Abendausgabe Nr. 4H9 4> 44. Jahrgang Ausgabe L Nr. 232 Bk,ugsb«dinzung«n und Anzeigenu?«!?« sind in der Morgknausgobe angegebii, Nedaktton: Sw. SS, ClnOeafltabe 3 Fernsprecher z SSnQoff 292— 291 »-l.-Adresse: Sojlnldemofcal Srtlin i\'i sw Devlinev Volksblskt (lO Pfennig) Dienstag 4.(dktober 1 �27 Verlag und flnjrigenabtcttung; Dcschaftszeit 8>.d dt, 5 Uhr Verleger: vorwllrk». Verlag Gmby. verlln Sw. SS, cindeastratz» Z Zernsprecher: VSnhoss 292— 29: �entralorgan cler 8o2ialclemoKrati scken Partei Deutfchlande hergt phweigt. Keine Veröffentlichung der Amnestierte«. Im Gegensatz zu zahlreichen amtlichen Ankündigungen wird heute mitgeteill, daß die Li st e der Begnadigten nicht veröffentlicht werden soll. Man fügt hinzu, daß dies keines- wegs geschehe, um etwa einen parteipolitischen Charakter der Am- nestie des Reiches zu verdecken, denn neun Zehntel der begnadigten politischen Verurteilten gehörten zur Linken. Die Nichtverösfent- lichung erfolge vielmehr zur Schonung vieler Verurteilter, die nicht wünschten, daß ihr Name in die Oessentlichkeit gelange. Die be- treffende Reichsbehörde erklärte sich jedoch bereit, auf Anfragen dar- über, ob dieser oder jener Verurteilte begnadigt sei, Auskunft zu geben, und sie erklärt gleichzeitig, daß chölz nicht begnadigt worden ist, ebenso wenig die Rathenau- Mörder. Dagegen hatten zahlreiche verurteilte Kommunisten, auch die aus Württem- berg unter anderem, sowie die wegen angeblicher Mittäterschaft bei der Vorbereitung zum Hochverrat verurteilten Verleger, Buch- drucker usw. bedeutend« Strafmilderungen oder auch bedingte Be- gnadigung erhalten. » Aus der Festung Gollnow sind, wie die„Rote Fahne" mitteilt. auf Grund der Reichsbegnadigung außer dem Leiter des Küftriner Putfches, Major Buchrucker, die Kommunisten L a u r i- schat, Redakteur Schulz aus Essen und Rinne berg entlassen worden. Reichswehr gegen Reichsfiagge. Es wird noch untersucht. Obwohl unser Hinweis auf die vorschriftswidrige Art der Beflaggung von Reichswehrgebäuden anläßlich der Hindenburg- Feier bereits gestern nachmittag erschienen ist, kann auch heute mittag noch eine Antwort des Reichswehrministeriums nicht mitgeteilt werden: denn wenn das Wehrnümsterium«r- klären läßt, daß die Untersuchung samt Erhebungen und Ermitt- längen noch im Gange sei, so ist das eben keine Antwort. An der Tatsache, daß auf Reichswehrgebäuden in Berlin nur die Reich». kricgsflagge, aber nicht auch die Reichsflagg« gehißt war, wird keine Untersuchung etwas ändern können: denn zehntausend« Menschen haben das beobachtet. Und wenn es schon in Berlin so gewesen ist, dann kann man sich vorstellen, daß im Reiche die Achtung der Reichs- wehrbehörden vor den Reichsfarben und vor dem Erlaß des Reichs- Wehrministers nicht größer ist._' Diskonterhöhung der Reichsbank. Von 6 auf 7 Prozent. Zn der heutigen Zentrolausschußsitzung der Relchsbank ist nach längerer Begründung durch den Reichsbankpräsidenten Schacht be. schlössen worden, den Bankdiskont von 6 aus 7 stroz. und den Com- bardzinsfuh von 7 auf S Proz. zu erhöhen. Der Diskontsatz der Golddiskonlbank bleibt zunächst mit seinen bisherigen 6 Proz. be- stehen. Die Börse verkehrte unter dem Eindruck dieser Rachricht sehr schwach bei äußerst geringem Geschäft. polen unü üer Gaskrieg. Propaganda für Selbstschutz. Warschau. 3. Oktober.(Eigenbericht.) In Warschau fand am Sonntag ein Propagandatag zur W a r- nung der Bevölkerung vor dem(Bastriege statt. Ziel der Propaganda, die durch Flugblätter. Vorträge und Plakate be- trieben wurde, war die Ausforderung zum Selbstschutz jedes ein- zelnen gegen die Gefahren des Gaskrieges. Auf dem Flugplatz von Warschau wurde von polnischen Truppen ein militärischer Gas- angriff markiert, dessen Eindruck auf die Zuschauer noch dadurch verstärkt worden ist, �ah diese zum Schluß mit wirklichem Tränengas bombardiert wurden. Die polnischen Sozialisten benutzten einen gleichzeitig stattfindenden Arbeiterjugend- tag, um nicht nur den Gaskrieg, sondern den Krieg über- Haupt propagandistisch zu bekämpfen. Moraczcwski und sein Getreuer. Warschau, 3. Oktober.(Eigenbericht.) Der Ausschluß des Außenministers Andreas Moraczewski aus der polnischen Sozialistischen Partei hat jetzt das Mitglied der polnischen Sozialistischen Partei, Tadeus cholowku, der von der Regierung Pilsudski zum Ministerialdirektor und Leiter der Ostabteilung im polnischen Außenministerium ernannt worden ist, zum Austritt aus der PPS. veranlaßt. Soweit sich über- sehen läßt, ist dieser Austritt bisher der einzige, der durch den Ausschluß von Moraczewski herbeigeführt wurde. �ufstonü in Mexiko. Tie Hauptstadt in der Hand der Regierung.— Mehrere Bnndesstaaten im Ausstand. Mexiko, 4. Oktober.(Eigenbericht.) 3n Mexiko ist eine Militärrevollc ausgebrochen. Jedoch ver- iassen die meuternden Truppenteile bereits die Hauptstadt, verfolgt von den Reglerungstruppen. Der Führer der Aufständischen, F e r r a n o. ist in Cuernavaca v e r h a s t e t worden. Mehrere Bundesstaaten sind im Aufstand. Staats- Präsident Calles versichert jedoch, innerhalb 4S Stunden mit der Auf- slandsbewkgung fertig zu werden. Die Hauptstadt ist ruhig. Marx in peinlicher Lage. Vergleich im Prozeß Trcsckow-Sodenstern- Die VeranNvortung auf ihn abgewälzt Bor dem Amtsgericht Berlin-Mitte fand heut« morgen eine kurze Verhandlung statt, gewissermaßen ein Vorspiel zu dem am Sonnabend anberaumten großen Prozeß v. Tresckow gegen Major Badicke, zu dem neben einer Reihe von Großgrund- besitzern auch der Reichsinnenminister K e u d« l l geladen ist. Gegen- stand des Prozesses am Sonnabend ist der Boykott, den die neu- märkischen Großgrundbesitzer aus dem Kreise Königsberg gegen den Komtur des Jungdeutschen Ordens v. Tresckow in Verbindung mit der bekannten Denkschrift des Großmeisters des Iungdeutschen Ordens Mahraun verhängt hatten. Die„Deutsche Zeitung" hatte in Verbindung mit dieser Denkschrift v. Tresckow groben Vertrauensbruch vorgeworsen: er habe Vorgänge aus einer vertraulichen Sitzung der Oeffentlichkeit preisgegeben. Di« heutige Gerichtsverhandlung endete mit einem Ver- gleich folgenden Inhalts: Die„Deutsche Zeitung", hieß es da, hat das Material für ihre Vorwürfe des schweren Vertrauens- bruchs gegen Herrn v. Tresckow lediglich aus der Erklärung des Reichskanzlers Dr. Marx in der Sitzung des Reichstags vom lt. Fe- bruar l927 entnommen. Das Material, das dem Herrn Reichs. kanzler zu seiner Erklärung zur Verfügung gestanden hat, entzieht sich der Kenntnis der„Deutschen Zeitung". Die„Deutsche Zeitung" hat seinerzeit die Mitteilung lediglich aus publizistischen Gründen gebracht, ohne dadurch persönlich Herrn v. Tresckow nähertreten zu wollen. * Dieser Vergleich wälzt die Verantwortung auf den Reichskanzler Dr. Marx— und mit Recht. Herr Dr. Marx hat— durch die Immunität gegen Klage geschützt— von der Tribüne des Reichstages herab den Vorwurf des groben Vertrauensbruchs gegen Herrn von Tresckow erhoben. Dieser Vorwurf, von diesem Mann und an dieser Stelle erhoben, hat Herrn vonTresckowvor dem ganzen Volke wie vor dem Ausland den Stempel:„grob Vertrauens- unwürdig" aufgedrückt. Herr Dr. Marx hat diese beleidigende Beschuldigung erhoben, ohne zugleich Beweise vorzulegen. Sein Material entzieht sich der Kenntnis der Oeffentlichkeit. Er hat die Feme der Großgrundbesitzer gegen Tresckow gerechtfertigt und gedeckt mit einem Machtwort als Reichskanzler. Herr von Tresckow sucht Recht und Ehre zu ver- leidigen— aber der Reichskanzler Marx, der niemals den Angeschuldigten selbst gehört hat, ist ihm unerreichbar. Diese Haltung des Herrn Dr. Marx, die so sehr allem Empfinden für Loyalität und Gerechtigkeit widerstreitet, zeigt an einem Beispiel mehr, daß Bürgerblock Politik wirklich den Charakter verdirbt. Das Reichsgericht blamiert sich. Zenirale-Prozeß ohne Angeklagte.- Hauptverhandlung bis auf weiteres vertagt. Leipzig, 4. Oktober.(Eigenbericht.) Der Prozeß gegen die kommunistische Zentrale begann heute «hne Angeklagte. Die Angeklagten waren nicht erschie. n e n. Räch längerer Beratung verkündete Präsident Riedner folgenden Beschluß: 1. Die Hauptverhandlung wird bis auf weiteres ver. tagt. 2. Die Anberaumung des neuen Termins wird er- folgen, nachdem durch Beschluß des Reichstags die Durchführung mit allen zu Gebote stehenden Zwangsmaßnahmen gesichert ist, eventuell auch außerhalb der Ferienzeit des Reichstags.. 3. Die Vorführung der Angeklagten Lindau und Schumann wird für den anberaumten Termin angeordnet. Präsident Riedner schloß mit erhobener Stimme: Der Bestand de» Deutschen Reiches beruht auf der Durchführung des Recht». Jeder Staat, der das nicht beachtet, gibt sich selbst auf. In voller Erkenntnis dieses fundamentalen Grundsatzes hat das Reichsgericht alles getan, um diesen Prozeß nun endlich durchzuführen. Ich schließ« die Verhandlung. * In Leipzig hat heute der Prozeß gegen die angeklagten Mitglieder der KPD.-Zentrale von 1S23 beginnen— sollen. Einem Parteibeschluß folgend war jedoch kein einziger der Angeklagten erschienen. Die Angeklagten sind fast sämtlich Mitglieder des Reichstags oder des Landtags. Der Reichstag hat zwar die Genehmigung zur Strafverfolgung erteilt, er hat aber verlangt, daß die Verhandlung nur in den sitzungsfreien Sommermonaten stattfinden soll. Run hat der Reichstag seine Ausschußberatungen wieder aufgenommen, auch das Plenum soll in den nächsten vierzehn Tagen wieder zu- sammentreten— der Prozeß aber soll monatelang dauern. Kein Zweifel, daß der Beschluß des Reichsgerichts, ihn am 4. Oktober beginnen zu lassen, dem Willen des Reichstags widerspricht. Im Jahre 1923 sind bekanntlich auch von rechts schwere politische Delikte begangen worden. Diese kamen aber ent- weder nicht zur Aburteilung oder die verhängten milden Strafen sind teils längst verbüßt, teils durch Amnestie er- ledigt. Der bekannte Putschmajor Buchrucker aus Küstrin hat, wie schon gemeldet, am Sonntag als Amnestierter seine Zelle verlassen. Dieser Prozeß, der seit vier Iahren nicht steigen kann, ist zur Sinnlosigkeit geworden. Die Justiz schickt sich an, dem Staat einen„Schutz" zu gewähren, dessen er in keiner Weise bedarf. Sie leistet ihm damit nur Bärendienste. Die KPD. hat sich seit 1923 scharf geändert, sie ist vom Putschis- mus abgerückt und versucht diesen Wandel der Gesinnung nur durch noch lauteres Schimpfen auf die Sozialdemokratie zu verhüllen. Die putschistisch und revolutionsromantisch gebliebene KPD.-Opposition hat aber trotzdem diesen Wandel ganz richtig erfaßt und behandelt die Leute, die jetzt als gefährliche Revolutionäre vor Gericht gestellt werden sollen, längst als„Reformisten" und„Sozialverräter". Zuzugeben ist, daß der Reichstag an der lächerlichen Situation, die jetzt eingetreten ist, durch seinen halben Be- schluß mit Schuld trägt. Er hat sich nicht dazu aufraffen können, die Einstellung des Prozesses zu fordern, die nach den gegebenen Umständen das einzig Vernünftige war. Gegen die Einstellung hat man von bürgerlicher Seite eingewendet, daß durch sie„ungleiches Recht" geschaffen würde, denn Hunderte von kleinen Parteigängern der Kom- munisten seien zu schweren Freiheitsstrafen verurteilt, während die Großen, durch deren gewissenlose Führung jene armen Teufel ins Gefängnis gekommen seien, frei herum- liefen. Daß hier eine sehr ungleiche Behandlung vorliegt, ist ganz offenbar. Ein Ausgleich aber läßt sich heute nur da- durch schaffen, daß man jene Arbeiter, die vor vier Jahren so unvorsichtig waren, sich der kommunistischen Führung an- zuvertrauen, endlich auch aus den Gefängnissen entläßt. Die Gerechtigkeit wird dadurch sehr viel, die KPD. aber sehr wenig gewinnen. Denn erst, wenn die Angelegen- heit von 1923 völlig aufgehört hat, eine kriminalistische zu sein, wird man sie politisch richtig werten können, lieber die Rolle, die die kommunistischen Revolutionsgeneräle damals gespielt haben, wird dann noch manches zu sagen sein. Einstweilen aber ist die Justiz immer noch die beste „Agitprop". Es ist Zeit, daß sie ihre eminent ftaatsgefähr- liche Tätigkeit auf diesem Gebiet einstellt. vas Reichsgericht ohne Angeklagte. Leipzig. 4. Oktober.(Eigenbericht.) Kurz nach 9,3l> Uhr betritt der Gerichtshof mit N i e d n e r an der Spitze den Saal, der von Pressevertretern und Zuhörern gefüllt ist. Ein großes Polizeiaufgebot ist in und vor dem Reichsgericht verteilt. Der Oberreichsanwalt Werner ist selbst erschienen. Ihn, stehen die Reichsanwülte N e u m a n n und F l o e g e l zur Seile. Von den zahlreichen Verteidigern sind nur Obuch, Herzfeld, Frankel und N i t s ch k e erschienen. Von den Angeklagten ist keiner erschienen. Senatspräsident Riedner: Es steht heut« Termin zur Hauptver- Handlung gegen FröhlichundGenossen. Ich sehe, daß keiner der Angeklagten erschienen ist. Die Angeklagten bestehen zum größten Teile aus Parlamentariern sowie aus den Nicht- Parlamentariern Lindau und S ch u m a n n. Ich habe eben von Herrn Schumann ein Schreiben erhalten, in den, er erklärt, nicht erscheinen zu wollen. Schumann teilt mit, daß er als einziger nicht erscheine, da die ihm vorgeworfenen Straftaten nach Ansicht der Reichsanwaltschaft unlösbar mit denen der übrigen Angeklagten ver- Kunden sind und die Reichsanwaltschaft die Abtrennung abgrlehnt habe. Reichsanwalt Floegel stellt fest, daß die sämtlichen Angeklagten ordnungs- und fristgemäß von der Reichsanwalrschast g c- laden sind. Senatspräsident Riedner: Wünscht einer der Verteidiger eine Erklärung für das Nichterscheinen der Angeklagten ab- zugeben? R.-?l. Obuch: Ich stelle im Namen sämtlicher Angeklagten den Antrag auf Vertagung. Obuch begründet den Antrag mit dem Nicht- erscheinen der Angeklagten, die fast alle Abgeordnete sind. Sie würden infolge ihres Erscheinens die Pflichten, die ihnen die Ausübung ihres Abgeordnetenberufes auferleg», gröblich verletzen. Ihr Fernbleiben würde bei Abstimmungen den Willen des Reichs- toges verfälschen. Obuch zeigt die Entwicklung der Dinge auf. Der Reichstag Hobe dem Reichsgericht anheimgestellt, den Prozeß wSHriitv ier raKungspavs« im Somm«?!Si7 durchzuführen. Nachdem dies« Zeit ab«rmals ungenützt oer- st r i ch e n ist und die Durchführung d«s Prozesses in die Tagung?- period« des Reichstags fällt, war die nun erfolgte Ladung der an- geklagten Reichstagsabgeordneten unzulässig. R.-Sl. herzseld stellt den Antrag aus Aussetzung der haoptver- Handlung aus Grund der 217 und 218 der Strafprozeßordnung, da der Rechtsanwalt Samter, der Koenen verteidigt, nicht in der ge- setzlich vorgeschriebenen Frist von einer Woche geladen worden ist. Ihm ist die Ladung erst am 29. September zugestellt worden. R.-A. Aränkel unterstützt beide Anträge auf Aussetzung, da die Rcichsanwaltjchaft selbst«inen unlösbaren Zusammenhang der den Angeklagten vorgeworfenen Straftaten konstruiert hat. Es handle sich um einheitliche, nicht auseinander zu reißende Handlungen. Oberreichsanwalt Werner: Wenn es bisher nicht möglich war, das Verfahren durchzuführen, so liegen zwei Gründe dafür vor. Als ersten Grund gibt Werner an, daß der Reichstag selbst die Durchführung des Prozesse» unmöglich gemacht habe. da eine Zwijchentagung bereits im September stattfinden sollte. Weiter habe der Reichstag die Einstellung des Verfahrens abgelehnt. so daß es offensichtlich darauf hinausgehe, daß ein Teil des Pro- zesses in eine Tagung des Reichstages fallen muß. Damit fallen alle Erwägungen der Verteidigung ins Wasser. Es fei nicht Sache des Gerichts, zu entscheiden, ob das Interesse des Staates bei Strafverfolgungen oder das Interesse des Parlr- inents vorangehe. Der Reichstag habe die Entscheidung in der Hand gehabt. Er hätte die Einstellung des versahrens beschließen können. Der zweit« Grund ist die Geschäftslage des Reichsgerichts. Der erkennende Senat sei statt 10 Tage sechs Wochen in Stuttgart festgehalten worden und dann sei die Zeit für die Bearbeitung der umfangreichrn Akten zu kurz geworden. Nun habe der Vorsitzende die im September angesetzte Z w i s che n t a g u n g des Reichstags bsrücksichligt und den Ter- niin nach dieser Tagung anberaumt. Alle« dies gebe den Angeklagten kein Recht, heute nicht zu erscheinen. Es wäre ihre Pflicht gewesen, ihr« Einwände gegen eine Durchführung des Pro- zesses selbst hier vorzubringen. Di« beiden Angeklagten, die keine Abgeordneten sind, hätten erst recht erscheinen müssen. Er würde im Gegoiisntz zu seiner früheren Siellungnahme heute bei Erscheinen einiger Angeklagter beantragt haben, gegen die Erschienen das Verfahren durchzuführen. Es ginge allerdings nicht an, daß die, die Drahtzieher waren, nicht verurteilt würden, nur weil sie Abgeordnet« sind, während and«re zu schweren Zuchlhausstrafen verurteilt winden. Das Fernbleiben der Nicht- abgeordneten könne nur als Demonstration gegen das Reichsgericht und als Solidaritätskundgebung für die Mitangeklagte» angesehen werden. Er beHalle sich vor, beim Reichstag geeignete Anträge za stellen. Gegen Lindau und Schumann beantragt« er die Vor- führung zu einem späteren Termin. Von einem hafkbesehl gegen Lindau und Schumann wolle er absehen, da die Anberaumung de» nächsten Termins nicht abzusehen wäre. Zw übrigen müsse er ebenfalls Antrag auf Aussehung stellen. Nach kurzer Kontroverse zwischen Werner und Floegel einerseits und O b u ch und Herzseld andererseits, zog sich der Senat zur Beratung über die Anträge zurück. Einführung ües Gberpräsiöenten Waentig. <*in Mahnwort des Inncnlninisters von Prcuhen. Rlegdeburg, 3. Oktober.(Eigenbericht.) Der preußische Jnnemuimster Genasse Grzesinski führte heute den neuen Oberpräftdenten der Provinz Sachsen, Genossen Bröf. Dr. Waentig, in sein Amt ein. Der Inneuministe.r hielt dabei eine Rede, in der er auf die Verdienste des Amtsvorgängers Waentigs, Genossen Hörsing, hinwies und dann fortsuhr: Sie, Herr Obcrpräsident Dr. Waentig, treten inirnnehr in noch enger« Beziehungen zur Staatsverwaltung, als sie bisher zwischen Ihnen und der Verwaltung bestanden. Als Wissenschaftler und i Hochschullchrer, der seit Jahrzehnten an einer Universität der Pro-! der Giückssucher. Von Eberhard Boehm. Jim ging die Stroße entlang, schweren schleppenden Schrittes. die Blick« auf den Boden geheftet, als suche er etwas. Es war eine staubige, schmutzige, gänzlich menschenleer« Vrrstadlstraße, euf die Jim verzwciflungsvoll starrt«. Er war immer ein Glückssucher gewesen, sein ganzes Leben lang, und noch jetzt war er einer,— aber immer ohne Glück. Das hatte er so deutlich noch vor wenigen Minuten gemerkt, als ihn plötzlich etwas hart gegen den Kopf gestoßen hatte. Feinde ringsum! war es ihm durchs Hirn geschossen, schon glaubte er wieder Schrappnells sausen zu hören. Aber das war es nicht. Nur ein« dumme, alte, verkrüppelte Straßenlaterne hatte ihn so unsanft geweckt. Geweckt? Nein, Jims Ruhe konnte jetzt nichts mehr stören, er rieb nur etwas seinen Schädel mit der stachen Hand und beobachtete dann weiter das graue Pflaster, immer weiter, die ganze Straße voll Staub und Schmutz entlang. So suchte Jim das Glück. Aber plötzlich,— noch schien es ihm eine wahnwitzige Vorspiegelung seiner soeben durcheinandergerüttel- ten Phantasie, da hielt er wirklich etwas goldig Glänzendes, ach, so wundervoll Rundes und Festes in der zitternden Hand. Gebückten Ganges, die Augen so nah dem Erdboden, hatte er ein Armband entdeckt, ja wahrhaftig, ein kleines goldenes Damenarmband. Der Verschluß war gerissen und so war es verlorengegangen. Aber daran dachte Jim gar nicht. So viele Menschen verloren das Glück? wenn er einmal fand, was sie verloren, hier auf der Straße, dann war es fein Eigentum, das konnte nur dem Glücks- sucher gehören. Aber so deutlich dachte Jim durchaus nicht, unbe- kannte Gefühle durchströmten ihn heiß, als ob er verbrenne. Fast hätte er das Armband wieder fallengelassen, doch jäh muckste er auf und hielt den kostbaren Schatz fest, ganz fest in der verkrampften Hand, bereit, um das zu kämpfen, was gleichsam innig mit ihm verwachsen war. Denn jetzt, während es ihm noch vor den Augen flimmerte, kam schan der Feind. Die menschenleere Straße füllte sich mit dem GeHast und Gejammer zweier Menschen, die ein goldenes Armband suchten. Also das kann beschworen werden: Da war der ehrsame Herr Tuchhandler 1. mit seiner Ehehälfte diese, hm, verdammte Straße cntlanggegangcn und mit einem Male war die Zierde eines eiwae verfetteten Handgelenke» verschwunden. Verschwunden? Vielleicht gestohlen, man kann ja nie wissen. Die Frau Tuchhändler en gros weint« in stillem Schmerze ihr Taschentuch naß, riß sich plötzlich von ihrem keifenden Gatten los und eilte mit schnellen Schreiten die Straße hinab, vorbei an dem noch gänzllch betäubten Jim. Der beleidigte Mann schnob hinter ihr her, mors im Vorbei- prusten einen wilden Blick auf die Bildsäule des Glückfuchers, blitz- Mz Sachsen wirft«, sind Ihnen die BevRkerm«, dt« wirfschast- lichen, kulturellen und politischen Verhältnisse dieser Provinz nicht fremd. Als Abgeordneter im Preußischen Landtag haben Sie oft Gelegenheit gehabt, Forderungen und Wünsche der Provinz parla- mentarisch zu vertreten und zu begründen. Sie kennen also die Provinz, die Sie nunmehr als Oberprästdent zu betreuen und zu verwalten haben. Als Oberpräsident sind Sie in der Ihnen von der Staatsregierung anvertrauen Provinz Vertreter der Preußi- schen Swatsregierung. Sie sind ihr politischer Beamter und Aer> trauensnmnn in der Provinz. Sie sind der Slaaksregiernng dafür verantwortlich, daß sowohl die eigene Verwaltung, wie die Verwaltungen, deren Ober- aufsicht Ihnen obliegt. In dem von der Staatsregierung für erforderlich gehaltenen potikischen Sinne geführt werden. Als Repräsentant des Staates haben Sie aber auch unbeschadet Ihrer eigenen politischen Ueberzeugung ausgleichend zu wirken. Bei aller Wahrung der Staatsautorität müssen Sie dafür sorgen, daß die Dchörden urtd ihre Mitglieder sich stets bewußt bleiben, Diener und nicht Bevormunder, Förderer und nicht Hemmer de» Volkes zu fein. Ich bin überzeugt, daß Ihre hier verfanmielten Mitarbeiler den besten Willen zur Mitarbeit in diesem Sinne haben und Sie bei der Bewältigung Ihrer großen, wichtigen und schönen Aufgaben unterstützen werden. Ich wünsche Ihnen, Herr Ober- Präsident, daß zwischen Ihnen und Ihren Mitarbeitern«in gutes und vertrauensvolles Verhältnis bestehen möge. Ohne eins gewisse Kameradschaftlichkeit im Arbeiten und im Verhältnis vom Vor- gesetzten zu seinen Mitarbeitern— gestützt auf gegenseitige Achtung und Vertrauen— kann ich mir eine ersprießliche dienstliche Tätig- keit nicht recht vorstellen. Vertrauen erweckt Arbeitssreudigkeit und Verantwortungsbewußtsein, lind die Selbständigkeit der Beamten im Rahmen ihrer Zuständigkeit zu fördern, scheint mir eine durch» au« dankenswerte Aufgabe zu sein, die wesentlich zur Vereinfachung manchen Veimaltungsganges beitragen könnte. Dabei darf natür- lich nicht vergessen werden, daß für die Führung der Geschäft« in der Provinz Sie, Herr Oberprässdent, der e?taatgregierung allein verantwortlich si>ch Das heißt nntürlich, daß jeder Beamte, An- gestellte und Arbeiter Ihrer Behörde sich in seinem dienstlichen Handeln nach Ihrem Willen und Ihrer Entscheidung zu richten hat. Sie können nur dann der Staatsregierung für das glatte und reibungslose Zusammenarbeiten in Ihrer Verwaltung garantieren, wenn Sie. Herr Oberpräiidsnt. wissen, daß eine Politik aus eigene Faust ran kewsm versucht wird. Daß Ihr Apparat so läuft, dafür haben Sie zu sorgen. Oberpräsident Genosse Dr. Waentig erklärte, er sei sich der Schwere der ihm erwachsenden Ausgaben voll bewußt. Er stell« kein Progrgmm aus, sondern er gelobe, in seinem Amte vor allem die Richtlinien der Politik des Preußischen Innenministers zu befolgen. De? Nichte? als Antisemit. Ter preupifche Richtervercin untersucht den Fall tSellin. Wie der Preußische Richterverein mitteilt, wird der Berein sich ebenfalls init dem bedauerlichen Vorfall in Breslau, in den der Landgerichtsrat E e l l i n verwickelt ist, und der nach amtlicher Mitteilung in einem staatsanwaltschaftliäzen Ermittlung?- verfahren alsbald aufgeklärt werden soll, zu beschäftigen haben. Di« von dem Verein eingesetzte Kommission zur Nachprüfung richier- sicher Entgleisungen— Borsitzender Geheimer Justizrat Oppler- Berlin— hat sofort nach Bekanntwerden des Falles die zur Fest- stellung des Sachoerhaltes erforderlichen Schritte unternommen. Der Verein legt Wert auf die Feststellung, daß Landgerichtsrat Gellin dem Richterverein als Mitglied nicht angehört. Die Tätigkeit üer Lanüesarbektsgerichte. Richtunzgebend für die Arbeitsgerichte. Wie dem Amtlichen Preußischen Pressedienst von unterrichteter Seite geschrieben wird, haben die Landevarbeitsgcricht« als Vevusv- und Besch werdegerichte in den drei Monaten seit Inkrafttreten des Arbeitsgerichtsgesetzes bereits eine ganze Anzahl weittragender und allgemein interessierender Entscheidunaen zu den einzelnen Fragen des weit verzweigten Arbeitsrechts erlassen, die zum Teil auch schon in der Fach- und der Tagespresse abgeknickt wurden. Aus dem Inhalt dieser Entscheidungen läßt sich entnehmen, daß die Landesarbeitsgerichte der ihnen neben den: Rcichsarbeitsgericht zu- gewiesenen Ausgabe, für die Rechtsprechung der Arbeits» artig überkam ihn ein Verdacht. Er ging auf Jim zu:„Haben Sie vielleicht ein Armband gefunden?" Er meinte natürlich„ge- stöhlen". Es war eine Drohung mit Polizei und Untersuchungshaft, das fühlte auch Jim. Noch schmerzte der Kopf und die Hand war ganz verkrampft. Auf-Leben und Tod! überkam es ihn plötzlich, da preßte er ein grimmiges„Nein!" hervor. Da stand der Tuchhändler vor ihm, ganz dicht vor ihm, und Jims Augen blieben an der goldenen Uyrkette hängen, die sich in kühnem Bogen um den Leib des Feindes spann. Da kam ihm wieder das Flimmern vor die Augen. Die ganze Welt war ein jäher Wirbel von Gold. Das gelb« Metall quoll aus allen Herzen und Hirnen und verschlang das Leben. Es ist aus, Jim, dachte er voller Qual, du wirft niemals das Glück finden. Vor ihm spreizte sich die Uhrkette zur Riesenschlange, Gold will sie zum Fraß, Gold. Zischend erhebt sie ihren Kopf mit dem eklen Maul: Gold gehört zu Gold!.. Da ließ Jim das Armband fallen. Nun war es genug, er hatte dem Naturgesetz gehorcht. Der Tuchhänbter war starr vor Staunen. Er hob das Schmuck- stück auf und da er plötzlich fühlte, daß er seinen Revolver nicht bei sich halte, gab er keinen Laut von sich, sondern eilte mit scheuen Schritten die Straße hinab und ließ den Glückssucher stehen. Das Cnöe der Revue. Die Handlung der neuen James-Kleln-Revu«„Die Welt applaudiert", ist in die Sahara verlegt. Die Kämpfe zwischen Fremdenlegion und Riskabilen sind allerdings für eine Revue ein merkwürdiger Vorwurf, besonders, da als Einlage immer wieder Girlparaden abgenommen werden. Diese Revue in der Komischen Oper bedeutet eine End«, denn sie näher sich wieder dem Dolksstück und der Operette, aber die Operettensorm zwingt die Verfasser wenigstens zur Konzentration, während hier die Handlung ins Unendlich« zerdehnt wird. Unter achtzig Szenen in fünfzehn Bildern geht es nicht. Es enlsteht ein Kompromiß von Courths» Maler und Karl May, und man fühlt sich an die Spektakelstück« im Zirkus Busch erinnert, etwa an den Grasen von Monte Ehristo odcc an Ben Hur. Und in diesem Stil sprechen auch die Leute. Man hört nur überzuckerte Phrasen oder eine Konversation, die sich wie eine Parodie ausnimmt. Außerdem machen die Verfasser in Gesinnung. Sie geben den Friedfertigen kleine Zuckerplägck.en mit der Aufschrift:.Nie wieder Krieg": baneben ist noch der Führer der Aujsrändischen glühender Pazifist, und für kriegerische Gemüter sich) Militärmürsche, marschierende Soldaten und der schöne Sag.Ein Bolk muß sich verteidigen" oder so ähnlich, oorhanten. James Klein ist eben ein guter Geschäftsmann, will es mit keinem verderben, und darf stolz darauf sein, daß er seiner Revue beinahe ein poli- tisches Möntelchen umhängt, und billiger dabei fortkommt als bei mondänen Ausstattungsasfären. Dies« fehlen.selbstverständlich nicht ganz. Es sind noch immer drei Bilder dieser Art vorhanden. Doch die durchaus ausgezogenen Frauen, das Schreiten die Treppe her- unter, hat man sich im Laufe der Zeit übergesehen, und man lang- gerichte ihres Bezirkes richiunggetenL ztt wirken, durilhaSN gerecht werden.-.. � � Die bereits mehrfach angeschnittene Frage, ob auch bei den« jenigen Landgerichten, bei denen bisher noch keine Landesarberts« gerichte errichtet sind, Landesarbeitsgerichte errichiet werden sollen, läßt sich zurzeit noch nicht beantworten. Wesentlich für die Eni- scheidung dieser Frage wird die Feststellung sein, ob und in welchen» Maße die Zahl der berusungsfähigen Sachen zunimmt. Das Angebot paleologues. Tie Budapester Veröffentlichung— eine Intrige. Die Veröffentlichung des Angebots von 1920 an Ungarn, ih-vl eine Armee von über 100 000 Mann zu gestatten und ihm die über« wiegend madjarischen Gebiete aus dem Neubesttz der angrenzende:» Nachfolgestaaten wiederzugeben, wenn es seine Landeskinder zur Niederkämpfuug der Sowjetarmee in Polen hergebe, ist zuerst in dem Budapcstcr Organ der Habsburgtreuen„Legitimisten". dem „Magyarfag" erfolgt. Führer dieser Partei ist der alte Graf Albert A p p o ii y i, der Ungarns Vertreter beim Friedensdiktat von Trianon war und jetzt Ungarn im Völkerbund vertritt. Der fran- zösijche Diplomat Paleologu« hat jede Aeußerung zu dieses Beröfsentlichung abgelehnt: das Blatt hatte den notenartigei» Brief Paleologues an den damaligen ungarischen Ministerpräsidenten oder Außenminister Paul Teleki auch im französischen Original abgedruckt— wäre er gefälscht, so würde Paleologue dies gewiß hinausschreien, zumal dieses Angebot auch heute noch und gerads zurzeit der Rothermere-Agitation für die Nachfolgestaaten höchst fatal ist. diese Staaten ober sämtlich zum Gefolge Frankreichs ge- hören, während Horthy-Ungarn sich der huldvollen Protektion Eng-. lands erfreut, dessen industrielle Kolonie es auch ist, wie soeben erst der Elektrizitätsskandol mit dem Talbot-Konzern gezeigt hat. Nun ist Ministerpräsident Bethlen ernstlich krank und sein Nachfolger soll Graf Paul T e l e t! werden. Teleki war ein Haupt» akteur der Frankenfälschung— was ihm weder bei der ungarischen, noch bei der britischen Reaktion geschadet hat. Aber Teleki gehört nicht zu den Legitimisten. Am Tage der Enthüllung befand sich Teleki gerade auf den Besitzungen Albert A p p o n y i«, um mit diesem über die neue Regierungsbildung zu beraten. Die Ent- hüllung soll der Rache der Führer der Frankensälscher dienen und ein persönliches Wert des Prinzen Windischgrätz sein. Windischgrätz und soine Freund« können dem Teleki nicht ver- zeihen, daß dieser sie, obwohl er selbst mitschntdig gewesen, i in Frankenfälscherskandal im Stiche gelassen hat. Die Verbindungen des Windischgrätz zum Außenininisterium und zum ,.M a g y a r s a g", zum Blatte der Otto-Partci, sind bekannt. Windischgrätz hat sich wahrscheinlich mit Hilse seiner Freunde im Ministerium die Originalnote verschafft und dem.Magyarsag' übermittelt. Di« Polizei sucht natürlich krampshast diejenigen, die die Rot« aus dem Ministerium entwendet haben. Warum aber Horthy-Ungarn damals auf das lockende Angebot nicht eingegangen ist. das unterliegt nicht dem geringsten Zweifel: man hatte vielzuviel Angst davor, dem gemarterten Bolk der Ar» beiter in den Städten und der um die Bodenreform betrogenei, Bauern auf dem Lande, Waffen in die Hand zu geben! prager öeftätigung ües Angebots. Das Außenministerium in Prag hat 1923 eine Aktensammlung oeröfsentlicht. Darin ist eine Depesche des damaligen« Chefs der politischen Abteilung des Prager Außenmlnisterimns, S t e p a n e k. an den Vertreter der Tschechoslowakek in Belgrad vom 27. Juli 1920 enthalten: sie tellt mit, daß die Tschechoslowakei von fran- zösischer Seite darauf aufmerksam gemacht worden ist, daß die ungarische Regierung den Obersten Rat er- suchen werde, vier Uebergänge durch die Ostslowakei und Karpathen-Rußland für vier ungarische Divisionen gegen die Russen freizumachen. Das nennt Stepanek felbftver- ständlich a b s ii r d und unannehmbar. Das„Prager Tageblatt", das dieses Aktenstück ausgräbt, de- merkt dazu, aus diesem Dokument geht zum mindesten hervor, daß Frankreich seinen tschechoslowakischen Bundesgenossen über die durch die angebliche Paleologue-Rote gekennzeichneten Vorgänge infor- m i e r t hat. weilt sich hilflos. Es scheint, alz ob die Revue ihre Existenzberechti- gung verliert, wenn sie sich nicht formal und inhaltlich auf die künst- lerische, literarische oder politische Revue festlegt. Dieser traurige Zwiiter von Operette und mondän parfümierter Auestattungsszena befriedigt in keiner Beziehung. Die Musik, von vielen Komponisten fabriziert, ist am besten im Marschinäßigen und im Chanson. Die sentimentalen Parteien zeigen nur Gewohntes. Lames Klein macht sich als Regisseur das Leben leicht. Er läßt vor Prospekten spielen und gibt hin und, wieder eines seiner reichlich bekan»t«n Prachtbilder. Vielleicht versorgt er sich für seine nächste Revue vorzeitig mit Einfällen. Zlus der Menge der Mitwirkenden ein paar Namen. Johannes Müller singt mit weicher Stimme die Schmalzarien, während sein Tenorkollcge P o r e m s k i, der sich etwas das Schreien abgewöhnt hat, die Chansons betreut. Erquicklich allein Vicky Werkmeister und A l b e r s, die über wirklichen Witz verfügen, eine Erholung in der Langenweile. Felix Scher ret. Reue Theaier des Volksbühnenverbandes. Der Verband der deutschen Volksbühnenvereine hat sich an der Gründung einer gemsin- nützigen Gesellschaft beteiligt, die die Fortführung des bisher nls Priootunteniehmcn bxtriebcnen Stadttheaters Brandenburg übernommen hat. Gemeinsam mit deni Bühnenoolksbund hat der Verband der deutschen Volksbühnenvereine die Gründung der ge- mclnnützigen Stadttheater G. m. b. H. in Guben übernommen. Ferner ist der Beitritt des Verbandes zu der gemeinnützigen Schau- spielhaus°G. m. b. H. in Remscheid jetzt vollzogen worden. Die kleinste Photographie gestohlen! Auf der Ausstellung der englsschen Photogrnphlschen Gesellschaft in London wurde als große Sehenswürdigkeit auch eine Photographie gezeigt, die die kleinste der Welt sein soll. Es ist ein Bildnis des französischen Erfinders Niepce, der bei der Erfindung der Photographie namhaft beteiligt war, und es ist so klein, daß es nur unter dem Mikroskop zu sehen ist. 300 solcher Photographien würden erst einen Raum einnehmen, der den, eines gewöhnlichen Stecknadelkopfes entspricht. Die Photo- graphie war auf einem Rahmen befestigt, und dieser ist mit dem einzigartigen Porträt gestohlen worden. Man hat bis jetzt von dem Dieb keine Svur, nimmt aber an, daß es sich nur um einen fanatischen Sammler handeln kann, der diese Kuriosität besitzen wollte. Dieses Wunderwerk der Kleinheit wurde von Professor Eoldberg hergestellt, Sepertoireöndelimg im Schlllerthester. Am S. gelaugt Natt der ur- sprünglich angclündigtcn Borstellwig.. iirinz Friedrich von Homburg' Hebbels »HerodeS und Maiiannc" in der Inszenierung von Jleßncr mit Fritz Koctner und Lina Losse» in den Titelrollen zur Slussührung. . IJilbiieu'niist in, Wandit der Zeitcr', ein VoitrogSzylluS mil Lichtbildern und izenüchen Torbictnngcn von Dr. Jobannc««üntlier und Saidja T ch aah im Charlotte n burger S chillerlaal. beginnt unter Mitwirkung von Wy Magito, Franz Conrad Hoesert und Rolf«reo(vom StaatSopcrn» balleli) u. a. am S., 20 Uhr. Vo�egger-Abend. Ans Cinladima der Volksbühne.&. B lieft Hermann N i e n z I nrn Mittwoch, dirn 5., 20 Nhr. in der A»ka des Gymnasiums zum Grauen Klotz er, JUosterstr. 74, Sioseggeischo Dllywngen vor. Einlatzkarteu 0,60 W. Die Tragöüie im Zriseurlaüen. Unter der Anklage des Totschlags. Am 8. Februar d. I. erschien der Friseur Kalb, der seinen Laden in der Böttcherstr. 1 hatte, im Polizeirevier und teilte mit. dah er am vergangenen Abend ein« Frau Hosfmann getötet habe. Man fand tatsächlich in seiner Wohnung die Frau erwürgt vor. Heute morgen hat sich der Täter vor dem Landgericht III wegen Totschlags zu ver- antworten. Stoib hatte im September 1326 Frau Hoffmann durch ein Heiratsinferat kennengelernt und war wenige Tage darauf mit ihr in intim« Beziehungen getveten. Diese Beziehungen entwickelten sich in kurzer Zeit auch zu einem BerhSlntis geschäftlicher Natur.. Frau Hoffmann trat als Mitinhaberin in den Friseurloden ein. Dieses geschäftliche Verhältnis sollte ober beiden Teilen zuni Der- hängnis werden. Die Getötete war dem Angeklagten In geschäft- lichen Dingen weit überlegen; das gab sie ihm auch immer wieder zu fühlen, selbst In Gegenwort der Angestellten und der Kunden. Di« Beziehungen spitzten sich aber bis ins Unerträgliche zu, als K., während Frau Hoffmann im Krankenhaus« lag, eine Friseuse an- nahm. Seine Geliebte begann ihn nun mit ihrer Eisersucht zu ver- folgen und verlangte die Entlassung der Friseuse. K. jedoch, der der ewigen Zänkereien mit Frau Hoffmann überdrüssig war, weigerte sich, ihrem Wunsche nachzukommen, die Folge war eine Abkühlung zwischen beiden, die schlichlich zu einer geschäftlichen Trennung führt«. Frau Hoffmann gründete einen eigenen Damenfriseurladen. Der intime Verkehr wurde jedoch bald wieder aufgenommen. Aus den Briefen, die K. an Frau Hoffmann geschrieben hat, sedoch von ihm nicht abgeschickt worden waren, geht mit aller Deutlichkeit her- vor, daß sein Nervenzustand unter dem Verhältnis mit der Frau im höchsten Maße mitgenommen war, und daß er sich in einem gewissen Hörigkeitszustande befunden haben muß. Am 7. Februar gerieten beide in einen Wortwechsel, Frau Hoffmann spuckte schließlich den Angeklagten an, er packte sie an der Kohle und würgte sie, bis sie bewußtlos wurde. Dann kam ihm der Gedanke, sie zu töten und auch sich selbst das Leben zu nehmen. Er erdrosselte sie mit einer Wäscheleine, schrieb einige Abschiedsbriefe, trank sich Mut an und versucht« darauf mehrmals, ohne Erfolg, sich zu erhängen. Am nächsten Morgen stellte er sich der Polizei. Dies war seine Dar» stellung in der Boruntersuchung. Heute will er sich dieser Vorgänge nicht mehr genau entsinnen. Der Angeklagt«,«in 47jähriger Mann, scheint heute noch von seiner Tat schwer mitgenommen,«r weint bei dem Verlesen seiner nicht abgeschickten Briefe und macht den Eindruck eines Menschen, dem die Beziehungen, die zwischen ihm und Frau Hoffmann be- standen haben, tatsächlich über den Kopf gewachsen waren. Als Sach- verständige sind Prof. Strauch und Dr. Dürenfurth an- wesend. Die Verteidigung hat Rechtsanwalt Dr. Aron. Nach Schluß dir Beweisaufnahme beantragt« d«r Staatsanwalt zu seinem Plädoyer gegen den Angeklagt«» achtJahreZuchthaus und fünf Jahre Ehrv«rlust. VoppelselbstmorS eines Greifenpaares. In ihrer Wohnung in der F r i t s ch e st r a h e 75 zu Ehar» lottenburg wurden heute vormittag der VSjährige Klein» rentner Ferdinand K. und dessen 85sährige Frau Wilhelmine in dem mit Leuchtgas angefüllten Schlafzimmer bewußtlos aufgefunden. Wiederbelebungsversuche der Feuer- wehr blieben ohne Erfolg. Di« Leichen wurden polizeilich be. schlagnahmt. Wirtschaftliche Sorgen sind vermutlich die Gründe zu dem gemeinsamen Berzweiflungsschritt. Schule unö Kurstätte. Am Sonntag wurde der Presse Gelegenheit gegeben, die Humanitär« Einrichtung einer Tageskurstätte für rachitische Kinder im Bezirk Friedrichshain zu besichtigen. Auch im Bezirk Steglitz versucht man in vorbildlicher Wesse für die gefährdete Jugend der Unterschicht«» zu sorgen. Er hat unter ganz besonderer Mitwirkung der dortigen sozialdemokratischen Bezirtsverordneten durch den Dezernenten Stadtrot Genoss«n Leim doch und de« bei alt und jung beliebten Stadtarztes Dr. Löwenbera auf dem Fichteberg eine Kur statt« für tuberkulös infiziert« Kinder geschaffen, die seit den einundeinhalb Jahren ihres Be- frehens schon großen Segen gestiftet hat. Anläßlich eines Kinder» festes konnten die Eltern und Gäste sich selbst von den Kurresultaten überzeugen, indem di« durch Luft und Licht abgehärteten Kinder trotz regnerischen Wett«rs ihre. Bewegungsspiele und Atem- gymnasti'len mit großer Fröhlichkeit vorführten. Wie Stadtarzt Dr. Löwenberg ausführt«, handelt es sich bei der Ausnahme um all« Tubertuloseerscheinunge», auch solche durch Skrofulöse vis- ponierte, mit Ausschluß der ansteckenden Lungentuberkulose, die nach der Meinung des Arztes eine Sjeilung in einer geschlossenen Anstalt erfordert. Die Ergebnisse sind recht befriedigend, von den 117 in einem Jahr behandelten Kindern wurden 6o ganz geheilt, 2ö ae- bessert und die übrigen zur vollständigen Heilung weiter in der An- stalt belassen. Meist genügt ein Aufenthalt von zwei bi» dreiMonaten, um der g«sährlichen Volkskrankheit vorzubeugen. Die Kinder stehen tagsüber in Fürsorge und Beobachtung von einer S ch u l ä r z t i n und besonders ausgewähltem Pflege. personal; auch di« Schule, die gleichzeitig mit der Heilbehandlung ausgeübt wird, trägt den ärztlichen Forderungen Rechnung. Die Anstalt besitzt eigene Sch u l r ä u m«, Liegehallen, Küche, Baderäume und Bestrahlungszimm«. In seiner schönen Lag«, fern von allem Grohstadtstoub, mit seinem schönen Garten und zweckdienlichen Einrichtungen könnte man. ohne zu übertreiben, diese Stätte»Das Kindersanatorlnm" nennen, wie es den Eltern kranker Kinder nicht besser empfohlen werben kann. » Das Kindererholungshelm Borgsdorf, eine Anstalt der Stadt Berlin, wird jetzt durch Bauten in wünschenswerter Weise erweitert und verbessert. Bei dem R i ch t f e st. das vor einigen Tagen statt- fand, wurde unserer Genossin. Stadträtin Weyl, aus Anlaß ihres Jubiläums eine Ehrung bereitet. Das Jugendamt der Stadt und Freunde des Hauses nahmen an dem Fest teil, das mit seier- lichen Reden begann und mit Vortrögen und Spielen der Kleinsten und Kleinen und der Schülerinnen des Heims endete. Montefsori-Ausstellnng. Im Warenhaus Werth ei in, Leipziger Straße, ist eine Montessori-Ausstellung eröffnet worden. Ein vollständig einge- richtete» Montessori-Kinderhau, und ein» M o n t e s s o r i- S ch u l t l a s s« sind ausgestellt. Unter dem Motto»Das Kind in der Famllle* werden ein Kinderzimmer,«ine Spielecke für das Kind in einer kleinen Wohnung, gute Bücher für Kinder, gutes Spielzeug gezeigt. Die Kinder der Besucher dürfen in das Kinder- Haus und in die Klosse gehen und die Beschästigungsmittel benutzen. Eltern können hier wichtige psychologische und praktisch« Be- obachtungen machen. Für die Erwachsenen Ist alles Deschäftigungs- materlal der Kinder auf besonderen Tischen noch einmal aufgestellt. Montesiori.Lehrkräft« sind bereit, gewünschte Erklärungen zu geben. Etwa 133 Bilder, die die Kinder bei ihren Beschäftigungen zeigen, außerdem Zeichnungen, erste Wcbarbelten und Töpfereien der Kinder neben einen Einblick in ihre Lieblingsbeschäftigung. Die Ausstellung bleibt bis zum 13. Oktober geössnet.. Mfthluß öerStraßenbahnerbewegung Was sie den Straßenbahnern gebracht hat. Die Bewegung der Straßenbahner hat für diese mit einer Eni. t ä u? ch u n g geendet. Die Straßenbahner hatten erwartet, dah die Direktion entsprechend den Weisungen, di« sie erhalten hatte, im letzten Augenblick besonders In der Frage der Arbeitszeit noch Konzcssionen machen würde. Die Direktion der Straßenbahn hat sich aber an die Nollmachten nicht gehalten und auf den st a r k e n Ma n n hinausaespielt. Die Funktionäre der Straßenbahner standen also gestern abend, nachdem das Reichsarbeitsministerium die Verbindlichkeits- e r k l ä r u n g ausgesprochen hatte, vor der Entscheidung, ob sie nun- mehr von sich au» den Streit erklären und durchführen sollen. Die Organisationsleitung war infolge der Verbindlichkeits- erklärung außerstande gesetzt, einen Streik zu führen, überließ aber den Funktionären die Entscheidung, ob sie selbst die Führung im Streik in die Hand nehmen wollen. Das Organisationsverhältni» bei den Straßenbahnern hat sich in den letzten Monaten ganz wesentlich gebessert. Es ist aber bei weitem noch nicht so gut, dah di« Funktionäre den schweren Entschluß fassen konnten. Die Funktionäre hatten nicht die Gewähr, haß die Unorganisierten und die erst seit kurzer Zeit Organisierten auch unter den schwierigeren Umständen bis zum End« Stange halten würden. Di« Funktionär« haben also in xe- heimer Abstimmung beschlossen, die Bewegung abzu- breche n. Wenn man di« Enttäuschung der Straßenbahner begreifen kann, so ist es keineswegs gerechtfertigt, die Dinge jetzt so hinzustellen, als wäre die Bewegung erfolglos gewesen. Es ist gewiß nicht alles erreicht worden. Aber es ist doch ziemlich viel erreicht worden. Wir' heben im folgenden die wefenllichen Punkt« hervor: Die Arbeitszeit betrug bisher für das technisch« und das Fahrprsonal je 9 Stunden täglich. Künftig beträgt sie für das t e ch- nifche Personal acht Stunden. Für das Fahrpersonal ist insofern«ine Verbesserung eingetreten, als durch die Er- höhung des Prozentsatzes b«i der Berechnung der Nebenarbeiten und der Wartezeit eine effektive Arbeitsverminderung von etwa einer Viertelstund« eingetreten ist. Außerdem erhält da» Fahrpersonal einen Zuschlag von 23 Proz. für die Arbeitszeit, die über 8)4 Stunden liegt. Weiter ist für di« U eberstunden ein Zu- schlag von 25 Proz. festgesetzt worden. Die Nachtruhezeit, die zwischen zwei Schichten liegt, ist um zwei Stunden verlängert worden. Für das Per- fonal, das nachts beschäftigt wird, ist ein außerordentlicher Nach tz Uschlag von 15 Pf. pro Schicht eingeführt worden. Krankenlohn gab«» bisher überhaupt nicht. Künftig gibt es «inen Krankenlohn bis zu 33 Proz. de» effektiven Lohnes. Die Ferien sind um vier Tage verlängert worden. Eine wesentliche Verbesserung ist auch in der Frage der Zahlung der Dienst- k l e i d u n g erreicht worden. Bisher hatte das Personal die H S l f t« des Betrags beizusteuern; tünftig beträgt der Antell des Per- fonals nur noch ein Viertel. Außerdem find noch einige Per- besserungen erreicht worden in der Anwendung des 8 616 des BGB. und in der Lieferung des Werkzeugs. Ueberfieht man also, was die Organisation bei dieser Bewegung herausgeschlagen hat, dann muß man anerkennen, daß sie für das Personal der Straßenbahn eine Reihe von Verbesserungen durch- gesetzt hat. die durchaus nicht zu oerachten sind. Der unermüdlichen Arbeit der Organisativnsleitung ist es in erster Linie zu danken, wenn trotz allem die Bewegung mit einem teilweifen Erfolg abschließt. Um so schärfer muß man di« unqualifizierbare Hol- tung der KPD. verurteilen. Gestützt auf die»revolutionären Unorganisirten", hat sie gegen di« Funktionäre und gegen die ver- antwortliche Organifationsleitung eine demagogische Hetze ohne Beispiel geführt. Das geht so weit, daß die„Rote Fahne" heute früh unter Parteinachrichten den Ausschluß des Betriebsratsvorsitzenden der Straßenbahn Io- Hann Flieger„wegen„unkommunistischen Verhaltens" mitge- teilt. In der Begründung zu diesem Ausschluß heißt es: „Flieger hat sich wiederholi in seiner Tätigkeit als Bekriebsrals. Vorsitzender in Gegensah zu den kommunistischen Grundfähen gestellt, und ist insbesondere während der gegenwärtigen Lohnbewegung der Straßenbahner an der Seite der reformistischen Gewerkschastsbureankratie für die Verhinderung eines Kampfes um die Durchsetzung der von den Straßenbahnern ausgestellten Forderungen eingetreten und hat sich damit einer Schädigung der Arbeiterintercffeu schuldig gemacht." Wir sind die letzten, die einer Partei das Recht absprechen wollen, nur solche Mitglieder in ihren Reihen zu dulden, die mit der Taktik und den Grundsätzen der Partei übereinstimmen. Der Aus- schluh Flieger, beweist aber schlagend, daß man nur dann Mit. xlied der flfPD. sein kann, wenn man sich in Gegensatz stellt zu den Beschlüssen der G c wer k s cha f t» o r g a n i s a» t i o n. Flieger hat die Gewerkschaftsorganlsation in gewerkschaft- lichen Dingen über di« Anweisungen der Handlanger Moskaus gestellt. Daß in gewerkschafllichen Fragen die Gewerkschaft zu bestimmen hat, ist für jeden Sozialdemokraten eine Selbstver- ständlichteit; bei der KPD. führt das zum Ausschluß aus der Partei. Wir übergehen die beschämenden Szenen, die sich in der letzten und vorletzten Funttionärsitzung der Straßenbahner vor den Türen de» Saales abspielten, durch die von den dunklen S�andlangern Moskaus abkommandierten„revolutionären Un- organisierten". Nur der Kaltblütigkeit der Funktionäre ist es zu danken, wenn«s nicht gestern zu Tätklchkeiten gekommen ist. Für di» Straßenbahner pilt es setzt mehr als je, sich gewerk- schastlich zu organisieren, um das nächste Mal zu holen, was sie diesmal noch nicht erreichen konnten. Ein Stahlhelmprozeß. Herr von Alvensleben vor Gericht. Bor dem Amtsgericht Seelow(Mark) unter Vorsitz von Amts- richter R a p a p o r t begann heute morgen der Prozeß gegen den im Zusammenhang mit den Arensdorfer Vorfällen vielgenannten Rittergutsbesitzer Udo v. Alvensleben wegen Belei- digung der Fürstenwalder Polizei. Es handelt sich um ein Nachspiel zu dem Volksentscheid über di« Fürstenabfindung. An jenem Tage war v. Alvensleben als Kreisleiter des„Stahlhelm" mit einer Gruppe von Stahlhelmleuten auf Lasttrastwogen nach Fürstenwalde gekommen, um gegen den Aolksentscheid zu propagieren. In der Stadt kam es dann zu Zusammenstößen mit Kommunisten, die Fürstenwalder Polizei schritt ein. und ihre Szaltung gegenüber den beiden feindlichen Parteien gab dem Angeklagten Veranlassung, sich spater beim Londrat darüber zu beschweren, daß die Fürstenwalder Polizei einseitig für die Kommunisten gegen den Stahlhelm Stcl- lung genommen und daß sich der Polizeikoinmisfar Höpsner„rüpelhaft" benommen habe. Daraufhin wurde gegen den Ritterguts» befitzer öffentliche Anklage erhoben und Höpfncr als Nsbenkläger zugelassen. Bei der heutigen Berhandlung war der Nein« Zuhörerraum dicht aefiillt von Freunden und Anbängern des Angeklagten. Der Angeklagte,«in schmächtiger, blasser Mann von 32 Iahren, erklärte, daß er sich sowohl über das persönliche Aenebmen des Polizei- kommissars Höpsner ihm gegenüber wie auch üoer da» allgemeine Verhalten der Fürstenwalder Polizei habe beschweren wollen. Die inkriminierten Aeußeningen gab er zu, betonte ober, daß er nicht die Absicht der Beleidigung gehabt, fondern daß er nur Tatfachen habe feststellen wollen. Bei einer Auseinandersetzung über di« eventuelle Ladung weiterer Zeugen kam es zu einem Zusammen- stoß. Der Angeklagte und seine Verteidiger boten die Führung eines Wahrheitsbeweises für das von ihnen behauptete vecholten der Fürstenwalder Polizei an, während der Verteidiger des Reben- klägers daraus hinwies, daß dies» Beurteilung doch Sache der vor- gesetzten Vehöide sei und nicht des Gerichts. Reckstsanwalt Bloch: „Die vorgeseyten Bebördcn find doch aber„Parteigenossen" des Nebenklägers." Vors.:„Diesen Ausdruck muß ich beanstanden, Herr Rechtsanwalt. Sic dürfen hier nicht die Behörden beleidigen." Volizeikommissar Höpsner(erregt):„Ich gehöre überhaupt keiner Partei an. ich lasse mich hier nicht beleidigen." Das Gericht beschloß dann dle sofortige telephonische Ladung einer Reihe von Fürsten- walder Zeugen, die aus Antrag des Polizeikommiliar» über jene Vorgänge gehört werden sollen. Nach Eintritt in di« Bewcisaus-- nähme wurde zunächst der zweit« Verteidiger des An- geklagten v. Alvensleben, Rechtsanwalt Schenk, als Zeuge vernommen, der die Provagandofahrt des Stahlhelms auf den Auto» mitgemacht hat Er bestätigte die dauernden Steinwürle, gegen die die Polizei nicht eingeschritten sei. auch nicht, als die Kommunisten den Stahlhelmern die Stöcke entrissen und in Gegenwart der Polizei damit aus die in den Autos Eitzenden einschlugen. Demgegenüber erklärte Kriminalkommissar Höpsner, daß er selbst hinter den Auto, hergefahren sei, um diese zu schützen. Aus die Beschwerde der Menge, daß die Anwesenheit der Stablhelmer und d"r Werwolf- leutc im Fürstenwalder 5?of in der Näh« des Wahllokals eine Behinderung der Wahlhandlung bcsürchten lasse, habe er den Leiter der Kundgebuna ersucht, ibren Versammlungsort zu räumen, was auch obn« Angriffe a>att erfolgt se». Snäter seien die Autos auf eine Anzeige, daß dort Muniiion und Waffen mitgesührt würden, untersucht worden, wobei di« Polizeibeamten sich die höhn!- schen Redensarten der Stahihelwer gefallen lassen mubten. o. Alveneleben habe ihn. Höpsner, dabei satt umgerannt. Man habe dann auf den Auto, geladene Pistolen, Gummi- knüppel, Aext« und Stöcke gefunden. Im übrigen seien die Autos überall, wo Polizei»»r Stelle war, aeschützt und verschiedene der angreifenden Kommunisten sistiert word»n. Die ihm von dem Anoeklagten in den Mund aelegten Aeußerungen und Anordnungen bellritt der Poli-eikommissar energisch. Ein generelles Stockverbot habe damals in Fürstenwald« für Demonstrationen allerdings nicht bestanden. was man aus Liebe tut... Um einem Lungenkranken zu helfen! Eine eigenartig« Aufklärung hat der große Diebstahl gefunden, den in der Zeit vom 26. bis 29. August dieses Jahres«ine 25 Jahre alt« Hausangestellte Erna L ö w e n o u bei ihren Arbeitgebern im Westen der Stadt verübte. Erna Löwenau war dort seit mehreren Iahren in Stellung. Sie zeigte literarische Neigungen und verkehrte ausschließlich mit Künstlern. Ihr einwandfreies Verhalten hatte ihr volles Dertrauen eingebracht. Um so größer war die Enttäuschung der Arbeltgeber, als sie bei der Rückkehr von einer längeren Reise die Angestellte nicht mehr antrafen. Das Mädchen war einig« Tage vorher verschwunden und hatte für 23 333 M. Wäsche, Pelze, Schmuck- und Wertsachen mitgenommen. Beamte der Dienststelle C. 1, die sofort die Nachforschungen auf- nahmen, fanden bei Psandleihern und kleinen Juwelieren Schmuck- fachen und einzelne Perlen einer langen Kette, die versetzt und verkaust worden waren, zum Teil von der Löwenau selbst, zum Teil von einem Manne, in dem dann«in 26 Jahne aller aus Bordesholm im Kreise Stiel gebürtiger stellungsloser Bautechniker Dietrich Münster ermittelt wurde. Eines Tage» kam nun Fräu- lein Löwenau wieder zu einem Pfandleiher, um Perlen zu ver- legen. Hierbei wurd« si« festgenominen. Wie si« versichert, hat sie die wertvollen Sachen nur aus Lieb« zu Münster gestohlen. Dieser sprach eines Taaes in der Wohnung vor, klagte über seine Notlage und bat um eine kleine Gabe. Sie ließ ihn ein, gab ihm zu essen und auch aus Mitleid Ihr Geld, was sie in der Tasche hatte. Da er so gut empfangen worden war, so kam Münster öfter wieder, und das Ergebnis dieser Besuche war, daß Erna Löwenau ihm ihr« Liebe gestand, obwohl sie wußte, daß er ver- heiratet ist. Nachdem sie erfahren hatte, daß ihr Geliebter schwer lungenkrank ist, sann sie aus Mittel und Wege, ihm zu einer Kur in D a v o s zu verhelfen. Da si« keinen anderen Weg dazu fand. beschloß sie, der Dienstherrschaft die großen We-Ie zu stehlen, um sie für den Kranken zu Geld zu machen. Aus der Reis« nach Davos wurde aber trotzdem nichts. Aus Vorschlag Münsters fuhr das Paar zunächst nach Hamburg, dann nach Bremen Lübeck, Hannover, Dresden, Leipzig und Breslau. Ueberall hielt es sich nur kurze Zeit auf, und in jeder Siad! machte es einige Schmuck- oder Wertsachen zu Geld. Zur Abwechslung ließ Münster seine Geliebte hier und da auch einmal allein und ging unterdessen»aus die Bettel- t o u r". Während dieser Zeiten standen die beiden stet» in Brief- Wechsel, bis sie wieder zusammentrafen. Endlich kamen sie nach Berlin zurück, wo dann Erna Löwenau festgenommen wurde. Aull, Münster hält sich noch unbekannt in Berlin auf. Auch ein Verkehrshindernis. Eine tolle Geschichte, die man kaum für glaublich hatten sollte, lrug sich heute vormittag am S ch ö n e b« r g e r U f« r in der Nähe des Güterbahnhofes zu. Ein betrunkener Mann torkelte auf dem Fahrdomm umher und legte sich seelenruhig auf die Straßenbahnschienen. Der Führer einer herankommenden Straßenbahn konnte gerade nach im letzten Augenblick«in Unglück verhindern. Mit Mühe gelang es, den Betrunkenen vom Fahrdamin herunterzubringen. Kaum aber hatte die Straßenbahn ihren Weg fortgesetzt, da warf er sich abermals vor einen Straßen- bahnwagen. Diese» Manöver wlederholle ernochetwasiebcn- bis achtmal. Endlich kam jemand aus den Gedanken, einen Schupobeaniten zu holen, um dieser Szene ein Ende zu machen. Mittlerweile stockte jedoch von 13.33 bi» 11.15 Uhr in der Köthencr, Flottwell-, bi» binauf zur Liltzow- und Potsdamer Straße der Strasienbohnverkebr. Schnpobeamte nahmen den Trunkenbald dann endl-ch fett und brockten Ihn zur nächsten Revierwachc, wo er in der Zelle seinen Ranlck ausicklaten kann. Er wurde als ein 31iähri- ger Kartoffelhändler D. aus Berlin SM. festgestellt. Der Dorfall wird für D. wahrscheinlich eine Anklage wegen grobenUnfuge� nach sich ziehen._ Der verschobene Ozeanflug. Der für heute angekündigt« Start des Iunkerz-Woslerslugzeuge« zum Ozsanslug ist infolge de» schlech- ten Wetters verschoben worden. Die Drauereibefttzer suchen Streikbrecher. Sie finden sie aber nicht. D'V Berliner Brouunternehmcr haben sich bei früheren®e- legenhciten gern ein soziales Mäntelchen umgehängt und versucht, bei ihren Arbeitern den Anschein zu erwecken, daß sie ein größeres Verständnis für die Nöte ihrer Arbeiter hätten als sonst die Privatunternehmer. Ihr wahres Gesicht zeigen sie aber bei diesem Lohnkampf. Sie geben sich gar keine Mühe, den von ihnen heraufbeschworenen Konflikt aus dem Wege der Verständigung beizulegen, sondern greifen zu Scharfmacher- Methoden. Ihr Bestreben geht dahin, die Betriebe durch Streikbrecher wieder in Gang zu bringen. Da die Notstandsarbeiten von den Streikenden selbst ausgeführt werden, bietet sich für die technische Nothilfe kein Grund, hier einzuspringen. Man geht deshalb dazu über, in der Provinz Arbeitswillige für die Berliner Betriebe anzuwerben. Ein Erfolg ist den Unternehmern dank der Solidarität der Brauersiarbeiter in der Provinz bisher nicht beschieden worden. Was über dieses Vorgehen das Publikum denkt, von dem die Brauereien schließlich nur existieren, ist den Unternehmern an- scheinend höchst gleichgültig, ebenso auch, ob ihre Arbeiter von den Löhnen menschenwürdig leben können. Es ist doch nicht zu bestreiten, daß die Brauereien nicht in Bier, aber im Gelde förmlich schwimmen. Ein Blick in die Kurszettel beweist, daß die Brauereien sehr wohl in der Lage sind, die Arbeiter an ihren Gewinnen teil- nehmen zu lassen und den Konflikt durch ein Eingehen auf die Forderungen aus der Welt zu schaffen. Warum dieses Werben von Streikbrechern? Die Brauerei- arbeitcr sind jederzeit bereit, die Arbeit wieder aufzunehmen, wenn man ihnen die zum Leben notwendigen Löhne zahlen will. Die Empörung der Brauer über die unzulänglichen Angebot« der Unternehmer war kein Strohfeuer. Der Beschluß war der wohlübelegte Willensausdruck, den Streik ungeachtet aller Sabotage- akte der Unternehmer bis zum Erfolg durchzuführen. Wie man entlassen wird. Bor dem Arbeitsgericht wurde gegen die Konfitllrenfirma Faß- b e n d e r wegen der Entlassung einer Schokoladcnarbeiterin v?r- handelt. Es stellte sich hierbei heraus, daß der Schokoladenmeister Beck eine Arbeiterin ohne gesetzlichen Grund angeblich„wegen frechen Benehmens" zur Entlassung brachte. W>e oberflächlich Direktor Psister in diesem Falle handelte, indem er der Entlassung stattgab, beweist der Umstand, daß er auf Befragen des Gerichts nicht einmal die Aeußerung, in welcher das„freche Benehmen" der Klägerin erblickt werden sollte, auch nur in der geringsten Form an- zugeben in der Lage war. Nach den Ausführungen des Klagevertreters vom Deutschen Nahrung?» und Genußmittelarbeiter-Berband ist dieser Meister Beck der Arbeiterschaft des Betriebes als ungerecht, parteiisch und leicht erregbar bekannt. Indem der Meister Beck gleichzeitig als Ver» trauensmann des„Christlichen Verbandes" sreigewerkschaslliche Arbeiterinnen benachteiligt und die wenigen christlich Organisierten bevorzugt, ist hier ein typischer Fall von Mißbrauch der Vorgesetzteneigenschast gegen wehrlose Untergebene zu verzeichnen. Das Arbeitsgericht stand in diesem Fall, wie es nicht anders sein konnte, aus feiten der ungerecht b«handeltm Arbeiterin und belehrte Herrn Direktor Pf. entsprechend. Für die Arbeitsgerichts- barkeit ist der Fall, wo der seine Vorgesetztengewalt mißbrauchende Meister als Zeuge des Unternehmers vernommen wird, für die Spruchpraxis der Arbeitsgerichte unhaltbar. Daß natürliche Rcchtsgesühl verlangt, daß solche Meister oder Vorgesetzte, wie in diesem Fall, doch nur als Partei und nicht als unparteiische Zeugen betrachtet werden können. Das Schlaraffenlanü üer Kapitalisten. Allgemeine Lohnherabsetznng in Mussolinien. Rom, 4. Oktober. In einer Sitzung des Direktoriums der Faschistischen Partei teilte Turati mit, daß eine Herabsetzung der Löhne in der italienischen Industrie ins Auge gefaßt werden müsse, um die Pro- duktionskoften der Bewertung des Pfund Sterling mit 90 Lire an- passen zu können. Mussolini erklärte, e r habe TuraU beauftragt, der Syndikatsversammlung am nächsten Donnerstag die B e st i m- mungen mitzuteilen, die für weiter« Lohnherab- s e tz u n g e n mäßgebend sein sollen. Diese Lohnherabsetzungen würden für die einzelnen Industrien und Provinzen verschieden sein, jedoch mindestens 10 P r o z. betragen. Mussolini legte sodann das Programm der Feier des fünften Jahrestages des Marsches auf Rom dar, die in ganz Italien ver- anstaltct werden wird. Mussolini wird aus diesem Anlaß eine Proklamation an das Land richten und eine Parade der faschistischen Miliz abnehmen. Faschistische Kundgebungen und Sportkämpfe werden sich anschließen.(Die Arbeiter können sich dabei als Hunger- lünstler produzieren.)_ Zum Lohnstreit iu der sächsischen Textilindustrie. Chemnitz, 4. Oktober.(TU.) Wie der Arbeitgebcrverband in der sächsischen Textilindustrie auf Anfrage mitteilt, haben die Unternehmer dem am 27. September gefällten Schiedsspruch z u g e st i m m t. Da die Arbeiter bekanntlich den Schiedsspruch abgelehnt haben, muß(?) nunmehr beim Reichsarbeitsministerium in Berlin die Verbindlichkeit beantragt werden. Zu diesem Zwecke muß dos Reichsarbeitsministerium neue Verhandlungen zwischen den beiden streitenden Parteien einleiten, was bereits in den nächsten Tagen geschehen dürfte. Die Spartasse der Bant der Arbeiter. Angestellten und Beamten A.-G„ Berlin. Vallstr. 65. ist täglich mit Ausnahme von Sonnabend von 9— 3 Uhr und 4— 6 Uhr, Sonnabends von 9—1 Uhr geöffnet. Vropaaanda-Sindeittprille bringt ietit da« detannt« SroßdetaN Schuhlakal Dehrn dt. Münzftr. 23 und Nottbukier Dumm 13 in den Preislagen I 5.90, 7.75, 0.75, 12 30 und 16.30.-.lese Firma hal sich nunmehr oolliammen der Heuligen geiMnappen Zeil mit ihren geradezu sadeihal! billigen Preisen füe gute Ware angenagt. Die un- endlich große Anzahl der angebotenen Modelle und da, beiannt große Lager ist ein Beweis für die ungeheure Leistung,-ahigteit dieser Firma. Da, Äanshmt» Wilhelm Joseph in SchSueberg feiert sein 35. Deschältsiubiläum. Ans dieser Beraniassunz wird der gudiläumsverkauf forlgesetzt. 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