MbenSausgabe Nr. 421 44. Jahrgang Ausgabe IZ Nr. 208 Be,llgsbedlnsuns«» und?ll�iz«nur«Is» sind in der Morg«nau»gab« ons«a«ben «edotlion: STD. es, Cindenflrab« 3 Z-rosprecher: VSnhoss 292— 292 r-l..«dr«sse: Sojlaldcmolrai Berlin Derlinev Volksbl�kk (10 Pfennig) Dienstag 6. September 1 927 Setlag und SnieigenaMctlung; ©cli) Sf tsjeit 8 Vi bis 5 Uht Oerleget: Oornarls-Oertag Wmbh. Berlin SOI. 68. Cindenflrafie 3 Zernsprecher: VSnhoss 292— 29. Zcntralorgan der Sozialdemokrat» fehen parte» Deutfcbtands Erklärung gegen üen Krieg. Abschwächung des polnischen Borstotzes. v. 8di. Genf. 6. September.(Eigenbericht.) �ie mit großem Sturm angekündigte polnische Jnitia- tioe zugunsten eines allgemeinen Nichtangriffspaktes schrumpft immer mehr zusammen. Es scheint, daß die Polen von Anfang an nicht recht gewußt haben, was fi« eigentlich wollten. Das Miß- trauen Englands gegen ein Wiederouftauchen des Genfer Sicher- heitsprotokolls vom Jahre 1924 in jeder anderen Form hat zur Folge gehabt, daß der ursprüngliche Plan fallen gelassen wurde, ehe er noch konkrete Gestalt annahm. Nachdem am Montag abend Chamberlain in einer Unterredung mit Brjand seine Bedenken zum Ausdruck gebracht hat, wird jetzt von polnischer Seite versichert, es sei nur an ein« ollgemeine Deklaration gedacht, durch die jeder Angriffskrieg für ungesetzlich erNärt werden sollte. Das steht aber eigentlich schon im Völkerbundsstatut. Jede Präzisierung würde sofort die Frage auftauchen lassen, was man unter dem„Angriffskrieg" versteht. Sobald man aber den Betriff des„Angreifers" genauer definieren will, gerät man in die endlosen Diskussionen, die bei der Ausarbeitung des Genfer Sicherheitsprotokolls im Sommer 1920 stattgefunden haben und ruft daher den Widerstand der Konservativen Englands und der Dominien hervor. Eine bloß« Deklaration, wie sie jetzt von Polen vorgeschlagen wird, wäre andererseits nichts mehr als eine bloße Geste, die ihr« Unterzeichner moralisch kaum mehr verpflichten würde als das Völkerbundsstatut. Eaglanö gegen Ausbau öes Völkerbundes. London. 6. September. Den polnischen Wünschen noch einem gegenseitigen Nicht- angriffspakt gegenüber wird in der englischen Presse weiterhin starke Skepsis und dementsprechend« Reserve beobachtet. Der Vorschlag, so sagt der„Daily Telegraph", sei trügerisch und vom englischen Standpunkt aus gefährlich. Wenn man bereits von einer gewissen Zustimmung Ehamberlains spreche, so sei das insofern irreführend, wenn man hieraus die Bereitwilligkeit Groß- britanniens konstruieren wolle, sich aus«ine Garantie für die Grenzen im Osten einzulassen. Wenn natürlich der Pakt lediglich platonischen Charakter haben sollte, so daß nur die Mächte ihn zu unterzeichnen brauchten, die es von sich aus wollten, so sei der Plan wenig tadelhaft, sein Nutzen aber zweifelhaft.— Die„Times" meinen, daß auch nach der Ansicht gemäßigter Franzosen das bis- herige Bündnis Polens mit Frankreich in Verbindung mit den Locarno-Derträgen Polen die beste Sicherheit gebe. Ueber«ine niögliche Kandidatur Kanadas für einen Sitz Im Völkerbundsrat herrscht in England fast durchweg Befriedi- g u n g, die auch in der Presse zum Ausdruck kommt. Man könne Chamberlain dazu gratulieren, so schreibt„Daily Telegraph", daß er die Einwände, die zum Teil in seinem eigenen Ressort bestanden hätten, aus dem Wege geräumt habe. kein Gst-Locarno, sondern allgemeines Abkommen. Paris, 6. September.(Eigenbericht.) Der„Petit Parisien", der sich zum Sprachrohr der polnischen Politik in Genf gemacht hat, veröffentlicht am Dienstag neue Ein- zelheiten über den polnischen Dorschlag eines allgemeinen Sicherheitspaktes. Diese Veröffentlichung ist ohne Zweifel durch die ungünstige Aufnahme hervorgerufen, die die polnische Initiative besonders in der französischen Presse gefunden hatte. Es wird darin ausgeführt, daß es falsch sei, zu glauben, Polen wolle ein neues st-L o c a r n o" vorschlagen oder einen lokalen Ost- Pakt. Im Gegenteil, Polen wolle gerade keinerlei lokalen Pakt, sondern einen Pakt mit ollgemeiner Bindung für sämtlich« Staaten zum Vorschlag bringen. Sozialistifihe velegierten-konferenz. V. 8di. Genf, 6. September.(Eigenbericht.) Vermittelt durch den Direktor des Internationalen Arbeitsamts, Genossen Albert Thomas, fand am Montag eine erste Zu- sammenkunst der sozialistischen Delegierten beim Völkerbund statt. I Es nahmen daran teil: Breitscheid(Deutschland), Paul Bon- ' c o u r(Frankreich), Vandervelde und de Broucker« (Belgien), Borgbjerg(Dänemark), der frühere Ministerpräsident Sandler(Schweden) und der jetzige Außenminister Zeelens (Lettland). Genosse I o u h a u x, der als französischer Ersatz- delegierter angemeldet ist, war noch nicht eingetroffen. Die Sozialversicherung im Saargebiet. Das Abkommen mit Deutschland angeuommen. Saarbrücken. 6. September.(Mtb.) Der Präsident der Regierungskommission des Saargebiets. W i l t o n, empfing heute nachmittag zum zweitenmal seit seiner Amtszeit die Vertreter der Saarpresie, uin davon Mitteilung zu machen, daß die Regierungskommission am 1. September beschlosien habe, das mit der deutschen Regierung unter Teilnahme eines Vertreters der französischen Regierung über die Sozial- Versicherung des Saargebiets am 20. Juli in Paris vereinbarte Abkommen anzunehmen. Das Abkommen bezweckt unter Anpassung an die deutsch« Gesetzgebung eine wesentliche Verbesierung der bekanntlich außerordentlich bedrückten Lage der Sozialversicherten des Saargebiets. Mit seiner Änkraft- setzung ist jedoch erst im nächsten Frühjahr zu rechnen, da es noch vom deutschen Reichstag angenommen werden muß und umfangreiche gesetzgeberische Vorarbeiten im Saargebiet erforderlich sind, bis es dem saarländischen Landesrat zur Verabschiedung vorgelegt werden kann._ Nach Deutschland abgeschoben. TieAusweisung der deutsche« Redakteure aus MemeNand Memel, K. September. Chefredakteur Leubner und Redakteur Warm sind heute morgen von zwei Beamten der Landespolizei in Ausführung des Austrages der Kriegskommandantur fest genommen und der Staatspolizei zugeführt worden. Sie werden voraussichtlich heute vormittag mit dem von Memel abfahrenden Dampfer über Nidden nach Deutschland abgeschoben werden. Ebenso wurde Redakteur B r i c s t o r n von der„Memelländischen Rundschau" heute morgen in Heidekrug jestgenommen. Auf welche Weis« er nach Deutsch- land abgeschoben werden wird, ist noch nicht bekannt. Untersuchung in Samoa. Neuseeland entsendet zwei Richter, um die Verwaltung zu kontrollieren. wellingkon(Neuseeland), 6. September. Der Oberrichter von Neuseeland und ein Richter am Einge- borenengerichtshof sind von der neuseeländischen Regierung zu Kommissaren ernannt worden, um die Lage im Mandatsgebiel Samoa zu studieren und einen Bericht zu erstatten. Insbesondere sollen sie feststellen, ob die Klagen über die Verwaltung von Samoa gerechtfertigt sind, ob die Beamten ihre Befug» nisse überschritten und ihre Pflichten vernachlässigt haben, und ob die Derbannungsstrase gegen die Eingeborenen abzuschaffen wäre. Domben gegen öas Geltapital. Ein anarchistischer Anschlag in Südamerika. Buenos Aires, 6. September. Vor dem Eingang zu dem im Zentrum der Stadt gelegenen Gebäude der hiesigen Filiale der West Indio Oil Company, einer Tochtergesellschaft der Standard Oil Company, wurde gestern eine Bomb« entdeckt. Eine Explosion wurde im letzten Augenblick nur durch die Geistesgegenwart eines Angestellten verhindert, der die brennende Zündschnur auslöschte. Di« Polizei nimmt an, daß der Anschlag mit dem Boykott zusammenhängt, den manche Arbeiterverbände gegen die amerikanischen Oelgesellschoften verhängt haben. Zu Zsland hat die Partei der Landwirte die Regierung über- nommen. Die Sozialdemokratie verlangt«ine Reform des Wahl- rechtes, das bisher das platte Land bevorzugt. Die Reichsbahn vor öem Schlichter. Der Schlichter erklärt sich für nnzuständig. Der Reichsarbeitsminister hatte in dem Tarifstreit über die Dienstdauervorschristen bei der Deutschen Reichsbahngesellschast den Unterstaatesekretär a. D. Prof. von Möllendorff zum Schlichter ernannt. Di« Schlichtungsverhandlungen fanden gestern im Reichsarbeitsministerium statt. Nach mehrstündigen VerHand- lungcn wurde mit den Stimmen der Arbeitgeberbeisitzer folgender Schiedsspruch gefällt: „Die Schlichtungskammer hält sich zur Entscheidung des Streitfalles nicht für zuständig, da im vorletzten und letzten Absatz der Ziffer 1 der Vereinbarung vom 7. April 1927 nicht zum Ausdruck kommt, daß die diesbezüglichen Bestimmungen der Dienstdauervorschriften künstig der alleinigen Entscheidung der Reichs- bahnverwattung entzogen werden sollen." Der Schlichter hat also nicht, wie es seine Aufgabe war, den Streit durch«inen Schiedsspruch in sachlicher Beziehung erledigt. sondern ist einer Entscheidung ausgewichen. Der Streit ist deshalb nicht entschieden, sondern o« r t a g t. Es ist ein unhaltbarer Zustand, daß der nichtständige Schlichter über seine Zuständigkeit entscheiden soll. Nach unserem Dafürhalten ist die Frage der Zuständigkeit in diesem Falle vom Reichsarbeitsminister zu prüfen. Sie muß mit der Ernennung des Schlichters entschieden sein. Die Reichsbahngesellschaft hat sich auf Antrag der Tarifgewerk- schasten bereit erklärt, im Laufe des Monats September weiter zu verhandeln, um die Angelegenheit, die sich auch nach Ansicht des Schlichters noch„in der Schwebe" befindet, nun endlich zum Abschluß zu bringen. Hoffentlich zeigt die Hauptverwaltung der Deutschen Reichsbahn endlich das ersorderliche Entgegenkommen gegenüber den durchaus berechtigten Forderungen der Gewerkschaften. Abrüstung! Gegensätze in der Interparlamentarischen Union. Von Wilhelm Sollmann. Die Interparlamentarische Union hat auf ihrer Tagung in Paris eine Entschließung zugunsten einer allgemeinen Abrüstung angenommen. Diese Kundgebung von P a r- lamentariern aus drei Dutzend Ländern ist gewiß nicht ohne moralische Bedeutung. Nur muß man sich hüten, dem Pariser Beschluß irgendeinen u n m i t t e l- baren praktischen Einfluß auf die Lösung des Abrüstungs- Problems zuzutrauen. Es ist notwendig, sich gerade auf diesem Gebiete vor jeder Illusion zu hüten. Die Wahrheit ist, daß für die Tagung der Parlamentarier dasselbe gilt wie für die vorbereitende Abrüstungskommission des Völkerbundes in Genf: allgemeine Bekwndung des Abrüstungswillens, aber tiefe Gegensätze, wenn man an die politischen und technischen Einzelheiten herantritt. Die interparlamentarischen Konferenzen von Washington und Ottawa haben die Studienkommission, der ich für Deutschland angehöre, beauftragt, einen technischen Ab- rllstungsplan auszuarbeiten. Das ist in zweijähriger Arbeit geschehen. Militärs mögen unsere Legitimation zu solchem Tun bestreiten. Das wird sich ertragen lassen. Aktive Generale wird man als Gutachter in Abrüstungsfragen mit ebensoviel Vorsicht hören, wie etwa Schnapsbrenner in Fragen des Alkoholismus und Fleischer zu den Problemen des Vegetarismus. Aus den Generalstäben werden niemals Vorschläge zur Entwaffnung kommen. Der frühere dänische Wehrminister Münch, der unserer Studienkommission präsidiert, kann jedenfalls auf eigene Entwaffnungserfolge während seiner Ämtsdauer in Dänemark hinweisen. Die Studienkommission hat ihre Aufgabe gelöst. Gegen den Wert ihres Planes sind von keiner Seite Einwendungen erhoben worden. Nur eines fehlte und mußte leider fehlen: Einmütigkeit, die Vorschläge anzunehmen. Schon in der Kommission ließ sich keine Einigkeit erzielen. Im Plenum ließ man es auf eine A b st i m"m u n g über den technischen Äbrüstungsplan und feine Einzelheiten gar nicht ankommen. Die Konferenz wäre bei solcher Ab- stimmung in viele Teilgruppen auseinandergefallen. Schon die Kommission empfahl ihren Plan dem Plenum nur als Studie, und das Plenum gab ihn als anregendes Material den Parlamenten und Regierungen weiter. Niemand, der die politischen und technischen Hindernisse kennt, hatte etwas anderes erwarten können. Kaum eine nationale Gruppe war ohne Vorbehalte: Die Nordamerikaner opponierten gegen die Einspannung des Völkerbundes in die Lösung des Pro- blems. Sie halten ihn noch wie vor für eine europäische Angelegenheit. Die Nordamerikaner widersprachen ferner einem Abkommen, das keinerlei Vermehrung der jetzigen Rüstungen zulassen sollte, denn sie fühlten sich dann bei ihrem verhältnismäßig kleinen Heere gegenüber den großen Militärmächten benachteiligt. Sehr kühl verhielten sich die Tschechoslowaken. Die Griechen und andere kleine Nationen ließen bekunden, daß für sie die Abrüstung erst möglich werde, wenn der Völkerbund wirklich durch die Tat die Sicherheit gewährleisten könne. Die englische Mitarbeit in der Kommission hatte schon seit langem zu wünschen übrig gelassen. In den Marinefragen machten sich die aus Genf bekannten Gegensätze zwischen Amerika, England und Frankreich geltend. Weder für das Verbot der Tanks, noch der U n t e r s e e- boote, noch des Luftkriegs— alles von mir unter Hinweis auf den Versailler Vertrag, die diese Kriegsmcthoden den Deutschen untersagt, nachdrücklich gefordert— machte sich allgemeine Zustimmung bemerkbar. Ein amerikanischer Senator bezeichnete die Tanks als eine in seinem Vaterlande sehr populäre Waffel Eine ehrliche, aber auf einer interparlamentarischen Entwaffnungskonferenz reichlich ftil- widrig klingende Bemerkung. Wir Deutschen gingen natürlich von den R e ch t s a n- s p r ll ch e n aus, die uns die Entwaffnungsbedingungen des Friedensvertrages und ihre Interpretation durch Georges Clemenceau gewähren. Deutschlands und der anderen niedergeworfenen Völker Entwaffnung ist im Jahre 1919 ausdrücklich als die Einleitung einer allgemei- nen Entwaffnung verkündet worden. Es ist ein immerhin wertvolles Ergebnis der Pariser Tagung, daß die Parlamentarier so gut wie aller Staaten des Erdballs diese Tatsache anerkannten, die Verpflichtung des Völkerbundes zur tatkräftigen Bearbeitung der Abrüstungsfrage noch ein- mal feststellten und nichts gegen den klar und sehr entschieden formulierten deutschen Standpunkt einzuwenden wußten. Ich habe auf der Konferenz gesagt— und zwar ohne Widerspruch in der deutschen Delegation— das wir Deutschen nicht die Freiheit des Aufrüstens wollen, sondern verlangen, daß unsere Abrüstung als Norm für die anderen betrachtet wird. Man mag zweifeln, ob dies möglich wird. Gerade S o z i a l i st e n und Pazifisten aber sollten, auch wenn die Erkenntnis unangenehm ist und von Mili- taristen böswillig mißbraucht werden kann, nicht in der Einbildung leben, daß auf Jahrzehnte ein europäischer Zu st and möglich wäre wie jetzt: wildes Aufrüsten einiger Militärmächte und z w a n g s- weise Entwaffnung einer nach Bevölkerung und Oekonomie enormen Großmacht wie des Deutschen Reiches. Auch wep noch so sehr die geistige und moralische Entwaffnung herbei-« y it sehnen mag. sollte ehrlich zugeben: das Beispiel, das die waffen starren den Großmächte dem in Jahr- Hunderten militärisch erzogenen deutschen Volke geben, ist nicht gerade erhebend. Die gewaltige militärische Spannung, die zwischen den anderen Mächten und Deutschland besteht, muß sobald als möglich durch den tatsächlichen Beginn der Entwaffnung auf der anderen Seite gemildert werden. Wer das nicht fordert und nicht will, soll seine Träume von einer geistigen Befriedung Europas begraben. Es gibt leider immer nur noch eine große ökonomische und geistige internationale Macht, die dem Kriege ganz ehr- lich widerstrebt: die sozialistisch denkende Arbeiterklasse. Auch in den bürgerlichen Schichten sind einzeln und aruppen- weise Friedensfreunde, eine Massenbewegung sind sie nicht. Am wenigsten die Christen, oder was sich so nennt. Wenn man da von frommen Lippen hört, nicht jeder Krieg sei ein„Verbreche n", sintemalen doch Gott die Gerechtigkeit wolle, auch wenn sie nur mit Waffen durchgefochten werden könne, so graut einem Heiden vor � o l ch e m Gottesbegriff! Und dem Sozialisten fehlt die Sprache vor der Einfalt, die den etwaigen nächsten Völkerkampf um das Petroleum aus der göttlichen Liebe zur Gerechtigkeit herleitet. Die Sozialdemokratie sieht, wie die Sorge um die Er- Haltung geraubten nationalen Besitzes, die Furcht um den Verlust überseeischer Gebiete, der Drang nach neuen Macht- erweiterungen, das Mißtrauen aller gegen alle, die Angst um die eigene Sicherheit das Abrüstungsproblem für die kapitalistische Welt nahezu hoffnungslos kompliziert. Nicht einmal die doch klar vor jedem liegende Erkenntnis, daß ein neuer Weltkrieg ungeheure revolutionäre Ereignisse zur Folge haben muß, spornt die Regierungen und die Parlamente zur Eile an. Etwas von dem Fatalismus des letzten Jahrzehnts vor dem großen Kriege liegt über der Welt. W i r dürfen diesem Sichgehenlassen nicht erliegen. Als Sozialdemokraten eines entwaffneten Landes haben wir zu den Forderungen der internationalen Abrüstrurg eine günstigere Plattform als die anderen. Nützen wir sie dazu, den menschlichen Willen gegen den Krieg— und der ist noch drohend in der Welt— zu mobilisieren. Der Wille von Millionen Menschen, recht- zeitig und zielfest geweckt, ist nicht machtlos, so gewaltig und eigengesetzlich die friedensfeindlichen Triebkräfte des Hoch- kapitalismus auch fein mögen. Katholizismus und soziale Zrage. „Keine einheitliche Meinung." Besitzt der Katholizismus ein einheitliches, von allen Anhängern der Kirche anerkanntes soziales Pro- g r a m m? Der österreichische Bundeskanzler Prälat S e i p e l, hat in Dortmund diese Frage aufgeworfen und verneint.„Die Katholiken haben derzeit noch keine einheitliche M e i n u n g in dieser Sache," so bekannte er. Mit großer Anschaulichkeit schilderte er zwei Richtungen, von denen man wohl sagen kann, daß sie einander gegen- überstehen, wie Feuer und Wasser. Von den Anschauungen der einen, die man als die k a p i t a l i st i s ch- t o n- serbatioe bezeichnen kann, gab er mit starker Ein- fühlungsgabe folgendes Bild: Die tiefsten und wirksamsten Gesetze des Wirtschaftslebens sind sittliche Gesetze. Ist es da nicht gefährlich, an mehr als dem äußerlichsten Aeuherlichen rütteln zu lassen? So sagen sich viele Katholiken: Es sind genug der Trümmer in der Welt; daher nichts mehr zusammenstürzen lassen! Die politischeOrdnung. die gerade für den, dessen Patriotismus auch eine religiöse Wurzel hatte, ein Stück von einer heiligen Ordnung war, hielt nicht stand. Die sozial« Ordnung ist einer breiten und tiefen gescllschast- lichen Umschichtung zum Opfer gefallen. Als standfester hat sich die wirtschaftliche Ordnung bewährt. Soll auch sie fallen? Sollen auch die E i g e n l u m s b e g r i f f e revidiert werden? Soll auch das Verhältnis von Kapital und Arbeit umge- stürzt werden? Was bleibt dann noch? Wird sich dann nicht der ganze Kampf tjer neuerungssüchtigen Menschen, ohne auch nur eine Zwischenschanze zu finden, die des Angriffes wert wäre, auf die Kirche und die Religion selbst werfen? Diese Befürchtungen sind um so mehr begründet, je schwerer sich die Vorkämpfer des sozialen und wirt- schaftlichen Umsturzes tun. die Maske, daß die Religion Privatsache sei, vor das Gesicht zu hatten. Daher sagen so viele Katholiken zu jedem Bestreben, die Menschheit in wirklich neue Wirtschaftsformen hineinzuführen, ganz entschieden nein. Auf der anderen Seite sieht Prälat Seipel einen katholischen Sozialreformismus, dessen Ideen- gänge er folgendermaßen schildert: Di« katholische Kirche ist die katholische, die allgemeine, weil sie für alle Menschen aller Nationen, aller Rassen, aller Zeiten da ist. Nicht auch aller Klassen, aller ökonomischen und politischen Ordnungen? Der von Christus in die Welt gebrachte Glaubens- und Gnadenschatz vertrögt nicht eine Vermehrung dadurch, daß ihm Menschliches, wenn auch noch so Ehrwürdiges, noch so Nützliches, noch so Bewährtes ein- und angefügt wird, um es mit ihm und gleich ihm gegen Neuerer zu verteidigen. Dazu noch die große Sorge: Wird nicht die Kirche unendlichen Schaden leiden, werden nicht, was dasselbe, aber so geformt noch mehr ist, unzählige Seelen Gott und seiner Kirche entstemdet werden, wenn die neue Menschheit alle Katholiken oder fast all« drüben bei den Verteidigern der alten Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung sieht? Die so empfinden, oerlangen mit heißer Ungeduld, daß die besten Katholiken Bannerträger einer neuen Ordnung, damit zugleich aber auch Führer aus dem Wege werden, der zu ihr führt. Sie prophezeien unerhörten Abfall von der Kirche und Untergang, nicht der Kirche selbst, aber doch der kirchlichen Einrichtungen in unseren Ländern und unseren Zeiten, wenn es nicht geschieht. Herr Seipel selbst hat zwischen diesen beiden Anschau- ungen als kluger Taktiker mit der Balancierstange das Gleich- gewicht zu halten versucht. Darüber war schon heute morgen hier einiges zu lesen. Doch was uns in diesem Zusammen- hang interessiert, ist nicht die recht anfechtbare persönliche Meinung des Bundeskanzlers, sondern seine unzweifelhaft richtige Feststellung, daß es im Katholizismus eine einheitliche Auffassung des sozialen Problems nicht gibt. Herr Seipel hat nur eines hinzuzufügen vergessen, dessen Wahrheit kein Mensch zu bestreiten imstande ist: nämlich, daß es im großen Ganzen die Besitzenden sind, die aus ihrem Katholizismus am liebsten eine Religion des Äntifozialismus machen möchten, und daß es die Kreise der katholischen Arbeiter, Angestellten und Beamten sind, die mit jedem Tage den Sozialismus besser verstehen lernen. Also Klassen- scheidung und Klassengegensatz auch hier! Das Zentrum spricht von einer Ausgleichung sozialer Gegensätze durch die Kraft des Glaubens. Das ist eine Ver- heißung, von der Erfüllung sieht man noch nichts. Ja, es fehlt einstweilen sogar noch die erste Voraussetzung für die Erfüllung: die auf dem Boden christlicher Ethik erwachsene Gemeinsamkeit der Auffasiungen in sozialen Fragen. Das ist von Herrn Seipel auf dem Dortmunder Katholikentag ausdrücklich festgestellt worden. Mit den Fragen des Glaubens und Unglaubens an sich hat das alles wenig zu tun. Das Zentrum tut aber in seiner Agitation, wenn auf soziale Probleme die Rede kommt, oft so, als ob es den Stein der Weisen in der Tasche hätte. Wie wenig dieser Anspruch begründet ist, zeigt der Verlauf des Katholikentags und die Rede Setpels. Auch drüben wird um die großen Probleme unserer Zeit hart gerungen, und wir Sozialdemokraten können diesen Kämpfen nicht gleichgültig gegenüberstehen. Sie wirken sich aus in der praktischen Politik, und aus ihrer Kenntnis läßt sich manches verstehen, z. B. auch die Politik Seipels in Oesterreich und bei uns— der Bürgerblock! Katholikentag und Staatsgefinnung. Bekenntnis zur Republik.—„Das Volk hat allein zu entscheiden." Dortmund, 6. September. Am dritten Tage des Katholikentages fand die Generalver- sammlung des V v l k s v e r e i n s für das katholische Deutschland statt. Generaldirektor Dr. höhn erstattete den Jahresbericht: Gegenüber dem Borjahr ist die Zahl der Versamm- lungen und Konferenzen bedeutend gestiegen. Eine besondere um- fassende Tätigkeit entwickelte der Volksverein in der Heranbildung von Mitarbeitern durch Abhaltung von Kursen in allen Teilen Deutschlands, in denen die grundlegenden Fragen des staatsbürger- lichen und sozialen Lebens behandelt wurden. Von besonderer Be- deutung sind die I u n g- L a n d k u r s e, die für das deutsche Bauerntum«ine Schicht von Führern heranbilden sollen, die ihre Aufgaben als fortschrittliche Landwirte und deutsche Staatsbürger erkennen. Neugegründst wurden 292 Ortsgruppen, und 33 793 neue Mitglieder wurden gewonnen. Badischer Landtagspräsident Dr. Baumgartner sprach über das Thema:„Brauchen wir deutschen Katholiken Stnatsgesinnung?" Der Redner führte aus, daß die Kirche stets die Suprematie des Staates und des Staatszwecks, das wahre materiell« und geistig-sittliche Wohl aller Staatsbürger über das Prinzip der Legi- timität und über die Staatsform gestellt habe. Nach der katholischen Staatslehre ist die Staatsform etwas durchaus Sckun- däres. Die Staatsform bleibt der freien menschlichen Gestaltung. dem zettlichen Wandel anheimgegeben. Das deutsche Volk allein hat zu entscheiden über die Staatssorm, über Republik oder Monarchie, ihm steht die ursprüngliche Frei- heit und das selbständige Recht zu. seine Staatssorm an die durch die oeränderte Ieillage geforderten Slaatsnotwendigkeiten anzupassen. Dagegen ist der gewaltsame U m st u r z der Staatssorm sittlich zu verwerfen. Wenn jedoch durch einen solchen gewalt- samen Umsturz das Chaos und der Untergang des Staates selbst drohen, dann ist es Pflicht aller Bürger, also auch der Katholiken, diese drohenden Gefahren abzuwenden. Nach dielen Grundsätzen haben nach dem Umsturz in Deutschland unsere führenden katho- lischen Männer gehandelt, als infolge des militärischen, politischen, wirtschaftlichen und psychischen Zusammenbruchs des deutschen Volkes im Weltkrieg« und nach der Flucht des deutschen Kaisers das allgemeine Chaos und damit der Untergang des Reiches und die Zerstörung der Staatsgrenzen und damit des Gemeinwohls drohte. Sie haben gehandelt, wie es ihnen Ehre und Gewissen und ihre Bürgerpflicht befahl. Nach den gleichen Prinzipien haben auch olle die gehandelt, die am Aufbau der neuen Staatsord- n ii n g im Reich und in den Ländern bei Schaffung der Ver- fassungen des Deutschen Reiches und der deutschen Einzelstaaten mit- gearbeitet haben. Daraus ergibt sich, daß wir Katholiken uns der bestehenden Staatsgcwast unterzuordnen haben, daß wir In dem nunmehr bestehenden Staat, das ist nach der Verfassung die R e p u- b l i k, unsere ganze Kraft einsetzen müssen, um mitzuarbeiten. Schließlich folgt daraus, daß Gesetz und Gesetzgeber nur so weit und so viel Gehorsam fordern können und dürfen, als sie tatsächlich und ernstlich das allgemein« Wohl, nicht Sondei- Interessen, anstreben, und nur insoweit, als sie nicht höhere und ältere Rechte, d. h. des Recht der Persönlichkeit und der Familie, verletzen. Der Staat darf nicht nur Rechtsstaat sein, es ist seine heilige Pflicht, Wohlfahrtsstaat für alle zu sein. Sodann aber muß der Staat auch Kulturstaat im höheren Sinne sein d. h., er muß auch die geistigen, die sittlichen und die religiösen Güter schützen. Die Staatsgesinnung muß werden zu einer wahren Volksgesinnung, d. h. zur tatbegeisterten Liebe zum Volke. Sie wissen alle, wie weit wir noch entfernt sind von diesem innerlichen Verbundensein in«cht nationaler und echt christlich brüderlicher Gesinnung. Erst wenn die Ethik, das christliche Sittengesetz, das ganz« Wirtschasts- und Sozialleben als Zentralidee durchdringt und der Seele und Menschenwürde des Arbeiters wieder die ihr ge- bührende zentrale Stellung gibt, erst dann werden die schönen in unserer Reichsverfassung darüber niedergelegten Leitsätze zur Tat werden können. Der neue Staat hat uns Katholiken und der katholischen Kirche manche Freiheiten gebracht, zu jlerm Schutz und Ausgestaltung wir in einheitlicher geschlossener Front stehen müssen. In erster Reihe steht die Rechtsphäre der Familie, und dazu gehört das Recht der Eltern auf Bestimmung der Er- Porträt öes Menschen p. Von Heinz Liepmann. l. Wenn er sich niit Berufskollegen an einer Straßenecke oerabredet hat, läuft er, um die Straßenbahnkosten zu sparen,«ine halbe Stunde weit zu Fuß bis etwa lllfl Meter vor dem Rendezoousplatz. Dort nimmt er sich ein Mietauto und entsteigt, mit großen Allüren, an der Straßenecke einige Minuten nach der verabredeten Zeit. Er ist 23 oder 24 Jahre alt, er ist ein kleiner, rundlicher Mann und trögt stramm sitzende, bestgebllgelte Anzüge und«ine runde Hornbrille. Sein geöltes Haar und Gesicht kann man selten von dem eines Kommis unterscheiden. Er hat kugelrunde Augen, die gewöhnlich so aussehen, wie sie die Dichter als geistesabwesend, die normalen Menschen als blöd bezeichnen. Alles ist regelmäßig in diesem Gesicht, aber nicht eben klassisch schön, sondern harmlos. Seine Hände sind kurz, aber energisch und dick.— Im Grunde genommen vermeidet alles an ihm Anstoß, er ist überall rundlich und so weiß man wohl schon, wie er aussieht. H. P. hat einen Beruf, zu dem ein gewisses Talent gehört. Er ist Nämlich Schriftsteller.— P. ersetzt das Talent durch„Mentalität" und Ehrgeiz. So schreibt er seine Novellen im Stil seiner Bekannten. Das, was die Franzosen„grandeur" nennen, fehlt ihm, aber er hat eine eigen« Sehnsucht und oerdient sich viel Geld damit. Sein Genre ist der Edelkitsch und er verblüfft manchmal dadurch, daß in seinen Arbeiten gute Sätze vorkommen. Man kann ihm nicht begegnen, ohne daß er in alphabetischer Reihenfolge die Zeitungen aufzählt, die seine Arbeiten druckten. Im großen und ganzen als Typ: Gott, er ist eben 23 Jahre alt, hat Ehrgeiz wie ein Filmstatist und eine taktlose Frau(siehe nächsten Absatz), die seinem Leben die Phantasie nimmt. Sonst ist er als Schriftsteller durchaus Qualität gleichgültig, Schmarotzer an Geistesgut, unselbständig und prinzipiell un- schöpferisch. III. Er hat seine weltmännischen Seiten. Eine kleine dünne Be- amtentochter verführte er mit Charme und heiratete sie, immer seriös, als ein Kind kam und ihr Vater ihn verhauen wollte. Die Ehe wurde glücklicher als es das Kind mit diesen Eltern werden wird— da sie ihn weniger liebt als eifersüchtig und eitel bewacht, und er sie, unbedingt stillschweigend(Ehrenmann!), aber ungern erträgt. Er hat seine Ehre: Nie hat er sich beklagt, obwohl ihm seine Frau die bescheidenen Möglichkeiten feines Lebens verpfuschte. IV. Als er seinen Beruf begann— früher war er Buchhändler- gehiise—, ging es ihm sehr schlecht, er bettelte alle Bekonnten an; spare r nahm er den gleichberuslichen Freunden allmählich ihre mechanischen Berufsfunktionen ab. Er stahl ihnen die Verbindungen, die ihrer unwürdig waren, aber er stahl sie. Nun oerdient er viel Geld und alle läßt er es wissen. Aber seine Schulden an Kollegen bezahlt er aus Prinzip nicht. Trotzdem leidet er darunter, wenn sie sich olle von ihm abwenden. V. Das Bild dieses jungen Menschen, der bestimmt in vielen Exem- plaren existiert(eines kennt der Pörträtist persönlich), ist noch nicht gerundet. Denn seht: Vergeht nie, daß dieser Mensch P. mit seinem höheren Ehrgeiz und seinen runden Augen im Grunde ein sehr ver- lassener Mensch ist. Aber er ist leider weder Exzentrik im Geiste, noch Geist im Exzentrik, so ist er zur ewigen Mittelmäßigkeit verdammt. Bescheiden sing er einmal an zu lügen, aber auch diesen Ansatz zum Genie hat er später widerrufen, und seine Neine näselnde Blasiertheit hat geringes Niveau. So steht er da, ist ein armer Mensch und ein großer Mann. StäStifche Ring Dukatengold(900 gest.) S— J* pZyiC, zum Reklamcpreis von.... Mk. 18.— C2\ t Gediegen und modern.... Mk. 2Z.— 1 KdCVi Schwere Ausführung..... Mk. Z8.— ■ V TV" V I Ring(585 gest.) Es»ck— Gediegen und modern.... Mk. 12.— I vÄU.'WKl Preisliste Schwere Ausführung..... Mk. 18.- jrmi Vi/V/ gratis 8 kamt. Ringe v. Mk. 4.— bis T.— p. Stück. I Gravieren gra is zum Mitnehmen. | Ges. geschützt Lormgim Mk80. Berlin wMi'.lÄ WWWWW Stlndlg ca. 3000(ugenlosc Trauringe am Laser.