Abendausgabe Nr. 68 B 34 4Z.IWe Ruhe zu bewahren, um ihm sein Amt nicht zu erschweren. Er bitte auch die Anwesenden, die Gelegenheit haben, den Dinaen beiruwobnen, das Gehört« noch außen so weiterzutragen, daß nicbt irgendeine Person für t« Zukunft Schaden erleiden kann. Daß könne man in der Form und Darstellung auch tun. Der Darsitzendc stellt dann fest, daß als Anklagevertreter Erster Staatsanwalt Stein- deck und Staatsanwalt H o f f m a n n und als Verteidiger Rechts- anwalt Dr. Frey mitwirken. Beim Zeugenaufruf «fchetnen die«Wen, des Angeklaglea«rantz. der Musiker Krantz M* besten fftoo.»rtbe setzen sehe oergrSmt au,«ach» aber, insbesondere die Mutter,«in« noch ziemlich junge Frau, einen sehr sympathischen Eindruck. Auf den Vorhalt des Vorsitzenden, daß sie, um nicht mit ihrer Wahrheitspflicht in Widerspruch zu kommen, ihre Aussage verweigern können, erklärte Frau Krantz:„Rein, wir wollen aussagen." An die anderen Zeugen richtete der Nor- sitzende die Mahnung, die Dinge ungeschminkt so vorzutragen, wie sie sie wahrgenommen haben, und nicht zu beschönigen und nicht zu färben. Sodann wurde die S o ch v e r st ä n d i g e n b a n k zu- sammengesetzt. Von der Siaatsanwaltschaft sind als Sachverständige geladen: die Medizinalrätc Dr. Hommerich und Freiherr o. Mahrenholz sowie Schicßsachverstöndiger Jng. Schmu- derer und Universitätsprofessor Dr. C r a m e r. Größer ist die Zahl der von Rechtsanwalt Dr. Frey ausgebotenen Sachverständi- gen: Stodtarzt Dr. Ho dann, Provinziolschulrätin Abg. Dr. Wegscheider, Obcrstüdiendirektor Prof. Dr. G o l d b e ck, Um- versitäteprofessor Ed. Spra enger und Samtätsrot Dr. Magnus H i r s ch f e l d. R.-A. Dr. Frey teilte dann mit, daß er mich den Schriftsteller Arnold Bronnen als Sachverständigen geladen habe. Dieser soll begutachten, daß das sogenannte Mordgedichk, das von der Anklage gegen Krantz als Beloftungsmoment angeführt werde, nichts weiter sei als eine schwächlich« Nachahmung eines Klabundschen Gedichtes. Weiter hat der Ber- teidiaer noch die Polizeirätin Wicking als Sachverständige geladen, um sich über das Verhalten von Hilde Scheller zu äußern. Er will das später noch näher begründen. Vom Staatsanwalt ist noch die Klassenlehrerin von Hilde Scheller, Fräulein Dr. Friedländer, für Nachmittags geladen worden. R.-A. Dr. Frey trug dann die Bitte vor, Krantz bei seiner Vernehmung aus der Anklagebank heraus- treten zu lassen, da er sich hinter der Schranke gehemmt fühle und nicht so frei reden könne, wie er es auf dem Herzen habe. Vors. lzum Anoeklogten): Die Schranke brauckt für Sie nicht zu existieren. Sie finden hier Richter, die volles Verständnis für Ihre Lage, sür menschliche Schachen und Vergehen haben. Daljer brauchen Sie sich an dem Platze, an dem Sie sich befinden keines- wegs gehemmt kühlen. Sind Sie besriedigt? Angekl.: Jawohl. Zunächst wurde Krantz über seine Personalien vernommen. Er beißt Paul Albert, ist am 25. Februar 1909 als Sohn eines Musikers in Berlin geboren, der älleste von vier Geschwistern; vier Jahr« hat er bis zum 12 Lebensjahre die Volksschule in Mariendorf besucht und bekam dann weaen seiner Beaabung eine Freistelle an der Oberrealschule Vors.: Bestrast sind Sie nach nicht? Angekl.: Nein. Vors.: Sie wurden feOaenommen im Anschluß an Ihre Tat in der Nacht am 2. Juni? Angekl.: An meine Tat? Ich habe keine Tal begangen. Vors.: Stlfojm Anschluß an sene Tat» Angekl.: Ja. Vors.: Seit- dem sitzen Sie in Untersuchung-haft. Wir wollen nun hören, was Ihnen zur Last gelegt wird.— Es werden dann die drei Anklage- punkte verlesen, die auf gemeinschofllichen Mord mit Günther Scheller an dem ftochlsMino Hans Stevhan, auf Verobredyng mit Günther Scheller zur Ermordung der Hilde Schel'er und aus unerlaubten Wassen besitz lauten. R.-A. Dr. Frey: Gestern habe ich bei der Staatsamvaltichast«ine Anzeige gegen Hilde Scheller ge- macht, die dahin geht, daß sie von dem Vorhaben ihres Bruders. Hans Stephan zu ei wo che», Kenntnis gehabt hat and es mteSieß, der Behörde Anzeige zu erstatten. Ich bitie, die Alten l>«ran- zuziehen. Weiterhin begründete Dr. Frey die von ihm beantragte Vernehmung der Polizeirätin Wicking. Hilde Scheller habe, wie diese bekunden werde,«ine Doppel. rolle gespielt, unwahre Angaben gemacht und bei der polizei- Achen Vernehmung keine Trauer und Reue über den Tod ihres Geliebten und ihres Bruders gezeigt, sondern sei lächelnd über diese Ereignisse hinweggegangen. Weitere Jeugenladungen beantragte der Verteidiger über das Ber- halten von Günther Scheller, um zu beweisen, daß dieser homoerotische Neigungen gehabt habe, geschminkt und mit gc- schwärzten Augenbrauen in die Schule gekommen sei und gewisse Beziehungen unterhalten habe. Andere Zeugen sollen charakteristische Anaaben machen über die schon weiter zurüchliegenden Beziehungen der Hilde zu Hans Stephan. Dann soll noch Beweis erhoben wer- den über die Beeinflussung einer Hausangestellten von Scheller. Sämtliche Zeugen seien schon in der Voruntersuchung �vernommen worden, von der Anklagebehärde aber nicht geladen. Vors.: Das Gericht behält sich vor, später die E n t s ch e i- dung über die Beweisanträge zu fällen, möglich ist es ja, daß sie nachher mehr oder weniger zurückgezogen werden. Um eine Grundlage zur richtigen Beurteilung der Einzelheiten zu gewinnen, geht dann der Vorsitzende sehr ausführlich auf das Verhältnis des Angeklagten zu Eltern und Lehren: ein. Vors.: Wie verhielten sich Vater und Mutter zu ihnen? Angekl.: Die Eltern lrolen mir immer freundlich entgegen. besonders die vluttcr, die mir jeden Wunsch von den Augen ablas. Tilil den Lehrern dagegen konnte ich in keinen Kontakt kommen. da das Erziehungssysiein mir zu schemalisch war. Der valcr war immer sehr nachsichtig und ließ mir zum großen Teil meinen Willen. aber ich nutzte die Freiheit nicht aus. Vors.: Wurden Fchlgrisfo van den Eltern gerügt?— An- geklagter: Die Ellen: gaben mir einen Verweis und ich iah meinen Fehler auch ein. Es geschah stets durch sreuradlichen Zuspruch.— Vors.: Sie sagten, die Schule kam Ihnen zu schematisch vor. konnten Sie sich denn damals schon ein Urteil bilden?— Angekl.: Ob mein Urteil richtig war, weiß ich nicht, aber ich urteilte so in meinem jugendlichen Ueberschwange.— Vors.; Was für ein Drängen fühlten Sie denn m sich?— Angekl.: Das kann ich mit Worten nicht beschreiben, ich war mir nicht ganz klar dar- über.— V o r s.: Es gärte also in Ihnen. War es da nicht auch schwer sür einen Lehrer, einen reinen Wein aus diesem Gärungs- Prozeß entstehen zu lassen?— Angekl.: Einige Lehrer gaben sich Mühe, die Schuljugend in ihrem inneren Drängen zu verstehen, aber andere beschränkten sich nur darauf, den Lehrstoss zu vermilteln. — Vor s.: Taten Sie auf der Schule Ihre Pflicht?— Angekl.: Nur nicht in Naturwissenschaften, sonst hatte ich ein besonderes In- teress« sür Deutsch, Geschichte, fremde Sprachen und Religion.— Vors.: Zuletzt hat es doch gehapert auf der Schule, wenn Sie auch im allgemeinen mitgekommen sind. Warum hatten Sie denn zu- letzt keine Lust mehr?— A n g c k l.: Ich wollte nicht mehr das Ge- fühl.der Abhängigkeit haben und nicht mehr als Schuljunge be- handelt werden, wenn ich sah, daß kein Verständnis bei den Lehrern sür meine Neigungen bestand. Ich hatte literarische Neigungen und glaubte auf diesem Gebiete etwas schon zu sein.— Vors.: Sie waren also nicht nur aus dem Elternhaus, sondern auch aus der Schule vorschnell herausgewachsen, weil die Verhältnisse Ihnen zu eng schienen?— (Fortsetzung des Berichts auf der 3. Seite.) Gefrierfleisch und Bürgerblock. Sozialdemokratischer Oringlichkeitsantrag. Die Bürgerblockregierung hat bekanntlich vor kurzem die Herab- setzung des zollfreien Einfuhrkontingents für Gefrierfleisch ange- ordnet. Da Gefrierfleisch infoige seiner verhältnismäßigen Billigkeit gerade für die minderbemittelte Bevölkerung wichtig ist, wird die sozialdemokratische Sladlverordnelensraktion in der heutigen Sitzung im Berliner Rathaus folgenden Dringlichkeilsanlrag einbringen: Das Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft hat nach einer Meldung der Hamburger Zeitschrift„W i r t s ch a s t s- d i e n st"(Nr 5 vom 3. Februar 1928) in den letzten Januartagen die herabsehung des Kontingents für die zollfreie Einsuhr von Ge- sriersleich von monatlich 10 000 Tonnen aus 8500 Tonnen mit der Begründung verfügt, daß durch die reichliche Versorgung mit Ge- friersleisch der Preis der heimischen Produkte gedrückt werde. Da diese Maßnahme zu einer schweren Schädigung der minderbemillellen Verbraucher führen muß, erhebt die Stadtverordnetenversammlung gegen die Verfügung des Rcichsministcriuins für Ernährung und Landwirtschaft entschiedenen Protest. Die Stadtverordnctznoersamm- lung ersucht gleichzeitig den Magistrat umgehend und mit allen: Nachdruck auf Reichsregierung und Reichsernährungsministerium einzuwirken, um: 1. eine sofortige Zurücknahme der Verfügung zu veranlassen, 2. darüber hinaus die unbeschränkte Einfuhr von zollfreiem Gefrierfleisch zu erreichen und dadurch die dringend notwendige billigere Ernährung der minderkausfähigen Bevölkerung sicherzustellen. Z. sür den Fall einer Ablehnung der nichtkontiugeutierlen zollfreien Einsuhr von Gefrierfleisch durch die Reichsbehärden eine Erhöhung des Kontingents für zollfreies Gefrierfleisch aus mindestens 140 000 Tonnen jährlich durchzusehen. 4.«ine planmäßige Beaussichligung der Verleitung und eine wirksame Kontrolle der Preisgesiollung des zollfreien Gefrier- slcifches durch die Gemeindebehörden im Interesse der Verbraucher zu erwirken.> Die Herabsetzung des zollfreien Gefrierfleischkontingents ist eine der Maßnahmen der Bürgerblockregierung, die mit besonderer Schärfe die arbeiterfeindliche Einstellung der jetzigen Reichstags- mehrhett kennzeichnet, Verschwendung bei der Reichswehr Sozialdemokratische Kritik im Haushaltsausschuß. Der Auftakt zu den Reichswehrdebatten, in denen der neue Minister G r o e n e r den Etat zu vertreten haben wird, gab es heute im Haushaltsausschuß des Reichstags. An Stelle des Genossen Stückten, des langjährigen Berichterstatters zum Wehretat, hatte Genosse Hünlich die Berichterstattung übernommen. Er wies darauf hin, daß die sozialdemokratische Kritik wegen der Undurch- sichtigkeit des Etats voll berechtigt sei. Das gehe schon daraus her- vor, daß nach den neuerlichen Angaben des Reichsfinanzmini- steriums die sogenannten„Reste" allein in der Heeresabteilung am 1. April 1ö27 nicht weniger als 60 Millionen betragen haben und jetzt noch immer fast 40 Millionen erreichen sollen.— Genosse Hünlich tadelte des weiteren, daß, trotzdem die Motori- sierung bei der Reichswehr bereits zu einem erheblichen Teil durch- geführt sei, das Heer noch immer über einen Bestand von 40 200 Pferden verfüge. Das sei doch ein enorm hoher Pferdebestand. Weiter ging der Redner auf die Verteilung des 100 000-Mann-Heeres über viele Ortschaften ein, die den ganzen Aufbau unübersichtlich und sehr k o st s p i e l i g mache und tadelte, daß auch im neuen Haushalt nach dieser Richtung nicht die geringste Besserung zu ver- zeichnen sei.— Auch das Hecrcsergänzungsgeschäft werde fast ge- nau nach bisheriger Art weitergeführt. Als eigentliche Werbe- stellen bleiben nach wie vor die Kompanien bzw. die Kompanie- chefs bestehen. Genosse Hünlich fragte, wie hoch die Zahl der Meldungen gewesen sei und verlangte eine H e r k u n f t s- ftatiftik der Meldungen, aus der zu ersehen sei. aus welchen Berufen und aus welchen Kreisen die Neueingestellten kämen.— Wie steht es mit der Auswahl des Offizierser- satzes? Wieviel Heeresangehörige mit Volksschulbildung seien im letzten Jahr und in den Jahren vorher Offiziere ge- worden? Nach den Bestimmungen sei dies theoretisch möglich. Wie stehe es aber in der Praxis.— Die Selbstmorde seien im letzten Jahr erfreulicherweise etwas zurückgegangen. Immerhin seien noch 87 Selbstmorde und 48 Versuche dazu vorgekommen. An der Spitze der Selbstmorde stehe Berlin mit 33. Die Reichssarben Schwarzrotgold scheinen in der Reichswehr noch immer so gut wie unbekannt zu sein. Eine der letzten Taten von Dr. Gcßler sei die Herausgabe des bekannten Flaggenerlasscs gewesen. Aber dieser Erlaß sei so weit- maschig. daß er allen beteiligten Stellen leichte Möglichkeit gebe. sich hindurchzudrücken. Beim Wehrkreiskommando München sei bei einer Festlichkeit jüngst nur die K r i e g s f l a g g e und die bayerische Flagge gehißt gewesen. Eine Erkundigung habe er» geben, daß für das Hissen der Reichsflagg« kein Mast vorhanden gewesen sei und dos Geld zur Ausstellung eines solchen gefehlt habe. Solange die Traditionspflege in der bisherigen Weise geübt werde, sei es ausgeschlossen, die Masse der Reichswehr zu st a a t s t r e u e r Gesinnung zu erziehen. Ganz besonders schlimm scheinen in dieser Beziehung die Dinge in Hessen zu liegen. Ueber die Kieler Waffe nschiebungcn verlangt« er klare Lluskunft des Mini- steriums, insbesondere darüber, ob irgendwelche Reichsstellen damit in Beziehung stehen. Der Reichswehrminister Groener wird auf die sozialdemokra- tische Kritik erst morgen antworten. Fememord von Greifenhagen. Geständnisse der Täter. Stettin, g. Februar.(Eigenbericht.) 3n Bestätigung der bisherigen Meldungen über den Feme- mord bei Greisenhagen wird von der Stettiner Staats- anwalkschast heute mittag ein amtlicher Bericht herausgegeben, in dem es heißt: 3m 3ahre 1320 waren u. a. in den Gütern Stecklin, Rosenfelde und Liebenow im kreise Greisenhagen Angehörige der Arbeitsge- meinschaft Roßbach untergebracht. Unter ihnen befand sich in Stecklin auch ein Paul Schmidt, dessen nähere Personalien noch unbekannt sind. Dieser wurde Ende 3uli aus seinem Quartier in Steck- lin von den Liebenower Roßbachleuten(Leutnant a. D. Heines und Vizeseldwebel Otto), die sich den Wirtsleuten gegenüber als kriminal- beamte ausgaben, gewaltsam herausgeholt, da er angeb- liche Geheimnisse der Organisation verraten haben sollte. Roch im Sleckliner Quartier der Roßbachcr wurde er durch einen Schlag aus den Kops schwer verletzt und seiner Papiere beraubt. Rachher wurde er in einem Wagen nach dem Gute Roscnfelde ge- schafft, wo er in einer Schonung in unmittelbarer Rühe des Guts- Hofes erledigt werden sollte. Der Plan hierzu wurde im Zimmer des Administrators besprochen. Man ging auch daran, in der Schonung einen Graben auszuheben, muhte aber bald die Arbeit ein- stellen, da man wegen des reichlich vorhandenen Wurzelwerks nicht tief genug in den Boden eindringen tonnte. Die Stelle ist im Laufe der Ermittlungen einwandfrei festgestellt worden. Schmidt wurde jetzt noch in derselben Rächt noch dem Gut Liebenow transportiert. Dort wurden andere Roßbacher geweckt und zur Begleitung bestimmt. Die Täler begaben sich mit Schmidt in den südlich von Liebenow gelegenen zur Forst Sehrberg gehörenden Wald, hier wurde er in einer Lichtung durch mehrere Pistolenschüsse von Heines und Otto getötet und von ihnen mit Hilfe ihrer Leute eingescharrt. Auch diese Stelle Ist im Laufe der Untersuchung festgestellt worden. Da die Leiche nur schlecht und in geringer Tiefe eingegraben war und sich auch dos Gerücht von der Ermordung in den umliegenden Dörfern verbreitet hatte, erschien die gewählte Stelle nicht mehr sicher genug. 3nsolgedessen wurde in einer Versammlung der Rojjbach-Kreislei.er und Vertrauensleute in Pyrih beauftragt, die Leiche umzubetten. Dies taten sse unter Hinzuziehung mehrerer Roßbachcr. Die Leiche wurde am Tatorte ausgegraben, in eine Decke gewickelt. wegen des schlechten Geruches mit Petroleum begossen und In einem Waldstück östlich des Gutes Rosenseide in einer Tiefe von 1 X Meter eingegraben. Auch diese Stelle ist sestge- st e l l t worden. Alle diese Angaben stützen sich auf das Geständnis der als Täter in Betracht kommenden Personen, die bereits verhaftet sind. Außer Heines und Otto befinden sich in dieser Angelegenheit ins» gesamt zurzeit sieben Personen in hast. Mit der Verhandlung der Sache vor dem Stettiner Schwurgericht ist noch im taufe de« Monats März zu rechnen. Das Schulgesetz gescheitert? Das Zentrum drängt auf Zleichstagsauflösung. Das Zentralorgan der Zentrumspartei bestätigt heute morgen, daß das Zentrum sich von den weiteren Beratungen des Schulgesetzes keinen Erfolg mehr oerspricht und schreibt dazu: In den maßgebenden Kreisen des Zentrums ist man der Auf- fassung, daß das Reichsschulgesetz als gescheitert angesehen werden muß. nachdem die seit einiger Zeit schwebenden Zwischenver- Handlungen ergebnislos verlaufen sind und eine Aussicht auf Aende- rung der für das Zentrum in entscheidenden Grundsatzfrogen völlig untragbaren Ergebnisse der ersten Ausschußlesung nicht mehr zu be- Konzertrundschau. Von Maus pn'ngsheim. Im vorigen Monat hat die Stadt Halle ihr Thcaterorchester, mit dem Generalmusik- und Operndirektor Erich Band an der Spitze, zu einem Konzert nach Berlin geschickt. In der letzten Januarwoche hat der A.- c a p p c 1! s- C h o r 192 3, der in Frankfurt a. M. zu Hause ist, sich hier hören lassen; die Damen und Herren, die von so weit her bemüht worden sind— haffentlich haben sie bei ihrem Besuch mehr von Berlin zu sehen bekommen, als Berlin von ihnen— haben unsichtbar, doch mit hörbaren Jntonationsschwankuirgen im Scherchen-Konzert die Chorpartie der letzten Programm- nummer durchgeführt, die ganze Mitwirkung war ein« Sache von Minute». Und nun haben wir noch einmal für einen Abend Mdssen- besuch aus Halle bekommen: die Robert-Franz-Singaka- demie, verstärkt durch Mitglieder des Halleschen Lehrergesang- verein» und durch den Knabenchor der Klosterschule, gibt in der Philharmonie ein Konzert großen Stils mit Orchester und Solisten. Man soll gewiß nicht sagen, solche Gäste seien uns unerwünscht, immerhin erhebt sich die Frage nach dem Sinn, nach dem Zweck die st r Sammelgastspiel«, mit denen wir in letzter Zeit so reichlich bedacht werden, die Frag«, welcher ideelle Gegenwert für die finan- ziellen Opfer so kostspieliger Reiseunternehmungen entschädigt. Der Austausch hervorragender Künstlerpersönlichkeiten— Sänger, Jn- strumentalisten, Dirigenten— von Stadt und Stadt gibt dem deut- schen, auch dem Berliner Musikleben Buntheit und Lebendigkeit: und wir müssen uns auch damit abfinden, daß zweifelhafte und un- zwcifclhaflc Musikgrößen der Provinz immer wieder nach Berlin kommen, mii an, Maßstab der Rcichshauptstadt ihre Leistung zu niessen. Aber Chöre und Orchester? Es wäre nicht unbedenklich, wenn das Beispiel der Stadt Halle Schule machte. Gerade heraus gesagt, an Orchestern, gar an Chören, guten und auch weniger guten, leidet Berlin durchaus keinen Mangel. Das Außergewöhnliche, Ucberragends wird hier gewiß immer willkommen sein; aber daß in deutschen Städten ordentlich, tüchtig, gewissenhaft gesungen und musi- ziert wird, das wollen wir gern« glauben, auch ohne Belehrung durch die Tat, auch ohne Konzert in Berlin. Solcher Art also, sehr gewissenhost, ordentlich, tüchtig, und all dies ohne Einschrönkung. ist die Leistung der Robcrt-Franz-Sing- nkademie, deren Dirigent, Prof. Dr. Alfred Rahlwes, auch in der Leitung des Philharmonischen Orchesters alle Ueberlegenheit des Führers erweist. Solcher Art ist auch das Werk, das sie, die Haupt- nummer ihres Programms, zur Berliner Erstausführung bringen— es bliebe sonst wohl gar in Berlin unausgeführt—:„L e Saudi". der Lobgesang der Geschöpf«(Sonnengesang des Franz v. Assisi) von Hermann Suter. Ein Werk hohen Wollens, mit großem Ernst und ebenso großem Können vollendet; doch gewiß kein bedeutendes Werk. Hermann Suter, der jüngst Verstorben«, gehörte zu den stehen scheint. Nachdem sich gestern abend der Vorstand der I Fraktion eingehend mit der Schulfrage beschäftigt hat, wird heute die Fraktion selbst Stellung nehmen. Sie wird sich darüber klar werden müsie», welche Folgerungen sie aus dieser Lage ziehen will. Daß die von der Deutschen Bolkspartei herbeigeführten für das Zentrum unannehmbaren Veränderungen des RWie- rungsentwurfs nicht ohne politische Rückwirkung bleiben können, darüber wird man sich doch wohl in den beiden Rechtsparteien nicht im Zweifel sein. Wenn der großen kulturpolitischen Ausgabe, deren Lösung dieser Koalition ganz besonders zugewiesen war, infolge des Ausbrechens einer Partei ein Erfolg nicht beschieden ist, so muß davon das Koalitionsverhältnis notwendig betroffen werden. Im Zentrum besteht jedenfalls kein« Neigung, das entwürdi- gende Spiel um die kulturpolitischen Güter fortzusetzen, nachdem sich gezeigt hat, daß nicht einmal der grundsätzliche Wille zur Einigung beim Verhandlungspartner vorhanden ist. Die Fraktion wird sich auch darüber schlüssig werden müssen, welchen Zeitpunkt und welchen Weg sie für ihre notwendige politisch« Initiative als geeignet ansieht. Das ist eine unverhüllte Drohuna mit der Auf' lösung des Reichstages. Auch die„Tägliche Rund- schau", das Blatt der Deutschen Volkspartei, erklärt, daß eine Aussicht auf Einigung nicht besteht und daß diese un- bedingt auf ihrem bisherigen Standpunkt in der Frage der Simultanschule beharren werde. Sie bemerkt jedoch: Man wird indessen mit Rühe abwarten müssen, wie der wirkliche Verlauf sein wird. Bisher galt es als eine unbedingt« Forderung verantwortlicher Politik, den Etat unter allen Um- ständen noch zu oerabschieden, ganz unabhängig davon, wie das Schick- sal des Reichsschulgesetzes sich gestaltet. Ob auch diese Notwendigkeit in Frage gestellt sein soll, wird der Verlauf der nächsten Woche zeigen müssen. Demnach wird man mit dem offenen Ausbruch der Krise in der n ä ch st e n W o ch e zu rechnen haben, wenn die Volkspartei nicht getreu ihrer Tradition noch in letzter ersten Musikernamen der Schweiz. Aber dieses Land der höchsten Berge und der höchsten Menschheitsideen ist kein Land der größten Musiker; es fehlt, so scheint es. Weite des Horizonts.„Le Laudi", das ist eine Arbeit von unbedingter bürgerlicher Wohlanständigkeit: von da ist kein Riesenschritt zu kleinstädtischer Spießbllrgerlichteit. In solcher Kunst, solcher Kunstübung, bekunden sich gewiß wertvolle Kräfte der Erhaltung, Kräfte gutbürgerlicher Musikkultur, aber das Musikoereinsleben profitiert mehr und unmittelbarer davon als das große, dos eigentliche Musikleben der Gegenwart— wenn wir unter Musikleben einen Teil jenes Lebens verstehen, das uns, drängend und treibend, als heutige Wirtlichkeit umgibt. Wie steht, in Musik umgesetzt, dies« heutig« Wirklichkeit aus, wie überhaupt vermag sie sich in Musik umzusetzen? Es wäre ein bequemer Irrtum, zu glauben, neue Wirtschasts- und Gesellschafts- fcrmen erzeugten ohne weiteres auch neu« Kunstformen. Es ist nicht„kapitalistische" Musik, die von den Komponisten der kapitali- stischen Welt geschrieben wird und wurde, und der Musik, die heute im bolschewistischen Rußland komponiert wird, haftet durchaus nichts „Bolschewistisches" an. Beispiel: die Sinfonie in b-Moll des 21jährigen Dimitri S z oft a k o w i c z. Er soll, so hört man, zu den stärksten Talenten der jungen sowjetrussischen Generation zählen, und «r zeigt jedenfalls ein durchaus persönliches Profil, modernes Musik- gefühl und Wissen um die Problem« der musikalischen Gegenwart: aber er wurzelt in der oorbolschewistischen Aergangenheit seines Landes und orientiert sich am Musikfortschritt Westeuropas: von einer anderen Welt kann keine Rede sein. Biellcicht wird einst «ine wahrhaft neue Gesellsck)aft wahrhaft neue Formen der Musik finden. Einstweilen wollen wir zufrieden sein, wenn das Bild sich um neue Persönlichkeiten bereichert. Und wir müssen Bruno Walter dankbar sein, daß er uns mit dieser interessanten Komponistenper- sönlichkeit bekanntgeniacht hat. Es geschieht im fünften Bruno- Walter- Konzert, das wieder, gipfelnd in der Fünslen Sinfonie von Beethoven, bestäligt, was wir längst wissen: wo dieser Musiker steht, da ist der erste Platz des Berliner Musiklebens. Zwischen den beiden Sinfonien spielt Arthur Schnabel Mozarts l>-Dur-Konzert. Wer am nächsten Abend sitzt«r im Beethooeissaal am Fliigel, es ist das erste in einem Zyklus von sieben Konzerten. gemeinsam mit seiner Gattin, Therese Schnabel, wird er uns durch das Klavier- und Liedwerk Franz Schuberts führen. Man kann Mozart nicht mozarlischer. Schubert nicht fchubertifcher lpielen als dieser geistig überragende, doch in seiner musikantischen Feinfühlig- keit unvergleichliche Pianist, zu dessen höchsten Lob nichts neues zu sagen, zu dessen Bild nur hinzuzufügen ist, daß er es an diesen zwei Abenden von neuem bestätigt. Und auch, wie Therese Schnabel Schubert-Lieder singt, mir letzter Konzentration des Ausdrucks, mit einer Innerlichkeit, di« olles Arußere des Klanges vergessen macht, auch das gehört zu den Tatsachen der heutigen Musikwelt. Die„F r e u n d e aller Musik" erweitern an ihrem dritten Abend ihr Programm auf„alte und neue Musik". Aber die Vor- > Stunde umfällt. Sie hat für nächsten Sonntag ihren Schul- ausschuß einberufen, der jedoch, wie die„Tägliche Rund- schau" meint, auf der bedingungslosen Aufrechterhaltung der Simultanschule bestehen wird. * Trotz der freundlichen gegenseitigen Drohungen wurde heute vormittag der Kuhhandel zwischen Vertretern des Zentrums und der Volkspartei fortgesetzt, um»och eine Kompromißforniel in der Schulfrage zu finden. Ein Ergebnis der neuen Verständigungs- versuche ist bei Redaktionsschluß noch nicht bekannt. Hessens neue Regierung. Weimarer Koalition. Darmstadt. 9. Februar. Die drei Regierungsparteien Hessens veröffentlichen folgende Er- klärung: Die Verhandlungen über die Regierungsbildung in Hessen sind gestern abend zu Ende gegangen. Die Regierung wird gebildet von der Sozialdemokratie, dem Zentrum und der Demokratischen Partei. Als Staatspräsident wird auf Grund der getrofsenen Verein- barung der bisherige Landtagspräsident Adelung(Sozialdemo- kiat) vorgeschlagen. Adelung soll zugleich das neu zu organisierende Ministerium für Kultus und Bildungswesen übernehmen. Für das Ministerium des Innern ist Abgeordneter L e u s ch n e r(Sozialdemokrat), für das Justizministerium Abgeordneter Kirn- b e r g e r(Zentrum), der zugleich das Finanzministerium übernimmt, und für dos Ministerium für Arbeit und Wirtschaft der Abgeordnete K o r e l l(Demokrat) vorgeschlagen. Richt Ober-, sondern Riederschlesieu war es, das gestern in? parlamentarischen Abend bei dem Reichstagspräsidenten Löbe sein Wirtschajtsprogramm durch berufen« Vertreter vortragen ließ. Der Uebermittlungsjehler ist also zu berichtigen. tragsfolge ist kaum danach angetan, der„neuen Musik" Freunde zu werben. Hermann W. v. Waltershausens„Krippenmustk" hört sich als Musik nicht gerade neu an, die Sache ist weder kurzweilig noch interessant, und Paul Hindemiths Konzerssuite aus der Pantomime „Der Dämon" leidet unter dem Mangel so vieler solcher Konzert- bearbeitungen: was für die Bühne gemeint war, verfehlt im Kon- zertsaal einen Teil seiner Wirkung: nach Woltershausen immerhin eine Erlösung. Und das neue Kammerorchester, an dessen Vervoll- kommung Michael Taube unermüdlich arbeitet, hält sich ausge- zeichnet. Alice Ehlers, die bekannte Cembalistin, und der Cellist Paul Hermann, der sich jüngst in einer Matinee der Volks- bühne so glücklich eingeführt hat, finden im ersten Teil des Kon- zerts, bei der„alten Musik" Gelegenheit zu erfolgreicher Betätigung. Und da ist auch noch die Pianistin Fanny Weiland, die sich in einem eigenen Konzert, mit einem interessanten Programm sehr oortcilliast präsentiert. Und da ist endlich Mary von Ernst, die Koloraturprimadonna des Karlsruher Landcstheaters: eine Sängerin von außerordentlicher Musikalität und ungewöhnlichem Können. (Die Berliner Slaatsoper Hai zurzeit keine so geschulte Koloratur- stimme.) Und der Generalmusikdirektor Josef Krips, den sie sich aus Karlsruhe mitgebracht hat. macht als Dirigent des Berliner Sinfonieorchesters den besten Eindruck. Wascotlchen im Reuen Theater am Zoo. Das rührige Theater am.ßoo hat mit der Neueinstudierung von B r o m m e s„Mascott- chen", einer der nettesten Operelten der letzten Jahre, einen aus- gezeichneten Griff gemacht. Die vernünftige, zum Teil gemütvoll vertiefte und doch sehr lustige Handlung, und der saubere, ersindungs- volle, unaufdringliche Satz des oder vielmehr der Komponisten tragen immer noch den Sieg über sovicle Riete» davon. Die färben- reich«, szenische(Fng Beckmann» und die strasfc, temperamentvolle und doch äußerst diskrete musilqlische Leitung(Hermann Henze) sind des höchste» Lobes wert. An der Ausführung ist das lrossliche Ensemble noch höhersteheird als der Star. Hilde W ö r n c r. deren bis in das Gesangliche hinein abiärbende rauhe Sprcchstimme stark illusionsraubend wirkt, gelingt die„feine junge Dame" und das „unbeschriebene Blatt" weit weniger als nachlier das„bcschwippsie" und das„Mascottchen" in der szojenrollc. Ihr überlegen sich sein einfühlendes Können sei unangetastet. Eva Bord, die Gegen- spielcrin und die andere Marion, könnte etwas dekadenter, angesaul» lcr, zweideutiger sein. Sic ist z» solide. Aber Gesang und Spiel sind sonst gut. Den Hauptersolg hotte sich naturgemäß wieder Fritz Beckmann als alter Seebär. Peter H o e n s e l a e r s. der sym- pathische. gutspielende Harold, dürste gesangstechnisch noch etwas freier werden. Helmut K r a u ß gibt dem duckmäuserischen, heim- sich kessen Erik tadellos. Auch Berta Scheven, Alfred Hay. n i s ch, Rcsscl N i e r i n g und die vier Seeoffiziere sind erwähnen?- lvert.__ H. M. «elfierNvade.?Im Sonnabend, dem II. Februar. nacbtZ 12 Uhr, findet In der Pibcalor-Vühne am Nollendolsplah, ein« bunt« Nacht, vcranslallet von Kaberetliften, Schauspielern und Autoren, statt. Der Mrdpwzeß gegen den Primaner. Das ungeheure Interesse für den Prozeß Krantz ist zu verstehen. Es ist aber zu bedauern, daß diese Schüler- tragödle sich für viele zu einer ungesunden Sensation aus- gewachsen hat. Der Angeklagte Krantz, der typische Pen- näler, ein blasser Junge mit nicht sonderlich bedeutenden Zügen. Er spricht schnell und deshalb schwer verständlich. Seine Ausdrucksweise ist aber präzise und intelligent. Er ist bestimmt ein sehr begabter Junge— davon legen allein schon seine Gedichte den Beweis ab, die der Vorsitzende, Land- gerichtsdirektor Dust, vorträgt. Sie sprechen von edlem Streben und einer ungeheuren inneren Zerrissenheit. Es sind Gedichte, wie sie junge Menschen in diesem Alter öfter schreiben, wenn sie keine leichte Pubertät durchgemacht haben. Sie führen mit großer Eindringlichkeit in die psychologischen Probleme der heranwachsenden Jugend überhauvt ein. Es macht den Eindruck, als zeigten die Fragen des Vorsitzenden nicht immer das genügende Verständnis für diese Psycho- logie. Die Staatsanwaltschaft hat durch die Art, wie der Prozeß von ihr vorbereitet worden ist, jedenfalls dies Ver- ständnis vermissen lassen. Ihre Stellungnahme zu den An- trägen des Verteidigers, R2l. Dr. Frey, der eine Reihe von Zeugen geladen haben wollte, die auch die Persönlichkeit des toten Günther Schsller beleuchten sollte, liefern Beweis da- für. Die Anklage behauptet, daß Krantz als der willens- stärkere den willensschwächeren Günther Scheller zu der un- seligen Tat getrieben haben müsse. Wie soll aber das Gericht beurteilen, wer von beiden die Triebtraft gewesen war. wenn sie nicht in der Lage sein soll, sich ein Urteil über die Persön- lichkeit Günther Schellers zu bilden. Nickt von geringerer Bedeutung ist es, sich über die Rolle der Hilde Scheller klar zu werden. Die vernichtende Aussage der Polizeirätin Fräulein Wicking will der Staatsanwalt den Richtern vor- enthalten. Krantz verteidigt sich gewandt, und ist dem Landgerichtsrat Dunst gewachsen. Als dieser ihn fragte: „Sie sitzen in Haft seit Ihrer Tat", sagt er:„Seit meiner Tat? Ich habe nichts getan."„Ich meine, seit jener Tat," antwortet darauf Direktor Dust. Die Mitschüler des An- geklagten sind vorläufig noch nicht geladen: sie stehen gerade im Abiturium. Sie werden aber im Gericht zu erscheinen haben. Oer Primaner erzählt! Auf die Frage des Vorsitzenden antwortet der Angeklagte: An gell.: Jawohl, ich wollte die ungebundene Freiheit und Selbsländiqkell.— Vors.: Haben Sie diele Sehnsucht irgendwie in die Tat umgesetzt?— A n g e t l.: Im Herbst 1926 verlief} ich plötzlich das Elternhaus. Der äußere Anlaß da�u war ein M ä d- ch e n, das mich mit meinem besten Freunds betrogen hatte. Es war nur ein« platonische Iugendschwärmerei gewesen.— Nachdem der Vorsitzende dann nach kurz erwähnt hatte, daß der Angeklagte mit 15 Jahren sich Taschengeld durch Geben von Nach. bilse stunden verdient hat, und zwar so viel, daß er der Mutter etwas Kostgeld abgeben konnte, erzählt« der Angeklagte, wie er mit 100 M. In der Tasche mit einigen.freunden die Reise in die fremde antrat, um dort eine Existenz zu ergreisen, um später stolz erklären zu können: Ich bin aus mir selbst etwas geworden. Die Reise ging bis nach Sonstantinopel und ist von ihm in seinem Tagebuch anschaulich beschrieben worden. Wegen des Elternhauses bekam er schließlich Gewisiensbisse, so daß er zurückkehrte und auch wieder in die Schule erntrat.— Vors.: Dos Fernbleiben von der Schul« wurde Ihnen also nicht allzu übel genommen. Es wurde Ihnen wieder geboten,«in ordentlichcs Leben durchzuführen. Wie lange hat dieser Ihr Vorsatz vorgehalten?— A n g e t l.: Ein halbes Jahr. Im Frühjahr 1926 ging es wieder los, als ich in der Untersekunda den Günther Schellcr kennenlernt«. Bestimmend dafür waren auch andere Schülerkreise, aber es herrschte dort nicht solch« Ungebundenheit wie im Schellerschen Haus«. Ich fing wieder an zu bummeln, tat Das Gchloßmuseum am Abend. Die Forderung, unsere Museen auch bei künstlicher Beleuchtung zu zeigen und den breiten Massen der Arbeitenden dergestalt die Möglichkeit zu bieten, auch am Alltag die Stätten höchster Bildung zu besuchen, ist schon oft und vielerorts erhoben worden. Jetzt macht man in Berlin unter der Leitung des neuen Generaldirektors der Museen Wilhelm Wätzoldt einen erstmaligen Versuch, das Schloß- museum bis in die Abendstunden zu öfsnen: wenigstens die Räume, in denen elektrische Beleuchtung schon vorhanden war. Eine Art Probebesichtigung wurde am Donnerstag vor geladenem Publi- tum veranstaltet: Geheimrat Wätzoldt und der neue Direktor des Schloßmuseums Professor Robert Schmidt sprachen ein- führend über Gründe und Schwierigkeiten des Experiments. An manchen Orten, nicht zum wenigsten auch in Amerika(Metropolitan- Museum in New Park usw., dessen Smnmlungsverhältnisse uns ost, alter wohl nicht dauernd mit Recht, als mustergültig angepriesen werden) hat man keine guten Ersahrungc» mit dem Abendbesuch gemacht: es ist schon passiert, daß mehr Aufseher als Besucher dabei zu sehen waren und so wurde der Versuch meist wieder aufge- geben. Im Shloßmuseum soll vorderhand nur im Winter die zwölfstündige Besuchszeit durchgeführt werden und nur in einem (allerdings architektonisch wesentlichen) Teil der Räume, weil sonst die Aufseher nicht zureichen. Auch muß in den drei ersten Tagen der Woche, wegen der Kosten, von 15 Uhr ab der Eintrittspreis auf 1 llst. erhöht werden, gerechterweife bleibt er aber an den wichtigeren Tagen von Donnerstag bis Sonnabend aus dem alten Niveau. Sonntags muß es natürlich bei dem 15-Uhr-Schluß sein Bewenden l)aben. Das alles erfuhr man in dem berühmten weißen Saal, der seit dem Verschwinden der Dynastie.zum ersten Male wieder eine Auserstehung in künstlerischem Licht erlebte. Der Anblick dieses er- lesenen Prunksaales in Marmor mit der kostbaren goldenen Decke war allerdings in hohem Grade geeignet, für die Abcndbclcuchtung Propaganda zu machen: die Raumschönheit dieses Architckturjuwels, n dem Schlüter mit seltener Mäßigung dos Funktionale und Klingende des Raumes vorwalten läßt, die Leuchtkraft der kost- boren Materialien kommen i» künstlichen, Licht unvergleichlich prächtiger zur Geltung als bei Tage. Aehnliches konnte inan auch von den anstoßenden Prunkräumen und Aalerisn des zweiten und ersten Geschosses sagen: nicht bloß malerische lleberraschungen werden erzielt, sondern es gelangen architektonische Schönheiten zu einem besonderen Recht und das ist am Eick« das künstlerisch Wertvollste an diesem Zwitterding zwischen Museum und Schloß. Schließlich möchte man den Wunsch aussprech.m, daß die Ge- legenheit gründlich und allseitig benutzt werde und daß nicht etwa auch hier die Aufseher den Hauptbestandteil der Besucher stellen müssen, damit die vortreffliche Absicht auch ihre nachträoliche Begründung und Rechtfertigung erfährt. Dem Volke zu Liebe, den Arbeitenden, die sich abends der Schönheit von einem der herrlich. sten Bauten Deutschlands erfreuen wollen, den nach Kulturgütern Hungernden allein ist ja diese neue Maßnahme zur Freude ge- schehen: mögen sie sich ihrer würdig erweisen. Dr. Paul F. Schmidt. für die Schule nichts mehr, lediglich als Opposition zu Sitten und Gebräuchen.— Vors.: In welchen Kreisen haben Si« nun Verkehr gesucht?— An g e kl.: In den verschiedensten Kreisen. Innigere Freundschaften entwuchsen jedoch daraus nicht. Ich hatte nur eine Anzahl Freund«, mit dene nich für Literatur und Kunst im allge- meinen schwärmte. Günther Scheller war zunächst nicht dabei, denn er hatte nur das Jnkereffe, möglichst viel mit Mädchen zu ver- kehren. — Vors.: Wie kamen Sie nun trotz dieser verschiedenen Eharak- tere mit ihm näher zusammen?— A n ge k l.: Er sprach von dem Landhaus seiner Eltern in Mahlow, wo Ungebundenheit und Frei- heit in reichstem Maße herrschte und hatte mich eingriaden. Trotz- dem wir imrerlich nicht zusammenkamen, blieb ich, weil ich die B e- kanntschaft mit seiner Schwester Hilde gemacht hatte. — Vors.: Wie wuchs sich diese Bekanntschaft nun aus?— Angeklagter: Wir trafen uns nach und nach näher und der Ver- kehr nahm auch sinnliche Formen an. Gelegenheit war dazu, weil wir uns viel selbst überlassen waren.— Vors.: Haben die Eltern denn dem nicht entgegenzutreten versucht?— An g e kst: Frau Scheller war verreist und Herr Scheller war oft nicht da. Weiter gab der Angeklagte dann on, daß Günther Scheller erzählt habe, viel in anormalen Kreisen zu verkehren. Nach seiner Meinung goschah das nicht aus Spaß oder Neugierde, sondern aus einer gewissen Abenteuerlust heraus und weil er nach Mei- nung des Krantz diese Leute ausnutzte.— Vors.: Wie standen Sie zu Hilde Scheller?— A n g e k l.: Ich hatte sie sehr gern und sie zeigie mir gegenüber die gleichen Gefühle.— Vors.: Sie sprachen von den sinnlichen Formen Ihres Verkehrs. Von wem ging die Anregung dazu aus?— Angekl.: Von Hilde S ch« l l e r. Sie verstand die Gespräche immer in ein« bestimmte Richtung zu leiten Ole Tagebücher Krantz'. Nach einer kurzen Pause ging Landgerichtsdirektor Dr. Dust, ehe er sich den Vorgängen in der verhängnisvollen Nacht zuwendet«, auf die Gedichte und Tagebücher des Angeklagten ein, die geeignet seien, die Persönlichkeit des Angeklagten zu illustrieren. Aus den Tage- b ü ch e r n, über d>« das Wesentlichst« bereits besprochen worden war, wurde nur, um festzustellen, daß si« flott herunterge- schrieben sind, die Schilderung der Reise nach München und Passau verlesen. Krantz berichtet dabei, daß er mit einem Leipziger Studenten zusammengetroffen sei, der so wundervoll gesund« An- sichten entwickelt habe, daß er beinahe in seinem bisherigen Glauben über den Kastengeist und die Lächerlichkeit des Studententums irre geworden sei. Nach Verlesung eines Gedichtes„M«in Glauben", in dem Münchener kirchliche Verhältnisse geschildert werden, äußerte der Vorsitzend« zum Angettagten:„Sie haben da«ine sehr schroff« Beurteilung der Gebräuche der katholischen Kirch« und überhaupt der Kirche." Angekl. Krantz:' „Diese Schilderung fußt auf der Eiuivirkung des bayerische« Bieres. Ich habe beobachtet, wie die Leute betrunken zur Kirch« gingen und beim Herauskommen sich gleich zu prügeln anfingen." Vors.: In den Gedichten„Weihnachten"..Lugend",„Deutschland" u. o. zeigen sich scheinbare Widersprüche. Einmal wird der Sieg der Jugend über dos Alter geseiert und dann wieder in einem anderen dos gute Alte, das wiederkommen müsse. Angekl.: Das gute Alte soll von einem neuen Geist durchtränkt werden. Vors.: Nun wollen wir das Gedicht verlesen, d&s von der Anklage besonders herangezogen wird und das die Ueberschrift trägt rJMorb.' „Auf dem Boden liegt die Leiche meines Freundes Robert Krause, aus der Wunde sickert langsam rotes Blut zur grauen Erde. Neben ihm sitzt stieren Blickes er, der ihn gemordet hat. Es verglimmt die Zigarette zitternd in der Mörderhond. Blutbeschmiert liegt neben ihm noch der Dolch, der den getrofseiu der ihm seine Liebste stahl, den die Rache jetzt erreichte. Und mit mattem Flügelschlage schwingt sich krächzend fort die Krähe, »inst— ge Zeugen dieser Tat. Rot fließt Blut zur grauen Erde, es verglimmt die Zigarette." Vors.: Dieses Gedicht stammt von Ihnen? Angekl.: Ja. Vors.: Ganz und gor? Oder ist es an ein anderes Gedicht angelehnt? Angekl.: Das Gedicht hat keine Bedeutung für irgendein E r l e b n is. Es entstand, nachdem wir im Freundeskreise ein Gedicht von Klabund„Eifersucht" gelesen hatten. Ich sagte, daß dieses Gedicht ohne jeden Rhythmus und ohne jeden Gedankengang sei und daß ich ebenso schnell etwas Aehnliches machen könnte. Ich habe dann auch in wenigen Minuten dieses Gedicht niedergeschrieben. Dos war im Dezember 1926. Vors.: Soll aus diesem Gedicht nicht eine Parallel« zu Ihren eigenen Seelenstinrmungen gezogen wer- den? Haben Sie damals Selbstmordgedanken gehabt? AngeN.: Rein, ich unterlag ost einem Stimmungswechsel, bald himmelhoch jauchzend, bald zu Tode betrübt. Gedanken habe ich mir bei dieser Niederschrift nach dieser Richtung hin nicht gemacht. Di« wechselnden Stimmungen des Angettagten kommen in anderen Gedichten zum Ausdruck. Ein Gedicht endei mit dem Selbstmord als letzter Konsequenz. Besonders hob der Vorsitzende ein längeres Gedicht hervor, das anfing:„Beide waren jung, und ihr Blut glühte heiß, als sie sich forden." Das Gedicht endet mit Tod und Irrsinn. Krantz erklärte jedoch, daß sich auch hier kein Erlebnis widerspiegele. Es sei aus reiner Inspiration niedergeschrieben. Vors.: Alter mit sehr heißem Herzen? Angekl.: Aber nicht auf ein Erlebnis fußend. Vors.: Hier zeigen sich dieselben Parallelen, und es steht daneben geschrieben: .Hilde". Angekl.: Das Gedicht war geschrieben, ehe ich Hilde kennenlernte. Den Namen hob« ich später dazugefchrieben als Anmerkung für mich selbst und für mein späteres Zusammenleben mit Hilde. Vors.: Was Sie da auf Hilde vorausschauen und in Bezug bringen, sollte sich dann ja auch später bewahrheiten. Angekl.: Ja. R.-A. Dr. Arey: Ich bitte, nun auch als Gegenstück ein Gedicht zu ver- lesen, das umgekehrt„Hilde" überschrieben war, und bei dem nach- her der Name auegestrichen worden ist.— Der Angeklagt« erklärt dazu auch, daß die Bekanntschast mit Hilde ihn einfach dazu ge. drängt habe, die Verse niederzuschreiben. Dieses Gedicht hat fol- genden bezeichnetzden Inhalt: Die wilde Glut in Deinen Küssen entfachte mein« Leidenschaft, nun bin ich Dein mit aller Kraft und werd' es bitter büßen müssen, doch ewig bin ich Dir verfallen Du Schönste, Herrlichste von Allen. Ich will in süßen Rausch versinken, in Deinen Küssen tief ertrinken, in Deinen Armen will ich liegen, mich leidenschaftlich an Dich schmiegen, Dich gierig, heiß und wild umsasicn, denn niemals kann ich von Dir lassen, obgleich schon der Verrat aus dem Kusi« spricht. bist Du mein Leben und mein schönstes Licht." Vors.: Aus diesem Gedichte duftet doch etwas wie Selbst- erlebnis heraus.— Der Angeklagte erklärte jedoch, daß das nicht der Fall gewesen sei. erst ein späteres Gedicht, das in Mahlow entstand, drückte die Empfindungen aus, die er hatte, als das Verhältnis mit Hilde sich schon intimer zugespitzt hatte. Es spiegele auch immer seine inneren Empfindungen wieder, denn noch habe er nichts«riebt gehobt. Vors.: Es war also der Schrei danach? Angekl.: Ja. Familieniragödie bei Oranienburg. Ein nächtlicher Kampf. Eine Familientragödi« spielte sich in der vergangenen Nacht auf dem Gut wilhelmslhai bei Oranienburg ab. Dobel wurde ein als„nicht gemeingefährlich" aus einer Anstalt entlassener Mann, der seine Familie bedrohte und lällich angriff, in de« Not- wehr erschossen. Das Gut Wilhelmsthal ist nach dem Kriege für eine Siedlung aufgefchlosien worden. Zehn Familien haben sich dark angebaut, darunter auch eine Wilwe Ntukfchler mit ihren zwei Söhnen und einer Tochter. Di« jetzt 24 Jahre alte Tochter heiralele im Zahre 1S25 einen jetzt 27 Jahre alten Klempnermeister Franz horack. Die Ehe gestaltet« sich unglücklich, weil Horack ein sehr nervöser Mensch war, der sich um feine Arbeit wenig kümmerte und gern trank. Es kam soweit, daß er in eine Heilanstalt gebracht werden mußte, nachdem er«inen Schupobeamten und einen Wächter über- fallen und sein« Frau ständig mißhandelt hatte. In der Anstalt ver- suchte er auch, gegen einen Arzt tätlich zu werden. Trotzdem wurde er im Dezember o. I. als„nicht gemeingefährlich" ent- losten und begab sich wieder zu seiner Frau. Die Familie wohnte in einem Siedlungshaus unter einein Dach, aber getrennt. Die beiden Brüder der Frau, Männer von 29 und 26 Iahren, standen stets auf seilen ihrer Schwester. Das hatte zur Folge, daß auch sie öfter heftigen Angriffen ihres Schwagers ausgefetzt waren. Sie schafften sich deshalb ein« Pistole on. um sich im Notfälle schützen zu können. Seit seiner Entlassung aus der Heilanstalt hegte nun Horack den Plan, mit seiner Frau nach Velten zu ziehen. Diese wollte jedoch davon nichts wissen und widersetzte sich dem Vorhaben auch am vergangenen Montag wieder, als ihr Mann bereits An- stalten für den Umzug traf. Dos führte wieder zu einer heftigen Auseinandersetzung. Gestern abend kam Horack betrunken nach Hause. Seine Frau flüchtete vor ihm zu ihrer Mutter. Al, die beiden Brüder sich vor sie stellten, griff Horack beide sofort an. Während der eine sich in Sicherheit bracht«, gab der andere«inen Schuß auf ihn ab. der aber nicht traf. Horack. der bereits im Bett gelegen hatte, setzt« den beiden Brüdern im Hemde auf den Hof noch und griff sie wieder an. Jetzt schlug einer der Bedrohten die Wasje wieder an und streckte den Gegner durch einen Kopf- und einen Bauchschuß tot nieder. Auf die Meldung erschien Kriminalkommissar Grabow mit mehreren Beamten, um den Tatbestand aufzu- nehmen. Die beiden Brüder haben sich s e l b st gestellt. « Zum Ueberfoll auf die bSjährig« Gcschästsinhaberin Therese Briegnitz im Hause Tempelherrenstraße 6, über die wir heute früh berichteten, erfahren wir, daß sich der Täter im Lause des gestrigen Abends selbst der Polizei gestellt hat. Es handelt sich um den neunzehnjährigen Alfred E. aus der Köpenicker Straße 25. Nach den polizeilichen Ermittlungen liegt jedoch kein Raubüberfall, sondern ein Racheakt vor. E. unterhielt seit längerer Zeit zu der Tochter der Frau P. ein Verhältnis. Die Mutter des Mädchens war gegen dies« Beziehungen, trotzdem suchte E. wiederholt die Tochter in der Wohnung der Mutter auf. So fand er sich auch in den gestrige» frühen Nachmittagsstunden dort wieder ein. Im Lause der Auseinanderjetzungen kam es zu einem heftigen Streit, in dessen Verlauf E. e i n Beil ergriff und mit der Rückkante aus die Frau einschlug. Unmittelbar nach der Tat begab sich E. zu seinem Onkel, dem das scheu« Benehmen seines Nest'en aussiel. Als er ihn ins Gebet nahm, erwiderte E., daß er„ihr eins ausgewischt" babe. Dann erzählte er den Borfall in ollen Einzelheiten. Nachdem die Zeitungen mit dem Bericht über die Tat erschienen waren, begab er sich aus die Aufforderung seines Onkels zur Wache des zuständigen Polizeireviers und stellt« sich. Die Ucbersallene, deren Derletzungen sich als nicht so schwer herausstellten, wie es erst den Slnschein hatte, konnte das Krankenhaus bereits wieder verjasten. Oer Naiisnkönig der Lombardskandale. Schon wieder zwei neue Fälle. Seil der Ausdeckung de« Bergmann-Skandals lausen Tag für Tag neue Anzeigen gegen ähnliche Institute bei der Polizei ein. Seil gestern ist eine Untersuchung gegen die Lombard-G. m. b. h. L e w l n s k l, eines der gröhlen Lomdardgeschäsle im Zentrum der Stadl, im Gange. Auch hier waren IS Pcoz. Zinsen versprochen. Die Forderungen an die Firma sind sehr zahlreich, denn in der letzten Zeit ist überhaupt kein Pfennig Zinsen bezahlt worden. Täglich kam es in den Geschäftsräumen zu Zusammenstößen zwischen Angestellten und Gläubigern. Einer der Hauptgläubiger hat den gesamten Warenbestand mit Arrest belegen lassen� Aehnlich liegen die Dinge bei dem Lombard- geschäft Potsdamer Str. 11«. Wilhelm F r i c d l ä n d e r. In seiner Firma hat die Polizei nicht einmal Geschäftsbücher vor- gefunden. Ein Haftbefehl gegen Friedländer soll bevorstehen. Er hat freiltch inzwischen, da ihm der Loden zu heiß wurde, ebenso wie der psandleihcr Bernhard Winter. Berlin mit unbekanntem Reiseziel verlassen. Eine polizeiliche Vorladung zur Ver- nehmung hat ihn nicht mehr in Berlin erreicht. Salzburgs größtes Hotel in Klammen! Salzburg. 9. Februar. Im �„G rand-Hotel d l'Europe", dem größten Hotel Salzburgs, brach heute vormittag aus bisher nicht ge- klärter Ursache Feuer aus, das mit ungeheurer Schnelligkeit das Dachgeschoß der etwa 40 Meter langen Gartenhauptfront ergriff. Als die Feuerwehren von Salzburg und Umgebung mit allen verfiigbaren Löschzügen und Mannschaften anrückten, stand be- reits der ganze Dachstuhl in hellen Flammen. Eine Stunde später stürzten bereits Teile des Daches ein. Das Feuer ist in den späten Vormittagsstunden noch nicht gelöscht, tan« aber als lokalisiert gelten. Kridericus als Nothelfer. Gefchäststüchtige pairioien. Die Herrschaften, die soeben eine„Vaterländische Gefangenen- fürsarge" gegründet haben, an deren Spitz« der Fridericusredakteur F. C. ch o l tz steht, beabsichtigen, auch eine sogenannte„Deut s ch e Hilfe" ins Leben zu rufen. Wie aus einem in der Umgebung von Berlin verteilten Flugblatt hervorgeht, will die„Deutsche Hilfe" in kürzester Zeit ihre Tätigkeit aufnehmen. Was ist ihr Zweck? Angeblich will sie vor allem„Arbeit- nehmern, die wegen chrer vaterländischen Gesinnung brotlos wurden, zunächst dadurch angemessene Beihilfen über die Zeit der Arbeits- losigkeit hinweghelfen". Die Herren, die dieses merkwürdige Institut ins Leben rufen wollen, haben sich freilich gleich die leitenden Posten gesichert. So besagen die ersten Richtlinien und Satzungen des Bundes„Deutsche Hilfe", daß die Bundeslei- tung aus seinem auf Lebenszeit mit diesem Amt betrauten ersten Bundesführer F. C. H o l tz besteht, sowie aus den Herren Rudolf Stanke als zweitem Bundesführer, Dr. Heinnch Brandt als Schriftwart und Walter D e h n s als Schatzmeister, die ihre Acmter zunächst bis zum 31. März 1333 bekleiden. Die vaterländischen Samariter haben, geschäftstüchtig, wie sie nun einmal sind, vorausgesetzt, daß sie nicht„brotlos" werden, ihrem Flugblatt auch gleich ein paar Zählkarten beigefügt, dcnnit der —„Deutschen Hilfe" möglichst schnell geholfen werden kann. Die vaterländischen„Arbeiterfreunde", die sonst Arm in Arm mit den rechtsgerichteten Ueberpatrioten die Arbeiterinternotionale bekämpfen, legen in ihrem Flugblatt das rührende Bekenntnis ab, daß das fchwarzweißrote Unternehmertum sich den Teufel um die schwarzweißrot gesinnten Arbeitnehmer kümmert. SchmerzerfüM gestehen die Friderieusleute ein, daß die Arbeiterbataillon« nicht daran denken, ins fchwarzweißrote Lager zu marschieren, sondern bei ihrer Arbeit bleiben, ihre Partei- und Gewerkschaftsbciträge bezahlen und zur Maifeier gehen. Und warum? Die Antwort gewerkschaftlich organisierter, aber angeblich schwarzweißrot gesinn- ter Arbeiter lautet, wie das Flugblatt der Friderieusleute erklärt, folgendermaßen:„Ja, wie sollen wir denn zu euch kommen, wenn ihr nicht einmal uns das Recht geben wollt, in rein wirtschaftlichen Organisationen uns unseren Anteil an dem Ertrag unserer Arbeit zu erkämpfen? Verlangt, bitte, nicht von uns den Glauben, daü wenn wir nun zu euch kommen, wir so gut behandelt und entlohnt werden, daß wir unser« Gewerkschaften nicht mehr brauchen! Un- sere Gewerkschaften entstanden aus Notwehr gegen un- soziale Arbeitgeber." Beim Profit hat schon von jeher der„Patriotismus" auf- gehört. Leute aber, die im Bunde mit Bölkischen, mit Fememördern und mit Hilfsgeldern fchwarzweißroter Unternehmer Bewegungen inszenierten, um eben dieses unsoziale Unternehmertum wieder fest in den Sattel zu setzen, sollen doch nicht den Arbeitern vorreden, daß sie ihnen helfen wollen. Hilfe kann der Arbeiter nur von den Gewerkschaften und nur von der Arbeiterpartei, der Sozialdemo- kratie erhalten. Dieser soziale Arbeiterschutz der Ge- wer ksch asten ist eine vaterländische Tat. Erst die Gc- werkschaften machen Deutschland zu einem Vater-Land, d. h. zu einen, Land, in dem auch der Prolet sich heimisch fühlen kann. 20000 Sattler und Tapezierer in Aktion Um Löhne, Arbeitszeit und Ferien. Zn der Leder warenbranche ist der Berliner und Ossenbacher Tarif gekündigt worden. Der Berliner Vundestarif wurde vom hauplvorstand gekündigt. Für das Ossenbacher Vertragsgebiet haben die Arbeitgeberverbände den Offenbacher Mantel vertrag gekündigt. Ferner ist in zehn Großstädten der Tapezierertarifvertrag gekündigt worden, hierbei kommen etwa 4000 Arbeiter in Frage. Insgesamt werden von der Torlfbewegung. bei der auch die Lohnsrage selbstverständlich eine große Rolle spielt, etwa 20 000 Arbeiter betroffen. Die Verträge laufen im allgemeinen noch bis zum 30. April. Im Laufe des Monats März werden die Verhandlungen auf- genommen. Die Niederlagenstrategen melden sich. Sie möchten die Bewegung der Werkzeugmacher verpfuschen In ihrem Bericht über die Vertrauensmännerversammlung der Berliner Werkzeugmacher scheibt die„Rote Fahne": „Da kein Zweifel bestand, daß die Versammlung mit großer Mehrheit den sofortigen Streik beschlossen hätte, erklärte Handle, daß die Verbandsleitung„aus taktischen Gründen" keine Ab- st i m m u n g zulassen könne. Es müsse bei den von der Leitung getroffenen Maßnahmen bleiben." Dazu stellen wir fest, daß 1. keinerlei Antrag auf Niedcrlegung der Arbeit vorlag, 2. Handle also keine Veranlassung hatte, eine derartige oder ähnliche Erklärung abzugeben und auch nicht abgegeben hat. Damit fällt der Kommentar, den das Stalin-Blatt an diese doppelte Unwahrheit knüpft, in sich zusammen. Nachdem es den kommunistschen Nicderlagenstrategcn nicht geglückt ist, in Mitteldeutschland die Bewegung zu versauen, ver- suchen sie es in Berlin. Wo sie aber auch kein'Glück haben werden. Tarif für Krankenkaffenangestellte. Sie neue Besoldungsregelung. Die vom Z e n t r a l v e r b a n d der Angestellte» am 7. Februar nach Haverlauds Feftsälen einberufene öffentliche Versammlung der Krankenkassenangestcllten gestaltete sich zu einer wuchtigen Kundgebung für den ZdA. Genosse B r e n k e vom Hauptvorstand sprach über die Besoldungsverhandlungen im Preußischen Wohlfahrtsministerium. Er legte in li-istüiidiger Rede där, welche großen Schwierigkeiten in den süinstägigen Ver- Handlungen zu überwinden waren. Dabei geißelte er scharf die Einstellung des Bundes der Krankenkassenbeomten, die sich zum Nachteil für die Angestellten in diesen Verhandlungen auswirkte. Der Weg, fveihändig die materiellen Arbeitsbedingungen für die Kassenangcstellten zu regeln, sei noch nicht völlig frei, es bestünden nach die rückschrittlichen Bestimmungen in der Reichsoersicherungs- ordnung, die den Aufsichtsbehörden ein« uneingeschränkte Macht gäben. Es muß Ziel unserer nächsten Zeit sein, hier Ab- hilse zu schaffen, damit endlich auch für die Kossenangestellten der Tarifvertrag von den Aussichtsbehörden uneingeschränkt respektiert werden muß. Das Verhandlungsergebnis über die Cingruppierung im Wohlfahrtsministerium kann nicht befriedigen. Es wird von den Kassenorganen erwartet, daß sie bei den aus Grund der demnächst vom Wohlfahrtsministerium zu erwartenden Mindest- Richtlinien über die Eingruppiorung der Angestellten stattfindenden Verhandlungen mit dem ZdA., eine der wirklichen Wertung der Arbeitsleistung der Kassenangcstellten entprechende Gruppierung ver- einbaren. Die Versammlung, die wegen Ueberfüllung polizeilich geschlossen wurde,• wodurch einige hundert Kollegen ihr nicht bei- wohnen konnten, nahmen einstimmig eine Entschließung an, worin sie ihr volles Einverständnis mit der Verhandlungssühning des ZdA. bekundet. Sie erNört, daß das Ergebnis ohne die schädigende Politik des Bundes der Krankenkassenbeamten besser sein würde.__' Zum Gehaltstarif der Metallangestellten. Ablauf am ÄT. März. Die Fachgruppe Metall im ZdA. hielt gestern abend ini„Nordischen Hos", Invalidenstraße, eine sehr gut besuchte Mitgliederver- sammlung ab, in der Genosse Rudolf K a r st e n den einleitenden Vortrag hielt über das Thenia„Ein sozialpolitisches K a m p f j a h r". Die Ausführungen des Referenten klangen dahin aus, daß die Angestellten bei den kommenden Reichstagswahlen dafür sorgen können, den gesetzgebenden Körperschaften eine Zu- sammensetzung zu geben, die dafür bürgt, daß die berechtigten Forderungen an die Sozialpolitik erfüllt werden. Die Angestellten dürfen ober auch nicht von der Gesetzgebung das Allheilmittel zur Linderung ihrer Notlage erwarten, sondern sie könne» durch Stär- knng ihrer eigenen Kaufkraft, also durch Erhöhung ihrer Bezüge, sehr wohl dazu beitrogen, den Massenkonsum zu heben und die latente Wirtschaftskrise in Deutschland zu mildern. von einer Diskussion über den Vortrag wurde Abstand g«- nammen, da sich das Hauptinteresse der Versammellen auf die Frage konzentrierte, ob der am 31. März ablaufende Gehalts« t a r i s von den Angestellten gekündigt werden solle. In voller Einmütigkeit wurde der vom Genossen Lange vor, getragenen Auffassung der Fachgruppenleitung zugestimmt, da» hingehend, daß sich die Angestellten mit den übrigen im Metoll- kartell vertretenen AfA-Organisationen. Butab und Werkmeisterverban.d solidarisch erklären, ohne dem Metall- kartell jetzt schon die Marschroute vorschreiben zu wollen. Das heißt also, wenn die übrigen LlfA-Organisationen eine Kündigung des Gehaltstarifes für angebracht halten sollten, werden sich die Angestellten diesem Vorgehen anschließen. Anfang März wird dann eine neue Versammlung abgehalten werden, um über die weiteren Maßnahmen oder etwa auszustellende Forderungen zweck- dienliche Beschlüsse zu fassen._ Jugendarbeit. Im Zentralverband der Angestellten. Der Zentraloerband der Angestellten Hot für seine Iugendmit- glieder eine besondere Jugendgruppe eingerichtet, in der den kaufmännischen Lehrlingen und jugendlichen Angestellten Gelegen- heit gegeben ist, ihr berufliches und ihr Allgemeinwissen zu erweitern und zu vertiefen. Die Iugendgruppe des ZdA. in Groh-Berlin gliedert sich in nachfolgende 13 Bezirke, in denen die Jugendlichen an den oerzeichneten Tagen regelmäßig zusammenkommen: Osten: jeden Mittwoch im Jugendheim der Schule Litauer Straße 18; Lichtenberg l: jeden Freitag im Gesongsraum des Realgymnasiums, Porkaue 12: Lichtenberg II(neuer Be- zirk): jeden Mittwoch im Jugendheim der Schule Goßlerstraße 61, Nähe Rudolfplatz: Südost-Treptow: jeden Freitag im Jugendheim Britzer Straße 27/30; Neukölln: jeden Mittwoch im neuen Jugendheim, Böhmische Straße 1/4; Südwest: jeden Freitag im Jugendheim Bclle-Alliance-Strohe 7/10; Char- l o t t e n b u r g: jeden Montag im Jugendheim, Rosinenstraße 4; Tempelhos: jeden Montag im Jugendheim der Schule Ger- maniastraße 4/6: Nordwest: jeden Mittwoch im Realgym- nasium Schleswiger Ufer 14; Spandau: jeden Mittwoch im Jugendheim, Lindenufer 1; Wedding-Gesundbrunnen: jeden Mittwoch im Jugendheim, Schönstedtstraßc 1(Ledigenheim 5 Tr.); Norden: jeden Montag in Baracke 7 Danziger Str. 62; Schöneberg: jeden Donnerstag im Jugendheim Hauptstr. 13 (Hosgebäude 1 Tr., Thüringenzimmer). Die Heimabende beginnen pünktlich um 20 Uhr und enden um 22 Uhr. Zugelassen zur Jugendgruppe ist jedes Jugendmitglied des ZdA., das sich im Besitze des von der Ortsoerwaltung ausgestellten Heimausweises befindet. In der nächsten Zeit wird in ollen