Abendausgabe Nr. 535 B 265 44. Jahrgang Wöchentlich 70 Pfennig,«onatlich Z,— Reichsmarl, voraus zahlbar. Unter Ttreifband im In« und Ausland chSOReichsiimrl pro Monat. » Der„Vorwärts" mit der Auftrier» ten Sonntagsbeilage„Volk und Zeit" sowie den Beilagen„Unterhaltung und Wissen",„Äu» der Filmwell. „Ctadtbeilage,„Frauenstimme", „Der llindcrfreund",„Iugend-Vor- wärIs"�„BIick in die Bilcherwelt", „Kulturarbeit" und �Technik" erscheint wochentäglich zweimal, Sonntags und Montags einmal. N0 Berliner Voltsblatt Kreiiag 11, November 1922 10 Pfennig Die einspaltige Nonpareille., eile SO Pfennig. Retlamezeile 5.— Reichsmarl.„Stlcinc Anzeigen" das fettgedruckte Wort 2S PiennIg tzuiäfstg zwei fettgedruckte Worte) jedes weitere Wort >2 Pfennig. Stellengesuche das erste Wort lb Pfennig, jedes weitere Wort lO Ptennig. Woite über>5 Buchstaben zählen tür zwei Worte. Arbeitsmarlt Zeile 6» Pfennig Famtlienanzeigen üt AbonnenlenZciletOPfennig.Anzeigen- annahm« Im Hauptgeschäft Linden- stroßeZ. wochenläg! von 8'/zbts l7Uhr. Jentealorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Redaktion und Verlag: Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292—297. Telegrauun-Adr.: Sozialdemokrat Berit» Vorwärts-Verlag G. m. b. H. Postscheckkonto: Berlin 37 636.— Bankkonto: Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten Wallstr. LS. Diskonto-Gesellschaft, Deposttenkasse Lindenstr.3 Wahlkampf für Angefiellie. Sozialer Ausbau der Versicherung. Von Paul Lange. Die Wahlen der Bertrauensmänner zur Angestelltenoersicherung, die in Berlin und in einein großen Teile des Reichs am 13. November, in anderen Gegenden etwas- später stattfinden, geben den Berufsver- bänden der Angestellten Gelegenheit, ihr sozialpolitisches Programm zu entwickeln. Die freigewerkschaftlichen AfA-Berbände(Zentralverband der Angestellten, Deutscher Werkmeisterverband, Bund der technischen Ange- stellten und Beamten, Genossenschaft deutscher Bühnenange- höriger, Allgemeiner Verband deutscher Bankanaestellten, Internationale Artistenloge. Verband der Zuschneider, Po- lier-, Werk- und Schachtmeisterbund usw.) vertreten bei diesen Wahlen ihre freigewerkschaftlichen sozialpolitischen Grundsätze und versprechen den Wählern, für einen zweckmäßigen Ausbau der Angestelltenversicherung durch Erhöhung der Leistungen einzutreten. Die Reaktion in der Angestelltenbewegung läßt unter Führung des Deutschnatio- nalen Handlungsgehilfenverbandes ihre eigenen Ziele mög- lichst im Hintergrunde verschwinden. Ihr„Programm" be- steht hauptsächlich in übler Nachrede gegen die AfA-Berbände. Sic wirft ihnen vor, daß sie eine„Verschmelzung der Ange- stelltenversicherung mit der Invalidenversicherung" herbei« führen und auf diese Weise die von den A n g e st e l l t e n angesammelten Reserven den Arbeitern zuführen wollten. Ziel der AfA-Verbände sei es, so wird wefter be- hauptst. den Angestellten nicht höhere Leistungen an Ruhe- geid-, Witwen- und Waisenrenten zukommen zu lassen, als sie die Arbeiter in ihrer Invalidenversicherung haben. Drittens werden die AfA-Verbände verdächtigt, sie stellten absichtlich viel zu hohe Leistung? f o r d er u n g e n an die Angestelltenversicherung, um sie zu ruinieren. Selbstverständlich sind diese gegen die AfA-Verbände ge- richteten Vorwürfe unlautere Wahlmanöver, deren Unwahrheit offen zutage liegt. Die von der Angestelltenoer- sicherung angesammelten Reserven setzen sich zusammen aus den Anwartschaften, die die einzelnen Versicherten durch ihre Beitragszahlung erworben haben. Wer wollte sie ihnen nehmen? Die Behauptung, daß die AfA-Verbände die Leistungen der Angestelltenoersicherung auf die der Jnva- lidenversicherung herabschrauben wollen, ist ebenso offenkundig erlogen. Das ergibt lick schon aus der Tatsache, daß den AfA-Verbänden zugleich nachgesagt wird, durch ihre zu hohen Leistungsforderungen wollten sie die An- gestelltenversicherung ruinieren!« Dem Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband und feinen ihm nachlaufenden Hörigen(Gewerkschaftsbund der Angestellten, �rauenberufsverbände, Deutscher Bankbeamten- verein usw.) ist es in Wirklichkeit um etwas ganz an- d e r e s als um den Inhalt der Angestelltenversicherung zu tun. Sie verfolgen politische Zwecke, und zwar im Sinne der in Unternehmerdiensten stehenden deutjchnationalen Partei. Sie begeistern sich an der Form der Sonderversicherung der Angestellten vor allem, weil sie darin einäußeresTrennungsmittel der Angestellten gegen die Arbeiter erblicken. Darum hatte man die Angestelltenoersicherung ursprünglich in ihrem inne- ren Verwaltungsapparat ganz anders ausgestaltet, als es bei der Invalidenversicherung der Fall Ist. Bei der letzte- ren gab es von jeher für jeden Versicherten die Versicherunqs- karte in die die Versicherungsmarken eingeklebt werden. Bei der Angestelltenoersicherung aber hatte man ein zentrales Buchführungssystem eingeführt und den Angestellten ver- sprachen, er werde in jedem Jahre einen Auszug seines Ver- sicherungskontos erhalten. Das Kontensystem erwies sich binnen kurzem als völlig undurchführbar, so daß an Stelle dieser angeblich„kaufmännischen Buchführung" in ganz kurzem Zeitraum eine völlige Miß- und Schandwtrt- schaft getreten war. Das mußte der...... .. Reichsarbelts-� minister am 5. November im Reichstage zugeben. Inzwischen� ist auch bei der Angestelltenversicherung diese kostspielige Mißwirtschaft wieder beseitigt: man hat auch hier die V e r s i ch e r u n g s k a r t e und die Bersicherungsmarke ein- führen müssen. Die urfprünglicb bei der Sondeiwersicherung für Ange- stellte vorgesehenen Rentenausschüsse. Schiedsgerichte und das Oberlcb'edsgericht sind auf Betreiben der AfA-Berbände lücklicherweise beseitigt worden. Dafür wurden bei den pruchbehördsn der Invalidenversicherung, näm s lich dem Versickerungsamt, dem Oberversicherungsamt und dem Rsichsversicherungsamt besondere Abteilungen für Angestellte eingeführt. Die ursvrüngliche organi- satorilch vollständige Trennung der Angestelltenversiche- rung von der Invalidenversicherung hatte den Nach- teil, daß alle Arbeitnehmer, die aus der einen Versicherungsart ausschieden und in die andere ein- traten, ihre früher erworbenen Anwartschaften verloren. In- zwischen ist eine Verbindung beider Versicherungen herbeige- führt worden, so daß im Falle einss solchen Berufswechsels ihm die Anwartschaft in seiner früheren Versicherung ange- rechnet wird. Kampf um die Gemeinschastsschule Oer verfassungswidrige Paragraph S.— Kendel! bezeichnet Antrage der Deutschen Volkspartei als verfassungswidrig! Der Blldungsausschuß des Reichstages setzte heut« die Debatte über den§ S des Schulgesetzes fort, der den Charakter der Gemeinschafteschule besiimmt. Von der Gestaltung Dieses Paragraphen hängt Im wesentlichen die Zukunft der Gemein- schastsschul« ab. Abg. Diester(Soz.) fragt die Regierungsparteien, was sie sich eigentlich unter christlichem Geist vorstellen. Abg. Seydewih(Soz.) wendet sich gegen die Regierung, die auch bei der Debatte um diesen Paragraphen es Noch nicht für notwendig gehalten hat, zu der D e r- fafsungsmäßigkeit irgendein Wort zu sagen. Gegenüber den Angriffen des Abg. Runkel auf die sächsische Volksschule weist der Redner nach, daß die sächsische Gemeinschaftsschule durchaus mit der Reichsverfassung übereinstimme. Dagegen stehe der 8 S in«»bedingtem Wldersprnch zum Artikel 14» der Netchsverfassnng. der im Absatz 2 bestimmt, daß es von der Willenserklärung der Erziehungsberechtigten abhängt, ob ihr Kind am Religionsunterricht teilnimmt. Die Regierung sparlelen, die am liebsten morgen schon die Be- ratung des Schulgefetzentwurfes beenden möchten, brachten einen Antrag ein, der die Redezeit bei den einzelnen Paragraphen be- schränkt für den ersten ans zwanzig Minuten und auf zehn Minute« für jeden weitere» Redner. Abg. Schreck(Soz.) wandte sich ganz energisch gegen diese B«- schränkung der Redefreiheit: er gab dabei der Meinung Ausdruck, daß die Verhandlungen durch rechtzeitig« und ein- deutige Erklärungen der Regierung besser gefördert worden wär«n, als durch Neinliche Beschränkungen der Redezeit. Der Antrag der Regierungsparteien wird mit 15 gegen 12 Stimmen der Sozialdemokraten, Kommunisten und Demokraten angenommen. Darauf ergreift endlich wieder einmal der Reichsinnenminister Seudell das Wort zu einer seiner nichtssagenden Erklärungen. Mit vielen Worten, aber ohne Beweise, wiederholt er die Behauptung, daß sein Entwurf verfassungsmäßig fei und daß insbesondere der Z Z der Verfassung entspreche. Ten Antrag des Abg. Runkel, der die Gemeinschafts- schule sogar auf christlicher Grundlage aufgebaut wissen will, bezeichnet der Reichsinnenminister im Auftrage der Regierung für verfassunaswidrig, weil er im Widerspruch mit Abs. 1 des Artikels 146 steht. Wenn aber das Verlangen Runkels nach der„christlichen" Grundlag« verfassungswürdig ist, dann ist es auch der Regievungs- entwurf, in dessen Z 3 es neben der.religiös sittlichen Grundlage" heißt, daß in der Gemeinschaftsschule„die aus dem Christentum erwachsenen Wette.... sind im Unterricht und in der Erziehung lebendig zu machen." Gerade die Erklärung des Herrn Keudell zum Antrag Runkel beweist, daß auch der Entwurf der Regierung verfassungswidrig ist. Die Beratungen werden fortgesetzt. Zfcichswshrgeschäst mit Hugenberg Neue phöbus-Transaktion im Gange. Me wir zuverlässig erfahren, ist eine neue Phöbusfilm« Transaktion der Reichswehr im Gange, ver Reichssparkommissar SSmisch. der in das Jilmgeschäsl der Reichswehr hineinleuchten soll, ha« sein« Rnlersochuogeu noch nicht abgeschlossen. Da» Reichs- wehrminislettum versucht nun unter der Hand die Aktien der phäbn»- Iilm A..«. s ch l- ü u i g st abzuschieben— an yvgeaberg. Die Aktien der Phöbus-A- G. sind ziemlich wertlos, das einzige wesentlich« Aktioum der Gesellschaft sind die drei großen Filmtheater Sapitol, Marmorhaus und Europahaus, die dos Reichswehr- mlnistettmn an hugenberg verschieben will. Da» Memoraodum Parker Gilberts hat eine erregle Debatte über die angebliche Verschwendung von Ländern und Gemeinden hervorgerufen— warum ist nicht mit einem Morl die Rede von der Verschwendung lm Reich swehrelat und den Machen- schaflen de» Relchswehrminlsteriums? Hugenberg macht mobil. Es Ist bekannt, daß sich die Deutschnationalen vor den nächsten Reichstagswahlen fürchten Sie bereiten deshalb schon setzt Ihre Trick» vor, mit denen sie die Wählermossen fangen wollen. Auf die Werbekrast der Pottei und da» Programm ver» lassen sie sich dabei weniger als auf die Dummheit der anderen. Besonders rührig ist Hugenberg, über den die„Possische Zeitung" bettchtet: „Er geht mit einer für deutsche Verhältnisse unerhörten Groß» zügigkeit, dank der unbeschränkten Mittel, die a-us den Jnslations- gewinnen seiner Gruppe zugeflossen sind, daran, für den Wahlkampf den Film nutzbar zu machen. Seiner Gewohnheit entsprechend, oerkappt er sich dabei. Er masKett das Unternehmen als „D e u t s che V o l k S l l ch t s p l e l e", eine Gesellschaft, deren Sitz nicrkwürdigerweis« Naumburg a. d. Saale ist. Dott war, wie mori sich ettnnett, der Kreis, aus dem der Kapp-Putsch seine gedankliche Fundierung erhielt. Der Käppi st Schiele gehört mit zur „Devoli", wie sich diese deutschen Dolks-lichtspiele, nach Art der Ufa. abkürzend nennen. Neben dem Grafen v. d. Schulenburg gehött dann vor allem Hugenberg dazu. Die Devoli hat bei Ford 490 Spezialkrastwagen bestellt, die mit den fettigen Apparaten, den nötigen Filmrollen, Projektionsflächen und übrigen Zutaten In Kolonnen zu je 29 von Naumburg über ganz Deutschland ausstrahlen ststlen. Die Finanzierung wird sehr geschickt dadurch erleichtett, daß ein Teil der Film« Reklamefilme sind, zu dem die betreffenden Industrien Beihilfe zahlen. Andere Filme sind Schul- und Lehrfilme, die als solche Steuerfreiheit genießen. Den Clou de» Programm« soll die entsprechend zurechtgestutzte politische Wochenschau bilden. Diese Angleichungen der Angestelltenversicherung an dte Invalidenversicherung sind h ö ch st b e d e u t u n g s- volle Verbesserungen. Sie sind sämtlich durch die AfA-Verbände erkämpft worden. Heute mutz selbst der Deutschnationale Handlungsgehilfenverband aner- kennen, daß diese Neuerungen höchst wertvolle wtrtschoftliche Vorteile für die Angestellten bieten. Die AfA-Verbände haben den Inhalt des Angestelltenversiche- rungsgesetzes verbessert: die reaktionären Führer innerhalb dsr Angestelltenbewegung aber sind voll verbissener Wut, daß dte ursprünglich organisatorische Kluft zwischen Angestellten- und Invalidenversicherung nicht aufrechterhasten werden konnte. Daß die AfA-Verbände zu hohe Forderungen stellen, die geeignet wären, die Angestelltenversicherung finanziell zu ruinieren, ist eine zu Wahltäuschungszwecken erfundene Un- Wahrheit. Die AfA-Verbände wollen aber dafür sorgen, daß die Versicherten für die hohen Beiträge eine e n t» sprechende Gegenleistung erhalten. Die Ange- stelltenversicherung muß ein gewisses Vermögen a n- f a m m e l n, um die an sie später zu stellenden Leistungen zu befriedigen. Das wissen die AfA-Berbände ebensogut wie die Klopffechter des DHV.: aber sie wissen auch, daß die Ange- stelltenversicherung, die olle Kreise der Angestellten wangsweise umfaßt, kein privatkapitalisti- ches Versicherungsinstitut ist. Ein solches Institut muß auf streng versicherungstechnischer �Basis beruhen. Es muß damit recknen, daß der Neuzugang von Versicherten ausbleibt und ihre Versicherten mit fortschreitendem Alter höchstwahrscheinlich immer mehr Anspruch an Renten usw. stellen. Bei der Angestelltenversicherung ist das anders. Das Gesetz garantiert ihr dauernd den N e u z u g a n g an Versicherten, indem jeder, der Angestellter wird, der Bei- tragsvflicht unterworfen ist. Das Verstcherungs- ristko wird also durchschnittlich nicht immer schlechter, wie es bei einem privaten Bersicherungsinstttut sein kann. Das Versicherungsrisiko bleibt im großen und ganzen dasselbe. Deswegen braucht eine solche Zwangsversicherung nicht ein immer größer werdendes, bis ins Unendliche wachsendes Vermögen anzusammeln. Das Geschrei, das die reaktionären Führer der Ange- stelltenversicherung über die„zu hohen Forderungen" der AfA-Verbände erheben, erklärt sich n u r d a r a u s, daß diese reaktionären Führer politisch mit den Unterneh- m e r n versippt sind und in d e r e m Geiste arbeiten. Wer den sozialen Fortschrstt erstrebt und den Kasten» dünkel ablehnt, arbeitet für die L i st e n der A f A- Ver bände! Spiel mit der Verfassung. Ein sauberer Vorschlag zur Flaggenfrage. Die Rechtspresse diskutiert über die Flaggenfrage. Das Problem, das sie erörtert, lautet: Wie ändert man die Ver- fassung, ohne daß die Voraussetzungen einer verfassungs- ändernden Mehrheit im Parlament gegeben sind? Mit an- deren Worten, man sucht nach der Möglichkeit, die Ver- sassung zu brechen. In der„Täglichen Rundschau" veröffentlicht „ein aktiver hoher Diplomat im Ausland" folgenden sauberen Plan: „Der Artikel 3 der Verfassung lautet:„3>ie Reichssarben sind schioarzrotgold. Die Handelsflagge ist schwarzweihrot mit den Reichsfarben in der oberen inneren Ecke." Dieser Wortlaut tut dem Gebrauch der Handelsflagge als allgemeiner Itationalflogge keinen Eintrag. Man bedenke, daß die frühere fchwarzweißrote Flagge überhaupt nur als Handelsflagge in der Verfassung festgesetzt war und daß nach internationalem Brauch— und die Flagge ist vor allem das internationale Unterscheidungszeichen— die von den Schiffen geführte Flagge allgemein als Nationalflagge des Landes gilt, tvie es ja auch nicht anders fein kann---- Es käme also darauf hinaus, die Flaggenordnung durch eine neue zu ersetzen. Ei« könne etwa folgendermaßen lauten: „Auf Grund des Artikels 3 der Reichsverfassung werden folgende Reichsflaggen festgesetzt: 1. Als allgemeine Ilativnalswgge die in Art. Z Abs. Z bezeichnete schwarzweissrote Flagge mit den Reichssarben Schwarz- Rot-Gold in der oberen inneren Ecke. Das Schwarz-Rot-Gald als Gösch hat sich über die Breite d�s schwarzen Feldes der Flagge und auf eine Länge von 2: 3, entsprechend den Ausmaßen der ganzen Flagge, zu erstrecken. 2. Als Reichsdienstslagge die in Zifs. t genannte Flagge mit dem schwarzrotgoldenen Adlerschild in der Mitte. Sie ist von samt- lichen Reichsdienststellen zu führen. 3. Die von einzelnen Persönlichkeiten zu führenden besonderen Rcprösentationsslaggen werden durch Verordnung des Herrn Reichs- Präsidenten bestimmt. Sie dürfen nur die Reichsfarben enthalten oder müssen sie innerhalb der änderen Farben der Nationalflagge in sichtbarer Weife zur Geltung bringen." Eine solche Flaggenordnung enthält keine Aenderung der Verfassung. Da sie aber eine authentische Interpretation zu dieser bringt, wäre es zweckmäßig, sie durch ein Gesetz festzulegen." Ss ist kein Zweifel, daß die Durchführung dieses Planes einen glatten schwer st en Verfassungsbruch bedeuten würde. Schließlich werden die verfassungsfeindlichen Herrschaften von rechts noch authentisch interpretieren, daß der Verfassungsgrundsatz„Das Deutsche Reich ist eine Re- publik" nicht ausschließe, daß in der Republik ein König regiere. Dies Sviel mit der Verfassung ist nicht nur unehrlich und unwürdig, sondern feig. Man will die Verfassung brechen und hat nicht den Mus, es offen zu sagen. Man schweigt. '£>?< falsche Auskunst des Reichsfinanzministenums übe? die Berliner Finanzlage. Das Reichsfinanzministenum hat es bis zur Stunde noch nicht für nölig gehalten, zu den gestrigen Feststellungen des Berliner Oberbürgermeisters Stellung zu nehmen.' Oberbürgermeister Büß hat den Preffereferenten des Reichs-. finanzminifteriums befchuldigl, der Presse fafche Auskünfte gegeben zu haben, die den Kredit Berlins schwer schädigen können. Das Reichsfinanzministerium schweigt. „Rasputin." (Im Theater am Rollendorfplah.) Man stellte sich vor, daß die Russen Alexe! Tolstoi und Schtschegolcw die politische Revue, die dem gefühlvollen Deutschen Ernst Toller nicht gelungen w�r, mit robusterer Technik und froherem Tcnip-rament zimmern würden. Der Alexei Tolstoi, der sich heute mil der Kainpspoliti? der Sowjets auseinandersetzt, ist ein kleiner Verwandter des großen Heiligen von Jasnaja Poljana. Wir haben von ihm Geschichten gelesen, in denen es romantisch spukte. Es fehlte dit seelische Originalität des genialen Oheims, doch es war auch von dem Rätsel des russischen Gemüts und seiner stets anbetungs- würdigen Ueberschwenglichkeit manches in diesem"Tolstoi von der minderen Linie. Run ist das Stück vom Mönch Rasputin und dem Kampf des Volkes gegen die Romanows aus dem unverblümten Willen zur Propaganda entstanden. Das Stück ist deswegen in seinen ersten Partien sehr ausregend und lin Eintlang mit den Absichten der agitierenden Theaterleute. Was da geschah, war unsere Sache, es beschäftigt uns noch heute wiid. Wenn Nikolaus mit seiner Hosgesellschast unter den Einfluß des viehischen Mönches gerät und wenn dieses Monstrum nun in seinem Aberglauben entlarvt wird, dann reißen wir immer wieder Maul und Ohren auf. Die Hofgesellschaft um Nikolaus empört.- Der Wirbel, der Halunken und durch.Halluzinationen verblödete Kronen- trägcr und ihren Anhang zur Anbetung eines tierischen Menschen fortriß, umkreist mit tobender Primitivität die Zuschauer im Theater. Die kurzen Bilder sind samos gezeichnet. Was man redet, hat eine trockene, durchaus realistische und mögliche Grundloge. Wir werden beim richtigen Nerv der Empörung gekitzelt. Hopla, dieses Bühnen- leben lebtl Zu ertragen ist es auch, daß die Reouemachcr sich vor- läufig gar nicht um das vielleicht vorhanden« Seclengeheimnis des Rafputin bekümmern. Sie schildern ihn einfach als ein nichts- würdiges und schlaues Luder, das mit seinen Bauernstiescln und seinem starten Wjllcn die ganze Zarcngcsellschaft zertrampelt. Doch langsam rührt sich der Einspruch. Der gesunde Menschen- verstand rebelliert. Selbst angenommen, Nikolaus und seine Sipp- jchast wären die dümmsten Tölpel gewesen, so waren sie doch irgend- wie in«in- unauflösliche Mystik verstrlckt. Ihre Hilflosigkeit vor diesem verlumpten Menschen mußte irgendwie auf Schicksalsmächte zurückzuführen sein, deren Rätselhaftigkeit mm durchdrungen werden muß. Aber von diesen Dingen ist nicht die Rede. Wir werden nicht klüger, wir werden im Gegenteil immer blöder. Das geschieht, weil die russischen Revu-mocher sich keine Mühe geben, hinter den Sinn der Dinge zu kommen, sie suchen nur die sinnliche und primitive Sub» stanz der Ereignisse. Das ist ihre Aesthetik,«in Kunstwille, der allein auf die Propaganda und auf nichts anderes zielt. Aus der großen Zeitchronik machen sie ein künstlerisch kümmerliches Stück. Wir schätzen bisher die Genies so ein, daß wir uns freuten, wenn sie au» Oer Wahrheit die Ehre! Anerkennung sozialdemokratischer Arbeit bei den Ehrifien. In K o r n t h a l in Württemberg erscheint ein christlich- soziales Blatt, das sich„Christlicher Voltsdienst" nennt. In diesem Blatte schreibt sein HerausgeberSimpsendörfer über den Materialismus des Unternehmertums und über die Lage der Arbeiter. Dabei entringt sich ihm dieses Geständnis: Denn anstatt den Unterdrückten Recht zu verschaffen, haben die geistigen Größen des Bürgertums das brutale Recht der Herrenmenschen verkündet. Den. Forderungen der christ- lichen Näckstenliebe hat man die Eigengesctzlichkeit der Wirtschast entgegengesetzt. Die Prosilrate des Kopitals wurde der Maßstab für den Wohlstand der Ration, mochten dabei M i l l i o n e n arbeitslos werdenundHunderttausendein elenden Löchern hausen. Daß man diese Haltung auch noch mit einem christ- lichen Mäntel chen verbrämte, ja sogar dies« unsittliche und gen Himmel schreiende Ordnung der Dinge mit dem Christentum zu stützen suchte, machte dos Uebel noch schlimmer. Der Schrei der Masjen nach Gerechtigkeit und Menschenwürde verhallte immer wieder ungehört an den Mauern der Potässe der bürgerlichen Ge- sellschaft. Uns trennt weltanschaulich ein« tiefe Klust von der Sozialdemokratie. Wir geben aber nur der Wahrheit die Ehre, wenn wir sagen, daß sie sich immer wieder der Armen und Unterdrückten angenommen hat. Und das ist letzten Endes das Gehoinrnis ihres Erfolges. Anstatt das Uebel an der Wurzel zu fassen, sucht- man Wahlparolen zusammenzuschustern, mil denen man die Massen in der Wahl ködern will." Der„Christliche Volksdienst", der so offen das Lob der Sozialdemokratie ausspricht, ist ein Blatt evangelischer Prägung. Aber die„Westdeutsche Arbeiterzeitung", das Verbandsorgan der katholischen Arbeitervereine West- dcutschlands, druckt die Aeußerung zustimmend nach. Das Zeugnis dieser beiden Gruppen für die Tätigkeit der Sozialdemokratie ist wert, festgebalten zu werden. Man darf es in der WerbewochederSozialdemokratie besonders sich einprägen und es immer wieder denen sagen, die noch nicht den Weg zurParteiderArbeit gefunden haben: Wer als Arbeitnehmer seine Interessen wahrnehmen will, muß Sozialdemokrat werden! Vicior Aaumannn. Ein Zeuge aus der Zeit des Niedergangs gestorben. Am 10. November ist der Gesandt«' a. D. Dr. Victor Naumann in einer Berliner Pension einem Schlaganfall erlegen. Sein sehr beweglicher Geist hat sich auf vielen Gebieten der Kunst unJ) Politik betätigt. Die Laufbahn als Dramatiker und Intendant verließ& jedoch sehr bald, um sich hauptsächlich der Politik zu widmen. Unter dem alten Regime hielt er eng« Fühlung mit dem König Ludwig III., mit dem Kronprinzen Rupprecht, mit dem er auch noch in seinen letzten Lebensjahren aus sehr vertraulich«�! Fuß« stand. Naumann war. überzeugter, demokratischer deutscher Monarchist mit stark föderalistischem Einschlag. Seine Begeisterung für den Föderalismus, brachte Ihn vielfach auch In Berührung mit dem-Bäucrnführer Dr. Heim, dessen extravaganten politischen Sprüngen tr jedochmicht folgen konnte. Vor dem Weltkrieg zeigte Dr. Naumann ein sehr reges Interesse für die bayerische Sozialdemokratie, mit deren Führern er häufig verkehrte. Tiefe und gründliche historische und politische Studien hatten in ihm das Verständnis für die geschichtsbildende Kraft des Sozialismus geweckt. Zahlreiche informierende Artikel und Notizen hat er in der„Münchener Post" veröfjemlicht, an deren leitenden Redakteur Adolf Müller ihn«ine longjährige Freundschaft knüpft«. Im Münchener Port«iverlage Birk sind einige Broschüren der kümmerlichsten Chronik ein künstlerisch großartiges Stück machten, dessen geistige Erleuchtung uns über Jahre hinaus fesselte. Nun muß man abwarten, ob die Meister der Mode oder die Genies Recht behalten. Sobald die große Pause der Revue vorbei ist und sobald nach dcr Berknäuelung die Auslösung� also die Beseitigung Rosputins, folgt, werden die theatralischen Mittel noch primitiver. Es wird ein Kriminalkino aufgeführt. Dcr Halunke Rasputin säuft mit seinen Weibern und telephoniert dazwischen mit der Zarin, die in ihn vernarrt ist. Wieder interessieren die rohen Ereignisse außerordentlich. Die trockene Chronik der Zeit ist aufregender als alles, was ein Phantast erfinden könnte. Man begreift nicht, warum die Revue- macher plötzlich mit den Psychologen konkurrieren und aus dem Mist- vieh Rosputin einen mystischen Menschen machen wollen. In solchen Künsten sind die Reouemachcr Stümper. P i s c a t o r peitscht. alles auf die Wirkung vorwärts. Er arbeitet mit den gleich:» Mitteln, die eigentlich schon zu einem sche- matischen Rezept geworden sind. Dcr Film gibt wiederum die vor- bereitende Weltgeschichte zum Rasputin-Spuk. Man beachte das Wiederum, das Schcmatische, das Schulmäßigel Der originale Re- gisseur fängt schon an, sich zu kopieren. Er hatte diesmal das Miß- gejchick, daß ihm bei der Premiere die Elektriker im Stich liehen. Die Filmbilder waren verwaschen. Der Film ist auch nicht nur zur Erhöhung der Bühnenwirksamkeit geeignet. In einer Szene sollen die Lcibgardisten dcr Zarin zur Roten Armee desertieren. Wir sehen auf der Lcinewand, wie die Soldaten abtrotten. Der akustische Re- gisseur hätte durch dieses Gestampf der Mcnschenschritte eine mächtige . Wirkung erzielen können. Das Ohr hätte viel größere Ausregung gebracht als der Anblick der paar Soldaten, die schattenhaft über die Leinewond huschen. Originell war diesmal allein der Aufbau des Bühnenraums, der von einer Weltkugel ausgefüllt war. Es öffneten sich auf dem Globus Spalten und Türen. Es wurde unter dem Dache der Weltkugel, oder in den Oeffnungen gespielt. Schauspielerisch wurde Borzügliches geleistet. Die schwachen und kleinen Leute sind aus dcr Piscator-Bühne verschwunden. Paul Wegen er als Rasputin ist bildgetrcu, ein tierischer Riese, eine salbungsvolle Bestie. Er ist nur Halunke und Rowdi. dcr die Weiber umschmeißt und das Lirumlarum des Priesterlichen allein zum Spitz- bubentum gebraucht. Frau Durieux ist eine Zarin, die durch Gehässigkeit im Krieg« und Narrentum imponiert. Sie ist die richtige kaiserliche Hexe aus dem Bolschewikenmärchenbuch. Propaganda, dos ist das Programm dieses Theaterstücks. Da» Programm erfüllt sich mit einem Riws, den wir schon kennen. Schlußgesang des Ritus ist die Internationale dritter Version, durch die Bühne und Zuschauer» roym ineinander verschmolzen werden sollen. Der Lenin, der auf der Bühne steht(Alexander Granach ahmt ihn mit glänzender Maske nach) schmettert das Stichwort für die Parteigenossen aus der Galeric. In den nobleren Rängen und im Parkett tragt man Smoking und Juwelen und ist sehr amüsiert über solchen«vpektakel. Max Hochdorf. Naumann» erschienen, unter and««» ein« Studie üb« den Fürsten» mord. Selbstverständlich hat Naumann, der für unser München« Parteiblatt nur als gut unterrichteter Informator in Betracht kam, niemals einen Einfluß auf die Haltung dieses Blattes gewonnen, Im Weltkrieg unternahm Bictor Naumann zahlreich« Reisen in das neutrale Ausland, um im Interesse eines baldigen Friedensschlusses zu wirken. Er zog sich deshalb vielfach den ungezügelten Haß der Ludcndorfffchen Militärtaste zu. 1917 besuchte er das kronprinzliche Hauptquartier und redete tapfer auf den Hohenzollernsproß ein. dem er schließlich eine Denkschrift an Wilhelm II. in die Feder diktierte, um Deutschland vor dcr damals schon drohenden Katastrophe zu bewahren. Der wankelmütige Kronprinz verfiel aber bald wieder dem Einfluß der Ianuschauer-Clique. Nach dem Zusammenbruch leitete Naumann kurze Zeit die Presseabteilung des Auswärtigen Amts. Seine Stellung im Dienste des Reichs war aber unhaltbar, da er dem alten Deutschland noch mit starken Sympathien ergeben war. Dr. Naumann hat sehr viele Auszeichnungen hinterlassen, die für die diplomatische Geschichte des Weltkrieges nicht ohne Bedeutung sind, obwohl er in ihnen seinen Hang zum Fabulieren oft gefrönt hat. Zahlreiche Denkschriften Naumanns befinden sich in den Händen der leitenden Männer der Weltkriegszeit. Wilhelm für Wilson. Er macht Kriegsschulddistussion auf seine Weise. Eine amerikanische Nachrichtenagentur hat mit Wilhelm von Doorn folgenden Telegramrnwechsel geführt: Telegramm oa Wilhelm: Di« Koniinentalpreß-Agentur in Paris bietet meinem Nach- richtendienst eine Unterredung mitIhnen an, worin Sie aus Anlaß der Wiederkehr des Woffenstillstandstages erklären, Eure Majestät bedauerten Ihre Kriegshandlungen und erbeten die Verzeihung der Alliierten für die Mobilmachung der deutschen Heere. Ist dies« Unterredung authentisch und erkennen Sie sie an? Erbitte sofortig« Antwort. George Mathew Adams, Service 2-50 Park Ave New Park. Telegramm von Wilhelm: Die Unterredung ist ein schmutziger Gaunertrick. Wie Gene- ralfeidmarschall von Hindcnburg es schon bei Tannen- b« r g ausgesprochen hat, ist die Behauptung von Deutschlands Schuld am Kriege eine gemeine, niederträchtige Lüge. Versailles ist auf Lüge ausgebaut und muß getilgt werden. Wilsons 14 Punkte müssen wieder hergestellt werden. Wilhelm hätte sich etwas früher für Wilsons 14 Punkte begeistern sollen! Seine Berufung auf Hindcnburg, dem er die Worte .gemeine niederträchtige Lüge" in den Mund legt, ist ebenso bezeichnend wie der tötliche Ernst, mit dem er aus einen offenbaren schlechten Witz hineingefallen ist. Nur kein« Gelegenheit zum Telegraphieren verpassen! Ein Schritt zur Reinigung. Das Gehalt des Weimarer StaatsawaltS Floel gestrichen. Der Haushaltsausschuß des Thüringer- Landtag» hat einen � sozialdemokratischen Antrag angenommen, nach dem dl« Zahl der Staatsanwaltsräte von 11 auf 10 herabgesetzt und das Gehalt für Staatsanwaltschaftsrat Floel gestrichen wird. Staaisanwaltschaftsrat Floel ist bekannt aus dem L o e b- Prozeß, wo er l'A Jahre Zuchthaus beantragte, und aus dem Frieders-Prozeß, in dem er offen zugestand, eine wichtig« Ur- künde, nämlich den Außcroersolgungssetzungsantrag in Sachen Loeb. der von seinem Vorgesetzten unterzeichnet war, vernichtet zu haben. Er war ein Arm der„Ordnungsregierung" in d« Justiz, I 1 Ltngarisches Schlafzimmerspiel. Im„Custfpielhaus" hat Benno von Arcnt für den ungarischen Schwank„Zimmer N r. 1 3" von Armand Czäntö, und Johann Vaszary ein lichtes Schlafzimmer gebaut, in dem das Bett an nicht zu übersehender Stelle steht. Die Kosten für die Herstellung dieses wunderhübschen Bühnenbildes hätte die Direktion erheblich verringern können. Es hätte genügt, nur das Bett auf die Szene zu stellen.-Denn die Borgäiige spielen sich im wesentlichen in oder unter dem Bett ab. Den Witz bezieht das Stück aus der Tatsache, daß Paul, der Hotelgast von Zimmer 13, mehrmals an seiner Abreise gehindert wird, weil im letzten Moment jemand in oder unter dem Bett liegt. Meistens ist es die hübsche Gcrmoine, die im Zimmer 13 vor Verfolgern Schutz sucht. Zunächst will Paul sie auf dem schnellsten Wege wieder los werden, um feinen Zug nicht zu versäumen. Als ihn endlich Germaines freigebig gezeigte Reiz» überrumpelt haben, findet er in oder unter dem Bett verschiedene junge Herren, die mit ihr in irgendwelchen Beziehungen stehen müssen. Der letzte der jungen Leute, die er unter dem Bett her- vorzieht, stellt sich als Autor eines Lustspiels vor, dem der Theater- direktor die Wahrscheinlichkeit seines Stückes bestreitet. Da dies« nicht sonderlich originelle Einfall höchst umständlich, unbeholfen und bemerkenswert albern abgewandelt wird, erhebt sich die Frage, was das Lustspielhaus veranlaßt, den im Grunde alt- modisch auf Situationskomik ausgebauten Schwank auszuführen. Es «hofft den Erfolg des Stückes offenbar aus oer Reizwäsche, die Germaine drei Akte hindurch liebenswürdig zur Schau stellt. Dos Lustfpielhaus scheint also die Traditionen des kürzlich verstorbenen „Intimen Theaters" aufnehmen zu wollen. Leid« hat es mit seiner Berechnung kein Glück. Denn das Intime Theater war so klug, sein« Betts.zenen nur einen Akt duu«n zu lassen. Und auch der pirandello- artige Schluß des.ZNnmers Nr. 13" träklet nicht darüber hinweg, fdah der geschöflsüblich« Bettschwant über drei Akte ausgewalzt wird. Charlotte And e r zeigt ihrp_ wohlgedrechselten Beine und graziöses und kindlich schüchterndes Spiel. Kurt Vespermann versucht lustig und frisch flottes Tempo in dos Spiel zu bringen, das dcr Regisseur Mqxttn Zickel tröge dahinfließen läßt. Dgr. Konzert Kulenkampff— Oobrowen. Der neue Generalmusikdirektor des Staatstheoters in Sofia, Issai Dobrowen, ist in Berlin seit mehreren Iahren ein gern gesehener Gastdirigent. Er kam diesmal, den Geiger K u l e n- kampfs mit den Philharmonikern zu begleiten, und leitete den Abend mit einer Darbietung von Mozarts Q-Moll-Sinfonie ein. Ich bin kein Freund von Ver>qleich«n— hier aber drängt sich ein Vergleich auf, da Bruno Waller, wie berichtet, erst wenige Tage zu- vor die gleiche Sinfonie aufgeführt hatte. Nun, der innerlich zarte, feinnervige Slawe Dobrowen gab diesen Mozart im allgemeinen männlicher: er gab der innigen Melancholie des ersten Satzes nicht noch, behandelte sie vielmehr aufmunternd und erreichte eine persönlich geartete Wiedergabe, ohne Mozart im geringsten zu nehmen, was chm gebührt. Im Gegenteil: immer ist bei Dobrowen in dcr Auslegung klassisch« Werke größte Natürlichkeft, Sachlichkeit, Ein- Ötofer frei. Freigelassen nach Verbüßung von �9 Lahre« Zuchthaus. Ediaburgh, lt. 1tove«,b«. Der Minister für Scholllaad hol die lkatlastung Slaler» au» dem Zuchthaus verfügt. Vor wenigen Tagen noch hat sich die schottische Justiz- Verwaltung gegen die Freilassung Slaters gewehrt. Es ist vielfach englische Justizpraxis. Zuchthäusler, die sich zwölf bis fünfzehn Jahre gut geführt haben, den Rest ihrer Strafe zu schenken. Die schottischen Justizbehörden wurden aufgefordert, diese Praxis auch im Falle Slater anzuwenden. Noch vor wenigen Tagen wehrte sich die Justizverwaltung dagegen. Ein hoher Iustizbeamter erfand den elenden Einwand, daß diese Praxis nur gegenüber Engländern angewandt, daß aber Staatenlose ihrer nicht teilhaftig werden können. Diese er- bärmliche Opposition einer Justizbehörde gegen das Gebot der Menschlichkeit ist unter dem Druck der Arbeiterpresse des Inlands und Auslands zusammengebrochen. Slater ist nach 19jähriger Haft frei. Die sofortige Freilassung des chäftlings ist das einzig richtige vom Standpunkt der Menschlichkeit. Sie ist aber auch der geschickteste Schachzug vom Standpunkt der Behör- den aus. Die Begnadigung schließt zwar nicht das Wieder- aufnahmeverfahren aus; aber wenn man begnadigt hat, so hat man den Einwand, daß die Wiederaufnahme des Pro- zeffes unnötig sei. Und die Wiederaufnahme des Verfahrens zu verhindern, daran hat die schottische Justizverwaltung alles Interesse. Hat sich doch durch die Veröffentlichungen der legten Tage herausgestellt, daß die Untersuchungsbehörden einer verbrecherischen Zeugenbeeinflussung wenn nicht schuldig, so doch sehr verdächtig sind. Hat doch die ent- scheidende Zeugin, damals ein ISjähriges Mädchen, jetzt aus- gesagt, daß sie damals nur die Aehnlichteit Slaters mit der Person, die aus dem Zimmer der Ermordeten kam, behauptet, der Untersuchungsrichter ihr aber so lange zugesetzt habe, bis sie die Identität des Angeklagten und des Mörders zugegeben habe. Die schottische Justizverwaltung will die Aufklärung dieser Vorgänge nicht, wekl sie sie zu scheuen hat. Das Schicksal der Lebenslänglichen. Von Or. Julian Marcufe-Munchen. Der Strafrechtsausschuß des Reichstages hat. dci� muß man ihm lassen, ganze Arbeit gemacht, seine„staatserhaltend«" Doktrin von Vergeltung und Sühne hat sich in der Beibehaltung der Todes- wie der lebenslänglichen Zuchthausstrafe von neuem bewährt. Was bedeuten ihm Kriminalpsychologie und Psychiatrie, was die übernommenen verbrecherischen Triebe, längst entkleideten Mechanismen, die wir heute im dem Zusammenwirken von Charakter, Erlebnis und Reaktion, letzteres heißt Umwelt, zu erblicken hoben, denkträger und erbarmungsloser Starrsinn hat für diese Begriffe kein Ber- ständni-, sein„Rechtsempfinden" kennt nur Schafott oder Zuchthaus- grab. Wenn der Häftling an Leib und Seele zerstört durch die Kerkerpforte wieder die Straße des Lebens betritt, dann, hat Bater Staat soviel Respekt vor dieser Freiheit des Individuums, daß er sich, nicht mehr um das spätere Schicksal seiner einstigen Fürsorge- zaglinge bekümmert. Dieses beschämende Geständnis hat auf eine Anfrage der Genossin Pfülf der Adlctus des Justizministers sich ob- ringen lassen. Auch eine Sterblichkeitsstatistik der Lebenslänglichen existiert nicht. Gcnosic Rosenfeld hat sie gefordert, wohl oder übel wird man also an diese unbequeme uird ini Sinne der zeitlichen Staatsvertreter ganz überflüssige Materie herantreten müssen. Der natürliche Menschenverstand weiß längst, daß die lebenslängliche Zuchthausstrafe die Lebenskraft des Häftlings zerstört. Was der einzelne empirisch beobachtet, die Allgemeinheit zusammengefaßt hat, das hat auch die medizinische Wissenschaft nach langen vorausge- gangenen Haarspaltereien zu einer gewisien Klärung gebracht. Der von Kröpelin vertretenen Anschauung, daß die äemevria präcox, die frühzeitige Verblödung, ein psychischer Entartungsprozeß endo- gcner, das heißt von innen heraus sich bei bestimmten Individuen entwickelnder Natur, sei, stand die ollmählich mehr und mehr er- härtete Tatsache von der überraschenden Häufung der Schizo- phrenien— Seelenstörungen im Sinne einer Persönlichkeits- spaltung— unter den lebenslänglich Internierten gegenüber. Dieses veranlaßte bereits de» langjährigen und ungewöhnlich erfahrenen Gefängnisorzt der Anstalt Moabit Dr. L e p p m a n n zu der These, daß die �Lebenslänglichen mit der Zeit alle mehr oder weniger als geisteskrank erkannt werden bzw. in Geistesstörungen schweren oder leichten Grades verfallen". Diese Ansicht fand volle Bestätigung in den von Prof. Liepmann(Hamburg) gesammelten Gutachten der deutschen Strafanstaltsdirektoren, wonach„jahrzehntelange hoff- nunyslose Haft bei durchschnittlich allen solchen Menschen eine lang- sam fortschreitende Einengung der geistigen Per- s ö n l i ch k e i t, eine Abnahme der intellektuellen Sphäre und der normalen Gefühl-, betonungen und Willensantriebe im Sinne eines Verblödungsprozesies zur Folge habe". Diese Feststellungen sind in den letzten Jahren durch«ine Reihe weiterer Erfahnmgen ausgedehnt worden, so hat Dr. Többen unter 70 Lebenslänglichen bei dem größten Teil derselben vorüber- gehende oder dauernde Geisteskrankheit beobachtet und auch die Strofanstaltsärzte von Bruchsal und Krailsheim(Bayern) haben die Häufigkeit seelischer Störungen fortschreitender Art bdi Lebensläng- lichen durchweg konstatieren können. Bei ollen diesen Untersuchun- gen hat sich unzweideutig herausgestellt, daß die überwiegende Zahl der chronischen Seelenstörungen der Lebenslänglichen die oben- genannten Schizophrenien sind, deren Entstehung einmal auf das schädigende Moment der seelischen Erschütterungen und Erregungen und weiterhin auf die Entziehung von Luft und Licht, auf die einförmige, Stosfwechselstörungen veranlassende Ernährung als krankmachende Faktoren zurückzuführen ist. Es liegt also, wie aus obigem ersichtlich, entgegen der Erklärung des Ministerialdirektors Bumke einer Reihe von Material über das Schicksal cker in oder außerhalb des Zuchthauses geisteskrank gewordenen Sträflinge vor. Sollte es dem Reichsjustizministerium so unsäglich schwer fallen, es zu vermehren und zu einem abschließenden llebersichtsbild zu gestalten? Reichsgenchi! Weitergabe einer Brofchüre-- 1 Jahr Gefängnis. Leipzig. 11. November.(Eigenbericht.) Der Kaufmann Berthold Stern aus Cannstatt hatte sich am Donnerstag vor dem 4. Strafsenat des Reichsgerichts wegen Vorbereitung zum Hochverrat und unbefugt«, Waffen- besitzes zu verantworten. Stern hatte im Januar dieses Jahres eine Broschüre., die angeblich zur Verhetzung der Reichswehr auf- forderte, an einen Reichswehrsoldaten weitergegeben und war dabei erwischt wo�>en. Bei der Haussuchung fand die Polizei noch zwei Broschüren, überschrieben„Die Republik�. Ein Mahn- wort an die Reichewehrsoldaten", sowie«ine Pistole mit wenig Munition vor. Stern wurde verhaftet. Das Gericht brachte es fertig, den Angeklagten trotz dieser Lappalie wegen Vergehen nach§ 7 des Republikschutzgesetzes, Bor- bereitung zum Hochverrat und Vergehen gegen die Waffenverord- nung zu einem Jahr Gefängnis und 100 M. Geldstrafe zu verurteilen. Die Sorgen der Landgemeinden. Vierter preußischer Q»ndgemeindetag. Heute vormittag trat der Verband preußischer Landgemeinde», der die sämtlichen Landgemeinden, Amts- und Gutsbezirke Preußens, außer Rheinland und Westfalen, umfaßt, im Reichstag zu seinem Vierten Preußischen Landgemeindetag zusammen. Die Tagung war außerordentlich-stark beschickt. Der Vorsitzeade, Bürgermeister Lange- Weihwasser, streifte in seiner Begrüßungsansprache die großen politischen Probleme, die das Gemeindeleben berühren. Er wandte sich dabei gegen die im Steuervereinheitlichungsgeseg vorgesehene Mitwirkung der Unternehmervertretungen und gegen die Diktatur der Reichsbant auf dem Anleihemarkt. Die Anleihen zum Zwecke des Wohnungsbaues müßten unter allen Umständen als produktiv an- erkannt und zugelasicn werden. Das Schulgesetz dürfe den Ge- meinden keine neuen Belastungen durch die Errichtung von Splitter- und Zweigschulen bringen. Nach einer bemerkenswert nichtssagenden Rede des Reichs- innenminsters v. K e u d e l l nahm der preußische Innenminister Ge- nosse G r z e s i n s k i namens der Staatsregierung zu dem Kommu- nalproblem das Won. Er betonte die Wichtigkeit gerade der kleinen Gemeinden, die im Landgemeindeverband.zusammcnge- schlössen sind, für die Selbstverwaltung und für die staatsbürgerliche Betätigung. Der Gedanke der Selbstverwaltung findet hier, bc- sonders in dem starken Anteil der ehrenamtlichen Tätigkeit seineu reinsten Ausdruck. Die Gemeinden sollten durch Zusammen- fassung kleinerer leistungsfähigerer Kommune» zur Rationalisierung der Gemeindeverwaltung beitragen, und es ent- spreche dem Sinn der Selbstverwaltung, wenn die Anregung hierzu von den Gemeinden selbst ausgehe. Ein großer Teil der Bevölkc- rung auf dem Lande, nämlich derjenige, der in den Gutsbezir- t e n lebt, sei noch heute an der Mitwirkung an der Selbstverwaltung ausgeschlossen. Di« Gesamtheit der Gemeinden müsse die B c- seitigung dieses Zustandcs wünschen. Als Ziel der Land- gemeindeordnung bezeichnete der Minister ihren Ausbau dahin, daß sie die ehrenamtliche Betätigung ermögliche, ohne den einzelnen, der dabei mitwirkt, seinen Benisspflichten zu entziehen. Die Wohl- fahrtspflege müsse den kleinen Gemeinden in demselben Maße wie den großen ermöglicht werden. In ihrer Gemeindepolitik müssen sich die Kommunen immer als Diener des Staatsganzen fühlen. In einem groß angelegten Referat erläuterte dann Reichs- finanzminister Dr. Köhler das Steucrvereinheitlichungsgssctz. Im Vordergrund stand dabei der Gedanke der Sparsamkeit. Das Ziel der Finanzpolitik müsse Rückbildung der staatlichen Aufgaben zugleich mit der Rückbildung der Steuern sein. Dazu müßten alle Glieder der Staatsverwaltung von sich aus beitragen. Ein Zwang zur Senkung der Gemeinderealsteuer sei in dem Gesetz nicht ent- hallen. Der Reichsfinanzminister verwahrte sich sehr scharf gegen den Vorwurf der Feindseligkeit gegenüber deA Gemeinden und erklärte am Schluß, er wolle keineswegs durch finanzielle Aushunge- rung der Länder und Gemeinden eine Umgestaltung ihres Verhält- nisfes zum Reich erzwingen, das in der Verfassung geregelt sei. Zur Verciniachung der Haushalte jedoch und zur In- angriffnahme einer Verwaltungsreform sei das Steuer- vcreinheitlichungsgcsetz ein unbedingtes Erfordernis. fachheit Grundlage einer fest in sich begründeten Gestaltung. Die ..Tannhäuser"-Ouoertüre, am Schluß des Abends, nahm er freier: das Allegro wurde elementar in zündender Steigerung emporge- trieben— es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn ein so hervor- ragender Musiker und echter Künstler wie Dobrowen aus innerem Impuls sich energisch von der Theaterschablone freimacht. Georg Kulenkampff nun ist seit vielen Iahren im deutschen Musitlebei) als ein Geiger von bester technischer Qualität, von noblem Ton und jeder Aeußerlichkeit abholdem Ernst in seiner künstlerischen Auffassung, von trefflicher- Musikalität hinreichend anerkannt. Daran wird sich nichts ändern, solange er solche Vorzüge. »oie jetzt wieder im Brahms-Konzert, bekräftigt. Aber es fehlt ihm olles das, was die Persönlichkeit von Format ausmacht: fein-Ton ist fein und in seinen Grenzen schön— er trifft niemals mit innerer Kraft ins Herz: die Gestaltung ist reif und gediegen— sie wächst nie aus Uebcrlegeicheit und Fülle: die Rhythmik ist nie packend— ja. sie ist nicht einmal klar. Trotzdem: wir wollen die uiibestreit- baren Qualitäten des Künstlers darüber nicht vergessen.— Er erntete, ebenso wie sein idealer Begleiter am Dirigentenpult, reichen Beifall. b. t. Die Nobelpreise. Die schwedische Akademie der Wissenschaften beschloß, den literarischen Nobelpreis für 1928 ber italienischen Schriftstellerin Grazia De lad da zuzuerteilen. Der Nobelpreis für 1927 wird reserviert. Damit bekommt den Nobelpreis zum zweiten Male sine Frau. Das erstemal fiel er an Seima Lagerlöf. Die Akademie hat den Nobelpreis für'Physik für 1927 zwischen den Professoren Arthur H. Compton. Chikago, und Charles Thomas Rees Wilson, Cambridge, gleich zu teilen. Der crstere erhielt drn Preis für den nach ihm genannten Effekt, der letztere für. sein Verfahren, durch Dompfoerdichtung die Bahn elektrisch geladener Partikeln sichtbar zu machen. Der Ehemicnobelpreis für 1927 wird nicht verteilt, vielmehr für das nächste Jahr reserviert. ». Grazia Deledda, die Trägerin des Nobelpreises für Lite- raiur, ist die sardifch« Dichterin schlechthin. Sie hat zuerst in ihren zahlreichen Romanen und Novellen diese eigenartige Insel literarisch erschlossen, auf der noch ganz urwüchsige, zum Teil oormittelalter- liche Verhältnisse bestehen. Di« älteren Leser des„Vorwärts" habe» einige ihrer Novellen in unserem Unterhaltungsblatt gelesen und werden sich gern an die schlichte und unpreziöse, dabei doch ins Wesen der Dinge und Menschen dringende Art ihres Schaffens er- inner». Sie ist wirklich eine Entdeckerin von Neuland, und wenn man sie mit dem Nobelpreis geehrt hat, so gilt diese Auszeichnung gleichzeitig ihrer steinigen Heimat, dfe in Europa nicht ihresgleichen bat. Nicht nur die prähistorischen Türme erinnern an eine Vor- zeit, von der uns keine Geschichte meldet, auch die Bewohner, deren Rassemischung kaum feststeht, bewahren in ihren Gewohnheiten und Gebräuchen vieles, was dem Europäer von heute fremd geworden ist, aber vielleicht einmal Urbesitz der mittelländischen Rasse war. Die ehemalige Lehrerin(sie ist am 9. Oktober 1873 in Ruoro ge- boren) hat schon mit ganz jungen Iahren angefangen, sardinische Erzählungen zu schreiben, und.sie hat nach ihrer Uebersiedlung nach Rom damit fortgefahren. Nur solange sie dem Boden ihrer Heimat treu blecht, entwickelt sie ihre Eigenart. Ihre Romane, die im Übrigen Italien spielen, oerblassen demgegenüber. Erregung um Ruth. Wenn der Heckert mit Ruth Fischer über Moskau diskutiert, setzt es Haken, Schwinger, Wischer, und die Stühle rings und Tische? weichen schrecklich demoliert. Heckert schwärt, daß dem Priryip« Lenins er ergeben sei. Doch der andern bleibt dies piepe: s Dünger schmeißt sie au» der Kiep: ihrer gcist'gen Meierei. schrecklich enden die Dispute, der Tumult nimmt überhand. Aber trotzdem: keine Schnute! Dies« Ruch ist eine Rute, die stch Moskau selber band. Mich, von Lindenhecken. Varnowsky am Dorkrqgspult. Die Neugier, eine» leibhaftigen Theaterdirektor zu sehen, mochte viele zu dieser Beranstaltung der Lessing-Hochschule angelockt haben. Enttäuscht waren vielleicht bloß diejenigen, die Neues über da« Wesen des Theaters zu hören erhoff- ten. Was wird der Direktor eines Geschäftstheaters, der über dos Wesen des Theotei dircktors spricht, anderes tun, als seine Geschäfts- führimg mit der Gloriole des Idealismus umgeben? Die Grümnq etwa und die Bergner für Berlin entdeckt zu haben, sind im Zeit- alter der Bolksbühnenbcwcgung kein« ausreichenden Ruhmestitel. Wo bleibt ein irgendwie erkennenswertes, auf die Zukunft hin- weisendes Ziel, wo nur der Versuch, der für die Bühne wohl das Wesentlichste ist, der jungen dentschcn Dichtung Wege gebahnt zu haben'' Barnowsky unterstrich an mehreren Beispielen seine Ver- dienste uni die richtige Rollenwahl seiner Schauspieler. Seine Regieverdienst« sind anerkannt, und der Beisall, der seinem Bortrag gespendet wurde, galt in der Hauptsache wohl der Erinnerung an eine Reihe� vortrefflicher Ausführungen. P. G. vi« 2. diesjährige lonzmobnee der Volksbühne, in der Pvonve Georg! mit der Tanzgrupdc de»«tadttbcaters Hannover austritt, smdet am Sonntag, vormittag« 119, Nhr. im Tb-ater am BNIowplatz«alt. Mitglieder dcr Volks. bübn« zahlen IM M., NichtMitglieder 2 und 3 M. Maria und Zofeph Vlant geben ihre ersten beiden diesjährigen Abende am 12 und 13. November im Tchillersaal mit völlig neuem P-ogromm. Joseph Plaut dringt als Sensation seine jüngsle Parodie:„Jenny spielt aus!" Maria fingt unter anderem Suppö und MMöcker. Anagvortrig«. Sonntag. 13. Novdmber, Ig Uhr. sprechen tm Neuen Muleum Dr. Rosinberg über.Rembrandt-Aeichnnngen". im Kaiser sisrledrich-Muleum Dr. Ovitz über„Sumerische und Alt« babvloniscke Kultur" und lm Museum lül Völkerkunde Dr. William £ o h n-über, C y i n« s if ch« S Gerät". Ludwig Hardt hat zwei wsitere Vortragsabende im Meistersaal, abends 8 Uhr: om Sonntag, dem 13. November, Valladen, Grotesken Mld Schwanke: am Montag de« 14. Rooember, Heine. Sozialdemokratie und Wohnrecht. Programmdebatte im Wohnungsausschuß. Im Wohnungsausschuh des Reichstages trat am Donnerstag bei Beratung des Mieterfchutzgefetzes Abg. Llplnski(voz.) der Auffassung entgegen, daß b'c Wohnungsnot fchan 193-5 beseitigt sei. Die lozialdemökratische Maktion hall« die Zeit für gekommen, daß das Notrecht im Wohnunqs- und Mietwefen in ein Dan- errecht übergeführt werde. Selbst die deutfchnationaleii Mitglieder des Ausschusses bezeichneten.die Lag« des Wohnungsinarkies als nach wie vor kritisch, fo daß von einer Aushebung der Zwangswirtschaft noch keine Rede f«in könne. Abg. Paelh(Dnat.) gab sogar zu, daß die Freigabe der gewerblichen Räume ihre Schattenseiten gazcigt habe. Abg. Silberschmidl(Soz.) betonte, bei der prinzipiellen Stellungnahme der Sozialdemokratie zur Mietrechtsrage handele es sich nicht um die Absicht einer Sozialisicrung des Hausbesitzes, auch nicht um materielle Interessen der Vermieter und der Mieter, sondern der Kernpunkt fei der, daß das Interesse der Nation über dem E i nze l i n t e r e s s c stehe. Di« Sozialdemokratie wende sich da- gegen, daß das materielle Interesse des einzelnen Staatsbürgers über das Wohl der Nation gestellt werde. Di« Sozialdemv- kratie lehne die Gesetzentwürse ab, nicht aus Haß gegen die Hausbesitzer, sondern weil durch sie den ärmeren Ge- meinden untragbare Lasten zugemutet werden sollen.- Abg. Rowack(Soz.) trat für«ine grundleaende Aenderung des Wohnrechtes ein. Der Eigentumsbegriff müsse den sozialen Er- fardernissen untergeordnet werden.. Oer Kall v. Moeller. Wettere Erhebungen im llniversitätsskandal. Die erst« Vernehmung des Berliner Universitätsprofeffyrs v. Moeller hat am Freitag vormittag stattgefunden und die Notwendigkeit weiterer Erhebungen ergeben. Die Entscheidung des Kultusministers dürfte in den nächsten Togen zu erwarten fein. Ein Aiedner-Geseh in Rumänien. Oittaturjvstiz gegen jede Agitation. Bukarest, 10. November. Die Regierung hat«inen Gesetzentwurf gegen die Störung dcr öffentlichen Ruhe eingebracht: 1« Wer durch Wort oder Schrift oder durch ander« Mittel«in« gegen die verfassungsmäßige Ordnung, gehen die Regierungsform oder die dynastische Ordnung gerichtete Handlung unternimmt oder versucht, oder«in« die von den Gesetzen gewährleistete Sicherheit des Staates bedrohende Agitation zu entfachen versucht, wird mit Gesängnis von 8 Monaten bis zu .5 Jahren, verbunden mit einer Geldbuße von 10 800 bis 100 000 Lei, bestraft. 2. Wer durch Wort oder Schrift oder durch andere Mittel tendenziöse Nachrichten über eine Aenderung des von der Verfassung bestimmten Regimes, der Regierungssgrm oder der dynastischen Ordung verbreitet, wird mit Gesängnis von 8 Monaten bis zu 2 Iahren. verbunden mit einer Geldbuße von 3000 bis 10 000 Lei. bestrast. 3.„A-s-nts provocateurs" und ihr« Mitschuldigen sind den gleichen Strasen ausgesetzt. 4. O'e f s e n t l i ch c B e- a m t e und Mitglieder des K l e r u s. die sich der oben angeführten Delikt« schuldig machen, werden bis zum Veginn des Gerichtsver- sahrens ihrer Aemter enthoben Ihre Verurteilung zieht de» gültigen Verlust ihres Amtes nach sich. Reichsetat 492». Der Reichsetatsür 1928 ist, wie der Reichsfinanzminister heule im Londgemeindetag mitteilt, vom Finanzministerium fertiggestellt und zur Befchlußsassung dem Kabinett vorgelegt worden, das heute nachmittag über seine endgültige Gestaltung berät. Die Löhne der Textilarbeiter. Ein Kampf um Qualitätsarbeit. Auf allen ihren öffentlichen Tagungen treten die„Wirtschafts- führer", das heißt die Führer der Unternehmerorganifationen. für die Leistung und Erhaltung von Qualitätsarbeit ein. Wir sind in diesem Punkte mit ihnen durchaus einverstanden. In der Berwirklichimg dieser Forderung aber gehen die Wege der Arbeiter und der Unternehmer auseinander. Die Leistung von Qualitäts- arbeit ist«ine Lohnfrag«, nicht nur eine Maschinenfrage. Auch der einfältigste Unternehmer muß sich sagen, daß von einer schlechtbezahlten und damit schlechtgenährten, in der Kultur zurückgedrängten und zurückgehallenen Arbeiterschaft Qua- litäts arbeit, auf die Dauer wenigstens, nicht geleistet werden kann. Elendslöhne und Qualitätsarbest sind unverein- bar. Die Unternehmer aber fordern Qualitätsarbest trotz schlechter Löhne und schieben noch obendrein den Arbeitern die Schuld dafür in die Schuhe, wenn diese pfiffige Rechnung nicht aufgeht. Die Ar b e i t e r und Arbesterinnen, die sich gegendieVer- « l e n d u n g wehren, leisten damst ein Stück Kulturarbeit. Sie, die den Kampf um ausreichendere Löhne nicht scheuen, sie sind es, die für die Leistung und Erhaltung von Qualität?- arbpit eintreten. Ganz abgesehen von dem Zwange, der sie an- treibt zur Erringung wirtschaftlicher, menschenwürdiger Verhältnisse, treten sie bewußt für die Leistung von Qualitätsarbest ein, weil sie fürchten müssen, von der Arbeiterschaft in anderen Landesteilen oder des Auslandes überflügelt zu werden. Gerade in bodenständigen Industrien, wie der Textilindustrie, spielt die Sorge um die Erhol- tung der Qualitätsarbest und damit der Arbeit überhaupt eine große Rolle. Die Unternehmer aber, die durch ihre unsinnige Lohnpolitik die permanente Gefahr von Lohnkämpfen heraufbeschwören, ändern nicht etwa diese Lohnpolitik, nein, sie bilden Gefahrengemein- j ch a f t e n. um der„Gefahr� anständiger Lohnzahlung zu be- gegnen, um die Leistung von Qualitätsarbeit zu erschweren und zu behindern. Ganz abgesehen davon, daß sie durch ihre schlechten Löhne auch die Arbeiter als Konsumenten drücken, ihre Kaufkraft entwerten. Wie slehfs in der Textilindustrie im Wuppertal und im Bergischen Lande, wo sich gegenwärtig ein Riesen- kämpf abspielt, weil die Unternehmer den Streik von etwa 8000 Arbeitern zu einem Machtkampf erhoben, indem sie LS voll Arbeiter und Arbeiterinnen aussperrten? In diesem Textubezirk werden die elende st en chunger- löhne gezahlt, wie man sie kaum sonst noch in Deutsch- l a n d finden dürfte. So bezogen hochqualifizierte Fach- a r b e i t e r(Riemendreher) 1S14 einen Rettowochenlohn von 22.28 Mk.. 1327«rhasten sie 26.26 Ulf. bei gesteigerter Leistung. Die best qualifizierten Facharbeiter, die Strangfär- der, erhielten 1313 einen Rettowochenlohn von 23,34 Mk., 1327 er- halten sie 32.43 Alk. Das sind Löhne, die bei verheirateten Ar- beitern mit vierköpfiger Familie weit unter dem(teuer- freien Einkommen liegen, gar nicht zu reden von dem Zu- rückbleiben hinter der Steigerung der Lebenshaltungskosten. Und da wagen es die Nutznießer dieser Hungerlöhne, die Arbei- ter durch die Hungerkur einer Aussperrung zu zwingen, trotz ver- teuerter Lebenshaltung, sich mst diesen Iammerlöhnen dauernd ab- zufinden? Dieselben Gefahrengemeinschaftler, die in der Theorie das Wort von der Qualitätsarbeit im Munde führen! Wo käme die Oualstät der Arbeit hin, wo bliebe die Kultur, wo die Gefundhest der Arbeiterschaft und chrer Nachkommenschaft, wenn die Textilarbeiter in diesem Elendsbezirk sich nicht mit allen Kräften gegen die Praktiken ihrer Ausbeuter wehrten? Es ist die Sache der Gesamthest der deutschen Arbeiterschaft, für die die Terril- arbeiter und-arbeiterinnen im Wuppertal und im Bergischen Lande kämpfen. Ole Arbeitslosigkeit im Oktober. Ztach den Mitteilungen Im.Reichsarbeitsblatt* Nr. 31 ist auch in der Zeit vom 15. September bis 14. Oktober die Zahl der Arbeit- suchenden im Reiche um rund 5,6 Proz. zurückgegangen. Nach der Stichtagzählung vom 14. Oktober waren bei, den Arbeitsnachweisen insgesamt 784 335 Arbestsuchende eingetragen gegen 833 658 am 15. September. Das ist«ine Abnahme um 46 623 Personen. Gegen Mstte Oktober 1326, wo bei den Arbeitsnachweisen rund Millionen Arbeitsuchende eingetragen waren, beträgt die Ab- nähme etwa 57 Proz. Der Stand der Vorkriegszeit ist jedoch immer noch nicht erreicht. Vor dem Kriege waren bei normaler Wirt- schaftslcge etwa 2% Proz. der Erwerbstätigen arbeitslos, wovon noch die meisten nur kurze Zeit eingetragen waren. Unter Berück- sichtigung der bei der Berrieds- und Berusszählung vom 16. Juni 1925 festgestellten Zahlen der Erwerbstätigen waren Mitte Oktober 1327 nach 4,1 Proz. a r t�e i t s l o s. Wenn auch seit der Zahlung 1925 die Zahl der Erwerbstätigen etwas gestiegen sein sollte, so ist die Arbeitslosigkeit gegen die Vorkriegszeit übernormal. An der Abnahm« der Arbeitslosigkeit vom 15. September bis 14. Oktober ist das Bekleidungsgewerbe am stärksten be- teiligt. Demgegenüber steht aber eine Zunahme der Arbeitslosigkeit im Baugewerbe, in der Industrie der Stein« und Erden, in der Landwirtschast und im Gcstwirtsgewerbe, die unserer Auffassung nach nicht allein saisonfähigcn Charakter hat. Arbeitslosen, oder Krisenunterstützung bezogen am 15. Oktober insgesamt 442 236 Personen(Hauptunterstützungs- empfänger), das ist ein Rückgang gegen den Stand vom 15. September um rund 75 333 Personen. Dieser Vergleich läßt aber keinen Schluß auf die Entwicklung des Arbeiismarktes zu, da infolge des Inkrafttretens des Gesetzes über Arbeitslosenversicherung und Ar- beitsvermittlung und durch die Einführung der Krisenunterstützung ein beträchtlicher Teil der Ausgesteuerten der Wohl- fahrtepflege anhe'mfällt und ihr Abgang in der Arbeitslosen- Unterstützung nicht durch ihren Zugang in der Krisenunterstützung aufgehoben wird. Die Zahl der N o t st a n d s a r b e i t e r ist vom 15. September bis 15. Oktober von 32 858 auf 74 353 zurückgegangen, so daß auf 133 unterstützte Arbeitslose etwa 17 Notstandsarbeiter eiüfallen. Alles in allem kann man sagen, daß es wohl in diesem Jahre le-der nicht mehr gelingen wird, die Arbeitslosenzahlen auf den Vorkriegsstand oder noch darunter zu bringen und daß den WiMer über mit einer immer noch ziemlich hohen Zahl von Erwerbslosen gerechnet werden muß._ Wer hat den Lohn zu zahlen? Oer Zwifchemneister als Strohmann. Mchrere Monteure, die bei den Kunden der„Deutschen Olso-Zentrale* Jnstallationsarbeiten für elektrische Beleuchtung ausgeführt hotten, wurden nach Beendigung der Arbeiten ent- lassen, hatte» aber noch erhebliche Restlohnbeträge zu fordern, die sie nicht bekommen tonnten, und deshalb die genannte Firma beim Arbeitsgericht verklagten. Die Firma machte den Ein- wand, daß sie gar nichtdieAroeitgeberinder Kläger sei und mit diesen nichts zu tun habe. Ein Schlossermeister und Installateur R. soll der Arbeitgeber sein. Dieser wurde als Zeuge vernommen. Nach seiner Aussage war das Verhältnis zwischen ihm, der Firma und den Klägern folgendes: R. erhielt Austräge von der Firma. Diese lieferte sämtliches Material sowie die Zeichnungen nebst Angaben über die Ausführung der Arbeit. R. hat die Kläger für die Arbeiten der Firma eingestellt und sie ausschließlich mit denselben beschäftigt. Die Arbeiten wurden in Akkord ausgeführt. Von dem Lohn, den R. mit der Firma vereinbart hatte, zahlte dies« nur 83 Proz. aus. 23 Proz. behielt sie ein für den Fall, daß sich später herausstellen sollte, die Arbeiten seien nicht eiuwandsrei ausgeführt. Da R. von dem Lohn, den er mit der Firma vereinbart hatte, etwa 73 Proz. an die Monteure zu zahlen hatte, so war er nicht in der Lage, diesen den ver- dienten Lohn voll auszuzahlen, und so entstanden die Restbeträge.— Da R. die Versicherungsbeiträge sowie die Lohn- (teuer vom Lohn der Monteure abgezogen und abgeführt hat, hinsichtlich Einstellung und Entlastung der Arbeiter nicht nach Anweisung der Firma handelte, sondern freie Hand hatte, so kam das Gericht zu dem Urteil, daß R. nicht als Angestellter oder Be- auftragter der Firma, sondern als selbständiger Gewerbe- treibender und als Arbeitgeber der Kläger anzu- sehen sei. Die Kläger hätten also keine Forderung an die beklagte Firma. Die Klage wurde deshalb abgewiesen. Der Zeuge R., vom Vorsitzenden daraus aufmerksam gemacht, daß e r es sei, der den geforderten Restlohn an die Kläger zu zahlen habe, erwiderte, das könne er erst, wenn er sein Geld von der Firma habe, bei der noch etwa 1333 Mark von seinem Lohn stehen. Hier hoben wir den typischen Fall eines Zwischenmeisters, von dem nichts zu haben ist, wenn er seinen Verpflichtungen gegen- über den Arbeitern nicht nachkommt, während der wirklich e�A r- b e i t g e b e r— in diesem Falle die„Deutsche Oslo-Zentrale*— aus juristischen Gründen n i ch t z u f a s s e n ist. R. ist nicht der einzige Zwischenmeister der genannten Firma. Arbester, die in die gleiche Lage kommen könnten wie die Kläger, mögen sich deshalb vorsehen._____ Die Vereinigungsfreiheii. Sie gilt aach für Lehrlinge! Den Unternehmern gefällt es schon nicht, daß die Arbeiter sich, ohne sie erst zu fragen, gewerkschaftlich und politisch organisieren. Und weil sie nichts dagegen tun können, suchen sie die Gegen- bestrebungen zu unterstützen, die Arbester für gelbe Werkvereine ein zusangen. Daß aber gar schon die Lehrlinge sich organisieren, den Iugendabteilungen der Gewerkschaften beitreten, das geht ihnen denn doch über die Hutschnur. Di« Lehrherren spielen sich als„Erzieher aus und leiten aus dieser zweifelhaften Roll« für sich das Recht ab, dem Lehrling den Beitritt zu irgendeiner den Lehrherrn nicht ge- nehmen Vereinigung zu oerbieten. Di« Innungen haben vielfach in ihre Lehrvertragsformulare einen entsprechenden Pastus auf- genommen. Trotzdem kann dem Lehrling das Vereinigungsrecht nicht vor» enthalten werden. Ein Urteil des Landgerichts Bautzen vom 26. November 1926 besagt hierüber: „2>ie Vereinigungssreiheit ist durch die Reichsverfastung gewähr- leistet. Darüber hinaus werden in Artikel 153, Satz 2, ä l l e A b raden und Maßnahmen, welche die Vereinigungssreiheit einzuschränken oder zu rechtswidrig erNärt.. Die Lereinigungfreihest gilt auch für behindern suchen, für Minderjährige.... Der Beitritt des Lehrlings zu einem Verein zur Wahrung und Förderung der Arbeits, und Wirtfchaftsbedin- gungen kann nicht von der Zustimmung des Leyrherrn abhängig gemacht werden, denn insoweit steht der Lehrherr dem Lehrling nicht als Erzieher zur Seite, sondern als Arbeitgeber dem Arbeitnehmer gegenüber. Die Lertragsbestimmung, daß der Lehrling Dereinen irgendwelcher Art nur mit Genehmigung des Lehrherrn beitreten darf, ist eine Abrede, die die Vereinigungs- freiheit einzuschränken sucht: sielst nichtig.* Nach diesem Urteil ist klargestellt, daß der Beitritt Jugendlicher zu einer Vereinigung allein von der SrlauSnis des gesetzlichen Be» treters(Bater oder Vormund) abhängig ist, nicht aber von der Zustimmung des Lehrherrn._ Die„leistungsfähigen" Betriebskrankenkassen. patriarchalische Zustände auf einem Rittergut. Bei den zurzeit stattfindenden Krankenkassenwahlen wird wieder einmal eine tolle Hetze gegen die Allge- meine Ortskrankentasse getrieben. Die Hetzapostel, zu denen vor allem d« Junker gehören, täten gut, sich an ihre eigeno Nase zu fassen. Wie es mst ihrer Krankenfürsorgetättgkest bestellt ist, dafür nur ein Beispiel:. Ein Landarbeiter, der seit sieben Wochen auf dem Rittergut Blumenhagen beschäftigt ist, wird bei der Albest trank. Der Arzt hält eine sofortige Ueberführung in ein Kranken- Haus zur Vornahme einer Operation für notwendig. Der Landarbeiter bittet telephonisch den Vorsitzenden der Betiiebs- trankenkaste des Rittergutes. Rittergutsbesitzer von Flügge, um einen BehaMungsschem. Darauf erhält er folgendes Schreiben: „Auf Ihren telephonischen Antrag vom heutigen Tage teilen wir Ihnen hierdurch mit, daß die hiesig« Kasse finanziell nicht in der Lage ist. Ihnen Krankenhcusbehandlung zu gewähren. Da wir Ihrem Kinde bereits Kranken- Hausbehandlung gewähren, ist eine weiter« Belastung unserer Kaste durch Ihre Familie ohne Gefährdung der Bzhand- lung der anderen Mitglieder für die Kasse nicht tragbar. Be- triebskrankentasse des Rittergutes Blumcnhagen. Der Vorsitzende v. Flügge.* So sehen die angeblich leistungsfähigen Betriebskrankentasten aus. Will der Arbeiter nicht gesundheitlich zugrunde gehen, dann muß«r sich auf Kosten des Wohlfahrtsamtes behandeln lasten. Sache der Behörde wäre es. hier einzugreifen, da derartige Krankenkasten nur eine Gefahr für die kranken Mitglieder sind. Einen Ueberblick über den Verlauf der Krankenkastenwahlen zu geben, ist, wie wir erfahren, erst im Dezember möglich: bis jetzt ist nur ein Teil der Wahlen erledigt. Aufgehobene Sperret Der Zentraloerband der Hotel-, Restau- rcmt- und Easöangestellten berichtet: Zu den Dissevenzen mit dem Gastwirt Syring. Landsberger Alle«, Ecke Elbinger Straße, wird mitgeteilt, daß dos Geschäft in andere Hände übergegangen ist. Der jetzig« Inhaber. Kraus«, erkenn« die Organiiation und den abgeschlossenen Tarifvertrag, sowie den städtischen Arbeitsnachweis bedingungslos a». Die unter Tarif- bruch von Herrn Syring engagierten Kellner werden entlasten. Di« Sperre wird hiermit aufgehoben. Lero»>wortlich für Politik: Dr Cuti Sener; Wirtschaft:<9. Illlnflci(i6fct; Gewcrlschafisbcwrglina: 3. Stein«: Feuilleton: lt. p. Dölch«: Lokale» und Lonstigeo: gritz itarftadt: Ltnzeige»: Td. Stocke; sämtlich in Berlin Lerlaa: Borwäris-Lerlag D m d H.. Berlin. Druck: Borwilr<».Buruckeret und jkclafioorciinü Paul Lina« ,, Co Berlin SW 83, Linbcuftcaso S. Hierzu 1 Beilage und„«ultntnrbelt*. fliilMli gibt bis auf weiteres Anxage, UUIer, Paletots zu Fabrikpreisen . ab. Bitte, überzeugen Sie sich. Kaiser-Wilheliii-Stra8e24.ITr. Auf Teilzahlung Herren-, Damen-Garderobe AnzOge, Qumml-Milntel, Kleider HISBEL bis 18 Monateiraten Schlaf-, Speise-, Harrenzimmer Küchen, Einzelmöbel, Federbetten XMdAl 8r. Frankfurter Str. 34 tUllvl(Strauaborger Platz). MASS- Anzüge, Paletots, Mäntel aus A deutseben o. engl. 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Zu den Schiebungen mit ungarischen Goldrentenbriesen er» fahren wir, dah nach den bisherigen Ermittlungen igendwelche strafbaren Handlungen im Zusammenhang mit diesen Schwindelmanövern in Berlin selbst nicht vorgenommen worden sind, und daß auch hier von etwaigen Helfershelfern der Blumenstein, Tovbini und Konsorten nichts bekannt ist. Die Ber- liner Polizei kann deshalb auch vorläufig in dieser Angelegenheit nichts veranlassen, da die betreffenden strafbaren Handlungen im Ausland begangen worden fmd und die Täter Ausländer und nicht in Deutschland wohnhaft sind. Bon bevor- stehenden Verhaftungen in Berlin ist an den zuständigen Stellen nichts bekannt, ebenso wenig davon, dah in Berlin eine„Zentrale* der Schwindler bestaitden habe. Natürlich ist es durchaus möglich, dah Blumenstein einen Teil der in Deutschland aufgetauchten ungarischen Goldrentenbries« in den Tresors von Goldbanken auf- bewahrt hat. bis er die Wertpapiere im günstigen Augenblick nach Paris weiterleiten tonnte. Etwaige Manipulationen mit diesen Papieren in Berlin könnten aber auch nur als straffreie Bor- bereitungshandlungen angesehen werden, während strafbare Hand- lungen, also die versuchte oder durchgeführte Abstempelung der Wert- papiere in Deutschland bisher nicht nachzuweisen ist. Wie wir hören, hat sich auch der Berliner Börsen- vorstand mit den Veröffentlichungen über diese Schwindeleien befaßt, hat ober nach Einholung von Erkundigungen an den zu- ständigen Stellen von einer Streichung der Notiz für ungarische Goldrentenbriefe Abstand genommen, ein Beweis dafür, daß man hier mit einem Auftreten der gefälschten Stück« überhaupt nicht rechnet./_ Die vergessenen Wärmflaschen. Nette Zustände in einer privatttinik. Ein bedauerliches Vorkommnis, das sich in einer C h a r- lottenburger Privatklinik zutrug und der davon be- troffenen Patientin monatelanges Schmerzenslager bereitete, hatten für die Oberin und Schwestern dieser Klinik die Anklage wegen fahrlässiger Körperverletzung gezeitigt, die jetzt gegen sie beide vor dem Erweiterten Charlottenburger Schöffengericht zur Verhandlung gelangte. Abgesehen von dem tatsächlichen Borgang, war diese Verhandlung insofern von besonderem Interesse, als in ihr die Frage zu prüfen war, wie weit die Verantwortung einer Oberin und diejenige einer Schwester in einer Privatklinik geht. In der erwähnten, am Tage zuvor von der angeklagten Oberin Br. übernommenen Privatklinik war ein junges Mädchen einer schweren Blinhdarmoperation unterzogen und dann noch in narkotisiertem Zustande in das Bett gelegt worden. Als die mitbeschuldigt« Schwester B. kurz daraus im Zimmer nach der Patientin sah, bemerkt# sie, daß diese sehr unruhig war und insbesondere mit den Beinen stieß. Trotzdem sah die Schwester nicht näher nach, was sie in diesem Falle nach dem Gut- achten des ärztlichen Sachverständigen Dr. Strauch zweifellos hätte tun müssen. Erst die Oberin, der gegenüber die Patientin viel später über starke Schmerzen an den Fühen klagte, forschte nach der Ursache und entdeckte nun, daß die Fußsohlen der Pa. tientrn schwere Brandwunden aufwiesen. Die Ursachen dieser Wunden waren zwei Wärmflaschen, die der richtigen und gewöhnlichen Anwendung zuwider, zum Anwärmen des Belle» ganz unten an dos Fußende gelegt und deshalb beim Hineinlegen der noch bewußtlosen Patientin von der Schwester übersehen wor- den waren. Angesichts der schweren Verbrennung mußten die Wärmslaschen siedend heiß gewesen sein. Merkwürdigerweise sagt« die Oberin, al, der Arzt seine Visite machte, diesem zunächst davon nichts, sondern behandelte die Brandblasen durch Ausschneiden selbst. Für die Patientin hatte dieses Vorkommnis die schwer- sten Folgen, denn über sechs Monate hatte st« unter starken Schmerzen daran zu leiden, und auch heute hat sie den Schaden noch nicht ganz überwunden. Als dann«in Schadenersatzprozeß angestrengt wurde, gab das Zivilgericht von Amts wegen die Sache an das Strafgericht ab, und so kamen Oberin und Schwester unter Anklage. Die Oberin behauptete zu ihrer Entlastung, sie hätte nicht die Verpflichtung gehabt, den Transport der Operierten vom Opera- ttonssaal bis zum Zimmer und in das Bell zu begleiten und dort nach dem Rechten zu sehen. Sie wäre vielmehr berechtigt gcwcsen. sich auf ihr« Schwester zu verlassen, die staatlich geprüft und schon 14 Jahre in der Krankenpflege tätig gewesen sei. Die angeklagte Schwester wiederum erklärte, sie hätte die Wärmslaschen — wahrscheinlich wäre es das jetzt nicht mehr auffindbare Haus- mädchen gewesen— nicht in das Bett gelegt und infolgedessen nichts davon gewußt, daß sie noch darin lagen. Der Staatsanwalt hielt aber beide Angeklagten für gleich verantwortlich und beantragte je 3 Monate Gefängnis. Der gleichen Ansicht war das Gericht, indem es den Aussüh- rungen des Sachverständigen Dr. Strauch, die Verantwortung für das Krankenzimmer selbst trage nicht die Oberin, sondern die Schwester, nur insoweit folgte, al» es dies lediglich für große Krankenhäuser gelten ließ, in denen ein völlig eingearbeitetes, ge- schulte» Personal und ein großer Apparat zur Verfügung stände. Bis Urteil lautete auf j« ö 0 0 M. Geldstrafe eventuell SV Tage Gefängnis._____ Pankower Verkehrsnöte. Es wird uns geschrieben: Wir Berliner sind in punkto Ber« kehr sicherlich nicht verwöhnt und oft zufrieden, wenn wir noch einen Stehplatz in der Straßenbahn erwischen. Was man aber den Pankower Erinwohnern zumutet, geht über die Hutschnur. Die Straßenbahn scheint nicht zu wissen, daß in Pankow im letzten Jahr über 1000 Wohnungen neu erstanden sind und die Bewohner mit ihren Familienmitgliedern fast ausschließlich auf die Straßenbahn angewiesen sind. In den Morgenstunden zwischen 7 und 8 Uhr Ist es ausgeschlossen, auf den Straßenbahn- linien 47, 48, 49 an der Mühlenstroße— Lindenpromenade mit zu- kommen. Der Dorsteher des zuständigen Pankower Polizeireviers kann Auskunft geben. Er hat nämlich an der Haltestelle«inen Posten ausgestellt, dem die Aufgabe zufällt, die Passagiere von den Trittbrettern herunterzuholen und die Wagen- nummern der vollkommen überfüllten Strahenhahnen aufzuschreiben. Warum läßt man in dieser verkehrsreichen Zeit die 47 E, 48 E, 40 E ohne Anhänger fahren? Für die Straßenbahn war, es doch sich.erllch vorteilhaft, wenn sie mit Anhängern führe, denn eine große Anzahl von Passagieren bezahlt einfach nicht, weil buchstäb- lich niemand sein Portemonnaie au» der Tasche bekommt und die Schaffner beim besten Willen nicht kassieren können. Warum läßt man von Nordend nicht Wagen fahren, die nur in den verkehr?- reichen Stunden den Verkehr Nordend— Hochbahnstation Nordring vermitteln? In dekl Sommermonaten war die Sache noch ertrag- sich: jetzt aber, bei dem Herbstweller. kft«« zu toll geworden, und es muß diesem Zustand«in Ende gemacht werden. Man kann doch keinem Menschen zumuten, in dieser Jahreszeit auf dem verdeck eines alten Wagens.zu hocken, der schon längst ausrangiert fein müßte und unten höchstens 23 Personen aufnehmen kann. Di« Autobusse der Linie 0 hasten meisten« on der Muhlenstraß« nicht, zoell sie schoa vorher üdersülst fmd. Abhilfe tut druigend uotl Briefe, die man nie erhielt. 3« der Rückbriefstette der Oberpostdirekiion. Von einer wenig bekannten Posteinrichtung soll hier gesprochen werde», an die sich noch aller Zauber der Romantik hängt und in deren Kammern Romane zu Ende laufen, meist ohne Schlußkapitel, die das Leben draußen zu schreiben begann. Es ist die Rück- b r i e f st« l l e im Hintergebäude des Postaints In der Köntg- st r a ß e. Rückbriefstelle? Ja, hat denn noch niemand von verloren gegangenen Briefen gehört, Briefe, die die Post empfangen hat und die ihren Adressaten nicht fanden? Wer hätte nicht schon einmal einen solchen buntbekritzellen Brief in den Händen gehalten, mit mysteriösen Vermerken, Neuouflchriften, Randiwtlzen. Marten und Stempeln dicht bedeckt, was nur besagen will, daß der Brief wegen ungenauer Adresse durch viele Postanstalten und viel« Briefträger- Hände ging, bis er in dl« Rückbriefstelle gelangt«? Sie öffnete ihn, entnahm aus dem Jnhast entweder die genaue Adresse des Empfän- gers oder des Absenders und war nun imstande, den Brief einem von den beiden zuzustellen. Oft genügen auch Anhaltspunkte aus dem Inhalt, um dem Brief die vom Schreiber ersehnte Richtung zu geben. Das Postgeheimnis. Zu diesem Zweck muß natürlich derBriefaelesen werden. was von einer Anzahl für diesen Zweck besonders verpslichteter Beamten geschieht, denn über den Inhalt waltet wie über ollen Post- sendungen strengstes Postgeheimnis. Welche Arbeit aber durch die Fohrlässigkeit der Briefschreiber Hervorgenifen wird, erfahren wir aus der Zahl der bei dieser Rückbriefstelle täglich einlaufenden Briese— 1200 bis 1500—. die geöfsnet werden müssen. In den häufigsten Fällen gelangen Briese in den Kasten, die wohl franklert sind, aber gar keine Adresse tragen. Selbstverständlich hat der ver- geßliche Briefschreiber dann auch den Absendervermerk vergessen. Da» bezahlte Porto verpflichtet, also tritt die Rückbriesstelle in Tätigkeil. Nicht alle Fälle sind hoffnungslos, meist gelingt es, aus dem Inhalt einen Anhaltspunkt zu finden, so daß man mit einem entsprechenden Hinweis dem zuständigen Postamt den Briej zurückgeben kann, wo dann di« Briefträger vor Ihrem Frühgang noch ein- mal befragt werden. Die Briefträger, die ja durch den tägliche» Bcstellgang in ihrem Revier so einigermaßen mft den Verhältnissen der Anwohner vertraut werden, wissen in den meisten Fällen, wohin der Brief gehört. So geschieht es. daß vielleicht ein Brief on den Dater eines tranken Kindes gerichtet war, der sich auf Reisen be- findet: der Briefträger ist nunmehr imstande, den Brief zurückzu- geben. Es passieren da die eigenartigsten Fälle, deren Befriedigung der Berliner Briefpost den Ruf der„Findigkeit* eingebracht hat. Wo die eigen- Kenntnis nicht zureicht, werden auch polizeiliche Meldelisten zur Feststellung veränderter Adressen zu Hilfe genommen. Aber«ine groß« Zahl der Fälle ist hosftmagslos. vom täglichen Ein- gang auf der Rückbriesstelle bleiben 200 Briefe und mehr endgültig unanbrtnglich. Unermittelte Einschreibebriefe oder Briefe mft Wert- inhalt werden in ein Verzeichnis eingetragen und auch im Schalter- räum des Abfenderpostarnts vier Wochen ausgehängt. Unbestellbare Massensendungen, also Drucksachen, Gcschäftspapiere u. a., werden zu mehreren aufgesammelt und dem Absender zurückgegeben. Die Totenkammer der Briefe. Der Vorsteher der Rückbriesstekle schließt die Schränke aus, damit der Bepicher einmal einen Blick in die Särge der Briese, die ihr« Bestimmung nie erreichten, tun kann. Der Inhalt mancher Briese soll so sein, daß er auch die verschlossenen und an die Dinge gewähnten Beamten durchrüttelt. Briese voller Verzweiflung, solche von Todeskandldalcn geschriebene, die in Ihrer Not und Lebensangst die Adresse zu schreiben vergaßen oder die richtige Adresse ihres Retters nicht mehr kannten, befinden sich hier. Die Post könnte vielleicht noch Hilfe schaffen, wenn sie nur die Aiftesse der Schreiber kennen würde. Hofsnungsbriefe, Liebesbriefe, Briese kriminellen Inhalts, über allen waltet das verschwiegene Geheimnis der Post. Die ganze Skala des Leidens und der Lust sammelt sich in diesen Schränken. Da ist jemand, der dichtet kühne Hymnen an hochgesidlle Personen, viele davon sind schon längst verstorben, aber man kann ihm den Unfug nicht wehren, weil er schamhaft seinen Namen ver- sHweigt. Eine alte Jungfer, die nie eintn Mann besesien hat, schreib! in männcrtollem Irrsinn an allerlei erdichtete männliche Personen und bedient sich sogar der Rohrpost zur schnelleren Beförderung. Ein Idiot schreibt Jahr« hindurch unslälige pornographische Dinge an ebenfalls erdichtete Personen, er schreibt di« Sache mit einer zierlichen, kalligraphisch schönen Handschrift auf irgendein Papier, dos er erwischt, und vertraut es dem Briefkasten on. Die!« Sachen sammeln sich in den nach Nummer» und Buchstaben geord- neten Briessächern. so kommt es, daß sich ganze Reihen von derselben Person aufsammeln, die nun wie ein Roman ohne Schlußkapitel lagern. Das Schlußkapitel ist wohl meist dasselbe, wie auch sonst im Leben. Wenn einmal die Briefe ausbleiben, kann man schließen, daß der Msender verstorben ist. ♦■ Die meisten Zutragungen erfährt die Rückbriefstelle von den „postlagernden* Briefen. Manche von ihnen sind durch ganz Europa gereist, von einer Hauptstadt zur anderen, so, wie der Adressat setuen Wohnort wechselte, und am Ende haben sie ihn aus irgendeiner Ur- fache doch nicht erreicht. Schicksal! Ja, man kann sich denken, daß sich hinter diesen Zufällen des Lebens manches tragische Schicksal verbirgt. Aber auch von heiteren Episoden wissen diese Schränke zu erzählen. Da hat«in gewisscnhastcr Finder seidene Damenwäsche einer vergeßlichen Geliebten zurückgesandt, ober anscheinend hat die Dame� ihm einen falschen Namen genannt, und nun lagern sie zwischen Briefen der Berzweiflung.... Wie man mit Angestellten umspringt! Ein junger Mensch war von einem hiesigen Geskbäft als kauf- männischer Lehrling angenommen worden. Als er seine Lehrzeit beendet hatte, stellte es sich heraus, daß man ihn nicht in die Anfangsgründe der Buchhaltung eingeführt hatte. Eine Anfrage bei der Handelskammer wurde dahin beantwortet, daß es zwar üblich sei, daß die Lehrlinge i» der Buchführung unterrichtet werden, daß aber, wenn kein« besonderen Abmachungen bestehen, für die Firma kein Zwang bestehe, den Lehrling in der Buchführung aus- zubilden. So schwankend ist in der angeblich so boch entwickelten deutschen Kaufmannschaft das Recht des Lehrlings. Dafür hatte man es aber sertigbekommen, denselben Lehrling s ü n s Wochenlang mit weiter nichts als mit A dr e I i« n s ch r e i b e n für Propa- gandaprospekte zu beschäftigen. Welche kaufmännischen Kenntnisse er sich bei dieser Tätigkeit erwerben konnte, kann man sich vor- stellen.— Derselbe junge Mensch nahm, da er nach der Ausbildung stellungslos war, auf eine Zeitungsanzeige, die in einem Waren- haus zur Aushilfe junge Leute mit der Aussicht aus Anstellung suchte, in dem Warenhaus eine Stelle an. Der Vertrag wurde nur ihm, dem noch Minderjährigen, nicht ober den Eltern vorgelegt. Mit- nehmen durfte er den Vertrag nicht. Entweder unterschreiben oder keine Stellung. Er unterschrieb. Das Warenhaus hatte gerade einen Saisonausverkauf angesetzt. Die Preise waren bedeutend ermäßigt. Ein Ansturm der Käufer setzte ein. Cr dauerte genau füns Tag«. Am sechsten Tage hatte der weitaus größte Teil der angenommenen Verkäufer seine Entlassung. Di» jungen Menschen hatten In den fünf Tagen bis zur Erschöpsung tätig sein müssen. Dann, nackdem man sie ausgenutzt hatte, setzte man sie glatt aus die Straße. Sie hatten ja die tägliche Kündigung unterschrieben. Trotz- dem hatte man ihnen für die wenigen Tag« nur das tarifmäßige Monatsgehalt, prozentual berechnet mit unbedeutendem Zuschlag bezahlt. Da» sind mir ein paar kleine Ausschnitte aus dem Elendsbild des Angestelltenproletariates. Wer nicht will, daß diese entwürdigenden Zustände weiter dauern sollen. der versäum» nicht, am Sonntoa zur Anoestelftenverstrßernnaswahl zu aehen und die Liste O des Zentralverbandes der Anpeftellten zu wählen. Nur die klare, eindeutige Anpestelltenpolillk der AlA-Bünde wird einmal imstande sein, grundlegende Besserung zu schassen. Fabrikfeaer in Berlin SO. Die Feuenvedr war gestern nacht mehrere Stunden lang mit der Bekämpfung eines größeren Fabrikbrande» Im Haufe Reichen- berger Straße 06 beschäftigt. Ueber die ganze erste Etage des zweiten Ouergebäudes erstrecken sich die Lager- und Fabrikation»- räume der Siegellack- und Tintenfabrlk von Barde- leben. Gegen 1 Uhr wurde von dem Wächter in den Räumen «in starker Feuerschein wahrgenommen. Die Feuerwehr wurde alar- miert und rückte mit drei Löschzügen unter Leitung des Baurates N o a ck an. Die Flammen, die an Sirgellack, Schellack usw. reiche Nabrung fanden, hatten sich in kurzer Zeit auf einen großen Teil de» Betriebes ausgedebnt. Ueber die Treppenhäuser wurde da« Feuer mit vier Schlauchleitungen angegriffen. Es konnte nicht verbinden werden, daß die Flammen auch noch auf da» zweite Stockwerk übergriffen. Zum Glück konnte das Feuer hier abgeriegelt werden. Die Entstehungsursache ist noch unbekannt. Die Aussagen deS Mörder». Zu dem Verbrechen an dem Müller kn Glienicke wird«efter. mftgeteilt. daß der verhastete Transportarbeiter» R« l n h o ld Arndt in der verganpenen Rocht noch eingehend«? verhört worden ist. Er bleibt bei seiner Daistellung, d-e allem Anschein« nach wahr ist, und ist vollständig zusammengebrochen. Den Karabiner nahm er nach der Tat zunächst noch mit. Nachdem Hm auf der Straße ein Mann angesprochen hatte, fürchtete er, daß er erkannt fei, verlleß die Chaussee und lief querfeldein nach dem Walde zu. Auf diesem Wege kam er an einem kleinen See vorbei, und jetzt beschloß er, sich der Waffe zu entledigen. Cr wart Karabiner und Munition in den See hinein. Well er leiu Geld besaß, ging er nach Um Scharwützelsee zu und über Königswuster- Hausen nach Berlin. Hier fand er bald wieder Arbeit, ließ sich aber nicht melden, um sich vor der Polizei verborgen zu halten. Vorone ficht! ich wird Arndt in den nächsten Tagen unter sicherer Bedeckung in die Gegend von Glienicke und des Schannützelsees gebracht werde», um zu zeigen, wo er den Karabiner ins Wasser geworfen hat._ Zu dem verhängnisvollen Konkurrenzstreit in der neuen Schönhauser Straße, über den wir berichteten, wird noch mitgeteilt, daß der Erschossene ein 37 Jahre alter, aus Pankow gebürtiqer Maler Otto Nord ist, der in der Dankelmannstr. 14 wohnte. Die beiden Konkurrenten Nord und öer 34 Jahre alte Schlosser Fritz Müller, Am Friedrichshain?? wahnhast, hatten sich schon eine Stunde vor der Schießerei heftig geschlagen. Müller trug dabei u. a. eine Bcrletzung ani linken Auge davon: Müller wird wahr» scheinlich noch haute unter dem dringenden Verdacht des Mordes dem Untersuchungsrichter vorgeführt werden. Die Prozesse Heydeörand und Naiibor Die Staatsanwälte legen Revision ein. Der Staatsanwalt liat gegen das freisprechend« Ur- teil im Heydebrond-Prozsß Berufung eingelegt. Es handelt sich hierbei jedoch um einen Akt, dem zunächst ausschließlich formelle Bedeutung zukommt. Er ist zurückzusühre» auf den Vor- wurf, daß das A e r f a h r e n der ersten Instanz gewisse Mängel ausweise. Und zwar ist bemängelt worden, daß kein. Lokaltermin veranstaltet worden Ist, daß der Schädel der Ermordeten zur Feststellung des Einschusses rncht an Gerichtsstelle war und daß sich die Schiehsachverständtgen nicht rechtzeitig orientie- ren konnten. Auch gegen das freisprechende Urteil!m Prozeß gegen den Herzog von R atibar wegen fahrlässiger Tötung seines Leib- kuttckers bei einer Wildschweinjagd hat der Staatsanwalt B-r'tt'ina eingelegt._ Unterirdische Geheimbrinerer. New Port, 11. November. In Detroit entdeckten Prohibitionsbeamte unter den Räumen eines Nachtlokals eine unterirdische Bierbrauerei, die sich über die ganzen Kellerräum« des Hauses erstreckte. Die Lager- röwne enthielten über 300000 Gallonen, die in dl« Ab- wässerkanäle abgelasien wurden. Di« maschinelle Ausrüstung der Brauerei stellt einen Wert von 200000 Dollar dar. -e Als der zweite Elektriker des in New Park cingelaufeistn Dampfers„Lappland* sich an Land begeben wollte, wurde er ver- haftet, da einem Zollbeamten die außerordentliche Größe seiner Schuhe aufgefallen war. Bei der Untersuchung stellte sich dann auch heraus, daß im Absatz ein Diamantring im Werte von 100 000 Dollar verborgen wor, der auf diese Weis««ingeschmu-->q«ll werden sollte. Der Verhaftete qab füni Helfersbelier an, die gleichfalls festgenommen wurden. Es scheint sich um Mitglieder einer Diamantenschmugglerbande zu handeln, die Beziehungen zu Antwerpen haben soll. »Bolk ond Zelt", unsere illustrierte Wochenschrist, .Der Kindcrsreund* liegen der heutigen Postauslage bei sSchluß des redaktionellen Teiles Eine Sensation ist onnendlKUich Call Tonner, Reichel bener Str. II. bin Ii» itotibnlser Tor. Da« Sau» ist im vollNändig nenelien. Äll-S>rk»n>l>I wnaebcuv. Dle Prell« llnb so art llten daß ei« f-btr da« Safe besuchen tann. Eclltlaislgc: Allnstler-Ztonzert. Siede heullge» Inserat. Der alte Sastrmwm Paul«vor», frllder Znbaber ber SlteNen Ltkürtodrir Radlike.«Lp-Nicter Str. 7b. dal das Restaurant„gvm Löweu",«tolieir Str. i.?. Ecke AdmiraUtr, am Hochbc hndos«ouduster Tor, Udcrnoinmen. welche»»u den b. st deluchieften Saialeet««dort Anerlannt e-stkl pule law! und wacht««üche zu den � fafdtöfte'JhQrigtr ffiescitk Jtovden-Cften. Kaufhaus R.& S. MOSES ReiniÄSr- 9/10 Das Haus der großen Auswahl guter Qualitätswaren Bauhütte G Berlin S;h: Oesellschaft für Bau* ausfUhrungen aller Art Berlin SW 48, Wielmslr. 106 Fernsprecher: Zentrum 320S, 320 S, 3207[23 921 !LL£ Berlin SO 16 ftflalheiHfr.OS Fernspr.: Moritzpl. 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Man begegnet immer wieder der Auffassung, daß die Arbeiterstudenten von der Partei unterhalten werden und auf Kosten der Partei studieren.„Ein Studium kostet viele tausend Mark/ heißt es gewöhnlich,„ich könnte meinen Jungen oder mein Mädel nicht studieren lassen! Wer anders sollte denn das Geld hergeben, wenn nicht die Partei eingreift?" In dieser Meinung liegen zwei grundlegende Fehler. Einmal kostet ein Studium nicht„viele tausend Mark". Wenn ein Studium früher mit großen Geldausgaben verbunden war— und es heute noch für viele ist—, so braucht das nicht mehr zu sein. Das Freistudententum ist heute soweit vor- gedrungen, daß es in fortschrittlichen Krusten als lächerlich gilt, zu schlagenden oder nichtschlagenden Korporationen zu gehören. An Stelle dieser unnützen Verbindungen haben sich heute rvtrtsHastllche Selbsthtlfeorgavisattonell gebildet. Diese bewirken eine Herabsetzung der Lebenskosten des Studenten gegenüber der eines gleichaltrigen Nicht- studenten um etwa 30 Proz. Das bedeutet für den Studenten einen durchschnittlichen Monatsbedarf von etwa 120 Mark in einer Großstadt. In dieser Summe ist enthalten: Zimmermiete, Beköstigung, Kleidung und Sonstiges. Sie erhöht sich im Semester um etwa 30 Mark monatlich für Bücher und Lehrbedarf, so daß ein Semester mit vier Monaten etwa 600 Mark erfordert, zuzüglich der Studiengebühren von 100 bis 140 Mark pro Semester, sofern diese nicht erlasien, ermäßigt oder gestundet werden. Der andere Irrtum liegt in dem Wort„studieren lassen". Dieses Wort ist für die Arbeiterstudenten ein völlig llnzlltreffeoder Begriff. Es ist niemand, der sie studieren läßt, keine reichen Eltern oder Angehörigen, und auch nicht Partei oder Gewerkschaft. Wie sollte die Partei alle unbemittelten Studenten, die sich Parteigenossen nennen— denn sie alle hätten ein gleiches Anrecht— wirtschaftlich ausrüsten köynen? Wenn die Partei sich so der Kategorie der Studenten gegenüber einstellte, wäre sie auch gegenüber anderen Kategorien zu gleichem ver- pflichtet. Aber die Partei kann keine Lebens- oder Berufs- Versicherung werden. Die Aufgabe der Partei in dieser Frage und ihr Verdienst auch um die Arbeiterstudenten liegen auf einem anderen, auf kulturellem und wirtschaftlichem Gebiet.'. Daß überhaupt jetzt die Möglichkeit besteht, daß Arbeiter studieren und in Berufe eindringen, die ihnen bisher verschlossen waren, das ist das groKe Verdienst der Sozialdernotratie. Nie wäre ohne sie, nie wäre ohne den Umsturz 1918 diese Errungenschaft gekommen. Wie aber ermöglichen denn die Arbeiterstudenten ihr Studium? Hierbei ist zu beachten, daß zu diesem Studium nicht allein die acht bis zehn Semester auf der Universität gehören, sondern, da die Arbeiterstudenten meist, nur Bolks- fchulbildung besaßen, auch die Borbereitung zum Abiturium oder zur Begabtenprüfung. die man mit zwei bis drei Jahreis ansetzen muß. Dazu kommt bei den meisten bis zum Antritt einer vollbezahlten Stellung zwei bis drei Jahre Asfesior- oder Assistentenzeit mit geringem Berdienst. So vergehen acht bis elf Jahre, bis der Arbeiterstudent wirtschaftlich sicher steht. Besonders schwer sind die zwei bis drei Jahre vor dem eigentlichen Studium, da die Abiturienten nicht die Bergünsti gungen der Studentenorganisationen genießen. Deshalb haben hier zum Teil Partei- und Gewerkschastsbetriebe oder einzelne Parteigenossen eingegriffen und den jungen Äeuten durch Halbtagsarbeit, die sie in bürgerlichen Betrieben natür- lich nicht finden, die Grundlage �ur Existenz gegeben. Für die Monate der Reifeprüfung, in denen selbst eine Halbtags- arbeit über die Kräfte des einzelnen ging, standen Beihilfen zur Verfügung, so von dem verstorbenen Genossen Heinrich Braun, von der E b e r t- S p e n d e, von Kommunen und Provinzen. Mit dem bestandenen Examen jedoch erloschen diese Beihilfen, und die Arbeiterstudenten waren wieder auf eigene Kraft angewiesen. Freilich gehörten sie jetzt zur Studentenschaft und ge- nassen die Bergünstigungen der Wirtschaftsbeihilfen, die— wie oben angeführt— das Leben um 30 Proz. verbilligen, und außerdem in eigenen Betrieben und durch das akademische Erwerbsvermittlungsamt Arbeit und Verdienstmöglichkeiten schassen oder nachweisen. Ein kleiner Teil der Arbeiterstudenten wurde durch die Studien st iftuna des deutschen Volkes sichergestellt, jener großen Organi- sation. die, getragen durch Mittel des Reiches, der Länder. Industrie, Wirtschast und Privater, besonders ausgewählten Studenten und Studentinnen-in völliges Frei- st u d i u m gewährt. Aber auch für diese und noch mehr für die anderen Arbeiterstudenten heißt es in den Ferien: Ärbeiteu, mn Geld zw verdienen! Für sie alle sind die Ferien nicht Wochen der Erholung, sondern Wochen beruflicher Arbeit, Wochen des Geldver- dienens in der Fabrik, im Bureau oder durch andere Gelegen- heiten. Sie alle sind, außerhalb des Besitzes stehend, dem gleichen Zwang des Existenzkampfes� unterworfen wie ihre Kollegen überall in den Betrieben, für die die Partei durch Wirtschaftsbeihilfen ebenso wenig sorgen kann. Sie alle sind wie jene: Proletarier, Kämpfer. Aber sie sind auch wie jene: Aufsteigende, Gläubige an die Idee des Sozialismus, für die sie zusammen wirken und streben! Die ftunst kann niemand fordern als der Meister. Eönner fördern den Künstler, da» ist recht und gut; aber dadurch wird nid# immer die Kunst gefördert. Goethe. Arbeitersport/ Arbeiterbildung Körper- und Geistesbildung im Dienste der Partei. Zweifellos stehen nicht kleine Kreis« der orgonisierten Arbeiter- schaft der Arbeiter-Turn- und Sportbewegung mit Vorurteil und Mißtrauen gegenüber. Es ist ebenso zweifellos, daß diese Einstellung nicht unbegründet ist und daß sie von Unzulänglichkeiten und Aus- wüchsen im Sportlager genährt wird. Man braucht nur an die Zu- stände zu denken, die sich in der Arbeitersportbewegung Berlins, die in kommunistischem Fahrwasser segell. heraus- gebildet haben, und man wird die Abneigung vieler positiv am Ausstieg der Arbeiterklasse schaffender Genossen gegen den Arbeiter- spart verstehen, so wenig natürlich an sich die Berliner Verhältnisse für das Reich maßgebend sind. Nun darf man andererseits zur Erklärung vieler Mängel der Arbeitersportbewegung sagen, daß sie nicht im vorhandenen Maße eingerissen wären, wenn Partei, Gewerkschaften und sozialistische Bildungsarbeit stärker im Arbeitersport gewirkt hällen. Gerade das Berliner Beispiel zeigt, so bedauerlich es sst. daß die Massen der freien Sportler für politische Ziele zu gewinnen sind. Daß sie in diesem Falle nicht für uns gewonnen wurden, sondern für die Kam- munisten, liegt zwar zum Teil an deren skrupelloser Agitation, zum anderen aber auch sicherlich an der Partei, die viel mehr und mit anderen Mitteln eingreifen müßte. Denn an sich ist die Sport- bewegung politisch gesund: und eine gut fundierte, energisch geführte und vor allem ständige sozialdemokratisch« Gegenwirkung kann sehr wohl der kommunistischen Phrascnagitation ein Paroli bieten, zumal von den Spitzen der Arbeitersportbewegung im sozialdenio- kratijchen Sinne gearbeitet wird. Neuerdings scheint, im ganzen gesehen, die Zusammenarbeit von Partei, Gewerkschaften, Arbeiterbildung und Arbeitersport inger zu Wörden. Gewerkschaften und Partei erkennen, was für ein großes Kräfiercservoir die proletarischen Leibesübungen treibenden Per- bände für sie sein könnten, wenn man stärker in ihnen wirkte und die vorwiegend gefühls- und willensmäßigen Beeinflussungen, die vom Sport ausgehend das geistige Gesicht des jungen Arbeiters mit gestalten, für die sozialistische Arbeiterbewegung nutzbar machte. Organisatorisch ist das Kulturkarlell der geeignete Rahmen für die engere Verbindung von Partei, Gewerkschaften, Kultur- und Sportorganisationen. Ein Kullurkartcll ohne ein Sport- kartell ist ein Unding. Der Einwand:„Dv Arbeitcrsportler haben aber kein Interesse für geistige Dinge" schlägt nicht durch. Sie ar» bellen in der Regel gern mit. Bedingung ist allerdings, daß man die Arbeitersportbewegung als kulturell grundsätzlich notwendigen Teil der Arbeiterbewegung anerkennt. Es muß versucht werden, sie unter der Formel Lörper- und Geistesbildung" als selbständigen Teil her sozialistischen Bildungsarbeit organisch in die proletarische Kulturbewegung einzugliedern. Das ist keine Der- sündigung am Geiste, denn die Gleichberechtigung van Körper- und Geistesbildung sst ein altes pädagogisches Ziel, wenn auch leider nur «in theoretisches. Außerdem muß in vielen Fällen einer geistigen Arbeit des Handarbeiters eine Auffrischung durch Sport und Spiel r-oraogehen, um ihn nach dem ermüdenden Trott der heutigen mechanisierten Betriebsweise überhaupt erst wieder geistig aufnahmefähig zu machen. Mehr als bisher ist aber von Sportler- seit« dafür zu sorgen, daß der auf dem Sportplatz erwachte Betäti- gungswille nicht in nur-sportlicher Leistung verpusst, sondern wirk- lich geistiger Schulung nutzbar gemacht wird. Und schließlich führen von der Charakter- und Willensschulung der Sportler Brücken zu Gebieten, auf denen die Arbeiterbildner sich bemühen. Beim Kampf gegen„kapitalistische Charakterruinen" kann der Bildungsmann unmittelbar an die besten Erfolge sportlicher Er ziehungsarbeill kameradschaftlichen Gemeinschaftssinn und disziplinierten Massenwillen, anknüpfen. Praktisch ergeben sich hieraus folgende Pflichten: Für die Sportler: Ueberwindung des„Nursportlers", Ringen um den geistigen Inhalt der Sportbewegung, systematische körperliche Erziehung, Generalangriff gegen alle kulturschädigenden Auswllchte (Rekordfimmel, Rauchen, Trinken usw.), Veredelung des Fest gedankens. Für Arbeiterbildnng und Partei: Weg mit allen Vorurteile»! Hinein in die SportvereincI Achtung vor der körperlichen Leistung, pädagogische Ausnutzung der im Sport wirksamen- willens- und charokterbildcnden Kräfte, noch engere Zusammenarbeit der Bejjrks- und Spitzenorganisationen. Was die Durchführung dieser Federungen angeht, so tresjen sich die Bestrebungen der Bundes schule des Arbeiter- Turn- und Sportbundes mit dem Erstarken der Kultur tartelle. Die Bundesschule leistet nicht nur in ihren zentralen Lehr- gängcn Gutes, sondern richtet überall in Deutschland Bezirksschuieu ein. Dabei wird h»e Hilse der Arbeiterbildner sjankliar begrüßt. Die Bezirkeschulen haben zwar in erster Linie di«.Aufgabe..besserer tech- nischer Schulung der Turn- und Sportfunktionäre und- Ausbildung in organisatorischen und agllatorischcn Dingen: die geistige Fort- bildung des Funktionärkörpers kommt aber, häufig in nachahmens- werter Zusammenarbeit'mll den Bildungsorganisationen der Partei, zu ihrem Recht. Durch die Kulturkartelle andererseits müssen wir die Sportler viel wehr als bisher organisatorisch an Partei und sozialistische Bildungsarbeit binden und sie allmählich geistig locken, und durchdringen. Das ist auch das beste Mittel gegen eine zwar flache, ober agitatorisch geschickte Agitation der Kommunisten, der wir das Wasser abgraben, wenn wir das Rioemi heben.> Die Zucinandcrhinorientierung der sozialistischen Kullltrorgani- sationen und proletarischen, Leibesübungen treibenden Verbände aller Sparten marschiert. Wird sie in der vorstehend skizzierten Weise Tatsache, dann bekommt nicht nur die sozialistische Bildungsarbeit mehr Schwung, sondern auch die Partei durch sie neue Tausende von Mitgliedern. Aus der andere» Seite er- wächst der Partei die Berpslichtung, noch stärkerer Unter- stützung der A rb e i tersp o rto rg a'n I s a t i on e n in Parlamenten, Oessentlichkeit und Presse, um diese so in die Loge zu versetzen, ihre Werbekrast zu st-igern. Das lohnt sich, denn Tausende junger Arbeiter werden in Zukunft über die Arbellersportorgani- sationen zur Sozialdemokratie kommen. Herbert Friste r. Vorn Arbeitersangerbund. VvcSenUnngen jnra 1. derrtschen Ärbeitersängerfest Seit zwei Jahren vorbereitet und der wirtschaftlichen Schwierig- ketten wegen um ein weiteres Jahr verschoben, findet vom 16. bis 18. Juni 1328 das erste deutsche Arbeitersängerfest in Hannover statt. Und zwar in einem Ausmaß, wie es bisher noch nicht erlebt worden ist. Als vor mehr als Jahresfrist der bürgerliche Sängerbund sein« Scharen nach Hannover entbot, um dort Propaganda für seine Arbeit zu machen, geschah dieses vor allem in der Form von Männerchorkonzerten.— Auch der deutsch« Arbeiteriängerbund war ja ursprünglich auf das Männerchor- wefen eingestellt. Aber in jahrzehntelanger systematischer Arbeit ist es nun gelungen, durch die Volkschorbeweguag allent- lxribe» in Deutfästand große gemischie Chöre auszustellen, die den Klossengenossen die großen Meisterwerke der Kunst vorführen. Hier hat asso unsere Arbeitersängerbewegung gerade aus dem nichtigsten Flügel den bürgerlichen Deutschen Sängerbund, der immer noch die Frau von der Betätigung im Gesänge ausschließt, weit überholt. Unsere M ä n n e r ch o r t a t i g k« i t hat sich in der 5)aupssache all- mählich aus dos Gebiet beschränkt, in dem diese Chorgattung die Hauptrolle spielt, den Kampf- und Tendenzchor. Beide Formen unserer gesanglichen Arbeitermusitbewegung wird das hannoversche Mustkfest bieten: einmal in Form von acht „S p i tz e n k o n z e r t« n". in denen Meisterwerke von Bach, Beethoven, Berlioz, Brahms, Händel, Haydn, Äerdt usw. ausge- führt werden. Daneben ein großes Männerchor-Orchesterkonzert mit neuer„Tendenzmujik". Die beiden' großen nebeneinanderliegenden Konzerthallen in Hannover(der Kuppelsaal und' die Ausstellungshalle) bieten anflähemd je 4000 Personen Platz. So müssen auch zahlreiche leistungsfähige Chvrverbände mll großen Orchestern aus die Podien gestellt werden. Dies ist in der Form geschehen, daß man möglichst göuweisc oder bezirksweise die Arbeitersänger zu- sainmengestellt hat. Berlin dürste 600 bis 700 Sänger aus das Podium stellen. Oesfenlliche Platzkonzerte werde» zu gleicher Zeit an verschiedenen Stellen der Stadt iür unsere Bewegung wirken. Nicht weniger als vier Orchester sind für diese Konzerte gewönne.,. Zahlreiche Gesangskünstler von Weltruf übernehmen die«oloparllen. Und damit die mehr als 50000 Teil- nehmer, die ihr Erscheinen zugesagt haben, auch Gelegenheit finden. sich in einem Riesenchor zu betätigen, findet im Stadion am Sonntag, dem 17 Juni 1928, vormittags, eine M a s je ndemon st ratio» statt, bei der jene Tausende genieinsam Tendenzchöre, Volkslieder imd volkstümliche Kunstlieder zum Vortrag bringen sollen. Neben diesen großen Konzerten sind noch etwa zwei Dutzend kleinere ohne Orchester in den anderen Konzertsälen der Stadt Hannooer gevla.it. Auch vom Auslände erwarten wir den Bssuch leistungsfähiger Chöre. Die künstlerischen und organisatorischen Borarbeiten für all« diese Dinge stehen vor der Nollendung. Der große Musikausschuß ist soeben mit der letzten Redoktion der gesamten Programme be- schöfiigt, di« lokalen Unterausschüsse, die den Transport, die Ver- pflegung /md Beherbergung der 50 000 Menschen zu bewältigen haben, sirfb ebenjalls mit ihren Arbeiten fall fertig.«- Es wäre sehr wünschenswert, daß die Stadtverwaltungen, deren Arbeiierchöre an so prominenter Stelle«ingesetzt werden, ebönfalls hierfür mit Rat und Tot mitarbeiten. Von feiten einiger Stadnxrr- waltungen find Zuschüsse bereits zugesagt. In dankenswerter Weis« gewährt die Stadt Hannover jede Hilfe, auch alle Behörden haben sich unserer Sache angenommen. So dürfen wir hoffen, daß dos große Musskiest der Arbeiter- schaft weitesten Kreisen in der Arbeiterbewegung die Augen öffnet, welche kulturelle Bedeutung der Gesang im Leöeo des werktätigen Volkes hat. Und die breite Oeffenklichleit wird im nächsten Sommer die Macht und di« Bedeutung voltskultureller Abbeiterbewegungeu kennen lernen. Dr. Alfred Guttmann. Einiges vorn Alkohol. Wie lange wirkt der Alkohol? Einige Vertreter der Arznei künde haben die Ansicht vertreieie. daß der Altohol nur so lange wirksam sei, wie er im Körper nach- weisbar wäre. Die berauschende und aeistlähinend« Wirkung �ines Liter Bieres oder von ein bis zwei Gläschen Schnaps sei in vier Stunden vorüber, weil die darin enthaltene Menge Alkohol in dieser Zeit aus dem Blute verschwunden sei. Demgegenüber stellt der bekannte innere Mediziner Professor Dr. Rosenseld m der „Medizinischen Klinik" fest, daß die Wirkung des Alkckhols viel länger anhalte. So sei ein« Schädigung des Herzens durch ab«dlich genossenen Alkohol noch nach 14 Stunden trotz des„Ausschlafens" nachweisbar. Edenfv zeigten Versuäfe von Hans Lehmann, daß eine einmalige Einspritzung von 0,1 bis 0,5 Kubikzentimetern Alkohol bei Meerschweinchen Blutvrrändtrunge», und zwar bis zu 32 Tagen verursacht. Cinige Zahten zum Nachdenken. Daß der Alkoholismus in Deutschland wieder bedrohlich anwächst. kann nicht bestritten werden. Wir haben zurzeit 23 Trinterheil- statten und 720 Trinkersürsorgestellen. Da aber die Zahl der be- handlungsbedürstigen Altoholopser bei uns zurzeit auf etwa 150000 geschätzt wird, so ist«ine Vermehrung der Einrichtungen für die Behandlung der Altoholkranken notwendig. Im Jahre 1326 hat das deutsche Volk für alkoholische Getränte über vier Milliarden Mark ausgegeben—, fast dreimal soviel wie für Reparationszahlungen a» unsere ehemaligen Kriegsgegner. Wen» man diese Lasten nicht abwerfen kann, sollte man doch von jener freiwillig übernommenen Bürde sich zu befreien versuchen. Was brauche ich mich um die anderen zu sorgen? „Wie auf so vielen Gebieten zeigt sich der Monges an sozio- listischem Empfinden und Denken auch in der Behandlung der Alkoholsrage durch allzu viel Sozialisten und Kommunssten. Tausend- fach kann man von Sozialisten Einwände hören wie diese:„Dos Gläschen Bier oder Schnaps, das ich trinke, schadet mir nicht, und daium brauche ich mich um den Kampf gegen den Alkoholismus nicht zu kümmern." Wer so redet, hat weder von dem Kern der Alkoholfrage noch von dem Wesen sozialistischer Gesinnung auch nur ein schwaches Ahnen. Was würden dieselben Sozialisten sagen, wenn Parteigenossen etwa die Wohnungsfrage wie folgt behan- delten:„Ich habe eine mir genügende Wohnung. Mein ganzes Leben hob« ich unter �er Wohnungsnot nicht gelitten: und ich habe alle Aussicht, auch in Zukunft mit Wohnraum ausreichend versorg' zu sein. Was brauche ich mir also um ein« Lösung der Wohminzs frage Sorge zu machen?"(Aus der Schyft ,. 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