Mbenöausgabe Nr. 423 ♦ 44. Jahrgang Ausgabe B Nr. 204 veiiugsbidlnzung«« vnd TnztlMnvr«!?« find In dir Morginauzgab« angigebi» Nedaltton:»w. M. Cintcnfftofie 3 Serolprecher: DSahoff 292— 297 SX.-Xbten«: So jlalOcmotraf Setlla Derliner VolkslrlÄtt (lO Pfennig) Mittwoch 7. September 1 927 Seilag und AnzilginabtiNung-. Tischr Verleger: vorwärts-Verlag GmbH. Berlin S7V. 96, Lindenstrohe A Fernsprecher z VSnhoss 292— 29» �entralorgan cler 8o2ialäemokratifcken Partei Veutscklancts Kampf um öie Ratsmanöate. Belgischer Antrag ans Wiederwählbarkeit. V. Sek. Gens. 7. September.(Eigenbericht.) Die Neubesetzung der drei freiwerdenden Ratssitze, voraussichtlich am Montag, steht neben der holländischen und polnischen Initiativ« im Bordergrund des Interesses. Es find fünf Kandidaturen für die drei Sitze zu erwarte.,. Belgien hat seinen Antrag auf Wiederwählbarkeitserklärung offiziell«ingereicht. Ehamberlain hat in der britischen Presiekonserenz die Kandidatur Kanadas angekündigt und dafür die Unterstützung Englands und der übrigen Dominien angekündigt. Finnlands Bewerbung gilt als sicher, ebenso diejenige Griechenlands. Schließlich bewirbt sich Kuba uin den freiwerdenden Sitz Sa., Salvadors. Da im vorigen Jahr« ein klares Versprechen der Dölkerbundsversammlung abgegeben wurde, daß Lateinamerika stets drei Vertreter im Rat haben werde, gilt die Wahl Kubas als gesichert. Die von Italien ausgehende Intrige gegen dieWieder» wähl Belgiens wird weiter gesponnen. Die italienische Propa» ganda für grundsätzliche Einhaltung des Turnussystems richtet sich natürlich nur gegen den Sozialisten Banderoelde. Sie ist insosern gefährlich, als dies eines' de? Lieblingsargumente der kleinen, insbesondere der nordischen und baltischen Staaten ist. Da indessen die Abordnungen der meisten dieser Staaten sozialistische Vertreter zählen, darf man hoffen, daß sie auf dieses Argument Musso- linis nicht hereinfallen werden. Belgien kann auf die unbedingte und ihm bereit» versprochene Unterstützung Frankreichs und Deutschlands rechnen, sowie aus die oller Südamerikaner, so daß es die für die Wiederwählbaxteitsertlärung notwendig« Zwei. drittelmehrheit in der Borabstimmung erhalten dürste. Auch Eham- b e r l a i n hat Vandervelde privatim beauftragt, die Kandidatur Belgiens anzumelden. Indessen ist das Spiel Englands auch in diFsem Punkte nicht ganz durchsichtig. England ist durch die Kandi- datur Kanadas in Berlegenheit geraten. Noch im Borjahre hatte es sich gegen die Kandidatur einer Dominion ausgesprochen und durch seinen entschiedenen Widerstand Irland zu Fall gebracht. ?luch im Bölkerbund selbst besteht seit jeher Abneigung gegen die Wahl einer Dominion in den Rat, weil man nicht will, daß das britische Reich durch zwei Sitze im Rat vertreten sei. Es könnte nämlich dadurch eine Situation entstehen, in der England in einen Konflikt mit einen Staat verwickelt wird, aber durch die bestellte Obstruktion einer seiner Kolonien im Rot den Bölkerbund schachmatt setzt. Wenn England sich heute entschließt, dennoch Kanadas Kandi- datur zu unterstützen, so geschieht es offenbar, um sich die Unter- stützung Kanadas in der Abrüstungsfrage und in anderen wichtigen inneren Problemen des britischen Reiches zu sichern. Gerade in Kanada machen sich Unabhängigkeilsbeflrebungen immer stärker bemerkbar. wie die jüngste Ernennung eines kanadischen Botschafters in Washington beweist, und England befürchtet, daß es durch einen Widerstand gegen die kanadische Bewerbung diese Loslösungsbestre- bungen bis zum völligen Bruch steigern könnte. Wenn man sich in der englischen Delegation nach den Gründen ihres Frontwechsels er- kündigt, so bekommt man die etwas verblüffend« Antwort, daß Eng- land sich niemals grundsätzlich gegen die Wahl einer Dominion ausgesprochen hätte und daß es im vorigen Jahre die Kandidatur Irlands lediglich bekämpft habe, weil es sich schon anderweitig ver- pflichtet gehabt hätte, zumal die Iren sick» erst in letzter Stunde be- worden hätten und weil Irland die jüngste Dominion des britischen Reiches sei und den Vortritt den älteren Dominien hätte lassen sollen. Das Argument, daß ein« Dominion als Ratsmitglied bei einem Konflikt Englands mit einem anderen Staate Richter und Partei sein würde und de» Rat dadurch lahmlegen könnte, wird von der britischen Delegation mit der etwas zynischen Erwiderung beantwortet, daß das Berhältnis zwischen England und Kanada kaum«in anderes sei als das Berhältnis zwischen Frankreich und Polen. Zu wessen Nachteil sich die Kandidatur Kanadas auswirken wird, läßt sich noch nicht klar erkennen. Bielleichi zum Nachteil Kanadas selber, dessen Anhang außerhalb des britischen Reiches nicht allzu groß sein dürft«, vielleicht zum Nachteil Belgiens, denn Ehamberlain hat zwar vandervelde ersucht, wieder zu kandi- dieren, aber össentlich verhält sich die englische Delegation zu dieser Frage ausfallend zurückhaltend. besonders, seitdem der kanadische Anspruch offiziell geworden ist. Finnland erhält die Unterstützung oller kleinen Staaten. sowie Deutschlands, auch Griechenland und besonders sein vor- aussichtlicher Vertreter, P o l i t i s, genießt ebenfalls stark« Sympathien. Don den fünf Bewerbern, deren Zahl sich eventuell nochcrhöhen wird, müssen zwei auf der Strecke bleiben und der Kampf, der hinter den Kulissen schon begonnen Hot, wird bis zur letzten Minute heiß und sein Ausgang ungewiß fein. Kritik an üer �brüftungspolitik. V. Seki. Genf. 7. September.(Eigenbericht.) In der heutigen Vormittagssitzung kamen fast ausschließlich Der- treter des baltischen und des skandinavischen Staates zu Worte. Der Vertreter Finnlands, Hering, begrüßte die gestrige Initiative des hallündijchen Außenministers, ebenso der Bertrrter Estlands, Apel. Bon ganz besonderer Schärfe war sodann die Rede des Außenministers Lettlands, Z e e l e n s, der leider so leise und tem- peromentlos sprach, daß die Wirkung seiner inhaltlich vortrefflichen Ausführungen stark beeinträchtigt waren. Zeelens Rede war eine überaus scharfe Abrechnung mit dem Bersagen des B ö l'k e r b u n d e s in der Abrüstungsfrage und mit der militarisli- sehen Aufrüstungspolitik der Großmächte. Seit dem Genfer Sicher- heitsprotokoll vom Jahre 1924 sei man immer mehr zu den verhäng- nisvollen Methoden der Vorkriegszeit zurückgekehrt. Der Rüstungs- wetllaus habe von neuem eingesetzt. Die Verträge von Locarno bildeten zwar eine Sicherheit?- garantie für die Beteiligten, aber an die Sicherheit der übrigen Länder, namentlich der kleinen Randstaaten, habe man dabei nicht gedacht. Für diese sei die einzig« Frucht von Locarno«ine ab- schwächende Interpretation des Artikels 16. Lettland als Nachbar- stoat des großen Rußland Hab« daraus die Konsequenzen ziehen müssen und einen Nichtangriffspakt mit Sowjetruß- land abgeschlossen. Die Rede von Zeelens schloß mit einem kategorischen B e- kenntnis zum Genfer Sicherheitsprotokoll vom Jahre 1924 und mit der pathetischen Mahnung, an die Millionen Toten des Weltkrieges zu denken. Auch der schwedische Außenminister LSsgren, der die Rednerreihe beschloß, bemängelte, daß der Bericht des Sekretariats die ernst- haften Konflikte mit Schweigen übergehe, die im vergangenen Jahre zwischen einzelnen Staaten entstanden seien. Das sei dos Eingeständnis, daß der Rat es nicht für zweckmäßig gehalten habe, einzugreifen. Zwar habe kein Staat ein solches Eingreisen ausdrücklich gefordert, aber diese scheinbare Passivität des Rates Hobe naturgemäß in der Welt etn Gefühl der Enttäuschung hervorgerufen. Noch auffallender als dieser deutliche Hinweis auf das Berhalten des Bölkerbundrats in der albanischen Frage war die Stelle der Rede des schwedischen Außenministers, in der er zum Ausdruck brachte, daß die großen Hoffnungen, die man an den Ein- tritt Deutschland» in den Völkerbund geknüpft habe, sich bisher nicht erfüllt hätten. Das war im Munde des Vertreters einer der Staaten, die zu den treuesten Freunden Deutschlands seit jeher gehören, eine ernste Mahnung an die Reichsregierung, sich ihrer Pflichten gegenüber den kleinen Staaten bewußt zu werden und nicht länger wie in den letzten Monaten im Schlepptau Eng- lands Großmächtepolitik zu spielen. Der polnische Antrag vr. Stresemann überreicht. Genf. 7. September.(TU.) Der polnische Delegierte Sokal hat heule mittag Dr. Strefemann offiziell den polnischen Resolutionsantrog überreicht. Die maßgebenden Mitglieder der polnischen Delegation sind noch zu einer Besprechung zusammengetreten. heute mittag um 1 Uhr suchte der französische Außenminister Vriand Dr. Stresemann zu einer kürzeren Unterredung aus. Eine offizielle Stellungnahme der deutschen Delegation zu den pol- Nischen Vorschlägen liegt noch nicht vor. Der polnische Reso- lutionsentwurs wird heute abend dem Präsidenten der volloersamm- lung de» Völkerbundes überreicht werden. Der Zeitpunkt für den Beginn der Debatte über den polnischen Antrag ist noch nicht festgesetzt worden. die Tagungskrise ist üa. Ter Eindruck in Paris. Paris, 7. September.(Eigenbericht.) Die Blätter finden ziemlich allgemein, der überraschende holländische Vorschlag einer indirekten Rückkehr zum Genfer Pro- totoll Hand in Hand mit den polnischen Borschlägen eines all- gemeinen Sicherheitspakte» scheine den Beweis dafür zu liesern, daß die Krisis, die man von der gegenwärtigen Tagung des Völker- bundes bereits nach dem Rücktritt de Jouoenels und Lord Robert Cecils befürchtete, nunmehr auszubrechen droht. Sauerwein spricht im„Matin" außerordentlich skeptisch über die Aukünftige Entwicklung der Debatte nach der gestrigen Rede des holländischen Außenministers. Eine große Anzahl kleiner Staaten haben, um die Wahrheit zu sagen, genug. Ein in Paris akkreditierter Gesandter hat Sauerwein erklärt:„Es ist unmöglich, daß wir weiterhin nach Genf kommen, um uns jeden Tag zu fragen, was England tun wird!" In diesen Worten sei die ganze Krise des Völkerbundes enthalten. Die Blätter kommen übereinstimmend zu dem Schluß, oaß durch den holländischen und polnischen Borschlag die Locarno- Politik einen schweren Stoß erhalteii würde, falls es i.ichr gelingen sollte, die beiden Iniiia'vcn mit den Wünschen und Zielen der Locarnomächte in Einklang zu bringen. Neuer Gzeanflieger. „Royal Windsor" unterwegs nach Europa. New Jork. 7. September.(TU.) Dos Flugzeug..R o y a l ID i n d s o r" ist in Old vrchard zu seinem Ozean flug nach London gestartet. Um öas Genfer Protokoll. Politik oder Kasperletheater? Die erste Folge des holländischen Vorstoßes in Genf ist eine Verwirrung, die zu geradezu possenhaften Situationen führt. Zunächst sieht man gegenüber dem Versuch, auf das Genfer Protokoll von 1924 zurückzugreifen, eine englisch- russische Einheitsfront. Moskau und London sind auf einmal in ihrer Abneigung gegen zuviel Friedenspolitik vollständig einig. Denn Moskau sieht in der Verwirklichung eines allgemeinen Nichtangriffspaktes nicht mehr und nicht weniger als die Vollendung der Einkreisung und die Vor- bereitung der Intervention. Die konservative englische Re- gierung will aber von dem ihr untergeschobenen Einkreisung?- plan nicht das geringste wissen! auch sie steht einem Wieder- aufleben des Genfer Protokolls durchaus ablehnend gegen- über. Auf der anderen Seite entsteht das nicht minder komische Bild einer holländisch-polnischen Front. Unsere Deutschnationalen haben mit Entsetzen vernommen, daß Polen in Genf etwas zu tun beabsichtigt, und wenn Polen etwas zu tun beabsichtigt, muß das natürlich eine fürchterliche Gemeinheit gegen Deutschland sein. Nun kommt plötzlich der Holländer dem Polen mit seiner. Aktion zuvor— also stecken diese beiden Kerle unter einer Decke und diese Decke ist natürlich eine französische. Was find die Sokal und B l o k l a n d? Natürlich nichts anderes als Puppen, die der berüchtigte P o i n c a r 6 tanzen läßt, und was der will, weiß man sowieso. Schlußfolgerung: Das Vaterland ist in Gefahr, der treue deutsche Michel soll wieder einmal ein- gewickelt werden, und es ist nur ein Glück, daß es Deutsch- nationale gibt, die alle Intrigen des Feindbundes sofort durchschauen und der deutschen Delegation in Genf nicht nur die Augen öffnen, sondern auch„den Rücken stärken". Es hieße Herrn Stresemann beleidigen, wenn man an- nehmen wollte, er könnte sich durch derartige Hanswurstereien in seiner Politik beeinflussen lassen. Der Lärm, der um den holländischen Zlntrag und um die polnischen Vorschläge vollführt wird, ist schon deshalb sinnlos, weil unter den obwaltenden Verhältnissen die Aus- sichten für ein praktisches Ergebnis ohnehin beinahe gleich Null sind. Das Genfer Protokoll von 1924, das der Initiative des damaligen englischen Premierministers Mac- d o n a l d und der Mithilfe des französischen Ministerprä- sidenten H e r r i o t seine Entstehung verdankt, ist in einer Zeit vorgeschlagen worden, in der eine wirkliche Hochstim- mung des Friedenswillens bestand, in der sowohl in Eng- land wie auch in Frankreich der Wille vorherrschte, etwas Entscheidendes zur Befriedung Europas und zur allgemeinen Abrüstung zustande zu bringen. Der Widerstand der eng- tischen Dominions, der Regierungswechsel in England, das Erstarken reaktionär-militaristischer Strömungen in ganz Europa hat jenen großen Fortschritt vereitelt. Am 2. Oktober 1924 hatte die Völkerbundsoersammlung — der Deutschland damals noch nicht angehörte— einstimmig beschlossen, daß das„Protokoll für die friedliche Regelung internationaler Konflikte", das später sogenannte „Genfer Protokoll", allen Mitgliedern des Völkerbundes zur Unterschrift vorzulegen sei. Aus den schon angegebenen Gründen ist es aber zu einer allgemeinen Unterzeichnung nicht gekommen, das Protokoll ist nie in Kraft getreten. Sein Zweck war, durch genaue Einzelbestimmungen jenen Teil des Völkerbundsstatuts, der von der Verhinderung künftiger Kriege handelt, näher auszuführen und zu vervoll- ständigen. In einer Eingangsklausel wurde die„Solidarität aller Glieder der internationalen Gemeinschaft" proklamiert und jeder Angriffskrieg für ein„internationales Verbrechen" erklärt. Durch die sichere Unterdrückung solcher internatio- nalen Verbrechen sollte ein Zustand geschaffen werden, der „die Herabsetzung der nationalen Rüstungen auf ein Minimum" möglich machen sollte. In 21 Artikeln wurde sodann das Verfahren geregelt, das zwecks Verhinderung künftiger Kriege einzuschlagen sei. Es wurde ein lückenloses System geschaffen, nach dem alle Streitigkeiten entweder vor den Völkerbund oder vor ein Schiedsgericht gebracht werden sollten. Ferner wurde genau definiert, unter welchen Umständen ein Staat als Angreifer zu gelten habe. Alle Unterzeichner des Protokolls sollten sich verpflichten, gegen diesen Angreifer gemeinsam vorzugehen und den Angegriffenen gemeinsam zu schützen. Auch sollten sie sich im voraus verpflichten, eine bestimmte Zahl von Kräften für solche Schutzfälle zur Verfügung zu stellen, wo- durch der Ansang einer Völkerbundsexekutive geschaffen worden wäre.. Aus alledem ist aber, wie gesagt, vorerst nichts geworden. Nach dem Scheitern des Genfer Protokolls erfolgte der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund und der Vertrags- abschluß von Locarno. Die englische konservative Regierung hat die Locarnopolitik begünstigt, weil sie in ihr einen pastenden Ersatz für das gescheiterte Genfer Protokoll sah. Sie wollte sich dadurch gegen den Vorwurf sichern, daß sie sich gegenüber den großzügigen Plänen Macdonalds nur zerstörend verhalten habe, ohne selber etwas Positives zu schaffen. So ist es nur konsequent, wenn Herr Ehamberlain jetzt erklärt, Völkerbund und Locarno genügten zur Siche- rung des Friedens vollauf, und alles weitere sei überflüssig, ja von Uebel. Die kleineren Staaten Europas waren die begeistertsten Anhänger des Genfer Protokolls, sie haben sein Scheitern an, wenigsten verschmerzen können. Daraus erklärt sich das Wiederaufleben feiner Ideen auf der gegenwärtigen Genfer Tagung. Vielleicht mag— das ist nur menschlich— der Ehrgeiz einiger Regierungen, vor der Welt und dem eigenen Volk als besonders rührige Vorkämpfer des Weltfriedens zu erscheinen, zur Belebung der Initiative mit beigetragen haben. Daß sich Polen, das zwischen Deutschland und Ruß- land eingeklemmt ist, besonders für derartige Projekte inter- essiert, ist auch ohne weiteres verständlich. Lächerlich ist es, dahinter Intrigen gegen Deutschland zu wittern, und unver- ständlich märe es, wenn sich gerade Deutschland dazu her- geben würde, auf das Grab des Genfer Protokolls, das von Herrn Chamberlain so gut bewacht wird, noch einen extra schweren Stein zu wälzen. Herr Stresemann hat jetzt in Genf eine schwierige, aber eine dankbarere Aufgabe. Erleichtert wird sie ihm durch die Presse der deutschnationalen Regierungspartei, denn dort findet er alle Dummheiten empfehlend verzeichnet, vor denen er sich unbedingt hüten muß. Politik und Wahnsinn. Wie man Niedermöllrich ausschlachten kann. Es gibt bekanntlich kein Ding auf der Welt, aus dem nicht der Fromme beweist, daß er recht hat. So ist es possierlich, zu be- obachtcn, wie zwei entgegengesetzte extreme Richtungen die Tat des wahnsinnigen Heinrich Clauß in Niedermöllrich für ihre politischen Zwecke ausschlachten. Weil zur Bekämpfung des Wüterichs schließlich ein Panzer- mito der Kasseler Schupo eingesetzt und Rauchbomben verwendet werden mußten, konstatiert die„Rote Fahne* eine„arbeiterfeindliche Ausrüstung der Polizeitechnik". Uns wundert das nicht. Denn der in sinnloser Wut rasend um sich schießende Heinrich Elauß verkörpert sozusagen symbolisch die von der„Roten Fahne* vertretene kommunistische Politik. Umgekehrt die rechtsradikale„Deutsche Zeitung*. Ihr dient der Fall Clauß, um gegen den Pazifismus und die Parole „Nie wieder Krieg* zu hetzen. Denn Pazifisten sind nach der primitiven Anschauung des alldeutschen Blattes Feiglinge„mit schlotternder Angst im Herzen*, die natürlich niemals gewagt hatten, wie die Kasseler Schutzpolizeibeamtcn bei der Bekämpfung eines gemeingefährlichen Menschen ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Wir können der„Deutschen Zeitung* versichern, daß die Zahl der persönlichen Feiglinge unter d«, K r i e g s s ch r e i e r n und Maul- aufreißern viel größer sein dürfte, als unter den Pazisisten, von denen viele für ihre Ueberzeugung Tod und Zuchthaus auf sich genommen haben, während bekanntlich die wildesten Kriegshetzer in den alldeutschen Redaktionen während des ganzen Krieges mutig a» der Hinterfront geblieben sind. Im übrigen: Woher weiß die „Deutsche Zeitung", daß unter den Kasseler Schutzpolizisten keine Pazisisten waren? Uns ist wohl bekannt, daß sich unter den Mann- schasten auch der Kasseler Schutzpolizei eine große Anzahl ent- schicdener Sozialisten und Republikaner befinden, die durch ihre pazifistische Gesinnung ebensowenig wie ein sozialistischer Feuerwehrmann oder ein sozialdemokratischer Grubenarbeiter in einer Retlungskolonne gehindert werden, für den Schutz der Gesamt- heit ihr Leben einzusetzen. Lärm um den Wohnungsbau. Eine demagogische Hetze. Die„Tägliche Rundschau* glaubt, den Wohnungsbau dadurch fördern zu können, daß sie gegen den Magistrat eine ebenso sachlich ungerechtfertigte wie persönlich gehässige Polemik entfesselt. Sie behauptet, daß der Magistrat ein Angebot zum Bau von über 7000 Wohnungen, das der Berliner Spar- und Bauverein vor einigen Monaten eingereicht hat, bewußt totschweige und vernach- lässig«. Ferner wirft man dem Magistrat vor, daß er der Ardeiterbank besondere Gunst entgegenbringe und aus diesem Grunde das Angebot des Spar- und Bouvereins unbeachtet ließe und sich lediglich aus das bekannte Projekt des Baues von 8000 Woh. i.ungcn beschränke. öaperischer walö. Wer Einsamkeit sucht, hier ist sie. Kein Alpenverein braucht zu beschließen, die Natur in ihrer Unberührtheit zu bewahren. Der Bayerische Wald schützt sich selber. Wo du ost genug mit Feigen- kassee und trocken Brot zum Frühstück vorlieb nehmen mußt, wo keine Zahnradbahnen, sondern nur elende Geröllwege ohne erleich- ternde Serpentinen aus die Höhen führen, da wird der Fremden- verkehr der Zahlungsfähigen, Berwöhnten und Blasierten wohl noch Jahrzehnte ausbleiben. Doch wer es liebt, stundenlang durch Wald zu wandern, ohne einem Menschen zu begegnen— höchstens wenigen Beerenweiblein, die gleich Steinzeitmenschen in der Schonung hocken, oder einem Holzfäller, dessen Artschläge metallisch den Abhang hinabschallen—, siir den ist hier das Paradies. « Hier ist seit Generationen alles unverändert. Wäre nicht mit der Ausnutzung der Wasserkraft die Elektrizität in die Täler ein- gedrungen, du fändest keinen linterschied gegen den Zustand, der hier vor hundert Jahren geherrscht. Hoch in den Bergen schlägt die Axt das Holz, schwerfällige Lastsuhrwerr» bringen es aus Wegen, die Granattrichtern gleichen, den Hang hinab, der Bach schwemmt es weiter und treibt am Unterlauf die Eägemühle, die es zu Brettern zerspaltet. Alle« lebt hier vom Holz. Hier ist noch keine Stahl- und Eisenzeit, hier herrscht da» Holzzeitalt«r. » Die Mensche» sind wortkarg, unsauber und sehr fromm. Neben ihren uralten Hütten stehen in Reih und Glied zehn, zwölf manns- lange, giebelförmig überdacht« Bretter mit verwaschenen Inschristen, die an«inen samojedischen Götzenhain erinnern. Es sind„Toten- brctter*. Jeder Verstorbene erhält ein solches Brett als Denk- mal errichtet, und noch nach vier Jahrzehnten liest der Wanderer, wann die ehrengeachtete Krämerswitwe Eusebia Pleiderer nach Empfang der heiligen Sterbesakramente gestorben. Ersatz für Lcichensteine. Hier herrscht das Holzzeitalter. Die Menschen sind hier sehr fromm. Im Walddorf, am Fuße des Lüsen, wo ich in tausend Meter Höhe übernachte, wird ein neues Zollhaus gebaut. Das Hämmern einer Schottermaschin« erfüllt das sonst so stille Tal. Als um sieben Uhr die Sonne versinkt, häm- mert es noch. Um neun Uhr, fast in völliger Dunkelheit, hämmert es noch immer. Um fünf Uhr früh hämmert es mich aus dem Schlaf. Abends sitze ich mit den Bauarbeitern, fast lauter Ortsfremden, um de» einzigen Tisch des einzigen Gasthofs. Von fern klingt das Hämmern der Schottermaschine. Das veranlaßt mich zu fragen: Wie lang denn hier die Arbeitszeit sei?— O. die Maschine gehe. so lange man Licht habe. Zum Schottern genüg« die Dämmerung. Deshalb von fünf bis neun. Aber dt« Arbeit ja ja auch Nach unseren Erkundigungen liegt die Sache so, daß die Arbeiter- bank lediglich insoweit an der Fiiwnzierung des beschlossenen Baus der 8000 Wohnungen beteiligt ist, als die ihr nahestehenden sozialen Baubetriebe daran mitwirken. Die Beschaffung der Auslandskredite geschieht durch eine private Bausirma. Der Berliner Magistrat hat bekanntlich zunächst eimnal die durch allgemeine Submission ausge- schriebenen 3000 Wohnungen auf sein Programm gesetzt und alle übrigen Angebote vorläufig vertagt, um übersehen zu können, wie die Durchführung dieses Programms und insbesondere seine Finanzierung sich gestaltet. Neue Genehmigungen kamen vor- läusig nicht in Betracht. So mußte eine ganze Reihe von Ange- boten zunächst zurückgestellt werden, daninter auch das des Berliner Spar- und Bauvereins. Abgelehnt sind diese Anträge damit nicht. Was dii? Beziehungen der Arbeiterbank zum Magistrat aber angehl, so kann von einem Monopol oder einer ähnlichen Begünstigung über- Haupt nicht die Red« sein. Das Bankunternehmen der Gewerk- schasten ist im übrigen ja auch von anderen Kreisen um die Finan- zierung von Wohnungsbauten ersucht worden: darunter befinden sich auch solche, die dem Berliner Spar- und Bauverein durchaus nicht fernstehen. Der ganze Zweck des Manövers der„Täglichen Rundschau* kann also nur der sein, im Dienste irgendwelcher Sonderinteressen jetzt noch Fordeningen zu erheben, die die Bautätigkeit empfindlich zu stören geeignet sind. Am wenigsten dürste sie damit dein Spar- und Bauverein selbst dienen. Einigung in Kuttlau. Wie der Stahlhelm sie sich vorstellt. In Kuttlou(Niederschlesien) feierte am Sonntag der Stahl- Helm«inen„großdeutschen Tag*. Wie wir dorn Bericht der deutschnationalen„Neuen niederschlcsischen Zeitung* entnehmen, be- gann der Festredner, ein Major Fletcher, seine Ansprache mit sol- gender Verheißung: „Bei einer nationalen Kundgebung müssen wir a lle s T ren- «ende in der Nation beiseite lassen und alles Einigende in den Vordergrund stellen. Aus diesem Grunde ruhe heute jeder Partei st reit.* Die Ausführung dieses Programms spiegelt sich in folgenden Sätzen de- Redners: „Solang« die 80 Millionen, verführt durch volks- fremde, bezahlte Agitatoren, für irgendwelche Partei- ziele durcheinandergewiihlt werden und sich.zerfleischen, ist an eine Befreiung nicht zu denken... Die Männer, die in den November- lagen des Jahres 1918 die Revolution gegen das Volk gemacht l>aben, haben versprachen: Friede, Freilzeit und Brot. lind was haben sie uns in Wirklichkeit gebracht: Krieg(?!), Befreiung von der Arbeit(d. h. Arbeitslosigkeit) und Hunger.* Aehnlich der nächste Redner, ein Freiherr v. W r a n g e l, Landesverbandsführer des Stahlhelms für Schlesien: „Wie kam es zur Bildung des Stahlhelms? Die Besten im Felde waren gefallen, und der in den letzten Iahren ins Feld gekommene Ersatz stand zum großen Teil unter internationalem Einfluß, der von Hetzern und vaterlandslosen Lumpen in der Heimat verbreitet worden war.* Run wissen wir wenigstens, wie es aussieht, wenn der Stahl- Helm„olles Trennend« beiseite läßt und das Einigende in den Vordergrund stellt*. deulig gräulich. Film-Wochenfchau der„Deulig*. So weit, so gut. Man wundert sich plötzlich: eine Moskauer Demonstration wird vorgeführt, wahr- schcinlich gegen die Hinrichtung Sarco-Vanzettis. Immerhin, Maskau?! Aber rasche Wiedergutmache: Reichswehrbrückenschlag über die Saale, Grohflugtag in Tempelhof mit— Grohaufnahmel — der Kronprinz, zu Ildet redend und ins Objektiv guckend, daß jedes Monarchistenherz puppert. Doch das Beste kommt zuletzt?„Die modernste deutsche Zeitung bedient sich der schnellsten Beför- derung*. Was kommt? Etwa der große Linksverlag, der schon seit Iahren seine Zeitungsslugzeuge hat? O nein,„Berliner Lokal- Anzeiger" steht groß auf der Tragfläche. Also ist das keifende Reaktionsblait die modernste Zeitung?! Gor so faustdick Hugenberg- Reklame treiben, lieb« Deulig, das ist gräulich! leicht.— So, und wie lange die gelernten Maurer arbeiten?— Das gehe an. Bei dem Zollbau, den der Staat errichte, nur zehn Stunden. Drüben ober bei der Kapelle, die von der Gemeinde gebaut wird, arbeit« man zwölf.— Und der Stundenlohn sür Maurer?— Verlegenes Lächeln: Sechzig Pfennig«.— Ob sie in einem Verband seien?— Nein, hier im Wald kennt man so etwas nicht. Die Leute sind hier sehr sromm. * Eine steile Wand bin ich vierhundert Meter tief vom Rachel herabgeklettert. An ihrem Fuß träumt,«ingemauert von Felsen, 'umgeben von Urwald, ein braunschwarzer See. Du stehst im ver- zauberten Märchenland. Anderswo ständen an solchem Platz« drei Hotels mit unver- schämten Preisen und abendlicher Jazzmusik. Hier nicht einmal«ine Bank, um auszuruhen und den Blick auf das Kapellchen zu ge- nießen, das hoch oben am Fels«n klebt. Du sitzt auf dem vermorsch- ten Steg der eingestürzten gischerhütt« und hängst die Füße in das unendlich klare Wasser, aus dessen Grund vor Jahren- hinabgestürzte Baumstämme vermodern. Stundenlang weiter, der hungrige Magen mahnt. Eine Jagd- hüll« verzeichnet der gedruckte Führer mit Wirtschast. Dahinter in Klammern: gut. Nach endlosem Marsch ist sie erreicht. Neben dem Försterei- rebäude eine ärmliche Hütte, davor primitiv gezimmerte Holzbänke init Tischen. Eine schmudlige?llte erscheint und lädt dich in die Gaststube. Di« undefinierbare Luft eines seit Wochen nicht gelüste- ten Zimmers sowie unendlich« Fliegenschwärme veranlassen dich. draußen sitzen zu wollen. Als du trotz verlegener Gebärden und Kopsschütlelns der Alten auf einer der Bänke Platz nimmst, zieht sie geschämig unter der geslickten Kattunschürz« ein Stück Holz her- vor und beginnt, den angetrockneten Hühnerdreck vom Tisch zu kratzen. Der Hühnerdreck lveckt Hossnungen: Gibt es hier Eier?— Ja, ab«r dos Feuer in der Küche brennt jetzt nicht. Am gleichen scheitert der Wunsch nach.Kaffee. AI, letztes bleibt ein Glas rohe Milch, die mit viel schwärzlichem Bodensatz serviert wird. Du verläßt die gastliche Stätte und überzeugst dich noch einmal Im Führer: Wirtschaft(gut). Die Leute sind hier sehr fromm. * „Also— es gibt hier doch Menschen* begrüßt mich ein Tourist, dem ich beim Abstieg vom Falkenstein begegne. Eine Stund« habe ich oben, ausgekleidet, mutterseelenallein in der Sonne gelegen und die wunderbarste Aussicht über grüne Täler und schwarze Höhen bis tzur schimmernden Donau genossen. Aus dem dunstigen Horizont grüßen— wie{ernste Ahnungen— die kaum sichtbaren Umrisse der Alpenkett«. Ruhe, Einsamkeit und dos ewige Rauschen des Waldes, die Ur- . Entwendete Sprengstoffe. Ein Kommunistenprozest vor dem Reichsgericht. Leipzig, 8. Septmeber.(Eigenbericht.) Ein großer Prozeß gegen süddeutsche Kommunisten begann am Dienstag vor dem Ferienstrafsenat des Reichsgericht». Auf der Anklagebank hat der Arbeiter Wilhelm Seysried mit 9 Genossen aus Calmbach und anderen Orten Platz genommen. Die Angeklagten werden beschuldigt, im September 1923 aus einem Aufbewahrungsraum in der Nähe von Calmbach ungefähr 180 Pfund Spreng st offe entwendet zu haben. Auch sollen zwei Angeklagte bei der Ausführung der Tat Schußwaffen lei sich gehabt haben. Die Angeklagten sind geständig. Sie waren damals von der militärischen Leitung der KPD. beauftragt worden, Sprengstoff zu beschossen. Die Entwendung des Sprengstoffes wurde durch Verrat aus eigenen Reihen aufgedeckt.— Di« Verhandlung, zu der mehrere Zeugen geladen sind, wird noch zwei Tage dauern. Tschechisthe Schuldroffelung. Ueberfüllte deutsche Schulklafsen. Gablonz, 7. September.(Eigenbericht.) In der allgemeinen Schuldrosselung wurden auch in unserer Gürtlerstadt zahlreich« deutsche Schulklassen ge- schlössen. Bei den starken Schuleintritten reichen die Klassen nicht, und es werden unmögliche Zusammenziehungen oerfügt. So hat man in Gablonz Schüler der vierten mit jenen der zweiten Klasie zusammengezogen und 78 Kinder in eine Klasse gepfercht. Dag ist keine Seltenheit, und in ganz Nord- böhmen gibt es die gleichen Fälle, da erst bei 71 Kindern die Klasien geteilt werden, Ausiänderkinder und vorschulpflichtige(und wenn es sich nur um Tage handelt) aber nicht zählen. So kommen auch Klassen von 80 und mehr Schülern zusammen. In der Grenzstadt Asch sind fast hundert Schulkinder In einer Klasse eingepfercht. In Gablonz haben die Eltern bei der Stadt und bei der politische» Behörde demonstriert. Sie wollen eventuell den S ch u l st r e i k durchführen. Die Fäll« wirken um so krasser, da Hunderte Klassen- zimmer leer stehen und Tausende Lehrer brotlos sind, und da andererseits für vier und sechs tschechische Kinder eigene Schulen errichtet werden. Erst 1933 wird die Schüler- zahl für Teilungen auf 80 herabgesetzt. Die Lehrerschaft ist gegen die aller Pädagogik hohnsprechenden Bestimmungen machtlos und hat in Klassen mit 60, 70, 80 und mehr Kindern den denkbar schwersten Stand. Krieg, Handel und Piraterie... Ein polnischer Jntendantnrgeneral schwer bestraft. Warschau, 7. September. Der Brigadegeneral Z y m i e r s k i, früherer stellvertretender Jntendonzchef im Kriegsministerium, der angeklagt rvar, bei M i l i t ä r l i e f« r u n x e n, die er selbst vergeben hat, bestochen worden zu sein, ist vom Gericht schuldig erkannt worden, zum Scha- den des Staatsschatzes gehandelt und Bestechungsgelder empfangen zu haben. Der General wurde zu fünf Iahren schweren Kerkers und Ausstoßung aus dem Heeresverband verurteilt. Sein Mitangeklagter Oberstleutnant Butgiell Monczynski wurde freigesprochen. Zu den Aeußerungen des polnischen Gesandten, die wir heute früh veröffentlicht haben, wird uns berichtigend mitgeteilt: Deutsch- land hat Polen seinerzeit erklärt, daß nach Regelung der Nieder- lassungsfrage die deutsche Aeußerung über polnische Kohleneinfuhr usw. im September erfolgen werde: es ist also nicht so, daß Polen sechs Monate ohne Antwort gelassen worden wäre. Gegen- über der Erklärung, daß die polnische Höchstzollverordnung nicht gegen Deutschland gerichtet sei, wird daraus oerwiesen, daß der Warschauer sozialistische„Robotnik* dies« Verordnung a l s gegen Deutschland gerichtet bezeichnet hat. melodie olles Werdens und Vergehens— dafür lassen sich miserables Essen und fromm« Unsauberkeit schon ein paar Tage ertragen. Der beruhigende Rhythmus der Walder klingt mir noch im Ohr, wenn Ich nun wieder verkehrsgeregelt« Einbahnstraßen rechtwinklig über- schreite, wobei ich des verwunschenen Waldes gedenke, in dem ich acht Tage lang keinem einzigen Automobil begegnet bin. E. K-r, {in nachdenkliches Lustspiel. Paul Geraldy Ist einer von den Autoren, die ernsthafte Komödien schreiben, Stücke mit psychologischem Unterbau und einer guten Lehre, die im Hintergrund lauert. Im Lustspiel„I h r M a n n*. mit dem die Kammerspiele die Saison eröffnen, untersucht er gewissenhaft den seelischen Wert der Ehe, sozusagen den ehelichen Stimmungsgehalt. Jacqueline hat einen durchaus alltäglichen Mann Maxim«, aber auch ein romantisches Gemüt, so daß sie in ihm etwas Außerordentliches sieht. Ein kleines Mißverständnis wächst sich durch Jacquelines unpraktisches Verhalten zu einem respettablen Eifersuchlszank aus. Maxime entpuppt sich als ganz gewöhnlicher Durchschnittsmann, sie fällt, um nicht zu sagen aus allen Wolken, aus der Romantik in die Wirklichkeit. Diesmal hat da» ordinäre Benehmen des Ehemannes noch einen Schein von Berechtigung, aber wer will ihr garantieren, daß ein nächstes Mal eine versalzen« Nudelsuppe den Grund zu einer heimischen Szene abgeben wird. Sie zieh! also die Konsequenzen und wirft sich einem jungen Mann a» den Hals, der ebenso romantisch empfindet wie sie. Der Verfasser stellt sich augenscheinlich aus die Seite der Frau. Liebe ist Vertrauen. Ich muß aber sagen: wenn Maxime soviel Vertrauen in sein« Frau setzte, wie sie verlangt, dann würde sie ihn wieder für einen Trottel halten und ihre romantische Welt ein- stürzen sehen. Philosophie im Lustspiel ist immer aesöhrlich. Geraldys Stück ist mit soviel Psychologie gespickt, daß der Zttschauer immer nachdenklicher wird, ohne rechtes Ergebnis. Der einzige Schluß, zu dem er kommt, ist, daß er merkt, wie langweilig das Stück ist. Das hotte er schon früher gemerkt, wenn die Kammerspiel« nicht sür eine famose Besetzung gesorgt hätten. Carola Toelles Jacqueline ist so zart besaitet, wie es mir die romantische Seele ihrer Rolle vorschreibt, Otto Wallburg«in gutmütig polternder Ehe- mann, der in der Erregung zwerchfellerschütternd überstürzle Säße herausblubbert. Oskar Karl Weih besitzt eine Art von beschei- tener Frechheit, die ihm keiner nachmacht, und Ida Wüst ist eine erschütternd komische Type von überhasteter und zerstreuter Schwiegermutter. Nur Pamela Wedekind paßt nicht in das wohlabgestimmt« Ensemble. Mit Kokettieren. Augenoerdrehen und lauernden Blicken ist burschikoses Wesen eines Backfisches noch lange nicht gezeichnet. ckxr. Eröffnung einer biologischen Versuchsanstall am Vlallensee. 71» Tibany am Platlenlee wurde eine groffangcleate biologtlche Versuchsanstalt eiöffnet. Nunmehr gibt e»�n Surova zwei hnbrobioloäische«nstaUcn, die eine in Neapel sür Salzwasser- und die andere in Tthany sür Güßwassersorschung. vi« Premier« von.Die Dame von Vlaxlm» im Deutschen Künstler- Theater beginnt am Donnerstag, dem ö. September, abends 71« Uhr. Ein Riesenbaö in öer Hartenjkraße. Der Bezirk Mitte arbeitet seit mehr als zwei Iahren an dem Projekt, in der Gartenstraße eine Bodeanstalt zu errichten. Nach langen Verhandlungen hat der Magistrat die zum Bau notwendige Summe von drei Millionen Mark zur Verfügung gestellt. Noch in diesem Monat wird mit dem Bau begonnen. Die gesamten Anlagen sind um vier Höfe gruppiert. In dem unteren Geschoß sind die maschinellen Einrichtungen, Filter, Werkstätten, Wäschemagazine, Pumpanlagen und dergleichen vor- gesehen. In dem nach der Straßenfront gelegenen Bauteil werden die Brause- und Wannenbäder, rusfisch-römisch« und medizinische Bäder, von der zentral gelegenen Kassenhall« aus durch Treppen- anlagen oder mit Fahrstuhl erreichbar, untergebracht. Der zweite Bauteil ist eine 6t Meter lange, 10 Meter breite und rund 10 Meter höh« Halle, die in ihrer Längsachse glasllberdeckt und vierseitig be- lichtet ist. In der Mitte werden galerieartig die mit Stiefel- und Barfuhgang versehenden Auskleidezellen untergebracht. Der Zutritt zu den Auskleidezelle.i erfolgt von der Kassenhalle aus über eine breite Trcppenanlage in einen Mittelraum. Di« galerieartige An- ordnung der Zellen mit dem inneren Lichthof ermöglicht eine gute Belichtung und Uebersicht. Vom Mittelraum sührt für Zuschauer bei Sportfesten eine Verbindung nach der Schwimmhalle, die im Alltogsbetrieb« durch ein niedriges Gitter abgeschlossen ist. Wer baden will, erreicht die Schwimmhalle von den oberen Geschossen über«ine besondere Barfußtreppe nur nach Durchschreiten der Reiaigungsräume. Diese sind für Jugendliche und Erwachsene unter- teilt, gut belichtet, mit Ouerlüftung, W. C. usw. versehen. Sie etwa 60 Meter lange und 22 Meter breit« Schwimmholle bildet den dritten Bauteil. Sie nimmt ein Schwimmberken von 50 Meter Länge und 15 Meter Breite auf, das allen sportlichen Forderungen Rechnung trägt. Große Fenster von vier Seiten und von oben eine verglaste Decke bringen reichlich Licht und Luft. Die Fenster können im Sommer geöffnet werden. Der Zutritt in das Schwimmbecken erfolgt von den beiden flach ge- haltenen Schmalseiten. Das Bassin vertieft sich in seiner Längs- richtung nach der Mitte, wo dem Zugang der Besucher gegenüber die Sprunggelegenheiten eingerichtet werden. Die Halle faßt bei Sportfesten auf drei bzw. vier breiten abgestuften Umgängen des Untergefchosies weit über 1000 Zuschauer, für welche durch einen nach dem Untergeschoß führenden Fahrstuhl in kürzester Zeit Sitzgelegen- heilen geschassen werden können. An der Hosseite der Schwimm- halle sind in einem oberen galerieartig zurückliegenden Geschoß bei Sportfesten weitere Möglichkeiten der Unterbringung von Zu- schauern. Zwei getrennt angelegte Dachgärten sind für Sonnenbäder mit Umkleideräumen, Liegestühlen, Turngeräten und Brausen eingerichtet. Sie können gesondert oder in Verbindung mit der Schwimmhalle bzw. den russisch- römischen Bädern und deren Austleideräumen benutzt werden. Für die Schwimmhalle sind insgesamt über 700 Auskleidemöglichkeiten vorgesehen. Außer der großen Schwimmhalle werden rund 80 Wannen- bäder, 40 Brausezellen, 20 medizinische Bäder, russisch-römische Badeanla�en, gesondert für Männer und Frauen, mit«wa 90 Ruhebetten, einem gemeinsamen Ruheraum für die Be- völkeruna zur Verfügung stehen. Die Wasserförderung ist mit«lek- irischer Kraft aus drei Tiefbrunnen geplant. Die Richtlinienfthautel. Was die Deutschnationalen behalten und was sie vergessen haben. Das Verhalten der deutsch nationalen Regierungs- Partei zur verfassungsmäßig festgestellten schwarzrotgoldenen Reichsflagge wird von Tag zu Tag grotesker. Zwar hat man, um vier Ministersitze zu erschnappen, die berühmten„Nicht- I i n i e n* anerkannt, aber mit einem kleinen Michaelisschen„Wie ich sie auffasse". Wir berichteten bereits, in welcher Weise die Wcstarpsche„Kreuz-Zeitung" auf die Erklärungen des Reichskanzlers Marx in Dortmund geantwortet hat. Der„Parlamentarische D i e n st" der Zentrumspartei bezeichnet diese Antwott als eine! weitere„nationale Würdelosigkeit" und stellt die Frage, ob die sortgesetzten Verhöhnungen und Beschimpfungen des nun ein- mal gegebenen nationalen Hoheitszeicheiis nicht sogar„gesetzwidrige und gehässige" Angriffe auf den Staat und seine Einrichtungen dar- stellen. Zusammenfassend erklärt das offiziöse Organ der Zentrums- parte! dann: „Es bleibt schon dabei, was wir vor kurzem gesagt haben, daß wir uns diese Sprache auf keinen Fall länger gefallen lassen und daß wir von der verantwortlichen Leitung der Deutschnationalen eine Erklärung darüber fordern, ob sie dieses Verhalten ihrer führenden Presse billigen." Auf diese Erklärung wird das Zentrum wohl vergeblich warten. Aber während die Deutschnationalen hier die„Richtlinien" unter Hohn und Spott mit Füßen treten, haben sie die Stirn, sich bei anderer Gelegenheit in ganz ungeahnter Weise auf sie zu berufen. Im Preußischen Landtag haben sie neuerdings eine Kleine Anfrage wegen des Verhaltens des Oberbürgermeisters B ö ß eingebracht, der, wie berichtet, bei einer nationalistischen Feier auf dem Turnplatz einer städtischen Schule die demonstrativ angebrachten schwarzweiß- roten Fahnen entfernen ließ. Die Anfrage sagt: Diese Handlungsweise des Oberbürgermeisters der Reichs- Hauptstadt stellt eine schwere Verfehlung(I) dar gegen die Grundfarben der deutschen Handelsflagge und gegen die pro- grammatische Willenserklärung der Reichsregierung über den Schutz der Tradition und der alten Reichsflagge. Wir fragen des- halb: 1. Was gedenkt da» Staatsministerium zu tun, um den Ober- bürgermeister der Stadt Berlin zu veranlasten, daß auch er die im Auslande und auf den Meeren als Grundsarben der deutschen Handelsflagge bekannten Farben Schwarzweißrot achtet und respektiert? 2. Was gedenkt das Staatsministerium zu tun, um dem Willen der Reichsregierung hinsichtlich des Schutzes der Tradition und der allen ruhmgekrönten Reichsflagge auch gegmüber dem Berliner Oberbürgermeister Geltung zu verschaffen? Hierzu ist lediglich zu bemerken, was bereits unlängst ein Zentrumsovgan hervorhob, daß die verfastungsmäßig« Reichsfahne s ch w a r z r o t g o l d ist und daß die schwarzweißrote Fahne daneben nur die Roll« eines Parteiabzeichens spielt, zu dessen besonderer Achtung und Ehrung keine deutsche Behörde irgendwie gezwungen ist. An diesem ver- sassungsmäßigen Zustand kann auch der Wille irgendeiner Reichs- regierung nichts ändern, der rechtlich völlig unerheblich ist. Es spiell auch keine Rolle, ob Schwarzweißrot die Grundfarbe der deutschen Handelsflagge ist, denn diese Handelsflagge hat außerdem ein« schwarzrotgoldene Gösch und ist daher mit der vom Ober- bürgermeister Büß entfernten nur schwarzweißroten Fahne nicht identisch. Außerdem wurde diese Grundfarbe gewählt, weil nach der Behauptung von Sachverstäudigcn angeblich auf dem Meere die schwarzrotgoldenen Farben nicht ebenso klar erkennbar fein sollten wie die schwarzweißroten. Daß die Osfenbacher Straße in Friedenau im Meere läge, werden selbst die Deutschnationalen nicht behaupten wollen. �uch Sie Lusthansa schwarzrotgolöstheu. Wie aus Leipzig mitgeteilt wird, waren bei der dortigen Der- anstaltung des Sachsenslugs weit über 50 weißrote, grün- weihe und blaugelbe Fahnen aufgezogen. Für die schwarzrotgoldene Reichsflagge hatte man indessen leinen Platz gesunden. Das ist um so bemerkenswerter, als die zur Verfügung gestellten Preise au» Reichsmitteln stammten. Der Deutsche Luftsahrtverband hat zwar diese Preise entgegengenommen, der moralischen Verpflichtung zum Zeigen der Reichsflagge ist er indessen nicht nachgekoinmen. Das Fehlen der Reichsflagge hat hohe Offiziere der Reichswehr sowie leitende Beamte des Reichsverkehrs- ininisterium» jedoch nicht daran gehindert, den Der- anstaltungen beizuwohnen. Das Verhalten der Lufthansa ist offenbar der D a n k dafür, daß sie einzig und allein durch Reichsmittet am Leben erhalten wird. Auf die Reichsflagge pfeift sie. Auch auf die Subventionen des Reiches zu pfeifen— dafür reicht der national« Männerstolz nicht zu. Der Kampf um üie Reichsfarben. Auch in der bürgerlichen Sportbewegung regt es sich. In dem Kampf um die verfassungsmäßig festgelegten Farben der Republik melden sich auch erfreulicherweise die Repu- b l i k a n e r in den bürgerlichen S p o r t v e r bä n d e n. So faßte der Turnrat(die technische Behörde) der„T u r n g e m e i n d e in Berlin" am 20. August folgenden Beschluß: „Der Turnrat der Turngcmeinde in Berlin ist mit der Führung der„Deutschen Turnerschast" und des Kreises Illb durch die damit zurzeit beauftragten Turngenossen nicht einver- st a n d e n. Er bittet beide Körperschaften, das Grundgesetz (§ 2) der DT. bei zukünftigen Veranstaltungen, sowie durch Wort und Schrift strengstens zu beachten. Es gehören dazu bei offiziellen Veranstaltungen die Führung der Reichssahne und das linterlassen jeglicher Ausführungen, die angesichts der Zerrissen- heit unseres deutschen Volkes irgendwie verletzen können." Da in der Tib. wie in der„Deutschen Turnerschaft" überhaupt große Teile der Mitgliedschaft sich aus Volksgenossen zusammensetzen, die wegen ihrer Gesinnung und ihrer sozialen Stellung z» den Be- jahern der republikanischen Staatsform gehören, n�ü ff e n die führenden Leute der Deutschen Turnerschaft dem Verlangen des Turnrates um so eher nachkommen, als er ja schließlich nur die In»«Haltung der Bun- dessatzungen verlangt. Die Veröffentlichungen des Be- schlusses'im Mitteilungsblatt der Tib. und in den Zentralblättern der DT wird das ihre dazu beitragen, alle Republikaner in den bürgerlichen Sportorganisationen auf den Beschluß zu vereinigen. Was geht in Kattowltz vor! Geheimnisvolle Verhaftungen. Kattowih, 7. September. »ei der Kattawitzer Buchhandlung und Verlagsgesellschaft wurden in der Buchhalterei und Kontrolle von der Polizei Durch- suchungen vorgenommen, die den ganzen Tag über andauerten, ebenso in der Wohnung de» Direktor» der Gesellschaft. Ein Bau- meist« au» Gleiw itz, ein Buchhalter und ein Chauffeur wurden verhaftet. Die Ursache der Verfolgung war bisher nicht zu er- pü&ta, Vaffenfunöe in Steglitz. Es handelt-sich um unbrauchbare Bestände. Der Polizeipräsident teilt mit: Am 6. September wurde auf dem Badender Gemeinde- schule 1 in Steglitz, Ringstraße 5S, bei Ausführung von Dach- deckcrarbeiten eine Anzahl von Waffen vorgefunden, und zwar: 51 Infanterieseitengewehre, 7 Erfatzläuse für Maschinengewehre, 3 Uebungshandgranaten, 2 Köpfe von Stielhandgranaten ohne Zünder sowie etwa 100 Stahlhelm« und R e st e von mili- tärischen Ausrüstungsgegenständen. Munition wurde entgegen anderslautenden Pressemeldungen nicht gefunden. Die Gegen- stände, die durchweg unbrauchbar sind, stammen offenbar von Truppenteilen, die 1018 und 1010 in der Schule ein- quartiert waren. Der Boden ist nach Angabe des Schulwart seit jener Zeit n i ch t mehr betreten worden. Sämtliche Gegen- stände wurden durch die Polizei aus dem Hause herausgeschafft und bestimmungsgemäß vernichtet. Ein Saüist auf üer Straße. Ueberfälle auf junge Mädchen mit dem Dolch. Ein Sadist, vor dem schon wiederholt gewarnt wurde, ist gestern wieder an zwei Stellen aufgetreten. Ein Mann in mittleren Jahren, der schon seit längerer Zeit die Straßen von Neukölln und des Südostens unsicher macht, fährt mit einem Rade umher, macht sich plötzlich an junge Mädchen heran und st i ch t mit einem spitzen Werkzeug auf sie«in. Bisher stach er jedesmal nach den Beinen. Gestern vormittag tauchte er wieder mit dem Fahrrad in der Dieffenbachstraße aus und versetzte einer Schülerin, die zur Schule ging,«inen Stich in die linke B r» st s e i t e. Abends stach er in der M ö l l e n d o r s s st r a ß« zu Lichtenberg ein junges Mädchen in die rechte G e s ä ß s e i t e. Dabei löste sich das Werkzeug, ein 5 Zentimeter langer Schusterdorn, aus dem Heft und blieb in der Wunde stecken. Es gelang wieder nicht, den Mann zu fassen. Er jagte aus seinem Rad« sofort davon und entkam. Der gesährliche Mensch ist etwa 38— 40 Jahre alt, mittelgroß und trug einen grauen Anzug nnt langen Hosen und einen dunkelgrünen Hut Bei den früheren Anfällen hatte er stets Breeches getragen. Mitteilungen zu seiner Ergreifung an Kriminal- kommissnr Strewe im Polizeipräsidium. Briilkenbeschädigung durch Güterzug. Die Feuerwehr wurde gestern um 23 Uhr auf den Alarm „Brücke in E i n st u r z g e s a h r" nach der Landsberger Allee alarmiert. Auf der einen Seit« der hölzernen Brücke, die im Zug« der Landsberger Allee über die Ringbahn führt, machten sich im Bohlenbelag und am Geländer plötzlich st a r t e Risse bemerkbar, die einen Einsturz befürchten ließen. Die Feuerwehr unter Leitung des Baurates Müller sperrte die gefährdete Seite zunächst für jeden Berkehr ab und nahm Versteifungen vor. Nach den bis- herigcn Ermittlungen ist der Schaden durchweinen Güterzug ver- ursacht wurden, der in einem Waggon unsachgemäß gelagerte land- wirtschaftliche Maschinen mit sich führte, die mit großer Gewalt gegen die Brückenpfeiler prallten. Für diese Annahme sprechen auch einige abgerissene Pslugscharen, die auf den Gleisen gefunden wurden. Roch in später Stunde erschien Oberbanrot Fischer von der städtischen Baupolizei an der Unsallstcllc. Durch den Vorfall war das Gütergleis längere Zeit gesperrt, so daß drei Güterzüge erheb- liche Verspätungen erlitten. Wie heute von der Reichsbahndirektion mitgeteilt wird, soll keinerlei Einsturzgefahr für die Brücke bestehen. Die Schädelsunde am Bahnhof Gesundbrunnen. Die gestern bei Ausschachtungsarbeiten auf dem Bahngelände in der Nähe des Bahnhofes Gesundbrunnen vorgefundenen Schädel sind einem Sachverständigen zur liiitersuchung übergeben worden, über deren Ergebnis noch nichts bekannt geworden ist. Beide Schädel wiesen keinerlei Verletzungen auf. Die Polizei ist noch mit den Ermittlungen beschäftigt, um zu ergründen, auf welche Weise d« Knochen an die Fundstelle gelangt sind, ,<2)ld Glorp� in Seenot. Zwei 808-Rnfe von Dampfer« aufgefangen. Das Flugzeug„O l d Glory", das gestern, wie gemeldet, in Old Orchard im Staate Main zum Fluge nach Rom aus- g« st i e g e n ist, scheint das Schicksal aller Allantikflieger teilen zu müssen. Wie nachstehendes Telegramm meldet, wurden ihre LOS- Rufe(das internationale Morsezeichen für höchste Not: sove our souts— Rettet eure Seelen) von zwei Dampfern aufgefangen. New Jork. 7. September. Die Dampfer„Earmania" und„Lapland" melden, daß sie einen drahtlosenLoS.Rufder.OldGlary" aufgefangen hoben. RewVork.7. September. Auch der Passagierdamps«„Transyloania" fing den d r a h t- losen LOS- Ruf der„Old Glory" auf. die wahrscheinlich bei 45.50 nördlicher Breite und 41,15 westsicher Länge steht, es weht ein frischer Westwind. Rem Jork, 7. September. Da» Flugzeug„Dld Glory", das seinen Ozeanslug angetreten hat, ähnelt dem Flugzeuge Byrd», der„America", hat jedoch nur «inen Bristol-Iupiter-Motor von 450?L. Die Spannweite der Tragflächen beträgt 65 Fuß, die Länge des Flug- zeuges 46,5 Fuß. Der Gasolintank faßt 1120 Gallonen. Das Flug- zeug hat Funkempfangs- und-sendegeräte. Die Tragflächen haben goldfarbigen Anstrich, der Unterbau silberfarbigen. Auf der unteren Seite beider Tragflächen ist j« eine amerikanische Flagge und das Kennzeichen des Handelsamtes N X 703 angebracht. Der Name„Old Glory" ist an dem Rahmenwerk in rotweihblauer Farbe verzeichnet. Hier befinden sich auch zwei Adlerbilder. Die Adler tragen in ihrem Schnabel Olivenzweige. Unter dem einen Adler steht der Name New York, unter dem anderen: Rom. Der Leiter des Meteorologischen Instituts, Kimball, teilte mit, daß die„Old Glory" auf der Strecke zwischen Old Orchard und Cape Race frische Nordwe st winde. von dort bis zur Mitte des Ozeans W e st w i n d e antreffen werde. Die Flugstrecke über der ersten Hälfte des Ozeans sei bewölkt. Halifax, 7. September. Die„Old Glory" wurde um 7 Uhr nördlich von Sidney(Cape Breton) gesichtet. Das Flugzeug flog in fast genau östlicher Richtung. Vieüer üer Revolver eines Tobsüchtigen. Drei Tote, ei» Schwerverletzter. London. 7. September. Die Blätter berichten aus N c w Y o r k: Als fünf Männer im Bureau eines Rechtsanwalts im 9. Stock eines Gebäudes nahe des Harvardclubs«ine Sitzung abhielten, zog einer von ihnen plötzlich eine Pistole und begann zu schießen. Zwei Rechtsanwälte sprangen aus dem Fenster, um den Kugeln zu entgehen: einer war sofort tot. der zweite wurde so schwer verletz», daß man an seinem Auskommen zweifelt. Ein dritter Teilnehmer an der Sitzung brach in seinem Stuhl, von zwei kugeln in die Brust ge- trossen, tot zusammen, während der vierte, der nach dem List eilte. vor der Tür tot zusammenstürzte. Der Täter ist flüchtig. Es wird angenommen, daß Dermögensstreittgkeiten der Anlaß zu der Schießerei waren._ Prolest gegen die Verlegung des Verfuchsslughasen». Der Mleterausschuß der Einfamilienhäuser der Großsiedlung Britz hat die gesamte Bewohnerschaft zii�einer großen Protest- Versammlung am Donnerstag, dem 8. September, 19.30 Uhr, im großen Saale des Restaurants Buschkrug «ingeladen, umjgegen die Verlegung de» Bersuchsslug» Päse«»»och Britz s» pcote-ftiec««,' Eöinburg gegen Moskau. Der Trennungsstrich. �dinburg(Schottland). 7. September.(Eigenbericht.) jet in der jüngsten Rede de» englischen Ministerpräsidenten .. u l d w i n enthaltene Appell zum industriellen frieden, auf welchen bereits hlck» in der Erössnungsrede des Songresses hingewiesen hotte. sland auf dem Gewerkschostskongreh im Mittelpunkt der Vormittags- bhung des zweiten Verhandlungstages. Dem Kongreß wurde von dem Führer der Transportarbeiter Devin und dem Führer der Eisenbahner Thomas eine Resolution vorgelegt, die betont, daß kein Teil der Bevölkerung den industriellen Frieden dringender wünsche, als die Arbeiterschaft. Das größte Hindernis dieses Friedens sei aber die von der konservativen Regierung verfolgte Politik. Insbesondere deren Angriff aus die Lebenshaltung und das Recht der Arbeiterschaft, sowie die Verlängerung der Arbeitszeit im Bergbau und endlich das Anli- Gewerk- schaftsgeseh. Lediglich die Beseitigung dieser Ver- sklavungsgesehe könnten den Beweis liefern, daß Baldwin seinerseits aufrichtig Frieden wünsche, andernfalls er dem Lande Gelegenheit geben müsse, an der Wahlurne das Urteil über seine Regierung auszusprechen. Rachdem Bevin und Thomas die U n- rhrlichkeit von valdwins Appell, der im schreienden Gegensah zu den Tatsachen stünde, an einer Reihe schlagender Beispiele nach- gewiesen hatten, wurde ihre Resolution ein st immig ange- nommen. Am Vormittag wurden bereits kommunistische vor- st ö ß e, die bei der Erörterung der Reorganisation und Zusammenlegung der Gewerkschaften gemacht wurden, mit großer Mehr- heit abgeschlagen. Nachmittags kam es trohdem bei der Be- ratung der aus die kommunistische Minderheitenbe- w e g u n g bezüglichen Stelle des Berichts des Generalrats zu großen Auseinandersehungen, an der sich maßgebende Führer der britischen Gewerkschaften beteiligten. Der Sekretär der Minderheitenbewegung, P o l l I t, der als Delegierter der Sesselschmiede an dem Kongreß teilnimmt, griff den Generalrat wegen seines im Zanuar gefaßten Beschlusses an. alle den Minderheilenorganifationen angeschlossenen lokalen Gewerkschastskartelle auszuschließen. Zn der folgenden Diskussion, die mit außerordentlicher Leidenschaft geführt wurde. trat deutlich die Einsicht in den zerslörendee Charakter der kommunistischen Gewerkschastsagitation zu Tage, die weitere riesige Fortschritte gemacht hat und heute sämtliche verantwortliche Führer der großen britischen Gewerkschaften den Trennungsstrich gegenüber den Kommunisten ebenso streng ziehen wie die kontinentalen Kollegen. Die Schärfe. mit welcher der radikal« Präsident der britischen Bergarbeiter, Herbert Smith, gegen die Minderheikenbewegung polemisierte und gegen jeden versuch einer kommunistischen Einflußnahme sich wandte, ist bezeichnend. Zm merkwürdigen Gegensah zu dieser Entschlossenheit. Klarheit zu schassen, steht das deutliche Bestrebe» des Generolrats hinsichtlich der anglorussischen Gewerk- schastsbeziehungen der Entscheidung auszuweichen. Jedoch wird der Generalrat durch die Diskussion im Laufe de» Kongresses zweifellos dazu gezwungen werden. Die Straßenbahner in Kampffront. Tie Tirettion spielt mit dem �feiler. Wie erinnerlich wurde am 26. August für das Personal der Der- liner Straßenbahn ein Schiedsspruch gefällt, der den Mantel- tarifvertrag in seiner bisherigen Forin mit ganz geringen Abände- langen bestehen lassen will und den berechtigten Forderungen der Straßenbahner nach einer besseren Regelung ihrer Arbeitsbedin- gungen so gut wie gar nicht Rechnung tragt. Dieser Schiedsspruch hat in den Kreisen der Straßenbahner starke Erbitterung hervorgerufen und wird von ihnen lebhaft disku- tiert. Die Direktion der Straßenbahn jedoch hüllt sich hartnäckig in Stillschweigen und läßt nichts über ihre Stellungnahme verlauten. Gewiß hat sie, da die Erklärungsfrist für diesen Schiedsspruch auf den 16. September sestgelegt worden ist, das Recht, ihre Stellung- nähme erst fünf Minuren vor Ablauf der Erklärungsfrist bekannt zu geben. So pedantisch genau nehmen es ober selbst reine Privat- Unternehmer selten, zumal, wenn ihnen eine Erklärungsfrist von 11 Tagen eingeräumt worden ist. Die Funkti inärc der Straßenbahner haben vier Tage nach Der- kündung des Schiedsspruches zu der Situation Stellung genommen und den unzulänglichen Schiedsspruch ein st immig abgelehnt. Seitdem ist über eine Woche verstrichen, ohne daß die Direktion der Straßenbahn auch nur Andeutungen gemacht hätte, wie sie sich zu dem Schiedsspruch und überhaupt zu dr-m ganzen Tarifkonslikt stellt. Dadurch ist die schon vorhandene Erbitterung unter den Straßen- bohnern über den Schiedsspruch selbst»och verstärkt worden. Es fehlt nur wenig, damit das Feuer lichterloh brennt. Anscheinend bemerken die Herren in der Leitung der Berliner Straßenbahn die roichantene Erregung nicht, oder sie w o l l e n sie nicht bemerken. Sie scheinen sich absichtlich taub zu stellen. Wenn schon die leitenden Direktoren der Straßenbahn für die Psyche ihres Personals kein Verständnis niehr besitzen, dann hätte doch wenigstens der A u f s i ch t s r o t die Pflicht, die Dinge nicht auf die Spitze treiben zu lassen. Schließlich hat auch die O e f f e n t- l i ch k e i t das Recht, zu verlangen, daß ein Konflikt durch das unverständliche Verhalten einiger bockbeiniger Direktoren nicht noch unnötig verschärst wird. Oder ist man auch in diesen Kreisen der Auflassung, daß die Stioßenbahner, die leider schon öfter eine uner- schütterliche Lammesgeduld an den Tag legten, auch diesmal alles widerstandslos über sich ergchen lassen werden? Sollte man sich wirklich dieser trügerischen Hrsfnung hingeben, so könnt« es eines Tages leicht ein unliebsames Erwachen geben. Die Situation ist wirklich ernster, als allgemein angenam- ine» wird. Der Vertehrsbund als zuständige Interessonvektretung der Straßenbahner ist jedenfalls fest entschlossen, diese Bewegung mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu einem eriola- reichen Abschluß zu bringen. Er hat, um eine einheitliche Willens- lundgebung aller Berliner Straßenbahner herbeizuführen, zu Donnerstag abend nach den Prachtsälen am Märchenbninnen eine große Vollversammlung einberufen, die über die weiteren Maß- nahmen zur Durchsetzung der aufgestellten Forderungen beschließen soll. Es dürft« keinen dienstfreien Straßenbahner geben, der zu kieser Versammlung, die zugleich eine Protestkundgebung gegen die Betriebsleitung ist, nicht erscheint. Es dürfte kaum zweifelhaft fein, daß auch diese Bolloersamm- lung den Schiedsspruch ebenfalls ablehnt und die Organisation beaus- tragt, zum Kampfe für die ausgestellten Forderungen zu rüsten. Der Betriebsleitung der Straßenbahn müßten diese Schritte der Or- ganisat.on jedoch eine ernste Warnung sein, den Bogen nicht zu überspannen, sondern durch Zugeständnisse über den Schieds- svruch hinaus, besonders aber in der Frage der Arbeitszeit, des Krankengeldzuschusies und der Nachtzulagen noch rechtzeitig eine Entspannung herbeizuführen. Sollten Direktion und Anfsichtsrat sich weiter dieser Erkenntnis verschließen, so sind für das Berliner Berkehrswesen schwere Kom- plikationen fast unvermeidlich. Für die Straßenbahner gilt es, sich restlos an der Versammlung zu beteiligen, um der Direktion zu be- weisen, daß nicht etwa die Organisation, wie es die Direktion so gern behaupiet, sondern die Straßenbahner selbst mit allen Mitteln ihre berechtigten Forderungen durchzusetzen entschlossen sind. /�usnahmerecht für lebenswichtige Setrlebe. Prolest der Gemeinde- und Skaalsarbeiker. Die Gaukonferenz der Gemeinde- und Staatsarbeiter West- f a l e n s beschäftigte sich u. a. auch mit dem Entwurf des neuen Reichs st rofgesetzbuches, der ungeheuerliche Sonderftrasbestimmungen gegen Arbeitnehmer lebenswichtiger Betriebe enchält, die vom Reichs- rat noch erheblich erweitert worden sind. Danach können nicht nur Sabotageakte im Zusammenhang mit Wirtschastskämpfen mit Ge- fängnis- und Zuchthausstrafe bis zu fünf Jahren belegt werden, fon- dern nach einem erweiterten Beschlüsse des Reichsrats bereits die bloße Stillegung des Betriebes! In jedem Fall soll auch schon der Versuch strafbar sein. Als lebenswichtige Be- triebe im Sinne dieser Strosoorschrift sollen gelten: Eisenbahnen, Straßenbahnen, Schwcbebahnsn, Kraftfahrlinien, Schiffahrts- und Luftfahrtunternehmungen, Schiffs- und Flughäfen, die Post, Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerke. Nach den Ausführungen des Kollegen Weck. Berlin, zu dieser Frage nahm die Konferenz einstimmig nachstehend« E n t- schließung an: „Die Gaukonserenz des Gcmeinde- und Staatsarbeiterverbandes für den Wirtschaftsbezirk Westfalen vom 4. September 1927 in Solingen hat mit Empörung davon Kenntnis genommen, daß der R e i ch s r a t bestrebt ist, die Arbeitnehmer der sogenannten l e b e n s- wichtigen Betriebe, insbesondere der GWH.-Werke usw. durch Sonderstrafbestimmungen im neuen Reichsstrasgesetzbuch unker unerhörtes Ausnahmerecht zu stellen. Nach der vom Rkichsrat beschlossenen Fassung des Z 238 des neuen Entwurfs zum Strafgesetzbuch soll u. a. mit Gefängnis, in besonders schweren Fällen sogar mit Zuchthaus bestraft werden können, wer diese Betriebe dadurch verhindert oder stört, daß er Bestandteile von ihnen oder Zubehör„außer Tätigkeit" setzt. Schon der Versuch soll strafbar sein. Durch dieses Ausnahmerecht sollen die Arbeitnehm er dieser Betriebe an wirtschaftlichen Existenzkämpfen gehindert, völlig entrechtet und widerstandslos der Willkür des Unternehmertums preisgegeben werden. Di« Gaukonferer.z pro- testiert gegen diese beabsichtigte Entrechtung, die die gegen Arbeit- nehmer der GWE.-Werke gerichtete Verordnung vom 19. November 1918 weit in den Schatten' stellen und die 1918 beseitigte preußische Gefindevcrordnung in verschärfter Form für große gewerbliche Arbeitnehmcrgruppen wieder aufleben lassen würde. Der Derbondsvorstond wird dringend ersucht, alle Mittel anzuwenden, um das beabsichtigte Ausnahmerecht zu ver- hindern."_ Wem gehören öle öeöienungsprozente! Den Kellnern oder auch den Inhabern. Man sollte es einfach nicht für möglich halten, daß Unternehmer im Gastwirtsgewerbe und dazu obendrein gerade Großunterneh- mungen, den Angestellten einen Teil ihrer Prozente streitig machen und sich mit ihnen' sozusagen darum balgen. Es müßte den Unter- nehmern doch wohl genügen, daß sie ihren Angestellten keinen Lohn zahlen, sondern dies dem Publikum überlassen. Es genügt ihnen jedoch nicht. So hat kürzlich ein Berliner Rechtsanwalt, dem die Einschaltung der Unternehmer in die Prozentvcrteilung aufgefallen ist, der Hotelbetriebs- A.-G. Vorhaltungen darüber gemacht, daß den Servierdamen im Cafe Kranzler Teile ihres Einkommens an Prozenten vorenthalten werden. Die Hotelbetriebs-A.-G. hat ihre ebenso willkürliche und prositliche Maßnahme damit zu rechtfertigen versucht, daß sie als S t r a f m a ß n a h m e einzelnen Servierdamen ihr volles Einkommen aus Prozenten vorenthalten und ihnen nur den(Garantie-) Tariflohn gezahlt hat. Dem Rechtsanwalt, dem samt dem zweifellos weit überwiegenden Teil des Publikums das merkwürdige Verfahren auch nach dem mißlungenen Rechtfertigungs- versuch nicht einleuchtet, werden einfach die Lokale der Gesellschaft verboten. Womit zum Ausdruck gebracht wurde, daß nicht das Recht, sondern die Macht entscheidend sein soll. Jetzt wird uns«in anderer Fall mitgeteilt, der nach Auffassung der Kellner noch weit schlimmer liegt und die Firma Kem- pinski betrifft. Nach dem Tarifvertrag für das Groß- Berliner Gastwirtsoewerbe hat die Firma den Kellnern für einen Urlaub von 12 Arbeitstagen 36 Mark auszuzahlen. Im Frühjahr dieses Jahres bewilligte die Firma den Kellnern in der Leipziger Straße großmütig 18 Urlaubstage aus eigene Rechnung der Kellner, also einen Urlaub, der der Firma nicht nur nichts kostet«, sondern ihr noch eine„Ersparnis" von etwa S0 00 Mark einbrachte. Dabei machte sich die Firma allerdings tarifbrüchig, und zwar trotz des Protestes des Zentrolver- bandes der Hotel-, Restaurant- und Easeangestellten. Im neuen K e m p i n s k i am K u r s ü rst e n d a m in hat die Firma im Laufe des letzten Jahres die Summe von 29999 Mark an den Kellnern durch Dorenthaltung des Verdienstes aus Prozenten in ihre Tasche gesteckt. Die Firma zieht im Gegensatz zu den ganz klaren Bestimmungen des Tarifvertrages, wonach den Kellnern IllProz. der umgesetzten Waren zustehen,% Proz. für s i ch ab, um damit angeblich Geschäftsführer bzw. Oberkellner zu bezahlen An diesem seltsamen Versahren hat die Firma so großen Gefallen gefunden, daß sie es nunmehr auch auf ihren Be- trieb mit 169 Kellnern in der Leipziger Straße ausdehnen möchte. wobei sie etwa 31 009 Mark im Jahr„verdienen" könnte. Trotz der Bestimmungen des Tarifvertrages wurde den Kellnern in der Leipziger Straße da» Ansinnen unterbreitet, Geschäfts- f ü h r e r als„Oberkellner" einzustellen und sie aus>4 Proz. des Einkommens der Kellner zu bezahlen. Ein derartiges Verfahren juristisch zu beurteilen, wird Sache der zuständigen Ge- richte sein. Der Zentralverband der Hotel-, Restaurant, und Ease- angestellten wird dafür Sorge tragen, daß der Plan der Firma Kem pinski durchkreuzt wird. Die den Kellnern vorenthaltenen S000 Mark Urlaubsgeld werden beim Arbeitsgericht ein- geklagt werden._ Die Eisenbahner gegen die Regierung QueeKslands. London. 6. September.(EP.) Der Arbeitsmini st er in Queensland erklärte im Parla- ment, daß die Regierung mit ihrem Ultimatum an die Eisenbahner stehen und fallen würde, wonach sie diese zu entlasten gedenke, wenn sie nicht zur Arbeit zurückkehren. Wenn die Regierung nicht energisch den Vergewaltigungen von außen her Widerstand leiste, so könne man nur eine Revolution erwarten. Er sei fest entschlossen, dem Lande gegenüber sein Versprechen zu halten. Die Regierung hat Mahnahmen zur Aufrechterhaltung der Lebens- mitteloersorgung getroffen._ Gesperrte Gastwirtschaft. Bom Zentraloerband der Hotel-, Restaurant- und Cafe-Angestelltcn wird uns mitgeteilt, daß die Großdestillotion„Zur K ott b uss« r Brücke", Kottbusser Damm 193, Ecke Maybachufer, Znh. Kautzsch, für organisiert« Gehilsen gesperrt ist. Kautzsch lehnt es ab. den städtischen Arbeitsnachweis zu benutzen. Wörtlich sagt« er:„Ich beschäftige keine Dcrbandsfaulenzer." Auf die Bemerkung, daß er ja gar nicht darüber urteilen könne, da er bisher kein Personal be- schäftigt habe, bemerkte er:„Ich bin Mitglied der Gastwirtsinmmg. In unseren Versammlungen habe ich genug erfahren." Das scheinen demnach nette Instruktionen sein, die die Herren Tarifkontrahenten in ihren Versammlungen erhalten. Di« organisierte Bevölkerung Neuköllns wird jedenfalls kaum eine Großdestillation besuchen wollen, dessen Inhaber eine solche Meinung über die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter, Angestellten und Beamten hat. Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeilslosen Versicherung vom 16. Juli 1927. Textausgabe mit ausführlichem Sachverzeichnis, 88 Seiten, Preis 2 M., Carl Heymanns Verlag, Berlin W 8, Mauerstr. 44. Sport. Jnkernakionaler Ringerwellstreik im Sportpalast. Der Montagabend bracht« im Mittelgewicht ausgezeichneten Sport. Der Wiener P e r e l e s traf auf den guten Schweizer G. Grüneisen, die beide im Gewicht und Körperkraft gleich waren und die Technik bis zur Vollendung beherrschten. Noch 25 Minuten schieden beide ohne ein Resultat. S t e i n k e- Stettin und der Bayer V o g t m a n n lieferten ebenfalls einen schönen offenen Kampf, den der Stettiner nach 12 Minuten durch einen überraschenden Kopfzug mit Hüftschwung an sich brach)«. Der Elberfelder Kunst vermochte durch seil« größere Kraft den Tschechen B l a h o w e tz nach 9 Minuten mit Untergriff von vorn zu legen. Der Deusch-Pole P i n e tz k i war mit seiner großen Reichweite dem Memelländer B i e r h o l z weit überlegen und als er in der dritten Minute seinen unwiderstehlichen Doppelnelson anbringen konnte» war es um den Memelländer geschehen,«chachschneider» Verlin und der Kölner D« b i e trennten sich unentschieden. Der 269 Pfund schwere Lette L e s k in o w i c z siegte nach 18 Minuten mit schnellem Hüstschwung über den starken Tilsiter B u d r u s. Der vierte Tag brachte die Begegnung des Berliners Schachschneider mit dem gefürchteten schweren Letten Leskinowicz, der durch seine größere Kraft schon überlegen war und nach 17 Minuten durch Eindrücken der Brücke dos Treffen an sich bringen konnte. S t o l z e n w a l d- Rheinland traf aus den Kölner De b i e, dieser allzu robust Ringende mußte eine ernstlich« Verwarnung einstecken: nach hartem Kampf siegte der Rheinländer in der 18. Minute mit plötzlichem Armzug aus dem Stand. Der massige Tscheche P r o ch a s k a warf mit seinem Spezialgriss, einem Doppelnelson, den Hamburger Stange nach 8 Minuten auf die Bretter. Der junge Mtttelgewichtler Grüneisen konnte sich nach schönem abwechselungsreichen Kampf des schnellen Bayern Sachs durch Unter- griff von hinten enttedigen. Ringzeit 11 Minuten In ihrer ersten Begegnung kamen S ch u l z» Hamburg und der Ungar Barothy zu keinem Ergebnis. Der Jugoslawe Kopp, der zu den kämpf- stärksten Ringern gezählt iverden muß, traf auf der Matte den äußerst gewandten Thüringer Opitz, dieser konnte seinem Gegner 16 Minuten lang Widerstand entgegensetzen und erlag dann einem mit aller Kraft geführten Ausheber mit nachfolgender Mühle. Beranlwortlich kllr Politik:«ich.,»«ernst»!,,! Wirtscki-ft:®.«lingelhise»! Gewerklchaftsbewkguny: Z. Steiner: ffeuill-ton:«r. Ioh» Schitoi»»«: Lokale« und Sonstiges:«ei» Roeftöbl:«nz-ig-n: Z».»locke: siimll.ch in«erlin «erlag; Borwarts-Berlag® ni b H..«erjin. Druck:«orwarts-Buchdruckcret und«rrl-gsanstnu Paul Singer u s». Berlin SW 68, LindenftraZ« 3. Korbmöbel! Sonderangebotl Xn Private zu Engrospreisen. 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