Abendausgabe A Oiensiag •!M- WM �#####."«rr Wöchentlich 70 Pf-nnlz. m-naiNch IM I HH Dcle- gierten der Organisationen im Plenarsaal des- Herrenhauses durch «ine lange Begrühungsansprachc des Parteivorsttzenden, Genossen Otto Zvels, eröffnet, in der er zunächst an die Umstände erinnerte, unter denen seinerzeit in Kiel. die Abhaltung eines preußischen Parteitages angeregt wurde. Als der Packeivorftand vor wenigen Wochen den Beschluß� faßte, dies« Anregung in die Tat umzusetzen, war die neueste E»ntwicklung im" Reiche nicht vorauszusehen. Auch heute ist noch nicht recht klar, was im Reiche wird. Indessen muß jetzt mit baldigen Wahlen im Reiche gerechnet werden, die dann wohl, ebenso wie in Bayern und in Württemberg, zeitlich mit den Preußenwahlen zusammengelegt würden. Möge unser Preuhentag dazu beitragen, die Sache der Sozialdemokratie sowohl in Preußen wie im Reiche zu fördern! Zum ersten Punkt der Tagesordnung erhält sodann das Wort der preußische Innenminister, Genosse Grzesinöki, zu einem Bockrag über die Auflösung der Gutsbezirke und über Berwaltung und Personalpolitik in Preußen, Krantz aus der Hast entlasten. Die Mordanklage wird nicht aufrechterhalten. Zu Beginn der heutigen Berhanblung des Krantz» Prozesses stellte Rechtsanwalt Dr. Frey de« Antrag, de« Angeklagten ausderHaftzuentlasse», da von einem hinreichenden Verdacht des gemetnschaftllchrn Mordes überhaupt keine Rede sei« könne. Tie Staatsanwaltschaft gab darauf die Erklä» rung ab, daß sie nicht einsehe, daß der Angeklagt« zwei oder drei Tge vor der Urteilsfällung aus der Haft entlassen werden soll. Ter Staatsanwalt gab ferner die Erklärung ab, daß die Anklage wegen Mordes allerdings nichtaufrechterhalten werde, wohl aber wegen gemeinschaftlichen Totschlages. Nach kurzer Beratung verkündete das Gericht die Haftentlassung des Angeklagten Paul Kraut», da ein hinreichender Fluchtverdacht nicht vorliege. (Beruht siehe 3, Seite.) Poiischrckkonlo: Bcilin 37538.— Bankkonto: Bank der ZIrbckln, Snzrstellicn und Beamten Wallstr. 85. Tiskonlo-Gesellschasi, Tepostienkaise Lindenslr- 3 Im ersten Teil seines Vortrages legte Genosse Grzesinski dar, daß die Gutsbezirte, vor allem in Oftelbien, der prägnanteste Zlusdruck für die im alten Preußen herrschende Mochtvcrleilung. Ueberbleibscl aus der Feudalzeit feien, kleine Stondesherrschosten, in denen der Gutsherr alle, die Einwohner keine Rechte bc- joßen. Die Auflösung der Gutsbezirke gibt 1K vlilliouen preußischen Einwohnern, die in den 1927 noch existierenden 12 000 Gu!s- bezirkcn wohnen, das Ihnen bisher nicht zustehende kommunale Wahl- und Bestimmungsrecht. Durch die Auflösung der Guts- bezicke wird der junkeckich-preußischen Reaktion eine gewichtige Waffe aus der Hand geschlagen. Auf den zweiten Teil seines Referates, Verwaltung und per- sonalpolilik, übergehend, führte Grzesinski aus, daß es ihm hier nur darauf ankäme, die wichtige Rolle aufzuweisen, die gerade im parlamentarisch-demokratijch regierten Staate der V e r w a l- tungsapparat habe. Erst die Beherrschung der Verwaltung sichere politischen Bkachteinsluß. Im alten Staat sei die preii- ßische Beamtenschaft allein heoorgegangen aus Kreisen mit konser- vativcr und tönigstreuer Gesinnung. Di« höhere Beamtenschaft Hobe sich ausschließlich rekrutiert aus der Schicht der Adti- gen und der Konservativen. Dadurch wäre der Verwattungs- apparat fest in der Hand der Junker gewesen, die so den Staat beherrscht hätten. Auch nach 1018 mußte der Verwaltung-- apparat im großen und ganzen unverändert in die Republik über- nommen werden, da ein Ersatz der vielen Tausenden eingearbeite- ten und vorgebildeten Beamten durch Anhänger des neuen Staates nicht möglich gewesen wäre. So sei der Zustand entstanden, daß zwischen der Spitze der Verwaltung— dem sozialdemokratischen Minister— und der Mehrheit der Verwalwngsbeomtenschast ein Gegensatz entstanden sei, der sich ül'erall ausgewirkt hätte. Die daraus entstehenden Gegensätze hallen erst im harke« Kampfe gebrochen werden können. Soll der neue Staat, die Republik in der Verwaltung sitz durchsetzen, soll wirtlich olle Staatsgewall vom Volke ausgehen, dann mühte auch die Exekutive, die Verwaltung, erheblich umgestallet werden. Das Ringen um diese Umgestaltung sei heute noch in vollem Gange. Durch das Reben- und Durcheinander von Reichs-, Staats- und Kommunalbehörden sei der Ruf nach dem Ein Heils- st a o t zu erklären. Aber es sei falsch, nun etwa zu glauben, daß der Einheitsstaat eine Verbilligung oder Vereinfachuvig der Berwallliug herbeisuhren würde. Der Referent forderte z» Vertagung Vertagung Vertagung! Der Bürgerblock findet keinen Schluß.- Interfraktionelle Besprechungen auf morgen veriagi.— Man redet immer noch über das Schulgesetz. Die interfraktionellen Verhandlungen des Dürgerblocks haben heute morgen um 16 Uhr begonnen. Um 1 Uhr 26 Mi- nuten wurden sie— auf morgen vormittag 16 Uhr vertagt. Abermals vertagt! Und warum— weil die Herren keinen Schluß finden können. Die Verhandlungen haben sich ausschließlich um das Schulgesetz gedreht— die politischen Konsequenzen des Scheiterns der Verhandlungen sind nicht berührt worden. Morgen soll weiter über das Schulgesetz verhandelt werden. Es wird versichert, daß die Verhandlungen heute keine Verständigungsmöglichkeit gezeigt hätten. Man wartet nicht mehr auf das Auftreten eines plötzlichen Umfallwillens bei diesem oder jenem— nur noch auf das Stichwort, das den allgemeinen Aufbruch hervorruft. Aber keiner hat den Mut, offen auszusprechen: Die Verhandlungen sind zu Ende! Man verhandelt und vertagt, und vertagt und verhandelt — und findet keinen Schluß. Well jeder den anderen mit der Verantwortung für den Bruch belasten mächte. Heute haben die Fraktionsführer ihre Standpunkte in der Schulfrage formuliert. Diese Standpunkte werden heute nach- mittag von den Bürgerblockfraktionen beraten werden. Morgen früh um zehn werden dann wieder die Führer zu- sammentreten— und so kann das liebliche Spiel noch lange fortgesetzt werden. Die höchste politische Weisheit des Bürgerblocks heißt heute — vertagen. Aber die Abrechnung läßt sich nicht vertagen! llnangenehme ZwangSgemeinschast. „Wenn nus dem negativen Ergebnis der jetzt im Gange bcsind- lichcn Verhandlungen nicht sofort ein Bruch der Koalition erfolgen, sondern diese als eine unangenehme Zwangs- g e m e i n s ch a f t noch für gewisse Zeit weiterbestehen sollte, so wäre dies mir dem Umstand zuzuschreiben, daß in der Tat noch einige wichtige Rotstandsarbeiten erledigt werden müssen. Es handelt sich um den Etat und den Rachtragsctat, das Liquidationssthädengesetz und um die Hilfe für die Landwirtschast. Daß auch noch das Straf- g e s e tz b u ch verabschiedet werden kann, daran glaubt in parlamentarischen Kreisn niemand mehr. Man mag dies bedauern oder nicht, für die Plenarsitzungen würde der Entwurf. doch erst nach den Sommcrscricn reif sein. So lange ist die Koalition aber unter den obwaltenden Umständen bestimmt nicht zu- s a m m e nz u h a l t e n. Es wird deshalb nichts anderes übrig bleiben, als durch ein U e b e r l e i t u n g s g e s e tz die bereits geleistete Zlrbeit für die kommende Regierung und den kommenden Reichstag zu retten." Nur noch unangenehme Zwangsgemeinschaft— dos läßt erkennen, mit wieviel Liebe die Koalitionsparteien im Bürger- block noch beieinander wohnen! Preußen— Hochburg der Republik. Sozialdemokratische Arbeit in der Verwaltung Preußens. lachst ftnc Dercinsachung der Verwaltung i n den Ländern und eine Beseitigung der En- und Exftaven, eine sogenannte Flurbereinigung, bei der das Reich führend vor- angehen müsse. Scharf wandte er sich gegen die Forderung der „Zerschlagung Preußens", das drei Fünftel des Deutschen Reiches an Bevölkerung und Flächeninhalt zähle, und dessen Zerschlagung nur die Zerschlagung eines schon bestehenden Einheitsstaates bedeuten würde. Grzesinski wies darauf hin, daß heute vielfach der Einheitsstaat gefordert würde von Personen und Organisationen, die damit nur das unbequeme republikanische Preußen zu beseitigen hofsteu. Genlüs« Grzesinski führte aus, daß es heute gelt«, der Sozial- demotratie in der preußischen Verwaltung gemäß ihrer Stärke eine Position zu sichern. Es müsse gefordert werden, daß alle teite�rden und politisch ei n f du ß r« i che n Stellen in der Verwaltung nur mit überzeugten Anhängern de s neuen Staates besetzt würden. Grzesinski führte dann über die Zusammensetzung der politischen Beamten aus, daß dos in der Vorkriegszeit herrschende Uebergewicht des Adels heute natürlich gebrochen sei. Von den 12 Oberpräsidenten gehören 4 der SPD., 3 dem Zentrum, 2 den Demokraten und 2 der Deutschen Volkspartei an. Von den 32 Regierungspräsidenten sind 6 SPD., 7 Zentrum, 8 Demokraten, die übrigen Deutsche Volkspartci oder bei keiner Partei. Don den 30 Polizeipräsidenten sind 15 SPD., 5 Zentrum, 4 Demokraten, 3 Deutsche Volkepartei, 3 keiner Partei. Don den 416 Landroten sind 55 SPD., 47 Demokraten, 81 Zentrum, 74 Deutsche Volkspartei, 2 deutschnational und 153 parteilos. Das wichtige Exekutioorgan der P o l i z e i sei heute einestarkerepu- blikanische Macht, die absolut zuverlässig sei. Das Polizei- Offizierskorps ergänze sich heute aus den Wachtmeistern. Von den 2381 Polizeioffizieren seien 689 gleich 29 Proz. frühere aktive Ossi- ziere, 387 gleich 16 Pro.;, frühere Reserveoffiziere, 416 gleich 18 Proz. frühere obere Polizeibeamte, 589 gleich 25 Proz. frühere Unter- oifizterc, 300 gleich 12 Proz. Volks- und Mittelschüler und Schüler höherer Lehranstalten. Diese Angaben beweisen, daß seit dem Jahre 1918 gerade in Preußen dadurch, daß hter eigentlich eine ständige republikanische Richtung innegehalten wurde, aus dem Gebiete der Pcrsonalpoiitik ein gute» Stück Arbelt geschafft worden sei. Der bisher in Preußen gesteuerte Kurs, der wesentlich dadurch bestimmt war, daß fast ununterbrochen seit 1918 das Innen- Ministerium in der Hand der Sozialdemokratie gewesen sei, könne nur dann weiter innegehalten werden, wenn alle dafür sorgten, daß der nächste Wahlaussall eine Regierung in Preußen ohne die Sozlaldemokralie weiter unmöglich mache. Würde für dieses Ziel alle Kraft eingesetzt, dann sei der beste Boden für eine Fortsetzung energischer demokratischer und sozialer Der- waltungs- und Personalpolitik im neuen Preußen bereitet. (Lebhafter Beisall.) In der Diskussion spricht zunächst Genosse Radloss-Han- nover. Die von Grezesinski angcsührten Zahlen sprechen weit mehr zugunsten des Zentrums, als zugunsten der Sozialdemokratie. Im Oberpräsidium von Hannover sitzen nur zwei Sozial- demokratern der Oderpräsident und der— Aktenhester(Heiterkeit). Der Landkreis Hannover hat 67 Proz. sozialdemokratische Stimmen aufzuweisen. Trotzdem sitzt dort der deutschnationale Land- rat Graf Wedel, gegen den unsere Parlamenksraktionen mehr- fach Stellung genommen hoben. Volksschüler können heute nicht mehr untere Beamtenstellen erhalten, für mittlere Beanrtenstellcn wird das Abiturientenexomcn gefordert. Dem muß Abhilfe geschaffen werden, entsprechend j,« Parole:„Freie Bahn dem Tüchtigen!" Zanolta-Oberschlesien: Es wäre ein Illusion, zu glauben, daß sich der Großgrundbesitz mit der Tatsache der Auslösung der Gutsbezirke abgefunden hat. Wir dürfen uns nicht auf die gesetzgeberische Tat- fache der Auslösung verlassen. Aus p r i v a t r e ch t l i che m Wege werde die Reaktion um ihre Ansprüche hartnäckig kämpsen. Es muß verhindert werden, daß die ehemaligen Gutsvorsteher als Gemeindevorsteher neue Macht gewinnen und das Aufkommen leistungsfähiger neiier Gemeinden verhindern.(Bravo.) Schulz-Königsberg: Die Auflösung der Gutsbezirkc ist auf dem flachen Lande allgemein begrüßt worden. Zn Ostpreußen gab es von S000 Orlschaslen 2500 Gutsbezirke. Redner kritisierte scharf dos Verhalten der rechtsgerichteten höheren Beamten in Ostpreußen. Deuksch-Oels i. Schl.: Eine richtige Ausnützung der Auflösung der Gutsbezirke durch die Partciagitotion wird uns eine Unzahl von neuen Mitgliedern und Wählern einbringen. In einem Schlußwort führt Genosse GrzesinsN aus, Zweifel- los sind bei den Entscheidungen über die Durchführung der Auslösung von 12 000 Gutsbezirken eine Unmenge von Mißhelligkeiten und Fehlentscheidungen vorkommen, die zu korrigieren die Auf- gäbe der höheren Verwaltungsstellen sein wird, die den Weisungen des Ministers unterstehen. Was die Kritiken an der Personalpolitik betrifft, so haben sich in manchen Fällen in den Jahren 1919 und 1920, als die Möglich- keit dazu gegeben war, unsere Parteigenosien für die Beibehaltung gewisser Beamten aus der alten Zeit selbst eingesetzt, über die sie sich heute beklagen. Es kommt darauf an, daß ans verantwortliche Beamtenstellen Leute kommen, die imstande sind, sich s e l b st ä n d i g zu behaupten und die nicht sofort in die Abhängigkeit der Bureau- traten geraten. Als Sachbearbeiter müssen wir schon vor- gebildete Leute nehmen und können keine„Außenseiter" gebrauchen. Dagegen für politische Beamtenposten können wir aus„Außen- seiter" zurückgreisen. Es muß aber auch für den republikanischen Beamtennachwuchs gesorgt werden.(Bravo!) Hessens neuer Siaaispräsideni. Dannstadt. 14. Februar. In der heutigen Landtagssttzung wurde der Bürgermeister Adelung-Mainz(Soz.) mit 42 Stimmen bei 19 Enthaltungen zum hessischen Staatspräsidenten gewählt. Gegen die Wahl stimmten die 5 Kommunisten. 2 Stimmen waren zersplittert. Ein korrupter Präsident. Harding— von Oelkapitalisten bestochen. Seit Jahren schwebt vor einem Ausschuß des amerika- nischen Senats die Untersuchung desTeapot-Skandals. Teapot ist ein reiches Petroleumgebiet im Westen der Per- einigten Staaten. Es gehörte dem Staat und wurde vom Marineminister verwaltet. Harding trat 1920 das Präsi- dentenamt an. Bald übertrug sein Marineminister D e n b y die Berwaltuna des Petroleumbesitzes der Nation auf seine Kollegen, den Iustizminister Daugherty und den Innen- minister Fall. Diese beiden verkauften ihn alsbald gegen billiges Geld an eine Continental Trading Co. Hinter der aber steckten die Petroleumspekulanten Sine- l a i r und D o h e n y. Die drei Minister Hardings hatten sich mit Hunderttausenden von Dollars bestechen lassen. Ihr Verbrechen wurde aufgedeckt, sie mußten zurücktreten. Der seitdem verstorbene Präsident selbst wurde bis jetzt in die Untersuchung nickt hineingezogen. Die öffentlichen Vernehmungen des Ausschusses hatten in den letzten Iahren nicht allzu viel Erfolg gehabt— entzogen sich doch viele der Beteiligten der Zeugenaussage durch die Flucht nach Kanada oder Europa, wie das U p t o n Sinclair in seinem Roman„Petroleum" so anschau- lich geschildert hat. Jetzt aber hat einer der vom Senat an- gestellten Sachverständigen längst geahnte, weiter zurück- liegende Zusammenhänge aufgedeckt. 23 000 Dollar Freiheitsanleihe sind von der Continental Trading Co. der Oelspeku- lanten in dem Wahlfonds der republikanischen Partei über- gegangen. Amtlich werden damit Voraussagen amerikanischer Zei- tungen bestätigt, die bereits vor einigen Monaten ankündigten: Harding und seine Freunde haben auf dem republikanischen Nationalkonvent, der ihn als Kandidaten ausstellte, von den Oelkapitalisten die nötigen Mittel bekommen. Allein die Harding-Gruppe war in der Lage, genügend Stimmen zu- sammenzubekommen. Die Berschacherung des st aal- lichen Petroleumbesitzes ist die Rückzahlung gewesen für den Vorschuß, den die Petro- leumschieberfürdenWahlkampfvorge st reckt haben. Minister und Präsident eines Hundertmillionen» Volkes sind Wertzeuge kapitalistischer Schieber gewesen. Drei Plakate. Von Günther Stern, Paris. Das erste: ordinär, taktlos, politisch unentschuldbar: eine als Hindenburg gerade noch zu erkennende Fratze(betitelt„Ic äieu de I» guerre") vor einem Mono von rotumwölkten Geschützen. Unter: schrift:„Wenn ihr sozialistisch wählt, wird er die Evakuierung des Rheinlandes und den Anschluß Oesterreichs verlangen— ihr wählt dann letzten Endes den Krieg." Das heißt: Unter Pazifismus versteckter Aufruf zur starken Faust. Das zweite Plakat: Reklame für den Eintritt ins Kolonialheer: im feschen Kaki ein Kolonialsoldat: links von ihm ein« knusprige Braune, ihm zu Füßen kniend: eine Ecke beherbergt zwei charmante Chinesinnen, die— als Vertreterinnen des französischen Protektions- gebietcs im Osten— der Braunen Konkurrenz zu machen versuchen. In einer anderen Ecke zwei sänftentragende Kulis, die als Diener der grsnde nation einem kleinen Cäsar das Gehen ersparen. Das heißt: Unter Haremsversprechungen versteckte Lockung zum Wüstendienst. Das dritte Plakat: clne Reihe von sieben verbeulten, zersetzten, blicklosen, prosillosen, Irgendeiner Materie: Teig, Borke oder rissigem Leder ähnelnden Gesichtern: ein Bild, das unter dem Motto:„pour la paix du mondc" brutal, aber photographisch nüchtern den wahr- hast sriedensördernden Kricgssilm„lex xueule; eassee«;"(die zerfetzten Gesichter) ankündigt. Die Unterschrift weiß nichts von„glaire" oder von„vicloire". nur von der Unsinnigkeit des in Lehm und Blut erstickten Grabenkrieges und von der gemeinsamen Katastrophe. die den Unterschied zwischen hüben und drüben völlig gleichgültig mache. Das heißt: Im Kriegsbild versteckter Aufruf zum Frieden. Welches Plakat ist nun für das französische Volk am bezeich- nendstcn? Das erste auf keinen Fall— es darf im Gegenteil als Zeichen einer Angstneurose vor einem Stimmenzuwachs der Linken. als Köderversuch mit den Forderungen der Gegenpartei angesehen werden. Das zweite mag— Im gewissen oberflächlichen Sinne— typssch fran.zösisch sein. Eine derart„nackte" Reklame für die Armee w?rde vielleicht wirklich kein anderer Staat wagen. Das dritte aber entspricht der Mehrheit des französischen Volke», das nicht nur kriogsmüde. sondern niäsi weniger friedliebend als die Mehrheit des deutschen Volkes ist. Wer der Vorsührung des Films beiwohnte, hat kein Pfeifen oder Lochen angesichts der Photographien von deutschen Mißerfolgen oder deutschen Gcsangenen gehört— wohi aber das hemmungslose Schluchzen der Frauen und das zu tiefst erschreckte„pourquoi?"(warum) der Rachkriegsklnder, die jetzt erst ahnen lernten, in welcher Hölle vor zehn Jahren Väter und Brüder geblieben sind. LllNe Tich.„Gittle Tich", der weltbekannte, zwerghast kleine Komiker und Grotesktänzer der internationalen Darieiebühne, der Millionen Menschen lachen gemacht hat, ist sechzig Jahre alt in London gestorben, wohin er schwerkrank aus Paris gebracht worden war. Sein Name ruft die Erinnerung an beispiellose Erfolge zu- rück, die ihm sein ganzes Leben lang treu geblieben sind. Diese Laufbahn war um so demerkenswerter, als„Cittle Tich" eine körperliche Abnormität darstellte. Hatte er doch nicht nur sechs Zehen an jedem Fuß, sondern auch neben dem Daumen fünf Finger' an jeder Hand, was ihn veronlaßte, sich stets in Handschuhen zu zeigen. Sein Auftreten war van unwiderstehlicher, drastischer Komik und machte Little Tich zu einem wahren Künstler in dem engbegrenzten Kreis seines auf Gesang und Tanz beschränkten Genres. Die Eigenarligkeit dieser Darstellung aus dem Feld« des Grotesktanzes, des Couplets und der akrobatischen Schnurre wurde vor allem in Frankreich geschätzt und mocbte ihn zum beliebtesten aller Barieteorttsten. Das bewiesen die Gagen, die der Künstler einheimste. Erhielt er doch für eine Tournee nach Südafrika eine Wochengage von 500 Pfund Sterling: Gagen von 400 Pfund je Woche bildeten die Regel. Das waren um die Jahrhundertwende Summen, die für Borietcarttsten unerhört waren. Wie sehr man ihn in Frankreich schätzt», geht zur Genüge auch daraus hervor, daß ihm der französische Unterrichlsminister die Palmen des Aka- demikers oerlieh, eine Ehrung- die bis dahin einem Artisten noch nie widerfahren war. Und Sachs Guilry, der berühmte französische Schauspieler, trug kein Bedenken, aus die Frage, wen er für den größten englischen Schauspieler dalte, ohne Schwanken den Namen Little Tich zu nennen. Er hieß mit seinem bürgerlichen Namen Harry Relpy und trat als Neprrkonnker zuerst in Londoner Spe- lunken aus, um dann im Jahre 1884 den Sprung aus das Brettl des Londoner Varietes zu wagen, wo er rasch zur Berühmtheit ge- langte. Little Tich halte sich daneben«ine gute Bildung angeeignet und erwies sich als ausgezeichneter Cellist. Eine kleine Anfrage cm Piscaloe. Herr Hans W. Kröning schreibt uns: In der Piscator-Bühne hatten sich am Sonnabend um die Geisterstunde einige Künstler und Freunde zusammengetan, um dem Freunde und Mitkämpfer Leon Hirsch, der schwer krank im Lande Mussolinis weilt, dort einen weiteren Aufenthalt zur Rettung seiner Gesundheit zu ermöglichen. Es wurde ein werwoller Abend, dem durchgreifendere Reklame ein volles Hau» hätte oer- schaffen können. Dennoch war der Reinertrag ein guter. Leider■— und das ist ein« sehr betrübliche Feststellung, die kaum glaublich klingt— geht der Löwenanteil aus der Einnahm« an Herrn Piscator, der für die Hergäbe des Theaters 500 M. verlangte. trotz der �guten Sackie. Sollt« nicht gerade Piscator einmal das .Geschäft" hintenanstellen können, wo es um einen seiner Ge- ; ssnnungsfreund« geht, noch dazu um Leon Hirsch, den stets HUfs- j bereiten, Gebefreudigen?— Vielleicht genügt dies« Frage, Herr Piscator!"_ vorttSge. Der Deubche Bund lür DolkSauIarlung und Ervkund« der, anllaltet am IS. Fedniar, S Uhr, im DoIkSwohIfahrt«mwil,«riiim-ine Bor- tragSreihe. CS sprechen: Pias, von D r I g a l S k i über Ebeberatung, Pias. Boll, Hamburg, über Bererbbare Kranthetteu. Ein- tritt unentgellUchl OielSowjeiunion anerkennt 20 Prozent. Äereitschast zu 62 Lahresleistungen an Zlrankreich— gegen Kredite. Baris, 13. Februar.(Eigenbericht.)' Der Borsitzende der sranzösisch-russischen Kon- f e r e n z. Senator de M o n z i e, äußerte sich über den Stand der sranzösisch-russischen Schuldenverhandlungen. Aus der letzten Rote der Sowjetregierung gehe hervor, daß sie bereit sei, Frankreich 62 I a h r« s za hl u n g e n von je 60 Millionen Gold- franken zu bezahlen. Das Angebot entspreche etwa 20 Proz. der russischen Verbindlichkeiten. Dieser Prozentsag könnte noch er- höht werden, wenn man die von Spekulanten erworbenen russischen Wertpapiere von dem Zinsendienst ausnehmen würde. De Monzie gab der Ueberzoigung Ausdruck, daß Sowjetruhland trotz seiner wirtschastlichen Schwierigkeiten die An- nuitäten leisten könnte. Hinsichtlich der russischen Forde- rung nach der Gewährung von Kredite», die alz Vorbedingung für die Wiederaufnahme des Schuldendienstcs gelten sollen, erklärte de Monzie, daß e» sich nur um industriel.le und kam- merzielle Darlehen handele. Die Kpedite sollten durch Lieferungsverträge vor allem auf Petroleum garantiert werden und nicht durch Konzessionen, deren Betriebe vor dem Kriege französischen oder anderen ausländischen Gesellschaften gehört haben. Falsche perlen, echte Polster. Als bei der letzten Lölkerbunbstogung die Presse etwas von der Eleganz der schonen Frau Lunatscharski erwähnte, setzte sich der sowjetrussische Dementierapparat knatternd in Bewegung: die prachtvolle Perlenkette— Simili, der schmiegsame Pelz— Imitation, das elegante Abendkleid— von der Stange gekauft, die Seiden- strümpfe— Bembergl Kurz und gut, es fehlte nicht viel, und Herr Lunatscharski hätte im amtlichen Uebereiser an seiner Galtin ähnlich gehandelt, wie im„Jkäthchen von Heilbronn" Graf Wetter v. Strahl an der schönen Kunigunde, als er dies«„mosaische Arbeit, aus allen dnei Reichen der Natur zusammengesetzt" samt falschen Zähnen, un- echten Haaren und schiefen Hüften dem Hohn des Parterres preis- gibt. Immerhin, was Herr Lunatscharski kund tat, genügte, um un» ein rührendes Bild der proletarischen Einfachheit seiner schönen Frau zu geben, die man sich seitdem nicht anders als in flanellenem Unterzeug vorstellen kann. Aber nun ist Trotzki aus seiner Derbannungsreisc in Frunse angelangt. Wieder spielt der russische amtliche Nachrichtendienst: Hört— aus weichem Polster hat der schlemmende Bourgeois ge- sessen!(Lunatscharski und Frau reisten sekbswe» ständlich IV. Klasse nach Genf!) Siebzig Gepäckstücke, genau von der GPU. nachgejähli, hat er, der unmcrhin mit seinem Hausrat Ueberstedelnde, mit sich geführt.(Wer hat die Hutschachteln der Frau Lunatscharski kon- trolliert?) Was in den 70 Kisten und Kasten war, wird leider der berechtigten Neugwr vorenthalten. Am Ende waren in einer Anzahl sogar Bücher! Dafür erfahren wir, daß als 7l. Jnoentorstück ein Hund dabei gewesen ist. Dieser Hund! Und die Bäuerlein sind stehen geblieben und haben gefragt:.LLer ist di« Herrschaft?" (Lunatscharski und Frau werden zweifellos auf Reisen sür ein vaucrnehepaar geholten.) Mitunter zeigt ein kleiner Kunstgriff der offiziösen Berichterstattung mehr vom wahren Charakter einer Herrschaft, als ein dickleibiges Buch. Frau Lunaffcharfkis proletarische Perlen— Trotzkis kapitalistischen Wagenpolster, ahnliche Dinge lasien sich eben sehr verschieden deuten. Di« ofsiziös« Imprekorr-Meldung über Trotzkis Ankunft In Frunse sollte zweierlei dortun: Erstens, wie gut es doch ein Verbannter hat, zweitens, welch schlennnender Syabrit dieser oppositionelle Trotzki ist. Aber zuviel Klugheit schlägt mitunter den eigenen Herrn. Selbst ein Mindergescheiter könnte auf di« Frag« kommen: Wie hat dann erst der noch in Macht und Würden befindliche Trotzki gelebt, und wie leben die tatsächlich noch an der Spitze stehenden Sowjctgröhen— von dem angeblichen Höchstgehalt eines Sowjetbeamten= 250 Rubel im Monat?! Jonathan. Oer Oekabristenfilm. Taucnhien-Palast. Die siegreiche russische Revolution verherrlicht ihre Vorläuier, euch wenn sie nicht gerade aus der Linie des Bolschewismus sich bewegt hoben. Man greift bis zu den großen Räubcrhauptleuten zurück, die freilich als Volkshelden sich in Lied und Sagen behauptet haben. Näher liegen uns schon die Dekabrisien(Oczemberleuic), adlige Offiziere, die nach dem Tode Alexanders I. im Dezember 1825 einen schon vorher geplanten Militärausstand ins Werk setzten und einige Regimenter aus ihre Seite brachten. Die Bewegung zielte ans eine konstitutionelle Derfassung noch westeuropäischem Muster: aber der Sowkinofilm, der unter der Regie von K o s i n z o f f und Tranberg entstanden ist, sucht natürlich den Anschluß an di? Revolution von heute. Reben die Adelsvcrschwörung stellt er einen sreihritsdurltigen Leutnant Suchanow, der die Verbindung mit dem einfachen Soldaten herstellt und in deren Geiste wirkt. Der Film ist aus einem Gusse, er gibt wieder prachtvolle Massenszenen, bringt Menschen und Landschaft in wunderbaren Einklang und drückt den Zeitcharatler der Unterdrückung durch den russischen Winter aus, der sich über alles lagert. Sensation und Spannung wird erz'elt durch die Einführung«lnes Abenteurers Medac, eines Falschspielers, der di« Verschworenen oerrät und schließlich in Ossiziersmaske die be- reits Gefangengesetzten einem sicheren Untergang zuführen will. Seine Liebschaft mit einer Generalssrau bringt weitere Theater- essekte In das Spiel, dazu kommen Bilder vom Spieltisch, vom Leben und Treiben aus der Eisarena und viel anderes tultur- historisches Beiwert. Dar allem aber packen die Reoolutionsszenen: der tragisch« Irrtum der von Menschenbeglückung schwärmenden Ossiziere, die von Kartälichen niedergestreckt werden. Romantisch ist die von dem auf abenteuerliche Weise aeretteten Suchanrno (Zirkusmilieu!) inszenierte Rettungsaktton, die wirklich die Ge- sangenen durch einen unterirdischen Gang in eine sabelbaft gesehene Kirche und dank der Passivität der Soldaten ins Freie bringt. Suchanow— von Peter S o b o le w s k i mit Mut und Tatkraft erfüllt— wird freilich ein Opfer seiner Tat. Diesem historischen Mm. der freilich in vielem sebr unhistorisch ist, ging ein lustiger ungarsscher Spielfilm voran:„Man steigt n a ch." Darin herrscht ein beispielloses Durcheinander von Liebes- paaren, die all« in dasselbe Zimmer und zum Teil in denselben Schrank bugsiert werden. Die komischen Situationen werden von Ernö M« tz n« r mit einem Ausgebot guter Darsteller weidlich für die Lachmuskeln ausgenutzt. r. vi« v-ezellaatabrlt In Sapenbagev. die Im nöckOen Iabre auf ei» t vjShrige» Betteten zmülkbltcken kann, wird vom t7. llkbrnar bi» tl. MSr, im Berliner Kunstaeweibeniuteum«inen Uebcrblick über die Entwicklung de» Unternehmens durch anderthalb Jahrhunderte geben. K»»t chrsnik. Die«alerie Otto Wacker, Berlin lBIltoriaitr. tS), bringt Im Februar ein« Kollekliv-AuSslrllung von Max Reumaan. Sertchlianng. In der Kritik über„Ter grsbaltenc Mensch" muß tS heißen:„T-Honlank läßt sie Wort«, Silben aneinanderreihen'(Nicht, wie gedruckt wurde, Sätze, Süden.) Die Elternaussagen im Kranh-Prozeß. Der Zusammenbruch der Mordanklage.— Mutter Krantz und Vater Gcheller. Der heutige Tag brachte die Wendung. Die VerHand- lungspause scheint ernüchternd gewirkt zu haben. Das Eis der Anklage ist gebrochen. Die Staatsanwaltschaft be- findet sich im Rückzug.„Nurnochgemeinschastlicher Totschlag," sagt sie. Der Haftbefehl wird aufge- hoben. Der Angeklagte kann seine Freude kaum verbergen. Die Mutter ist nahe daran, umzufallen. Nun darf sie ihren Jungen wieder bei sich haben! Woher die plötzliche U m st e l l u n g der Staatsanwaltschaft? War es der Sturm der öffentlichen Meinung gegen das Ungerechtfertigte, das Ungeheuerliche des Eröffnungsbeschlusses auf Mord, der das Wunder bewirkt hatte? Oder war es die endgültig erschütterte Glaubwürdigkeit der Kronzeugin? Oder ein Wink von oben mit dem Zaunpfahl? Schließlich, was kommt es darauf an! Bis zum F r e i f p r u ch ist jetzt nur ein kleiner Schritt. Nun ist das E n d e der Verhandlung vorauszusehen. Es ist näher als man gedacht. Von den Zeugen der Verteidi- gung dürften nicht alle vernommen werden... Endlich treten die Eltern vor den'Richtertisch. Die Mutter von Krantz liebt ihren Sohn sehr! Sie kann nicht alles sagen, was auf den Jungen im Hause eingestürmt ist-, es ist ihr peinlich. Es ging nicht immer alles glatt in der Familie. Der nervenzerrüttende Krieg hat auch ihren Mann stark m i t- genommen. Sie, die Mutter, mußte ausgleichend wirken. Sie fühlt auch eine gewisie Mitschuld an dem, was ge- fchehen ist! Der Vater Scheller! Ein besorgter, nach- sichtiger und kurz sichtiger Dater. Er gibt seinen Jungen zuerst in die Prioatschule, dann in die entstandene Gemein- schafts schule von Dahlem. Er will das Beste für ihn; er verwechselt aber das unbeaufsichtigte Tun und Treiben junger Leute mit Erziehung zur S e l b st ä n d i g k e i t durch Vermeidung überflüssigen Zwanges. Er vertraute seinem Sohne zuviel und griff auch dann nicht ein und durch, wenn dieser gegen seine Anordnungen verstieß. Man erhält traurige Einblicke in das Pennälermilieu. Paul hatte seinen ersten Rausch bei dem Feste anläßlich der Ein- jährigenprüfung. Ueber dieses Milieu, das Menschen nicht höher züchtet, sondern gute Charaktere verdirbt, wird noch manches zu sagen sein. Paul Krantz ist ein Opfer dieses Milieus geworden... » Das Interesse und der Andrang zu der Verhandlung des Krantz- Prozesses, der heute nach zweitägiger Pause wieder aufgenommen wurde, scheint noch zu wachsen. Noch größere Scharen von Menschen drängten sich vor dem Gerichtsgebäude in der Morgenfrühe zur 5rartenausgabe, und auch auf den Korridoren, die zum Schwur- gerichtssaal führen, herrscht ein dichtes Gedränge. Der Angeklagt« Paul Krantz erschien etwas blasser als am ersten Tag«, sah ab«r sonst recht gut aus und untechielt sich vor dem Sitzungsbeginn längere Zeit mit seinem Verteidiger, mit dem er sich üb«r die weitere Fort- führung des Entlastungsbeweises lebhaft besprach. Di« Eröffnung d;r Sitzung verzögerte sich heute ganz erheblich, man bracht« den verspäteten Verhandlungsbeginn in Zusammenhang mit den in den letzten Tagen in den Parlamenten und in der Oeffentlichkeit gegen die Prozeßführung erhobenen Einwendungen und erwartete allge- mein, daß«ine Stellüngnahme des Gerichts dazu erfolgen würde. Londgerichtsdirektor Dr. Dust«räffnet« die Sitzung jedoch kurz nach 10 Uhr, ohne jede weitere Erklärung mit dem Zeugcnaufruf. Unter den Zeugen befindet sich heute auch die jüngere Schwe st er von Hilde Scheller, die 8jährige Elly. Erklärung des Verteidigers. Rechtsanwalt Dr. Frey«rbat dann das Wort zu folgender Erklärung: Ich fühle mich zu der Mitteilung an das Gericht und die Staatsanwaltschaft verpflichtet, daß ich 18 Zeugen direkt geladen habe. Es handelt sich hierbei um die von mir schon am letzten Sonn- abend gestellten Beweisanträge: dabei habe ich von den Zeugen Abstand genommen, die.Aussagen in bczug auf Hilde Scheller machen sollen, da nach Anficht des Gerichtes dieser Punkt nicht mehr von wesentlicher Bedeutung erscheint. Dagegen habe ich ein« Reihe von Leumundszeugen für den Angeklagten Krantz geladen. Vors.: Das find wohl die Zeugen, die-das Gericht abgelehnt hat, weil sie teils Beurteilungen vornehmen sollten, teils weil die von ihnen zu be- kundenden Tatsachen als wahr unterstellt worden sind. Rechtsanwalt Dr. Frey: Oder weil das Gericht die Aussagen für unerheblich hielt. Landgerichtsdirektor Dr. Dust: Ja, für völlig unerheblich, Herr Berteidiger! Ich glaub«, daß diese Beweisanträge nach Auf- faffung des Gerichtes kaum notwendig find- Es hat schon ein« all- gemeine Aussprache beim Gericht stattgefunden, und der allgemeine Die beiden Staatsanwälte. Eindruck des Gerichts ist, daß wir nur noch Tatzeugen brauchen. All« Tatzeugev, die herbeigeschafft werden tonnten, sind vernommen worden, und es könnte nur noch zur Förderung des Prozesses dienen, wenn noch weitere Tatzeugen aufgeführt werden könnten, was aber doch nach Lage der Dinge unmöglich zu fein scheint. Auf all« anderen Dinge legt das Gericht keinen Wert. Herr Verteidiger, ich spreche die Auffassung des Gerichts aus, wenn ich sage: Sie brauchen Vicht so ängstlich sein l(Große Bewegung.) Rechtsanwalt Dr. Frey: Ist jetzt die rechtliche Grundlage ge- geben, um einen Haftentlassungsantrag für den Angeklagten Krantz zu stellen?(Erneut« große Bewegung.) Roch der ganzen Beweisaufnahme ist ein hinreichender Verdacht für einen ge- meinschaftlichen Mord nicht mehr vorhanden. Nach dieser Richtung besteht überhaupt tem Verdacht, weder für die Staatsanwaltschaft noch für das Gericht—, für die Verteidigung war das selbstver- stündlich. Die Verteidigung steht aber auch auf dem Standpunkt, daß für einen Verdacht eines gemeinschaftlichen Totschlages kein hin- reichender Anlaß vorliegt, ohne einer Stellungnahme des Gerichts oorzugreifen. möchte ich jetzt daher den Antrag stellen, zu beschließen, den Angeklagten aus der Haft zu entlassen. Ich bitte zu bedenken, daß der Angeklagte Krantz seit dem 28. Juli 1927 sich in Unter- suchungshast befindet. Erster Staatsanwalt Sleinbeck: Ich kann nicht einsehen, weshalb der AngeNagte jetzt schon, zwei oder drei Tage vor der Urteilsfällung, aus der Haft entlassen werden sollte, solange könnte er immerhin noch ausharren. Wir verhindern damit eine Stellung- Die Mutter des Angeklagten, Frau Krantz. nahm« des Gerichtes vor dem Urteil. Ich kann dem Herrn Vertei- diger aber erklären, daß ich die Anklage wegen gemeinschaftlichen Mordes nicht mehr aufrechterhalte.(Allgemeine große Bewegung im ganzen Saale.) Wohl aber halte ich eine Anklag« wegen gemeinschaftlichen Totschlages ausrecht, und nach dieser Richtung hin liegt ein sehr schwerer Verdacht vor. Da es sich auch in diesem Falle um ein außerordentlich schweres Verbrechen handelt, beantrage ich, den Haft«ntlassungsantrag der Verteidigung abzulehnen. Das Gericht zog sich darauf zu einer Beratung zurück, die nur wenig« Minuten dauerte. Alsdann verkündete Landgerichts- direktor Dr. Dust unter lautloser Stille und allgemeiner Spannung als Gerichtsbeschluß: „Der Haftbefehl gegen den Angeklagten Paul kranh wird aufgehoben, da er nicht mehr fluchtverdächtig ist." (Erneute andauernde Bewegung im ganzen Saale.) Ms der Angeklagte Krantz nunmehr beglückt Anstalten macht, die Anklagebank zu verlassen, sagt der Vorsitzende freundlich zu ihm: „Zch bitte, daß Sie auch als freier Mann in der Anklagebank bleiben. Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, als od die Anklagebant ein Schandmal ist. Rur das Urteil stempelt den Beschuldigten und nicht der Platz, aus dem man sitzt."— Der Angeklagte erklärte sich auch ohne weiteres einverstanden, seinen bisherigen Platz bei- zubehalten. Die Mutter über den Sohn. Dann kommt die Mutter des Angeklagten, zum Wort. Von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht, auf das sie der Borsitzende ausmerksan: macht, macht sie keinen Gebrauch. Frau Kran tz: Mein Sohn wa: Immer ein lieber, guter Junge, aber sehr weich. Als Mutter versuchte ich deshalb nach Möglichkeit, diese Seite seines Charakters zu mildern. Ich hatte aber wenig Erfolg damit, deshalb ging ich aus seinen Cha- rakter ein. da ich mir sagte, daß ein weich veranlagter Junge schwerer durchs Leben kommt als ein härterer. Deshalb erteilte ich ihni öfters Verweis« und sprach ihm gut gut. Paul war immer fleißig und machte mir nie Kummer, bis er den dummen Streich machte, aus- zukneisen. Ich habe den Sohn mit in die Ehe gebracht, und deshalb hatte er mich in erster Linie lieb, und ich fühlte doppelt die Pflicht, mich uni ihn in jeder Weise zu kümmern. Meine Kinder behandelte ich zwar olle gleich, aber ich hatte doch, da Paul gerade inir die Erziehung erschwerte, ihn am allerliebsten. Vors.: Welch« Neigungen zeigte nun Ihr Sohn? Frau Krantz: Er I)atte große Neigung zum Lesen und hat schon früh angefangen zu schriftstellern. Wenn er sich Geld durch Nachhilfestunden verdient hatte, so war es sein Erstes, mir eine Kleinigkeit zu-bringen. Bors.: Hatte er auch häßliche Neigungen? Frau Krantz: Er hat gern Zigaretten geraucht und hat später auch gern einmal getrunken. Den ersten Rausch hatte er, als nach der Versetzung nach Obersekunda eine Schülerkneipe stattfand. Bor s.: Hat sich Ihr Mann auch an der Erziehung beteiligt? Frau Krantz: Jawohl. Ick) merkte dann niit der Zeit, daß der Einfluß von Freunden aus ihn schlecht wirkte. Durch Ermahnungen habe ich versucht, diesem schlechten Eindruck zu begegnen. Vor f.: Sie haben ihm aber doch die Erlaubnis gegeben, nach Mahlow überzusiedeln, wodurch Sie zugelassen haben, daß er sich der Freundschaft mit Günther Scheller immer mehr in die Arme warf. Frau Krantz: Er hat mich gebeten, daß er nach Mahlow gehen durste. Zunächst habe ich das energisch verboten, weil er noch zu jung war, um längerevZeit uns aus den Augen zu kommen.— Bors.:' Weshalb haben Sie schließlich ihm doch gestattet,»ach Mahlow zu gehen?— Frau Krantz: Den Günther kannte ich zuerst nicht, und ich habe auch, sowie insbesondere mein Mann, mit allen Mitteln versucht, diesen Verkehr zu unterbinden. Günther hat aber immer gebeten, ich niöchte ihn doch noch eine Woche da lassen. Ich sagte zuletzt: Das gibt es nicht. Es wird noch ein großes Unglück geschehen, wenn ich das weiter gestatten würde. Der Aufforderung gemäß kam auch Paul am Montag zurück. Leider war ich in diesem Augenblick nicht zu Hause, und so ging er wieder fort. Sonst hätte ich ihn festgehalten. So geschah das Unglück. Die Sachverständigen litten noch eine Reihe von Fragen an Frau Krantz zu richten. Aus eine Frage von Sanitätsrat Dr. Hirschfeld erwiderte die Zeugin, daß ihr Kind häufig krank war und viele Kinderkrankheiten durchgemacht hat und bis zum 14. Jahre öfter Ohnmachtsanfälle hotte.— Obcrstudiendirektor Dr. G o l d° b e ck: Er ist wohl auch ein klein wenig als Wunderknabe behandelt worden?— Zeugin: Ja, von den Großeltern. Mit zwei Iahren konnte er schon den Struwwelpeter auswendig hersagen.— Vors.: Es ist also der Geist des Kindes schon frühzeitig beschäftigt worden? — Zeugin: Iä, schon mit drei Jahren haben die Großeltern ihn in die Kirche mitgenommen, und nachher mußte er sich auf eine Fuß- dank stellen und hat vor allen Leuten Predigten gehalten.— Vors.: Dieser Nachahmungstrieb zeigt sich ja oft bei Kindern. Man hat wohl viel Wesen daraus gemacht?— Zeugin: Alle Verwandten und Bekannten riefen: «Paulchen wird noch mal ein großer Mann."(Allgemeine Heiterkeit.) Sanitätsrat Dr. 5?irschfeld(zur Zeugin): Haben Sie selbst auch an Selbstmordgedanken gelitten? Sie sind ja dem Jungen sehr ähn- lich im Wesen, und es kommt mir darauf an, festzustellen, wie er von mütterlicher Seite belastet ist.— Zeugin: Ich habe sehr viel Selbstmordgedanken gehabt und an Wellschmerz gelitten.— Ober» studicndirektor Dr Goldbeck: Sie haben Ihrem Sohn in da- Stammbuch geschrieben:«Wenn alle Menschen dich verlassen, dein« Mutter verläßt dich nicht." Hatte das eine besondere Bedeutung?— Zeugin: Ich hatte diese Situation, in der er sich jetzt befindet. damals schon vor Augen gehabt. Als er einen Revolver hatte warnte ich ihn vor den Folgen, daß er schließlich mal mit eine» anderen Jungen in eine Schießerei hineinkommen könnte, und das an ihm etwas haften bleiben könnte. Auf weitere Fragen erklär: die Zeugin: Mein Sohn war als Kind sehr ängstlich. Er war in der körperlichen Entwicklung sehr zurückgeblieben. E> hat auch mit fast 19 Jahren keinen Bartwuchs.— Dr. Frey Frau Krantz, Sie sprachen vorhin von dem ungünstigen Einflus von Mahlow. Hilde Scheller will ich weglassen. Haben Si> Beobachtungen über den ungünstigen Einfluß von Günther Schelle aus ihn gemacht? War er in seinem Wesen zuletzt noch sprunghafte: und unkonzentrierter geworden? Die Zeugin beantwortet diese Fragen mit:. Ja.— Vors. Herr Berteidiger, lassen Sie die Zeugin doch selbst sprechen. Da: „Ja" hat wenig Wert auf die Fragen, die Sie ihr vorlegen. Frai Krantz, sprechen Sie lieber selbst, was Sie wahrgenommen haben Zeugin: Er war unpünklltch und zerstreut.— Als nächste; Zeuge soll der Kaufmann Otto Scheller vernommen werden Der Vorsitzende fragt« vorher, ob dessen Vernehmung sich nicht er übrige. Di« Berteidigung hat kein Interesse an dieser Vernehmung jedoch besteht der Staatsanwalt darauf, im Interesse von Günthe: Scheller. Oer Zeuge Otto Scheller, ein Mann von 46 Iahren, wird darauf als Zeuge vernommen Bor f.: Woher kennen Sie den Angeklagten?— Zeuge Scheller Ich lernte ihn auf unserem Grundstück in Mahlow kennen. E wurde mit meinem Sohn bekannt. Ms meine achtjährige Tochte! Ell! Keuchhusten bekam und meine Frau mit ihr an die Ostsee suhr kam Günther eines Tages und sagte mir, er habe einen Freiini namens Paul Krantz und möchte init ihm nach Mahlow fahren um dort zusammen Hausen zu können. Ich hatte nichts dczgegen warnte die Jungen nur vor Dummheiten. Ich hatte mir gedacht daß solche Jungen, die unter dem Schulzwang stehen, das Abe» teuerliche lieben und eirtmal frei für sich leben wollen. Daher lies ich sie hinausziehen. Sie wohnten in einer Kammer im Neben gebäude und besorgten sich das Essen selbst. Von Mahlow au> gingen sie auch in die Schule. Nach 14 Tagen zog ich mit Hilde uni dem Mädchen auch hinaus. Da habe ich erst Paul Krantz nähe: kennengelernt. Wir haben gemeinschaftlich draußen gelebt. Iä habe die beiden Jungen gewähren lassen. Mein Sohn schildert« mi; Krantz, daß er viele Gedichte mache. Ich sah auch einige, die rech gut waren. In dem Zusammenleben ist mir nichts ausgefallen, iä freute mich aber, als krantz Hilde bei den Schularbeiten half und Us eine pädagogische Einwirkung auf sie bemerkte. Eines Tages fiel mir ein Gedichtbuch von Krantz in die Hände Die.Sachen waren ja teilweise ganz nett, aber mir fiel ein er» tischer oder schwül st iger Einschlag auf und ich sagte z« Krantz: Menschenskind, wo haben Sie das erlebt? Er erwiderte. Das erlebe ich so aus meinem Innern heraus. Daraufhin ermahnti ich 5)iwe, zurückhaltend zu sein, denn sein Wissen auf diesem Gebi« erschien mir etwas sehr vorgeschritten. Eines Tages traf ich ih« unvermutet in der Kammer bei etwas, was wohl bei jedem Junge« tlHae Scheller auf der Zeugenbank. vorkommt. Da bekam ich Bedenken und ich sagte ihm, er sei nun 5— 6 Wochen draußen und könnte jetzt wieder heimgehen. Der Angekl. Krantz sprang erregt auf und rief: Dos ist nicht wahr, das kann ich mir nicht gefallen lassen. Ich bitte, den Zeugen daraus aufmerksam zu machen, daß er unter dem Eide steht. Bors.: Wenn Sie wetter derartige Dinge berühren, dann bitte ich, es vorher zu sagen, damit ich in Erwägung ziehe, ob das über- Haupt notwendig ist. Zeuge S ch e l l e r: Er wollte dann auch am Dienstag nach Haufe gehen, aber Günther und Hilde stellten fich dagegen und da habe ich nochgegeben. habe ich nachgegeben.— Der Zeuge schilderte dann, daß er auf den Einsall gekommen sei, auf einige Tage auch an die Ostsee zu fahren. Er sei nur drei Tage weggewesen und dann mit einem Flugzeug nach Kopenhagen geflogen. Mo der Zeuge noch darauf zu sprechen kommen will, wie ihm bei seiner Rückkehr ans dem Bahn- Hofe das schreckliche Ereignis mitgeteilt wurde, kann er anscheinend vor Bewegung nicht sprechen. Da die Einzelheiten nicht interessieren, wird dieser Punkt vcm Vorsitzenden verlassen. Ein mißlungener Ausbruchsversuch. Die geheimnisvolle Strickleiter. Am Montag wurde in dem Untersuchungsgefängnis A c r l i n � M o a b i t am hellichten Tage ein Ausbruchsoer- s u ch unternommen. Als ein bestimintcr Trupp von Untcrsuchungs- gcfangencn morgens uin g Uhr auf de» Gcfänignishof hinausgeführt wurde, wurde plötzlich eine Strickleiter über die Mauer gs- warfen. Ein Gefangener, der zu den ersten ins Freie Gelangten gehört«, stürzte eiligst über den Hof und kletterte an der Strick- leiter hinauf. Er war schon fast hinübergelangt, als ein G e- fängnisbeamtcr de» Flüchtling noch im letzten Augenblick an den Beinen packte und herunterzog. Sofort verschwand auch die Strickleiter. Die Nachforschungen ergaben, daß die Helfershelfer zu ihrem Versuch eine Stelle ausgewählt hatten, die von einem Hause in A l t- M o a b i t über mehrere Höfe und Gänge bis an die Gefängnis- mauer führte. Vor dem Ausgang Alt-Moabit hat ein Auto gs- halten. Der verhinderte Ausreißer bestreitet, von dem Plan etwas gewußt zu haben. Angeblich hat ihm die Strickleiter gar nicht gegolten, was man freilich noch bezweifeln darf. Das erste Konfum-Warenhaus. Am morgigen Mittwoch wird das erst« große Warenhaus der Konsum-Genossenschaft Berlin in der Oranien- straße(Ecke Luisenufer) eröffnet werden. Heute vormittag fand vor geladenen Gästen ein« Führung durch die Räume statt. Der Geschäftsführer der Konsum-Genossenschaft Mirus, unterstützt von den Vorstandsmitgliedern Schreiber und Hille und dem Sekretär Güttler, gab den Führer ab. Unter den geladenen und erschienenen Gästen sah man als Vertreter des ADGB. Genossen «abath, des AfA-Bundes Genossen Flatau, der Allgemeinen Orts- krankenkasse Berlin Direktor Bauer, von der Großeinkaufs-Gesell- schaft Hamburg Herrn Heinz. Was der Geschäftsführer Mirus vorausgesagt hatte, ist eingetrossen: das Warenhaus ist fix und fertig, und zweihundert Verkäuferinnen und Verkäufer stehen bereit, um morgen früh den gewaltigen Ansturm der Käufer und Käuferinnen aufzunehmen. Nach der Vorbesichtigung begaben sich die Gäste in das Gewerkschaftshaus am Engelufcr, wo der Geschäftsführer Mirus einen erläuternden Vortrag hielt. Mir Entschiedenheit wies Genosse Mirus die Behauptung zurück, daß es der Konsun,-Genossenschast leicht fei, einen solchen Bau auszuführen, da sie mit Regierungsgeldern arbeite. An dieser Behauptung ist kein wahresWort. Die Konsum-Genossenschaft hat alles a u s eigenen Mitteln geschaffen. Weiter machte er daraus aufmertsam, daß die Gegner der Gcnostcnschast hinterlistig Fallen stellen, indem sie N i ch t m i t g l i« d c r in das Warenhaus schicken, die versuchen sollen,?inzlikaufcn. Genosse Mirus erklärte, daß, wenn man fortfahre, der Genossenschaft derartige Schwierig- leiten zu bereiten, die Genossenschost sehr wohl Mittel und Wege habe, eines Tages das Warenhaus dem freien Verkehr zu oj f n c n, ohne daß die Mitglieder als Genoliensch-ifiler darunter Schoden leiden. Mitten im Zentrum des arbeitenden Berlins, so schloß der Redner seine Ansprache, erhebt sich dieses erste, wahrhaft modern« Genossenschaftskaushaus, von dessen Kuppel die Haus- flagge der Genossenschast weht. Wir werden dafür sorgen� daß diesem Warenhaus noch andere folgen werden. Wieder ein Lnstmord in Brcslnn. Bei Breslau wurde die 24jährige Hausangestellte Gla- b i tz k y auf einer Wiese an der Landstraße von Hühnern nach Kryschanowitz ermordet aufgefunden. Die Leiche wies tiefe Messerstich« an Kopf und Hals auf. Es wird angenommen, daß. es sich uin einen Lustmord handelt, und man vermutet, daß der Mörder identisch ist mit dem Manne, dem der Mord im Prostituierte»viertel, über den wir vor etwa vier Wochen berichteten, zur Last fällt. Den Opfern des Bergwerks'. In D o r t in u n d wurde auf dem Friedhoj zu Kirchdern ein Denkmal für 16 Bergleute eingeweiht, die bei der Gruben- latastrophe auf der Zeche �Minister Stein" im Jahre 1926 mit 116 anderen Kameraden ums Leben tarnen. Ein solcher Akt ist sicher zu begrüßen. Wichtiger aber ist es, für die Hinter- blieben«» zu sorgen und in den Gruben alle nur erdenklichen Sicherheitsmaßnahmen zu treffen. Für die Jugendweihe im Großen Schauspielhaus, die Sonntag, 1. April, stattfindet, beginnt die Lebenskundevorbereitung Ausgang dieses Monats. Schriftliche Nachricht erhalten die Teilnehmer Mitte Februar. Die Einmischung der KPD. Gestern brachte die„Rote Fahne" die verlogene Protestrefo- lution mis Hanau o. M. zum'Ausdruck, die die dortige KPD. im Ortsausschuß des ADGB. zur Annahme brachte, wonach dieser Ortsausschuß die Einmischung von Gewerkschaften in parteipolitisch« Angelegenheiten der KPD. aufs schärfste zurückweist. Wohlgcmcrkt, diese„Zurückweisung" ist erfolgt, nachdem d i e Streikleitungen in Mitteldeutschland sich gegen die Einmischung der verschiedenen KPD.-Instanzen in die Streik- führung der Gewerkschaften wenden mußten. Daß die KPD. es nach wie vor als ihr Recht betrachtet, sich jederzeit und skrupellos in die Gcwerkschaftskämpfe einzumischen, ist bei der von ihr zum Prinzip erhobenen Unverjrorenh«it selbst- verständlich. Trotzdem der deutsche Mctallarbeiterverband sich in dem Kampfe in Misteldeutschland die Danaerhilfe der KPD. verbeten hat, lassen die Herrschaften sich in der Der- solgung ihrer„parteipolitischen Angelegenheiten" nicht stören. Heute ruft die Bezirksleitung der KPD. für Berlin-Branden- burg-Lausitz in der„Roten Fahne dazu auf, „besonders in dieser Woche bei der Lohnzahlung für die Unter- stützung der mitteldeutschen Metallarbeiter Geldsammlun- gen vo r z u n e h m e n. Es sind dafür die von der I n t e r- nationalen Arbeiterhilfe(!) herausgegebenen Sammel- listen zu benutzen." Dazu wird aus Halle über das Ergebnis von Sammlungen der IAH. berichtet, die auch bei Geschäftsleuten„vorgenom- inen" wurden. Die Durchführung dieser Aktion erfolge in engster Zusammenarbest mst den Vertrauensleute»(d.h. denen der KPD.— was nicht gesagt wird—) der Betriebe. Wie weit die Unverschämtheit geht, ergibt sich daraus, daß dem Bezirksleiter des DMA. in Halle, dem Genossen R ö ß l e r, vor- geworfen wird, e r provoziere, weil er keine Referenten der Kommunistischen Partei über den Mctallarbeiterkampf in Mitteldeutschland zillossen will. Zu der heutigen Beiratssitzung des DMV. in Stutt- gart nimmt die„R o t e F a h n e" die Gelegenheit zur Ein- Mischung ebenfalls wahr und sagt dem Vorstand und Beirat des DMV., was er jetzt tun soll und was er nicht tun soll. Die Gewerkschaft«» haben also alle Ursache. der sehr aufdringlichen Einmischung der KPD. i» die G e w e r k s ch a f t s k ä m p f e einen Riegel vorzu- schieb«»._ Die Arbeiterschast im neuen Staat. Genosse Zörgiebel bei den Böttchern. In der überfüllten Quartalsversammlung der Berliner Böttcher ani Sonntag vormittag im Rosentholer Hof sprach der Berliner Polizeipräsident Gcnosie Zörgiebel über„Die Zlrbciterschaft im neuen Staat". Er schilderte zunächst die Stellung der Arbeiterschaft im alten Obrigkeitsstaat und führte einig« charakteristisch« Beispiele an, wie man damals durch Schikanen der Justiz und Polizei im Zusammenspicl mit den Unternehmern die aufstrebende Arbeiterschaft niederhalicii wollte. Trotz dieser Schikanen oder besser gesagt gerat« infolge der Unlerdrückungsmaßnahmen ging es in der deutschen Gewerkschaftsbewegung unaufbaltsam vorwärts. Es kann darüber keine Meinungsverschiedenheit geben, daß es ini heutigen Staat etwas anders gewoxden ist. Die Arbeiterichaft hat heute einen Einfluß auf den Staat. Wäre es früher möglich gewesen, daß ein Polizeipräsident durch einen Erlaß die Polizei anweist, bei Wirtfchaftskämpsen nicht zu- g u n st c n einer Partei«inzugreifen, sondern sich neutral zu verhalten? War« es weiter früher möglich gewesen, daß ein Polizeipräsident einen Unternehmer unter Bedrohung von Geld- oder Haftstrase zur Bestellung eines Wahlvorstandes für die Betriebsratswahl aussordert, und daß der Handelsminister die Regierungspräsidenten und Berg- ämter auffordert, gegen die Unternehmer genau so vorzugehen? Gewiß ist diese Republik noch nicht dos, was die Arbeiter- schaft erstrebt. Es ist noch ein ziemliches Stück Weges bis zu unserem Endziel. Deshalb ist es notwendig, die Gewerkschaften zu st ä r k e n und die Arbeiterschaft wirtschaftlich zu schulen, damit wir, wenn wir einmal wieder in den Besitz der politischen Macht gelangen, auch die wirtschaftliche Macht hallen können. Die Arbeiter- schaft Hot es in der Hand, durch die richtige Stimmabgabe bei den kommenden Wahlen den Staat so zu formen, wie sie ihn haben will. Mit einem Appell, bei dem kommenden Wahlkampf alle Kräfte für die Erringung der Ziele der Arbeiterschaft einzusetzen, schloß Genosse Zörgiebel seinen Vortrag, der mit starkem Bei- fall aufgenommen würde. In der Diskussion versuchten einige Redner, die an- scheinend der grundsätzlichen„Opposition" angehören, den Genossen Zörgiebel in seiner Eigenschaft sowohl als früherer Kölner wie als Berliner Polizeipräsident für Uebergrisfe einzelner Polizeibcamten verantwortlich zu machen und dies« Dinge so hinzustellen, als ob er sie stillschweigend dulde. In seinem Schlußwort konnte Genosse Zörgiebel diese Behauptungen glast widerlegen, wobei er auch auf die Demonstrationen zu sprechen kam, die durch ihre Häufigkeit nicht mehr die Wirkungen haben, die sie früher einmal hasten. Er lehnte auch entschieden die im alten Preußen-Dcutschland angewandte Tak- tik ab, der einen Partei Demonstrationen zu verbieten und sie der anderen zu erlauben. Kündigung in der Berliner personenfchiffahrk. Wiederholt erkundigen sich Bereinigungen der Arbeiter, 2fiw gestellten und Beamten sowie Vertreter von Schulen und sonstigen Vereinigungen bei uns als Abteilung„Schifiahrt" im Deutschen Verkehrsbund, ob die Lohn- und Arbeitsbedingungen für das Per- sonal bei den einzelnen Reedereien usw. geregelt sind. Bei einzelnen Reedereien war dieses bisher der Fall. Jetzt sind alle Lohn- und Tarifverträge zu Ende März bzw. April auf- gekündigt. Bei der sonderbaren Einstellung der Berliner Per- sonenschisscihrtsunternehmer, die zum Teil immer noch nicht wissen, daß sie von der werktätigen Bevölkerung Groß-Bcrlins leben, bleibt es zweiselhost, ob eine Neuregelung zustande kommt. Wir emp- fehlen daher unseren Freunden aus der Arbeiterbewegung, sich bei uns weitere Insormationen einzuholen, bevor Abschlüsse für Vercinsfahrten usw. mit den Reedereien getroffen werden. Tele- phon: Amt Iannowitz L7 6191, nach 17 Uhr und Sonnabends ab 13 Uhr Nachtruf 5676._ Die Meiallarbeiier in Offenbach a. M. Was sie von den Moskauern hatten. V«i der Neuwahl der Ortsverwaltung des Deutschen Metall- arbeiteroerbandes am Sonntag erhiell die Liste Stadt müller (Amsterdam) 1782 Stimmen: die Lifte Bernhard(Mos- kau) 1S5 Stimmen. Bei der skrupellosen Wahlagitation und per- sönlichen Verunglimpfung der in verantwortlicher Stellung befind- lichen Kollegen bedeutet das Rcjullat eine vernichtende Niederlage der Revoluzzer. Bezeichnend war. daß die„Revo- lutionäre" gegen die Angestellten keine Gegenvorschläge eingereicht hatten._ Lohnstreit auf den Marinewersten. Die Organisationen der Arbeiter der Marinewerft Wilhelms- Häven und des Marinearsenals Kiel wurden durch eine Entschließung ermächtigt, bei der Marinelcitung auf die Anerkenmmg des Schieds- spruches vom 5. Januar zu dringen. Für diese Entschließung wurden aus der Marinewcrst Wilhelmshaven 5349 Stimmen ab- gegeben, dagegen 276: auf dem Marinearsenal Kiel 749 gegen 142 Stimmen._ Llm die Arbeitszeit der Zechenangestellten. Essen. 14. Februar.' Die Verhandlungen zwischen den kaufmännischen Angestellten- oerbänden und dem Zechcnverband sind am Montag abgebrochen und auf den 1. März vertagt worden. Bei den Verhandlungen drehte es sich in erster Linie um die Regelung der lleberarbeits- leistung und deren Bezahlung._ Bergarbeiterstreik in England. Im Kohlenbezirk von Süd-Shields erhielten etwa 1666 Berg- leute ihre. Kündigung. Die Bergarbeiter zweier benachbarter Zechen, die das gleiche Schicksal fürchten, traten in einen Sympachie- streik ein. Insgesamt haben etwa 8666 Bergarbeiter die Zlrbeit eingestellt. Deutscher holzarbeiterverband. Musikinstrumentenarbeiter: Heute, Dienstag, 14. Februar, 17 Uhr, außerordentliche Vertrauens- männer Versammlung im Reichenberger Hof, Rcichenbcrger Str. 147. Tagesordnung: Stellungnahme zur Lohnforderung. B-ronlwodlich für Politik:?r.«ort W'.rttchaft: 6.»li-grlhif-r: Ecwerls-I'aüsbcwrguilo: Zr. Ezlor»: gouilleton: S. p. DIscher: Lokale» un!> Sonftiaes: ikkl»«tarstädt: Zlnzoiaen: U. fämtlid) in Berlin. Bctlafl: Porworls.Vcrlag G m. b. H., Berlin. Druck: Borwärts-Buckidruckerck und Verlagsanstalt Paul Singer u Co., Berlin EW 68, Lindenstraße 3. Allcn Nollcaen«ur Nachricht, dag unser lieber freund und Kollege, der Puzcr Max Rex am nreitog plötzlich verstorben ist. Die Beerdigung findet am Min» woch, dem li Februar, nachmittags .V/. Uhr, aus dem Britzer Gemeinde» Friedhaf Chausseeftrago statt. »«Ueg« Heinrich Laube. Zuverlässige billige und gibt, bd H. Bahr i# Spilidmarkl 7 eleucmunqskörper r I PROGRAMM für die Zeit vom 14. bis 16. Februar 1928 N O* TAF E L P R O G R A für die Zeit vom 14. bis 16. Februar MM I 1 r 1923 1 moQ Potsdamer Straße Henny Porten In Violantba 38 Luisen=Theater Reichenberger Straße 34 ItUdete, der Held der Berge und Die BankrAnber van Alaska B&hncnschau Rheinstraße 14 Verlängert I Pat and Pataehen in Pcllkanlen Für Jugendliche Odeon, Polstfamer Str. 79 Verlängert t KSnlgin Luise(2. Teil) Für Jugendliche Turmstraße 12 Verlängert I Der alte Pritx(1. Teil) mit Otto Qebähr r6r Jugendliche Alexanderstraße 39-40 1 Passage) Der rot« Ritter der Luft Gewidmet d. glorreichen Helden v. Richthofen Für Jugendliche Fflnt-Palist Kammersäle Teltower Straße 1— I Der alte PHtz(I.Teil) mit Otto Gebühr K ü d e n Th. am Moritzplatz Manege und das reichhaltige Betpregmnan Pharus= Lichtspiele Müllers tr. 142 Der große Sprang mit Lenl Riefenstahl Der Kampf des Donald Weslhot KolibrisLichtspiele Belle-AIIiance-PIaU 2 Das Indische Grabmal 1. und 2. Teil In einem Programm PassagenLichtsplele MeuköIIn, Bergstraße 151—32 Harry Lledtks in Der Bettelstndent Ferner Bübnenechan Jugendliche haben Zutritt den 3 Alhambra Müllerstr. Der alte Fritz(2. Teil) mit Otto Gebühr und Beipro WeltrKino Alt-Moabit 99. Schinderhannes Halt Dich fest Flitterwochen Unten VlktoHasUchtbüdeTh. Frankfurter Alice 48 Mady Christians In KSnlgin Luis#(2. Teil) Ferner Bübnenschau Jugendliche haben Zutritt Schwarzer Adler Fraakfurtsr Allee 99 Die raHlnlerteece Frau Berlins Ferner: Hont Glbson In Rammelplatz„Wildwest" Aul der dfibne: Gastspiel von Pauls Bunte Bühne Concordia=Palast Andreasstraße 64 Artisten, ein Zauber der Manege Das Dlrnenscblll Bütmcnjchaa Kammerlichtspiele Friedrichsfelde, Berliner Straße 18 HShere TBchter Stög alng, d. Haas ohn, Hoffnung FilmpalastBaUschmieder Badstraße 17 Cbang, en Dschungel-Drama Um Himmelswillen mit Harald Lloyd KristalLPalast Printenallee 1—6 Der alte Fritz(1. Teil) Bübnenschau MarienbadsPalast Badstraße 35—36 Duell in den Lüften Die Dollarprinzessin nnd Ihre sechs Freier Bühneoscban Prinzeii«Palast Prinrenallee 42— 13 KSnlgin Lnlse(2. Teil) Bühneoscban „Alhambra" Badstraße 58 KSnlgin Luise(Z. Tech Bühnenschau llumboldt�Theater Badstraße 19 Die Spielerin Kampt um Liebe Bübnenschau I* a n k n vr Tivoli-Lichtspiel-Th, Berliner Straße 27 Film; Der große Sprung Nur zur Probe Bühne: 5 Puhlmanns, Luit- Sensation Schlüter-Theater Schlüterstr. 17 W. 7, 9.15. S. ab 4 Uhr Steh' Ich In finstrer Mltternncht Ferner: Nur zur Probe Judendliche haben Zutritt Palast-Theater Breite Straße 21 a Maria Stuart Jugendliche haben Zutritt Linden- Lichtspiele Reslderustraße 124 2 große Schlager: Rätse einer Nacht mit Harry Fiel und Die Hochstaplerin Paun-Lichtsplele Krumme Straße 37 Ueber alles die Liebe und Maclsto Im falschen Vor- dacht Emelka-Palast (Alhambra) Kurfürstendamm 68 Uraullührung: CUly FelndtiDer Feldmarschall Ein Film von Sport und Liebe I I t» Bürgergarten-Lichtsp. Hauptstr. 51 und Lindauer Straße Die indiskrete Pran mit Jeony Qcorg Alexander Tiianla-Palast Schloßstr. S» Ecke Gutsmuthsstr. Spielzeiten: Wochentags 6J0 und 9 Uhr, Sonnabends und Sonntags 4, 6.30 und 9 Uhr. Der alte Fritz(I. Tech mit Dtto Gebühr Regie: O. Lamprecht Otto Gebühr persönlich auf der Bühne. Ab Donnerstag: Der alte Frit*, 2. Teil(AtoUasg)