Menüausgabe Nr. 477 ♦ 44. Jahrgang Musgabe B Nr. 254 Wezus5b«dlnsungen und Anz«Ig«nxr«!s« lind in der Morgenansaab« angeaedii! Nedoilioa: Zw. SS, Lindenstrahe i Zernfprecher: VSnhoN 292— 292 7a(.-SI0ceffc: Sajlolftcnolral Sctlln Verlinev Volksdlcrtt Zcntralorgan der Sozialdcmohrat» fcben parte» Deutfcblartds TlO Pfennig 1 Sonnabe?:ö S. Gktober 1 927 verlaz und Anzeigeniidteil.n,: «eschöftezeit 8 dt» i r>hr Verleger: vorwSrls-verlag Gmbg. verlio L7V. v», clndenstrahe 3 Zerusprecher: vilahoft 292-20; vor dem Kampf in Mitteldeutfthlanö. Die Kündigungen eingereicht. hall«, i. Oktober.(Cigeoberliht.) Heute am». Oktober hat der weitaus überwiegende Teil der Belegschaften des gesamten mitteldeutschen Braunkohlenbergbaues die Kündigung eingereicht. Bon Tag zu Tag steigt die Zahl der Sündigungsunterschriften. Trotz des Ernste, der Lage haben die Unternehmer ihren hart- nScklgen abweisenden Standpunkt nicht verlassen. Die Erbitterung nnler den Arbeitern und der Andrang zur Kündigungszettelabgabe ist daher durchaus verständlich. Der Kamps ist nunmehr in sein letztes Stadium eingetreten. Aach sieben Tagen beginnt dann in Mitteldeutschland ein Rieseukampf. Die Bergarbeiter werden mit der von ihnen bei den Kampsvorbereitungen bewiesenen gewerkschaftlichen Disziplin durch bitterste Not getrieben, entschlossen aber auch, in geschlossener Front den aus- gezwungenen Kampf auszunehmen. Zur erfolgreichen Durchführung diese» Riese ntampse, ist die Mithilfe der Frauen unbedingt nSkig. Die Rot der Berg- arbeiterfamilieu haben die Frauen am schwersten zu sühlen be- kommen. Sie werden daher Seite an Seite mit Ihren Männern zur Erkämpfung des Sieges beitragen. Eben wird bekannt, daß die Unternehmer ein Berwirruagsmanöver planen. Sie«ollen die Bergarbeiter zur Zurücknahme der Kündigung veranlassen und lassen zu diesem Zwecke Listen für Unterschristen' auslegen. Dieses Manöver ist merkwürdigerweise zuerst für die Kraft- und Srubenbelriebe von Golpa-Zschorno- w i h geplant. Die Bergarbeiter haben sich 1923 einmal von den Unternehmern unter Anwendung von Druckmitteln U n t e r s ch r i s- len erpressen lassen. Der Erfolg war die Aufbürdung des ZwSlsstundentages. Ein zweite» Mal wird den Unternehmern dieses schändliche Treiben nicht gelingen. Die Bergarbeiter werden es ablehnen, hungerlöhne als Dauerzustand mit ihrer eigenen Ramens- Unterschrift zu fördern. Der Saltan in Unruhe. Der Faschismus als Hetzer.— England beschwichtigt. Belgrad. 8. Oktober.(Eigenbericht.) An der südslawisch- a l b a n i I chen Grenze ist es am Freitag- nachmittag ebenfalls zu einem Zwischenfall gekommen, der auf Komitatschis aus Albanien zurückzuführen ist. Es wurden sofort südslawische Truppen eingesetzt, deren Verfolgung der Bande trotz eines scharfen Feuergefechts jedoch erfolglos blieb. Die Komklatschis flüchteten nach Albanien. Die südslawische Regierung hat sich am Freitag noch- mals mit den Vorfällen der letzten Tage und insbesondere mit der Ermordung eines Generals der südslawischen Armee beschäftigt. In einer Note fordert sie von der bulgarischen Regierung die sofortige Verhaftung des Generals Pr o t o n o f f. In einer zweiten Rot« werden angeblich noch weitergehende Forderungen aufgestellt. Es ist dagegen falsch, daß beschossen worden sei. an die bulgarische Regierung die ultimative Forderung zu richten, dos mazedonische Komitee, dessen Sitz sich in dem bulgarischen Grenz- bezirk Pctritsch besindet, aufzulösen, widrigenfalls südslawisch« Tuppen dort einrücken würden, um selbst Ordnung zu schassen. Es verlautet hier, daß es der südslawischen Polizei inzwischen gelungen ist, zwei der Attentäter, die an der Erschießung des Generals beteiligt sind, zu verhaften. Im übrigen verweist sowohl die serbische als auch die kroatische Presse darauf, daß hinter dem mazedonischen Komitee ohne Zweifel die italienisch« Rc- gierung steht, deren Ziel schon immer dahin ging, möglichst«ine Annäherung zwischen Südslowicn und Bulgarien zu hintertreiben. Bomben und Brownings sind in Mazedonien die Mittel, mit denen sich die Innere Mazedonische Revolutionäre Organisation(IMRO) bemerkbar macht. Das ist jener auf terroristische Methoden eingeschworener Kampf- verband, der schon in der Türkenzeit an der Befreiung des Landes arbeitete und feine Tätigkeit nicht einstellte, als nach Verjagung der Türken Mazedonien bei schwerer Benachtelh- gung Bulgariens fast nur an Serben und Griechen verteilt ivurde. Der Boden für die IMRO. ist bereitet durch Miß- stände aller Art, Willkür der Behörden. Recht- losigkeit der Bevölkerung, wirtschaftliche Rot. sozialer Druck. Daß die Organisation jetzt zu schärferen Schlägen ausholt, könnte als Antwort auf die Foltern gedlsttet werden, die im Kerker von S k o p l j e eine Anzahl wegen revolutionärer Umtriebe verhafteter mazedonischer Studenten zu erdulden hatte. Einmal sind die Bomben- und Reoolverattentate dieser Wochen eine Visitenkarte, die der Bevölkerung Mezedoniens und auch den südslawischen Behörden sagt: Wir sind noch da! An- dererseits sollen diese Terrorakte wie schon zur Türkenzeit Europa an das Dasein einer mazedonischen Frage erinnern, und deshalb begannen sie jetzt in dem Tagungsabschnitt des Völkerbundes. Schließlich aber— und das ist die Hauptsache— soll die ununterbrochene Reihe von Gewalttaten jede Annäherung zwischen Belgrad und Sofia hintertreiben. Als der Bauerndiktator Stambolijski keine engherzig bulgarische, sondern eine kühn großsüdslawische Politik betrieb, die auf den An- s ch l u ß Bulgariens an seinen Nachbarn hinauslief, wurde er von den mazedonischen Komitees„umgelegt". Die durch den Staatsstreich des 9. Juni 1923 ans Ruder gekommene Regierung Zankof war mehr oder minder eine Gefangene der IMRO. Das Kabinett L j a p t s ch e w, das im Inneren Zankofs reaktionäre Politik fortsetzt, begann allmählich die Fesieln der Mazedonier abzustreifen �und suchte den Weg der Verständigung mit Südslawien. In Genf kam es dann unlängst zu einer durchaus freundschaftlichen Aussprache zwischen den Außenministern beider Länder, Burof und Marinkowitsch. Da rufen die Explosionen und Schüsse in Mazedonien dem bulgarischen Ministerpräsidenten zu: Halt aus diesem Weg und denke, daß auch du sterblich bist! Mit der Annäherung hat es nach den jüngsten Attentaten wieder seine guten Wege. Erfolgt die südslawische Forderung an Bulgarien nach Verhinderung der Bildung und des Grenzübsrtritts von Banden in einer Form, die der bulgarische Chauvinismus nicht als ehrverletzend empfindet, und hat die Regierung Ljaptschew den Mut und die Kraft, mit den mazedonischen Unruhestistern Schluß zu machen, so kann sich alles zum Guten wenden. Aber die Aussicht dazu ist um so geringer, als auch Mussolini daran gelegen ist, Belgrad und Sofia im Zustand gegenseitiger Verhetzung zu erhalten. Von den mazedonischen Organisationen führt mehr als ein Faden zu der Balkanpolitik des Faschismus. So gleicht die Lage in unheilvoller Weise selbst in Einzelheiten der Situa- tion nach dem Attentat von Serajewo im Sommer 1914. Die Tragik wird dadurch verschärft, daß Serben und Bulgaren zwei Südslawen sind, die sich sprachlich und kultu- rell nicht fernerstehen als Reichsdeutsche und Oesterreicher. Wenn sie sich wegen Mazedonien in den Haaren liegen, lei- den sie unter der üblei� Erbschaft einer Zeit, da der Jmperia- lismus der Großmächte, vor allem Rußlands und Oesterreich- T7»«y» Jd"v7»R BELGRAD' N0vibaz3�N's£h U M Ä N I E N »BUKAREST / I \ '/ SOFIA \» Tjrnowa JStip iranai ■x.- t" uJ >7 N| [« L f ,____. X Ph.ilippopfi«(s. S Kofistantjnp rix'BUL6AR I EN � X V_____ /■— N- \_r>�mECHENLAND Ungarns, eigensüchtig die natürliche Einheit der Balkanslawen auseinanderriß. Belgrad und Sofia find in einen Wahn verkrampft, wenn die Mazedo-Slawen dort als Serben, hier als Bulgaren angesprochen werden. Sie sind keines von beiden, sondern ein Zwischenglied zwi- schen Serben und Bulgaren, das ein Bindeglied sein könnte und sein wird, wenn die Leidenschaft einmal der Vernunft gewichen ist. Im Interesse des Balkans und Europas muß man hoffen, daß diese kühle Vernunft mit am Tische sitzt, wenn Belgrad jetzt seine Entschlüsse faßt und Sofia auf diese Entschlüsse zu antworten hat. Abgesehen davon bietet sich für den Völkerbund wieder einmal eine Ge- l e g e n h e i t, seinen Ruf zu verbessern. Englanö sucht zu vermitteln. England, 8. Oktober. Die Lage, wie sie durch die Ermordung des serbischen Generals Kovatschewitsch geschossen worden ist, hat in London Aufregung hervorgerufen. Der diplomatische Korrespondent des„Daily Tele- graph" rechnet mit der Möglichkeit, daß bei der Zusammenkunft zwischen Briand und Chamberlain in Poris außer laufen- den Fragen, wie etwas das Tangerproblem und die Stellungnahme Frankreichs gegenüber Rußland, auch dieser neue Punkt besprochen worden sei. Denn es sei ganz gut denkbar, daß irgendeine Zu- s p i tz u n g der Lage auf dem Balkan hinreichend Grund zur Ein- berufung einer außerordentlichen Sitzung des Völkerbundes abgeben könne, so wie es vor zwei Jahren gelegentlich des bulgarisch- griechischen Zwischenfalls der Fall war. Der Belgrader Korrespondent der„Times" berichtet, daß der englische Gesandte dort einen längeren Besuch bei der bulgarischen Gesandtschast abgestattet habe. Wie werben wir! Ein Vorwort zur Wcrbcwoche der Partei. Von Hans Vogel. Das kommende Jahr steht im Zeichen äußerst wich- tigerWahlen. Neuwahlen zu den gesetzgebenden Körper- schaften finden nicht allein in Deutschland statt, sondern auch in England, in Frankreich und in den Vereinigten Staaten Nordamerikas. In Deutschland wieder nicht nur zum Reichs- tage, sondern auch zum Preußischen und Bayerischen Landtage und anderen deutschen Länderparlamenten, wie auch zu kom- munalen und sonstigen öffentlichen Selbstoerwaltungskörpcr- schaften. So kann das Jahr 1928 zu einem Schicksalsjahr nicht nur der deutschen, sondern auch der europäischen, ja der gesamten Weltpolitik werden. In Deutschland werfen die Wahlen bereits breite Schatten voraus. Schon treten die Parteien mit Erklärungen, die auf die Wahlen zugeschnitten und auf die Beeinflussung der Wähler berechnet sind, an die Oeffentlichkeit. Für die Sozialdemokratische Partei soll die vom Parteivorstand und Parteiausschuß auf die Zeit vom 6. bis 13. November fest- gesetzte, sich einheitlich über das ganze Reich zu erstreckende Werbewoche den Auftakt zu den Wahlen bilden. Diese Werbe- woche zu einer roten Woche zu gestalten und damit das rote Jahr 1928 vorzubereiten, ist nunmehr die Zlufgabe unserer Organisationen, ihrer Leitungen und Funktionäre sowie der gesamten Parteimitgliedschaft. Freilich kann sich die Werbe- arbeit für die Partei und ihre Zeitungen nicht auf diesen kurzen Zeitraum von acht Tagen beschränken. Werbe-, Or- ganisations- und Agitationsarbeit soll von allen, die sich Sozialdemotrateil nennen, i m m e r w ä h r e n d, zu jeder Zeit und wo sich die Möglichkeit dazu bietet, geleistet werden. Während der Werbewoche soll unsere Propagandaarbeit nur komprimiert, die propagandistische Regsamkeit der Partei- genossen geweckt werden, sie soll durch die Einheitlich- kcit der Aktion im ganzen Reiche eine ganz besondere Steigerung erfahren. Dabei für alle Bezirke des Reiches geltende Richtlinien aufzustellen, ist bei der Verschiedenartig- keit der wirtschaftlichen und politischen Struktur der einzelnen Landesteile, bei der großen Unterschiedlichkeit des Volks- charakters, der Berufsgliederung, des religiösen Bekenntnisses und mehr oder minder starken Dichtigkeit der Bevölkerung unmöglich. Man wird in Ostpreußen ganz anders zu Werke gehen wie im rheinisch-wefifälischen Industriegebiet, in Bayern, Württemberg oder Baden wieder anders als in Berlin oder Hamburg. Das ist eben die Kunst der Funksio- närc der Partei, sich in die Seele des Arbeiters und der Ar- beiterin hineinzudenken, sie von der Seite und mit den Mitteln zu fassen, von der und mit denen sie am sichersten zu gewinnen und auch dauernd zu halten sind. Dazu ist allerdings notwendig, daß sie. in der Organisation zu bewußt s o z i a l i st i s ch denkenden und bewußt sozialistisch handelnden Menschen erzogen werden, deren Interessen- und Erkenntniskreis sich nicht auf die Gegenwartsaufgabcn be- schränkt, sondern die auch von der Notwendigkeit der Lcr- wirklichung unseres sozialistischen Endziels überzeugt sind. Aus den in früheren Iahren durchgeführten Werbewochen liegen aber doch mancherlei Erfahrungen vor, die bei der Durchführuitg der kommenden Werbewochc allgemeine Beachtung verdienen. Vielfach hat sich die Werbearbeit nur auf die Orte beschränkt, in denen bereits Ortsgruppen der Partei bestehen. Wie wichtig es aber ist, auch in anderen Orlen Stützpunkte zu schaffen und neue Parteimitglieder und stän- dige Bezieher für unsere Zeitungen zu werben, zeigen die folgenden Zahlen. Nach dem Statistischen Jahrbuch des Reiches für das Jahr 1926 gibt es in Deutschland 63 580 Geineinden, die Partei aber verfügt nur in 8230 Gemeinden über eigene Ortsgruppen. Von der Gesamtzahl der Ge- meinden entfallen 60132= 94,57 Proz. auf das Land. Es sind das Gemeinden mit weitiger als 2000 Einwohnern. Rur 3448= 5,43 Proz. sind städtische Gemeinden. In de» Ge- meinden bis zu 5000 Einwohnern wohnt fast die Hälfte der deutschen Bevölkerung. Aus alledem ergeben sich die großen. Schwierigkeiten der'L a n d a g i t a t i o n, die Zahlen be-/ stäligen aber auch, wie dringend notwendig und intensiv su� betrieben werden muß. Bei der vorjährigen Werbewoche wurden 52 241 Mit- glieder, darunter 10 110 weibliche und 69 879 Abonnenten der Parteipresie gewonnen. Das Ergebnis, auch im Prozcntver- hältnis, weicht in den einzelnen Bezirken sehr weit von- einander ab, was wohl darauf schließen läßt, daß die Vorbe- reitungen nicht überall mit der gleichen Sorgsalt und Umsicht betrieben worden sind. Das Ergebnis könnte aber auch ein weit besseres sein, wenn sich auch die Parteimitglieder, die sich sonst an den parteioffiziellen Veranstaltungen, wie Flug- blätteroerteilen, Hausagitation usw. nicht beteiligen, in au- derer Weise für die Partei und Presse betätigt hätten. In den Fabriken, Werkstellen, Schreib- und Nähstuben und an- deren Arbeitsräumen, unter den noch nicht in unseren Or- ganisationen stehenden, politisch indifferenten oder anderen Parteien angehörenden Arbeitskollegen und-kolleginnen find dazu soviel Möglichkeiten gegeben, daß es dazu gar nicht erst einer besonderen Aufforderung oder eines eigenen Hinweises bedürfen sollte. Viel leichter und mit viel mehr Aussicht auf Erfolg wie die mühsame Hausagitation ist diese Werbung zu betreiben.— Von den Genossen auf dem Lande hört man immer wieder die Klage, daß gerade die Arbeiter vom Lande, die in den benachbarten Städten arbeiten, sich am meisten dem Beitritt zur Partei entziehen. Diesen Mitarbeitern sollen unsere Genossen fn den Betrieden ihre besondere Aufmerksam- keit widmen. Manche neue Verbindung und manch neuer Stützpunkt auf dem Lande kann dadurch der Partei gesichert werden. Ganz besonders wichtig ist die richtige, verständnisvolle Werbung unter den erwerbstätigen Frauen und Mädchen. Gerade sie kann in den Betrieben viel wirk- famer betrieben werden als auf irgendeine andere Weise. Sie ist um so notwendiger, als das Verhältnis der politisch organi- sierten Frauen zu dem der Männer in einem sehr großen Mißverhältnis steht, obgleich heute die Frauen die gleiche Möglichkeit wie die Männer haben, bei allen politischen Eni- scheidungen mitzubestimmen. Zum größten Teile sind die weiblichen Mitglieder der Partei die den Haushalt führenden Frauen von Parteigenossen, auf die i m e i g e n t l i ch e n E r- werbsleben stehenden Frauen und Mädchen entfällt der geringere Teil. Sollte das Verhältnis nicht ein besseres werden, wenn die Männer besser verstehen würden, in der Arbeiterin nicht mehr die Konkurrentin, sondern die Gleiche unter Gleichen, die Klassengenossin zu erblicken und sie zur Kampfgenossin zu erziehen? Heute glauben viele Arbeiter und Arbeiterinnen ihre Pflicht der Arbeiterbewegung gegenüber schon dann voll er- füllt zu haben, wenn sie dem Reichsbanner oder einem der verschiedenen Arbeitersportvereine angehören. Meist handelt es sich dabei um jüngere Leute, die der Partei als Nachwuchs so not tun. Die Notwendigkeit und Zweck- Mäßigkeit dieser Vereinigungen soll durchaus nicht bestritten werden. Ueber allen aber muß auch für die jungen Ar- beiter und die junge Arbeiterin die Partei stehen, die für die anderen genannten Organisationen erst die Existenzmög- lichkeit geschaffen hat und auf deren Hilfe sie auch heute immer noch angewiesen sind. Auch hier findet sich für den Partei- genössischen Reichsbannerkameraden und Arbeitersportler reichlich Gelegenheit zur Werbung für die Partei. Es braucht das durchaus nicht bei den offiziellen Veranstaltungen seiner Korporationen geschehen, wohl aber im geselligen Verkehr mit seinen Kameraden und Sportgenossen. Bei der Werbung wird den Arbeitern gegenüber, die bis- her weder Mitglied der Partei noch Leser der Parteizeitung sind und nicht gleichzeitig für beide zu gewinnen sind, der größere Wert darauf zu legen sein, ihnalsBezieherder Zeitung zu gewinnen, weil damit die bessere Sicherung für die dauernde Beeinflussung im Sinne unserer Partei ge- geben ist und damit auch die sichere, wenn auch spätere Ge- winnung als Mitglied der Partei. Zuletzt noch eine andere, scheinbar nebensächliche, in der heutigen Zeit der Massenwirkung aber doch nicht zu unter- schätzende Aufgabe der Parteigenossen. Während der Werbe- woche sollte es von jedem Parteimitglied mehr noch als sonst als etwas ganz Selbstverständliches empfunden werden, das Parteiabzeichen sichtbar am Rocke zu tragen und überall, wo sich ihm dazu die Möglichkeit bietet, aus der Fahrt zur Arbeit, während der Arbeitspausen usw., die Parteizeitung zu lesen und wenn er sie schon in der Tasche trägt, dann in der äußeren und sichtbar mit d e m K o p f e n a ch a u ß e n. Das ist eine sehr billige, zu- gleich aber auch wirksame Propaganda für die Partei und ihre Presse. Um es noch einmal zu unterstreichen: Die Tage vom 6. bis 13. November müssen von den Parteimitgliedern, den Genossinnen und Genossen, zu einer rotenWoche gestaltet werden. Wird sie richtig vorbereitet und durchgesetzt, dann wird der Erfolg nicht ausbleiben und mit ihm wird vorbereitet und verwirklicht werden ein rotes Wahljahr 192 8. Erster hindenburg-Spenden-prozeß. Der Leiter der Hinden- burg-Spende, Ministerialrat Dr. Karstedt, hat wegen der in der „Roten Fahne" am 5. und 6. Oktober d. 3. unter den Ueber- schriften„Hindenburg-Svende nur für Offiziere" und„Der Schwindel der Hindenburg-Spende' veröffentlichten Notizen Strafantrag gegen den zuständigen Schriftleiter des Blattes gestellt. Schaukelpartelen. Volksparteiliche Abrechnung mit der Wirtschaftspartei. Es ist erst ein paar Dutzend 3ahre her, als ein politisches Spottgedicht die Nationalliberole Partei und ihre parlamentarische Praxis in folgenden Worten kennzeichnete: „Der eine faß, der andere stand, der dritte fehlte wieder, Das ist der Nationaloerband— stimmt an das Lied der Lieder!" Heute nennen sich die Nationalliberalen„Deutsche Bolkspartei". 3hr offiziöser Zeitungsdienst hat den Namen„Nationalliberalc Korrespondenz" behalten. Dieses Organ bringt nun eine hübsche Ab- rechnung mit der W i r t s ch a f t s p a r t e i, die an das längst ver- hallte Lied erinnert. Da heißt es: Ein typisches Beispiel für die in der Wirtschaftspartei be- stehende Zerfahrenheit war die A b st i m m u n g im Reichs- tag über Locarno und den Eintritt Deutschlands in den B ö l k e r b u n d. Bei sechs namentlichen Abstimmungen nahm die Fraktion folgende Haltung«in: Erste Abstimmung: 11 ja, S nein, 0 enthalten. Zweite Abstimmung: 13 ja, 1 nein, 1 enthalten. Dritte Abstimmung: 0 ja, 19 nein, 1 entHallen. Vierte Abstimmung: 7 ja, 11 nein, 0 enthalten, 2 überhaupt nicht abgestimmt. Fünfte Abstimmung: 0 ja, 8 nein, 10 enthalten, 2 überhaupt nicht abgestimmt. Sechste Abstimmung: 0 ja, 9 nein, 19 enthalten, 1 überhaupt nicht abgestimmt. Das war also die Entscheidung der Eesamtfrak- t i o n einschließlich der Bayerischen Bauernbündler und der Welsen. Aber auch die Abstimmung der elf ausgesprochenen Wirtschaftsparteiler hatte ein eigenartiges Ergebnis. Sie stimmten: Erste Abstimmung: 2 ja, 9 nein. Zweite Abstimmung: 19 ja/ 1 nein. Dritte Abstimmung: 9 ja, 1 nein, 19 enthalten. Dieses eine Beispiel zeigt wohl mit aller Deutlichkeit, welch unzuverlässiger politischer Führer die Wirtschafts- Partei für ihre Wähler ist. Das jammervolle Gebilde der Wirtschaftspartei kann in der Tat nicht besser beleuchtet werden. Aber warum schweifen die National- liberalen in so entlegene Ferne? Sind nicht ihre treuesten Bundes- brüder, die Deutschnationalen, gleiche Musterexemplare von politischer Unwahrhaftigkeit und Inkonsequenz? Oder muß man noch an den Sparbetrug, an die Schaukelpolitik bei der Annahme des Dawes-Plans, an den Verfassungseid deutschnationaler Minister und an die Richtlinien eriimern? Selbst innerhalb der Deutschen Volkspartei ist es ja um nichts besser. Hat nicht diese Partei sich— ohne daraus irgendwelche Konse- quenzen zu ziehen— freudig bei der Schulvorlage im K a- binett überstimmen lassen, um dann mit in den Kampf gegen das von ihren Ministern geduldete Gesetz auf S t i m m e n s a n g für die nächsten Wahlen auszuziehen? Gleiche Brüder— gleiche Kappen. Wenn irgendwo, so gilt hier dieses Wort. Amüsierlich ist dennoch, wie die traditionellen Hüter bürgerlicher Schaukelpolstit klagen, wenn ihnen von ihren Freunden darin Konkurrenz gemacht wird! Wer gefährüet öen Schulfrieüen! Keudell dreht den Spich um. Der Reichsinnenminister v. Keudell verteidigte in einer Rede auf einer Kundgebung des Deutschnationalen Lchrerbundes die Miß- geburt seines Schulgesegentwurfes. Er verstieg sich dabei zu der Aeußerung: dem Schulfriedendiene es nicht, wenn der Kampf in jedes Dorf hineingetragen werde. Damit soll wohl der Anschein erweckt werden, als ob die Gegner des Reichsfchul- gesetzes den Schulfrieden störten. In Wirklichkeit aber, und das muh eindeutig festgestellt werden, ist nach dem einhelligen Urteil der nicht ausgesprochen konfessionellen Lehreroereine und auch aller übrigen unbefangenen Kreise es gerade der Keudellsche Entwurf ge- wesen, der diesen Kampf entfesselt hat und der auch, falls er zum Gesetz wird, dauernde Ausesttandersetzung«» tnnerhaw der Gemeinden über die Schulfrage bringen muß. Wenn also jemand den Schulfrieden stört, dann ist es Herr v. Keudell selbst mit seinen treuen Beratern. Wenn er min den Spieß umzudrehen sucht, so beweist das nur, daß ihm dies« Tat- fache, di« er voraussehen konnte, nur allzu unbequem ist. * Die Reichsratsausschüss« werden am Mittwoch die zweite Lesung des Schulgesetze ntwurfe» abschließen. Am Freitag wird das Plenum des Reichsrates die Vorlage erledigen und noch am selben Tag« oder tags darauf di« Reichsrcgierung sich darüber entscheiden, ob eine Doppelvorlage an den Reichstag gemacht werden soll oder die Vorschläge des Reichsrates in dem Entwurf hineingearbeitet werden. Den Zusammentritt des Reichstages zu Beginn der übernächsten Woche steht also nichts im Wege. v« Tresckow gegen Nlajor a. D. Haöicke. BerrufscrklärungderGrohgrundbesihergegenv Trcsckow Unberührt von der Zeitgeschichte führt die Adelskaste trotz Revo- lution und Weimarer Verfassung ihr Herrendasein auf dem Lande. Wehe dem Standesgenossen, der aus der Reihe springt, der von den traditionellen politischen Ansichten irgendwie abweicht. Was das bedeutet, muhte Herr Hasso v. Trescko w auf Schmarsendors er- leben, der heute als Privatkläger den Verleumder seiner Ehre, den Major a. D. B a d i ck e vor das Amtsgericht Berlin-Mitte zitiert hat. V. Tresckow, Komtur des Jungdeutjchen Ordens in der Ballei Königsberg, hatte sich Anfang 1929 geweigert, an der Aufstellung illegaler Formationen teilzunehmen. Ans seine Veran- lassung hm hatte der militärische Sachverständige des Iungdeutschen Ordens» Generalleutnant a. D. Salzenberg, beim Reichswehrnünistc- rium angefragt, ob Major a. D. Badicke und der Leutnant der Reichswehr, Preuß, wirklich beaustragt seien, die Formationen auf- zustellen. V. Badicke erfuhr von den im Reichswehrmiiüsterium angestellten Nachforschungen, und das Ende vom Licdc war, daß die Grohgrund- besitzer der Neumark v. Tresckow«inen Revers zur Unterschrift vorlegten, laut dem er sich bereit erklären sollte, sofort aus dem Iungdeutschen Orden auszutreten und auch jede äußere und innere Gemeinschaft mit der derzeitigen Führung des Iungdeutschen Ordens aufzugeben. Als v. Tresckow sich weigerte, diesen Revers zu unterschreiben, erklärt« ihn die Großgrundbesitzerversammlung vom 31. Januar d. I. in Acht und Bann. In dem Beschluß hieß es. daß von nun an jeglicher Verkehr des Herrn Hasso o. Tresckow- Schmarsendorf abzubrechen und jede gesellige Veranstaltung, in der Herr v. Tresckow erscheinen würde, zu verlassen sei. Bekanntlich hat an dem Zustandekommen dieses Boykotts auch der damalige Landrat des Kreises Königsberg in der Neumark, der jetzige Reichsinnenminister v. Keudell» teilgenommen. Als dein Herrn v. Keudell dies von der Tribüne des Reichstages vorgeworfen wurde, hatte der Reichskanzler Marx ihn in Schutz genommen und von grobem Vertrauensbruch des Herrn v. Tresckow gesprochen. Dies zur Vorgeschichte des äußerst interessanten Prozesses, der am frühen Nachmittag beginnt. Di« Gerichtsverhandlung wird um 1 Uhr eröffnet. Der beklagte Major a. D. Badicke wird von Rechtsanwalt Hahn, der Privat- kläger von Treskow durch Rechtsanwalt Kuntze vertreten. Als Zeugen sind erschienen: der Rittergutsbesitzer v. S y d o w, der Rittergutsbesitzer M. d. R. von derOsten-Warnitz. Leutnant der Reichswehr Preuß, Leutnant v. d. L a n ck e, Ordenskanzler Borne mann, Generalleutnant a. D. Salzenbcrg, Rittergutsbesitzer Fink v. Finkenstein, Hauptmann a. D. v. Humbert und der Vater des Klägers Herr o. Tresckow. Reichsminister v. Keudell ist nicht erschienen, weil er diensllich verhindert sei Der Richter rät einen Vergleich an. Der Beklagte, Major a. D. Badicke lehnt ihn ab und erklärt sich bereit, den Wahrheitsbeweis zu erbringen.— Das Gericht tritt darauf in die Beweisaufnahme ein. Ein Antrag Badickes, die Oeffentlichkeit auszu- schließen, wird zunächst zurückgestellt. „Jufttf von Galsworthp. Aufführung in ßünstlerlheater. Das Stück schlechter als schlecht, die Tendenz besser als gut: Ein Adookatfchreiber hat es nicht vertragen, daß die Geliebte seines hochanständigen Herzens von ihrem Ehemann widerwärtig ver- prügelt wird. Es verbindet den Schreiber und die Frau übrigens «ine Liebe, di« nur auf Aufopferung des braven und ernsten Jungen beruht. Das wird vor Gericht ausdrücklich durch Zeugenaussage be- stätigt. Der Schreiber fälscht einen Scheck, ein paar Pfund, damit die Frau mit ihren Kindern fliehen kann. Drei Jahre Zuchthaus für den Schreiber. Hornochsen von Geschworenen,«ine Kanaille von Staatsanwalt, ein auf den toten Buchstaben versessenes Richter- kollegium. Gefängniskoller des Schreibers in der Einzelhaft, Polizei- aufsicht nach der Strafverbüßung. Der Zuchthäusler könnte ver- recken, niemand dem Vorbestraften mehr traut. Als der alte Ehef es noch einmal versuchen will, hat der Schreiber aus Not schon ein Zeugnis gefälscht. Neues Zuchthaus droht für den Rückfälligen. Die geliebte Frau hat es längst vorgezogen, auf die sogenannte ehrliche Arbeit zu verzichten, und aus sich ein Licbesunternehmen für mehrere gutsituierte Herren zu machen. Der Schreiber entwischt, mit dem Kopf nach vorn, aus dem Fenster oder übers Geländer. Ge- brochenes Genick. Juristen, die in England noch bornierter fein sollen als in unserer Republik, mögen in sich gehen. Das abschreckende Beispiel von der mordenden Justiz kann nicht laut genug angeprangert werden. Wer eine Feder und ein Herz hat, soll es in Leitartikeln und Voltsoersammlungen und Parlamenten tun. Galsworthy, der den himmelschreienden Fall auf die Bühne bringt, kämpft gegen die Justiz ehrlich, agitatorisch, sogar nützlich. Trotzdem kommt sein Theaterstück nicht über die gröbste Kinowirkung hinmis. Man weiß von vornherein, wie alles kommt. Der Dramatiker hält das ganze Parkett für einen Bund der Esel und Gesinnungslumpen. Obwohl alle Tendenz für das Stück spricht, spricht jede Szene gegen den Theatertait des Dramatikers. Er gibt nur ausgeblasene Binsen- Wahrheiten. Ein einziger Mann im Stücke versöhnt, ein Bureau- Vorsteher, der auch die edlen Motive des Schreibers erkennt und nun wie da« mahnende Gewissen durch die Akte wandert. Diesen herrlichen Menschenfreund spielt Karl G o e tz still, einfach, rührend, wundervoll gemessen. Da die Welt aber nicht nur schwarz oder weiß ist, sondern tausendfach kompliziert, bleibt das Parkett während des ganzen Tizeaterabends klüger als der gütige Bureauvorsteher. Die Gerechtigkeit ist eben mehr als ein Theaterstoff, sie muß Blutstosf des Dramatikers sein. Dann kommt ein besseres Theaterstück her- aus. Auch ein« bessere Regie. Die Regie arbeitet ganz im Sinne Galsworthys, mit Drehbühnenlärm und Tricks, die zum Kolportage- film passen. Es soll ein aufregender Abend sein, es ist aber nur lrngwe'.ljg, da die Spannung überspannt ist. Ernst Deutsch spielt dcn braven, armen Jungen als treuestcr Vajall des Dichters. Man muß gestehen, daß er die Grobschlächtigkeit des Stückes über- windet und die schlimmsten Sketchmomente seelisch verinnerlichen wollte.* MaxHochdorf. Ein Domela-Lusispiel. Das nenne ich prompt arbeiten. Das Gelächter über den falschen Hohenzollernprinzen Domela ist noch nicht verstummt und schon steht seine famos« Köpenickiade auf der Bühne:„Höhensonne", Lustspiel in drei Akten von Ludwig Fulda. Uraufsühning im Theater am Kurfürsten- dämm. Der Fciseurgehilfe Wuttke aus Pasewalk läßt steh als Sohn des abgedankten Großherzog feiern und schüttet seine prinz- liche Huld über die Honoratioren der Provinzstädtchen, den Auto- fabrikanten, den Juwelier, den Bürgermeister. Alle liegen sie vor ihm auf dem Bauch und lassen sich von den Strahlen der prinzlichen Höhensonne wärmen. Unsere nachsichtige Republik bekommt manchen satirischen Seitenhieb ab, schwarzweißrotgold, die Fürstenabfindung, die Servilität, die unsere Zeitgenossen ach so gern wieder betätigen möchten. Ludwig Fulda hat sich also auf den Boden der Tatsachen gestellt. Er kommt uns stramm republikanisch. So wie er das auffaßt. Da gibt es noch ein Liebcsfpiel zwischen Marlene, der Tochter des Autosobrikanten, und Herrn Burger, seinem Sekretär. Himmel, ist das romanlisch! Die beiden verkörpern die neue Zeit. Obwohl sie von Hause aus reich sind, wollen sie ihren Lebensunter- halt durch eigener Hände Arbeit verdienen, der selige L'Arronge wird im Grabe vor Freude hüpfen.„Mein Leopold" ist unsterblich. Und denken sie: dieser Herr Burger ist in Wahrheit der richtige Prinz.� Sagt es aber keinem. Furchtbar anständig. Die wahre Noblesse findet man eben bloß bei Hochgeborenen. So macht Dr. Ludwig Fulda, prominentes Mitglied der preußischen Dichter- akademie, in Gesinnung. Revolution am Kursürstendamm. Ee lebe der Kitsch! Ralph Arthur Roberts schnarrt und näselt famos den falschen Gardeprinzcn. Arthur Schröder ist ein unendlich vornehmer, fast leutseliger Herr Burger, Roma Bahn ein« sehr energische Haustochter und Eugen Burg«in jovialer Exgroßhcrzog. Das Publikum ist begeistert.' dgr. Zweiler Abend der Ilaliener im Renaissance-Thealer. So bereitwillig man im Stargastspiel die Bombenrolle auf Kosten des dichterischen Wertes gelten lassen wird: es ist schon etwas Schlim- meres, wenn uns Emma Gramatica in ihrem fortgesetzten Gastspiel noch die Dumassche„K a m e l i e n d a m e" zumutet. Davor hat die Bourgoisie aus drei Generationen Tränen vergossen! hat sich so edel und menschlich gefühll, wenn sie in käuflicher Liebe lnotsbene nicht unter 199 999 Franken mit dem dazugehörigen Apparat) das„Herz" entdeckte und freigistig verherrlichte. Denn> s geschah sa zu ihrer eigenen Ehre: denn die Verworfene beugte sich jn vor der strahlenden Unschuld des kirchlichen Myrthcnkranzes und allen Tugenden der vornehmen Bagage. Kitsch, schön! Ein schöpfen- scher Darsteller kann aus Kitsch Menschlichstes aufglänzen lassen: aber zu solch perfider Verlogenheit gehört auch ein Stück menschlich- schauspielerischer Unechtheit, um überhaupt an-in« derartige Rolle herangeben zu können. Die Gramatica gab denn auch schönstes Sarah-Bernhard-Theater, ersparte uns kein Symptom der Schwind- sucht bis zum Glanzstück des Verscheide? in allen Registern, wobei anerkannt sei, daß die Leistung an sich von hoher Virtuosität war. Aber das ist, auch in Italien, altes Theater: M e m m o B e- n o s s i, der männliche Partner, stand ihm wie die verkörperte Jugend gegenüber. Nicht ein falscher Ton(wer etwa in der drama- tisch pathetischen Steigerung ursprüngliche Natur verkannte, ver- kennt die Natur des Romanen), dabei die Rolle im Aufbau mit weisester Oetonomie von leiser Zurückhaltung bis zum prachtvoll losbrechenden Ausbruch gesteigert. Das Gastspiel hätte— wenigstens diesmal— nach i h m heißen dürfen. Neben den beiden Haupt- darstellern noch die Kammerfrau der Pusi, in ihrer Unscheinbarkeit von feiner künstlerischer Diskretion. Uebrigens sollten sich unsere Regisseure die Aufführung um des gesellschaftlichen Zu- sammenspiels willen ansehen. War es ausgeprobteste Arbeit, war es nur glückliche Natur:«ine Konversation wie in der Tischszene, durcheinander und Schlag auf Schlag, erinnert man sich auf einer deutschen Bühne nicht erlebt zu haben. Dr. K u ck h o f f. Russisches kabarclt im Discalor-Thealer. Der Beifall, den die nissijch-proletarische Kleinkunstbühne„Die Blauen Blusen" im Theater am Nollendorfplatz fand, war sehr stark. Wem aber galt er? Von der sicherlich geringen Minderheit im Publikum, die auch hier nur den sowjetrussischen-kommunistischen Ideen zu- jubelte, kann man absehen. Die Schar derer, die grundsätzlich in allem Ausländischen eine Sensation sieht, der sie zustimmt, war sicher ebenfalls bei dieser Veranstaltung oertreten. Außerdem gab es zahl- reiche Russen, die» im Grunde unpolitisch, in den Darbietungen der „Blauen Blusen" nichts anderes als ein Stückchen Heimat sahen, das sie grüßten. Der einstimmige laute Beifall aber wäre mit all dem nicht zu erklären. Die Mehrl)eit spendete ihn der Idee des aktuellen politischen Kabaretts. Mehr als eine Idee van solchem Kabarett, darüber muß man sich klar sein, tonnten die„Bauen Blusen" nicht geben. Denn was sie auf die Bühne brachten, war das Rußland von heute in sowjetrussischer Perspektive und in ein- deutigen, für die Provinz bestimmten Umrisse». Aber es war fanatischer Ernst, der hier Banalstes wie Wesentlichstes in lustiger Form brachte, und der auf seine Weis« bemüht war, lachend seine Wahrheit zu sagen. Und weil mau sich vorstellen konnte, wie wichtig, wie wertvoll und auch wie vollkommen eine Kleinkunstbühne wäre, die. deutsch— oder westeuropäisch— und großstädtisch orientiert, eine erwachsene, aber in ihren Proportionen ebenso wohlgebildcte Schwester des russischen Provinzkabaretts darstellte, deshalb wurde der Beifall so echt und ehrlich. Tes. Uraufführung der Oper„Das wander der heliane" von Kornqold. Im Hamburger Stadttheater erlebte die neueste Oper Erich Korngolds.„Dos Wunder der Heliane", drei Bühnenbilder von Hans Müller nach Kalteneckers Mysterium„Sieg des reinen Herzens", ihre Uraufführung. Korngold hat dazu eine glänzend instrumentierte Musik geschrieben. Der Erfolg des vom Intendanten Leopold Sachs« mit großer Sorgsalt inszenierten Werkes war von Generalmusikdirektor Egon Pol lack mit Schwünge begleiteten Werkes war außerordentlich groß. Der Komponist wurde stürmisch gefeiert und zusammen mit den Hauptdarstellern Marie Hussa (Heliane), Rudolf Bockelmann(Herrscher) und Karl Günther (Fremder) unzählige Male hervorgerufen. Erslaassiihruligen der Woche. Montag: Renaissance- Theater: Gastspiel: Dienstag: Wullncr-Theater: Andrea« Hafer: AiitUvoch: Zlcliaitjanee-Tpeatcr: Giovanni und Annahella: Zreltog: Schauspielhaus: Die Wupper: Lcjsiug-Theaterr Schindcrhannc». Luöenöorsss JuSenöenkmal. Die zehn Schwerter Jehovaö. Den Verstockten, die es Immer noch nicht glauben wollen, bildet die„Deutsche Wochenschau" vom 2. Gilbhards 1927(für Deutschredende: der Oktober ist gemeint), den Hauptturm des Tannenberg- denkmals ab, auf dem die zehn Schwerter Iehovas zu sehen sind, die der jüdisch verseuchte Dentmalsausschuß statt eines großen Ordcnsrillerschwertes hat anbringen lassen. Verraten wird auch, wie diese zehn kabbalistischen Zeichen heißen: Kether, Binah, Chokmah, Geburah, Rachamin, Gedulah, Hod, Hesod, Nczach und Maituch.— Uns packt Grauen! Noch entseßlicher ober ist folgendes: Vor uns liegt eine sehr deutliche Abbildung des gleichen Turmes in Nr. 461 der streng iiationaloi„Berliner Börsenzeitung". Und siehe da: auf dieser Abbildung hat der mysteriöse Turm nur neun Schwerter!— Was ist hier geschehen? Sicherlich steht die Börsenzeitung(Börse ist immer verdächtig!) unter jüdisch-sreimaurerischer Leitung und hat in schlotternder Angst vor Ludendorffs Enthüllungen ein Schwert sortgelassen. Oder sollte es etwa umgekehrt sein? Hat frei- maurerische Zauberkunst Ludendorfs ein Schwert zuviel er- blicken lasien. Beinahe möchte man's glauben. Denn das zehnte Schwert im Bild der„Deutschen Wochenschau" macht einen so merk- würdig unechten Eindruck. Bei den Freimaurern kann man nie wisien. Sie halten's frei nach Goethe: „Du mußt verstehn aus neun mach' zehn!" Was bei Ludendorff, Mathilde o. Kemnitz und der„Deutschen Wochenschau" natürlich ausgeschlossen ist! * Nach Mitteilung des„Münchener evangelischen Gemeinde- blattes" hat Ludendorff seinen Austritt aus der eoange- l i s ch e n Kirche erklärt. Offenbar plant der große Stratege die Wiedereinführung des germanischen Wodankultes mit Pferdebraten. Denn an einen liebertritt zu den Jesuiten oder zum Judentum vermögen wir nicht zu glauben. Thüringer Justiz. Keine Wiederaufnahme des Verfahrens gegen Frieders. Weimar, 8. Oktober.(Eigenbericht.) Dem Oberstaatsanwalt Dr. Frieders ist am Sonnabend morgen die Verwerfung des Wiederausnahmeoer- f a h r e n s von der Strafkammer Weimar zugestellt worden. Frieders Antrag hat 12 Wochen bei der Strafkammer gelegen. Die Ablehnung ist summarisch und ohne jede Beweisausnahme erfolgt. Frieders hat gegen die Entscheidung sofort Beschwerde erhoben. • Das Vorgehen der Thüringer Justiz stellt eine Ungeheuer- lichkeit dar. Erst läßt man den Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens monatelang liegen, obwohl es sich dabei um die Wieder Herstellung der beruflichen und persönlichen Ehre eines hohen Ve amten der Justiz handelte, der neu« wichtige Beweismittel dafür erboten hat, daß sein« Verurteilung wegen Meineids ein Fehlspruch war. Dann, nachdem das Gesuch solange unerledigt blieb, fertigt inan es ohne Beweiserhebung ab! Und das trotz des leb- haftesten Protestes der Oeffenllichk«it gegen das Unrecht, das Frieders zugefügt wurde. Die Thüringer Justiz verstärkt damit den Eindruck, daß sie aus politischen Gründen die Wiederaufnahme des Ver sahrens verhindern will. Eine ürollige Werbewoche! Bei den Charlottenburger Deutfchnatwnalen. Zweck der Uebung: Deutschnationale Werbewock)« im Kr«is verein Charlottenburg. Szene: Eine kleine Schulturnhalle, die bei Beginn der Kundgebung noch nicht zur Hälfte gefüllt ist. Langsam tröpfeln weitere Besucher. Anwesenheitslist«: Diele älter« Frauen, etliche ge- hobene Handwerksmeister und mittlere Beamte, aber sast gar keine 'Angehörigen der sogenannten„besseren Gesellschaft", Majore, Pastär« usw.— die kommen zu so was nicht!— doch natürlich auch kaum ein einziger Arbeiter! Vorspiel: Zwei deutschnationale Frauen sprechen über den Hindenburgtag.„Herrlich, die schönen Fahnen von all unseren Verbänden!"...„Aber das viel« schmierige Schwarzrotgelb dazwischen."...„Ja, die sind eben nicht zu belehren."...„Die blödsinnigen Arbeiter würden sogar hungern für ihren dummen Sozialismus."(Das ist aber wörtlich!) Zur Sache! Es sollte sprechen Herr Landwirtschastsminister Schiel«. Er muß von den bisherigen Erfolgen seiner Charlotten- burger Parteisreunde gehört haben und blieb fern. So tarnen noch geringer« Geister zu Wort. Da war der Landtagsabgeordnet« K i m- b e l, der u. a. von dem„BallastsozialerFürsorge" sprach, unter dem wir leiden. Außerdem sagt« er, daß seit 1918 die Poli- tiker den Kopf verloren hätten. Meinte er damit den Vllrgerblock? In der Republik werde die Zeit in Spielereien vertändelt. Das bezog sich wohl auf Stahlhelm, und Kyfshäuserparaden. Die Sozial- demokrati« habe sich vorgenommen, das gesamt« Volt zu politisieren, und das sei ihr nach seiner Ansicht restlos gelungen. Bei den Bs- fuchern dieser Versammlung hatte man diesen Eindruck nicht. Kim- bel ist der Ansicht: Je weniger Politik, desto besser! Das kann man ihm angesichts seiner Wählerschaft nachfühlen. Nach ihm sprach ein deutjchnationaler Stadtverordneter und betätigte sich als Wiederkäuer. Eine riesengroße Chrysantheme Im Knopfloch war das einzig Bemerkenswerte an ihm. Von Geist keine Spur! Ein Proletarier, der in seinen Ueberzeugungen irr« zu werden fürchtet, besuche dies« Charlottenburger Werbewoche; dort wirbt man nämlich unfreiwillig für die Sozialdemokratie. Wichtigste Ankündigung des Vorsitzenden: Nächste Woche große Kaffeetafel der deutschnationalen Frauen. Kaffee und Kuchen frei. Auf, auf, ihr Germaninnen! Der Verwaltungsaufbau Berlins. Zwei Entwürfe zur ungeeigneten Zeit. ' Der Magistrat hat nunmehr die bereits seit langem angekündigten o r s chlü g e für eine Neuorganisation de r Ver- waltung Groß-Berlins der zuständige» Deputation der Stadt- verordnetenverjammlung zugehen lassen. Er legt zwei Entwürfe vor. die beide ein« Vereinfachung und damit zugleich eine Verbilligung der Verwaltung zum Ziel haben, in ihren Einzel- Helten aber sehr wesentlich voneinander abweichen. Es ist kein Ge- heimnis, daß jeder von ihnen seinen„geistigen Bater" innerhalb des Magistrats hat, und so werden die Entwürfe auch durch den Ober- bürgermeister und den Stadtsyndikus vertreten. Gemeinsam ist beiden Entwürfen eine Verminderung der 20 Verwaltungsbezirke auf acht oder zehn. Hierbei soll ein den Kern von Alt-Berlin um- fassender großer Innen bezirk geschaffen werden, der äugen- blicklich nicht weniger als 768 909 Einwohner zählen würde. Die übrigen Verwaltungsbezirke sollen strablcnförmig von hier ausgehen, wobei die natürlichen und verkehrlichen Grenzen ebenso wie die geschichtlich gegebenen nach Möglichkeit respektiert werden sollen. So soll beispielsweise bei dem Vorschlag von acht Bezirken Eharlottenburg, Spandau, Tiergarte», ebenso im Osten Neukölln, Treptow-Köpenick zu einen, Bezirk zusanunengelegt werden. In den eigentlichen Verwaltungsvorschlägen gehen beide Eni- würfe sehr verschiedene Wege. Der c r st e will die Lezirkskörperschaslen völlig beseitigen und ein reines Unterordnungsverhältnis zwischen den zentralen Verwaltungen und den Dienststellen in den Bezirken schassen. Es wird erhofft, daß sich dadurch sowohl die Reibungsslächen innerhalb der Verwaltung beseitigen lassen wie auch, daß die Doppelarbeit vermieden werden wird, die bis zu einem gewissen Grade jetzt un- vermeidlich ist. Die Aerwaltungssührung im Bezirk über- nimmt nach diesem Entwurf ein vom Oberbürgermeister bestimmtes Magistratsmitglied, dem die Disziplinargewalt und das Anstellungsrecht für sämtliche Beamte des Bezirks verliehen werden soll. Neben ihm steht ein„Vcrwaltungsausschuß", der eine Art Deputation darstellt. � Der zweite Entwurf beseitigt nur die Vezirksversammlung. organisiert die Bezirksämter nach dem bayerischen Stadtratssystern und unterstellt sie den, Magistrat. Es werden 29 bis 39 u n b c, s o l d c t e Bezirksstadtrüte gewählt, die sich selbst einen besoldeten Vorsitzenden, eventuell auch noch weitere besoldete Stadtröte wählen. Auch hier sollen durch die Unterstellung der Bezirksämter unter den Magistrat Reibungen und Doopelarbeit tunlichst ausgeschaltet werden. Der Entwurf hat den Vorzug, daß er mit dem gegen- wärtigen System der Bezirksversasiung nicht völlig bricht und' der Bevölkerung des Bezirks einen größeren Einfluß auf die Wahl der führenden Persönlichkeilen gewährt. Die sozialdentokratische Fraktion des Rathauses hat allen diesen Neorganisationsbestrebungen gegenüber ihre Stellung feit langem festgelegt. Sic verkennt durchaus nicht, daß das Gesetz Groß-Berlin als ein ganz neuartiger Versuch, seine Mängel haben mußte, die sich erst in einer jahrelangen praktischen Erfahrung herausstellen können. Sie glaubt, daß der Zelkpnnkk für eine Umgestaltung des Gesetzes noch nicht gekommen ist, weil die Spanne nicht ausreicht, um mit Sicherheit neue Vorschläge machen zu können. Zu Experimenten ober ist die jetzige Zeit alles andere als geeignet. Es geht nicht an, so grund- legende Veränderungen durchzuführen, mit der sicheren Aussicht, in einigen Jahren auf Grund der inzwischen gesammelten weiteren Er- fahrungen abermals ändern zu müssen. Es ist kein Zweifel. daß die sozialdemokratisch« Fraktion diesen ihren Standpunkt auch in der Deputation vertreten wird. Einer Beratung von Vorschlägen steht natürlich nichts im Wege, da sie sicherlich wertvolles Mate- rial für die künftig« Neugestaltung der Berliner Verwaltung enthalten. Eine Entscheidung aber wird erst fallen können, wenn eine längere Erfahrung zur Verfügung steht, als dies bis jetzt möglich ist. Der angesäuselke candgerichtsral suspendiert. Amtlich wird mitgeteilt, daß Landgerichtsrat G e l i n- Breslau, der vor einiger Zeit in einem Breslauer Weinlokal in Anwesenheit des demokrati- ichen Landtagsabgeordneten Hermann einen das„Berliner Tage- blatt" lesenden Gast beschimpft und den dazwischen tretenden Abge- ordneten Hermann ebenfalls beleidigt hatte, nunmehr vom Amt suspendiert worden ist. Slresemanu hat erst heute mittag dem Reichskabinett Bericht über Genf erstattet. Offenbar hatte er es diesmal nicht so eilig, sein« Ministerkollegen über die deutschen„Erfolge" in Genf zu informieren- Der Entwurf eines preuhsichen vefoldungsgefehc,. der in seinen wesentlichen Einzelheiten bereits bekannt ist und weitgehend aus die besondere Lag« der preußischen Beamten Rücksicht nimmt, ist dem Landtag zugegangen.., � Die Sluttat in Schmargendorf. Das Motiv völlig ungeklärt. Die furchtbare Bluttat des Schriftstellers Hermann Georz Scheffauer. der, wie wir in unserer Morgenausgabe berichteten. in seiner Wohnung Cunostr. 48 zu Schmargendorf, seine 28jährige Sekretärin Katharina von Meyer nach einem heftigen Kampf durch einen Herzstich tötete, und nach der Tat durch einen Sprung aus dem Küchenfmster Selbstmord verübt«, ist noch immer völlig ungeklärt. Es wird auch, da sich bei der polizeilichen Durch- juchung der Papiere und letzten Arbeiten Scheffauers keine Anhalts- punkte für das Motiv ergaben, kaum möglich sein, Licht in das Dunkel der Tragödie zu bringen. Die Getötete, die neben den schriftlichen Arbeiten auch zum Teil den Haushalt führte, geriet in der Küche, nicht wie zuerst mit- geteilt wurde, im Arbeitszimmer Schesfauers, aus einem unbekann- ten Grunde in einen Streit, in besten Berlauf Sch. ein Tranchier- mester ergriff und aus sein Opfer einstach, das von einem Stich ins Herz getroffen tot zu Boden sank. Die Schnittwunden an den Händen sind bei der Abwehr entstanden. Zlls der Täter sah, was er angerichtet hatte, brachte er sich selbst eine schwere, aber nicht lebcnsgesährliche Halswunde und mehrere Bruststiche bei und stürzte sich auf den Hof hinab. An den Folgen des Sturzes verstarb er aus dem Wege ins Wilmersdorfer Krankenhaus. Nach Ansicht der Aerzte, die Scheffauer jetzt und früher be- handelten, scheint er die Tat in einem Anfall von plötzlicher geistiger Umnachtung begangen zu haben. Außerdem ver- lautet, daß Schessauer bereits vor Jahren einen geistigen Zusam- menbruch erlitten hat. KommunPische Ehrung für Hinüenburg. In der letzten Bezirksversammlung des Bezirks Schöneberg hatten die Kommunisten bei der Besprechung eines Antrages über die Hindenburo-Feier Hindenburg eine seltene E h r u n tz bereitet. Die Kommunisten hatten zunächst einen Redner vorgeschickt, der im Stile der Artikel der„Roten Fahne" gegen den Hindenburg- Rummel loslegte. Als Bürgermeister Bern dt den Kommunisten dnrauf eine Antwort gab, schickten diese noch«inen Redner vor. Zur Ueberraschung aller Bczirksverordneten stellte dieser fest, daß sie hindenburg nicht beleidigen wollten, und seine �Verdienste für das Vaterland anerkennen. Der Mann hatte ganz Recht: Darum hat ja die KPD. auch auf ihre Art dafür gesorgt, daß Hindenburg Reichspräsident wurde. Wir werden es bald erleben, daß die Reden von Kommunisten in den deutschnationalen Blättern als vorbildliche „patriotische" Acußerungcn wiedergegeben werden... Selbstmorö eines Suchmachsrs. In seinem Wettbureau am Alexanderplatz 1/2 wurde heute vormittag gegen 10 Uhr der 49jährige Buchmacher Richard Sasse mit einem Mundschuß tot aufgefunden. — Im Hause Alexanderplatz 1/2 ist ein« Filiale des konzessionierten Buchmachers H., dessen Hauptgeschäft in der Großen Frankfurter Straßeist. Die Z we i g st e ll e_wurde von Sasse geleitet, dem noch ein Angestellter zur Seite stand. Als der junge Mann heute früh um �9 Uhr seinen Dienst antreten wollte, fand er das Bureau noch verschlossen vor. Er entfernte sich und kehrte nach einer Stunde wieder zurück. Das Bureau war immer noch verschlossen. Jetzt schöpfte der Angestellte Lcr- dacht und bemerkte, daß in der Tür von innen ein Schlüsiel steckte. Die Polizei wurde benachrichtigt, die sich gewaltsam Einlaß verschaffte. An seinem Arbeltstisch wurde S. tot aufge- funden. Aus einer M e i> r l a d e p i st o l e, die auf dem Fußboden lag, hatte er sich einen Schuß in den Mund beigebracht. Größere Verlnste, die wirtschaftliche Schwierigkeiten nach sich zogen, sollen S.'zu dem Verzwciflungsschritt getrieben haben. Werbefeicr der Arbeiterjugend. Mit einer gut gelungenen Werbefeier eröffnete die Arbeite r- fügend, Ortsgruppe Andrcasplatz, ihre Winterarbcit. Zahlreiche Schulentlassene mit ihren Eliern waren der Einladung nach dem Gescllschastshaus von Schmidt in der Fruchtstraße gefolgt. Das umfangreich« Programm wurde ausschließlich von Jugend- genossen bestritten. Genosse Günther sprach die Fcstwortc. Er schilderte in seiner Ansprache die Kulturbestrebungcn der Arbeiter- zugend. Der zweite Teil des Programms war ausgefüllt mit Volts- tanzvorführungen, heiteren Rezitationen und Liedern zur Laute. Reichen Beisall fand ein Solotänzerpaar, die einen alten Volkstanz meisterhast zur Vorführung brachten. Zluch die im bayerischen Dialekt voogetragenen Lieder zur Laute waren ausgezeichnet. Ein von Jugendgenosscn vorgetragenes Zwiegespräch zeigte den Unter- schied zwischen einem Tanzbodenjüngling und einem in der Jung- arbeiterbewegung mitarbeitenden Genossen. Das Zwiegespräch hätte sich nicht mit der Gegenüberstellung begnügen sollen, sondern im 'Anschluß an diese die' Arbelt der Arbeiterjugend auszeigen solle». Mit dem Gesang der Internationale schloß dieser Abend, der sicher viele Schulentlassene in die Arbeiterjugend eingeführt hat, Schwerer Hauunfall in üer Gö'hrener Straße Zwei Gerüstbauer vom Dach abgestürzt. Auf einem Neubau in der Göhrener Straße 11, unweit der Prenzlauer Allee, ereignete sich heute früh um 1�8 Uhr ein folgenschwerer Bauunfall, zwei Gerüstbauer stürzten vom fünften Stockwerk auf den Hos hinab. Schwerverletzt wurden beide in das Krankenhaus übergeführt. Der 4Jjährig« Gerüstbauer Johann Formalsli, am Ost- b a h n h o f 13 wohnhast, und der gleichaltrige Bauarbeiter Gustav Müller aus der S e n e f e l d e r st r a ß e 14 waren in der Höhe des fünften Stockwerkes, nach der Hofselte zu, mit der Herstellung eines hölzernen Schutzdaches beschäftigt. Vermutlich brach «ine Strebe, detin ein Teil des Daches gab plötzlich nach und die beiden Arbeiter, die sich nicht mehr in Sicherheit bringen konnten, stürzten kopfüber in die Tiefe. Arbeitskollegen brachten die Schwer. verletzten zunächst in einer Autodroschke zur naheliegenden Rettungs- stelle 11, von wo sie in das Krankenhaus am Friedrichs- Hain übergeführt wurden. Der Zustand des Formalski, der einen Schädelbruch und mehrere Beinbrüche davongetragen hat, ist so schwer, daß kaum Hoffnung ist, ihn am Leben zu crhalteru Müller kam glücklicherweise mit einem Oberschenkelb ru«h und leichten inneren Verletzungen davon. Bei lhm de- steht keine Lebensgefahr. Eine baupolizeiliche Unter- f u ch u n g über die Ursachen des Unglücks wurde eingeleitet. Ein Fünsundsechzigzührigcr. Unser Genosse Wilhelm Kegel, Köpenick, Kudowastraße 13, wird heute 63 Jahre alt. Seit 1891 ist er Mitglied unserer Partei. Roch heute betätigt er sich als Funktionär und ist in der Kleinarbeit besonders rührig. Sein Spezialgebiet ist die L a n d a g i t a t i o n. Hier hat er in jähr- zehntelanger Arbeit dazu beigetragen, daß der Gedanke des Sozialis- mus sich auch in den Kreisen der Landarbeiter ständig vertieft und befestigt. Während des Kapp-Putjchcs traf ihn ein besonders hartes Geschick. Di« Kapp- Rebellen erschossen seinen Sohn zusammen mit fünf anderen Köpenicker Ge- nassen. �Zu dieser seelischen Rot trafen ihn auch schwere wirt- schastliche Sorgen. Umso höher schätzt die Partei sein« unverdrossene Arbeitskrast. Wir wünschen, daß es dem Genossen recht lange ver- gönnt sein möge, an der Entwicklung der Sozialdemokratischen Partei den regsten Anteil zu nehmen. Kino-Volkswochenschau. In den Monopol-Lichtspielen, Petersburger Straß« 29, läuft die neueste Nummer der Volkswochenschau: sie zeigt in gewohnter Neichhaliigkeit und Aktualität Ausnahmen von der Kurstätte für rachitische Kmder in Friednchshain, die neuesten Sportbilder des In- und Auslandes, sie führt in ihrer Bilderfolge zwei interesiant« Erfindungen vor, zeigt wundervolle Aufnahmen aus dem Polargebiet, Bilder von der Ge- burtstagsfeier des Reichspräsidenten und anderes mehr. Die Bureauräume dos Reichsenlschädigungsamls, welche bisher in der Hedemann- und in der Oranienstraße gelegen waren, werden vom 1. Januar 1928 nach Friedenau, Jndustriehuus Görtz, Rhein- straße, oerlegt. Jithnrngen durch Sttt-verlin. Die.Führungen au fcen vergesst»«, Win lein dcS ältesten Berlin", die das Bezirksamt Schöncberg an den letzten beiden Sonntagen veraiislaltetc, fanden einen so grojzen Zuspruch. day sie bis ans weiteres fori gesetzt werde». Nächste Führung Sonn tag, 9. Oktober, die Schriftsteller Georg Bamberger leitet. Treffpunkt Hin auf dem Spiltclmarkt, Ausgang Untergrundbahn. Teitneymer- faden 50 Pf. Auistcllimg.Das junge Deutschland".!Fin Rahmen der Vortiagsreihe „Wcttjugevdaibeit" spricht heute. Sonnabend. 90 Uhr, Dr. Watter Kahser über „ Inte, nationatc Bon Scout» Bewegung und deutsche Jugendbeweguiig" in der Feslhallc dcS Schlosses Bellevuc. Etutritt sür Jugendliche iiO Pseiinig, für Erwachsene 1 Mark. Den Kanal durchschwömmen! Cotnurn, 8. Oktober. Die Londoner Stenotypistin Gleize hat gestern bei ihrem ersten Versuch, den Kanal zu durchschwimme», Erfolg gehabt. Sie startete gestern um 2.85 Uhr von Cap Grisnez uns und konnte trog des außerordentlich kalten Wassers die ganze Strecke durchhalte». Sie stieg um 19.18 Uhr zwischen Dover und St.-Margarethen-Bucht an Land. Koennecke in Basra. Bagdad, 8. Oktober. Der Flieger Koennecke ist heute, Freitag, 0 Uhr früh, in Bagdad gestartet und um 9,48 Uhr vormittags in Basra gelandet. töwenschanspiel in Braunschweig. Der in Braunschweig gastierende Zirkus Sarrasani, ließ von seinen dressierten Löwen als geschickten Reklamettick dem Braunschweiger Löwendenkmal einen Besuch abstatten. Um das Denkmal war ein Zentralkäfig gestellt, über den ein Rotz gespannt war. Der Platz vor dem Denkmal war durch einen Br«tterzqun abgeschlossen. Ganz Braunschweig war auf den Beinen, die Menschen waren aufgeregt und schaulüstig. Die Löwe» aber benahmen sich ganz vernünftig, blinzelten etwas mit den Augen, umschlichen das Denkmal und wurden gefilmt. Damit Mr der Zweck des Lmvenschaufpiels erreicht. Urabstimmung öer Srauer. Ueber de« Einigungsvorschlag. Die Funktionäre der streikenden vranereiarbeiler beschäftigten sich heute vormittag in einer öbersüllten Versammlung im Rosen- l Haler hos mit dem Einigungsvorschlag, der da» Ergebnis der gestrigen Verhandlungen war und den wir bereit» heute früh mitgeteilt haben. Genosse hodapp vom Verband der Lebensmittel, und Getränkearbeiter gab den Funktionären zunächst einen kurzen Bericht über den Gang der Verhandlungen, der vom Genoffen S l o s e vom Verkehrsbund in einigen Punkten noch ergänzt wurde. Die Lohnkommisston war zu dem Veschlufj gekommen, dieses Angebot den Streikenden zur Anaahme nicht zu empfehlen. Zn der Diskussion vertraten die Redner die Aussaffung. daß dieser Einigungsvorschlag nicht al» ein neue» Angebot anzusehen sei und deshalb eine Urabstimmung auch nicht vorgenommen werden brauche. Die Organisalionsverlreter betonten daraus, daß einmal nach den Stoluten nicht nur der führenden, sondern aller Organisationen bei einem neuen Angebot oder einem Vergleichsvorschlag eine Urabstimmung vorgenommen werden müsse, zum anderen ober auch die Funktionäre die Urabstimmung deshalb nicht ablehnen dürften, um nicht die Meinung auskommen zu lasten, daß st« die Urabstimmung unter den Streikenden fürchten. Die Funktionäre waren vor allem darüber entrüstet, daß die Unternehmer, wie au» dem Einigungsvorschlag hervorgeht, bei der wiedereinftellung unter den Streikenden sieben wollen. Diese Spih« ist bestimmt im Einlgungsvorschlag gegen die Funktionäre gerichtet. E, wurde einmütig die Auffassung vertreten, daß der Kamps nur beendet werden könne, wenn alle am Streik Beteiligten wieder eingestellt werden. Bach einer ausgiebigen Debatte lehnten die Funktionäre den Einigungsvorschlag einstimmigab und beschlossen, daß die Ural»- stimmung in der Zeit von heute nachmittag Z Uhr bi, morgen abend K Uhr vorgenommen werden muß. Da» Abstimmungsergebnis muß noch morgen. Sonnlag. sofort nach Schluß der Abstimmung dem Bureau de» verbände» der Lebensmittel- und Gelränkearbeiter übermittelt werden. An der Urabstimmung müffen sich alle organisierten Arbeiter beteiligen, die an der Streikabflim- mung teilgenommen haben. Die erweiterte Streikleitung wird zu diesem Abstimmungsergebnis noch morgen abend Stellung nehmen. Das Lokal wird noch in der P reffe bekanntgegeben. vor einem Streik im Nöbelhanüel. Um die Erhöhung der Löhne. Seit längerer Zeit stehen die Transportarbeiter des Möbelhandels mit den Unternehmern in Verhandlungen wegen einer Erhöhung der stark zurückgebliebenen Löhne. Die vom Deutslben Verkehrsbund eingereichte Forderung lautete auf Erhöhung der Wochenlöhne von 43 auf 50 M. Di« Unternehmer machten schließlich ein Angebot von 2 M. Zulage. Zu diesem Angebot nahm eine Versammlung der Möbeltrans- portarbeiter Stellung. Das Angebot wurde einstimmig a b g e- lehnt, zugleich wurde den Unternehmern ein Ultimatum gestellt, das gestern abend ablief. Die Unternehmer bequemten sich daraus, noch eine Mark zuzulegen. Auch dieses Angebot wurde von den Arbeitern einstimmig abgelehnt. Ein?lntrag, heute früh in den Streik zu treten, wurde jedoch abgelehnt, da man den Unter- nehmern noch einmal Gelegenheit geben wollte, zur Ablehnung des Lmgebots Stellung zu nehmen, fjeute vormittag teilten nunmehr die Unternehmer mit, daß sie aus ihrem letzten Angebot bestehen bleiben. Unter diesen Umständen dürfte die Abstimmung der Arbeiter, die morgen vormittag nochmals sich versammeln, nicht zweifelhaft sein. Ab Montag früh wird wahrscheinlich der Streik der Trans- portarbeiter im Möbelhandel eine vollzogen« Tatsache sein. Die kommuniftisthen Drückeberger. Sie bleiben Oberbonze» der KPD. An demselben Tage, an dem die„Rote Fahne" den Beschluß der Funktionare der Straßenbahner veröffentlichte, der Streik- o b st i m m n n g der Straßenbahner keine Folge zu geben, ver- ösienilichte sie auch die Mitteilung, daß der Obmann des Betriebs- rats der Straßenbahn aus der KPD. wegen seiner Mitwirkung bei diesem Beschluß ausgeschlossen worden ist. Wenn es sich also um„einsachc Arbeiter" handelt, dann funktioniert die Aus- fchlußmaschine der KPD. sehr rasch. Es bedarf keiner Untersuchung. es wird keine Verteidigung zugelassen. Anders wenn es sich um k o in in u n i st i s ch e O b e r b o n z e n handelt. Gestern morgen veröffentlichte die„Kote Fahne" auf ihrer ersten Seite in großer Ausmachung die Mitteilung über den Be- schluß de? Mogistrats, dem Stadtocrordnetenbeschluh auf Erhöhung d.>r Löhne der Gemeindearbeitsr um 10 Pf. pro Stunde nicht bei- zutreten.?in den stärksten Ausdrücken wurden die sozialdemokratischen Magistratsmitglieder angeklagt, für diesen Magistrotsbeschluß und gegen die Erhöhung der Löhne der Gcmeindearbeiter gestimmt zu haben. Wir hoben darauf festgestellt, daß sämtliche sozialdemokratischen Magistratsmitgliedcr f ü r den Beschluß der Stadtoerordnetenver- sammlung gestimmt hatten und daß die Ablehnung nur zustande kam. weil die beiden kommunistischen Magistratsmitgliedcr G ä b e l und Ausländer abwesend waren. Wohl beschöstigt sich die„Rote Fahne" auch heute morgen mit dieser Angelegenheit, nicht aber, indem sie gegen die kommunistischen Stadtrote Stellung nimmt, sondern indem sie diese kommunistischen Obcrbonzen mit den einfältigsten Argumenten zu verteidigen und olle Schuld an dem Mogistratsbeschluß den Sozialdemo- k r o t e n aufzuhalsen sucht. Die„Rote Fahne" versucht, die beiden kommunistischen Stadt- röte mit ihrer Unwissenheit zu entschuldigen. Wenn wir auch wünschen, daß diese kommunistischen Stadtröte der KPD. möglichst lange erhalten bleiben mögen, denn sie paffen zu ihr, so müssen wir doch, um der Wahrheit die Ehre zu geben, die Entschuldigung der „Roten Fahne" ins rechte Licht rücken. In der vorletzten Sitzung des Magistrat» hatte sich dieser mit dem Antrag des Verbandes der Gemeinde- und Staatsarbeiter auf Erhöhung der Löhne um 10 Pf. bereits beschäftigt. Die Beschlußfassung darüber wurde jedoch aus- gesetzt bis nach der Stellungnahme der Stadtver- ordnetenversammlung. Die beiden kommunistischen Stadt- räte mußten also wissen, daß die Angelegenheit in der nächsten Sitzung zur Beschlußsassung kommen würde. Während dieser Sitzung wurden die beiden kommunistischen Stadträte aiisdrücklich von Vertretern des Gcmeindearbeiterverbandes darauf aufmerksam gemacht, daß die Lohnfrage noch in dieser Sitzung ver- handelt würde.. Was soll man aber dazu sagen, wenn die„Rote Fahne" erzählt, die beiden Stadträte hätten vorher den— Oberbürger- m e i st e r gefragt, ob sie weggehen könnten! Die ablehnend« Stel- lung des Oberbürgermeisters in dieser Frage kann auch den beiden kommunistischen Stadträten, so unwissend sie nach der„Roten Fahne" auch sein mögen, nicht unbekannt sein. Auf derselben Höhe stehen die übrigen Angaben der„Roten Fahne", die u. a. wahrheits- widrig behauptet, unser Genosie Brühl habe eine Stellungnahme zu dem Stadtverordnetenbeschluß„erzwungen". Wir stellen also fest: der Arbeiter Johann Flieger wird ohne Federlesens aus der KPD. ausgeschlossen, weil er mit 60 Proz. Unorganisierten einen Streik zu führen ablehnt. Die beiden kommunistischen Stadträte Gäbel und Ausländer bleiben kommunistische Oberbonzen. Sie wußten, daß es in der letzten Sitzung des Magistrats zur Abstimmung über die Lohnerhöhung der Gemeindcorbeiter kommen würde. Sie wur- den außerdem während der Sitzung des Magistrats durch die Organisationsvertreter des Gemeinde- und Staatsarbeiteroerbandes, unter denen sich auch ein Mitglied der KPD. befand, ausdrücklich auf die Beschlußfassung aufmerksam gemacht. Wer verrät also die Arbeiter? �ohnbluff in üen VSMI.'öetrieben. wie man die Löhne niedrig zu halten versucht. Die Löhn« der H i l f s- und Transportarbeiter der Berliner Metallindustrie sind sehr niedrig. Die Arbeits- ransportarbeiterkräften bewegt sich in aussteigender Linie. Trog ernstlicher Anstrengung war es in letzter Zeit vielen Firmen nicht möglich, den ersorderlichen Bedarf auch nur annähernd decken zu können. Auch die aufdringlichen Zeitungsannoncen haben das bestehende Manko nicht auszufüllen vermocht. Um den Zuzug tnehr zu beleben, werden nun Methoden angewandt, die einer Bauernfängerei sehr ähnlich find Aus den uns mitgeteilten Klagen ist zu entnehmen, daß den Arbeitsuchenden von Metallfirmen ein weit höherer Lohn versprochen wird, als der Tarifvertrag es vorsieht. Nach der Arbeitsaufnahme wird dann der Eingestellte von einem vielleicht zu diesem Zweck trainierten Mann nach seinem Stundenlohn ge- fragt. Hört der Ausfroger den vereinbarten Lohnsatz, dann begibt er sich eiligst zu seinem Meister, beschwert sich über den hohen Lohn des Neueingestellten und verlangt ebensolche Bezahlung. Der Meister, angeblich ziemlich betroffen, gesteht ein, sich im Einstellungslohn ..geirrt" zu haben und legt dem Eingestellten nahe, diese unliebsamen Wirkungen einzusehen und seine weitere Tätigkeit zu dem niedrigen Tariflohn auszuführen. Würde es sich nur um einig« Fälle handeln, so ließe sich«in Irrtum solcher Art denken. Aber die Fäll« mehren sich sehr stark. So muß man zu der Aufsassung kominen, daß System darin steckt. Man rechnet aller Wahrscheinlichkeit nach in solchen Fällen damit, daß der erst einmal Eingestellte vielleicht doch nicht wieder so schnell den Betrieb oerläßt, und daß er sich einen Lohn- a b z u g eher gefallen läßt, als stine Entlassung zu nehmen, weil bei vielen der Glaube besteht, daß sie durch die Entlassung ihres Unterstützungsanspruchs bei der Arbeitslosenversicherung verlustig gehen könnten. Vom arbeitsrechtlichen Anspruch aus betrachtet ist hervorzu- heben, daß in solchen Fällen der Unterstützungsanspruch keine Ausbedung findet, weil sich der Unternehmer bei der Einstellung gegenüber dem Arbeiter einer L i st bedient hat. Das neu« Arbeits- Versicherungsgesetz garantiert den Unter st ützungs- onspruch in solchen Fällen ausdrücklich, wenn die arglistige Täuschung nachgewiesen wird. Der Arbeiter kann also ohne Bedenken auf die Zahlung des vereinbarten Lohnes bestehen. Bezeichnend ist es, daß sich solche Fälle gerade in der Metall- industrie abspielen können, wo der schlechie Lohn ein Ab- schreckungsmittei für die Arbeitsuchenden ist. Streik in üer Porzellanfabrik hennlgsüorf. In der Por.zellanfabrik Hennigsdorf(Betriebssührung Rosen- thal). die der AEG. angeschlossen ist, sind wieder einmal Differenzen zwischen der Betriebsführnng und den Isolatorendrehern ausge- krochen. Das geht nun schon seit Iahren so, all« paar Monate gibt es»«ch(r Hennigsdorf, Da» ist eine 6chlwipmi, die nicht mOr [v weitergehen kann Der Betrieb fällt al« einziger im ganzen deutschen Reich mcht irnter den Reichstarifvertrag für die deutsch« seinkeramische In- dustrie. Im Reichstarifvertrag ist die Defettfrog« für die Isolatoren- drehe r geregelt. Aber in Hennigsdorf glaubt die Direktion, eine Regelung der Defekt« nur in einem für sie günstigen Sinne herbei- führen zu können. In Hennigsdorf sollen die Dreher auch noch den Bruch tragen. Dabei müssen sie Material oerarbeiten, das nicht einwandfrei ist. Die Dreher haben ihre Kündigung eingereicht, die am 8. Oktober abläuft. Bon dem Tage, also von heute, ab treten sie in den Ausstand. Auch die im Brenn hau, belchäftigten Arbeiter und Ar- beiterinnen find se:t langem mit ihrem Lohn nicht mehr zusrieven und haben an die Direktion Lohnforderungen gestellt, die diese aber nur zum Teil bewilligt hat.. Wenn die Direktion bei der ganzen Angelegenheit kein Eni- gegenkommen zeigt, ist mit schweren Differenzen in der ganzen 21b- teilung Porzellan zu rechnen. Deswegen wolle man die Firma mit Arbeitsangeboten verschonen. kvnögebung der �tngeftelltea der werbende« öetrieb» Die Angestellten der werbenden Betriebe Groß-Berlins ver- anstalteten ain Donnerstag eine von den Gewerkschaften einberufene Kundgebung in der Stadthalle Klosterstraße. In der gut besuchten Versammlung reserierte Genosie Q u en z el über die Wirtschaftspolitik der Kommune Berlin. Genosse Swo- l i n s k i verglich die sozialen Verhältnisse der Angestellten in den werbenden Betrieben mit denen der Kämmereioerwaltung. Ueber die Verhandlungen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen sprach Genosie Quenzel. Die Funktionäre der städtischen Werke hatten den Veichluß ge- saßt, jetzt keine Lohnforderungen zu stellen, sondern erst die neue Besoldungsordnung abzuwarten. Die sozialen Forderungen zum Mantelvertrag werden am nächsten Dienstag mit den städtischen Werken verhandelt. Es ist gefordert worden: Beginn des Besol- dungsdienstolters mit 20 Iahren, Aufwandsentschädigung soll auf 2 M., für auswärtigen Dienst auf 4 M. erhöht werden. Die Kafsiorer sollen ein Derzehrgeld von 20 M. monatlich erhalten. In der Urlaubssrage oerlangen die Gewerkschasten G l e i ch st« l l u n g der Angestellten der städtischen Werke mit denen der Kämmereiverwaltung, ffieiter wird die Mitwirkung der Be- triebsrät« bei Einstellung und Entlassung verlangt. Anstatt der Schiedsgerichte sollen in Zukunft Streitigkeiten vor den Arbeits- ge richten ausgetragen werden. Angestellte, die Wechseldienst machen, sollen eine Woche Urlaub mehr erhalten. Gefordert wird dann noch«im längere Gültigkeitsdauer des Mantelvertroges. Nach den mit reichem Beifall aufgenommenen Referaten betonte Genosie P o l« n s k e von, Verband der Gemeindearbeiter, daß die Zusammenarbeit der Angestellten und Arbeiter der werbenden Betriebe weiter ausgebaut werden. Rur gemeinsamer Arbeit wird Erfolg beschieden sein. Lohnerhöhung in Oftoberschlefiea. Sattowltz, 7. Ottober. lWTBO Die am Dienstag vertagten Lohnoerhandlungen für die Metall- ütten wurden vorgestern wieder aufgenommen. Nach längerer eratung kam eine Einigung zustande unter der Voraussetzung, daß erstens die letzthin vom Schlichtungsausschuß bewilligte Ausgleichs zulage sowie die jetzige neue nicht als Sonderzuschläge gezahlt, son- dein in den Lohn eingerechnet werden, und zweitens die Gedinge- Verhandlungen für die Röst- und Zinkhüttenindustrie sofort wieder ausgenommen werden. Di« Metallhüttenarbeiter der Klassen 1 bis 11, die im Akkord arbeiten, erholten danach eine durchschnittlich« Zulage von 70 Groschen per Schicht und alle übrigen Aktordarbeiter ein« solche von 45 Groschen je Schicht. Das Abkommen läuft bei vier- zehntägiger Kündigungsfrist zunächst bis zum Schluß dieses Jahres. Theater üer Woche. »am 0. Oktober bi» 17. Oktober 1027. B»U»bäh»t: Tb»«,»«m BSl«w»l»»: ftatalc uni Lieb«.— Shtalet am 640 f»aueifeamm; Georg» Täubin.— Thalia-Theater: Der rot« Haiin.— vper am Plab der»epublil: 9. Die grau ohne Schatten. 10. Der Waffen- fchmieb. II. Der ferne Nlang. IL. Rofcnkavolier. 13. Die Macht des Schick- tat». It. Der flieaenbe Holländer. IS. Boheme. IS. Carmen. 17. Mignon.— Städtisch« Oper Charlotten barg: 9., 12. Damit». Cavalleria rufiicana. 10. Da« Glockchen de» Eremiten. II., Id. Ionnö spielt auf. 13. Elektra. 14. Rhein- galt. 10. Turandot. 17. Mignon.— Sckiaulpiclhan» om Gentarmenmarit: 9.. 13. Ein besferer Herr. 10., 17. Morion Gener. 12., 12. Bmphitrion. 1«. Motz für Maß. Id. und 10. Di« Wupper. � Schiller Theater EharloUen- borg! 9., 10., 12. Im weißen SW|I. II. Peer(Sunt. 13., 14. Herode« und Mariamne. Id., 10. günf von der Jazzband. 17. Die Journalisten.— Dent- Icheo Theater: Troilus und Erefstda.— Nammerfpiele: Ihr Mann.— Die flamSdie: Zinsen. Täglich 11 Uhr Nachtvorstellung: Relson.Nevu«.— Theater Die Welt applaudiert...— Deutsche» ZUnftler-Tbeater: Justiz.— Lustspiel. hau«: Filmromanlik.— Lesfing-Theatee: Bi« 13. Bönig Heinrich IV. Ad 11. Schinderhannes.— Trianon-Theater: klopf oder Schrift.— Nefidenz. Theater: Der Leibkutscher de, gridericu« Rex.— Theater im der Ztammaudauteuftraße: Der Regimento-Papa.— Berliner Theater: Leonie.—«enea Theater am Ja«: Di« lustigen Thomn-ltomödie».— Die Tribüne: Spiel im Schloß.— Renaissanee-Thentee: 10., 11. Italienische« Gastspiel: Der Schatten. Ab 12. Giooanni und Annabella.— valhalla,Tdeater: Am Rüdeoheimer Schloß steht »ine Linde.— Rose-Theater: Die Moschinenhaucr von Berlin.— ktafiuo- Theater: Die Paula vom Metropol.— Theater in der ktlosterstraße: 9., 13., 13. Iohannisfencr. 10., 14. Hedda Gabler. 11., 12., 10. Liebe.— Schloßpark. Tdeater Steglitz: Diener Blut.— Theatee i»»er LStzomstraße: Galante Rächt.— Theater im«dmiralapalast: Wann und wo!— Wintergarten: Variete.— Seala: Internationales Pariet».— Reich« halle» Theater: Stettiner Sänger.— Theater am Bottbnffer Tarn Elite-Sänger. Rachmittagsnorstelluugea. Bolkabühn«: Theater am Billam- platz: 9., 16. Ein Sommernächtstraum.— Theater am Schtssbauerdamo»: 9., 10. Georg« Dnndin.— Thalia-Theater: 9., 16. Der mutige Seefahrer.— Schanfpiclhau« am Geadarnienmartt: 9. Ein hegerer Herr.— Die ttamödie: 16. Nelson-Revue. Die Lichter von Berlin.— Sroßea Schauspielhaus: 9., 16. Der Mikado.— Theater dea Westens: 9., 16. Alt-Seidclberg.— Trianon- Theater: 9. Co ein Mädel. lDa« Extemporale.)—«ene» Theater am Jos: S., 12.. 16, Bindermürchenoorftellungen.— Walhalla-Theater: 9. Schneewittchen unb die sieden Zwerge. 12 Die Puppenfee.— Rose-Theater: 10., 16., 17. Hänsel»nd Gretes.— Theater tn der kklosterstraße» 9. Raub der Sabiiie. rinnen. 12., Id., 16. Ziotlappchen.— Schloßpael- Theater Steglitz: 9. Anneliese oon Dessau.— Theater im Admtralspalast: 9., 16. Wann und wo!- 9. Id., 16. Internationales Pariet».—«eichshallen-Theater: 9., 16. Sitnger.— Theater am ktotttnsse« To«: 9., 10. EUte-isänger. fl für Politik-" Dr.«nrt«ey-r: Wirtschaft:«.«Nngelhoser: bewegung: Hr. Etzlor«: Hevllleton: Dr. John Schikowski: Lokale«: igcs: Fritz ktarftädt: Anzeigen: Th. Glocke! sämtlich in Berlin Berantwartlich für Politik: Dr. C»rt Gey«,! JtBirtschnft: Sewerkschaftsbewe MM und Sonstigrs: Ftitz JMU._.. WWW MWWWWWl Verlag: Porwärts-Perlag G. m. d H., Berlin. Druck: Borwärts-Buchdruckerrt und VertagsanstaU Paul Singer u Co. Berlin EW 68, Lintenstraße 3 Teppiche 8 billige Umzugslage Boucle ZOO/SOO... Mit. 15.- med*. Smyrne 250/350 Mk, 76.* tayroa-falirikteppkHerkaDl �vledricbstraße 204 Bettfedern anerkannt billig und reell. Ptd gr-uS0Pf..g«schl.90Pf., Rupi l 78. Halddaune 2.75,4. weiß volldaunige d. Daune 4. 7. weiß 9—10, Echletßdaune 3.60—5, Oderbe» la dichte« Intet, 8 Psd tchw. lll. l«.«issen 3Pid.3.d0 ddOau w gegen Nachn. Muster, Preist. frei. kein Zlistto Nichlvassend zurück. Rfihm. Betii'edernspezlalhau» SacOsel& Stadler, Berlin E 12, Landsberger Str 4.3. 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