Abendausgabe Nr. 527 B 261 44. Jahrgang Wöchentlich 70 Pfennig, monatlich 3,— Reichsmart, voraus jwftlbar. Unter Streifband im In- und Ausland o,ö0 Rerchsmark pro Monat. Der„Vorwärts" mit der illustrier- ten Sonntagsbeilage„Volk und Zeit" sowie den Beilagen„Unterstaltung und Wissen",„Aus der Filmwelt". „Frauenstimme",„Der Kiitder- freund",„Iugcnd-Borwärts", Blick in die Biicherwelt" und„Kultur- arbeit" erscheint wochentäglich zwei- mal, Sonntags und Montags einmal. Berliner Volksblatt Mouicg 7. November 1927 10 Pfennig Die ein lp a Itlge Sionpareillezelle SO Pfennig. Retiamezetle 5.— Reichs- inort.„«leine Anzeigen" das fettge- druckte War» 2> Pfennig(zulässig zwei icligedru ckle Warle) jedes weitere Wort 12 Pfennig. Stellcngeiuche das erste Wart iä Pfcnnig. jedes weitere Wort 10 Pfcnnig. Worte Uber lä Buchstaben zählen fUr zwei Worte. Ardeitsmartt Zeile OOPsenmg. Familicnanzeigen für AdonnentenzellcSOPfennig Anzeigen. annahm? im.Hauptgeschäft Linden- straße wochrntägl. oon S'/s bis 17 Uhr Jeutvatoesan der GozialdemoSratischen Oavtei Deutschlands Redaktion und Verlag: Berlin SW 68, Lindenstraße 3 F rnsprccher: Dönhoff 292— 237. Telegramm-Adr.: Sozialdemokrat Berlin Vorwäris-Vertag G. m. b. H. Postscheckkonto: Berlin 37536.— Bankkonto: Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten Wallstr. 65. Diskonto-Gesellschast, Deposttcnkafle Andenstr. 3 Wahlsiege in Oldenburg. Großer Stimmenzuwachs für die Soziatdemokraiie.- Zerirümmerie Rechis- Mehrheiten. Oldenburg, 7. November. sEigenbericht.) Die 5?o«»munalwahlen, die gestern in de« meisten Städten und Gemeinden des Freistaates Oldenburg statt- fanden, brarhten der Sozialdemokratie durchweg schöne Erfolge. In Oldenburg, wo auch die Demokraten ihre Mandate behaupten konnten, tritt der Linksruck besonders stark hervor. Die Mehrheit, die der Nechtsblock bisher im Stadtrat hatte, wurde hier gebrochen. Tic Sozial- dcmokratic konnte ihre Stimmenzahl rund um die Hälfte, ihre Mandate um 2 auf 10 erhöhen, während die Einheitsliste der Teutfchnationalen und der Volksparteiler fünf Mandate verlor und nur noch über IS statt bisher 20 Tihe verfügt. In Delmenhorst gewann die Sozialdemokratie zwei Sihe und hat allein die Hälfte der Mandate, während die Bürgerlichen, die bisher 18 Sihe innehatten, jetzt mit IS in der Minderheit bleiben: ein Mandat fällt wie bisher den ftommu- nisten zu. In R ü st r i n g e n ist die bisher aus l4 Sitzen bestehende sozialdemokratische Mehrheit um weitere zwei Mandat? verstärkt worden. Sie verfügt damit über 10 von 20 Mandaten. Tie Olsen turger Kommunalwahlen bestätigen also den Eindruck des unaufhaltsamen Vormarsches der Toziaidemliktatischen Partei, wie er sich vor wenigen Wochen im Unterelbegebiet und in Ostpreusten gezeigt hat. Die Wähler geben dem Vürgerblock, der seine Ber> sprechungen so schnöde gebrochen hat, die verdiente Ouittung. Die Oldenburgcr Erfolge werden die Schlagkraft der Parteiorganisation im ganzen Lande stärken und zu neuen Kämpfen anspornen. In dcn einzelnen Städten ist das Bild überall etwa gleich. Die bürgerlichen Listen zeigen Berl.-ste, die dadurch besonders schwer wirken, daß die Wahlbeteiligung in den größeren Städten eine wesentlich stärkere war als bei den legten Wahlen 1924. Stadl Oldenburg. Der neue Stadtrat setzt sich im Vergleich zu dem früheren folgendermaßen zusammen: jetzt bisher Sozialdemokraten....... 10 8 Einheitsliste......... lä 20 Völkische.......... 1 Demokraten......... 7 7 Zentrum.......... 1 Steuerzahlerschutz,...... 3 0 Kommunisten........ 2 2 Dazu treten noch als Vertreter von Landgemeinden ein Ver- trctcr der Gemeinscheftsliste und ein Vertreter der Landbundliste. Die bisher für Oldenburg vorliegenden Stimmenzahlcn ergaben zunächst eine wesentlich stärker« Wahlbeteiligung. Es wurden 22 20? Stimmen gezählt gegen 17844 bei der letzten Wohl. Die Wohlbeteiligung betrug 64 Prozent. Die abgegebenen Stimmen verteilen sich folgendermaßen: 1927 1924 Sozialdemokroteo...... 5 176 Stimmen Z673 Stimmen EinbeitSliste«Deulickm.BolkSpaltei. Deuiscde Valk�partei, Stahlhelm und Handwerks....... 8 208„ 8 414» Hitlerbewegung....... 914. 729, Temolraten........ 3 083, 3 258, Zentrum......... 974„ 779» Steucrzablerichutz..... N. 1 643 Kommunisten........ 1 278, 900» Rüstringen. In Rnstrinaen wurde» 4 000 Stimmen mebr abgegeben ol? bei der letzten Wahl und zwar: 1927 192« Sozialdemokraten......... 12 673 9 305 Bürgerliche Einheitsliste...... 7 083 7 084 einW Beamte Sozial-nationale Liste....... 1 04 l 863 früh VöMsche VolkSleckitkpartei sSparerj,* 460— Komafmnsten.......... 1■19S 797 Sozialdemokraten erhallen 16 Sihe bisher 14 Bürgerli-be Einheitsliste. 8..10 Sozialnationale Liste.. 1 Sitz. 1 Volksrechtspartei.... 0.. o Kommunisten..... 1•» 1 In den kleineren Orten, wo infolge von Veränderungen bei dir Aufstellung von Listen die Stimmenergebnisse der Bürgerlichen nicht durchweg mit denen früherer Jahre vergleichbar sind, ist folgender Wahlausgong zu verzeichnen: In D e l m e n h o r st wurden abgegeben: Sozialdemokraten... Kommunisten.... Bürgerlich« Einheit� liste In Nordenham erhielten: Sozialdemokraten...... 2 279 Stimmen, 9 Sitze, bisher 9 Bürgerliche Einheitsliste... 2 193, 9.. 8 Kommunisten....... 237. 0 1 In der Stadt Jever entfielen aus: Sozialdemokraten... 512 Stimmen, 4 Sitze Bcamtenlisie.... 444. 2. WirtschaiiSliste.... 844. 8. Bürgerliche Liste... 12l. 1 Sitz Unpolitische Bürgerliste. 402. 2 Sitze Mieter....... 76„ 0. Wahlbeteiligung 80 Prozent. In der Stadt Varel entfielen auf: Wahlerfolge auch in Mecklenburg. Nach den bisher vorliegenden Ergebnissen der Kommunalwahlen, die gestern in einigen mecklenburgischen Städten stattfanden, Hot auch dort die Sozialdemokratie eine Zl n z a h l v o n M a n d a t e n erobert. Zusammentritt des Landtages. Plenarsitzung am kommenden Montag. Der Preußische Landtag tritt am kommenden Montag, dem 14. November, 13 Uhr, wieder zu einer Plenartagung zusammen. Die jetzt vorliegende Tagesordnung stellt fest, daß die sür diesen Tag in Aussicht genommene zweite Beratung des preußi- scheu Besoldungsgesetzentwurfes voraussichtlich nicht stattfinden könne, da die Beratungen des Hauptausschusses bis dahin nicht abgeschlossen sein werden. Es kommen daher nur kleinere Vorlagen zur Berawng. 6 000 Stimmen, IS Sitze, bisher 12 . 585, 1 Sitz., 1 . 6841. 16• 18 Die Wahlparole der Reaktion. Verewigung des Bürgerblocks! Der deutschnationale Führer Graf W e st a r p hat in Pirmasens eine Rede gehalten, die sich gegen die den Wahl- kämpf einleitende Rede des Reichskanzlers Dr. Marx in Essen wandte. Es läge nahe, daß der B ü r g e r b l o ck sich durch die Wahlen die Fortsetzung seiner Arbeit zu sichern suche. Marx aber habe erklärt:„Ein Aufruf zum gemeinsamen Kampf der bürgerlichen Par- teien gegen die Linke werde im Zentrum keinen Anklang finden." Graf W e st a r p erklärte dazu wörtlich: .wir müssen uns als rechte Flügelparle i und infolge unserer grundsätzlichen Aussassungen bei der kommenden Wahl anderer Ausgaben als das Zentrum stellen, wir sind der weinung. daß. wie die Ersahrungen der letzten Zahre bestätigen. die Wille nur mit uns und nicht mit der Sozialdemokratie feste Regierungsverhöltnifse schassen kann, wie sie sich in der.ruhigen, politisch vernünftigen und erfolgreichen Arbeit" der jetzigen Koalition bewährt haben. Deren Erfolge wurden noch bessere und gesichertere sein, wenn sie nicht durch die sozialdemokratische Vorherrschast in einzelnen Ländern, insbesondere in Preußen, dauernd gestört und gefährdet würden. Wir lehnen auch den Gedanke» ab, das; man den deutschen Slrbeiter durch Entgegenkommen gegen die Sozialdemokratie in die verantwortungsvolle Mit- arbeit am Staate und in die Volksgemeinschaft hineinführen könne. Die sozialdemokraüschen handatbeiier, die übrigens an Zahl ge- ring« find als die Arbeiterwähler der Regierungsparteien, können dauernd für den Staat und die dem ganzen Volte gemeinsamen nationalen Interessen nicht mit den marxistischen Parteien, sondern nur gegen sie gewonnen w«den." Die Wahlparole der Reaktion lautet: Die Sozialdemo- kratie, die Moffenpartei der deutschen Arbeiterschaft, soll sür immer von der Regierung ausgeschlossen, der Bürgerblock verewigt werden! Die Sozialdemokralie nimmt den Kampf auf. Die Ant- wort an die Reaktion heißt: werbt für dir Soztaldemotraüe! Proletarier aller Länder...! Die Tragödie der Spaltung. Von Carl Anton. „Proletarier oller Länder, vereinigt euch!"— dieser Kampfruf der internationalen sozialistischen Bewegung ist vor einigen Wochen achtzig Jahre alt geworden. Zum ersten Male stand er als Motto im ersten und einzigen Heft der „Kommunistischen Zeitschrift", dje im September 1847 in London in deutscher Sprache erschien. Achtzig Jahre! Der Ruf an die Proletarier aller Länder ist genau so alt wie— Hindenburg, und wenn es möglich war, daß 86 Jahre, nach- dem dieser Ruf zum erstenmal erklang, der alte Feldmarschall des kaiserlichen Deutschland seinen achtzigsten Geburtstag, als Präsident der deutschen Republik, feierte, so trägt daran der Umstand schuld, daß die deutschen Proletarier immer noch nicht in vollem Maße diesem Rufe Folge geleistet haben und daß wir heute sogar mehr als früher gespalten sind. Wäre die gesamte deutsche Arbeiterschaft zu einer Part« zusammengeschlossen, dann hätte sie schon jetzt die Macht ii? der deutschen Republik erobern und diese Republik zum Ar- beiterstaat ausgestalten können. Jetzt steht die stärkste Ar- beiterpartei in der Opposition gegen die bürgerliche Reäktion, die m i t H i l f e der für die bürgerlichen Parteien(Zentrum, Deutschnationale) abgegebenen A r b e i t e r st i m m e n re- giert, während die andere Arbeiterpartei durch ihren Kampf gegen die Mehrheit der organisierten Arbeiterschaft dieser bürgerlichen Reaktion Hilfsdienste leistet.„Proletarier, wollt Ihr frei werden, so erhebt euch aus eurem Schlaf und schließt euch fest aneinander!"— wie vor achtzig Jahren ist dieser Ruf der„Kommunistischen Zeitschrift" heute noch am Platze. „Proletarier aller Länder" das heißt auch:„Proletarier jedes Landes— und heute heißt es vor allem: s o z i a- l i st i f ch e Proletarier jedes Landes, vereinigt euch!" Wäre dje gesamte deutsche Arbeiterschaft zu einer Par- tei zusammengeschlossen, dann hätte diese Partei die Mehrheit des Volkes hinter sich gehabt. Die Entwicklung der Sozial- demokratie vor dem Kriege hat gelehrt, daß. je nollständiger sie die Arbeiterschaft umfaßte, um so mehr ihre Anziehunas- kraft auch über die Grenzen der Arbeiterschaft hinausgreift. Bei den letzten Wahlen vor dem Kriege im Jahre 1912 hat die Sozialdemokratie schon die Mehrheit der g r o ß st ä d t i- s ch e n Bevölkerung hinter sich gehabt. In den Städten mit 166 666 und mehr Einwohnern hatte sie 55 Proz. aller Stim- men. in den Städten mit 16 666 bis 166 666 Einwohnern 43 Vroz., in den Ortschaften mit 2666 bis 16 666 Einwohnern 36 Proz. und in den Ortschaften mit weniger als 2666 Ein- wohnern nur 19 Proz. In den großen Sammelpunkten der proletarischen Bevölkerung und namentlich in den evangeli- schen Teilen Deutschlands wurde die Sozialdemokratie all- mählich zur e i n z i g e n Partei von Bedeutung, eine Entwick- lung, die übrigens durch das alte Wahlsnstem begünstigt wurde. Rabezu 66 Proz. aller Stimmen erlangte die Partei in Leipzig. Kiel und Mannheim. Ueber 66 Proz. in Braun- schweig, Nürnberg. Chemnitz, Hamburg. Altona. 75 Proz. in Berlin, darunter 86 Proz. im Wahlkreis 6(„äußere Stadt. Nord und Nordwest") und etwa 83 Proz. im Wahlkreis 4 („äußere Stadt Ost"), den höchsten prozentualen Anteil mit 83,7 Proz. hatte die Sozialdemokratie in Neukölln. Das war schon mehr, als es überhaupt Arbeiterstiminen gab. Der Weg war klar vorgezeichnet. Ueber die Bereinigung der gesamt«? Arbeiterschaft zur Mehrheit im Staat. Jetzt müssen-'wir noch eine Etappe durchmachen: über die Vereinigung der sozio- l i st i s ch c n zur Vereinigung der g e s a m t e n Arbeiterschaft. Besonders kraß tritt die ganze Tragik der Svaltung heute In Erscheinung, wo die organisierte Arbeiterschaft vor der Möglichkeit eines gewaltigen Schrittes auf dem Wege zur Macht steht. Ohne Zweifel bieten die bevor st ehenden Reichstagswahlen diese Möglichkeit. Nach dem schwe- ren Rückschlag befindet sich unsere Partei seit 1924 in gewal- tiqem Aufstieg. Die letzten Reichstagswahlen(im Dezember 1924) haben gezeigt, daß die Gesamtheit der sozialistischen Stimmen, d. h. die sozialdemokratischen und kommunistischen Stimmen zusammen, zwar in den Großstädten prozentuell erheblich unter der Zahl der sozialdemokratischen Stimmen bei den Wahlen von 1912 blieb, auf dem Lande dagegen und in der großen Anzahl katholischer Bezirke stark zugenommen hat. Seitdem haben verschiedene Landtags- und Kommunal- wählen gezeigt, daß die Sozialdemokratie ihre alten Positiv- nen in den Großstädten und industriellem Bezirken rasch zurückerobert und die neugewonnenen befestigt und erweitert. Die genaue Untersuchung und vorsichtige Abschätzung aller Wahlergebnisse der letzten zwei Jahre läßt folgendes fest- stellen: Es besteht eine große Wahrscheinlichkeit, daß bei den nächsten Wahlen unsere Partei allein m e h r a l s 3 6-P r o z.. mit den Kommunisten zusammen nicht weniger als 4 6 Proz. aller Stimmen bekommen wird. Das bedeutet, daß, wenn die Spaltung überwunden wäre und die Sozial» demokratie wiederum als einzige Arbeiterpartei im Wahl- kämpf aufmarschierte, sie noch mehr, vielleicht über 45 Proz. aller Stimmen bekommen könnte, weil die Anziehungskraft der sozialistischen Bewegung durch ihre Einheit gewallig ge- stärkt wird. Dann wäre es keine utopische Politik gewesen. als praktische» Ziel für die allernächste Zukunft die Eroberung fl der Mehrheit und damit der Macht durch die Sozialdemokra- tie aufzustellen. Durch die letzten Wahlen in Altona, Hamburg und Königsberg wird der tzroße Ernst der Lage in helles Licht gerückt. Betrachten wir Hamburg, wo eine bedeutend größere Zahl von Wählern vorhanden ist und wo keine Nebenerscheinungen den Vergleich mit früheren Wahlen er- schweren, so dürfen wir zunächst feststellen, daß dort der pro- zentuale Anteil der sozialistischen Stimmen schon nicht mehr erheblich hinter den letzten Wahlen vor dem Kriege zurück- bleibt. Die Sozialdeinotraten haben diesmal im Stadtgebiet 38,1 Proz. und die Kommunisten 17, S Proz. der Stimmen er- halten, d. h. beide Parteien zusammen 5S,6 Proz., während die Sozialdemokratie bei den Wahlen 1912 im Stadtgebiet von Hamburg 62,3 Proz. aller Stimmen erhielt. Damals wählten aber nur die Männer, während jetzt auch die Frauen wählen und die Stimmen der Männer und Frauen zu- sammengezählt werden. Bekanntlich wählen weniger Frauen als Männer sozialistisch und namentlich kommunistisch, so daß man annehmen darf, daß bei den letzten Wahlen die Sozial- demokraten und Kommunisten zusammen etwa 60 Proz. oder nur wenig unter 60 Proz. aller männlichen Stimmen be- kamen, gegenüber 62 Proz. im Jahre 1912, mährend im De- zember 1924 die beiden Parteien nür 46.5 Proz. aller Und wahrscheinlich rund die Hälfte der männlichen Stimmen er- hielten. Jetzt hat Hamburg, wie Berlin schon seit zwei Iah- rcn, eine sozialistische Mehrheit, die aber nicht voll ausgewer- tet werden kann, weil zu dieser Mehrheit auch die Kommu- nisten gehören. Was es aber bedeutet hätte, wenn man in Hamburg, das, wie Wien, nicht nur eine Großstadt, sondern auch ein Land ist, die sozialistische Majorität praktisch zum Wohl der arbeitenden Bevölkerung hätte auswerten können, das lernen mir aus den Erfahrungen der sozialdemokratischen kommunalen Wirtschaft in Wien. Eine solche Wirtschaft ist nicht nur ihren greifbaren Resultaten nach an und für sich wertvoll, sie ist auch das beste Propagandamittel für den Soziakismus und für die Sozialdemokratie. Uns dagegen find die Möglichkeiten, die unsere Genossen in Wien haben, infolge der Spaltung verschlossen. Die Koinmunalwahlen im Unterelbegebiet und die Bürgerschaftswahlen in Hamburg haben uns schöne Wahl- siege gebracht, nicht aber das, was uns am erfreulichsten wäre: kein Zeugnis dafür, daß die Einigkeit des Prole- tariats einen Schritt vorwärts getan hat, sondern im Gegen- teil ein Zeugnis dafür, daß die Spaltung noch immer tief ist und sich gewissermaßen versteift. Auch die Kommunisten haben nicht unbedeutende Erfolge gehabt. Sie haben zwar an absoluter Zahl bedeutend weniger zugenommen als wir, im Verhältnis zu ihrer Stärke aber sogar ein wenig mehr als wir im Verhältnis zu der unseren. Gewiß haben sie ihre Stärke vom Mai 1924 noch nicht erreicht und werden sie wahrscheinlich nicht erreichen: gewiß sind Hamburg und Altona in mancher Hinsicht nicht typisch, und in anderen Ge- bieten, z. B. in Mecklenburg, befinden sich die Kommunisten deutlich auf der absteigenden Linie. Die Sozialdemokratie ist in ihrem Bestand von kommunistischer Seite nicht mehr im geringsten bedroht. Sie wird aber an der Entfaltung ihrer Anziehungskraft und am Wachstum ihrer Macht da- durch gehemmt, daß die Kommunisten einen beträchtlichen Teil der Arbeiterschaft als Wähler behalten. Trotz aller Spaltungen, aller Absägung der Führergarnituren und Aus- kchlüffe, trotz aller organisatorischen und moralischen Zer- » setzung verschwinden die Kommunisten nicht von selbst: sie befestigen sogar ihren Einfluß auf einen Teil der Arbeiter- schaft. Daraus muß man schließen, daß in den Reihen der Arbeiterschaft und— nicht zu vergessen— der sozialistisch gesinnten Arbeiterschaft gewisse politische Bedürfnisse eristieren, die durch unsere Tätigkeit unbefriedigt bleiben. Dann stellt sich die Frage, ob wir nicht, ohne auf unsere positive Arbeit für das Wohl des arbeitenden Volkes zu ver- zichten, auch diesen Bedürfnissen gerecht werden können? Wir haben vielleicht das Gefühlsmäßige manchmal ver- Kommi eine neue geologische Epoche? Ein Bölsche-Vortrag. Die Menschheit vor großen geologischen Ereignissen, lautete das Thema, über welches Wilhelm Bölsche in csner Veranstaltung der Lrssing-Hochschule ini dichtgcsülltcn Alüthner-Saal sprach. In seiner bilderreichen Sprache wies er auf Stürme und Hochwalserkata- strophe», auf dir erhöhte vulkanische Tätigkeit sowie auf die unHeim- lich vermehrten verderblichen Erdbeben hin, die als Anzeichen einer nahenden neuen geologischen Epoche angesehen werden können. Sehr verbreitet ist auch die Annahme, daß wir einer ungünstigen Klima- äudcnmg entgegensehen, daß eine neue Eiszeit die Erde und unsere gesamte Kultur bedroht. Demgegenüber betonte Bölsche, daß die Menschheit den Anforderungen, die eine etwaig« neue Eiszeit an sie stellen würde, durchaus gewachsen wäre. Die Eiszeit der Diluvialzeit, au deren, letzten und schwächsten Ausgang wir selbst noch leben. war nicht'durch die Vereisung weiter Gebiete gekennzeichnet, sondern vor allein auch durch Nässe, durch ein feuchtes.Klima in den von der Vereisung nicht ergriffenen weit größeren wärmeren Gebieten der Erde. Aber sehr nachdrücklich hob Bölsche hervor, daß alle Theorien über eine bevorstehende Eiszeit reine Phantasiegebilde ohne jeden wissenschaftlich haltbam, Untergrund sind. Freilich mag der erhöhte Vulkanismus und die erhöhte Bebentätigkeit der Erde eine neue geo- logische Epoche ankündigen, in der durch neue Faltungen der Erd- rinde neue Hochgebirge entstehen. Vielleicht wölbt sich ein neuer .Kordillerenzug von Slmerika nach Ostasien empor, da ja der Meeres- boden des Stillen Ozeans, der sich früher senkte, gegenwärtig in Hebung begriffen zu sein scheint. Auch eine Klimaänderung würde uns dann bevorstehen, aber doch wohl nur in den, Sinne, daß das Klima sich wieder demjenigen annäherte, das vor der diluvialen Eiszeit bestand. Vieles Klima— das lehren alle Erfahrungen und Funde der Geologen— umgab die ganze Erde gleichmäßig mit feuchter Wärme, bei der die üppigste Vegetation gedieh. In, südlichen Frankreich und M Deutschland wuchsen Palmen oller Art, in Sibirien und an den Polen fand das Mammut reichliche Nahrung. Dieses paradiesische Klima der Tertiär- zeit scheint sogar das Normalklima der Erde zu sein, das auch vor dein Tertiär schon geherrscht hat und nur durch die Eiszeit des Diluviums unterbrochen wurde Wenn uns auch die Ursachen solchen Klimas unbekannt sind, können wir doch beim Anbruch einer neuen geologischen Epoche mit hoher Wahrscheinlichkeit seine Wiederkehr ann.-hmcn. Die Natur ist»nn ein einheitlicher Organismus, deshalb kann es sich nicht nur um ein« Umgestaltung der äußeren Verhältnisse han- deln. auch die geistige Versossung der Menschhell muß sich in ent- sprechender Weife linbern, nicht in langsamer Entwicklung von Jahr- lausenden und Iahrmillnrnen, sondern durch«rhältgi-mäßig kurz. nachlässigt und nicht immer oerstanden, den berechtigten Ge- fühlen, dem Zorn und den Leidenschaften der Massen in unse- rem Auftreten einen genügenden Ausdruck zu geben. Immer mehr spüren wir in unseren Organisationen ein neues reges Leben. Wir müssen alles Lebendige bei uns fördern und un- ermüdlich an der Vertiefung und Vergeistigung unserer Be- wegung arbeiten, aber auch diesem neuen Leben, dem geifti- gen Ringen in unseren Reihen, unseren ideellen Bestrebun- gen, der Treue unserer Alten und dem Schwung unserer prachtvollen Jugend mehr als bisher die Möglichkeit geben, nach außen zu wirken. Wir dürfen nicht zu bescheiden und zurückhaltend bei den Berichten über unsere Leistungen sein und vielmehr für die Popularisierung dieser Leistungen sor- gen. Ueber jeden kleinen Fehler, den wir begehen, schreien alle unsere Gegner, unseren größten Verdiensten müßten wir selbst erst Anerkennung verschaffen. Klar soll vor aller Augen das Große stehen, das durch unseren Kampf erreicht, klar aber auch das, was durch den Kampf der oereinigten Proletarier jedes Landes und aller Länder zu erreichen ist. Wieder und wieder müssen wir an die Arbeiterschaft den Ruf zur Einigkeit richten:„Proletarier, wollt Ihr frei werden, so erhebt euch aus eurem Schlaf und schließt euch f e st aneinander!"> Selbst die kaiholischen Arbeiter. Mit der Vürgerblockpolitik unzufrieden. Essen, 7. November. J,i C s s e B o r b e ck sprach auf der Herbst-Delcgiericntagung der katholischen Arbeiter- und Knappenvcreine der Bergorbeiter- führer Abgeordneter In, b Usch über dos Thema„Arbeiter und sozialer Volks st aa t". Als Niederschlag der Besprechun- gen wurde eine Entschließung angenommen, in der es u. a. heißt: Die Vertreter der katholischen Arbeiterschaft Essen legen erneut das Bekenntnis zum sozialen und demokratischen Volksstaot ab, wie er in der deutschen Reichsversasjung verankert ist. Di« Delegierten fordern volle Glei6>berechtigung der Arbeiter in Staat und Wirtschost. Die Delegierten rufen zur energischen Abwehr gegen den Ansturm der Reaktion aus. Leitmotiv jeder Staats- und Wirtschaftspolitik müsse die soziale Gerechtigkeit sein: „Weshalb verlangen wir in erster Linie Schutz für die wirtschaftlich Schwachen, eine von sozialem Geist getra- gene Wirtschafts- und Steuerpolitik, sowie eine entschlossene Fortsetzung der Sozialpolitik. Der Delegiertentag er- kennt die Notwendigkeit einer gerechte» Besoldung der öffenttiche» Beamten an, soweit Wirtschost und Staat sie tragen können, be- möngelt aber, daß gegenüber der geplanten Besoldungsreform, die eine jährlich« Mehrbelastung der Volksgesamtheit von jährlich 1,5 Milliarden mit sich bringi, die Grundsätze der sozialen Gerech- tigkeit anderen sozial bedrängten Kreisen gegenüber nicht genügend gewahrt werden. Der notleidenden Arbeiterschaft muß i n erster Linie Gerechtigkeit widerfahren. Am brennendsten ist gegenwärtig für die Arbeiterschaft die Lohnsrage. Die jetzigen Löhne reichen zum Lebensunterhalt bei weitem nicht au», darum fordern wir eine erhebliche Steigerung des Reallohnes und«ine besondere Berücksichtigung der im Lohn stark zurückgebliebenen Gruppen." Die katholischen Arbeitervereine stehen zu den christlichen Ge- w c r k s ch a f t c n noch in einer gewissen Reserve. Wenn sie dennoch ihrer Unzufriedenheit mit der Bürgerblockpolitik des Zentrums solch unmißoerftändllchen Ausdruck geben, damr ist dies eine Bestätigung dafür, daß wir uns mit der Be k ä m p- fung des Bürgerblocks auf dem besten Weg« befinden. Tierarziliche Siandesehre. Ein„Eifenbahnausschuß" überstimmt bie Preußenregierung Der bevölkerungspolitische Ausschuß des Landtags beriet am 3. und 4. November den Entwurf eines Gesetzes über die t i e r- ärztliche Berussvertretung(Tierärztekammer) und die tierärztlichen Standesgerichte. Der Bertchterstotter Dr. dauernde Mutation(Aenderung). Diese gewandelte Menschheit wird in ganz anderer Weise wie wir intuitiver Erkenntnisse sähig sein. Den kommenden geologischen Ereignisien kann die Menschheit also mit Ruhe entgegensehen, sie werden nicht Untergnng bedeuten, son- dcrn Ausstieg. Dr. Vt. Gastspiel Roselle Andoy. Rosette A n d a y. die erst vor wenigen Tagen als Azucena im„Troubadour" Aufsehen gemacht hatte, gastierte jetzt zun, zweiten Mal« in der Städtischen Oper, als Amnerb in B c r di s„A i d a". Die Wiener Altistin ist ein« Vollbluttünstlerin, wie wir deren nicht allzu viele kennen. Ein« Prachtstimme von bezwingender Klangfüll«, besonders in Tief« und Mittellage ausgeglichen und registerreich, in der Höhe leicht ein wonig flackrig zwar(was schwerlich zu beseitigen wäre), und ein« Darstellung aus natürlichster Entfaltung der in der herrlichen Partie gegebenen Affekte: ein künstlerisches Ganzes also von weit überragender Wirkung und Bedeutung. Und es wäre wohl zu wünschen, daß es gelänge, die Anday zum mindesten für einen ausgiebigen Gastspielvertrag zu gewinnen. Herr O e h m a n sang zum en'ten Male in dieser Spielzeit den Radames: er setzt« die große Arie peinlicherweife zu tief an. schleppte auch zunächst: später sang er sich frei und ließ im Nilakt an vollem Aufgebot seiner an sich schönen Stimme nichts zu wünschen übrig. Nach der darstelle- rischen Seite ist diescr Radames freilich leeres Theater. Die warm- blütige, stimmlich aus ansanglicher Unbesonderheit kräftig emporsteigend« Aida der Frau Heltai könnt« noch viel n>«hr sein, legte die Künstlerin den größten Wert auf Aussprache und Deklamation. Im übrigen nahm die von Robert D e n z l e r im Orchester oft allzu robust gehaltene Vorstellung den Verlauf einer guten Durch- schnittsaufführung. H. T. Der Berliner Uthmann-Ehor, vereinigt mit dem Sängerchor W c d d i n g, hatte zu einem Konzert im Soalbou Friedrichshain eingeladen. Das Programm dieses Abends war besonders kunstvoll und recht gelungen ausgebaut. Es gab«inen Ucberdlick über die musitalische Einstellung der Männerchöre in den letzten Jahrzehnten. Mit Vinzenz Lachner etwas pathetischer„Hymne an die Musik" be- gan» die Aufführung. Es folgte ein zweiter lyrischer Männerchor: Thuilles„Hymne an die Nacht". Zwei romantische Ehörc und zwei Balladen schlössen sich an. darunter Hegors tlanggewaltigee, viel gesungenes„Totenvolk". Di« treffliche Aufführung dieser anspruchs- vollen Ballade bewies vielleicht am deutlichsten die Fähigkeiten des Chors, dessen tüchtige Sänger auch über eine ausgezeichnete mufi- kalische Schulung verfügen. Diesen Kompositionen, di« all« wenig oder mehr dem Geschmack des Gestern entstammen, schlössen sich zwei mittelalterliche Volkslieder an. Die melodische Schlichtheit dieser Weisen ist nicht gealtert. Sie wirkt heute so gesühlsecht wie vor fünfhundert Iahren. Der lebhaft« Beifall der Zuschauer galt dem Chor und seinem Dirigenten Siegfried Günther. Zur musikall- schcn Mitwirkung hatte sich der Chor Frau Prosessor Laura .kielsing-Lafont(Violine) und Professor Julius D a h l t e (Klavier) verschrieben, zwei Meister auf ihren Instrumenten. Stür- Mischer Jubel folgt« ihren Darbietungen und nötigte den beiden Kunstlern Zugaben ab. E— z. ÜB e st e r(Z.) führte aus. daß eine Standesocrkretuny für die Tier. arzte ebenso notwendig sei wie für die übrigen Aerzte. Der Entwurf sei daher an die Bestiinmungeu des Aerztekommevgcsctzes anzn- gleichen. Der Redner der Sozialdemokraten erklärt« sich gegen«ine besondere Standesvertretung der Akademiker, solange nicht auch andere ÜKerufe die gleichen Rechte erhielten. Die sozial- deinokratlsch« Fraktion sei aber bereit, an dem Gesetz mitzuarbeiten. In gleichem Sinne äußerten sich auch der Redner der Demokraten und der der Komniuniite». Die Mitarbeit erwies sich aber als überflüssig, denn die Rechtsparteien hatten gut vorgearbeitet. Sie bildeien mit dem Zen» trum eine sichere Mehrheit für alle ihre Anträge. Wie Herr Dr. Wester ausplauderte, hatten sich Vertreter der drei Parteien „zufällig" im Eisenbahnzug getrost«» und dabei Einigung über ihre Anträge erzielt.„Zufällig" waren diese Vertreter olle drei Aerzte. Sie stellten sich dabei unter die Führung der deutschnationolen Frei- fron von Watter. An der geschlossenen Front der Rechtsparteien und des Jentrums prallten alle Einwendungen der Regierung� Vertreter und der anderen Parteien ab. Nur einmal, als Frau ÜVatter die Beseitigung des Verhältniswohlsystems ans dem Entwurf verlangte, verfiel der„E i s e n b a h n a u s j ch u ß"— ja wurde die neue Koalition scherzhaft bezeichnet— auseinander. Nach dem Entwurf sind die zu bildenden Tierärztekammen» Körperschaften des östentlichen Rechts mit Selbstverwaltung. Alle Bestimmungen, die eine Mitwirkung des zuständigen M i n i st e- r i u m s vorsahen, wurden gestrichen. Das gleiche wurde bei dem Standesgericht beschlossen. Da die Herrschasten einmal im Zug« waren, wurde auch der 8 75 gestrichen, der dem Staatsniinisterium das Recht geben wollte, Strafen, die der Standesgerichtshof verq hängt hat, im Gnadenwege zu mildern oder zu erlassen. Alles in allem ist rasche Arbeit geleistet worden. Die 92 Para- graphen wurde» in zwei Sitzungen so gründlich umgeändert, daß von d-mi Regierungsentwurs nicht viel übrig blieb. üBa? sagt der Zentruinsmimster Steiger zu dieser Minier. arbeil seiner Parteifreunde? Republikfeier in Wien. ?lingstraßenkundgebung der Slrbeiterschast. Wien. 7. November.(Eigenbericht.?> Der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Wiens ruft zu einer Kundgebung am 12. November, dem Staatsfeiertag der Repu. blit. auf. Ein gewaltiger Aufmarsch über die Ringstraße soll in An. betracht der faschistischen Rüstungen und der herausfordernden Re« gierungspolitik für die Republik des arbeitenden Voltes demonstrieren. Horihy-Beihlens Koffuih-Schwindel. Gegenkundgebung in Aew �ork. New Port, 7. November. 1 Bei der Grundsteinlegung zu einein Kajsuth-Denkmal versuchten ungarische Arbeiter Zirkulare mit der Austchrift„Nieder mit Horthy" zu verteilen. Während eines zeitweiligen Faust- t a m p s e s zwischen der Polizei und Demonstranten mußte der Senator Copeland seine Rede unterbrechen, bis di« Störcr entfernt waren. Sie setzten ihre Demonstrationen aus der Ferne fort. ch- Eine sozialdemokratische Kundgebung in B u d a p e st gegen die Schändung des Andenkens Kosiuths durch seine Rcklamierung für\ das herrschende Ungarn von heute wurde verboten. Demokratische Sandidatenoufstellungen. Der Parteitag der Deutschen Demokratischen Partei für den Wohlkreis Potsdam I hat auf seiner am Sonntag abgehaltenen Tagung einstimmig durch Zu- ruf den Chefredakteur der„Vossischen Zeitung", Georg Bern- h a r d, als demokratischen Spitzenkandidaten zum Reichstag für den Wahlbezirk Potsdam I ausgestellt.— Erster Kandidat auf der Land- tagsliste ist der Abg. Riedel, der bisher für den Kreis Frank- fürt a. d. O. gewählt war. Kamerastudien. Amerika und Europa in Photographien. Im Lichthof des Kunstgewerbemuseums sind„Kamera- studien" von E. O. Hoppe, London, ausgestellt, die in über zwei- hundert Blättern di« Vereinigten Staaten und Europa photographilch schildern. Beglückt erlebt man diesen geographischen An- schauungsunterricht. Liebevoll hat Hoppe allen Landschaften ihr Charakteristisches abgewonnen— obgleich er durchaus als Kunst- photograph reiste und nicht als üVeltenbummler. Seine Bilder sind nie wie zufällig ausgenommen, sondern immer sorgsam vor das Auge der Kamera gebracht. Aber die Absicht,„malerische" Photographieil zu erzielen, führte, soweit man es beurteilen kann, kaum je dazu, di« Eigenart einer Landschaft zu mißachten. Der größte Teil der Bilder zeigt die Vereinigten Staaten. Hopp« hat sie kreuz und quer mit seiner Kamera durchforscht. Er stellt di« ruhige Weite der Landschaft neben das Fiebertempo der Wolken. krotzerftadt, die sonnenklar« Luft Kaliforniens und der Südstoaten neben di« feuchtigkeitssattere des Nörtens, neben die rauchdunstige großer Fabrikkomplexe. Man sieht die Filmstadt Hollywood. Abends in einem Lichtmecr, das riesigen Filmpalästen in den verschiedensten Stilarten cntströml— bei Sonnenaufgang sehr neu, sehr nüchtern. Einiges von den Wundern des Pellowstone-Parks ist im Bild« fest- gehalten, darunter ein phantastisch schöner Ausbruch des Old Faith- ful, des größten Geysirs in diesem Gebiet. Am stärksten aber zeigt die Photographie von den Niagorafällen, daß Hopp« mit den Augen eines Dichters zu sehen weiß. Wie lichter Durst stäubt es über dos ganz« Bild, auf dem nur Andeutungen des Felsens in kleinen dunklen Flecken sichtbar werden. Es scheint ein Traum von einem üDasicrsall, nicht eine Wirklichkeit. Auch die Technik hat es Hopp« angetan. Er photographicrt die großen Fabriken und die Silhouetten großer Fabrikstädt«, die von Rauch, Schornsteinen und Gasometern geformt werden. Aber ihn lockt hier auch das charakteristische Detail, das er mit unerhörter photographischer Kunst festzuhalten weiß. Riesige Schornsteine, die nicht parallel zueinander stehen, sondern beängstigend in der Höh« zusammenzustreben scheinen, werden in«in Bild gebannt. Ein glühender Eisenblock leuchtct gespenstisch im Düster eines Stahl- Hammers. Auch aus den meisten Staaten Europas zeigt Hopp« Auf- nahmen. Die Schilderung kann hier nur eine schwache Vorstellung wecken. Man muß di« Bilder sehen. Und da der Eintritt in diese Ausstellung(täglich von 9 bis Z Uhr, außer Montags, geöffnet) u n- entgeltlich ist, so kann man sie auch sehen. T. E. S ch u l z. Di« Alfred-Klaar-Anekdote. die Sonnabend erzählt wurde, hat wie uns von authentischer Seite mitgeteilt wird— einen kleinen Schönheitsfehler: sie ist nicht wahr. Der Altmeister der Berliner Theaterkritik kam damals schon lange nicht mehr als Feuilleton» redakteur in seine Zeitung. Aber Anekdoten brauchen nicht wahr, sie müssen nur charakteristisch sein. Und auch da fehlt unserer Anck- tot« eine Kleinigkeit. Ae hätte sonst berichten müssen, wie A. Kl. seinen eigenen Nachruf aufs doppelte unckornaierte, nicht aus Eitel, jeit etwa, sondern in angeborener Gewigenhopigkeit Snchtrene, Deutschnationale Wandlung. Nach dem Briefwechsel mit dem BeparationSagenten. Einst war der Dawes-Plan für die Deutschnationalen der Schrecken aller Schrecken. Hier ist das F o r t i s s i m o ihres leidenschaftlichen Protestes gegen den Dawes-Plan: „Wie ein Hund, der die peitsche apportiert. mit der er bestraft werden soll, muß also die deutsche Wirtschaft die Mittel beibringen, um den Gläubigerstaaten unter Führijng der Reporationskommission eine Kapitalmncht von beispiellosem Ausmaß in die Hönde zu spielen, mit der sie die gesamte deutsche Wirtschast, soweit sie ihnen noch nicht durch die Eisenbahn und die Währung unterworfen ist, beherrschen, übersremdcn, vollends in die Hände des jüdisch-inter nationale ii Großkapitals bringen können. Alle finanziellen und politischen Opfer, die das Gutachten uns onsinnt, fließen in das hohle Faß des Reparalionswahnfinns. dienen nur zur weiteren Versklavung, sind Erfüllungspolitik im schlimmsten Sinne des Wortes, nicht Besreiungspolitik. Das Gut- c'ten stellt uns vor ein zweites Berfailles"(Graf Westarp in der„Kreuz-Zeitung" am 19. April 1924.) „Ein grauenvolleres Elend, als Deutschland durch die Zustim- »nung zu derart wahnwihigen Vorschlägen auf sich laixn würde, ist nicht denkbar. Ihnen gegenüber kann es nur heißen:„Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende."(„Deutsche Tageszeitung" vom 10. April 1924.) Inzwischen haben die Deutschnationalen am 28. August 1924 dem Dawes-Plan zugestimmt, haben beim Eintritt in die Regierung Rechtsgültigkeit und Verfassungsmäßigkeit der Dawesgesetze anerkannt und bemühen sich um die loyale Durchführung. Das Schreiben des Reparationsagenten ist eine psychologische Belastung für empfindliches National- gefühl, aber aus dem Fortiffimo der„nationalen Opposition" ist ein Pianissimo der Regierungspartei geworden: „Denn bei allem Versuch, nur wirtschaftlich« und finanziell« Anstände zu machen, sieht doch der scharfe Hinweis und di« Kritk an noch zur Beratung stehenden Geseßesvorlogen der Reichsregierung durch P. Gilbert einem Eingriff in die Souveränität des Reiches sehr ähnlich. Die Absicht, einen Druck auf die Regelung unserer inneren Verhältnisse auszuüben, um daraus erwachsende össentliche Auswendungen im Interesse der Sicherheit der Reparationszahlungen zu verhindern, ist zweifellos gegeben."(„Kreuzzeitung" vom 6. November 1927.) „Bei aller inneren Auflehnung, die der Brief des Reparations- agenten Parker Gilbert wohl in jedem guten Deutschen erweckt, und trotz des Gefühls, daß uns hier die Abhängigkeit Deutschlands von fremden Mächten mit einer in den letzten Jahren verhältnismäßig selten erlebten Schärf« vor Augen geführt wird, kann man die große Aussprache zwischen dem Reparations- agenten und der Reichsregierung in gewissem Sinne doch als den Versuch zu der überaus notweydigen Klärung unserer Finanz- und Wirtschastsverhältnisse b e g r ü he n." („Deutsche Tageszeitung" vom b. November 1927.) Wo bleibt der die Peitsche apportierende Hund, wo die Sklavenketten und dos Ende mit Schrecken? Dcutschnationoles Nationalgefühl ist wie ein Lautsprecher, der nach Bedarf laut und leise gedreht wird. Was sie wirklich wollen, das bleibt sich immer gleich: „Es genügt ober nicht, der Regierung Vorwurfe zu machen; das ganze deutsche Volk ist schuld, daß es soweit kommen mußte. Aus dem arbeitsamen und fleißigen deutschen Volk ist durch die Löhne ein Volk geworden, das bei möglichst geringer Arbeit möglichst viel verdienen will, um dieses leicht oerdiente Geld leichtsinnig ausgeben zu können. Es wird auch höchste Zeit, daß man von der lleherspannung der Sozialpolitik endlich abrückt und diese krankhafte Entartung ab- stoppt. Uebcrtriebene Sozialpolitik sördert di« Auslese des Mittel- Die Indianer kehren zu ihren alten Göttern zurück. Die Indianer der Stammesgemeinschast der„Sechs Nationen" sind in aller Form zu ihrer alten Religion.zurückgekehrt und hoben sich osiiziell von Kreuz und Christentum abgewindt. Diese Ankündigung erfolgte durch die Abgesandte» eines jeden der Stämme, die kürzlich eine Meile von Eaughanawada zu einer zweitägigen Sitzung ver- sammelt waren. Am Schlüsse wurde ein« religiös« Zeremonie oh- gehalten, zu Ruhm und Preis der Gitchee, Manitu und oll der anderen indianischen Gottheiten, deren Namen man in Longsellows „8cmx of Hiawafha" nachlesen kann„Der weiße Mann hat uns nichts weiter als den Teufel gebracht," erklärt« einer der Delegierten einen Berichterstatter.„Er hat uns unser« Freiheit, unserer Bor- rechte und unserer Selbständigtest beraubt Was er uns dafür braclste, ist nicht der Rede wert. Wir wollen ogu seiner Religion nichts wissen, verlangen vielmehr, daß unser Indianervolt sein« eigene Religion und seine eigenen Götter behält." Di« Häuptlinge verlasen aus der Versammlung lange Boischasten in der Indianer- spräche, denen die Menge gesvannt lauschte. Während der Ver- lesung verfiel die Frau eines Häuptlings in Trance und murmelte seltsame und unzusammenhängend« Worte.«Viele Frauen weinten und schluchzten laut, während die Delegierten versicherten, daß der aroß« Geist durch dos Medium der Häuptlingsfrou zu seinein Volke spreche, und die Mahnuna an sie richte, zu ihren alten Göltern zurückzukehren. Di« Stämme, die aui der Versammlung vertreten waren, waren die Mohawk, Mohowk-Iroquois. Oneida, Onandadas, Cayuga. Senecos und di« Tuzcaroras-Indianer. Aber auch die in den westlich von New York gelegenen Staaten und. in verschiedenen kanadischen Gebieten lebenden Stämme waren durch ihre Häuptlinge vertreten, von �enen eine An�ihl sich weigerte. den Berichterstattern ihre Namen zu nennen. Die Arbeikaplänc Rudolfs von Laban in Berlin. Das Cborep. graphische Institut Laban wird noch seiner jetzt erfolgten Uebersied- lung von Würzburg noch Berlin seine Arbeit auf der Grundlage des früheren Programms weiterführen, mit dem Ziel des Aufbaues einer neuen Tanzästhetit und Tanzlehrc. Es umfaß! zwei Abteilungen: der wisicnschafilichen Abteilung, di« sich mit der Erforschung der choreologischen Gesetze, dem Ausbau der Tanzschrist und dem Auf- schreiben alter und neuer Tanzwerke beschäftigt, sind Ausbildung-. klasien für Ton.zschreiber und Ehoreologcn angeschlossen. Die praktische Abteilung umfaßt Ausbildungsklasien für Tänzer und Bewc- aungslehrcr. Ferner ist das Institut der Keim der„Tanzbühno Laban". In der Leitung stehen Rudolf von Laban zur Seite Dussia Lereska. Ruth Loeszcr und Gertrud Snell. kmiflchrovik. Die Matthiescn veranstaltet eine um- fassende AuSllellung von Berten Eduard HR«« et«, deren Eröffnung für den I.Februar 1928 in ihren Räumen vorgesehen ist. Die AuSllellung wird die sich in deutsche» Museum« und Privatbesitz bindenden«erke dc« Meister« vereinen und au« französischen Museen und privaten Sammler- kreisen wcsenlllch« Bereicherung erfahren. Friedrich Möst liest im Saal der R-icherlchen Hochschule für Dramalisch- Kunst. Berlin S. 15, Fasanenstr. 38, Mittwoch 8 Uhr. Geschichten von Hans Franck. Frank fiartl» hält den letzten seiner Berliner Borträge heute adcnd 8 Uhr im Blüthnersaal über da« Thema:.Front Harri« über Frank Harri v. Für den deutschen Einheitsstaat! Entschließung des Republikanischen Reichsbundes. Unter dem Vorsitz des Oberbürgermeisters Dr. Luppe-Nürnberg fand am Sonntag in Berlin eine stark besuchte Reichskonserenz des Deutschen Republikanischen Rcichsbundes statt. Der Vorsitzende Oberbürgerincister Dr. Luppe hob in einer Einleitungeansprach« hervor, daß durch die Reichsführertagung des Republikanischen Reichsbundes über den Einheitsstaat ein« wichtige und wir- kungsvolle Arbeit für di« Republik geleistet worden sei. Cr wies besonders auf die Verhandlungen des Deutschen Stödtelages und di« Resolutionen großer Wirtschostsvcrbände hin, die bewiesen, wie stark die Notwendigkeit der Vereinheitlichung des Derwal- tungswesens schon allgemein anerkannt werde. Der Reichsgeschästsführer, Bürgermeister a. D. H e ß l e i n, er- statl«t« den Bericht über Organisationssragen, die sich aus der lieber« siedlung der Reichsgeschästsstelle aus Frankfurt a. M. nach Berlin ergeben haben. Die Arbeit für di« geistige Vertiesung des Wci< marer Gedankens müsse der Republikanische Reichsbund fortsetzen und noch erweitern. Der Republikanische R«ichsbund fei feit der letzten Reichskonserenz sowohl an Ortsgruppen als an Mitglstdern gewachsen. Zum Schluß einer eingehenden Aussprache wurde einstimniig folgende Resolution angenommen: „Die Reichskonfer«nz des Deutschen Republikanischen Reichs- bundcs begrüßt den großen Fortschritt, den der Gedanke des E i n h e i t s st a a t e s seit der im vorigen Jahre abgehaltenen Reichstagung des Deutschen Republikanischen Rcichsbundes g nommen hat. Tie Entwicklung der Verhältnisse hat auch weiterhin bemiesen, daß nur die Beseitigung der Ueberorgani- s a t i o n der Verwaltung eine Befreiung von vielfacher Steuerlast siiipie die Verwendung von Staatsgeldern im sparsamsten und Wirt- schaftlich am meisten nutzbringenden Sinne verspricht. Den von den Gegnern der Republik vielfach geübtsn gesellschaftlichen Boykott wollen wir durch den Zusammenschluß der Republikaner allerorts ciitgcgenwirk«n. Von der Beamtenschaft«rwarten wir wegen ihrer beson- der? verantwortungsvollen Verbindung mit der deutschen Republik und ihrer Verfassung ein rückhaltlos«? und offenes Eintreten für den Staat. Stootsämter sind nur verfassungstreuen und der Republik «rgebenen Männern und Frauen anzuvertrauen. Von Reichsregierung, Reichsrat und Parteien fordern wir die baldige Festlegung des Verfassungstages als N a t i o n a l f e i e r- tag. Tie Reichskonferenz begrüßt zur Flaggenfrag« den Vorschlag der Vereinigung Republikanisch« Presse und fordert, daß überall unsere Flagge Schwarzrotgold als Hoheitszeichen gezeigt wird. Die kon, inenden Wahlen«rsordern stärkste Aktivität und Zu- sommenschluß oller republikanische» Organisationen, Männer und Frauen in Stadt und Land, um eine wahrhaft republikanische, den sozialen deutschen Volksstaat ernst bejahende Volksvertretung zu schaffen." mäßigen und sclfcjnt uns kein Zeichen eines wieder gesundenden Volkes zu sein. Schluß mit diesen Dingen" („Hamburger Nachrichten" vom 6. November.) „Auch der produktive Charakter der deutschen-Sozial- Politik wird von der Regierung, in Veanwortung der Aus- ftellungen des Reparationsagenten an der Höhe der sozialen Be- lastung, sehr stark unterstrichen. In Sir Tat besteht ja auch gerade in Deutschland über den produktiven Wert einer veriiünftigen Sozialpolitik kaum Meimingsverschiedenheit: wohl aber über die Mittel und die Grenzen, deren Berücksichtigung«ine tatsächlich zur Stärkung, nicht ober zur Schwächung der Produktion führende Sozialpolitik erfordert." („Deutsche Tageszeitung" vom 6. November.) Die„nationale Bewegung" von 1924 war Demagogie, die die Deutschnationalen zur Macht bringen sollte. Heute sind sie in der Macht. Der Brief des Reparationsagenten ist für sie nicht ein Gegenstand leidenschaftlichen Protestes, son- dern eine Gelegenheit zur Bedrückung des deutschen arbeiten» den Volkes: Schluß mit der Sozialpolitik! Das Echo im Ausland. Wie zu erwarten war, hat der Notenwechsel Gilbert-Kvhler im Ausland, vor allem in England, Frankreich und Amerika, starken Widerhall gefunden. Dos Gilbertschc Dokument wird sehr ausführlich, z. T. sogar wörtlich wiedergegeben, die Köhlersche Ant» wort meist nur in kurzen Auszügen. Die„Time s" holten die Kritiken des Reparotionsagenten für berechtigt, die Antwort des Reichssinonznünisters hingegen für wenig überzeugend. Die Pariser Presse erklärt fast einmütig die Note Gilberts für «ine„h e i I s a m« W a r n u n g". Die Linkspresse meint, die Debatte werde weitergehen und das große Problem der Durchführbarkeit de? Dowcs-Plans früher oder später wieder auftauchen, zumal in Per- bindung mit der Frage der interalliierten Schulden. Amerikanische Pressestimmen liegen noch nicht vor, weil bisher nur die Sonntagsblätter die Dokumente veröffentlichcn konmen. Aus den Ueberschristen geht allerdings die Tendenz hervor. sich mit de» Kritiken des Reparationsogenten zu solidarisieren, während Köhlers Gegenargumente kaum Beachtung finden. Die Börse ist besorgt! In Bankkreiscn versuchte man, an der heuiigen Börse zwar geflissentlich die politische Situation als geklärt hinzustellen, doch verwies die Börse auf das ungünstige Weltecho wegen der deutschen Antwort. Man ist daher außerordentlich zurück- haltend, die Geschäftstätigkeit ist gleich Null. Das durch einige Zwangsverkäufe herauskommende Effettenmotcrial genügt, um empfindlich auf die Kurse zu drücken. Hinzu kommt, daß be- sonders günstige Anregungen aus der Wirtschaft auch nicht vor- liegen, vielmehr ist die immer breiter werdende Diskussion über die Lage des Stohltrufts geeignet, weitere Kreis« kopsscheu und nervös zu machen. Gozialdemokraiie und Gowjeh'ubitamn Sine Rede Otto Bauers. wie«. 7. November. In einer der beiden Volksversammlungen, di« die Sozialdemo- kratische Partei mit der Tagesordnung„Zehn Jahr« Sowjetruß- land" eiilberufcn hatte, sprach Abg. Dr. O t t o B a u e r. Er führte aus. es sei für die Sozialdemokratie in West- und Mitteleuropa nicht leicht, die russische Revolution lichtig zu würdigen und den richtigen Standpunkt eiiizunchmc», und zwar deshalb, weil die russisch« Revolution zu Spaltungen der Arbeiterbewegung in mehreren Ländern geführt habe. Wenn Teile der Arbeiterschaft fragten, warum das, was in Rußland möglich gewesen sei, anderswo nicht gehen sollte, so hätten sie nicht ver standen, was in Rußland vorgegangen sei. In Rußland, so sagte der Redner, ist die Bauernschaft mit der Arbeiterklasse verbunden. Hier ist sie «ine Stütze der Bourgeoisie. Dos ist ein Unterschied, der die Tor- heit derjenige» illustriert, die meinen, daß man das kopieren könne, was in Rußland geschehen ist. Der Redner wandt« sich dann gegen den in Rußland herrschenden Terror und gegen die Gewalt. maßnahmen der Diktatoren und erklärt«, daß diese, System eine Verständigung besonder» erschwere. Es liegt etwas Tragisches darin, sagte der Redner, daß wir Vorbehalte machen müsseit und heute bei dem Fest in Moskau nicht dabei sein können. Es liegt etwas Tragisches in dein Verhättnis zwischen der sozio- listischen Internationale und der russischen Revolution. Wir können. wollen und müssen daran arbeiten, daß dieses tragische Ver, hältnis überwunden wird. Wir werden daran orbetten müssen, daß die europäische Arbeiterklasse bei oller Erkenntnis, daß sie nicht russischen Methoden übernehmen kann, doch versteh«, welch gewaltiger Besitz des Proletariats die Tatsache ist, daß sich die Sonjjetrepiibtik zehn Jahre halten konnte. Wir haben die Aufgabe. die Sowjetrepublik gegen jede» Ansturm des Kapitalismus zu ver- teidigcn. Sicher ist, daß einmal der Tag kommen wird, wo das nissische Prolctariat mit dem übrigen Proletariat ohne Vor- behalte verbunden sein wird, wo beide Teile die Notwen- digkeit erkennen, daß der ein« einen anderen Weg gehen muß als der andere, ober beide vereint und mit gleichen Zielen. Die Keier in Moskau. Moskau, 7. November. Die Feier des Zehnjahrestages der Oktoberrevolution begann mit einer Festsitzung der Moskauer Sowjets unter Teilnahme der Regierungsmitglieder und ausländischen Delegationen in dem fest» sich geschmückten Großen Theater. Unter den Ehrengästen sah man greise Teilnehmer der Pariser Kommune. Ansprachen hielten noineiis der Aommunistischen Partei Buchann, namens der ausländischen Delegationen Henri Barbusse, ferner Saklatvala, Klara Zetkin, Baillaut-Couturier u. a. Besondere Beifallstund» gebungcn löste die Rede des 82i ährigen Anton Gay, eines Pariser Kommunekämpfers von 1871, aus, der Evisoden aus diesem Kampfe schilderte. Die Amnestie. Moekau, 7. November. K r y l e n l o, der erst« Gehilse des Staatsanwalts der Rcpu» blit, erklärte in einer Unterredung, daß die Ausnahme, welche for- mell für aktive Mitglieder politischer Parteien gemacht wird, die den Sturz der Sowjetordnuiig anstreben, in der Praxis kaum je- wand tresfen werde. Im Sowjetsystem sei die letzte Instanz, die ein Todesurteil bestätigt, dos Präsidium de? Zentralexekutivkomitees der Sowjetunion. Es fei kaum anzunebmen, daß dies« höchste In- stanz in solchem Falle von ihrem Dcgnadigungsrcchl nicht Gebrauch machen würd�.. Tirpih und die Kreiheii. Doch die Batten hielten stand... Aus Stockholm berichtet die TU. über die General» Versammlung der dortigen deutsch-schwedischen Vereinigung, die In Gegenwart des Gesandten v. Noseuberg stattfand. Als Festredner hatte man sich v. T i r p i tz oerschrieben. Dieser prägte u. a.— laut III. den Satz: „Zu dem Deutschland aufgezwungenen Weltkrieg Hobe Deutschland für die Freiheit Europas gekämpf>." Man kann dem Architekten des Stockholmer Grand- Hotels, wo diese Versammlung stattfand, nur zu der Solidität seines Baues gratulieren. Denn dieser Satz bedeutet fast eine Rekordleistung des berühmten„Balkenbieaers". Daß die Entente für die Freiheit Europas gekämpft, wie sie be- hauptete, haben wir nie geglaubt, denn der Friedensvertrag hat zwar manchen Volksteilen die Freiheit gebracht, die sie nur durch eine Niederlage der Zentrolmächtc erlangen tonn- ten. aber anderen Volksteilei, wiederum eine Unfreiheit, die dem verkündeten Grundsatz des Selbstbestinjungsrechts der Völker Hohn spridst. Aber Deutschland, das w i l h e l m i- nisch? Deutschland? Wessen Freiheit erstrebte es im Welt- krieg? Etwa die Freiheit B e l g i e n s, die die Heeresleitung annektieren wollte, namentlich die Tirpitzianer wegen der „unentbehrlichen" flandrischen Küste? Oder die Freiheit der Polen, die man restlos annektieren wollte— man wußte nur nicht, an wen, ob an Oesterreich oder Preußen? Oder die Freiheit der Tschechen, der Slovcnen usw.? Oder auch nur die Freiheit des eigenen Volkes, dem man im führenden Bundesstaat Preußen die elemen- tarsten Bürgerrechte vorenthielt? So etwas kann man nur fchwarzweißroten Auslands- deutschen sowie schwedischen Konservativen erzählen, die be- kanntlich die rabiatesten Alldeutschen in ihren Reihen zählen. Ein schwimmender Sarg. principeffa Mafalda und Sowjetmacht. Die„Rote Fahne" feiert das Jubiläum>dcr Sowjetmacht mit einer symbolischen Zeichnung. Ein st o l z e s Schiff durchschneidet in großer Fahrt die Wogen des Ozeans. Messerscharf steigt der Bug steil auf, Hammer und Sichel wehen vom Vordersteocn, der die Inschrist trägt: 10 Jahre Sowjetmacht. Ein symbolisches Schiff, aber ein glückhaft Schiff? Schiffe, seien sie auch noch so stolz und mächtig, känneii aus Eis- berge, auf Felsen stoße», sie können iinierlich verroitct sein— wie die„Principeffa Mafalda". „Principcssa Mafalda": ein überaltertes, verrottetes Schiff, das kapitalistische Profitgier auf sein« letzt« Reise schickte.„Die„Prlnci- pessa Mafalda" war«in schwimmender Sarg"— so sagte die„Rote Fahne". Hunderte von armen Leuten, von Arbeitern sind in die Kata- strophe dieses Schiffes gerissen worden und untergegangen. Ist es Zufall oder Absicht? Da» symbolische Schiff der„Raken Aahne" ist eine bis in die Einzelheiten treue Wiedergabe einer unseren Lesern bekannten Photographie der„Mafalda". Die„Rote Fahne" Hot aus den Bug eines Wracks, eines fchiviin- wenden Sarges die Worte geschrieben: Zehn Jahr« Sowjetmacht Oer Ausschuß des LGR. in London. London. 7. Aovember. tEigenbericht.) Am kommenden Dienstag tritt in London der Bundesausschuh des Internationalen Gewerkschastsbundes zusammen, um in einer Reih« von wichtigen Iragen, wie die des Vorsitzenden des ZGL.. der Personensrage des Generalsekretärs, der Be- ftimmung des S i h e s des Gewerkschaslsbundes usw. Entscheidungen zu tressen. Der Generalrat der britischen Gewerkschaften wird aus diesen Gründen am Montag eine a u s> c r. ordentliche Sihung abhalten, um ein Memorandum zu bc- roten, dos ihm von seinem Internationalen Komitee vorgelegt worden ist und hinsichtlich der Lösung der kritischen Iragc der Person des Vorsihendcn des 3GB.. über welche es aus dem Pariser Internalio- nalen Songreh zu Meinungsverschiedenheiten zwischen den kontinentalen und britischen Gewerkschaften gekommen ist, Vorschläge zu machen. Die Giße der neuen Landesarbeitsnmier. Als Sitz für die neuen Landesarbeitsämter wurden folgende Städte bestimmt: 1. Königsberg für das Landesarbeitsamt Ostpreußen! 2. Breslau für Schlesien: Z. Berlin für Branden- bürg; 4. Stettin für Pommern: 3. H a m b u r g für Nordmark: ti. Hannover für Niedcrsachscn: 7. Dortmund für Westfalen: tt. Köln- für das Rheinland: S. Frankfurt a. M. für Hessen: Ist. Erfurt für Mitteldeutschland: 11. Stuttgart für Südwest- dcutschlund: 12. München für Bayern: 13. Dresden für das Landesarbe'karnt Sachsen. Gewerkfchastliche Taktik. Um die„Opposition" bei den Straßenbahnern. Der Berkehrsbund hotte zu Mittwoch abend nach den Sophien- fölen eine Bersammlung oller in den Verkehrsbetrieben Beschäftigten einberufen, soweit sie im Deutschen Verkehrsbund orga- nisiert fi'rd. Zweck der Bersammlung war, die letzten Manteltarif- bewegungen, hauptsächlich die der Straßenbahner, einmal kritisch zu betrachten. Der Bevollmächtigte, Genosse Ortmonn, untersuchte in seinem Referat, ob die Vorwürfe, die der Organisation und den Funktionären während und nach der Bewegung gemacht wurden, berechtigt waren oder nicht. So hat man daran Kritik geübt, daß die Organisation die Bewegung der Straßenbahner auf die Spitze getrieben und dann abgebrochen habe, anstatt den Kampf aufzunehmen. Die Organisation war und ist noch heut« der Auffassung, daß es richtig ist, eine Bewegung zu beenden, wenn man annehmen muß, daß durch einen opfcrvollen Streit nicht wesentlich mehr erreicht werden kann als durch Verhandlungen oder Schiedssprüche erreicht worden ist. Nicht zuletzt mußt« für diese Taktik aber auch das leider noch sehr schlechte Orgonifationsoerhältnis der Straßenbahner den Ausschlag geben. Die Organisation wird es sich auch noch überlegen, ob sie bei einer neuen Bewegung den Unorganisierten solche Rechte einräumen wird, wie sie es diesmal getan hat. Sie wird wohrschein- lich in Zukunft Bewegungen nur mit den Organi- sierten führen und nur diese an Abstimmungen teil- nehmen lassen, wie es in den anderen Organisationen auch üblich ist. Die Erfahrung Hot gelehrt, daß die Unorganisierten nach jeder Bewegung am meisten über die Organisation schimpfen, um weiter ihre Beiträge„sparen" zu können, ganz gleich, mit welchem Erfolg die Bewegung beendet wurde. �.'ZZie größten Vorwürfe werden den Führern der Bewegung aber deswegen gemacht, weil sie der Ve rbindlichkei4 serklärung des letzten Schiedsspruches nicht durch die P r o t l a- m icrung des Streiks zuvorgekommen seien. Fest steht, daß wenige Stunden nach Ausbruch des Streits die Vcrbindlichkeits- orklärung erfolgt wäre. Wie dann die Bewegung beendet worden wäre, wenn von ihrer Führung die Organisationen aus- geschaltet worden wären, wenn sie eventuell entgegen ihrer Ueberzeugung ihre Mitglieder zur Wiederaufnahme der Arbeit auf- fordern mußten, ist leicht vorauszusehen. Die besten und rührigsten Funktionäre und Mitglieder wären auf der Strecke geblieben und die jetzt wieder im Aufstieg begriffene gewerkschaftliche Straßenbohner- bewegung aus Jahrezurückgeworfen worden. Soweit darf es eine verantwortungsbewußte Orgayifationsleitung nicht kommen lassen. Wenn weiter behauptet wird, daß die Bewegung der Straßen- bahner mü„einem Fiasko" beendet worden fei, dann brauche man nur den früheren Manteltarif mit dem jetzigen zu vergleichen, um feststellen zu können, daß zwei Drittel der aufgestellten Forderungen durchgesetzt worden sind. Es fei unklug, überall auszuschreien, daß'die Organisation nichts taug«. Die Agitation unter den Unorganisierten werde dadurch nur erschwert. Wenn die Organisation wirklich nichts taugen würde, hätte sie wohl kaum im 3. Quartal in Berlin 4öv0 neue Mit- g l i e d c r und im Monat Oktober rund 2000 Mitglieder gewonnen. Es müßte weiterhin die Aufgabe der organisierten Verkehrs- arbeiter sein, an der Besserung des Organisationsverhältnisses mitzu- helfen, damit die nächsten Bewegungen mit noch größcrem Erfolge beendet werden können. In der Diskussion, die leider nicht immer sachlich war, wurde von den sogenannten.Oppositionellen" versucht, die Taktik der Organisation als verderblich hinzustellen. So versuchte besonders der Kommunist Dcter den brüchigen Faden der„Roten Fahne" weitcrzuspinnen und das Schlichtungswesen und besonders den „sozialdemokratischen" Schlichter Wissell und die sozialdemokratischen Gcwerkschastssührer in Grund und Boden zu verdammen. Genosse O r t m a n n wies in seinem Schlußwort diese Angriffe treffend zurück. Ein gegen die Sektionsleitung eingebrachter Mißtrauensantrag wurde mit großer Mehrheit abgelehnt. „Oer Lehrling braucht keinen Tariflohn." Eine Segenäußerung des Deutschen Handwerks- und Gewerbe- kammertages. Die in der Abendausgabe des„Vorwärts" vom 23. Oktober mit vorstehender lieberfchrift gebrachten Mitteilungen über die in einem vertraulichen Rundschreiben des Handwerts- und Gcwerbekammer- tagcs ausgesprochenen Absichten, gaben diesem Veranlassung zu einer längere» Zuschrift an uns. Wesentlich darin ist die Erklärung, daß das besprochene Rundschreiben am 22. September tat- sächlich herausgeschickt wurde und daß wir den Inhalt des Rundschreibens richtig wiedergegeben haben. Die von uns angefügten kritischen Ausführungen werden jehoch als „sachlich nicht gerechtfertigt" bezeichnet, welche Behauptung aus vier Schreibmoschinenseiten zu beweisen versucht wird. Es ist uns unmöglich, die gegnerischen Ausführungen wörtlich wiederzugeben oder auch nur auf alle darin ausgeworfenen Fragen hier einzugehen. Wir müssen uns auf folgendes beschränken: Die Zuschrift erklärt es als eine tendenziöse Auslegung des Rund- schreibens, wenn wir behaupteten, die Handwerkskammern sollten nach unserem Willen(dem Willen des Handwcrkskammcrtoges) aus- drücklich für den Zweck der Klage untertarifliche Lehrlingsentjchädi- gungen festsetzen. Es ist gesagt, daß ein Streitfall zur Entscheidung komnien müßte in einem Kammerbezirke, in dem die Lehrlings- cntschädigung von der des Tarifvertrages abweichend geregelt wäre. Glaubt etwa der Handwerkskammcrtag, daß solche abweichende Regelung über die Tariflöhne hinausgehen wird und daß dann der Lehrling wegen des zuviel erhaltenen Lohnes die Klage erhebt? An eine solche Möglichkeit hoben wir allerdings nicht gedacht und glauben auch jetzt noch nicht a» sie. Nebenbei, wir haben von einer„untertariflichen Lehrlingsentschädigung" überhaupt nicht gesprochen. Wir stellten nur fest, daß eine„vom Tarifvertrag abweichende Regelung des Lohnes" durch eine Kammer er- folgen soll. Diese„abweichende Regelung" durch die Kammern s o l l e r st er- folgen, sie ist also noch nicht geschehen.„Zunächst muß die Handwerks- oder Gewerbekammer als solche, nicht die In- nung d i e L e h r l i n g s e n t s ch ä d i g u n g f e st s e tz e n", heißt es in dem angezogenen Rundschreiben. Man will also ide Voraus- setzungen für den. Streitfall erst schaffen, sägt aber in der Zuschrift, es handelt sich„keineswegs um einen künstlich her- beigeführten Streitfall". Man kann über den passenden Ausdruck für diese Abficht natürlich verschiedener Meinung fein, wir glauben ober, uns noch sehr gelinde ausgedrückt zu haben, als wir vom „künstlich e r z e u g t en Streitfall" sprachen. In längeren Ausführungen wird dann der Vorwurf zurück- gewiesen, die beteiligten Arbcitgeberverbände verhielten sich illoyal gegenüber dem abgeschlossenen Tarifvertrag. Der Innunqsverband deutscher Baugewerksmcister sei von vornherein gegen die Aufnahme von Lehrlingsvorschriften in den Tarifvertrog gewesen und außer- dem sei der Vorsitzende des Innungsverbondes nicht mit dem des Arbeitgeberbundes identisch. Auch hier werden wieder offene Türen eingerannt: wir haben gesagt:„Dieselben Personen, die in ihrer privaten Arbeitgebcrvereinigung dos im Tarifvertrag niedergelegte Recht mit geschaffen haben, kommen in ihren öffentlich-rechtlichen Vereinigungen zusammen, um das eben Geschaffene wieder zu be- scitigen.", Der Handwerkskammcrtag wird nicht bestreiten können, daß die überwiegende Zahl der Mitglieder dcsInnungsverban- des deutscher Baugewerksmeister gleichzeitig Mitglieder im Arbeitgeberbund sind. Ferner hat er in seinem Rund- schreiben betont, daß ein Mitglied dieses Arbeitgebcrbundes, also ein Mitglied des Tarifkontrahenten, veranlaßt werden soll, die vom Tarifvertrag abweichende Regelung(z. B. Entlohnung) für die Lehrlinge durchzuführen,„weil die Arbeitgeberverbände ein besonderes Interesse daran hätten, die Rechtsstellung der ihnen an- geschlossenen Mitglieder klarzustellen". Eine solche„Klarstellung" ist müßig für eine Vertragspartei, die getroffene gültige Vereinbarungen auch wirklich einhalten will. Die im Rundschreiben ausgesprochenen Absichten stellen alles andere, nur keinen Akt loyaler Vertragserfüllung dar. Bemerkt fei hierzu, daß der Vorsitzende des Arbeitgeberblrndes, also der Torifoertragspartei, gleichzeitig Vorsitzender der In- n u n g der Baugewerksmeister in H a n n o v e r ist, also einer Gruppe der Organisation, die gegen den Tarifvertrag die Ge- richte anrufen will. Zusammenfassend können wir also nur erklären, daß die Zu- schritt des Handwerts- und Gewerbekammertags uns keine Ver- anlassung gibt, von unseren Ausführungen am 23. Oktober auch nur das geringste zurückzunehmen._ Tarifabschluß im Krastbroschkengewerbe. Wie erinnerlich, jvar im September für das Berliner Kraft- droschkengewerbe ein Schiedsspruch gefällt worden, der die bisherigen gleitenden Löhne unverändert bestehen lassen wollte und lediglich einen wöchentlichen Garantielohn von 3 6 Mark vorsah. Dieser Schiedsspruch war von den Krostdroschkenfahrern wegen seiner völligen Unzulänglichkeit abgelehnt worden. Die Unternehmer hatten ihn jedoch angenommen und seine Verbindlichkeit?- erklär u ng beantragt, die aber vom Schlichter für Groß-Berlin abgelehnt wurde. Schon bei den damaligen Verhandlungen vor dem Schlichtungs- ausschuß ließ der Vertreter des Verbandes der Kleinkroftdroschken- bcsitzer durchblicken, daß er zu einem Tarisabschluß zwischen seiner Organisation und dem Deutschen Berkehrsbund bereit sei. Cr'erklärte, daß nach seiner Meiming«ine Erhöhung der bestehenden gleitenden Tageslöhne und die Einführung eines wöchentlichen Garantielohnes von 42 Mark, wie ihn der Derkehrsbund gefordert hatte, durchaus möglich sei. Infolge der Ablehnung der Verbindlichkeitserklärung war es zu einem'tariflosen Zustand im Berliner Kraftdroschkengemerbe gekommen. Nunmehr ist es in wiederholten Verhandlungen mit dem Ver» band der Kleinkraftdroschkenbefitzer dcm�Verkehrs- bund gelungen, für die bei diesem Verband beschäftigten Fahrer, die zum größten Teil organisiert sind,«inen Tarif abzuschließen, der wesenllich über den damaligen Schiedsspruch hinausgeht. Nach diesem Tarif erhalten die Fahrer zunächst 23 Proz. der Bruttoeinnahme, dazu noch einen je nach der täglichen Einnahme gestaffelten Festlohn von 1,30 bis 2,30 Mark. Weiter wird den Fahrern f ü r sechs gefahrene Schichten ein Garanticlohn vor, 4 2 Mark gewährleistet. Fahrer, die noch nicht sechs Monate im Besitze eines Führerscheines sind, erhalten wöchentlich 36 Mark Mindestlohn garantiert. Dieses Lohnabkomnien gilt vom 2. November 1327 bis zum 31. März 1328 und kann von diesem Termin an mit vierwöchiger Frist zum Quartalsschluß gekündigt werden. Oer Eisenbahnerkonflikt in der Tchechoslowakei. Prag. 7. November. Der Konflikt der tschechischen Eisenbahner mit dem Eisenbahn- Ministerium scheint unmittelbar vor seiner Bcilcg u n g zu stehen. Aus dem Umstaird, daß die für heute vorgesehene Per- össentlichung einer Erklärung des Eiicnbahncrvollzugsansschuiscs unterblieben ist, wird geschlossen, daß die Intervention der sozialistischen Eisenbahncrdelegierten beim Eisenbahnminister einen Er- folg gehabt hat, und daß die Gnindlagcn für die Verständigung geschasfen worden sind. Man nimmt allgemein an, daß es schon in den nächsten Stunden zu einem Kompromiß kommen wird. Suvdgebung«, der Ort»gruppe»roß-Berlin de» Ir-tralverbande» der Anaefteliren. Dienstaa. den 8. November. 20 Uhr Thariolicnbnrg: Ra:- »01,6. Märkischer öaal.'Nedner: Gustav Hoch. M d. R. Walter Eschbach. S-krria- im ZbA Es wirlt mit der Eharlottenburger Eängerchor.Harmonie".— Osten- Lichtenberg: Prachtsäl? des Ostens. Franksurtcr Allee 48. Redner.- Karl Bub ii>, Stadtverordneler, Otto Meicr, M d. L. Es wirkt mit der Männerstor „Hoffnung". Lichtenberg— äautmänniscbe und Bureauangestcllte: Bcjuchl zahl- reich die Veranstaltungen eurer Organisation. Deutscher Baugewerksbund. Fachgruppe der Töpfer. Morgen. Dienstag. abends 8 Uhr. Mitgliederversammlung in den„Acfldenj-Festiälen". Landsberger Sttafte 32. Vortrag über das Arbeitslosenversicherungsqese«, Verbandsangetcgen- heilen._ Dir Fachgruppcnieuung. Wivtfctyaß Oer Güterverkehr der Reichsbahn. In der Woche zum 22. Oktobrr ist die arbeitstägliche Wagen» stellung der Reichsbahn auf 166 400 gegen 168 000 in der Vorwoche z u rück gegangen. Tabellarische Uebcrsicht seit September(in 1000 Stück) Woche wöchentlich>Äm»r?g oerkehr der Reichsbahn zu verzeichnen. wird abzuwarten sein.___ Erhöhung der Fleischbeschaugebühren. Eine merkwürdige Be- gründung. Der preußische Landwirtschaftsnnnistcr hat die Fleisch- beschaugebührcn in den ländlichen Bezirken Preußens und den Außenbezirken Berlins wesentlich erhöhl. Di« in großer Johl zu einer Protestkundgebung erschienenen Großschlächtcr machten zwar, nach ihrem Ernährungszustande zu schließen, durchaus nicht den Ein- druck eines notleidenden Wirtschaftszweiges, ober wenn die Dar- stellung des Reichsverbandes richtig ist, so muß das Vorgehen des preußischen Landwirtschastsministcriiinis doch einige Verwunderung hervorrusen. Als Grund für die Erhöhung soll das Ministerium nämlich die Erhöhung der Beamtengchälter genannt haben. Wenn es sich hier auch nur um eine Kostenteuerung von geringer allgemeiner Bedeiitung handelt, so ist es doch recht merkwürdig, daß eine Staatsbehörde die Besoldungserhöhung zum Anlaß einer Preissteigerung nimmt. Wir haben keine Veranlassung, den Klagen der Gro'ßschlächter besonderes Gewicht beizulegen: da aber die Gebührencrhöhung den Großschlächtern zum Vorwand dienen kann, die Kosten der Erhöhung, womöglich noch mit einem ordentlichen Zuschlag, auf die Ladenschlächter und K o n s u m e n t e>, abzuwälzen, ist es im Interesse der Lerbrancherschaft dringend zu wünschen, daß das preußische Landwirtschaftsministerium eine Erklärung seines Vorgehens gibt. Die Zusammensetzung der Deutschen Bauernschaft. Die Deutsche Bauernschaft ist eine Organisation mit 13 angeschtosscncn Verbänden, es sind 200 000 landwirtschaftliche Be- triebe angegliedert. Die einzelnen Verbände sind folgende: der Echlesifche Bauernbund, die Ostpreußische Bauernschost, die Poni- mersche Bauernschost, die Märkische Bauernschaft, die Mitteldeutsche Bauernschaft, der Hannoversche Kleiubauernbund, der Provinzial- verband landwirtsckzostlicher Klein- und Mittelbetriebe für Schleswig- Holstein, der Brounschweigische Bauernbund, der Verband der Klein- dauern und Pächter Anhalts, die Hessische Bauernschaft, der West- fälische Bauernbund, der Verband der Heuerleute, Linge», der Klöin- lxiuernbund Osnabrück, die Oldenburgische Bauernschaft und der Bayerische Vauerkibund. � Die Umsähe in der Bekleidungsindustrie bedeutend gestiegen. Der Rcichsoerband für Herren- und KnabenbeNeidung hat in einer Umsatzstatistik für die ersten neun Monate des laufenden Jahres sestgestellt, daß die Umsätze der berichtenden Firmen gegenüber der gleichen Zeit des Voritchres um etwa 11 P r o.z. gestiegen sind. Im Monat September dieses Jahres liegt im Vergleich zum Sep- tember 1926 eine Umfatzsteigerung sogar von 1 7 ,'13 Proz. vor. Auch die Käuferzahl ist um 7,11 Proz. gewachsen. Verlag- Vorwarts-Vertag G. m. b. 9c:lin. Druck: Vorwärts-Buchdruck-r-« und B-rlag-anstalt Paul Einaer v So. Vetlin ED 68, Lindenstrahe 8. »>«» 1 Beitage. Beweis für die Güte Schukzmark» der echtea Em*er Heilmittel ist auch die große Zahl von Nachahmungen, die schon versacht worden sind a. ständig versucht werden. Aber Emser Wasser(Kränchen), Pastillen und Quellsalz (ans den Staatlichen Betrieben) sind nnenelcht in ihrer Heilwirkung gegen Katarrhe, Asthma, Hasten, Heiserkeit, Verschicimung, Grippe und Grippefolgcn, Magensäure(Sodbrennen), Zucker n. harnsaure Viathese. Em soll Ih: das Mnndpflegemittel, verhindert Zahnstelnbiidnng.— Verianees Sic stets ausdrücklich die«cfcle» Emser Erreogniss« und schtaa Sie auf dicMkaSMaHi« „Esm"; nur das sicher) S4e vor Fälschungen und Ersatz. Staatliche Bade- und BrunnsncMreklloii. Hauptniederlage für Einser Kränchen für Berlin und Brandenburg; Brunnenvertriebsaktiengesellschaft, Berlin SW, Yorkstr. Telephon: Bergmann 3536—33. Theater am Kottbnsser Tor Kottbusaer StraBe 6. Täglich 8 U. it. Sonntagnehm. 3 V. Elite- Sänger . im p-oBen * Novemberprogramm Volkspreise von 50 Pf. bis 2,50 M. Sonntaznachmittag: «röche Familien* Vorsieuand Volles Progr. Kl. Preise v. 40 PL b. 1,73 M. Trianon-Th. TltzL SV, Uhr: Erika Glässner FmPiiiiiMD CASINO-THEATER»uiu: Die Paola vom Metropol. AuaadmdldeB I Gutschein 1— 4 Fers. Fauteuil nur 1,10 M-, Sessel nur 1,60 M. Renaissance-Theater Steinplate«U.— Täglich 8 Uhr aievaBBlB-lmMliella Reichshallen-Theater Anling 8 Uhr u. Sonntag nachm. 3 Uhr Stettinsr Sänger Zum SchluB; Ein« HooJiiell in der MülleratraBc Nachmittags: Halbe Preise, volles Programm. OSnheff• Brelt'l i YarisU, Kennrt, Tanz PiscatorbOtme rint. l tilleiihrfplat! Kurfürst 2091/93 Letzte Wodiel 8 Uhr: Hoppla, wir IM» von Ernst Toller Inz. Erwin Pltcalor Täglich S Uhr; Gessmtgast spiet des Borrofelil-Tlieators Wer ist Her Taler? Iirunly-Söhns Th.KSnieeräti. St. Bergm. 2110. 8U. Gustav III von Strindberg. Iijie: Jitlw Ihrwnkif Komödlcnhaus Norden 6304. 8V, Berliner Thealv Dönhoff 170. Sff, Der Gclilerxn« {VBUuua-Tbeai. Täglich SV« Uhr: SdiloOstBhteiDe linde Parkett statt 4 Mk. tägl. auch Sonntags mir»e pl Mi!- Idealer 8 Uhr Der rote Hahn Theater in der Xiaaialinlndr, 8 Uhr; Der große Erfolg! Stfeta sehn wir anil m. Henry Bender Dönhoff 5083 Hose-Theater 8 Vi Ulm CharleysTante tillniwrHi&w» Ots. Künstler-Th 8 Uhr Justiz Jeden Mittw„Sbd. und Sonntag: 4 Uhr: MaHondfen- Kindervoisiellg. Lessinu-Theater g Uhr Lustspielhaus 8'/, Uhr „FBiniaiitt" Plaoetariom an Zoo Verllij. iuöimlhiln SlnH Noll. 1578 DarSternenhimmalau' der Reite von Berti" nach dem Aequator Vorführungen: 4V» 6, 7'/;, 9 Uhr. Eintritt 1 M. itiutoHt. 15 JabnuJ.SJIL s tn der Gcsamieufiag« des.Vorwdrts" sind besonders wirksam and trotzdem ichrMiiui Nr. 527* 44. Jahrgang Beilage des Vorwärts Montag, öen 7. November-t927 Tragödie dreier Lugendlichen. Gemeinsamer Selbstmord.— politische Motive? Die surchbare Tragödie dreier Zugendlichen machi wieder von sich reden. Zm Hause Grünauer Str. 2 9 in Köpenick haben drei junge Leute aus Gründen, die bisher nicht geklärt werden konnten, gemeinsam Selbstmord verübt. Zwei von ihnen sind der Tat zum Opfer gefallen, der dritte liegt hoffnungslos danieder. Uebcr die Lorgänge bei der Tat konnte folgendes fest. gestellt werden: Jni Hause Grünauer Str. 29 wohnt im 4. Stock ein« Witwe h a a i mit ihrem 25 Jahre alten Sohn Albert, der als Kon- torift bei der russischen Handelsdelegation in Ber- lin angestellt ist. Haak war befreundet mit seinem kommunistischen Dartechenossen Willy W u t h e aus der Glienicker Str. 26, einem Arbeiter von 24 Jahren, und dem 22jährigen Maurer Herbert M i ch l i n g aus der Flemmingstr. 30 zu Köpenick. Diese drei jungen Männer nahmen gestern an den Demonstrationen teil, die von den Kommunisten aus Anlast des zehnjährigen Bestehens der Sowjetunion veranstaltet wurden. Gegen 6 Uhr kehrte haak in die Wohnung zurück und Wuthe und Michling begleiteten ihn dort- hin. Alle drei setzten sich an den Kaffeetisch, wie es schien, in sehr heiterer und angeregter Stimmung. Zwischendurch machte haak Andeutungen, dah sie nicht länger leben wollten. Er fragte seine Mutter, was sie wohl tun würde, wenn sie jetzt aus dem Leben schieden. Di« Frau nahm das nicht ernst und gab eine entsprechende Antwort. Nach einer Weile erhoben sich alle drei und gingen in ein nach dem Hofe gelegenes einfenftriges Zimmer, das Frau haak und ihrem Sohne als Schlafstube dient. Die jungen Männer drückten die Tür hinter sich zu, ohne sie obzu- so'licsten. Frau haak und ein junger Neffe, Fritz Schäfer, aus der Grünauer Str. 64, der zu Besuch war, hörten, wie die drei sangen: „Weh, dah wir scheiden müssen", dachten aber auch jetzt noch nicht an etwas Arges. Dlöstlich hörten sie zwei Schüsse. Frau haak öffnete jetzt die Zimmertür und sah wuthe vor dem einen Bett und ihren Sohn zwischen den beiden Tischen auf dem Zustboden liegen. Michling beugte sich gerade über haak, um ihm die Waffe, eine Vislole. aus der Hand zu nehmen. Er drängte Frau haak aus dem Zimmer hinaus, drückte die Tür wieder zu und riegelte ab. Gleich daraus siel ein dritter Schuh. Polizei und cip Arzt, die herbeigerufen wurden, und Frau Hank verschafften sich Einlaß und fanden Michling quer vor der Tür liegen. Bei Wuthe konnte der Arzt nur noch den Tod feststellen, die beiden airderen wiesen nur»och schwache Lebens- zeichen auf und wurden nach den, Köpenickcr Kranken- Haus gebracht. Dort ist auch Michling im Laufe der Nacht ge starben, haak liegt fast hoffnungslos und vernehmungsunfähig danieder. Zur Klärugg der rätselhasten Tragödie wurde auch die Mord- k o m m i s s i o n des Polizeipräsidiums alarmiert, und Kriminalrat Gennyt, der Leiter der Mordinspektion, begab sich an den Tatort. Die Feststellungen hier ergaben, daß ohne Zweifel alle drei sich selbst durch Kopfnahschüsse getölel bzw. zu töten versucht haben. Das geht auch nach ärztlichem Gutachten aus der Art der Schüsse und nach der kriminalpolizeilichen Feststellung ebenso aus der Lage der ob- geschossenen Patronenhülsen hervor. Die Selbstladepistole, aus der alle drei Schüsse abgegeben wurden, lag neben Michling. « Die Angehörigen der drei jungen Selbstmörder wissen über die Ursachen, die zu dieser Tragödie geführt haben, nichts zu sagen. M i e t h l i n g hatte künstlerische Neigungen, seine Eltern, denen der Umgang mit kommunistischen Parteigenossen nicht gcsiel, wollten ihn studieren lassen. Diesem Plan hat der Selbstmord ein Ende gemache. Wilhelm Wuthe aus der Glienicker Straste in Köpenick war im Kabel- werk von Bogel besckiöstigt. Er und sein Bruder gehörten der K o m- munistischen Partei an. die Eltern sind parteilos: mit der Mutter hatte Wilhelm wiederholt Auseinandersetzungen religiöser Natur. Di« Angehörigen sind übereinstimmend der Memung, daß politische Gründe die jungen Leute In den Tod getrieben hoben. Nur .fjack besaß eine Braut, deren Eltern im Kämmereihain in Köpenick ein Loubenhäuschen besitzen. Seit zwei bis drei Wochen waren die drei Freunde sehr häufig zusammen: als die Braut sich bei Hack über Vernachlässigung beklagte, entschuldigte er sich damit, daß er viel mit Parteisachcn zu tun habe. Die Mieter wehren sich. Gefahr in Verzug! Vor dem Abbau des Mieterschuhes. Zu einer großen öffentlichen Kundgebung im.Konzerthaus Clou hatte der Berband Berlin des Reichsbundes Deutscher Mieter und der Gau Berlin des Bundes Deutscher M i c t e r v c r c i» e, Sitz Dresden, gemeinsam mit dem A DG.B. und dein A f A- B u n d om Sonntag früh eingeladen. Leider waren die Mieter der Aufforderung zum Besuch nicht so zahlreich gefolgt, wie man das bisher gewohnt war. Das Interesse der bürger- Ii' en Parteien für die Mieter scheint gleich Null zu sein, denn es waren keine Vertreter der bürgerlichen Parteien anwesend. Hossentlich haben dies« und ander« Tatsachen die M'fter bis zur Wahl nicht vergessen. Die Hauploorträge wurden vom Bundesvorsitzenden des Reichs- b nües, Fritz D z i e y k und dem Syndikus Rechtsanwalt G ö tz e l gehalten. Genosse Dzieyk warnte eindringlich vos der Gleichgültigkeit, die sich in Mieterkreisen zeige. Die Reichs- Regierung beabsichtige, die I n f la t i o n s o e r l u st e der Hypothe- kenaläubiger im Gesamtbetrag« von 5l) bis 66 Milliarden Goldmark im Laufe der nächsten Jahre dem Hausbesitz in die Hände zu spielen. Unter dem Schein der Werterhal- t u n g s st e u e r für den Hausbesitz hinsichtlich des Eigenkapitals und der Gebäudeentschuldungssteuer, hinsichtlich des Hypothekenkapitols solle die Hauszinssteuer völlig abgebaut werden. Diese Pläne seien nur durchführbar, um den Preis einer unglaublichen Mieterhöhung: die Reichsregierugn be- absichtige, die Altbaumieten nach und nach so stark zu steigern, daß sie den Neubaumieten gleichkämen. Die Neubaumieten aber könne die minderbemittelte Bevölkerung überhaupt nicht bezahlen. Diese mieter- und volksfeindliche Politik der gegenwärtigen Reichsregie- rung muß aufs Entschiedenste bekämpft werden. Der zweite Referent, Dr. G o e tz e l> wies darauf hin, daß nicht einmal der Reichsrot sich bereitgefunden habe, den � von der Reichsregierung vorgeschlagenen Abbau der Mieterschutzgesetze zu billigen, so daß die Regierung ge- nötigt ist, eine Doppelvorlage an den Reichstag zu bringen. Der Redner charakterisierte die Vorschläge der Reichsregierung mit ihrem kaum verhüllten freien Kllndigungsrecht als eine Spekulation auf die Unersahrenhcit und Ungewandtheit der Mieter. Der Kommunist Höllein, der feine Sprachgewalt frei strömen lieh, ncrgallopierte sich so gründlich, daß es ihm fast die Sprache verschlug. Als er noch einer Kennzeichnung der schauderhaften Wohnverhältnisse in Hannover ausrief:„Und das passiert unter einem Reichspräsidenten Hindenburg", da diente ihm schlagfertig ein Zwischenruf:„Ihr Kommunisten habt ihn ja selber wählen helfe n!" Für die Sozialdemokratische Partei sprach sodann Landgerichtsrat Genosse Rüben. Er betonte dos enge Zu- sammenarbeiten der Partei mii dem Reichsbund Deutscher Mieter. Auch die kommenden Kämpf« im Woh- nungsousschuß des Reichstags wir die Sozialdemokratie auf ihrem Platze sehen, nämlich an der Spitze aller derer, die willens sind, die Mieler energisch zu schützen. Der Redner warnte vor einer lediglich auf Augenblickersolg berechneten Demonstrationstaktik und stellte ihr gegenüber die Notwendigkeit, auf dem Boden der Gesetze stehend für neue bessere Mi et-. Wohn- und Siedlung?- gesetze zu kämpfen. Das könne aber mit Erfolg nur dann geschehen, wenn man den Reichstag in seiner jetzigen Zusammen- sostung niemals wiederkehren läßt. Die Voraussetzung aber, daß bessere Micterschutzgosetze kommen, ist, daß die Sozialdemo- kratie in einer überragenden Stärke in den Reichstag einzieht. Die ruhigen und überlegenen Aus- führungen des Redners gingen ossenbar einer Anzahl radaylustiger Elemente gegen den Strich, und sie störten unausgejetzt. In einer einstimmig angenommenen Entschließung wird Ein- spruch gegen den Entwurf der Reichsregierung zum Mieterschutz- gesetz erhoben. 7? Ltnsere Werbewoche. Sin erfreulicher Beginn am Sonntag. Am gestrigen Sonntag Hot die Werbcwoch« unserer Partei mit voller Kraft«ingesetzt. Alle Veranstaltungen des gestrigen Tages haben gezeigt, daß wir auf einen schönen Erfolg dieser acht Kamps- tage rechnen können und daß die Partei sicher beträchtlichen neuen Zuwachs erhallen wird. Trotz des ungünstigen Wetters war die Kundgebung im Freien, die gestern um 15 Uhr im Humboldthain an der Rodelbahn stattfand, außerordentlich gut besucht. Außer den drei stattlichen Zügen, die unter Vorantritt von Reichsbonnermusik mit roten und schwarzrotgoldenen Fahnen und mit Werbeplakaten für die Partei heranmarschiert waren, hatten sich auch zahlreiche Einzelbesucher cm- fiefunden, die hören wollten von dem, was die Sozialdemokratie er- trebt. Der Meinekesche Arbeitermännerchor eröffnete mit einem wohlgelunqenen Vortrag des„Empor zum Licht" die Kundgebung. Die Arbeiterjugend folgte mit dem kämpf- freudigen Sprechchör„Wir kommen". Dann sprachen die Ge- nassen Reichstagsabgeordneten S o l l m a n n und Landtagsvbge- ordneter H« i l m a n n. Genosst Sollmann wies auf das Kampsjahr 1328 hin, bei dem wir den Bürgerblock bezwingen müssen, dessen Symbole der Geldsack und das Henkerbeil sind. Wir wollen, daß dieser krank«, altersschwache Reichstag möglichst bald aufgelöst wird und daß wir zu Neuwahlen kommen, in denen sich der Wille des Volkes kundgibt. Die Republik von heut«, in der adlige Junker im Reichskabinett sitzen und ein kaiserlicher Feldmarschall Reichs- Präsident ist, läßt noch viel zu wünschen übrig. Wir aber wollen das ändern! Genosse Heilmann zog eine Parallele zwischen den Jahrestagen der Revolution von Moskau und der Revolution vom 3. November in Deutschland. Er zeigte, daß der Bolschewismus trotz aller radikalen Redensarten das versprochene Glück nicht gebracht habe, daß ober auf dem Wege der Demokratie es möglich sein werde, den Sozialismus zu verwirklichen. Mit einem Hoch auf die Sozialdemokratie und dem gemeinsamen Gesang der Internationale schloß die Kundgebung.— Bei dem Abmarsch der Kolonnen ver- suchten kommunistische Störenfriede, in gewohnter Weise ein- zugreifen. Es gelang ihnen ober nicht, da unsere Genossen die Ruhe bewahrten und auch die Polizei sich ihrer Aufgabe gewachsen zeigte. In Baumschulenweg im Saal des Lichtspielhauses in der Baumschulenstraße sprach Genosse Dr. H i l f e r d i n g. Seine wirt- schaftspolitischen Ausführungen, sein Vergleich der sozialistischen Weltanschauung mit der heutigen Gesellschastssorm war überzeugend, auch für den Arbeiter, der die tiefen Zusammenhänge des Klassen- kamofes bisher wohl am eigenen Leibe gespürt hotte, aber noch nicht zur Erkenntnis seiner politischen Macht gekommen war. Seiner politi- schen Macht, die zunächst darin besteht, die proletarischen Kräfte in einer festen Organisation zu sammeln. Ueber die Notwendigkeit eines solchen Zusammenschlusses führte Genosse Hilferding aus: Der nicht in der Partei und Gewerkschaft Organisierte ist nur passiver Staatsbürger. Zusammenschluß der einzelnen Kräfte bringt Er- höhung des Staatsbürgers zum aktiven Staatsbürger. Freiheit be- deutet Verantwortung. Verantwortung verlangt Wissen. In der Organisation wird ihm dieses Wissen vermittelt. Und darum ist Organisation für die arbeitende Klasse wichtig. Ohne sie kann der Umwandlungsprozeß der kapitalistischen Wirtschaft nie erreicht werde». Die Ausführungen des Genossen Hilferding fanden den lebhaften Beifall der gesamten Versammlung. Wieder zwei räuberische Ueberfälle. Jugendliche Straßenräuber verübten in der Nacht zum Sonn- tag wieder an zwei Stellen Uebersälls. Gegen 2 Uhr morgens touibe ein Ingenieur A u g u st H. aus Reinickendorf, als er durch die Borfusstroße heimging, von mehreren jungen Burschen angefallen. Die Wegelagerer schlugen ihn trotz seiner Gegenwehr zu Boden, mißhandelten ihn und raubten ihm die Brieftasche mit M M. 2lls auf deo Silferut« fcs Angejallenen Pojfameu und I Schupobeamte herbeieilten, ergriffen die Burschen die Flucht und entkamen. Auf einen Schneidermeister hatte es ein« andere Roll« ab- gesehen, die scheinbar harmlos in einem Lokal in der Mendels» sohnstraße saß. Hier trank auch der Meister noch e i n e n Schluß schoppen und wollte dann gegen 3 Uhr früh den Heim- weg antreten. Als er das Lokal verließ, folgten ihm die Burschen und fielen über ihn her, risien ihn zu Boden und bearbeiteten Gesicht und Kopf de» Daliegenden mit de« Fäusten. Sie raubten ihm die Aktentasche, die außer geschäftlichen Papieren auch das Portemonnaie des Meisters enthielt und rannten davon. Glück- licherweise gelang es, einen der Strolche, einen 27 Jahre alten Willi B e r n d t aus der Linienstraße, festzunehmen. Berndt gibt de» Ueberfall zu und wurde der Kriminalpolizei eingeliefert. Diese wird ihn dem Untersuchungsrichter vorführen. Mordversuch an einem Autoführer. War Scharfe der Täter? Ein Rcoolveranschlag wurde in der Nacht zu Sonntag auf einen Kraftwogcnführer verübt. Der 26 Jahre alte Chauffeur Zllfted Hartman» hielt mit seiner Droschke an dem Standplatz an der zweiten Heerstraßcnbrückc, als ihn gegen 21 Uhr ein junger Mann zu einer Fahrt nach Staaken annahm. Etwa«inen Kilometer von dem Orte entfernt, ließ der Fahr- gast plötzlich halte», stieg aus und fragte den Führer, wieviel der Fahrpreis ausmache. Hartmann beugte sich nach der Uhr herüber, um abzulesen. In demselben Augenblick riß der Fahrgast einen Revolver aus der Tasche und gab auf den Chauffeur einen Schuß aus nächster Nähe ab, der Hartmann an der linken Holsseite traf. Dann flüchtete der Mann querfeldein und entkam in der Dunkelheit. Trotz seiner schweren Verletzung lehrte Hortmann mit dem Wagen um und konnte ihn bis in die Wilhelmstraß« zu Spandau bringen. Mit letzter Kraft schaltete er die Gänge aus und brach dann blutüberströmt und be- wußtlos auf feinem Sitz zufamnien. Passanten und Schupobeamte, die auf ihn aufmerksam geworden waren, nahmen sich seiner an und brachten ihn noch dem Spondauer Krankenhaus. Während weniger Minuten kehrte dem Verletzten das Bewußtsein zurück und er konnte eine Beschreibung des Mannes geben, der den mörderischen Anschlag verübt hatte. Anssallenderweis« stimmt diese Beschreibung genau mit der des flüchtigen und eifrig gesuchten Revolverhelden Scharfe überein, auf dessen Schuldkonto die bereits gemeldet« Schießerei in der Templiner Straß« kommt. Auf die Ergreifung Scharfes ist jetzt eine Belohnung von 566 Mark ausgesetzt, die lediglich für Angaben aus dem Publikum bestimmt ist. Ein besonderes Kennzeichen des Revolverhelden ist eine �--4 Zentimeter lange Narbe, die vom rechten Ohrloppen in der Richtung noch dem Kinn verläuft. Mitteilungen find an Kriminalkommissar Braschwitz. Dienststelle B. 5, Hausanruf 432, im Zimmer 93 des Polizeipräsidiums zu machen. q- Kurz vor Redaktionsschluß wird bekannt, daß es der ZNord- kommiffion gelungen ist, auch den zweiten Mann, den 22 Zahre allen Schmied, Artisten und Reifenden Otto Scharfe zu ermitteln und in einer Wohnung des Hanfes Wolliner Straße 14 festzunehmen. Die Beamten mußten die wckhnung. in der er sich ver- borgen hielt, mit Gewalt ausbrechen. Scharfe ließ sich dann ohne Widerstand festnehmen. Seine Beteiligung an der Schießerei gab er sofort zu. Gefesselt wurde er mit einer Kraftdroschke nach dem Polizeipräsidium gebracht. Auch hier bekannte er bei dem vorläufigen kurzen verhör seine Beteiligung, will aber nicht der Haupt- läler fein, schiebt vielmehr den größten Teil der Schuld aus den bereits vor ihm verhafteten Schlabbach. Schweres Autounglück m Westend. Zwei Tote, ein Schwerverlehter. Ein entsetzliches Autounglück ereignete sich am Sonntag vor- millag an der Ecke der Bundes- und Bayern-Allee in W e ft e n d. Der 63iährige Pfarrer Armand-Suindc Boulenard, der in der Linden-Allce 41 zu Westend wohnt, bestieg dort zusammen mit seiner 41jährigen Frau Elisabeth eine Kraftdroschke, um sich zur Vormittagspredigt nach der Notkirche in der Tannenberg-AIlee zu begeben. An der Kreuzung der Bayern- und Bundes-Allee nahte von rechts plätzlich ein Privatauto. Beide Führ er zogen zwar die Bremsen scharf an, konnten aber«inen Zu- sammenstoß nicht mehr verhindern. Die Folgen waren geradezu entbtzlich. Die Kraftdroschke wurde gegen einen Gas- kandelober geschleudert und völlig zertrümmert. Die beiden Insassen, Pfarrer de Boulenard und Frau wurden in weitem Bogen auf das Straßenpflafter geschleudert. Sie wurden auf der Stelle getötet. Der 43iöhrigc Chaiifseur Otto Bendoleit aus der Birkenftraßc 44 mußte schwer verletzt in das Paulinenftift gebrocht werden. Das Privatauto wurde nur leicht beschädigt. Die Feuerwehr nahm die Ausräumungsarbeiten vor und schaffte die Leichen in das Charlottenburger� Schauhaus. Nach den Beobachtungen von Augenzeugen und den Feststellungen des Kriminalkommissars Brandt vom Polizeiamt Charlottcnburg trifft Bendoleit ollein die Schuld: er war zu schnell gefahren. Der Chauffeur Grallmann wurde deshalb nach seiner Ber- nehmung sofort wieder entlassen. Zusammenstöße mii Kommunisten. T5 Personen festgenommen. Die Kommunisten feierten gestern das zehnjährige Bestehen der Sowjetunion mit einer Kundgebung im Lustgarten. Die Demonstranten versammelten sich in den einzelnen Bezirken und marschierten zum Lustgarten. Die Beteili- gung an der Kundgebung war ersichtlich schwächer qls bei früheren Aufmärschen. In einigen Stadlleilen kam es beim Abmarsch zu Zusammenstößen. Jnsqesamt wurden 15 Pe r s v n e n w eg« n groben Unfugs, Bcamtenbeleidigung und Wider- st a n d e s festgenommen und der Abteilung l A zugeführt. Bier von ihnen werden sich voraussichtlich wegen Landfriedensbruchs zu oerantworten haben. Um 15.36 Uhr sollt« bei der Rückkehr des 6. Bezirks der KPD auf dem Oranienplatz ein Demonstrant aus dem Zug festgenommen werden, der unterwegs einen Beamten des De- gleitkommando/ vor die Prüft gestoßen hatte. Di« Kommunisten schlugen mit Fahnenstangen, Stöcken und Schirmen auf die Beamten ein. Dabei wurden einige Beamte mehr oder weniger schwer o e r l e tz t. Der kommandierende Polizeihauptmann wurde von einer großen Uebermacht in den Eingang des Kaufhauses Maaßen gezerrt und erheblich mißhandelt. Ein Polizeibeamter gab einen Schuß in die Luft ab, weil er hart bedrängt und geschlagen wurde. Sein Tschako wurde von Messerstichen durchbohrt. Schließlich gelang es den Beamten, die Menge zurückzudrängen und den Platz z» säubern.— Um 16.36 Uhr fand die Schlußkundgebung der KPD. mit etwa 660 Teilnehmern auf den, Brunne»platz statt. Un> mittelbar nach Beendigung zog ein Zug unserer Partei, der «lwa 266 Mann stark war, von der Badstroß« durch die Pank. straße. Die Kommunisten traten diesem Zug in kleinen Trupps entgegen, so daß eine Sperrung der Pankbrücke und des Brunnen- platzes erforderlich wurde. Die Kommunisten versuchten, die Kund- gebung der Sozialdemokraten, die an der Ecke Martin-Opitz-Straße und Uferstraße stattfand, zu sprengen, so dah die anarenzenden Straßen geräumt werden mußten. Hierbei wurde ein Polizei» b« o m t e r von mehreren Kommunisten tätlich angegriffen', so daß er von seiner Pistole Gebrauch machen mußte. Der 26tährige Arbeiter Alfred Andres aus der Hochstädterstrabe wurde durch einen Bruftstreifjchuß leicht verletzt. Weitere Schüsse wurden nichü adgegeden.___ Brandunglück in der Cadmer Giraße. Ein Mädchen lebendig verbrannt. Einen entsetzlichen Tod fand heute vormittag die zwanzigjährige Lieselotte Neumeister in der Küche der im zweiten Stockwert des Vorderhauses gelegenen elterlichen Wohnung in der Cadiner Str. 2. Da« junge Mädchen hantiert« während der Abwesenheit der Mutter. die Einkäufe erledigte, am offenen cherd herum. Plötzlich finden ihr« Kleider Feuer, und in wenigen Sekunden war die Unglücklich« ganz in Flammen gehüllt. Auf die gellenden Hilferufe eilten Flurnachbarn hinzu und drangen gewaltsam in die Wohnung«in. D«n Eintretenden bot sich«in erschütternder Anblick. Auf dem Fuß- boden de« völlig verqualmten Korridors lag mit noch glimmenden Kleidern das Mädchen. Es gab keine Lebenszeichen mehr « von sich.— Di« Flammen hatten bereits auf das Wohnungsinoentar übergegriffen. Die alarmiert« Feuerwehr löschte den Brand jedoch in kurzer Zeit. Die Leiche der Verunglückt«» wurde polizeilich beschlagnahmt und in das Schauhaus gebrocht. Z5riedrich'Ebert'Ak0«ds der jüdische« Gemeinde. Anlählich des 80. Geburtstages des Reichspräsidenten hatte der Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde beschlossen, einen Hinden- burg-Fonds zu stiften zun, Zwecke der Kriegerhinterbliebenen- und Kriegsbeschädigtensürsorge. Nunmehr hat in ihrer letzten Sitzung die Repräsentantenversammlung der Berliner jüdischen Gemeinde auf Antrag unseres Genossen Dr. K l e« beschlossen, auch einenFriedrich-Ebert-Fondszu schaffen, dessen Erträgnisse im Geist« des verstorbenen Reichs- p rä f i d« n t e n sozialen Zwecken zugewandt werden sollen. Wieder ein Gaiienmordprozeß. Oer Jall Aorchardt vor den Richtern. Ein psychologisch eigenartiger Fall steht zur Verhandlung. Ein Händler heiratet während der Verbüßung einer Gefängnisstraf« eine Prostituiert«: sein bester Freund ist Trauzeuge. Der Ehemann läßt es zu. daß seine Frau ihrem traurigen„Beruf' weiter nachgeht; er erschießt sie aber, als er sie bei der ehelichen Untreue mit seinem Freund«, dem Trauzeugen, ertappt. Der Mann mit dieser«igen- artigen Psyche ist der„Kaufmann' Borchardt. der sich heute vor dem Landgericht I zu verantworten hat. Es ist Im Grunde genommen keine ungewöhnliche Angelegen- heit: In diesem Milieu sind unter gleichen Umständen schön öfter ähnliche Verbrechen vorgekommen. Dieser Fall scheint jedoch nicht ganz so einfach zu liegen. Davon zeugt allein schon die große Anzahl der Sachverständigen. Es sind nicht weniger als sieben: Prof. Strauch, Prof. Brüning, Dr. Störm«r, Dr. Bratz, Dr. Faltenberg, Dr. Levy-Lenz, Dr. Bock. Den Vorsitz führt Landgerichtsdirektor Schulze. Die Berteidiguiig liegt in den Händen der Rechtsanwälte Dr. Frey und Dr. Diamant. Borchardt ist ein breitschulteriger, glattrasierter, verlebt aus- sehender Mann von 38 Jahren, ein Typ, wie man ihn öfters in ge- wissen Kneipen antrifft. Er hat eine ziemlich bewegte Ver> gangenheit. Sohn eine» Bankdirektors in Berlin, besuchte er hier die Realschule bis zur Quinta und ging dann mit seinen Eltern nach England. Im Alter von HVa Iahren kam er mit seinen Eltern noch Deutschland zurück. Im Jahre lS17 heiratete er zum erstenmal: die Ehe gestaltete sich unglücklich, und fein« Frau verließ ihn im Jahre 1922: sie ging nach Südamerika. Borchardt ergab sich d e m T r u n k«. In diese Zeit fällt ein Ereignis, das ein gericht- liches Nachspiel haben sollte. Das Verfahren schwebt noch heute. Wyhreni» einer Schlägerei zwischen Betrunkenen verursachte er den Tod eines Mannes. Im Jahre 1923 lernte er die Prostituierte R. kennen. Er versöhnte sie mit ihren Eltern, die in Hannooer wohnten. nahm fle aus Reisen mit, beschloß, sie zu heiraten, und leitete deshalb eine Scheidung mit seiner ersten Frau ein. Als er Im Jahre 1926 wegen einer Hehlerei im Gefängnis saß, kam die Scheidung �u- stand«. Nun tonnte er die R. heiraten. Allerdings war ihm bereits hinterbracht worden, daß seine Braut immer noch ihrem Gewerbe nachgehe und daß sie auch mit seinem Freunde Berndt etwas vorgehabt habe. Den Kaufmann Berndt kannte Borchardt schon viele Jahre. Oos Lichtbild im Dienst der Arbeiterbewegung. In der Woche vom 24. bis 29. Ottober 1927 fand im Film- seminar, N. 65, Lütticher Str. 4, aus Veranlassung des Reichs- ausschusses für sozialistisch« Bildungsarbeit ein Lehrgang zur Ausbildung von Funktionären als Bor- führer für Lichtbilder, Epidiaskopen und Bild- bändern statt. An die Teilnehmer wurden nach ihrer täglichen Berufsarbeit noch bis in den späten Abendstunden große Anforde- rungen gestellt. Doch mühelos bewältigten sie ihr Pensum. Der Leiter des Filmseminars, Herr S ch ä d e, sowie die anderen Lehrer, die Herren Bönsch, Fricke, Schubert und Fräulein v. Strubberg sorgten dafür, daß das Interesse nicht erlahmte. In leichtfaßlicher Methode wurde den Hörern das nötig« Wissen über die Elektrizität, die verschiedenen Typen der Lichtbildapparat« und Epidiaskope mitgeteilt. Bei den praktischen Arbeiten an den oer- schieden«» Apparaten wurden in kurzer Zeit sehr gute R«lultote er- zielt. Der Direktor des Seminars, Ingenieur G ü n t h e r. der den Lehrgang leitete, gab am letzten Tage einen Ueberblick über Bild- orchive und die Organisation des Lichtbildwesens. Zu dem Kürfus ist noch zu sagen, daß dieser erste Versuch, Funktionäre der Partei und der Gewerkschaft als Vorführer auszubilden, als ge- lungen zu bezeichnen ist. Zu wünschen wäre nur, daß Partei und Gewerkschaften mehr wie bisher das Lichtbild in den Dienst der Propaganda und der Belehrung stellen möchten. Falle'genügend Interessenten für einen zweiten Kursus sich melden, findet dieser im Januar statt._ Wilde Jagden im Sportpalast. Ehmer-Kroschel führen! Dauer gibt aus! Am Sonnabend nach Mitternacht sollte e» vorerst ruhig bleiben, bis dann das völlig ausverkaufte Haus die 2'!lhf')tachtweriung zu seh«» bekam, die mit einer Jagd ihr« Einleitung fand. Kühl» Wette, Aerts-Duvivi«, Koch-Buschenhagen, Dorn-Nickel, Junge- Bohrend und auch Charlier-Bauer werden hierbei überrundet- In der Spitzengruppe mit TIetz-Thollembeek und Ehmer-Kroschel hat sich nichts verändert. In den Morgenstunden gibt es wieder Uebemlndungen. Kroll-Miethe können die eine Runde aufholen. Oer Sonntagnachmittag brachte eine I a g d, die mit einem Vorstoß Nickel» einaelcitet wurde. Tietz holt mit Thollembeek eine Rund« auf: sie haben jetzt allein die Spitz«: zu ihnen gesellen sich bald Ehmer-Kroschel. In den Abendstunden ereignet sich nicht» besonderes. Die -10 llhr Abendwertung. bringt kein« Feldoeränderung. Später können Koch-Buschenhagen ein« Rund« gewinnen. Bei einem weiteren Vorstoß läßt das Feld Iunge-Behrendt und Dorn-Nickel ebenfalls ausholen. Kühl-Wette erhalten eine Strafrunde aufgebrummt. Im Verlaus des Abends trennt sich Bauer, der mit Charlier nicht auskommt, von seinem Partner und gibt auf. Sonntaanachmittag hatte bereits A e r t s wegen Sturz ausgegeben. Und so werden dann Charlier und Duoivier mit 10 Runden Rückstand zusammengebracht. Die 2'!lhr-Nachtwertung. Di« Stunden bis 2 Uhr nachts verlaufen eintönig. Nach der Wertung, die ebenfalls kein« interessanten Moment« bringt, verlieren Koch-Buschenhagen eine, weiter« Runde. � Oer Stand des Rennens: 1. Ehmer-Kroschel 160 Punkte. 2. Tietz-Thvllem» beek 14« Punkts. 3. Kroll-Miethe 96 Punkte. Eine Runde zurück: 4. Dewols-van Kempen 106 Punkte. 6. Rausch-Hürtgen S1 Punkte. Zwei Runden zurück: 6. Behrendt-Iung« 89 Punkte. 7. Wambst-Lacquehay 13 Punkte. Dr«i Runden zurück: 8. Knoppe-Tonani 144 Punkte. Vier Runden zu- rück: Dorn-Nickel 79 Punkt«. Fünf Runden zurück: 10. Kühl-Wette 48 Punkte. SiebenRundenzurück:11. Koch- Buschenhagcn LI Punkte. Zehn Runden zurück: 12. Duvi- vier-Charlier 102 Punkte._ Schmeling schlägt Oomgorgen. Der Boxkampf zwischen dem deutschen Halbschwergewichtsmeister Schmeling und dem Mittelgewichtsmeister Domgörgen um den Titel im Halbschwergewicht in Leipzig endete mit dem k o.- S i e g e S ch m e l i n g s in ter siebenten Runde. Rennen zu Strausberg am Sonntag, dem K. Rovember. t. Rennen 1. Laetitia CJkränjIein), 2. Svanabild(31. Sorte). 3. Fallner(W. Wolfst. Toto: 53: l». Platz: 23. 34. LZ: 10. ftenicr liefen: Durst, Fantaöc-, Friemersheim, Treu und Glauben, Panne, Ostcr- Wie, Severa, Geri, Efeu, Brünne, Orla, Arndt. 2. Rennen. 1. Darfuh(Hr. Schnitzers 2. Gigerl(Hr. BarlelZt, 3. Quo vadis(o. Borcke). Toto: 2S: 10. P.'atz: tZ, 2l, t3: tO. Ferner liesen: HuSdent, Dau, Le Defrogue. Tbalhsio, Baladln, Fridolin, Grofa. 3. Rennen. 1. Goldalma("nbenbotfj, 2. Sigelgahela(Jaekel), S. Runkler(Sajdick). Toto:«9:t0. Platz: t5. t8, 14- lv. Ferner liefen: Ebriftfnchen. Maifabrt, Friderlcu«, Ranke, CliuS, ArsiS, Lran, SlilorneU, Nord.M' Lusiiania, Äd boc. Der Dalberg, Praxedi». 4. Nennen. I. Abteilung. I. Namen(Bartels), 2. Jeneo(Malter 3. Fritjof(Biltnerf. Toto: 125: 10. Platz: 35, 52. 24: 10. , erner liefen: Grille, Sonnenkönig, Lichtung, Firn 11, Le Ehollenge, Tafsoll, Victoria, Lindwurm, Leander. Lichtstrahl. Tippel. 2. Abteilung. 1. llhrona»(Ccrtel), 8. Rache(Schöning), 3. Kifz nie guick(Kurzawai. Toto: 20:10, Platz: 13,45,21:10. Ferner liefen: Stummer Teufel. Sandbai«, Swrmnacht. Mundschenk, Grand Rcufseux. Quednau, AhaSver, Marc Anton, Fuchsie. Enkel. Fippa. ».Rennen. I. Karissima(M. Ientzfch), 2. Eastcr Liltz(H. Zehmiich), 8. Khan(P. Ludwig). Toto: 10«: 10. Platz: 37, 5l. 2S: 10. Ferner liefen: Beresina, Hannar, Rhein und Ruhr, Lichienitein. Gin, Gaffel, Erin, Venezianerin, jlnita, Valont, Brieftaube, San>3Uoul, MaraoebiS, Kadewilt, Gollub, Godwina. 6. Rennen. 1. Fliegenber Fuchs(BiSmark), 2. Tannkönlg(Oertel). 3. Mandarin(Seih). Toto: 25: 10. Platz: 14. 16. 3«: 10. Ferner liefen: Dorn» Bruder, Beliinr, Die Königin, Mohn, Rinaldo, Sanllion, Doltor, Sultan, VolkSrache, Paska, Borgo, ZSalada, Aufklärung. Maryarin. 7. Rennen. 1. Zlbteilung. 1. Malkasten(M. Jentzfch). 2. Mond- nacht(I. Derjchug), 3. Sireitiiage tEbcrt). Toto: LZ: 10. Platz: 14, 31, 4?: lO. gerner liefen: Allradio, Cbnlzit, Diokletian, Logarithmus, Quilon, Feaescuer, Hanuman, Aase. 2. Abteilung. 1. P-rlenfifcher(BiSmark), 2. Nutria(Kurzawa), 3. Der«ohinoor(Franzke) Toto: 145: 10. Platz: 34. 1«. 53: 10. Ferner liefen: Frasquita, Fcnja, PiaSki, Fechlerin, Pharisäer, MaillebofS, Quick, Werden. VI« KevoluNovs.Sedentfeler der 74. Abteilung, Zeblendorf findet nicht, wie trrlilmlich f» der SomitagauSgabe mitgeiellt wurde, am Mrllwoch. dem«., statt, londern bereits morgen, Dienstag, den S. November, abend« Punkt 8 Uhr. im LiiiScupark, Achleudorf Milte. K/bctemS/, Wintermantel furjunge Heppen und Knaben Es steht fest, daß unser Körper im Winter den Krankheiten größere Angriffsflächen bietet, als im Sommer. Es Ist eine begründete Tatsache, daß die frischen Früchte durch ihren hohen Gesundheitswert ein wichtiges Mittel gegen die Wlntarsgefahren sind. Daraus ergibt sich als notwendige Folgerung erhöhter Fruchtgenuß in den Wintermonaten. Die trlsche Frucht erzeugt das Hochgefühl an Kraft, das den Körper über alle Anfälligkeiten triumphieren läßt, undJhrbleibtgesund! Täglicher Genuß frischer Früchte ist kein Luxus, sondern Notwendigkeit Frische Früchte gibt es zu jeder Jahreszeit! Nettle stegen Haarausfall ärztlich verordnet und empfohlen. Vom Leipziger Schulamt beglsubigtc Urkunde. 20 000 Dänkschreibcn. 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