flbenöausgabe Nr. 453 ♦ 44. Jahrgang Busgabe B Nr. 224 Sczugsb«dlngung«li und Anz«igenuiclf« lind in d«r Morgenausgobi angegeben Nedoktloa: sw. 0«, Cinbcnfftabe 3 Zernsprecher: Dönhoff 292— 292 T<-«.-Adresse: Sozloldemotrat Serlin Verlinev VolKslklÄkt (10 Pfennig) Sonnabend 24. September 1 427 Bertas und Anziiginadtritunsi Deschöftszeii dt« 5 Uhr Verleger: vorwörts-verlag GrubH. verllo SAi. 99, cindenstrahe 3 Zernsprecher i Dönhoff 292— 29» Zcntralorgan der 8ozialdemohratirchcn parte» DeutPchlands Stresemann für hinöenburg. Interview im„Matin". Paris, 24. September. Herr Stresemann hat dem Vertreter des„M a t i n" Er- klärungen über die Rede Hindenburgs bei Tannenberg ob- gegeben. Das Blatt fügt seiner Veröffentlichung dix Erklärung hin�u, daß es die Rede nur informatorisch wiedergebe, da sie die öffentliche Meinung Frankreichs überrasche, ja in Entrüstung versetzen werde. Stresemann erklärte danach:„3ch bin nicht nur überrascht, sondern erstaunt, daß die vom Reichspräsidenten in Tannenberg ge- haltene Rede in Frankreich in diesem Maße Aufsehen erregt hat. Zunächst bringt diese Rede nichts anderes, als schon oft ausgesprochene Ansichten, wie sie beispielsweise von Reichskanzler Marx am 29. August 1924 in London in viel schärferen Worten und von m i r als damaligem Reichskanzler in Hagen unter der Präsidentschaft von Ebert während des Ruhrkonflikts geäußert wurden. Die Erklärun- gen, um die es sich handelt, leiten sich natürlich für den, der wirklich verstehen will, aus den Umständen und der Entwicklung der Lage in der letzten Zeib her. Man muh daran denken, daß in Deutschland viel weniger als in Frankreich Kriegerdenkmäler enthüllt und dabei Ministerreden gehalten wurden. In Frankreich ist die Erinnerung an den. Krieg und der Rückblick auf die Vergangenheit fast alltäglich. Ich will als Beweis nur anführen den Empfang der amerikanischen Leg'ion und die militärischen Feierlich- leiten, die sich bei dieser Gelegenheit abspielten. Der Reichspräsident hat, wenn ich mich recht erinnere, seit seinem Amtsantritt noch niemals ein Kriegerdenkmal eingeweiht. Aber Tannenberg ist sein Werk, ein Werk, mit dem sein« Person und seine Existenz ver- Kunden sind. Er befand sich da aus einem Historischen Boden, und alle Kriegsereignisse, die sich an seinen Namen knüpfen, ebenso wie seine spätere Tätigkeit als Staatsoberhaupt, find ihm gewissermaßen im Gedächtnis wieder aufgestiegen. Dazu muh man bedenken, daß er in wenigen Wochen seinen 8V. Geburtstag feiern wird. Dos ist ein Alter, das das biblisch« Alter übersteigt und das wenige erreichen. Er fühlt innerlich, daß er eines Tages der göttlichen Gerechtigkeit über sein Leben und seine Wandlungen Rechenschaft ablegen muß. Was er bei dieser Gelegenheit gesagt hat, was er vor den Veteranen in die Erinnerung zurückgerufen hat, namentlich, daß das deutsche Heer mit reinen Herzen und mit reinen Händen in den Krieg gezogen ist, und daß das deutsche Volk sich geschlagen hat, um sich gegen die Gefahren, die es bedrohten, zu verteidigen, alles das ist ein allen deutschen Gemütern eigenes Gefühl. Bei dieser Gelegenheit hat er sich wieder einmal gegen die gegen das deutsche Volk geschleuderte Anklage, den Krieg grausam geführt zu haben, gewandt. Ich brauche nicht in einer französischen Zeitung daran zu erinnern, daß in der letzten Zeit Reden gehalten wurden, die die Gelegenheit dazu geliefert hätten, diese Sprache zu führen. Uebrigens, der wesentlich« Punkt der Rede des Reichspräsidenten— uub das ist ein schon hundertmal angesprochener Wunsch— ist, daß ein unparteiisches Schiedsgericht prüfen und bestimmen soll, was sich im Sommer 1914 im Lause des diplomatischen Notenaustauschs abgespielt hat, und auch— was noch viel bedeutender ist— die Ereignisse, die sich in den voraus- gegangenen Jahren entwickelt hoben, präzisieren soll. Briand hat in seiner Rede in Genf am Schluß gefordert, den Frieden durch das Schiedsverfahren zu schaffen. Man fordert das Schiedsverfahren über Wirtschaftsfragen und über finanzielle Probleme, also über die verschiedenartigsten Konflikte. Wenn dieser Grundsatz der einzig wirkungsvolle ist, um die Befriedung der Völker herbeizuführen, warum soll er da bei den höchsten m o r a- tischen Fragen der Menschheit nicht anwendbar sein, Fragen, die auf einem Volt schwerer lasten als ungünstige schiedsgericht- liche Entscheidungen in einer Debatte rein materieller Art? Die lebhafte Erregung, die das deutsche Volk seit Iahren bewegt und die darauf abzielt, sich von der Anklage, die ihm die ganze Kriegsschuld zuschiebt, zu befreien. beweist, welch hohen momlischen Wert man in Deutschland dem Friedensgedanken beimißt. Dieses Volk empfindet die These, die allein auf der deutschen Initiative die schrecklich« Katastrophe des Weltkrieges lasten läßt, als eine schwere Beleidigung, und es ist sehr begreiflich, daß es sich vor einem Urteil nicht beugen ckann, bei dem Ankläger und Richter die gleichen waren. Diese tiefe Emp- findung steht nicht im Widerspruch zu der Friedens- politik. die wir mit unerschütterlichem Vertrauen fortsetzen. Von dem den Völkerbund beherrschenden Standpunkt aus kann niemand den Gedanken eines derartigen Schiedsspruchs tadeln. Wenn er nicht schon jetzt eine konkrete Form annimmt, dann wird er durch die Gesamtheit derer, die die Geschichte schreiben, gefällt werden, die sich dann auf immer umfangreichere Quellen stützen werden, die die Ereignisse jener Periode betreffen. Vor dem end- gültigen Urteil der Geschichte können und müssen alle Völker sich beugen." Herr Stresemann bemüht sich, die Erregung zu dämpfen, die in Frankreich über die Rede Hindenburgs entstanden ist. Seines Amtes als Außenminister wäre es aber gewesen, dafür zu sorgen, daß dieser unzeitgemäße Streit' überhaupt vermieden wurde. Recht hat er insofern, als es auch in Frank- reich an Denkmalsfeiern mit überflüssigen Reden durchaus nicht fehlt. Man sollte den Locarnovertrag dahin erweitern, daß diese ganze Denkmalsrederei auf beiden Seiten eingestellt irird,.««, Im übrigen ist die These, die Stresemann verteidigt, eine andere als die von Hindenburg aufgestellte. Hindenburg beteuert Deutschlands Unschuld und vollkommene Fleckenlosigkeit, Stresemann beschränkt sich darauf, zu ver- sichern, daß Deutschland am Kriegsausbruch nicht die Allein schuld trage. Wenn man schon in Tannenberg über die Schuldfrage reden mußte, dann wäre die Formulierung Stresemanns immer noch die bessere gewesen. Warum hat der verantwortliche Außenminister nicht dafür gesorgt, daß diese gewählt wurde? Herr Stresemann versichert, die Rede des Generalfeld- Marschalls am Fuße des Schlachtendenkmals sei nur ein Ausdruck der pazifistischen Gesinnung gewesen, die das deutsche Volk beseele. Eben weil das deutsche Volk so ungeheuer friedliebend sei, ertrage es nicht den Vorwurf, an einem so furchtbaren Verbrechen, wie der Anzettelung eines Krieges, alleinschuldig zu sein. Logischerweise folgt daraus, daß die Deutschnationalen die radi- kalsten Pazifisten sein müssen, denn sie machen ja über die Kriegsschuldfrage den größten Lärm. Man merkt Herrn Stresemann die Verlegenheit an. Er hätte sie sich ersparen können, wenn er sein Amt als Außen- minister mit etwas mehr Energie und Umsicht wahrgenom- men hätte. In Berlin wurde übrigens heute mittag vom Aus- wärtigen Amt ein neuer Text der Interviews aus- gegeben, der in wichtigen Punkten von dem Pariser Bericht des WTB. abweicht. Der Pariser Bericht spricht von der „ganzen Kriegsschuld", im, Berliner Bericht fehlt von diesen beiden Worten das erste. Im Pariser Bericht ist von „der deutschen Initiative allein" die Rede, mit der man das deutsche Volk belaste, im Berliner Text fehlt das Wort allein. Es besteht also zwischen der amtlichen und der halb- amtlichen Berichterstattung ein Widerspruch, der noch auf- geklärt werden muß._ Sreitscheiü über Weltwirtschast. Rede in der Genfer Vollversammlung. Gens, 24. September.(Eigenbericht.) Bei der Fortsetzung der Beratung über die Ergebnisse der Wirtschastskonferenz hielt heute vormittag in der Völker- bundsversammlung nach einigen anderen Rednern Genosse Dr. Breitscheid eine eindrucksvolle Rede, in der er im wesentlichen folgendes ausführte: Er wies einleitend auf die gestrige Rede des Genossen I o u- h a u x über die Neugestaltung der Wirtschaftsordnung des Völker- bundes hin und erklärte dazu, daß die gemachten Vorschläge die größte Beachtung verdienen, und wenn nicht sofort, so wenigstens in kürzerer Zeit verwirklicht werden müssen. Sodann legte Breit- scheid namens der deutschen Delegation zwei Empfehlungen vor: I. Es möchte den Entscheidungen der Wirtschaftskonferenz, wonach keine Zollerhöhungen mehr vorgenommen werden sollen, von den Regierungen die größte Beachtung und Befolgung geschenkt werden. Deutschland hat vor dem deutsch-fran- zösischen Handelsvertrag bereits eine allgemeine Herab- setzung des Zolltarifes angebahnt und außerdem den Reichswirt- schostsrat beauftragt, die Herabsetzung weiterer Zollpositionen zu prüfen. Die zweite Empfehlung geht dahin, es mächten die Länder kollektiv die Frage der Herabsetzung ü b e r tr i c b'e n e r Zollpositionen prüfen. Dieses kollektive Vorgehen stelle einen neuen Weg dar. welcher in den Entschließungen der Wirt- schaftskonfercnz noch nicht enthalten ist. Genosse Breitscheid wies dann auf die Regelung der Verhält- nisse für die Kohle und das Eisen hin und erklärte, daß auch für andere Produktionszweige ähnliche Lösungen angestrebt werden könnten. Ich glaube, führte er dazu aus, daß das keine Utopie ist, zu sagen, daß wir in Europa auch genügend Brotgetreide produzieren könnten, wenn die verschiedenen Getreidearten dort angebaut werden könnten, wo die besten natürlichen Vorbcdingun- gen dafür vorhanden sind. Für Eisen und Stahl hat die private Initiative unter Kontrolle der Regierungen eine gemeinsame Ordnung herzustellen begonnen. Warum sollte ähnliches nicht auch für Kohle und andere wichtige Produktionen möglich fein? Breitfcheid schloß mit einem Hinweis auf die wirtschasttiche Organisation, die nicht nur den Zweck hat, Profite zu erzielen. Hinter den kalten Zahlen über Produktion, Handel, Kapitalrenten und Arbeitslöhne stehen die Menschen, welche den Wirtschasts- organismus bewegen, immer wieder die Menschen mit der alten biblischen Frage:„Was essen und was trinken wir und wovon kleiden wir uns?" Hinter den Zahlen steht die Sehnsucht über die Befriedigung der täglichen Bedürfnisse hinaus an den materiellen und geistigen Gütern der Zivilisation teilzunehmen. Man kann sagen, daß das richtige Gleichgewicht zwischen der Bedürfnisdeckung der Millionen Menschen, welche die ver- schiedenen Völker bilden, eine unerläßliche Voraussetzung bildet für die friedliche Zusammenarbeit der Völker, und wir er- füllen somit eine mit den Zielen des Völkerbundes ganz überein- stimmende Ausgabe, wenn wir energisch und im G e i st e der Verständigung und des guten Zufammenarbeitcns die Lösung der Wirt�astsprobwoe aupackeo, � � Das Urteil von Savona. Gibt es doch noch Richter in Italien? Von der italienischen Grenze wird uns geschrieben: Der am 14. September in Savona zum Abschluß ge- kommene Prozeß gegen T u r a t i und P e r t i n i wegen un- erlaubter Grcnzüberfchreitung und gegen Parri, Rosselli und andere sieben wegen Beihilfe, ist in verschiedener Hinsicht interessant. � Bekanntlich hat Turati am 12. Dezember sich vom Hafen von Savona aus auf einem Motorschiff nach der Insel Korsika begeben. Das Schiff war von einem gewissen Da Booe im Auftrag des Prof. Rosselli zum Gegenstand von Ankaufsverhandlungen gemacht worden und gegen ein Draufgeld von 9000 Lire von dem Reeder Spirito zu einer Probefahrt unfern Genossen überlassen. Der Motorist Ame- gilo übernahm seine Funktion im Glauben, daß es sich um einen Ausflug zum Fischfang handelte: in der Tat war alles dazugehörige an Bord. Nachdem Turati und Pertini glück- lich auf französischem Boden abgesetzt waren, kehrten Parri und Rosselli in ihre Heimat zurück und wurden ver- hafte t. Der frühere Theaterkritiker des„Avanti", Genosse A l b i n i, hatte Turati vor der Flucht ins Ausland in seinem Landhause beherbergt: die andern hatten durch verschiedene Art— Anbördbringen des Benzinvorrats, Steuern des Schiffs usw.— die Flucht ermöglicht. Von den elf Ange- klagten waren Turati, Pertini, Jtala Oxilia und Boianc� flüchtig: die übrigen zum Teil seit Mitte Dezember in Untersuchungshaft. Wichtig ist nun, daß die Hauptangeklagten, soweit sie anwesend waren, ihre„Schuld" offen zugaben. Parri hat erklärt, das Gesetz nicht anzuerkennen, gegen das er sich vergangen hat. Rosselli hat seine Handlung als unabweisbare Pflicht feiner Freundschaft und seiner Ueberzeugung hingestellt. Sie haben weiter durch ihre per- sönlichen Erklärungen wie durch die ihrer Rechtsanwälte dar- gestellt, daß Turatis Flucht ins Ausland eine Tat der R o t- wehr mar, weil in der Heimat das Leben des sozialistischen Leaders beständig gefährdet war. Der Vertreter der Anklage dagegen hat für alle Ange- klagten das politische Motiv der Flucht seinem Antrag zugrunde gelegt und so für alle Strafen von 4 bis 5 Iahren Gefängnis und je 20 000 Lire Buße gefordert, nur für den Genossen Albini. in dessen Landhaus sich Turati aus Mai- land begeben hatte, lautete die Forderung des Staatsanwalis auf Freisprucb wegen ungenügenden Schuldbeweises. Die Verteidigung hat nun durch die auf ihren Antrag vorgelade- nen Zeugen bewiesen, daß Turati tatsächlich sein Leben aufs Spiel gesetzt hätte, wenn er länger in Italien geblieben wäre. Das haben vor allem die P o l i z e i- beamten selbst ausgesagt: auf Veranlassung der Mai- länder Polizei begab sich Turati in der Nacht nach dem Attentat von Bologna aus seiner Wohnung in die seines Arztes Dr. Pini. Die Polizei konnte ihm ebensowenig Sicher- heit vor Ueberfällen verbürgen wie den Genosien T r e v e s und G o n z a l e s, die man versuchte, durch Unterbringung im Gebäude der Polizeidirektion vor dem Schlimmsten zu schützen. Aus den Zeugenaussagen ist weiter hervorgegangen, daß Turati durch hochgradige Aderverkalkung in einem derartig kritischen Gesundheitszustande ist, daß jede Auf- regung eine Katastrohe herbeiführen kann. Trotzdem hat ihm die Regierung den Auslandspaß verweigert. obwohl unser Genosse nicht als Agitator nach Frankreich wollte, sondern als Patient in ein deutsches Sana- torium. Er befand sich also objektiv und subjektiv im Zu- stände der Notwehr. Dasselbe galt für den Genossen Pertini. der schon einmal überfallen und durch Knüppelhiebe schwer verletzt worden war und außerdem jeder Möglichkeit beraubt, sich auf irgendeine Weise seinen Unterhalt zu verdienen. Es liegt auf der Hand, daß im faschistischen Italien kein Gericht diesen Zustand der Notwehr anerkennen und darauf einen Freispruch gründen konnte. Das hätte wohl zur Folge gehabt, daß die Richter sich am nächsten Tage nach der besten Gelegenheit zur Ueberfahrt nach Korsika hätten umsehew müsien. Kein Gericht konnte in seinem Urteil sagen: die Re- gierung macht den Leuten der Opposition das Leben in der Heimat unmöglich und verbietet ihnen gleichzeitig das Ab- wandern: die Tatsache der Lebensgefährdung macht die Ueberschreitung des Verbots straflos. Ein solches Urteil wäre ein Monument gewesen„noro poronnhis", ober die es fällten, wären darunter zermalmt worden. Immerhin haben die Richter von Savona ihr Möglichstes getan, um die Ehre des italienischen Richterstandes, soweit es bei ihnen stand, hochzuhalten, und sie haben dadurch noch einmal be- wiesen, daß in der ruchlosen und widerwärtigen Pervertie- rung des Rechtsgefühls, die das offizielle Italien an den Tag legt, die Berufsrichter einen Widerstand bewiesen haben— trotz des systematischen Abbaus der Gradrückigen— den man bei den Geschworenen vergebens suchen würde.(Von den Richtern des„Spezialgerichts" sprechen wir gar nicht: die sind ja nur eine Kreuzung von Lakai und Henker.) So lehnt das Urteil für alle Angeklagten das politische Motiv ab, für das eine Mindeststrafe von 3 Iahren vorgesehen ist. Das besagt also, daß die Verfolgung aus politischen Gründen, wenn sie zum Anlaß der widerrechtlichen Grenzüberschreitung wird, dieser Ueberschreitung noch nicht das juristische Merk- mal des politischen Motivs verleiht: zu diesem Merkmal ist es unerläßlich, daß der Täter durch die Grenzüberschreitung sich die Möglichkeit politischer Wirksamkeit sichern will. Die offizielle Tendenz geht dagegen dahin, jede Grenzüberjchrei- hing eines politisch Verfolgten als aus politischen Motiven entspringend, anzusehen und zu ahnden. Genosse Alb in i, der den Kranken Turati in seinem Landhause aufgenommen hat, ohne dies irgendwie zu ver- heimlichen, ist freigesprochen worden. Das hatte auch der Staatsanwalt beantragt, aber„wegen mangelnden Schuldbeweises". Die Richter von Savona haben aber doch eine andere Auffassung rationaler Selbstachtung an den Tag gelegt, indem sie Albini freisprachen,„weil die ihm zur Last gelegte Tat teinVerbnechen ist". Es ist also in Italien doch noch nicht strafbar, daH der Freund dem Freunde sein Haus öffnet, wenn das eigene Heim des Gastes weder Ruhe noch Sicherheit verbürgt. Dazu muß man schon ein neues Dekret machen und ein neues Geschlecht von Richtern auf- ziehen. Freigesprochen wurde weiter der Reeder Spirito, dessen Unschuld klar zutage lag, der Motorist Ameglio und Giacomo Oxilia wegen ungenügenden Schuldbeweises. Für die andern acht j e 1 0 M o n a t e H a f t, mit Ausnahme von Jtala Oxilia, der wegen Uebertretung der Bestimmungen für die Handelsschiffahrt im ganzen zu 1Z Monaten und zu 20 Tagen Haft verurteilt wurde. Bon den Verurteilten sind nur Parri, Rosselli und Da Bove in Haft und haben schon beinahe ihr Pensum absolviert. Natürlich wird die Regie- rung das Urteil von Savona„korrigieren", indem sie die Ver- urteilten gleich nach der Freilenssung verschickt. �die wesensfremde Staatsform/ Neue Zentrumsklage über Westarp. Graf W e st a r p hat in seinem Schlußwort auf dem Königsberger Parteitag die„Befreiung von weseus- fremder Staatsform als deutschnationales Parteiziel proklamiert. Der„Germania" gibt das Anlaß, folgendes auseinanderzusetzen: Diese Worte müssen um so schwerer ins Gewicht sollen, ol» sie am Schlüsse der Tagung gesprochen wurden und eine Art Bilanz der Verhandlungen darstellen. In den Richtlinien hoben sich die Deutschnationalen zum Schutze der Verfassung in ihrer Gesamtheit verpflichtet. In Königsberg verkündet der Fraktion»- Vorsitzende der Deutschnationalen als Ergebnis der Verhandlungen und Ziel der Partei die Befreiung von der wesens- fremden Staatsform. Dos find Dinge, die sich nicht ver- einbaren lassen. Wollen die Deutschnationalen da» deutsche Volt von seiner„wesensfremden" Staatsform befreien, so sollen sie das vsfen tun: dann dürfen sie aber nicht in eine Regierung eintreten, die den Schutz der Verfassung dieser Staatsform zum Pro- gram m punkt geniacht hat. Diese Schlußrede de» Grasen Westarp hat die innenpolitische Lage sehr erschwert. Sie klingt wie eine Kampfansage an die Weimarer Ver- s a s s u n g, die Grundlage unsere» Staates. So könne» die Dinge nicht weitergehen. Ist es schon eine starke Belastung, daß die deutschnationale Presse Tag für Tag gegen die Republik und ihr« Fahne zu Felde zieht, so ist es ganz unmöglich, daß der Führer der stärksten Regierungspartei die Befreiung von dieser Verfassung, auf der doch die Staatssorm beruht, geradezu zum Programmpunkt erhebt. Wenn die Deutschnationalen die Richtlinien so ouslegen wollen, haben sie für uns kaum noch Wert. Halbheiten und Zwei- deutigkeiten haben sich noch immer gerächt. Können die Dinge wirklich so nicht weitergehen? Sie tun es doch schon eine ganze Weile und werden es so lange tun, bis ihnen das Volk bei den nächsten Wahlen ein donnerndes Halt zurufen wird. Die Partei Westarp ist eine Feindin der Republik, um das erkennbar zu machen, war diese neue Rede wirklich nicht notwendig. Die Partei Westarps die ja nach dem Bekenntnis ihres Führers nichts anderes als die Fortsetzung der preußisch-konser- vativen Partei ist, hat früher nicht nur die Republik sondern auch die konstitutionelle Monarchie und das gleiche Rcichstagswahlrecht für„wesensfremd" erklärt und be- kämpft, und wie früher so bleibt auch jetzt ihr Kurs rückwärts in die Vergangenheit gerichtet. Daß ihr Gelöbnis auf die � berühmten Richtsinien eine innere Wandlung bedeute, hätte doch nur ein politischer Naivling annehmen können. Es steht vielmehr fest, daß die Deutschnationalen in die Re- gierung der Republik hineingegangen sind mit der festen Absicht, nach Kräften g e a en die Republik zu arbeiten. Graf Westaro hat in Königsberg dieser Absicht eine programmatische Form gegeben, er hat also von seiner Seite für die Klarheit und Unzweideutigkeit gesorgt, die die„Ger- mania" wünscht. Unklarheit und Zweideutigkeit besteht nur beim Zentrum, das sich eine republikanische Partei nennt, aber mit den erklärten Monarchisten gemeinsam gegen die Republikaner regiert._ Sozialpolitik und Gemeinden. Der Preußische Städtetag. Magdeburg. 24. September. Gestern abend hatte die Stadt Magdeburg die Vertreter de» Deutschen und Preußischen Städtetages zu einem Festmahl in der Stadthalle eingeladen. Bei dieser Gelegenheit teilte Reichstags- Präsident L ö b e mit, daß er zu Beginn der Session des Reichs- tage» die Einsetzung eine» freien tommunalpolitischen Ausschusses, bestehend aus je zwei Mitgliedern der politischen Parteien, vorschlagen werde. Heute früh Uhr wurde die Tagung des Hauptausschusses des PreußischenStädtetages, die sehr stark besucht ist, durch Oberbürgermeister Böß-Berlin er. öffnet, der zunächst der Stadt Magdeburg für ihre Einladung dankt« und dann der Toten des Flugzeugunglückes ge- dachte. Er widmete besonders dem verstorbenen Botschafter Frei» Herrn o. M a l tz a n herzliche Wort« des Gedenkens. Dann ergriff Oberbürgermeister Bracht- Esten das Wort zu feinem Referat über die Zusammenarbeit der kommunalen und wirtfchafivchen Selbst- Verwaltung auf dem Gebiete der Sozialpolitik. Er führte etwa folgendes aus: Durch die Ausdehnung der sozialen Fürsorge sind die Berührungspunkte zwischen den Aufgaben der gemeindlichen Wohlfahrtspflege und der Träger der Tozialversichcrung immer zahlreicher geworden. Eine Klärung der Fragen einer Zusammenarbeit und Abgrenzung ist um so dringlicher, als zum t. Oktober 1927 zwei wichtige sozialpolitische Gesetze In Kraft treten: das Rcichsgesetz zur Bekämpfung der Geschlechts- krankheiten vom 18. Februar 1927 und das Reichsgesetz über Arbeitsvermittlung und A r b e i t s lo s« n v e r si ch e» rung vom 16. Juli 1927. Nachdem der jahrelange Streit um die Arbeitslosenversicherung entschieden worden ist, werden sich die Städte selbstverständlich mit dem neuen Zustande abfinden und zur verständnisvollen Mitarbeit schon deshalb bereit sein, weil auf diesem Wege die neuen Lasten, die ihnen durch das Gesetz erwachsen, noch am besten übersehen und nach Möglichkeit gemindert werden können. Der gesamte Ausgabentreis der sozialen Hygiene muß einheitlich in den örtlichen Arbeitsgemeinschaften unter Einbeziehung der freien Wohlfahrtspflege zusammengefaßt werden. Zum Schluß wies der Redner auf die große Bedeutung der sozialen Hygiene und aus den Fortschritt hin, den das Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrank- keiten bringe. Leider ist auch diese neue Aufgabe den Gemeinden ohne jede Regelung der Kvstenfrage aufgebürdet worden. Im Anschluß an die Ausführungen von Oberbürgermeister Bracht erstattet« Reichstagsabgeordneie Genossin Louise Schroeder-Altona ein Korreferat: „Nach den Ergebnisten der Volkszählung von 1S2S ist die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland seit 1907 stärk gestiegen, 83 Proz. dieser Erwerbstätigen befinden sich in abhängiger Stellung. Gerade die Nachkriegsjahre haben uns gelehrt, daß nicht nur der auf tägliche Kündigung beschäftigte Handarbeiter, sondern die Gesamtheit der Kops- und Hondarbeiter für den Fall der Slrbeitsunfähigkeit auf einen fest umrissenen Schutz der Gesetzgebung angewiesen ist. Am 1. Oktober tritt die Versicherung gegen Arbeitslosig- keit in Kraft. Dieser Schutz eines so großen Bruchteils des deut- scheu Volkes kommt nicht nur den einzelnen Arbeitnehmern, sondern der gesamten Wirtschaft zugute. Die in der letzten Zeit gegen die Belastung durch die Versicherung gerichteten Angriffe sind geradezu unverständlich. Dos in den Jahren ärgster Not Geschaffene muß im Gegenteil weiter ausgebaut werden. An et nein solch« Uy»tza it sind die Gemeinden vom Standpunkt ihrer Wohlfahrtipsiege, aber auch als Kulturzentren besonders interessiert. Die Versicherungsträger dürfen sich nicht mehr beschränken aus die Heilung vor- handener Notstände, sie müssen sowohl vorbeugende al» nachgehende Gesundheiisfürsorge treiben. Die Träger der Sozialversicherung und die Gemeinden inüssen zusammenwirken. Das Versagen einer Gemeinde auf wohl- sahrtspflegerischem Gebiete stellt einen Schaden sur die Allgenrein- heit dar.' Das Reich derf nicht alle Einzelheiten dekretieren, doch sind im Hinblick auf das Allgemeininteresse gewisse Richtlinien notwendig. Die zu leistende Arbeit ist so groß und wertvoll. daß alle Kompetenz- und Ressortstreitigkeiten über der Sorge um das Wohl des Menschen und des Volkes schweigen sollten. An Hand von Beispielen wies Genossin Schroeder nach, wie innerhalb der Tuberkulose-, der Geschlechtskrankheiten-, der Mutter- schasts-, der gesamten Gesundheitsfürsorge, Sozialversicherung und Kommune zusammenwirken müisen. Die einzelnen Fursorgezweige sowohl in der Gesundheits- wie in der allgemeinen Wohlsahrtspflege als auch auf dem Gebiet der Arbeitsmarktpalitik greisen lnelnandee. Es ist deshalb zu wünschen, daß über den Rahmen des im Reichs- arbeitsministerium ausgearbeiteten Entwurfs hinaus.lrbeitsgemem- schaften zustande kommen, wie sie in einer Reihe von Kommunen vc- roits vorhanden sind. Rur in einem solchen Zusammenwirken von Kcsich. Staal, Gemeinde und Staatsbürger ist die Gewähr gegeben, daß die Absrnzt der Reichsversassung verwirklicht werde,„den gesellschaitlichen Fori- schritt zu fördern", da? heißt, die deutsche Republik zu emem sozuilen Staat zu machen.__ Kurzarbeiterunterstützung bleibt! Der Reichsarb eitsminister hat die Bestimmungen über Kurz- arbeiierunterstütznngen über den 1. Oktober hinaus ver- längert._ Kulturpflege— ein verbrechen! Südslawische Kulturvereinigung in Trieft aufgelöst. Triest, 24. September. Der Präsekt ordnete die Auflösung der unter dem Namen P r o s v e t a bekannte Zentrale der jugoslawischen Kultur- b ü n d e an, der ungefähr achtzig Bünde im Bezirk von Trieft angegliedert sind. Die Zentrale besaß eine reich« Bibliothek in slawischer Sprach« und veranstaltete Vorträg«. Der Präsekt begründet seine Entscheidung damit, daß die Prosveta sich„irre- d e n t i st! s ch e r Bestrebungen auf literarischem Wege schuldig gemacht habe, indem sie im Widerspruch zu den italienischen Nationalinteressen ausschließlich für slawische Kultur geworben habe". Das Eigentum der Prosveta wurde beschlagnahmt. Völkerbund gegen Alkoholmißbrauch. Gens, 24. September. Auf Antrag Finnlands, Polen?, Schwedens, Belgiens. Däne- mark» und der Tschechoslowakei, deren Außenminister mit einem längeren Schreiben über die bisher vergeblichen Versuche zur Be- Handlung der Alkoholfrage im Rahmen der Völkerbundsorbeiten sich vor kurzem an den Generalsekretär des Völkerbundes gewandt hatten, hat die Völkerbundsversammlung beschlossen, die Alkohol- frage auf ihr« nächst« Tagesordnung zu setzen. Der An- trag, der damit in der nächsten Völterbundsversammlung zur 23«-. Handlung kommt, sieht die Schaffung eines Ausschusses zum Studium der mit der Bekämpfung des Alkoholmißbrauches zw- sammenhöngenden Fragen vor. Zum Staatssekretär im preußischen tandwirtschaflsministerium ist Genosse Hans Krüger, Regierungspräsident in Lüneburg, nun endgültig ernannt worden. Sein Nachfolger in Lüneburg wird Genosse Hermann Lüde mann, Mitglied des Preußischen Landtags.— Die Ernennung des Genossen W a e n t! g zum Ober- Präsidenten der Provinz Sachsen ist vom Staatsministcrium bestätigt worden. ?m Sanne öes Reporters. Von Erich Gottgetreu. Diese Zeilen werden am Ende der geheimnisvollsten Reife ge- schrieben, die ich je gemacht habe. Der Weg hatte rund um Finn- land geführt. Wohin ich auch kam, und ich glaube, daß der Reise- plan stark vom Traditionellen abgewichen ist—, überall hieß es: „Ja, vor drei Tagen ist der Mann von der„New Dork Times" auch schon hiergewesen." Die drei Tage waren nicht einzuholen. Die Neigung, den ge- heimnisvollen Reporter von der„New Port Times", dessen Bahn ich ebenso getreulich wie ungewollt nachzog, kennenzulernen, war ebenso groß wie das Pech, andauernd den stereotypen Satz zu hören:„Ja, vor drei Tagen..." Bis der andere stehen blieb. Stehen blieb auf«ine seltsam« Weise, die zu erzählen sich lohnt. Zwei Abende vor meiner Abreise wurde im Nationalthcater in Heljingfors ein interessantes finnisches Stück gespielt, in dem eine Schauspielerin besonders hervorragte: Ruth Snellmon. Als der Borhang nach dem letzten Akt gefallen war, klatschten die Leute be- geistert Beifall, riefen immer wieder ihren Namen, um sie selbst a» der Rampe erscheine» zu sehe»: einer der Nachbarn jagte:„Das ist die Tochter von Sibelius." Sibelius— der Name wirkte auf mich elektrisierend. Ich weiß nicht, ob Sie die richtige Vorstellung vom Wesen des Journalisten haben und ob Sie begreifen können, daß einer sich glatt jahrelang Vorwürfe machen kann wegen der verpaßten Gelegenheit zu einem guten Interview, das die Oeffentlichkeit interessiert. An alles war in diesen vier Wochen gedacht worden, was von der Kaleoala bis zu Nurmi die Finnen berühmt gemacht hat— an Sibelius, den bedeutendsten nordischen Komponisten, bekenn ich, kam die Erinne- rung erst durch die flüchtig hingeworfene und zufällig aufgefangene Bemerkung eines fremden Theaterbesuchers. Wenn ein Reporter in solchen Siundeii Zeit hätte, sich zu schämen, hätte ich e, jetzt getan: so aber fuhr ich nach Jarvenpää, dem Wohnort des greisen Musikers. Iarvenpää ist ein entzückend gelegenes Dorf westlich der Landes. Hauptstadt: den Hintergrund seiner roten Holzhouskette bildet ein silbernes Band mehrerer See»— wo blinken in Finnland keine Seen? Und ganz naturhaft ist es hier. Man bekommt sogar schwer ein Auto. Das will heute gewiß viel heißen. Das Auto, das seinen Haltepunkt an der Bahn hat, wäre gerode unterwegs, käme aber in einer halben Stunde zurück, sagte man. es wäre also zweckmäßig, in der Rovlntola zu warten. Also wartet man in der Ravintola. Da sitzt schon Wer, spricht schwedisch auf den Wirt ein, der macht oerzweifelte Gebärden, weiß von nichts.„Aber, mein Herr, Ihnen muß doch da etwas bekannt sein."„Rein, mein Herr, wirklich nicht...." Der Frager,«in langer Bursch mit roten Haaren und vielen Sommersprosien, stützt verzweifelt seinen Kopf aus, grübelt, stutzt, grübelt, x.rübelt— da kommt das Auto. Der Wagen holpert einige herrliche Waldwege entlang bis zu der Villa von Sibelius, einem sehr hübschen Holzhaus in einem weiten, gepflegten Garten. Der Professor, jetzt eimmdsechezig Jahre alt. ist ein netter Herr. Er kramt allerlei Erinnerungen an Deutschland au», wo» man mit Liebenswürdigkeiten über Finnland sehr auf- richtig erwidern kann, dann kommen wir auf die Sache— nein, wir kommen nicht auf die Sache. Sibelius spricht über Gott und die Welt, bloß nicht über Musik,„lieber Thema darf nicht gesprochen werden."»— so heißt dos journalistische„Laßt alle Hoffnung fahren", lieber Zwei Türen fand ich e» bis jetzt: die ein« war die von H. G. Wells in Grosse bei Bannes, die andere die von Sibelius. „Sehen Sie," sagte Sibelius,„da war vor drei Tagen..." Bums. Was war das für ein verborgener Moses, Gesetzgeber von der„New Port Times", dessen Willen man blindling» vollführen muß hjer in einem Lande, das in seiner Landschaft Freiheit jubelt, da« in' seinem Balte Freiheit leben läßt, das in seiner Kunst Frei- heit kündet?„Der Herr soll nun schon seit drei Tagen im Dorf herumsitzen und alle Welt ausfragen, was man von meinem Privat- leben weiß, von meinen Ansichten über die moderne Musik, über die Prohibition— aber Sie sehen ja so trübjinnig aus?" lieber den Bäumen am stillen See von Iarvenkää strahlte der Mond auf. Langsam floß jetzt die Unterhaltung, Kaffee dampft«, Sibelius setzte sich an Klavier, die Stunde, wo es schicklich war, sich zu verabschieden, nähert« sich: ich ging, ging langsam durch den nächtigen Wald, da dämmerte ein Gedanke. Der Gedanke war richtig. Vor der Ravintola stürzte der lange Bursche auf mich zu, stellt sich vor, sprudelt los:„Brown, Reporter von der„New Port Times", habe gesehen, daß Sibelius Sie empfangen hat, mich vor drei Tagen auch: Kollege, was hat er Ihnen gesogt? Mir alles, nur nichts über Musik, mein Blatt braucht dos aber: Kollege, ich bitte Sie, mir aus- zuhelfen..." Die geringen Auskünfte, die ich geben konnte, mußten Mister Brown notwendigerweise sehr deprimieren. Er schien sehr unglücklich zu sein. O sa,«s gibt Dinge, über die Journalisten weinen können. Trotzdem mißlang ein Trostversuch, ein Hinweis auf Mister Browns doch sicher nicht eingetrocknete Phantasie, nicht ganz daneben. Wir kamen nach ungefähr 2V Kilometer Bahnfahrt auf andere Dinge zu sprechen, so berichtete ich Mister Brown auch, daß ich seinen Namen schon vorher gekannt habe, austein« sehr seltsame Weise, ob er sich die erklären könne.. ja. Sie sind vor vier Wochen nach Helsingfors gekommen. Sie sind im Hotel Fennia abgestiegen. Sie hatten das Zimmer Nr. 80. Ich bezog es nach Ihnen. Und fand, geschrieben auf einen alten Briefumschlag, einen Reiseplan herumliegen, den Sie offenbar dort gelassen haben. Der Plan war ausgezeichnet. Ich habe ihn mit- genommen, benutzt, ich dank« Ihnen. Vipuri, die erste große Stadt ließ ich weg. Daher der Vorspmng von drei Tagen. Sie verstehen?" „Und wie kamen Sie zu Sibelius?" „Dos sowieso. Im übrigen: Glaubten Sie an Musik?" Zentraltheoter:„vi« geschieden« Frau." Eine G�enkfeier für Leo Fall, Enthüllung ein«r Bronzebüste und dann, als schönste Erinnerung an den früh verstorbenen Meister der modernen Opc- rette.„Die geschiedene Frau", die einst mit der Ottmann im Theater des Westens Triumphe erlebte. Diesmal, im Zentral- thcater, heißt sie M a r i o n T u r s. Sie weiß mehr durch ehrliche Emp- sindung als durch Temperament und Ton zu fesseln. Ihre Rivalin Lori Leux immer noch von bezaubernder Rassigkeit und trog der Rauheit ihrer Stimme ein Vorbild an mondäner Kraft und Ver- schlagenheit. Sie verstärkt den rrnischenden Erfolg, den schon die prachtvollen Schlager„Freie Liebe",„Ich und Du",„Schlascoupc" und„Kind, du kannst tanzen" in sich tragen. Wie reich ist diese Operette an oll dem, was die Operette von heute nicht hat! Der»c- schieden« Mann war mit oller Selbstverständlichteit des Sinaens und der Haltung Hermann Wolder. In kleineren Rollen sielen Helmut K r a u ß als Komiker und Josesin« Klein als lieb. liche Bäuerin aus. K. S. Thealer am Zoo: Sensation und Galsworthy. Alles, was den besseren Instinkt angeht, wird in diesem miserablen und wegen seiner aufgedonnerten Kolportage auch unmoralischen Stück ver« nachlässigt. Galsworthy will zeigen, wie die Polizei den Privat- mann belästigt, wenn er sich aus heimlicher Verzweiflung aus dem Leben herausstielt. Er will die Dummheit und Zudringlichkeit der Presse treffen, die sich nicht minder schädig in die Biirgerwohnungen eindrängt, um intime Sachen den Klatschmäulern zuzuführen. Alles, was da ganz ironisch ausgedacht wurde, ist mit plumpesten Händen angefaßt. Außerdem sind die englischen Dinge nicht ohne weiteres zu oerstehen. Das Stück ist eben siir uns undistutierbar und un- erträglich. Das Theater am Zvo will in die ernsters Dramatik hinein. Rudolf E o e r, der Regisseur, arbeitet denn auch mit eini- gen passablen Künstlern; mit Franziska Sinz, Kaiser-Tietz, Ebelsbacher, doch das Stück verlangt so viel Polterndes, lieber- treibungen und Unwahrscheinlichkeiten, daß Regisseur und Schau- spieler hilflos bleiben. M. H. ErslausiShruugen der Dache: Donner»lag: Thcateri. d. König- gröber Str.: Die Schwester; Freitag: Residenz-Tbeater: Der Leibkutscher des Friederieus Re�: KomSdienbau»: HokoSpokuS: Sonnabend: Tb. d. SestenS: Regimenlspapa; Komödie: Nacht- Vorstellung Nelson-Reoue. Die Voltsbühne E. V. veranstaltet im kommenden Dinker lv Konzerle, die im Theater am Bülowplah bzw. in der Kainisonlirche stattfinden werden. Im EröffnungSkonzert, Sonntag, den 9. Oktober, mittag»>/,l2 Uhr, wird Heinrich SchluSnuS Lieder und Arien zum Vortrag bringen. Am Dienstag, dem 2S. Ottober, abends L Uhr, wird in der Garnisontwche eine Ausführung der IohanneS-Passion mit dem Berliner BollS-Chor unter Leitung von Dr. Ernst Zander stotisinden. Feiner haben ibre Mitwirkung zugesagt: Paul Hindemiib(eigene Koinho'itionenl, Artur Schnabel, Danda LandowSta-PariS. Aiitzerdcm sind Aussühiungcn der Messe von Thomas (mit dem Beethoven-PrciS ausgezeichnci) durch den Staat», und Domchor und zeitgcnösnscher Kompositionen unter persönlicher Mitwirkung der Kom- ponisten in Aussicht genommen. Ein empfinüsamer Jememörüer. Raphael klagt. Selbst ein Fememörder, der zu acht Jahren Zuchthau« und fünf Iahren Ehroerlust verurteilt ist, hat„Ehr« im Leibe" und er kann nicht auf sich sitzen lassen, wenn ein dem»- kratisches Blatt ihm„ehrenrührige" Handlungen nachredet, z. B.. daß er Munitionsschiebungen begangen habe. In dieser Lage befindet sich der vom Landsberger Prozeß be- kannte Oberleutnant Reinhold Raphael, der gemeinsam mit dem Oberleutnant Schulz, Klapproth und Genossen des Mordes an Groschke angeklagt war. Er wurde wegen Beihilfe zum Morde, Körperverletzung und Meineid zu acht Jahren Zuchthaus und fünf Iahren Ehrverlust verurteilt. Das war am 2. November 1926. Am 24. November hatte aber das„Berliner Tageblatt" in einem Artikel„Die Wut der Entlarvten" von dem Verurteilten Raphael behauptet, daß er aus Munitionsschiebungen ein Ge- schüft gemacht habe. Der Fememörder Raphael klagte gegen da»„Berliner Tageblatt" wegen Beleidigung. Heut» fand die Verhandlung vor dem Amtsgericht Mitte statt. Da aber der einzige geladen« Zeuge nicht anwesend war, drohte die Sache der Vertagung anheimzufallen. Um dies zu verhindern, versuchte der Vorsitzende zwischen den Parteien einen Vergleich Kerbeizuführen: Es wäre ja möglich, meinte er, daß damals in der großen Erregung dos eine oder andere Wort gefallen sei, da» nicht auf di? Goldwage gelegt werden könne. Raphael wies aber stolz jede Vergleichsmöglichkeit zurück, der Artikel des„Berliner Tageblatts" sei durch ganz Deutschland ge- gangen. Die Beleidigung ist um so unerhörter, als ich ein Ge- sangen«? bin, der sich ja nicht verteidigen kann. Ja, ich bestreite nicht, daß ich fünf Kanonen und ein ganze» Auto Munition oerschoben habe. Das ist aber ganz etwas andere». R.-A. Landsberg: Bei einer ordnungsgemäßen Ge- schäftsführung wäre«ine derartige Verschiebung nicht möglich ge- wesen. Raphael: Im Kriege kam das immerfort vor! Der Vorsitzende versucht wiederholt, dem Klüger zuzureden, er möge doch seine Klage zurücknehmen: es sei besser, wenn er nun für ein paar Jahre verschollen bleibe, al, daß die gesamte Oesfent lichkeit wieder von ihm red«. Der Prozeß würde jetzt vertagt werden, später durch die verschiedenen Instanzen gehen und sein Name würde immer wieder genannt werden. Aber Raphael bleibt bei der Ablehnung. Dem Gericht bleibt nichts anderes übrig, als die Vsr- Handlung zu vertagen. Die Akten des Landsberger Fememord- prozesies sollen zur nächsten Verhandlung hinzugezogen werden und neben einer großen Anzahl anderer Zeugen auch Dr. Stumm vom Berliner Polizeipräsidium geladen werden. Die„Beleidigung" ist natürlich Nebensache. Denn dieser Raphael ist durchaus nicht auf den Kopf gefallen. Er weiß, daß es schließlich für ihn eine ganz angenehme Abwechslung ist, von Zeit zu Zeit im Gerichtssaol erscheinen zu können und im Untersuchung» gefängnis Moabit, anstatt im Zuchthaus zu sitzen. Vielleicht denkt er auch, daß von hier aus auch eher«ine Fluchtmöglichkcit ge» geben wäre. Die ßlugzeugkatastrophe. Es wird kau««möglich sei», die Ursache festzustelle«. Plauen, 24. September.(Eigenbericht.) Die Toten der Flugzeugkatastrophe bei Schleiz sind am Frei- tag gegen Abend unter schwierigen Umständen geborgen und in das Schleizer Leichenhaus übergeführt worden. Die Leichen sind jo furchtbar zugerichtet, daß man sie den Angehörigen zur Besichtigung nicht freigeben will. Sämtlich« Insassen sind nach dem Urteil des zuständigen Kreisarztes nach dem Aufschlag de» Fahrzeuges aus den Boden sofort tot gewesen. Die Unglücksstelle bietet nach wie vor einen wüsten Trümmerhausen. Sie wurde von der Polizei durch einen provisorischen Zaun umgeben, da die einge- leitete Untersuchung über die Ursache der Katastrophe nicht zu Ende geführt werden konnte und heute sortgesetzt werden soll. Inzwischen sind Sachverständige aus dem Reichsvertehrsministerium und von der Lusthansa in Schleiz eingetrossen. Wahrscheinlich wird die Ur- fache des Unglücks überhaupt nicht genauer festzustellen sein, da sür nähere Angaben der maßgebend« Flugzeugführer und ebenso der Bordmontcur sich unter den Toten befinden. Die neueste Version über die Ursache des Absturzes lautet dahin, daß die Tragflächen durch abspringende Teile de, Propeller, beschädigt worden sind und infolgedessen ein Flügelbruch eintrat. Bon dem Propeller sind jedenfalls im weitesten Umkrei» nur kleinste Stücke vorzufinden: andererseits wird wieder von sachverständiger Seit« darauf hinge- wiesen, daß auch der Propeller erst bei dem Aufschlag de» Flugzeugs auf den Boden vernichtet worden sei. Tätlicher Unfall beim Stark. Beim Start des planmäßigen Wasserflugzeuge, vom Typ Wal auf der Streck« Stettin— Stockholm ereignete sich heute morgen im Stettiner Flughasen»in bedauerlicher Unfall. Beim Anwersen der Motore des startbereit liegenden Flugzeuges wurde der Bordmonteur Härder infolge eigener Unvor- s i ch t i g k e i t von einem laufenden Propeller ersaßt und ins Wasser geschleudert. Trotz sofortiger Rettungsversuche kam .Härder, der anscheinend infolge erlittener Verletzungen am Schwimmen verhindert war, nicht wieder zum Lorschein und er- trank. Der Start des Wal unterblieb darauf. Nach öem Kampf Tunnep-Dempfep. Zlcht Tote.— Ablehnung des Tempsey-Protestes. New pork. 24. September. Die siebente Runde des großen Boxkampfes Dempseq- Tunney war nicht nur für Tunney sehr kritisch, sondern gereichte drei Boxenthusiasten zum Verhängnis, die in- folge der Aufregung beim Anhören der Rundfunkbeschrei- bung des Kampfes starben. Auf die gleiche Weise starben vier ander« während der übrigen Runden und ein Mann sofort nach dem Borkampf, so daß im ganzen nicht weniger als acht Personen ihre allzu große Teilnahme an dem Kampfe mit dem Leben bezahlten. Der Vorsitzende der A t h l e t i c- K o m m i s s i o n von Illinois bat sich geweigert, den von Flynn im Namen Dempseys ein- aeleaten P r o t e st anzunehmen. Zur Begründung seines Standounktes führte der Vorsitzende an. Dempsey habe die Regel gekannt, daß er in die neutrale Eck« zurückkehren mußte, bevor das Auszählen begann._ Wieder Perfoneuauto vom Güterzug Sberfahre«. Die Pressestelle der Reichsbahndirettion teilt mit: Am 24. September um 2 Uhr früh wurde auf dem Chausseeübergang in Kilo- meter 116,7 der Bahnstreck« Lübbenau— Kamenz zwischen den Stationen Alt-Neudöbern und Groß-Raschen ein Personen- auto der Ilseberglmü A.-S. vom Güterzug 32 463 überfahren. Hierbei ist der Insasse des Autos. Regierungsrat Hartsch au» Kalau. getötet worden. Der Wagci.'ührer blieb unoer- letzt. Das Auto wurde stark beschädigt, die Untersuchung ist einge- leitet,_____ leipziger Kmöerlähmungsepiöemie. Erscheinungen sehr schweren Charakters. Wieder einmal erfüllt das gehäufte Auftreten einer tückischen Krankheit die Gmüter mit Furcht und Schrecken. In Leipzig ist eine größere Anzahl Personen an spinaler Kinderlähmung er- trankt— jener gefährlichen Infektionskrankheit, die vorwiegend Kinder vom zartesten bis zum schulpflichtigen Alter heimsucht. Aller- dings sind die Erwachsenen keineswegs gegen die spinale Kinder- lähmung gefeit, und fast bei jeder Epidemie wird auch eine Reihe von Erwachsenen betroffen. Die bisher noch unbekannken Erreger finden sich hauptsächlich im Rasen-Rachenraum des Er- krankten. Man kann durch Verimpsung von Rachenschleim eines kranken Kindes die spinale Kinderlähmung auf Affen übertragen. Die Ansteckung erfolgt von Mensch zu Mensch, die Eingangspforte der Keime ist der Nasen-Rachenraum. Meist setzt die Krankheit u r- plötzlich ein. In einer Reihe von Fällen gehen dem Ausbruch der Erkrankungen Erkältungserscheinungen, Appetit- losi gleit, Unnihe und andere uncharakteristisch« leichte Störun» gen voraus. Dann jedoch setzt schnell ansteigendes Fieber über 40 Grad ein: es wird über Schmerzen im Kopf und in den Gliedern geklagt: das Bewußtsein trübt sich: es treten Zuckungen und Krämpfe auf, an die sich eine zentrale Lähmung mit tödlichem Ausgange anschließen kann. Doch in der Mehrzahl der Fälle klingen diese stürmischen Erscheinungen unter Fieberabsoll schon nach Stun- den oder nach wenigen Tagen ab: in den Vordergrund treten Oähmungserscheiuungen. zunächst oft über den ganzen Körper verbreitet, allmählich jedoch an den meisten Stellen wieder zurückgehend. Aber fast regelmäßig bleibt eine Lähmung an den Armen und Beinen zuakelch oder am rechten Arm und am linken Bein oder an den gleichseitigen Extremitäten zurück. Gewöhnlich sind an den einzelnen Gliedmaßen nur ganz bestimmte Muskelgruppen von der Lähmung befallen— Spitzfuß bzw. Krallenhand—, die sich durch eingeschränkte Ge- brauchsfähigkett, Abmagerung und Entwicklungsstörung de» be- troffenen Gliedes kundgibt. Nur ein geringer Bruchteil der erkrankten Kinder gesundet wieder vollständig. Bei der überwiegenden Mehrzahl bleiben dauernde Lähmun- gen zurück, die ärztlicher Behandlung bedürfen. Sobald nach dem Abklingen der ersten stllrniischen Erscheinungen die Lähmungen in den Vordergrund treten, empfiehlt es sich, mit Massage, Heißlust, mit Bädern und elektrischem Strom, späterhin mit gymnastischen Uebun- gen zu beginnen. Die Störungen, die nach Ablauf eines Jahres noch vorhanden sind, gehen nun gewöhnlich nicht mehr unter dieser Behandlung zurück, sondern dann kommen chirurgisch-orthopädische Maßnahmen— Ueberpslanzungen von Sehnen, Muskeln und Nerven— in Frage, mit denen vielfach vorzügliche Erfolge erzielt werden. Im übrigen können auch die ersten stürmischen Erschei- nungen beim Ausbruch d?s Leidens fehlen: dann erwacht las Kind eines morgens, undeinArmodereinBeinist gelähmt— als Zeichen einer plötzlich ausgetretenen Kinderlähmung. Der wirksamste Schuh vor der Weiterverbreitung besteht in sofortiger Abfände- rung des befallenen Kindes und im Fernhalten der Ge- funden von ihm und all den Personen, die mit dem Kranken in nähere Berührung kommen. Wegen der Gefährlichkeit ist die spinale Kinderlähmung seit einigen Iahren anzeigepilichtig. Der Sitz der Krankheit ist zunächst das G e h i r n und R ü ck e n m a r k: sie befällt stets lediglich die Bewegungsnerven, während die Nerven, die die Empfindungen leiten, verschont bleiben. �usSehnung auch auf öas übrige Sachsen. Leipzig. 24. September. In Aerztekreisen betrachtet man die Kinderlähmungsepidemie in Leipzig als eine Erfcheinungauherordentlich schweren Charakter», da die Zahl der Todesfälle, verglichen mit früheren Epidemien, prozentual sehr hoch sei. Als besonders auffällig wird bezeichnet, daß auch eine Reihe Erwachsener von der Epidemie er- griffen ist. Auch im ü b r i g e n Sachsen hat sich die spinale Kinderlähmung ausgebreitet. In Grimma sind auch die beiden Klaffen der Eeminai schul«, nachdem die übrigen Schulen bereits geschlossen sind, geschlossen worden. Auch au» anderen Orten werden Erkrankungen an Kinderlähmung gemeldet. Der(fcrr Generalüirektor. Gutsarbeiter muffen mit Familie auf dem Gutshof mächtigen. Unerhörte Zustände auf dem städtischen Gut Markgraf»- Hof bei Großbeeren, da» jetzt von dem Generaldirektor Serafin gepachtet ist, wurden durch eine Verhandlung vor dem Potsdamer Amtsgericht der Oessentlichkeit bekannt. Angeklagt war der 46jährige Gutsarbeiter Wilhelm Schneider, der sich wegen Diebstahls und weil er in gefährlicher Nähe von Gebäuden Feuer angezündet hat, verantworten mußt«. Der� Angeklagte war aus dem Gut Markgrafshof als Arbeiter tätig. Seine Notwohnung befand sich in der Gutsbaracke. Eines Tages wurde dem Angeklagten von dem Direktor Serafin aufgegeben, slcheineandere Wohnung zu beschaffen, da die Wohnbaracken obgerisien werden sollten. Es war Schneider beim besten Willen nicht möglich gewesen, eine andere Wohnung zu finden. Da wurde er kurzerhand von dem G u t s i n s p e k t o r mit seiner Familie, darunter ein zweijähriges Kind, auf den Gutshof gesetzt, wo er eine Woche unter freiem Himmel kampieren mußte. Am 22. Juni abends trat ein Witterungtuinschlag ein, und da» kleine Kind fror und hu st et«. Um nun die Familie vor Kälte zu schützen und etwas warme» Essen zu bereiten, nahm der Angeklagte von der inzwischen abgerissenen Baracke einige Stücke Holz und zündete sich auf dem Hof«in Feuer an. Gerade kochte die Milch auf dem künstlich angelegten Dreifuß, als der Herr Gut»inspektor erschien. Sofort wurde die Ortspolizei benachrichtigt und der Angeklagte v e r- haftet. Die Gutsverwaltung gab den Wert des Holzes auf 40 M. an. In der heutigen Verhandlung ging der Inspektor auf 20 M. herunter. Der Angeklagte bezeichnete das Holz als ganz geringen Abfall. Eine Feuersgesahr bestand incht, da das nächste Gebäude 36 Meter entfernt ist und massiv ist. Sein Kind hat gehungert und gefroren, und da blieb ihm nichts anderes übrig, als sich an fremden! Eigentum zu oergreisen. Nach längerer Leweisaufnohme wurde der Angeklagte a u f Staatskosten freigesprochen. In der Begründung führte der Vorsitzende aus, daß hier ein outgesprochener Notfall vorlag, der Vater muhte sein ZÄnd schützen, da» tage- und nächtelang Wind und Wetter ausgesetzt war. Feine Leute, der Herr Generaldirektor und sein Gutsinspektor. Beschämend ist e» nur, daß man in der Nähe von Berlin auf einem städtischen Gut ebenso verfahren darf, wie es in Ostelbien zuweiken vorkommen soll._ Besichtigungen der Konsnm Eigenbetriebe. Eine der bedeutendsten Erscheinungen in der deutschen Wirt- schaft ist da- Anschwellen der konsumgenossenschastlichen Organisa- tionen, für das die Entwicklung der Konsumgenossenschaft Berlin ein beredtes Zeugnis ablegt. Der monatliche Zugang von 1600 bis 2000 Mitgliedern und die damit verbundene Umsatzsteigening zwingen zur ständigen Erweiterung des Abgabe- stellennetzes und— was das wichtigste ist— zum Ausbau der Cigenbetriebe. 1km auch weiteren Kreisen der Verbraucherschust einen Einblick In die technisch mustergültigen Anlagen zu gewähren,. lädt die Konsumgenossenschaft Berlin für süns Sonntage (25. September, 2. 9.. 16.. 23. Oktober) zur Besichtigung ihrer Betriebsanlagen in Lichtenberg, Rittergut- straße 16—30, ein. Neben den Bäckereien, der Konditorei, Mineral- wasserfabrik, Kaffeerösterei usw. werden besonders die neuesten Be- triebe, die Wurstsabrik und das Betriebsgebäude, in dem Schlosserei und Tischlerei untergebracht sind, die Beachtung der Besichtigung»- teilnehmer sinden. Di« Besichtigung findet an den angegebenen Sonntagen in der Zeit von 9 bis 12 Uhr vormittags statt. Ruzzia im Nörde«. Eine große nächtliche Streif« unternahm in der vergangenen Nacht die gesamt« Streifbeamtenschaft der Inspektion H. verstärkt durch Schupobeamte unter Führung des Leiter» der Inspektion Kriminalrat Gülzow im Norden und Nordosten der Stadt. Ver- nnlossung dazu gab die H ä u s u n g von R a u b ü b e r f ä l l e n, Messer st echereien und derartiges Treiben. Um diese Unsicher- heit einzudämmen und zu beheben, war«» daraus abgesehen, den lichtscheuen Elementen beizukommen, die sich nach Schluß der Polizei- stunde in verschiedenen Lokalen, namentlich Lokalen mit Frühbetrieb, immer wieder zusammenfinden, um die Erlebnist« und die Beute auszutauschen und neue Pläne zu schmieden. Mit mehreren Last- autos versehen, durchfuhr die Streif« die Chausteestraße und das Viertel nach der Neuen Königstratze und dem Alexanderplatz zu. Eins der Lokale in der Chausteestraße war im Frühbetrieb übervoll. Die Gäste, die sich als harmlose Nachtbummler erwiesen, konnten den Heimweg antreten. Eine große Anzahl anderer aber mußten die Auto» besteigen und die Fahrt zum Polizeipräsidium antreten. Sie wurden heute vormittag dem Erkennungsdienst vorgeführt. Di« Prüfung der Personalien ist noch nicht abgeschlossen. Eine ganze Reihe der Vorgeführten wurde aber bereits als steckbrieflich gesucht« Leute entlarvt.' Sie stammen zum Teil aus der Provinz, die sie verlassen haben, um im Getriebe der Großstadt unterzutauchen und hier ihr unsauberes Treiben fortzusetzen.____________ Morö und Selbstmord durch Gas. Tragödie einer Frau. Als heut« morgen ein Gehilfe des Z3jährig«n Schneiders Walter G o l d s ch u h, der im 2. Stockwerk de» Seitenflügels im Haus« Wilhelmstr. 60 eine Wohnung inne hat, Einlaß begehrte, wurde ihm nicht geöffnet. Er maß dem aber keine weitere Bedeutung bei und entfernte sich wieder. Gegen?L11 Uhr erschien er nochmals und nahm einen verdächttgen Gasgeruch wahr. Die Feuerwehr wurde gerufen, die sich gewaltsam Einlaß in die Wohnung verschaffte. In dem völlig mit Ga» angefüllten Schlafzimmer wurde G o l i> s ch u h und dessen um ein Jahr jüngere Frau bewußtlos aufgefunden. Wiederbelebungsversuche der Feuerwehr, die über eine Stunde dauerten, blieben ohne Erfolg. Der Arzt der nächsten Rettungsstelle stellt« den Tod fest, der erst vor kurzer Zeit eingetreten sein konnte. Nach den bisherigen Feststellungen Icheint Frau G. unbemerkt die Gashähn« geöffnet zu haben. Die Familienverhältnisse sollen sehr zerrüttet gewesen sein, zumal«» der Mann mit der Treue nicht sehr genau nahm. Heute morgen gegen 6 Uhr soll er wieder ange- trunken nach Hause gekommen sein, so daß die Frau den vielleicht schon lan�e gehegten Plan, sreiwillig aus dem Leben zu scheiden. zur Ausführung brachte. Die Leichen wurden polizeilich beschlog- nahmt und in das Schauhaus gebracht. Der Einbrecher unter dem Heft. Eine übelvergoltene Spende. Zu dem Feuergefecht in der Lrandenburgstraß« wird mitgeteilt, daß der unter dem Bett gelegene Einbrecher heute der Kriminal- polizei vorgeführt wurde. Er nennt sich, wie schon mitgeteilt, Heinz Puschmann und sagt, daß er am 11. Dezember 1906 in Striegau ge- boren und Maler sei. Um Ostern herum kam er nach Berlin, suchte Arbeit, fand aber keine. In den Herbergen, in denen er sich seitdem bald hier bald da in der Stadt aufhielt, kam er mit anderen zu- sammen, die ebenfalls erwerbslos waren. Abwechselnd ging er mir diesem oder jenem auf die Höfe singen. So kam er öfter auch auf das Grundstück Brandenburgstraße 46. Hier warf ihm die Tochter de» Kaufmanns K l e e m a n n stets eine Spende hinab. Dieses und der Umstand, daß da» Mädchen so gut gekleidet war. brachte ihn, wie er behauplet, auf den Gedanken, daß die Leute wohl Geld haben müßten und daß in der Wohnung etwa» zu holen sei. Mit mehreren anderen, die er nicht kennen will, faßte er den Plan, eine Gelegenheit auszukundschaften und einzubrechen. Vorher schrieben � sie erst an das Mädchen und dann an die Eltern Drohbrief«. End- lich schritt Puschmann zur Tat, während gin anderer ihm unbekannter Altersgenosse die Aufgabe gehabt haben soll. Schmiere zu stehen. Ob da» richtig ist, steht dahin. E» ist noch zweifelhaft, ob der Ertappte, der behauplet, bisher noch unbestraft zu sein, seinen richtigen Namen angegeben hat. Wir kurz vor Redaktionsschluß mitgeteilt wird, handelt es sich bei dem Verhafteten um einen Maler Fritz P« i s e aus Sttiegau, der zu Ostern nach Berlin kam und bei einem Schwager, der eben- falls Maler ist, zunächst arbeitete und wohnte. Nachdem er mit den Verwandten in Zwist geroten war, verschwand er und nahm den Revolver des Schwagers mit._ Kurzschluß im Umformerlverk Palisadenstraße. Im Ilmschalterraum de? Umformerwerkes der„Bewag" in der P a l i so denst r. 46 trat heute vormittag au» bisher noch ungeklärter Ursache plötzlich Kurzschluß ein. Starte Flammenbündel schössen hervor. Di« Feuerwehr wurde alarmiert, der es jedoch schon nach kurzer Zeit gelang, die Gefahr zu beseitigen.— Gegen 1411 UKr vormittags wurde die Feuerwehr nach der ITB p e n i ck e r Str. 109» gerufen. Jin vierten Stockwerk de» Ouergebäudes. in dem eine Firma chirurgische Jnstru- mente herstellt, war ein Härteofen explodiert. Durch den Lustdruck wurden mehrere Scheiben zertrümmert. Ein Meister, de-* Löschverjuche unternahm, wurde infolge Einwirkung der sich entwickelnden Rauchgase bewußtlos. Der Feuerwehr gelang es, den Berunglückten durch Behandlung mit Sauerstoff i n» Leben zurückzurufen. Der Brandherd, der sich weiter aus- zirdehnen drohte, tonnte lokalisiert und in einholbstündiger Tätigkeit abgelöscht werden. Die Ursache der Explosion ist noch unbekannt. Eine hundertjährige. Am Mittwoch dieser Woche beging in Schaf st cbt, Krei» Süderdittmarschen(Holstein), Frau Lisette T o d t, geb. Albrecht, ihren hundertsten Geburtstag. Der preußische Ministerpräsident hat ihr neben einein Glückwunschschreiben«ine in der staatlichen Poczellan-Manufaktur hergestellte Ehrentasse der preußischen Staatsregierung überreichen lassen. Sroß-Herliner parteinachrichten. 22., 2?., 187-. 139. nnb 140. Bit. Am Sonnta«. 25. Errtember, findet ein» Besichtigung der SeuosscuschgOsbetrilbe in Lichtenberg statt. Hier«» wer. den sämtlich- ,Horwärt»".L«stt, Partcigenasünnen und-genossen freund- lichst eingeladen, ssahrnerdindung mit Slraßendohn.Linie SS und mit der Ringbahn bis Franksurtcr Allee. Trefspuntt silr alle Teilnehmer Ikyh Uhr au der Untrrfithrung der Ringbahn, Zranksurter Aller. Vke Wanüerungsbewegung In Preußen. Die Ursachen der Landflucht. In den Nummern IS, 16 und 17 des Organs der Reichszentrale für Heimatdienst berichtet Dr. A. G o l d i n g, wissenschaftlicher Hilfsarbeiter im Preußischen Statistischen Landesamt. über die Wanderungsbewegung in Preußen. Gold'ng unter- scheidet bei seiner Berichterstattung zwischen drei Perioden: der Zeit von 1900 bis 1910, von 1910 bis 1919 und der Zeit von 1919 bis 192S. Er kommt zu folgenden Feststellungen: Ende 1910 war eine Vermehrung der städtischen Bevölkerung um 662 479 männliche und 7M 488 weibliche, zusammen 1 413 967 Personen, sowie eine Verminderung der ländlichen Bevölkerung um 486 880 männliche und Z92 698 weibliche, zusammen 1 079 578 Personen zu verzeichnen. Ende 1919 bezifferte sich die Vermehrung der städlischen Be- völkerung auf 2967 männliche und 350 782 weibliche, zusammen 3.53 749 Personen, die Verminderung der ländlichen Bevölkerung auf 16 958 männliche und 3824 weibliche, zusammen 20 782 Personen. Ende 192S war ein« Vermehrung der städtischen Bevölkerung um 357 799 männliche und 266 695 weibliche, zusammen 624 494 Per- sonen, sowie eine Verminderung der ländlichen Bevölkerung um 193 343 männliche und 426116 weibliche, zusammen 619 459 Per- fönen zu verzeichnen. Von diesen Feststellungen sollen hier lediglich die für die Nach- kr i e g s z e i t in Betracht gezogen werden. Sie zeigen, daß mit einer erheblichen Landflucht gerechnet werden muß. Einen W a n d e r v e r l u st der ländlichen Bevölkerung haben so gut wie olle Provinzen. An der S p i tz e steht die ProvinzO st preußen mit 1S8 0V0PersonenI Ihr folgt Niederschlesien mit 72 000 Personen. Einen Wandergewinn haben vor allem d i e Großstädte zu verzeichnen. An erster Stelle steht Berlin mit 222 000 Personen. Dann folgt das Rheinland mit 82 000, Brandenburg mit 70 000, N i e d s r f ch l e s i e n mit 55 000 Personen. Bei dem Bekanntwerden der van Dr. Golding gemachten Fest- stellungen für die Zeit von 1900 bis 1910, die in der Ocffentlichkeit ollgemein als Feststellungen der Nachkriegszeit bewertet wurden, sprach die„Deutsche Tageszeitung", Nr. 361, aus, die Landflucht sei „eine ,>olge der neueren sozialen Gesetzgebung". vie habe mit ihrer Crwerbslnsenfürsorge die Abwanderung in die Großstadt in erheblichem Mghe des materiellen Risikos entkleidet. Tatsache ist, daß die schassende Lairdbevölkerung allmählich zur Erkenntnis ihrer Lage kommt. Sie beginnt zu begreifen, daß sie bei stärkster Arbeitsleistung kaum soviel verdient, daß es zur Be- friedigung der allernotwendigsten Bedürfnisse ausreicht und daneben noch mit der menschenunwürdigsten Behandlung oorlieb nehmen muß. Ein ostpreußischer verheirateter Landarbeiter muß niit einem Gesamt- stundenlohn von 36 Pf., einem Tagelohn bei 10 stündiger Arbeitszeit von 3,60 Mk. auskommen. Im übrigen:"wie konnten die wenigen aus der Erwerbslosenfürforge gezahlten Groschen für den schaffenden Landmenschen die von der„Deutschen ageszeitung erwähnte Rolle spielen, wenn er nicht völlig verarmt wäre und für ihn nicht der Pfennig einen Reichtum bedeuten würde? Nicht die Groschen der Erwerbslosenfürsorge, sondern die Hungerlöhne und die nichtswürdige Behandlung der Landarbeiter sind die Ursachen der Landslucht. Siegreiche Abwehr der öuchürucker. Ter Kampf in der Reichsdruckerei beendet. Ueber die Differenzen, die zur Arbeitsniederlegung der Drucker in der Reichsdruckerci führten, geht uns vom Verein Berliner Buch- druck«: und Schriftgießer folgender Bericht zu: Das selbstherrliche und diktatorische Verhalten der Direktion der Reichsdruckerei, wie es in der wilhelminischen Zeit gang und gäbe war und das man nach dem Umschwung der politischen Verhältnisse überwunden glaubt«, bricht von Zeit zu Zeit von neuem hervor. An das Mitbestimmungsrecht der Arbeiter, ja selbst der Organisationen kann sich die Direktion der Reichsdruckerei immer noch nicht gewöhnen und ob und zu läßt man es daher auf eine kleine Machtprobe ankommen. Aber die o r g a n i s a t o r i f ch« S ch u l u n g und die Disziplin der Arbeiterschaft in diesem auf die„Beamten'eigenschost eingestell- len Behördeninstitut kommt«ich hier mehr und mehr zur Geltung. Wie unangenehm dies von der Direktion empfunden wird und wie sehr man versucht, den alten„Gehorsam" zu erzwingen, zeigt der am 22. September in vollster Schärfe ausgebrochen« Konflikt. Die Direktion der Reichsdruckerei suchte den Papiergeld- d r u ck e r n seit einiger Zeit die volle Haftung für das an ihren Moschinen zu verarbeitend« Papier aufzuzwingen. Bei Fehlen eines Bogens z. B. käme der betreffende Drucker in die Gefahr, 2100 M. Schadenersatz zu leisten. Diese Schadenersatz- summe, die sich je nach den Umständen bis ins Vielfache steigern könnt«, steht natürlich in gar keinem Einklang mit dem Arbeits- lohn. Die nicht zu bestreitende notwendige Kontroll« über den Verbleib des Papiers muß sich aber auf einer Grundlage voll- ziehen, die nicht den einzelnen unter Umständen wirtschaftlich zu -ruinieren vermag. Sich gegen eine derartige Gefahr zur Wehr zu setzen, dürft« selbstverständlich sein. Anders jedoch die Direktion: Sie verfuchte mit den rigorosesten Mitteln die Haftung unter ollen Umständen durchzusetzen und kon- struierte bei etwaiger Ablehnung dieser Forderung„beharrliche Arbeitsverweigerung." und darauffolgende fristlose Eni- lassung. Und so etwas trotz aller tariflichen Vorschriften! Da trotz aller Bemühungen des Betriebsrats und der Organi- sationen eine Einigung nicht zu erzielen war, vielmehr die ange- drohte fristlose Entlassung tatsächlich ausgesprochen wurde, so soli- darisierten sich sämtliche 170 Drucker und stellten die Arbeit ein. Die angerufenen Vertreter aller in Frage kommenden Organi. sationen vermochten es nicht, die Reichsdruckerei zum Einlenken zu bewegen: auch der Vorschlag, die Streitsrage einem unparteiischen Schiedsgericht zu überweisen, wurde abgelehnt. Die Direktion blieb auf ihrem eigensinnigen Standpunkt stehen und versuchte ihr« not- wendigsten Arbeiten in anderen Betrieben unterzubringen. Sinn setzte aber dt« von der Dlwttion nicht In Rechnung ge- stellte Solidaritätsaktion der Buchdrucker«in: in etwa einem Dutzend mit Streikarbeit bedachter Firmen wurde diese Zumutung strikte abgelehnt. Die eiserne Disziplin der Kol- legen zeigte der Direktion, daß sie auf Granit beißt. Daraufhin trat die Direktion der Reichsdruckerei den Rückzug an und fügte sich dem Vorschlag der Gewerkschaften, sich einem unparteiischen Schiedsspruch zu unterwerfen. Darauf wurde die Arbeit wieder aufgenommen. Hoffentlich sieht die Direktion der Reichs- druckerei nun endlich ein, daß die tarifliche und gesetzliche Vorschrift, vor Hervorrusung eines Kampfes erst alle Verhandlungsmöglich- leiten zu erschöpfen, nicht nur für die Arbeiter, sondern auch sür die Leitung staatlicher Institute gilt. Jedenfalls muß man darüber staunen, daß ausgerechnet die Direktion der Reichsdruckerei nicht weiß, wie man sich gegenüber einer gewerkschaftlichen Elitetruppe zu verhalten hat. Streik bei üer General-Alotor Amerikanische Methode». In Borsigwalde hat die bekannt« amerikanische Automobilfabrik General-Motor A.-G., das Konkurrenzunteniehmen gegen Ford, ein« Fabrik errickstet, wo mit ollen Finessen der Rationalisierung gearbeitet wird. Bei einer Gesamtbelegschaft von 749 Beschäftigten wurden dort zuletzt täglich8 3 Automobile fertiggestellt, d. h., daß durchschnittlich je neun Beschäftigte ein Automobil h e r st e l l t e n, oder jeder Beschäftigte in neun Tagen ein Auto- mobil lieferte. Die Belegschaft war der berechtigten Anschauung, daß als not- wendiges Aequivalent für dies« amerikanisch« Produktion auch amerikanische Löhne gezahlt werden müßten. Sie stellte deshalb vor zwei Monaten die an sich bescheidene Forderung, die Stundenlöhn« um 50 Pf. zu erhöhen. Die Direktion versprach, diese Forderung zu crsüllen, wenn im September eine gewisse Leistung erreicht würde. Diese Leistung wurde nicht nur erreicht, sondern noch über- schritten. Trotzdem weigerte sich die Firma, ihr Versprechei, einzuhalten. Darauf trat die gesamte Belegschaft in den Ausstand. Die Firma will jetzt großmütig zunächst wieder 300 Mann ein- stellen— den Betriebsrat ausgenommen. Die Ameri- kaner glauben also, nicht nur dieselben Schundlöhne, wie die deutschen Unternehmer zahlen, sondern auch auf die deutschen Gesetze pfeifen zu können. Am Montag, IZ'A Uhr, nimmt die Belegschast Stellung in einer Versammlung in den Borsigwolder Festsälen. Zur Lohnbewegung üer Eisenbahner. Auch der AGB. warnt. Der Gesamtvorstond des dem Hirfch-Dunckerschen Gewerkschofts- ring angehörenden Allgemeinen Eisenbahner-Verbandes hat sich gestern mit der durch den gegenwärtigen Stand der Lohnverhand- lungen bei der Reichsbahn geschaffenen Lage beschäftigt und dazu eine Entschließung angenommen, in der es heißt: „Nachdem durch die in ihren Auswirkungen ysfenbar weit über- schätzten Veröffentlichungen über die Beamtenbesoldungs- r e f o r m und durch die trotz ihrer monatelangen Dauer inimer noch nicht zu Ende geführten Verhandlungen über die Regelung der Arbeitszeit erneut große und berechtigte Unruhen in die Reihen der im Lohnverhöltnis stehenden Eisenbahner hineingetragen worden ist, ersucht der AEV. die Reichsbahnverwaltung dringend, bei den bevorstehenden weiteren Verhandlungen. diesen Umständen unbedingt Rechnung zu tragen, um eine Gefährdung des Eisenbahnverkehrs zurzeit der für unsere Volkswirtschaft so wichtigen Herbsttransport« zu vermeiden." Sapern erinnert sich üer Rheinpfalz. Um den einheitlichen Landesarbeitsamlsbezirk zu zerreißen. TNünchen, 23. September.(Eigenbericht.) Der Kampf gegen den Plan der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung, die bayerische Pfalz mit den Landes- arbeitsamtsbezirken Baden und Württemberg zu vereinigen, wird jetzt von der bayerischen Regierung organisiert. Die psälzische Kr«isregierung in Speyer wurde mit der Auf- gäbe betraut, in einem großzügigen Propagandaseldzug einen einheitlichen und geschlossenen Willen de« Pfälzer Volkes zu mobilisieren, um auf diese Weise einen öffentlichen Druck auf die autonomen Entscheidungen der Reichsanstalt auszu- üben. Inzwischen werden der Reihe nach die politischen und wirt- schaftlichen Organisationen aller Art. die in Bayern rechts und links des Rheins auf das eigenstaatliche Programm der Regierung Held eingefchworcn sind, von Amts wegen mit Ma t e r i a l versorgt und aufgefordert, in„flammenden Resolu- tionen" gegen den kalten Unitarisicrungsversuch zu prote- stieren. Die bayerische Londesbaurrnkainmer hat das bereits getan. Die übrigen werden folgen. Weiterhin wurde die Re- gierungsprefse von amtlicher Seite dahin informiert, daß Bayern sich auf eine derartige Regelung, die in die Sphäre seines staat- lichen Bestandes einzugreifen droht, unter gar keinen Um- ständen einlassen werde. Man wird sich also in nächster Zeit aus allerhand Sprünge des föderalistischen Löwen gefaßt machen müssen. Verhandlungen im rheinischen Braunkohlenbergbau. Köln, 24. September.(Mtb.) Im rheinischen Braunkohlenb«rgbau wurde gestern auf Vorschlag des Schlichters für das Rheinland zwisehen den Vertretern der Berg- arbeiterverbände und dem Arbeilgeberverband eine Vereinbarung getroffen, die folgendes bestimmt: Die bisherige Arbeitszeitregelung bleibt während der Dauer des Schlichiungsoersahrens, l ä n g st e n s bis zum 15. Oktober 1927. in Kraft. Am kommenden Montag sollen die Verhandlung«» vor dem Schlichter fortgeführt werden. Inzwischen wird ein Braunkohlenwert durch den Schlichter und«ine Kommission besichtigt werden. Vtrekk in der TtrangsSrberei Lchötz und Sondern» an n. Die vollzählig organisierte Arbeiterschaft der Strangfärberei Schätz u. Sondermann in der Mühlenstraße forderte 20 Proz. Lohnerhöhung Der Unternehmer lehnte jede Lohnzulage ab. Die Arbeiterschaft trat darauf vollzählig in den Streit. Zuzug ist fern- zuhalten. Die Ortsoerwaltung Berlin des Deutschen Textilarbeiterverbandes. Wirtschaft Eine Sanierung in der mittleren ltzerstinduslrie. Nicht allen Werften geht es gut. Die Schiffswerft und Maschinen- fabrik(oorm. Janssen u. Schmilinsky) A.-G. in Hain- bürg, die mit der Reiherstiea-Fusion mehrfach in Zusammenhang gebracht wurde, kommt seit Iahren nicht aus den Schwierigkeiten heraus. Vor dem Schicksal der Reiherftieg-Werst, die im Jahre 1925 ihre Betriebe aus ein halbes Jahr schließen mußte, wurde das Unternehmen nur durch die Erteilung von Notstands- arbeiten des Hamburger Staates bewahrt. Auch das Geschäfts- jähr 1926 brachte einen ungünstigen Abschluß. Trotz gestiege- »er Umsätze im Rcparaturgeschöft war die G e s a in t b e s ch ö f- t i g u n g dieser mit 5)ilfe der vorjährigen Kapitalerhöhung von 18 Mill Mk. modern ausgebauten Werst ungenügend. So ergibt sich sür 1926 ein Verlust von 400 000 M.. der einschließlich des Vorjahrsverlustes 777 000 M. beträgt. Auf der Generaloer- sammlung gab die Verwaltung ihre bisher geheimg ehalte- n e n Sanierungsvorschläge bekannt. Das erst im Vorjahr au: 3.0 Millionen erhöhte Aktienkapital soll wieder auf 1,5 Ptillio- nen zusammengelegt und sodann auf 2,0 Mill. M. erhöht werden. Obwohl von den durch die vorjährige Kapitolerhohung erhaltenen neuen Mitteln 250 000 M. zur Abdeckung von Krediten verwandt wurden, hat sich das Verhältnis der Schul- den zu den Forderungen verschlechtert. Die mit 0,7 Mill. M. ausgewiesenen Waren- und Wechselschulden haben sich gegenüber dem Borjahr verdreisacht, während sich d>«»?*- derungen mit 0,26 Mill. M. nur unwesentlich erhöh- tcn?lußerdem liegen noch Darlehnsschulden von rund 450 000 M. vor.— Im laufenden Jahre hat sich der B e s cha s t, g u n g s- g r a d der Werft e r h e b l i ch v e r b« s f e r t. Es liegen eine An- zahl Neubauaufträge vor. unter onderem auch für Rußland und Portugal. Russische Sampfprelse für Benzin in Deutschland. Mit dem Der- trieb russischen Benzins in Deutschland ist unter anderem auch der Deutsche Benzolverband beschäftigt. Dieser teilt mit, daß im Ein- Verständnis mit dem allrussischen Nochbarsyndikat sur das ganze Reichsgebiet derZapfstellenpreis für einen Liter Benzin um einen Psennig herabgesetzt wird. Die Maßnahmen richte sich gegen die Preispolitik der russenieindlichen Großkonzerne. Der Zapsstellenpreis für russisches Benzin soll bis auf weiteres ständig unter der Preisstellung der Großkonzerne geholten werden. Ein Arbeiter erhält bei einem Landwirlschaftsmaschinenwettbe. werb den ersten Preis. Auf dem in Arpajon ftottgefundenen Weit- bewerb für landwirtschaftliche Maschinen erhielt den ersten Preis ein einfacher Landarbeiter namens Ledour, der das Modell einer Bohnen-Erntemaschine erfunden und ausgestellt hatte. An dem Wettbewerb waren die führenden französischen Fabriken sür Land- wirtschastsmaschinen beteiligt, und mehrere hundert Modell- der bekanntesten französischen Konstrukteure warben iiin den Preis. Die Erntemaschine Ledours pflückt die Bohnen, ent- kernt sie und sortiert sie zugleich. Das Preisrichterkollegium Hot be- schlossey, das französische Unterrichtsministerium auf den Erfinder aufmerksam zu mechen, um ihm zur Weiterbildung seiner technischen Anlagen Unterstützung von Staais wegen zuteil werden zu lassen. Theater üer Woche. Vom 2». September biS Z. Oktober 1927. VolUttint: Zd-ater am«Slawplal,:«abalc und Liebe.— Tdeatee am Schlisdauerdawm:„Eeorge Dandin und„Der gemiltliche«ornmifjoc.— Tbalia-Tbeater: Der rote Hob».— Oprr am Platz der Republik: J). Mor- aarete. 26. Pampnr. 27.-—■" lo Verkauft« Braut. 28. Rigolctto. 2». Sinfonie. onzert der Staat-kapellr. Ri. glicgender Holländer. I. Hoffmanns lungen. 2. Meistersinger. 2. Traviata.— Städtische Chst11 22., 23. Biafler- träger. 2« Elcktra. 27. Tosea. 28., 2.' Die lustigen Weiber von Windsor. ?a. Waltitrr. I. Turandot. 2. Pomilee und Cavallcria rnsticana.- Schau. fpielhau» am Eeadarmenmartt: 25., 26., 28., 29., L, 3. Fitnf von der Jazz- band. 27. Ein besserer Herr. Florian»euer. 2. Wallrnfteins Tod. Schillcr-Theater Eharlottenburg! 25., 28. Im weißen Rößl. 26., 27�, 1., 3. terobc» und Mariamne. 29., 2. Pein, Friedrich von Homburg 80. Musik.— cutfche» Td-at-r: Troilus und Creiiida.—«»mmrrlpiel«: Ibr.Mann- Die«omädte: Zinsen. Ad l. Nachtvorstellung: Di- Lichter von Berlin, Nelson. Nevuc.— Theater am Nollrndorsplatz: Hoppla, wir lebri:!— Theater i» her «öniggrätzer Straß«: Bis 2«. Der dreimal tot» Petrr. Ad 29. Di» Schwester.— jt-mädie-ha«»: 25.. 28., 29. Dichuk. 26., 27. Weiße Fracht. Ab 30. Hotus. pokus.—«raße» Schaolpielhau»: Der Mikado.— Theater de, Westen»: Bis 1. Eine Frau von Format.— Deutsche,«iastler-Theater- Di- Dame von Marim.—«uftspielhau,: Filmromantik.— Lesfiag-Theater:«äma Hein. rich IV.— Theater am llursürstendamm! Das bist Du!— leianoa-Theater: stopf oder Schrift.— Zlesidr»,The-tr«: Ab 30. Drr Lcibkutschrr de« Fridrricu, Rex.— Berliner Theater: Leoni?.— Neue» Theater am Zaa: Sensation -. Salewoithri.— Die Tribiiae: Spiel im Schloß.— Renaissaaee-Theater! Polichc.—«alhalla- Theater: Am Rüdesheimer Schloß steht eine Linde.— Ztase-Tdeater: Die Maschinenbauer von Berlin.— ttafino-Theatee: Ihr dunllcr Flclk.— Theater i» der stlosterstraße: 25. Liebe. 26. Gespenster. 27. Weibs- teusel. 28, 30., 1., 2. Iohaunisfeuer. 29. Pension Schöller.— Schloßpart. Theater Steglitz: 24., 25., 27., 28., 30., 1., 2. Ailiieliesc von Dessau. 26. Schmuggler. 29. Minna von Barnhelm.— Theater i» der LStzowstraße: Galant- Nacht— Theater im«dmiralepalast: Wann und wo!— Siatergart«»: Variete.— Seala: Internationales Variete.— ReIch«halle».THeatee: Stettincr Sänger.— Theatee am stottbusser Toe: Elite-Sänger. Nachmittag,»arstelluage».«»N,HSH»«: Theatee am Biilaw- platz! 2. Ein Eommernachtslraum.— Theatee am Schissba-erdam«: 2.„George Dandin" und„Der gemütliche stommissäe.*— Schauspielhau» am Grndarmea- markt! 2. Maß für Maß.— Große» Schauspielhau»: 25., 2. Der Mikado.— Tri auou. Theater: 24. Hansel und«retel. 25. So-in Mädel.(Das Extem. porale.)— Walhalla-Theater: 25. Notkäppchcn»nd der Wolf.— Nose-Theater: 1., 2. Hänsel und Gretcl.— Theater in der stlosterstraße: 25. Nanb drr Sabine. rinnen. 2. Pension Schöller.— Schloßpark-Thratcr Steglitz! 25. Gräfin Mariza. Theater im Admieal,palast: 25., 2. Wann und wä!— Seal»: 25., 1., 2. Intel- nationales Variete.— Reich-hallen-Theater: 25., 2. St-tliner Sänger.— Theater am stattbusser Tor: 25., 2. Elite-Sänger. Verantwortlich wr Politik: Richard Berusteil,! Wirtschaft:«. stliugelhSser: Gewerkschaftsbewegung: Z. Steiner; Feuilleton: Dr. Iah» Dchilow»k>! Lokale» und Sonstlgts: Fritz«arftädt: Anzeigen: Th.«lock-! sämtlich in Berlin. Verlag und >d Sonstiges: Fritz«arftädt:«nzeigrn: Th.»lock,: sämtlich in Berlin. g: Borwärts-Berlag G. m. b. H.. Berlin. Druck: Borwärts-Buchdruckere« Berlagsanstait Paul Singer u Eo., Berlin SW 68, Lindenstraße 3. Zu noch nioBBBI Preisen dagewesenen bringen wir Stores, Gardinen, Bettdecken KOnstler- Gardinen in besten Qualitäten für*.90. 7.SO,».90 M. Malbstores in allen Webearten I.7S, 4.50, S.SO 8.— M. dardinen-Rosto klmi-unb,. tioick-kuulu zum halben Preis- — Einzelverkauf von 9—7 Uhr.— Spßiial-Oardineo-WerkJtättBD Nenkölln.Benkslr.61 2. 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