Mbenöausgabe Nr. 471 ♦ 44. Jahrgang Ausgabe B Nr. 233 fficjuasicbinsunatn und Anziigennr«!?« find in ixt Morzenausgab« angcacdiri «eOaftlan: Sw. 68. Cintteuftcagc 3 Zerusprecher: VSnhoN 292— 292 TsL-Sbreff«: 5»}lal8cmottal Sctlla Devlinev VolkcslrlÄkk (lO Pfennig) Mittwoch 5. Oktober 1 927 Verlag und AnzeigenabteilunS! DclchSftszeit SM> bis 5 Uhr Verleger: vorwürts-verlog Smbh. verlin Sw. SS, cinvenstrabe 8 Fernsprecherl VSnhoft 292-29? 2enrrawrgan cier 8o2ialciemoKratiscKen Partei Veuttcklancis Mexiko- kein Lanö für Kappisten! Schärfste Unterdrückung des Militärputsches. Reuler meldet aus New Dort: Der Ausruhr in Mexiko hat nur 24 Stunden gedauert, da Präsident Calles dessen Urheber mit eiserner Hand nieder ge- r u n g e n hat. General S e r r a n o ist, wie gemeldet, erschossen worden. Die Stadt P e r o t e im Staate Veracruz, wo General G o m e z sich verborgen halten soll, ist von den Regierungslruppen umzingelt und dürste in der allernächsten Zeit sollen. Die Regierung gab Beseht, die Güter der Ausständischen überall zu beschlagnahmen und sie zur Bestreitung der durch die Niederwerfung des Aufruhrs verursachten kosten zu verlausen Es ist schwer, angesichts der scharfen Zensur die Stimmung der Bevölkerung zu ergründen, nach eingegangenen Telegrammen soll jedoch die össent- liche Meinung der Regierung günstig sein. General O b r e g o n meldete telephonisch, dah zahlreiche Aus- ständisch« nach der Hauptstadt zurückkehren, um sich der Regierung bedingungslos zu ergeben. Die Leichen Serranos und drei- zehn seiner Anhänger sind öffentlich ausgestellt worden. Der Oberst M a n z a n i l l a ist mit sämtlichen Ossizieren seines Stabes wegen seiner Beteiligung an der Militärrevolte zum Tode verurteilt und hingerichtet worden. Die Verhaftung und Erschießung des aufständischen Generals Serranos geschah in Pucbla. 14 seiner Anhänger wurden eben- •alls füsiliert. Unter ihnen befinden sich die Generäle Carlo Arriza, Miguel Poralla, Carlo vidal, der Gouverneur des Staates Chiape, ferner der Privatsekretär des früheren Präsidenten huerta, Gonzales. sowie der Propagandadirektor des Generals Serrano, Mallinez Escobar. Aus El Paso wird gemeldet, daß 14 Ossiziere des 16. Ba- laillons, das in Torreon gemeutert hatte, hingerichtet worden sind. Die Rcgierungstruppen verfolgen den aufständischen General Arnulfo Gomez. Die Regierung hat in allen Großstädten des Landes Truppen konzentriert. Bei den kämpfen in Zalisco worden 19 Rebellen getötet und 20 verwundet. Aufständische haben bei Texcoco einen Eisenbahnzug überfallen und die Passagiere beraubt. Präsident Calles mobil i. siert weitere Streitkräfte zur Aufrechterhaltung der Ordnung im Lande. Seflaggung üer Neichswehrgebäuöe. Alles in Ordnung. Das Reichswehrmini st erium erklärt nunmehr, daß die Deflaggung der Reichswchrgebäude am 2. Oktober durchaus vor- schriftsmäßig gewesen sei. Es besteht dafür nämlich folgende Verordnung:„hat ein Reichswehrgebäude nur einen Fahnenmast, dann hißt es die Reichs k r i e g s flagge: hat es daneben noch einen zweiten Flaggenstock, dann kommt schwarzrotgold daran. C:ind noch mehr Flaggenstöcke vorhanden, so werden beide Flaggen in gleicher Zahl aufgezogen: erreichen di« Flaggenstöcke aber einr ungerade Zahl, dann kommt an den überschüssigen Flaggenmast die Reichskriegsslagge." Do nun das Reichswehrministcrium im Bendlcr-Block drei Flaggenmasten hat, wurden zwei Reichskriegsslaggen und eine schwarzrotgoldene gehißt. Das Münchener Wehrkreis- kommando ist mit bayerischen Staatsbehörden im gleichen Gebäude untergebracht, hat für sich nur einen Flaggenstock zur Versügung und hißte darauf vorschriftsmäßig und befriedigt die Reichskriegsflagge. Die Gewissensnot der Lehrer. Braunschlvcigcr Lehrer drohen mit der Niederlcgung des Religionsunterrichts. Vraunschweig, 5. Oktober.(Eigenbericht.) Die Hauptoersammlung des Braunschweiger Landes- Lehrervereins nahm eine Entschließung an, in der die Bestimmung des Keudcllschen Schulgesetzentwurses über di« Einsicht- nähme der Kirch« in den Religionsunterricht als eine unwürdige Zumutung der Religionslehrer abgelehnt wird. Sollte die Kirche bei ihrer Forderung beharren und der Entwurf Gesetz werden, so müssen die im Landes-Lehreroerein organisierten Religionskhrer (etwa 1400) von ihrem verfassungsmäßigen Recht Gebrauch machen und den Religionsunterricht aus Gewissensnot niederlegen.__ De? Rechtsirrtum im Strafrecht. Eine Verbesserung des Strnfgesetzentwurfs erreicht. Der Strafgesetzausschuß des Reichstages brachte heute die gestern begonnene Beratung über den Begriff des Rechts- irrt ums zum Abschluß. Genosse Bender hatte in eingehendster Weile zu dem Gesetzenlwurs Stellung genommen und in zahlreichen Beispielen die bisherige Rechtsprechung des Reichsgerichts über den Begriff des Rechtsirrtums kritisiert. Er verlangte eine E r w e> t«- rung des Irrtum sbegriffes nach der Richtung, daß bei Mangel des Bewußtseins der Rechtswidrigkeit unter allen Ilmständen Strafsreiheit eintreten müsse. Er wies darauf hin, daß die jetzige Gesetzeevorlage in ihren Bestimmungen über den Irrtum s e l b st von gebildeten Laien nicht zu verstehen sei uno daß eine allgemeinverständliche Sprache gesunden werden müsse. Nach eingehender Beratung, insbesondere auch über den Rechts- irrtum, wurden zwar die weitergehenden fozialdemo- kratischen Anträge zu den hier einschlägigen Paragraphen abgelehnt, es wurde aber doch eine Besserung des Ge- setzentwurfes entsprechend einem Antrag Kahl beschlossen, und zwar mit den Stimmen unserer Genossen gegen die Deutschnatio- nalen, wodurch wenigstens der bisherigen Rechtsprechung ein Ende gemacht wurde, nach der ein Rechtsirrtum nur dann Berücksichtigung findet, wenn es sich um einen Irrtum über außerhalb des Straf- rechts liegende Gesetze handelt. Nach den heutigen Beschlüssen des Stralgesetzausschusses wird künftig auch der unverschuldete R e ch t s i r r t u m, der sich aus S t r a s g e s e tz e bezieht, die Strafe ausschließen, und es wird bei Rcchtsirrtum unbedingt Strafmilde- rung eintreten. Um Rakowfki. Tschitfcherin will ihn halten. Paris, S. Oktober.(Eigenbericht.) Die Blätter veröffentlichen in großer Aufmachung eine Haoas- Meldung aus Moskau, daß die russische Regierung nicht daran denke, den Botschafter Rakowski abzurufen. Tschitscherin sei nach wie vor Gegner der Abberufung. Die Abgeordneten B e r t h o n (Kommunist) und Fontanier(Sozialist) haben den Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses der Kammer ausgefordert, den Ausschuh zur Prüfung des Falles Rakowski einzuberufen. ch Auch die Berliner Sowjetbotschaft teilt uns mit, daß Tschitscherin, entgegen anders lautenden Meldungen, sich stets gegen«ine Ab- berusung Rakowskis geäußert habe, für die kein Grund vorliege und die auf die russssch-sranzöstschen Verhandlungen ungünstig rückwirken würde. Die spanische Verschwörung. Sturz des Direktoriums— das ijiel? Paris, S. Oktober. Wie aus B i a r r i tz(Südfrankreich) gemeldet wird, soll sich ein Teil der Führer der gegen die spanische Regierung gerichteten Bewegung zurzeit dort ausholten, u. o. der Führer der liberalen konservativen Partei Sandes, der frühere Ministerpräsident Sanchez Guerra, der frühere Minister Alba und der Dichter U n a m u n o. Es sei ober nicht erwiesen, ob sie mit dem vorgestern aufgedeckten Komplott in aktiver Verbindung stehen. So- weit bisher durch die engen Maschen der Zensur durchgesickert ist. sollen nur liberale Politiker und Anhänger der Arbeiter- partei, sogenannte Syndikalisten, kompromittiert sein. Dem Pariser„Journal" zufolge sollte sich die Verschwörung nicht gegen das Leben des Königs richten, sondern lediglich den Sturz des Direkt oriu ms am Tage des Zusammentritts der sogenannten„Nationalversammlung" bezwecken. Die Lage sei weiter verworren. Neue Verhaftungen. Paris, 5. Oktober.(Eigenbericht.) Nach Meldungen aus Barcelona hat die Polizei dort u m- fangreiche Berhaftungen vorgenommen. So wu-rdcn 30 Personen, Anhänger der syndikalistischen Bewegung, sestge- nommen. Eine sonderbare„Nationalversammlung". Madrid, 4. Oktober. Heute wurde eine Liste von 400 Persönlichkeiten ver- öfsentlicht, die von der Regierung als Mitglieder der „Nationalversammlung" ausersehen sind. An der Spitze der Liste steht Infant Carlos von Bourbon, der Schwager des Königs: es folgen Generalkapitän W e y l e r, Admiral Dcla- puente, drei Kardinäle, mehrere Generäle, darunter Iordana, mehrere Mitglieder beiderlei Geschlechts aus der Hoch- a r i st o k r a t i e. Ferner verzeichnet die Liste zwölf frühere M i n i st e r, mehrere Männer und Frauen von Literatur und Presse. Aus der Liste bemerkt man weiter 82 ehemalige Abgeordnete und Senatoren, ferner Namen aus der Finanz. Gemäß dem Wunsche der Regierung, daß alle politi- schen Parteien in der„Nationalversammlung" vertreten seien, sieht man unter den Mitgliedern Angehörige der äußersten Rechten und der äußersten Linken. Tsthangtsolin geschlagen. Vormarsch der Schansi-Armee. Peking. 5. Oktober. Die Schansi-Armee hat ans ihrem Vormarsch gegen die Truppen Tschanglsoltns kalgan beseht. Es gelang ihnen eine Flanken- umgehung, so daß sich die mandschurischen Truppen zurückziehen mußten und schon in der Nähe des Nankau-Passes stehen sollen, wo weiterer widerstand geleistet werden soll. Die Schansitruppen sehen sich au» 15 Divisionen Infanterie und 20 Divisionen Kavallerie zusammen. Die Gesamtstärke wird mit etwa 150 000 Mann angegeben. Sie sind, wie schon frühere Berichte besagten, für chinesische Verhältnisse gut ausgebildet und ausgerüstet. In Peking ist die N c r v o s i t ä t recht groß, die presse steht unter Vorprüfung. pseuöo-Sozialismus. Das„staatssozialistische" Experiment des Faschismus. Man schreibt uns von der italienischen Grenze: Gelegentlich hört man sagen, daß die Sozialdemokratie dem Faschismus eigentlich dafür Dank wissen sollte, daß er auf breiter Grundlage ein staatssozialistisches Experiment unternimmt. Dem ließe sich manches entgegenhalten, vor allem, daß man das Recht auf Dank erwirbt für etwas, das man freiwillig tut— also wegen des ethischen Wertes der Tat— oder für den objektiven Wert des Getanen. Nun ist aber der Staatssozialismus des faschistischen Regimes durchaus nichts freiwillig Erwähltes oder gar die Verwirklichung eines Programmsatzes. Er ist vielmehr dem Faschismus als ungeahnte und ungewollte Folge seiner Ab- würgung jeder freien Initiative: entweder den Druck ver- mindern, der alles im Lande niederhielt, oder an die Stelle der privaten Steuerung die Steuerung von oben treten lassen. Was bei Verminderung des Drucks erfolgt wäre, ließ sich nicht absehen, so erschien der Staatssozialismus, der dem Faschismus aus tiefster Seele widerstrebt als das geringere Uebel. Er bot einmal das Mittel, die durch die Zerstörung der Arbeiterorganisationen künstlich vermehrte Macht der Unternehmer zu meistern: weiter erschien er als ein ratio- nelles Mittel, die Folgen der Wirtschaftskrise abzuschwächen. Jede Diktatur muß danach streben, durch materiellen Wohl- stand die Massen schadlos zu halten für ihre Einbuße an Rechten und Würde. So waren die staatssozialistischen Maßnahmen, die man, um ihren Kontrast zum primitiven Faschismus zu übertünchen, als„korporative" Maßnahmen bezeichnet, ein Ausweg, den der Faschismus notgedrungen und mit Widerwillen einschlug. Was nun den objektiven Wert des Experiments betrifft, so ist zu bemerken, daß jedes Experiment um so beweiskräf- tiger sein muß, je ungezwungener es ist, je leichter sich seine Vorbedingungen spontan wiederholen oder herstellen lassen. Deshalb ist der praktische Wert des faschistischen Staatssozia- lismus minimal: sein Gelingen wie sein Mißlingen werden herzlich wenig besagen, denn es gibt keinen Kulturstaat, dessen Volk sich freiwillig zu einem derartigen Versuch hergeben würde, und kein Kulturvolk, das sich zu ihm zwingen ließe. Denn dieser Staatssozialismus verwirklicht einerseits ein Höchstmaß von Zwang, das bei dem Fehlen jeder Kritik, jeder Selbststeuerung der Teile einen wahren Rattenkönig von Verwirrung vorbereitet: anderseits dient er Sonderzwecken, die ganz außerhalb der nationalen Wohlfahrt liegen. Ob er will oder nicht, muß der Faschismus immer schärfer zentralisieren und immer mehr die individuelle Freiheit beschränken. Um die Frage der Arbeitslosigkeit zu lösen, hat man schon die Gründung von industriellen Betrieben mit mehr als hundert Arbeitern von der Regierungserlaubnis abhängig gemacht, wenn diese Betriebe in Städten mit niehr als hunderttausend Einwohnern gegründet werden sollen. Dadurch glaubt man, der L a n d f l u ch t zu steuern, die aber, bei dem beständigen Abbau der Löhne der Landarbeiter und bei der Durchführung des Zehnstundentages an Stelle des Achtstundentages immer mehr zunimmt. Ein Versuch des Präsidenten der Arbeitersyndikate, des Abg. R o s s o n i, den Arbeitsnachweis diesen Organisationen zu'sichern, ist sofort von der Regierung abgeschlagen worden. Der Arbeitsnach- weis wird„paritätischen" Institutionen übertragen werden, deren praktische Erfahrung die Anwendung von Zwang nahelegen wird, und das Ende vom Liebe wird die Ab- schaffung der Freizügigkeit sein. Die Studien über die Rationalisierung des Handels haben schon die For- derung des Abbaus der kleinen Verkäufer ergeben, bei deren Verwirklichung der Faschismus in das Fleisch der eigenen Anhänger schneiden müßre. Gewiß gibt es keine Rationalisierung der Wirtschast, auch nicht eine im sozialdemokratischen Geiste durchgeführte, die nicht Interessen oerletzte und namentlich im Stadium der Einführung als Zwang und Beengung empfunden würde. Aber dabei stehen die Interessen der Gesamtheit auf dem Spiele, nicht die einer oligarchischen Clique. Der faschistische Staatssozialismus verliert nie die Vorteile seiner Partei aus dem Äuge. Bei dem, was er als„Lösung der W o h- nun gs frage" bezeichnet, hat er sich zunächst eine wahr- Haft klotzige Demagogie geleistet. Jetzt veröffentlicht nun die „Gazetta Ufficiale' ein Dekret, das die mit Staatszuschuh ausgeführten Arbeiter- und Beamtenwohnungen zu einer Handhabe politischer Verfolgung macht, indem es festsetzt, daß jeder sein Recht auf eine dieser Wohnungen vor dem endgültigen Ankauf verliert, der„sich in irgendeiner Weise in Widerspruch zu den allgemeinen politischen Leitsätzen der Regierung setzt oder gesetzt hat". Der betreffende Beschluß wird vom Minister der öffentlichen Arbeiten unter Zustim- mung des Premierministers gefaßt und ist unanfechtbar. Wer also politisch nicht orthodox ist, bekommt kein Haus, wie er keine Arbeit bekommt und keinen Paß zum Auswandern. Wenige Tage vor dem Inkrafttreten dieses Dekrets hat das Direktorium des faschistischen Pressesyndikats eine Resolution angenommen, in dem, wie üblich, die Orga- nisation als„politisches Werkzeug zu Diensten des Duce" bezeichnet und weiter gefordert wird, man solle alle, die nicht als Berufsjournalisten, Praktikanten oder Schriftsteller in den Berufslisten eingetragen sind, von jeder Betätigung mit der Feder ausschließen. Am 2. Oktober veröffentlichte ein Mussolini persönlich nahestehendes römisches Revolver- blatt die nachstehenden Leitsätze für den Journa- fismus: 1. Befehle, Entscheidungen, Handlungen des Duce dürfen nicht diskutiert werden; ihnen ist stillschweigend, blindlings, inbrünstig zu gehorchen. 2. Diskussion ist zulässig: a) über noch nicht begonnene oder beschlossene Aktionen, i>) über auszuarbeitende Reformen, c) über die Führung einzelner Faschisten, ohne Ausnahme der Hierarchen, 6) über allgemeine und besondere Probleme des Stils, der Aesthetik, der Moral, Kunst und Literatur.— Und dann wundert man sich, daß die Presse mit ihren Millionendefizits die Partei- und Staatskasse auspumpt! Gerade an dem Presseproblem, das heute wegen seiner finanziellen Rückschläge für das Regime sich unlieb zur Geltung bringt, sieht man, daß die faschistische Zentralisierung und Rationalisierung, dem Geiste nach, dem Trustwcsen viel näher steht, als dem Sozialismus. Technisch und organisa- torisch haben ja diese beiden viel Gemeinsames. Aber der Staatssozialismus macht vor den geistigen Betätigungen halt, während das faschistische Experiment gerade bei ihnen an- gefangen hat, eben, weil der Faschismus sich bewußt ist, gegen die Mehrheit zu regieren. Ein Staatsmonopol in Erziehungs- fachen hat z. B. mit ftaatssozialistischer Organisation nichts zu tun. Der Faschismus baut aber an diesem Monopol jeden Tag etwas aus, weil es für ihn eine politische Machtquelle wird. So hat er die von den katholischen Organisationen abgeleiteten Wandervögel zwangsweise in seine Jugend- organisation übergeführt. Schon in der Volksschule wird es den Kindern fast unmöglich gemacht, nicht den Kinderorgani- sationen der„Balilla" oder der„kleinen Italienerinnen" bei zutreten; beide Organisationen sind heute staatlich und leben aus Staatsmitteln. Eltern, die ihren Kindern den Beitritt verwehren, müssen darauf bedacht sein, ihnen das Leben in der Schule ungeheuer zu erschweren. Jetzt bemächtigt sich der Faschismus auch der religiösen Erziehung, indem er diesen kleinen Schwarzhemden Kapläne ernenrtt, um ihre Seelen zu behüten. Auf diesem Felde bereitet sich ein ernster Konflikt mit dem Vatikan vor, der bis jetzt sehr weitherzig dem Kaiser gegeben hat, was des Kaisers ist und sich fast jedes moralischen Einspruchs enthielt, solange das herrschende Regime über Leichen schritt. Der„Obscrvatore Romano" machte dieser Tage aus die„geistigen Mutterschaftsrechte der Kirche" auf- merksam, die ihr niemand streitig machen dürfte. Und dabei sieht der neue Strafgesetzentwurs sogar die Aufhebung der inateriellen Vater- und Mutterrechte vor; unter den Nebenstrafen finden wir auch die Einbuße des Rechts, seine eigenen Kinder zu erziehen. Ganz im stillen hat das Regime durch eine Reihe von Dekreten und Gesetzen sicb schon die Möglichkeit gesichert, Hand auf jedes Erziehungs- institut zu legen, ihm einen tgl. Kommissär zu geben und es durch diesen im faschistischen Sinne zu leiten. Die vor- militärische Ausbildung liegt in Händen der faschistischen Miliz. Aber unter diesem offiziellen Monopol entbrennt ein stiller erbitterter Streit um die Jugend zwischen Kirche und Faschismus. So hat das„korporative Experiment" des heutigen Regimes ganz eigenartige Vorbedingungen und daher ininimale Beweiskraft für andre Länder. Es geht die Wege dessen, das man als Staatssozialismus zu bezeichnen pflegt, weil es ralionalifieren muß, aber es geht sie mit dem Geiste der Teilhaber eines Trusts. Alles ist' auf die Erzielung politischer Dividenden zugespitzt: die Beherrschung der Wirt- schaft hat für den Faschismus nicht soziale, sondern politische Zwecke. Das NIemeldirekkorium Zchwellnus ist zurückgetreten. Der Tauverncur des Memelgebictcs hat das Rücklrittsgesuch angenommen. Kur Immer langsam voran... Die Nachricht, daß die von, Reichskanzler angeordnete und vom Spartommissar«ämisch geführte Untersuchung der Beziehungen Reichswehr— Phoebus- Film 21.*©. abgeschlossen sei, wird amtlich nicht nur nicht bestätigt, sondern sogar hinzugesügt, dah noch gar nicht zu übersehen sei, wenn dieses erfreuliche Ergebnis vorliegen werde. Wenn es ober so weit ist, dann wird Sämisch dem Reichskanzler Bericht eistatte». Die Schule der Msgestoßenen. Von Ergo. Daß Zigemtcrkinder in die Schule gehen, ist eine Seltenheit. Für» Leben sind ihnen andere Dinge notwendiger als Lesen und Schreiben. Fanden sie docl, einmal den Weg auf die Schulbank, so waren die Ausgestckßenen der menschlichen Gesellschaft rasch auch Fremdling«, Getretene, Verspottete in der Kindergesellschaft... Jetzt gibt es eine Zigeunerschule, eine einzige in Europa, eine einzige in der ganzen Welt. Das seltsame Haus erhebt sich am Rande der Großstadt Uszhorod. Uszhorod ist die Hauptstadt von Karpalhenrußland, hinter der Slowakei gelegen, nahe der rumäni- schen Grenze, nicht die Füchse, die Wölfe sagen sich hier gute Nacht. Wer nach Uszhorod kommt, versäume nicht— aber Fremde kommen nicht nach Uszhorod. Die Zigeuner sind hier so seßhaft, daß sie die herumstreifenden Kollegen anderer Stämme der Polizei ausliefern. Richtige Bürger find sie, und der Gendarm führt über ihre Namen genau Buch: fünfuichzwanzig Familien hat er sich aufgeschrieben, von einem bis zu zehn KLpsen; die meisten Familien haben die meisten Köpfe. Jede Familie nennt ein Hüttchen ihr eigen. Ganz roh ist das, nur aus Lehm gebacken, selten mit Fenstern, sehr selten mit der Ruine einer Bettstelle versehen, und nur ein einzigesmal mit einer„Ein- richtung": die gehört dem Bürgermeister. Den gibt es. Die Zigeu- ner haben ihn aus ihrer Milte gewählt, er besorgt den Verkehr mit den tschechischen Behörden, seine Hosen ziert ein großes Loch. Ich habe also den Bürgermeister der Zigeuner interviewt und „ossizicll" bestätigt erhalten, was ich sah: furchtbares Elend, oft schlafen acht bis zehn Menschen in so einer Hütte ohne Lust und Licht, theoretisch geschlechterweis in die Ecken verteilt, di« Eltern cxtr«. Wovon leben hier die Zigeune»? Von Bettelei, von Kloakenreinigung, von Hundefang zurzeit der städtischen Hundesperre. Da stehen ein paar sehr hübsche junge Mädchen herum. War treiben die? Prostitution. Polizeilich bestrast ist kaum jemand im Ort. Jetzt wollen wir mal in die Schule gehen. Die Zigeuner haben diese» sehr europäisch aussehende einstöckige Häuschen selber aufge- baut, die dazu nötigen KS 000 Kronen haben ihnen Stadt und Staat zur Verfügung gestellt. Eben hat die Schule ihr erstes Bctricbsjahr vollendet, der Bericht hierüber ging ans Unterrichtsministerium nach Prag, die hohen Herren auf der Burg sind mit ihm zufrieden. Zur Belohnung hängt den Zigeunerkindern— nein, nicht der Himmel, aber die Schulwand voller Geigen. Dreißig Kinder haben vom Staat dreizig Geige« geschenkt bekommen, denn der Unterricht ist ganz auss Musikalische gestellt, Musik ist Hauptfach. Nicht nur nach dem Gehör sollen die Kinder spielen lernen, sondern auch nach Noten. Musik macht Spaß. Me Kinder pilgern wirklich gern zur Monarchisten unö Zentrum. Verärgerung über die dcutschnationalc Demagogie. Stuttgart, ö. Oktober.(Eigenbericht.) Die antirepublikanische Propaganda der Deutschnattonalen und ihre Sabotage der deutschen Mit- arbeit im Völkerbund scheint im Zentrum, und zwar insbesondere in seinem zur Zlrbeiterschaft gehörenden Flügel, mehr und mehr Widerspruch auszulösen. Das zeigt sich u. a. in einem Artikel der „Schwäbischen Arbeiterzeitung", des Organs des Landesverbandes der katholischen 2lrbeiter und 2lrbeiterinncn Württembergs, als dessen Verfasser man den Reichstagsabg. Andre anzusprechen hat. Der Artikel trägt die ironische Ueberschrift „Unsere dcutschnationalen Freunde" und verweist in der Einleitung darauf, dah, als vor drei Jahren die jetzige würtlem- bergische Regierung unter Bazilles Leitung ins Leben trat, die Re- gierungspartcien unter sich vereinbart hätten, polemische 2lusfälle und persönliche Angriffe soweit wie irgend möglich zu unterlassen. „Wir", sagt Herr Andre,„haben uns daran gehalten." Dann fährt er fort: „Wer allerdings in den letzten Tagen und Wochen die deutsch- nationale oder bauernbiindlerische Presse in Württemberg gelesen hat, der mußte zu der Auffassung kommen, daß die Deutsch- nationalen weder in Württemberg noch ini Reich besonderen Wert darauf legen, mit den anderen Koalitionsparteien weiter zusammenarbeiten zu können. Ganz abgesehen davon, daß der Außenminister Dr. Stresemann in Genf dieser Presse nichts hat recht machen können, wurde die ganze, auf eine friedliche Entwicklung ein- gestellte deutsche Außenpoiilik weitgehendst abgelehnt." Das wird mit zahlreichen Zitaten aus der dcutschnationalen Presse belegt. Nachdem dann noch auf die Ziele der neuerdings gebildeten„Kampfgemeinschaft" zwischen dem Württembergischen Jungbanernbund und den rechtsradikalen Wehrverbänden hin- gewiesen wird, die eine schwarzweißrote Monarchie aufrichten wollen, schließt der Artikel mit den Worten: „Die Zentrumsparteilcitung wird im Verein mit der Fraktion zu prüfen habe», ob die deutschnationale Partei, die so osfenkundig die rechtsradikalen Organisationen als Träger der monarchistischen Staatsform begünstigt, fürfie noch koa- litions- oder bündnisfähig ist, sofern dieser Zustand andauern sollte." Aus diesen Aeußerungen spricht ein ziemliches Maß von Koa- litionsverdrossenheit, das man nach allem, was vorgefallen ist, gut verstehen tonn. Slber das Zentnim hat sich von seinen Bundes- genossen schon soviel gefallen lassen, ohne jemals irgend- welche Konsequenzen daraus zu ziehen. Man braucht nur an den denkwürdigen Brief des Freiherr» v. S t a u f f e n b e r g zu er- innern, daß man auch diesen neuen Drohungen erst dann eine Bc- deutung wird zumcsien können, wenn das Zentrum seinen Worten auch einmal Taten folgen lassen wird. Gstpreußische Kulturbilöer. Die Ltlndarbciter werden misthandelt. Aus Ostpreußen werden dem Borstand des Deutschen Landarbeiteroerbändes folgende Begebenheiten mitgeteilt: In der Domäne Drosdowen, Kreis Oletzko, wurde ein« schwangere Freiarbeiterin bei der Ernte beschäftigt und beauftragt, aus dem Felde Fuhren zu laden. Wegen der 2lusführung der Arbeit kam sie mit dem dortigen Oberinspektor Haas« in einen Wortwechsel, der ihr befahl, vom Wagen herunterzusteigen und nach Hause zu gehen. Als die Schwangere auf dem Heimwege war. kam der Oberinspektor im vollen Galopp auf sie zu und ritt sie um, so daß sie sich dreimal überschlug. Die Folge davon kann sich jeder vorstellen. 2luf der früheren Domäne P o l o m in e n, die jetzt di« Land- gescllschast aus Königsberg bewirtschaftet, werden die Frauen auch nicht besser behandelt. Der dortige Verwalter Schwiley miß- handelt nicht nur di« jüngeren weiblichen Arbeitskräfte, sondern auch Frauen, die SO Jahre alt sind. So war es auch am IS. September, als er die 50 Jahre alte Ehefrau I ö r k e, die beim Kartoffelgraben tätig war, nicht nur beleidigte, sondern sie auch geschlagen hat. Schule, sie sind von dem Wunsche auch noch nicht wieder abge- kommen. Dann gibt es noch einen besonderen Anziehungspunkt: das ist der Suppenkessel vom Roten Kreuz. Auch mal in die Schule reingehen? Aufpassen! Machen Sie Ihre Schuhe nicht naß! Die Kinder müssen sich im Waschraum gründlich duschen, bevor sie ins Klassenzimmer gelösten werden. So, links ist der Eingang. Der Lehrer ruft„Tcndren savore!" All« aufstehen! Dann begrüßt uns in voller Besetzung aller Stimmen ein Lied, in der Zigeunersprache gesungen; es soll hier gleich übersetzt stehen: „Ein Zigeunermädchen war meine Geliebte. Sie meinte, ich würde sie heiraten, Aber ich wollte sie nicht." Ich weiß leider nicht, wie sich die Liebestragödie weiterent- wickelt hat, statt diese Wichtigkeit zu Ende zu übersetzen, erzählt der Lehrer gleich dies und jenes von seiner Schul«; den Kindern ruft er zu„Csitl", Ruhe;„Beschenl" setzen. Es ist aber nicht gleich ruhig und die Kinder setzen sich auch nicht sofort, aber ich muß sagen, das gefällt mir viel bester, als der Besuch der Dresdener Dersuchsschulmusterklast« in Gohrisch bei der Festung Königstein, wo nacheinander, sobald man ins Klassenzimmer kommt, je ein Junge und ein Mädchen auf einen zustürzen und anschreien:„Ich begrüß« Sie im Namen der Knabentlasse Quinta B",„Ich begrüße Sie im Namen der Mädchenklasse Quinta B l" Im Namen... Der junge Lehrer von Uszhorod heißt Soestak. Er hat die Zigeunersprache erlernt, obwohl di« offizielle Unterrichtssprache slowakisch ist, das die Kinder auch ganz gut beherrschen. Soestak ist ein Pädagoge vom modernsten Schlage— schlägt also nie, gegen den Willen der Eltern übrigens. Er hat mit den Kindern di« besten Erfahrungen gemacht, nie ist ihm etwas gestohlen worden. Im Gegenteil: sie schenken ihm ihre ganze Liebe. Deutsch als Lehrsprache an der lettischen llnloersiläl. Der Senat der Universität hat vor einiger Zeit durch Rundschreiben di« Mit- glieder des Lehrkörpers, die bisher in russischer Sprache gelesen haben, aufgefordert, in diesem Semester nach Möglichkeit zur beut- schen Vorlcstingssprache überzugehen. Das m Riga erscheinende russische Blatt„Sewodnja" wende: sich gegen diese Aussorderung des Senates, die ein charakteristischer Beweis dafür fei, wie die Politik in das akademische Leben eindringe. Im Gegensatz hierzu gibt die„Rigasche Rundschau" der Ansicht Ausdruck, daß die Vor- sügung des Unterrichtsministers nichts mit Politik oder„modischen Strömungen" zu tun habe, sondern daß es Erwägungen der Zweck- Mäßigkeit seien, di« sie veranlaßt haben. Da das Deutsch« al» Pslichtlehrfach in den Mittelschulen an einer wichtigen Stelle stehe, das Russische aber last ausschließlich auf Wunsch gelehrt wird, so sei zu erwarten, daß die Kenntnis der deutschen Sprache unter der Schuljugend im Laufe der Jahre die Kenntnis der russischen Sprache weil überflügeln wird. Als zweites weist dos Blatt auf die Be- deutung des Deutscheu als Sprache der Wissenschaft hin. Am 1k. September Hai der Sohn des Gutsbesitzers Hein au? Malleszewen, Kreis Lyck, einen Hofgänger derart miß- handelt, daß dieser junge Landarbeiter laut ärztlichem Attest eine längere Zeit arbeitsunfähig ist. Nicht genug damit, daß er ihn mit seinem Stock geschlagen hat, hat er ihn, als er zusammengebrochen an der Erde lag, noch mit den Stiefelabsätzen weiter mißhandelt. Er bedrohte auch den Vater des Hofgängers, der ihn darüber zur Rede gestellt hatte, mit dem Revolver. Dieser junge Herr trägt nämlich stets einen Revolver bei sich. Die Landarbeiter des Gutes Malleszewen werden schlimmer als Sklaven oder Strafgefangene behandeilt. Die Gutsbesitzerin Frau Reiß aus Schedkisken, Kreis Lyck, beschäftigt auch Deputanten. Der Deputant H. B. erkrankte eines Tages und mußt« den Arzt in Lyck aufsuchen. Alz er soweit hergestellt war, dah er wieder arbeiten konnte, kam er eines Morgens vor Beginn der Arbeit auf den Hof, um für seine Familie noch einige Eimer Wasser aus dem auf dem Hof befindlichen Brunnen zu bringen. Er fand jedoch den Brunnen verschlossen. Als er den Schlüssel dazu verlangte, wurde ihm erklärt, daß, wenn er die Frechheit besitzt, mitten im Sommer trank zu feiern, er damit s o- fort entlassen sei. Und da er entlassen ist, brauche er auch kein Wasser. Nach den Zahlen, die Dr. A. Golding, wistenschaftlicher Hilfsarbeiter im Preußischen Statistischen Landesamt in der Zeitschrift „Der Hcimatdienst" über die Wanderungsbewegung in Preußen ver- öffcntlicht, hat die ostpreußische Landwirtschaft in der Zeil von 1919 bis 1925 158000 Personen durch Abwanderung verloren. Ostpreußen sei die Provinz, die am stärksten unter der Abwanderung zu leiden habe. Kann man sich nach den vorstehenden Schilderungen noch darüber wundern?— Di« Landarbeiter sind zur Abwanderung gezwungen, wollen sie nicht erleben, daß sie von den Guts- bcsitzern oder deren Beauftragten wi« Hunde mit Stöcken verprügelt, mit Wsätzen getreten, mit der Schußwaffe bedroht und auf das Straßenpflaster geworfen werden. Wann endlich werden sich di« Behörden der Lebenspein der schaffenden Landbevölkerung annehmen? Zrieüensftörer Litauen. Scharfe Sprache in Warschau. Warschau. 5. Oktober. Die polnisch« Linkspreste führt gegen Litauen wegen der Maß- nahmen gegen das dortige polnisch« Schulwesen eine scharfe Sprache. Das Pilsudfki- Blatt„Glos Prawdy"(Stimme der Wahrheit) betont, daß Litauen in der Hand seiner Gewalt- Herrscher die Befriedung Osteuropas gefährde. Es bestehe die Frage, ob ein Bolk, das zur Herrschaft über sich selbst noch nicht reif sei, das Borrccht genießen dürfe, Unruhe zu stiften und den Frieden zu stören. Das Blatt fragt schließlich, ob der litauische Staat nicht nur ein dü st eres Mißverständnis sei. Es liege nicht nur im Interesse Polens, sondern auch Europas, die Frage rasch zu beantworten,„fturjer Poranny" ist darüber empört, daß Litauen W i l n a als seine Haupt st adt erklären will. Das Blatt meint, daß die Politiker Kownos ins Irren- haus gehörten und daß ihnen Zwangsjacken angelegt werden müßten. Eine besonders heftige Sprache führt die polnische Presse der Stadt Wilna. Roter Klempnerladen. Revolutionsjubiläum mit Ordensverteilung. Moskau, 5. Oktober.(OP.) Da sich jetzt das erste Jahrzehnt des Bestehens der Roten Armee vollendet, hat der Rat der Volkskommissare beschloffen, Offizieren und Soldaten, die sich in den Bürgerkriegen und in den Kämpfen gegen di« sowjetfeindlickzen Generäle ausgezeichnet haben, den Orden der„Roten Fahne" zu verleihen. Die Liste der für den Orden in Frage kommenden Kandidaten soll der Reoolutions- kriegsrat als oberste militärische Behörde zusammenstellen und vor- logen. Die Verleihung des Ordens soll während der Festtage des Rcvolutionsjubiläums stattfinden. Sinfonkekonzert See Serliner Schutzpolizei. Auch ohne wohltätigen Nebenzweck oerdiente das Konzert des Orchesters der Schutzpolizei das„Ausverkauft" an der Kasse des großen Saales der Musikhochschule. Es war ein Nichtmusikerkonzert, bei dein man aber als Kritiker durchaus kein Auge zuzudrücken brauchte. Ja, mehr als ein Orchester von Fach- Musikern habe ich, auch an dieser Stelle, gehört, das dieser wohl- disziplinierten Schar nicht das Wasser reichen tonnte. Die Holz- bläser sind zwar zum Teil etwas zaghast, aber doch firm und von edler Tongdbung, die Geiger haben wohl nicht den Schmelz und die Braoour unserer Philharmoniker, der Pauker könnte manchmal etwas besser dämpfen. Aber der schneidige Strich und die gesund« Phra» sierung der Violine, ihre wohltuende straffe Rhythmik, die famosen, ausdrucksvollen zwei ersten Celli und die ihren Ausgaben völlig ge- wachsenen Blasinstrumente machen mit den anderen die kleinen 2ln- stände wieder vollständig weit. Es ist«in herzerfreuendes Musizieren. Und Camillo Hildebrand, der ruhelose, vielgewandette«he- malige Dirigent der Philharmoniker, scheint der richtige Mann zu sein, um diesen„Liebhabern" Feuer in die Adern zu gießen. Schon die erste Nummer der Vortragsfolge, Dvoraks Ouvertüre„In der Natur", wurde so recht herzhast, tonsatt und poesievoll ausgeführt, wie es dieses schöne, trotz kleiner Anlehnungen an Mendelssohn und Beethoven«cht bodenständige Werk verdient. Auch Liszt' X-Dur- Konzert war sehr anerkennenswert. Der Solist des Abends war der in Vorkriegszeiten vielgehört« Waldemar L ü t s ch g, der sich schon lange überaus rar macht. Sein vollendetes Klaoierspiel ist in den zarteren Partien zwar immer etwas weichlich und tonarm, aber überaus fein und eindringlich in den glänzenden Al-Fresco-Stellen sehr wuchtig und temperamentvoll. Den Beschluß machte di« große E-Dur- Sinfonie Schuberts, bei der nur die„himmlische Länge" des Andante dem Ganzen prächtigen und auch tiefen Eindruck etwas gefährlich wurde. Das Publikum war ehrlich begeistert, und Camillo Hilde- brand tat sehr unrecht daran, sein wackeres Orchester nickst auch am Danke teilnehmen zu lassen. Heinrich Maurer. Heber»Reue Bauftmfl* hält Bruno laut auf Einladung der Volksbühne E. v. zwei LichtbildervorttSqe im Sörlaal der Kunitgewerbclchnle, Brinz-Atbrecht-stt. 7». Die Vorträge finden am Sonnabend, dem 8.. und Sonnabend, dem LZ. Oktober, jeweils LOUbr, ftatt. Einlaßtorten jür jeden Vortrag zum Prelle von 0,70 M. in den Geschäftsstellen und Verlauftstellen der Volksbühne E. V. und auch in sämtlichen Tietzfchen Theaterkasten. DI« Volksbühne bat die Komödie„Patrioten- von Marcel Pagnol und Paul Nivoix in der Ueberfetzung von Fred A. Angcrmayer erworben. Delsingmufeum. DonnerZlag, Sd Ubr, zum 70. GeburlStog von fhermann Sudcimann und Fcdor von Zabeltitz Vorirag von Fritz EbciS. Vorlesung des Einakters„Der Hilter der Schwelle- und anderer Dichtungen. Lust« Worthmanu von Ätog wsti fingt Tudcrmannfche Lieder. Am Flügel Irmgard Hoffmaun. Der Eintritt ist stei. Zw kaiier-Zrledrlch-TNuseum hält Sonntag, S. Scvlember. 9-/, Ubr, Dr. Berlhold Daun, Dezernent für Kunst im Polizei-Prästdwm, Dortiag über die ilallenifchen Renaisfance-Maler bis zu Lionardo. Wilhelm von Schaft lieft am Freitag, dem lt. Oktaber'1,20 Uhr im Plenarsaal des Herrenhaujes aus jeinen Werken. Karten bei Bote u. Bock und A. Wertheu». veutfihnationaler �rbeiterfang. Hoffnung auf die Splitterarbeit der Kommunisten. Die„T ö r l i tz e r V o l k s z e i t u n g" veröffentlicht einen vertraulichen Rundbrief des Deutschnationalen 2l r b e i t e r b u n d e s, der über die Taktik der Deutschnatio- nalen bei dem kommenden Reichstagswahlen Auf- fchluß gibt. Trotz aller fchwarzweihroten Fanfaren sieht man dem Wahltag mit mancherlei Beklemmungen entgegen. In der deutschnationalen Parteileitung ist man sich seiner Sünden bewußt. Man rechnet damit, daß ein Teil des Bürgertums abfallen und in das Lager der Aufwertler und der Mittelstandsparteien übergehen wird. Unter diesen Umständen wird der Deutschnationalen Partei, so folgert der Rundbrief, das Wettrennen mit dem gefährlichsten und aus- sichtsreichsten Gegner, der Sozialdemokratie, nur glücken, wenn es gelingt, an die Arbeitermassen heranzukommen: will die Dllvp. dennoch ihr Ziel erreichen, will sie gestärkt aus dem nächsten Wahlkamps hervorgehen, dann muß sie ihren Zuwachs da suchen, wo er allein noch zu finden ist. dann muh sie das Riesen- reservotr der deutschen Arbeiterschaft auszuschöpfen versuchen. Das bedeutet aber: Kampf mit der Sozialdemokratie auf der ganzen Linie, und zwar nicht Kampf um dieses oder jenes politische, kulturelle oder sonstige Ziel, sondern Kampf ausschließlich und allein um die Seele des Arbeiters, allein um die lebendige Masse der Hand- arbeitenden Bevölkerung. Dabei brauchen andere Arbeitsgebiete nicht vernachlässigt zu werden, aber alles andere ist nicht entscheidend, von entscheidender Bedeutimg ist allein dieser Kampf. Die letzte Berufszählung zeigt uns, daß in Deutschland etwa Ig Proz. Selbständige in Industrie, Gewerbe, Handel, Landwirt- schast und in den freien Berufen vorhanden sind, daß etwa 70 Proz. der Erwerbstätigen auf die Arbeitnehmerschaft entfallen. Diese eine Zahl zeigt: Gelingt es der Sozialdemokratie, die Arbeitnehmerschoft unter ihrer Fahne zu vereinigen, dann hat sie nicht nur— wir leben in der Zeit des allgemeinen, gleichen Wahl- rechts!— überall eine Mehrheit, nein, die anderen 30 Proz. wären nicht einmal in der Lag«, auch nur ein verfaffungs- änderndes Gesetz zu verhindern, selbst solche Gesetze würde eine einheitliche Arbeilnehmerpartel jederzeit durchsehen können. Wie hofft die Deutschnationale Partei nun ihr Ziel zu erreichen? Der Rundbrief spricht es aus. Die Deutsch- nationalen haben zwei heimliche Bundesgenossen. Der eine ist der reaktionäre Flügel im Zentrum: „Das Zentrum hat noch verhällnismäßig große Masten Arbeiter- wähler. wacht das Zentrum entschlossen bis zur Reichstogswahl feine Politik mit der Rechten, dann wird ein heftiger Kampf mit der Sozialdemokratie nicht ausbleiben. Dieser allmählich entbrennende Kampf wird das Zentrum stärken, wird ihm die L o s l ö s u n g seiner Avbeiterwähler von der Sozialdemokratie gestatten, wird auch die christlichen Gewerkschaften in einen stärkeren Gegensatz zur Sozialdemokratie und zum ADGB. bringen und damit reinigend wirken.� Die stärkste Hoffnung der Deutschnationalen sind aber die K o m m u n i st e n. Mit ihnen hofft man das Rennen zu machen: Insbesondere die bisherigen Kommunisten wissen vielfach nicht, wohin sie politisch sollen. Gegen die Sozialdemokratie sind sie mit berechtigtem Mißtrauen geladen, die eigen« Partei zer- bricht ihnen aber immer mehr. Gelingt es, in richtiger Weis« an diese Kreise heranzukommen, so kann das m«hr«re hundert» tausend Stimmen ausmachen. Hi«r heißt es aber Bor- s i ch t. Kommunisten von heute können wohl deutschnationale wit- glieder von morgen, ober keine deutschnationalen Führer oder auch nur Unterführer von morgen sein. Bei allem Betätigungsdrang, der diese Leute beseelt, sie müssen, bevor wir sie ganz einspannen können, eine gewisse Quarantäne durchmachen. Der Rundbrief zeigt die Verhältnisse wie sie sind. Eine einheitliche Arbeiterpartei wäre jederzeit in der Lage das Parlament zu beherrschen. Wenn das noch nicht der Fall ist, so hat man das der Zersplitterungsarbeit der Kommuni st en zu verdanken. Die Kommunisten haben weite Kreise der Arbeiterschaft der Arbeiterbewegung entfremdet. Die Folge: die Deutschnationalen, die erklärtesten Feinde einer selbständigen Arbeiterbewegung, spekulieren darauf, diese von den Kommunisten verhetzten Arbeiter in ihr Lager herüberzulocken, um einen entscheidenden Sieg der Arbeiterschaft zu verhindern! Der Rundbrief des deutschnationalen Arbciterbundes wird die ungewollte Wirkung haben, auch solchen Arbeitern die Augen zu öffnen, die bisher noch nicht wußten, worum der Kampf geht. Er ist ein wichtiges Dokument für die sozialdemokratische Werbewoche, die vom 6.— 13. November stattfindet. Vorbereitung auf üen ivahlkampf. Genosse Löbe spricht in Breslau. Breslau, S. Oktober.(Eigenbericht.) Reichstagsprösident Genoste Paul Löbe hielt am Dienstag in einer Parteiversammlung in Breslau«in großzügiges Referat über die gegenwärtige R«ichspolitik, womit die Bres- lauer Genossen bereits in die Vorarbeit zur bevorstehenden Wahl- abrechnung getreten sind. Genosse Löbe machte dabei sehr wichtige Ausführungen über unser B-rhältnis zu Rußland und sagte hierzu: Ruhland fühlt sich durch die imperialistischen Mächte, in erster Linie durch England, besonders bedroht. Es kann in der Welt aber im Augenblick keinen wirksameren Schutz finden als in einem Zusammenarbeiten mit den großen Arbeiterparteien West- europas. ohne sich in deren eigene Angelegenheiten einzumischen. Nicht die kleineren und zersplitterten kommunistischen Gruppen können die Träger de» Widerstandes gegen eine antirussische Kam- pagne sein, sondern nur die große englische Arbeiterpartei, die deutsche Sozialdemokratie und die Sozialisten Frankreichs, Skandi- naoiens und Oesterreichs. Auch zur Frag« des Reichsschulgesetzes äußerte sich Ge- nosse Löbe In beachtlicher Weise. Hierzu führte er folgendes aus: Die zahlreichen preußischen Abänderungsvorschläge bedeuten ja schon eine erhebliche Abschwächuug der Keudellschen Lorlage. Es ist falsch, wenn die Gegnerschajt der Sozialdemokratie gegen dieses Schulgesetz als Feindschast gegen die Religion ausgelegt wird. Da» Zentrum weiß aus jahrelangem Zusammenwirken mit der Sozialdemokratie, daß da» nicht stimmt. Wir lasten jedem seine Religion und verwehren auch den kirchlich Gesinnten den Unterricht ihrer Kinder in ihren Anschauungen so wenig, als wir uns den kon- fessionsfreien nehmen lassen wollen. Der Staat aber soll die Kinder nicht trennen, sondern zusammenführen und dazu dient die G e» m einschastss chule, die vm oerlangen müsseo. Der Jreunö al Ein teuer bezahlter Herr Buttler ist Molkereibesitzer. Das Geschäft jedoch führt seine Frau; er dagegen liebt den Altohol. Richtig nüchtern ist er eigentlich nie. Eines schönen Tages zeigt er seinem Freunde, Herrn Kuschte, in dessen Gastwirtschaft er gewöhnlich verkehrt, seine Ladung als Schöffe. Buttler ist stolz auf die ihm zuteil gewordene Ehre. Als der Termin aber näherrückt, wird es ihm bange zumute: wird er seiner Pflicht genügen können? Ach, tröstet ihn Herr Kuschke. der auch selbst einige Male als Schöffe fungiert hat, das ist nicht so schlimm. Du brauchst ja nur Ja und Amen zu sagen. Einig« Tage später teilt Herr Butller seinem Freunde Kuschke mit geheim- nisooller Miene mit, daß er seinen Freund Herrn M i t t e l st ä d t an seiner Statt ins Gericht geschickt habe. Wer war aber Herr Mittel» städt, und wi« war es dazu gekommen, daß er an Stell« seines Freundes, Herrn Duttler. das Amt als Schöff« betleidet hatte? Herr Mittelstädt, von Beruf Kaufmann, war arbeitslos und betätigte sich als guter Freund der Familie Buttler in deren Haus- lichkeit. Als nun Herr Buttler die Ladung bekam— so erzählte Herr Mittelstädt heute morgen vor dem Schöffengericht Berlin- Mitte, wo er sich wegen Amtsanmaßung, Urkundenfälschung und Betrug zusammen mit dem Molkereibesitzer Buttler— dieser wegen Anstiftung ZU diesen Verbrechen— zu verantworten hotte— da war guter Rat teuer. Herr B. schien für das Amt eines Schöffen völlig ungeeignet. Als dem Gericht die Mitteilung zugeschickt wurde, daß er aus beruflichen Gründen nicht erscheinen könne, lautete der Be- scheid, man möge für eine Dertrewng sorgen. Als am Vorabend der Gerichtssitzung Herr B. wie gewöhnlich sich in einem Zustande befand, der ihn für jede Tätigkeit, auch für die eines Schöffen, völlig ungeeignet erscheinen ließ, hott« Frau Buttler einen Arzt, um ein enssprechendes Attest zu erhallen. Herr Buttler ließ jedoch d«n Arzt nickst an sich heran. Run war guter Rat teu«r.Da soll nach der Bekundung des Herrn Mittelstädt sich zwischen ihm und Frau Buttler folgendes abgespielt haben:„Herr Mittelstädt, wollen Sie nicht an Stelle meines Mannes morgen ins Gericht gehen?" „Aber Frau Buttler, dos kann ich doch nicht."„Doch, Herr Mittel- städt, es wird ja niemand wissen, es bleibt unter uns dreien. Sie wissen doch, wie gut ich Ihnen bin, und sie sind doch jetzt arbe'cts- Ein Zollbeamter vor Gericht. Zuchthausstrafe. Vor dem Erweiterten Schöffengericht stand der 40 Jahre alte Zollassistent Otto L ü b k e, der beim Hauptzollamt Neukölln in der Weinsteuerabteilung tätig war und seinen Beruf von Anfang an zu schwersten Verbrechen benutzte und schließlich andere unschuldige Personen in das Verfahren hineinzuziehen oersuchte, unter der An- klage der fortgesetzten schweren A m t s u nt e rs ch l a» g u n g, der schweren Urkundenfälschung und Urkunden- beseitigung, des Betruges und der Begünstigung. Im Jahre 1923 kam Lübke aus Hannover als Zollassistent nach Neukölln. Schon an den Umzugskosten verstand er es, den Staat um 600 M. zu betrügen. Zu der Tätigkeit des Angeklagten als Be- amter gehörte, in Gastwirtschaften und Weinlokalen die Weinsteuer- bücher zu kontrollieren. In vielen, nicht seltenen Fällen stellten sich Unregelmäßigkeiten heraus, die er anzuzeigen verpflichtet war. Stall dessen zog er die Steuern ein und behielt sie für sich, obwohl er überhaupt keine Gelder einziehen durfte. Während er in einem Falle sich einem Gastwirt anbot, seine Weinsteuerbücher zu führen, den Auftrag erhielt, dann die Bücher falsch führte und die ihm über- gobcnen Steuerbeträge zum ganz kleinen Teil ablieferte, wobei schwere Urkundensälschuna an der Tagesordnung standen, ver- nichtete er auch verschiedentlich amtliche Urkunden. Daß Lübke von Anfang an die Absicht hatte, für sich Gelder«inzuziehen, wie der Dorsttzende sagte, bewies ein Besuch bei einem Weinhändler, der nicht einmal in seinen Bezirk gehörte. Bei ihm„kontrollierte" er die völlig richtig geführten Bücher, stellte aber ein« angebliche Unrichtigkeit fest. Rur gegen Zahlung von 10 M. könne er von einer Anzeige Abstand nehmen. Er kassierte sie und ließ sich dann nicht mehr sehen. Erst nach langem Zureden konnte sich der Angeklagte zu einem Geständnis entschließen, nachdem er erst vergeblich oersucht hatte, andere Personen mit in das Verfahren gegen ihn zu ziehen. Wegen fortgesetzter schwerer Amtsunterschlagung, schwerer Ur- kundenfälschung, Urkundcnbeseitigung, Begünstigung und Betruges beantragt« der Staatsanwalt eine Strafe von einem Jahr sechs Monaten Zuchthaus und 500 M. Geldstrafe. Das Gericht erkannt« auf ein Jahr zwei Monate Zuchthaus und 100 M. Geld- strafe. Lübke wurde sofort verhaftet. „Gasvergiftung"— Feuerwehr! Di« Feuerwehr mußte heute früh auf den Alarm„G a s v e r- giftung" innerhalb einer knappen Stunde drei- mal ausrücken. Die Wiederbelebungsversuche mit Sauerstoff waren in allen drei Fällen von Erfolg gekrönt.— Di« erste Meldung lief aus der A l« r o n d r i n e n st r. 87 ein. Hier wurde die 18jährige Hausangestellte Mariann« B. von ihrer Herr- schast in der mit Gas angefüllten Küche bewußtlos aufgefunden. Der Feuerwehr gelang es, das Mädchen in» Leben zurückzu- rufen. Ihr Zustand war jedoch so bedenklich, daß sie in das Urban-Krankenhaus übergeführt werden mußt«. Nach dem Befund liegt ein Selbstmordversuch vor, doch konnte der Grund zu dem Derzweiflungeschritt noch nicht ermittelt werden.— In der Heilbronner Str. 10 wurde in der Küche ihrer Herr- schast die 18jährige Hausangestellte Hedwig Sch. ebenfalls durch Gas vergiftet bewußtlos aufgefunden. Wiederbele- bungsversuche der Feuerwehr waren erfolgreich. Das Mädchen fand Im Schöneberger Krankenhaus Aufnahme. Ob ein Selbstmordversuch oder ein Unglücksfall vorliegt, bedarf noch der Klärung durch die Kriminalvolizei.— Gegen Mi Uhr früh wurde die S0jährige Z. von ihren� Mann« in der Küche ihrer Wohnung in dar Andreasberger Straß« zu Britz bewußtlos aufpefundsn. Auch hier war die Feuerwehr mit Erfolg tätig. Frau Z. wurde in das Britzer Krankenhaus gebracht. Nach den polizeilichen Ermittc- lungen liegt ein U n g l ü ck s s a l l vor. Fabrikbrand in Weißensee. Drei Löschzüge der Feuerwehr wurden heute früh um H5 Uhr noch der Wilhelm st raße 14 in Weißen see gerufen. In dem D a ch st n h l der Räucherei einer Wurstfabrik war aus noch unbekannter Ursache Feuer ausgebrochen, das sehr schnell um sich griff. Durch starkes Wasscrgeben aus drei Schlauchleitungen gelang es, den Brandherd einzudämmen. Die Aufräu- inungsarbeiten dauerten bis gegen 7 Uhr.— Mit der Bekämpfung eines gefährlichen Ladenbrandes war die Schöneberger Feuer- wehr um 2 Uhr nachts in der F r a n k e n str o ß e 16 längere Zeit beichäftigt. Das Feuer fand an le'cht brennbaren Gegenständen reiche Nahrung und drohte größere Ausdehnung anzunehmen. Die Webr konnte jedoch das Feuer auf seinen Herd beschränken. Die Entstehungsursache ist unbekannt. » An der Schleuse in der Untsrwasserstraße fand heute vormittag um M9 Uhr ein« Feuerlöschprob« der Zug- wache Fiscberbrücke mit dem Feuerlöschboot III statt, die bis um 1�10 Uhr dauerte. Sämtliche Schlauchanschlüssc wurden in Tätigkeit gesetzt und die Wasserfontänen in hohem Bogen in die Spree geschleudert. Das selteneSchouspiel hatte eine große Zuschauermenge angelockt. s Ersatzfthöffe. Freundschaftsdienst. los." Da habe sich Herr Mittelstädt, um gefällig zu sein, und um eine Bestrafung des Herrn Buttler wegen Nichterscheinens zu ver- hüten, bereit erklärt, an Stelle seines Freundes das Amt des Schöffen an den beiden Sitzungstagen, am 26. und 30. November, zu übernehmen. Er habe von Frau Buttler Geld zum Rasieren und Haarschneiden bekommen, auch 4 M. Spesen. Am 26. November erschien Herr Mittelstadt zur Gerichtssitzung der 3. Strafkammer, händigte hier dem Gerichtsschreiber seine Legi- timation als Buttler aus, wurde als Buttler vereidigt, er nahm als Buttler rege an den Beratungen teil und kneipte mit gutem Ge- wissen nach erfüllter Pflicht am Abend im Lokal des Herrn Kuschke mit seinem Freunde Buttler. Am 30. November wiederholte sich dasselbe Spiel. Weder erfüllte Herr Mittelstadt die Schösfenpflicht des Herrn Butller, erhielt an der Gerichtskasse 12 M. als Ber- gütung für die Bertretung. und kneipt« abends wieder guter Dinge im Lokal von Kuschke. Dann passierte aber das Malheur. Als Herr Buttler im Februar dieses Jahres zur Beerdigung seiner Muttor gefahren war, verkaufte seine Frau die Kühe und die ganze Malkereiwirtschaft. und als er zurückkehrte, war er ohne Wirtschaft und ohne Frau. Letzter« hotte wegen Trunk- und Verschwendungs- sucht ihres Mannes die Scheidungsklage eingereicht. Herr Buttter vcrkauste seinem � Freund Kuschke noch sein Grundstück für 23 000 M., von denen er 23 000 M. in einem Bierteljahr vertrank. Herr Mittelstädt behauptete heute, daß es die Frau gewesen sei, die aus Rache gegen den Mann seinen Schöffenfreund- schaftsdienst zur Anzeige gebracht habe. Frau Buttler, die heute als Zeugin erschienen war, bestritt mit aller Entsckiedenheft, Herrn Mittelstädt zu seinem Freundschaftsdienst angestiftet zu haben. Sie habe nur gehört, wie Herr Mittelstädt zu ihrem Mann gesagt habe: „Also, ich gehe morgen an deiner stelle hin." Da sie aber auf ihren Mann ärgerlich gewesen sei, habe sie sich weiter um die Sache nicht gekümmert. Der Staatsanwalt beantragte gegen den Angeklagten Mittel. städt drei Monate Gefängnis und gegen den Angeklagten Buttler zwei Wochen. Das Gericht ging über diesen Antrag hinaus und verurteilte Mittelstädt zu 8 Monaten und Buttler zu 2 M o n o- ten Gefängnis. Ein teuer bezahlter„Freundschaftsdienst". Die Gehaltsvorschüsse für üie öeamten. In der Berliner Stadtverordnetenversammlung hat die sozialdemokratische Fraktion folgenden A n- trag eingereicht: ,',Die Stadtverordnetenversammlung möge beschließen, den Magistrat zu ersuchen, die zuletzt gewährten Gehaltsvarschüsse an die Beamten bis zur endgültigen Neuregelung der Besoldungsordnung den Beamten der Gruppen 1— 5 weiter zu zahlen._ Der deutsche Gzeanflug. Nach Lissabon gestartet. Amsterdam, 5. Oktober Das Iunkersflugzeug v 1230 ist heute morgen 5 Uhr 40 Minuten vom Marineflughafen aus zum Weiterflug gestartet. Das nächste Ziel ist voraussichtlich Lissabon. Die Wetterver. Hältnisse sind günstig, über dem Golf von Biscaya liegen niedrige Nebel. Notlandung eines Verkehrsflugzeuges. Niemand verletzt, die Maschine schwer beschädigt. Hanau, 6. Oktober. Das Derkehrsfluazeug 597 der Deutschen Lusthansa mußte auf dem Flucj« Berlin— Frankfurt a. M. infolge Motordefektes in der Nahe des Kinzingheimer Hofes eine Notlandung vornehmen. Die Landung schien zuerst auf einem Rübenfelde glatt vonstatten zu gehen, als im letzten Augenblick das Flugzeug in einen Graben rollte, wobei die Maschine schwer beschädigt wurde. Führer und Passagiere kamen mit dem Schrecken davon, die Maschine, deren Fahrgestell und Propeller zerbrochen wurden, mutzte abmontiert werden. Flugzeug aus Seenot gerettet. Don einer glücklichen Rettung können die Passagiere eines fran- zösischen Flugzeuges der Linie Marseille— Algier sprechen. Das Flugzeug sah sich gezwungen, wegen eines Motordesekts mitten aus dem Meer niederzugehen. 24 Stunden waren bereits feit dem letzten Lzilferuf von Bord des Flugzeuges verstrichen, ohne daß man eine weitere Nachricht erhielt, so daß das schlimmste besürchtet wurde. Wi« jetzt mitgeteilt wird, wurde das Flugzeug jedoch von einem italienischen Segler aus- gefunden und ins Schlepptau genommen. Die Insassen des Flug- Zeuges wurden in stark erschöpftem Zustand« gerettet. Tchlee und Brock in Detroit. New Port. 6. Oktober. Die Weltflieger S ch l e e und Brock sind gestern in Detroit eingetroffen und haben somit die Weltreise beendet, die sechs Wochen gedauert hat. Allerdinas haben sie die Strecke von Tokio nach San Franzisko mit einem Dampfer zurückgelegt. Kongreß See �irbeiterkrankeneassen. Brüssel, 5. Oktober.(Eigenbericht.) Im Akademiepalast in Brüssel begann am Dienstag der erste internationale Kongreß der Arbeiterkrankenkassen. Vertreten sind zehn Länder, darunter Deutschland und Oesterreich. Namens der belgischen Regierung begrüßte Unterrichtsminister Genosse H u y s- maus den Kongreß in Vertretung des abwesenden Arbeitsministers Genossen W a u t e r s. Huysmans führte aus, daß Belgien mit der Echwetz nahezu das einzige Land ohne eine obligatarische Kranken- Versicherung sei. Seit dem Krieg« haben die belgischen freiwilligen Krankenkassen gewaltig« Fortschritte gemacht, teilweise dank einer vermehrten Staatshilfe. Es wachse aber die Ueberzeugung, daß die Krankenversicherung auch in Belgien zur Pflicht gemacht werden müsse. Di« Hauptaufgabe des Kongresses ist die Schaffung internationaler Zahlstellen der Krankenkassenverbände und Krankenhilfsoer- eine. Ein dahingehender Beschluß ist bereits am Dienstag gefaßt worden. Am Mittwoch folgt die Beratung der Statuten. Das Schicksal Filchncrs. Di« deutsche Gesandtschaft i» Peking drahtet, daß nach einer Mitteilung, die der britischen Gesandtschaft in Peking zugegangen ist, die nördlich von Lhasa angehaltenen Europäer, darunter offen- bar F i l ch n e r, von den tibetanischen Behörden nach L a d t h a (Rardindien) geführt werden. Nach e*»er Meldung aus dem nordindischen Berg- und Grenz- lande Sikkim ist an seiner Grenze«ine europäische Reisegesellschaft aus Tibet mit einem Deutschen eingetroffen. Danach scheint Filchner gerettet zu sein. Ein staatlicher Musterbetrieb�. Selbstherrlichteit eines Direktors. Und wird geschrieben: Seit April 1920 bestand eine tariflich anerkannte Sonderrege. tung für die Staatlich« Porzellanmanufattur Berlin, die u. a. die Bestimmung enthielt, dah die im Zeitlohn beschäf- tigten sonstigen Arbeiter als Grundlohn die für Berlin mah. gebende A k k o r d b a s i s erhalten. Dies« Sonderregelung galt bis zum November 1924, diente also fast vier Jahre long als Berech- Nungsgrundlage. Im März 1925 wurde die Berechnung der Löhne nach der Aktordbasis. ohne tariflich vereinbart zu sein, verweigert und damit diese Bestimmung der Sonderreglung für die Staatliche Porzellonmanufaktur einfach einseitig außer Kraft gefetzt. Proteste nützten nichts. Seit dem Jahr« 1919 bestand in der Staatlichen Porzellan- Manufaktur die 45.Stunden.Woche. Im Frühjahr 1924 wurde'die Arbeitszeit auf 48 Stunden in der Woche festgesetzt. Für die drei Stunden länger« Arbeitszeit wurde vom damaligen Direktor«in Lohnaufschlag von 19 Proz. gegeben. Als Dr. M o u f a n g, der gegenwärtig« Direktor, die Leitung übernommen hatte, gab es die 19 Proz. nicht mehr. Im April 1927 wurde ein Neichstarif für die feinkera- mische Industrie unter Mitwirkung des Reichsarbeitsministeriums abgeschlossen und darauf allgemeinverbindlich erklärt. In dem Tarifvertrag ist festgelegt, daß unter Berücksichtigung der de- sonderen Berhältnisse in der Staatlichen Porzellanmanusakwr für diese Sonderabmachungen über die Lohn, und Arbeitsver- Hältnisse abgeschlossen werden. Diese Bestimmung enchielt bisher jeder Tarifvertrag. Di« Sonderabmachungen, also Einhaltung der tariflichen Bestimmung, wurden nicht getroffen. Ein Schiedsge- rieht wurde daraufhin zur Entscheidung angerufen. Es legte in einem Spruch bindend für beide Teile noch einmal fest, was im Tarifvertrog bereits enthalten war. Der Direktor Dr. Moufang kehrt« sich nicht daran. In dem Spruch des Schiedsgerichts ist u. a. festgelegt, daß der Lohn der Schleifer unter Berücksichtigung der Entlohnung der Berliner Facettenschleifer zwischen Betriebsleitung und gesetzliche Betriebsvertretung neu zu regeln ist. Dem ist die Leitung der Staatlichen Porzellanmanufaktur bis heute noch nicht nachge- kommen. Für die selbstherrliche Art des Direktors feien nur noch einige Fälle zitiert. Im Etat der Staatlichen Porzellanmanufaktur war im Jahre 1929 ein Unter st ützungsfonds von 5299 W. einge- setzt. Der Direktor verfügte ohne Mitwirkung des Be» triebsrats darüber. Die eigentlich Nolleidenden der Manu- fakturarbeiter und Arbeiterinnen klagten, daß sie leer ausgingen. während weniger Bedürftig« reichlich bedacht würden. Eine Auskunft, in welcher Weise die Gelder verteilt wurden, v e r w e i- g e r t e die Direktion dem Betriebsrat. Zu der abschlägigen Ant- wort brauchte die Direktion fünf Monate. Zu Lebzeiten des Bautechnikers D. hieß es öfters, der Posten ist eigentlich überflüssig und sollte er ja wieder einmal besetzt werden, dann mit einer minderen Kraft. Nach dem Ableben des Bautech- nikers wurde ein Studienfreund des Direktors mit der Stell« betraut und ihm extra noch eine Hilfskraft beigegeben. Ein Kunde bestellt« Ware, deren Lieferung sich lange hinauszog. Auf feine Mahnung erhielt er die Antwort, er möge sich gedulden, infolge von Beurlaubungen der betreffenden Maler sei die Hinauszögerung eingetreten. Dabei war der Urlaub für die be- treffenden Maler gesperrt, für die Malerei war in der gleichen Zeit Kurzarbeit angesetzt und 22 Maler waren vordem«nt- lassen worden. Dos ist Wirtschost! Dafür bezieht der Direktor «in Gehalt von 90 090 Isi.t Für heut« wollen wir es mit den angeführten Fällen genug fein lassen. Uns will scheinen, daß diese Fälle auch genügen, damit der zuständige Londtagsausschuß die Tätigkeit de» Direktors Moufang sich etwa» näher ansieht. Er wird ober gut tun, dabei nicht nur den Direktor und dessen Vertreter, sondern vor ollem die Vertreter der Arbeiter zu hören. Denn schließlich ist es nicht unbedingt erforderlich, daß in einem staatlichen Betriebe— Porzellan zerschlagen wird. Neichstagung üer Serufsfeuerwehrleute. Halle, 5. Oktober.(Eigenbericht.) Am 4. und 5. Oktober findet in Halle der 4. Reichsbezirks- uertretertog des VDB. statt. Delegiert« mis allen Teilen des Reiches sind zusammengetreten, um über eine Reih« brennender Berufs- und Organisationsfragen zu beraten. Zunächst sprach W e i l m e i e r vom Verbands vorst and über die Anstellung des Feucrwehrpersonals. Er stellt« die Forderung auf, nach einer bestimmten Probezeit für all« kommunalen Berufsfeuerwehrleute ein Beamtenoer- h ä l t n i s zu schaffen. Sodann sprach Georg« über die Berhältnisse und Schwierig- keiten bei den I n d u st r i e b« r u f s f« u« r w e h r e n. Es fand eine Entschließung einstimmige Annahme, die einmal von der preußischen Regierung verlangt, daß ein Beschluß des Landtages verwirklicht wird, der die Ueberführung der Dauerangestellten der Gemeinden in ein Beamtenvehältnis vorschlägt, serner Reichsregierung, Reichsrat und Reichstag auffordert, endlich ein neues De- amtengesetz zu fchaffen, dos die Bestimmung enthält, daß die Gemeinden verpflichtet sind, Beamtenstellen nach den gleichen Grund- sätzen zu schaffen wie Reich und Länder. Darauf referierte Dr. G o r n über die Gefahren der chemischen Industrie sür den Feuerwehvberus. Im Interesse der gesamten Berufsfeuerwebr wurde dann gefordert, daß die Benennung der einzelnen Dienstgrade im ganzen Reich« einheitlich«rsolg«. Der nächste Punkt, Organisationssragen, führte zu sehr lebhasten Auseinandersetzungen. Berbandsvorfitzender E r o l l- mus gab vorerst einen Ueberblick über das Derschmelzungsproblem. Di« Bemühungen des BDB., einen gemeinsamen verband aller Kommunalbeamten zu bilden, scheiterte: der Gemeinde- und Staats- arbeiterverband hatte die Verschmelzung unmöglich gemocht, so daß nunmehr versucht wird, die früheren Arbeitsgemeinschoiten zu einem Verbände zusammenzufasien. Die Debatte brachte teilweise ein« scharf« Verstimmung zum Ausdruck. Mit Annahme einer Entschlie- ßung, die die Zusammenschließung der Arbeitsgemeinschaften der kommunalen Beamtenverbände im Allgemeinen Deutschen Beamten- bund fordert, fand der erste Verhandlungstag sein Ende. Sörsenhauste als Notfall. Ein Freibrief für unbeschränkte Ueberarbeit in den Banken Nachdem erst vor acht Tagen eine Strafverhandlung gegen die Dresdener Bank-Berlin mit einem F r e i f p r u ch endet«, fand gestorn vor dem Schöffengericht Berlin-Mitt« unter dem Vorsitz von Landgerichtsrat S t e rn h e i m ein« Strafverhandlung gegen vier Direktoren der Disco nto-Gefellschaft statt, und zwar den Perfonaldirektor M e i s e m a n n, dessen Stellvertreter Direktor Simon, den Personaldirektor Groß und den Abteilungsdirektor Heye. Die Anklage vertrat Staatsanwaltschaftsrat N u t h m a n n. Alle vier Angeklagten hatten einen richterlichen Strafbefehl in Höhe von 4999 M. erhalten, gegen den sie Einspruch erhoben hatten. Gestern wurden auch Sachverständige der Angestellten, und zwar Henk« und T e i ch m a n n vom Allgemeinen Verband der Deutschen Bankangestellten, gehört, die beide in ausführlichen Darlegungen be- tonten, daß den Banken sehr wohl vorbeugende Maßnahmen für den Fall plötzlichen Gefchäftsandronges möglich sind. Als Sachverständige der Unternehmer wurden Direktor Pohl von der Liquidationskasi« und Direktor Sperber von der Deutschen Bank gehört. Als Zeugen waren etwa 20 weibliche Angestellte der Disconto-Gesellschast geladen, die nur zur Hälfte vernommen wurden und leider wieder aus Furcht vor Repressalien fast völlig versagten. Die zur Anklage stehenden Straftaten liegen lange zurück(April bis Juni 192k). Inzwischen sind Beeinflussungen der in Frage kommenden Angestellten erfolgt, deren Namen der Bank- direktion aus den Akten längst bekannt sind. Eine Beeinflussung ist auch darin zu erblicken wenn nachträglich irgendwelche unzulänglichen Pauschalsummen den Angestellten gezahlt werden. Abhilfe ist nur durch«inen Zwang zur Führung von Ueberstunden- listen unter Mitwirkung des Betriebsrates zu schaffen, die dem Gericht ein objektives Bild über die tatsächlichen Arbeitszeitverhält- nisse in den Großbanken geben würden. Der Staatsanwalt macht« sich die Gutachten der vom Allgemeinen verband der Deutschen Dank- angestellten benannten Sachverständigen voll inhaltlich zu eigen und beantragte, es bei dem durch den Strafbefehl festgesetzten Strafmaß von je 1999 M., evtl. für je 59 M. ein Tag Host, zu belassen. Das Gericht kam jedoch zur Freisprechung auf Kosten der Staatskasse und erkannt« damit an, daß ein« Börsenhausse sür die Banken ein Notfall im Sinne des§ 10 Absatz 1 der Arbeitszeitverordnung ist. Die Staatsanwaltschaft wird auch gegen dieses unhall- bare Urteil Einspruch einlegen. �ohobeweguag öer KrafiÜroschkenführer. Der Verkehrsbund hotte die Lohntarif« der Berliner Kraft- droschkenführer zum 39. September gekündigt und von den Unternehmern eine Erhöhung des täglichen Grundlohne» auf 4 M. und die Einführung eines täglichen Garantielohnes von 7 M. gefordert. Die Beteiligung der Fahrer mit 25 Proz. an der Bruttoeinnahme sollte beibehalten werden. Da die Forde- rungen nur sehr mäßig waren, hatte die Organisation erwartet, daß die Unternehmer auf die Forderungen eingehen würden, zumal die Löhne der übrigen Kraftfahrer in Berlin bedeutend höher liegen. Di« Unternehmer bvachtsn aber wider Erwarten den Forde- rungen ihrer Arbeiter gar kein Verständnis entgegen. In den ersten Verhandlungen erklärten sie, daß erst die Neuregelung der Taxenfrage abgewartet werden müsse, ehe über diese Forde- rungen«rnsthost diskutiert werden könne. Die Derhandlungskom- Mission der Chauffeure hielt dem entgegen, daß es nach ihrer Auf- fossung richtiger wäre, erst einmal die Löhne zu regeln, da diese nach den bisherigen Erklärungen der Unternehmer bei der Taxen- berechnung von Bedeutung senn. Die Verhandlungen wurden aber schließlich doch vertagt und am Freitag voriger Woche vor dem Schlichtungsausschuß fortgesetzt. Nach mehrstündigen ergebnislosen Verhandlungen wurde dann ein Schiedsspruch gefällt, der im wesenttichen folgendes besagt: Die gleitenden Grundlöhne von 1,25 M. bis 2,25 M. pro Tag sowie die bisherige Beteiligung mit 25 Proz. an der Gesamteinnahme bleiben bestehen. Di« Unternehmer sollen ihren Fahrern für S Schichten pro Woche einen Verdienst von ZK M. garantieren. Dieses Lohnabkommen soll bis zum ZI. März 1928 gelten. Die Erklärungsfrist wurde auf den 7. Oktober festgesetzt. Dieser Schiedsspruch bedeutet eine glatte Ablehnung der Forderungen der Kraftdroschkenführer. Trotz der seit dem letzten Tarifnbschluß eingetretenen Teuerung läßt er die„Löhne' bestehen und setzt nur einen Garantielohn fest, der weit unter dem geforderten Satz liegt. Die organisierten Krostdroschkenführer nahmen gestern abend in einer Versammlung im Dresdener Kasino zu dem Schiedsspruch Stellung und lehnten ihn entsprechend dem Vorschlag der Branchen- tommission einstimmig ob. Sie beauftragten die Organisation, in nächster Zeit eine öffentliche Protestoersammlung aller Berliner Kraftdroschkenführer einzuberufen, um dann in der Branchenleitung die weiteren Maßnahmen zu beraten. Der Sektionsleiter des Verkehrsbundes Genosse H e y l berichtete dann noch über die Verhandlungen im Polizeipräsidium wegen der Neuregelung der Taxen und betonte, daß die Durch- fühning der Beschlüsse der Tariskommission wahrscheinlich auch eine wesentliche Verbesserung für die Krastdroschkenfahrer bringe» werde. Genosse Heyl erklärt«, daß die Lösung der Taxenfrage noch lang« nicht ideal sei, daß aber im Augenblick kein« bessere Lösung mög- lich sei. Di« Arbeiterbewegung erlitt durch das Hinscheiden des Genossen I a k o b e i t einen schweren Verlust. Am 12. September 1865 in Tilsit geboren, kam Louis Iakobeit bald nach Berlin und trat hier vor 34 Iahren seiner Berufsorganisation, dem Verband der Maler, bei. In dieser war er zunächst viele Jahr« mit unermüdlichem Fleiß« ehrenamtlich tätig und vor mehr als 22 Iahren stellte ihn die Organi- sation aus den verantwortungsvollen Posten eine» Bezirk»« l« i t e r»> den er bis zu seinem Krankenlager mit seltener Pflichttreue versah. Vor acht Wochen wors ihn ein tückisches Herz- und Nierenleiden aufs Krankenlager, von dem. ihn der AU- bezwinge? Tod am 4. Oktober abrief. Genau, wie für fein« Berufsorganisation, setzte sich Genosse Iakobeit von Jugend an auch sür die Sozialdemokratische Partei mit dem größten Eifer«in. Ihr und ihrer Politik blieb er bis zu seinem Tode treu. Seit der Vereinigung der früheren Ortskrankenkasse der Maler mit der Allgemeinen Ortskrankenkasse Berlin gehörte er deren Vor- stand an und wurde hier wie überall, seines lauteren Charakters, ehrlichen Wesens und zähcn Kampfeswillen um dos Wohl der Arbeiterschaft, hochgeschätzt. Mit ihn: ist ein Kampsgenosse viel zu früh von uns gegangen. Wir werden ihm ein ehrendes Andenken sichern. Die Einäscherung findet Donnerstag, 6. Oktober 1927, 19 Uhr, im Krematorium Baumschulenweg statt. Immer noch Bankangestellte zuviel? Wien. 4. Oktober.(Eigenberich«.» Die Merkur-Bank, eine Tochtergesellschaft der Darmstädter und Nationalbank, Hot vor einigen Tagen 7 9 Ange- stellten gekündigt und mitgeteilt, daß noch weitere abgebaut werden sollen. Dieser Abbau erfolgt auf Anordnung der reiche- deutschen Leitung. Die Gewerkschaft der Bankbeamten hat, da der Abbau dem Kollektivvertrag widerspricht, die Zivilklag« gegen die Merkur-Bank aus Ungültigkeitserklärung der Kündigungen «ingebracht._ Miserable Löhne in der Zigarrenindustrie. Ernste Klagen über die Unzulänglichkeit der Löhne der Zigarrenarbeiter sind vor kurzem auf einer Konferenz des Beirates des Deutschen Tobokarbeiteroerbandes in Bremen lau: geworden. Die bei guten Durchschnittsleistungen erzielten Verdienste ind so schlecht, daß sie auch nicht entfernt zur Deckung der be- cheidensten kulturellen Bedürfnisse ausreichen. Schon im April 1919 hatte» die Zigarrrenfabrikanten einer Vereinbarung zugestimmt, wonach der Mindestfricdenslohn für 1999 Stück Zigarven 7,59 M.» für 1999 Stück Zigarillos 6 M. und für das Sorlieren von 1999 Stück Zigarren 75 Pf. betragen sollte. Jetzt beträgt der Mindestlohn sür 1999 Stück Aigarnn 8.99 M.. für 1999 Stück Zigarillos 6,39 M. und für das Sortieren von 1999 Stück Zigarren 84 Pf. Das ist günstigenfalls eine Erhöhung von 18,66 Proz. Dabei waren aber die Lebenshaltungskosten seil der Vorkriegszeit nach der Reichs- indexzahl schon im August um 46,6 Proz. gestiegen. Nicht nur die Löhne der Zigarrenarbeiter mü�en ausgebessert werken: auch sonst gibt es im Reichstarifvertrag ein« Reihe von Be- stimmungen. die der Verbesserung bedürfen. Vei der Firma Planlhold in vünde i. w. haben sämtliche Arbeiter, Fonner, Schlosser, Dreher, Modeittischler und Hilfsarbeiter wegen Lohndifferenzen die Arbeil niedergelegt. Wir eriuchen, falls die Firma Anstrengungen macht, Arbeitskräfte von auswärts heran- zuholen, für die Fernhaltung des Zuzuges Sorge zu tragen. Bezirksleitung des Deutschen Metallarbeiterverbandes Bielefeld. vez>rk»»«rsami»U>ng der Im»emcint«. und«tnatiorbett-roerband organi- strrteu«»liegen de« 17. Derwaltungebezirt» Lichtenderz am Dannerelag dem 6. Ottoder, 19 Uhr. im CaeUienly�um. Llchtenderg, Rathausslr. Tagesordnung: l.Arbeitsgerichtsgesetz. Referent Kollege Echaurn; 2 Lohnbeweguna: 8 Perscdledcnes. Erscheinen aller Mitglieder unbedingt notwendig. Die Bezirksleitung Z. A.: Wnnert. Sport. Mngerwettstreit im Sportpalast. hulhanen— Leskinowicz unenlschieden. Nur noch sehr wemge Tage trennen uns von dem Schlußtag des gut verlaufenen Wettstreits: die noch in der Konkurrenz verblieben»» Ring«r kämpfen mit großer Erbitterung um die Plätze und der bisher gebotene Sport in den Kämvsen ragt technisch hoch einpor.'Alles in allem kann man von einer Renoissancezeit des Ringkampfes sprechen. — Am Montag kam der Finne Huthanen zu einem sehr schnelle» Sieg«, der Schweizer R. G r ü n e i s e n, den er sofort schars angriff und bereits nach 2,49 Minuten durch Schultcrdrehgriff unter sich brachte. Steinte- Stettin und F e o r e- Paris setzten ihr Iresjeu flott fort. Der Stettiner siegte nach 48 Minuten durch plötzlichen Hüftschwung. Der Elborfelder Kunst bezwang den jungen Schweizer G. Grüneisen in der 47. Minute mit Untergriff. Sztekker konnte auf seinem ungewöhnlichen Siegeszuge einen weiteren gefähr- lichen Konkurrenten hinter sich lassen: durch einen Schleudergriff als Parade mußte Stolzenwold für die Zeit auf die Bretter. Ge- samtzeit 59 Minuten. Dienstag abend traf der schwere Lette Leskinowicz mit dem ausgezeichneten Finnen Huthanen erneut zufammen, mit dem er im Jahre 1922, im selben Hause, über eine Stund« gekämpft hatte. Der Kampf mußt« seinerzeit abgebrochen werden, da sich der Finne eine Schulteroerletzung zu.zog, die sein Ausscheiden zur Folge hatte. Die neuartige Ringwcije des Finnen, dessen vollkommene Beherrschung des Körpers und der Glieder rufen Situationen hervor, die man bei anderen Ringern wohl tauin findet. Ihn zu fassen, ihm einen erfolgreichen Griff anzulegen, ist fast unmöglich, und glaubt man, daß er jetzt in einem unlösbaren Griff sitzt, so ist er längst wieder entwischt. Die nutzlosen'Angriffe seiner Gegner scheinen ihm sichtlich« Freude zu bereiten: aber schnell ist sr an der Ausnutziing der Blöße feiner Gegner. Der Lette, der in beiden Gängen meistens im Angriff lag, konnte sich an der Gewandtheit seines Gegners nicht durchsetzen, so daß dieses neue erste Treffen mit einem Unentschieden abgebrochen werden mußt«. Der Schweizer R. Grüneisen mußte vor dem Franzosen Favre in der 45. Minute durch Untergnss von vorn aus die Schulter». Das Treffen Steinte gegen Kunst blieb lange Zeit völlig vssen, die Chancen wechselten in einem fort, erst nach 1 Stunde 17 Minuten gelang es Kunst durch einen blitzschnellen Ausheber seinen Gegner zu besiegen. Sztekker warf den Holländer van Riet diesmal schon nach 6 Minuten durch Untergriff. veranlwortli« sür Poll»'?:»r. Cnrt«r,», Wirssckxift!®.«Itno«!»»!": ~---|--------■- schit»»»«! Lolales: samINch in Brrlin _____?»rwürt»-Bu»druilcrrl und Berl-z-anftol» Paul Ein«» u So. B»rIin~~6W 88. Linöenfttafi» 3 rontlDOCtltu) tut vOliIlt.-»-'l- cjZijcr, 3u5irt luXltl Oe»ctli(haft»b«a>o3uiiq: R«.«M»'«: Rfiiiüclon St. Zoh» und Confligts: Rri»«»rftSd«: flnjtinfn; II,, eicdt; sä Verlag: vorwärto.Berlog®. m b H.. Berlin. Druck: Bo IZu noch nie dagewesenen Preisen bringen wir Stores, Gardinen, Bettdecken | Künstler-Gardinen in besten QualitSten für 8.90. 7.50, 8.9» M lalbstores in allen Webearten 1.78. 4.80. S.SO 8.- M. |aa.dinen«>cste sm-SMii inii-rniltt zum halben Preis. — Einzelverkaul ron 9—7 Uhr.- Spszial-öanliDED-'MrtatteD NenKOUn. Berti sfr. 61 2 Stock, nm Kingbahnhof Kein Laden 1 ft�annd�rs«Irknamunddlt oesunuers Kleinen Anzeiget in der OeaaiBt- Aotiax« kjjjljo.] des Vorwärts und trotzdem .TRAURINGE »«-- Preisliste gratis! I Ring Dukatengold<900 ge*L) zum Reklamepreis von.... Mk. 18.— I Gediegen und modern.... Mk. 22.— Schwere Ausführung..... Mk. 28.— I Ring(888 gest., Gediegen und modern.... Mk. 12— Schwere Ausführung..... Mit IS.—] Skarat. Ringe v Mk. 4.— bis 1.— p. 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