Abendausgabe Nr. 447 ♦ 44. Jahrgang Ausgabe B Nr. 221 v«,us«be!>Inzu»se» und Antigen»«!?« sind in der Morsenausaad« anzegeb«» »«»akNo»: Zw. M, Cintcnftcofic» 9na|pt(4*t: VSah»ff 292— 297 S«L'K»c»f|*: Sojinlftemofrol Betlia 1 orwarf Derltnev VolKsblAkt (�10 PLennig) Mittwoch 21. September 1�27 Verlag und Änzeigenadteilai�g! Geschäftszeit 8� dt» 5 Uhr Verleger: vorwärts- Verlag GmbH. Berlin SB». 68, CinOenftcafe* 3 Fernsprecher: VSnhoft 292— 23« �entralorgan cier 8o2iaI: die deutsche Modewirtschost hat das Recht zu Weltwirtschaft- lichcr Geltung, wenn ihre Leistung sich weiterhin auf Qualität und Geschmack gründet. Ferner verfolgt man mit der Ausstellung den Zweck, das angebliche Vorurteil des kaufenden Publikums gegen ausländische Modcerzeugnisse zu bekämpfen. Dabei will man aber nicht etwa den internationalen Charakter der Mode in eine söge- nannte„deutsche Mode" umprägen. Die Modeindustrie sieht eine gewisse Gefahr in den Bestrebungen, die Kleidung zu normali- sieren. Und es muß zugsgeben werden, daß die Ausstellung diese Gefahr verineidet, denn sie ist reichlich bunt und mannig- saltig und es gibt kaum zwei Kleider, die einander sehr ähnlich sihen. Aber die Gefahr besteht trotzdem, denn gerade das billige Genre wird in der Massenherstellung typisiert, und davon zeigt die Ausstellung nichts. Man will serncr den Beweis erbringen, daß die Pariser und französischen Erzeugnisse den deutschen nicht überlegen sind, daß die deutsche Mode sich aber den Anregungen der Pariser Mode anpaßt. Aus diesem Grunde ist die deutsche Samt- und Seidenindustrie besonders stark vertreten und man stellt die Krefelder Erzeugnisse bewußt in den Konkurrenzkainps mit den französischen. Aeynlich verhält es sich mit der reich vertretene» Parsümericindustrie. Die Galerie de« Hause, im Obergeschoß zeigt m sehr hübsch gestellten Bildern die Kopfschmerzen, die die Dame von„Morgens bis Mitternacht'' hat. Das ist natürlich alles vom Standpunkt der Leute aus gesehen, die keine weireren Sorgen haben, und wirkt in der Verallgemeinerung doch ein bißchen zu auffällig. Die Dame. die sich hier in 34 Etappen durch den Tag schläirgelt, hat in der Tat nichts anderes zu tun, als sich darum zu scrgen, wie man sich anzieht. resp. anmalt. Die Frau ist vollständig zur Puppe geworden und das wirkt in hohem Maße ent- st e l l e n d. Es ist im übrigen amüsant, zu sehen, wie in dem offi- ziellcn Ausstellungskatalog gewissermaßen nach Entschuldigungen ge- suäst wird, um diesen übertriebenen Luxus zu erklären. Das geschieht manchmal recht willkürlich, denn es ist eben nur möglich, allgemein- wirtschaftliche Gründe dafür gelten zu lassen. Aus Anlaß der Modeausstellung wird eine ganz amüsante Revue in 22 Bildern mit einer Musik von Hugo Hirsch im Theatcrsaal des Funkhause» gespielt. Wenn man davon absieht, baß auch hier die Frau als dumme und verwöhnte Puppe des Mannes behandelt wird, gibt es ein paar Szenen von scharfer Satire, die sich auch in dos Politiiche himiberwagt. So z. B. wenn Siegfried Arno von der Borliebe für alles Fremdländische erzählt und dabei er- wähnt, daß wir wohl die Fahnen aller Länder hissen, aber nicht die eigene. Das wurde mit ostentativem Beifall aufgenommen. Die Rcoue ist leider etwa» zu langatmig geraten und Streichungen wären sehr angebracht. Wenn sich die Modeangelegcnheiten de» Mannes auch nicht in solch prunkhaft ausgebauten Formen bewegen, wie die der Frau. o gibt es doch auch für den Mann einen modischen Saijonwcchsel, Drittes Todesopfer beim Tunnelemsturz An der Unglücksstelle. Das schwere Einsturzunglück in Eharlottenburg hat noch ein drittes Opfer gefordert. Die erste Annahme, daß unter den Sondmassen kein weiterer Arbeiter begraben sei, hat sich leider nicht bestätigt. Beim Forträumen der Balken und Holzteil« stießen die Arbeiter aus«inen weiteren Toten. Im nächsten Augenblick rutsch- ten jedoch erhebliche Sandmassen nach, so daß die Arbeiter weitere Bergungsversuche, um nicht selbst verschüttet zu werden, ausgeben mußten. Bersteifungen, die provisorisch angebracht wurden, hielten dem Druck der nachstürzenden Sandmassen nicht stand und so wurde die Leiche abermals v e r j ch ü t t et. Nach den Ermittlungen handelt es sich bei dem Toten um den Arbeiter Ernst R ö d i n g, dessen Wohnung noch unbekannt ist.— Das Befinden des schwer- verletzten Arbeiiers van Run, der in das St.-Hildegard-Kranken- Haus übergeführt wurde, ist zufriedenstellend: es besteht keine Lebens- gesahr mehr.— Inzwischen ist es auch gelungen, die Personalien des getöteten Arbeiters, dessen Name gestern nicht mehr festgestellt werden konnte, zu ermitteln. Es handelt sich um den Zimmermann Richard Böge aus der Kolonie Westend, Laube 109. Die Aufräumungsarbeiten wurden während des gestrigen Nachmittags fortgeführt und bi« in die Nachtstunden hinein mit größter Beschleunigung betrieben. Gegen 6.50 Uhr waren die Aufräumungs- und Absteifungsorbeiten so weit gediehen, daß der Stadtbahnverkehr, der bis dahin eingleisig, durchgeführt werden mußte, wieder in vollem Umfange ausgenommen werden konnte.— Die Schuldfrage ist noch immer nicht einwandfrei geklärt. Es wird immer wieder betont, daß die Regenmengen, die in den letzten Tagen niedergegangen sind, die Absteifungen unterspült haben, so daß die eisernen T-Träger dem gewaltigen Druck der Sand- Massen nicht mehr stand hielten. Unter Berücksichtigung dieser An- nähme bleibt trotzdem unerfindlich, worum die Bauleitung, als sich bereits in den Vormittagstunden verdächtige Geräusch« in den Spundwänden bemerkbar machten und mehrere Arbeiter ihr« Be- denken darüber äußerten, den Tunnelschacht nicht sofort räumen ließ. Durch diese Fahrlässigkei mußten drei junge Arbeiter ihr Leben lassen. Mit der Aufnahme des Befundes und der Ermitt- lung der Ursache des Einsturzes hat sich alsbald auch die Chor- lottenburger Kriminalpolizei beschäftigt. Die Angelegenheit wird der Staatsanwaltschaft übergeben werden. wie uns kurz vor Redaktionsschluß mikgeteilt wird, konnte in den frühen Rachmillagsstunde» auch der dritte Tote geborgen werden. Seine Leiche wurde polizeilich besckzlagnahmt und nach dem Schau- hau» gebracht. Das Modeamt der Hut- und Mützenbranche zeigt für den Herbst und Winter vier neue Hut modell«, und zwar zum Abendanzug die neue Melone, genannt„Senator", mit einem etwas höheren Köpf wie bisher und leicht gehobenem Rand, den neu- artigen Matrizenhut„City" in rauhhaarig, grau getönt sür di- Promenade, einen iportlich gehaltenen, veredelten Klapphut„Sta- dion" in bräunlichem Ton und einen Velourhut„Hansa" in milt- leren und dunkleren Farbtönen für den täglichen Gebrauch. Anlaß- lich des neuen Saisonbeglnns veranstalten die einschlägigen Geschäfte einen Schausenstcrwcttbewerb, wobei man die Saisonncuhei'.en in- mitten zeitgemäßen Blumenschmuckes in den Auslagen bewundern kann und der Mann aus seinen Wegen die leise Mahnung erfährt, sich neu zu„behüten".— Kopfschmerze»! Direktor Uhlich von den Niebe-werken verhastet. Am Dienstagnachmillag ist überraschenderweise der In Rad Elster zur Kur weilende Direktor der Deutschen RIebe-werke, 11 h l i ch, in seinem Hotel durch zwei Kriminalbeamte, verhaslet worden. Direktor Uhlich wurde oorläuslg in das Amtsgerichtsgesängnis in Adors eingeliefert, wo heule vormittag durch den zuständigen Richter seine Vernehmung über die Werkspionage bei den S. K. A.-Jlorma- wcrken erfolgte, wie verlaute», wird Direktor Uhlich. der nach seiner Festnahme erkrankt ist. in den nächsten Tagen nach Verlin übergesührt werden._ Oer«.König üer Fassadenkletterer�. Verhandlung gegen den Einbrecher Wald. Unter außerordentlich großem Andrang des Publikums begann heute früh vor dem Erweiterten Schöffengericht Char- l o t t« n b u r g, dessen Vorsitz Landgerichtsdirektor Bode führt, die Verhandlung gegen den Masieneinbrecher und„K ö n i g der Fassadenkletterer" Fritz Wald und seinen Haupthehler, den Kaufmann Traugott Lohrer aus Berlin. Mitangeklagt sind außerdem die Hamburger und Berliner Freundinnen, Frau Elsa S t r u n ck aus Hamburg und Frau Anna AI 6 recht aus Berlin, zwei Frauen im Alter von über 40 Jahren. Sie sind wie Lohrer wegen Hehlerei angeklagt, Frau Strunck außer- dem wegen Beihilfe, da sie Wald die Gelegenheit zu Einbrüchen in Hamburg ausgekuudichastet haben soll. Gegen Wald ist nach der von Staatsanwoltsschastsrot Dr. 5) o r n vertretenen Anklag« die Beschuldigung erhoben worden, in Berlin im Jahre 1024 und Anfang 1025 vier Einbrüche und in Hamburg in den- selbe» Jahren 15 Einbrüche v-rübt zu haben. Der Angeklagte Fritz Wald, auf den sich das allgemenie Interesse richtet, legte mit einer gewissen Gleichgültigkeit und Ge- lassenhcit offen das Geständnis ab. daß er seit Jahren das Erklettern von Fassaden und dos nächtliche Eindringen in Schlafzimmer gewerbsmäßig betrieben hat. Er ist nach seiner Angabe 1000 in Jeßnitz bei Dessau geboren. Beide Eltern verlor Wald bald und ist dann im Waisenhaus in Dessau erzogen worden.„Bon dort bin ich entlaufen und wurde dann in Hamburg bei einem Einbruch aboesaßt. Ich kam ins Rettungshaus, bin mehrmals entlausen und in Berlin wieder erwischt worden. Dann kam ich in eine Erziehungsanstalt. Nachdem ich wieder entlausen war, wurde ich beim Einbruchsdicbstahl erwischt und nun in staat- liche Zwangserziehung gebracht. Auch von dort bin ich mehrmals ausgerückt."_ Wie die Vand«len. Arge Verwüstungen richteten Einbrecher in einer Klischeefabrit in der Königgrätzer Straße an. Die Verbrecher, die mit einem Nach- schlüssel eindrangen, zerstörten besonders optisch« Instrumente, die die Fabrik bei ihren Arbeiten verwendet. Wertvolle Linsen brachen sie au» den Aufnahmeapparaten heraus und zerschnitten sie mit Glasdiomanten. Lederne Bälge zerfetzten sie mit Messern. Andere Materialien zerstörten sie durch Säuren, Lackfarben usw. Der Materialschaden, der auf diese Weise angerichtet wurde, beläuft sich aus mehrere tausend Mark. Einsturz eines Funkturmes in Geltow. Vom Sturm vernichtet. Auf dem Geltower Funkgelände, wo feit Anfang August fünf neue Türme für drahtlose Fernphotographie von einer Berliner Firma errichtet werden, stürzte heute nacht einer der drei bereit» fertiggestellten Türme trotz starker Absteifung zusammen. Die Ursache des Einsturzes wird auf den starken Sturm zurückgeführt. Da an einem anderen Turm in der Höhe ebenfalls bedeutende Schwankungen sich bemerkbar machten, wurden die umliegenden Geratehäuser geräumt. Beim Spielen unter ein Auto geraten. Dienstagnachinittag ereignete sich in der Bahnhoistraßc zu Bohnsdorf ein bedauerns- werier Unglücksfall. Hie7 spielte auf der Straße der siebenjährige Sohn des Genossen W a s ch e r mit anderen Kindern. Sie liefen dabei auf den Fahrdamm. Der Jung« geriet unter ein vorüber- fahrendes Personenauto und wurde schwer verletzt. Der Chauffeur brachte den Verunglückten mit seinem Wagen noch dem Krankenhaus. Im Ringbahnzug überfallen. In der vergangenen Nacht gegen Wt Uhr wurde eine 20 Jahre alte Hausangestellte, die in Schöne- borg einen Ringbahnzug bestiegen hatte, im Zuge von einem Mann überfallen und vergewaltigt. Sic hatte anfänglich allein in einem Abteil gesessen. Der T ä t e r, ein 30 Jahre alter Dreher Georg St., wurde bei der Ankunft de« Zuges auf dem Potsdamer Bahnhof fest- genommen. Gärungslose Zrüchlcverwertung. Wie man aus Obst Säfte und Weine herstellt, ohne daß durch alkoholische Gärung die Nährstoise und Nährsalze verloren gehen, wird Frau Bezirksoerordnete Dreißing am Donnerstag abend 7 Uhr im Heim Wiefenstroße 52 in einer Versammlung des Arbeiter-Abstinentcnbundes praktisch vorführen. Die Frage ist auch für den Arbeiterhaushalt recht wichtig. Besonders die Genossinnen dürften manches Nützliche dort erfahren. Löffel zum Probieren mitbringen! Die Berliner Ausklärung»woch« zur Bekämpfung der Geschlechts- krankheiten vom 26. bis 30. September bringt 50 öffentliche Vorträge von Aerzten»nd Sozialpolitikern über folgende Themen:„Geschlechtskrankheiten und Nachkommenschaft",„Ge- schlechtskrankheiten und Arbeitskrast" und„Neue Wege in der Be- kämpsung der Geschlechtskrankheiten". Die Vorträge sind mit Vor- führungen aus den Filmwerken„Falsche Scham" und„So ist das Leben" verbunden. Eintritt frei. Veranstaltet wird die Äufklärungs- wache von dem Hauptgesundheitsamt der Stadt Berlin, der Arbeits- gemeinschaft von Reichsversicherungsträgern Groß-Berlins und der Berliner Aerzteschast. Rowawes. Heute abend 8 Uhr im Eisenbahnhotel Mitglieder. Versammlung.___ Der Zlug koenneckes. Belgrad überflogen. Belgrad, 21. September. Der Flieger koennecke überflog Belgrad nach Mitternacht. Da die Direktion des Flughafen» nicht verständigt morden war. wurde der Flughasen erst im letzten Augenblick beleuchtet. Da, Flugzeug sehte nach einigen Runden seinen weg nach Südosten fort.— Seitdem fehlen weitere Rachrichten. Das Achenseekrastwerk wurde am Dienstag, dem 20. Septem- der, unter großen Feierlichkeiten, an denen sowohl Vertreter der österreichischen als auch der bayerischen Regierung teilnahmen, er- öffnet. Bei der Festlichkeit, die aus diesem Anlaß stattsand, wurde betont, daß durch dieses Werk ein neues Band zwischen Deutschland und Oe st erreich geknüpft sei. Das neue Groß- kraftwert arbeitet zusammen mit den bayrischen Großwajserkrast- werken. Die Arbeitszeit in der Schwerinöustrie. Bis 84 Stunden bei 4V bis«O Grad. Dortmund. 21. September.(Eigenbericht.)! Am 18. September tagte in Duisburg eine Konserenz des Zcntralverbandes der Maschini st en und Heizer, die sich mit der Arbeitszeit im Bereich der„Nordwestlichen Gruppe der Eisen- und Stahlindustrie" beschästigtc. Die gut beschickte Konserenz hörte zunächst zwei Borträg«. Der eine befaßte sich mit den besonderen Bemühungen der Organisation. die Arbeiter der D a m p s k e s s e l a n l a g c n, der G a s Kraft- zentralen usw. dem Schutz des§ 7 der Arbeitszeitverordnung zu unterstellen. Der zweite Vortrag behandelt« die Entwicklung der Ar- beitszeit in den Betrieben der Nordwestgruppe seit dem De- zember 1928. Ursprünglich � war eine Wochenarbeitszeit von S9 Stunden, zeitweise 5TA Stunden„vereinbart". Das bedeutete ein« togliche Arbeitszeit von rund 10 Stunden. Da aber kein Heizer odcr Maschinist seine Dampskessel, seine Maschinen ohne Aufsicht lassen darf, werden die Pausen von insgesamt 2 Stunden täglich (innerhalb der 12stündigen Schicht) ohne weiteres zur Arbeits- zeit gestempelt. Eine Ablösung während der Pausen wurde von den Werksleitungen in den meisten Fällen glatt abgelehnt. Dadurch besteht für die Maschinisten und Heizer praktisch eine Wochenarbeitszeit von bmal 12 gleich 72 Arbeitsstunden. Doch nicht genug damit. Zu dieser Arbeitszeit tritt dann noch an jedem zwei- ten Sonntag eine Wechselschicht bis zu 16 Stunden, so daß wochenweise die Gesamlarbeikszeit 84 Stunden uird darüber beträgt. Wöhrend in den Kefselanlagen die Heizer vorn von der Hitze verbrannt werden, haben sie dauernd kalten' Zug im Rücken. Auf diese Art wird in zahllosen Fällen der Tuberkulose ein frucht- bar furchtbarer Boden bereitet. In der Aussprache kamen weiterhin besonders die Derhältnisse in den Gaszentralen zur Sprache. Gasvergiftungen sind fast täglich zu verzeichnen. Der Organisation ist es nicht einmal möglich, von dem behandelnden Arzt ein Attest zu bekommen, das die Gasvergiftung bestätigtl Die Konserenz war einmütig der Auffassung,' daß die Gasvergiftung als„Berufskrankheit" angesehen und damit dem Unfall gleichgestellt werde» mutz! Wenn man bedenkt, daß die Maschinisten und Heizer ihre Ar. Veiten bei Tag und bei Nacht, Werktags und Sonntags ohne Unter- brechung im Zwölfftundenwechsel leisten müssen, bei einer T e m- peratur von40bis50Grad— im Sommer bis 6 0 Grad und darüber!—, dann wird jeder mitfühlende Mensch diese Leistung als«ine unmenschliche bezeichnen müssen. Die Sonntagsarbeit bildet ein Kapitel für sich. Nach der Gewerbeordnung vom 21. Juni 1 8 6 9 dürfen Arbeiter in den durchgehenden Betrieben an Sonn- tagen beschäftigt werben, wenn der Arbeiter an jedem dritten Sonntag volle 36 Stunden oder an jedem zweiten Sonntag von morgens 6 Uhr bis abends 6 Uhr von der Arbeit frei ist.... So wird die Regelung der Sonntagsarbeil zumeist heute noch im Bereich der Nordwestgruppe gehandhabt. Das ist u n g e s e tz l i ch! Tie„Anodnung über die Regelung der Arbeitszeit gewerblicher Arbeiter" vom 23. November 1918 schreibt in ihrer heute noch gültigen Ziffer IV vor:... Zur Herbeiführung des wöchentlichen Schichtwechsels dürfen erwachsene Arbeiter innerhalb eines Zeitraumes von drei Wochen nur einmal zu einer Arbeit von höchstens 16 Stunden herangezogen werden, sofern ihnen in diesen 3 Wochen zweunal eine ununter- brochen« Ruhezeit von je 24 Stunden gewährt wird. Di« Konferenz stellte sich mit aller Entschiedenheit aus den Standpunkt, die K e s s e l a n l a g e n, Gas- und K r a f t z e n t r a. l ö'n müssen unbedingt in allernächster Zeit dem 8 7 der Arbeitszeit- Verordnung u n t e r st e l l t wexden. Eine entsprechende Ent- schlietzung wurde von den 32 Delegierten einstimmig angenow- inen. Sie wird den maßjsebenden Stellen überreicht werden. Sollte dem Verlangen nicht staltgegeben werden, dann werden die Maschi- nisten und Heizer sich die achtstündige Arbeitszeit bei den kommen- den Arbeitszeitverhandlungen holen, und zwar, geht es nicht anders, durch Kamps! Urabstimmung bei üer Straßenbahn. Die Gesamtbelegschaft soll entscheiden. Der Betriebsrat der Berliner Strohe»bahn hat zu heute vormittag und zu heute abend zwei Betriebs- Versammlungen des Personals der Berliner Straßenbahn einberufen, die zu. dem Ergebnis der nachmaligen direkten Ver- Handlungen des Berkehrsbundcs und Metallaibeiterverbandes mit der Straßcnbahndircktion und zu dem vom Schlichter für Groß- Berlin gemachten Vergleichsvorschlag Stellung nehmen sollen. In der heutigen Vormittagsversamnilung in den„Prachtsälen am Märchenbrunnen", die sehr gut besucht war, berichtete Genosse Hiller voni Verkehrsbund über das Ergebnis der VerHand- lungen. In der. Verhandlung vor dem Schlichter am Freitag voriger Woche wurden lediglich die strittigen Punkte des Schieds- spruches erörtert, die zu seiner Ablehnung durch das Personal ge- führt haben. In den direkten Verhandlungen, die am Montag mit der Direktion geführt wurden, konnte über diese Punkte wiederum kein« Einigung erzielt werden. Nach längeren Verhandlungen vor dem Schlichter machte' dieser den Parteien einen V e r g l e i ch s- Vorschlag, der im wesentlichen folgendes besagt: Die Arbeits- zeit soll die gleich« bleiben, wie sie im Schiedsspruch vorge- sehen war, desgleichen auch die Ueberftundenbezahlung. Es wurde jedoch die Bestimmung aufgenommen, daß Ueberstunden nur in dringenden Fällen verlangt werden dürfen. Für die Wagenwäscher und die im Gleisbau und in der Wagen- Unterhaltung beschäftigten Arbeiter soll für die Zeit von 11 Uhr abends bis 5 Uhr morgens ein Nachtzuschlag von 40 Pfennig für die Schicht gezahlt werden. Bei der Gewährung von Urlaub soll zwischen dem technischen und dem Fahrpersonal kein Unterschied gemacht werden. Der Urlaub soll betragen: Nach einem Berussjahr 5 Arbeitstage, nach drei Berufsjahren 6 Arbeitstage, nach fünf Berufsjahren 9 Arbeitstage, nach zehn Berussjahren 12 Arbeitstage, nach zwölf Berussjahren 13 Arbeits- tag«, nach vierzehn Berufsjahren 14 Arbeitstage, nach sechzehn Berussjahren 13 Arbeitstage und nach achtzehn Berufsjahren 16 Arbeitstage. Eine wesentliche Verbesserung gegenüber dem bisherigen Zustand bietet der Vergleichsoorschlag in der Frage der Bezahlung bei Krankheit. Hier sieht der Vergleichs- Vorschlag vor, daß bei einer Beschästigungsdauer von drei Monaten bis zu einem Jahr 70 Proz. des Lohnes sechs Wochen lang, nach einem Jahr bis zu drei Iahren 80 Proz., 13 Wochen lang, und nach drei Jahren 90 Proz., 26 Wochen lang, als Krankenlohn ge- zahlt werden müssen. Wenn dje Krankheit infolge eines B e- triebsunfalles eingetreten ist, soll ohne Rücksicht auf die Beschäftigungsdauer der Krankcnlohn nach den vorgezcichneten Höchstsätzen gezahlt werden, bis der Arbeiter wiederhergestellt ist oder eine Unsallrente oder Ruhegeld erhält. Dieser Krankcnlohn muß ebenfalls bis zu 26 Wochen gezahlt werden. Der neue Tarif- vertrag soll ab 1. Oktober bis 31. März 1929 gelten, jedoch soll die Bestimmung über die Uebcr stunde»Zuschläge rück- wirkende Kraft ab 1. September haben. Der neue Urlaub dagegen soll erst das nächste Kalenderjahr Geltung haben. Die Settionsleitung empfahl den Vergleichsoorschlag der Versammlung zur Annahm«, da er doch in wesentlichen Punkten, mit Ausnahme der Arbeitszeit, eine Verbisse- r u n g gegenüber dem letzten Schiedsspruch und vor allem gegen- über dem jetzigen Zustand bedeutet. In der Diskussion jedoch sprachen sich mit Ausnahme eines einzigen Redners alle für die Ablehnung des Vergleichsvor- schlag«- aus. Ein von der KPD. herausgegebenes Flugblatt dürfte zu dieser Ausfassung nicht wenig beigetragen haben. Di« Abstim- mung ergab gegen wenig« Stimmen die Ablehnung des Der- gleichsvyrschlages. Genosse O r t m a n n vom Verkehrsbund erklärte darauf zum Schluß, daß, wenn auch die Abendversammlung den Vergleichsvor- schlag ablehnen sollte, in den Betrieben«ine Urabstimmung vorgenommen wird, in der nur über die Frage Arbeit oder Streik zu entscheiden ist_ vorstanüssttzung ües J63. I Amsterdam, 20. September.(Eigenbericht.) Eine Vorstandssitzung des Internationalen GewerkschastSbundes befaßt« sich dieser Tag« in erster Linie mit den zahlreichen Auf- gaben, die der Pariser' Kongreß dem Vorstand und dem Sekretariat übrtragen hat. Schon in dieser ersten Sitzung der durch zwei neue Mitglieder erweiterten Exekutive machte sich die gut« Auswirkung verschiedener in Paris getroffener organisatorischer Maßnahmen deutlich bemerkbar. Nach einer in mancher Hinsicht eingetretenen strafferen Koordination und Zentralisierung der Kräfte wird der JGB. mit doppelter Sachlichkeit und Einheitlichkeit seine Arbeit fortsetzen. Was die in Paris zur Annahme gelangten Resolutionen über die großen Probleme unserer Zeit betrifft, so traf der Vor- stand zunächst vorbereitende Arbeiten zur Ausführung der Be- schlüsse hinsichtlich der Wirtschaftslage der Arbeiter, des Kampfes um den Achtstundentag, der Antikriegsproparanda ujw. Zunächst soll der endgültige Text des vom Pariser Kongreß aufgestellten wirtschaftlichen Programms den Landeszentrolen zur Stellungnahme zugesandt werden. Sic sollen um jene Auskünfte gebeten werden, die jeder sachlichen Wirk- samkeii auf internationalem Gelnet zugrundegelegt werden müssen, Auskünfte über die in nationalem Rahmen im Kamps gegen die schuhzöllnerische Handelspolitik erreichten Resultate sowie über Vorkehrungen zur Vermeidung der Schädigung der Arbeiterschaft durch die Rationalisierung, zur Be- kämpsung der Auswüchse des nationalen und internationalen Kar- tellwesens. Die von den Landeszentralen bereits erzielten Resultate und die für die nächste Zukunft von ihnen geplanten Aktionen sollen die Grundlatze der Arbeit und Propaganda aus internationalem Gebiet werden. In diesem Sinne sollen die eingegangenen Ant- warten vom Sekretariat beantwortet und in einem Bericht in einer der nächsten Vorstandssitzungen vorgelegt werden. Das Endziel ist die i Ausstellung eine» praktischen Aktionsprogramm». mit dessen Vorbereitung das Sekretariat beauftragt wurde. Die Frage des Achtstundentages wurde von zwei Ge- sichtspunkten aus behantelt. Da die Arbeiterjchast international immer noch am meisten von der Ratifizierung der Washingtoner Konvention zu erwarten hat, sollen die Bestrebungen in dieser Richtung nach Möglichkeit gesördert werden, und zwar durch direkte Schritte bei den Regierungen, durch parla- mentarischc Eingrisse in Zusammenarbeit mit den der Ratifizierung günstig gesinnten Parlamcntsgruppen, durch Propaganda versamm- iungcn und Pressekampagnen. Um die Wirksamkeit dieser Schritte zu erhöhen, sollen sie in den verschiedenen Ländern mög- l i ch st gleichzeitig unternommen werden. Diese Wirksamkeit der äußeren Front soll ergänzt werden durch Erhebungsarbcite» innerhalb der Gewerkschasten, durch die ein klares Bild der wirklichen tage gewonnen werden soll. In diesem Sinne hat der Pariser Kongreß ein« Resolution angenommen, in der der Vorstand beauftragt wird, sich mit den Landeszentralen in Verbindung zu setzen, um zu be- wirken, daß mit Beginn 1928 alle zwei Jahre eine Unter. such n ng über die wöchentliche Arbeitszeit durchge- führt und darüber ein« Statistik angelegt wird. Schließlich wurde noch die Gestaltung des Verhältnisses zum Internationalen Arbeitsamt besprochen. Die Landeszentralen und ihre Organisationen sollen so sriih wie möglich genau über�chie dort zur Behandlung kommenden Probleme unter- richtet werden. Diese Aufklärungsarbeit soll dem Vorstand de» JGB. die Möglichkeit geben, inlernalionole Gesichtspunkte hervorzuheben, so daß die Landesorganisatsonen in der Lage sind, bei der Bednt- wortung der Fragebogen gegenüber ihren Regierungen dies« Richt- linicn genau zu beachten. Die Exekutive des gewerkschaftlichen Arbeite- rinnenkömitees wurde in ihrer jetzigen Form bestätigt. Die Frage der italienischen Arbeiterbewegung beschäftigte den Vorstand in doppelter Hinsicht, erstens in bezug auf Italien selbst und zweitens in bezug auf dr« ausgewandsrten itallenischen Arbeiter. An der zweiten Frage sind Frankreich, Belgien, die Schweiz und Luxemburg interessiert. Es wurde die Abhaltung einer Konferenz aus Vertretern der in Betracht kommenden vier Länder sowie der beteiligten Berufssekretariate in Aussicht ge- nommen. Wegen einer bestimmten Sprache oder Hilfssprache, gemäß Auftrag des Pariser Kongresses, soll an die Landeszentralen und Berufssekretariate herangetreten und untersucht werden, welche Sprach« speziell in Frage kommt. Die Reorganisation des Internationalen Gewerkschaftsbundes wird auf der nächsten Ausschußsigung vom 17. bis 20. Januar in Berlin weiter behandelt werden. Die nächst« Vorstandssitzung findet am 7. und 8. November in Amsterdam statt. Internationaler Seamtenkongreß. Nürnberg, 20. September(Eigenbericht). Im Mittelpunkt der Generaldebatte aus dem Kongreß stand die Frage desVerhältnisses derIAL. zu derInternatio- nale der Bedien st'e ten öffentlicher Betriebe. S t« t t e r- Deutschland brachte zum Ausdruck, daß der Ver- band der Gemeinde- und Staatsarbeiter eine Zu- sammenarbeit mit dieser Internationale dringend wünsche. Er ver- langte von Noordhofs eine Erklärung darüber, ob er bereit sei, noch einmal mit dieser Internationale zu verhandeln. Die O r g a n i- s a t i o n e n, die Beamte und Zlrbeiter national organisieren, könnten international nicht auseinander- gerissen werden. Ein Zusammenarbeiten sei deshalb notwendig, schon aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Dr. V ö l t e r- Deutschland verlangte, daß die Arbeit der JAL. sich mehr als bisher den wirtschaftlichen Fragen der Beamtenschast zuwende. M e i st e r- Schweiz begründete an Hand der Schweizer Verhältnisse, daß eine Trennung der Ar- beiter von den Beamten in der Internationale öffentlicher Betriebe nicht möglich sei. Laurent- Frankreich trat dafür ein, daß die Anstellung?- bedingungen der Beamten künftig eingehender behandelt werden. Er fordert eine Umfrage über die Rechts- und Pensionsverhältnisse. D o r e r- Oesterreich wies daraus hin, daß das Verhältnis zur Internationale der öffentlichen Betriebe von der JAL. aus freund- schaftlicher ist als von der anderen Seite her. Di« Ursache hierfür liege in den besonderen Verhältnissen einzelner Länder, so seien z. B. in Belgien alle Ange st eilten und Arbeiter der öffentlichen Betriebe in einer Organisation zusammengefaßt. In der E i n z e l a u s s p r a ch e teilte Noordhofs mit, daß die Enquete über Penstonen infolge Ueberlastung und aus finanziellen Gründen noch nicht vollständig durchgeführt werden konnte. James- England fordert eine Enquete über die Beamtenvertretungen in den einzelnen Ländern. Dr. Völler- Deutschland trat dieser Anregung bei. D o r e r- Oesterreich schnitt die Frage des Verhältnisses zur Znlernalionale der Kopfarbeiter an und teilte mit, daß das Internationale Arbeitsamt eine Kommission für diese Frage eingesetzt habe. Diese Kommission müsse durch Ein- beziehung der Beamtenangelegenheiten erweitert werden. James- England wies darauf hin, daß angesichts des englischen A n t i- Gewerkschastsgesetzes die englische Organisation Ende des Jahres die Mitgliedschaft in der JAL. auf- geben muß. Sie werde aber trotzdem mit der JAL. sowest als möglich in Verbindung bleiben. Zu Beginn der Nachmittagssitzung erhielt zunächst Professor L e d e r c r- Heidelberg das Wort zu einem Vortrag „Die Beamten in der Volk», und Weltwirtschaft." Der Vortrog wird als Broschüre erscheinen. Der Vertreter des Internationalen Arbeitsamtes, Boisnier, dankte für die Einladung und behandelt« dann eingehend die Möglichkeiten des IAA., sich mit den Beamtenfragcn künftig mehr zu besassen. Das Bureau des IAA. könne z. B. eine Untersuchung über die Frage der Beamtenvertretungen unterstützen. Bedauerlicherweise seien die Organisationsverhältnisse der Beamten noch sehr zersplittert. Das erschwere dem IAA. die Beschäftigung mit Beamtenfragen, v ver Lohnkampf in Üer Solinger Metallinüujlrie. Solingen. 20. September.(Eigenbericht.) Der Arbeitgeberverband für die Solinger Metallindustrie hat am Dienstagvormittag beschlossen, die Gesamtkündigung für die Metallarbeiter der Solinger Metall- i n d u st r i e(etwa 23 000 bis 30 000 Mann) ab 22. September zum 6. Oktober auszusprechen. Am Dienstogvormittag fanden vor dem Schlichtunysausschuß neue Verhandlungen zwischen den beiden Parteien statt, die abermals ergebnislos verliefen. Daraufhin fällte der Schlicht u ngsaussch Ii ß mit der Stimme d�s Vorsitzenden und gegen die Stimmen der beiden Parteien einen Schiedsspruch, der rückwirkend ab 1. September eine zehnprozentige Erhöhung der Tariflöhne für die Facharbeiter, die gelernten Arbeiter, die an- gelernten Arbeiter und Hilfsarbeiter, eine sünszehnprozentige Lohnerhöhung für Frauen und Mädchen, eine zwölsprozentige für Lehr- linge und eine fünsprozentige für die übertarislich entlohnten Stundenlöhner und Akkordarbeiter vorsieht. Der Schiedsspruch ist erstmalig zum 31. März 1928 kündbar. Die Erklärurcgssrist läuft bis zum 27. September. Die beiden Parteien werden in den nächsten Tagen zu dem Schiedsspruch Stellung nehmen. Aller Voraussicht nach ist mit einer Verschärfung der Lage zu rechnen. Die Zunktionäckonferenz des Einheilsverbande« der Eisenbahner findet nicht in Schmidts Gesellschastshaus, sondern in den Kon- kordiasälen, Ändreasstraße 64, morgen abend 19 Uhr statt. Polier-, Werl- und Schachtmeitterbuud. Bezirtsverein Groß-Berlin Heute, NN/z Uhr, findet in den EophiensSlen, Sophirnstr. 17/18, untere Monatsversammlung statt. Tagesordnung: 1»eschättsderichl. 2. Eind die Mitglieder de» B-zirtsvereins •««*.1_.11____ r. r___»__ o.rr.i Verantwortlich für Politik: Richard«ernftei»; Wirtschaft:».»ltug-ldöser: «ewerlschastsbeweguno: Z. Steiuer: Feuilleton: Dr. John Schikowsli; Lokales und Eonstiges: Frch»arstädt: Änzeiacn: Th.»loch«; sämtlich in Verlin. Verlag: Vorwarts-Verlag G. m. b. H., Berlin. Druck: Borwärts-Buchdruckere» und VerlagsanstaU Paul Singer u Co, Berlin EW 68, Lindenstrahe 3.