Mbenöausgabe Nr. 441 ♦ 44. Jahrgang Ausgabe ö Nr. 21 S B«zugsk>edlnzuiiqe» und AnztiMnnrelk Nnd in der Morgenauszub« anzeaede» «edallloa: Sw. SS, ciadeuftrah« 3 Zernsprecher: VSnhoss 292— 292 XeL-UbtefTe: Sozlaldemotral Verls» Derlinev Volkslkl�tt �entralorgan cler 8o2ialclLmokrati fcken Darrel Oeu�scklanäs �10 Pfennig) Sonnabend 17. September 1927 »erlag und Anzetgenadietlung: Geschäfts, ett SVi bis 5 Uhr Verleger: vorwürls-verlog Biubh. verlin SV». CS, Llndenslrasze 3 Fernsprecher z DSnhoss 292— 29« Jeuersäulen über öem Meer. Erdbebenkatastrophe am Schwarzen Meer. Au» Moskau wird gemeldet, dah bei Eherson neue Erd- si ö h e verspürt worden sind. 40 Häuser sind eingestürzt. Die Halbinsel Z l j i t s ch aus der Krim ist im Meer verschwunden. Die Bevölkerung der nördlichen Schwarzmeerkllste slüchtele landeinwärts. Rur stellenweise sind Truppen zum Schuhe der abgehenden Züge herangezogen worden. Bei Baklawa ist eine Kaserne eingestürzt. 15 Soldaten sind unter den Trümmern begraben worden. Auch deutsche Kolonisten haben durch die Erdbeben gelitten. Gestern früh Zwischen 10 und 11 Uhr wurden in S i m s e r o- p o l und Sebastopol wiederum Erdstöhe verzeichnet, die gering- sügige Zerstörungen verursachten. In Laspi bei Sebastopol stürzte der Eliasfelsen ab. Es wurde seftgestellt, dah die während des Erdbebens über dem Masserspiegel zwischen Sebastopol und den» Kap Lukull erschienenen Jeuersäulen auf einen grohen Ein- stürz des Meeresgrundes zurückzuführen sind. Die infolge des Einsturzes hervorbrechenden Gase entzündeten sich bei ihrer Her- bindung mit der Luft und bildeten vom User aus sichtbare Fcuer- säulen und Rauchwolken. Von der Insel Sachalin wird ebenfalls ein Erdbeben gemeldet, dos bis zu sechs Minuten andauerte. Einzelheiten fehlen noch. Moskau. 17. September. Der deutsche Botschafter Graf Brockdorff-Rantzau hat Tschitscherin sein Beileid aus Anlaß der Erdbebenkatastrophe auf der Krim ausgesprochen. Seebeben in Japan. In der Ariakebucht bei der Insel Kiuschiu hat sich ein See- beben ereignet, bei dem 114 Schisse gesunken bzw. schwer beschädigt Der finörang am berliner firbeitsmarkt. Tie Zahl der Arbeitsuchenden unter IvO OOO gesunken. Auf dem Berliner Arbeitsmarkt haben sich nach dem Bericht des Landesarbeitsomts die Beschästig ungsverhältnisse weiter gebessert. Zahlenmäßig tritt diese Besterung allerdings nicht in so hohem Maße in Erscheinung wie in der Borwoche. Der Rück- gang der Arbeitslosigkeit beträgt nind 2670 Personen, so daß sich der gegenwärtige Stand auf 147 430 Personen beläuft. Der Bedarf der Landwirtschaft an Arbeitskräften zur vorübergehenden Be- schästigung in der hacksruchternte führte zu einem erhöhten Abruf. hauptsächlich blieben an den BermiUlur.gsergebnissen jedoch wiederum die Metall- und Holzindustrie beteiligt. Der gute Beschäftigungsgrad in der Konfektion hat gleichfalls weiter angehalten. Auch das Baugewerbe bot im allgemeinen gute Beschäf- tigungen. Ein Rückgang der Bermittlungsmöglichkeit ist im Beroiel- fältigungs- und Gastwirtsgewerbe zu verzeichnen. Für kaufmännische und Bureauangcstellte ist zivor ein erhöhter Zugang scstzustellen, jedoch überwiegt bei den männlichen Kräften bei giter Permittlungs- tätigkeit der Abgang. Bei den weiblichen Kräften ist eine Rei- gung zur Verschlechterung vorherrschend geblieben. Durch den leb- haften Kräftebedarf der Metall- und Holzindustrie wurden auch Ingenieure, Techniker und W e r k m e i st« r in größerer Anzahl abgefordert. Es waren 147 430 Personen bei den Arbeitsnachweisen eingetragen gegen 150 306 der Vorwoche. Darunter befanden sich 99 710 (101715) männliche und 47 720(48 591) weibliche Personen. Er- werbslosenunterstlltzung bezogen 44 588(45 964) männlich« und 17 596(18 537) weiMiche, insgesamt 62 184(64 501) Personen. Außer- dem wurden noch 22 882(24 020) Personen durch die Erwerbslosen- Hilfe der Stadtgcmeinde Berlin und 20 871(21862) Personen durch die Krisenfürsorge unterstützt. Bei Notstandsarbeiten wurden 4624 (4715) Personen beschäftigt. Die Desolüungsreform. Noch keine Veröffentlichung der Vorlage. Der umfangreiche und komplizierte Text des Gesetzentwurfs zur Erhöhung der Beamtengehälter ist noch nicht fertiggestellt, kann darum noch nicht veröffentlicht werden. Di« Behauptung des Pariser„Malin", daß der Reparationsagent gegen die Be- foldungsreform protestiert Hab«, wird amtlich dementiert, u. a. auch mit dem Hinweis, daß Parker Gilbert seit Wochen im Aus- land ist und die Vorlage auch schon, weil sie noch nicht fertig ist, bisher nicht kenne. Der rumanisch-ungarische Konflikt. Ter neue Rat tagt. Genf. 17. September. In der Geheimsitzung, mit der die 37. Ratstagung heute eröffnet wurde, erklärte das chinesische Ratsmitglied Wang, daß er nach dem Beispiel Dr. Stresemanns im vorigen Jahr darauf verzichte. den alphabetisch ihm zustehenden Vorsitz zu übernehmen und den bis- herigen Vorsitzenden D i l l« g a s bitte, die Tagung weiter zu leiten, er werde dann im Dezember den Vorsitz des Rates übernehmen. Sodann begrüßte der Vorsitzende die neu eingetretenen Ratsmitgliader, den kubanischen Gesandten in Berlin, worden sein sollen. 70 Personen sollen den Tod in den Wellen ge- funden haben. Wie ferner gemeldet wird, soll der aus der Fahrt von Kamschatka nach Japan befindliche japanische Dämpfer„W ü f u n g" mit 900 Personen an Bord gesunken sein. Eine Bestätigung dieser Meldung liegt jedoch noch nicht vor. Ein gescheitertes Wagnis ... und ein verniinftiger Entschluß: Tie irischen Ozeanflieger brechen den?slug ab. London. 17. September. Die beiden Ozeanflieger, Kapitän TNac Inlosh und Kommandant F i h in a u r i c e. die gestern nachmittag zum Fluge nach New Zsrk gestartet waren, sind infolge ungünstiger Wetter- Verhältnisse in den späten Abendstunden zurückgekehrt und in Ballybunion in der Grafschaft Kerry glatt gelandet. Die Rückkehr der Flieger wurde ofsenbar durch den schweren Sturm erzwungen, der über Irland herrscht. Die Flieger hatten zunächst die Richtung nach Galway in West- Irland eingeschlagen, das um 15,30 Uhr erreicht wurde. Von dort nahmen sie Zickzackkurs, wurden um 16 Uhr über den Aran-Jns«ln, etwa 35 Meilen westlich von Galway und gegen 18 Uhr über Mutton gesichtet. Kurz nach 19 Uhr befand sich dos Flugzeug über Carrigaholt, 55 Meilen südwestlich von Galway. Die beiden Piloten find unverletzt, die Maschine ist intakt. Srock unü Schlee nach Amerika abgereist. Tokio. 17. September. Die amerikanischen Weltflieger Brock und Schlee sind an Bord des japanischen Dampfers„Korea M a r u" noch den Vereinigten Staaten abgereist. de Aguero y Betancourt, den finnischen Minister des Acußern Voiannoa und den kanadischen Staatsniinister Dandurand. Nach Genehmigung der Tagesordnung für die neue Session b«- antragt« Chamberlain die Absetzung des englischen Antrages auf Herabsetzung der Zahl der jährlichen Ratstagungen von vier auf drei auf die Dezembertagung. Der Rat beschloß d«m- entsprechend und nahm auch die Vertagung des S a I a m i s f a l l e s bis Dezember in Aussicht, falls die Tagesordnung die Erledigung in der jetzigen Tagung nicht m«hr gestattet. In der anschließenden öffentlichen Sitzung begann der Rat zunächst mit der Behandlung des r u m ä n i s ch. u n g a r i s ch e n Optantenstreitfalles, dessen Erledigung durch eine Verständigung zwischen den zwei Parteien angestrebt wird und derzuiolge der Rot Rumänien auffordert, seinen aus dem»ngarisch-rumänischen Schiedsgericht zurückgezogenen Schiedsrichter wieder in das Schiedsgericht zu entsenden. Gleichzeitig sollen beide Parteien folgende drei Grundsätze bei der Behandlung von Optantenstreit- fällen berücksichtigen: 1. Die Bestimmungen des Schiedsvertrages von Trionon schließen keineswegs die Durchführung einer allgemeinen Agrarreform in Rumänien unter Einschluß der ungarischen Staatsangehörigen aus. 2. Weder im Wortlaut noch in der An- wendung einer solchen Agrarreform darf irgendeine Rechts- Ungleichheit zwischen Ungarn und Rumänien bestehen Manöatskritik. Gens, 17. September. Im politischen Ausschuß der Völkerbundsversammlung nahm der norwegische Delegierte Nansen zum Tätigkeitsbericht des stän- digen Mandatsausschusses des Völkerbundes Stellung. Er erbat Auskunft darüber, warum eine Reihe von Beschwerde- schriften dein ständigen Ausschuß nicht zugegangen seien, und betonte dabei die Notwendigkeit des Petitionswesens bei der Verwaltung der Mandatsgebiete. Weiter verwies er auf den M i ß- brauch der iin Handel mit geistigen Getränken an Ein- geborene im wachsenden Maße getrieben werde. Nansen streifte serner andere Mandatsfragen, darunter die jüngsten Vorkommnisse in S a m o a. Er plädierte zum Schluß für weiteste O e f f e n t- l i ch k e i t der Arbeiten des Mandatsausschusses und legte Ver- wahrung gegen eine aus Ersparnisgründen beabsichtigte Kürzung der Veröffentlichungen ein. Der Vertreter Neuseelands sprach die Bereitschaft aus, den Wünschen Nansens in bezug auf die Aufklärung der Zwischenfälle in Samoa zu entsprechen. Der Oberkommistar für Südafrika Smith begrüßte seinerseits den Eintritt eines deutschen Mit- gliedes in den Mandatsausschuß, insbesondere mit Rücksicht auf die ehemals deutschen Gebiete. Der Holländer Van Rees, Vize- Präsident des ständigen Mandatsausschuffes, sagte die Berücksichti- gung der von Nansen ausgesprochenen Wünschp zu und gab der Hoffnung Ausdruck, daß die von Nansen erwähnten Beschwerde- schriften beveits bei der nächsten Tagung des Mondatsausschusfes im Oktober vorliegen werden. RIkischs Komelenbohn. Zwischen den sächsischen„Altsozialisten" ist es zu heftigen Differenzen gekommen, deren Ursache die rechts- nationalistische Einstellung Nikischs bildet. Nikischs Rechtsentwicklung ist soweit gediehen, daß er in einem eigenen Blatt, dem„Widerstand". Stresemanns Verständigungspolitik bekämpft. Der Landesvorstand der Altsozialisten hat Nikisch aufgefordert, die Verbindung zu diesem Blatt zu lösen. Die„Deutsche Tageszeitung" erblickt darin«inen Sieg der Elemente in der ASPS., die eine Wiedervereinigung mit der Sozialdemokratie anstreben. Gewerkschaftliche Konzentration. Verschmelzungspläne in der Lebensmittelindustrie. Von Friedrich Etzkorn. Seit dem Jahre 1919 ist die Anzahl der im Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund vereinigten Verbände durch engeren Zusammenschluß von 52 auf 38 zurückgegangen. Von diesen 38 Verbänden sind etwa 13 als Industrieorganisationen anzusprechen, 11 als Branchenorganisationen(weil aus der Verbindung mit einem oder mehreren verwandten Berufs- verbänden entstanden) und nur noch 14 als reine Berufs- verbände, denen jedoch fast durchweg auch die Hilfsarbeiter angehören, soweit solche in dem betreffenden Beruf tätig sind. Die Entwicklung ist mit diesem Stande noch längst nicht ab- geschlossen. Drei Jndustrieverbände sind auf dem Wege zur Bildung einer einheitlichen Organisation des Verkehrs- gewerbes sowie der öffentlichen Betriebe und Verwaltungen, zwei Berufsverbände betreiben den Anschluß an ihre In- dustrieorganisation und vier Verbände der Lebens- und Genußmittelindustrie stehen jetzt vor ihrem Zusammenschluß. In der Woche vom 19. bis 25. September tagen in Leipzig die Verbände der Lebensmittel- und G e- tränkearbeiter, der Nabrun gs- und Genuß- inittelarbeiter, der Fleischer und Berufsgenossen sowie der Böttcher, Weinküfer und Hilfsarbeiter. Sie werden zunächst unter sich und dann gemeinsam über die Zusammenlegung ihrer Organisationen zu einem ein- heitlichen Verbände entscheiden. Für den Kon- zentrationsprozeß, der sich in der deutschen Gewerkschaftsbewegung vollzieht und der durch die Verhandlungen des Breslauer Gewerkschaftskongresses einen starken Impuls bekam, bedeutet diese Zusammenlegung einen großen Schritt vorwärts. Die vier Verbände sind längst nicht mehr reine Berufsorganisationen gelernter Arbeiter. Dem früheren B r a u e r e i a r b e i t e r o e r b a n d hat sich der Verband der Mühlenarbeiter angeschlossen und der so zusam- mengesetzte Verband umfaßt außer den in der Brauerei und Mühlenlndustrie beschäftigten gelernten und ungelernten Arbeitern auch die Arbeiter und Arbeiterinnen in der S p r i t i n d u st r i e. Mit dem früheren Verbände der Bäcker hat sich der Verband der Konditoren ver- schmolzen und der gemeinsame Verband hat nicht nur auch die ungelernten Arbeiter in den Brotfabriken erfaßt, sondern darüber hinaus die Arbeiter und Arbeiterinnen der gesamten Süßwarenindustrie, den Schokoladen- und Zucker- warenfabriken und den Keksfabriken. Die fortschreitende Industrialisierung auch im Fleischer- g e w e r b e brachte es mit sich, daß der Verband der Fleischer sein Organisationsgcbiet auf die in den Fleischwaren- und W u r st s a b.r i k e n beschäftigten Hilfskräfte ausdehnte. Der Böttcherverband kann in gewissem Sinne als erste Vorstufe zum Industrieverband gelten, da er seit 42 Jahren außer den Böttchern, den Faßmachern, auch die W e i n k ü f e r und deren Hilfsarbeiter umfaßt. Da zwei Drittel seiner Mitglieder in der Getränkeindustrie beschäftigt sind, liegt seine Verschmelzung mit dem Verbände der Lebens- mittel- und Getränkearbeiter besonders nahe, die denn auch höchstwahrscheinlich selbst dann erfolgen wird, wenn es zu einer ollgemeinen Verschmelzung der vier Verbände wider Erwarten diesmal noch nicht kommen sollte. Es ist nicht müßig, diese Einschränkung zu machen, da sowohl im Nahrung?- und Genußmittelardeiterverband wie auch im Lebensmittel- und Getränkearbeiterverband sich starke Strömungen gegen die Verschmelzung bemerkbar machen. Gewiß liegt kein unmittelbarer Zwang zum Zusammenschluß dieser Verbände vor. Beide sind mit ihren 60000 bzw. 70 000 Mitgliedern so gestellt, daß sie auch für sich weiter bestehen können. Allein die Gründe, die von den Gegnern der Verschmelzung im Lause der seit Monaten in den Verbandsorganen geführten Diskussionen vorgebracht wurden, sind keineswegs von prinzipieller Be- deutung, sondern mehr untergeordneter, teilweise recht klein- licher Art. Es ist menschlich begreiflich, wenn Gewerkschaftsgenossen, die seit drei und vier Jahrzehnten ihrer Organisation an- gehören, die sie mitgeschaffen und in der sie unablässig gewirkt hahen, ihrem Verbände traditionell verbunden sind und nichts davon wissen wollen, daß nun i h r Verband in einer größeren Einheitsorganisation mit anderen Verbänden aufgehen soll. Sie klammern sich an Aeußerlichkeiten, berechnen, ob sie künstig ein paar Pfennige Beitrag mehr oder weniger zu zahlen haben, ob die im Statutentwurf für die neu zu schaffende Einheitsorganisation vorgesehenen Unterstützungen in dem einen oder anderen Falle etwas geringer find als die bisherigen Sätze ihres Verbandes und glauben sich dem Zuge der Entwicklung in den Weg stellen zu können. Verschmelzung nur um der Verschmelzung willen, ohne Rücksicht darauf, ob die notwendigsten Voraussetzungen dafür gegeben sind, wäre gewiß verfehlt. Davon kann'jedoch in diesem Falle die Rede nicht sein. Der Gedanke des Zu- sammengehens ist in den beteiligten Verbänden schon seit vielen Jahren erörtert worden, und der jetzt vorliegende Plan ist die Frucht eingehender Verhandlungen und pflicht- bewußter Vorbereitungen. Wohl weisen auch die U n t e r n e h m c r o r g a n i s a- t i v n e n der Nahrung?- und Genußinittelinduslrie noch eine ganze Reihe einzelner Reichsvcrbände auf: sieben in der Mühlenindustrie, sieben Reichsoerbände der Bäckerei-, Backwaren- und Teigwarenindustrie, zwölf Reichsverbände der Zucker-, Zuckerwaren-, Kakao- und Schokoladenindustrie, fünf Reichsverbände der Fleischerei- und Fleischwaren- industrie und einer der Fischindustriellen, zehn Verbände der Molkerei- und der Margarineindustrie, elf der Obst- und Gemüsekonserven-, der Marmeladen- und Kunsthonigindustrie, fünf derKaffeerösterei- und Kaffee-Ersatzindustrie, acht Reichs- verbände der Brauereien und Mälzereien, während die Gruppe Wein, Branntwein, Mineralwasser und dergl. in dreiundzwanzig Reichsverbänden vereinigt ist. Allein diese ganzen Reichsverbände find im Reichsverband der deutschen Industrie, und zwar in den Fachgruppen Nahrungs- und Genußmittel, Zucker und Nährmittel, Brauerei, Mälzerei und Müllerei in enger Gemeinschaft ver- bunden. In der ersterwähnten Fachgruppe finden wir auch die Tabak-, Zigarren- und Zigarettenindustrie. Außerdem besteht eine Spitzenorganisation der Unternehmer in dem Bunde Deutscher Nahrungsmittelfabrikanten und Händler. Schon die große Aufzählung dieser Unternehmerverbände vermittelt einen Begriff von der Gr äße des Gebietes der Nahrungs- und Genußmittelindustrie, dessen gewerkschaft liche Bearbeitung durch mehrere Verbände leicht zu Grenz streitigkeiten führt, die einer gemeinsamen Industrie- organisat'ion erspart bleiben. Bedeutet die Zusammenfassung der über 150 000 Mitglieder der vier Verbände auch keinen unmittelbaren Mitgliedergewinn, so ist doch zweifellos, daß sie auf die Unorganisierten eine st ärkere An- ziehungskrast ausüben wird. Die Vorstände der Ver- bände versprechen sich mit Recht auch eine größere Schlagkraft von der Einheitsorganisation. Darauf kommt es an! Es wäre daher nur zu begrüßen, wenn die V e r b a n d s- tage sich bei der Erörterung des Verschmelzungsplanes von den großen Gesichtspunkten leiten ließen, die für seine richtige Beurteilung unentbehrlich sind. Der Breslauer Gewerk- schaftstongreß hat den Weg gewiesen, die Vorbereitungen sind getroffen und die Schaffung des Jnduftrieverbandes der Arbeiter der Nahrungs- und Genußmittelindustrie ist spruchreif. Nun ans Werk!_ Kurz, aber grob. „Kreuzzeitung" gegen„Germania". Auf die Beschwerden der„Germania"' über die deutsch- nationalen Ausschreitungen erwidert die„Kreuz-Zeitung" in äußerst unwirschem Tone: Die„Germania" sucht in ihrer auf verkehrten Auslegungen auf- gebauten Verteidigung der„Richtlinien" jetzt Hilfe in der Reichstags- fraktion des Zentrums selbst. Sie läßt sich von dort einen Artikel schreiben, der sachlich nichis neues bietet. Wir beschränken uns daher auf einige Worts: Erstens scheint dem betreffenden Reichstags- abgeordneten unbekannt zu fein, daß die„Kreuzzeitung" immer das Organ der Deutschkonservotiven gewesen ist. Es war also selbst- verständlich, daß sie das„Manifest der Deutschkonservotiven Partei" veröffentlicht«, ebenso selbstverständlich auch, daß sie es kommen- tierte und sich danach richtete. Zweitens aber gehört einige Kühnheit dazu, die Tatsache eines terroristischen Fcldzuges gegen Schwarzweißrot zu bestreiten. Wenn der Aussatz von einer„Schwenkung" der Deutschnationalen in der Flaggenfrage spricht, so ist sie nicht vorhanden. Denn die Stellung dieser Partei zu den alten Farben ist immer dieselbe gewesen. Aber die unerhörten Angriffe gegen sie haben ganz selbstverständlich die Situation verschärft. Das heißt kurz und schlicht: Wir denken gar nicht daran, unsere Tonart gegen die Verfassung und Reichsflagge irgendwie zu ändern und unserer Schimpflust Zügel anzu- legen. Daß die„Kreuz-Zeitung" dabei ein diplomatisches Doppelspiel treibt und je nach Bedarf deutschkonservativ oder deutschnational ist, während bekanntlich der Herausgeber der „Kreuz-Zeitung", Graf Westarp, gleichzeitig Vorsitzender und erster Sprecher der deutschnationalen Reichstagsfraktion ist, verstärkt nur den Eindruck des H o h n e s und der junkerlichen Anmaßung diefer Antwort. Aber vom Zentrum sind ja zur- zeit mehr als papierne Proteste kaum zu erwarten. Ihre Prominenz tzermine. Wer niemals einen Thron befaß, der hat bekanntlich auch kein Recht, sich als Landesfürst zu fühlen. Darum wird des greisen Wilhelm von Doorn zweit« Frau selbst in reaktionären Monarchist!- schen Kreisen nicht für voll angesehen. Um so erstaunter war man, als man hört«, daß der beamtete Vertreter der Reichsbahn in Kissingen der Her m ine einen offiziellen Empfang bereitete. War dieses Reichsbahnamtmännchen zu sehr von der„hohen Wonne ganz" überstrahlt, das beinahe kaiserliche Kleinod ehren zu dürfen, mag es andere Gründe gehabt haben— kurz, es gab schlechte Leute, di« solchen Byzantinismus eines republikanischen Beamten unwürdig fanden und sich beschwerten. Die Reichsbahndirek- tion Würzburg erteilte folgenden Bescheid: „Reichsbahnamtmonn Bayer hatte zwar von der Reichsbahn- direktion keinen Auftrag, wir billigen es aber durchaus, wenn die Vorstände wichtiger Bahnhöfe, zu denen der des Welt- bades Kissingen ohne Zweifel zählt, prominenten Perfön- lichkeiten im richtig verstandenen Interesse der Reichsbahn besondere Aufmerksamkeiten erweisen." Also Hermine ist eine Prominenz, der selbst Reichsbahngewaltige die schuldige„besondere Aufmerksamkeit" zu erweisen hoben. Vor derartig prominenten Persönlichkeiten vergißt selbst bajuoarische Eigenart ihre bekannte Abneigung gegen das Hohenzollernhaus. Die republikanische Beschwerdestelle für Bayern hat sich nun an die Gruppenverwaltung München der Deutschen Reichsbahn gesellschaft gewandt. Auf die Antwort kann man mit Recht gespannt sein._ Kehraus im baperisthen llanötag. Was die Regierung Held noch zn erledigen hat. München, ltz. September.(Eigenbericht.) Im Oktober tritt derbayerischeLandtagzu seiner letzten Session vor den Neuwahlen zusammen. Was er noch zu erledigen hat, ist gerade für den Wahlkampf von besonderer Bedeutung. Im Vordergrund steht der Wechsel der Staatsverein- f o ch u n g, den die Regierung Held nach mehrmaliger Prolongation nun endlich einzulösen hat. Sie hat zwar durch ihre untertänige Mehrheit im Landtag formal eine weitgehende Ausschaltung der Volksvertretung beschließen lassen, trotzdem wird es ihr aber nicht gelingen, die Verantwortung für das, was geschieht oder nicht geschieht, von den Schultern der Regierungsparteien wegzu- nehmen. Bereits in der nächsten Woche wird der ängstlich geheim- gehaltene Vereinfachungsplan der Dreimänncrkommifsion, der in den Sommermonaten die einzelnen Ministerien durchlaufen hat, den Ministerrat beschäftigen. Es ist bestimmt damit zu rechnen, daß der zur Begutachtung eingesetzte Sonderausschuß des Landtages dieses nun jahrelang gebrütete Ei der weißblauen Ordnungszelle schon An- fang Oktober zu begackern haben wird. Soll die ganze Verein- fachungsaktion einen Sinn haben, so müßte sie M i l l i o n e n e i n- parungen im schwindsüchtigen bayerischen Staatshaushalt bringen. Das scheint aber keineswegs der Fall zu sein, denn der Kern des Regierungsplanes ist nichts anderes als eine V e r k ü r- zung des Instanzenzuges und zu diesem Zwecke eine Er- Weiterung der Zuständigkeit der äußeren Verwaltungsbehörden. Die wirkliche Aufhebung von Aemtern erfolgt nur in allerbescheidenstem Umfange und nur dort, wo die neuzeitliche Entwicklung von Verkehr und Wirtschaft die übersetzten Verwaltungsbureaukratien als geradezu mittelalterliche Institutionen erscheinen läßt. Das Hauptstück einer Einsparungspolitik in Bayern wäre aber die Aufhebung der absolut überflüssigen Kreisregierungen. Gerade das aber scheitert an den Parteiinteressen der Bayerischen Volkspartei.— Dieser finanzielle Mißerfolg der Vereinfachungsaktion ist auch eine Teilursache des„flammenden" Protestes, den der Reichs- finanzminister in der Frage der Besoldungserhöhung der Beamten zu erwarten hat. Bayern verlangt, daß das Reich ihm die 6S Millionen, die für die Besoldungserhöhung der bayerischen Staatsbeamten notwendig sind, Jahr für Jahr ersetzen soll, eine Forderung, deren Erfüllung naturgemäß zu unabsehbaren Konsequenzen führen müßte. Dieser in Vorbereitung befind- liche bayerische Protest wird jedenfalls eine der ersten Aufgaben sein, mit denen die Regierung Held den sterbenden Landtag beschäftigen wird.— Vorher ober wird noch der seit über drei Iahren ein- gesetzte außerordentliche Untersuchungsausschuß über die Vorgänge des 1. Mai 1923 bis zur Einsetzung Kohrs als Generalkommissar 'eine heikle aber politisch sehr bedeutsame Ausgabe zu erfüllen haben. Dieser Ausschuß will bereits am 5. Oktober zusammentreten und die Zusammenhänge jener hochverräterischen Periode bayerischer Staatspolitik aufklären, deren Verdunkelung und Geheimhaltung der unentbehrlichste Kitt der bisherigen Regie- rungskoolition und ihrer Persönlichkeiten gewesen ist. Es ist ganz klar, daß einflußreiche Kräfte am Werke sind, um diesem Unter- suchungsausschuß die Flügel so zu stutzen, daß er seine Aufgabe nicht erfüllen kann und sie resigniert der historischen Wissenschast späterer Generationen überläßt. Der Schlüssel zur Wahrhaftigkeit und zur Wiedergutmachung jener ungeheuerlichen Fehler und politischen Verbrechen liegt auch hier bei der Bayerischen Volks- partei. Nur wenn sie den Mut ausbringt, bei oller Würdigung außenpolitischer Belange ohne Rücksicht auf die Preisgabe heute noch an hervorragender Stelle stehender Persönlichkeiten der Aufklärung endlich freie Bahn zu lassen, wird es möglich sein, den politischen Schlußstrich unter jene unheilvolle Periode bayerischer Geschichte machen zu können._ Kein Sruch paris-Noskau. Briand nimmt an der Kabinettsberatung teil. Paris, 17. September. Außenminister B r i a n d ist in Paris eingetroffen, um an dem heute in Rambouillet stattfindenden W i n i st e r r a t teilzunehmen. Eine offiziöse Mitteilung besagt, es handle sich nur darum, eine Lösung in der R a k o w s k i- Angelegenheit zu finden, doch sei der A b b r u ch der diplomatischen Beziehungen mit Rußland niemals in Aussicht genommen worden. Gleichzeitig wird zu den jüngsten Erklärungen Litwinosss in der Frage der russischen Kriegsschulden mitgeteilt, daß die russi- schen Unterhändler bisher keinen bestimmten Vorschlag unterbreitet hätten. Man könne höchstens sagen, daß sie eine gewisse M S ß i- g u n g hinsichtlich der russischen Forderungen bei den jüngsten Bc- sprechungen an den Tag gelegt hätten. Von einer Einigung in der Schuldensrage könne aber keine Rede sein. Neues dawes-Schieüsabkommen. Wegen det Gutschrift von Eigentumsliquidatioiicn. Das Schiedsgericht für die Auslegung Aes Sachverständigen- plans hat in seinem Spruch vom 29. Januar d. I. die Frage der Anrechnung der von Deutschland wegen der Liquidation des deutschen Eigentums zu zahlenden Entschädigungen auf die Jahresleistungen verneint. In diesem Spruche ist aber darauf hingewiesen, daß die Frage offen bleibe, ob Cutschriften, welche Deutschland nach dem 1. September 1924 für den Wert des liquidierten Eigentums gegeben worden sind oder künftig gegeben werden, von den Jahresleistungen abzuziehen sind. Diese Frage und die im Zusammenhang hiermit stehenden Einzelfragcn sollen nunmehr geklärt werden. Dadurch wird endgültig festgestellt werden, welch« Möglichkeiten sich für eine Bereisstellung von Eni- schädigungsbeträgen aus den Jahresleistungen noch bieten. Demgemäß ist nunmehr ein Schiedsvertrag mit der Reparationskommission abgeschlossen worden, der das neue Schiedsverfahren vor dem Auslegungsschiedsgericht einleitet. Museum öer Dummheit. Ein bescheidener Vorschlag. Bringt man den echten Berliner vor die Sehenswürdigkeiten einer fremden Stadt, so ist zu wetten, daß er mit phlegmatischer Un- berührtheit erklärt:„Det ha'm wa in Baiin ooch, bloß ville jrößer!" — Aber im Deutschen Museum zuMllnchen muh auch der größte Berliner Lokalpatriotismus verstummen. Das hat die Reichs- haupsstadt nicht, eine so gigantische, vollständig« und anschauliche Ueber- ficht über die Entwicklung alles menschlichen Wissens und Könnens. End- lose Stunden durchwandert man Raum an Raum und sieht an Ori- ginalen und naturgetreuen Modellen, wie der Steinhammer des Wilden zum Kruppschen Dampfhammer emporwächst, wie aus dein primitiven Schmiedefeuer der Malaien ein moderner Hochofen von 5009 Kubikmetern Fassungsvermögen enssteht, wie die Methoden des Bergbaues aus primitiven Anfängen zu maschinellen Höchstleistungen emporwachsen, und unzähliges andere. Man kann das Ganze als ein Museum der menschlichen Intelli- genz und der vorwärtsstrebenden Klugheit bezeichnen. Es ist gewiß bedauerlich, daß Berlin dem nichts an die Seite zu stellen hat. Aber ich schlage nicht vor. bereits Geschaffenes geistlos zu kopieren. Doch bei der Besichtigung fiel mir auf, daß ein höchst notwendiges Gegen- stück zu diesem Museum fehle: ein Museum der mensch. lichen Dummheit. Ich rufe dazu auf, in der Reichshauptstadt an bequem zugäng- licher Stelle ein Museum der Dummheit zu errichten. Die Dimensio- nen für den Bauplatz bitte ich nicht zu gering abzustecken, denn ich bin gewiß, daß der gewaltige Umfang der Münchener Sammlungen nicht nur erreicht, sondern erheblich übertrosfen werden wird. Der Sinn soll folgender sein: Zeigt uns das Münchener Deutsche Museum, wie wir in Naturerkenntnis und Technik durch die Jahr- tausende vorwärtsgeschritten sind, so möge das Deutsche Museum in Berlin, um uns vor Größenwahn zu bewahren, dem gegenübesstellen, wie der technisch emporgekommene Europäer des zwanzigsten Jahr- Hunderts ,auf unzähligen geistigen Gebieten bei der Primitivität seiner frühesten Vorfahren beharrt und jeden Fortschritt ablehnt. Beispielsweise: Abteilung 1. Aberglauben. Man sieht elij« Gruppe Wilder um einen Medizinmann hocken. Als Gegenstück eine westliche Berliner Dame, die im Automobil zur Kartenlegerin ftthrt, um sich von ihr wahrsagen zu lassen. In dieser Abteilung sollte ckuch naturgetreu die Bauernstube der wundersamen Resl von K-snncrsreuth Platz finden mit den Scharen der erschauernden Gläubigen, die aus aller Welt herbeigeströmt sind. An den Wänden hängen sämtliche Zeitungsartikel, einschließlich der sogenannten fort- schrittlichen Presse, die mit staunender Ergriffenheit über die Phä- ncmene einer schweren Hysteriterin berichten und sich den Kopf darüber zerbrechen,«b ein Mensch sieben Monate leben kann, ohne zu essen Eine Sonderabteilung bekommt das Hakenkreuz. Ludendorsfs Vernichtung der Freimaurer wird allen Besuchern zugänglich ge- macht, ebenso die Zahlenkabbalistik seiner Gattin, der geborenen von Kemnitz, die bewiesen hat, daß Alljuda den Weltkrieg 1914 ange- stiftet habe, weil die Quersumme aus 1-j-9-I-1-H— 15 ist und 15 Iehova bedeute. An den Wänden wiederum sämtliche Zeitungsartikel der Jahre 1914 bis 1918, die in Ludendorff das politische Genie Deutschlands erblickten. Besonderen Reiz vesspricht eine Abteilung der politischen Nichtentwicklung. Aus ihr geht hervor, daß bis 1914 die Deutschen trotz Dampfhammer und Hochofen auf politischem Gebiet sozusagen immer noch mit Werkzeugen der Steinzeit gearbeitet haben. Als solche werden ausgestellt Herrenhäuser, mecklenburgische Ständekammer, preußisches Dreitlassenwahlrecht, sächsisches Plural- Wahlrecht usw. Soll man die Abteilung„G o t t e s g n a d e n t u m" noch näher umschreiben? Welches gewaltige Material läßt sich hier allein um die Person unseres letzten Verflüchtigten gruppieren: Jeder Besucher erhält gratis die Kaiserreden, in drei Bänden bei Reclam erschienen. Besonders geeignete Ausstellungsobjekte: der Romintcner Gedenkstein für die sünfzigtausendste auf der Jagd erlegte Kreatur, der Petkuser Roggen(wie Husarenlanzen), der hinausgeschmissene Pachter von Cadinen, die Rückenfalte der Offiziersmäntel, der halbrechtwwk- liche Mützengruß der Marine sowie sämtliche Gemälde Anton von Werners. Sondevgruppen: Prinz Domela im Hotel Kossen- haschen, der Kronprinz erfindet Manschettenknöpfe, Enkel Hubertus als Ordonnanz der Werwölfe, Sylvester Viereck schreibt Hermines Memoiren usw. usw. Das sind nur ein paar Anregungen. Jedem, der über das Thema nachdenkt, wird noch Unendliches dazu einfallen. Ich fürchte nur, daß Berlin trotz Südgelände und Tempelhofer Feld keinen genügend großen Bauplatz für unser Museum aufweisen wird. Aber machen wir den Versuch. Bauen wir dies Museum der Dummheit und nennen wir es ruhig gleich seinem Münchener Pendant: Deutsches Museum._ Jonathan. Sammlung der märkischen Volkslieder. Professor Dr. Lohre hat, wie er im Verein für Volkskunde in Berlin kürzlich berichtete, die märkischen Volkslieder zu sammeln begonnen, hauptsächlich das noch jetzt Lebende. Er versendet Fragebogen— hierbei ist der Erfolg bisher nicht sehr groß gewesen: außerdem gehen geeignete Personen mit dem Phonographen aufs Land, um die Lieder einzusaugen. Diesen Teil der Arbeit hat Oberschullehrer K. Lütge in Angriff ge- nommen. Früheres enthält der Erkssche Nachlaß in der Berliner Staatsbibliothek. Reizvoll ist die Untersuchung darüber, welche Orte wohl heute als liederreich angesprochen werden könnten, wie es Erk z. B. mit Rönnebeck bei Rheinsberg tat. Das von Erk seiner- zeit als oft gesungen erwähnt« Lied von den drei Töchtern des Markgrafen oder der armen Dienstmagd z. L. hat 1917 ein Wander- vogel in der Gegend von Brandenburg an der Havel gefunden. Das vom treuen Knaben kannte 1914 eine Dienstmagd« Nauen. Also auch Balladen sind noch erhalten, häufiger aber kurze Lieder, die zum Teil aus dem 18. Jahrhundert stammen:„Wo gehst du hin, du stolze" ist beliebt. Gern wird auch gesungen:„Dort unten im Tale am rauschenden Bach". Kinderlieder sind sehr zahlreich, ebenso Kinderräiscl. Natürlich sind sehr viele Lieder recht zersungen. Dr. Kügler wies auf den Berliner Norden hin, namentlich auf den Wedding, wo junge Burschen am Spandauer Schiffahrtskanal oft an Sommerabenden Volkslieder singen, freilich nicht immer zarre. Marco Polos Reisewerk. Demnächst wird in Italien der authentische Text des berühmten Reisewerks erscheinen, das Marco Polo im Jahre 1298 verfaßt hat und das wegen der damals für über- trieben gehaltenen Zahlenangaben über die Riesenstädte Asiens den spöttischen Namen„Millione" erhielt. Da man Marco Polo für einen phantastischen Schwindler hielt, nannte man auch ihn selbst kurz „Messer Millione". Den Bericht über seine Reisen in Asien schrieb Marco Polo, während er in Genua im Gefängnis faß, in fran- zösischer, von venezianischen Dialcktworten stark durchsetzter Sprache nieder. Dieser Originaltext wurde dann ins Lateinische übersetzt und in späteren Iahren so oft abgeschrieben und kommentiert, daß er zu einem riesigen Werk anschwoll. Das schlimmste war aber, daß man die Originalstellen nicht mehr vom Zusatz trennen konnte. Dem eng- lischen Obersten Bule, der im Jahre 1879 eine Ausgabe von Marco Polos Werk veranstaltete, ist es zu oerdanken, daß der Text gesäubert und seiner ursprünglichen Gestalt angenähert wurde. Gleichwohl' aber blieb noch viel zu tun, um hier reinen Tisch zu machen. Diese Reoisionsarbeit will die neue Ausgabe leisten, die einen sicheren kritischen Text enthält, bei dessen Redaktion Hunderte von über ganz Europa zesstreuten Handschristen zu Rate gezogen worden sind. Das erste antike Holzmöbel entdeckt. Unter den neuesten Entdeckungen, die bei den Ausgrabungen in der„Straße des Ueber- flusses" zu Pompeji gemacht wurden, befindet sich ein einzigartiger Fund, nämlich ein hölzerner Kleiderschrank, das erste hölzerne Möbel- stück des Altertums, das man in guter Erhaltung ans Licht gebracht hat. Dieser 20lX>jghrige Kleiderschrank stand an die Mauer des Atriums eines Hauses gelehnt. Außerdem fand man eine Apollo- Statuette im archaischen Stil, die von großem künstlerischen Werl ist, und einen silbernen Becher, der mit Tritonen und Nereiden in er- habener Arbeit geziert ist. Di« Gegenstände sollen nach Möglichkeit. soweit das für ihre Erhaltung zuträglich ist, an den ursprünglichen Stellen gelassen werden, an denen sie gefunden wurden. •?r'®rubtt, der Präsident der bayerischen Akademie der Wissenichasten. ist ploylich an einem Herztchlag gestorben Erslaufiührungen der Ivoil>«. Aiont. Rose-Th.:.Die Maschinell- bauer von Berlin.- im lw Tb. des W e st e n s:.Eine strau voi. .jormat. D>»m. Schauspielhaus:.Fünl von der Jazzband:' � h. i. d.�. u tz o w st r.:„Galante Nacht." Freit. Neues Thealer an 3 0 0:.L-ensation:" Zeatral-Th.:„Die geschiedene Frau." Amerika aus Reisen. In diesem Jahr werden nach einer Schähun, des amerikanischen Handelsdepartements die Ausgaben der amerikanischen Tourulen ln Uebersee annähernd die Summe von einer Milliarde Dollar erreichen. An dieser Summe nehmen die europäischen Länder mit aal amerikanische Touristik hat sich auBemdentbch entwickelt, 1922 wurde die immerhin stattliche Summe von 360 SHiHioifn Dollar ausgegeben, während für 1926 schon 660 Millionen Dollar gejchäsl Der franko- amerikanische ffanAelskonflitt. Aussichten für Teutschland. Zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten ist, wie bereits gemeldet, ein Handelskenflikt ausgebrochen. Der Ursprung dazu liegt darin, datz Amerika sich durch Zollfestsetzung, die Deutschland in der Liste B des deutsch-fanzösischen Handelsvertrages zugestanden erhielt, beschwert fühlt. Der amerikanische Stand- punkt ist, daß die Vereinigten Staaten, die dreimal soviel Waren nach Frankreich ausführen als Frankreich nach Amerika, ein b e s o n- d e r e s Entgegenkommen der französischen Regierung bcan- spruchen könnten. Frankreich will den Amerikanern wohl besondere Vorteile, wie sie Deutschland eingeräumt wurden, zugestehen, aber da Amerika unter den heutigen Umständen noch keinen vertraglichen Anspruch besitzt, könnten diese Zugeständnisse nur unter der Be- dingung der Gegenseitigkeit gewährt werden. Demgegenüber stellen die Amerikaner fest, daß sie durch ihren starren Zolltarif ge- banden seien und daher Frankreich keine differenzierten Zölle ein- räumen können. Amerika hat jetzt Frankreich ersucht, möglichst beschleunigt die Handelsvertragsoerhandlungen einzuleiten, mit deren Beginn im Oktober gerechnet werden kann. Frankreich ist bereits jetzt den Vereinigten Staaten entgegengekommen und hat für die amerikanischen Waren, die nach dem französischen Generaltarif mit den vierfachen Zollsätzen gegenüber den Deutschland zugestandenen Tarifen belastet sind, die Zollsätze um 50 Proz. ermäßigt. Jedoch hat dieses Entgegenkommen die amerikanische Regierung noch nicht befriedigt. Deutschland körmte es begrüßen, wenn es Frankreich gelingen sollte, die Amerikaner dahin zu bringen, sich von den gesetzlichen Bindungen des starren Zollsystems zu befreien. Der deutsch- amerikanische Handelsvertrag ist bekanntlich unter dem Prinzip der gegenseitigen Meistbegünstigung abgeschlossen worden. Aus dieser Meistbegünstigung hat jedoch bisher Amerika allein Vor- teile gezogen, da Deutschland durch das starre amerikanische System von den gleichen hohen Schutzzöllen betroffen wurde wie alle an- deren Länder. Sollte es daher Frankreich gelingen, das starre amerikanische System aufzulockern, so würde sich die von Amerika Deutschland zugestandene Meistbegünstigung bei der Einfuhr in Amerika automatisch zu Deutschlands Gunsten auswirken. Das Ende ekner politischen Laufbahn. Der Führer der Deutsch- Danziger Volkspartei. Abg. Dr. B lavier, wurde in der Be- rufungsinstanz wegen Betruges zu drei Monaten Gefängnis und wegen Beleidigung der Staatsanwaltschaft zu 1000 Gulden Geld- strafe verurteilt. Letzteres weil er in öffentlicher Versammlung der Staatsanwaltschaft Rechtsbeugung vorgeworfen hatte. wohnungszuftänöe auf üem Lande. Eine Arbeiterfamilie im Kartoffclkcller. Vom Deutschen Landarbeiterverband geht uns eine Schilderung zu, die auf dörfliche Wohnungszustände ein grelles Licht wirft. Es handelt sich um Dinge, die sich dicht vor den Toren Berlins abspielen. Auf dem im Kreis Teltow gelegenen Gut Schönefeld(an der Kleinbahn Neukölln— Mittenwalde), das ein Pächter Busse be- wirtschaftet, wurde ein als Deputant beschäftigter Landarbeiter P. im vorigen Jahr entlassen. P. hatte seinen Dienstoertoag nicht innehalten können, weil seine Hofgänger sich anderwo lohnen- der« Arbeit suchten. Eine Klage vor der arbeitsgerichtlichen Spruch- kammer der Kreise Teltow und Niederbarnim fiel zuungunsten des Landarbeiters aus, da er leider einen Einzeldienstvertrag unter- schrieben hatte. Danach strengte der Gutspächter Busse auch Räu- mungsklage beim Amtsgericht Neukölln an, und der Landarbeiter wurde zur Räumung seiner„W erkwohnung"' ohne Gestellung von Ersatzraum verurteilt. In der Haupt- fache stützte sich das Amtsgericht auf das Urteil der arbeitsgerichtlichcn Spruchkammer. Herr Busse ließ später das Urteil durch einen Ge- richtsvollzieher vollstrecken. Er hatte aber als Gutsvorsteher zugleich die Pflicht, für eine Notunterkunft der Landarbeiterfamilie zu sorgen. Als Unterkunst wurde der Familie ein m u f f i g e r K e l l e r angewiesen, der etwa zwei Meter unter der Erde liegt. Dieses Loch ist etwa drei Meter breit und vier Meter lang, die Fenster sind etwa 50 Zentimeter hoch. Der Raum hat früher einmal als K a r t o s f e l- k e l l e r und dann zur Unterbringung von Schnittern gedient. Seit nun schon drei Monaten wohnt in ihm die Familie, die aus dem Ehe- paar und drei Kindern( im Alter von sllnf Jahren, von vier Jahren und von fünf Monaten) besteht. In dem Keller tummeln sich Mäuse und große Käfer, die in der Nacht den Schläfern über Hände und Gesicht laufen. Aus G ü t e r n ist das Vieh in Ställen unter- gebracht, die im Vergleich zu solchem Kellerloch als„Paläste" dezeichnet werden müßten. Es ist ein Skandal, daß derartige Zustände so nahe bei V e r l i n noch anzutreffen sind. Diese sogenannte Wohnung ist gesundheitsschädigend, aber die Familie wird hineingesteckt und mag sehen, wie sie sich behilft. Die Behandlung des Landarbeiters P. durch den Eutsvorfteher ist auch ein Beitrag zur Land- arbeiterfrag e. Die Arbeitgeber aus der Landwirtschaft klagen bei jeder Gelegenheit über die Landflucht der Arbeiter und vor allen Dingen darüber, daß die Arbeitsfreudigkeit, wie sie behaupten, sehr viel zu wünschen übrig läßt. Die Ersahrungen des Land- arbeiters P. auf dem Gut Schönfeld tragen gewiß nicht dazu bei, die Landfluckt einzudämmen oder die Arbeitsfreudigkeit zu heben. Die Herren Arbeitgeber mögen sich das gesagt sein lassen. An die Landarbeiter aber richten wir die Mahnung: Laßt euch auf keinen Einzeldien st vertrag ein. wenn er Be- stimmungen enthält, die im Gegensatz zu den Bestimmungen des Kreistarlfvertrag'es stehen. Chrenabend für Affnes Fahrenwald. Im Berliner Ratskeller vereint« sich ein Kreis älterer Ge- nossinnen zu einer schlichten, aber würdigen Geburtstagsfeier für unsere jetzt 7öjährige Dorkämpferin Agnes Fahrenwald. Der Raum war schier zu eng für die zahlreichen Gratulantinnen. Genossin Reichstagsabgeordnete Mathilde Wurm überbrachte die Wünsche des Bezirksvorstandes und zeichnete in treffender Rede ein Lebensbild von Agnes Fahrenwald: Stolzer Kampfesmut und froher Siegeswille— das sind die Grundzllge dieses' Lebens. Genossin Fahrenwald, die in erstaunlicher Frische an der Feier teilnahm, dankte mit launigen Worten für die vielen Ehrungen und bat scherzhast, daß ihr achtzigster Geburtstag genau so froh gefeiert werden möge. Sie erzählte aus ihren Kämpfen mit Volizei und Staatsanwalt manch' ernstes Stück. Gesang. Musik, heitere und ernste Kunst füllten den Abend aus. Die schöne Feier fübrt» uns die Verdienste jener Genossen und Genossinnen vor Auaen die unbeirrt ihrem Ziele zustrebten und den sieghaften Aufstieg der Arbeiterklasse selbstlos vor- bereiten halfen. In diesem Sinne verkörpert Agnes Fahrenwald eine Generation von Kämpfern, denen wir nur dadurch danken können, daß wir ihnen nachkämpfen. SPD Sportler. 4. Sreis. Montag, den 19. September 1927, 20' Uhr(8 Uhr abends), Sitzung bei Hoffmann, Lychencr Straße 8. Parteiausweis legitimiert. Sprech-Ehor für Proletarische Feierstunden. Di« Mitglieder treffen sich morgen. Sonntag. 5*9 Uhr, im Großen Schauspielhaufe. Eingang Schiffbau erdamm. Die„blaue Ouöe ff An der Germaniastraße in Tempelhof liegt die Ruine einer Fabrik, die vor zwei Jahren erbaut, aber me benutzt wurde. Vom Volksmund wird sie„blaue Bude" genannt. Sie dient« lange Zeit einer Zigeunerbande, die sich in den Kellerräumen niederge- lassen hatte, als Unterschlupf. Auf dem schönen grünen Rasen im Hauptsaal der Fabrik konnten sie ihre Pferde weiden lassen. Nach dem Abzug der Zigeuner fanden sich andere Besucher ein; sie nahmen Dachpappe, Zinkbe- schlüge, Türfüllungen und brachten durch ihre Liebhabertätigkeit die ff „blaue Bude" zu ihrem heutigen, trostlosen Aussehen. Nur der hohe, rote Schornstein und die blaue Paradefront nach der Straß« zu gibt dem Ganzen noch Schwung und Haltung. Wohl fanden sich findige Köpfe, die die weitläufigen Räumlichkeiten zu Auto- garagen, zu achtfachen Berbands-Kegelbahnen umgestalten wollten. Aber ihre Ideen konnten sie nicht verwirklichen. Dann erschien die Wohnungsbaugesellschaft.Landhilfe" auf dem Plan, errichtet« auf dem großen Grundstück, das die tote Fabrik umgebt, ein prächtiges Schild mit bunten Farben, die in lapidaren Sätzen verkünden:„Wir bauen hier Zwei-, Drei- und Vier-Zimmerwohnungen", aber Interessenten mußte man später vertrösten, denn vorläufig verlange der Besitzer des Fabrikgrundstückes einen zu hohen Preis. Wie es heißt, soll die Fabrik zur Erzeugung von Porzellan, oder wie andere sagen, von Schmirgelscheiben gegründet worden sein. Dann habe der Besitzer seinen früheren Betrieb im Ruhrgebiet wieder aufgenommen und leiste sich den Luxus einer neuzeitlichen Fabrikruine, die allerdings weiter keinen Zweck verfolgt, als lichtscheuen Zeitgenossen als Unterschlupf zu dienen und die Umwohner mit diesem Glanzpunkt der ganzen Gegend zu ärgern. Der vorbeifahrend« Fremde aber schüttelt ob der Wirtschaftlichkeit eines solchen Unternehmens in unserer so ganz auf „Rationalisierung" eingestellten Zeit verwundert den Kopf. die„innere Stimme"'. Unter dem Einflusi der„Wahrsagerin"! Im Moabiter Krimmolgericht, in dem gestern trotz Ende der Gerichtsferien eine völlige Stille herrschte, da sich der Uebergang zum ordnungsmäßigen Geschäftsplan nicht sehr bemerkbar machte, wird demnächst vor dem Schwurgericht des Landgerichts III ein psycho- logisch sehr interessanter Prozeß stattfinden. Der Angeklagte, der den Ehemann seiner Geliebten durch Revolverschüsse um das Leben brachte und deswegen des Totschlages beschuldigt ist, wird sich in diesem Progeß durch die Angabe zu ent- lasten suchen, eine innere Stimme habe ihm unwiderstehlich gesagt, er müsse diesen Mann umbringen, und von einer zu Rate gezogenen Wahrsagerin sei ihm dann der richtige Weg gezeigt worden, um die von ihm heißgeliebte Frau van ihrem Tyrannen zu befreien. Das angebliche Opfer dieser Wahrsagerin ist der 25iährige Arbeiter Meinard Wallt gor a. Seinerzeit verkehrte er viel in dem Hause des Glasermeisters Glaser, wodurch er oft Zeuge von ihren ehelichen Zwistigkeiten wurde. Diese Streitereien lösten bei ihm großes Mitleid mit der Frau aus, die ihm wiederum Mitgefühl und Verständnis für seinen Sprachfehler entgegenbrachte, der ihm von anderen Leuten sehr häusig Neckereien eintrug. Das so entstandene freundschaftliche Verhältnis ließ schließlich bei dem Ehemann«inen gewissen Argwohn auftauchen, und er verbot deshalb dem Walligora das Haus. Damit nicht genug, stellte er die beiden, die bisher gegen die eheliche Treue nicht verstoßen batten, eines Tages heftig zur Rede, und aus den als unberechtigt empfundenen Vorwürfen entwickelte sich dann bei ihnen ein starker Haß gegen den Ehemann. Als das Ehe» paar sich schließlich trennte, kam"es tatsächlich zu einem intimen Liebesverhältnis zwischen Walligora und der Frau, die ihn bald völlig im Bann hatte. Sein Ehrgefühl trübte die Beziehungen jedoch und da er deshalb glaubte, daß die von ihm geliebte Frau sich lösen wollte, dachte er an einen Selbstmord. Bevor er sich jedoch das Leben nahm, wollte er noch einmal den Ehemann zur Rede stellen. Da er mit einem Male Bedenken hatte, wie diese Auseinandersetzung verlaufen würde, ging er zu einer Wahrsagerin, um sie darüber zu befragen, ob Gläser sicb scheiden lassen würde und er die Frau heiraten könnte. Die Sibylle weissagte ihm nun, daß seine Mutter in den nächsten Tagen sehr schwer erkranken und er selbst „einen Menschen töten" würde. Als nun in den nächsten Tagen seine Mutter zufällig wirklich erkrankte, setzte sich der Ge- danke, er würde einen Menschen töten, der nur der Ehemann Glaser für ihn sein konnte, so fest bei ihm, daß er ihn rasch ausführte. Walligora begab sich nun eines Morgens zu dem jetzt bei seiner Mut- ter wohnenden Glaser, drängt« die ihm öffnende Mutter mit vorge- haltenem Revolver beiseite und stürzte an das Bett, in dem Glaser noch schlief. Dann gab er auf den Schlafenden mehrere Schüsse ab, an deren Folgen Glaser nach mehreren Tagen im Krankenhause starb. Er selbst stellte sich hierauf der Polizei. Ursprünglich wurde das Verfahren auf Grund dieser Umstände unter dem Gesichtspunkt des Mordes geführt. Die auf Veranlassung der Verteidiger vor- genommene Untersuchung des Geisteszustandes von Walligora ergab jedoch seine schwere geistige Minderwertigkeit und die Möglichkeit, daß er nur durch den Einfluß der Wahr- s a q e r i n zu der Tötung getrieben wurde. Deshalb wurde auch nur Anklage wegen Totschlages erhoben. Auto auf dem Bürgerfteig. Ein Automobilunfall, der nur durch einen Zufall noch verhältnismäßig glimpflich abgelaufen ist, trug sich gestern um 23 Uhr am Tempelhofer Ufer zu. Der Chauffeur eines Lastkraftwagens verlor beim Einbiegen in das Tempel- hofer Ufer infolge zu hoher Geschwindigkeit die Ge- wolt über die Lenkung, fuhr gegen einen Strahenbahnmast und landete schließlich in dem Voroarten des Grundstücks Tempel- hofer Ufer 3 7. Der eiserne Gartenzaun wurde in einer Länge von 15 Metern umgerissen? der Lastkraftwagen wurde schwer beschädigt. Der Fahrer und ein Mitfahrer blieben wie durch ein Wunder unverletzt. Die Feuerwehr der Wache am Hafenplatz erschien bereits zwei Minuten später an der Unfallstell« und brachte mehrere Benzinfässer, die zwischen den Trümmern lagen, in Sicherheit. Da der Lastkraftwagen kein Verkehrshindernis bildete, wurde dieser erst in den heutigen Morgenstunden nach fast zwei- stündiger Arbeit geborgen. Kurz zuvor hatten noch mehrere Passanten die Unfallstelle passiert, um«in Haar wären sie von dem Lastkraftwagen erfaßt worden. Vor dem Hause Sedanstraße 76 zu Weißensee. ereig- nete sich gestern ein tödlicher Straßenunfall. Beim Ueber- schreiten des Fahrdammes wurde der vierzigjährige Arbeiter Willi B e r g e l aus der Sedanstraße von einem Lastkraftwagen überfahren. B. trug schwere innere Perletzungen davon und muht- in bewußtlosem Zustande in das Weißenseer Krankenhaus übergeführt werden, wo er kurze Zeit nach seiner Einst eserrmg st»rb. Die Schuldsrage ist noch nicht geklärt, Eifersuchtstragödie. Die frühere Verlobte niedergestochen. Eine Eifersuchtstragödie spielte sich gestern um 22 Uhr in der A r n d t st r a ß e ab. Die 27jährige Kontoristin Frieda Bade aus der Zlrndtstr. 16 war mit dem gleichaltrigen Klempner Paul K ö h- l e r aus dem Nachbarhause Nr. 18 verlobt. Das Mädchen wollte aber das Verlöbnis lösen und versuchte wiederholt, Köhler auch de» Ring zurückzugeben. K. war aber damit nicht einverstanden und wurde mehrmals bei seiner früheren Verlobten und deren Eltern vorstellig, ohne jedoch etwas zu erreichen. Gestern abend versucht« er, sich dem Mädchen wieder zu nähern. Es kam zu einem Streit, in dessen Verlauf K. plötzlich ein dolchartiges Messer her- vorzog und auf die ihm Gegenüberstehende blindlings ein- stach. Schwer verletzt brach das Mädchen zusammen. Passanten, die auf die Hilferufe herbeieilten, alarmierten das Uebersallkom- mando, das für die Uebcrfllhruug der Schwerverletzten in das Urban-Krankenhaus sorgte, wo tiefe Messerstiche im Gesicht, an den Armen und Händen festgestellt wurden. Ihr Zustand ist ziemlich bedenklich. Der Täter war in der ersten Ausregung in seine Wohnung entkommen, wo er sich umkleidete und dann ver- schwand. Er konnte bisher noch nicht ergriffen werden. Mit- teilungen über seinen Verbleib sind an die Kriminalpolizei beim Polizeiamt Kreuzberg zu richten. Partei und Reichsbanner. In einer Mitgliederversammlung der 9. Abteilung sprach vor einigen Tagen Genosse St e l l i n g über die Zusammenarbeit der Sozialdemokratischen Partei mit dem Reichsbanner. Zu der Vttsammlung war das Reichsbanner zahl- reich erschienen. Der Referent gab in seinen Ausführungen einen Rückblick über die Arbeit im Dienste der Republik. Erst nachdem die Rechtsverbände mit Terror die Bevölkerung zwangen, die Rechtsparteien zu wählen, war die Sozialdemokratische Partei mit der Gründung einer Schutztruppe der Republik einverstanden. Wenn das Reichsbanner nicht vorhanden wäre, so müßte es heute noch gegründet werden. In allen politischen Wahlkämpfen hat das Reichsbanner auf der Seite der Parteien gekämpft, die für den sozialen Ausbau der Republik eintreten.' Wir brauchen heute das Reichsbanner, um einmal«ine wirksame Propaganda für die Republik in den Landbezirken durchzuführen, wo bisher wenig Aufklärungsarbeit geleistet wurde. Das Endziel des Reichsbanners ist nicht die Republik schlechthin, sondern die soziale Republik. Um diese Aufbauarbeit am Staate zu leisten, arbeiten Partei und Reichsbanner zusammen. In der sehr ausführlichen Diskussion sprachen Genossen, die bisher von der Reichsbannerbewegung nichts wußten, ihr« Anerkennung über die Arbeit des Reichsbanners aus. Di« Partei hatte den Erfolg, zehn Neuaufnahmen in dieser Versammlung machen zu können. Gegen das Reichsschulgeseß. Am Donnerstag veranstaltete die Sozialistische Arbeiterjugend, Wcrbebezir>»P renzlauer Berg, eine überfüllt« öffentliche Kundgebung gegen das Reichsschulgesetz des Bürgerblocks. Der Reserent der.Kundgebung, Genosse F a u st,»er- stand es, in kurzen, treffenden Worten die Gefahren dieses Reichs- fchulgesetzentwurses aufzuzeigen. Er fand stürinische Zustimmung. Die Versammlung nahm dann einstimmig unter Beifall der Ver- sammlung eine Entschließung an, die sich gegen den Entwurf richtete. Ein Pakek mit Büchern wurde am 17. September in dem Vorortzug Rüdersdor f— S chlefifcher Bahnhof, der früh 7,07 Uhr von Rüdersdorf abfährt, auf dem Schlesischen Bahnhof von einem Reffenden vergessen. Da als Finder nur ein Mitreisender, der den„Vorwärts" las, in Betracht kommt, wird dieser gebeten, die Bücher bei Schenk, Berlin, Alexandrinenstraße III, abzugeben. Berlin— Moskau. Im Moskauer internationalen Telephonamt fand am 16. Sep- tember ein direktes Gespräch zwischen Moskau und Berlin statt. Moskau rief die Sowjetbotschaft in Berlin an. Es war eine gute Verständigung möglich. FamUiendrama im Rieseugebirge. Auf der böhmischen Seite des Riesengebirges, in Ober- r o ch l i tz, hat sich am Sonnabend eipe gräßliche Familientragödie abgespielt. Das Fabrikarbeiterehepaar Emil und Julie Enge lebte seit langer Zeit in Streit, da die Frau sehr eifersüchtig ist. Als nach einem Streit in der Fabrik die Frau heimkam und ihren Mann noch nicht zu Hause fand, geriet sie in furchtbare Aufregung. Sie schickte ihre Mutter einkaufen und schloß sich mit ihren beiden Knaben im Alter von einem Jahr und vier Jahren ein. Dann ermordete sie ihre Kinder m-t einem Rasier- messer. Die Frau lief dann auf den Dachboden und wollte sich erhängen, wurde aber gestört. Daraus sprang sie in den Fabrik- teich, fand aber auch hier den Tod rncht. Dann wollte sie sich an ewem Baum erhängen, wurde aber jetzt ebenfalls bemerkt und ins Krankenhaus gebracht, Immer noch hohe flrbeitsloflgteit. Die Arbeitslosenzahlen in den Gewerkschaften. Nach der vom Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund auf- genommenen Statistik über die Arbeitslosigkeit in den ihm ange- schlossenen Gewerkschaften waren Ende August 1927 S,1 Proz. der Mitglieder arbeitslos gegenüber S,6 Proz. End« Juli, während 2,8 Proz. oerkürzt arbeiteten, gegenüber 2,6 Proz. Ende Juli. Während also die durchschnittliche Arbeitslosenziffer gegen- über dem Bormonat um 0,5 Proz. zurückging, ist die Zahl der verkürzt arbeitenden Mitglied«? um 0,2 Proz. g e st i e g e n. Rechnet man die Hälft« der Kurzarbeiter als Vollerwerbslose um, so waren Ende Juli 6,9 Proz. der Mitglieder arbeitslos, End« August dagegen 6,5 Proz. Der Rückgang ist so minimal, daß man von einer Stabilisierung der Arbeitslosigkeit im August sprechen kann. Untersucht man die Arbeitslosenziffern nach Berufen, so fällt auf, daß s«lbst in den Berufen, wo gegenwärtig Hoch- k o n j u n k t u r sein sollte, die Arbeitslosenziftern sich, an Vorkriegs- Verhältnissen gemessen, in Krisenzahlen bewegen. So berichten Baugewerksbund und Zimmererverband über eine Arbeitslosigkeit von 8,8 Proz., während die Maler sogar 5 Proz. der Mitglied«? als arbeitslos melden und die D a ch d e ck e r 5ch Proz. Arbeitslose und 1,5 Proz. Kurzarbeiter haben. Bei den G ä r in e r n beträgt der Prozentsatz der Arbeitslosen die ungeheure Ziffer von 12,7. Katastrophal, ganz besonders mit Rücksicht auf ihre Hartnäckig- keit, ist die Arbeitslosigkeit bei den H u t a r b e i t e r n, wo sie 25,7 Prozent b«trägt, wozu noch 2,3 Proz. Kurzarbeiter kommen. Auch die Bekleidungsarbeiter haben eine außerordentlich starke Arbeitslosigkeit: 13,9 Proz. Arbeitslose und 11 Proz. Kurzarbeiter. Di« Schuhmacher haben eine sehr starke Arbeitslosigkeit: 7,8 Prozent Arbeitslose, 9,6 Proz. Kurzarbeiter. Diese Zahlen zeigen, daß der Jnlandoerbrauch, die Kaufkraft der großen Massen bei weitem noch keinen Schritt hält mit der Produktion. Auch in der Lebensmittelindustrie ist die Arbeits- lcsigkeit eine sehr hohe. Die Fleischer verzeichnen 14,8 Proz. Arbeitslose und 2,9 Proz. Kurzarbeiter. Eine fast ebenso hohe Arbeitslosigkeit weist der Nahrung?- und Genußmittel- a rbe ite r- Verb and auf mit 10,8 Proz. Arbeitslosen und 9,7 Proz. Kurzarbeitern. Hier müßte einmal ganz energisch gegen die Lehrlingszücht«rei vorg«gangen w«rden, die in diesen Berufen wesentlich zur Erhöhung der Arbeitslosigkeit beiträgt. Immer noch sehr hoch ist die Arbeitslosigkeit im Holz- arbeiteroerband mit 8,3 Proz. Arbeitslosen und 3,4 Proz. Kurzarbeitern. Die Sattler, Tapezierer und Porte- seuill«r verzeichnen die hartnäckigen Krisenziffern von 14,7 Proz. Arbeitslosen und 7,3 Proz. Kurzarbeitern. Auch die' Leder- arbeiter liegen mit 6,9 Proz. Arbeitslosen und 3,1 Proz. Kurz- arbeitern noch wesentlich über dem Durchschnitt. Erheblich zurückgegangen ist die Arbeitslosigkeit b«i den Metallarbeitern, wo sie aber immerhin noch 5,4 Proz. beträgt, wozu noch 2,4 Proz. Kurzarbeiter kommen. Schlimm sieht es auch bei den Tabakarbeitern aus: 7,3 Proz. Arbeitslose und 8,8 Proz. Kurzarbeiter. Alles in allem zeigt die Erhebung der Gewerkschaften, daß wir noch weit davon entfernt sind, die Krise überwunden zu haben. Zu einem Zeitpunkt, wo das Baugewerbe und die Landwirtschaft ent- lastend und befruchtend auf den Arbeitsmarkt zurückwirken, ist eine Gesamtziffer der Arbeitslosigkeit von 6,5 Proz. ein Zeichen, wie ungesund unsere Verhältnisse sind. Immer noch leidet der Markt a» der mangelnden Kaufkraft der großen Verbrauchermassen. Immer »och sind die Löhne viel zu niedrig, ist die offene»der versteckt« Gewinnmarge viel zu hoch. Ausgerechnet diesen Zeitpunkt haben sich die Unternehmer ausgesucht, um aus„grundsätzlichen" Er- wägungen es zu Riesenlohnkämpfen zu treiben. Gerade im Interesse d«r Gesundung dieser Verhältnisse müssen die Gewerk- schasten mit allen Kräften diese Kämpfe durchfechten. hochbahngesellfthast unü �rbeiterfthafl. Der Zcntrolverband der Hotel-, Restaurant- und Caföangeftellt«n schreibt uns: Durch den Abbruch der Häuser am Al«xanderplatz für den Bau der Untergrundbahn werden auch vier gastwirtschaftliche Betriebe geschlossen. Die Unternehmer bekommen für das Aufgeben ihrer Betriebe hohe Abfindungssummen, mit denen sie sich sehr leicht eine neue schuldenfreie Existenz gründen können. Für die dabei arbeitslos werdenden Gasthaus- angestellten scheint die Verwaltung der Hochbahn keinerlei Interesse zu haben. Wenn d«r Standpunkt.einer Abfindung Berechtigung haben soll, dann doch nur so, daß alle Staatsbürger mit gleichem Maß gemessen werden. Unter den beschäftigungslos werdenden Angestellten befinden sich Arbeitnehmer, die über zehn Jahre in dem betreffenden Betrieb beschäftigt waren, und denen es in der jetzigen Zeit geradezu unmöglich wird, in ihrem vor- geschrittenen Alter eine neue Existenz zu finden. Ein gesetzlicher Schutz steht den Arbeitnehmern in diesem Fall nicht zur Seite. Der Zentraloerband der Hotel-, Restaurant- rmd Caseangestellten war deshalb beauftragt, bei der'HochbahngefeUschaft Entschädi- g u ii g s a n s p r ü ch e i» der Höhe zu stellen, wie sie das Bctriebsrätegefetz bei Entlassungen, die ein« unbillige Härte bedeuten, vorsieht. Die Hochbahngesellschaft hat diese Forderungen abgelehnt, mit dem Bemerken, diese Ansprüche bei den Ardeitgebern geltendzumachen. Wer die Einstellung der gastwirtschaftlichen Arbeitgeber kennt, wußte von vornherein, daß dieser Weg vollständig aussichtslos ist. Es wäre zumindest richtiger gewesen, wenn die Hochbahngesellschaft einen Teil der Entschädigungsansprüche den Arbeit- gebern in Abzug gebracht und für die Arbeitnehmer sichergestellt hätte. Die kapitalistisch eingestellte Verwaltung der Hochbahn hat diesen Weg abgelehnt, und glaubt die Angelegen- heit damit«rledigt zu haben. Nunmehr haben die Vertreter der Arbeiterschaft im Stadtparlament das Wort, um einen gerechten Ausgleich herbeizuführen Es kann nicht angehen, daß mit zweierlei Maß gemessen wird, daß dem einen Staatsbürger die aufgegebene Existenz reichlich entschädigt wird und der andere arbeitslos auf die Straße gesetzt wird, wenn aus Gründen des Gemeinwohls der Betrieb geschlossen werden muß. Neichsverkehrsminister und Arbeiter. Die soziale Einstellung des Herrn Koch. Uns wird geschrieben: Im Jahre 1926 wurde die Heuernte im Borflutgeländ« der Elbe, Oder und deren Nebenflüsse durch mehrere Hochwasserwellen ver- nichtet. Die Vertreter der Landwirte, besonders die Großagrarier, schrien ihre Not ins Land und forderten die Hilfe des Staates und des Reiches, die ihnen auch reichlich zuteil wurde. Ob immer absolute Bedürftigkeit und die behauptete Notlage vorlag, wollen wir nicht untersuchen. Von diesen schädigenden Hochwasserwellen wurde auch eine größere Zahl der Arbeiter der Reichswasserstraßen- Verwaltung betroffen, ohne daß ihnen Hilfe zuteil wurde. Die an den Wasserstraßen beschäftigten Arbeiter des Reiches sind in ihrer Beschäftigungsdauer u. a. von den Wasserständen abhängig. Durch die Hochwasscrwelle des Jahres 1926 sind eine erhebliche Anzahl Streckenunterhaltungsarbeiter weniger wie 150 Tage beschäftigt worden, so daß das Lohneinkommen äußerst gering war. Wollen diese Arbeiter bei dem geringen Arbeitsein- kommen nicht verhungern, dann müssen sie durch landwirtschaftlichen Betrieb sich Nebeneinnahmen verschaffen. Sie pachten sich Land, Wiesen von der Wasserstraßenverwaltung, die im vorigenJahre infolge des Hochwassers keinen oder geringen Ertrag brachten. Das Ersuchen der Arbeiter um Erlaß oder Herabsetzung der Pacht in diesem Jahre ist vom Reichsverkehrsminister abgelehnt worden, obgleich auch in diesem Jahre Hochwasserwellen den Ertrag ver- ringerten. So sieht die vom Reichsverkehrsminister in einer Berichtigung an den„Vorwärts" behauptete soziale Einstellung des Reichsver- kehrsministers aus. Den Landwirten wurde von dem Reich und Staat geholfen, für die Arbeiter, bei denen infolge der kurzen Beschäftigung 1926— auch in diesem Jahre erfolgte nur eine Beschäftigung von wenigen Monaten— wirklich«ine Notlage vorliegt, wird vom Reichsverkehrsminister der Erlaß der Pacht abgelehnt. Gewerkschaftliche Aktion für flrbeiterferien. (JGB.) Der dem JGB. angeschlossene Niederländische Gewerk- schastsbund hat beschlossen, zur Unterstützung der Kampagne zu- gunsten der Arbeiterferien in der Zeit vom 4. bis 18. September in zahlreichen Orten Versammlungen im Freien abzuhalten. Am 4. September fanden bereits in 11 Orten solche Versammlungen statt. Die Gesamtzahl der Demonstranten bezifferte sich auf 44 000 Per- sonen. Das gefthunöene flrbeitszeitgesetz. Ein Schlichter erklärt die 9. Arbeitsstunde zuschlagfrci Freiwillig wollte die„Mitropa" zunächst keinen Zuschlag für Mehrarbeit zahlen. Schließlich aber machte sie doch ein Angebot von 5 Proz. für die neunte und 10 Proz. für di« zehnte Arbeits- stunde, das sie dann noch auf 10 bzw. 15 Proz. erhöhte. Nach Ab- lehnung dieses Angebots durch die beiden Arbeiterorganisationen rief di«„Mitropa" den Schlichtungsausschuß an. Der Schlichtungsausschuß legte in seinem Schiedsspruch sür das Fahr- personal in den Speisewagen einen Zuschlag von 25 Proz. für die zehnte und folgenden Arbeitsstunden fest. Die neunte Ar- beits stunde sollte Zuschlags?«! sein! D'e Arbeiteroerbände ersuchten daraus den Reichsarbeits- minister, da es sich um«in über das ganze Reich erstreckendes Unternehmen handelt, einen Schlichter zu ernennen. Bestellt wurde dafür der Sekretär und Referent Bau«r aus dem Reichsarbeits- Ministerium. Dieser schlichter mochte sich in der Hauptsache den Schiedsspruch des Schlichtungsausschusses zu«igen, nur daß er den Zuschlag, soweit er bereits zuerkannt war, erhöhte. Eine Begrün- dung für di« Befreiung der neunten Stund« vom Zuschlag ist nicht angegeben. Da Arbeitsbereitschast im Tarif nicht vorge- sehen und im Betrieb auch gar nicht in Betracht kommt, so bleibt nur die Annahme übrig, daß die in der neunten Stunde geleistete Arbeit als„Vorbereitungs- und Ergänzung s- arbeit" angesehen wird. Der Antritt des Speisewagenpersonals erfolgt«ine Stunde vor Abfahrt des Zuges. In dieser Stunde ist eine außerordentlich i n t e n s i v e T ä t i g k c i t bei der Uebernahme der Waren und in der Küche bei der Zubereitung der Speisen notwendig, so daß das Personal bei Zügen auf allen großen Strecken aus eigenem Antrieb, um nur fertig zu werden, erheblich früher zum Dienst erscheint. An diesen Arbeiten ist die g a n z e B e l- g- schast der Speisewagen beteiligt.. Wenn der Schlichter diese Arbeit als V o r b e r e i t u n g s a r b e i t ansieht— ausgesprochen hat er das ja nicht—, so wären wir ihm sehr verbunden, wenn er uns sagte, unter welche Kategorie der vom Reichsarbeitsminister bezeichneten Dorbereitunqsarbeiten�er diese einrangiert. Auch sonst steht diese Entscheidung des Schlichters mit dem A r b e i t s z e i t g e s e tz nicht im Einklang. Die bei der Mitropa beschäftigten Kellner werden durch ein vom Gast zu zah- lendes Bedienungsgeld von 100 Proz. auf den Rechnungs- betrag entlohnt. Als Mindesteinkommen garantiert die „Mitropa" für den Oberkellner 220 M. und für den Wagenkellner 130 M. monatlich. Tatsächlich gehl das Einkommen meistens über die sehr bescheidenen Garantielöhn« hinaus. Der Schlichter bestimmt, daß der Zuschlag aus dem Gara» tielohn zu«rr«ch. nen ist. Das Arbeitszeitgesetz spricht aber nur vom Lohn, und Syrup sagt in seinem Kommentar sehr richtig, daß der effek- t i o e Lohn zugrunde zu leg«n ist. Die Köche. KkichemnSdchen rnib SftSerputze? de?«peffewag«, erhalten neben einem festen Wochenlohn noch Proz. bi» IMt Proz. vom Umsatz. Auch hier bestimmt der Schlichter ganz selbstherrlich, daß der Zuschlag nur aus dem festen Wochenlohn zu errechnen ist. Also nicht nur den Zuschlag sür die neunte Arbeits- stunde schenkt der Schlichter der„Mitropa", sondern er laßt auch noch«inen erheblichen Teil des Lohnes für die zehnte Stunde zu- s ch l a g f r e i.-- Diese Entscheidung befremdet um so mehr, als den im selben Tarifverhältnis stehenden Lagerarbeitern der Zuschlag für die neunte Stunde und entsprechend den tatsächlich«» Löhnen zugesprochen werden mußte. Wenn derart vom Reichsarbeitsminister bestellte Schlichter mit dem Gesetz und den Interessen der Arbeiter und Angestellten Schindluder treiben, dann ist es die doppelt« Pllicht dieser Arbeiter und Angestellten, ihre Sache se l b st in d i e H an d zu nehmen und zu diesem Zweck sich restlos ihrer Organisation, dem Zentralverband der liotel-, Restaurant- und Cafe-Angestellten, anzuschließen.__ Arbeitspflicht und kinöespflicht. In einem bürgerlichen Haushalt war ein Mädchen als Haus« a n g e st e l l t e beschäftigt. Ihr« Mutter erkrankt«, ihre kleinen Geschwister im Haushält der Mutter waren unversorgt. Das Mädchen versuchte, von seiner Stellung loszukommen, um die kranke Mutter zu pflegen und � die Geschwister zu be- treuen. Die Hausfrau wollte von einem sofortigen Ausgeben der Stellung nichts wissen. Das Mädchen folgte dem Zuge ihres Herzens und ging eigenmächtig zur Mutter. Das war menschlich durchaus zu begreifen, abei nach dem Buchstoben des Gesetzes hat das Mädchen den Arbeitsvertrag gebrochen, denn es hat ohne Kündigung die Stellung verlassen. Vor dem Arbeitsgericht verklagte der Arbeitgeber das Mädchen auf Schodenersatz. Er fordert« von der Beklagten, die bei ihm einen Monatslohn von 35 Mark hatte, 23 Mark, denn er habe dem neuen Mädchen«inen erheblich höheren Lohn zahlen und eine Waschfrau annechmen müssen, welch« die von der Beklagten vorbereitete groß« Wäsche habe ausführen müssen. Die Beklagt« berief sich daraus, daß sie in ihrer Lage gar nicht anders habe handeln können, denn die Pflicht gegen Mutter und Geschwister stehe ihr doch höher als die Pflicht gegen den Arbeitgeber. Sie sei auch gar nicht in der Lage, dem Kläger etwas zu zahlen, denn von ihrem Verdienst müsse sie ihre Mutter unterstützen. Das Gericht kam zu dem Standpunkt, der Arbeits- vertrag müsse erfüllt werden. Das Verlassen der Stellung sei an sich unberechtigt, aber auch die Forde- rung des Klägers sei in ihrer Höhe nicht begründet, denn bei der heutigen Lage des Arbeitsmarktes hätte der Kläger sehr wohl eine Ersatzkraft finden können sür den gleichen Lohn, den die Beklagt« erhalten hatte. Zur Bezahlung d«r Waschfrau würde di« Beklagt« nur dann herangezogen werden können, wenn sie die Verpflichtung übernommen hätte, die große Wäsch« selbst auszuführen, was aber nicht festgestellt sei.— Aus Anraten des Gerichts kam ein Vergleich zustande, wonach die Beklagte dem Kläger einen Schad«nersatz von 2 Mark zu leisten hat. Damit ist also grundsätzlich anerkannt, daß die Kindes- pflicht hinter der Vertragspflicht zurückzustehen hat. Mag das auch dem Buchstaben des Gesetzes entsprechen, das Gefiihl der Menschlichkeit kann sich damit nicht abfinden. Lohnkampf in Gftsachsens Textilinöuftrie. Ergebnislose Verhandlungen. Zittau, 17. September.(WTB.) In der oft sächsischen Textilindustrie haben die Gc- werkjchaften die L o h n t a r i f e sür Ende September gekündigt. Die Gewerkschaften fordern eine Lohnerhöhung von 20 bis 32 Proz. Ueber die Forderungen ist heute verhandelt worden, der Arbeitgeberverband lehnte ab. Die Verhandlungen sind er- g e b n i s l o s oerlausen, der Arbeitgeberverband hat den Schlich- tungsausschuß angerufen. Theater See Woche. Vom 18. September bis SK. September 1SS7. tfoll-bühok. Theater am Bülowplatz: Bis IS. Ein Eommernachtstraum. Ab 20. Kabale und Liebe. Theater am Kchiffbaucrbamm: George Dandi». Zhalia-Theater: Ger rote Hahn.— O?cr am Plag der Republili 18. Boris Godunow.'lü. Othello. 20. Barbier von Bagdad. 2l. Aigolelt». 22. Hoff» mann» Erzählungen. 2Z. Die veriauftk Braut. 24. Die ZSalkilre. 25. Marga. rethe. 26. Der Bampiir.— Städtifibe Ooer. Charlotten barg: ls., 21. Djamileh, Cavalleria Rusticana. 19.. 23. fsalftaff. 20. Der arme Heinrich. 22. Aida. 24. Turandot. 25. Der Wasserträger. 26. Elcltra.— Schanspielhau» S'N, darmeamartt: 18., 20. tzlorian Gener. IS., 24.. Maß für Maß 21. Ein besserer Herr. 22., 23., 25., 2g. tzilnf von der Jazzband.— Schiller. Theater: 18., 20., 25. Im weißen Siößl. IS., 21., 22., 24., 2b. Herodes und Mariamne. 23. Prinz Friedrich von Homburg.— Deutsches Theater: Troilus und Crcssida. — ttammcrfpiele: Ihr Mann.— Die tlomödie: Zinse».— Theater am Rollen. borsplatz: Hoppla, wir leben!— Theater in de« ttSniggräßer Straße: Der dreimal tote Peter.— ttomöbienhau»: Dnbuk.— Große« Senausptelh»»»: Der Mitado.— Theater de» Westen«: 18. Die Tugendprinzcssin. IS., 20. geschlossen. Ad 21. Eine s,rau von tzormat.— Deutsche» SLnftler.Theater: Die Dame von Morim.— Lustwielhau«: Filmromantik.— Lcssing. Theater: flünig Heinrich TV. — Theater am»ursürstenham«: Da» bist d».— Trianon, Theater: flopi oder Schrift?— geiztral-Theater: 19., 20., 21. Der Herr Brrtcidiger. 22. geschlossen. Ad 23. Die geschiedene Frau.— Theater in der Sammandautenstraße: Ehrliche Arbeit.- Berliner Theater: Leoni«.— Reue» Theater am Zao: Bi» 22. Der lustige Thoma-Abcnd. Ab 23. Sensation.— Die Tribllae: Spiel im Schloß.— Reuaifiauec. Theater: Poliche.— Walhalla. Theater: Am Rlideshcimrr Schloß steht eine Linde!— Role. Theater: 18. Die Frau ohne Luß. Ad IS. Die Maschinenbauer von Berlin.— Casino-Theatcr: Ihr dunkler Fleck.— Theater i» der Itlosterstraß«: 18., 20., 21., 24., 2b. Da» alt« Kölner Spiel von Jeder. mann. Borher: Das Apostelspiel. IS. Weidsteufel. 22. Gespenster. 23., 25. Lieb».— Schl-ßpark-The-ter Steglitz: 17., 18., 20., 21., 28., 24., 25. Anneliese von Dessau. 19. Minna von Bornhelm. 22. Schmuggler.— Theater in der Ltitz-wft raße: Bis 21. Das Mädel vom Rhein. Ab 22. Eine galante Nacht. — Theater im Admiealspalast: Wann und Wol— Wintergarten: Variete.— Seal»: Internationales Variete.— Reichshaklen-Theate«: Etettiner Sänger.— Theater am ktstthusse« Tar: Elite-Sänger. Rachmittagsarraastaltunaea. Große» Schaulpielhus: 18., 25. Der Mikado.— Triansa-Thrater: 18. So»in Mädel. Walhalla-Theatc«: 18., 25. Sänsel und Gretel.— Rol». Theater: 18., 25. Die Frau ohne Kuß.— Theater s» he» Klosterstraße: Ist. Liede.— Seal«: 18., 24., 25. Internationales Variete._ Relchshassen-Theater: 18., 26. Stettiner Sänger.— Theater am Ksttbusser Tor: 18., 25. Elite-Sänger. Berantwortlich Nlr Politik: Richard Bernstei»! Wirtschast:«. Kltngelhöser! Gewerkschaftsbewegung: Z. Steinet; Feuilleton: John schikowski; Lokales und Sonstiges: Fritz Karfiäd«! Anzeigen: Th. Slock«; sämtlich in Berlin. Verlag: Borwärts-Berlag G. m. b H., Berlin. Druck: Borwärts-Buchdruckeret und Verlagsanstalt Paul Einger u Co.. Berlin SW 68, Linden straße 3. Das praktischata Geschenk zur Einsegnung Armband-«der lasdienuhr Goldene Damen-Armbandubren von Mk. 26.— an Silberne Herren-Armbandabren von Mk. 17.— an Großes Lager in allen Qualitäten u. 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