hätten. Wie andere Falschmünzer vor ihm hatte auch S. sich auf Umwegen ein Druckklischee für seine Falschscheine zu beschaffen gewußt. Cr ließ bei verschiedenen Klischcefabriken Teile des Noten- Hildes klischieren und setzte sie beim Druck zum Gesamtbilde zu- sammen. S. behauptet, daß er aus politischen Gründen zum Banknotenfälscher geworden sei. Sein in Georgien ansässiger Vater sei von den russischen Behörden fälschlich des Landesverrates bezichtigt, eingekerkert und seines Vermögens und Landbesitzes be- raubt worden. Aus Rache für die angeblich erlittene Unbill habe er die falschen Noten hergestellt._ Oer Sonntag in öerlin. Das gestrige schöne Sonntagswetter hatte wieder einen außer- ordentlich starken Ausflugsoerkehr nach allen Himmelsrichtungen zur Folge. Die Seen und F l u ß l ä u f« in der Umgebung Groß-Berlins waren trotz des böigen Wetters von Wassersportlern stark belebt. Der Reichswasserschutz, Kommando Spandau, im Bereich der Havel wurde mehrmals alarmiert, um gekentert« Segel- boote zu bergen. Die Insassen konnten sämtlich gerettet werden. Ein besonders starker Verkehr entwickelte sich am Nachmittag auf der Spree und dem Müggelsee. Zahlreiche Regatten wurden ausgetragen, so daß der Reichswasserschutz während des ganzen Tages ui Alarmbereitschaft lag und alle zur Verfügung stehenden Boote auf Patrouillenfahrten unterwegs hatte. Auf dem sehr stür- mischen Müggelsee hatte auch die Rettungsgesellschaft einen verstärkten Sicherheitsdienst eingerichtet. Soweit bisher bc- kanntgeworden ist, kam es glücklicherweise nirgend zu ernsten Un- fällen. Lediglich bei Oranienburg kenterten zwei Paddel- boote, wobei ein Insasse den Tod in den Wellen fand. Die Freibäder Wannsee, Friedrichshagcn, Grünau, Oberschöneweide, Tegel erfreuten sich eines überaus guten Besuches, bis zum Einbruch der Dunkelheit ließ die beängstigende Fülle kaum nach. Der gestrige Sonntag brachle der„Großen Deutschen F u n k a u s st e l l u n g" im Hause der Funkindustrie am Kaiserdamm bereits in den Vormittagsstunden einen außerordentlich starken Be- such. Bereits in der 6. Nachinittagsftunde waren die Besuchsziffern aller übrigen Funkausstcllungssonntage der Vorjahre bei weite m ü b e r t r o f f e n. Die Funkhalle und das weite Gelände der Wochenendkolonie vermochten während der Uebertragung des Nach- mittagskonzerts der Funkstunde und der sensationellen Versuche„Funk und Flug" die Massen kaum zu fassen. Der Verkehr mit dem Flugzeug, der von Prof. Leithäuser und Dr. H e r a t h durchgeführt wird, ist jetzt so weit vervollkommnet, daß von heute, Montag, an das Programm eine besondere Ausgestaltung erfahren kann. Unter den Besuchern überstiegen nach wie vor die Kaufinteressenten aus allen Teilen Deutschlands und insbesondere auch aus dem Auslande. Die bisherigen geschäftlichen Abschlüsse übertreffen alle Erwartungen. Das Eisenbahnunglück bei Harburg. Eine vernachlässigte Strecke? Hamburg, 5. September. Zu dem Eisenbahnunglück, das sich, wie gemeldet, in dem Tunnel aus der Bahnstrecke Buchholz— S o l t a u ereignete und bei dem ein Hamburger Kaufmann getötet und fünf Reisende schwer verletzt wurden, berichtet ein Augenzeuge, dein die Verantwortung für die Richtigkeit seiner Angaben überlassen bleiben muß, im„Hamburger Fremdenblatt", daß die Strecke einen sehr baufälligen Eindruck gemacht habe. Es habe große Empörung geherrscht, als ein Reisender eine Bohle herumgezeigt habe, die völlig morsch gewesen sei, aus der man die Schrauben ohne Mühe mit den Fingern habe her- auslösen können. Unter den Wagen habe man geborstene Schienen gefunden. Den Reisenden habe sich ein eigenartiger Kontrast geboten, als sie dicht vor der gestürzten Maschine eine Gleisstrecke beginnen gesehen hätten, die.cinen weit besseren Eindruck gemacht habe. Ein Hchild an der Straßenseite zeigte an, daß an dieser Stelle die Eisenbohndirektion Hannover beginne und der Be- zirk Münster endigt. Die Eisenbahndirektion Münster gebe al° 0 sache des Unglücks Gleisverwerfung infolge der Hitze an Schweres Straßenbahnunglück in Wien. Wien, 5. September. Ein Straßenbahnzug In Bezirk Ottakring suhr� gestern in einen anderen hinein. Zwei Wagen jprangcn aus den Schienen. Einer fuhr in ein Lebensmittelgeschäft. Bei dem Zu- sammenstotz wurden 35 Personen zun» Teil schwer verletzt. ♦ Der britische Gewerkschaftskongreß. Hicks hält die Eröffnungsrede. Edinburg(Schottland), S. September.(Eigenbericht.) Der britische Gewerkschaftskongreß, der wegen der bevorstehen- den Auseinandersetzung über die Stellung der britischen Gewerk- scfcaften zum Internationalen Gewerk schaftsb und und den Russen von der gesamten internationalen Arbeiter- bewegung mit größter Spannung erwartet wurde, ist am Sonntag mittag mit einer großen programmatischen Rede des Präsidenten H i ck s eröffnet worden. Hicks wies zunächst darauf hin, daß die britische Gewerkschafts- bewegung ungebrochen durch die �Nachwirkungen des großen Arbeilskampfes von 1926 hindurchgegangen sei, wenn auch verschiedene Gewerkschaften schwer zu leiden hatten und beträchtliche Einbuße an Mitgliedern erlitten hätten. Die Gesamtbewegung aber sei heute immer einflußreicher, erfahrener und ihres Zieles be- w u ß t e r als vor Jahresfrist. chicks ging hierauf zunächst auf das A n t i g c w c r k sch a f t s- g e s e tz der Regierung ein, welches entscheidend zur Einigung?- bewegung beigetragen habe. Der Kongreß werde die nötigen Schritte erwägen, die erforderlich sind, um die britische Gewerk- schaftsbewegung den neuen gesetzlichen Erfordernissen anzupassen. Die Kräfte der Entwicklung seien stets stärker gewesen und die völlige Unsinnigkeit des Antigewerkschaftsgesetzes würde bald ficht- bar werden. Auf die Lage im Bergbau übergehend, betonte chicks, daß dort die Situation bedenklicher sei als jemals zuvor. Hier könne nichts als die Nationalisierung im Sinne der Arbei- terbewegung helfen. Nachdem Hicks noch auf die Notwendig- keit hingewiesen hatte, den wachsenden Zusammenschluß des Kapitals mit entsprechender Konzentration der Kräfte der Arbeiterschaft zu beantworten, trat er aufs lebhafteste für eine bessere Ausnützung der Möglichkeiten ein, welche in gemeinsamen Besprechungen und Beratungen mit den Unternehmern gegeben seien. Solche Verhandlungen würden zeigen, wie weit eine Zusammenarbeit zwischen Unternehmern und Arbeitern zur Erhöhung der Leistungsfähigkeit der Industrie und des Standards der Arbeiterschaft möglich sei. Zum internationalen Gewerkschaslsproblem übergehend, betonte Hicks, die britische Gewerkschaftsbewegung müsse sich immer mehr ihrer internationalen Pflichten und der Rolle, die ihr im Rahmen der internationalen Bewegung zufalle, bewußt werden. Mehr als Bewohner anderer Länder getan hätten, biete sich ihnen die Gelegenheit, über ihre eigenen Grenzen hinauszu- gehen. Nach dieser Anspielung wurde allgemein erwartet, daß Hicks jetzt auf die Beziehungen zum JGB. eingehen werde. Diese Er- Wartungen wurden nicht erfüllt. Hicks erwähnte weder den JGB. noch den Pariser Kongreß mit einem einzigen Worte. Auf die Beziehungen zu den Russen übergehend, stellte er fest, er wisse sehr wohl, daß in den Reihen der britischen Gewerkschaften Aerger über die Arroganz gefühlt werde, mit welcher die Russen den Engländern sagten, wie sie sich aufzuführen haben. Man dürfte jedoch nicht vergessen, durch welche furchtbaren, schweren Zeiten die Russen hindurchgegangen seien. Die heutigen Führer Sowjetrußlands sähen die Welt durch die Brille ihrer Erfahrungen während des Zarismus an. Die russische« Methoden seien n'chl notwendigerweise auch für andere Länder geeignet. Wörtlich führte Hicks aus:„Unsere russischen Genossen haben viel gelitten und viel gelernt, und unser Gefühl für internationale Solidarität und Kameradschaft macht es uns zur Pflicht, diese An- gelegenheit in weitherzigstem und generösesten Sinne zu betrachten!" Dieser Hinweis Hicks' auf Rußland, der allgemein als indirektes Bckcnnlnis für eine Fortsetzung der anglo-russischcn Gewerk- schaftsverhandlungen gedeutet wurde, beendete der Redner unter Bezugnahme auf den bevorstehenden zehnten Geburtstag der Sowjet- rcpublik. welche die Grundlagen für den Fortschritt Rußlands gelegt habe. Hicks schloß seine Rede noch mit einer Warnung vor Kriegs- gefahr. Lohnbewegung im Grauntohlenbergbau Sofortige Lohnerhöhung gefordert. h a l l e a. d. S., 5. September.(Eigenbericht.) Zu den gesamten mitteldeutschen Vraunkohlenrevieren haben gestern insgesamt IS Konserenzen mit über 2000 Delegierten getagt und Stellung zur Lohnfrage genommen. Es wurde e i n- fti ramig in allen Konferenzen die folgende Entschließung ange. nommen: .Die völlig ungenügende Entlohnung der im mitteldeutschen Braunkohlenbergbau beschästigten Arbeiter ist unerträglich ge- worden. Trotz Ihrer fast durchwog sehr guten Geschäft»abschlSss« haben die Arbeilgeber für die berechtigten Lohnforderungen nicht da» mindeste Verständnis und Entgegenkommen gezeigt. Sie haben jeden Pfennig Lohnerhöhung rücksichtslos abgelehnt. Die Preise aller Bedarfsartikel, besonders der Lebensmittel, steigen fortwährend. Eine Mieterhöhung muhte von den Arbeitern getragen werden: eine weitere steht vor der Tür. Angesichts der allgemein viel zu niedrigen Löhne im Braunkohlenbergbau ist es a l l e r h ö ch st e Zeit ge. worden, eine wesentliche Erhöhung der Löhne vorzu- nehmen. Die Konferenz fordert daher eine sofortige Lohn e r h ö h u n g. Die Konserenz bringt ganz einmütig und entschieden zum Ausdruck, daß die im Braunkohlenbergbau beschäftigten Ar. beiter es strikte ablehnen, zu den derzeitigen Löhnen weiterzuarbeiten. Sie ersucht die am Tarifvertrag beteilig. ten Gewerkschaften, unverzüglich Lohnforderungen an die Arbeitgeber zu stellen. Stehen die Arbeitgeber wie bisher ver- ständnislos den Lohnforderungen gegenüber, so tragen sie die Der- anlwortung für alle Zolgen ihrer ausschließlich aus Prositwirtschaft gerichteten Einstellung. 3m Jullc der Ablehnung der gestellten Forderungen beschließt die Konserenz die Kündigung der Ar. beitsoerträge für den gesamten mitteldeutschen Braunkohlen. bergbau durchzuführen. Die gewerkschasllichen Organisationen wer den beauftragt, die erforderlichen Maßnahmen vorzubereiten." Es haben Entschließungen vorgelegen, die weit über das Maß der gestellten Forderungen hinausgingen. Die Konferenzen haben sich aber einmütig der Gewerkschastssührung untergeordnet. Zur Tarif bewegung öer berliner Schuhmacher. Die Bedingungen der Schuhmacherinnungen. Bom Zentralverband der Schuhmacher wird uns geschrieben: Seit l'A Jahren finden mit den Berliner Schuhmacherinnungen Verhandlungen über die Neuschaffung eines Tarifver- träges statt, ohne bisher zu einem endgültigen Resultat gekommen zu sein. Im März 1926 verlangten die Innungen die Wiederein- führung fester Akkordsätze an Stelle des bisherigen Stücklohnsystems, und Reduzierungen von Akkord- sätzen. Obwohl bereits eine Einigung in beiden Punkten erzielt war, verlangte die Bcrhandlungskommission der Innungen in der letzten Sitzung, die die damaligen Verhandlungen abschließen sollte, weitere Reduzierungen der Akkordsätze. Dieses Verlangen war für die Vertreter der Arbeiterschaft unannehmbar, so daß der Tarifabschluß unterblieb. Im April d. I. wurden neue Verhandlungen angebahnt. Nachdem der Schlichtungsausschuß dos Zusammentreten der Parteien verlangte, gelang es, in direkten Verhandlungen eine Verständi- g u n g herbeizuführen. Wer aber nun glaubte, die Innungen würden das in den mündlichen Verhandlungen Vereinbarte durch Unterzeichnung eines schriftlichen Tarifvertrages anerkennen und damit zu ihren Worten stehen, sah sich« n t t ä u s ch t. Um das mündlich Vereinborte wieder umstoßen zu können, verlangen die Innungen jetzt, daß die Gewerkschaft die„Schuhreparatur- Werkstätten für die Erwerbslosen" bekämpfen soll, weil diese nach Meinung der Schuhmachermeister Konkurrenz bieten. In den direkten Verhandlungen ist diese Bedingung den Zlrbeitervertretern nicht gestellt worden. Wäre sie gestellt, so hätten die Arbeitervertreter diese unerhörte Forderung mit dem gebühren- hen Nachdruck zurückgewiesen und unumwunden dargelegt, daß die Gewerkschaft nicht nur eine Bekämpfung dieser Werkstätten ablehnt, sondern, wie bisher, alles zu ihrer Förderung und zum weiteren Ausbau beitragen wird. Die Innungen glaubten, sie könnten durch Nichtabschluß eines Tarifvertrages einen Druck auf die Gewerkschaft ausüben, um diese als Vorspann für ihre mittelalterlichen Ansichten und Bestrebungen zu gebrauchen. Die Arbeiter haben dies konsequent a b g�e l e h n t und werden lieber auf einen Tarifvertrag ver- z i ch t e n, als die einseitigen vermeintlichen Interessen der Innun- gen zu vertreten. Die Neuschaffung eines Tarifoertrages ist somit wieder auf ab- sehbare Zeit durch das Verhalten der Innunaen unterbunden. Es bleibt somit nur der bisher befchrittene Weg übrig, daß Ver- träge mit den einzelnen Werkstätten, insbesondere den mechanischen Werkstätten abgeschlossen werden. Die Gewerk- schaft Hot in diesem Falle ein erhöhtes Interesse an der Entwickelung der mechanischen Betriebe und wird ihr nicht hindernd in den Weg treten können. Im Gegenteil, wird es notwendig sein, diese Ent- Wickelung zu fördern, damit recht viele Schuhreparaturarbeiter die Möglichkeit finden, unter geregelten Lohn- und Arbeitsbedingungen in einigermaßen günstigen Arbeits- räumen zu arbeiten. Ob die Innungen darüber heulen und weh- klagen, kann die Arbeiterschaft wenig interessieren, sind sie es doch, die hierzu in nicht unerheblichem Maße beigetragen haben, da sie ihren Arbeitern das zum Leben Notwendigste unter Stellung von Bedingungen vorenthalten, die außerhalb jeder Diskussion stehen, unannehmbar sind und als unverschämt bezeichnet werden müssen. AfA-Vertreterversammlung. Heute, Montag, den 5. September, 19)4 Uhr, Gewerkschofts- haus, Saal 3. Arbeitsbericht April bis August: Flatau.— Bericht vom JGB.-Kongreß und der internationalen Arbeiterinnenkonferenz in Paris. Referenten: Kollege S t ä h r(AfA-Vorstand) und Kollegin Grete Sehner. Streit öer heizupgsmontevre in Hannover. Hannover, S. September.(Eigenbericht.) Die Heizungsmonteure und Helfer von Hannooer haben am 5. September die Arbeit eingestellt. Sie hatten vor längerer Zeit den bestehenden Lohn- und Akkordtarif gekündigt, um Auf- besserung der Löhn«, der Aufwandsentschädigung bei Montagen und notwendige Aenderungen im Akkordvertrag durchzuführen. Der Arbeitgeberverband machte nur ein ungenügendes Angebot. Darauf- hin erfolgte der Beschluß, die Arbeit einzustellen. Zuzug von Hei» zungsmonteurcn nach Hannooer ist fernzuhalten. Sport. Internationaler Ningerwettstreit. Im Sporkpalast. Am Sonnabend begann im Sport polast die erste Olympiade der Mittel- und Schwergewichtsringer. Kurz nach der Vorstellung der stattlichen Schar betritt das erste aus- geloste Paar die Matte, die von nun an für einige Zeit der Schau- platz harter Kämpfe fein wird. Eingangstor und Ring zierten neben Schwarzrotgold die Flaggen der Nationen. Beim ersten Paar von Berg- Mannheim— L eskinowicz- Lettland sollte die ungestüme Jugend des Letten den Sieg davon- tragen: schon nach 3,8 Minuten mußte sich der Mannheimer durch einen Ueberwurf als besiegt erklären. Di« wenigen Angriffe des Kölners Debie muhten an der großen Kraft des Poseners P i n etz k i scheitern, der bald darauf einen schweren Doppelnelson im Stand ansetzte, den der Kölner trotz verzweifelter Abwehr nicht zu sprengen vermochte. Der zur internationalen Extraklasse zählende Wiener Ka wan traf auf den Tilsiter Budrus, der aber auf die Dauer seinem überlegenen Gegner nicht standzuhalten vermochte und nach 17% Minuten durch einen Hüftschwung mit Kopfzug die Waffen strecken mußt«. Auch die Mittelgewichte standen im Aeichen schneller Resultate. Der Franzose F a v r e, der bereits nach wenigen Minuten seinen Ruf als einen der besten europäischen Ringer erneut bewies, riß den Tschechen B l a h o w e tz schon nach 7% Minuten mit Hüft- schwung zu Boden. Zwei gut aufeinander abgestimmte Gegner paarte der nächste Kamps: P e r e l e s- Wien und den Augsburger Sachs, die riesig flott ihren 17-Minut«n-Kampf absolvierten, aus dem sich bald der Wiener als der Bessere herausschälte. Der Bayer V o g t m a n n stieß auf den Schweizer G r ü n e i s e n, letzterer erwies sich als ein glänzender Ringer: er warf den Bayern in der 21. Minute mit Untergriff. Di« Kämpf« des Sonntags hatten folgende Ergebnisse: Der Hamburger Stange erlag gegen den Letten L c s k i n o w i c z bereits nach 11 Minuten einem plötzlichen Hüftschwung. Von Berg- Mannheim mußte mit seiner zweiten Niederlage lzeimziehen. der Tscheche P r o ch a s k a konnte ihn mit Doppelnelson zu Boden bringen. Zwei gleich starke Gegner waren Stolze nwald- Saargebiet und M a y e r h a n z- Dortmund. Dieses Treffen entschied ersterer nach 21 Minuten durch Untergriff von der Seite zu seinen Gunsten. Zwei gleichwertige Mittelgewichtler reichten sich die Hände: F. Kawan-Wien und der Elberfelder Kunst. Langsam bekam doch die Routine des letzteren die Ober- Hand und mit Eindrücken der Brücke konnte er den Sieg an sich bringen. F a o re- Frankreich und S ch ul z- Hamburg schiede» ohne Ergebnis. Ungeheuer schnell trugen Steinte- Stettin und Opitz- Thüringen ihr kurzes Treffen aus, das der Stettiner nach 13 Minuten durch plötzlichen Hüftschwung an sich dringen konnte. �_ G. M. Die Europa-Schwimm-Meisterschasten. Die Europa-Schwimm-Meisterschaften brachten am Sonnabend nachmittag wieder mehrer« neue Entscheidungen. Arne Borg gewann die 499 Meter Freistil, England die 4X199-Meter-Damen-Freistilstasfel, Miß W h i t e- England das Damenturmspringen und Fräulein Braun die 499-Meter-Damen- Freistil. Deutschland schnitt bei diesen Kämpfen wenig glücklich ab, benn Heinrich wurde im 499-Meter-Freistil hinter dem Schweden Zweiter, Berges begnügte sich mit dein sechsten Platz. Deutschlands Damcnstaffel wurde dritte hinter Holland, und Fräulein Erkens konnte im 499-Meter-Freistil nur den vierten Platz heraus- schwimmen._ Rennen zu hoppegarken am Sonnlag, dem 4. September. 1. R e n n c n. 1. Otto Blumenfcld und R. Samsons Orlamünde (Schönfisch). 2. Negro, 3. Jrmin. Toto: 68:10. Platz: 13, 11: 10. Ferner lies: Filmstar. 2. R e n n e n. 1. Stall Halmas ManliuS(Sajdik), 2, Islam, 3. Schnee. berg. Toto: 161:10. Platz: 47,40,18:10. Ferner liefen: Senow, Semper (dem, Saladin, Habicht, Hurone, Amandus, Tannenkönig, Engadtn. 3. R e n n e n. 1. R. HanielS T'chicrva(Williams), 2. Madame Pom- p-dour, 3. Postenkette. Toto: 88: 10. Platz: 27. 32: 10. Ferner liefen: Rücksicht, Grafenkrone, Marchesa. 4. R e n n e n. 1. Hauptgeilllt AlteseldS Aditja(G. Fanck), 2. Audax, 3. Alicia. Toto: St: 10. Platz: 25, 14: 10. Ferner Uesen: Farn, St. Robert, Malorla. 5. R c n n e n. 1. Gestüt Weil; Rheinwein(TarraS), 2. Portio. 3. Wach- holder. Tolo: 39: 10. Platz: 28, 38: 10. Ferner liefen: PompejuZ, Stolzen- sels, Detritus. 6. Rennen. 1. M. HerdingS Wien(Böhlke), 2. PrünaS, 3. Preuhen- stolz. Tolo: 47:10. Platz: 17,15,23:10. Ferner liefen: Liliensee. kipnis. Edler von Lorch, Anton, Gilde, Bonbonniere, EiSbraut, Mausi. 7. R e n n e n. 1. Frhr. S. A. von Oppenheims Jvq(William»), 2. Mohrenglück. 3. Lockcnkopf. Toto: 121: 10. Platz: 20, 14, 12: 10. Ferner liefen: Sandoval, Sebaftiano. Mission, Werden, Dloclctian. Derantwortlich Mr Politik: Richard Bernstein: Wirtschaft:» Sdiifftiiiiirilanm 8 Uhr: George Dandiii stmln an 8ölo*plati 8 Uhr EiD Soimnemaditj- iraflui. DüDtsdies Theater Norden 10334— 37 1 U. Ende 11 U Der Arzt am Sdietdeweit Komödie von Bernard Shaw In Vorbereitung: IrtiilDtD.[retsitla Kammerspiele Norden 10334—37 Letzte intrOhrong ZU« Uhr. Ende 10 U. Der Snob von Carl Sternheim. Dienstag, 6. Sept. Zum 1. Mole: Ihr Mann Lnhpiil tm Pul Gtraldy Die Komödie Bismarck 2414/7516 8'/, Uhr Zinsen voa Bernard Shaw Trianon- Theater Qa S'/s Uhr: pln Mädel (Das Extemporale) Ushpili n> Sl/. Uhr: Der fröhliche Weinberg Lustspiel in 3 Akten v. Karl Zuckmaye: Lobe, Ebelsbacher Parkett statt 4 Mk. lägl. auch Sonntags nur 60 PL Ab Mittw. 8'/« Uhr: Iii Rodesheimer SdiloB stellt ein liide Theater des Westens Der Täglich 8'/, Uhr: Die Tngend- prinzetsin Kell« ROrtT. Mir Kell. Marlini Udirig. Rerth Rittoer, Editb Heil». Bestv, U. Lipubih Preise 1,2, 3 M. usw. Birambr-BSInn Th-Königerätz St. Hasenheide 2110 8—10 Uhr Uhti AuffiUiniDgnl OieSdiule v.üznadi 8. Sept. z. 1. Male Der dreimal tote Pcler Komödie v. Sling Komödtenhaat Norden 6304 Cuhgid da Hasluon UutltmihM Thciten „llabima" 7 Vi Uhr Dybuk Berliner Thealer Dönhoff 170 Eriffgiigninttllug: Vi, Uhr Läonie IvtieM von In lern nwuin-Tn eaier 8 Uhr Der rote Hahn Lustspielhaus 8V4 Uhr. Cafe Electrlk 6. September Premiere „Filmromaotik" ftose-7beatet 8V, Uhr: FOrstenwende Gartenbühne 5 Uhr; Konzert and bunter Teil 8 Uhr Die Frau ohne Xufl. WaMealef Täglich 8'/. Uhr Alt-Heideiberg .diaugltl Tan Haru-Feenhi dattoni, Kupter, Slduil.Eartil Preise: 1,-. 2,-, 3,- M. usw. :aiia»darg4ldl>»ea Uts. Künstler- 1 h. 8V« Uhr „Du wirst midi heiraten" LSepL: Premieri „Die Dame von Maxim" Lesslng-Theater 8 Uhr Mz Beinridi IV Piscatorböhne Ihest. i. Hüllendorfplati Kurfllrst 2091/93 8 Uhr. Hoppla, wir Isw! von Ernst Toller Inz. Erwin Piscator Bindr. Stobravi. Wiilbomv. Busch. Grielz, Cranadi. Hannwnann, Kollmann, Sima, Stfidel. Planetarium am Zoo Verlang. Joediinisthaier Straße Noll. 1578 H Der Sternenhimmel auf der Reise von Berlin nach dem Aequator Vorführungen: 4V* 6, 7»/* 9 Uhr. Eintritt 1 M. Kinder ont. 15 Jahren 0.5011 Theater am Kottbusser Tor Kottbusser Straße 6. Täglich 8 U. u. Sonntagnehm. 3 U. .Elite-Sänger in ihrem Schlager-Programm! Volkspreise von SO Pf. bis 2,50 M. Sonntas nach mittag; Große FamlUen-Vorstellnnä Volles Progr. Kl. Preise v. 40 Pf. b. 1,75 M. Größter Lacherfolgi Reishshaüen-Theater Anfang 8 Uhr u. Sonntag nachm. 3 Uhr Stettiner Sänger Zum Schluß: Eine Hochzell in der Müllerstralie Nachmittags: Halbe Preise, volles Programm. Dönholf-Brett'l: Varietö, Konzert, Tanz wlritsaraslnddl« Desonuer» Kleinen Anzeige« in der aesamt- Anfinge f. des Vorwärts und trotzdem 4 Hübertusbader �4 Quellsalz das rein r tri' ri'che P Calciumsalz Hervor ragend bewähr') z KratHgung de.'-Merven bc-'h L?......■Schlaflo&igkeil.i'.Krdmpfiwö.tdndjeri:- Zu haben In allen Apotheken und Drogerlen! _ Originalpackung Mk. 3.—. Verkäufe Bekleidungsssütke. Wasclie(is"#, Serrig getragene ssrackaiullge. Sma- kinganzilge. Gchrockanzllqe. Iackettau- zllge, Gadard'.nemäntel. iSummimäulel, Eutawan-Anzllge Taillenmäutel, fllr lebe Figur paficnb. Spezialität: Bauch. anzilge. spottbillig. Halperu. 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