BERLIN Zreitig, 24. Zebwar 10 Pf. Nr. 94 B 47 45. Jahrgang. V>fuh!Lt4& Anitigenpreis: Die ttnfraltige Nonpircillqeile 80 Pf., Reklamezeile 6 M. Ermäßigungen nach Tarif. PoKscheckkonto: VorwärtS-Verlag G. m. b. H., Berlin Nr. 37536. Fernfxrecher: Dönhoff 292 bi« 291' Erscheint täglich außer Sonntags. Zugleich Abendausgabe des„Vormürts". Bezugspreis für beide Ausgaben 70 Pf. pro Woche. 3 M. pro Monat. Redaktion und Expedition: Berlin SWe«, Lindenstr.» Oer Spekulant Casiiglioni als Nutznießer deutscher Lustfahrtsgelder. Flugzeugführer Wnlther Binder, der mit seiner Kritik an den willkürlichen Verteilungen von Reichsgeldern erhebliches Aufsehen erregt hat, bringt in der Auseinander- setzung mit den interessierten Kreisen neues Material über die unglaublichen Folgen der bisherigen Subventions- Politik. Die wiederholte kritische Beleuchtung der höchst eigenartigen Verteilung von Reichsgeldern an die Luftfahrtindustrie hat bewirkt, daß die überwiegende Mehrheit der kritischen Betrachter — unabhängig von ihrer parteipolitischen Orientierung— mehr oder weniger stark die bisherige Praxis des Reichsverkehrsministeriums ablehnt. Zu ihnen gehören nicht zuletzt die beteiligten Industrie- kreis« in ihrer Mehrzahl. Das hat wohl einige von denen, die sich bislang besonders wohl befinden, um ihre ruhige Besonnenheit ge- bracht. Man beginnt zu merken, daß auch das Subocnlionsreich der Lüfle seine Grenzen hat. Run spuckt man Gift und Galle nicht nur auf uns böse Kritiker, die selbstverständlich an allen enthüllten Miß- standen schuld sind, sondern ebensosehr gegeneinander innerhalb der Luftfahrtkreise selbst. Im Luftfahrtministerium ist„dicke Luft", ta selbst dem deutschnationalen Herrn Verkehrsmini st er leb- halte Bedeuten gegen die Taten seiner Ministerialräte gekommen zu sein scheinen. Auf ihn stürmt ja von allen Seiten eine ganze Reihe höchst peinlicher Fragen ein, und diese dürsten zum Teil nicht leicht ohne Kompromiklierung eng beteiligter führender Personen zu beantworten sein. Da ist zum Beispiel die Deutsche Versuchs- anstalt für Ctiftjahrf e. v.. die jährlich zahlreiche Millionen Steuer. gelber erhält und als Prüf- und Abnahme st elle— eigenartigerweise als privater Verein!— polizeiliche Funktionen ausübt, eine auf die Dauer unmögliche Verquickung von theoretifch-praktifcher Forschungsanstalt, Pseudobehörde und nebenbei noch Handelsfirma! Sie muß angeblich verlegt werden Obwohl man seit Zahren diese Verlegung sür l?29 als sicher annimmt, hat man bis ins letzte Jahr Eine bes(ubk)offene Geschichte. „Flenne nicht, dummer Dengel, denl' an die Schrift: bo dir des Kaisers Schwager haut auf die rechte Backe, iete ihm auch die liate dar!"--... Konferenz des deutschen Holzarbeiterverbandes Wie wir gestern bereits mitteilen konnten, hat der Beirat des Deutschen Holzarbeiterverbandes zu dem Schiedsspruch für die Holzindustrie Stellung genommen und der sogenannten Städtekonferenz» das heißt der Reichskonferenz des Holzarbeiterverbandes, bestimmte Vorschläge gemacht. Die Verhandlungen der Städte» konferen, werden heute nachmittag zu Ende geführt. Eine Entscheidung ist bei Redaktionsschluß noch nicht gefallen. Auch der Arbeitgeberverband der deutsche« Holz» industrie beriet sehr eingehend. Auch hier ist die Ent» scheidung bei Redaktionsschluß noch nicht bekannt. hinein sür hunderttausende Reubauten auf dem alten Gelände in Adlershof ausgeführt(u. a. ein neues Kasino!) und damit eine unverantwortliche Vergeudung von Steuergeldcrn getrieben. Di« etwas dunNe Angelegenheit gewisser Reichsbeteist. gungen an Privatfirmen scheint ebenfalls dringend der Klärung zu bedürfen. Ein besonders lehrreiches Kapitel ist aber die auffallende Bevor- zugnng der Vayerisct�n Vlotoren-Werke(BMW.) durch das Reichs- verkchrsministerium. Als Antwort auf eine frühere kritische Betrach- tung, di� sich damit befaßte, ist uns ein langer Brief von der Direk- tion der Bayerischen Motoren-Werke zugegangen, der auch vom unterzeichneten Herrn Popp vervielfältigt und an andere Stellen verschickt worden ist. Dies Schreiben lohnt eine nähere Betrach- tung, zeigt es doch,«in wie vornehmer Verkehrston in den stibventionstranksn Unternehmerkreisen der Luftfahrt gegenüber üblich ist. Gefährliche Motorenfchäden. Auf die technischen Eigenschaften des DMW.-Flugmotors einzugehen, behalte ich mir vor. Jedenfalls gebe ich bei der Be- urteilung von Motoren mehr auf die Gutachten der sie täglich be- dienenden Mechaniker und Flugzeugführer als auf Minister. Die Kurbelwellenbrüche an diesen vom Reiche am meisten bestellten BMW.-Motoren haben sich im letzten Jahre beängstigend vermehrt und zählen nach Dutzenden. Sie sind mehr- fach bei fast neuen Motoren aufgetreten: sogar das kostbare Leben des vorsichtigen spanischen Diktators Primo de Riviera geriet gleich bei seinem ersten Triumphflug« durch ein« zerbrochen« BMW.- Kurbelwelle in Gefahr. Das alles gäbe mir keinen Anlaß, hier daraus»Inzugehen, wenn nicht Grund zu der Annahme bestünde, daß die falsch« und einseitige Subventlonspolitik die Herren in München dazu verführte, im Bewußtsein der Sonkurrenzlosigkeil auf ihren Lorbeeren auszuruhen. Die Totsach«, daß man die Benrendung von BMW.-Motoren im deutsch-russischen Luftverkehr auf Grund mangelnder Betrieb»« stcherheit verweigert hat, wird von den Bayerischen Motoren» Werken so erklärt, daß da» Versagen bei der Firma Derulust.auf Verschulden zurückzuführen sei, die nicht wir zq oertreten haben". Auf diese direkte AnNag« ihres Liefen r a n t e n wird sich die beteiligte Firma äußern müssen.. j Statt einer Verteidigung haltlose Deschuldigungem Nicht nur dieser, sondern noch ein weiterer Passus des Briefe» beleuchtet fchlaglichwrtig, was für ein« gute Meinung die Herren Luftfohrtindustriellen gegenseitig voneinander haben. Es heißt in den» Briefe von der Firma Junkers, daß sie»ohne jede Erfahrung und eigene Konstruktion im Flugmotorenbau unseren ZNolor in ge- ringer Stückzahl vollständig kopiert hat". Ferner habe Junkers auf dem Gebiete der Millivnensüboentionen die größten Erfolge erzielt »zum Schaden des Reiche, und der gesamten Lufksahrt".— Fein« Familie, was? wo man so nett und herzlich voneinander spricht! Es paßt zu diesen Auseinandersetzungsformen, daß von gewisser Seite bereit» die Meldung kolportiert wird, i ch s e i von einer Firma bestochen. Die Firma soll sich melden, da der Betrag bei mir noch nicht eingegangen ist. Der schönste Satz dieses aufschlußreichen Briefes aber ist der folgend«:! j »Es ist unrichtig, daß wir jemals auch nur eine« Pfennig Subvention, von welcher Seite auch immer,«rhasteq haben." Ach nein, Herr Popp, ich bin nicht so naiv zu glauben, daß Sie direkt die Millionen bei Herrn Mühlig-Hofmann in der Willzelmstraße abholen, um die Hälfte Ihrem Aufsichtsratsoor- sitzenden, Herrn C a st i g l i o n i, nach Italien zu überbringen! Ich gebe gern zu, daß für das Geld immerhin auch M o t o r e geliefert werden müssen und daß der— infolge miserabler Facharbeiter» entlohnung gottlob ausreichend«!— Pr»sst erst In Form von hohen Dividenden, Bezugceebten»nd lantlemoa in die laschen der Aklio- ruh e fließt, die annähernd zur Hälfte dr ch die Person des eben er- wähnten rnd uns ollea fo wohlbekannten Viusfolmi-Freundes Eafll- glioni verkSrerl werden. Dieser wird gewiß sehr gut« Gründe dafür haben, warum»r bei Liquidation zahlreicher SefchäftsbeteUigung«, «uf seinen großen und einträglichen BMW.-Anteil nicht ver» zichtet hat. Es ist von Pikantem Reij, daß unter der verant- ivortlichen Führung eine» deutschnationale» Verkehrs- minister die Dividendenprofite au» Reichsaufträgen in die Taschen eines Italieners und berüchtigten Jnflationsspekulanten geleitet werden! Die hier glossierten Tatbestände sind typisch für die von mir bereits wiederholt gekennzeichnete S t i ck l u s t, die da» ganze deutsche Luftsahrtwesen durchsetzt. Setang« die Grundsätze der Sub- ventionsverteilung die bieherigen bleiben, wird sich da» nicht bessern können. Ich betone immer wieder, daß ich überzeugter Anhänger einer großzügigen finanziellen Förderung der Lustverkehrsentwick- tung aus Reichsmitteln bin. Aber nur schärfste, unerbittliche Kritik, die jeden Mißstand in da» Rampenlicht der Oessenllichkeit zieht, die von keinem Wohlwollen und keiner Snbventionsquelle abhängig ist, kann eine Reinigung der Atmosphäre herbeiführen. Ich werde mich darum weder durch niederträchtige Gerücht« noch durch Liebens- Würdigkeiten davon abhalten lassen, festzustellen, was ist— nicht etwa um herunterzureißen, sondern um dafür zu sorgen, daß das durch unsere Steuergroschen geschaffen« deutsch« Lustverkehrewcsen weder von einseitigen Unternehmerinteressen noch von militärischen Dabanquespielern mißbrmccht wird. walther Binder. Afghanistan im Rathaus. Gestern abend nahmen der Emir und Frau, sowie der Reichs- Präsident an einem Fe st schmaus in der Reichstanzlei teil, bei dem Vizekanzler fjergt den kranken Reichskanzler vertrat. Vizekanzler und Emir tauschten Trinksprüche aus. die nicht von dem hergebrachten Schema abwichen. Heute vormittag empfing die Stadt Berlin die afghanischen Gäste im Rathau», und man muß, wie bei den Feierlich- leiten aus dem Lehrter Bahnhof, sagen, daß de» Guten zuviel getan war. Zuviel Schmuck, zuviel Luxus, zuviel Brimborium! Roch einleitenden Musikstücken begrüßte Oberbürgermeister B ö ß dvs Königspaar, worauf A m« n u l l a h in afghanischer Sprache erwiderte. Der Vizekanzler und Jufklzmimster Schmidt als Vertreter der preußischen Staatsregierung wohnten dem Empfang So sieht er aus! Wenn Amauullati daheim sein Nationul- kostüm trägt. bei. Männergesang und Orchestervortrag schlössen die Begrüßung». feier, dann begab man sich zu dem obligaten Frühstück. Den afgho- Nischen Gästen wurde zur Erinnerung ein künstlerisch ausgestattetes Album mit Ansichten au» Berlin überreicht. Die Königin wurde von Frau D ö ß betreut. Heute nachmittag wird die Technische Hochschule Aman- ullah zum Ehrendoktor ernennen'. * Die sozialdemokratische Fraktion hak sich an dem heutigen Empfang Im Rathause nicht beteiligl. Sie hat in einer außer- ordentlichen Frattionssitzung den folgenden Beschluß gefaßt: Die Formalitäten bei dem Empfange des afghanischen Königs in Berlin überschreiten so weit da» bisher bei Empfängen der Republik und der Reichshauptstodt übliche Maß. daß der Anschein einer monarchistischen vemonstraiion erwecki wird. Die sozialdenio- kratische Fraktion der Stadtverordnetenversammlung sieht sich daher nicht in der Lage, an dem Empfange im Rathause teilzunehmen. Hergi„Hai nichts gesagt!" Sein Amanullah-Gespräch amtlich dementiert. Amtlich wird erklärt: lieber die Worte, die der Stellvertreter des Reichskanzlers, Reichsministcr Hergt, bei seinem Empfang durch den König von Afghanistan an seine Majestät gerichtet hat, sind in der Presse unzutreffende Mitteilungen verbreitet worden. Reichs- minister Hergt hat. wie zunächst ausdrücklich festgestellt wird, selbst Durch Draht und Funk. Ter Marineausschuß des Repräsentantenhauses einigte sich auf den Bau von 15 Kreuzern(unter 10 ovo Tonnen) und eines Flugzeugmutter» schiffes, die 275 Millionen Dollar kosten. Der Bau soll nicht sofort, sondern spätestens in drei Jahren— nach der dann stattfindenden Seeabrüstungskonferenz— beginnen. Kommt auf dieser Konferenz eine weiter- gehende Einschränkung der Seerüstungen zu- stände, dann ist der Präsident ermächtigt, das Flotten- bauprogramm ganz oder teilweise aufzuheben. L o n b o n begrüßt dieses Scheitern des 800-Mil- lioncn-Programms der amerikanischen Militaristen mit großer Erleichterung. Brland empfing gestern vormittag den chinesischen Gesandten in Paris Tscheng. Lo in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Völkerbundsrales wegen der ungarischen Wafsenzerstörung. Daraufhin erfolgte die drahtliche Aussorderung des Ralsvorsihendcn an Ungarn, die Massen nicht zu versteigern. Der ungarische Gesandte in Paris Soranyi gab. gestern nachmittag,„der französischen Regierung Aufklärung wegen der Waffenvernichtung". « Da Verhandlungen mit Litauen nicht zustande kamen, wird Polen dem Dölkerbundsrat im März nochmals den Konflikt mit Litauen vorlegen— so wird halbamtlich in Warschau erklärt. * Der Völkerbundsausschüß beendete seine Untersuchung der Finanzlage Portugals. Ein Dölkerbundskommissar, wie in Oesterreich, soll nicht eingesetzt werden. e- W a s h i n g t on sandte Entwürfe von Schiedsverträgen nach London und Tokio. * Das Auswärtige Amt warnte die deutschen Chinafirmen von neuem, sich an Waffenlieferungen nach China zu beteiligen. * Der Kammer liegt ein Gesetzentwurf vor, der die Regierung von Marokko ermächtigt, eine Anleihe von 12S Millionen Mark zum Bau von Eisenbahnen, Straßen und Amtsgebäuden aufzulegen. Deutsche Sachlieferungen dürfen bis zur Höhe von 30 Millionen Mark herangezogen werden. Ueber C h i k a g o wurde der Belagerungszustand verhängt. Die Polizei kann sich der Gewaltakte der Verbrecher kaum noch erwehren. Seit Jahresanfang fanden 18 Bombenattsntate statt. * In W i lna begann der Massenprozeß gegen S6 Mitglieder der weißrufstschen Organisation Hromada. Sie sind beschuldigt, durch einen bewaffneten Aufstand versucht zu haben, Polnisch- Weißrußland der weißrussischen Räterepublik an- zugliedern.»30 Zeugen wurden, m Trupps zu je SO Mann, vereidigt. keinerlei Mitteilungen an die Presse gegeben, sondern lediglich der Reichspresseabteilung eine kurze mündliche Orientterung über die Tatsache des Empfanges und den Inhalt seiner Worte erteilt. Unrichtig ist, daß er gesagt habe, Afghanistan stehe in einem dauernden Kampfe um seine Sicherheit und Unabhängigkeit, eben- sowenig hat er darauf hingewiesen, daß der Empfang in Berlin hinter demjenigen von Rom und Paris zurückstände. Auch ein Hinweis auf den Versa iller Vertrag ist nicht erfolgt. Reichsminister Hergt hat lediglich gesagt, das deutsche Volk leide immer noch unter den Folgen des Krieges. Es müsse sich daher in seinen Kundgebungen würdevolle Zurückhaltung auserlegen. Um so mehr dränge es ihn, dem König zu versichern, daß sein Besuch vom deutschen Volte mit herzlichster Freude begrüßt werde. Das Verhältnis zwischen Deutschland und Afghanistan beruhe auf gegenseitigen Sympathien und treuer Freundschaft. Wilhelminische Gespräche haben wilhelminische Schicksale. Am Ende steht das amtliche Dementi. Reichswehr und Republik. Severins appelliert an Sroener. Kassel, iA. Februar.(Eigenbericht.) In einer von 3000 Personen besuchten Kundgebung des Reichsbanners Schwar-Rot-Gold, Ortsgruppe Kassel, sprach Staats- minister a. D. Carl S e v e r i n g. Aus Anlaß des vierten Jahres- tages der Gründung des Reichsbanners ging er auf die Gründe ein, die zum Zusammenschluß der Republikaner geführt haben und die zum großen Teil noch heute gültig sind. Nachdem Severing aus der Geschichte der vaterländischen Verbände heraus die Entwicklung, die das Reichsbanner im Dienste der Republik nehmen mußte, skizziert hatte, behandelte er aktuelle politische Fragen. Ueber die R�e ichs- wehr sagte er u. a.: „Wird.der neue Reichswehrmimster G r o e n« r durchgreifen? Ich wünsche es, aber ich bin noch nicht davon überzeugt! Geßler hat auch zu Anfang seiner ersten und zweiten Ministerperiod« solide Versprechungen zur Reform der Reichswehr abgegeben, ohne daß die entscheidenden Taten gefolgt wären. Wird Groener es Vesser machen? Ichbinskeptischgeworden! Die Art, wie Herr Groener den verantwortlichen Offizier der P h o e b u s-Angelegen- heit und den Dildungsinspettor des Kreuzers„Berlin" im Hauptsusschuß des Reichstages in Schutz nahm, macht meine Skepsis be- rechtigt. Bezüglich der Reichswehr muß es immer noch heißen: D i e Augen auf! Volk Hab' acht! Viel lieber wäre es uns, wenn wir sagen könnten, die Reichswehr ist ein sicherer Schutz der Republik. Und wenn dann das Reichsbanner daneben geistig und staatsbildend in der Republik mitarbeiten würde, so könnt« man sagen: Doppelt genäht hält besser! Herr Groener hat anscheinend den festen Willen. Ob aber Täten folgen, muß seine Minister- tätigkeit erst zeigen." Herbe Kritik übt« Severing cm der Bürgerbiockregierung. Die Regierung Cuno wäre eine der übelsten gewesen, aber noch immer ein Muster von Zielsicherheit gegenüber der Regierung Marx-Hergt-von Keudell. Die Riesenversammlung, die auch von vielen Bürgern Kassels besucht war, bracht« Severing stürmische Ovationen dar, als er zum Schluß aufforderte, bei der kommenden Reichstags- und Land- tag« wähl der Republik zum Siege zu verhelfen. Ländliches Wahlidyll. Wahlfälschung bei den Kreistagswahlen. Bor dem erweiterten Schöffengericht in Neu- R u p p i n hatten sich der Gemeindevorsteher des Ortes Schulzen- dorf, Ruder, und der Amtsvorsteher I a g o w mit zwei weiteren Angeklagten gegen die Anschuldigung zu oerantworten, eine ganz gewöhnliche Wahlfälschung vorgenommen zu haben. Der Gemeindevorsteher Ruder leitete im November 1925 als stell- vertretender Wahlvorsteher in Schulzendorf die Abstimmung bei den Kreistagswahlen. Es wurde ihm nun zur Last gelegt, heimlich mehrere Wahlzettel in die Urne gelegt zu haben, die seiner politischen Richtung entsprachen. Es konnte auch nachgewiesen werden, daß in den amtlichen Wählerlisten mindestens zwei Leute als stimmabgebend aufgesührt wurden, von denen feststeht, daß sie am Wahltage verreist waren und nicht gestimmt haben. Als Beisitzer bei diesem Wahloorgang hatte auch der Amtsvorsteher I a g o w fungiert. Ein anderer Beisitzer, der Landwirt H o f f e r aus Schulzendorf, will der Fälschung sofort widersprochen haben. Er hat später, allerdings erst im Jahre 1927, den B o r g a n g zur Anzeige gebracht. Es versteht sich, daß er wegen dieser An- zeige in seinem Dorfe allseitige Anfeindungen erlebte. Es versteht .sich aber nicht von selbst, daß er nun auch noch mit ange- klagt und schließlich mit verurteilt wurde. Das Schöffengericht hat nämlich den Gemeindevorsteher Ruder zu einer Geldstrafe von 600 M. und zwei Beisitzer zu je 400 und 300 M. wegen Wahlfälschung verurteilt. Der Amtsvorsteher Iagow Chnstlich-naiionale Bauernpartei. So heißt die neueste Oeckfirma der deuffchnationalen Großagrarier. „Lotteswillen, Lraf, wie sehn Sie aus? In dem Kostüm glaubt Ihnen niemand Ihre lOOtX) Morgen." „Soll auch nicht! Letzt vor der Wahl mime ich den christlich-nationalen Dauer." wurde vom Gericht mangels Beweises einer aktiven Teilnahme freigesprochen, obwohl er nach der Bekundung des Anzeigenden mit- angesehen hatte, wie der amtierende Wahlvorsteher den Augenblick, als zwei ihm nicht ganz stubenrein erscheinende Beisitzer für kurze Zeit das Wahllokal verlasse» hatten, dazu benutzte, um die falschen Stimmzettel der Urne anzuvertrauen. Die Mitangeklagten und ver- urteilten Beisitzer erklärten vor Gericht, daß sie zu dem Akt nur geschwiegen hätten, weil sie sahen, daß der Ain t s v o rsteh e r e l b e r schwieg und nicht eingriff. Sowohl dcr Amtsoorsteher wie auch der Gemeindevorsteher sind beide bis heute noch im Amt. Der Landrat hat es bisher nicht für notwendig geHallen, gegen sie im Dienstaufstchtswege ein- zuschreiten, angeblich, weil sie sich sonst durchaus bewährt haben. Wenn die Feststellungen des Schösfengerichts allerdings den Tatsachen gerecht werden, dann entsteht die Frage, ob eine so offen- kundige, durch den Wahlvorsteher selbst ausgeführte Fälschung des Wahlresultats mit 600 M. Geldstrafe ein« auch nur an- nähernde Sühne findet. Nach dieser Richtung hin dürfte die Straf- tammer als Berufungsinstanz doch wohl noch etwas nachzuprüfen haben. Im übrigen erinnern wir daran, daß ein denrokra- t i s ch e r Lehrer im Hannoverschen wegen einer ähnlichen Zlnschuldc- gnng, die augenscheinlich aus politisch-feindlichem Lager stammte, zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Das Strafmaß von Neu- Ruppin steht mit diesem Urteil gegen einen Demotraten auch nicht im entferntesten Einklang._ Die peinliche Attenaffäre. Die Staatsanwaltschast gegen die Entlastungsanträge im Darmat-Prozeß.' Im Barmatprozeß sprach sich heute Oberstacttsanwait Dr. Trautmann gegen die neuen Beweisanträge aus, die die Verteidigung gestellt hatte.) Insbesondere lehnte er den Beweis dafür ab, daß in der Beurteilung der Varnrataffär« politische Momente eine Rolle spielen. Die Disziplinaratten des Staats- anwalts a. D. Dr. K u ß m a n n, deren Herbeischaffung den poli- tischen Charakter de» Prozesses beleuchten sollte, will der Staats- anwalt nicht zugezogen wissen. Die Stellungahme der Staatsanwaltschast ist um so auffallender, als diese selbst in ihren Plädoyers die Verteidigung zu den Beweis- anträgen geradezu herausgefordert hatte. Oberstaatsanwalt Traut- mann hatte den Fall so dargestellt, als ob das Vorgehen im Falle Bcmnat mit Politik nichts zu tun Hab«, obwohl ihm bekannt sein mußte, daß die Haltung Kußmanns und dessen Presseinformationen im Jahre 1924 ein wesentlicher Bestandteil der vorläge- neu völkisch-deutschnationalen Wahlkampagne gegen die Sozialdemokratie gewesen sind. Das Gericht wird über die Entiostungsanträge morgen zu vtt» scheiden haben. / / Eine neue Gchüleriragödie. Sieben Wochen vermißt.— Gestern aus dem Landwehr« kanal geborgen. Gestern nachmittag wurde aus dem Landwehrkanal die Leiche des seit dem 8. Januar dieses Jahres vermißten Ißsährigen Klavierbauerlehrlings Karl Gentzen, aus der Jslandftraße 7. ge- borgen. Der junge Mensch, der bei der Pianofabrik von Bechstein beschäftigt war, verließ am Morgen des 8. Januar die Wohnung seiner Eltern, um sich an seine Arbeitsstelle zu begeben. Dort traf er jedoch nicht ein. und blieb von dem Tage an spurlos verschwunden. Die Nachforschungen der Polizei blieben ohne Erfolg. Gestern sah ein Kahnbesitzer vor Salzufer 3 im Wasser«in« Leiche treiben, die er mit chilfe eines Bootshakens ans Ufer zog. Man stellte bald fest, daß es sich bei dem Toten um den vermißten Karl Gentzen handelte. Die Aerzwetflungstat des jungen Mannes bildet den Abschluß eines tragischen Erlebnisses, das er vor zwei Jahren hatte. Gentzen, damals 14jährig, besuchte die Schinkel-Realschule. Er war ein fröhlicher, ails geweckter und bei den Kameraden beliebter Schüler. Im Herbst 1926 oerabredete G. mit dem Klassenkameraden Henne aus der Spree eine Boots- fahrt. Wahrscheinlich beim Wechseln der Plätze stürzte Henne ins Wasser und ertrank vor den Augen seines entsetzten Begleiters. Dieses Erlebnis war für den Jungen von nachhaltigster Wirkung. Er wurde schwermütig. Di« unvorsichtige Bemerkung eines Klassen- lehrers, der Gentzen vor der Klass« Vorhaltungen machte, daß er dem mit den Wellen Ringenden nicht nachgesprungen sei, machte den Jungen noch scheuer und tiefsinniger. Zu seinen Mit- jchülern äußerte er, daß noch einmal„etwas passieren würde". Tatsächlich unternahm der Junge kurz daruf einen Selbstmord- versuch und sprang von der Potsdamer Brücke in den Kanal. Schupobeamt« und Passanten konnten ihn retten und den Eltern wiederbringen. Der Dater nahm diesen Vorsall zum Anlaß, seinen Sohn aus der Schule herauszunehmen und besorgte ihm ein« Stell« als Klavierbauerlehrling. Er zeigte zum Beruf Lust und Liebe und fast schien es, als ob die andere Umgebung, der andere Wirkungs- kreis das schlimme Erlebnis vergessen machen würde. Don Zeil zu Zeit fanden die Angehörigen des ertrunkenen H. auf dessen Grab auf dem Friedhof in Weihensee einen kleinen Kranz, den nur Gentzen heimlich niedergelegt haben konnte. Am 8. Januar vershwand der Sechzehnjährig« plötzlich und ging, wahrscheinlich in einem neuen Anfall von Schwermut, ins Wasser._ Pensionat Notnagel. Wieder sieben Kokainisten vor Gericht. Eigentlich sind es nicht sieben, sondern fünf: denn zwei ziehen es vor, sich in irgendeinem Schlupfwinkel verborgen zu halten. Als aber alle sieben im November im Polizeipräsidium eingeliefert wurden, waren sie bloß noch Haut und Knohen. Das Gsfänznis hat den Sündern gut getan. Sie haben 12 bis 18 Pfund zugenommen. Allerdings gilt das nur von dreien. Der viert«, R., einst im Felde verschüttet, dann nervenkrank und Morphinist, Roß- »chccher und Ruhrkämpfer, sieht-trog des Cesängnisses elend aus: ihm hat es ebenso wenig geholfen wie— di« E n t z i e h u n g s- ku ren, die er mehr als einmal versucht, hat. Der fünfte befindet sich auf freiem Fuße: folglich konnte er schnupfen soviel er wollte. So sieht er auch aus. Alle sieben waren„Pensionäre" des„Nachtasyls" Notnazel. Eine eigenartige„Pension", dieses Nachtasyl. X Sie beskehk aus acht Zimmern im Borderhaus, Hinterhaus und iin Keller. 3m Vorderhaus gibt es Feldbetten: im Hinterhaus und Keller schläft man aus nacktem Boden. Das Nachtquartier kostet 59 Pf. Aus Wunsch gibt es volle Per- pflegung— wie es auch sonst in Pensionen üblich ist. Das Pen- sionait Notnagel ist aber mehr als ein Notnagel für obdachlose Ar- beiter, entgleiste Existenzen und lichtscheue Gesellen. Es ist auch eine Kokainhöhle oder Kokainbörse— wie man es will. Für wenig Geld erhält man eine Kokain- oder Morphiumspritze, von der man unter Umständen eitrig« Abszesse davonträgt. Zwischen den Kokai- nisten und Morphinisten herrscht rührende Kameradschaft. Hat einer von irgendeinem Arzt ein Kokain- oder Morphium- rezept ergattert— und sie hatten chre Leibärzte—, so teilt er brüderlich mit seinem Leidensgefährten. Fälscht jemand ein Rezept, so geizt er auch in diesem Falle seinem Kameraden gegenüber nicht. Die Gemeinschaft geht sogar so weit, daß der Elendeste und Zerlumpteste unter ihnen für alle anderen betteln geht— und gewöhnlich hat er eine reiche Ernte, die dann in Koks und Morphium umgewandelt wird. Das Opiumgesetz verbietet aber solche Kameradschaft. Man darf schnupfen, aber nichts von dem beseligenden Gift einem an- deren abtreten. Das ist strafbar. Und als eines Tages sich ein Judas fand, wurden all« sieben ins Polizeipräsidium geschafft. Ein säinrnerlicher Anblick war das, dies« in Lumpen gehüllten, elenden Gestatten mit eingefallenen Wangen, hohlen Augen und zitternden Gliedern. Die fünf berichteten ihre Leidensgeschichte. Die alltäg- liche des Kokainisten. Zum Ueberdruß bekannt: Kriegsverletzung, qualvoll« Krankheit, Verführung, Gewohnheit, Arbeitslosigkeit, Schicksalsschläge. Und was weiter? Das Gericht verurteilt« sie zu Gefängnisstrafen von 3 bis 5 Monaten. Ob sie nicht Bewährungsfrist erhalten könnten, meinten sie.„Nein�" sagte der Richter,„dann gcht's von neuem los. Erholen Siz sich noch etwas im Gefängnis. Und wenn erst die soziale Gerichtshilse uns>ntt- teill, daß sie für Sie Arbeit gesunden hat, dann wollen wir sehen, was zu machen ist." Auf der Zugspitze gelandei. Lldets Klug geglückt. Der Kunstflieger Udet hat am Donnerstag mittag vom E i b- s« e aus, der noch ein« 39 Zentimeter starke Eisdeck« aufweist, mit einem 20.?8..kramm-D«rimler.Flugzeug einen Flug auf die Zug- spitze ausgeführt. Er ist glatt auf dem Platt gelandet und mit einem Passagier dann neuerdings aufgestiegen, wieder zum Eibfce hinab- geflogen und auf dem See nach einigen Loopings gelandet. Udet bezeichnet die Landungsmöglichkeft auf dem Zugspitzplatt als außer- ordentlich günstig. Wetterbericht der Ssfentllchen Wetterdienststelle Berlin und Umgegend.(Nachdruck verboten.) Trocken und ziemlich heiter, nachls wieder kalt, Tagestemperaluren etwas über Null, Ostwinde. Für Deutschlaad: Fortdauer der herrschenden Witterung. Von Bach bis Thomas. Konzert-Nundschau von Klaus prlngsheim. Ein neuer Aufführungsstil, neue Aufführungsbedingungen, so ist hier vor«in paar Monaten gesagt worden, tun den großen Chor- werken Johann Sebasttan Bachs dringend not. Matthäus-Passion. Seit der Erstaufführung der Matthäus-Passion— es war, gerade vor 199 Jahren, ein Jahrhundert nach ihrer Entstehung, die erst« Tat der Singakademie in chrem neu erbauten Haus am Festungsgraben— bilden die Passionen das Fundament ihrer künstlerischen Arbeit, bildet der überliefert« Geist dieser Arbeit das Fundament der Berliner Vach-Pflege. Hundertjährige Tradition ist eine schöne, ehrwürdige Sache. Aber 1928 ist nicht 1829. Etwas grundlegend Neues mußte geschehen. Und es ist geschehen. Ein Ereignis stand diesmal zu erwarten(so sicher, daß seine Ankündigung genügt hat, zwei ausverkaufte Häuser zu machen: die Philharmonie, ohne Abonnement, vormittags und abends überfüllt: den Nutzen haben die Wohlsahrtseinrichtungen des Philharmonischen Orchesters): diese Aufführung der Matthäus-Passion unter Furtwänqler ist ein musikalisches Clementarereignis geworden, ein revolutionärer Vorstoß der Gegenwart, ein Akt der erneuten Besitzergreifung. Nie ist das Werk in Berlin s o erklungen: so erlöst von aller Gebunden- heit und Begrenztheit protestantisch-kirchlicher Konvention(dies immerhin war schon von Siegsried Ochs angebahnt): nie so in seiner musikalischen Ganzheit erfaßt. Nichts mehr von nur-chorrschcr Durchdringung, von jener Teillösung bestenfalls, die uns bislang genug sein mußte. Zum ersten Male erleben wir hier die Passions- musik in ihrer ewig beispiellosen Dramatik, in der unerhörten Gewalt Wilhelm Furtwängler. Der Dirigent der Matthäus-Passion. ihrer Gefühlsspannungen, in der einmaligen Größe ihres Aufbaus— dargestellt von einem Musiker, der von Bach so erfüllt ist wie vom Lebensgefühl dieser Gegenwart. „Ein gutes Bild von Wilhelm Furtwängler erhalten Sie bei den Logenschließern," steht im Programmbuch. Ein besseres, das beste, eindringlichste, überzeugendste seiner großen Künstlerpersönlichkeit hat er uns an diesem Abend gegeben. Die Philharmoniker geben ihr Bestes— ihr Bestes in der Tat, und das ist ein Gipfel. Und der Bruno K i t t e l s ch e Ehor, wahrhaft traditions-unbelastet, denn zum ersten Male hat er sich an die Riesenaufgabe gewagt, überrascht durch eine Leistung, die schlechthin vorbildlich genannt werden muß: in der klanglichen Ausgeglichenheit und Gestustheii ebenso wie in der ausdrucksvoll-plastischen Gestaltung und Verlebendigung des ge- fungenen Wortes. Unentscheidbar, wieviel Anteil an diesem Er- gebni» die Probenarbeit des Dirigenten hat, wieviel die erzieherische Wirksamkeit des Chorleiters. Höchstes Glück der Aufführung: Karl E r b s Evangelist: so reine, tiefe Ergriffenheit bei solcher Dollendung im Technischen gibt's bei keinem anderen. Neben ihm unter den Solisten auch Schwächeres. Doch im Ganzen: ein Ereignis des Jahres: und für Jahre, die kommen. Markus-passion. Die ganze Matthäus-Passion, ungekürzt, ginge über unser Fassungsvermögen. Aber beide Hälften des Riesenwerks waren von Bach nur als monumentale Umrahmung der Karfreitagspredigt ge- dacht. Eine Tatsache wie diese sagt deutlich aus, daß damals, vor 299 Jahren, Menschen gelebt haben, deren Lebenstempo, deren innere Spannkraft der Welt abhanden gekommen ist, Menschen anderer, imposanterer Art. Unser Format, im Zeitlichen zumindest, ist kleiner geworden: Bachs Passionen sind nicht für uns geschaffen. Aber die Passion unserer Zeit hat der junge Kurt Thomas ge- schrieben: Passionsmusit nah dem Evangelisten Markus für �-csppella-Chor. Der Bibeltext in eine knappe Stunde Musik umgesetzt, ohne Unterbrechung, ohne Abschweifung, Musik in knappsten Formen, dicht und gedrängt im lebhaften Wechsel der Visionen: ein wahrhaft unserer Zeit gemäßes Werk. Aber auch dieser Kurt Thomas, unendlich fern allem Modischen, ist, wie Furt- wängler, ttes erfüllt vcm Geiste Bachs, an dessen Wirkungsstätte, in Leipzig, er groß geworden. Er darf dennoch, als Schöpfer einer Passion, nicht an Bachs Maßstab gemessen werden; kein Lebender darf es. Aber seine Paffionsmusik steht groß und einsam in dieser Gegenwart, deren Produtt sse ist, sie wird ihren Platz in der Zeit- geschicht« halten. Es war eine dankenswerte Tat des Staats- und Domchors— und seines Meisters: Hugo Rädel das bedeutende(und schwierige) Werk in Berlin bekanntgemacht zu haben; und die Bolksbühne verdient den Dank ihrer Mit- glieder, denen sie es in so ausgezeichneter Ausführung bot.(Doch die Aufführung hätte mehr Hörer verdient.) Tedeum. Bach— Thomas: auf der Entwicklungslime, die von jenem zu diesem, von der geistlichen Musik des 18. zu der des 29. Jahrhunderts führt, liegt Anton Bruckner, der Kirchenkomponist. Als Mittler sozusagen. Nicht wörtlich: Bruckners katholische Ekstatit ist Liszt näher als Dach. Aber in der lastenden Breite, in der er das Bekenntnis seiner Gläubigkeit formt, einer Breite des inneren mehr noch als des äußeren Tempos, ist er Bach näher als wir, näher als der beweglicher«, im Ausdruck jähere Thomas. Dieses Bruckner» Tedeum, das wir nun wieder gehört haben, steigert sich, ein wenig umständlich hie und da, zu einer feierlich-grandiosen Offen- barung echter Religiosität. Der Berliner Aerztechor bringt es unter seinem Dirigenten, Dr. Kurt Singer, in einer Wiedergabe, die höchste Ansprüche erfüllt. Mit dem unfehlbar folgenden Sin- s o n i e o r ch e st e r. Im Solistenensemble fällt der schön«. Unge- wöhnliches verheißende Tenor Paul K ö t t e r s auf. Und weitere Beweis« seines Könnens gibt der Chor bei Brahms, im Schicksals- lied und in der Rhapsodie: Paula Lindberg, die für die Alt- partte olle Intensität des Tones und des Gefühls hat, spricht die Vers« aus Goethes.�zarzreise im Winter" mit meisterlicher Könner- schaft. Zwischen Brahms und Bruckner als unvorhergesehene Pro- grammänderung die„Egmont"-Ouv«rtüre. Kurt Singer dirigiert. Unmöglich, zum Borteil seines Bildes den„Vorwärts"'Lesern Neues zu sagen. Aber es ist eine Freud«, festzustellen, wie der Mann, der nun an den Geschicken der Städtischen Oper entscheidend mitwirkt, als ganzer Musiker den Platz ausfüllt, den er als Gast— herzlich gefeierter Gast— einen Abend im Bach-Saal einnimmt. Ein verfilmter Frenffen-Roman „Die Sandgräfin" im Beba-palast. Wenn man den Gustav-Frensen-Film mit dem Zola-Film ver- gleicht, dann sieht man, wie sehr dem deutschen Roman die strenge Schule des Realismus gefehlt hat. Es handelt sich um Frenssens Erstlingswerk, das 1896 erschienen ist. Welch eine Fülle veralteter Romantik, wieviel Gartenlaube steckt noch darin, und doch kündet sich bereits der Dichter der holsteinischen Marsch an, der im„Jörn Uhl" fünf Jahre später den Heimatroman schuf. Im Zola- Film strenge Geschlossenheit, straffe Konzentration, hier die Fülle der Geschichte, der Kontrast des oerschuldeten Grafenhoses und des aufsteigenden Marschhofes. Der seit Jahrhunderten zwischen beiden bestehende Kampf scheint zugunsten des Marschbauern erledigt, der den- letzten oerluderten Grasen mit Hypotheken und Forderungen umgarnt hat und nun das Netz zuzieht. Aber nun fährt die Ro- mantik dazwischen in Gestalt des jungen Thorbeeken, der von einer fünfzehnjährigen Weltvagabondage zurückkehrt und ausgerechnet im Schlosse des Grafen von Knee, des Feindes seines Geschlechts, Unterkunft und Anstellung findet. Der Grimm der Väter wird über- brückt, die Enkelin des Grafen, spöttisch die Sandgräfin genannt, ver- liebt sich in den jungen Thorbeeken, der zunächst unter falschem Namen austritt. Aber zuvor müssen beide Vertreter der alten Gene- rationen sterben, der alkoholisierte Graf am Schlag und der Bauer Thorbeeten an einem Unfall, der— o sühnendes Schicksal— an derselben Stelle erfolgt, wo er vor 15 Iahren den Tod des jungen Grafen verschuldete.(Und deswegen verließ sein Sohn Heimat und Baterhaus!) Natürlich gibt es dann noch die große Verzögerung vor dem Schluß: die junge Gräsin haßt plötzlich den Thorbeeken, der ihr Schloß ersteigert hat. Dann kommt noch ein wenig Ame- ritanismus: Thorbeeken und der ungetreue Verwalter des Grafen duellieren und boxen sich in der Schloßruine, in der gerade zur rechten Zeit die junge Gräfin erscheint, um den verwundeten Ge- liebten in die Arme zu schließen. Hans S t e i n h o f f nutzt die romantischen Gegebenheiten für seine Zwecke weidlich aus, ohne daß sie durch seine Regie wahr- scheinlicher werden. So gut die Marschlandschaft im Film erfaßt ist, so barock bleibt diese Sandburg, die irgendwie an den historischen Film nach Storms„Chronik von Grieshuus" erinnert. Glücklicher- weise wird die ernste Handlung kontrastiert durch eine fröhliche Pa- rallele. Die Schwester der Sandgräfin, die junge Frauke, von Käthe von N a g y als bubenhafter Tollkopf glänzend gespielt, bringt lustiges Leben mit ihren Streichen und Liebeleien mit dem Wirtssohn(Hans B r a u s e w e t t e r) in die sentimentale Affäre. Christa T o r d y und Jack T r e v o r ergänzen sich glücklich zum Liebespaar(der dunklere leidenschafttichere Typ und der hellere nordische). Den alten Thorbeeken charakterisiert Albert Stein- rück wuchtig und echt. Ein Kabinettsstück eines alten Adligen macht Paul Otto aus dem Grafen. D. Die gute, alte Operette. „Vi« Dame vom Zirkus" im Zentraltheater. Robert Dinterberg, der famose Theatermann, hat mit der Wiedererweckung seiner Borkriegsoperette„Die Dame vom Zirkus" einen sehr guteck Griff getan. Es gibt wieder ziemlich viel Leute, die eine gefällige, melodiöse Musik mit Walzern und Polkas dem Gerassel von Foxtrotts, Charlestons und Blues em- schieden vorziehen. Und wenn ihm auch seine Textdichter allzuviel blaue Grafenromantik zumuteten, so siegt bei ihm doch immer der feine Geschmack und der solide Musiker. Die Hauptdelikatessen sind freilich die, wo er ein beinahe Leo Fallsches Instrumentations- talent zeigen kann. Da er Direktor, szenischer und musikalischer Leiter in einer Person ist und sich sein« Truppe selbst zusammen- gestellt hat, so gab es eine Aufführung, die des besten Operetten- theaters würdig war. Der unwiderstehliche, kernige Nachtwächter Fridolin Leopold Hainischs, eine prachtvolle, alles über- ragende Charakterstudie, die famos singende und sehr lieblich spie- lende Partnerin Iosephine Klein, endlich einmal eine so recht unverbraucht« Soubrette. Hermaan Böttcher, der trottelhafte ältere Graf, Hermann Wolder, der Neffe und faszinierende „ijeld", Lotte Carola, die entsetzlich edle Zirkusreiterin, die stimmlich allerdings nicht ganz sattelfest ist, B o z e n a Bradsky, die ausgezeichnete Komikerin, Gustav Schirmer und Paul Prügel boten Allerbestes. H. M. Aus dem schwarzen Bayern. Der umgearbeitet« Luther-Film sollte gestern in einem Münchener Lichtspielcheater zur öffentlichen Vorführung gelangen. Bei einer Probevorführung in der Polizeidirektion München wurde jedoch festgestellt, daß sich auch jetzt noch in dem Film eine Reih« von Darstellungen besindet, die das religiöse Empfinden der katholi- schen Bolksteile verletzen können. Es hat sich deshalb die Not- wendigkeit ergeben, durch einen Antrag auf Widernff der Zu- lassung des Filmstreisens die Filmoberprüfftelle in Berlin mit einer Nachprüfung des Filmstreifens zu befassen. Die Polizeidirektton München hat deshalb bis zur Entscheidung über den Widerrufs- antrag die Vorführung des Blldstreisen» in München vorläufig untersagt._ V'e S'uöenlenschatt der hochlchvle för INusil veianlleltet Ihr dirSj'.hrigeS Kollümscsl unlcr ta Teriir„Volisineball. tine Äacht aus SHonlrnavtic* «rn Sonnobcnd dem 25. Februar, im„Rheingold". Der Re-nerlriz ist jür die bedürftigen Sludierenden bestimmt. Beendeier Kampf in M'iieldeuischland. Wiederaufnahme der Arbeit ohne wesentliche Zwischenfälle. halle. 24. Jebruar.(Eigenbericht.) Sie Ilachrichtea aus dem mitleldeullchen Kampfgebiet, die bei der Bezirksleitung des Deutschen Metallarbeiterverbandes bis heute mitlag eingelaufen, lassen erkennen, dah die Wiederaufnahme/der Arbeit sich im allgemeinen glatt vollzieht. Zn einzelnen De- trieben ist es allerdings zu nicht sehr erheblichen Zwischenfällen gekommen. So halte e« bei dem Stahlwerk der Krappwerke in Magdeburg einige Schwierigkeiten gegeben, weil die Direktion verlangte, daß die Belegschaft sich verpflichten solle, weiter im Z w e i- schichtensystem zu arbeiten, was selbstverständlich verweigert wurde. Es ist schließlich ein Uebereinkommen gelrossen worden, wo- nach der Schlichtungsausschuh am Sonnabend über den Streitsoll— Zwei- oder vreischichtensystem— entscheiden wird. Achnlich liegen die Dinge bei dem Hüttenwerk in Thale. Das Eisenwerk Mayer u. Sohn in Harzgerode versuchte 30 Mann zu maßregeln. Auch hier sind die Schwierigkeilen zum größten Teil bereits behoben, da die Airma sich verpflichtet hat. die gesamte velegschasl bis auf vier junge Leute wieder einzustellen und die lehtcren gleichfalls bei späterem Bedarf. Das Eisenwerk B r I n z l e r- Ammendorf versuchte den früheren Betriebsratsvor- sihendcn zu maßregeln, worauf die gesamte Belegschaft von Sll Mann sich weigerte, die Arbelt wieder aufzunehmen. Ein ähnlicher Aall liegt in Magdeburg bei der Airma Polte vor. Von diesen Einzelfällen abgesehen, die durch Verhandlungen geregelt werden dürften, hat sich die Arbeitsaufnahme überall glatt vollzogen. Die Gesamtausfperrung aufgehoben. Der Gefamloerband Deutscher Metallindustrieller tellt mit: Nachdem die Arbeiter in Mi/leldeulschland heule die Arbeit wieder ausgenommen haben, hat der Gesomwerband Deutscher Metall- industrieller den Beschluß der Gesamtaussperrung aufgehoben. Bardame sucht Stellung. Bei 8V M. Einkommen 25 M. Provision. Enischeidungstampfe bei den Freidenkern. Die Richtungskämpfe im Verband für Freidenkertum und Feuerbestattung E. V. treten nunmehr in ihr entscheidendes Stadium. Nachdem durch sine Beiratssitzung des Verbandes kürzlich festgestellt wurde, daß die Bezirke außerhalb Berlins geschlossen hinter der jetzigen Verbandsleitung stehen(diese erhielt mit allen gegen eine Stimme ein Dertrauensvotum), soll nun auch in Berlin reiner Tisch mit der Opposition gemacht werden. Die Vsrbandsleitung Hai die lieuwahlen zur Berliner vezirksleliung durch Urwahl für den 25. Mär, d. 3. festgefetzt. 2In diesem Tage muß der Zerstörungsarbeit der kommunistischen Zellenbauer das Handwerk für alle Zeit gelegt werden. Es ist Pflicht jedes Mitgliedes der Freidenkerorganisation, seine Stimme bei dieser entscheidenden Wahl in die Wogichal« zu werfen. Eines jener Häuser am unteren Ende der Friedrichstraße, wo die Bierkneipen und„Weinsalons" vierter Güte liegen, wo die Reklaineanpreisungen, gleichviel ob es sich um austretende Kunst- kräste, saftige Eisbeine oder„echt sranzöfische" Wohlgerüche handelt, immer schreiender und dringlicher werden, wo Armut und Laster, eng verbrüdert, die Straße entlangzieht, weil hier der Wcttlaus all der kleinen und dunklen Existenzen im Riesensammelbecken„Welt- stobt" mündet. Ouergebäude, I Treppe. Ein alterschwacher einstöckiger Bau. Zweifensterfront. Im Parterre befindet sich eine„Jlünstleragentur", aus der nervöses Gelächter, aufgeregtes Stimmengewirr der ein- und ausgehenden Künstler dringt. Ueber eine antike, wendelartige Treppe geht es zur„Stellenvermittelung O.". Gleich vom Treppen- ende sieht man in eine dürftige, total verwahrloste Stube. Auf der einen Seit« der Türe ein bis oben angefüllter Schmutzeimer, auf der anderen Seite häusliche Reinigungsapparaturen, wie Besen, Schippe und dergleichen. Auf dem Sofa liegt ein älterer Mann, der die eintretende Kundschaft sofort, scharf musternd, ins Auge faßt. An einem improvisierten Schreibtisch, umrahmt von allerhand An- sichtspostkartenschönheiten, steht ein weibliches Wesen, das beim Eintritt der Fremden flugs den Rüttelbesen mit dem Federkiel oer- tauschte. Sie nimmt von den Eintretenden keinerlei Notiz, ebenso hält es der auf dem Sofa Liegende nicht für notwendig, den Gruß zu erwidern, oder seine Lage zu verändern. Er eröffnet jedoch sofort den Dialog mit dem Mädchen: Also Sie wollen in«in« Bar? Wie alt sind Sie denn überhaupt? Sie: 28 Jahre. Er: Ach, um Eotteswillen, viel zu alt, die„Herren" wollen doch nur was ganz Junges haben, allerhöchste»» Anfang der Zwanzigir. Je jünger, desto besser. Vielleicht haben Sie«ine Freundin oder Schwester, so mit 18, 19 Iahren, das such«» wir. Auf die Frage noch den weiteren Bedingungen meint er: A!so jung muß sie sein, hübsche Garderobe haben, das ist alles. Können braucht sie nichts. Dienst ist von abends 7 Uhr bis Geschäftsschluß 3 bis 4 Uhr morgens, manchmal auch länger. Die Gehaltsfrage würde so gelöst, daß«in Monatseinkommen von 89 M. bei freier Station so gut wie sicher ist. Ueber das Nähere der freien Station wüßte er keinen Bescheid.(Dies im voraus fest- zustellen, ist mehr als wichtig, denn man weiß, wie bei kleineren Dienststellen dieser Art die Sache vor sich geht; daß die Mädchen oft mit mehreren zusammen in kleinen Drectlöchern vegetieren müssen bei schlechter, unzureichender Kost usw.) Wie es mit der Reise- Vergütung sei? Ja, Gott, mancher Direktor zahlt die hinreis«, mancher auch nicht, wie es eben gerade kommt. Und seine Ein- schreibegebühr oder Prozent«? So was gibt es bei mir nicht. Sie zahlen mir im voraus 2 5 Mark, ich gebe Ihnen einen Zettel, und damit ist die Sache erledigt und Sie können sogleich abdampfen. Und wenn man nun dem Direktor nicht gefällt? Keine Bange, wenn Sie mir gefallen, dann gefallen Sie auch dem Direktor, ich weiß koch, was gewünscht wild. Eine Umfrage bei den Geschästskollerjen dieses Herrn ergab, daß für Stellungen dieser Art im ganzen 3 Mark an Vermitllergcbühr, nach Antritt der Stellung, zu bezahlen sind. Im übrigen scheint diese saubere Firma nicht allzu bekannt zu sein(vielleicht hat sie sich das Prädikat„gewerbsmäßig" auch selbst zugelegt), denn aus verschiedene Anfragen bei einschlägigen Vermittlungsstellen, wie zum Beispiel beim Genfer Verband der Hotel- und Gastwirtsangestellten, wo Stellungen für Bardamen nachgewiesen würden, wurde nirgends der Name dieses Herrn O. genannt. Es wäre entschieden angebracht, den„geschäftlichen Transaktionen" ein wenig auf den Grund zu gehen, um künftige Opfer vor schamloser Ausbeutung zu bewahren. Acht Jahre Juqendbühne Lichtenberg. Mit einer wohlgelun�enen Veranstaltung beging die Jugend- bühne Lichtenberg die Feier ihres achtjährigen Bestehens. In seiner Begrüßungsansprache hob Bürgermeister Dr. Siggel den hohen kulturellen Wert der Inzzendbühne als Vvlksbildungsinstitut hervor und sprach gleichzeitig sein Bekouern darüber aus. daß der Antrag zur Schaffung eines neuen Vorführungsraumes abgelehnt wurde. Es folgte ein von Stadtoberinspektor Griepe verfaßter und gesprochener launiger Geschäftsbericht, der dem Publikum in Form eines modernen Märchens die Titel aller bisher gezeigten Filme— 86 an der Zahl— ins Gedächtnis rief. Das vergnügle Schmunzeln verdichtete sich zu schallendem Gelächter, als Stadtoberinspektor Griepe nunmebr einen Originalsilm anno 1998 mit der damals üb- lichcn mündlichen Illustraiion— im urberliner Dialekt mit allen seinen Schwächen vortrug. In der weiteren Folge wurden die eigenen Filme gezeigt, die über die Arbeiten im Bezirk Bericht gaben; so die Ansicht des neuen Bolksbades in der Hubertusstraße, der Schul- Hausneubau in Kaulsdorf, eine Aufnahme des Regenwassersammlers am Krausenpfuhl und eine Kahnfahrt auf dem Sumpfgelände. Der verfilmt«„Fidcle Bauer" bildeten den Abschluß des vergnügten Abends. (Schluß des redaktionellen Teils.) Gr« he garderooe mit oen neuencn iuioocui'n-.— auf die EpuralaMcilunfl„Anfertigung nach Mag" aufmerksam gemacht, in der nur gute Stosfe mit besten Zutaten verarbeitet werden, ifie girma Julius Fabian, die demnächst auf ein LSjSbrige, Vestchen.»nriickblieken kann, bat sich durch ihr» Kulanz und Leiswngsfäbigkeit einen grasten Kundenkreis erwarben, fa daß die bestehenden Ecschäktsränm« ganz bedeutend erweitert werden mußten. Tin Desuch kann nur empfahlen werden. - i n. i iiiini i i»'— i■*.1 Derantwartlich für die Redaktion: Tuge» Prager, Derlin: Anzeigen: Th. Elackc, Berlin. Verlag: Darwärts Verlag G. m. b. H., Verlin. Druck: Varwärls Buch- drucke«! und Vcrlagsanstalt Paul Tinger äe Ca., Berlin£3 C8. Lindcnstraßc 3. Sierzu I Vellage Freitag, 24. 2 28 Staats-Üpej AmPl.d.8epuM. TT, Uhr üsr Arzt wider itaatl. Sdiauglielh. Am Qendinneinarirt 8 Uhr Freitag. 24. 2. 28 Bismarckstr. GniM. Torstellanz. I Staatl. Sdiillertü.| Charlottcnburg S Uhr Weh1 den der lügt Wolks bühne Tbiat« am SIlayglitilTh. am tolflbauerriimm 8 Uhr 8 Uhr Mldeidang Schieber des Antonio Carossa des Rnhms CASINO-THEATER» uw Lothringer Str. 37 Nur noch wenige Aufführungen! Die(panische Fliege. Aaudineidea. Qutschem 1—4 Pars. pauieuil nur 1,10 M.. Sessel nur 1,60 M. Nollendorf 7360. Albertina Rasch-Girls im Rahmen des großen Variete-Programms! Sonnabends n. Sonntags le 2 Vorstelinnöen 3 30 ii. 8 Uhr— 3*> zu ermäßigten Preisen des panze Programm. ßeatscliesltiaatef Norden 12 310 AbonnementsbDro: Norden 10338-39, S'/jU, Ende nach 10 Zwfirff««end wmmm Kammerspiele Norden 12310 8»« U.. Ende 10 Uhr Finden Sie, da!) [nnstance sidi riditig ycrtiält? Reictishailen•Vhealer . 8 Uhr, Sonnig, nachm. 3 Uhr. Stettiner Sänger „Hoites Wochenende" nachm. h a* b e Preise. Dönhoff- Brett'l: 28. Februar: 1000. Falkner- Koarert. Renaissance- Theater Steinplaa 901 810 uhr Coeur Bube. Komische t1;, Uhr Oper SV, Dhrl James Kiein'sl gewaltiges neues Revue>StUck: Zieh' didi aus! 200 Hiftrirkende. Vorverkauf ab 10 Uhr ununterbrochen. Die Komödie Bismarck 2414/7316 8'/, U. Ende 10V, U. Marcel FradeliD (Der Eunuchl BtrllM Ibeattr Direktion Kuhnert lirMimtr.» V.IWd.lfl 81', Uhr Max Adalbert als Der Herr von... iMscalorbübne 'hlBt. z. NllllQliirflllti Kurfürst 2001/93 Anf. 8. Ende geg. II Die Abentener de> braven Soldaten Sebwefk mit M» Pallenbtn litt. Erwin Pisator iiiinimrj-diitteii Jts..Unsller- Iis. 8 Uhr: «Eveiyne*4 -essing-I heater 8 Uhr „Rose Bernd" Ihalla-Theater Dresdners tr. 72.73 BD.; Du Haine) geht dotdi das Hadelühr •anemV-A-.r»JV M idlB�lstHlatl kh. KSnleirär- Si.»i Tßgl.?'', Uhr" Bergm.2110. 8". Uhr: Flucht na John OlhTOlhy kqie- Tithf Banewihr KomSdlenhaat Norden 6301. 8.18—10 40 Uhr von Curt Oöti Residenz-Theater Tägl. 8V. Uhr Wiederauhrcten d. Rundiunklenors Franz Baumann in der Operette WIIüii am RheiD Sonntag 3", Uhr die ganze Vorstellg. zu halben Preisen Lnstspielhans 8V, Uhr (Juido Thlclscher Oesdiäftsanfsidrt" Hose-Theater Gr. Frankf.-Str. 132. 8V« Uhr Der Pianrer von Hirdafeld SAUER- REVDE 2 Sonntag Verstell?:« 3 Uhr u. 8% Uhr ixtim. die ganze Vir- diHuws n MV Prv'i. Walhaila-Th. Weinbergsweg I9i20 Täglich SV, Uhr Das WlMMM Schwank in JAkten iooiBdiiihg leinen Zilrittl Vorzeiger dieses zahlen Tür Parken such Sonntags statt Mk nur 66 PJ. Sonntag nehm. 4 U- DotnrSsdien Parkett v. 30 PI. an. fheater des Westens Täglich 8V, Uhn HlaiMutisea« lelite Liebe WIrl, Hnlfmann, Jolan, Ollle, Alhu KleiD« Mer Täglich 8>, Uhr Erika GISHner iE Grefchen Für Jugendliche nicht geeignet So. nachm. 4 Uhr emu euner Lim die KekMte kleine Preise Inlerieren brlnjt ERFOLG t Metropol-Th. Heule V,8 Uhr preoilere Der Graf von Luxemburg !a:Iif, flulr, lindrad. g jrnililu. S«l(h Irtr Heeert. Hell. Pziüi Planetaron am Zoo '■'RÜig. Jflidt milhilar Stnlr Noll. 187° 16'/, und 21 Uhr Der Sternhimmel der Heimat 18 Uhr Einführung in die Hlmmelsknnde I9'lt Uhr im Belche der Ritlernaehtsstnae Eintritt I M. Xiile nt. ti Jikm 5.50»• Nur noch wenige Taget FradcSy Rieh m seinen 14 unerreicht. Kiir.ssieru Hierzu das erofle Varictä-Prop Theater am Koübusser Tor Koltbusser Slrnßc 6, Täglich 8 Uhr Elite- Säysfisp kitUiin in zader Firn Jeden Sorntat naclim. 3 Ihr: trotte FamiUeit-TsriieiiDnd (ungekürzt). Volksur. 0,49. 0.75. I.—. 1.78. 1.801.75 Mk. MMMM arnola Sc..o.z, hatenuttac Iii» il-, TI«lIchi in äen bayr. Alpen 1 iZHllii/ Hone Dskorat. ✓ 30 bayr. Kadein Sonnabend, 25. Febr.: AusTerkauft. Soniilag: Kr Aipenball. PROGRAMM für die Zeit vom 24. bis 27. Februar 1928 K I N O= TAF E L P R O G R A für die Zeit vom 24. bis 27. Februar M M T 1923 Potsdamer Straße 38 Elisabeth Ber�ocr in Dona Juana Für Jugendliche Rheinstraße 14 Herkules Maler mit Reinhold Schänzel Th. am Moritzplatz Beginn: W. 5,30, 7. 9,15. S. ab 3,00 KSnlgin Laisa II. Teil jugendliche haben Zutritt Film-Palast Kammersäle Teltower Straße 1— ♦ Kflnigln Luise, II. Teil mit Mady Christians Odeon, Poltdamer Sir. 75 Der alte PrUz(2. Teil, Ausklang). mit Otto Gebühr Für Jugendliche Turmstraße 12 Bllsabeth Ber gner in Dona Juaaa Für Jugendliche Alexanderstraße 39-40 (Passage) Die indiskrete Frau mit Jenny Jugo« Maria Paudler« Oeorg Alezander j>» 15 d«•»> Luisen»Theater Reichenberger Straße 34 Ich hatte einst ein sc iftnes Vaterland BUn: Revno Hoppla»o Heben wlrl KolibrlsLichtspiele Belie-Alliance-Platz 2 Bddi Polo: Der Gehelmfresor Buster Keaton Harold Lloyd PassageaLichtspiele Neukölln, Bergstraße 151—02 Das Geheimnis von Genf Ferner: Bnhnenschan Schwarzer Adler Frankfurter Allee 99 Sonne na u gang Büline; Die große Henry Bender- Revue; Schön sehn wir aus! ViktorlaaLichtbildaTh. Frankfurter Allee 48 Ratnhald Schünzel in Gustav Mond, Du xebst so stille I BübBcnscbau Concordia=Palast Andreasstraße 64 Schinderhannes Beiprogramm BQhenschau Kammerlichtspiele Friedrichsfelde, Berliner Straße 18 Deutsche Frauen, deutsche Treue Rivalen der Wildnis WeltsKIno Alt-Moabit 99 W. 5,15. Stg. 3 Uhr Pat u. Patachon in Pelikan en Toms gefahrlichstes Abenteuer Jugendliche haben Zutritt Pharus= Lichtspiele Müllerstr. 142 Herku'cs Maler(Reinb. Schünzelj Artisienliebe Alhambra Müllerstr. Schuldig? Auf der Bühne die große Revue: Das sowie.* o LSP L et tspie'.e am Senefelder platz Der rote Ritter der Luft Carlo Aldini: Jagd auf Menschen Jugendliche haben Zutritt MetroePalast Chaussccstraße 30 Der alte Prltz. QebGhr) Beiprogramm Buhnenschau n. Teil.(Otto Skala-Lichtspiele Schönhauser Allee?0. Dolores del Riot Die Liebe vom Zigeuner stammt Beiprogramm Bühnenschau Kristall-Palast Prinzenaliee 1—6 Der groBe Sprung Prinzen-Palast Prinzenallee 42—43 Die Sünde der Alice Berndt Gastspiel des beliebt Komponisten Julius Elnödshoier mit seinem Ensemble Humboldt-Theater Badstraße 19 Alraune Marienbad-Palast Badstraße 35—36 Die Sünde der Alice Berndt Die Ineel der Srkeaalalr .Alhambra" 99 Badstraße 58 Sein Hund(Josei Schildkraut) Die große Ausstattungsrevue Wa. meinen Sie 8 Ballschmleder-Lichtsp. Bad straße 17 Frühreife Jugend Der Strifllngsknvallcr Bühnenschau Tivoli Lichtspiel Th. Berliner Straße 27 Pat uad Patachon In Pellkttnlen Bühne: Die große Zwergrevue K.eln aber fein Palast-Theater Breite Straße 21a Der alte Prtir. I. Teil (Prledef Linden- Lichtspiele Residenzstraße 124 W. 7,9. S. 3, 5, 7, 9 Die Jugend der Königin Luise (Mady Christians! Jugendliche haben Zutritt Bürgergarten-Lichtsp. Hauptstr. 51 und Lindauer Straße Moral mit Bllcn Rich er Dazu das gr. lustige Bciprugrnmm Schlüter-Theater IschlÜterstr. IT Wochent 7, 9,15. Sonnt, ab 4 Uhr Otto Gebühr in Dei alle Frlta I. Teil(Friede) Jugendliche haben Zutritt Sonnabend, 25. Februar, 11.15 Uhr: Gesetze der Liebe. Der aktuelle Aufklärungsfilm mit Vortrag eines Arztes Faun-Lichtspiele Krumme St/aße 37 Artisten(Im Zauber der Manege) Beiprogramm Jugendliche haben Zutritt fimelka-Palast Kurfürsiendamm 68 Uraufführung: Tragödie im Zirkus Royal a �- c I 1 t r,"fc Titania-Palast Schloßstr. 5, Ecke Culsmuthsslr. B s lomtag: Deralic Fritz(2.Teil) Ab Montag Uraufführung: OarPlccolo vom goldouen Löwca (Beilage Frfitag, 24. Februar 1928 BfrAton) SfuUauigaße Jex iburäsA Bitte Bfimmmg an den 2-k9vbmai> /M Die Französische Revolu- tion von 1789 steht in monu- mentaler Größe vor unserem geistigen Auge. Wir blicken mit?teid auf die Entschieden- heit, mit der eine Klasse, die Bourgeoisie, ihre Selbständig- keit erkämpft. Mit Neid, weil bei uns um dieselbe Zeit Bür- ger und Bauern, durch die Schranken der Klein- st a a t e r e i auseinanderge- rissen, sich zu keiner befreien- den Tat aufzuschwingen ver- mögen: weil sie nach dem Grundsatz„Teile und herrsche" von Monarchie und Adel mühelos niedergehalten wer- den und erst durch Napoleons Fremdherrschaft den Geist des neuen, des bürgerlichen Zeit- alters, zu spüren bekommen. Die ungeheuere sittliche Kraft, die die Erhebung Preußens und die Ueberwindung der napoleonischen Militärdikta- tur ermöglichte, ist aus den- selben Quellen gespeist wie die Erstürmung der Bastille. Aber während diese Kraft nach außen, in der Bekämpfung des Na- tionalfeindes, abgelenkt wird— Napoleon gebrauchte im Grunde dasselbeRezept, um sich seinenThron zu sichern—. gra- den sich die oierunddreißig deutschen Fürsten, die Napoleons Reinigung immer noch übrig gelassen hat. tiefer als zuvor in ihre Locher ein. Die Völker, die für die Erhaltung ihrer Throne geblutet haben, werden in ihrer Hoffnung auf ein einiges, verfassungsmäßig regiertes deutsches Reich schmäh- lich betrogen, und die„Heilige Allianz" der absolutisti- scheu Monarchien Rußland, Oesterreich und Preußen b.e?. herrscht ganz Europa. Alle Errungenschaften der großen Revolution und des napoleonischen Zeitalters scheinen verschwunden zu sein. In England, dem Mutterlande der Parlamente, werden Ver- zweiflungsausbrüche hungernder Industriearbeiter im Blut erstickt, und selbst in Frankreich ist von„Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" keine Rede mehr. Metternich, der öfter- reichische Ministerpräsident, die Seele der„Heiligen Allianz", hat die Bourbonen wieder in den Sattel gehoben, die„nichts gelernt und nichts vergessen haben". Ludwig XVIII. und dessen Nachfolger K a r l X. mußten noch seiner'Pfeife tanzen. Europa war wie ein einziger großer Kirchhof. Militär und Polizei regierten wie eine terroristische Internationale. Die wenigen süddeutschen Staaten, die sich einer bescheidenen Verfassung erfreuten, wurden von den Militärmächten Preußen und Oesterreich umklammert und mit Hilfe des Deutschen Bundes niedergehalten. Der Großherzog von Baden wurde, als er in Uebereinstimmung mit den ' hfai. SS.'' i"-»f -----. Kapitalistische Kolonialpolitik. tOaamieT) Ständen die Pressezensur aufheben wollte, von eben diesem Bundestag gezwungen, sein Fürstenwort zurückzunehmen und unter Bruch der Verfassung die Zensur schleunigst wieder- einzuführen. Am befremdlichsten war diese Unterdrückung der bürger- lichen Freiheit in F r a n k r e i ch. Sollte dieser Staat, der ökonomisch und kulturell vor dem jämmerlich ohnmächtigen deutschen Kleinstaatenbündel um mindestens ein Menschen- alter voraus war, feine beispiellos heroischen Kämpfe um- sonst ausgefochten haben? Die Methoden feiner Gewalthaber unterschieden sich durch nichts von den in Preußen und Oesterreich üblichen. Die Begünstigung der Pfaffen und des Adels schürt die Erbitterung im Volk. Ein Unbesonnener läßt sich durch Polizeispitzel— auch sie eine internationale Korruptionserscheinung— zu einem Attentat verführen: der 1 Herzog von Berry, ein Verwandter des Königs, wird 1820, zu äußerst gelegener Zeit, ermordet. Ein famoser Anlaß, um das liberale Ministerium Delfolle-Decazes wegzvjagen.(In Deutschland hat später ein Attentat auf Wilhelm I. zum Sozialistengesetz geführt!) Frankreich wird klerikal iiud „rettet" Spanien durch einen militärischen Einfall vor dem Liberalismus. Unter Ludwigs Nachfolger Karl X. wird es noch schlimmer. Das„Sakrileggesetz" bestraft jeden, der sich an kirchlichen Geräten vergreift, mit dem Tode Eine Mil- liarde wird als Entschädigung ausgeworfen für die Familien der in der großen Revolution ausgeriffenen Aristokraten. Die Königstreuen veranstalten eine Haussammlung. e r, der genialste aller Karikaturenzeichner, so schonungslos porträ- tiert hat. Das Bild prägte sich so jehr dem Volksbewußtsein ein, daß man vom 24. Februar nur als von dem„Großen Birnenschütteln" sprach. Diese Revolution, die..Febniar-Reoolution", war in ihrer Wirkung nach innen und aiijie. viel starker als die Juli- Revolution gewesen war. �ie verhalf der Republik zum , Siege und brachte zum erstenmal S o z i a l i st e n in die Re- gierung: die Arbeitervertreter Ledru-Roilin, Albert, ' Louis Blatte. Hermann Hieber. Arbeiterwohmmge« in Moskau. Von Prof. L. Iacobfohn-Lask. In Moskau besichtigte ich einige Fabriken; dabei hatte ich auch Gelegenheit, Arbeiterhäuser innerhalb des Fabrikgsbäudekomplexes kennenzulernen. Diese Häuser sollen noch aus früherer Zeit stammen, sie müssen aber vorläufig nach benutzt werden, weil die Wohnungsnot, wenigstens in den Grohstädten, zu groß ist. Es wohnen in einem solchen Hause weit über hundert Familien. Das ist nur dadurch möglich, daß in diesen gejängnisartigen großen Ge- bäuden jede Familie, mag sie klein oder groß sein, nur ein Zimmer hat. In dem einen Wohnhaus, das ich sah, waren die einzelnen Zimmer länglich groß und konnten durch einen querlaufenden Vor- hang in zwei Abteile geteilt werden; in dem anderen Wohnhaus, das zu einer anderen Fabrik gehörte, waren die Zimmer aber er- hcblich kleiner. Ein solches Wohnhaus ist, wie mir gesagt wurde, nur für Verheiratete bestimmt, wie es auch in der früheren Zeit gewesen ist. Aber zu jener Zeit waren diese Häuser mehr für die Beamten der Fabrik und für hochqualifizierte Arbeiter bestimmt. Die übrigen Arbeiter konnten sehen, wo sie ein Unterkommen fanden, Ein solches hohes, langgestrecktes Gebäude macht einen recht düsteren Eindruck. In den Etagen ziehen sich lange Korridore hin, die zu den Einzelzimmerwohnungen führen. In dem einen Arbeiterhaus waren diese Korridore noch voll Hausrat, weil die Ann m er für desien Aufnahme absolut nicht ausreichten. Ich Das erste Kugelhaus. Das erste Kugelhaus der Welt wird in der„Technischen S tadt", der Lahresschau Deutscher Arbeit Dresden erbaut. Das Haus wird einen Durchmesser von 2S Meiern haben und auf einem Sockel von etwa S Metern ruhen. fand Zimmer, in denen zwei bis drei Personen wohnten, aber auch andere, in denien sechs bis zehn Personen durchhalten müssen. In manchen dieser Einzelzimmer wohnen mehrere Generationen, Estern, deren verheiratete Söhne oder Töchter mit deren Kindern. Die Stube besteht dann eigentlich aus nichts anderem als aus genau »ach der Körpergröße der einzelnen Personen abgemessenen Lager- stätten, wobei über den Lagerstätten noch Windeln oder andere Wäschestücke zum Trocknen aufgehängt wurden. Fragte man einzelne dieser Leute, ob sie zufrieden sind, so bekam man gewöhnlich die Antwort: ,FZa, es ist gewiß noch manches schlecht, besonders das Wohnen, aber wir haben doch satt zu essen, für unsere Kinder wird viel getan, und wir haben ständige Arbeit.* Im Zimmer jeder Familie hängt natürlich das Bild von Lenin, mitunter auch das anderer Volkskommissare. In einem Zimmer wohnte eine SSjährige Frau mit ihrem Anhange. Hier in diesem Zimmer hingen an der einen Wand noch die alten Heiligen- b i l d e r und es brannte ein Lämpchen bei ihnen; auf der gegen- überliegenden Wand hing der Sowjetstern und das Bild von Lenin. Die eine Wand war das Heiligtum der alten Frau und die andere Wand dasjenige der Jugend. In der Nacht, wenn alles schläft, solle» diese Symbole Zwiesprache hasten. Die Wand der Jugend lächelt zum Gegenüber und sagt:„Sic tr»nsit eloria mundi"(so vergeht die Herrlichkeit der Welt), und die andere erwidert:„Ich war von Ewigkeit und werde in alle Ewigkeit bleiben, wenn auch in verschiedener Gestalt. Wie lange du existieren wirst, das möchte >ch dir nicht prophezeien.* Als ich durch die Korridore ging, be- gleitete mich eine Schar von Kindern. Diese Kinder sahen blaß und vielfach kränklich aus(rachitisch). Das kann ja bei diesem engen Zusammenwohnen auch nicht wundernehmen. Einzelküchen gibt es in diesen Häusern nicht, sondern nur riesige Backöfen, in denen jede Familie einen besonderen kleinen Raum zum Kochen hat. Außer diesen Arbeiterhäusern gibt es kleinere Häuser, in denen etwa vier bis zehn Familien wohn'en. Diese Häuser sind in den letzten Jalnen ziemlich zahlreich gebaut worden— mitunter steht man ein kleines Stadtviertel voll von solchen Neubauten— mit Küche, Badezimmer und was sonst noch dazu gehört. Sie sind recht praktisch eingerichtet. Freilich sind sie unverhältnismäßig teurer als die anderen. Während ein Zimmer in den Massen- quartieren im Durchschnitt etwa 3 Rubel den Monat kostet, betrug der Mietspreis der Zweizimmerwohnung in einem erst vor kurzem fertiggestellten Hause 40 Rubel den Monat. Der Besitzer der Wohnung hatte sie genommen, weil er gerade gute Arbeit und guten Lohn hatte. Dann aber war er wegen Invalidität pensioniert worden und erhielt nun natürlich eine kleinere Monatsrente. Dadurch war er gezwungen, ein Zimmer zu vermieten. So soll es vielen gehen, ja, manche müssen dann auf solche besseren, kleinen Wohnungen ver- zichten und sich irgendwo mit einem Zimmer begnügen. Kür jüngere Politiker. Die Reichstagswahl vom Januar 1912 hatte der Sozialdsmokra- tie 119 von den 397 Mandaten gebracht, Scheidemann wurde erster Vizepräsident. Da er aber nicht zu Wilhelm aufwarten mitgehen wollte, stand es vier Wochen später, bei der endgültigen Wohl des Präsidiums, schon fest, daß er nicht wiedergewählt würde. Den Wahlgang für de» Präsidenten hatte er aber noch zu leiten. Er verkündet:„Der Namensausrus zur Sttmmzettelabzabe beginnt mit dem Buchstaben K.* Die Reichstagsakustik ist schlecht. Viel« verstanden nur das„a* und riefen fragend hinauf: A? H? K? Woraus der rote Vize mit schallender Stimme denen, die ja doch entschlosien waren, ihn durch- falle» zu lasten, oerkündet:„K— w i e K a m e l.* Es dauerte minutenlang, ehe der so eingeleitete Namensausrus wirklich beginnen konnte..,. CopxrijZln lein by Weltbücher-Verlag, Berlin. Deutsch-amerikanische Groteske von Joseph Oelmont. Sing Lu Hü sah genau so harmlos aus, wie Millionen seiner Landsleute. Er hatte den trippelnden Gang des Bühnenchinesen. besaß eine Fistelstimme, konnte das R nicht aussprechen und be- fleißigte sich, den dämlichen Ausdruck seines(Gesichtes noch eindrucks- voller zu gestalten, als er es schon wir. Sing Lu Hü war weltgereist. Als kleiner Waisenknabe rvar er von dem„Unternehmer* Wang Su Wang nach Europa gebracht worden. In der Londoner Borstadt Islington bestand eine kleine Ehinesenkolonie, die sich mit der Herstellung und dem Bertrieb der grotesken und bizarren Seifensteinnippes befaßte. In einem alten, häßlichen, übelriechenden Gebäude befanden sich die Fabrik- und Wohnräume für die aus achtundzwanzig Personen gebildet« Chinesenkolonie. Bon dort aus wurden die Hausierer mit den Seifenstein-Kunstwerken über den ganzen Kontinent ausgeschickt. Die Gesellschaft— bestehend nur aus Wang Su Wang— hatte Warenlager in Hamburg, Berlin, Kopenhagen, Antwerpen, Paris usw. Sing Lu Hü war auf dem Eharing Croß Bahnhof Zeuge, wie ein Langfinger einer Dame eine kleine Tasche geschickt abschnitt und einem Herrn auf noch raffiniert einfachere Weise die Brieftasche, Uhr und Kette entwendete. Der Taschendieb hatte bemerkt, dgß er von dem kleinen Chinesen beobachtet worden war und steckte rasch einem harmlos aussehenden Reisenden die gestohlenen Gegenstände zu. Sing Lu Hü besah sich auch diesen Vorgang von einem Versteck hinter dem Zeitungskiosk und schlich an den Harmlosen heran. Dieser Gentleman heuerte vor dem Bahnhof am Trafalgar-Square ein Hansomcab. Dienstbereit öffnete Sing Lu Hü die doppelte Vordertüre, half dem Gent in den Wagen und eskamotierte die goldene Uhr und Kette aus der Tasche des Herrn in seinen Brust- beutet. Nachdem Sing«inen Pcnny Trinkgeld erhalten hatte, begab er sich in eine Lyons Drei-Penny-Teestube und hielt bald darauf seine Mittagssiesta auf einer Bant im Hydepark, wobei er einer neben ihm sitzenden, romainlesenden Nurse zwei halbe Kronen aus der Handtasche stibitzt«. Dies waren des kleinen Chinesen Anfangsgeschäfte in dem kultivierten Europa. Wo immer auch Sing Lu Hü hinkam, sah er, wie die Menschen einander übers Ohr hieben, und so tonnte es nicht Wunder nehmen, daß dieses Talent sich im stillen zu einem großen Gauner bildere. Sing Lu Hü arbeitete stets allein. Bei allen Geschäften. Er hieß jedesmal anders. Das große chinesische Reich gab aus seinem Wortschatz einen unerschöpflichen Born melodischer Namen. Mit dem Verkauf von Seifensteinkunstwerken gab sich Sing Lu Hü nicht lange ab. Eines Tages erschien er im Lager des Winz Lan Fu in der Kaffeemacherreihe in Hamburg, wies ein neun Meter langes Schrift- stück vor, das ihn bevollmächtigte, da» ganze Lager zu übernehme». Außer dem genannten Schriftstück zeigte Sing Lu Hü dein überraschten Landsmann eine Quittung von beiläufig ein zehntel Kilometer Länge., Der bestürzte Wing Lan Fu lief zum Konsul des Reiches der Mitte, welcher die Dokumente des Sing Lu Hü anzweifelte. Als Wing Lan Fu zurückkehrte, fand er die Arbeiter und Packer eines großen Warenhauses aus der Großen Steinstraße, welche unter der Leitung eines Angestellten der Firma die Kisten mit den Seifensteinfabrikaten auf einen Wagen verluden. Sing Lu Hü hatte das ganze Lager fiir'eine runde Summe verkauft und saß bereits in dem Schnellzug Hamburg— Berlin. Während der Fahrt untersuchte er das Gepäck seiner Mitpassagiere— die sich zur Zeit im Speisewagen gütlich taten— auf Kontrebande In Berlin, Alexandrinenstraße, war mittlerweile eine Depesche eingegangen, die dem dortigen Vertreter mitteilte, daß der neue Chef um so und soviel Uhr am Lehrter Bahnhof eintreffen und von dort mit der Stadtbahn bis zum Alexandsrplatz nveiter sahren werde. Man möge ihn abholen. Der Berliner Vertreter Wang Ming Tung war erstaunt, aus Hamburg ein derart wichtiges Telegramm zu erhalten. Er schöpfte Verdacht und wollte sich eben zu dem reichen Landsmann T'schuug Ho Wing begeben, um diesen um Rat zu fragen. «- Auf dem Fernbahnsteig hatte sich Sing Lu Hü vergebens nach einem Chinesen umgesehen, der ihn abholen sollte. Er zeigte am Alexanderplatz einem Manne einen Zettel, auf dem die Adresse Wang Ming Tungs verzeichnet ivar. Der Mann las die mit verschnörkelten Buchstaben in englischer Sprache geschriebenen Worte: „�c>nx dling Tunx, ckesler ok fancy Chinese goods. Aleran- drinenstraße 168." „Nixi deutsch?" fragte der Mann den vor ihm stehenden Chinesen, und glaubte damit der chinesischen Sprache nähergekommen zu sein. Sing Lu Hü grinste dem Mann ins Gesicht. „Mensch, da jehst« ieber den Platz und deiner kleenen Kartoffel- neese nach und da kommste hin!" Damit zeigte der biedere Mitmensch mit der ausgestreckten Hand über den Alexanderplatz. Der Chinese faltete die Hände über seinem Bauch, warf den Kopf zurück, so daß sein Gesicht sich der Berolina auf ihrem hohen Postament zukehrte, und sprach seinen Dank aus., Der andere mißverstand, hielt den Blick Sings für eine Frage. „Ja. mein Junge, det is nischt vor dir. Die ist zu jroß und hat een Herz von Stein.* Sing nickte und watschelte über den Platz.. Von Zeit zu Zeit wies Sing Pastanten seinen Zettel vor und kam dadurch dem Ziele rasch näher. Endlich stand er vor dem Hause Nummer 168. Ein bandartiges Schild verriet in chinesischer Sprache, daß sich im zweiten Hofe die Lagerräume von Wong Ming Tung befänden. In diesem Augenblick kam aus einem Fahrrad ein Telegraphenbote an. Er erblickte den jungen Chinesen, glaubte den Adressaten vor sich zu haben und fragte: „Bist du der Quatschkopf, der wie eine Kuhglocke heißt?* (Fortsetzung tolgt.) _ � jf jt Der Schatz, den z» finde« du die Ä?lüH«n einer D�eise nicht für wert hältst, Das ist der echte Schatz, den zu suchen dir dein Leben zu kurz erscheint. Der funkelnde Schatz, den du inelnst, der liegt auf der anderen Seite. �3. T r a v e n. Der Abdruck dieser außerordentlich spannenden, zugleich aber künstlerisch hochstehenden Erzählung von Goldgräbern in Mexiko beginnt am Montag im„Abendi" Schluß in Breslau. Ricger-Girardengo 1007 Punkie. Wie alle dieswinterlichen Sechstagerennen in Verlin, Leipzig. Dortmund und Suttgart, so ging auch das„5. Breslauer" unter außerordentlich großer Anteilnahme des Publikums vor sich Nicht nur in allen sechs Nächten, sondern auch an den Nachmittagen war die Iahrhunderthalle das Ziel vieler Tausende. Wurde die Geduld der Zuschauer in den ersten Nächten aus eine harte Probe gestellt, so entschädigte der letzte, lebhaft und bewegt verlaufene Teil des Rennens in reichem Maße. Vor dicht besetztem Hause spielte sich die letzt« Phase des langen Nennens ab. Zwrz vor Ablauf der 144. Stunde sorgten die Schwei- zer für einige kleine Vorstöße, bei denen Krollmann-Skupinskl eine fünfte Bahnlänge einbüßten. Die beiden Breslauer und auch Rausch-Stockelynck wurden kurz vor 10 Uhr aus dem Rennen genommen, die letzte Spurtstunde, in der 40, 15 bzw. 5 Punkte zu ergattern waren, bestritten also noch sechs Paare. Zu ernsthaften Vorstößen kam es hier nicht und so blieb alles, wie es war. R i e g e r und G i r a r d e n g o, die im Verlauf der ganzen sechs Tage niemals die Führung abgaben, lan- deten einen ganz überlegenen Punktsieg vor den Fran- zosen Wambst-Laquehcy. Sehr interessant gestaltete sich der Kampf zwischen Ehmer-Kroschel und Suter-Richli um den dritten und vierten Platz, aus dem die jungen Berliner als Sieger hervorgingen. Von den 21 Spurts der letzten Stunde gewannen: Ehmer sechs, Richli fünf, Girardengo und Kroschel je drei, Binda zwei, Suter und Grimm je einen. Der Sieg des deutsch-italienischen Paares wurde mit großem Jubel aufgenommen, auch alle anderen Mannschiften wurden auf ihrer Ehrenrund« mit lebhaftem Beifall ausgezeichnet. Schlußklassement: 1. Rieger-Girandengo 1007 Punkt«, 5575,140 Kilo- meter; 8. Wambst-Laci�iehay 161 P. Eine Runde zurück: 3. Ehmer-Kroschel 879 P.: 4. Richli-Suter 756 P.; 5. Binda-Tietz 554 P. Zwei Runden zurück: 6. Grimm-Junge 192 P. Laßt Jugend Sport treiben! Strafen' Radrennen 1928. Kürzlich hielt der Jndustriering für Berufsfahrer- Straßenrennen(Jbus) seine diesjährige Generalver- s a m m l u n g ab. Unter dem Vorsitz Fritz von Opels wurde der Terminkalender für 1928 festgelegt. Zwanzig Rennen wurden zugelassen, und zwar: 25. März: Berlin— Kattbus— Berlin: 1. April: Großer Straßenpreis von Han- nover: 15. April: Rundfahrt durch Oberschlesien: 6. Mai: Rund um die Hainleite. Ein Etappenrennen bildet die Veranstaltung um den „Großen Pressa-Preis" anläßlich der Presie-Ausstellung in Köln. Das Rennen wird folgende Etappen umfassen: 1. Köln— Trier, 2. Trier— Mannheim, 3. Mannheim— Köln und gelangt am 17., 20. und 27. Mai zum Austrag. Die Dreietappenfahrt geht über rund 1000 Kilometer. 3. Juni: Rund um Schwaben: 17. Juni: Rund um Breslau: 15. Juli: Quer durch Holstein: 29. Juli: Rund ums Sauer- land: 5. August: Rund um Dresden: 26. August: Bayerische Rund- fahrt: 2: September: Rund um Berlin: 9. September: Rund um Württemberg. Zu diesen fünfzehn Rennen, die sämtlich nur national besetzt sind, kommen fünf internationale Rennen: 22. April: Rund um Köln: 29. April: Rund um Frank- surt a. M.: 10. Juni: Schweinfurt— Erfurt: 24. Juni:„Großer Sachsenpreis", Chemnitz: 1. Juli: Harzrundfahrt, Magdeburg. Er- wähnt sei noch, daßFritzvonOpel wieder zum I.Vorsitzen- den gewählt wurde._ Radspork-Album 1924 bis 1927. Mehrere Jahre fehlte in der deutschen Radsportliteratur das bekannte S p o r t- A l b u m der Rad-Welt. 1928 sehen wir es wieder! In dem nicht einmal all- zustarken Buch ist viel, sehr viel radsportliches Material zusammen- ,etragen. Es geht von 1024 bis 1928. Der Kampf zwischen Renn- ahrern und Rennbahnbesitzern, der damals den gesamten Betrieb auf den Radrennbahnen monatelang lahmlegte, wird wieder leben- dig. Dann gibt es aber auch erfreulicheren Stoff im Buch: die Erfolge der bekannteren Fahrer sind vermertt, das Werden der „Kommenden" anschaulich ausgezeichnet. Nicht nur die deutschen, sondern auch die ausländischen Fahrer bekommen ihren Denkstein gesetzt. Zu einem besonderen Abschnitt wird der Verlauf der in Deutschland zum Austrag gelangten Weltmeisterschaften 1927 qe- schildert. Aus zahlreichen Tabellen kann man die Erfolge deutscher und auch ausländischer Fahrer aus deutschen und ausländischen Bahnen feststellen. Selbstverständlich sind hierbei auch die Straßen- fahrer nicht vergessen worden. Das Sport-Album ist zum Preise von 5 M. vom Verlag Guido Hackebeil A.-G., Berlin, zu beziehen. tz. Die Berliner Schülertragödie, deren Abschluß sich eben vor den Schranken des Schwurgerichts abspielte, lenkte wieder einmal die Aufmerksamkeit auf das uralte Problem der sexuellen Jugendnöte. Die Meinung, es handle sich hier um eine Fäulniserscheinung am heutigen Jugendleben— die vielleicht gar als eine Folge der Revolution anzusehen sei— ist gründlich falsch. Nicht einmal der Fall der Hauptbelastungszeuzin ist besonders ausfällig. Man braucht nur an die verschiedensten Abarten der Nymphomanie zu denken. Aber davon abgesehen, stellen sich erfahrungsgemäß bei sonst sehr gesunden Mädchen selbst auf dem Lande im Beginn der Reifezeit sehr sonderbare Uebergangserscheinungen ein, die in der Regel nach kurzer Zeit verschwinden. Es bleibt nur noch die Frage, wie dem Problem mit den Mitteln der Erziehung am erfolg- reichsten beizukommen ist. Eine überholte Anschauung gipfelt« darin, der Jugend durch anstrengend«, zeittich lang ausgedehnte körperliche Arbeit alle über- schüssigen Kräfte zu entziehen. Man glaubte, daß diese sogenannten überschüssigen Kräfte zu sexueller Betätigung drängten. Richtig mag daran sein, daß bei totaler Ermüdung des jugendlichen Körpers das Schlafbedürfnis die sexuellen Triebe übertönt. Jedenfalls ist wenigstens soviel daran richtig, daß auch hier Müßiggang als aller Laster Anfang bezeichnet werden kann. Wenn ferner die Behaup- tung richtig ist, daß die Jugend der höheren Schulen besonders stark von den Nöten der Reifezeit ergriffen ist, während die körperlich arbeitende Jugend im geringeren Maße erfaßt wird, dann dürfte sich für die moderne Erziehung ganz von selbst die Schlußfolgerung ergeben, daß die Leibesübungen ein natürliches und hervorragend wirksames Mittel zur Milderung dieser Nöte sind. Man darf nun freilich nicht den Fehler be- gehen, die Leibesübungen kritiklos als ein Allheilmittel der Jugend- erziehung anpreisen zu wollen. Aber das scheint doch unstreitbar zu sein, daß Gymnastik und— mehr noch— anstrengende sportliche Uebungen Kräfte absorbieren, die sonst zu erotischer Entladung drängen. Je mehr die Uebungen sich im Freien bei möglichst unbeklcide- tem Körper abspielen, um so wirksamer sind sie für das Körper- und Seelenleben. Auch der gemeinsame Sportbetrieb der beiden Ge- schlechter ist eines der wichtigsten Erziehungsmittel gegen eine un- gesunde Entwicklung des Trieblebens. Daß der Genuß von Alkohol und Nikotin das Geschlechtsleben der Jugend sehr ungünstig beeinflußt, darf in diesem Zusammenhange nicht uner- wähnt bleiben: aber ebensowenig günstig scheint das Leben in den sogenannten Kampfverbänden auf die Jugend in der Puber- tätszeit einzuwirken.'Das geschwollene Kraftmeicrtum, das in diesen Verbänden herrscht, ist einer gesunden Entwicklung der Jugend keineswegs günstig. Schon der Umang mit Waffen, besonders der Besitz von Pistolen und Revolvern, die nur für die Anwendung auf menschliche Ziele gedacht sind, kann sehr leicht zv unabsehbaren Kata- strophen führen, wie sich das ja in Berlin in der Tat erwiesen hat. Haben wir es, wie anfangs bemerkt, mit einem Prob>em zu tun, das so alt wie die Menschheit ist, so ist doch nicht zu leugnen, daß die heutige Jugend durch mancherlei soziale Nöte besonders ge- fährdet ist. Helfen kann dagegen in erster Linie nur eine gesund« Beschäftigung in Spiel und Sport, und daneben«ine weitgehende Aufklärung über die natürlichsten Lebensvorgänge. Es gilt ein Geschlecht zu erziehen, das nicht nur über diese natürlichen Lebensvorgänge völlig aufgeklärt ist, sondern das auch stark an Körper und Geist allen Unbilden des Lebens zu trotzen vermag F. W. Heimai und Wandern. Aus einem Vortrag über Wanderfahrten in die Mark B r a n d e n bu r g, den kürzlich B u l a n im Touristen-Verein„Die Naturfreunde" hielt: Nach �einigen grundsätzlichen Worten über die ......'>noe Ziele dieser en Wandervereinigung, die dem arbeitenden denburgilche Mark wirtlich keine Streusandbüchse sei, wie siejolange verächtlich genannt wurde, sondern«in wunderschönes Wander- Landder1000Se«nmit weiten herrlichen Wäldern, �enannt wurde, gebiet, ein � die sich weit hinziehen, so von Strausberg bis Fürstenwalde, einen der schönsten nahen märkischen Gebiete. Zu den vielen Seen gesellen sich unsere Flüsse und Bäche, die Spree, Havel und die Dahme, Löcknitz und Nonnenfließ. Die entfernteren Wandergebiete geben Reize eigener Art, der Fläming mit seinen Bergen, der Spree- wald mit seinen Wasserläusen, das Sternberger Land mit seiner Seenplatte. Di« erst« Lichtbilderanschauung ging vom nahen Köpenick aus, wo Spree und Dahme sich vereinigen, an der Krampe entlang und den vielen kleinen Wasseradern, am Flakensec- ufer, vom Dämeritzsee zum Möllensee, zu den Rüdersdorser Kalt- bergen, die geologisch äußerst aufschlußreich für die Erdgeschichte der Mark sind. Andere Lichtbilder zeigten die eigenen Reize des Ober- und Unterspreewaldes, das alte befestigte Flämingstädtchen B e l z i g, die guterhaltene Burg Rabenstein, die Eeschieberinnen des Flämings aus der Zeit, die sogenannten Rummeln. Auch die Markgrasen- steine in den Rauener Bergen zeugen von jener Epoche. Die allen märtischen Landstädtchen wurden nicht ver- n, Jüterbog und Bernau mit ihren Stadtmauern und-toren, die >rei märkischen Klöster Ehorin, Lehnin und Zinna, mit ihrer reich gegliederten Architektur. Historische Erinnerungen wurden erwähnt, Anekdoten und Ueberlieferungen knüpfen zahlreich an sie an! Der Touristen-Verein ist nun d i e Wanderorganisation, die es durch Veranstaltung von Äesellschaftsfahrten allen Ar- beitern möglich macht, diese Perlen der Mark kennenzulernen. Auch für die Ferienzeit ist gesorgt, an 300 eigene Heime in ganz Deutschland, dazu noch viele Heime in der Schweiz und Oesterreich, ermöglichen billige und genußreiche Ferienaufenthalt. Für Sonn- tag, den 4. März, ist eine Fahrt nach Strausberg an- gesetzt worden für all die, die den Naturfreunden noch fern stehen. Der Treffpunkt ist 8 Uhr Schlesischer Bahnhof. Am 11. März gehts anläßlich der 1000-Jahrfeier nach Brandenburg. Hockey am Sonntag. In Baumschulenweg aus dem Fichteplatz spielen um 10� Uhr der Athletik-Sport-Elub und die Sportliche Vereinigung Nordost. Wenn auch ASC. wieder im Kommen ist, kann man ihm den Sieg noch nicht voraussagen. Nordost ist ein technisch guter Gegner, dem es aber noch an Erfahrung fehlt. Jedenfalls werden sie erst nach Kampf unterliegen. In Westend treffen sich die Freie Turnerschaft Charlottenburg und Schönholz um 13l4 Uhr. Schönholz müßte zwar siegen, aber auf eigenem Platz sind die Charlottenburger eine schwer zu schlagende Mannschaft.— Weitere Spiele: Ficht« I— Moabit I 15% Uhr, Roland I— Treptow I um 15% Uhr, Fichte 10— Schmargendorf 10% Uhr, alle in der Schönhauser Allee. Schönholz II— Roland II 11"% Uhr in Schönholz. ASV. Fichte 10 gegen Freie Turnerschaft Groh-Berlin-Nordring III 9 Uhr Schön- hauser Alle«. ASC. III— Lichtenberg 2 II, Fichte-Platz, um 9 Uhr. Freie Turnerschaft Schönholz III— Moabit II 9 Uhr in Schönholz.— Jugend: Fichte I— Schmargendorf 12 Uhr und Nordost— Schön- holz um 13 Uhr in der Schönhauser Allee.— Frauen: Schön- holz II— Schmargendorf 10% Uhr in Schönhohz, Charlottenburg gegen Schönholz I 16 Uhr in Westend und die Jugend der Freien Turnerschaft Charlottenburg spielt um 15 Uhr gegen Leipzig. Iohres-Generalversammlung der FIGB. morgen. Sonnabend. 25. Februar. In der Schulaula. Weinmeisterslraße 16— 17, 19 Uhr. Tagesordnung: 1. Mitteilungen, 2. Berichte, 3. Neuwahlen, 4. An- träge, 5. Verschiedenes. Jedes Mitglied ist verpflichtet, pünktlich zu erscheinen. Das Mitgliedsbuch muß vorgezeigt werden.— Betreffs Leipzigsahrt sind neue Mitteilungen wegen Quartier«ingetroffen, daher Aussprach« darüber. Vereinskalender. XetttifitKMMis..Die Siaioefremlde�. Zentral« Sie«. Abt. Srnip-Ibos- Loniiabcud, 23. sscbruar, 20 Uhr, Cctmanioftr. 4—5.— PhotoaemeinsLast: Arbeit-xcineinsS/ttt der Freien Ruberer, und«aunvereine.Rec-manla". Stralau Bhb 1824. Lichtbilbcrvortrag Montag, 27. Februar, lüy, Uhr, im Jugendheim Dosseitrahe. Gäste willkommen� 2i> Uhr. Referenten: Adolf Koch und Dr. Hans Graaz. Karten für Arbeiter. fportler in der Geschäftsstelle, Mar Nichtberger, Berlin N. 54, Weinmeisterstr. s, erhältlich. Eintritt Zll Pf. ArSeiter-Tenuis-Bereinigung. Ssnntaz, Z«. Februar, bei günstiger Witte. rung ab 14 Uhr auf tem städtischen Exortplah am Krankenhai!» Westend Tenniswaldtraining. Den Ansängern ist dieses Training cbcnsalls sehr zu cmpsehlen. TABAKDORF JNDJKAMKARASU. RUINEN DES PALASTES VON PHILiPPl --- OKISEmOANQ JNOJES» QEB1ET SARlSHABANi OBERST SA W � I j i J N:Ui Astoria «nö GehaKsWeri und Studienreise des Cljefs unseres Laufes gewannen wir eine fachliche Neu» Orientierung von Zoster Bedeutung.�- Republikanischer Wassersport. Der im vorigen Jahre in Potsdamm gegründete Verein Havel-Attionsgruppe Schwarz-Rot-Gold hat einen erfreulichen Aufschwung genommen, und die diesjährige Generalver- fammlung bewies, daß der Derein immer mehr der Sammelpunkt aller wassersporttreibenden Republikaner geworden ist. Das für 1928 beschlossene Sportprogramm umfaßt folgende V«ron- staltungen: Mai: Auffahrt zur Eröffnung der Wasserfportaus- ftellung in Potsdam, Luftfchiffhafen. Juni: Wassersportfest mit Bootsrennen. Juli: Werdefcrienlager in der Krempnitz. 12. Aug u st: Republikanisches Volksfest am Templiner Forsihaus. Durch größere Vergünstigungen, die der Verein heute seinen Mit- gliedern schon bieten kenn, wird auch dieses Jahr für den Verein erfolgreich fein. Sämtliche Anfragen an den Dorf. N e u m a n n, Rowawcs, Großbeerenftraße 72. Termine für die Eislauf- kveltmelsterfchasten. Freitag, 24. Februar, 20 Uhr, Kürlaufen Herren-Senioren und Damen- Junioren, Tanzwettbcwerb, Schaulaufen Sonja Henie, anschließend Eishockeywcltkampf Schwe z— BSC. Sonnabend, 2S. Februar, 20 Uhr, Kürlaufen Herren-Senioren und Damen-Senioren, Paar- laufen anfckließend Eishockeywettkampf Kanada— Schweiz. Sonntag, 26. Februar, 16% Uhr, Weltmeisterschaft im Herren-Kunst- lausen(Kür), anschlußend Eishockeywettkampf Kanada— BSC. Montag, 27. Februar, 20 Uhr, Schaulaufen, Eishockeywettkampf Kanada— Kanada. Gerätewclturnen der höheren Knabenschulen. Das Geräte- weit urnen der höheren Knabenschulen Berlins, das alljährlich vom Berliner Turnlehrerverein mit Unterstützung der staatlichen und städtischen Behörden veranstaltet wird, soll wieder Zeugnis ab- legen von der erfolgreichen Arbeit in den Leibesübungen während der Wintermonate. Die Wettkämpfer werden, nach Altersklassen eordnet, im Hochsprung und in Uebungen am Reck, Darren und serd ibr Können ernnifen. Dem Sieger winken die vom Minister für W sscnschaft, Kunst und Volksbildung gestifteten Wanderpreise. Anregende Sondervorsührungen bilden den Schluß der Veranstal- tyng, die am Sonntag, 26. Februar, 9 Uhr, in der Zentralturn. Halle, P r i n z c n st r a ß e 70, vor stch geht. Die Kühlanlage im Krematorium. Die Vorgänge im Krematorium Wilmersdorf haben in der Oeffent- lichkeit zu einer lebhaften Diskus- sion über die scheinbar unzuläng- lichen Einrichtungen der Kremato- i rien geführt. Es wird deshalb de- � sonders interessieren, daß das Kre- matorium Gericht st raße, das immer das meist frequentierte Bcr- liner war, eire Reihe von Neu- bauten und Verbefserun- gen einzesührt hat. Einen Teil dieser Neueinrichtungen betrifft die große Kühlanlag«, die unser Bild zeigt. Diese Anlage hat vor allem den Zweck, die Särge in besonderen geschlossenen Räumen aufzubewahren, die von den Ar- beitsräumen des Personals ge- trennt sind, was bisher nicht der Fall war. In die einzelnen Zellen ist«ine Ventilation eingebaut, die in den Schornstein führt, so daß die Verwesungsgerüche, die natürlich entstehen, mit den Verbrennungs- gasen erst in S2 Meter Höhe ent- weichen. Es können jetzt also auch verspätet eingelieferte Leichen, bei dcnen der Zersetzungsprozeß vorge- schritten ist, bis zur Feier und Der- brennung ausbewahrt werden. In einem besonderen Vorraum kö-nnen die Angehörigen ihren Toten vor der Feier noch einmal sehen. Außer der Kühlanlag- sind noch sechs Gefrierzellen eingebaut, in der von der Polizei beschlagnahmte Leichen längere Zeit aufbewahrt werden können.« Die Feststellung der Todesursache kann dann in dem«benfalls neu eingerichteten O b- duktionszimmer erfolgen. Ein« eigene Kältemaschine erzeugt die erforderlichen Temperaturen. Tor, Ketten Nonn W fi'flflsdistr«»« 41, am Wiaierlcldiplatz Ffill-Federn. pfa. m. 5.00, 3.50. 2.00. t.25 lltielt. iwzoom.i 4.00, m 200 12.00, 1-0,»0 3.20 MeWS-tClt, SO ISO 33 mm Bügel u.lOZugfed. 22.00 AßfliUteSI, 3 teilig. m Keilk. 30.00, 23.00, 22.00, 10.00 Rufte'elt m. 40 Spiral federn 60.00,55 00,50.00, 45.00 Andere Maße uno Qualitäten, einfacher oder besser, Preise entsprechend, Dampf-B etHedern-Reln'�oiig in t elekirisdiem Betrieb Vormittags gebrachte Betten liegen ab 16 Uhr gereinigt Bereit Bei einem Stand frei Hausf üsEir- Stiefel WWW GwWesttllstton Emst Friedrich, Belle-Aliiance-Str.S FSastfeenverlfanl zu Engros-Preisen zum wandern, strapazieren, für Beruf Finsiscm Jucölen- Schaft- u. fluid tiefsl H. Bahr, Berlin SpiltelmarKt (vor der Brücke) glilll- ü. WÄMAM Max fobsüi Putbusser Straße 6 Qualitäisware/ Billigste Preise K.R.AGEN GrolPtdesiillnlion Inh.; H. 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