Mbenöausgabe Nr. 431 ♦ 44. Jahrgang Ausgabe B Nr. 213 ««zugsbrilnzilnae» und tnrfQtntmlU tind in der Morgenausgabe angeaeben Nedattlou: Lw. SS, ctadeostrab- 3 Fernsprecher: VSnhosf 292— 297 r»>.«bresse: Sozlaldemotra» verli» Derliner Volksvlakk �10 Pfennig) Montag 12. September 1 �27 Verla« and Änzeigenabtetlun«: Vescheiftszeit 8�4 dt« 8 Uhr Verleger: vorw Sri»- Verlag GmbH. veriin SV». 6», eindeastrah« Z Fernsprecher! VSahoss 292— 29« Zcntr*\orgar\ der Sozialdemokratlfcben Partei Deutfd�lands Kleinmütigkeit der Kleinstaaten. Kandidatenrede eines Kanadiers. V. Sch. Genf. 12. September.(Eigenbericht.) Die letzten Redner in der Generaldebatte kamen heute vormittag zu Wort. Der Schweizer M o t t a. von dem man ge- hofft hatte, daß er sich wie früher als energischer Vertreter der Klagen und Wünsche der kleinen Nationen bewähren würde, e n t- täuschte vollkommen. Es zeigte sich, daß seine politische Stärke von Jahr zu abnimmt, was sich schon durch seine andauernde Nachgiebigkeit gegenüber Italien oft genug in den beiden letzten Iahren erwiesen hat. Es muß in diesem Zusammenhang gesagt werden, daß es natürlich sehr schwer wird, für die kleinen Nationen in der Press« der großen Staaten einzutreten, wenn die Vertreter der kleinen Staaten in Genf selbst so wenig Rück- g ra t zeigen. Der kanadisch« Vertreter hielt eine Kandidatenrede für die Rats- wählen, und zwar in französischer Sprache. Diese scheint dem sran- zösischen Kanadier geläufiger zu sein als die Sprache des britischen Reiches. Sein energisches Bekenntnis zu den Rechten der inter- »rationalen Minderheiten mag dein inneren Empfinden entsprungen sein. Er erhielt jedenfalls starten Beifall, an dem sich aber natürlich die rumänischen, tschechoslowakischen und italienischen Dele- gierten nicht beteiligten. Journalistenvorfloß gegen Mussolini. V. Leb. Gens. 12..September.(Eigenbericht.) In der am Sonnabend abgehaltenen Jahesversammlung der Internationalen Vereinigung der beim Völkerbund akkreditierten Journalisten ereignete sich ein V o r f a l l, der politische Folgen zu haben scheint und der heute auch in den Delegiertentreisen leb- Haft erörtert wird. Bei der Neuwahl des Vorstandes wurde einer der Vizepräsidenten, der Italiener Capri, Vertreter des„Corricre della Sera", nicht wiedergewählt, dafür der als politi- scher Flüchtling in Genf lebende italienische Journalist A P r a t o, jetzt Korrespondent der Londoner„Westminster Gazette" und des Pariser„Populaire", zum Beisitzer als einziger italieni- scher Vertreter in den Vorstand gewählt. Zum Vizepräsidenten war überdies ein jugoslawischer Journalist neu gewählt worden. Die in Genf anrvesenden italienischen Mitglieder der Verein!- xung, sämtlich Faschisten, die gegen die Vornahme der Wahl vergeblich in Obstruktion traten, haben beschlossen ihren Austritt ans der Bereinigung zu vollziehen. Ihr Versuch, das Völkerbunds- setvetariat mobil zu machen, ist bisher gescheitert. Sic haben heute mittag mit dem italienischen Staatssekretär Grandi konferiert unh gezeigt, daß sie ihre Protestaktion lveiter treiben werden. die Schrecken von Döberitz. Gin Nachspiel zu den Fememord-Prozesse«. Vor dem Erweiterten Schöffengericht in Spandau findet heute der Fememord an Feldwebel Wilms, der im Früh- jähr dieses Jahres mit vier Todesurteilen bereits erledigt ist, noch ein weiteres Nachspiel. Das Gericht Hot sich mit den schweren Mißhandlungen zu beschäftigen, die Wilms im Lager von Döberitz vor seiner Ermordung zu erdulden hott«. An- geklagt sind vier ehemalige Angehörige des„Arbcitskommandos" Döberitz, und zwar der Feldwebel S t e i n, der im Ponier-Prozeß zum Tode verurteilt und dann zu 15 Jahren Zuchthaus begnadigt wurde, die ehemaligen Unteroffiziere der Schwarzen Reichswehr, Sportlehrer R o t e n b u s ch, Verbandssekr«tär Metten und der Vuchhandlungsangestellte Weiser, der ober nach der Ausrollung des ganzen Falles Wilms flüchtig wurde und bis heute nicht auf- gefunden werden konnte. Es nehmen also nur drei Angeklagte auf der Anklagebank Platz. Die Anklage legt den Angeschuldigten zur Last, daß sie als„Roll- kommando" Wilms in seiner Zelle in Döberitz nachts über- fallen haben, um ihn für seine angebliche Absicht, einen Arbeiter- und Soldatenrat zu bilden, zu strafen. Mit Peitschen und Lederriemen soll Wilms derart geschlagen worden fein, daß er aus zahlreichen Wunden blutete und ihm die Haut buch st üblich in Fetzen h e r u n t e r h I n g. Die Tatsache dieser Mißhandlung fl» bereits im Mordprozeß zur Sprache gekommen..•• Zunächst wird der ehemalige Feldwebel Stein verkommen, der in der Voruntersuchung Rothenbusch und Metten belastet hat. Heute will Stein diese Angaben nicht mehr aufrechterhalten. Er erzählt u>eiter, wie vor der Schreibstube, in der Wilchs eingesperrt war, ein großer Andrang von Unteroffizieren und M o n n s ch a s t e n gewesl-n sei und daß dann Oberleutnant Schölcr erklärt habe, die Unteroffiziere müßten demWilmseineWucht geben. Darauf l�ibe er. Stein, seine Fahrerpeitsche geholt. Als er dann aber zur Schreibstube zurückgekommen sei, wäre die»erprüge- lung des Wilms schon vorbei gewesen, und er habe sich nicht mehr daran beteiligt. Ich würde mich nicht genieren, es zuzugeben, n>cnn es wirklich der Fall gen>esen wäre.(In plötzlicher Erregung mit er- bobener Stimme:) Ich habe immer die Wahrheit gesagt und hoff« doch in die ganze Sache der Schwarzen Reichswehr Lichk zu bringen. Man hat mit uns Schindluder getrieben. Die sogenannten Arbeitskommandos waren mit den modernsten Waffen ausgerüstet. „nd wenn Oberst v. Bock und Oberst Hammerstein uns nur Arbeits- kommandos nennen, dann ist das eine reine Lüge, wir»varen Soldaten und haben nur auf Befehl gehandelt. Vors.: Im Wilms-Prozeß sind doch diese Dinge alle aufgeklärt worden und im Urteil festgelegt, daß die Schwarze Reichswehr als Deckung gegen Osten ausgestellt worden war. Staatsanwaltschaftsrat L e s s e r: Ick, bitte, den Vorwurf der Lüge gegen die beiden Offiziere zu beanstanden. Es hat sich im Wilms-Prozeß herausgestellt, daß v i e l e s g e s ch e H e n ist, was die Herren von der Division gar nicht gewußt haben. R.-A. Dr. L ö w e n t h a l: Wir werden unter Beweis p e l l e n. daß alles aufausdrücklichenBefehl geschehen ist. vie/lufbesserung öer Seamtengehälter ÄS Prozent Erhöhung der Grundgehälter.— Keine Steuererhöhnng.— Wahl- agitation und Wirklichkeit. Als der Reichsfinanzminister Dr. Köhler in Magde- burgeintraf, wurde er von seinem deutschnationalenVorgänger v. S ch l i e b e n auf dem Bahnhof feierlich empfangen. Herr o. Schlichen ist jetzt Präsident des Landesfinanzamts in Magdeburg, und es wird in ihm merkwürdige Gefühle aus- gelöst haben, seinem jetzigen Chef ausgerechnet in einer Frage zur Seite zu stehen, in der er selbst ein großes Sünden- r e g i st e r zu begleichen hat. Der Reichsfinanzminister hat dann im Rahmen einer mitteldeutschen Beamtentagung eine Rede gehalten und sich über die Grundzllge seines Besol- dungsplans geäußert. Jedoch war dies nicht das Haupt- thema seines Vortrages, vielmehr überwog in der Rede jener Teil, von dem man sagen kann, daß er auf Wahl- agitation eingestellt war. Man merkte es zu deutlich, daß Dr. Köhler anerkannt zu haben wünschte, wie die Rechtsregierung und das Zentrum im besonderen sich der Beamten annehme. Dabei vermißte man eine Antwort auf die naheliegende Frage, wo denn dieses Verständnis für die Notlage der Beamten in all den Jahren gewesen ist, in denen die Sozialdemokratie diese Dinge immer wieder zur Sprache gebracht und die Abstellung der Uebelstände verlangt hat. Hierauf gibt es nur die eine Antwort, nämlich den Hin- weis auf die kommenden Wahlen! Was der Finanzminister von seinem Besoldungsplan mitteilte, enthielt wenig Positives. Er sprach in Frag- menten, und es erscheint zwecklos, zu ihnen Stellung zu nehmen, bevor man nicht die Vorlage vor sich liegen und sie geprüft hat. Herr Dr. Köhler behauptete, sich im allgemeinen im Reichskabinett durchgesetzt zu haben, und konnte mitteilen, daß die Erhöhungen des Grundgehalts für die unteren Be- soldungsgruppen im Durchschnitt 2S Proz., für die mittleren Besoldungsgruppen 21 Proz. und für die oberen 18 bis IS Proz. betragen werden. Wenn er weiter hinzufügte, daß die am geringsten bezahlte Beamtengruppe sogar eine Er- höhung von 33 Proz. erfahren soll, so darf man hierbei nicht übersehen, daß diese 33 Proz. einen Jahresbetrag von noch nicht47S M. ausmacht. Man wird also diesen Pro- zentzahlen gegenüber eine gewisse Vorsicht walten lassen, denn man entsinnt sich, daß im Jahre 1924 von einem bürgerlichen Reichskabinett eine Besoldungsordnung getroffen wurde, die oben 71 Proz. und unten nur 17 Proz. ausmachte. Mitentscheidend für die Beurteilung der Vorlage ist, daß man die absoluten Zahlen der Gehaltserhöhung kennen- lernt, und es hat den Anschein, daß diese ob wiederum be- sonders hoch sind. Was Herr Dr. Köhler sonst noch über den technischen Aufbau der Besoldungsordnung sagte, dürfte die breite Oeffentlichkeit nicht so sehr interessieren als die Frage der finanziellen Auswirkung. Herr Dr. Köhler hat erklärt, daß er in der Lage sei, die Befoldungserhöhungen der Reichs- beamten und die Erhöhungen der Bezüge der Kriegsbeschä- digten ohne neue Steuern durchführen zu können. Er hat auch hinzugefügt, daß die Reichsbahn wegen der Besol- dungsaufbesserung keine Tariferhöhungen vornehmen will. So begrüßenswert dies ist, vermissen wir doch von Herrn Dr. Köhler die Erklärung, daß auch die Senkung der Lohn st euer durch die Beamtenbesoldung nicht gefährdet wird. Vielleicht nimmt der Reichsfinanzminister Gelegenheit, diese Erklärung, die auch für die Beamtenschaft sehr wichtig ist, noch nachzuholen. Im übrigen aber beweist die Auskunft des Ministers, daß die Behauptung der Sozialdemokratie über das Vorhandensein großer stiller Reserven im R e i ch s e t a t durchaus zutreffend ist. Ob man die not- wendigen Gelder durch höhere Einkünfte oder durch Droste- lung der Ausgaben flüstig machen kann, ist an sich gleich- gültig. Es bleibt die Tatsache bestehen, daß die von uns be- haupteten Reserven vorhanden sind. Unter diesen Um- ständen erscheint die ablehnende Einstellung der Reichsregie- rung zu anderen sozialen Forderungen heute noch krasser als je früher. Diese Vorgänge sind ein Grund mehr, den kom- Menden Etat noch schärfer als bisher zu prüfen. Natürlich sollen die Beamten, für deren bessere Besoldung die Sozialdemokratie stets eingetreten ist, das bekommen, was ihnen zusteht. Darüber hinaus muß aber der Etat so be- reinigt werden, daß diese stillen Reserven der Regierung nicht auch für solche Dinge zur Verfügung stehen, die man nicht kontrollieren kann. Eine Aenderung des Finanzausgleichs zwischen Reich, Länder und Gemeinden hat der Reichsfinanzminister abgelehnt. Er hat aber die Hoffnung ausgesprochen, daß Länder und Gemeinden aus den erhöhten Eingängen der Einkommen- und Körperschaftssteuer ebenfalls erhöhte Zu- Wendungen erhalten werden. Damit glaubt er. Länder und Gemeinden in die Lage versetzt zu haben, die Beamtenbesol- dung des Reichs übernehmen zu können. Wir glauben, daß diese Uebernahme eine Selb st Verständlichkeit ist, denn die Einheitlichkeit der Beamtenbesoldung in Reich. Land und Gemeinde hat sich bewährt und ist nach unserem Dafür- halten eine politische Notwendigkeit. Wie wir hören, sind die Besoldungsverhandlungen im Reichskabinett am Sonnabend noch nicht abgeschlossen wor- den. Sie werden fortgesetzt werden, sobald der Außenminister Dr. Stresemann aus Genf zurückgekehrt ist. In der Kabinettssitzung vom Sonnabend hatte der voltsparteiliche Wirtschaftsminister Dr. r t i u s seinem Kollegen Strese- mann die Vertretung der'Forderung der höheren Beamten abgenommen. Nunmehr soll Dr. Stresemann den Wunsch ausgesprochen haben, bei der Schlußberatuug persönlich mit- wirken zu können, um, wie es heißt, für die Beamten des Auswärtigen Amtes eine gewisse Sonder- st e l l u n g durchzusetzen. Ob dieses gelingen wird, erscheint nach unserer Unterrichtung mindestens fraglich. Wie wir bereits mitteilten, soll darauf noch einmal mit den Spitzenorganisationen über die Vorlage verhandelt werden. Der Reichstag wird sich auch sofort mit ihr be- schäftigen, um sie, wenn möglich, in die Oktobertagung zu verabschieden. -t- Auf der mitteldeutschen Beamtentagung in Magdeburg hielt Reichsfinanzminister Dr. K ö h l e r die mit Spannung erwartete Rede über die Besoldungsreform. Vorher hatte Prof.'S o m b a r t in einem Referat darauf hingewiesen, daß die Zahl der Beamten sich in geringerem Maße vermehrt habe als die Angestelltenschaft. Dr. Köhler stellte an die Spitze seiner Ausführungen den Satz: Eine sofortige Reform der Besoldung der deutschen Beamten ist eine absolute Notwendigkeit. In vorbildlicher Weise hat die deutsche Be- amtenschaft die schweren Tage und Jahre der Vergangenheit getragen. Aber jetzt steht sie mit der Reichsregierung auf dem Standpunkt: S o kann es nicht mehr länger weitergehen, sollen nicht auch die staatlichen Interessen, die Interessen des gesamten deutschen Volkes notleiden. Absoluter Leitsatz muß auch bei dieser Reform sein und bleiben: Di« Finanzen des Reiches müssen unter allen Umständen in Ordnung bleiben. Köhler, zeigt wie der Beamtenstab inzwischen abgebaut worden ist, die schlechte Bezahlung aber sei geblieben. Das jetzige Besoldunqswesen muß nicht nur geändert werden hinsichtlich der Höhe der Bezüge. Den Beschwerden, die seil Jahren gegen ihren Aufbau im einzelnen erhoben worden sind, soll gleichfalls, so weit wie möglich, Rechnung getragen werden. Die Zusammen- prestung von nicht Zusammengehörigen in derselben Gruppe und auf der anderen Seite die Auseinanderschiebung von Zusammengehörigen auf verschiedene Gruppen, die Schlüsselung, die so viel Anlaß zur Kritik gegeben hat, müssen korrigiert werden. Zu der Frage der Frauenzulage, des Kinderzuschlages, des Woh- nungsgeldzuschusses war Stellung zu nehmen. Letztes Ziel aber war, im Rahmen des finanziell Möglichen«ine entsprechende Aufbesserung der Grundgehälter zu gewähren. So entstand die neue Besoldungsordnung Sie baut sich grundsätzlich wieder auf dem Gruppensystem auf, bleibt in der Zahl der Gruppen, sowohl bei den aussteigenden als bei den Einzel- gehältern vollständig im Rahmen des Bisherigen. Innerhalb der bis- hcrigen Gruppen haben starke Zusammenfassungen stattgesunden. Weiter legte Köhler die Leitgedanken der Reform im einzelnen dar und besonders die Versuche, Ungerechtigkeiten bei der B e- förderung und bei der Festsetzung des Besoldungsalters zu beseitigen. Die sogenannten Gräben zwischen den unteren und mittleren, den mittleren und oberen Gruppen sind dabei eingeengt worden, die Gleich st ellung der weiblichen mit den männlichen Beamten in keiner Weise verlassen worden. Im Gegenteil, sie ist dort, wo sie bislang nicht richtig durchgeführ: wurde, verbessert worden. Die so viel angefeindete Frauen zulage wurde in das Grundgehalt eingebaut. Erst aus das durch die Frauen- zulage erhöhte Grundgehalt werden die neuen prozentualen Er- höhungen der Gehaltssätze gegeben. Das System der Kwderzuschläge wurde beibehalten, aber wesentlich vereinfacht. Für jedes Kind soll von der Geburt ab— unter gewissen Voraussetzungen— bis zum 21. Lebensjahr« ein gleichmäßiger Zuschlag von 2l>Mart monatlich gegeben werden. Die Soldaten und Offiziere der Wehr- macht sind aus der Besoldungsordnung herausgenommen. Ihre Be- züge sollen gleichzeitig in einer Anlage zum Besoldungsgesetz für sich reguliert werden. Die prozentuale Erhöhung der Grundgehälter ist der wesentliche Teil der Neuregelung. Das Reichskabinett hat diesem meinem Antrag zugestimmt. Das neue Besoldungsgesetz sieh» bei den untersten Besoldungsgruppen Erhöhungen im Durch- schniltsbetrage von e.wa 25 Prozent vor, die gleitend nach den mittleren Besoldungsgruppen bis aus etwa durchschnittlich 21 Prozent und bei den höheren Gruppen aus etwa 18 Prozent gehen. Die genannten Beträge sind Durch- schnittsbeträge. Gruppen, die schon bisher sehr stark herausgestellt waren, sind teilweise mit geringeren Erhöhungen, Gruppen, die bis- her stark vernachlässigt waren, z. T. mit wesentlich höheren Sätzen bedacht worden. Die bisherige G r u p p e I I erhält demgemäß neben einer namhaften Erhöhung des Ansangsbezuges eine Erhöhung von 3 3 Prozent. Die Ruhegehaltsempsänger, Wariestands- beamten und die Beamtenhinterbliebenen sollen mit den gleichen Er- höhungen wie die aktiven Beamten bedacht werden. Der Wohnungsgcldzuschuß soll in der bisherigen Form beibehalten und nicht nach Besoldungs- gruppen getrennt werden. Das Ortsklassenverzeichnis wird alsbald im, aufgestellt werden. Zugunsten der Schwerkriegsbeschädigten ist eine weitere Aufbesserung ihrer Bezüge durch Verbesserung ihres Besoldungsdienstolters beabsichtigt. Ebenso sollen die Dersorgungs- anwärter eine Verbesserung ihres Besoldungsdienstalters erhalten. Der Aufwand für die Durchführung des Besoldungsgesetzes ist bei der eigentlichen Reichsverwaltung auf jährlich 155 Millionen Mark berechnet. Dazu kommen die Kosten der mit der Erhöhung der Veamtenbezgg« in Zusammenhang stehenden Reform der Bezüge der Kriegsbeschädigten. Hierfür ist ein Betrag von etwa 1 71) M i l- l i o n e n Mark in Aussicht genommen. Eine entsprechende Bor- löge wird dem Reichsrot demnächst zugehen. Die Beamicnbesoldungsreforni muß ohne Erhöhung der Steuern durchgeführt werden. Die Mittel wurden im Reiche durch Einsparung von Ausgaben bereitgestellt. Auch bei der Reichsbahn wird eine Tariferhöhung nicht notwendig sein. L ä n- derund Gemeinden geraten durch den vom Reich betretenen Weg mehr oder weniger in«in« Zwangslage insofern, als auch sie ihre Besoldungcordnung durchzuprüfen und entsprechend zu ändern haben werden. Reich und Preußen gehen in der Besol- dungssrage grundsäßlich einheitlich vor. Das schließt selbst- vcrständlsch nicht aus, daß Preußen für diejenigen Beamten seiner Verwaltung, für die es vergleichlmre Rcichsüeamts nicht gibt, Z w i s ch e n st n f e u einführt.' Aber grundsätzlich werden die beiden Besoldiinqsvorlagcn einheitlich aussehen. Ich hoffe, daß auch die nndsren deutschen Länder ebenso wie die Gemeinde» über die Sätze des Reiches nicht hinausgehen. Die Deckung-srage ist für Länder und Gemeinden ebenso schwierig, in manchen Fällen viellei6)t noch schwieriger als für das Reich. Daß eine Acnderung des Finanzausgleichs, etwa ini Sinne h ö- hercr prozentualer Zuweisungen aus den Reichs- steuern oder dergleichen im gegenwärtigen Augenblick nicht in Frag« kommen kann, halte ich für ganz selbstverstäudtich. Da- gegen möchte ich annehmen, daß die Hoffnung auf steigende Ertrag- nifse und damit auf hoheve lleberwcifungen aus der Einkommen- und Körperfchaftssteuer an Länder und Gemeinden durchaus berech- tigt i>'t. Der neue Gesetzentwurf möge nun seinen Weg gehen. Er wird sicherlich nicht in allem die Zustimmung aller finden. Möge die einsetzende Kritik sich ober da/s) bewußt bleiben, daß die Finanz- tage meinem Bestreben uielfach dort Grenzen setzte, wo sonst gerne mehr getan morden wäre. Mochten Rcichsrat und Reichstag die Verabschiedung eiligst veranlassen. Um den Beamten sofort zu helfen, werde ich in den nächsten Tagen bereits dem Haushaltsaus- schliß des Reichstags Vorschlage wegen der Auszahlung von Abschlagszahlungen am I. Oktober unterbreiten.— Das neue Besoldungsgesetz will in seiner Auswir- kling keine Heralishebung des Beamtenstandes über di« übrigen ihm sozial gleichgestellten Volksgenossen. Die neuen Bezüge werden der deutschen Valkswirtschast stark» Anregung gebeiii denn sie werden die innere Kaufkraft heben. Aber in diesem Zitsammenhang sei ein ernstes Wort gesagt: Mit Schrecken stell« ich seit einigen Wochen fest, daß In Offerten und Anpreisungen aus Geschäftskreisen immer wieder die Rede davon ist, daß aus Anlaß der Einführung der neuen Vefoidungsordnung die preise für bestimmte Waren steigen werden. Zu eine? derartigen Maßnahme liegt keinerlei Veranlassung vor; denn die Erhöhung der Beamtenbezüge«rsolzt nicht durch irgend- welche neuen Steuer- und Tariferhöhungen, sondern wird bestritten aus den jetzt normal zum Eingang kommenden Geldern. Es wäre ein Frevel an der ganzen deutschen Volkswirtschaft, wenn diese Aufbesserung das Preisniveau erhöhte. Die Rcichsregierung wird, wenn erforderlich, eingreifen, um die vcr- hängnisvolle Wirkung auf die Konjunkturbewegung und die oll- gemeine Wirtschaftslage abzuwehren. Die Aktion der Reichsregie-� urng ist getragen do» einem starken Optimismus und dem uner- schütterüche» Glauben an einen fortschreitenden Aufstieg. Seim werwolf in potsöam. Ludendorff, Ehrhardt, Rauscher und Kloppe. Boni ersten„Reiche-Wehrsporttag" des„Werwolfs", der sich am Sonnabend und Sonntag in Potsdam abrollte, darf Man sagen, daß er nicht ganz den Berlaus genommen hat, den seine Aäter er- I ofstcn. Trotzdem die Kommunisten so töricht waren, durch eine für Sonnabendabend bombastisch angekündigte„Anti-Werwolfkilnd- gebung" dem Wcrwölslein eine Bedeutung beizulegen, die ihm nicht zukommt, war die Beteitigiliig des Publikums namentlich am Sonn- lag im Potsdamer Flugzeughasen auffallend geriiig. Auch von schwarzwsißroten Fahnen war tn der Haupt- und Residenzstadt de« Herrn Rauscher kaum etwas zu spüren. Am Sonnabend hatten Ludendorff, und Ehrhardt noch eine Parade abgenoimnen, bei der sich nach der„Deutschen Zeitung" ein„schönes Bild von dem„Zuck" bot, das im Soldaten von einst und in der Jugend von heute in gleicher Weise steckt". Am Sonntag war von den beiden hohen Herren aber schon nichts mehr zu sehen! sie hatten das Spiel mit den Totenkopskindern schon bald satt bclommen. Dafür entdeckte man als einzigen beachr- lichen„Ehrengast" neben einem jüngeren Hohenzollernsproß den Potsdamer Oberbürgermeister Rauscher. Dieser hatte übrigens noch ein weiteres getan: Er hatte den Straßen- bohnern eine besondere Sonntagsfreude gemacht, indem er den Wagenoerkehr zum Flugzeughafen verdvppelte, wozu nicht die geringste Veranlassung vorlag. Fritz Kloppe, der Bater und Bundeeführer des„Werwolfs", hielt im Potsdamer Stadion«ine Ansprache, die von Unklarheiten strotzte. Er hat sich ein soziales Mäntelchen umgehängt, das manchmal sogar„radikal" aninutet, und meint etwas Neues zu sagen, wenn er statt Kopitalismus„Pluto- kratie" sagt. Irgend etwas will er„eisern Hinwegsegen", oerrät aber nicht genau, was. Kloppe schimpft auf Stresemann, weil er Herrn Tschitscherin mit einer Verbeugung begrüßt, kennt aber schein- bar das berühmte Gemälde ans allen patriotischen Bilderbüchern nicht, aus dein Bismarck entblößten und gesenkten Hauptes am Wagenschlag des gefangenen Napoleon steht. Zum Schluß kam der obligat« Vorbeimarsch vorm Vundessührer; man sah neben den Werwölfen so zahlreiche Stahthelmcr und Wikinger, daß die Verniutung aufkam, die Stahl- Helmleitung, soweit sie sich um dep düsteren Düsterberg gruppiert, hätte die Absicht gehabt, durch ein Massenaufgebot von Stahlhelmern die Totcnkopsjiinglinge vom Werwolf zu erdrücken und durch Ehr- Hardts Auftreten den kleinen Studiker Kloppe„abzudrehen". Da um so mehr, als Kloppe hinsichtlich monarchistischer Gesinnung als nicht ganz hasenrsin angesehen wird. Aber es geschah nichts Aufregendes. Vielleicht war sogar dem„Konsul" diese Sache zu belanglos. Als der„große Tag" zu Ende war, gingen die 250 Zuschauer begeistert nach Hause. Verwölf« werfen Steine. Ein Lastauto des Reichsbanner-Ortsvereins Tier- garten, das am Sonntcigabeiid von Buckow nach Berlin zurückfuhr. wlirde auf offener Straße von einem Werwolfauto in voller Fahrt mit Steinen beworfen. Dos Wcrwoljauto kam von Potsdam und befand sich aus dem Rückwege nach Frank- surt a. d. O. Die Feststellungen sind eiirgcleE� Cbert-denkmal m Eutin. Ei» Werk der Arbeiter. Eutin, 11. September.(Eigenbericht.) Die Arbeiterschaft Eutins hat seit Jahr und Tag für einen Ebert-Gedentstein gesamiiielt. Sie bracht« schließlich au» kleinsten Beiträgen die Summe zusammen, die zur Ausführung chiescr 2tbsicht notwendig war. Gestern wurde der schlichte Stein, der in den städti- schen Anlagen steht— auch um diesen Platz mußte erst gerungen werden— feierlich enthüllt. Das Reichsbanner Eutin, oerstärkt durch Kameradschas'en aus Hamburg, Kiel, Lübeck und kleineren Orten, marschierte in Zügen, die nach vielen Tausenden zählten, auf. Die Weiherede hielt Genosse Friedrich Stampfer. Das Geheim- nis von Eberls Erfolg, sagte er u. a., bestehe im Grund« darin, daß Eberl in allen Stürmen und Nöten aus den gesunden G e i!t der Arbeiterschaft vertraut und dainit recht behalten hätte. Eberl sei stets ein Mann der praktischen Arbeit gewesen, dem eine halbe Stunde mehr Freizeit für die Arbeiter und«in paar Liter Milch mehr für hungernde Kinder lieber gewesen seien, als ein ganzes Schock scheinrevolutionärer Redensarten. Die geschichtliche Tatsache, daß einer der vcrsehmten Sozialdemokraten, ein ehemaliger Sattlergeselle, als Staatsoberhaupt gut gemacht habe, was der letzte regierende Hohenzoller verdorben hatte, lasse sich nicht aus der Welt schassen: sie sei für die Feinde der Republik und der Arbeiterklasse vernichtend. Tin Hoch auf die RepubM. Kranzniederlegungen d« Organffa- tionen und einiger Behörden, dann marschierte der fohnenumweht« Zug am Denkmal vorbei zum Marktplatz, wo er sich auslöste. Eutin, das stattlichen Flaggenschmuck angelegt hatte, und seine weite Um- gebung standen ganz unter dem Eindruck der großen Kundgebung« Rückschritt im neuen Strafrecht. Internationale kriminalistische Vereinigung. C.cZ. Karlsruhe. 12. September.(Eigenbericht.) Die Tagung der Internationalen Kriminalistischen Vereinigung wurde heute morgen mit einem eindrucksvollen Referat von Professor Kohl rausch über Forlschritt« und Rückschritte in den kriminal- politischen Bestimmungen des neuen Strafgesetzbuch ent- wurfs eröffnet. Kohlrausch stellte fest, daß in dem Entwurf von 1327 ein allgemein scharfer Wind wehe. Die ganze Linie der Strasrechtsresorm sei rückläufig und der Einfluß der Reform- freunde sei sichtbar im Abnehmen. An die Spitze seiner Aus- führungen stellte er die These, daß es Aufgabe des Strafrechts sei, auf«in den Aufgaben der Lebensbedingungen der Geselljchast ent- � sprechendes Verhalten der einzelnen hinzuwirken. Dem Entwurf aber fehlte es an einem festen Standpunkt. Der Referent verwarf die zu weitgehende Differenzierung von Zuchthaus- und Gefängnisstrafen. sowie di« mil der Zuchthausstrafe verknüpft« Ehrenstrase. In temperamentvoller Polemik wandte er sich gegen die Ein- schmuggelung von sittlichen Werturteilen bei den Vorschriften über di« Strasbemessung, sowie gegen die Bestimmungen des Entwurfs in d«r Frage des bedingten Straferlasses. Hier bringt der Entwurf nicht nur einen Rückschritt, sondern einen Rück- fall in den überholten S ü hn« ge da n t e n. Di« Leibe- Haltung des Dualismus zwischen Strafe und Sicherungsmaßnahme gegenüber den Gewohnheitsoerbrechern bedeutet die gesetzliche Auer- kennung des überholten Sühnegedankens. Zum Schluß betonte Kohlrausch, die Durchführung der neuen Bestimmungen hänge davon ab, daß der Richter in die Lage versetzr werde, zu individualisieren: seine Borbildung und seine soziale Stellung müssen so gestaltet werden, daß er über dem Ber-- ständnis der Notwendigkeit staatlicher Härte nicht dos Herz für die Tragödie verliere, wie sie jedem einzelnen Strasakt liege. ßrieüenskunügebung in Nlannheim. Wannheim, 12. September. Im Rosengarten sand gestern abend eine von der Deutschen Friedensgesellschaft und vom Friedcnsbuttd der deutschen Katholiken einberufene Friedenskundgebung statt, an der die Dele- gierten des siebenten Internationalen Friedenskongresses teilnahmen. Nachdem Miß Morrant die Grüße der englischen Pazifisten übermittelt hatte, sprach Reichstagspräsident Löbe. Er wies darauf hin, er habe anläßlich der Tagung der Interparlamentarischen Union in Paris den Eindruck gewonnen, daß der französische Bürger, d«r sranzösische Bauer und Arbeiter den Frieden wallten. In Genf hätten sich die Staatsmänner kürzlich beinahe auf die Formel geeinigt, daß der Krieg ein Verbrechen sei. Früher Hab« man den Friedensfreunden übel genommen, wenn sie das gleiche behaupteten. Man nähere sich der Definition: wer einen Krieg anfange, wer zuerst losschlägt, sei ein Verbrecher. Jeder Freiheitskampf des einen Volkes bedeute für das andere Volk die Knechtschaft. Di« übergroße Mehrheit des deutschen Volkes verabscheue den Krieg. Aber in jedem Lande gebe es eine Hetzprefse und ein an Rüstungen und Krieg interessiertes Kapital. Wer diese Hetzpresse lese, habe den Eindruck, daß auf der anderen Seite ein haßerfülltes Volk lebe. Deshalb müßten die Friedens- freunde den wirklichen Willen des Voltes zeigen. Anschließend sprach der Franzose Marc-Sangnier, der unter anderem ausführte, aus Genf und aus Locarno werde nichts iverden, wenn nur die Regierungen dahinter ständen. Die Völker müßten die Regierungen zwingen, diesen Geist in die Tat umzu- setzen. Der Fried« werde nicht mit einem Wall von Bajonetten erkämpft, er werde erkämpft und erhalten durch das gegenseitige Vertrauen der Völker. Die WanöerraKen. Eine neue Art der Arbellerunlerhaltungsabende. Wanderratten, so nennen sie sich, di« Mutigen, die durch Deutsch- lands Städte und Fleck?» ziehen, um mit den Wösten der Kunst und der Satire gegen das Ewiggestrige, gegen politische und knl- tnrelle Reaktion zu kämpfen. Sonnabend sahen wir sie im Städtischen Saalban Neukölln, und wir spürten einen starke» lind lapsercn Wille», eine republikanische Leidenschast lind ein Können, da», vielleicht noch nicht ausgeglichen i» allem, zukunft- wcisend nnd hoffniingverkündend ist. Bravo! Nach einer lebendige»„patriotischen Jiltrodiiktion" Eians Claubergs brachte Theo Maret de» Paten des Kabinetts, Heinricht Heine, mit seinen„Wanderraiten" wirkungsvoll zu Gehör. Hans K o n r a d trug Elaubergsche Proletenlieder vor, von denen namentlich Mühsams„Revoluzzer" mächtig zündete. Dann solgie der erste Hauptteil:„Was uns nicht sehlt." Maret verlebendigte ims Heinrich Heine, dessen auch Hel te»och junge Satire Ihm ganz besonders zu liegen scheint. Puggy Muck kam zu Wort: Wahrhaft ulkig Schäfers Postdienst auf den. Bahnhos, Glaßbrenner» unslerb- liches Gespräch zroeier Tischlergesellen und sein eigene»„Militär". i» dein die Karikatur des wilhelminischen Mililarismns vor Auge» nitt. Dann die Reane„Was»Ns fehlt", ein politsch-satirischer Bilderbogen von Hans Richter mit Beiträgen von Elauberg, Klabund, Kroner»nd Mühsam. Eiiizelne Bilder sind von besonders starker Eindringlichkeit, so die Reichsoberamme mit Friedet Hall, die— selbstverständlich bayerische— Extrawurst lind, von Theo Maret mit zuweilen etwas überstürzter Lebhaftigkeit vorgebracht, „Zeitung, Zeltung!" Einiges Ernstes und Herbes am Schluß unter dem Titel„Zlrrest", wobei wiederum Friedet Hall besonders rühmend zu nennen ist: Hans Konrad stand ihr mit lobenswertem Eifer zur Seite. Die Inszenierung hatte Hans Richter, die Bilder waren von Kurt-Harald I s e n st e i n und Heinz S ch m ä u gestellt. Im ganzen zeugte alles von pulsendem Leben und frohem Elan. Manches wäre gleichwohl noch zu korrigieren. So will es scheinen, als ob ein klein weniger Politik vielleicht ein beträchtliches Mehr wäre. Der noch nicht republikanisch organisierte Zuschauer in der Provinz, an den heranzukommen es doch in der Hauptsache gilt, wird empsänglicher sein, wenn zwischen die zum Teil ach so bitteren politischen Pillen, die ihm verabfolgt werden, eine ewas mildere Medizin gemischt wird. Es braucht sich ja nicht gleich um Schwiegermütter- und Oberförster- witze zu Handel». Im Bild aus Doorn, bei dem gerade Hernnnes wörtliche Zitate aus ihren gesammelten Werken einschlagen, ist ER etwas überkortkiert. Je ähnlicher, je lebenstrener man IHR gibt, um so grotesker wirkt ER. Manchmal schien es mir, als ob man sich überhaste und Schnelligkeit der Sprache mit Tempo verwechsele. Hier wird die Regie eingreisen, mit Rücksicht auch auf die manchmal etwas schwerhörig« Provinz, um die man Poch kämpfen will. Alles in allem aber: Glückauf, ihr Wanderratten! Vorwärts ans Wert! Ihr seid auf dem richtigen Wege! Henning D u d e r st a d t. Das mexikanische Nationalorchester. Unter Leitung der klangftolze» Namen Juan Toureblanca und E r n e st o Monges. Breite Hüte, braune Gesichter, Uni- sormen der Lassowerfer. Auf bunten lüchern nehmen alle Platz, sever an seinem Streich-, Zupf- oder Schlaginstrument. Und jeder scheint ein Virtuose. Ohne Noten wird gespieit, mit Temperaiiient, mit Zuruckhnltung, mit Schwung und Leidenschasi. Eine Riesen- zilher»nd ein Riesenxylophon mit long iiachhollenden Blastönen sollen aus. Schlagzeug im Gegensatz zum Jazz sehr sparsain, darum wirksamer. Vier Naturstlmmen mühen sich vergeblich um'Ausgleich der Resonanz, nicht aber vergeblich um Stimmung beim Publikum. Nationaltänz« werden hingestept, primitiv, hurtig, knnftlos. Und immer wieder zupft, klingt, streicht, jubelt oder meint das bunie Orchesterchen dazu, sauber, exakt, in rhythmischer Ekstase, aber einer für unser Ohr schon gefährlichen Harmiosigtcil. Wenn in diesen Melodien, die auf einsäUigsten Harmonien ruhen, das nationale Tunzelement erschöpft ist, bleibt von Musik auch gcir nichts mehr übrig. Es gibt in allen Ländern»nd bei allen Völkern«ine'Art Musik, die schon vor Jahrzehnten antiquiert war, gesellschcistlich abgestanden, träumerisch, zweckhaft, Unterhaltung. Proben davon sind „Der Engel Lied" und Toscllis Serenadenlyp. Das kehrt hier» in der mexikanischen Musik, hartnäckig wieder. Ihrer Süße, ihrer gleitenden, gleißenden Weise hat keine neuere, keine neueste Zeit etwas anhabe» könne». Wir kennen aus Operetten, aus Dielen und mondänen Hotels diese poetischen Gesänge, melancholischen Walzer, schmissigen Gavotten und Polkas. Zwischen idyllstcher Ruhe und glühender Leidenschaft, zwischen Tonleiterftudi« und prasselndem Re- frain kein bindender, erhöhender, strebhafler Uebergnng. Primitioi« lät aus der ganze» Linie, geboren aus der Liebe zur bequemen Arbeitsunterhaliimg. 2liso Volksmusik? Mag sein. Aber unser Sinn von der Musik und- ihrer Mission ist ein anderer. So starb der Reiz dieser mexikanischen Instrumente an der monotonen Gleich- Mäßigkeit der Musik langsam dahin. Die vrächtio« Truppe wlirde vom Publikum des Blüthncrsaale» dennoch sehr gefeiert. K. S. Lucio Wannheim aus der Kabarettbühnc. Friedrich Holländer hat sich für neue Bilder seiner Revue„Das b i st D u" L u c i e Mannheim von den Staatstheatern ausgeliehen. Sie trat vor das Publikum, noch ein wenig podiumsremd, und weckte Erinnerungen an die verschiedensten Kabarettsentimentalen(was ihr eigentliches Fach werden dürfte) und-naiven, vor allem an Blcmdin« Ebinger. Zlber alles hatte doch schon einen Ilnterton von eigenem, persönlichem Schmiß, und das echte Gefühl für die Grenzen de» Sentimentalen wie des„Wilden" ist der Mannheim angebor»». Wäre man ihr, fremd und unbekannt, zum erstenmal in diesem Revuechen begegnet, man hätte etwa geschrieben, daß«s sehr, von Herzen, zu wünschen sei, daß diese wertvolle schauspielerische Be-( gabung dem ernsten Theater gewonnen würde. Das Ist ja nun, Gott sei Dank, nicht mehr nötig. Warum sollten wir uns also nicht freuen, wenn wir neben der Schauspielerin Lucio Mannheim— aber bitte nur neben— auch noch die Kabarettkünstlerin Lucie Mannheim kriegen? Das Debüt war verheißungsvoll. Das Publikum, das sich auch an ihren alten Nummern und ihren Hauptträgern, C u r t Vesper mann und'Annemarie Hanse, an dem gelenkigen Paar Mario» Palst und Martin Koslek, wieder lebhast sreute, kargte mit Beifall nicht. Auch die prachtvoll trainierte Ilse W i g d o r bekam jür ihren Tanz„Gliibwürnichen" ihren Teil davon ob, und erst recht das ausgezeichnete musikjonglierende Orchester des Hauses, Weintroub Syncopators. Tes. Iugendpreis deutscher Erzähler. Das Preisrichterkollegium des Jugendpreiscs deutscher Erzähler hat beschlossen, den von der Deutschen Buchgemeinschaft G. m. b. H. Berlin wie im Vorjahre, so auch für das Jahr 1927 gestifteten Preis von 10 000 Mark unter erweiterte» Bedingungen zu verteilen. Die Altersgrenze für die Teil- nehmer am Iugendpreis 1927 ist vom 33. auf das 40. Lebensjahr hinausgenickt worden. Ferner wird die Frist zur Einreichung von Manuskripten für den Jugendpreis 1927 bis zum 31. Dezember 1927 verlängert.— Das Preisrichterkollegium fordert alle deutsch- sprachigen Erzähler, die das 40. Lebensjahr nicht überschritten haben, auf. bis zum 31. Dezember d. I. Manuskripte in Maschinenschrift, möglichst zu vier Exemplaren, an das Bureau des Verbandes Deutscher Erzähler, Berlin W.öv, Nürnberger Straße 9/10, einzusenden. Alle weiteren Bedingungen sind von dort einzufordern. Tage ohne Dalum. Zu der vielbesprochenen Kalenderresorin macht E. I.�Weiler in der„Times" einen eigenartige» Vorschlag: Man soll S Tage in jedem Jahr ohne Datum lassen und sie nur als Reujahreiag. Frühlings-, Sommer-, lierbst- und Winterfest de- zeichne». Dann ist der Kalender auf 360 Tag« reduziert oder auf vier gleich« �Zierteljahr« mit je 3 Monaten von 30 Tagen. Die datumlosen Tage sollen so eingelegt werden, daß der Reujahrstag vor de», 1. Januar kommt und die anderen Festtage auf die Tag- und Nachtgleichen und auf die Sonnenwenden fallen. Das Früh- lingssest kommt zwischen dem 20. und 21. Mär,, das Sommerfest in den Juni, das Herbstjest in den September und das Winterfest in den Dezember. In, Schaltjahr würde noch ein 0. Tag ohne Datum vor den Reujahrstag gestellt werden. vi« Ploslitmisstellung der Venlschen kansloemeiaschast im Schloß ist Weyen ibrc« fluten Ctifolye« um eine Woche verlängert worden, sie bleibt mil der Ausstellung elsah-lothringischer Künstler noch bis zum 18. September Wochentag» 3— 19, Sonntags 10—15 geöfsnet. Chinesische Sunsta»»skeUuog In der verltnec Akademie. Die Gesellschaft für ostasiatilche Kunst in Berlin hat beschlossen, eine um'assende Ausstellung chlnesischer Kunst zu veranstalten. Die Ausstellung wird im Jahre IgZS. in den Monaten Januar bis März unter Mstwlrkun? und mit Unter-' stüsjung der Preußischen Akademie der Künste in ihren Räumen am Pariser Platz stattfinden. Prosesior Dr. Max Licbermann und der Senat der Akademie haben«ine Vereinbarnna darüber mit dem Porslande der Gc- sellschast gelrojsc». ver.verein lopterender Künstler zu Berlin-, der Im April d. I. von Kopisten de» Kniser-Ariedrich-Muleum» gegründet worden Ist. wird seine erste Ausstellung vom 2.-30. Oktober d. I. im Schönebcrger Rathaus Rudols-Wiide-Plah) veranstalten. Totschlag in üer Laubenkolonie. Ter Täter noch nicht gefaßt. Ein trübes Ende nahm am Sonnabend abend eine Der- l o b u n g s f« i e r in der Laubenkolonie„Heimat" in der verlän- gerten Kniprodestraße zu Weißensee. Ein 28 Jahre alter Arbeiter Georg B e y r o w aus der Friedrichsberger Strohe 14 wollte sich mit der Tochter einer Frau Linke verloben, die auf dem Gelände eine Laube besitzt und zu dem Fest eine Reihe von Gästen eingeladen hatte. Zu der gleichen Zeit veranstaltete der Verein der Laubenkolonisten in einem nahe gelegenen Lokal ein E n t e f e st und Sommcroergnügen, das mit einem Tanz schloß. Wiederholt hatten fremde junge Leute versucht, in den Saal einzudringen und sich am Tanze zu beteiligen, waren aber stets von den Vereinsmitgliedern hinausgewiesen morden. Es kam auch mehrmals zu kleineren Prügeleien, die aber bald beigelegt werden konnten. Bei einem dieser Schlichtungsversuche verlor man den Bräutigam aus den Augen. Als bald darauf die Ruhe wieder hergestellt war und die Gesellschaft in die Laube zurückkehrte, vermißt« man Veyrow und macht« sich auf die Suche nach ihm. Man fand ihn endlich an der Mauer des jüdischen Vegräbnisplatzes schwerverletzt in einer großen Blutlache auf. Da er noch schwache Lebens- zeichen von sich gab, so trug man ihn schleunigst nach der Laube, er verschied aber,«he Hilse herbeigeholt werden kannte. Jetzt wurde die Mordkommission alarmiert, und die Kommissare Werne- bürg und Quoß erschienen mit ihren Beamten und dem Gerichts- orzt Prof. Strauch, der jedoch nur noch den T o d des Unglücklichen feststellen konnte. Beyrow hatte zwei Messerstiche in das Genick, einen in die L u n g e und einen in das Herz erhalten, die seinem Leben ein Ende gemacht hatten. Obwohl das Gelände sofort abgesucht wurde, gelang es nicht mehr, die Uebeltäter zu ermitteln. Ohne Zweifel ist Beyrow das Opfer einer Personen- Verwechslung geworden. Die Angreifer haben ihn ollem An- scheine noch für ein Bereinsnütglied gehalten und waren erbost darüber, daß man ihnen die Teilnahme an dem Tanz nicht erlauben wollte. So fielen sie über Beyrow, den gänzlich Unbeteiligten, her und brachten ihm die tödlichen Stiche bei. Die Leiche wurde beschlag- nahmt und nach dem Schauhauje gebracht. Mitteilungen von Per- sonen, die den Ueberfall vielleicht beobachtet haben, erbitten die Kommissare Wernburg und Quoß im Zimmer 80 des Polizei- Präsidiums. Di« späteren Ermittlungen ergaben, daß man es mit zwei Weißensesr Kolonnen zu tun hat. die der Schrecken der Kolonisten und auch der kleineren Geschäftsleute jener Gegend sind. Diese Kolonnen gehen planmäßig daraus aus, als ungeladene Gäste in die schlichen Veranstaltungen der Kolonistcnoereinigungen einzudringen, Zank und Streit hervorzurufen zu dem Zweck, bei der Verwirrung im trüben fischen zu können. Mit einem großen Aufgebot nahm die Mordkommisison gestern abend und in der Nacht Ermittlungen in allen Lokalen vor, in denen diese Burschen verkehren, besonders in der Elsaß-, Velfort- und Lehdechraße. Hierbei wurden auch eine Anzahl Personen, die bei dem traurigen Vorfall in der Kolonie.Heimat" wenigstens zugegen waren, ausfindig ge- macht und bis zu weiterer Klärung vorläufig festgenommen. Auch konnte das Messer, mit dem der Eisenbahnarbeiter Georg Bey- row echochen wurde, herbeigeschafft werden. Der Täter ist noch nicht ergriffen, man hofft aber, noch seiner im Lauf« des Tages habhaft zu werde»._ Razzia im Friedrichshai». In letzter Zeit ereigneten sich im Friedrichshain wiederholt räuberische Ueberfälle und Belästigungen der Passanten durch junge Burschen. Die sich mehrenden Klagen gaben der Polizei Veranlassung zu energischen Maßnahmen.'In der Nacht zu Sonntag veranstaltete Kriminalkommissar Dr. Schulz vom Polizeiamt Friedrichshain mit einem großen Aufgebot von Beamten eine Razzia durch den Park. Es wurden nicht weniger als 44 Männer und LZ Frauen angehalten, die sich dort umher- trieben. Da es sich keineswegs um harmlose Spaziergänger l)an- delte, so mußten alle den Weg zur Wache antreten. Fünf Männer und zwei Frauen, die wegen Diebstahls und anderer Vergehen ge- sucht wurden, wurden der Kriminalpolizei zugeführt, die anderen nach Feststellung ihrer Personalien wieder entlassen. Ein Abend der ZdA.-Jngend. In der Festhalle der Ausstellung„Das junge Deutsch- l a n d" hatte am Sonnabend die Berliner ZdA.-Jugend ihren Abend. Kein großes künstlerische» Programm war es, mit dem aufgewartet wurde, sondern Darbietungen der Jugend gaben dem Abend sein Gepräge. Mit einfachsten Mitteln wurde ein bunter Gruppenabend demonstriert und damit war die Grundlage der Veranstaltung ge- schaffen. Beim Ocffnen de» Vorhanges hatte man eine leere Bühne vor sich. Die Gruppenbejucher erschienen und bald war das Volk- lein beisammen. Man sang zur Eröffnung gemeinsam ein Lied, dem, von der Musikgruppe vorgetragen, die Serenade aus der kleinen Nachtmusik von Mozart folgte. Bruno Richter brachte ein« Rezitation „Den Jungen' von Ludwig Lessen. Jugendsekretär Cschbach hielt darauf eine kurze Ansprache. Er führte aus: Wir wollen, daß die arbeitende Klasse frei werde von jeder Ausbeutung. Wir fühlen uns verbunden mit der Arme« der Angestellteil und Arbeiter und wollen Befreiung vom politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Druck. Wir wissen aber, daß diese Befreiung erst unter einer sozialistischen Gesellschaftsordnung möglich ist. Wir schwören Treue der gewerkschaftlichen Organisation, um dieses Ziel zu erreichen. Beifall lohnte feinen Ausführungen. Durch«in Musikstück wurde ein Uebergang zu dem nun folgenden heiteren Teil geschaffen. Zwei illustrierte Volkslieder folgten jetzt und zwar„Fritze Bollmann" und „Sabinchen war ein Frauenzimmer". Eine heitere Vorlesung, „Pietsch" von Glaßbrenner, vorgetragen von Heilbrunn, erntete stürmischen Beisall. Verbreiterung der Königstraße. Für die Königstraß« in Alt-Verlin, die Immer noch ein Haupt- weg des Verkehrs von Osten nach Westen ist, wird eilte Verbreiterung geplant. Di« jetzig« Breite von 18 Meter zwischen den Baufluchten reicht nicht aus, den weiter zunehmenden Verkehr zu bewältigen. Die Strecke zwischen Rathans und Aleranderplatz gehört zü den Straßen, die den stärksten Sträßenbahn- und Omnibusoerkehr in Berlin haben. Nach dem Plan, den der Magistrat jetzt den Stadt- verordneten vorlegt, ist eine Verbreiterung der König- straße zwischen der Spandauer Straße und der ?ieuen Friedrich st raßc bzw. der Goniard straße aus 32 Meter In Aussicht genommen. Diese Strahenbreit« könnte ertnögliä)en, einen Fahrdamm von 18 Meter und zwei Bürgersteige von je sieben Meier Breite anzulegen. Bis zur Aus- sühr'ung des Planes wird freilich wohl noch ein« Reihe von Jahren vergehen. Vorläufig handelt es sich nur um die Zustimmung der Stadtverordneten zu der Festsetzung der neuen Baufluchtlinien. Zwischen Spandauer Straße und Kurfllrstenbrück« wurde die König- straße in den neunziger Jahren auf die jetzige Breite gebracht. Auch hier wird das nicht mehr lange genügen. Herbstkonzert de» Reichsbanner» in Lichtenberg. Am Sonntag veranstaltete dos neugegründete Orchester des„Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold", Kr«isv«rein Lichtenberg, in Schonerts Restaurant am Rummelsburger See ein Konzert, dem anschließend «in Boll folgt». Das Konzert, das unter Leitung des Dirigenten W. Türk ein ausgewähltes Programm zeigte, konnte des guten Wetters wegen in dem dicht am See gelegenen Garten stattfinden. Die soft 20 Mann starke K-lpell« legte eine schöne Probe ihres Könnens ab, was sie vor allein ihrer Disziplin zu verdanken hat. Der Tanz im großen Saal des Etablissements versammelt« dann ein« stattliche Anzahl von Freunden und Kameraden des Reichs- banners, die nr den Tanzpaus«» betsallssreudig für di« Borsührungcn Ein Sonntag öes Schauens. Massenandrang aus dem Flugplatz.— Ein gesährlicher Absturz. Ausstellungen der Kleingärtner. Der gestrige Großflugtag auf d«m Tempelhoser Feld nahm einen glänzenden Werlaus. Trotz des unsicheren Wetters hatte eine wahre Völkerwanderung nach Tempelhof eingesetzt., Die Belle-Alliance-Straße war schwor von Menschen. Den Auto- verkehr grenzte ans Phantastische. Einen derartigen Aufmarsch von Kraftwagen hatte Tempelhof bisher noch nichl erlebt. Die Wagen der Aboag, die einen Pendelverkehr vom Velle-Alliance-Platz nach dem Flughafen vermittelten, konnten sich nur mühsam ihren Weg vorwärts bahnen. Straßenbahn und Untergrund- bahn waren überfüllt; der erst vor wenigen Tagen eröffnet« U-Bahnhof Flughafen erhielt gestern seine Feuertauje. Es zeigte sich, daß die Anordnung der Ausgänge dem Masscnverkehr durchaus genügen. Als um 3 Uhr nachmittags durch einen Kanonenschlag die erste Programmnummer, der Ausstieg von vier Freiballons des„Bcr- siner Vereins für Luftschiffahrt", angekündigt wurde, bot die Um- gebung des nicht abgezäunten Teiles des Tempelhoser Feldes ein iiberwälfigendes Bild. Auf den Dächern der Baubuden, auf den Zäunen, überhaupt auf jeder kleinen Erhöhung, die sich bot, saßen oder standen die Schaulustigen, um von erhöhter Stelle die Dar- bietungen besonders gut beobachten zu können. Auf dem Flugplatz selbst herrscht« ebenfalls starker Andrang. In flotter Folge wurde das Programm abgewickelt. Kurz nach dem Aufstieg der Ballons wurden 4000 Brieftauben, die von der Groß-Berliner Reisevereini- gung zur Verfügung gestellt wurden, abgelassen. Ein Vallon- springen. bei dem die Springer beträchtliche Höhen erreichten, fand rege Aufmerksamkeit. Der bekannte Flieger Udet, sowie die Pilo- ten Raab, Katzen st ein, Böhm, Boehnke und Gröbe- Vinkel zeichneten sich in ihrer„hohen Schule des Fliegens' durch glänzende Leistungen ous. Loopings, Rollings, Sturzflüge und Rückenflllge mit stehendem Propeller wurden mit beispielloser Sicherheit ausgeführt. Die Jungslieger-Stassel des Deutschen Luft- fahrtverbandes zeigte mit sechs Flugzeugen beim Figurenfliegen, in Verbindung mit gemeinsamen Knnstflügen, Lustreigen, Gruppen- Loopings usw., gutes Können. Den Höhepunkt der Bcranstaltung bildeten die Darbietungen des Piloten Gerhard Fieseler, dessen Flüge kürzlich beim Züricher Schausliegen Aufmerksamkeit erregt hatten. Er erhielt dort den zweiten Preis der internationalen Akrobatik- Meisterschaft und siegte mit lt Minuten im Rückenfliegen gegen scharfe Konkurrenz. In der Rückenlage also mit dem Fahrgestell nach oben, beschrieb er Schleifen und Sichten, die Tausende für Minuten den Atem anhalten ließen. Er- staunlich die Sicherheit, mit der der Pilot seinen Apparat in den unmöglichsten Laxen meisterte. Eine zweite Sensation bildete der Lustschleppzug der«aab-Sahenstein-Flugzeugwerke. der aus einem Flugzeug besteht, welches an einem etwa 100 Meter langen Kabel ein zweites motorloses Flugzeug nach sich zieht. Der Luftschleppzug umkreiste in etwa 300 Meter Höhe in einer großen Sch-ise mehr- mals das Tempelhoser Feld. Zum Schluß der Vorführung kuppelte sich der Führer des Anhängeflugzeugs. Herr Kätzenstein, los. und glitt in einem eleganten Gleitflug zur Erde nieder, vier Fallschirm- absprüng«. ein Flugzeugrennen, das von Pfarr auf v 867 ge- wannen wurde, ein Geschwaderflug der Großflugzeuge, Ballon- rammen. Abschuß eines Fesselballons von dem Flieger Udet und eine Reihe weiterer Lustkunststllcke bildeten den übrigen Teil des Programms. Den Abschluß bildete ein großes Höhenfeuerwerk. Leider ereignete sich auch ein schwerer Unfall des Piloten Joachim v. K ö p p e n. Koppen befand sich zusammen mit Udet In der Luft und führte Kunstfluge vor. Nach Ausführung von mehre- ren Flugfiguren setzte Köppe« zum Trudeln an. Als er seinen Apparat wieder ausrichten wollte, gelang es ihm nicht mehr, in die normale Jlucchahn zu kommen nud er stürzte aus etwa 50 Meter Höhe ab. Der Verunglückte, der einen Beinbruch und innere Bcr- letzungen davongetragen hatte, wurde durch einen Wagen des Städli- schen Rettungsamtes in das Urban-Krankenhaus übergeführt. Gegen 19 Uhr zwang der einsetzende Regen, der nur von kurzer Dauer mar, einen großen Teil der Zuschauer zu einem vorzeitigen Auf- bruch. Wieder erfolgte auf die Verkehrsmittel ein gewaltiger Ansturm. Fast vier Stunden dauerte es, bis die letzten den Flug- platz verlassen hatten. Der Reinertrag der Veranstaltung kommt ausschließlich der Berliner Turn- und Sportwoche zugute. Beim gestrigen Großslugtage in Verlin wurde die neueste, eigenartige Fesselballoniype„Chlorodont-Tubenform" infolge Bruches des Stahlhalteseiles gegen 14 Uhr in südöstlicher Richtung a b- getrieben. Der Ballon hat eine Länge von 16 Meter, einen Durchmesser von Meter und«inen Rauminhalt von IsiO Kubikmeter. Wer die Fundstelle kennt, wird gebeten, sie einer Polizei- oder Landjägerstation oder den Leo-Werken A.-G., Berlin W. 57, Pols- damer Straße 91, mitzuteilen. 35 Kinder verlorengegangen. Als Schutzengel der Kinder mußten sich gestern nachmittag die Schupobeamten auf dem Flugplatz erweisen. Die Beranstaltungen des großen Flugtages gingen unter einem Riesenandrang vor sich. Manche Familien kamen mit Kind und Kegel heraus und einige waren von den Leistungen der Flieger so hingerissen, daß sie auf die Kinder gar nicht mehr achteten. So kam es denn, daß sowohl innerhalb des Flugplatzes als auch außerhalb auf dem Tempelhoser Felde bald viele Kleinen, die von ihren Eltern abgekommen waren, weinend und schreiend umhersuchten. Die Leitung der Schupo instruierte alsbald alle Beamten, besonders auf die Kinder zu achten und sich der Verirrten anzunehmen. Das Ergebnis war, daß im ganzen 35 Kinder der Flughasenwache zu- geführt wurden, Kinder von 2 bis zu 10 Jahren! Einige Eltern vermißten alsbald ihre Kleinen, fragten dann auch aus der Wache nach und fanden sie dort zeitig wieder. Einig« Eltern holten im Verlaufe des Abends die Verlorenen selbst von der Flughasen- wache ab, andere wurden von Schupobeamten den ermittelten Eltern zugesührt, die letzten erst um 12 Uhr in der Nacht! Un- begreiflich erscheint es, daß Eltern Zweijährige zu einer Der- anstaltung mit so großem Andrang mitnehmen. Slumensihau üer Kleingärtner. Die Kleingärtner haben dem„großen Bruder' schon allerhand abgeguckt und die Ausstellungen, die sie veranstalten, können sich heute wirklich sehen lassen. In die Schloßbrauerei Schöne- b e r g luden am Sonntag die Vereinigten Kleingartenvereine d«s Schöneb erger Südgeländes zur Herbstblumen- schau. Auf langen, blumengeschmllckten Tischen präsentierten sich in prächtiger, bunter Fülle all die hübschen Gartenpflan.zen. Dorm» nietend die Königin des Herbstes, die stohze Dahlie, in ihren un- .zähligen, farbenreichen Varitationen. Di« gelbrosa Siegfried Braun, die goldigschimmerndc Goldene Sonne, die blutrote Perle von Dresden und wie sie älle heißen mögen. Daneben hübsche Astern in rosa, violett, weiß, Levkojen, die schlank« Gladiole in zart-pastell- sarbenen und kräftigen Tönen, Rosen. Zinien, Tagetis, weiße und blau« Flocks und noch viele andere. Sie alle vereinten sich hier zu einem leuchtenden Riesenbukett, das die Lehrgärtner der Garten- vereine unter Leitung ihres Lehrmeisters sehr geschmackvoll arrangiert hatten. Das Ganze spielte sich iin Rahmen eines sommerlichen Gartenfestes mit Musik, Gesangsvorträgcn und allerlei Belustigungen ab. Nachher ging es zum fröhlichen Tanz nach dem tosen- umrankten Saal, der ober, den großen Anforderungen entsprechend» mit immerwährenden Seidenpapierblumen dekoriert war. In Neukölln, Kolonie Südpol, zeigten die Pflanzer- vereine Südpol, Hclmutstal, Neuköllner Schweiz und Alt-Ruhleben eine Spezial-Dahlien schau, die ebenfalls reichlich und mit wirklich prächtigen Exemplaren beschickt war. Auch hier gab es fröhlichstes Sommettreiben mit Musik und Tanz. Unglücksfall oöer Morö? Wer ist Ingenieur Kurt Mayr-Lori?— Wo ist Margarete Stephan? Ein Leichenfund bei I u i st beschäftigt die Kriminalbehörden auch in Berlin. Am vergangenen Donnerstag wurde südlich der Insel eine unbekleidbte weibliche Leich�Im Wasser treibend.gesichtet und von der Wasserbauoerwaltung gelandet. Am Strande lag ein blutbefleckter Hammer, angeschwemmt wurden später ein Unterrock, der L. S. gezeichnet war, und ein Handtuch mit dem Zeichen M. S. Beide ivaren mit Blut besudelt. Die Verletzungen an der Leiche lassen nicht erkennen, ob sie der Unbekannten bei Lebzeiten beigebracht worden sind oder ob sie von Aufschlugen auf die Klippen usw. herrühren. Festgestellt ist, daß am Dienstag voriger Woche ein junger Mann, der sich Ingenieur Kurt M a y r- L o r i nannte, mit dem unbekannten toten Mädchen, die er für seine Frau ausgab, von Norderney, wo er sich einige Tage mit ihr aufgehalten hatte, in einem eigenen Boote abgefahren ist. Abends war das Paar auf der Bogelinsel M c m m e r t. Am 8. d. M. wurde, wie gesagt, das Mädchen gelandet. 2lm selben»Tage war der Mann mit seinem Boot in Norddeich angekommen. Dort verkaufte er das Boot und fuhr angeblich über Emden nach Berlin ab. Die Er- mittlunge» der Kriminalpolizei ergaben folgendes: 3n Berlin wohnte In der letzten Zelt ein Mann, der sich Ingenieur Kurt Mayr- Lori nannte, an verschiedenen Stellen, zuletzt in der Benningsen- straße 8. Festgestellt wurde, daß dieser Mann verheiratet ist und daß seine Frau in Innsbruck wohnt. Er erzählte, daß er sich früher in Algier aufgehalten habe und dorthin zurück wolle. Ein 37 Jahre altes aus Ziillichau gebürtiges Mädchen Margarete Stephan, die als Stütze in der Jägowstraße in Stellung war und jetzt vermißt wird, hat nun Briefe hinterlassen, aus denen hervorgeht, daß sie mit ihrem Bräutigam, einem Ingenieur, nach Algier auswandern wolle. Di« Stütze hat davon auch anderen er- zählt. Dabei erwähnte sie, daß sie sich mit ihrem Bräutigam e i n Boot kaufen wolle, um zunächst in die Nordsee zu fahren. Das gleiche hatte der Ingenieur Mayr-Lori erzählt. Festgestellt wurde nun weiter, daß Mayr-Lori am 27. Juli in der Körnerstraße� eine 4- M e t e r- I o l l e„Hümme l" aus starkem Holz und vorn mit Segeltuch abgedeckt, für 270 Mark gekaust hat. Höchstwahr- scheinlich hat die Sttitze, die über 1400 Mark Ersparnisse verfügte und außerdem eine Hypothek von 500 Mark verkaufte, das Geld dazu gegeben. Der Ingenieur ist am>. August aus der Benntgsenstrahe weggezogen und hat als Reiseziel zinuirhst die Nordsee und dann Algier angegeben. Mit dein gleichen Ziel hat di« Stütze am Z. August ihre Stellung verlasien. Das in Norddeich vertäust« Boot ist nun nls dos in der Körnerstraße gekaufte festgestellt. Die gelandete Leiche Ist aber nicht die der Marnarel« Stephan. Die unbekannte Tote ist nicht groß, Ende der zwanziger Jahre, se h e hübsch, wohl proportioniert gewachsen und hat dunkelblondes Haar. Margarete Stephan dagegen ist groß, mager und weniger ansehnlich. Die Beschreibung des Mayr-Lori in Norderney usw. stimmt mit der des Ingenieurs gleichen NameNs in Berlin überein. Mitteilungen, die zur Aufklärung der geheimnisvollen Ange- legeichnt dienen können, an die Inspektion A, Kliminalrat Gcnnat im Polizeipräsidium. der Sportgruppe dankten. Man trennte sich erst in später Abendstunde in dem Bewußtsein, dem Ruf des Orchestexs und dem Geist der Kameradschaftlichkeit einen guten Dienst erwiesen zu haben. Die Stadtverordnetenversammlung hat ihre nächste Sitzung in dieser Woche am Donnerstag um 16?L Uhr. Auf der Tages- ordnung steht unter anderem auch schon die Ausschußberichterstattung über die Wohnungsbauvorlage des Magistrats. Achtung, Sladkoerordnetenfraktion! Damit die Mitglieder der Fraktion Gelegenheit haben, die Allgemeine Fnnktionärkonferenz besuchen Zu können, beginnt die F r a k t i o n» s i tz u n g morgen, Dienstag, bereits 5Zb Uhr lpllnktlich) im Stadtverordneten- sitzungssaal.— Fraktionsoorstandsttzung nachmittag» iY* Uhr an bekannter Stelle. Die Weltflieger in Japan. Tokio. 11. September. Da» Flugzeug„Stolz von Detroit' traf um 13,30 Uhr (Ortszeit) in Kayoschima auf der Insel K i u S h i a ein. Nach- dem die Benzinbehälter aufgefüllt waren, setzte es seinen Flug fort, wurde jedoch durch dichten Nebel zu einer Notlandung in Omura. südlich Safeho, gezwungen. Bon dort wird es morgen zum Fluge nach Tokio starten. Der amerikanische Botschafter in Tokio hat Hunderte von Tele- grammcn aus Amerika erhalten, In denen er aufgefordert wird, die beiden Weltfliegcr zur Aufgabe ihres Fluges über de» Stillen Ozean zu überreden. Die Antwort der Draunkohlenarbeiter. Aufruf der Organifationen zur Kündigung. An die Belegschaften der mUleldeulschen Braunkohlenindustric ergeht der folgend« Ausruf: Kameraden, Kallegen! Aus Grund der Beschlüsse der Konferenzen für den mitteldeutschen Braunkohlenbergbau vom 4. September d. 3. haben die am Tarifvertrag beteiligten Arbeitnehmer- organifationen am 5. September Lohnforderungen an die Arbeitgeber gestellt. Am Freitag, dem 9. September, haben in Verlin die Lohn- Verhandlungen stattgefunden. Die Vertreter der Gewerkschaften haben kein ZRitilel unversucht gelassen, die Arbeitgeber von der Ikot- wcndigkeit einer mehr als dringlichen Lohnerhöhung zu überzeugen. Sie haben keine Unklarheit über den grohen Ernst der Situation gelassen. Unbekümmert um das wirtschaftliche Los und die grobe Rotlage der Arbeiter haben die Arbeitgeber wiederum jede Lohnerhöhung abgelehnt. Damit sind die Würfel gefallen. 3etzl bleibt nur noch ein Weg zur Erreichung besserer Löhne offen. Die Konserenzen vom 4. September hoben für den Fall der Ablehnung der berechtigten Lohnforderungen beschlossen, das Arbeilsverhältnis zu kündigen. Dieser Beschluh muh nunmehr, nachdem die Arbeitgeber jedes Entgegenkommen abgelehnt haben, mit oller Energie durchgeführt werden. Alle im mitteldeutschen Braunkohlenbergbau beschäftigten Ar- beiler und Arbeiterinnen, ganz gleichgültig, an welchem Arbeitsplatz sie beschäftigt werden, haben die ausgegebenen Kündigungszettel deutlich auszufüllen und mit ihrem Ramen zu unterschreiben. Kameraden! Es bleibt kein anderer Ausweg mehr. Rur mit dem Mittel des gewerkschaftlichen Sampfes kann ein menschenwürdiges Dasein errungen werden. Der Tag ist gekommen, wo allerhöchste Solidarität euer handeln zu bestimmen hat. Gemeinsame Rot verbindet euch: gemeinsame Interessen fordern einiges vorgehen! Keiner— auch nicht einer darf abseits stehen! Zugleich aber auch ist straffste Disziplin erste voraussehung für den Erfolg. Der Lohnkamps wird ausschliehlich von den gewerkschaftlichen Organi- sationen geführt. Rur deren Weisungen sind unbedingt zu befolgen. Alle etwaigen anderen Anordnungen, von wo und von wem sie auch kommen mögen, sind aus das entschiedenste zurückzuweisen. Steht geschlossen � seid einig— üann ist üer Sieg unser! Verband der Bergarbeiter Deutschlands. Gewerkverein christlicher Bergarbeiter. Gewerkverein der Fabrik- und Handarbeiter(H.-T.) Deutscher Mctallarbeiterverband. Verband der Fabrikarbeiter Deutschlands. Zentralverband der Maschinisten und Heizer. ——— Zweiter Sunöeskongreß ües flDH. Am Sonntagvonniltag begann im Plenarsitznngssaal des Reichs- mii-lschaftsrats der zweite ordentliche Bundeskongrefz des Allgemeinen Deutschen Beamtenbundes. Der Bundesvorsihende Genosse Falken- b c r g begrühte zunächst die zahlreich erschienenen Delegierten sowie die Vertreter der M i n i st c r i e n, Behörden und Parlamente, die Vertreter der deutschen Angestellten- und Arbeiterspitzengewerkschafte» sowie der holländischen, französische», ö st erreicht- schen, jugoslawischen und schwedischen Beamtenorgani- sätionen. Es folgten Begrüßungsreden eines Vertreters des preu- ßischen Finanzministeriums, des Berliner Polizeipräsidenten Z ö r- giebel, des Oberbürgermeisters Dr. B ö ß. der Genossen Graß- mann voin ADGB., A u s h ä u s e r vom AfA-Bund, Stelling als Vertreter der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion und der ausländischen Organisationsvertreter. Starken Beifall ernteten die Vertreter dieser ausländischen Beamtengewerkschaftcn, die, mit Ausnahme des französischen und jugoslawischen Vertreters, deutsch sprachen und vornehmlich die Not- wendigkeit des internationalen Zusammenwirkens der Beamtenorganisationen unter sich und mit den Arbeiter- und Angestelltengewerkschaften betonten, Zur Leitung des Kongresses wurden die Vorstandsmitglieder des ADV. Falkenberg, August Kunze und Hermann B e» t c gewählt sowie im Anschluß daran die Mitglieder der einzelnen Kom- Missionen. Darauf trat der Kongreß in die Beratung der Togesord- nung ein. Den Geschäftsbericht erstattete Genosse Falkenberg, Erbsen mit Speck. Der Appetii der Vaterländischen. Die gelben„Massen", die der Reichsoerband der Vaterländischen am Sonnabend durch das Lockmittel freier Eiscnbahnfahrt nach Steitin brachte, wo es„unberechnet" Massenquarticr gab, am Sonntag mittag freie Verpflegung(Erbsen mit Speckf, «>ne Kokarde als Festabzeichen und freien Eintritt in den „Schießpark der Bürger", haben sich zum eventuellen Streik stark gemacht, Ein� leibhaftiger Generalfeldmarscholl überbrachte ihnen zuvor die Grüße feines obersten Feldherrn, ihres ausgewanderten Götzen, worauf ihnen Rechtsanwalt Dr. Fuchs die Taktik empfahl, „trotz ihres bewußt wirtschaftsfriedlichen Charakters" den Streik als Kampfmittel nicht zu verwerfen. Denn dann könnten sie die Forderung auf Zucrkennung der Tarif- sä hi gleit für die Werkvercine begründen. Herr Fuchs ging im Eifer für die gelbe Sache so weit, den Werksfriedlichen zu sogen, der Streik werde im wirtschaftlichen Kampfe stets die ultima ratio — das letzte Mittel— sein Dieser gewerkschaftliche Grundsatz klingt aus diesem Munde und vor diesem Auditorium natürlich nur als Phrase und bedeutet nur einen juristischen Kniff als Mittel zum Zweck. Denn diese „vaterländischen" Werkvereinler bekommen doch nur deshalb Erbsen mit Speck, weil sie den wirtschaftlichen Kampf unter ollen Umständen ablehnen. Wer sich selber ins Gesicht schlägt, sich gegen den wirtschaftlichen Kampf zusammenschließen will, für den sind alle Mittel des gewcrkfchastichcn Kampfes von vornherein gegen st ands!os. Die Taktik, den Streik offiziell„nicht zu verwerfen", um ihn desto sicherer brechen zu können, ist«in Manöver, dessen hinter- h ä l t i g k c i t rechtzeitig durchschaut wird und deshalb nicht ernst genommen werten kann. Bemerkenswert ist immerhin, daß die Werksfriedlichen, die Verräter ihrer organisierten Arbeitskameraden, sich in dem krampfhaften Bemühen ihrer Gönner, ihnen zur Geltung zu ver- helfen, einiges über den Streik als wirtschaftliches Kampfmittel er- zählen lasten müssen. So schlau die Fuchstaktik auch angelegt ist, so ist sie doch auch zweischneidig. Vielleicht hat mancher arme Teufel, der in der Not sich den Werksfriedlichen verschrieb, sich bei den Aus- fllhrungen des Strsikrcferenten etwas gedacht, was den Spekula- tionen der Hintermänner dieser„Vaterländischen" nicht zuträglich sein dürste, Was an uns liegt muß geschehen, um vorab den Spekulanten auf die Tariffähigkeit das Konzept zu verderben. Gelb bleibt gelb, auch mit der roten Streikgösch im Wimpel. Hauleiterkonferenz Serlin-Sranöenburg. Im Anschluß an eine Bezirksausschußsitzung tagt« am Sonn- abend nachmittag im Berliner Gewerkschaftshaus eine Konferenz der Gauleiter und Arbeiterfekretäre des Bezirkes BeUin-Branden- bürg des ADGB., an der auch die Vorsitzenden der Ortsausschüsse aus der Umgebung Berlins teilnahmen. Die Konferenz, die sehr stark besucht war, ehrte zunächst das Andenken des verstorbenen Geschäftsführers der Berliner Böttcher, Genosten Klapschus, Der Bezirksleiter Genosse Vollmerhons machte auf die Wahlen der Vertreter in den Orts- und Landkranken lassen im herbst aufmerksam. Bei diesen Wahlen müsse versucht werden— und das besonders bei den Landkrankentasten— den Gewerkschaften mehr Einfluß als bisher zu verschaffen. Zusammenhängend mit einem Hinweis auf die befuchenswerte Ausstellung„Das junge Deutschland" bemerkte er, daß die Jugendarbeit im Bezirk Berlin-Brandenburg leider noch viel zu wünscken übrig lasse und daß sich die einzelnen Orteverwaltnngen die Jugendbewegung mehr als bisher angelegen fein lasten muffen. Genosse Boll m erHaus hielt dann ein Referat über„D a s Arbeitslofenverficherungsgesetz", Nach einem hin- weis auf die wichtigsten Bestimmungen des Gesetzes behandelte der Redner den organisatorischen Zlufbau, Die politische Zerrissenheit Deutschlands hemme leider die Schaffung großer Wirtfchasts- Provinzen. Dir haben zvrzrft w Deutschend 22 SandesachM«. ämter, die jetzt auf 13 vermindert werden sollen. Unter anderem ist auch geplant, die beiden bisher getrennten Landesarbeitsämter Berlin und Brandenburg zusammenzulegen. Gegen dies« Absicht ist vom gewerkschaftlichen und wirtschaftlichen Stand- punkt nichts«inzuwenden. Jedoch muß gegen die bcabljchtigte Zerreißung des bisherigen Brandenburgischen Landesarbeitsamtes energisch protestiert werden. Gegen diese Zerreißung sprechen allein schon die wirtschaftlichen Jnter- essen Brandenburgs, Falls die Lnndesarbcitsämter Berlin und Brandenburg nicht zu einem einheitlichen Landesarbeitsamt werden, müssen mit Ausnahme einiger weniger Veränderungen die jetzigen Grenzen der beiden Landesarbeitsämter bestehen bleiben. Ueber die Abgrenzung der Arbeitsämter kann erst dann endgültig entschieden werden, wenn die Grenzen der Landesarbeits- ämter festliegen. Notwendig sei vor ollem eine wesentliche Ver- ringerung der Zahl der Arbeitsämter, um sie für die Versicherung und Arbeitsoermittelung leistungsfähiger zu gestalten. Der Referent führte zum Schluß einige Beispiele an, wie die Zu- jommenlegung der Arbeitsämter am zweckmäßigsten ersolgen müsse. In der Diskussion sprachen sich die meisten Redner f ü r die Zusammenlegung der Landescrdeitsämter aus. Genosse Siegle vom Ortsausschuß Berlin äußerte gegen die Zusammen- legung einige taktische Bedenken, war aber im Prinzip damit ein- verstanden. Namens der Ortsausschußvorfltzenden gab der Genosse Neumann, Eberswalde, eine Erklärung ab, in der er wünschte, daß, falls beide Landesarbeitsämter bestehen bleiben sollten, die jetzt zu dem Landesarbeitsamt Brandenburg gehörenden B o r o r t e Berlins beim Landesarbeitsamt Brandenburg verbleiben sollen. Zum Schluß wurde folgende Entschließung bei zwei Stimmentholtungen angenommen: „Die am 10, September 1927 in Berlin tagende Konserenz der Gauleiter, Arbeitersekretäre und Ortsousschußvorsitzenden der Orts- ausschllsi« aus der Umgegend Berlins des ADGB, für den Bezirk Verlin-Brandenburg hat Stellung genommen zu der Abgrenzung beziehungsweise Zusammensetzimg der Landesarbeitsämter dieses Bezirks. Dem Plan des Vorstandes der Reichsanstalt für Arbeits- vermittelung und Arbeitslosenversicherung, aus den beiden Landesarbeitsämtern Berlin und Brandenburg ein einheitliches Landesarbeitsamt zu schaffen, steht die Konserenz sympatisch gegenüber. Voraussetzung ist jedoch, daß für die Stadt Berlin mehrere Arbeitsämter errichtet werden, Sollte jedoch für Berlin ein eigenes Landesorbeitsawt be- stehen bleibe», dann kann an eine Vergrößerung über die Grenzen Berlins hinaus nur insofern gedacht werden, als einige Grenz- berichtigungen in loyaler Weise mit dem Brandenburgischen Lande»- arbeitsamt getroffen werden. Ebenso muß das Brandenburgische Landesarbeitsamt einige Grenzberichtigungen erfahren." Sport. Trabrennen in Mariendorf am Sonntag, dem 11. September. l. R c n n» n. l. Gest. Damsbrllcks Eilvaplana iGrohmann), 2. Arnim, 3. Arosa. Soio.' 23:10. Platz: 27, 17, 45:10. Ferner liefen: Cardinal, Tornziehcr, Ola», NcNn Arnold, Nebeltlappe, Herzog, Nippsache, Lucretia. Mariella. Zhcotrat, Prachtpeter, Champagner, Auslunst, Nosemarie, Graf Brilex(o. W.). "2.?! c n n e n. 1. R. Kösters Friese