flbenöausgabe ■ I II klr. 4SI ♦ 44. Jahrgang Ausgabe B Nr. 23S BfjuasStWnounaen und«njelgenwtth tind in der Morgenouzgod« angeatbi« NeSollion: SV). 6t, Linde«, stratze t Fernsprecher i VSnhoss 292— 29T ?»l..«dress«: Sozioldewotral 8 etil« Derlinev Volkslrlskt flO PffenfSitgT) Dienstag 11. Oktober 1 927 »erlag und Änzeigcnabtellnng: TelchSftszett S�i, dis S Uhr Verleger: vorwSrig. Verlag Mmd�. Verli» STD. 69, Lindensirotze 3 Fernsprecher i Cönijoft 292— 29; Zcntralorgan der Sozialdemokratifcben Partei Deutfchlands Der Hochbahnstreit in Gang. Schwere Beeinträchtigung des Verkehrs.— Kampf um den Achtstundentag. Heute Verhandlungen vor dem Schlichter. Der hochbahaerstrelk hat heute morgen 5 Uhr begonnen. Diele Zehntousendc kamen zu spät zur Arbeit, die Strahenbahnen und Autobusse wurden gestürmt. Der Streik bedeutet eine schwere De- einträchtigung des Berliner Verkehrs.(Siehe auch 3. Seite.) Die hochbahnangestellten kämpfen um den Achtstundentag. Der Schiedsspruch läßt für das?ahrperfonal eine durchschnittlich neunstündige Arbeitszeit zu. Eingreifen Ses Schlichters. Auf Grund de» von der hochbahndireklion gestellten Antrage, auf Derbindlichkeitserklärung de» Schiedsspruchs hat der Schlichler sür Groß-Berlin beide Parteien sür heute nachmittag 2 Uhr zu Verhandlungen über diesen Antrag geladen. Ein Aufruf öer Streikleitung. Die Zentratstreikleitung wendet sich in einem Ausruf an die Ve- välkerung Berlins. Darin wird ausgeführt, das) die hochdahner bereits im Zahre lZZ4 gegen die neunstündige Arbeitszeit gekämpft haben. Am lt. November 1924 war der letzte Streik wegen der Arbeitszeit. Das Fahrpersonal fordert die achtstündige Arbeltszeit und will auch in sozialer Beziehung den übrigen städtischen Arbeitern gleichgestellt werden. „lv ir sind städtische Arbeiter und wollen al» solche behandelt werden", heißt es in dem Ausruf.„Der gefällte Schiedsspruch bringt anstatt Verbesserung Verschlechterung des bestehenden Vertrages." Eine Versammlung der streitenden hochbahner ist zn morgen lll Uhr in den Saalbau Friedrichshoin einberufen. Eile mit Weile! Der Wortlaut des Schiedsspruches ist den beteiligten Organisationen erst heute morgen n ach Ausbruckz desStreiks zugestellt worden. Der Schiedsspruch ist am Sonnabend abend 6 Uhr gefällt worden. Er ist schon nach. 64 Stunden schrist- lich ausgefertigt bei den Parteien eingetroffen. Es ist deshalb noch nicht möglich, den Wortlaut des Schiedsspruches der Oeffentlichkeit mitzuteilen. Verhandlungen bei der fiboag. Die Derhandlungen bei der Aboag haben zu keiner Einiaung geführt. Der Schlichtungsausschuß hat von Amts wegen für Mittwoch vormittag zu V e r h a n.d l u n g« n geladen, in deren Verlauf, falls keine direkte Verständigung erzielt werden kann,«in Schiedsspruch gefällt werden dürste. Der Wahlsieg in polen. Poruiarsch der Tozialdemokratie. Warschau, 11. Oktober.(Eigenbericht.) Der Erfolg der Soziolisten bei den polnischen G c in c i n d e w a h l c n am Sonntag stellt sich als noch größer heraus, als er bei den ersten Ziffern erschien. Die polnischen Sozia- listen haben in Lodz ihre Stimmen gegenüber der letzten Gemeinde- wähl fast verdreifacht. Sie stehen jeßt mit 56 000 Stimmen zum erstenmal als stärkste Partei im Industriezentrum da. Die Kommunisten erhielten 41 000 Stimmen, die oder von der Negierung durchweg für ungültig erklärt wurden. Di« polnischen Rechtsparteien sind fast von der Vildslächc verschwun- d« n. Di« einst in Lodz führende National« Arbeiterpart«! ist von 20 Mandaten aus 5 Mandate gesunken. Die Christlich-Demokraten baden statt 9 Mandate 5, und die unseren Deutschnationalen ent- sprechenden Nationaldemokraten sogar von 14 Mandaten nur 3 gerettet. Die beiden deutschen Listen haben noch günstiger abge- schnitten als bereits gemeldet. Von zusammen über 24 000 deutschen Stimmen haben die deutschen Soziolisten fast 1 7 000, die D«utsch-Bürgerlichen über 7000. Di« deutschen Sozialisten erhalten 7 an Stelle von 5 Mandaten, die Deutsch-Bürgerlichen 3 an Stelle von 2 Mandaten. Die eigentliche Pilsudski. Partei der sogenannten Sanierungsliste errang nicht mehr als ein einziges Mandat. Da auch von den jüdischen Parteien nur die Sozialisten— vor ollem der sogenannte„Bund" mit über 14 000 Stimmen neue Mandate dazugewonncn haben, ist die s o z i a l i st i s ch e Mehrheit gesichert. Da Polen ebenso wie Deutschland auf Grund des Listenwahl- rechts keine parlamentarischen Ersatzwahlen kennt, wird dieses Wahl- «rgcbnis allgemein als Stimniungsbarometer angesehen und man erwartet politische Folgen davon. Die sozialistcnfeindlichcn Blätter haben ihre Töne bereits ausfällig geändert. Moskau hat keine Eile. Paris m»ch ans die Antwort warten. Paris, 11. Oktober.(Havas.) Seit Freitag hat der französische Botschafter in Moskau den Volkskommissar Tschitscherin noch nicht wiedergesehen. In Paris versichert man, dah auf Mittwoch eine Sitzung des Präsidiums des Zentralexekutivkomitees in Moskau«inberustn sei, um über den Fall des Sowjctbotfchafters in Paris zu beraten. Man fügt jedoch hinzu, daß eine Entscheidung nicht vor Ende der Woche fallen werde._ Keine Marokkoräumung öurch Spanien. Primo dementiert sein Interview. Madrid. 11. Oktober In einer offiziösen, der Presse übermittelten Note dementierte General Primo de Rivera kategorisch die Aeuherungen, die ihm in einem„p H a n t a st i s ch e n" Interview des Korrespondenten der„S u n d a y Time s" in Madrid zugeschrieben würden. Die Mitteilung erklärt, daß Prinio de River« und Cham- derlain nicht die Gibraltarsrag« auzeschnitten hätten, daß sie auch nicht die Räumung Marokkos durch Spanien ins Auge gefaßt hätten. Primo de Riocra bestätigte die Erklärungen Ehamberlains über die von Spanien gestellten Forderungen sür eine Tongcrkonferenz, namentlich, dah man Spanien not- wendig« Garantien gebe, damit weder Tanger noch sein Hinterland ein Verschwörungsnest sür Schnmggler bleibe. Mazedonische Unruhesiistung. TieSmal an der griechischen Grenze.— Geständnis des bulgarischen Attentäters. Belgrad, 11. Oktober.(Eigenbericht.) Eine amtliche Meldung besagt, daß der am Sonntag verhastete mutmaßliche Miturheber des Attentats von Schtip ein volles Geständnis über seine Beteiligung abgelegt Hot. Er soll gestanden haben, daß er und sein« Komplicen auf Anordnung des Zentralkomitees der revolutionären mazedonischen Organisation handelten. In der Nacht vom Sonntag zum Montag kam es zwischen einer Abteilung griechischer Gendarmerie und einer Truppe b u l g a- risch« Komitatschis an der griechisch-bulgarischen Grenze wiederum zu einem Zusammenstoß. Im Verlaus eines Feuergefechtcs wurden zwei Bulgaren getötet. Di« anderen Teil- nehmer an dem Ueberfall zogen sich nach verlorenem Kampf auf bulgarisches Gebiet zurück. Der Weltgerichtshof unzuständig. Mit 7: 4 Stimmen lehnt er den Mavromatis-Fall zu entscheiden ab. Haag. 11. Oktober. Der ständige International« Gerichtshof veröffentlichte sein Ur- teil in dem griechisch-englischen Mavromatis-Streitsall. Di« g r i e- ch i s ch e Regierung hatte von der englischen Regierung in ihrer Eigenschaft als Mandatsmacht über Palästina eine Schadenersatzleistung in höh« von 270 000 Pfund Sterling gefordert, weil sie den griechischen Staatsangehörigen Mavromatis in der Ausübung wichtiger ihm in Palästina zustehenden Konzessionen rechtswidrig verhindert habe. Gegenüber dieser Forderung hatte die englische Regierung die Einrede der Unzuständigkeit des Internationalen Gerichtshofes erhoben. In der heutigen Entscheidung er- klärte sich der Gerichtshof im Sinne des englischen Antrags für un- zuständig. Die Entscheidung wurde mit sieben gegen vier Stimmen gefällt: unter den der Minderheit angehörenden Richtern besindet sich u. a. auch der griechische internationale Richter Caloyanni. Ein internationales Aolltariffchema. Ter Ausschuh zur Angleichung der Zolltarife. Genf. 11. Oktober. Am Dienstag tritt der Sochverständigcnausschuß zur Prüfung der Frag« der Vereinheitlichung der Zolltariseinteilung unter dem Vorsitz von Fighiera, Direktor im französischen Handelsministerium, in Genf zu seiner zweiten Tagung zusammen. Der Ausschuß soll einen allgemeinen Rahmen für einen einheitlichen Zoll- t a r i f ausarbeiten. In seiner ersten Tagung hat der Ausschuß wertvolle Vorarbeit geleistet. In der Zwischenzeit sind die bereits ausgearbeiteten Vorschläge in verschiedenen Ländern geprüft worden. Der Ausschuß wird in seiner jetzigen Tagung besonders die Frage der Einteilung der Waren in die verschiedenen Kategorien prüfen. vereinfachungsverfuch auch in stmerika. Washington. 11. Oktober. Staatssekretär Kellogg eröffnete heute eine panameri- tonische Konsularkonferenz, aus der 21 Staaten ver- treten sind. Der Zweck der Tagung ist. ein« Vereinfachung der konsularischen Ursprungszeugnisse herbeizu- führen. Das Ergebnis der Besprechungen wird im Januar 1928 dem in Havanna tagenden 6. Panamerikanischen Kongreß zur Gc- nehmigung vorgelegt werden. Aufgaben öer Werbewoche. Wie gewinnen wir die Jugend? Von Max Westphal. Die Sozialdemokratie war stets die Vorkämpferin für das Wahlrecht der Jugend. Wenn heute den Zwanzig jährigen das Wahlrecht durch die Verfassung der Republik verbürgt ist, so haben sie das allein der Sozialdemokratie zu danken, die in der verfassunggebenden Nationaloersammlung in Weimar ihre Forderung gegen mancherlei Widerstände durchsetzte. Das Wahlrecht der Jugend ist also ein Erfolg der Sozial- demokratie; es muß aber weit mehr als bisher die Sozial- dpiokratie zu Erfolgen führen. Es sind zwar keinerlei sichere Feststellungen über die Wahlbeteiligung der Jungwähler vor- Händen, aber ihre verhältnismäßig geringe Beteili- gung am politischen Leben zwischen den Wahlen läßt die Vermutung aufkommen, daß es auch bei der Wahl- beteiligung hapert. Wir müssen also in stärkerem Maße als bisher die wahlberechtigte Jugend für die Partei gewinnen, sie im politischen Leben aktiv machen— eine Aufgabe, die in der Werbewoche, in der wir die Partei für die kommenden Wahlen stärken wollen, mit zur Lösung gestellt ist. Die politische Werbung unter der Jugend setzt mehr noch als bei den Erwachsenen eine längere Vorarbeit voraus. Der Erwachsene ist im allgemeinen schon durch seine Lebenscrfah- rungen politischen Dingen näher gebracht. Der Anruf in der Werbewoche bringt ihn meistens lediglich zur Ausführung dessen, was er stimmungsmäßig schon längere Zeit beab- sichtiate. Der Anschauungsunterricht des Lebens hat ihn für die Partei gewonnen, was er von der Partei erwartet, sind weniger ideale Zukunftsdinge, sondern mehr gegenwärtige Lebenserleichterungen. Das ist bei der Jugend nicht so. Es sind bei ihr die Lebenserfahrungen, aus denen sie ihre Schluß- folgerungen zieht, die sie dann veranlassen, sich zur Partei zu bekennen. Bei ihr will der junge, ins Leben, in die Zukunft drängende Wille ersaßt sein, das Ideale zieht sie an, vor allem aber eine klar gestellte Aufgabe und die Möglichkeit dafür, sich selbst und anderen sichtbar, etwas zu tun. Das ist uns deutlich vor Augen getreten z. B. in dem großen Erfolg, den das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und, von der anderen Seite gesehen, die nationalistischen Kampfoerbände, wie übrigens auch der Rot-Front-Kämpfer-Bund, gerade unter der Jugend hatten. Hier war allen die Aufgabe ohne fchwie- riges Studium erkenntlich und sichtbar, und was vielleicht mehr bedeutet, die Gegner standen sich immer aufreizend nahe gegenüber. Da aber die Aufgabe der Partei weit größer und schwie- riger ist als die unserer republikanischen Schutzorganisation und also nicht in so verhältnismäßig einfacher Form vor das« Auge gestellt werden kann, da auch das Bewußtsein des Jm-Kamps-Stehens aus der Parteiarbeit nicht so leicht erwachsen kann wie z. B. aus dem Dienst im Reichs- banner, und da schließlich auch die Lebenserfahrungen noch nicht in dem Maße wirken können wie beim Erwachsenen— so hängt also der Erfolg der Werbung unter der Jugend tat- tächlich von einer viel eingehenderen Vorarbeit ab. Die Sozialdemokratie muß schon möglichst frühzeitig eine feste innere Verbindung zur heranwachsenden Jugend suchen. Die Jugend muß in die Partei hineinwachsen, weil sie weiß, daß das die Organisation ist, wo für die Ideale gekämpft wird, auf die der junge Geist eingestellt ist. Geschieht das nicht, dann wird es weiter vorwiegend so sein wie bisher, daß nämlich erst der Erwachsene durch seine Lebensnöte in die Partei geleitet wird. Eine erfolgreichere politische Werbung unter der Jugend setzt also voraus eine starke Förderung, einen viel weiteren Ausbau der Kinder freunde- und Arbeiter- jugend-Organisation. Es kann nicht durch eine große Statistik bewiesen, wohl aber auf Grund allgemeiner Beob- achtungen behauptet werden, daß die Zahl der jugendlichen Parteimitglieder in den meisten Fällen in einem bestimmten Verhältnis steht- zur Mitgliederzahl der örtlich bestehenden sozialistischen Jugendgruppen und zu den organisatorischen und ideellen Beziehungen zwischen der Partei- und Jugend- organisation. Daß es daran in vielen Orten fehlt, steht leider fest. Wie oft kommt es doch vor, daß man, nachdem auf beiden Seiten viel über mangelnde Zusammenarbeit geklagt worden ist, sich entschließt, eine gemeinsame Versammlung der Partei- und SAJ.-Mitgliedschaft einzuberufen, um die Bahn für ein engeres Zusammenleben zu ebnen und Freunds6)ast zu schließen. Der Erfolg? Es ist z. B. in mehreren größeren Städten so gewesen, daß solche Versammlungen dann zu 90 Proz. vorder Jugend(die fast vollzählig erschienen war) und nur zu IV Proz. von der Parteimitgliedschaft besucht war. Die beabsichtigte Wirkung konnte natürlich unter solchen Um- ständen nicht erzielt werden: eher wurde das Gegenteil er- reicht. Eine ständige organisatorische Förderung der Kinder- freunde- und Jugendbewegung an jedem Orte, die Unter- Haltung fortlaufender persönlicher Beziehungen zu diesen Or- ganifationen, das dürfte aber die fruchtbarste politische Werbe- arbeit unter der Jugend für die Partei sein. Das werden die Parteigruppen bestätigen, die in diesem Sinne handeln. Es soll hierbei nicht vergessen werden zu erwähnen, daß am diesjährigen 1. Mai in einer Anzahl Orte von der Partei- organisation veranstaltete„P a r t e i w e i h e n" stattfanden, in denen die aus der Jugendorganisation entwachsenen Ge- nossinnen und Genossen feierlich in die Partei aufgenommen iv. rbcn. Es handelte sich dabei um erste Versuche, durch die aber trotzdem weit über 1000 Jugendliche in die Partei kamen. Es gibt neben der Jugendorganisation noch eine zweite wichtige„Jugend-Werbeinstanz" für die Partei, das ist die Elternschaft. Wie die Partei im Laufe der Jahre mit Nachdruck dafür gestrebt hat, daß auch die Ehefrau des Parteigenossen sich politisch organisierte, so muß sie jetzt darauf hinwirken, daß die sozialistischen Eltern ihre politisch mündigen Söhne und Töchter für die Partei gewinnen. Auch hier darf wiederum auf Grund der Erfahrungen in dex Jugendorganisation wohl gesagt werden, daß es auf diese Weise mancherlei zu gewinnen gibt. In der Jugendorgani- sation besteht die Mitgliedschaft in sehr vielen, ja in den ineisten Ortsgruppen durchschnittlich über 60 Proz. aus Kin- dern politisch und meistens auch gewerkschaftlich unorgani- s i e r t e r Eltern. Dei jeder Diskussion in den Jugendgruppen über die Zusammenarbeit mit der Partei taucht die Klage auf, die und die Parteigenossen schicken ihre schulentlassenen Söhne und Töchter nicht in d i e S A I. Es sollen hier nicht etwa die eventuellen Gründe für das Verhalten der Eltern erörtert, sondern es soll nur diese Tatsache festgestellt werden: denn sie gibt Anlaß zu der Vermutung, daß derselbe Tatbestand auch in der Frage der politischen Organisierung zu verzeichnen ist. Die Partei muß darum die sozialdemokratischen Eltern auch an ihre politische Erziehungspflicht ihren Söhnen und Töchtern gegenüber er- innern. Wie die Sozialdemokratische Partei das ganze Volk zur Demokratie, zur politischen Selbstbestimmung geführt hat, so muß jeder einzelne Sozialdemokrat seine Kinder in die richtige Bahn zur Ausübung ihres politischen Mitbestim- mungsrechtes führen. Die Jugendwerbung für die Partei ist aber nicht nur eine Frage der Werbemöglichkeiten, des Werbeverfahrens, sie ist auch eine Frage des inneren Parteilebens. Als solche ist sie jedoch nicht von den Erwachsenen in der Partei llllsin zu lösen, sondern nur unter tatkräftigster Mitarbeit der Jugend. Man könnte sogar sagen, daß die jugendlichen Partei» Mitglieder den größeren Teil der Aufgabe zu lösen haben, denn von ihrer Regsamkeit, von ihrer energischen Mitarbeit hängt es im wesentlichen ab, welche Position sie in der Partei einnehmen. Je stärker ihre, durch unermüdliche und treue Pflichterfüllung bei der Kleinarbeit und bei der Lösung größerer Aufgaben errungene Position ist, desto mehr werden sie das Leben der Parteigruppen beeinflussen, es lebendiger und interessanter gestalten können. Die älteren Genossen sollten immer jungen, tüchtigen und schon erprobten Kräften gern Raum gewähren, sollten sie systematisch in den Kreis der Funktionäre hineinziehen, sollten auch die geistigen Interessen der Jugend bei der Gestaltung der Gruppenabende berück- sichtigen. Es ist nun einmal so, ist in der geistigen und seelischen Eigenart der Jugend begründet, daß ihr gegenüber ein be» sondcres und ihren Eigenarten gerecht werdendes Verhalten notwendig ist. Die Gewinnung der Jugend für die Partei, die Aktivierung der Jugend in der Partei i st i n e r st e r Linie eine Erziehungsaufgabe. Je besser wir sie als solche erfassen und bewältigen, desto größer wird unser Erfolg sein. Der Arbeiter als Paria. Ttcgerwald gegen den Geist dcS BürgerblortS. 5?crr Steger wald hat in Paderborn über inner- politische Kernfragen gesprochen. Im Zusammenhang mit der Neuregelung der Veamtcnbesoldung führte er aus: „Die Arbeiter sagen mit einem gewissen Rech!: wenn Ange- bärige der freien Berufe und sonstige ln leitenden Stellen tätige Menschen ei»« hohe Lebensversicherung abschließen, so findet man das ganz in der Ordnung: wenn für 500 0(X) bis 700 000 pensioniert« Beamte die deutsche Wirtschaft jährlich 1)� bis 1%. MjlliardenMark an Pensionen aufbringen mutz, so findet man das cbenjalls in der Ordnung, wenn aber für 20 Millionen Arbeiter und Angestellte jährlich 3 Milliarden„soziale Lasten"' aufgebracht werden sollen, wovon sich die Arbeiter die Hälfte von ihrem Lohn abhalten lassen müssen, dann wird damit der„Wille zur Arbeit getötet" und der „Wille zur Gesundheit gelähmt". Hat man denn keinen Sinn dafür, wie empörend es in Arbeilerkreisen wirken mutz, daß man sür einige hunderttausend« Beamte 1)4 bis 1% Milliarden Mark Pensionen aufzubringen sür selbstverständlich hält, während, wenn für 20 Millionen Arbeiter und Angestellte ein gleicher Betrag aufgestellt werden soll, dieser Bettag ständig als demoralisierend und die Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft übersteigend hingestellt wird?" Sehr richtig— aber das, was Herr Stegerwald em- pörend findet, ist die Politik des Bürgerblocks. Diese Politik ist nur möglich durch die Unterstützung des Zentrums. Wollte Herr Stegerwald konsequent sein, so müßte er an der Seite von W i r t h dem Bürgerblock eine entschiedene Absage er- teilen.____ Neuer Lanübunö-Korruptionsprozeß. .Hackbarth klagt gegen den Redakteur des Teutschcn Bauernbundes. Herr H a ck b a r t h, das ehemalige Präsidialmitglied des Deutschen Bauernbundes, dürfte die Richter wohl noch lange be- schäftigen. Vor den, Amtsgericht Berlin-Mitte spielte er nicht wie neulich im Prozesse der Borstandsmitglieder des Reichslond- bunfces d. Kalckreuth und Kriegsheim gegen den Geschäftsführer des Baucrnbundes Jerks den Zeugen; er war als Privat- klüger erschienen. Beklagter war wieder Herr Jerts. Heute gab es aber keinen Vergleich wie damals. Rechtsanwalt Dr. H a m- b u r g e r, dessen Anwalt, erklärt im Auftrag« seines Klienten, daß diese Angelegenheit in aller Ocfferulichkeit ausgetragen werden müsse. Nach dein, was über Herrn Hackbarrh bekanntgeworden war, Hab« Herr Jerks die Usberzeugung gehabt, daß es nicht allein sein Recht, sondern auch seine Pflicht sei, ihn des Verrats zu zeihen. Es mutz als gerichtsnotorisch bekannt angesehen werden, daß Herr Hackbarth noch in seiner Eigenschaft als Präsidialmitglied des Bauernbundcs in das gegnerische Lager übergetreten und eine Ileberleitungostelle zwecks Zuführung der Mitglieder des Vnuernbimdes an den Reichslandbund geschassen habe. Nach beut- schen Bolksbegriffen sei das Verrat. Herr Jerks habe in Wahr- nehmung berechtigter Jntereffsn gehandelt. Es könne sich nur darum handeln, den Umfang der Beweisaufnahmen festzulegen. Da auch die Gegenseite von einem Vergleich nichts hören will, verlieft der Richter den Eröffnungsbeschlutz: der Prioatkläger wirft den, Beklagten vor, daß er in der Zeitschrist„Der deutsche Bauern- blind" in den Nummern 7 bis 12 ihm fortgesetzt Verrat, B e- trug, Diebstahl. Unehrlichkeit und dergleichen mehr vor- geworfen habe. Auch wird da behauptet, daß er irrigerweise an- gegeben habe, er sei schon vor dem Kriege Landwirt gewesen. Rechtsanwalt Dr. Hamburger beantragt die Ladung einer Reihe von Zeugen, die u. a. bekunden würden, Herr Hackbarth habe sich gerühmt, daß ihm vom Reichslandbund ein Gehalt von 15 000 bis 18 000 Mark versprochen sei. daß er Präsidialnütglied werden würde und daß ihm für seine Ueberteitungsstelle 45 000 Mark zur Verfügung gestellt worden seien. Auch die Gegenpartei bcan- tragt die Ladung einer Reihe von Zeugen zwecks Führung eines Gegenbeweises. Allerdings wird die Beweisführung von beiden Parteien fallengelassen, nachdem Herr Hackbarth zugibt, erst nach dem Kriege Landwirt geworden zu sein. Ob er Inhaber einer Kutschcrtneipe gewesen war oder nicht— er hatte darin eine Beleidigung erblickt— darüber soll kein Beweis erhoben werden. Der nächste Termin wird für den 21. Oktober festgesetzt. Vorher wird aber noch eine gerichtliche Auseinandersetzung zwischen Herrn Hackbarth und dem„Vorwärts" stattfinden. Irma Gramatica. Gastspiel im Renaissance-Thcaler. Irma und Emma Gromatiea entstammen einer Familie von Wonderkomödianten, d. h. das Theaterzigeunerkind wird schon als Säugling durch die Land« geschleppt. Auch noch in heutigen Tagen. Bevor die Mutler aus die Bühne tänzelt, hebt sie unter der Ver- Panzerung des Mieders noch einmal die schwellende Brust heraus, um das Klein« trinken zu lassen. Schmiere und Schmelz werden zu einer einzigen Einigkeit. Man hungert und fastet. Man hat gar keine Zeit zum Verschnaufen, auch nicht, um sich zu erziehen oder gor zu verfeinern. Man spielt eine grobe, ein« Stegreiskoinödi«. Man lauert, wenn man nicht aus der Phantasie allerhand Unsinn herunterrast, gierig auf den Souffleur. Der Souffleur unten vor der Bühne ist unter Umständen die Hauptperson. Man hört die Souffleuse, die ungefähr ebenso gefährlich zischelt, wie die Schlange im Paradies, auch heute noch im Renaijsance-Theater ebenso dcut- iich, wie etwa im Thealer„Zur Ruh« des Soldaten", das Mussolinis Gnaden in italienischen Kafernenhöfen aufschlug, um seine Milizen vor dem Sozialismus und dem Alkohol zu bewahren. Auch heute noch gilt in Italien am meisten diese» Schmiereniheater. Werden die italienischen Komödianten seßhaft, dann werden sie zu stolz. Das bedeutet: zu gestellt, sie werden wie gelähmt, sie werden Deklamier- Maschinen. Wie entsetzlich waren Pirandellos Schauspieler, denen dr Direktor eine Gesinnungsdressur zugemutet hatte.' Das italienische Komödiantenherz, da» von Natur ein kleiner Vesuv ist, mutzte zum Dudelsack oder zum Eisbeutel degradiert werden. Nach der Dufe, die die süßest« und schmerzensoollste Wander- komödiantin war, sind es die beiden Schivestern Gramatica, die iviedemm für eine Weile die Zigeunernatur veredeln und all« Im- provisationskunststücke ihrer männlichen und weiblichen Kumpane vervollkommnen. Aller Ehrgeiz dieser beiden Frauen zielt auf die rafsiniert« Handhabung des technischen Komödiantenmittels, da» durch den romantischen Zigeunermihbrauch in Italien stark herunter- gckomnien ist. Die beiden Schwestern kultivieren die wundervollste Akrobatik der Stimm«, der Hände, der Augen, des Mundes, aller übrigen Gliedarten. In die Disziplinlosigkeit der S6)miercn bringen sie Disziplin. Sie überwinden, was eine französische Schauspielerin niemals vermocht hätte, sogar die weibliche Koketterie, und machen sich, wenn sie etwa eine Dettel zu spielen haben, häßlicher als Hätz- lich. Irma Gramatica ist absolut eine komödiantische Zwillings- schwifter Emmas, die wir in den letzten Tagen sahen und bewunder. ten. Irma weicht auch nicht um einen Zoll von dem fabelhaft trainierten Talent Ihrer Schwester ab. Es ist das Ziel der beiden Zwillinge, niemals vor der Rolle zu desertieren, sie wollen jede Rolle knock out machen— wie ein Boxer. Wundervolle Handgriffes un- übertrefflich« Gefühlsaricn mit dem Munde, den Händen, mit den Ellenbogen sogar. Sie erreichen die höchste Virtuosilät im Nach- dzinen der Wirklichkeit, indem sie aus jede Zufallsromantik verzich- ten. Das ist unendlich viel, das ist das Geheimnis der vollendeten Schanspielertechnik. Die Technik kann dann auch ein minderwertiges Stück retten und sogar adeln. So geschah es auch dem Schauspiel N i k o d e ni i s von der gelähmten Frau, die ihrem Gatten ver- zeiht, daß er sich ein gesünderes Weibchen heimholt, weil seine kranke Gemahlin ihm nur noch Seelenzärtlichkeit schenken konnte. Irma Gramatica hat diese gelähmte Frau, die sich selber einen Schot!«» nennt, zu spielen. Schatten der Wirklichkeit, Schönheit der Virtuosin— dos ist auch die zweite Frau Gramatica, die wir begrüßen. Max 5) o ch d o r f. Musiker, Musiklehrer und öesolSungsreform. Im Beisein von Vertretern des Deutschen Beamtenbundes und des Verbandes der Kommunalbeamten und-angestellten Preußens tagte der Hauptvorstand des Rcichsverbandcs Deutscher Orchester und Orchestermusiker E. V. zwecks Stellungnahme zu dem Entwurf des Beamtcnbesoldungsgcsetzes. Noch mehr- stündiger Beratung wurde folgende Resolution gesaht:„Der Reichsverband Deutscher Orchester und Orchestermusiker E. V.(RDO) stellt fest, daß die in dem Entwurf des preutzischen Besoldungsgesetzes siir die preutzischen staatlichen Kammermusiker vorgesehene Besol- dungsregelung der Bedeutung dieser Beamtenkategcri« nickst«M- sprickst. Ihr sachliche künstlerische Vorbildung und die Stellung der olaatsorchester im kulturellen Leben des Volkes rechtfertigen die Gleichstellung der Mitglieder dieser Orchester mit anderen staatlichen Beamtenkategorien, die eine gleiche Vorbildung und ähnliche künst- lerische Tätigkeit aufzuweisen haben, z. B. Obermusiklehrer und sonstig« Musiksachlehrer an den höheren Lehranstalten. Es wird von den matzgebendcn Stellen erwartet, daß die Mitglieder der preu- tzischen Staatsorchester in ihrer Besoldung gegenüber dem bisherigen Besoldungsniveau wesentlich gehoben werden. Entsprechendes wird für die Mitglieder der sonstigen Kulturorchester gefordert." Ferner wird uns geschrieben: Die Musiklehrer in Alt- Berlin waren vor 1920 mit 2700 M. bei wöchentlich 16 Pflichlstuirden angestellt: d. h. bei den jetzt verlangten 25 Stunden 4000 M. An- fangsgehalt. Dasselbe bezogen die Philologen. Nur das Endgchalt war bei letzteren höher. 1920 brachte die Besoldungsordnung(mit späteren Aendcrungen) den Musiklehrern ein Anfangsochalt von 3012 M. nebst Wohnungegeld, den Philologen von 39S6 M. nebst Wohnungsgcld. Die neue Besoldungsordnung sieht für die Musik- lchrer an den höheren Lehranstalten 3000 M. und für die Philologen 4800 M. Anfangsgehalt vor(exklusive Wohnungsgeld). Di« Ein- schiebuag der Obermusiklehrerstellen ist unmoralisch und ungesetzlich, da mit diesen Stellen keine besondere Funktion verbunden ist. Die Organisation der Musiklehrer hatte seinerzeit diese Stellen auch ab- gelehnt. Gleiche Pflichten, gleiche Rechte. Die Art der Auswahl hat viel böses Visit gemacht.__ Ein neues Herzhormon. Professor Zuelzer, der schon seit zwei Jahrzehnten durch seine Leber- und Herzforschungen bekannt geworden ist, verösfentlichle soeben eine Miltsiliing, derzufolqe es ihm gelungen sei, ein neues Herzhormon aus der Leber zu gewinnen, das er Eutonon nennt. Dieses Herzhormon, in dem Substanzen der Nebenniere und Bauchspeicheldaifc enthalten sind, ist berrits mehr- Das lveltbilü ües Strafrichters. Vor einer äußerst zahlreichen Zuhörerschaft, Richtern, Staats- anwälten und Rechtsanwälten sprach in der Juristischen Gesellschaft Dr. Alsberg über„Das Weltbild des Strafrichters". Sein ge- dankenreicher und nn höchsten Matze zeitgemäßer Vortrag, der in dem einen oder anderen Punkte vielleicht Widerspruch herausforderte, kann hier nur in ganz großen Zügen skizziert werden. Er sühn« ungefähr aus: Das Weltbild des Strafrichtcrs findet sich als Ganzes nicht in der Psyche des Einzelrichters: wir treffen es an in de? sozialen Struktur der Gemeinschaft des Richter- t u in s. Rechtsprechung ist ein praktischer Beruf. Als solche hat auch sie ihre Verufspsychologie. Diese wird zum Teil durch die besondere Idealität bestimmt, die auf der Tendenz beruht, die Idee der Ge- rcchtigkeit zu verwirklichen. Im großen und ganzen wird aber die Weltanschauung des Richters von praktischen Erfahrungs- e r l e b n i s s e n beherrscht, nicht von den logischen Schlutzketten ab- strakter Theorien. All das, was in die Erfahrungswelt des Richters nicht hineinpatzt, stötzt er ob. Hierdurch ist es zu erNären, daß ein großer Teil der Richter die Besierungstheorie als alleiniges Straf- Prinzip neben der Sicherungsverwahrung nicht gelten lassen will. Wie weit mancher Richter in dieser Hinsicht geht, beweist«in Artikel aus der Feder eines Richters in einer Berliner Zeitung. Der Ber- sasser widersprach hier mit aller Entschiedenheit einer milderen Beur- teilung von Verbrechen geistig Minderwertiger, obgleich sowohl die moderne Theorie, als auch der Entwurf zum neuen Strafgesetzbuch dies als Selbstoerständlichkeit betrachtet. Ist somit die Summe der Lebenserfahrung matzgebend für die Weltanschauung des Richters wie für seine Ausübung der Rechtspflege, so wird in vielen Fällen die Art. wie sich seine Weltanschauung nach außen auswirkt, durch zwei Momente kompliziert: durch fein Streben zur Macht einerseits, durch den Enthusiasmus, mit dem er feine richterliche Tätigkeit ans- übt andererseits. Sofern sich diese Machtgelüste ungehemmt durch Kontrollinstanzen oder durch Normen de? Prozeßrechts auswirken dürfen, können sie eine Gefahr bedeuten. Der Richter fetzt sich z. B. in feinem Streben, die Wahrheit zu erforschen, über prozessuale Bor- schriften hinweg: im Interesse der Sache sieht er eine Verdunkelungs- gefahr dort, wo sie in Wirklichkeit nicht vorhanden ist und verhängt deshalb Untersuchungshaft: er macht sich die verfehlte Gerichts- organifation zunutze und bemüht sich in der Gerichtsverhandlung urteilsgctrübt durch die Kenntnis der Akten die Uebersiihrung des Angeklagten zu Werke zu bringen, was in Wirklichkeit Aufgabe des Staatsanwalt sein müßte. Andererseits würde aber eine zu große Herabmmderung der Macht des Richters ihm seine Arbeitsfreudigkeit nehmen. Diese Arbcitsfreudigkeit arlet aber bei manchen Richtern in einen Enthusias- mus aus, der ihnen ihr Tun fast als etwas Religiöses erscheinen läßt. An ihren Urteilen darf nicht gerüttet werden, sie sind heilig. Daher der groß« Wider st and, der dem Wieder. aufnohmoerfahren entgegengesetzt wird: daher auch die scharfen Urteile gegen meineidige Zeugen. Der Zeuge ist sür den Richter Eidcshelfer. Seine beeidete Aussage macht er zur Gru.id- tax« seines Urteils. Ist es falsch, so ttifft ihn, den meineidigen Zeugen die Schuld, daß auch das Urteil der Richter, das ein unbedingt richtiges sein soll, falsch ist.... Die Ausführungen des Vortragenden über das„Weltbild des Strafrichters" waren geeignet, den sozialistischen Zuhörer in seiner Ausfassung zu stärken, daß dem heutigen Richtertum«ine Zufuhr neuen Blutes von sozial anders eingestellten Kreisen unbedingt not tut. Die Forderung, durch«ine abgeänderte Gerichtsorganisation und«ine Umgestaltung der Strafprozeßordnung die Machtvollkommenheit des Richters einzuschränken, wie auch die andere Forde- rung, das Maß seines freien Ermessens nicht noch zu erweitern, erhielten durch die Ausführungen des Referenten neue Nahrung. Zum �all Tccsckow wird erklärt, daß Reichskanzler Dr. Marx augenblicklich nicht in Berlin sei und deshalb zu dem Urteil im Tresckow-Prozeß noch nicht habe Stellung nehmen können: es sei zu erwarten, daß diese Stellungnahme des Reichskanzlers erst erfolgen werde, wenn ein rechtskräftiges Urteil vorliege. fach durch Experimente mit Froschlierzen erprobt worden und hat hierbei erstaunliche Wirkungen gezeigt. Außerdem aber ist es auch an Herzkranken Menschen versucht worden, bei denen gleichfalls sehr günstige Ergebnisse festgestelll wurden. Erstaunlich aber waren be- sonders die Versuch«, die an toten Froschherzcn gemocht sind. Es ist bekannt, daß man die Herzen von toten Fröschen, auch wenn sie aus dem Körper des Frosches herausgeschnitten sinv, kurze Zeit nach- her wieder zum Schlagen bringen kann, wenn man sie mit der Ringerfchcn Lösung anfüllt. Wenn man das Frosächeirz o« raistet, dann bleibt das Herz natürlich stehen und eine Wiederbelebung durch die Ringcrsche Lösung ist nicht mehr möglich. Hier hat das neue Herzhormon Euionon seine hervorragende Fähigkeit bewicfen, denn auch dies« Herzen, die bereits vergiftet waren und stillstanden, sind wieder zum Schlagen gebracht worden. Es kam segor vor, daß Herzen bereits mehr als eine halbe Stunde nicht mehr schlugen und trotzdem wieder belebt worden sind. Nun fragt es sich, welche Bedeutung diese erstaunlich« Wirkung des Herzhormons auf das Herz des lebenden Menschen haben wird. Die bisherigen Versuche ergaben, daß bei herzkranken Menschen durch Anwendung des Eutonons Berbesierungen ihres Zustandcs erzielt worden sind, soweit sie sich auf die Veränderung des Pulses, entweder auf Beschleunigung ober Verlangsamung, sowie auf not- wendige Steigerungen und Senkungen des Blutdruckes bezogen. Die Auswirkungen des neuen Herzhormons lassen sich heute natürlich noch nicht übersehen, da die Versuche sich erst im Anfangsstadium befinden. Schon jetzt ist die eine Tatsache sicher, daß es sich um ein wichtiges Mittel zur Beeinflussung des Herzens handelt. Ein deutscher Thealererfolg in Paris. Montag abend fand im Montmartretheater„L'Atelier" vor geladenem Publikum die Generalprobe von Tolstois„Lebendem Leichnam" in vollkommen deutscher Besetzung mit Alexander Moissi, Eduard von Winterstein, Rasa Bertens, Leontine Sagan statt. Moissi stellte sich damit zum erstenmal dem Pariser Publikum vor und erzielt? ebenso wie die übrigen Darsteller einen beispiellosen Erfolg. Die Aufführung fand in deutscher Sprach« statt. Daraus folgte noch das Milieustück Tolstois„Zllles Gute kommt von ihr" in zwei Bildern in französischer Sprache mit Alexander Moissi als Vagabund und Rosa Bertens als Akulina. Auch dieses Stück fand lebhaften Beifall. Die Bibliothek von Georg Brandes. In einem besonderen Georg-Vrandes-Zimmer. in dem auch seine Büste von Max Klingcr ihren Platz fand, ist jetzt in der Königlichen Bibliothek von Kopen- bogen der Hauptteil seines Bücherbesitzcs aufgestellt worden. Dos Zimmer enthält außer der Büchexsammlung, die ihren besonderen Wert in den vielen Widmungsexemplaren hat, die vollständige Briest sommtung von � Brandes, u. a. seinen Briefwechsel mit Nietzsche. striadberg, Clemenceau, Anatole France, Romain Rolland. Ein Gastspiel der kanimeroper sindet Sonntag, vormillagd 11.45 Ubr im Reiiaissancc-Theater statt. Kur ilnsiilhrung gelangen die Kammeroper »Der gesanaene Vogel», Musil von idan« Cbcmin-Pclil, sowie „Der verliebte GesanzSmeister», Musik nach Pergolesi. Bei der vöcklin-Ausstelluug, die die Nalianalgalerie zum 100. weburtZ- tag deZ McistciS veraniiaitet, wird am lä. Oktober Heinrich V ölsslin die Festrede balten. Die Ausstellung wird das erste Slockwerl des allen Hauses der Galerie süllen. Serlm ohne H- Abwanderung auf Stratzenba Seit drei Jahren erlebt Berlin wieder einmal einen Streit bei der Hochbahn. Es war am Dienstag, dem II. November 1921, als die Berliner Hock)- und Untergrundbahn durch den in einer Nacht- Versammlung gefaßten Streikbeschluß stillgelegt wurde. Damals wie heute geht der Kampf der Hochbahner um eine Verbesserung ihrer gewiß nicht leichten Lohn- und Arbeitsbedingungen; damals wie heute sind die Sympathien der werktätigen Bevölkerung bei den Kämpfenden. Die Einstellung des hochbahnbelriebes ist den allermeisten überraschend gekommen. Selbst das modernste und schnellste Nachrichtenmittel, der Rundfunk, konnte gestern abend nichts mehr mitteilen. Die Hochbahnbenutzer standen heute morgen vor verschlossenen Eingängen, an denen die bekannten Betriebsftörungsplakate die lapidare Mitteilung enchielten, daß „wegen Streiks geschlossen" sei. Jetzt begann die Abwanderung zu den anderen Verkehrsmitteln. Straßenbahn und Omnibus nahmen einen Teil der früheren Hochbahnfahrgäste auf, doch war der An- drang nicht überwältigend groß. Viele Berufstätig«, die sonst de- quemlichkeitshalber zu ihrer Arbeitsstätte mit der Hoch- und Unter- grundbahn fahren, haben den Weg zu Fuß zurückgelegt und nur,»er es besonders weit und eilig hatte, ging zu den anderen Verkehrsmitteln über. Auch im Lauf« des Vormittags ist keine sehr große Steigerung des Verkehrs auf den anderen städtischen Verkehrsmitteln zu bemerkeu gewesen. Wer stchs leisten konnte, hat die Autodroschken«twas oerdienen lassen, aber auch sie standen immer noch in genügender Anzahl zur Verfügung. Das Aussetzen der Hochbahn wird sich erst im Laufe de« Tages voll auswirken. In Neukölln hat der Streik der Hochbahnangestellten zur Folge gehabt, daß die Straßenbahn f a st g e st ü r m t wurde. Für viel« Arbeiter, die im Norden und W;sten Berlins, in Spandau, und II-Hahn. jn, Autobus und Stadtbahn. arbeiteten, war das hauptsächlichste Verkehrsmittel die Hochbahn. Die Benutzung der Straßenbahn, zu Fahrten bis nach dem Norden, be- deutete für viele Arbeiter eine Verspätung bis zu einer Stunde. Häufig sah man an den Untergrundbahnhältestellen, die verschlossen waren, Ansammlungen von mehreren hundert Personen. Es be- durfte meist erst einer kleinen Ansprache des Gewerkschafts- funkttonärs, um allen den wahren Grund der Stillegung zu ver- raten. An den Untergrundbahnhöfen Neukölln, Räthaus und am Hermannplatz überall das gleiche Bild. Auch die Ringbahn, die nach der Eröffnung der Neuköllner Untergrundbahnstrecke einige „Kunden" verloren hatte, mußte hier wieder Massen befördern. Der Verkehr in den friihen Morgenstunden aus dem äußer- st c n Westen gestaltete sich besonders schwierig. Nament- lich diejenigen Fahrgäste, die auf die W i l m« r s d o r s e r S t r c ck e der U-Bahn angewiesen sind, halten zu leiden, um so mehr, als vom Beginn des Streiks vorher nichts bekannt war. Die Anwohner der Bahnhöfe Thielplatz, Podbislskiallce, Breitenbachplatz haben in der Nähe kein« andere Verkehrsmöglichkeit. Am Rüde s he i me r Platz ist gleichzeitig Endhaltestelle der Straßenbahn(59 und des Autobus 2Ö. Der Autobus� war schon bei Beginn der Fahrt stets überfüllt, trotzdem auf der Strecke Doppeldeckwagen verkehren. Auch die 69, die meistens schon nüt Verspätung aus der Stadt kam, war vollbesetzt, so daß Wartende an den folgenden Haltestellen gezwungen waren, bis zur Kaiscrallce zu gehen, wo eine größere Anzahl Linien verkehrt. Die AutoHaltestellen, an denen sonst um diese Zeit ein« ganze Reihe von Wagen wartet, waren leer. Durch das Ausfallen dieses wichtigen Verkehrsmittels werden die Fahrgäste natürlich am Geldbeutel geschädigt, besonders jene, die ein Abonnement besitzen. Unterbricht ,z. B. jemand in alter Gewohnheit seine Tour, stm mit der Hochbahn weiterzufahren, so ist er sofort bestraft, denn er muß zum Weiterkommen nunmehr «inen neuenFahrscheinlösen, wenn er das Ziel feiner Falirt erreichen will. Schon dieser Umstand zeigt, daß die Verkehrsmittel heute unlöslich miteinander verbunden sind. verhungern lassen! Ein getvissenloser Junker und seltsame Schiedsrichter. Aus Harburg a. Elbe wird uns geschrieben: Dieser Tage hat vor dem Arbeitsgericht in Stade ein Prozeß stattgefunden, der verdient, auch einer weiteren Oesfentlichkeit be- kannt zu werden. Der Privatsörster Gustav Borghordt aus Horneburg bei Stade hatte gegen den Rittmeister a. D. Otto von Düring Klage erhoben, dessen Hintergrund«ine häßliche Familiengeschichte im Hause des Herrn von Düring bildete. Förster B. war bei von D. als Förster auf Lebenszeit angestellt worden.-Der Z 2 des Anstellungsvertrages sieht Im Fall« einer Pflichtverletzung die sofortige Entlassung vor. Förster B. wohnte in einem Forsrhaus im Walde bei Horneburg. Neben dem Forsthaus steht ein sogenanntes Jagdhaus, das von einer Tante des Rittmeisters, Frau von Mandelsloh, bewohnt war. Der Förster war gehalten, diese Damezubeköstigen, wofür er von Düring entschädigt wurde. Im Vorjahre beabsichtigte nun von D., in dem Jagdhaus einen neu angestellten Verwalter unterzubringen und strengte, weil Frau von M. sich weigerte auszuziehen oder mit weniger Wohnraum sich zufriedenzugeben, die Räumungsklage an, der auch später stattgegeben wurde. Um nun die alle Dame mürbe zu machen. aus dem Hause zu ziehen, erleille von D. seinem Förster den Befehl, die Verpflegung für seine Tante einzustellen. Aus Menschlichkeits- gründen glaubte sich aber Borghardt für berechtigt zu halten, die völlig mittellose Frau, die sich zudem selbst nicht gut behelfen konnte, weiter zu beköstigen, allerdings nicht auf Kosten von D, sondern auf seine eigenen Kosten. Diese menschliche Selbstverständlichkeit sollte aber nach dem Willen von D. dem Förster den Hals kosten. Denn das Verhalten des Försters paßte durchaus nicht in von D. seinen Feldzugsplan. Er kündigte kurzerhand seinem Förster mit der Begründung, daß er in der Nichtausführung seines gegebenen Befehls, der allen Frau nichts mehr zu esseu zu geben, eine grobe Pflichtverletzung erblicken müsse. Der Förster rief den im Anstelluagsvertrag außergerichtlich vorgesehenen Schiedsmann an, und zwar den Landrat des Kreises Stade, der aber dahin entschied, daß ein wichtiger Grund zur Entlassung des Klägers vorliege. Gegen diesen Entscheid bestritt der Kläger den Klageweg mit der Behauptung, daß der Schiedsspruch des Landrats Cornelsen unter Verletzung der gesetzlichen Vorschriften gefällt worden sei. Es fei ihm nicht einmal Gelegenheit gegeben worden, sich münd- lich zu äußern. Jn der Tat hatte sich der Landrat zwei Monate Zeit genommen, mn den Schiedsspruch zu fällen. Das Laadgericht Stade hob den ersten Schiedsspruch auf. Inzwischen war auch noch ein zweiter Schiedsspruch auf Grund des§ 8 des Anstellungsvertrages ergangen, und zwar durch einen von der Landwitschajtskammer Hannooer bestellten Schieds- mann, Herrn von Clausbruch. Ohne daß auch hier Borg- Hardt persönlich gehört worden war, lautete dieser Schiedsspruch wiederum, daß Kläger sich einer Pslichtoerleyung dadurch schuldig gemacht hatte, indem er Frau von Mandelsloh entgegen den Anordnungen seines Arbeitgebers weiter beköstigt«. Infolge Inkrafttretens der Arbeitsgerichte standen dem Förster B. nunmehr aber andere Mittel und Wege zur Verfügung um zu seinem Rechte zu gelangen. Die Klag« beim Arbeitsgericht Stade lautete in erster Linie auf Aufhebung des Schiedsspruches, nxil, er. mit dem Vorwurf der Pflichtverletzung belastet, nur schwer wieder eine Anstellung als Privatsörster erhallen hälle. Weiter forderte er, daß ihm der Disferenzbetrag des seit 1921 zu wenig gc- zahlten Gehaltes sowie das voll« GeHall vom Tage der Kimdigung an ausgezahlt wird. Obgleich sich der DorsitzenSe des Arbeitsgerichte« große Mühe gab, eure Einigung herbeizuführen, erklärte die Gegensell«, daß das Arbeitsgericht in dieser Angelegenheit überhaupt nicht zuständig wäre, sondern nach dem§ 8 des Ver- träges nur das hier vorgesehene Schiedsgericht. Nach Auf- fassung von D.s liege grobe Pflichtverletzung vor, da der Kläger einen ihm gegebenen Befehl nicht ausgeführt lmbe. Ueber die Folgen, die sich eventuell durch die Ausführung seiner Anordnung hätten ergeben können, brauchte der Kläger nichtnachzudenken. Damit meinte also Herr von D., daß B. die alte Frau dort draußen in ihrem ein- snmen Jagdhause ruhig hätte verhungern lassen sollen. Nach fast vierstündiger Verhandlung wurde das Urteil vor- küirdet, daß der Beklagte an den Kläger 1336 ÜR. f ür zu wenig gezahltes und rückständiges Gehalt zu entrichten hat. Laut 8 91 des Arb-itsgerichtsgesches ist ein Schiedsvertrag für Einzelstreitigkellen nicht zulässig. Nicht eine Einzelperson darf als Schiedsrichter fungieren, sondern es müssen Beisitzer von beiden Seiten zugegen sein. Außerdem ist der Kläger nicht schriftlich, sondern mündlich z» hören. Dem Antrag auf Aufhebung des gefällten Schiedsspruches wurde stattgegeben und damit der Vorwurf d.-r groben Pflichtverletzung von Förster B. genommen. Die Frage, ob die Kündigung zu Recht ersolgl sei und ob eine grobe Pflichlvcrlehung vorgelegen hat. wurde vom Gericht verneint. In der weiteren Begründung ging da- Arbeitsgericht mit Herrn von D. ziemlich hart um. Es wird gejagt, das Berhalteu des Herrn von D. verstoße in hohem Maße gegen die guien Sitten. Dem Rittmeister von D. war genau bekannt, daß Frau von M. keine Mittel mehr besaß, womit sie ihren Lebensunterhalt fristen konnte. Don D. suchte durch das Mittel des Aushungerns die alte Dame für fein« privaten Pläne gefügig zn machen. Die Ausführung des Befehls des von V. würde gegen die gnten Sitten verstoßen haben. Die Anordnungen aus dem Anstellungsvertrag durften sich auch nur sinngemäß auf das Arbeitsgebiet des Klägers erstrecken. 'Weil die Frage, ob ein« grobe Pflichtverletzung vorgelegen hat, platt verneint werden mußte, so konnte aucheinerechtmäßige Kündigung überhaupt nicht erfolgen. Der Kläger befindet sich demnach noch heute im Dienst des Beklagten. Ihm ist demnach sein Gehalt auszuzahlen. Durch diesen Gerichtsspruch Ist dem Förster Borghardt sein Recht geschehen und dem Rittmeister a. D. von Düring, für dessen unglaub- liches Verhalten seiner alten 68jährigen Tante gegenüber eine Eni- schuldigung kaum gesunden werden kann, ist nunmehr auch von Gcrichtsstelle bescheinigt worden, wie die nähere und breitere Ocsfent- lichkeit von Horneburg und Stade über diese Angelegenhcit denkt. Den beiden Schiedsrichtern, dem Landrat Cornelsen, Stade, und Clausbruch, Hannover, kann aber der Vorwurf nicht er- spart werden, daß sie in der Sache Borghardt gegen von Düring zum mindesten oberflächlich verfahren find. Aus der klaren Sachlage hätten sie ersehen müssen, daß von Düring von vornherein im Un- recht war. Die hindenburgspeude in Württemberg, dem Land großer Fabriken von Weltruf» und der Domäne des deutschnattonalen Herrn Bazille brachte insgesamt 110 OOO Mark, pro Kopf des Einwohners nicht einmal zwanzig Pfcnnigi Weit ist der Weg von nationaler Begeisterung bis zum Geldschrank. Tschangtsolins Nordtruppen melden Erfolge über ihre Gegner und kündigen einen allgemeinen Gegenangriff an. j.� Volgiaoo heißt Bozen jetzt: Bolzana war noch zn deutsch. Um Sie berliner Wochenmärkte. Der Krnnpf der Marktgegner. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Berliner Wochen- m ä r k t e sich bei der Bevölkerung einer großen Beliebtbell erfreuen. Die Preise für sehr viele Gegenstände sind dort niedriger als anderswo, und gerade daraus erklärt sich der starke Besuch. Spricht ja schon die Vermehrung der Wochenmärtte von Jahr zu Jahr für die Bedeutung dieser Einrichtung! Zudem wirken die etwa 100 Wochenmärkte auf das Wirtschaftsleben in starkem Maße preis- regulierend. Wie nun aus einer Zuschrift des„Reichsverbandes am- bulanter Gewerbetreibender Deutschlands" her- vorgeht, setzt ein immer intensiverer Kampf von gewisser Seite aus gegen die Wochenmärtte ein. Die Gegner arbeiten schon seit langen Jahren an der Untergrabung der Wochenmärkte, die Bevölkerung ihrerseits aber hat ein großes Interesse an einem weiterenAus- bau. Seit Jahrzehnten werden auf den Wochenmärkten, in der letzten Zell auch in den Markthallen, Textilwaren und Be- darfsgegenslände aller Art verkauft. In neuerer Zell wird nun von gegnerischer Seite eine Beschränkung der Marttartikel an- gestrebt: Textilwaren sollen von den Märkten ver- schwinden. Dieser Kampf, der gegenwärtig von den verschiedenen Organisationen ausgetragen wird, beschäftigt die behördlichen In- stanzen, wie Magistrat und Bezirksausschuß, in starker Welse. Es muß festgestellt werden, daß die Mittel, die von den Marktgcgnern zur Bekämpfung ihrer Konkurrenten, des Markthandels, benutzt werden, nicht ganz einwandfrei erscheinen. So wurde zum Beispiel in einer Versammlung des Kaufmännischen Der- eins für Steglitz behauptet,„daß der Markthandel infolge des ganz unbedeutenden Marktstandgeldcs und der unzureichenden Steuerkontrolle recht lohnend sei." Hierzu muß bemerkt werden, daß es gerade wegen des häufig sehr hohen Standgeldes den kleinen Markthöndlern oft sehr schwer fällt, ihren Verpslichtungen nachzukommen. Auch ist die S t e ü e r k o n t r o l l e bei den Markt- Händlern durch das norlchristsmäßige Umsatzsteuerbuch, bzw. die Buchführung äußerst scharf. In einer Eingabe, die von den T e xt i kd« t a i l l I st e n G r o ß- B e rl i n s an die Industrie- und Handelskammer gerichtet wurde, heißt es sogar, daß die Stand- inhaber der Wochenmärkte nicht nur schwer kontrollierbar, sondern auch schlechte Steuerzahler sind. Bei diesen Redewendungen sind die Grenzen des Anstände? überschritten. Auf welche Be- weise gründet sich denn der schwere Vorwurf, der in dieser Eingabe erhoben wird? Jn den letzten zwanzig Jahren haben sich durch den Verkauf von Textilwaren und Wlltjchastsgegenstönden mehrereta u send kleine Existenzen gegründet. Sie kämvsen um Sein oder Nichtsein. Es ist aber erfreulich, daß sie daraus verzichten, die gleichen Mittel wie die Marktgegner anzuwenden. Mord- nnd Selbstmordversuch in Schöueberg. In der vergangenen Nacht versuchte ein« 10 Jahre alle Frau B. aus der Guftav-Müller-Straße in Schöncbcrg, ihre 11jährige Tochter und sich selbst mit Gas zu vergiften. Die Frau war des Lebens überdrüssig, weil sie mit ihrem Mann fortgesetzt Zwist hatte. Jn der vergangenen Nacht kurz nach 3 Uhr erwachte die Tochter aus dem Echlase und fand die Räume mit Gas angefüllt. Der Vater war nicht zu Haufe. In der Küche bot sich dem Mädchen ein schrecklicher Anblick. Die Mutter lag, aus einer Wunde an der linken Hand stark blutend, regungslos auf dem Fußboden. Sie hatte die Gashähne geöffnet, sich mit dem Raslermesser ihres Mannes drei Schnitte am linken Handgelenk beigebracht und war unter dem starken Blutverlust zusammengebrochen. Die Frau wurde unter dem Verdacht des versuchten Mordes als Polizei- gefangene nach dem Augustc-Viktoria-Krankenhaus gebracht, der Tvchtcr nahm sich elnstwellen die Polizei an. Aussterbender Adel. Das war ein bitteres Thema, mit dem sich der Verein für Personen- und Familiengeschichte in seiner letzten Sitzung beschäs- tigte. Es handelt sich um nichts weniger als um die Feststellung, daß der schwedische und der sinnische Adel auf dem Aussterbe- etat stehen, was der sinnländische Baron Dr. Eric von Born in einem sehr wissenschaftlich fundierten Vortrag zum besten gab. Man höre und staune: von allen schwedischen Adelsgeschlech- kern sind bereits über 8S Prozent im männlichen Stamm erloschen, und in Finnland sind im letzten Jlchr- hundert 10 Prozent aller dortigen Adelsgeschlechter ausgestorben! Und trotzdem florieren die Länder noch. Es scheint ihnen sogar fest der Verminderung des Adels besser zu gehen, was man, auf unsere Verhältnisse übertragen, nicht feststellen kann. Welch« Sorgen müssen diese Leute haben, die sich mit solchen welterschütternden Fragen beschästigen, während sie auf der anderen Seite nicht zu sehen ver- mögen, daß ganze Familien stamme und Gründungen i m Bürger- und Arbeiter st ande durch den Würgeengel Hunger, Krieg und wirtschaftliche Konjunkturverschiebungen hinweg- gefegt werden. Und daß dieser soziale Famil'enmord unzweifelhaft grausamer ist als der.cheralitische Würgeengel", wie ihn der Vor- tragende so schön benamste. Cr war aber immerhin absektiv genug. aus Grund des breiten Bewcismatcrials auszuführen, daß der nordeuropäische Adel seine Dezimierung weniger auf Schlachtfeldern gefunden hat, wo das Fußvolk die Ritter schützte, und wo der Feind bestrebt war, den feudalen Gegner möglichst lebendig in die Hände zu bekommen zur Erpressung eines Lösegeldes. Er führte das große Sterben auf konstante innere Gründe zurück. Auch der Zufall hätte eine große Rolle gespielt. Es entbehrt nicht der Pikanterie, wenn die Herren Genealogen beweisen, der landsässige Adel habe sich durchweg erhalten und sei sogar dabei, seine Kopfzahl zu vermehren, während der„gemachte" Adel aus der Günstlingswirtschaft der galanten schwedischen Christine und der B e a m t e n a d e l aus Grund unbeständiger wirtschafllicher Fundierung kaum die dritte Generation überdauert. Die Menschen mit„blauem Blut" scheinen also denselben biogenetischen Gesetzen unterworfen zu sein wie die gewöhnlichen Sterblichen, nur daß man ihnen wissenschaftlich attestiert: Mangel an Familiensinn, ein über- aus häusiges Zölibat der männlichen Mitglieder lHomosexualität), unfruchtbare Ehen usw. Es sind ja recht niedliche Dinge, in die ein solcher genealogischer Verein hineinleuchtet, nur die Wahrheit wird dabei nickt offenbar. Das Volk nennt als Hauptursache des Adels- sterbens Inzucht. Aushebung eiues großen Hehlernestes. Ein großer und dreister Einbruch wurde vor einiger Zelt in einem Pelzworengeschäft in der.Krausenstraße verübt. Den Verbrechern, die noch nicht ermittelt wurden, fielen für 2 0 000 Mark Waren in die Hände. Wohl aber ist es der Kriminalpolizei gelimgen, einen Teil der Beute in einem angeblich herrenlosen Raum zu entdecken und zu beschlag- nahmen. Die Spuren führten nach der Straßburger Straß« in ein Fabrikgebäude, in dem unter anderem eine große Schneiderwerkstatt von Finkelstein betrieben wird. Die Beobachtungen ergaben, daß ans dieser Werkstatt Sachen herauskamen, bei denen gestohlene Stosse und Seide verarbeitet worden waren. Finkelsteins Wohnung und Arbeitsräume wurden durchsucht und man entdeckt« endlich einen von der Wohnung und der Werkstatt abgelegenen Raum, der verschlossen gehalten wurde und Pelze, Seide, Gabardine und andere Stoff« barg. Niemand wollte Mieter dieses Raumes sein. Fintelstein bestritt, daß er ihm gehöre. Di« weiteren Ermittlungen ergaben sedock), daß tat- sächlich Finkelstein den Raum gemietet und ihn Einbrechern zur vorläufigen Unterbringung il)rer Beute zur Verfügung gestellt hatte. Ein Teil der entdeckten Sachen konnte den Eigentümern bereits zurückgegeben werden. Der nackte Mensch im Film. Anläßlich der abgeschlossenen Reichstagung des.Freien Körperkultur�k reifes" zeig!« die Hamburger Lichtbildgemeinschaft im großen Sitzungssaal des Bezirksamtes Kreuzberg geladenen Gästen den Film.Freie Menschen in Licht und Sonne". Adolf Koch, der die Gäste begrüßte, hob in einem einleitenden Vortrog hervor, daß es mit der Bewegung für freie Körperkultur im ganzen Reich vorwärts gehe. Offene, zielbcwußte und praktische Arbeit sst das beste Mittel, um Verständnislasigkeit und Muckertum niederzukämpfen. Es sst darum im besonderen Erziehung?- und Au k lä ru>i g s a r bei t zu leisten, die die Erwcckung des Bewußtseins vom Wert der sozialen Gemeinschaft in sich schließt. Die Achtung vor dem Körper muß schon in der Schule und im Ellernhaus durch den Verzicht auf die Prügelstrafe ihren Ausdruck finden. Anschließend an diese Ausführungen berichtete Dr. Hans Graaz über die Ergebnisse der ärztlichen H« i l b e ha n d- l u n g, von der alle Mitglieder des„Freien Kärperkulturkreises" erfaßt werden. Gesunde Ernährung, gute Wohnungsverhältnisse und hygienische Kleidung stehen im Vordergrund der ärztlichen Sorge. Enthaltsamkeit von Nikotin und Alkohol sind weitere Be- dingünpen einer gründlichen Lebensreform Neben systematischer Gymnastik darf die Pflege der Haut, als ein wichtiges Organ des Menschen, in der Heilbehandlung keine untergeordnete Rolle spielen. Diesem Vortrag folgte die Filmvorführung. Der Film, der in Hamburg und am Ostseestrand aufgenommen ist. überzeugt, teilweise in sehr schönen Bildern, von der Reinheit und Unbefangen- heit der Menschen, die Nacktkultur treiben. Aus dem Film geht auch hervor, daß die Hamburger Oberschulbehörde den Nacktkultur- vrganisationen für die Ucbungsabendc bedingungslos Turnhallen zur Verfügung stellt, während in den Schulräumcn der Stadt Berlin nicht einmal Vorträge über die Nacktkultur gehalten werden dürfen! Technisch hat der Film viele Mängel, die aber mit dem Hinweis darauf, daß er ausschließlich von Laien hergestellt ist,-u entschuldigen sind. Der französische Süüamerikafiug. Paris. 11. Oktober.(Eigenbericht.) Aus Easablanca wird gemeldet, daß das Flugzeug der beiden französischen Ozeausiieger Toste und Le Brix über der Stadl um 21.45 Uhr gesichtet worden ist. Die Flieger gaben einen Funt» spruch ab, demzufolge an Bord alles wohl ist. Bahnarbeiters Tod. Der beschleunigte Personenzug 7.53 Uhr ab Cilenburg in Rich- tung Falkenberg fuhr bei der Station Doberschütz in ein« Rotte von Bahnarbeitern hinein, wobei zwei Arbeiter g e- tötet und einig« verletzt wurden. Der Unglücksfall ist, so wird amtlich mitgeteilt, aus den dichten Nebel, der heute mar- gen herrschte, zurückzuführen. vom Srauereiarbeiteestreik. ■deute abend neue Verhandlungen int Branerstreik. Der Vorsitzende de» Schlichkungsausschusses. Gemerberot Körner, hat die Parteien zn Verhandlungen geladen, die heute abend in den Räumen des Vereins Lerliner Brauereien gepflogen werden, wenn diese freien Verhandlungen zn keiner Verständigung führen, soll von einem vereinbarten freien Schiedsgericht, da» au» je drei Arbeiter- und Unternehmervertrelern und dem Gemerberat Körner als Vorsitzenden bestehen soll, ein Schiedsspruch gefällt werden. Zu dem Verhandlungsergebnis oder dem eventuellen Schied». spruch werden die Funtlionäre morgen vormittag Stellung nehmen. wenn das verhandlungsergebnis bzw. der Schiedsspruch Zugestand. nisse an die vrauereiarbciter bringt, wird am Rachmittag unter den Streikenden eine Urabstimmung vorgenommen werden. Die Verhandlungskommission wird mit ollem Rachdrnck ver- suchen, nicht nur Zugeständnisse in der Lohnsrage zu erveichen, sondern vor allem dahin zu wirken, dotz bei der Beendigung de» Streiks olle Streikenden restlos wiedereingestellt werden. Trinkt kein Streikbrecher- vier. Während der anständigere Teil der Gastwirte, der mit Arbeiter und Angestellten zu rechnen hat. sich entweder von außerhalb Bier beschafft hat oder nur ander« Getränke verabfolgt, suchen die „tüchtigen" Geschäftsleute aller Art aus dem Streik der Brauerei- arbciter ein Extrogefchäft zu machen. Insbesondere sind«s Besitzer irgendeines Fohrzeuges, die sich gegen gute Bezahlung zum Bier transport hergeben. In dem einen Falle ist es«in Gemüsewogen z. B. mit dem Schild„Fernow, Schönhauser Allee 134, Obst- und Südfrüchte", der zum Biertransport für eine Groß deftillation in der Poppelallee, Erke Ramnerstraße benutzt wurde, in einem anderen Fall« dos Geschäftsauto der Fabrik für Wurst- waren des Herrn Karl Wilferth, Schöneberg, Akazienstr. 11, mit dem Bier von der Schloßbrauerei abgeholt und sorgfältig oerdeckt wird, in anderen Fällen sind es Droschken oder Autos, die als Bierwagen dienen, kurzum in unzähligen Fällen wird versucht, trotz des Brauerstreiks Streikbrecherbier herbeizuschaffen. Doch all die guten Leute, die es sich allerlei tosten lasten und sich manchen Unannehmlichkeiten dabei aussetzen, würden sehr bald aller Mühen enthoben sein, wenn die Berliner Arbeiterschaft darauf verzichtet, Berliner Bier zu trinken. Darauf kommt es an! die farbigen Arbeiter, im Jahre ISIS«ine«igene<8e» w e r k s ch a f t zu gründen. Trotz brutaler Unterdrückung durch die Behörden Hot diese Gewerkschaftsbewegung große'Forlschritte gemacht; sie zählt schon jetzt etwa 1l)gOl)0 Mitglieder. Wie ein« Bombe Hot es in Südafrika eingeschlagen, als sich die sar- bigen Gewerkschaften dem ZGB. anschlössen. Kadalic wünschte, daß die Einstellung der Weißen gegenüber den Farbigen in Zukunft eine bester? werden möge. Anzeichen da- für seien vorhanden. Notwendig sei eine Internationale ohne Unterschied der Religion und der Rasse. Nach längerer Aussprache wurde solgende E n t s ch l i e ß u n g einstimmig ongenommen: „Die Vertreter der Berliner Arbeiterschast sind mst rrößtem Interesse dem Bortrage des Genossen Kadolie gefolgt. Sie miß billigen die Einstellung seiner einheimischen weißen Arbeitsbrüder und solidarisieren sich mit den Zielen der farbigen Arbeiter Südasrikas. Die Versammelten bringen ihnen ihre Sympathie entgegen, senden ihnen brüderlich« Grüße und wüaschen ihren Bestrebungen den b e st« n Erfolg." Zuc den �-Sahn schütz" ist Geld da. Für Lohnerhöhung reicht es nicht. Im Eisenbahnausbesserungswert Grunewald «erden nach wie vor P a n z e r w a g e n g e b a n t. Im April d. I. war ein Zug, bestehend aus zwei oerdeckten Wiederherftellungs- wagen, zwei P.-G.-I.- und zwei Rungenwagen fahr- und kämpf- bereit. Ausgestattet sind dies« Wagen neben den elektrischen Lam- pen mit Rotlampen(Petroleumlampen), Telegraphie, Fernsprechern- richtnngen. Sonderanlagen, Schlaf- und Aufenthaltsräumen, je sechs Krankenbetten, einschließlich eines Operationsroumes. Die bisher für diesen Panzerzug verausgabt« Summ« soll SbOOtX» M. übersteigen. Wir fragen die Reichsbahnverwaltung: Mit welchem Recht wirft sie diese ungeheure Summ« aus, die sie au» d«n Knochen der Eisenbahner herausgeschunden hat? Warum kommt si« den Forde- rimgcn der Tarifgewerkschaften nicht nach und zahlt ihren Arbeitern Löhne, mit denen sie auskommen können? Oder will sie die Eisenbahner zur Verzweiflung treiben, um den Nachweis erbringen zu können, daß dos Geld für den„Bahnschutz"— wozu 1l>(XX> Mann ausgebildet sind— nicht umsonst ausgegeben ist? die Gewerkschastsbelvegung Süöafrikas. Vortrag vor den Berliner Gewerkschaften. Gestern abend hielt Genosse K a d a l i«, Leiter der siidafrika- Nischen Gewerkschaften, in der vom Ortsausschuß Berlin des ADGB. »eranstalteten Funktionärvcrsämmlung in den Festsälen„Alt-Berlin" einen Vortrag über die Gewerkschaftsbewegung der farbigen Arbeiter Südafrikas. Der in englischer Sprache gehaltene Vortrog Kadalies wurde vom Genossen Wendel sofort ins Deutsche übertragen. Der Redner gab seiner Freude darüber Ausdruck, daß es ihm nach einmal oergönnt fei, vor Berliner Arbeitern zu sprechen, beaoc er die Heimreise antrete. Ueberoll in Europa nehme man jetzt ein reges Interesse an den Berhältniffen in Südafrika. K a d a l i« schilderte ausführlich die Entwicklung des siidafrika- Nischen Staates, von dem alle europäischen Nationen Teile für sich in Besitz genommen hallen. Heut« sind die vier Staaten Südafrikas zu einer Republik, der Union der südafrikanischen Staaten, vereinigt. Besonders traurig ist das Los der farbigen Ar- b c i I e r. Sie haben zwar ein Wahlrecht, dürfen jedoch keine Leu«« ihrer Roste in das sogenannte„Parlament" wählen. Den ja r b i g e n Arbeitern werden viel niedrigere Löhn« gezahlt als den weißen. Die Unternehmer suchen dadurch eine Rone gegen die andere auszuspielen. Farbige Arbeiter gelten in Südafrika nichl viel mehr als Esel oder Hunde. Da die Gewerkschaften der weißen Arbeiter Südafrikas Farbig« grundsätzlich nicht aufnehmen, veranlaßt« der Selbsterhaltunz-Hrieb Die Seminare üer verliner Sewerklchastssthule. Es ist längst bekannt, daß die Berliner Gewerkschaftsschule sich nicht damit begnügt, eine bestimmte Meng« wirtschaftlicher und recht. licher Fachkenntnisse für den Gewerkschastssnnktionär zu vermitteln. Sie ist im Gegenteil eine Bildungseinrichtung, die der Berliner Arbeiterschaft die Möglichkeit gibt, durch eine län�ere Reih« von Jahren hindurch sich völlig s y st e m a t> s ch in eines chrer L«hrgcbiete hineinzuarbeiten. Der Aufbau der Schule vollzieht sich in drei Stufen. Di« Unterstufe umschließt allgemeine soziologisch« Einsührungsknrse über das wirtschaftliche, recht- licheundkulturelle Leben der Gesellschaft und die B«.ziehun- gen des Einzelmenschen, besonders des klaflenbewußten Arbeiters zii seiner sozialen Umwelt. Die Mittelstufe besteht-ms einer Reihe von zweijährigen Lehrgängen für jedes der nachfolgenden Lehrgebiete: Volkswirtschaft. Betriebswirtschastslehr«, Arbeits- recht, Gewerkschastswesen. Sozialpolitik. Kulturpolitik. Die geeigneten Schüler dieser Kurse können nach Abschluß derselben in die Oberstufe übergehen, die von Seminaren der Lerliner Gewerkschaflsschule gebildet wird. Zurzeit lausen solgende Seminare: Arbeitsrechlliches Seminar. Lehrer: Dr. Fritz Schönbeck. Beginn: Dienstag, den 13. Oktober, 17s4 Uhr, im wophien-Lyzeum, Weinrneisterstrahe 16/l7. Wichtig« gegenwärtige Probleme des Ar- beitsrechts und der Arbeitsgerichtsbarkell. Rolionolökonomisches Seminar. Lehrer i. V.: Max P o t t l i tz e r. Beginn: Freitag, den 21. Oktober. 19 Uhr. im Gewerkschastshaus, Engeluser 24/25, 2. Hof, 1 Tr. rechts. Kulturpolitische, Seminar. Lehrer: Dr. Max H oda nn. Beginn: Dienstag, den 1«. Oktober, 19 Uhr, im Sophien-Lyzeum. Wein- meisterstraße 16/17. Kulturpolitik, ihr« Grundlagen und Strömungen in außereuropäischen Ländern. Sozialpolitische, Seminar. Lehrer: Dr. Norbert Marx. Be- ginn: Donnerstag, den 29. Oktober, 19�4 Uhr, im Hygienischen In. stitut der Universität. Dorotheenstraße 28. Außer diesen Seminaren gehören zurzeit zur Oberstufe solgende Lehrgänge: velriebswirlschaslliche Arbeilsgrvppe für Fort geschrillen«. Lehrer: Fritz Fricke. Beginn: Dienstag, den 18. Oktober, 19 Uhr, im Unterrichtsroum der Berliner Gewerkschaftsschule, Engel. ufer 24/25, 2. Hos. 1 Treppe rechts- Arbeil»rechtliche Gruppe für Fortgescheilleue. Lehrer: Ober- regiernngsrat Dr. Joachim. Beginn: Freitag, den 21. Oktober, 19 Uhr. im Leibniz-Gymnosium, Mariannenplatz. Auf diese beiden letzten Kurs« seien besonders diejenigen Be- triebsräte hingewiesen, die in Großbetrieben tötig sind und die mit den in diesen beiden Kursen behandelten Problemen am stärksten in Berührung kommen. Unterri chtsoerze ickm i if e sind in allen Ortsverwaltungen und im Zimmer 13 des Gewerkschaftshauses zu haben...' Wahlen zur �ngestellteaversicheroag. Der Wahlkampf um die Vertrauensmänner in der Angestellten- Versicherung hat begonnen. Es stehen sich zwei Parteien gegen- über: der sogenannte H a u p t a u s s ch u ß für die soziale Aersiche- rung der Angestellten, dem hauptsächlich der DHV., VwA. und der GdÄ. angehören, und der A s A- B u n d, umfastend in erster Linie den Butab, den DWB. und den ZdA. Grundsätzliche Unter- schiede bestehen zwischen ihnen in der Aussossung über den Aufbau und die Leistungen der Angestelltenversicherung. Der Hoiiptousschuh verteidigt die Haltung der Reichsversicherungs- anstatt für Angestellte, während der AfA-Bund tatkräftig sich gegen den Luxus einer Vergeudung von Geldern der Ange- stellten und der Wirtschaft wendet. Denn eine Vergeudung von Teilen der Angestelltengehälter bedeutet die Finanzpolitik d e r R s A. Eine soziale Versicherung muß von sozialen Gesichts- punkten aus handeln, und sie darf nie und nimmer w:e ein privatkapitalistischer Betrieb geleitet werden. Der soziale Sinn der Angestelltenversicherung muß Leitgedanke bei allen Leistungen und Kapitalanlagen bleiben. Es geht nicht an, daß die RfÄ. ein Kopital von Über eine halb« Milliarde anhäuft, sich aber weigert, für«in« Verbesserung der Gegenlei st ungen, also der Ruhegelder und Hinterbliebenenrenten, einzutreten und«ine sozialere Aufsasiung in der Gellehmi- gung und Durchführung der Heilverfahrensanträge einzuführen. Sind doch im Jahre 1926 allein 29 191 Anträge— 38,2 P r o z. abgelehnt worden. Die Durchführung des Heilverfahrens entspricht in keiner Weise den berechtigten Ansprüchen der Ver- sicherten. Die D u r chschnitt» r«nt e kür die arb«it,unfShizen Angestellten betrogt 3 4 Mari. Was der AfA-Bund erreichen will, ergibt sich aus.seinem Wahlprogramm, aus dem wir das Wesentliche hier anführen: Beitragserhöhung. für den Rentenbezug von 19 auf Ausdehnung der Angestelltenversicherung auf die Angestellien aller Berufe. Erhöhung der Renten ohne Herabsetzung der Wartezeit 5 Jahre. Herabsetzung der Altersgrenze vom 65. auf das 69. Lebensjahr. Volle Anrechnung der beftragsfreien Zeiten bei Stellenlosigkeii. Verhinderung willlürlicher Ablehnung von izeilverjahren durch gesetzlich gesicherten Rechtsanspruch.- 7. Schutz der Versicherten gegen unsozial« Anlage ihrer Beitrags- gelder. 8. Billige Darlehen an die Angestellten, insbesondere zum Woh- nungsbau. 9. Schaffung eines ehrenamtlichen Vorstandes, zwei Drittel Ver- sicherte, ein Drittel Arbeitgeber. 19. Reform des Vertraucnsmönnersystems. keine Arbeitgeber als Vertrauensmänner. 11. Abschaffung des indirekten Wahlsystems, Einführung von Ilr- wählen durch die Versicherten. Die Angestellten werden bei den Wahlen der Vertrauensmänner im Roernnber zu entscheiden haben, ob sie in den Selbstverwaltungs- körpern der RsA. Vertreter gewählt wisie» wollen, die für eine Besserung der Angestelltenvericherung eintreten, wie sie fich aus dem Noren Programm des AsÄ-Bundes erg'bt, oder ob sie damit einverstanden sind, daß die Rf?l. ein« nnwirt- schaftliche und sozialwidrige Einrichtung bleibt. Schiedsspruch im niederschlefischea Bergbau. Lochum. 19. Oktober.(Eigenbericht.) Die am Tarifvertrag für den niederschlesischen Stein- tohlenbergbau beteiligten freigewerkschaftlichen Organisationen haben den Lohnschiedsspruch angenommen, durch den die bisherigen Tarisschichtlöhnc und diejenigen Gedingelöhne, die sich als reine Akkordlöhne darstellen, ob 1. Oktober um 6 Proz. erhöht werden.___ Der Japanische Gewerkschaslsbund zählte Ende 1926 2 8 4 7 3 9 Mitglieder, wovon 197 877 auf den Transportarbeiter- verband einschtießlich Eisenbahner entfielen. Di« M e t a l i- a r b e i t e r zählen 97 999, der Verbaich der Gas- und Elek- trizitätsarbeiter 18 499 Mitglieder. Die Organisation dcr Textilarbeiter mit 11799 Mitgliedern von 759 999 Textil- arbeitern ist jedoch noch sehr schwach. Außerdem besteht noch eine mehr links stehende Gewerkschaftszentrale. Mus öer Partei. DI« Geschästslritung der So zialdemokratischeen Partei der Schweiz hat beschlossen, dem Parteivorstond«inen Antrag einz»- reichen, der nicht nur jegliches Zusammengehen der Partei mit der Kommunistischen Partei ausschließt, sondern auch die Orgair- sationen, die Presse und die Nationalratssraktion der SPD. ver- pflichtet, jegliche Zusammenarbeit mit den Kommunisten zu unter- lassen._ Sport. huhtaven wirst Sztekker. Abschluß der Ringkampf-Konkurrenz. Der internationale Ringerwettstreit im Sportpalast ging gestern nach über vierwöchiger Dauer zu Ende. Der letzte Kampsabend war reich an Sensationen und brachte dank dcr guten Paarungen den erwartet großen Besuch. Dcr sportliche Wert' dieser Konkurrenz ist unantastbar: das Bestreben, dem schönen Ringsport neues Leben zu geben, kann als gelungen bezeichnet werden. Groß ist die Schar der oewonnenen'Anhänger. Nachdem der Vorabend bereits den Polen S z t e k k e r als Sieger gesehen hatte, rangen nur noch K a w a n und L e s k i- n o w i c z um den zweiten' und dritten Platz. Diese beiden eben- bärtigen Gegner lieferten ein äußerst hartes Treffen. Schließlich gelang es der Routine des Wieners, einen Angriff des Letten ab zusangen und diesen nach einer Zeit von l Stund« 7 Minuten auf die Schultern zu drücken. Damit hat sich K a w a n den zweiten Platz vor Leskinowicz gesichert.— Den Abschluß des Wettstreits bildete der seit langer Zeit erwartete Heraussorderungskampi des Polen Sztetker gegen den Finnen H u h t a n e n. Der Pole, der ebenso wie sein Gegner über ein hochentwickeltes technisches Können verfügt, Hot noch eine außergewöhnliche Schnelligkeit für sich. Dieser stellt der Finne seine fast abnorme Gelenkigkeit ent- gegen, die ihm das Entwinden aus noch so gefährlichen Situationen möglich macht. Roch einem fast zweistündigen Kampf sollte eine schnell« und unerwartete Entscheidung fallen. Bei einem Angriff aus den Finnen entwand sich dieser derart schnell, daß der Gegner über ihn hinweg in eine Ecke des Ringes schoß. Der Kamps mußte ür einige Zeit unterbrochen werden. Dann aber zog der Finne den Polen mit schnellem Hüstschwung unter sich. Während Huhtanen mit starkein Beifall bedacht wurde, zog sich Sztekker mißmutig in seine Eck« zurück. Die Niederlage war völlig einwandfrei. Birantwvrtlut» für Politik: Dt.«urt»«,--! Wirtschaft:«. ftitBRtlUfrr; tSenurfschafiatjeiocjuno: Fr. feklscn; Zewitldon Dr. Zotz» Schilowoti: Lokal«,: und Sonslige»: Fritz ftarstäM! Än»«igtn: ttz. Dl»«! samtlich i,, Berlin. Brrlag: vorwarIo»V«rlag S m. d H.. Bertin Druck: BorwLri�Buchdruckcret und Bertagsansialt Paul Sinzer u Co. Berlin EW IS. Lindcnltrake Z KINO- TAFEL Programm für die Zeit vom II. bis 13 Oktober iLt'Jeli'iiDnieiTreDD.ileillldikei! Ferner: Kaufh(u, Pleite. Bünnenschau Stoner Adler Jraoktorter Allee ä!) Die heilige Lüne Bühnern�.u Jugendliche haben Zütrin [öntordia- Palast, AndreasstraSe 64 Scr Bettler vom Kölner Dom außerdem; Der Mann au, dem Volke Film-Palast KammersAie ITT" Der Hi jtmel auf Erden mit Reinhold Schunrel Pauaie-liflitipiele.B.?""!,';«: FEME Ferner: Bühacnschaii BTL. Potsdamer Str. 38 Die selige Exellenz Willy Frlttch. Für JugcndL freigegeb. BTL.Turmstr.12 flrand Hotel.. iJÄÄ Batre-ene BetrUoer. Odeon, Potsdamer Str. 75 Grand Hotel..!wmr.Maxu Batreqene BctrOqer BTI.IilieiostraBeU(Friedeflao) Kleinstadisündcr mit Asta Nielsen BTL. AlexaDdetstr. 39-40(Passaoe) Das Franenhans von Bio udi in Rinn„Plbdi„i Plimtki" Es lohnt sich � zwei Klagen zu steigen! Durch Enparnls hoher Ladenmiete QnalHfiKwarc äußerst billig: Gardinen. 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