Ur. 365. s> Icheint täglich auher Montags. PreiS pränumerando: Viertel- jährlich s.so Mark, monatlich l.iv Mk., wöchentlich SS Pfg. frei tu's Haus. Einzelne Nummer » Pfg. Sonntags-Nummer mit tlluftr. Eonntags-Beilage„Neue Welt" ig Pfg. Post-Abonnement: s.so Ml. pro Quartal. Unter Kreuz- band: Deutschland u. Oesterreich- Ungar» 2 M., für das übrige Ansland S Ml. pr. Monat. Singetr. in der Post- ZeitungS- Preisliste für lS»ö unter Nr. 12. Jahrg. Jnfertions-Kebühr beträgt für die fünfgespalten- Petitzeile oder deren Raum«o Pf., für Vereins- und Versammlungs- Anzeigen so Pfg. Inserate für die nächüe Nummer müssen bis 4 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis 9 Uhr vormittags geöffnet. Lernsprccher: Amt 1, Hv. 1508- Telrgrnmm-Adress«: «Doii»t»»«»I»»at Oiriin". Verliner VolNsblatt. Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Redaktion: 8V. 19. Weuth-Straße 2. I Dienstag, den 12. November 1893.!!! Spedition: 8V. 19, Aettth-Straße 3. Die parlanretttsviMzo Jetkakuv�) in Frankreich. Paris, den 9. Novenider 1895. Das neue Ministerium ist ohue allzuviel Schmerzen und Zögeruug zur Welt gekommen; ein Radikaler, Bourgeois, sitzt ihm vor; zwei reine Charaktere, Cavaiguac uiid Ricard, schmücken es; ein genialer Chemiker, Bcrthclot, gicl't ihm einen Abglanz seines Ruhmes; ein junger und beweglicher Streber, Doumer, belebt es mit seiner Queck- silbrigkeil; ein lüderlicher �Exmagistrat, Giitzot-Dcssaigue, unterhält es mit seinen Zoten; und ein einfältiger Philister, Mesureur, dient ihm als belebender Geist. Die Minister und ihre Freunde verkünden, daß das neue Ministerium genug gute Vorsätze hat, um den Weg zu verschiedenen Höllen zu pflastern. Aber das schönste Gold verwandelt sich manchmal in gemeines Blei; man weiß nicht, welche Vtnglücksfee all den Ministerien, welche auf der Parlamentsbühne der dritten Republik paradirt haben, einen bösen Spruch an den Kops wirft; bis jetzt haben sie sämmtlich die Hoffnungen getäuscht, die an ihren Re- gieruugsantritt geknüpft wurden. Die Minister, welche unter der Präsidentschaft von Thiers und der von Mae Mahon von einer Mehrheit royalistischer Abgeordneter ernannt wurde», hatten die Aufgabe, die Monarchie wieder herzustellen; und all ihre Anstrengungen führten nur dazu, die Republik zu befestigen, der die Metzeleien und der weiße Schrecken des Jahres 1871 durch den Tod, de» Bagno und das Exil ihre glühendsten und tapfersten Vertheidiger geraubt hatten. Der Sturz Mac Mahon's.überlieferte die Republik den opportunistischen Republikanern, deren entrüstete Worte gegen die Schweinereien des Kaiserreichs als Echo noch wiederhallen; und durch ein unfaßbares Verhängniß plumpteu diese Männer von grimmiger Sittenstrenge in ein Schlamm- meer der schmutzigsten Geschäfte und Spekulation, von denen in letzter Zeit der Schleier abgezogen ward. Ter Präsident Grevy, dieser republikanische Methusalem, der unter Lonis Philippe und unter Napoleon III. sich durch die Festigkeit und Reinheit seines Handelns ausgezeichnet hatte, eröffnete den Reigen jener Skandale, die von der Jettalura(sp. dschettatnhra) ist italienisch und heißt der böse Blick, die Verzauberung durch einen Blick, den irgend ei» boshafter Dämon oder ein mit dieser Fähigkeit ausgestatteter Mensch auf jemand wirft, und durch den er ihn unglücklich macht. Auch ein böser Spruch, wie der der Unglücksfee im Dorn- röschen wird Jettalura genannt. 22 Ern Vrrvnckkov. IRachdr. verboten. Kampf und Ende eines Lehrers. Roman von Joseph Ruederer. Anna suchte ihre Erregung zu bemeistern und lehnte sich an seine Schulter. So hatte sie ihn noch nie gesehen, noch niemals solches Mitleid für ihn empfunden, wie jetzt, als er stockend und tonlos berichtete, was ihm im Pfarrhaus begegnet war. Dem Mädchen ivar seine nu- heimliche Ruhe entsetzlich. Wenn er nur toben und schreien wollte, sie ertrüge es leichter, als diese starre Verzweiflung über das Kind, das mau aus seinen Händen reißen wollte, um es einzumauern auf Nimmerwiedersehen. Mit ganz anderen Augen sah Anna auf einmal zu ihm empor. Jetzt wußte sie, wie der Lehrer an dem Jungen hing, wie er die Anleitung seines Schülers fürs künftige Leben als seinen Stolz und sein heiliges Recht betrachtete, das er nur mit brechendem Herzen verloren gab. Fester schmiegte sie sich au ihn. Ihre eigene Schul- zeit fiel ihr ein, während er so redete. Sie hatte den Unterricht als etwas Selbstverständliches hingenommen und nie darüber nachgedacht, daß noch andere Ziele und Be- strebungen den Lehrer leiten konnten, als das tägliche, mechanische Einbläueu der Lehrfächer in beschränkte, hilf- lose Geschöpfe, dir eine zähe Geduld und Ausdauer ver- langten. Wenn ihr Gattl auch tausendmal sagte, wie hoch er seinen Beruf auffaßte, was er wollte und zu erringen suchte— niemals noch hatte sie ihn so verstanden wie heute, wo er vernichtet vor ihr saß und über der Zukunft des Junge» seine eigene vergaß. Sie schämte sich ihrer Blindheit und zuckte zusammen, als sie weiter bedachte, welchen Lohn der abgehetzte Mann für seine Menschenliebe empfing. Den Geistlichen glaubte sie zu sehen, zu dem sie nur mit geheimer Furcht aufzu- blicken vermochte, seitdem sie Gattl's Verlobte war. Schreck- licher aber, als unter der vergoldeten Kanzeldecke, wenn er mit drohender Gebärde aus die lodernden Flammen der Hölle wies, schrecklicher als im Beichtstühle, wo er Strafe und Buße verkündete, schien ihr der Priester am heutigen Tage, wo er mit unbarmherziger Strenge über ihren Ver- lobleu die Fuchtel schwang und ihm sein schönstes Recht streitig machte. „Fehlt Dir was, Anna?* fragte jetzt der Lehrer. iLwei große Thränen schwammen in ihren Augen. kapitalistischen Moral einen so hohen Begriff geben. Dieser Anwalt der Finanzgcsellschaslen, der Stolz der bürgerlich republikanischen Partei wurde durch die böse Fee mit de» Gold-Augen dazu vernrtheilt, in dem Elysee(dem Präsidenten- palast) eine Schwindel-Agentur für Geschäfte der denkbar anrüchigsten Art zn errichten. Dieser unglückliche Präsident der� Republik, der höchstens ein Viertel seiner Besoldung verbrauchte, wurde gezwungen, ebenso wie die Journalisten der Reptilieupresse, sich alljährlich eine Summe von der Boden krcdit-Bank(Oeckit Foncier) bezahlen zu lassen. Wenn die Gerichte in die Rechnungen dieser Finauzgesellschaft Licht bringen, dann wird Panama in den Schatten gestellt sein. Die opportunistischen Republikaner hatten angekündigt, daß ihre Republik„die billige Regierung" sein werde, die keinen höheren Zweck habe, als Ersparnisse zu machen. Sie empfingen aus den Händen der monarchistischen Minister eine reiche Republik, deren Budgets jedes Jahr Einnahmen Ueberschüsse von blitzenden und Hunderten von Millionen aufzuweisen hatten, die von Jahr zu Jahr sich vermehrten Say, den Rothschild in das Finanzministerinm gesetzt hatte, um dort sein erster Kommis zu sein, hat mit Hilfe der Rouvier des „großen Ministeriums"(so nennt mau das Ministerium Gam- betta, weil es große Hallunken au die Spitze des Staats brachte) die Staatsschuld u m rund zehn Milliarden — zehntausend Millionen— vermehrt, so daß das Budget, statt Eiunahme-Ueberschüsse aufzuweisen, am Horizont die angenehme Perspektive des Staats- bankerotts aufsteigen läßt. Der Check-Mann Jules Roche sagte den Herren Kapitalisten jüngst dieses uuver- meidliche Ende voraus. Die Fee, welche die Regierungsrepublikaner durch das Klingen der Goldstücke und das Rascheln der Banknoten und Chccks verzaubert hat, zwingt sie nicht blos, die schmutzigsten und niederträchtigsten Handlungen zu begehen, sondern nimmt ihnen auch, wie einem Thcil der Verdammten in Dante's Hölle ol den cksl' inteletto— das Gut des Denkvermögens—; diese armen Blödsinnigen bemerken gar nicht die"Wirkung ihrer Unfähigkeit und Schufterei; sie waren empört, daß die Arbeiter nicht au die Voll- kommenheit der besten aller Republiken glauben wollten und in ihrer Verblendung sich dem Sozialismus in die Arme warfen und zum theil, begeistert von dem Federbusch Boulauger's, hinter diesem herliefen. Die parlamentarische Circe*) hätte zufrieden sein können, die Monarchisten gefoppt und die opportunistischen *) Eine Zauberin des Alterthnms, die in der Odyssee Homer's vorkommt. „Du... Du thust mir so leid." Nun schluchzte sie laut und schlang ihre Arme um seinen Hals. Er sychte sie zu besänftigen, aber es gelang ihm nicht. Sie verknüpfte die Hände noch fester und schüttelte heftig den Kopf. „Sei vernünftig, Anna! Dich geht's ja nix an!" „Oh", stöhnte sie, und vergrub sich au seine Brust. „Freilich geht's Dich nix an", fuhr er fort,„denn uns kann's ja weiter net schaden. I werd' dem Benefiziaten »immer widersprechen und will still sein zu allem, damit's im Sommer fort geht von hier. Aber, jetzt sei doch stad, was hast d' denn?" „I bin a elendes Geschöpf, Franz." „Du? Warum denn?" „Ja, ja", rief sie,„i Hab ganz schlecht an Dir g'handelt." „Aber Anna! I versteh Di net! Schau, mir thut's ja nur leid um den armen Buab'n.. Er konnte nicht mehr weiter reden und ließ die Faust schwer auf den Tisch herniederfällen. Sie hielt ihn noch immer fest umfangen. „Anna!" sagte er und hob ihren Kopf mit beiden Händen zurück. Als er sie küßte, antwortete sie stürmisch und glühend. Sie war ganz aufgelöst in Schmerz und Zärtlichkeit und riß ihn heftig an sich. Im Zimmer war es unerträglich heiß und schwül. Die eiserne Ofenthür glühte und drinnen summten die flackern- den Kohlen. Am Fenster tickte eine Weckuhr in heftigen, unruhigen Schlägen auf und ab. Gattl strich sich die Haare aus der Stirue und blickte erregt um sich. Seine verzweifelte Ruhe war einer leiden- schaftlichen Wallung gewiche», die sein ganzes Gesicht in zuckende Bewegung brachte. Mit beiden Händen fuhr er über Anna's volle Arme und es war ihm dabei, als hörte er seine Pulse pochen. Endlich nahm er sich zusammen: „Ich glaub... es ist scho spät... i muß fort, Anna!" „Nein", schrie sie,„nein! ich laß Dich net fort!" Und noch wilder küßte sie ihn und zog sein Haupt au ihr thränen- überströmtes Gesicht. Wütheud preßte er sie an sich, wäh- rend sich seine Erregung mit jedem Schlage des vibrireude» Uhrenperpendikels erhöhte. Da fuhr er plötzlich zusammen und lauschte mit au- gehaltenem Athem. Es war ihm mit einem Male, als Republikaner in Schweine und sonstiges Gethier verwandet zu haben; aber nein! sie fährt fort ihre Zauberkünste auch au den Radikalen auszuüben. Sobald ein Radikaler sich auf die Ministerbank setzt, verwandelt sie ihn in einen wüthenden Stier, der überall Roth sieht— und blind stürzt er auf seine alten Freunde los und trampelt toll, mit Schaum vor dem Mund, auf den radikalen Versprechungen herum. Floquet, Dupuy, Laygues waren Radikale, und ihre Thätigkeit während des Besitzes der Regierungsgemalt bestand in den wildesten Maßregeln gegen die streikenden Arbeiter, in den ungerechtesten Verfolgungen der Sozialisten und in freiheits- mörderischen Gesetzesvorschlägeu, so ungeheuerlich, daß man, nachdem sie beschlossen waren, garnicht wagte, sie anzu- wenden. Mährend durch eine seltsame Verwicklung der Er- eignisse die Monarchisten im Ministerium die Republik be- festigt hatten, haben die Opportunisten und Radikalen in der Regierung nur die Geschäfte der katholischen und real- tionären Parteien zu verrichten gewußt. Ihr höchstes Ziel war und ist, deren Gunst durch Verleugnung ihrer repu- blikauischen Vergangenheit zu gewinnen. In ihrer un- glanblichen Verblendung haben sie nicht bemerkt, daß eine neue Partei sich im Lande gebildet hat; daß die Macht dieser Partei von Tag zu Tag wächst; daß sie schon Vertreter in der Kammer sitzen hat; daß diese Vertreter seit den Wahlen von 1893 vier M i n i st e r i e n und einen Präsidenten der Republik gestürzt haben. Wird der Sturz der Ribot, Trarieux und Leygues Herrn Bourgeois und seinen Kollegen die Augen öffnen? Ich bezweifle es. Wird der magische Zauberstab ihren Verstand ver- wirren? Er hat es schon gethan! Der Kriegsminister Cavaignac reizt den Zorn der Militärs von Fach; sie erklären, die Schreckensherrschaft der Jakobiner würde wieder anfangen, weil Cavaignac ein Bürgerlicher ist, und weil es eine Schmach für die Armee sei, von einem Minister befehligt zu werden, der keine„Leder- Hose" sei. Und doch ist die Unterstellung des Militärs unter das Zivil eines der bürgerlichsten der bürgerlichen Ideale, das auch in England und anderswo verwirklicht ist. Dieser Cavaignac, der in seinem Bericht an die Budget- kommission das Kriegsministerium als eine Diebeshöhle kennzeichnete, stand vor einigen Jahren an der Spitze des Marineministeriunis, das den Tugendpreis nicht besser ver- dient; damals vertheidigte er gegen Clemenceau und die Radi- kaleu alle Unterschlcife und Mängel seines Ministeriums. Viel- leicht wird aus ihm jetzt ein Advokat der Militärverwaltung. ginge etwas Gräßliches um ihn vor, während das Mädchen voll hingebender Liebe an seinem Halse hing. Was war es denn? Nur langsam konnte sich Gattl zurecht finden und unterscheiden lernen. Aber, jetzt erkannte er's, was so gedämpft in das Zimmer tönte, es war die gleiche Melodie, die er unten im Thale vernommen hatte, als der freche Bursche in die Kammer seiner Geliebten stieg. Furchtbar zuckte der Lehrer zusammen. Was rief ihm denn dieser Ton ins Gcdächtniß zurück? War er nicht hier- hergekommen, um den Bauern warnen zu lassen? Und jetzt? Jetzt saß er selbst da und hielt seine Braut im Arme, ein willenloses Opfer der durch schreckliche Jahre zum Wahn- sin» gepeitschten Leidenschast, das er wie fügsames Wachs in seinen Händen hatte, während der vertrauensselige Vater auf Stunden entfernt war, die Mutter drüben im Kirchhof vermoderte und die Dienstmagd bis in den grauenden Morgen im Wirthshause tanzte. Entsetzlich war ihm dieser Gedanke. Weg mußte er und zwar gleich, auf der Stelle, denn einen Augenblick war es ihm, als sähe er den offenen Sarg mit der Leiche der Försterin im Zimmer. Hastig griff er nach Anna's Händen und wollte sie vom Halse lösen— umsonst! „Anna!" ächzte er,„laß mich los, um Gotteswille»." Sie legte den Kopf ein wenig zurück und sah ihn au. Wie eine sanfte Beruhigung überströmte ihn ihr zärt- licher Blick. Nein, nein, er konnte nicht gehe», er mußte hier bleiben bei dem zitternden Geschöpfe, das mit jedem Athemzug und Herzschlag sein eigen war. Langsam traten die schrecklichen Bilder zurück, laugsam verstummte die Musik... ** Draußen wetterte und stürmte es. Mitternacht war angebrochen und ein tobender Föhn hetzte mit lauwarmen Wogen über das Thal hinweg. In wuchtigem Anprall zersprengte er das Eis und stampfte den Schnee in den Boden. Von den Dächern begann es zu plätschern und heller schwammen die Schläge der Kirchenuhr, vom Winde getragen, in die feuchte Luft hinaus. Tod und Vernichtung war dem Winter verkündigt vom ersten Frühlingssturm, der jauchzend über die Erde rauschte. (Fortsetzung folgt.) Wenn nicht, so wird er über die Klinge zu springen haben. Denn die Bnreaukratie ist eine Macht, an der niemand rütteln kann. Man rechnet ans Ricard für die Reinigung der Kammer voll dem Panamistenkoth; in der That ivar er es, der als Justizministcr gegen den Wunsch seines Amtskollegen die gerichtliche Verfolgung Rouvier's, Rvche's und anderer Check- Männer durchsetzte. Doch schon am nächsten Tag nach der Heldenthat, die deil ganzen Zorn der Mehrheit gegen ihn entfesselte, wurde er schwach imd verlosch wie eine Kerze, die man ausbläst; und Bourgeois widmete sich der Rettung der denunzirten Check-Männer. Haben Ricard und Bourgeois ihre Herzen mit dreifachem Erze gewappnet, um dem Drachen der parlanwntarischen Korruption entgegentreten zu können? Die hohe Finanz glaubt es nicht. Die großen Herren Geschäftsleute, die eigentlichen Macher, haben das' neue Ministerium nnt einer gewissen Freude aufgenommen: sie hoffen auf eine gute Zeit. Die Bankhäuser lassen ihre Beamten Ueberstunden arbeiten, um die nöthigen Vorbereitungen zu treffen für eine nahe chinesische und eine neue französische Anleihe, die au zwei Milliarden geschätzt wird. Es wird Jubel sein in Israel. Das Ministerium Bourgeois wird, wie sein Name an- deutet, eine neue Auflage der Ministerien sein, die ihm vorausgegangen sind— oder es wird keine Dauer haben. Wenn es aber dce Hoffnungen zu erfüllen sucht, die aw seine radikalen Versprechungen gegründet wurden, wird es sich um den Sozialismus wohlverdient gemacht haben. Denn es h a t d e u praktischen B e w e i s g e l i e f e r t, daß die kapitalistische Gesellschaft auch der dringendsten R e f o r ni e n unfähig ist. Ealks. Vovd Nede. In den letzten Tagen herrschte eine Panik an allen Börsen. Zum theil war der G o l d s ch w i n d e l daran schuld, zum theil die orientalische Frage. Daß die Wirren in der Türkei und in Ostasien Kriegsbefürchtungen erwecken mußten, war nur natürlich, allein auf der Börse half die K u n st der Natur noch nach, und die begründeten Kriegsbefürchtungen wurden zu aller- Hand schmutzigen Manövern benutzt, von denen der berüchtigte Artikel des russischen Negiernngsorgans nur eine kleine Probe war. A>n Sonnabend hatte nun bei dem Lord Mayors-Schmans in London das Haupt der englischen Regierung die übliche Nachtischrede zu halten, von der diesmal die politischen Grünlinge und Kannegießer sensationelle Ausschlüsse über alle politischen Räthsel erwarteten. Die Ne„t)jmgeii hatten ganz vergessen, daß Lord Salisbury wenige Tage vorher eine große Rede gehalten hatte, in der er bezüglich der auswärtigen Politik so stumm war wie ein Fisch. Nun, beim Lord Mayors-Schmans hat er über die auswärtige Politik sehr viel geredet, aber ebensowenig ge- sagt, wie in jener Rede. Dem Wolff'schen Telegramm gemäß führte Lord Salisbury am Sonnabend aus: „Wir hatten ein Jahr, in welchem uns der ferne Osten ernst- lich beschäftigte; ich hoffe, daß der Friede in jenen Gegenden zurückgekehrt ist, und hoffe, daß es nur eine unnöthige Be- sorgniß ist, mit welcher wir das, was dort stattgehabt hat, betrachte». Ich war überrascht von der außerordentlichen Sensation, die durch eine falsche Nachricht vor einer oder zwei Wochen hervorgerufen wurde, nicht weil ich diese Nachricht als besonders ivichlig ansah, sondern weil ich die Ansicht der Eng- länder darüber für ein sehr bemerkenswerthes Phänomen hielt. Verlassen Sie sich darauf, was auch in jener Gegend sich er- eignen mag, sei es im Wege des Krieges oder im Wege des Handels, wir sind jeder Konkurrenz gewachsen, die vorgenommen werden kann, und wir können mit absolutem Gleichmnth der Aktion irgendwelcher Personen zusehen, die glauben, daß sie uns von irgend einem Theile jeuer furchtbaren und kommerziellen Gegend ausschließen können, oder die wähne» können, daß, falls wir zugelassen sind, sie uns auf den Weltmärkten schlagen können. Uebrigens erinnere ich an das Wort Beaconsfield's:„In Asien ist Raum für uns Alle." � Aber es giebt einen Welttheil, wo die Dinge nicht so friedlich und hoffnungsvoll aussehe». Armenien hat die Gemüther aller seit Mouaten beschäftigt." Unter Hinweis auf die im Mai dem Sultan gemachten Reformvorschläge der drei Mächte hob Salisbury hervor, die Unterhandlungen seien mit großem Geschick von de» Botschaftern geführt, und man schulde dem Botschafter Enrrie großen Dank für die Umsicht und die Arbeit, welche wenigstens zeitweilig einen friedlichen Ausgang herbeizuführen vermochten. m�srntw Merv MvM feittv Mlolige znrückzog. Herr Theodor Reust hat— wie wir in unserer Sonntags- Nummer mittheilten— seine Klage gegen den„Vorwärts" zurück- gezogen. Er ist der Meinung, Herr P o l i z e i m i n i st e r v. Kölker habe ihm eine solch'„ellatante Genngthuung" ge- geben, daß er auf jede gerichtliche Wiederherstellung der vom „Vorwärts zu wiederholten Malen so grausam zerfetzten„Ehre" verzichte» könne. Was hatte der„Vorwärts" von dein so leicht zufrieden- gestellten Ehrenmanne behauptet? Er hatte behauptet, Herr Reuß habe für Spitzeleien von der Polizei jahrelang ein Monats- gehalt von 450 Mark bezogen; als ehemaliger Leiter der„Autonomie" habe er mit seinein gleichwerthigen Kollegen P e u k e r t den bekannten Neve der preußischen Polizei ans Messer geliefert und sich in einer unvorsichtigen Minute selber gerühmt, bei H e r st e l l u» g v o n Bomben sich den Arm verletzt zu haben. Außerdem habe Herr v. K ö l I e r i» einer Sitzung der Uinsturzkonimission selber erklärt, er kenne Reuß sehr gut, habe von ihm sehr schätzbares Material erhallen und wisse, was er von ihm zu halten habe, da er ja lange genug im ivarinen Neste bei den Anarchisten gesessen habe. Für alle diese Behauptungen hatte der„Vorwärts" sich bereit erklärt, vor Gericht den Beweis zu erbringen, nachdem Herr Reuß in seiner Anklageschrift behauptet hatte: er, Reuß, sei weder Anarchist, noch ist er es je gewesen, noch hat er jemals im Dienste der Polizei g e st a n d e n, noch steht er in irgend welcher Verbindung mit der Einbringung der Umsturzvorlage, noch hat er jemals der Regierung Material zu deren Begründung geliefert. Jetzt auf einmal begnügt sich dieser so schwer angegriffene Gentleman mit folgendem Briefe: Hohwald i. Elsaß, den 5. Juli 1895. Euer Wohlgebore» erwidere ich ans die Eingabe vom 29. v. M. bei Rückgabe der Anlage, daß ich in der bewußten Kommissionssitzmig zur Berathung der sog. Umsturzvorlage aus- gesprochen habe, was einige Tage darauf in der„Bcrl. Korr." veröffentlicht worden ist. Ein Exemplar der betreffenden Nummer dieser Korrespondenz wird Herr Geheimer Ober-Regieruugs- Die im Mai gemachte» Vorschläge seien im wesentlichen von dem Sultan angenommen worden. Er, Salisbury, habe zu diesen Vorschläge» nichts hinzugefügt, er habe nur in einer Unterredung als Ersatz für die Forderungen der drei Botschafter ein einfacheres Mittel, zn demselben Ziele zn gelangen, am geboten, falls es vorgezogen werden sollte, daß die jetzige mohamedanische Maschinerie sorllause und von einer gemischten Kommission überivacht werde. Der Sultan habe die Forderungen der Bolschafter vorgezogen, sonnt sei sein(Salisbury's) Vorschlag selbstredend hinfällig geworden. Wenn die Reforme» ausgeführt würden, so würden sie den Armeniern alle Aussicht auf Wohl fahrt, Frieden und Ruhe gebe».„Tiber werden sie ausgeführt werden?" Wenn man den Sultan überreden könne, de» Armeniern Gerechtigkeit zu gewähren, so sei es gleichgiltig, auf welchem Papiere das Versprechen geschrieben sei, aber wenn der Sultan keine Gerechtigkeit gebe und sich nicht herzhaft entschließe, sie zu geben, so würde die sorg. sältigste Verfassung nutzlos sein.„Solange das Ottomanische Reich besteht, ist die einzige Möglichkeit unserer Aktion und der Aktion aller Mächte Europa's zusammen die Einwirkung, welche sie auf das Gemüth des Sultans ausüben können. Wenn aber oer Sultan nicht überredet wird— und die Nachrichten aus Konstaiitinopel sind in dieser Beziehung nicht erfreulich—, was wird die Folge sein? Meine erste Antwort ist, daß trotz aller Verträge und trotz aller Kombinationen auswärtiger Mächte beharrliche Mißverwaltung die Regierung, ivelche sie übt, ihrem Schicksal zuführt. Aber es ist nicht allein die nothwen dige Wirkung natürlicher Gesetze, von der ich spreche, giebt auch diejenige der Autorität der Großmächte Seit einem halben Jahrhundert hat die Türkei ihre jetzige Stellung nur inne gehabt, weil die Großmächte beschlossen halten, daß im Interesse des Friedens und des Christenthums die Ausrechterhaltung der Türkei nothwendig sei, und ich glaube nicht, daß die Großmächte jetzt anderer Ansicht geworden sind Die Gefahr, falls das Ottomanische Reich fällt, ist nicht nur die Gefahr, welche die türkischen Gebiete bedroht, sondern auch die jenige, daß sich das dort entzündete Feuer auch auf andere Nationen ausdehnt und alle, selbst die mächtigsten und zivili sirtesten Europas, in de» gefährliche» Kampf mit hineinziehen dürste. Diese Gefahr schwebte unseren Vorfahre» vor, als sie die Jnlegriiät und Unabhängigkeit der Türkei zum Gegen- stand eines europäischen Vertrages machten, und diese Gefahr ist noch nicht vorüber. Zwei Illusionen sind zu vermeiden, nämlich erstens der Fall, daß dieser Vertrag, der das Konzerl Europa's zusammenhält, seine Kraft verliert, indem irgend eine Macht dem Vertrage entsagt und die Sache in ihrer eigenen Weise zu regeln sucht. Ich freue mich sagen zu können: Ich sehe keine Aussicht ans einen solchen Llusgaug!(Stürmischer Beifall.) Ich glaube, die Mächte werden zusammenstehen und glaube, daß sie nie geneigter waren als jetzt, zlssaiuuieuznstehen und bei dem europäischen System, welches ihre vereinte Weisheit entworfen hat, zu verharren. Tie weitere Gefahr ist, daß die Rathgeber des Sultans sich einbilden könnten, der Druck jener Sorge sei so groß, daß kein Mißbrauch i» der Türkei je seine natürliche Strafe finden werde. Das wäre eine ernste Täuschung. Ich glaube, die Mächte sind durchaus entschlossen, i» allem, was das Ottomanische Sieich betrifft, zusammen zu handeln(Beifall.) Wie sie handeln werden, kann ich nicht prophezeie»— ich kenne die Eventualitäten nicht, die entstehen können — aber niemand kann sagen, eS ist unmöglich, daß sie(die Mächte) der Klagen der Leidenden müde würden und ein anderes Arrangement finden dürften, nämlich einen Ersatz für dasjenige, welches die gehegten Hoffunugen nicht erfüllt hat. In dem Konzert der Mächte— ein markantes Phänomen, das erfreulichste Phänomen der Gegenwart—, liegt nichts, was diejenigen trösten könnte, die jene Regierung zu verewigen wünschen oder die Stimme jener zum Schweigen bringen wolle», die den Herrschern der Türkei die brennende Rolhweudigkeit einprägen wollen, ihren Unterthaiien d' Segnungen einer guten Verwaltung zu geben. Während der Un' Handlungen hat nichts größereu Eindruck auf mich gemacht�ls die Neigung der Großmächte zusmuineuzilwirken und ihr�meses Verständuiß für die schrecklichen Gefahren, ivelche die T»i>NtMg ihrer Aktion herbeiführen könnte. Selbst diejenige nnt« ihnen, welche im Volksgerede den Ruf der Rathlosigkeit hat, �hat mit de» anderen i» dem Bemühen geivetteifert, diese große S�vierig- keit zu einem günstigen Ausgange zu führen und sie in einer Weise zu führen, die alle Mächte i» einer Linie Halle, angeregt durch ein gemeinsames edles Ziel, das des Friedens der Christen- heit.(Beifall) Das ist ein sehr erfreuliches Symptom; ich hoffe, daß es die Grundlage eines dauernden Aktionssystems in dieser und vielen anderen Fragen ist, und daß es dem Zustand des be- waffnete» Friedens ein Ende macheu wird." Dies die Rede des englischen KabinetschefS. Er hat sehr geschickt die Aufmerksamkeit von d e m Punkte abgelenkt, wo die Gefahr liegt, und sich mit d e m Punkte beschäftigt, der erst in zweiter Linie kommt. Ueber die Türkei läßt sich gefahrlos reden. Die armenische Frage, so sehr sie aufgebauscht worden ist, kann jetzt uu- möglich für sich allein einen europäischen Krieg hervor- rufen; der diplomatische Spektakel in Konstantinopel sollte und sott die wirkliche ernsthaste Aktion nur maskiren— und diese Aktion ist in Ost- a s i e n. Hier ist der Weltfriede bedroht. Und wer durch das, ivas Lord Salisbury über die Lage in Ostasien Herr v. Köster eigentlich ivören will, wenn wir «lisch bessere» Fassung rath v. Philipsborn bereit sei», Ihnen ans Verlange» zur Ver- sllgnng zu stellen. Ich habe meines Wissens Ew. Wohlgeboren mir zweimal gesehen, als Sie mich im Ministerinin des Innern aussuchten; von Ihrem Vorleben weiß ich nichbL habe von Ihnen absolut nichts von polilisch&m Interesse eqayil�n und Ihnen keinerlei Austräge gegeben. � � Diese Angaben ivltoe ich«Hntuell, akl Zeuge vor Gericht geladen, uniex�Eid bekrifffcmci!.%« iX' De«. M i er des Innern. An I\ gez. v. Köller. Herr» ChbiredakieiiA�h�odor Sil Moolgeboren.�llerlin. Vielleichrspersteheil wiflkfaeffer, i bestätigt und eSenlnell vor Gericht den Schlußsatz nr folgender, graimnck lesen: X „Ich habe m iE u e s W i s s e n s Ew. Wohlgebore» nur zweimal gesehen, ars Sie mich im Ministerium des Innern ailfsilchte»; von Ihrem Vorleben weiß ich nichls, ich habe von ihuen absolut nichts von politischem Interesse er- fahren und ich habe Ihnen keinerlei Aufträge gegeben." Es fällt uns natürlich nicht ein, an dieser hüdschen, zuvor- kommenden Erklärung des Herr» Ministers v. Köller irgendwie drehen oder deuteln zn wolle»; vielleicht hätte ei» anderer an Herrn v. Köller's Stelle sich über das Vorlebe» eines solchen Chejredakteurs näher erkundigt, ehe er sich ans eine solche Korrespondenz mit ihm eingelassen; schwer iväre ihm das ja nicht geworden. Das ihm unterstellte Berliner Polizeipräsidium weist verschiedene Beamte ans, die dem Herrn Minister aus eigener Kenntniß der Person und Dinge hätten Auskunft gebe» können; der kürzlich verstorbene Leiter der politischen Abtheilmig. Herr v. Mauderode hätte bei der Ge- legenheit sogar erzählen können, wie gewisse vertraulich- sentimentale Briese von ihm dummer Weise in die Hände von Sozialdemokraten gekommen seien. Aber— Herr von Köller war nun einmal nicht so wißbegierig, sich über das Vorlebe» eines Mannes zu erkundigen, den er bei anderer Gelegenheit selber als Anarchist bezeichnet hat, der lange genug im warmen Reste gesessen habe; er begnügt sich zu konstatiren:..Ich weist von Ihrem Vorleben nichtö!"— und gesagt hat, klüger geworden ist und etwas gelernt hat, der muß das Talent haben, die Flöhe husten und das Gras wachsen zu hören— oder er muß ein wunderbarer Ee- daukenlcser sein. Wir hatten Lord Salisbury bisher für keinen Spaß- niacher gehalten, aber mit seiner Lord Mayors-Rede hat er die Welt zum besten gehabt. Kein Wunder, daß nach der jüngsten Panik die Sali?- bury'sche Rede jetzt vielfach im optimistischen Sinn aus- gelegt und zn Haussespekulalionen benutzt wird. Allein in zahlreichen Preßorganen finden wir doch eine nüchterne Ans- fassung. Die„Times", z. B. vermißt gleich uns Ans- klärnngen über Ostasien und schlußfolgert, daß es dort sel,r kritisch steht. polikifche Aebevflchk. Berlin, 11. November. Die Ironie vor Gericht. Die unserem Genossen Kunert zugegangene Verfügung, durch welche Nr. 260 des „Vorwärts" seitens des Amtsgerichts I beschlagnahmt ist, giebt als Grund der Beschlagnahme Verdacht der Majestäts- beleidigung, begangen durch die Notiz„Gnade, wem Gnade gebührt" an. In jener Notiz liegt nach Annahme des Gerichts eine„offenkundige ironische Kritik der Aus- Übung des Begnadigungsrechts. Der Kontrast zivischen dem eigentlichen Gedanken und dem wörtlichen Ausdruck desselben sei das Wesen der Ironie und sei im vorliegenden Fall für jeden dnrchscheinbar, der die„notorisch königsfeindliche Haltung des„Vorwärts" kennt". T..s Gericht irrt in seiner Annahme. Wäre sie zutreffend, so würde damit jede Kritik an Worten oder Hand- lungen des Kaisers für den„notorisch" königsseindlichen „'.orwärts" unmöglich sein. Bringt er eine abfällige Kritik— dann kommt er ans die Anklagebank, iveil nach neueren Rechtsauslcgungen fast jede abfällige Kritik der Aenßernngcn oder Haudlnngen eines Souveräns als Majestätsbcleidignng angesehen werden kann. Bringt er eine billigende Kritik, so kommt er ans die Anklagebank, weil der „notorisch" königsfeindliche„Vorwärts" billigende Kri- tiken von Worten und Aeußerungen eines Königs nur„ironisch" gemeint haben kann. Uns scheint, eine Ironie läßt sich nur am Ton erkennen. Den Ton aber wiederzugeben, mit dem ein Verfasser seine Anslaffnngen gelesen haben will, ist die Druckmaschine noch nicht im stände. Der verantwortliche Redakteur haftet aber nur für das, was im Blatt steht, nicht für den Tonsall, mit dem dieser oder jener die Worte liest. Ob der vom Amtsgericht aufgestellte neue Rcchtssatz, vor den höheren Instanzen Billigung finden wird, kommt vielleicht noch nicht zum Anstrag, denn im vorliegenden Fall enthält die Stichmarke„Gnade, wem Gnade gebührt" überhaupt keine Kritik, sondern lediglich wie jede Stich- marke eine kurze Zusammenfassung des Inhalts der Notiz und einen Hinweis auf denselben. — Als nächste Preis- Aufgabe für die hiesige JuriÜßiisakultät soll übrigens erwogen sein, die Frage als Pi�esrage zn stellen: Giebt es einen Ausspruch, der nicht Majestätsbeleidigung aufgefaßt werden kann, wiewohl x von einem Sozialdemokraten herrührt? Zur Vcrnrtheilung Lütgenau'S. Die„Breslaner Morgenzeitnng" meint, der nengeivählte sozialdemokratische Reichstags- Abgeordnete für Dortmund sei wahrscheinlich nur durch einen glücklichen Zufall der sofortigen Wieder- a b e r k e n n u n g seines Mandats entgangen: „Am Dienstag wurde er für Dorlmnud-Hoerde geivählt, am Freitag ist er wegen Majestälsbeleidignng, begangen durch Ab- druck eines einem anderen Biatle eiitnomnieiien Artikels, zn fünf Monaten Gesängniß verurtheilt. Hätte vor der Verhandlinig bereits eine amtliche Feststellniig des Wahlergebnisses vorgelegen, märe Lütge»«» bereits in aller Form der Reichstags- Tlbgeordnete für Dortmund gewesen; der Vertreter der Anklagebehörde würde kaiii» unterlassen habe», mich den Antrag auf Aberkenn»»« des Reichstags-Mandats zn stellen. Der vom Vergehen der Majestätsbeleidigung handelnde s 95 des Strafgesetzbuches sagt nämlich nicht nur:„Wer den Kaiser, scinen Landesherrn oder während seines Aufenihaltes in einem Bundesstaate dessen Landeeherrn beleidigt, wird mit Gesängniß nicht unter zivei Monaten oder mit Festungshaft von zwei Monaten bis zu sünf Jahren bestraft", sonderii er sagt auch:„Neben der Gesängnißstrafe kann auf Verlust der bekleideten öffentlichen Aemter, sowie der aus öffentlichen Wahlen h e r v o r g e g a n- g e n e n Rechte erkannt werde»." Weniger glücklich, als jetzt Herr Lülgcnau, ist vor elf oder zwölf Jahren ein Mitglied der freisinnigen Partei, der inzwischen gestorbene Mühlen» besitzer Richter zu M ü h l r ä d l i tz gewesen. Nach heißem wir können uns mit diesem lakonischen ministeriellen Zeugniß auch begnügen! Herr v. Köller verweist Herrn Reuß bez. feiner Aeußerungen in der Umsturzkommission Über ihn ans seine„Berliner Corresp.". Diese Stelle lautet: Den Mitlheilungen verschiedener Blätter gegenüber stellt die„Verl. Korr." folgendes sest: Als bei den gestrigen Be- rathnngen in der Kommission des Reichstages über die sogenannte Umsturzvorlage der Name Reuß genannt wurde, benierkle Minister v. Köller, daß er den Reuß kenne. Nachdem der Abgeordnete Bebel hieran Auslaffnngen über die frühere Thätigkeit des Reuß angeknüpft und vo» Diensten gesprochen hatte, welche Reuv dem Minister v. Köller geleistet zn haben scheine, erklärte Herr v. Köller, daß er den Reuß nur ein- oder zweimal gesehen habe, als Reuß sich bei ihm habe melde» lassen; er hege Zweifel. ob er ihn wieder erkennen werde; Dienste irgend welcher Art habe er von Reuß niemals in Anspruch genommen, noch auch solche empfangen; ebensowenig habe er dem Reuß jemals irgend welche Austräge ertheilt. Man wird gestehen müssen, diese Mittheiluug ist sehr dürftig; dürftig allerdings nur in dem, was sie sagt; viel bedeut- 'am er ist diese Notiz, in dem ivas sie— wir wollen nicht äge», verschweigt, aber— nicht sagt. Nekapituliren wir kurz die historischen Vorgänge: Ans der Umsturzkommission berichtete der„Vorwärts" in einer Nr. 18: Bebel:... Auch heute noch ist der berüchtigte Reuß einer der bevorzugtesten Jonriialisten einzelner Reichsämter»nv war offiziell zur Eröffnung des Reichstags-Gcbändes zugelassen, obwohl von ihm notorisch ist, daß er seiner Zeit Mitglied des Klubs A u t o n o m i e in London gewesen sei. Die Anarchisten, meist beschränkte Leute, werden erst gesährlich, ivenn sie Spitzeln in die Finger falle». Wo aber drei Anarchisten beisammen sind, befindet sich in der Regel ein Polizeispitzel darunter. M i n i st e r v o» Köller erklärt, daß er die An- fiiftnng zu Verbrechen durch Spitzel auf das entschiedenste verurtheilt und dafür sorgen wird, daß solche Hand» lungen bestrast werden. Vermeiden ließe sich das Spitzelthnm aber nicht. Herr v. Köller kennt Herrn Reuß sehr gut, weiß, was ervonihmzuhalten hat, da derselbe Wablkampfe hatte Richter. eine in Niederschlefien wohlbekannte kt-ersönlichkeit, da- Reichstagsmandat für seinen Kreis erobert; da kam eine Verhandlung wegen Majestätsbeleidigung gegen ihn und er wurde nicht nur zn s e ch s- M o n a l e n G e f ä n g- »iß vernrtheilt, sondern es wurde ihm auch das Reichs- tags-Mandat aberkannt. Die Majestätsbeleidigung, deren er sich nach dem Dafürhalten des Gerichts schuldig gemacht hatte, lag um vier Jahre und neun Monate zurück(in fünf Jahren wäre sie verjährt gewesen) und die be- treffende Aeußerung war unter vier Augen gefallen!" Wir wollen dem hinzufügen, daß der Denunziant des Abg. Richter- Mühlrädlitz ein konservativer G e i st l i ch e r war. Was nun aber die Angelegenheit Lütgenau's anbetrifft, so können sich die freisinnigen Herren darauf verlassen, daß die sozialdemokratische Partei nicht so handeln würde, wie dermalen die freisinnige, die in feiger Angst den Ver- nrtheilten Abgeordneten fallen ließ. Ein Sozialdemokrat, dem gleiches passirte, würde sicher sofort in seinem Wahlkreise als Kandidat für den Reichstag wieder aufgestellt und gewählt werden, wie dies mit dem Genoffen Bebel bereits 1873 ge- schah, als ihm, dem ersten in diesem Falle, das Mandat aberkannt wurde.— In Sachen Güstrow bringt die„National-Zeitung" folgende Bcschwichtigungs-Notiz: In der Angelegenheil des Berliner Privatdozenten Dr. Jastrow hat, wie wir hören, der Kultusminister Dr. Bosse sich darauf beschränkt, die Berliner philosophische Fakultät um eine Aeuheruiig darüber zu ersuchen, ob f.e von der Verurtheilung Dr. Jastroiv's wegen Beleidigung des Handelsmiuisters Kenntniß erhrlleu und was sie daraufhin gethmi bade. Diese Verfügung hängt damit zusammen, dast die Fakultäten nach ihren Statuten be- rufen sind, eine disziplinare Aussicht über ihre Privatdozenten auszuüben. Es handelt sich also tun ein Ersuchen um Auf- klärung darüber, ob und inwieweit dies im vorliegenden Falle geschehen ist. Daß der Erlaß des Kultusministers an die Fakultät erst so lange nach der Verurtheilung ergangen ist, erklärt sich zum iheil aus voraufgegangenen Versuchen, die Sache in gür licher Weise auszugleichen. Eine besondere Tragweite wird der selben in de» betheiligte» Kreisen nicht beigemessen. Sonderbar, höchst sonderbar! Anderthalb Jahre sind dazu verbraucht, diese Sache „gütlich auszugleichen". Zwischen ivem denn? Zwischen dein Ministerium und der Fakultät? Oder zwischen der Fakultät»ind Jastrow? Oder zwischen allen dreien? In ähnlicher Weise versichern jetzt auch die Beschwichtiguugs- hofräthe, daß die Anklage gegen Delbrück„jedweden politischen Beigeschmacks entbehrt". Nun, das kommt eben auf die Geschmäcker an. Wie wir Herrn Bransewetter kennen, ist seine Zunge für jenen Beigeschnlack seinsühliger, als die der Bcschivichtigungshofräthe.— Jnteruationale Solidarität. In England hat sich ein Komitee behufs Unterstützung der Ausgesperrten von C a r m a u x gebildet. Wie man uns schreibt, gehören dem Komitee u. a. W. Morris, H. M. Hyndman, Tom Mann, John Burns, E. R. Pease— kurz Mitglieder aller Frak- tionen der sozialistischen Bewegung Englands an. Es waren am Freitag schon über 120 Pfund(2400 Mark) gesammelt. Die Summe ist nicht übermäßig groß, aber wenn man berücksichtigt, daß es sich mehr um Zeichen internationaler Solidarität, als um eine ungewöhnlich dringende Hilfe leistung handelte, und daß die sozialistische Bewegung im ganzen»och jung und die einzelnen Mitglieder sehr stark in Anspruch genommen sind, ist sie doch ein schönes Zeichen internationaler Zusammengehörigkeit. Von sttichkengländern gehören dem Komitee Leo Melliet und E. Bernstein an. Dies ist blos eine sozialistische Sammlung. Die G e w e r k- sch asten haben schon beträchtliche Summen zur Ver- fügung und in Aussicht gestellt.— Die Goldklausel. Wie sich herausstellt, ist die beziig� liche Entscheidung des Kamnicrgerichts doch schon im Oktober des vorigen Jahres ergangen. Schwer ver- ständlich ist, daß eine so wichtige, das öffentliche Interesse so innig berührende Entscheidung so lange Zeit für die Oeffentlichkeit nicht existiren konnte.— Ein grosterBörseukrach ist infolge der beunruhigenden Nachrichten aus Ostasien in Berlin, Wien und Paris ausgebrochen. Bei solchen Gelegenheiten bluten immer die Kleinen, während die Großen die Beute einheimsen. Die »Neue Freie Presse" hat das Ergebniß der Ernte, wir wollten sagen, die Kursverluste in Wien allein ans 213 Millionen Gulden berechnet. Die„Berliner Börsen- zeitung" sucht die Schuld den kleinen Spekulanten zn- zuschieben indem sie schreibt: „In Wien und Paris ist die Börse und Privatpubliknm in unerhörter Weise verschwindelt, auf beiden Plätzen ist das ja lange genug im Lager der Anarchisten sich dewe'gt hat, sozusagen lange im warmen Reste gesessen habe. Der Minister will von Reuß vieles schätzbare Material erhalten haben." In der nächsten Sitzung kommt es über diese Köller'sche Reuß-Festnagelung zu einer erregten Geschästsordnungsdebatte. Der„Vorwärts" berichtet darüber in Rr. 20: v. Kölker bestritt, daß er wie Frohme niederschrieb, in bezug auf Reuß gesagt habe:„die Regierung ließe allerdings von ihm sich M i t t h e i l u n g e n mache n." Der Herr Minister, welcher die übrige» Sätze des Protokolls, auch die, daß Reuß bei ibm(Koller) gewesen sei, daß ersterer lange genug bei den Anarchisten im„warmen Nest" gesessen habe«., als richtig zngab, verneinte zunächst, daß er überhaupt von der Regierung und vou Miltheiliingen, die diese durch Reuß erhalten, gesprochen habe. Dem Minister sekundirten die Herren Euneccerus, von Stumm und der Vorsitzende der Kommission, Dr. Böttcher. Ter letzlere wählte dabei eine Forni des Ausdruck?, hinter der der Vorwurf der Protokollfälschung schlecht verdeckt war. Frohme verwahrte sich in der entschiedensten Weise da- gegen, Aeußerungen niedergeschrieben zu haben, welche nicht gefallen seien. Besonders wies er darauf hin, was denn die nicht bestrittene Angabe des Herrn Ministers. daß Reuß„lange genug im warmen Rest" bei den Anarchisten gesessen habe, für einen Sinn haben sollte, wenn nicht den, daß derselbe dadurch in die Lage versetzt sei, Mittheilungen machen zu können? Frohme erklärte weiter, nach diesem Vorkommniß seinen Schri'tsührer- posten niederlegen zu müssen. Von den Abgeordneten Bebel und Auer wurde konstatirt, daß der Herr Minister allerdings von Mittheilungen gesprochen habe, welche Reust geliefert und zwar habe der Minister diese Aeuße- ruug gethan im Zusammenhang mit den Worten von dem„warmen Reste", in dem Reuß sich„lange genug" bei den Anarchisten befunden habe. Ebenso konstatirte der Abg. Hüpede»(konservativ) ebenfalls Schriftführer der Kommission, daß auch er ein„Opfer des Mißverständnisses" geworden sei. Er habe aus der Rede des Herrn Ministers u. a. in bezug auf Renß die Worte nolirt:„aber manches erfährt man von ihm, der lange genug bei ihnen im warmen Reste gesessen hat". Spekulationsfieber bis in die Kreise der Ladenmädchen und Porliers gedrungen, welches Publikum sich die zahlreichen Börsen komtons herangezogen haben, um ihrerseits Geschäfte zu machen und Provisionen einzunehmen. Diese Art von Engagements, die nicht Millionen nur, sondern tansende von Millionen um- faßt haben muß, ist zivar monatelang prolongirt worden, als aber gerade die schlechten Minen-Papiere zu Kursen herauf- geschwindelt worden waren, wo sich eben kein Käufer mehr fand als erst da und dort ans Abivickelung der Engagements gedrängt ivurde, verloren diese ganz kolossalen Engagements den Bode». Das war der Anfang einer Korrektur der Kurse und der spekulativen Verhältnisse, die sich wie ein großes Ratnr ereigniß vollzog, rücksichtslos, grausam und mit einer a l I e s n i e d e r s ch m e t t e r n d e n G e w a l t. Nun die Kinder in den Bruimen gefallen sind, wird überall nach Teckeln gesucht. Das deuten die folgenden zwei Depeschen an: Wien, II. November. Abgeordnetenhaus. Ab. Sueß uud Genossen stellen einen Dringlichkeitsantrag des Inhalts: die Regierung möge Erhebungen anstellen, inwiefern der Kours- stürz vom 9. d. M. durch Gründe lokaler Natur veranlaßt wurde und in welchem Maße die Börsenkomptoirs, die Agenten und a. m. die Ueberspekulation verschuldeten; serner: welche gesetzlichen und administrative» Maßnahmen zu einer künftigen Abhilfe möglich wären. Die lllegierung möge das Resultat dieser Erhebungen so bald als möglich dem Hause mittheilcn. Ueber den Aulrag wird am Schluß der Sitzung verbandelt werden.— Abg. Hauck n»d Genossen iuterpelliren deir FiNanzminister über die Börseupanik vom 9. d. M. uud fragen an: wie in Zukunft einer weiteren Ausraubung des Publikums werde vor- gebengt werden und ob der Minister daS Sensalenwesen verstaatlichen wolle. Paris, II. November. Der„Rappel" versichert, im Lause der heute Vormittag stattfindenden Versammlung der Vertreter der großen Bankinstitute werde eine Summe von wenigstens 50, vielleicht sogar 100 Millionen Franks dem hiesigen Börscnmarkle zur Erleichterung der Liqnidatio» zur Ver- fügnng gestellt werden.— Der„GauloiS" meldet, daß die Konferenz von Finanziers bei Baron Alphons Rothschild stallsindei, dieselbe hat den Zweck, durch Bildung einer Art von Konsortium zur Zeichnung eines beträchtlichen Kapitals die flottanten Titres zn absorbire» und das Glcichgeivicht des Marlies wieder herzustellen. Die Bemühungen dürfte» Haupt- sächlich auf Hebung der Werths der Oltomaiibauk gerichtet sei». In Berlin wird eine Erhöhung der Bank- rate geplant. Der„Reichsauzeiger" schreibt: In der heutigen Sitzung des Zentralansschusses der Reichs- dank führte- der Vorsitzende, Präsident des Zleichsbank-Dircktoriums Wirkliche Geheime Rath Tr. Koch- aus, daß eiue Erhöhung der Bankraie unvermeidlich sei. Die in letzter Woche nur um 30 Millionen Mark gesunkene Anlage sei noch erheblich größer, als in den voraugegangeuen Jahren und ebenso die Notcuenussiou. 'Allerdings sei auch der Mctallvorralh, wenngleich um 36 Millionen kleiner als 1894, doch noch immer sehr ansehnlich und höher, als in den übrigen vorangegangenen Jahren. Judessen seien der Reichsbauk seit Anfang dieses Jahres 89 Millionen'Gold ent- zogen, uud der WechselkourS nähere sich dem Goldpunkt. Die steuerfreie Rotcnreserve sei noch um 30 Millionen kleiner als am 23. Oktober, und wesentlich kleiner als in den letztvoran- gegangene» vier Jahren. Rur 1890, aber bei einem Zinsfuß von 5Vs pCt., sei sie 39 Millionen höher gewesen. Bei dem allmälig am den Banksatz gestiegenen BLrscndiskont und der sich einer Spekulationskrisis nähernden Spannung aller Geld- märkte sei der für die Jahreszeit niedrige Diskont von 3 pCt. nicht länger aufrecht zu erhalte». Der Zentralausschuß stimmte hierauf widerspruchslos der beabsichtigte» Erhöhung des Diskonts auf 4 pCt., des Lombardzinsfußes auf 5 bezw. pCt. zn. Ferner willigte derselbe darein, daß aus die Dividende der Reichsbank-Aniheile vom 15. k. M. ab eine zweite Älbschlags- zahlnng von Wi pCt. geleistet werde, und erklärte sich mit der Znlassiiug einiger Papiere zur Beleihnng im Lombardverkehr einverstanden.— Ein Truseuaufstaud kommt zn all den anderen Schwierigkeiten in der Türkei. Die Drusen sind die christlichen, ihre Gegner, die Maroniteu, die mohamedani- scheu Bewohner des L i b a u o n. Beide Völker leben in ewiger Fehde mit einander uud sind von den Türken nur halb unterjocht. Ans Konstantinopel wird telegraphirt: Im Ha nr an sind die Drusen im Ausstände. Wie verlautet, ziehen sie in Stärke vo» 12 000 Berittenen gegen die Mohamedaner. Auf ihrem Zuge seien bisher zwei Dörfer niedergebrannt worden. Zur Bewältigung des Ausstandes wurden in aller Eile Truppen an de» Schauplatz beordert und gleichzeitig ivnrde die Einbernfuug von Landwehren verfügt. Bei der Be- urtheilung der dortigen Lage treten zwei verschiedene Auffassungen zu tage. Die eine erachtet die Situation als ziemlich ernst, die andere führt die eiiigelanfenen Meldungen auf die landesübliche» örtlichen Reibungen wegen der Weideplätze zurück, welche diesmal einen größeren Umfang angenommen haben könnle».— Der Herr Minister versuchte nun den Vorgang dahin«s- zuklären, daß, wenn er von M i t t h e i l u n g e» gesproch habe, er damit nur die Unlerbaltnug gemeint haben kaniis welche er mit Reuß gelegentlich seines Besuches gepflogen hat. Dabei habe es sich aber nur darum gehandelt, daß gl. sich be schwert suhlte, weil Singer im Reichslage ihn im Zusammenhang mit dem Radieschensamen-Attentat genannt habe. Herr v. 5iöller betoute wiederholt, daß er Reuß nur dies eine Mal gesehen und daß er weitere Mitiheilnugen vo» ihm nicht er- halten habe. Eine enisprecheude Erklärung des Herr» Ministers ivnrde zu Protokoll genommen. Aus dieser historischen Darstellung sieht man, daß die Mitlheilung der„Berliner Korrespondenz" b l o s.e i u e u T h e i l des von Herrn v. Köller in der Kommission über Herrn Reuß Ge- sagten wiedergiebt, und zwar de» nebensächlichsten Theil, den viel wichtigeren Theil der Köller'sche» Auslassungen übergeht sie völlig. Herr„Chefredakteur" Reuß hat vielleicht sehr gut daran gelhau, den Herrn Minister nicht vor Gericht aussagen zn lassen, denn unter dem Gewichte seines angebotenen Eides und gegen- über den Zeugen Auer, Bebel, Frohme, H ü v e d e n u. s. w. halte Herr v. Köller sein Gedächlniß so sehr schärfen müssen, daß der Lockspitzel Renß wahrscheinlich mehr gehört hätte, als ihm zn erfahren lieb gewesen wäre. Doch überlassen wir das Urtheil dem Leser, ob der Köller'sche Brief»nd die Notiz der„Berliner 5torrcspo>ldenz" Herrn Renß auch nur über die Köller'sche Festnagelung in der Umstiirzkom- Mission irgendwie entlastet. Dieser Vorwurf war nur nebenher erhoben, als charakteristisch im Anschluß an die anderen. Sagt Herr v. Köller über die zablreicheu anderen Brandmarknngen n|» ck> nur ein Wort? Nicht eine Silbe.— Und doch hat der famose Herr„Chefredakteur"— der gleichzeitig dem„neuen Kurs" Caprivi's als Vertrauensjouriialist Dienste leistete und bei den Huldigungen für den„alten Kurs" an der Seite des Grafen Herbert sich iür die Nachwelt pholographiren ließ— blos auf grund dieses Briefes die Klage gegen den„Vorwärts" zurückgezogen. Wenn aber natürlich Herr v. Köller über das Borleben des Reuß nichts zu sagen weiß, so wissen andere Leute um so mehr zu sagen und zwar nicht blos in höflichen, aber eigentlich u»- verbindlichen Antworten ans ehrerbietige Anfragen, sondern unter ihrem Eide vor dem gesetzmäßigen Richter, wie wir morgen sehen werden!- Deutsches Reich. — Ei» Lehre rbefoldungsge setz soll in der nächsten Tagung voraussichtlich dem preußischen Landtage vor- gelegt werden. Zivischen den zunächst betheiligten Verwaltungen ist, den offiziösen„B. P. N." zufolge, eine Verständigung bereits erzielt. Außerdem soll dem Landtage neben dem Etat zunächst der bereits für die letzte Tagung angekündigte Gesetzentivurs, betreffend die Einführung des Anerbenrechts f ü r R ent en guter, sowie ein Sparkasse ngesetz vorgelegt werden.— — Der K r i e g s m i n i st e r erläßt merkwürdig spät im „Reichs-Anz." eine„Richtigstellung" gegenüber einer Behauptung der„Deutschen Tagesztg." vom 24. August d. I. In einem Artikel über„unser Ofsizierkorps" war angedeutet worden, daß ein glegiments- oder Brigadekommandeur, wenn er bei Ehren- Händeln anderer Ansicht ist als die höhere Instanz, nach dem jetzt herrschenden Brauch seineEntlassung nehmen müsse, auch dann, wenn seine Meinung mit der allgemeinen übereinstimmt. In einem nicht- preußischen Armeekorps hatten vor einigen Jahren ein General und ein Oberst ans diesem Grunde den Abschied einreichen müssen. Es seien über diese Behauptung Ermittelungen angestellt worden, die nicht den geringsten Anhalt dafür ergeben hätten, daß und wo der angedeutete Fall vorgekommen sein könnte. Aber er kann doch vorkommen. Oder ist die Geschichte der Grafen S ch mi eß in g— K erssen b r o ck, die aus dem Ofsizierkorps ausgeschloffen wurden, weil sie sich nicht duellire wollten, in Vergessenheil geralhen?— — Der neue Baron für die„K r e n z-Z e i t u n g" ist gefunden. Herr Paulo. Roöll wird als Nachfolger des Hammersteiners angekündigt. Weiteren Kreisen ist der Herr nur als Verfasser entsetzlich schwülstiger und sozialistenfresserischer Gelegenheitsgedichte in der„Kreuz-Zeitung" bekannt. Konservative Bläiter berichten über ihn: Er war bisher Landrath des Kreises Pieschen, leitete mehrere Jahre lang die Deutsche volkswirth- schaftliche Korrespondenz, auch war er Mitarbeiter des Blattes, dessen Leitung er nun übernehmen soll. Ferner hat er 1883 das „Deutsche Adelsblatl" begründet und bis 1386 geleitet. Dann trat er in das literarische Bureau des preußischen Ministeriums des Innern über(von diesem Bureau ressortiren die sogenannten Reptilien) Später ging er als Grenzkommissar nach Eydtkuhnen, bann als Lanprathsamts-Verwalter nach Meseritz und schließlich als Landrath nach Pieschen. Ob Herr v. Isoell sich wohl mit Würde ans dem Stuhl zu fassen wissen wird, den Hammerstein leergelassen? — Die R e i ch s g l o ck e soll wieder aus der Gruft gehoben und aufs neue geläutet werden! DieS geht aus einem Briefe hervor, den Joachim G e h l s e n aus London, seinem jetzigen Aufenthaltsorte, an einen hiesigen Freund gerichtet hat. Das Schreiben versichert, nach Angabe der„Berl. Ztg", Gehlsen sei im Besitze noch vielen und interessanten Materials. Er hält es für reichhaltig genug, um darauf eine Wochenschrist aufzubauen.— — Für die R e i ch s t a g s- E r s a tz w a h l i n H a l l e- Herford ist einer Mittheilung der„Freisinnigen Zeitung" zu- folge als 5kompromißkandidat der Freisinnigen und Nationalliberalen Bürgermeister Q u e n t in Herford aufgestellt worden. Wie wenig Zutrauen zu sich selbst müssen die Freisinnigen haben, daß sie sich mit den Nationalliberalen aus einen Kompromiß- kandidate» verständigen können! Oder wirst da eine neue Fusion ihren Schalten vorauf? — AusThor n wird geschrieben: Ein hiesiger Malermeister hatte im September, als Ahlwardt sein Erscheinen angekündigt, die Platten der Bürgersteige mit der Aufschrift„A h l w a r d t komnit!" bemalen lassen. Darauf erhob der Staatsanwalt gegen den Malermeister Anklage wegen Verübnng grobe» Un- fnges. Das Amtsgericht hat nun aber die Eröffnung des Haupt- Verfahrens abgelehnt, da in der Bemalung der Troltoirs mit jener Aufschrift kein grober Unfug zu erblicken sei, weil hierdurch vielleicht einige Bürger mosaischen Glaubens belästigt, nicht aber das Publikum im allgemeinen und die öffentliche Ordnung ge- stört worden sei. Das ist ja ein sehr vernünftiger Beschluß. Ob auch Sozial- demokraten gegenüber in einem ähnlichen Falle immer mit der nämlichen Vornrtheilslosigkeit entschieden werden wird?— Köiligöbcriz- 10. November. Der Grenadier des Ne» giments Rr. 1, welcher jüngst einen ihn auf Posten thätlich be- drohenden Arbeiter erschossen und einen andere» schwer verletzt hat, soll, wie die„K. H. Z." erfährt, in Anerkennung seines korrekten Verhaltens in seiner sehr bedrängten Lage zum Ge- freiten befördert und dann in ein anderes Regiment versetzt werden.— — Bei den Stadtverordneten-Wahlen in Königsberg i. Pr. ist es unserer Partei zwar nicht gelungen, Sitze zu erobern; sie hat aber die Genugthuung, daß die Stimmenzahl unserer Anhänger gegenüber dem Ergebniß der I893cr Wahl überall bedeutend, in vier von den sechs in Frage kommenden Bezirken fast um das doppelte und dreifache ge- stiegen ist. Dieser Forlschritt ist um so höher anzuschlagen, als unseren Königsberger Genossen zur Agitation große Säle nicht zur Verfügung stehen, vor allem aber, weil mehr als 14 000 Reichstagswähler von der Kouimnnalwahl ausgeschlossen waren. da sie weniger als 600 M. Einkommen haben. Außer- dem ist noch zn beachten, daß durch die öffentliche Stimmabgabe r in den Staatsiverkstätten:c. beschäftigte Theil unserer An- ger genölhigt ist, der Wahl fernzubleiben, um der gerade in heutiger Zeit zn befürchtenden Gefahr zu entgehen, wegen sozial« demokratischer Gesinnung ans der Arbeit entlassen zu werden. — Aus Sachsen. Das läßt tief blicken, schreibt die „Dresdener Arbeiterzeitung". Der Bezirksverein für Dresden- Altstadt beschäftigte sich in seiner letzten Versammlung mit den Stadlverordneten-Wcihlcn und der hier üblichen Agitation und beschloß dazu folgende lliesolniion: „1. Es ist mit der Würde eines Bürgers»»d Stadtverordneten nicht vereinbar, Gegner ans dem Wahlkampfe bei den Vorgesetzten zu denunziren, um sie um Lohn und Brot oder doch in Mißkredit zn bringen. 2. Es ist verwerslich, wenn jemand beim Getriebe einer Wahl einen Beamten mit Entziehung eines Theilcs seines Gehaltes bedroht. 3. Bexir- oder Ouerlisten, ebenso wie der Mißbrauch mit klangvollen Namen, deren Träger über- Haupt nicht kandidiren, sind als Fälschungen, deren Hersteller aber als Fälscher zn bezeichnen." Die Leute sitzen an der Quelle und müssen es ja wissen. — Der 31 eichstags- Abgeordnete Kröber, der einzige nicht württembergische Vertreter der deutschen Volkspartei im 3teichstage, ist schwer erkrankt und will sein Mandat für Ansbach-Schwabach niederlegen.— — I m bayerischen Landtag haben die Abgeordneten Lutz und Genossen(Banernbündler) folgenden Antrag ein- gebracht: Es möge dem gegenwärtig versammelten Landtage ein Gesetzentwurf vorgelegt werden der besage, daß 1. zur Erleichte- rnng der Bodenzinseii an Private und zur Ablösungskasse eine 3prozcntige Griindrenten-Nnleihe ansgegeben werden soll, mit welcher diese Art von Bodeuzinsen abzulösen ist, so daß die hierdurch erzielten Ersparnisse zur Abminderimg und zu rascherer Tilgung der Bodenzinse zur Ablösungskasse Verweil düng finden können; 2. im Finanzgesetz der 23. Finanzperiode eine entsprechende Summe eingestellt werde, welche ebenfalls die Abminderung der Bodenzinse zur Staatskasse und die allniälige Tilgung derselben herbeiführt. Weiter sei eine gerechte Steuerreform anzustreben, mit deren Ueberschüssen eine raschere Beseitigung aller Bodenzinse erreicht werden kann. X. Metz, 9. Noveinber. L a» i q u e hat die ihm migeboteue Kandidatur zum Reichstag angenommen. Mau glaubt, daß die Klerikalen ihm das Handelsausschnß- Mitglied Pierson entgegenstellen. Ungarn. Bndapcst, 19. November. Ter stürmische Verlauf der gestrigen Abgeordnetenhaus-Sitzung wird rvahrscheinlich zu einer partiellen Ministerkrisis führen. Der Rücktritt des I u st i z m i n i st e r s gilt als sicher.— Budapest. II. November.(Abgeordnetenhaus.) Ter Ministerpräsident Baron Banffy beantwortete die Interpellation. betreffend die angebliche Einmengung der ungarischen Regierung in die Angelegenheit L u e g e r mit der Erklärung, die ungarische Regierung habe sich weder für die Wahl Lueger's noch für die Bestätigung derselben interessirt; sie habe keinerlei Einfluß auf die Nichtbestätigung ausgeübt. Das Haus nahm die Antwort zur Kenntniß. — Der Hodniezö-Vasarhelyer Sozialisten- Prozeß, vor der königlichen Kurie in Budapest. Wie erinnerlich, wurden im März dieses Jahres vom Szegeduier Gerichtshof in Hodmezö-Vasarhely 65 Feldarbeiter wegen Auf- reizung gegen die Verfassung, wegen Gewaltthätigkeit gegen die Behörde, Ruhestörung und schwerer körperlicher Verletzung angeklagt. Es waren dies die Mitglieder des dortigen Arbeiter' Lesevereins, die von der Polizeibehörde die Rückgabe der ihnen weggenommenen Bücher und Druckschriften forderten, bei welcher Gelegenheit es zu einem Tumult kam. Die Polizei und Gen- darmerie gab 16 Schösse ab. wobei mehrere Personen verletzt wurden, ein Arbeiter aber getödtet wurde. Die Verhandlung endete mit der Verurtheiluug von 26 Angeklagten. Hauptangeklagter Johann Szanto-Kovacs erhielt damals wegen Aufreizung und Gewnltlhätizkeil gegen die Behörde fünf Jahre Kerker und 660 Fl. Geldstrafe, Franz Z a r k o und Paul K e n e z erhielten je drei Jahre Kerker. Die übrigen kamen mit geringeren Strafe» davon. Die königliche Tafel in Szegedin minderte die Strafe des Szanto-Kovacs ans vier Jahre und setzte auch die Strafen der übrigen entsprechend herab. Die königliche Kurie bestätigte in der heutigen Verhandlung hinsichtlich der Angeklagten Szanto- Kovacs. Kenez und Zarko das Urtheil der e r st e n Instanz, hinsichtlich der übrige» Angeklagten aber das Urtheil der zweiten Instanz; der Angeklagte Bodroghy, der von der königlichen Tafel freigesprochen wurde, ist von der Kurie zu acht Monaten Kerker verurtheilt worden. Schweiz. Zürich,'9. November.(Eigenbericht.) Das verwer- sende Volksvotum vom 3. November hat die Kosten der dieswöchentlichen Diskussion in der Presse in reichlichem Maße gedeckt und wird sie auch noch für einige Zeit zu tragen haben. Ein Theil der Unterlegenen nimmt die Verwerfung sehr tragisch und bekundet eine gedrückte, pessimistische Stimmung, die dem tiefen Sturze von der Höhe des für die Militärvorlage ein- genommenen Standpunktes entspricht. Mit Ausnahme der fanatisch-födcralistischen Presse, namentlich der sranzösischen Schweiz, welche in der Verwerfung einen glänzenden Sieg des Föderalismus sehen will, ist die übrige Presse einig darüber, daß die in den letzten 29 Jahren eingeschlichenen Uebelstände im Heere die Ursache der Verwerfung waren.„Man wollte aus keine Gründe hören", sagt ein Zürcherisches Blatt,„denn man wollte d e m o n st r i r e n... Es dürfte energischer noch als bisher daraufhin gesehen werden, daß hochnäsige Taktlosig- leiten in der Behandlung der Mannschaften, namentlich der Landwehrmänner, sich nicht breit machen können; gewisse unselige Formalitäten, welche in den siebenziger Jahren eingeführt wurden, nichts nützen und unsere Wehrmänner nur reizen, die trotz des Soldatenkleides nicht vergessen können oder wollen, daß sie Bürger .sind, dürften nicht bald genug in Wegfall kommen; und bei den Anstrengungen und Entbehrungen, die man im Dienst den Leuten zumuthet, sollte länger nicht übersehen werden, daß alles Einüben und Drainiren zwecklos ist und die Schlagfertigkeit der Armee nicht fördert, wenn es Dinge betrifft, die man ini darauffolgenden bürgerlichen Leben wieder aufgiebt oder auf- geben nmß; dahin gehören z. B. die Jagereien, um bei bestandenen(ältern) Leuten eine Marschfähigkeit zu erzielen, die nachher ganz einfach wieder m die Brüche geht." Bei der Kritik, die an diesen Dingen nun auf der ganzen Linie ebenso rückhaltlos wie scharf geübt wird, läßt sich erwarten, daß 'in mancher Beziehung Besserung eintreten wird. Und dann war der 3. November nicht blos negativ, sondern positiv nützlich. Gegenüber der Hetze, die in Deutschland gewisse Kreise und Parteien gegen das Reichstags- Wahlrecht seit langem betreiben, weil es die Bürger ihrer Ueberzcugung gemäß ausüben, ist es von allgemeinem Interesse, festzustellen, daß kein einziges bürger- liches Blatt, mag es die Verwerfung der Militärvorlage noch so sehr bedauern oder darüber empört sein, gegen das vieferendum (Volksabstimmung) geeifert hat. Es ist die Einsicht der politischen Reife und Höhe der Schweizer, daß das Volk selbstverständlich das Recht auch zum Nein- und nicht blos zum Jajagen hat. In A a r a u wurde am Sonntag der Arbeiterkandidat Schriftsetzer L i e n h a r d in das Bezirksgericht(als Bezirksrichter) gewählt. ?ür die morgen in Genf stattfindenden Großraths- l e n, für die der Proporz besteht, haben die Sozialdemo- Iraten 21, die Ultramontaneii 52, die Radikalliberalen 63 und die Liberalkonservativen 60 Kandidaten aufgestellt. Irren wir nicht, so sind 199 Großrälhe zu wählen.— Vcru, II. November. Ter Bundesraih hat das von dem Eisenbahn-Departement vorgelegte neue Gesetz über das Rech- nu n gs wesen der Eisenbahn-Gesellsch asten au- genommen. Frankreich. — Herr C h r i st o f l e, Generaldirektor des Crödit Foncier, ist von dem neuen Ministerium abgesetzt worden. In unserer heutigen ßallus-Korrespoiideiiz finden die Leser einiges über den Credit Foncier. Und über die Absetzung Christophle's wird uns geschrieben: P a r i s, 9. November. Obgleich es im Dekret, das den Generaldirektor der Tepositenkasse, Herrn Labeyrie, zum Gouverneur des Credit Foncier(Bodenkreditanstalt) ernennt, heißt, daß diese Ernennung„in Ersetzung des Herrn Christophle' erfolgt sei,„dessen Demission angenommen und der zum Ehrengouverneur ernannt ist", so war es doch gleich für jedermann klar, daß Herr Christophle ganz einfach— gegangen worden ist. Und darüber konnte das vorhergegangene Demissionsschreiben Christophle's wie das Antwortschreiben des Finanzministers, in welchem ihm dieser be- kannt gegeben, daß die Regiening, seine Demission annehmend, ihn in Anerkennung seiner Verdienste den Tirel eines Ehrengou- verncurs verliehen habe, ebensowenig hinwegläuschen, als etwa in Deutschland die Verleihung des Herzogtitels über die„Temissio»" des„Eisernen Kanzlers". Herr Christophle hat eben seine De- Mission gegeben, weil er sie zu geben gezwungen war. Wie sehr dieser Ncinigungsakt der neuen Regierung das Parasitenlhum berührt, davon zeugt so recht der Joes Guyol'sche Erguß.„Die Demission des Herrn Christophle. sagt dieser Patron in seinem„Siecle", ist symptomatisch. Das Kabinet Bourgeois wird offenbar alle diejenigen treffen, die ihm der Haß der Sozialisten bezeichnen wird. In Ermangelung von Reformen wird es den Begierden derjenigen, die es stützen, Menschen vorwerfen. Welch' schöne Politik, welche die guten Zeiten Robespierre's in Erinnerung ruft!" Wie schlimm muß es mit der Seelenreinheit dieser Herren beschaffen sein, wenn sie schon in einer llteaierung, die den Mogeleien entgegentritt, eine Schreckensherrschaft sehen! Wahrlich, besser könnten sich die Herren nicht selber richten.— — I n C a r m a u x ist alles noch auf dem alten Fleck. Herr Resseguier wirbt fortwährend fremde Arbeiter an, und er hat gedroht, lieber die Fabrik niederzureißen und einen Park an der Stelle errichten zu lassen, als sich„der Tyrannei der Arbeiter zu unterwerfen". Ter Pascha von Carmaux erklärt pathetisch„für die Freiheit" zu kämpfen; und einer seiner Kumpane, der Abgeordnete Teluns-Montard, hat in einer Konferenz der sogenannlen„Siegierungsrepublikaner" sich die Kraftphrase geleistet:„In Carmaux ist der Kamps zwischen der Zivilisation und der Barbarei entbrannt, und die Barbaren dürfen nicht den Sieg davontragen." Ilm_ Mißverständnissen vorzubeugen, sei bemerkt, daß es Herr Reffeguier, der Ausbeuter und Aushungerer des arbeitenden Volkes ist, welcher nach Herrn Deluns-Monlard die„Zivilisation" vertritt. Ter Kapitalismus fälscht alles— auch die Sprache.— In einer Versammlung der Ausgesperrten wurde, falls Reffeguier nicht nachgicbt, die Errichtung einer Glashütte, die von dem Syndikat zu leiten sei, als Forderung aufgestellt. Hierzu be- dürfte es natürlich des„Staatskreditö", der bisher blpj den Kapitalisten gewährt ward.— Spanien. Madrid, 9. Noveniber. Der F i n a n z m i n i st e r be- schäftigt sich mit deni Studium einer Steuerreform zwecks Vermehrung der Einnahmen. Die Reform soll sich auf die indirekten Steuern beziehen. Demnach sollen auch in Spanien die Aermsten durch die indirekten Steuern für die Sünden der Staatsmänner, so hier für den kubanischen Aufstand büßen.— Serbien. Belgrad, 19. November. In der Nähe der Ortschaft Nictowny kam es zu Kämpfen zwischen türkischen Soldaten und serbischen Schmugglern, in deren Verlauf ein Schmuggler getödtet und zwei gefangen genommen wurden.— Nttsjlaiid. Petersburg, 19. November. Auf grund des Preßgesetzes erließ der Verweser des Ministeriums des Innern Goremikin eine Verfügung, durch die der Zeitung„Rußkija Wjedomosti" der Verkauf von Einzelnummern verboten wird. Tie in Moskau erscheinenden„Rußkija Wjedomosti" sind eine Profeff'orenzcitung. Politisch stehen sie aus dem Boden eines abgeblaßte» Liberalismus. Von Chauvinismus und Panslavismus hatten sie sich fast ganz allein freigehalten. Die Maßregel beweist, daß der Rücktritt Durnowo's keine Aendernng im Kurse der inneren Politik Rußlands bedeutet.— Türkei. — Die armenischen Unruhen. Meldungen äus Konstantinopel über Wien zusolge dauern die Kämpfe in Kleinasien fort. Die von den Konsuln eingegangenen Berichte stimmen mit Nach- richten aus zuverlässiger Privatquelle darin überein, daß sich die Anzahl der armenischen Opfer auf mehrere Tausend beziffert. Neuerdings wird bestätigt, daß in einzelnen Fällen die Provokation von türkischer Seite ausgegangen wäre, was daraus hervorgehe, daß die Behörden und Truppen sich passiv verhielten und mitunter an den Ausschreitungen lheilgenommen haben sollen. Es scheine übrigens, daß die Ausschreitungen sich auch gegen andere Christen zu richten beginnen.— Der französische Konsul in Erzerum ist gestern behufs Berichterstattung in Koustaulinopel ciiigetroffcn und sofort auf seinen Posten zurückgekehrt.— China. — Zur A u f st a n d s b e w e g u n g wird aus Shanghai gemeldet, daß der Anführer der Rebellen, Dunganca, der chine- fischen Regierung ein Ultimatum zugehen ließ. Er will, falls ihm die Antwort hierauf nicht genügt, auf Peking losmarschiren. Außer dem Hauptort Läntecheu haben die Rebellen in der Provinz Kons» noch mehrere andere Ortschaften eingenommen und eine Anzahl geplündert sowie die Bevölkerung massakrirt.— — Aus Formosa wird über Petersburg gemeldet, das japanische Hauptquartier befinde sich in Thai-wan. woselbst der Chef-Kvmmandant Kabayama eiiigetroffen sei. Die Eingeborenen setzten den Widerstand fort und die Japaner hätten neue Ver- stärkungen erbeten. VÄvkei-AArszvichten. Nchtuiig, Genossinnen«nd Genossen Berlins? Die politische Rechtlosigkeit der p r o l e t a r i s ch e n Frau und die jetzige Handhabung des Vereinsgesetzes macht es in ab- sehbarer Zeit unmöglich, Frauenvereine mit Erfolg zu gründen. Der einzige Weg, politische Aufklärung unter den Frauen zu ver- breiten ist der, sie in öffentlichen Versainiiilungen zu belehren. Zu diesem Zwecke wird am Mittwoch, den 13. d. M., Herr Rechts- anwalt Heine in einer Volksversammlung über:„Die rechtliche Stellung der Frau im öffentlichen Leben" einen Vortrag halten. Genossinnen und Genossen! Sorgt dafür, daß diese wichtige Versammlung zahlreich besucht wird, damit es einer immer größeren Anzahl von Frauen klar werde, welch' schreiender Widerspruch zwischen ihren Rechten und ihren Pflichten besteht, und damit sie dadurch zu dem Bewußtsein kommen, daß sie rlbst mit Hand anzulegen haben, daß jenes Unrecht beseitigt wird. Ter Provinzial-Partritag der Sozialdcinolraten Rhein- l a n d s findet am 12. Januar 1396 in Solingen statt. Die provisorische Tagesordnung ist folgende: I. Die Konstituiruiig des Parteitages. 2. Bericht des Agitationskomitecs. 3. Or- ganisalion und Agitation. 4. Presse. 5, Vortrag: Die politische Lage. 6. Tie Beschickung des Internationalen Arbeiter- Kongresses zu London 1896. 7. Anträge der Delegirten. 8. Wahl des Ortes, an welchem das Agitationslomitce für 1896 seinen Sitz haben soll. Prcnzlau-Atigermünder Wahlkreis. Beim Unterzeichneten gingen für die Familien der im Essener Meincidsprozeß Ver- urtheillen folgende Unterslützungsgelder ein; von Prenzlau >4,69 M., An germünde 5,85 M., Strasburg 16,35 M., Greifenberg— ,39 M., Schwedt a. O. 46 M., in Summa 85,19 M. Der Betrag ist an die Expedition des„Vorwärts" abgesandt. Der Kreis-Verlraucnemann. In Bremen ist der früher« Inhaber der Druckerei der „Bremer Vürgcr-Zeilung", Chr. G o t t l i e b, der wegen Unrcd- lichkeiten gegen unsere Partei geflüchtet und dann steckbrieflich ver- olgl worden war, verhaftet worden. Die Parteigenossen von Lüdenscheid erstalten dem West- sälischen Agitationskomilee einev Situaiionsderichl, dem wir folgendes entnehmen: Ihre Parteiangelegendciten erledigten die dortigen Genossen in 7 Parteiversammlungen; öffentliche Volks- Versammlungen fanden 6 statt. Die Bethciligung an den Neu- wählen zum Gcwerbegcricht hatte den Erfolg, daß sämintliche 9 Ersatzkandidaten unserer Partei gewählt wurden. An den Stadtverordneten-Wahlen bethciligten sich die L ü d e n s ch e i d e r Genossen ebenfalls, allerdings ohne greisbare Resultate zu er- zielen; jedoch vereinigten ihre Kandidaten eine ganz er- hebliche Sriinmenzahl aus sich. Auf dem Lande gelangten grobe Posten Flugblätter, Zeitungen und Broschüren zur Verbreitung. Dem Bericht über die Landagilalion ist folgende Bemerkung beigesügl: Bei dieser Gelegenbeit wollen wir nicht unerwähnt lassen, daß es sich bei uns nickt bewährt hat, die Landagilalion einem besonderen Komilee zu übertragen. Wir halten vielmehr dafür, daß die Wahlvereine die geeignetsten und berufensten Körperschaften bilden, die die gesammte Agitation in die Wege zu leiten haben. Alles andere zersplittert die Kräfte. Polizeiliches, Gerichtliches«e. — Zwei neue Anklagen hat der Verantwortliche des Sie ttin er„V o l ks b o t en" erhalten. Wie das Blatt inst- theilt. ist das nun die 7. und 3. Anklage. In dem einen Fall handelt es sich wieder um„groben U n s u g", der in der Abonnementseinladung des„Volksboten" durch Störung des Ge- sühls der Rechtssicherheit begangen sein soll. Die zweite Anklage lautet auf M a j e st ä t s beleidigung. Der„Volksbote" hat seiner- zeit den Bericht nachgedruckt, den der„Vorwärts" über die Ver» Handlung gegen die Redakteure Dierl, Pfund und Raulinann unter dem Stichwort„Sozialdemokratische Redakteure vor Brausewetter" veröffentlichte. In diesem Bericht war die Stelle aus dem Leitartikel„Sedan und kein Ende" mitgetheilt, in der die Staatsanwaltschast die Merk- male der Majestätsbeleidigung zu finden glaubte. Wie noch erinnerlich sein wird, erkannte selbst die Kammer Brauseivetter in Beziehung auf diesen Artikel auf Freisprechung. Der Redakteur des Stettiner„Volksboten" aber soll wegen Nachdrucks dieser Stelle des in Berlin als nicht strafbar erwiesene» Artikels, wie bereits ermähnt, der Majestätsbeleidigung ver- wichtig sein und ist deshalb unter Anklage gestellt, beiläufig wegen eines Gerichtsverhandlungs- Berichts, der auch von den meisten bürgerlichen Blättern veröffentlicht worden ist. Unseres Erachtens wird die Gerichtsverhandlung in Stettin selbst- verständlich mit Freisprechung enden. Das aber solche Anklagen überhaupt erhoben werden können, ist auch ein Zeichen der Zeit. — Zu einem Jahre Gefängniß wurde der Genosse Krebs in Oschersleben vom Landgericht zu Halberstadt verurtheilt, weil er eine Majeftätsbeleidigung begangen habe» soll. Belastungszeugen waren»in von Krebs weggeschickter Lehr- ling und dessen Vater. Der Vertheidiger machte vergeblich gel- tend, daß sich die Aenßerungen des Augeklagten auf einen Kon- kurrentcn, den Zahntechniker Kaiser, bezogen hätten. — Eine Anklage wegen M a j e st ä l s b e l e i d i g n n g ist gegen den Parteigenossen P h. D i e d r i ch in Hamburg er- hoben. Er soll das Vergehen in einer Versammlung durch die Art und Weise begangen haben, wie er den Referenten über die Sedanworte des Kaisers interpellirte. — Wegen Beleidigung des Kommandos des Panzerschiffes „Friedrich der Große", begangen in einem Sprechsaal-Arttkel des„Hamburger Echo", ist unser Genoffe Karl H e i n e be- kanntlich vom Hamburger Landgericht zu drei Wochen Ge- sängniß verurtheilt worden. Heine hat am Freitag seine drei- wöchentliche Sitzung ans der lltaboisenwache angetreten. — Genosse S e g i tz in Nürnberg hat ein zweites S t r a f m a n d a t in der Höhe von dreißig Mark erhalten, weil er anläßlich der Veröffentlichung eines Wochenberichts über die Thätigkeit des Nürnberger Arbeitersekretariats„unbefugt einen Titel angenommen" habe, indem er der fraglichen„Privat- ansialt" den Tirel„Arbeitersekretariat der Stadt Nürnberg" bei- legte, welche Bezeichnung geeignet sein soll,„die Täuschung zu erwecken, als ob es sich um eine behördliche Einrichtung handle". — In Zwickau verbot die Polizei eine öffentliche Ver» sammlung, wo E r n st Grenz aus Leipzig über die ivirthschaft» lichen und politischen Kämpfe der Arbeiter sprechen sollte. In der mündlichen Begründung des Verbots war auch auf eine Februarversammlung in Leipzig bezug genommen, wo Grenz das Wort entzogen worden war. Bei der Persönlichkeit de? Referenten und dem Thema(!) seien„Aufreizungen" zu be- fürchten. — Heute Vormittag 9 Uhr beginnt in Wien die Schwurgerichts-Verhandlung gegen die Partei- genossen Dr. Adler als Herausgeber und L. A. Brot« s ch n e i d e r als verantwortlichen Redakteur der„Arbeiter- eitnng". Gegenstand der Anklage sind: ein Artikel in der r. 119 der„Arbeiter-Zeitung", betreffend den Ziegelarbeiter- streik, der das Verbrechen der Störung der öffentlichen Ruhe enthalten soll, und einige Notizen, in denen die Anklag« etwas anderes findet. Genosse Adler hat sich in derselben Verhandlung noch gegen die Anklage des Vergehens der Gutheißuna ungesetz- licher Handlungen, begangen in einer Rede am I. Mai 1395, zu verantworten. Depefrszen und letzte Nncheichken« Leipzig, 11. November.(W. T. B.) Vor dem hiesigen Landgerichte fand heute die Verhandlung gegen den Bahnwärter Dornbusch statt, welcher angeklagt war, das am 15. September in der Nähe des Berliner Bahnhofes stattgesmidene Eisenbahn- Unglück verschuldet zu haben, wobei eine Person getödtet und 7 Personen verwundet wurden. Dornbusch wurde zu I Jahr und 4 Monaten Gefängniß verurtheilt, wovon l Monat auf die Untersuchungshast angerechnet wurde. Bremen, ll. November.(W. T- B.) Die Rettungsstation Kloster auf Hiddensee telegraphirt: Von der hier am 19. No- vember gestrandeten deutschen Jacht„Henriette", Kapitän Ehlert, zwei Personen durch den Rakeienapparat gerettet. Köln, II. November.(W. T. B.) Wie die„Kölnische Volkszeilung" meldet, wurden heute in der Grube„Schwabach" an der Saar zwei Bergleute durch fallendes Gestein erschlagen. Frankfurt a. M., 11. November.(B. H.) Nach einer Meldung der„Franks. Ztg." aus Wien hat sich daselbst der Börsianer Russo infolge von Verlusten erschossen.— Demselben Blatt wird aus München telegraphirt: Der Neferent Abgeord- neter Josef Wagner bemerkte, daß nach der Statistik die Zahl der Soldatenmißhaudlungen nicht viel geringer geworden sei, dagegen seien die einzelnen Fälle nicht mehr so schwer. Frankfurt a. M., 11. November(B. H.) Ueber den Rücktritt K i a»i i l Paschas vom Großveziramt erfährt der Korrespondent der„Fraulj. Ztg." autheniisch folgendes: Seit Djenat � Paschas Jrade war die Leitung der türkischen Politik vollständig von der Pforte in das Palais (Iildiz Kiosk) übergegangen. Kiamil überreichte nun dem Sultan persönlich ein'Memorandum, worin er auf die Gefahren dieses Systems hinwies und den Sultan im Interesse seines Thrones uni eine größere der hohen Pforte zu- stehende Einflußsphäre ersuchte. Abdul Hamid zerriß wüthend das Memorandum und warf es Kiannl vor die Füße mit den Worten:„Hinaus, Verräther!" Nur mit der äußersten An» strengung gelang es Kiamil Pascha, aus dem Palaste zu flüchten. Sein Leben war in höchster Gefahr. Paris, II. November.(B. H.) Von dem bekannten Millionär Lebaudy wurden dreizehn Blätter vor Gericht geladen, iveil diese veröffentlicht hatten, Lebaudy hätte sein gesammtes Vermögen in Goldminen-Aktien verloren und wäre demnach ruinirt. Lebaudy verlaugt von jedem Blatte 195 999 Franks Schadenersatz. Paris, II. November.(B. H.) Heute Nachmittag fand in der Kammer die Wühl des Vizepräsideuten statt. Poincars, der Kandidat für diesen Posten, erhielt im ersten Wahlgang nickt die erforderliche Sliinmenzahl. Seitens der Sozialisten wurde kein Kandidat aufgestellt, weshalb sie Vertagung bis zum Januar beantragten. Dieser Antrag wurde zedoch mit 285 gegen 232 Stimmen abgelehnt. Hieraus begann ein zweiter Wahlgang für Poincars. Paris, II. November.(B. H.) Auch mehrere Direktoren hiesiger Zeitungen fielen der seit Sonnabend eingetretenen Börsenkrisis zum Opfer, darunter die Direktoren des „Journal", des„Soir" und vom„Gil Blas". Diese verloren 800 000 bezw. 590 ovo bezw. 499 090 Franks und wurden an der Börse exekntirt, da die Summen nicht gezahlt werden konnten. London, II. November.io»inien waren und mit Strafe bedroht sind. Ehrenberg ist verheirathet Ml» st das sein? Der christliche Staat, der zur Erhaltung der Religion das Menschenmöglichste u. a. durch Kirchenbauten leistet, sowie durch die charakteristische Propaganda beim Militär und durch die strengsteil Maßnahmen gegen alle Sünder, die eine freiere Geistesa, ischauung bethätigen möchten, als wie sie die moderne Frömmigkeit für gut hält, in diesem selben christlichen Staat ist es wieder einmal zu einer recht lieblichen Ueberschreitung des Gottesgebols„Du sollst den Feiertag heiligen" gekommen. Bei den Eisenbahnbauten in der Gegend von Treptow ist nämlich, wie bei früheren Gelegenheiten schon, so auch am vorigen Sonntag flott und frisch gearbeitet worden. Wir können aus Gründen, die durch die Paragraphensülle des Strafgesetzbuchs hinreichend gerechtfertigt sind, nicht die Worte sarkastischen Spottes»vieder geben, welche unter dem Publikum beim Betrachten dieses reizenden Sonntagsidylls alle gefallen sind, aber die Thatsache an sich sei wieder einmal konitatirt, daß der Sabbath in vollster Oeffentlichkeit durch Arbeiten, die bei Staatsdauten vorgenonimen sind, geschändet wurde. Die Fesh nagelung dieser Thatsache wird aber auch schon vollauf genügen, um das, was sich heute zum theil unter dem Namen Christenthum bethätigt, in seinem schönsten Glänze erstrahlen zu lassen. Man sollte den Eifer,»nit dem unsere Feinde für uns arbeiten,«geilt- lich gar» ich t für möglich halten. Komnierzieilrath Jacob von der Speditionsfirma Jacob n. Valentin hat sich, wie uian uns schreibt, nicht nur bei den, geschilderten Feste im Zoologischen Garten als Mciischeiifreund gezeigt, sondern sein oder doch der jetzigen Frau Ldommerzieii- räthin Name war immer schon da zu finden, wo er in der Oeffent- lichkeit glänzen konnte. Mit der Verleihung deS Kommerzien- rathtitels ist dem Mann, der Slrbeiter gegen geringen Lohn 13 bis 20 Stilnd«, täglich ausbeutet, ein Herzenswunsch erfüllt worden, der aber erst Gestalt gewann, als man so harmlos ge- »vesen war, den„Menschenfreuild" zum Vorsitzenden der Speditiv n s-. Sprich er ei- und Kellerei- B e r u f s g e ii o s s e n s ch a f t zu wählen. Also zum Ton- angebeuden einer auf sozialer Grundlage erbauten Einrichtung, der ü b e r W o h l u n d W e h e von t a u s e n d e» verunglückter Arbeiter mit z u entscheiden hat, — das ist gegenüber de» Jacob'scheu Betriebseinrichlungen auch wieder einmal bezeichnend. Und in dieser Eigenschaft als Ver- fechter der Bestrebungen für„Arbeitcrwohlsahrt" war der Herr Koimnerzienrath sogar amtlicherseitS nach Antwerpen zur Welt- ausstellung entsandt worden! Ist das moderne Sozialreforui? J,» der Aera derZMajestätSbeleidignilgs-Prozesse. Bei dem hiesigen Korrespondenlen des„Newyorl Herold" fand, wie das Depeschenbureau„Herold" von„zuständiger Seite" erfahren haben will, am Sonnabend eine H a n s s» ch>l n g statt. An- geblich liegt der Verdacht einer M a j e st ä t s b e l e i d i- gung vor.— Herr Stanhope theilt uns in später Stunde per Telephon mit,"daß vorstehende Angabe eine„blanke Er- findung" sei. Das Schillerdeukmal wurde Sonntag, am Geburlstage des Dichters, mit Guirlanden und vier Kränz«« geschmückt, unter denen eine von der Ulkgesellschast„Schlarasfia Berolina" gestiftete Gabe ausfiel, die die Aufschrift trug:„Denn er war unser." Das deutsche Bürgerthum, das vor einem Menschenalter »och gewaltig für seine Dichterheroen schwärmte, ist jetzt so sehr von Entzücken für seine neuen Ideale Geldsack und Pickelhaube erfüllt, daß ihm wenig Zeit mehr bleibt, sich seiner Vorkämpfer z» erinner». Noch kläglicher allerdings als Schiller kain in der Stadt der ragende» Kirchen Martin Luther weg, für den am Namenslage eine einzige fromme Seele ein Blumenslräußcheii gestiftet hatte. Die Naulen der bei den Stadtperordneten-Wahlei» zur zweiten Abtheilung gewählten liberalen Mannen lauten: Jacobi, Ladewig, Fasquel, Dr. Leo, Plischke, Winckler, Lüben, Dr. Stryck, Mentel, Muuckel, Schulz, Kleefeld, Hellriegel, Buchow. Nur im 10. Bezirk findet eine Stichwahl zwischen zwei liberalen Kan- didaten, Geineinhardt und Eisold, statt, von denen dem letzteren nur eine Stimnie an der absoluten Mehrheit fehlte. Fast überall handelt es sich um Wiederwahlen. Neugeivählt sind nur Stryck traurigen Angedenkens, und zwar an stelle von Dr. Laugerhans, der in der ersten Abrheilnng aufgestellt ist, und Mnnckel an stelle des»vegen Krankheit ausgeschiedenen Stadtv. Bulle. Ter arme Maun! Die„Berliner Neuesten Nachrichten" melden: Gegen den Herausgeber und Cvesredakteur des„Kleinen Journals" Rechtsanwalt Dr. Leipziger, sowie gegen den Schrift- sleller Richard Skowronneck ist seitens der königl. Staatsanwalt- schast des Landgerichts 1 die Anklage ivegen Herausforderung zun» Duell bezw. Kartelltragens erhoben worden. Es handelt sich un» die Duellaffaire des Rechtsanwalts Dr. Leipziger»uit Dr. Löwensteiii." Uns hat der Chefredakteur des„Kleinen Journals" i» der bekannten drolligen Geschickte jetzt allen Ernstes verklagt. Wir sollen ihn angeblich beleidigt haben, als wir das„Duell" in seiner ganzen komischen Gestalt der Oeffentlichkeit preisgaben. Die Sache kann also noch sehr interessant werden. Die Wahrheitsliebe des von Herrn Dr. Leipziger geleiteten Blattes möge man übrigens n» dem Ableugnungsversuch ermesse», den das„Kleine Journal" sich anfänglich geleistet hat. An, 9. Oktober, also am Tage, nachdem wir den betreffenden Bericht gebracht hatten, nahm dies Blättchen sich dreist die Frechheit heraus, zu schreibe», daß der Juhall unseres„Pamphlets" von Anfang bis zu Ende unwahr sei. Nebbich! Die Hausivirthe gegen die Polizei. Denjenigen Privat- Nachtwächtern, die von der Wirthschastsgenossenschaft der Berliner Hausbesitzer angestellt sind, ist, ivie gemeldet wird, infolge er« Mltzener Beschwerden neuerdings wiederholt eingeschärft worden, daffMe den Beamten der Schutzmannschaft die Thüren der Häuser nur m»n öffnen dürsen, wenn diese Beamten— abgesehen von dem Falle, wo dieselben i» dem Hause wohnen— einen schriftlichen Befehl der Behörde vorzuweisen haben. Zu dem Zwecke, um di« nach den» Hofe zu gelegenen Räume von Schankwirth- schaften kontrolliren zu könne», ist der Wächter nicht befugt, das Hans den Schutzleuten zu öffnen und werden wiederholte Verstöße eines Wächters gegen diese Anordnung mit dessen Entlassuiig bestraft. Bei aller Polizeisrömmigkeit giebt es also auch für die Hausivirthe einen wunden Punkt. Ob diese Herren auch so viel Energie entwickeln lassen würden, wenn»veniger Wohnungen leer stände»? Bei deut gegenwärtige»» Sch»»«tlt,wetter, das Straßen und Plätze in unzählige Pfützen verwandelt, dürste es im allge- meinen Interesse liegen, auf einen längst empfundenen Uebelstaud und dessen Abhilfe aufinerksan» zu machen. Erfahrungsinäßig ist bei Schmutzwetter der Verkehr auf der Pferdebahn am stärksten. Der Theil der Passagiere, für»velchen iime money ist, wird an solchen Tagen häufig gezwungen, während der Fahrt auf dem Vorderperron zu veriveil«». Aber— hier herrscht das Grauen. Bei jedem Tritt der Pferde spritzt der Straßenkoth hoch auf, und bei jedem Hochheben der Hinterhufe werden Schmutztheile bis zur Größe eines Fünfmarlstückes auf den Vorderperron und die dort Stehenden geschleudert. Wie ärgerlich das ist, hat wohl ein jeder an sich selbst schon erfahre». So eine Fahrt bei Schmutzwetter oder im Sommer bei frisch gesprengter Straße auf den» Vorderperron der Berliner Pferdebahn unter- scheidet sich durchaus nicht von einer Fahrt auf einer mit Koth bedeckte» Dorfstraße. Und doch ließe sich hier mit verhältnißmäßig gering«» Koste» Abhilfe schaffe». Es brauchten nur an der Brüstung des Perrons halbkreisförmige, nach außen gebogene Bleche angebracht zu werden. Dieselben«vürden den Schmutz genau wie die,»ach demselben Prinzipe geformten Schlittendecken auffange» und Fahrgäste, Kutscher und Wagen blieben sauber. Bei trockenem Wetter hätten diese Schutzbleche noch den gesund- heitlichrn Vortheil, daß sie die durch menschliche Auswurfstoffe in den Koth gelangenden und mit ihm von Pferdehufen empor- geschleuderteu Bakterien von den Lungen der Angestellten und Fahrgäste fernhielten. Eiue seltsmne Ueberraschung hat die Große Berliner Pferdebahn hiesigen Blättern zufolge ihren Abonnenten in Teinpelhof bereitet. Während sonst die Abonnements-Fahrkarten für jeden Tag zur Fahrt auf der dafür bezahlten Strecke berechtigen, dürfen die Abonnenten der Strecke Teiiipelhos— Mariendorf diese Fahrt»ur an den Wochentagen unternehmen, während Sonn- und Festtags die Karten werthlos sind! Eine dringende Vorstellung bei der Direktion hat keinen Erfolg gehabt. man hat sogar die Gründe dieser«geuthümlichen Bestimmung anzugeben sich geweigert. Es fragt sich, ob die Direktion vom juristischen Standpunkt aus das lliecht hat, das Recht der Abonnente», die stets für eine» ganzen Monat bezahlen, in dieser Weise zu kürzen. Bismarck«nid sei»« Ripdorfer Verehrer. Die„Staats- bürger-Ztg." bringt folgende wichtige Neuigkeit:„Der Kiesgrllben- Besitzer F. W. Körner zu Rixdorf, der bekanutlich ein großer Liebhaber und Züchter von Soniienblumen ist, hatte dem Alt- reichskanzler zu dessen 80. Geburtstage Soiinenblumensameil und später ausgewachsene Riesenexemplare dieser Blume mit der Bitte übersandt, dieses Gewächs fortan„Bismarck- Sounenblume" nennen zu dürfen. Fürst Bismarck hat»un dem Spender dieses eigenartigen Geschenkes in einem eigenhändigen Schreiben seiii«« Dank ausgesprochen und sich durch seinen Privatsekretär Dr. Chrysander damit einverstanden erklären lasse», daß die Blume fortan seinen— Fürst Bismarck's— Namen trage." Hoffentlich werden die«vahren Patrioten jetzt die Bismarck- Sonnenblumen als Zierde ihres Knopfloches spazieren führen. Sie passen vortrefflich zun« Gigerlstock und zur Gigerl- Zigarrenspitze. Militärisch-kirchliche Andachtsstuuden werden jetzt«vieder i» verschiedenen Berliner und auch anderen Truppentheile» ab- gehalten, gewöhnlich nach dem Dienst in der Zeit von sieben bis acht Uhr abends. So fand solche Andachtsstunde am Sonn- abend Abend von sieben bis acht Uhr beim Garde-Füsilier- Regiment unter Leitung des Divisionspfarrers Goens statt. Eine solche Andachtsstunde ist recht interessant. Die einzelnen Koiiipagnieii werden geschlossen in ein großes Versamm- lungszimmer geführt und nchine» auf mitgebrachten Schemeln Platz. Nachdem der Pastor erschienen, ivird irgend ein Lied gesungen und»ach Absingen desselben erzählt der Pastor Geschichten, die jedoch immer einen„geistlichen Anflug" haben. Zum Schluß wird wieder ein Lied gesungen und dann gebetet, woraus die Mannschaften i» ihre Stuben zurückgeführt«verde». Einige Offiziere sind zur Aufrechterhaltung der Ruhe««nd Ord- »uiig während dieser Andachtsstunden kommandirt. Ob durch diese Andachten das religiöse und sittliche Gefühl des Soldaten gefördert»vird? No» de«n Wirken der Berliner Polizei. Ein Lokal- berichterstatter meldet: Schwer verletzt wurde i» einer der letzten Nächte der Zigarrenmacher Julius Werner vom Ostbahnhof 6 im 5iäinpfe mit der Polizei. Werner gerieth gegen 1 Uhr nachts in der Markusstraße mit Beamten in Koufiikt, bei dein schließlich ein Schutzmann von der Waffe Gebrauch machen mußte. Werner erhielt einen Hieb über de» Kopf und einen Stich in den Bauch. Man brachte de» Schwerverletzten zunächst auf die Sanitätsivache am Grünen Weg, wo er einen Roth- verband bekam, und von dort mit einer Droschke in ein Krankenhaus. Hier wurde er gefesselt eingeliefert und als Polizeigefangener untergebracht! Der Vorsteher des Einwohner- Meldeamtes, Polizeirath v. Unruh, ist am 9. November gestorben. Der Stur«»«, der Sonnabend Abend über Berlin dahinfegte und vielfach kleine Schäden anrichtete, hat gegen �/s8 Uhr abends den Thurm der neuerbaute» Garuisonkirche in der Blücherstraße arg beschädigt. Der Neubau der Kirche dort ist fast vollendet, nur um den Glockenthurm defindet sich noch eine starke Bretter- rüstung. Wie berichtet ivird, war nur die oberste Bretterrüstung in der Höhe von 16—13 Metern noch in der Arbeit, sie sollte erst am Montag vollendet iverde». So geschah es. daß ein be- sonders starker Windstoß den oberen Theil der Thurmrüstung fortriß. Die Gerüstmassen stürzten mit großem Krach aus das Schieferdach der Kirche nieder und zerstörten es zum theil. Mensche» sind glücklicherweise nicht beschädigt. Auch das»eu errichtete Gerüst a» der Oberbaumbrücke ist durch den Sturm umgeweht, zilsami» engestürzt und tbeilweise in die Spree ge- fallen. Gegen 9 Uhr ivurde deshalb die Feuerwehr zu Hilfe gerufen, konnte aber bei Sturm nnd Dunkelheit nur«venig ans- richten. Menschen sind zunl Glück nicht zu Schaden gekommen. Die Verhaftung von 15 Personen, von der wir ani Sonn- tag berichlcle». ist«»cht,«vie der belr. Berichterstatter hrtlriiinlich meldete, in dcm Volks- KaffeeHause in der Niederwallslruße, sondern in einem andern Lokale der Gegend erfolgt.„Bei den strengen Prinzipien, von denen wir uns bei Zulassung von Gästen leiten lassen," so schreibt uns die Direktion,„hat in unserem Lokal in der Niederivallstraße und ebenso wenig in unseren übrigen Anstalten, weder jetzt, noch seit Jahren eine solche Massensistirung, wie sie allerdings in anderen Wirlhschaften, die sich unseres Namens bedient haben, wiederholt vorgekommen rft, stattgefunden." Verschwunden ist seit etwa vier Wochen die 12jährige Marie Woike aus der Thaerstr. 24. Das Mädchen verließ um die Mitte des vergangeneu Monats die Wohnmig ihrer Mutler und ist seitdem nicht mehr gesehen worden. Man befürchtet, daß es in schlechte Hände gerathcn ist. Um ein Ange gekommen ist der IS jährige Hausdiener Waldemar Timm, der Sohn eines Arbeiters aus der Gubener- straße, durch de» Unfug von Kinder», die auf der Straße spielten. Timm ging am Sonnabend Nachmittag um 4 Uhr die Gubenerstraße entlang, in der eine Anzahl Schulknaben sich tummelten und allerhand Allotria trieben. Das größte Vergnügen fanden die Jungen darin, mit Steinen zu werfen. Dabei erhielt Timm, der ahnungslos vorüberging, einen Wurf ins Auge, so daß er schwer verletzt in ein Krankenhaus gebracht werden mußte. Die Sehkraft des verwundeten Auges wird schwerlich wieder her- gestellt werden können. Dem öffentlichen Verkehr übergeben ist die aus Anlaß der Gewerbe-Ausstellung errichtete Fußgängerbrücke über die Spree, wodurch die so langersehnte Verbindung zwischen Stralau und Treptoiv hergestellt ist. Die 1,8» Meter breite Brücke führt an der neuen Ningbahnbrncke in gleicher Höhe mit dieser enl- lang. Seinen Wochenlohn, ein Zwanzigmarkstück, hat der Pfeffer- küchler Sieben aus der Brunnenstraße 76 am Sonnabend ver- muthlich auf der Pferdebahn Demminerstraße-Kreuzberg ver- loren. Ter Verlust trifft den Arbeiter um so härter, als er erst kurze Zeit in Arbeit steht. Polizeibcricht. Am 8. d. M. nachmittags fiel der zwei- jährige Knabe eines in der Grünthalerstraße wohnenden Ehe- paares, während die Mutler in einem Nebenzimmer unr ein zweites erkranktes Kind beschäftigt war, in ein mit heißer Lauge gefülltes Gefäß und verbrühte sich so schwer, daß er am nächsten Tage starb.— Am 9. d. M, abends gegen 8 Uhr fiel während des starken Sturmes eine auf der im Bau befindlichen Oberbaumbrücke aufgestellte Windevorrichtnug herunter, warf einen Theil der Rüstung um und stürzte mit dieser auf die Nothbrücke, die dadurch in erheblichem Maße beschädigt wurde, aber heute wieder gangbar gemacht werden konnte. Zu derselben Zeit warf der Sturm de» oberen Theil des für den Thurm der ziveiten evangelischen Garnisonkirche auf dem Kaiser Friedrichplatze errichteten Bau- gerüstes um. Menschen sind in beiden Fällen nicht zu Schaden gekommen. An der Aork- und Katzbachstraße wurde abends einArbeiter von einem Wagenpserde gegen das Schienbein geschlagen und erheblich verletzt.— Am 16. d. M. abends fiel in der Oranienstraße ein Droschkenkutscher vom Bock, gerieth unter die Räder und erlitt einen Bruch des Unterschenkels.— In der Nacht zum 11. d. M. leistete am Grünen Weg ein Handelsmann, der von einem Schutzmann verhaftet tvorden war, heftigen Widerstand und griff den Beamten thätlich an, so daß dieser von seiner Waffe Ge- brauch machen mußte und ihn dabei am Kopfe bedeutend ver- letzte.— Ein Mann sprang von der Admiralbrücke in den Land- wehrkanal, wurde jedoch noch lebend ans dem Wasser gezogen und nach seiner Wohnung gebracht. Witteruugsiibersicht vom 11. November 18S3. Wetter- Prognose für Dieustag, den IS. November 18S3. Warmes, l Heils heiteres, theils wolkiges Wetter mit etwas Regen und frischen bis starken südwestlichen Winden. Berliner Wetterbureau. Nun st nnv Mistenstsxafk. Im Adolph Ernst-Theater gab es am Sonntag etwas Besonderes, eine richtige Matinee. Direktor Ernst hat ein anglo- amerikanisches Sensationsstück für Deutschland und Oesterreich erworben und„Der kleine Lord" von Mrs. Hodgon Burnetl sollte feierlich vorgeführt werde». Ob's ein„Geschäftchen" wird, wie„Charley's Tante"? Möglich.„Der kleine Lord" gehört zur dramatischen Jugendliteratur nach dem Herzen der Frommen und könnte sich leicht einflußreicher Beschützer erfreuen. Wie wäre es, wenn die Rekloren ihre Schüler zu dramatischem An- schauungsunterricht kommandirten?— Es ist eine starke Zu- muthung— gelinde gesagt— erwachsenen Menschen solche Literatur zu bieten, wie de»„kleinen Lord". Wen» aber dies Rühr- drama, gespickt mit kindiich-uaivem Gelhue,anglikanischer Bigotterie und unleidlich falscher Empfindsamkeit, dennoch einen Siegeszug durch Deutschland macht, ivie es nach der Aufnahme im Adolph Ernst-Theater scheint, so ist eben ein neuer Beweis dafür erbracht, daß ein großer Theil unseres Theaters immer mehr dem Kindischen sich ergebe. Es lohnt sich nicht, näher auf den Kiudcrsibelinhalt des „Dramas" einzugehe». Der„kleine Lord" ist ein zwölfjähriger Knabe, in allen Tugenden vollkommen und schön, wie der Tag. Bon seiner Lordschaft iveiß er nichts, da er in Amerika als ver- zauberter Prinz aufwächst. Wo er einen Bettler sieht, beschenkt nnd tröstet er ihn, denn er will das Elend durch freiwillige Wohlthaten der Reichen aus der Welt schaffen; und vor jedem Aktschluß spricht er mit frömmstem Augenaufschlag ein Gebet, sei es um die weinende Mutter,„das Liebherz", zu trösten, jci es um den alten, adelsstarren Großpapa zu stärken, wenn ei» böses Weib Unheil sinnt gegen die Familie Dorincourt. Dafür wird der blonde Bube herrlich belohnt, der kleine Lord auf Dorincourt. Für die Schauspieler war es ein schlimmer Tag. Man denke sich, eine Coupletsängerin wie Frau Tora muß als weinerliche Dame von Welt erscheinen. Die eigentliche„Sensation" aber ist die„Hosenrolle" des kleinen Lords, hier von Frl. Brock gespielt. Wie Kier ein wirkliches Talent in den Dienst der Niedrigkeit gespannt wird, das ist gleichfalls ein Beitrag zun» lehrreiche» Kapitel: Theater nnd Kapital. Wie i» Preußen so iu Bayern! Aus München wird der „Frankfurter Zeitung" über ein Zensurstücklein berichtet: Tie Administration des Vermögens des Königs Otto, zu dem das Gärtnerplatz-Thcater gehört, hat veranlaßt, daß das fort- während mit großein Beifall gegebene vieraklige Schauspiel„Das Recht" von Tr. Hermann Haas, dem Verleger des„Münchener General-Anzeiger", wegen der scharfen Stellen über Rechtsfragen und andere scharfe politische Exkursionen vom Repertoir ab- gesetzt wird. Die Müuchcner Kllustlergenosscnslhaft hat mit Rücksicht auf die im nächsten Jahre in Berlin statlstndende internationale Kunstausstellung beschlossen, die nächste Münchener internationale Kunstausstellung auf das Jahr 1397 zu verschieben. Astzkitttg, ChArloktenburg! Am nächsten Montag, den 13. November, morgens 10 Uhr bis abends 7 Uhr, finden in allen sechs Bezirken die Ersatz- wählen zur Stadtverordneten-Versamnilung statt. Es ist Ehrenpflicht eines jeden wahlberechtigten Partei- genossen und Arbeiters, an diesem Tage durch Stimmabgabe für einen sozialdemokratischen Kandidaten gegen das„freisinnige" Getriebe im Stadtparlament zu protestiren; möge es niemand an unermüdlicher Agitation fehlen lassen. Nachstehend veröffentlichen wir das Wahltableau, wobei wir bemerken, daß jeder Wähler nur dort wählen kann, wo er im Juli dieses Jahres gewohnt hat; diejenigen Wähler, welche später verzogen sind, erhalten, auch wenn sie in der Liste stehen, keine amtliche Mittheilung über ihre Wahlberechtigung. Es ist also nothwendig, daß man besonders in solchen Fällen die Wählerliste nachsehe und sich die Nummer, unter der man eingezeichnet ist, genau merke. Die Listen liegen aus für den 1. Wahlbezirk bei Wolter. Magazinstr. 15; für den 2. Bezirk bei Leder, Bismarckstr. 74; für den 3. Bezirk bei H a m u t h, Krummestr. 19; für den 4. Bezirk bei Wille, Wallstr. 63- für den S. Bezirk bei Beyer, Wallstr. 96 und für den 6. Bezirk bei S t e i n k e, Ecke der Kantstraße und Savignyplatz. Die Wahlbezirke sind amtlich wie folgt cingetheilt: a) Wahlbezirk 1, Uuterabthciluug A. Wahllokal: Restaurant Moritz, Ahorn-Allee 1. Die Unterabtbeilung A umfaßt: Ähorn-Allee, Akazien-Allee, Am Bahnhof Westend, Birken-Allee, Christslraße 1—20, Eberescheu-Allee, Eichen-Allee, Eschen-Allee, Forsthaus Westend, Fürstenbrunn, Kastanien- Allee, Kirchplatz(Westend), Liirfchen- Allee, Königs- Platz, Linden- Allee, Luisen-Kirchhöfe, Neuer Fürstenbrunner Weg, Nnßbaum-Allee, Plautanen-Allce, Rüstern- Allee, Sophie Charlottenstraße, Spandauer Berg und Chaussee, Spreethal-Allee, Straßen 32 und 36— V— 3, Ulmen-Allee. b) Wahlbezirk 1, Uutcrabtheilnug B. Wahllokal: Restaurant Sonnen feld, Danckelmannflr. 61, Eingang am Friedrich Karl-Platz. Die Unterabtheilung B umfaßt: Danckelmannstr. 1—4 und 27— 61, Friedrich Karl-Platz, Gardes du Korpsstraße, Magazin- straße, Nehringstr. 3—4». 84, Königliches Schloß, Schloßgark», Schloßstr. 1—3, Spandauerstraße. Sozialdemokratischer Kandidat: Schankwirth Paul Wolter. v) Wahlbezirk 2, Uuterabtheiluug A. Wahllokal: Restaurant Schützenhaus, Sophie-Charlotten- straße 25/56. Die Unterabtheilung A umfaßt: Christstr. 21—42, Danckel- inannstr. 5—56, Horstweg, Knobelsdorssstraße, Königsweg, Nehring- straße 5—55, Potsdamerstraße, Schloßsiraße 4— 26a, verlängerte Schloßstraße, Straße 15— V— 3, Witzleben. 6) Wahlbezirk?, Unterabtheilung B. Wahllokal: Turnhalle der Gemeindeschnle, Pestolozzi- straße 31. Die Unterabtheilung B umfaßt: Kaiser Friedrichstr. 31— 4Sa und 61b— 73, Pestalozzistr. 26—66, Rückertstraße, Schillerstraße 53—84, Wilmersdorferstr. 38a— 56. e) Wahlbezirk 2, Nntcrabtheilung C. Wahllokal: Kaiser-Rejtanrant. Kaiser Friedrich-Straße Nr. 61a. Die Unterabiheilung C umfaßt: Kaiser Friedrich-Straße 45b— 61a, Kant-Straße 56b— 112, Stuttgarter-Platz, Wilmers- dorfcr-Straße 57—136. Sozialdemokratischer Kandidat: Buchdrucker Otto G o e r k e. t) Wahlbezirk 3, Unterabtheilung A. Wahllokal: Turnhalle der Gemei»desch::le V/VI, Kaiserin Augusta-Allee Nr. 33/40. Die Unterabtheilung A umfaßt: Bahnhof Jungfernhaide, Berlinerstr. 17— 87c, Branhofstraße, Gaußstraße, Habsburger Ufer, Kaiserin Augusta-Allee, Keplerstrabe, Kirchhofstrabe, Königsdamni, Krummelanke, Nonnendamm, Nonnenwiese, Osnabrückerstraße. Riedemannsweg, Am Spandauer Schifffahrtskannl. Spreestr. 1 bis 3c und 33-44, Straßen 6, 12, 15, 20, 21, 23/24, 27, 40 und 58, Abtheilung VI, Tauroggenerstraße, Tegeler Weg, Ufer- straße, Wiebestraße, Wilmersdorferstr. 1—6 und 166—170. g) Wahlbezirk 3, Unterabtheilung B. Wahllokal: Logen-Restaurant, Berlinerstr. 61. Die Unterabtheilung B umfaßt: Berlinerstr. 51— 76 nnd 87d— 123a, Krummestr. 1—22 nnd 73—93, Lützow, Lützowerstraße, Spreestr. 4—32, Wallstr. 1—33 und 67—103, Wilhelms-Platz. Sozialdemokratischer Kandidat: Zigarrenhändler Aug» st Sellin. Ii) Wahlbezirk 4, Unterabtheilung A. Wahllokal: Logen-Restnnrant, Kaiser Friedrichstraße 87. Die Unterabtheilung A. nmffaßt: Grünstraße, Jägerstraße, Kaiser Friedrichstraße 1—30 und 76—106. Kirchstraße, Luisen- Kirchplatz, Luisen-Platz, Orangeniiraße, Scharrenstraße, Schloß- strnße 41—69, Schulstraße, Slakstraße, Wilmersdorserstr. 7—21 und 153—165. l) Wahlbezirk 4, Unterabtheilnng B. Wahllokal: Restaurant zu den drei Linden, Bismarck- straße 33. Die Unterabtheilnng B umfaßt: Bismarckstr. 17— III, Kanal- straße, Schloßstr. 27—40, Wallstr. 34—66, Wilmersdorferstr. 22 bis 38 und 137— 152a. Sozialdemokratischer Kandidat: Tischler A u g u st Schnell k) Wahlbezirk 5, Unücrabtheilung A. Wahllokal: Restaurant HiPpodrom, Hardenbergsir. 42 Kurfürsten-Allee 40. Die Unterabtheilung A um saßt: Bahnhof Thiergarte», Berlinerstr. 1—50 und 124— 151, Bismarckstr. 1—16 und 112 bis 127, Canerstraße, Charloitenbwrger- User, Dowestraße. Englischestraße, Franklinstraße, Grolmanstr. 1—6 und 68—72, Hardenbergstr. 1—4 und 37—41, Hetinholtzstraße, Kurfürsten- 'Allee, Leibnizstraße 1— 15a und 78—93, Marchstraße, Rosinenstraße, Salz-Ufer, Schillerstr. 1—19 nnd 103- 127, Sophienstraße, Straßen 4, 6a und 16a— V— 2, Thiergartenmühle. 1) Wahlbezirk 5, Unterabtheilung B. Wahllokal: Turnhalle des städrischen Realgymnasiums, Schillerstr. 27/32. Die Unterabtheilung B umfaßt: Goethestr. 18—64, Kantstraß« 39— 56a und 113—130, Krummestr. 23—72, Leibnizstraße 16—77, Pestalozzistr. 10—25 und 67—81, Platz A— V— 3, Schillerstr. 20—44 und 85—107, Straße l— V— 1 zwischen Leibniz- und Wilmersdorferstraße, Waimarerstraße. Sozialdemokratischer Kandidat: Spediteur Gustav Scharnberg. m) Wahlbezirk S, Unterabtheilnng A. Wahllokal: Restaurant„Hackerbräu", Kleiststr. 18(Ecke der Nettelbeckstraße). Die Unterabtheilnng A umfaßt: Nhornstraße. Angsbnrger- flraß« 1—17 und 83—100, Bayreulherstraße, Courblörestraße, Eisenacherstraße, Kalckreuthstraße. Kielganstraße. Kleiststraß-. Kurfürstenstr. 109—137, Lutherstraße, Maaßenstraße, Maien- straße. Motzstraße, Nettelbeckstraße. Nollendorf-Platz, Wormfer, straße. u) Wahlbezirk 6, Unterabtheilung B. Wahllokal: Restaurant„Zum Tauentzien", Tauentzien- Straße 13. Die Unterabtheilung B umfaßt: Ansbacherstraße, Augs» burgerstr. 18—32, Auguste Viktoriaplatz, Hardenbergstr. 27—29, Joachimsthalerstraße, Kantstr. 1-4 und 162-169, Kurfürsten. dämm 10—17 und 110—117, Kurfürstenstr. 97—108, Marbnrger- straße, Nürnbergerstraße, Paffauerstraße, Rankestraße, Tauentzien- straße. Wittenbergplatz. o) Wahlbezirk 6, Unterabtheilung C. Wahllokal: Restaurant Steinke, Kanlstr. 146(Ecke des Savigny-Platzes). Die Unterabtheilung C umfaßt: Carmerstr., Eislebenerstr.. Fasanenstr., Gölhestr. 1—17 und 65—90, Grolmanstr. 7— 67, Hardenbergstr. 5—26 und 30—36, Herderstr, Kaiitstr. 5—37 nnd 131—161, Knesebeckstr., Kurfürstendamm 13—109 und 118-121, Pestalozzistr. 1—9 und 32—89, Savignyplatz, Schlüterstr., Stein- platz, Straße 1— V— 1 zwischen Knesebeck- und Leibnizstr., Straße 12a— V—I, Uhlandstr., Wielandstr. Sozialdemokratischer Kandidat: Schankwirth Karl Wille Gevirhks-Jeikunsg. Gegen die Einbrecherbande Seibt nnd Genossen wnrde gsstern vor der achten Strafkammer des Landgerichts eine umfangreiche Anklage wegen bandeumäßiger schwerer Diebstähle und Hehlerei bezw. Nöthigung verhandelt. Auf der Anklage- dank halten 17 zum theil vorbestrafte Personen Platz zu nehme»: I. Schlosser Stöbert Seibt, fünfmal vorbestraft, darunter mehrere Male mit Zuchthaus: 2. Zimmermann Stephan Stürmer, mit 2>/s Jahren Zuchthaus vorbestraft; 3. Schneider- geselle Ludwig R a d e tz k y, mit 14 Tagen Gefängniß vor- bestrast; 4. Zimmermann Johann P u s ch, unbestraft; 5. Kaufmann Kasimir Andrzyewsky, dreimal mit Zuchthaus vor- bestraft; 6. Agent Hermann B u ch>v a l d, zweimal mit Zuchthaus vorbestraft; 7. Bibliothekdiener August Hintze, uiibestrafl; 3. Kellner Karl Howe, zweimal mit Zuchthaus vorbestraft; 9. Goldarbeiter Robert K u l b e, unbestraft; 10. Handelsmann Wilhelm Merten, 20 mal vorbestraft, darunter wegen versuchten Mordes mit 15 Jahren Zuchthaus; 11. Drechsler Friedrich N i e m a n n, mehrere Male vorbestraft; 12. die vcreh. Gold- arbeiter K u l b e; 13. die Frau des Angeklagten S l ü r m e r; 14—17. die Frauen der Angeklagten Merten, Howe, Radetzky und Niemann.— Die ersten acht Angeklagten sind beschuldigt, zu Berlin, Charloltenburg, Schöneberg und Nixdorf eine Reihe schwerer Einbruchsdiebstähle nach vorheriger Verabredung begangen zu haben, die Angeklagten ad 9—17 sind der Begünstigung bezw. Hehlerei, die Eheleute Howe und Hintze außerdem der Bedrohung beschuldigt. Vom November 1394 au bis Mai 1895 wurde eine große Zahl von Einbruchsdiebstählen zur Nachtzeit in den Wohnungen feinerer Häuser, meist im Westen Berlins ausgeführt. Auch in der Umgebung Berlins fanden derartige Einbrüche statt, ohne caß es zuerst gelingen wollte, die Thäter zu ermitteln. Die Gleichmäßigkeit in der Ausführung und die Auswahl der ent- wendeten Gegenstände ließ daraus schließen, daß immer dieselben gewiegten Einbrecher i» Thätigkeit waren. Hierfür sprach auch ver Umstand, daß in einzelnen Fällen besonders fein gearbeitetes Diebeshandwerkszeng am Thalorte gefunden wurde. Tie Frech- heil der Einbrecher ging so weit, daß sie, wenn sie in einem Falle ans Hindernisse fließen oder gestört wurden,»och in der- selben Nacht in cineni andere» Stockwerk desselben Hanfes eine» neuen Einbruch ausführten.— In der Auswahl der meist sehr erheblichen Beute beschränkten sich die Einbrecher in der Regel ans baares Geld, sowie Gold- und Silbersachen; höchstens wurden zum Verpacken der Beute Decken und der- gleichen mitgenommen. Nur ausnahmsweise entwendeten sie werthvolle Schirme, Stöcke, Kleidungsstücke und dergleichen. Der Verdacht der Thätcrschaft wurde durch de» Kriminalkommissariils Brau» schließlich aus den erst am 19. Oktober ans dem Zucht- Hanse entlassenen Angeklagten Seibt gelenkt, der der Polizei- behörde schon lange als ei» sehr gewiegter Einbrecher bekannt war. Er hielt sich längere Zeit verborge», am 18. Mai er. aber gelang es endlich, ihn festznnehmen. Bei seiner Festnahme wurden zwei Dietriche und ein geladener Revolver bei ihm vorgesnnde». Seibt leugnete zunächst alles, bequemte sich dann aber zu einem Geständnisse und während der nächsten Tage gelang es, in den Personen 1-8 eine der gefähr- lichsten Einbrecherbanden dingfest zu machen, die ganz planmäßig fast Nacht für Nacht ihre Raubzüge unternahm. Die Häupter dieser Bande waren Seibt und Radetzky. Bor Zlussührung der Einbrüche trafen sich die Theilnehmer an vorher festgesetzten Orte», wo die Chancen und die Art der Ausfährung besprochen wurde. Fiel ein„Treff" ans irgend einem Grunde ans, so pflegte Seibt vorher seine Komplize» zu benachrichtige». Die einzelnen Diebstähle führten sie nicht alle zusammen aus, fondern es wurde» immer je zwei oder vier mit dem Unternehmen betraut, die dann vorsorglich auch geladene Revolver zu sich steckten. Das sehr sauber gear- beilete Diebeswerkzeug ist meist bei Seibt nnler Beihilfe von Radetzky angefertigt worden. Wenn die Diebstähle gelungen waren, begaben sich die Einbrecher zumeist zunächst in die Slürmer'sche Wohnung oder zu Pnsch, wo die Benthe getheilt und das Diebeswerkzeug verwahrt wurde. Nieman», der schon seit Jahren eine Herberge fär gefährliche Diebe unterhält, hat den Einbrechern seine Dienste geleistet. Er verwahrte». a. auch gestohlene Werthpapiere im Werlhe von 4300 M. in einem ausgehöhlten Baumstumpf, der so verspundet war, daß er wie ein natürlicher,»»Versehrter aussah nnd unter anderen Stämmen in seiner Drechslerwerkstatt lag. Frau Niemann hat den Seibt monatelang nnangemeldet bei sich beherbergt. Bei Stürmer's wurde n. a. eine Brillant- brache im Werth- von 3000 M- vorgefunden, ferner eine Menge loser Brillanten, außerdem in den Unterkleidern der Frau Stürmer Koupons nnd Geld. Auch bei Frau Radetzki wurde von Seibt nnd seinen Genossen vielfach die Diebesbeute getheilt. Die Howe» scheu Eheleute, bei deuen Seibt vielfach verkehrte, haben mehrere Male ileinere Beträge aus der Beute zugetheilt erhalte». Der 'Appetit kam bei ihnen aber mit dem Essen und so haben sie im Verein mit dem Ehepaar Hintze a» Radetzky eine artige Er- Pressung versucht, indem sie von ihm und seinen Komplizen unter der Drohnng, sie zu dennnziren, mehr Geld verlangte». Frau Howe hat sogar ihre Drohung ansgesührt. Unter den 18 Diebstählen befinden sich viele, bei denen den Verbrechern eine ganz erkleckliche Beule in die Hände siel. An» 31. Dezember ver- suchten sie in das Baubureau der Kaiser Wilhelm-Gedächtniß- Kirche, später in die landwirlhichaftliche Hochschule einzubrechen. Bei einem Einbruch, den sie am 18. Januar i» der Nürnbergerstraße bei der Gräfin v. Wengerski und der Frau V.Arnim ausführten, erbeuteten ne 1000 M. baar nnd Gold- und Silbergerälh im Werlhe von 5 6000 M. Zu den hervorragenderen Eiubrücheu zählt auch der bei dem Zimmermeister Tetzlass in der Möckernstraße, wo die Diebe 800 M. baar nnd Werthpapiere in Höhe von 3000 Mark mitnahmen, ferner bei dem Wirkt. Geh. Raih v. Wentzel, bei der Ww. Sommerfeld, bei dem Grase» Matuschka und »amenllicy der in der Nacht zum 23. April bei dem Armee» b i s ch o f Dr. A ß m a n n ausgeführte Einbruch. Letzterer hat besonderes Aufsehen erregt. Die Diebe sind nächllicherweise in die Michaelkirchstk. 2 belegene Wohnung des Bischofs ge- drnngen, nachdem sie eine Tkür erbrochen und eine ander? kunstgerecht geöffnet hallen. Während der Bischof in einem benachbarten Zimmer schlief, hnbcn sie in dessen Arbeitszimmer daS Zylinderbureau mittels Stemmeisen geöffnet und 800 M. gestohlen. ferner ein schweres goldenes, mit Brillanten und Perlen besetztes Kreuz, sowie einen schweren goldenen, mit Brillanten geschmückten Ring— beides im Werthe von etwa 8000 M. Diese Schmuck- gegenstände sind zu Kulbe gewandert, der seil Jahren als Hehler der gefährlichsten Art bekannt ist. Bei ihm verschärft Seibtfort- gcicgt Gold- und Silbersachen, namentlich aber auch Brillanten, theils noch gesaßt, theils ans dem betr. Schmuck ausgebrochen. Er bezahlt für das Gramm Gold 1 M. bis 1.25 M., für das Gramm Silber 80 Pf. Auch bei den Eheleuten Merten wurde die Diebesbeute gegen 10 v. H. verschärft. Sie haben namentlich mich die bei der Ww. Sommerfeld gestohlenen Silbersachen im Werthe von KOOO M. erhallen. .Da 82 Zeugen geladen sind und die Verhandlung sich sehr timfangreich gestalten dürfte, findet die letztere im großen Schwur- gerichtssaale statt. Den Vorsitz führt Landgerichts- Direktor Leonhardt, die Anklage vertritt Assessor Neitzert, die Vertheidigung führen die Rechtsanwälte Dr. Schwindt, Dr. Fr. F r i e d n, a n n, W r o n k e r, Max Cohn und drei Referendare. Auf dem Gerichtstische liegt eine Sammlung von Diebeswerkzeug, serner der oben erwähnte Holzklotz, in welchem gestohlene Papiere verwahrt wurden. Seidt macht keineswegs de» Eindruck eines Anführers einer so gefährlichen Verbrecherbande. Er schleppt sich auf Krücken aus dem Untersuchungsgefängnisse zum Gerichtssaale und muß von zwei Gefangenen auf die Anklagebank getragen werden. Er hat bekanntlich vor einiger Zeit einen beinahe geglückten verwegenen Fluchtversuch gemacht, bei welchem er von einer Mauer hevbftürzte und sich die Kniescheiben zerbrach. Da er nicht fähig ist zu stehen, wird ihm gestaltet, während der ganze,» Verhandlung sitzen zu bleiben. Rechts und links von der Anklagebank wird je ein Schutzmann postirt, der auch darauf zu achten hat, daß die Angeklagten nicht mit einander sprechen. Der Angeklagte S c i b t ist in vollem Uiusange geständig. Er gicbt uamentlich zu, daß er mit den meisten Angeklagten eine Art Diebesgenoffenschafl gebildet habe. Howe und Hinze seien ans dieser Gemeinschaft ausgeschlossen gewesen, weil sie von ihm Geld hätten erpressen wolle». Mit solchen Leuten könne er doch keine„Geschäfte" machen. Ans seiner Vernehmung ergiebt sich weiter, daß er einmal nach Posen gereist ist, um dort ge- stvhlcne Werlhpapierc unterzubringen. Er hat auch das meiste Diebeswerkzeug selbst angefertigt; eine große Drahtscheere, die dazu diente, Sicherheitsketlen zu durchschneiden, will er gekauft habe». In einzelnen Fällen ist die Gelegenheit zu den Dieb- stählen in der Weise ausbaldowert worden, daß einige der„Ge- uossenschasler" unter der Maske Miethslustiger sich die betr. Wohnungen ansahen.— Wie Seibt, so sind auch die meiste» der übrigen Angeklagten geständig,«» einzelnen der zurAnklage stehenden Fällen theilgenommen z» habe». Nur der Angeklagte Pusch, das «hepar Howe, Kulbe, Frau Radetzky und Fra» Niemnnn bestreiten jede Schuld. Frau Howe stellt sich als eine Art Tugend- Heldin hin. Sie behauptet, daß Seibt und seine Freundin ihr nur aus Rache alles mögliche nachsagen. Sie habe ihren Ehemann stets gewarnt, zu dem Diebsgesindel zu halten und schließlich auch eine Strafanzeige gemacht, doch bestreite sie, daß sie damit Geld habe erpressen wolle». Ihre Behauplnugen begleitet Seibt mit höhnischem Kopsschnlteln und ihr eigener Ehemann wirst ihr finstere Blicke z».(Schluß folgt.) Im Prozcst Ziuner, über de» wir gestern berichteten, hat der llleichsanwali die Anfhebnng des freisprechenden Urtheils unter folgender Begrüudnng bcanlragt:„Anscheinend hat das Landgericht rechtsirrthünilicherweise angenoinme», daß die frag- lichen jungen Leute, bevor sie in das Heer eingestellt waren, noch nickt als Personen des Soldatenstandes anzusehen seien. Dies sind sie aber zweifellos gewesen. Rekrute», welche nach ihrer Aushebung in die Heimath beurlaubt werbe», gehöre» bis zu ihrer Einstellung zu den Mannschaften des Beurlaubtenftandes. Wenn in der Aeußernng des Angeklagten überhaupt eine Aiifforderung oder nur Aufreizung zum Ungehorsam gefunden wird, da»» sind im Hinblick ans die Erlasse der Generalkommandos im vorliegenden Falle alle Voraussetzungen zur Anwendung des Z 112 gegeben. Das Landgericht hat aber auch die Militärpflichtstellung des Angeklagten selbst nicht ge- würdigt. Es kann angenommen werde», daß der Angeklagte selbst zn den Personen des Beurlaublenstandes gehörte, als er die inkrnninirle Aufforderung erließ. Dann kämen ganz andere Strafbcstimmungen in Frage, an die die Praxis bisher anscheinend gar nicht gedacht hat, insbesondere der tz 113 des Militärstras- gesetzlaiches,»ach welchem Personen des Beurlaubteustandes gemäß § 101 bestraft werden. Wenn Handlungen, wie die inkriininirte, unter diese Bestinunnuge» fallen, dann wird gegen Personen des Beurlaubtenstandes auch während der Zeit, wo sie sich außerhalb des militärische» Dienstes befinden, wegen derartiger Handlunge» die militärische Gerichtsbarkeit begründet."— Gemäß dem vom Reichsanwalt gestellte» Antrage erkannte das Reichsgericht auf Aushebung des Urtheils und ans Zurückveriveisung der Sache in die Vorinstanz. Ter Senat schloß sich in allen wesentlichen Punkten den Aussührnnge» des Reich sauwalts a». Tns Pflücke» von Teerose» fällt nicht unter das Feld- und Forsipolizei-Gesetz, wie die zweite Strafkammer anr Land- gcrichl II i» gestriger Sitzung entschied. Die Grütznracher'schen Eheleute in Köpenick waren von einem Forstbcaurte» beim Pflücken von Seerosen— die einen beliebten Artikel der Kranzbinderei bilden— bctrosse» und deshalb angellagt worden. Ter Gerichts- Hof vermechle sich jedcch nicht zu entschließen, dieses Delikt unter das Feld und Forstpolizei-Äesetz zu bringen und erkannte auf Freisprechung. Tas Dicnftpfcrd ciueö berittene» TchulimaiiueS ist kein Beamter im Tiuue deö 8 113 des St.-G.-B. Zn diesem Unheil, dessen tiefe Weisheit sclbst den hochseligen Ealomo be- schämen würde, kam in diesen Tagen die erste Ablheilung des Hamburger Schöffengerichts. Gelegentlich eines Pferderennens kam es im Juni d. I. in Hambmg-Hor» zu einem Auflauf Neugieriger. Polizeibeamte ivollle» die Menge auseinander treiben und hierbei wurde ein Brauergehilse von dem Gaule eines berittenen Schutzinannes so hart bedrängt, daß er, um nicht übergeritte» zn werden, dem Pferde einen leichte» Schlag mit seinem Handstock gegen den Kopf gab. Da es nun»ach de» Worten eines Hamburger Staatsanwalts die erste Pflicht der Auklagebehörde ist, die Organe der össeullicheu Ordnung vor frivolen Angriffen zn schützen, wnrde gegen den jungen Brauer eine Anklage wegen lhätlichen Angriffs auf einen in rechtmäßiger Ausübung seines Amies begriffenen Beamten erhoben und in der Hanplveihandlung auch seine Bestrafung bcanlragt. Das Gericht kam jedoch»ach längerer Berathnng zu deni obige» Urtheil und damit zur Freisprechung des Staatsverbrechers. Ter zwauziajiihrigc Schiffer Richard Erpel ist gester» vom Landgericht 11 wegen Diebstahls zu einer Znsatzstrase von fünf Jahren Zuchthaus verurtheiit worden. GemevKMzLtfilithes. Ettmmtltche Miilheilungen von Organisationen, vor allein solche über Ausstaube«der Aussperrungen, müssen stet» den Stempel der belrefsenden Organisation tragen. Aufruf! Seit dem 22. August d. I., an welchem Tage der Streik in Elberfeld-Barmen ausbrach, kommen die deutschen Sattler aus den Lohnkämpfen nicht mehr heraus. In Elberfeld- Barmen haben seit dieser Zeit drei Lohnbewegungen statt» gefunden, von denen indessen die eine durch Nachgeben unserer Kollegen nicht zum Streik führte. An dem zuerst ausgcbrochencn Streik, der mit dem Siege der Arbeiter endete, waren 47 Kollegen, darunter 21 Verheirathete betheiligt. Dix Dauer dieses Streiks war 4 Tage. Am 2. September brach der Streik bei der Firma Loh Söhne in Berlin aus, der drei Wochen dauerte und an dem 33 Kollegen, darunter 18 Verheirathete betheiligt waren; infolge dieses Streiks kam es auch bei der Firma Totti zum Ausstand, der am 16. September begann und gleichzeitig mit dem vorher genannten am 21. September endete. Hierbei waren 18 Kollege», darunter 4 Verheirathete betheiligt. Diese beiden Streiks wurden durch Vermittelung des Berliner Gewerbegerichtes beendet und hatten einen theilweisen Erfolg zn verzeichnen. Am 24. September wurde bei der Firma Gammersbach in R o i s d o r s bei Bonn die Arbeil niedergelegt..An diesem Streik waren auch die Kölner Kollegen belheiligt, da sehr viele von diesen Arbeit für Gammersboch anfertigen. Dieser Streik wurde om 2. Oktober i» einer Verglcichssitzuug beendet, in der der Fabrikant dos Versprechen gab, stets dieselben Preise zu zahlen, wie seine Konkurcntcn in Elberseld-Barme». Da die Arbeiter nicht mehr verlangten, so ist auch dieser Streik als ein erfolgreicher zn verzeichnen. Am 8. Oktober traten 20 Arbeiter der Militäreffektenfabrik von Karl Schneider in B r i e g bei Breslau in Streik. Dieser Ausstand führte zu keinem Resultate, da sämmlliche Streikenden abreiste». Außer diese» bereits beendigten Streiks sind noch Lohn- bewegunge» in Essen, E i s l e b e n, Kaiserslautern und Kassel zu verzeichnen. Aiigenblicklich haben wir»och drei Streiks durchzuführen und zwar in B e r l i n- S ch ö n c b c r g, in E l b e r s e l d- B a r m e n und in S t r a ß b u r g. In Berlin-Schöneberg find 40 Kollegen, darunter 21 Verheirathete mit 3l Kindern bethciligt, in Elberfeld- Barme» 287, darunter 82 Verheirathete mit 123 Kinder», in Straßburg rund 30 Kollegen. In Summa haben wir also zur Zeit 327 Kollegen zu unterstütze». Ter Berlüi-Schöueberger Streik brach am 10. Oktober aus, dauert also bereits vier Woche», der Straßbttrger am 18. Oktober und der Elberfeld-Barmer ani 30. Oktober. Bisher haben wir säinuilliche Unterstützungen selbst auf- gebracht, nur geringe Beiträge sind uns freiwillig von andern Gewerkschafte» gespendet worden. Wir hielten es für Ehrenpflicht, diese Lohnkänipfe aus eigenen Mitteln durchzuführen; jetzt werden indessen Anforderungen an uns gestellt, denen wir allein nicht genüge» könne», so daß wir wohl oder übel genöthigt sind, an die Arbeiter anderer Berufe mit der Bitte um Unter- stiitzung heran zu treten. Ueber den Verlauf der Streiks werden wir, wie fcUher, in den Arbeiterblättern berichten. Geldsendungen sind zu richten an Georg Standke, Berlin, Fürbringerstr. 26. Der V o r st a n d � deS Verbandes der Sattler, T a p e z i r e r und verwandte» B e r u f s g e n o s s e n. Tie Arbeiterblätler werden um Nachdruck gebeten.. Au die deutschen Stuckatcurc, Gipser u. f. u>. Das Agitatiouskomitee der Slnckateure Rheinlands und Westfalens sieht sich veranlaßt, de» Kollegen folgendes bekannt zn geben. Zu dem von uns auf den 25. d. M. einberufenen Kongreß der Stuckateurc habe» bisher nur solche Städte Stellung genommen, wo die Kollege» Anhänger des Zentralverbandes sind. Laut des uns auf der Elberfelder Konferenz der Stuckatelire gewordenen Aliftrages sollte der Kongreß in der Hauptsache die Verständigung der getrennt marschirenden Organisationen(der Lokalen und Zentralen) herbeizuführen suchen. Da aber bisher von der Lokalorganisation nichts in dieser Sache geschehen ist(man hat von keiner Versammlung Kenntniß erhalte»), so ersuchen wir die Kollegen der Lokalorganisation nochmals, in ihren Kreisen darauf hinzuwirken, daß der Kongreß, der jetzt am 2 7. De- zember'.»Kassel im Restanraut„Bunter Rock" ans dem Möncheberg stattfindet, auch von ihrer Seite beschickt wird, den» die Uueiuigkeit bietet den Uuteruehmern nur willkoimnene Gelegenheil, diePreisezu drücken. Um allen deujcnigeu.welche» eineBessersteUung der Lage der Stuckateurc, Gipser:c. am Herzen liegt, gerecht zu werde», ist es uolhwendig, daß wir keine Gelegenheit vorüber gehen lassen, eine Einigung herbeizuführen, um gegebeiieufalls vereint vorgehen zu können. Wir ersuchen die Vorstände der Lokalorganisationen, hierzu Stellung zu nehmen und uns das Resultat gesälligst mittheile» zu wollen. Indem wir uns der Hoffnung hingeben, daß der Kongreß der Slnckateure ec. auch von dieser Seite so zahlreich wie möglich beschickt werden wird, rufen wir den Kollege» zu: Hinein in die Agitation, damit eine Einigung und dadurch eine Besserstellung unserer Lage erreicht wird. Mit kollegialem Gruß Das Agitationskomitee der Slnckateure Rheinlands und Westfalens. I I. A.: Jean Maas i» K öln am Rhein, Heinsbergstraße 7, ' I. Eiage. Alle arbeiierfreundlicheu Blätter werden um Abdruck gebeten. Achtung, Tischler! Tie Kollegen in der Werkstait von Henkel, Auklaiiierstr. 33, haben infolge der partiellen Lohnbewegung die Arbeit niedergelegt. Die Werkstattkontroll- Komiuission des Deutschen Holzarbeiter- Verbandes, Zahlstelle Berlin. In de» Ausstand getreten sind die Kutscher der W i l l« n b e r g e r S t a d l m n h l e wegen Lohnd ifferenze». Ju Stettin haben in der Buchdrnckerei und Buchbinderei von H e s s e n l a» d die Buchbinder einschließlich des Werk- führers gekündigt. Bon dcr„De>ltscheu Berg- u»d Hiittenarbeiter-Zeitung", die von Gelsenkirche» nach Bochum übersiedelt ist, erschien die Nummer 44 vom 9. November nur zweiseitig, da der Wirth des Hauses in Gelsenkirchen, wo sich die Druckerei der Zeitung bisher befand, dem Umzüge Schwierigkeiten bereitete. Der Herr erhebt Ansprüche aus grund eines Vertrages, den er mit dein früheren Verleger Je»p abgeschlossen haben will, von dein aber der jetzige Verleger des Bergarbeiterorgans keinerlei Kenntniß hat. Als man dem Begehren des Wirlhes nicht willfahrte, hielt er die Druckmaschine mit Gewalt zurück; es bedurfte eines Ge- ricktsbeschlusses, um ihn zu voranlassen, sie ivieder herauszugebe». Da der Wirth die Maschine eine ganze Woche zurückbehalten hat, ist dem Verlag der Zeitung ein nicht unbedeutender Schaden entstanden, für den der Wirth nun im Wege einer Klage haftbar gemacht werden wird. Die Handschuhmacher Prags beschlossen, wie„Herold" meldet, den Streik sür den Fall, daß die Fabrikanten den Stück- lohn nicht um 6 Kreuzer pro Handschuh erhöhen. Die Wiener Bäckermeister und die Sonntagsruhe. Zwei Versammlungen, die kürzlich in Wien von den Bäckergehilsen ver- anstaltet wurden, legen davon Zeugniß ab, daß auch die dortigen Unternehmer den Arbeitern das bischen gesetzlich garantirteSonntags- ruhe illusorisch machen wollen. Der Gehilfen-Obmann erklärte, es seien bis jetzt vom Gehilfenausschusse 3300 Anzeigen gegen solche Bäckermeister, welche den Gehilfen nicht den Ruhetag ge- währe», erstattet worden. Allein die Gehilfen fanden bei den Bezirksämtern des Magistrats kein Gehör und so komme es auch, daß ein Bäckermeister e r st nach der sechzigsten Anzeige mit drei Gulden Geldstrafe belegt worden sei. womit auf jeden einzelnen Fall ein Betrag von fünf Kreuzer entfalle. Zn diesem Uebelstande geselle sich auch noch der Umstand, daß das Gesetz über die Sonntagsruhe in jedem Bezirke Wiens anders gehandhabt werde und eine andere Auslegung von den amtirenden Organen er- fahre. So geschehe es, daß das eine Bezirksamt den Beginn des Ruhetages mit 12 Uhr nachts, das andere mit 6 Uhr früh n.s.w. normire. Aber auch die Gehilfen trügen an den Uebelständen Schuld, da es sich schon mehrere Male ereignet habe, daß nach gemachter Anzeige Gehilfen als Zeugen vorgeladen wurden und dann erklärten, daß in ihrer Werkstätte der Ruhelag eingeführt sei. Allerdings erkläre die Furcht vor Entlassung dieses Bor- gehen. Es wnrde der Beschluß gefaßt, im Falle nicht bald von maßgebender Seite Remedur geschafft wird, zur S e l b st h i l s e zu schreiten. Ans Basel wird uns geschrieben: In der Krmikenversiche- ning der schweizerischen Buchdrucker ist eine große Aenderung in Aussicht genommen. Die bisherige» lokalen Buch- drucker- Krankenkassen sollen am 31. Dezember 1397 mit der Kranken-, Invaliden- und Sterbekasse des schweizerischen Typo- graphenbundes vereinigt werden. Sämmtliche Kassen treten mit diesem Zeitpunkte ihr Vermögen an den Typographenbund ab, der seinerseits deren Verpflichtungen übernimmt. Der schweizerische Typographenbund erhebt von diesem Zeitpunkte ab von den Typographiamitgliedern 1,20 Franks wöchentlichen Beitrag, von den Nicht-Typographiainitgliedern einen solchen von 5» Cts. und zahlt für Unterstützungen an Typographiamitglieder 4,89 Frks. pro Tag Krankengeld. 16 Frks pro Woche Invaliden- Unterstützung und 80 Frks. Sterbegeld. Hier in Basel ist man mit diesem Vorschlag einverstanden bis auf eine kleine Minderheit von 46(von 210 im ganzen) Kassenmitgliedern, in deren Name» die Basler Prinzipalität Verwahrung gegen die geplante Verschmelzung eingelegt hat, da die Basler Kasse ihrem Stiftuugs- charakter entfremdet werde. Sollte dieser Verwahrung keine Beachtung geschenkt werden, so soll der Prozeßwcg beschritten werde». Die Basler Buchdruckergehilfenschnft ließ sich durch diesen Protest nicht ins Bockshorn jagen sie holte das Gründnngsstatut her und schloß auf grund dieser Satzungen sämmtliche Prinzipale, die nicht gelernte Buchdrucker sind, aus der Kasse aus. Und der Zufall wollte es, daß sämmtliche Prinzipale, die den Prolest im Namen von 46„Schustern" eingereicht hatten, vom Ausschluß betroffen wurden. Den Prinzipalen war es natürlich darum zu thirn, ihren getreuen Knechte» den fetten Brocken der Kasse zu retten und sie vor dem Einfluß des Typographenbundes zu schütze». Ob sie Glück damit haben werde», oder ob sie das Schicksal ihrer deutschen Kollegen theilen, die in Sachen der Jnvalidenkasse des U. V. D. B. eine so eklatante Niederlage erlitte», läßt sich bei der heutigen Zusammensetzung der schweizerischen Gerichte nicht voraussagen, ist den Mitglieder» des schweizerischen Typographen- bundes aber ziemlich gleichgiltig; sie sind auf alle Eventualitäten vorbereitet. Neber de» Streik iu Carmaux wird telegraphirt: Eine Versammlung der Ausständigen beschloß die unverzügliche Gründung einer Glashütte für die Glasarbeiter zu fordern. Es sollen zu diesem Zwecke zwei Oese» erbaut werden.— Nach einer andere» Depesche beschlossen die Arbeiter, von der Ne- gierung gesetzliche Schritte zu verlangen. Veumfrsztes. Daö Nutcrnchmcil„Italien iu Hamburg" ist gleich der Berliner Ausstellung elend im Dalles verunglückt; es hat mit einein Defizit von 780 000 M. abgeschlossen. Der Antrag, die Konzession für die Ausstellung auf das nächste Jahr auszudehue». ist von dem Senat abschlägig beschieden worden. Im Jahre 1897 findet in Hamburg die deutsche landwirthschaftliche Ausstellung statt. Dieselbe ivird, nach dem in Aussicht genommenen Terrain zu urtheile», eine respektable Ausdehnung erhalten. Eisciibahnnnfall. Die Eisenbahn-Belriebsinspektiou Hannover II. macht bekannt: Sonntag früh 4>/» Uhr fuhr der Eilgüter- zng 802 von Berlin an der Ostseite des Bahnhofes Isenbüttel in den aus dem südlichen Hauptgeleise in das nördliche Ueberholimgs- geleis zurücksetzende» Güterzug 807 hinein, obgleich für ersteren Zng am Abschlußmast und Vorsignal das Haltesignal gegeben >var. Personen sind nicht verletzt. Beide Hauptgeleise sind ge- sperrt. Der Personenverkehr wird durch Umsteigen vermittelt. Im Laufe des Nachmittags wird der Durchgangsverkehr durch ein Nebengeleise hergestellt werden. Tie beiden Lokomotive» des Eilgüterzuges sowie 15 Güterivagen sind entgleist und mehr oder ivcniger beschädigt. Dynamit im Nomieukloster. Aus Madrid wird vom Sonntag gemeldet: Im Nonnenkloster Cordejuela bei Bilbao platzten drei Dyuamilpetarde», ohne jedoch einen Verlust an Menschenleben zu verursachen. Die Urheber des Attentats sind verhaftet. Ja demselben Kloster hat letzthin schon eine Petarden- Explosion stattgcfnnden.— In Sabadell explodirte im Speise» saal des Knabeilpensiouats E-a» Jose eine Bombe; zwei Zog- linge wurden schwer verletzt. Tckiiffsuuglück ans der Fulda. Ans Kassel wird vom Sonntag berichtet: Ein ans der Fulda fahrendes Motorboot wurde, uachdem es die Schleuse bei Kassel verlassen, in das Wehr geschleudert und dabei umgeschlagen. Drei Insassen deS Bootes ertranken, während die übrigen vier gerettet werden konnten._ Briefkasten der Expedition. Wie» 10. Sie können das Buch in unserer Buchhandlung haben; es ist 1 Exemplar gebunden antiquarisch, aber sehr gut erhalten zum Preise von 8 M. vorhanden. Achillilll, taliinien, Gmsseil! Die Volks-Versammlung, in der Herr Rechtsaumalt Heine über:„Die rechtliche Stetlung dei! JTrmt im öffentlichen Veben�* sprechen wird, fiildet nicht heute, Dienstag, sondern morgen, Mittwoch, 13. d. Mts.. statt. Herr Rechtsanwalt Heine hat bestimmt zugesagt. 1/7 vi« Einberufepin. Deutscher Metallarbeiter- Verband. EilisI« Berlin Norden. Mittwoch, deu 13. Uovembrr, abends S1/« Uhr, tu Meier'« Kalou, MüllerstraSe 7: General-Uersamminng. Tages. Oro ii uug: 1. Vortrag des Genossen lob. Sossenbocb über:„Das Freimanrer- ihum." 2. Diskussion. 3. Abrechnung vom 3. Quartal. 4. Abrechnung vom Sommervergnügen. 8. Wahl des l. Bevollmächtigten. 6. Verbandsaugelegen- heilen und Verschiedenes. Wege» der wichtigen Tagesordnung ist es Pflicht eines jeden Mit- gliedes, zn erscheinen. zjäM" Mitgliedsbuch legitimirt."VE 114/8 Dt« U«rwaltuug. Broclmows Ballsäle SkWechch 39 ä.k"Ä.. Jeden Sonntag, Montag u. Dienstags Gvo�vv Voilt. Mittwoch, Donnerstag n. Freitag zu Versammlungen zu vergeben. Einige LonnadenSe sind noch frei. 3327L* Paster's Festsiile Neue Königstr. 7. Mein Saal mit Nebenräumen noch einige Souuabeude zu vergeben.[33älL* Fiir denJnhalt der Jnsernte iiber- «imnit die Redaktion demPubliknin gegenüber keinerlei Peranttvortnni; Theater. Dienstag, 12. November. Gpernstauo. Carmen. Kchanspielstauo. Wallensteins Lager. Deutfchro Theater. Nobinson's Eiland. Keriiner Theater. Hasemann's Töchter. Lrfstng-Theater. Die Venus von Milo. Friedrich-Milhrlinstädt. Theater. Die Reise nach dem Mars. Hteuea Theater. Seine Geivesene. Schiller- Theater. Der Raub der Sabinerinnen. Restdeuz-Theater. Der Nabenvater. Vorher: Aber die Ehe! Adolph Ernst»Theater. Parade- bnnimler. Eentral-Theater. Eine tolle Nacht. Aleranderplach-Theater. Die kleinen Lämmer. Vorher: Nummer 66. Rational-Theater. Deborah. Theater Unter den Linden. Der Obersteiger. American- Theater. Spezialitäten- Vorstellung. Apollo- Theater. Spezialitälen-Vor- stellung. Kaufmann'« Uarietö. Spezialitäten- Vorstellung. Schiller-Theater. (Wksnn«,»»1'l,vsten.) Dienstag: Drr Rand der Sabinerinnen. Mittwoch: Der Raab der Sabinerennen. Cenlral-Theater. Alte Ialiobstr. 30. Cmil Thomas a. G. «vvitätl Zum«0. Male:«ovitiit! Eine tolle Nacht. Große Ausstattungsposse mit Gesang und Tanz in S Bildern von Willi. Mannstädt und Julius Freund. Musik von Julius Einödshoier. In Szene gesetzt v. Dir. Richard Schultz. Anfang TVa Uhr. National-Theater. Groß» Frankfnrterstraße 133. Direktion: Max Samst. TolkSTorstellung zu bedeutend ermäßigten Preisen. Deliorah. Volks-Schau spiel in 4 Akten von Dr. H. S. Mosenthal. Regie: M a x S a m st. Morgen:„Der Glöckner von Notre- Dame." Moipli Ernst-Theater. Zum 71. Male: WadtbunMler. Rosetzung der RauptroUen: Anna Bäckers, Josefine Dora, Ida Schlüter, Adolph Ernst, Julius Eyben, Hugo Haßkerl, Richard Jürgas, Guido Tielscher, Karl Weiß, Georg Worlitzsch. Anfang 7>/2 Uhr. LV K-i» Aufgeld.-*3 Morgen: Dieselbe Vorstellung. zriedrich-Mheltttstiidt. Theilter 35/30 Chanlfeestraste 35/30. Jeden Abend 7Va Uhr: Gallfpiel der l.» liputsn«,». Die Reise ui] item MrS. Mittwoch und Sonnabend, nachm. 3 Uhr: Schneewittchen und die 7 Zwerge. Sonnlag Nachm.: Die Reise nach dem Mars. .AlexanderpIaMheater. Aleranderstraße 40. Täglich abends 8 Uhr: Die kleinen Kammer. Vaudeville in 2 Akten von Varney. Vorher: Mummvv an. Operette in 1 Akt von Offenbach. 0erTeutonk Null!!!! Die letzte Sengiltioii Londons. Um 10 Uhr: Der Mann lion Stahl!! »u» Wer ist iitlim i Jtt Im 6|«t Üirnicn. EOieBerlinerBarrisonsl i Die schöne Venus Luciaua. Der Berliner Liebling: Der dicke Vlunr. serner 26 neue Nummern. u n s n ä s Anstalt lür volksttiümlieds ttaturkmide. Am Landes-Ausstellungspark (Lehrter Bahnhof). Geöffnet von 5—10 Uhr. Täglich Vorstellung im Wissenschaft- liehen Theater. Näheres die Anschlagzettel. Passage- Panopticum. 43 MW« vom andern Ende der Welt (Hamoa)._ Kaiser-Panorama (Passage). Sicilien, Savoyen, Alpen, Montblanc- Besteigung. Eine Reise nur 20 Pf. Abonnements und Vereinsbillets. Castan's Panopticum. Friedrichstr. 165. ISalambo? Feen-Palast Bnrgstrasse 22. Da« wunderbare nenr Programm m. feine» Sensationo- «nmmern,«. a.: Ilrev, der Blitzinensch. varola mit ihrem originellen Girens. Die 3 Mackwoods, Emmy Thiedemann, Zellas und Peiserto:c. jc. Rowalys in ihrer Pantom. Schulduden- ränke. Anfang: Wochentags 7>/s, Sonn- tags 6 Uhr. Entree 30 Pf. � Alcazae*. Varietd- n. Spczialitäten-Vorstellg. I Dresdenerstr. 52/53, Annenstr. 42/43 (City-Passage). U-n! Neu! Die EebkÄNte. Posse in 1 Akt von Alf. Schmasow. Scbeiiler Tronpe, Miss Barbera, die Mulattin, Clara und Hans Sarno, Dueltisten. Martha Peters, Koslüm-Soubrette. Ans. Wochent. 7V2, Sonnt. 6 Uhr. Entree„ 10 Pf.,„ 30 Pf. R. Winkler. I Böhmisches Brauhaus Landsberger Allee. Heute sowie jeden Dienstag; Äkttlllkk Äiiger (Meysel, Pietro, Britton. Steidl.) Krone, Röhl und Schräder). Zum Schluß: Line Soiree bei Lehmann. Neues, ganz famoses Programm! Anfang 3 Uhr. Entree 50 Pf. Vorverkauf 40 Pf.(siehe Plakate). Donnerstag: Sanssouci. osh Neuer Circus. ama Cit*cus Busch« (Bahnhof Börse). Dienstag, den 12. November, Abends 7V2 Uhr: Elite- Vorstellung. Frau Direktor Busch al« Schill- reiterin auf Thncxdides, traf. Hengst v Thebaner a. d. Thusnelde. Sechs Fucbsbeugste u. ein Tigerhengst, neu dress. u. vorges. v. Dir. Busch. Der Blephant a. Kapellmeister u. 3 Hengste. Hieraus: Ein eqnestr. Arrangement von 1Dl> Dferden, ißf von keiner Konkurrenz erreichbar,"Ää dress. u. vorgef. vom Dir. Busch. Die 5fache Postfahrschule, ger. v. Herrn Brust Kioske. Damen-Schulquadr., ger. v 6 Damen. Die sranz. L-chulreiterin Mlle. Legrand. 3Texaner, Reilerpotp. der Herren Althoff, Texas George und Lloyd. Sign. Alfrede als Gigerl zu Pferde. Zluftr. d. Clowns Mr. Velde- man, G. Rossi, Gebr. Cavallini, Bros. Duz. Festzug des ges. Personals. Dienstag: Gr. außerordentl. Vorstell. Neues Programm. Thl. inöbl. Zimmer 12 M. Stall- schreiberstraße 61, v. 3 Tr. rechts. Ordentliche Generalrersammlang der Ertskrankenkaffe der Hutmacher, Hutfonrniwren- und Pilz- vaaren-Verfertiger zu Berlin am Sonntag, den 34. Novbr. 1895, vormittags 10 Uhr im Restaurant des Herrn A. Feindt, Weinstraße 11, wozu die Delegirte» hiermit eingeladen werden. Tagesordnung: 1. Neuwahl eines Vorstandsmitgliedes der Arbeilgeber. 2. Wahl der Revisoren zur Prüfung der Rechnungen pro 1395(Z 47 Abs. 1 der Statuten). 3. Antrag des Vorstandes auf Erhöhung des Sterbegeldes. 4. Verschiedenes. 1265b Eintritt nur gegen Vorzeigung der Postkarte gestattet. Der Vorstand. (gez.) H. R i e ck, Vorsitzender, Anhaltstr. 14. Apollo-Theater Cremo's Teutonenspiele. Mlle. Philo-Duraud comique Excentriques. The Wortleys phänomenale Lnftgymnastiker. Bella Rose. Miss Rosi Rendel. The Harweys. Familie Krause!. Miss Ethardo. Rozsika Horurath. Heinrich Blanck. Mizi Schatz. Abbas-Mirza-Troupe. Kaffeneröffnung 7 Uhr. Anfang der Vorstellung 8 Uhr. Im Noack's Konzert- nnd Gesellschafts-Säle, Drnunenstr. 10. Jeden Sonntag, Montag, Dienstag und Donnerstag: Kl>llzttt,Theater,Spezialitatell- Vorstellllllg. Eine Stunde Baiser von Gesterreich! Histor. Lustspiel in 1 Akt v. Oppenheim Neptun oder: Der Verräther in Gipo. Komisches Singspiel in 1 Akl von R. Linderer. Musik von Thiele. Jede» Sonntag, Dienstag u. Donnerstag: _ Taiizkränzchen._ Stempel, Vereins-Abzeichen, Thlirschilder etc. H. Guttmann, Brunnenstr. 9. 354 IL* Pelzwaren zu de» billigsten Fabrikpreisen empsiehlt Adolf Gobel, FevnlÄleinevstv. 6», (Laden an der Kirche). Sämmtliche Waaren sind aus besten' Winterfellen unter eigener fachmännischer Leitung hergestellt und in jeder Preislage vor- räthig. Teleph.-Amt IV Nr. 1407. Wer— Stoff— Hot fertige Anzug 20 M. feinste Zulhaten, saubere Zlrbeit, zwei Anproben. Winterpaletot 18 an., Wollfutt., Sammeikrag. tose 3,50 M. Vliinzstr. 4, Engel. abe auch Stofflager._ P* /rtfirt lliilis für 9M. liefere feinsteHose yhll, PH, n. Maaß Krausenstr. 14, 1 AtbeitSujtze g. Weiche Herren hiite 1,35 W. 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November, abends 8'/- Uhr, im Lokale des Herrn Köllig, Neue Friedrichstr. 44: General- Versammlung. Tages-Ordnnng: 1. Die Agrarfrage nnd ihre Behandlung auf dem Kreslanrr Parteitage. Referent: i. Timm. 2. Diskussion. 3. Bericht des Vor- standes und Kasstrers. 4. Neuwahl des Vorstandes. 5. Verschiedenes. Um zahlreiches Erscheinen ersucht 236/6* Oer Verstand.__ Sozialdemokratischer Wahlverein für den 2. Berliner Reichstags-Wahlkreis Versammlung"HW am Mittwoch, den 13. November, abends 8'/s Uhr, im Lokal ,,l4onigshef", Bulowstraße 37. Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Genossen Max Schippel über: Agrarkrisis nnd Bauernbewegung. I. Die Landwirthschaft nnd Farmerbewcguug i» Amerika. 2. Diskussion. 3. Event. Fragen. 238/10 Her Verstand. Sozialdemokratischer Wahwerein für den 6. Kerl. Reichstags-Wahlkreis. Dienstag, den 13. November, abends 8'/e Uhr, im Saale des Herrn.lenrich(früher Rehlitz), Bergstraße Nr. 12: Ugp" Versammlung.-HW Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Genossen VI. Pfannkuch über:„Die Entivickelung der Sozialdemokratie und die Zersetzung der bürgerlichen Parteien." 2. Dis- kussion. 3. Verschiedenes. 246/20 Gäste willkommen. Um zahlreichen Besuch bittet Der Vorstand. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß die Vrotokolle vom Kres lauer Vartcitag unentgeltlich von den betr. Bezirksführern vertheilt werden. Auch sind zu de» Vrania-Uorstellungeu am 1., 8. und 15. Dezember Btllets 50 Pf. bei sämmtlichen Bezirks« und Abtheilungsführern zu beziehen. Vvvbanv«llev in der Metallilldlistrie beschiistigteil Arbeiter Derlina und Umgegend. Mittwoch, den 13. Uovember, abends 8>,'s Uhr. tm Restaurant Rautenberg, Grauieustraste 180: Dmnchen-VkrsammIllW MMMkr. Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Genossen Utfin über:„Florian Geyer." 2. Diskussion. 3. Neuwahl eines Beisitzers zmn Vorstande. 4. Verbandsangelegenheiten und Verschiedenes. Zu dieser Versammlung laden wir die Kollegen der Firmen Pagel& Schnitze, Neichenbergerstraße; Völtzkow, Ritterstraße; Goldmann, Markusstraße, und Eckel& Glinicke, Wasserthorstraße, ganz besonders ein. 111/19 Um zahlreiches und pünktliches Erscheinen ersucht Der Vorstand. Verein zur Watining der Interessen der Maurer Berlins und Umgegend. Domterstag. d»u 14. Uovember 1895, abeuds 8V2 Uhr, im Lokalo des Herru Pritz liVilke, Kudreasstraste 36: Ordentliche Mitglieder-Versammlnng. Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Genossen A. Hoffmann über:„Glaube und Vernunft." 2. Diskussion. 3. Abrechnung vom gcmüthlichen Beisammensein. 4. Vereins» angelegenheiten. Die Mitglieder werden ersucht, zahlreich und pünktlich zu erscheinen, da die Versammlung pünktlich eröffnet wird. 129/3 Der Uorstand. I. A.: Barl Hnöpchen, Tilsiterstr. 16. Sozrctldeinrckrsikifckvv AVahlvorein füu �oltom�NeesKoiv-ChoivlokkenbuVig. Dirnstag, den 13. Uovember, abends 8 Uhr, im Lokale Kismarckshohe, Thariottrnbnrg, Wilnierodorferstr. 39» OH�nerQl-VevfmmnUmg. Tages-Ordnung: 1. Bericht des Vorstandes und Kas sirers. 2. Neuwahl des gesammtea Vorstandes. 3. Verschiedenes. Mitgliedsbuch legitimirt. Neue Mitglieder werden aufgenommen. Der Uorstand. Keller's Festsäle, KWtvjlrche 28. Heule, Dienstag, den 12. November, abends punkt S'.i Uhr» 4. Abonnements-Konzert (Sinfonie-Abend) der Freien Vereinigung der Zivil-Bernfsmusiker Berlins. Orchester! 50 vorzügliche Musiker. Dirigent! G. Grass. Sinfonie No. 1 C-dur(Op.21) von L. van Beethoven. Ouvertüren:„Meeresstille und glückliche Fahrt" von Mendelssohn-Bartholdy; zu Goelhe's Trauerspiel„Egmont" von Beethoven; Largo von Händel und Präludium von Bach(mit Piano und Harmonium); berühmte Serenade für Streichinstrumente von Haydn; Romanze(E-moii) von Goliermann(Cello- Solo: Herr A. Rau); ungarische Tänze von Brahms sc. Auf Wunsch: Traumbilder- Phantasie(mit Zither-Solo) v. Lumbye. Smr Ausführliches Urogramm A 5 Uf."MG Abendkasse; 25 Pf. pr. Person(Nichtabonnenten). Scbluss des Konz, il'/e Uhr. Abonnementskarten ä 1 Mark für 5 Konzerte(Familienbillets) in mit Plakaten belegten Handlungen und an der Abendkasse. Nach dem Konzert: Familien- Kränzchen. (Herren, die sich daran deiheiligen, zahlen 30 Pf. nach.) Dienstag, de» 26. November: 5. Abonnements- Konzert im Konzerthans Sanssouci, Kottduserstraße 4a. NB. Für die in der Tonkunst vorkommende» Fremdwörter findet man eine Erklärung auch in Ltebknecht's Fremdwörterbuch. 50/17 Neues Klubhaus 73 Kommandauten- Strave 73. Sonnabend, den 30. Uovember, 7. n. 14. Dezeinber, sowie Sonurag» »och Säle frei. 1181b Niests Fest-Siite. 17 Weberstr. 17. 30352* Sonnabend, den 30. d. M., noch zu vergeben unter ganz koul. Bedingungen. 3685L* B. Rieft. Th.Boltz' Festsäle, 1 S., Alte Jakob- Strasse 75. Amt I, 1082. 3613L* Empfehle meine Säle zur Abhaltung von Festlichkeiten und Versammlungen zu koulantesten Bedingungen._ yUaff«« schöner Stand 22 M. sofort OllUll� j» verk. Reichenbergerstr. 6, vor» 1 Tr. links._ 1256b Vereinszimmer mit Piano empsiehlt H. Wörner, Kürassierstr. 10a. 939b Verantwortlicher Redakteur: Fritz Kunert, Schöneberg-Berli». Für den Jnseratentheil verantwortlich: Th. Glocke in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin. 2. Beilage zum„Vorwärts" Berliner Volksblatt. Kr. 363. Dienstag, den 13. November 1893. 13. Jahrg. Versammlungen. Ter Verein deutscher Schuhmacher(F i I i a l e I) hörte am 4. d. Mts. in semer regelmäßigen Mitgliederversammlung einen interessanten Vortrag des Schriftstellers Manfred Wittich aus Leipzig über„Thomas Moore und die irische Revolution". Unter Vereinsangelegenheiten gab der Kassirer Rott die Abrechnung vom ö. Quartal; die Versammlung er« theilte ihm Decharge. Die restirenden Mitglieder werden auf- S �fordert, ihre Beiträge bis spätestens Neujahr zu begleichen, asts sie nicht gestrichen werden.und ihrer Rechte verloren gehen wollen. Eiue Lbcrfiillte Versammlung des Fachtiercius der Musikinstrumeuten-Nrbciter»ahm am 4. November bei Helfer, Oranicnslraße einen Vortrag des Genossen S ch ö p f l i n über moderne Rechtspflege mit großem Beifall entgegen. Hierauf theilte D r a b n i k mit, daß er in der Angelegenheit Neumann, der sich bei Lexow angeboten haben sollte, die Hamnierkerne sür einen Schundpreis anzufertigen, bei Herrn Lexoiu rechcrchirt hat. Trabnik konstatirte auf grund seiner Erkundigungen, daß die Beschuldigung unwahr, Neumann also ohne Grund verdächtigt worden ist. Wustrow gab dann einen kurzen Ucberblick über den Streik, bei Rod. Seidel, wo sämmtliche Forderungen nach einigem Zaudern bewilligt worden sind. Eine lebhafte Debatte erregle der Streik der Kollegen bei Steuer ». Ko., welche Firma nicht geneigt ist, die gering- sügigen Forderungen der Kollegen zu bewilligen, sondern bei Heranziehung von jungen Ttschlern weiter produziren zu können hofft. Schars gerügt wurde das Verhalten des Kouipagnons Titze. Auf Antrag Arudt's wurde beschlossen, daß sich die streikenden Kollege» einerseits wegen der guten Zionjunktur, andererseits wegen des Herrn Titze nach anderer Arbeit umsehen möchten. Auch hatten sich diesmal wieder zwei Streikbrecher ein- gefunden, die in den Verein aufgenonnne» zu werden wünschten Die Aufnahme des einen, Hanpt, wurde rundweg abgelehnt. Rauhut wurde, da er erst aus der Lehre gekommen ist und seinen Schritt ernstlich berente, gegen 6 Stimmen ausgenommen. Rüdiger stellte de» Antrag, am Bußtag wie gewöhnlich eine Fußparlie zu unternehmen. Die Versammlung erklärte sich sür eine Herrenpartie. Zeitpunkt des Abmarsches und Bestimmungsort wird noch bekannt gemacht werden. Neu aufgenommen wurden in der vorigen Versammlung 104 Kollegen, in der letzten 36. Im Verein zur Regelung der gewerblichen Verhält- »issc der Töpfer und BcrnfSgenosscn Berlins und Ilm- gegrnd hielt am 6. d. M. in einer Generalversammlung Genosse Ad. Hoffmann einen mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag über„Glaube und Verminst". Sodann gab der Kassirer Tops den Kassenbericht über das 3. Quartal. Danach beliefen sich die Einnahme» einschließlich 373 M. Bestand vom 2. Quartal auf 1589,85 M., die Ausgaben auf 1227,03 M. Die Zahl der Mitglieder beträgt 503. Nach Erledigung des Berichts wurde zum Hilfskassirer für Pankoiv Kollege N e i n h. Frede ge wählt; für Moabit bleibt Kollege B l a c z i k e w i tz bis zur nächsten Mitglieder« Versammlung noch als Kassirer; zum 1. Schriftführer wurde Gustav Schulze, zum 2. Schriftführer Eugen Topf gewählt. Weiler wurde be- schlössen, im Z 2 des Statuts, Absatz 2 und 3, und im 8 7 den Absatz 2 bis April nächsten Jahres außer kraft zu setzen und binnen drei Wochen ein Flugblatt auszuarbeiten, worin den Kollegen die Gründe zu diesem Vorgehen und unsere Lage im All- gemeinen vor Augen geführt werde» sollen. Ferner beschloß die Versammlung, den Gesangverein vom I. Januar 1396 ad vom Fachverei» ap trennen. Ei» Antrag, ein seit Februar d. I. lrankes MMed mit 75 M. zu unterstützen, wurde angenommen. llic allgemeinc Buchdrucker- Versammlung füllte. am M. de» Keller'schen große» Saal bis auf den letzten Platz. !ile Prinzipale und Gehilfen, die ein Interesse an dem Bestehe» Tarifs haben, waren zu dieser Versammlung eingeladen worden. Zur Tagesordnung standen folgende zwei Punkte: 1. Das Gehilfengcgnerthum und die Situation im Buchdruck- gewerbe. 2. Wie stellen sich die Berliner Buchdrucker zur einheitlichen Durchführung des Tarifs? Vor Eintritt in die Tagesordnung nahm M a s s i n i Veranlassung, auf eine im„Ttzpograph" erschienene Notiz kurz einzugehen, worin die Mitglieder des Gulenberg- bundcs vor den« Besuche dieser Versammlung gewarnt wurden, weil ihnen dort leicht unangenehmes passire» könne. Auch hat der„Typograph" die Aufnahme einer Versammlungs anzeige ablehnt, nachdem diese bereits angenommen und bezahlt worden war; die Ablehnung ist niit der Bemerkung„begründet" worden: Nur die allergrößten Kälber, wählen ihre Metzger selber! Massini incinte hierzu: Jeder müsse am besten wissen, was er ist.(Heiterkeit.) lieber den ersten Punkt der Tagesordnung referirte der Verbandsvorsitzende D ö b l i n. Er wies auf die Nothwendig- keil hin, angesichts der geschäftlich etwas günstigeren Konjunkliir und angesichts der zu geringen Fürsorge der gesetzgebenden Körperschaften für die Arbeiter den Schutz, der von dieser Seite vermißt werde, in dem Zusammenschluß der Kräfte aller zu suchen. Weiter berührte Töblin kurz die Errungenschaften des Buchdruckerverbandes und unterzog dann in sachlicher Weise den Gegner des Verbandes, den Gnlenbergbund, einer Kritik, nicht eiiva, weil dieser Organisation eine tvesentliche Vedeulung beigcmcssen iverde, sondern nur, nni die die Jnteiessen der kämpfenden Gehilfenschaft schädigende Thälig- keil des Bundes zu beleuchten. Ganz energisch ivies Töblin die Denunziation zurück, daß der Verband ein politischer Verein sei. Ter Veiband stehe auf rein gewerkschaftlichem Boden und tünimere sich um die politische Gesinnung seiner Mitglieder nicht. An diesem beivährte» Standpunkte iverde der Verband festhalten, sich lieber dem gesetzlichen Zwange fügen, als die Gehilscn wehr- los dem Unieriiehmerthum ausliefern. Durch die Organisation sei die Gchilfenhaft in der Lage, Einfluß ans die Lohn- und Arbeitsverhältnisse auszuüben. Die lleinlichen Angriffe des Giilenbergbundes fanden durch Töblin eine beredte Abwehr. Nedner betonte ferner, daß von der Leitung des deutschen Buch- dr nckervereins(der Unternehmer-Organisalion), in höchst gehässiger Weise gegen den Verband gehetzt werde, wodurch begreiflicher- weise die Erbitterung unter der organisirten Gehilsenschaft im Wachsen begriffen sei. Die Kampfesweise des deutschen Buch- drnckervereins beleuchtete Töblin durch Vorführung entsprechender Thatsache», die die nichts weniger als„sriedlichc Thätigleil" dieser II n tcrnehinerorganisation ins hellste Licht rückten. Redner brachte am � statistisches Material bei über die lrotzder bestehende» Lehrlingsfkalä zu verzeichnende enorme Steigerung derLehrlingszisfer, wodurch die Konditionslosigkeit in gleicher Weise gesteigert iverde. Dem- gegenüber seien die von den Prinzipalen als„sozialdemokratisch" bezeichneten Bestrebungen der organisirten Gehilfenschast auf Hebung ihrer Lage durchaus berechtigte. Wer nicht einsehe, daß es den»»sicheren Exrstenzverhältnissen gegenüber nothwendig sei, in dem Verbände eine» Schutz und Liückhalt zu suchen, der habe seine Zeit nicht begriffen.(Lebhafter Beifall.) lieber die Frage, ivie sich die Berliner Buchdrucker zur ein- beitlicken Durchführung des Tarifs stellen, reicrirte sodann M a s s i n i. Nach seinen Angaben bezahlt die überivieg-nde Mehr- zahl der Berliner Druckereien den Tarif nicht. Tie Vortheile, welche der Tarif bietet, würden den Gehilfen entzogen. Be- klagenswerth sei es, daß ein großer Thcil der Gehilfenschaft den tarifwidrigen Zuständen widerstandslos gegenüberstehe». Wenn auch die Arbeitslosigkeit während des Sonimers groß gewesen sei, so mehre sich doch jetzt wieder die Arbeitsgelegenheit, schon mit Rücksicht auf die Gewerbe-Ansstellung. Wehre man sich nicht, so liege die Gefahr vor, daß nicht einmal mehr das Minimum von 25,65 M. und der glatte Buchslabenpreis von 32 Pf. pro 1000 gezahlt werde, nachdem alles sonstige Vortheilhafte des Tarifs den Gehilfen bereits genommen,„abrasirt" sei, wie Massini meinte. Wenn hiergegen nicht eingeschritten werde, so würden auch diejenigen Druckereien, die den Tarif noch bezahlen, in die Lage gesetzt werden, ihn ebenfalls fallen zu lassen. Namentlich werde der Tarif von solchen Buchdruckereibesitzern mißachtet, die keine Fach- leute sind. Ein Krebsschaden seien auch die Anshilsskondilionen. Hier müsse eine feste Bezahlung eintreten. Ei» großer Uebelsland seien serner die Arbeitspausen. Tie Prinzipale hätten sür volle Beschäftigung der Gehilfen zu sorgen. Redner rügte auch die künstliche Uebervölkerung des Berliner Arbeits- Marktes durch den Gutenbergbund, wie auch durch die Lehr» lingszüchterei der Prinzipale, besonders der Jnnungsmeister. Von de» 83 der Innung angehörenden Druckereien hielten nur 12 die Lehrlingsskala inne, die anderen überschritten die Lehrlingsskala bedeutend. Die Setzerinnen fänden auch immer mehr Eingang in den Berliner Buchdruckereien. Hiergegen wäre nichts einzuwenden, wenn diese nicht 25 pCt. billiger entlohnt würden. Aus allem erhelle die Nothwendigkeit, dem Tarif wieder Geltung zu verschaffen. Die Verhältnisse könnten nur bessere werden, wenn die Prinzipale nur tariftreue Gehilsen einstellen. Nicht die Gehilsen, sondern die Prinzipale schürten den Klassenhaß durch ihre Machinationen. Würden die Gehilfen fest zusammenstehen, dann sei der Tag nicht fern, wo der deutsche Buchdruckertarif in allen Druckereien würde bezahlt werden müssen.(Anhaltender Beifall.) In der Diskussion kamen die Gegner zuerst zum Wort. Als solcher äußerte sich zuerst Knabe. Er konstatirte, daß der Gutenbergbund die Ausführungen Massini's unterschreibe. Auch der Bund habe die Hochhaltung des Tarifs auf feine Fahne geschrieben. An der Gründung des Gulenbergbundes trügen die Verbändler selber die Schuld durch ihr privates Benehme». Die Nichtaufnahme der Versnmmlungsanzeige habe er selber beantragt und zwar ans grund eines verbreiteten Flugblattes, worin seine Leute angegriffen würde». Besser sei es, den Bund nicht zu bekämpfen. Er suche die Kollegenzu organisiren und bilde nnreineVorfrucht für den Verband. Im übrigen empfahl gledner dem Verbände, zuerst in seinen eigenen Reihen für bessere Verhältnisse zu sorgen. Arendsee bestätigte die herrschende Missre im Berliner Vuchdruckgewerbe und gab zu bedenken, ob es nicht besser sei. den ganzen Tarif fallen zu lassen und an dessen Stelle ein festes Lohnsyftem ein- zuführen. G i e s e ck e(vom Verband) versprach sich Besserung der Verhältnisse dadurch, daß jeder einzelne das ihm Zustehende in ruhiger Weise verlange. Auch warnte er davor, daß organisirteKollegen den Prinzipalskassen beitreten. Wenn der Gutenbergbund dieselben Ziele verfechte wie der Verband, so wäre es besser, der Gutenbergbund ginge in dem Verband auf, anstatt eine Sonderstellung einzunehme», den» nur durch vereinte Kraft sei es möglich, den Prinzipalen energisch entgegenzutreten.(Beifall.) Jan so» betonte den„neutralen Standpunkt" des Gutcnbcrgbundes, der dabei vortrefflich prosperire. Durch die Ablehnung des Ver- langens, in der Tarifkoinmission mit vertreten zu sein, hätten sich die Verbändler selbst einen Schlag ins Gesicht versetzt Von Solidarität hatte Redner augenscheinlich keine Ahnung. Er konnte es nicht begreifen, weshalb Gehilsen, die tarifmäßig bezahlt werden, die'Arbeit niederlegen sollen zu gunsten solcher, die nicht tarifmäßig bezahlt werden! Auch fand er es ganz in der Ordnung, daß die Prinzipale einen fette» Unternehmer- gewinn einheimsen, denn der Unternehmer trage doch das Risiko. Ter Gutenbergbund habe kein konditionsloses Mitglied auszuweisen. Nedner sprach die Ueberzeugung aus, daß noch viele Verbandsmitglieder zum Gutenbergbund übergehen würden.(Stürmisches ironisches Bravo!) Töblin übernahm die Abfertigung der Redner vom Gntenberg- bnnde und stellte deren Jrrthümer richtig. Besteck beschäfligie sich gleichfalls mit dem Gntenbergbunde und legte besonderes Gewicht darauf, daß statutarisch jedes Mitglied des Gulenberg- bnndes über den Tarif deicken könne, wie es wolle, thun und lassen könne, was es wolle. Eine solche VereinigUllg könne keinen Bestand haben. Die Bür.dlcr genössen heute die Früchte, die der Verband erkämpft habe. Die Durchführung des Tarifs erklärte Redner für unbedingt nothwendig; sie habe noch in diesem Jahre zu geschehen, da sich eine günstigere Gelegenheit so bald nicht finden iverde. Knabe erklärte sich als Vorsitzender des Gulenberg' bundcs hiermit durchaus einverstanden,»leinte aber, weitere Zu- geständnisse nicht machen zu können. R e i ß in a» n beantragte eine die Tarisfrage betreffende Resolution. V n d e war bezüg lieh der Tarisfrage der Ansicht Knabe's. Er hielt es sür niöglich, getrennt zu marfchiren, doch vereint zu schlagen. Scannevin glaubte versicher» zu dürfen, daß der größte Theil der Prinzipale gewillt sei, den Tarif zu bezahlen. Bei ruhigem und sachlichem Verhandeln würden auch Erfolge erzielt werden. Die von Reißmann beantragte Resolution wurde ein- slimmig angenommen. Sie lautet:-„Die heute, Sonntag, den lv. November, in Keller'S Festsälen versammelten Berliner Buch- drncker erklären sich mit dein Reserenten vollständig einverstanden nnd ersi che» alle Kollegen, welche in Druckereien arbeile», wo der Tarif nur halb oder theilweise bezahlt wird, Stellung zur Durchführung des Tarifs zu nehnien. In solchen Druckereien jedoch. Ivo gemischte Personale stehen, ist es vorher nothwendig, eine Ofsizinsversaminlnng des gesaunnlen Personals starifinden zu lassen. Vor allem aber ist es»othioenbig, daß diejenigen Kollegen, welche noch nicht dem Verbände deutscher Buchdrucker angehören, sich sofort deinselben anschließe», denn nur bann wird es gelingen, einen vollen Erfolg zu erzielen.' Mit einem Hoch auf die Solidarität schloß die von über 2000 Buchdruckern besuchte Versammlung. Das Versaminluiigs- lokal war polizeilich abgesperrt. Hunderle von Buchdruckern fanden keinen Einlaß. VcrtrauenSkcnte der Berliner Metallarbeiter setzte» am�rdilulag in Eoyn's großem Festsaal, Beulhftraßc 20, die 14. Oktober nicht beendete Diskussion über ihr ferneres Vor- en fort. Wieder trat der Streit um die bessere Form der rganisation in den Vordergrund. Von den Anbängern des Deutschen Metallarveiier-Verbandes wurde bedingungsloser Anschluß der Mitglieder des Berliner Verbandes an jenen verlangt und der Einwand zu entkräfte» gesucht, daß die Interesse» der Berliner Metallarbeiter dann nicht genügend gewahrt würden. Einige Wortführer der lokalen Nlchtung erklärten, daß das Gros des Berliner Verbandes unter keinen Uinstäiidcii hierfür zu ge- Winnen wäre, da es nicht gesonnen sei, auch mir einen Finger breit von der bisherigen Bewegllilgsfreiheit am Ort einzubüßen. Ter öffentliche Fonds, von dem die Zenlralisten behaupten, daß er eigentlich nur eine„Extrasteuer"-Kasse des Verliner Metallarbeiter- Verbandes sei, diene, wie nichrere Redner angaben, auch zur Unterstützung anderer Geiverkschasten. — Da die wciicren Redner immer wieder aus die„Orgauisalious- Foimsrage" eingingen, so wurde durch eine» Gcschüfisordnnngs- dies sür die spätere Debatte verhindert; es durste nur if den eigentlichen Kern der Sache; die zulünstige Slellilng Antrag noch auf..„... der Vertrauensleute, eingegangen werden. Hoffmann (Zentrallst) vertrat die Ansicht, daß ein gemeinsames Zu- sammenarbeitcn unter den bisherigen Verhältnissen uiimög- lich sei, daher sollten die Berliner Metallarbeiter das Bertrauensmänner-System als Anhängsel ihres Lokalverbandes für sich behalten, sie(der deutsche Verband) hätten ihre Agitations- kommission für denselben Zweck. Andererseits wurde betont, daß ein gemeinsames Arbeiten der beiden Organisationen nöthig und erreichbar sei,— durch den öffentlichen Fonds und auf der Basis des Vertrauensmännersystem?. Folgende Anträge waren eingegangen: I. Die öffentliche Agitation innerhalb der in der Metall- indusirie beschäfligten Arbeiter Verlins ist nur durch die in öffentlichen Versammlungen gewählten Vertrauensleute aus- zuführen, gleichviel, welcher Orgnnisatiousforin diese an- gehören. Sämmtliche Sanmilungen zu öffenllichcn Fonds, Streiknnterstützilngen u. s. w. sind nur durch oben erwähnte Ver- trauenspersonen vorzunehmen. 2. Eine Koinmissioii von 6 Kollegen, je zur Hälfte aus An- hängern der Lokal- und Zeniralorgaiiisalio», ist zu wählen, um die Agilation und die Streiks einheitlich durchzuführen. Die Leitung übernimmt der Vertrauensmann der Berliner Metall- arbeiter in Verbindung mit den übrigen(Branchen-) Vertrauens- leutcn. Die Versammlung kam auch diesmal zu keinem Resultat. Um 2 Uhr mußte der Saal geräumt werden. Ein Antrag auf Vertagung wurde von S t e h r(lokale Richtung) bekämpft. Er vertrat die Meinung, daß die Parteien steh zunächst in ihren Organisationen klar werden möchten über ihre ferneren Schritte in der Sache und dem Vertranensniann(Naether) alsdann Mit- theilung zu machen hätten darüber, ob sie gesonnen seien, ans die in den Anträgen niedergelegten Ansichten einzugehen. Die Versammlung entschied demgemäß und wurde hierauf ge- schloffen. Nach Schluß der Versammlung wurde ein Portemonnaie mit Inhalt gefunden; der Verlierer kann es bei C. König, Dresdenerstr. 16, l. Seiteufl. 1 Tr., in Empfang nehmen. In Nummelöbnrg tagte am 10. d. M. im Voivinkel'schen Saale eine öffentliche Parteiversamnilung für Friedrichs- b e r g, Stralau, R n in in e l s b u r g, B o x h a g e u und Friedrichsfelde, wo Genosse Sonnenburg über den Breslauer Parteitag berichtete. In kurzen Zügen entivarf der Redner ei» Bild der Verhandlungen des Parteitages und be- dauerte bei dieser Gelegenheit die Ablehnung des DiätenantrageS. Er unterzog die Gründe, die Genosse Fischer gegen diese» Antrag vorgebracht hatte, einer abfälligen Kritik, u. a. ausführend, daß, wenn man den Standpunkt Fischer's gelten lasse, der da gemeint habe, die Partei hätte ja Geld genug zur Zahlung der Diäten, man dann konscquenterweise auch allen sür die Parleisache lhätigen Genossen ihre Mühewaltungen bezahlen müsse. Da dies im Interesse der Parteikaffe aber nicht angängig sei, so könnten auch die auskömmlich besoldeten Parteibeamteii— we- nigstcns die in Berlin wohnenden— billigerweise aus Diäten verzichten. Ter Redner behandelte ausführlich die Agrardebatle uud erklärte, daß er der giesolution Kautsky zugestimmt hätte, weil er im Einverständniß mit den Parteigenossen des Nieder- barnimer Kreises der Meinung sei, daß man die Klasse der grundbesitzende» Bauern trotz der weitgehendsten Versprechungen nicht für die Sozialdemokratie gewinnen könne, sonder» sich viel- mehr mit der Agitation an die ländlichen Arbeiter wenden müsse. Nach dieser Richtung hält er den in Breslau angenommenen Antrag, der eine plannläßige Agitation gegen die Gesinde- Ord- nnng verlangt, für viel wirksamer, als die Vorschläge der Agrarkommissioii. Genosse Sonnenburg verurtheill entschieden die bekannte Erklärung der Parteigenossen im bayerischen Landlage, die angesichts der Beschlüsse des Breslauer Parteitages nicht zu billigen iväre. Er spricht sich auch energisch gegen den Artikel des Genossen Ledebonr aus, dessen Kritik der Kantsky'schen Siesolntioilserlällternng er sür»»berechtigt hält, und protestirt dagegen, daß Ledebonr die Resolution Kautsky, trotzdem diese mit 158 Stimmen angenoinmen wurde, als wider- sinnig zu bezeichnen ivage; er protestirt ferner gegen die Behaup- tung Ledeboiu's, daß die Behandliing der Slgrarfrage durch An« »ahme dieser Resolution„verpfuscht" sei. In der Diskussion stinnnt Kopp dem Bericht Sonnenburg'S zu und theilt dessen Standpunkt in der Diäten- und der Agrar« frage. Schulz hält den besprochene» Artikel Ledebour's für eine Enipfehlung der Vorschläge der Agrarkommissioii, die nicht sozial- revolutionär, fondern sozialreformalorisch seien, und räth ihm. Ledebonr, deshalb, sich einer sozialen Reformpartei, z. Ä. den Antisemiten anzuschließen. Schulz bleibt auch bei seiner Meinung, nachdem Sonnenburg ihn auf seine ganz un- zutreffenden Voraussetzungen hingewiesen nnd ihm bedeutet hat, daß er den Artikel Ledebour's, welcher Gegner des Agrar- programiiis und ein guter Parteigenosse sei, durchaus niißverstanden hätte. W e i g e I stlinmi gleichfalls dem Bericht Sonnenburg!? zu und meint, man möge künftig nur solche Reichslags-Abgcordnete wählen, die bereit wären, auf die Diäte» zu vcrzichlen.(Das ist zweifellos der beste Vorschlag. Man lasse die armen Schlucker, die nicht einmal im stände sind, ohne Diäten in Berlin zu leben zu Hause und wühle Leute wie Stumm und Genosse», welche sich vcil Luxus des diätenlose» Ausenthalts leisten könuev.) Tie Verian»»l»»g erklärte sich durch Annahme einer Resolution mit dem Bericht des Genossen Sonnenburg, sowie mit dessen Verhalten zu alle» Anträgen aus dem Breslauer Parteitage ein- verstanden. Nach einem kurze» Bericht des VerlrauensnianneS F o r g- b e r t, aus welchem hervorgeht, daß im abgelaufenen Jahre eine Einnahille von 626,03 M. und eine Ausgabe von 561,25 M. er- zielt ivolden ist, fodaß ein Ueberschuß von 124,78 M. blieb, wurde Forgbert einstimmig zum Vertrailensinann sür RunmielSbnrg wiedergewählt. Zins der Wahl der Lokalkominissio» gingen Schiriner, Z eis er, Pade und Schoos hervor. Zinn Schluß»lachte der Vorsitzende aufinerksai» auf eine Versanimlung, die am 20. November(Bußtag) i» demselben Lokal abgehalten wird und in der das Thema:„Die Bedeutung der Sozial- demokralic in der Geineindevertretnug" behandelt und die An- gelegenheit des Glineindevertreters Müller endgillia geregelt iverde» soll. Rixdorf. In einer gut besuchten Versamuilung des Ver- bandes der Möbelpoiirer Berlins nnd Umgegend hielt am 4. No- veiiiber Kollege Paul Kluge eine» interessanten Vortrag über den Niitz-n der Gewerkschaftsorganisation. Er legte in leicht- verständlicher Weife dar, daß nur eine gut orgamsirte Gewerkschaft im stände ist, dem Uiiternehliierthnin etwas abzuringen. und forderte die Kollegen ans, treu und fest zur Organisation zu hallen nnd für sie fleißig zu agitiren. Die Kollegen wurden dann ersucht, wen» sie noch Fragebogen in Händen haben, diese so schnell als möglich abznliesern. Man beschloß noch, bis aus weiteres die Versammlnngcn in Rohr's Salon, Knesebeck« straße 49. abzuhallen, wo auch eine neue Hilfszahlstelle errichtet wird, und zivar wird alle 14 Tage Sonnabends, abends von 8 bis 10 Uhr kassirt; auch werden daselbst neue Mitglieder auf- genommeu. Hl«nJj!♦ u f* 9tm 8. d. M. verschied nach längere!» Krankenlager unser lkollege, Herr •losepk Schmidt. Wir betrauern in dein Dahin- geschiedenen einen braven Freund und steißigen Mitarbeiter, welcher stets be- strebt war, die gemeinsawen Jnter- essen mit größter Pflichttreue zu ver- treten und zu fördern. Sein Andenken werden wir stets in Ehren halten. i2S7b Der Vorstand der Ortökrankenkasse des Zimmerer- gcwerbes zu Berlin. Die gegen den Herrn Baselt aus- gesprochene Beleidigung nehme ich hiermit zurück. C. Ricdmaun. Kranze, Schleifen,' Guirlanden, Blumen, empfiehlt den Parteigenossen I. S p r i» g M a l d, Gärtner, Verlin O., Blumenstr. 68. Kranze, Schleifen, Gnirlandeu, Blume» empfiehlt den Parteigenossen Rlimt-e, Gärtner. WO., Friedeustraste 68. 3G97P* Kranzbinderei und Blumenhandlung Nieyev, Nr 2. Mariannenstraße Nr. 2. Widmungs- Kränze. Guirlanden, Ball- sträußchen, Vouqnets u. s. w. werde» sehr geschmackvoll und preiswerth geliefert. � J Ktiu Llldeu! Schirme u. Spazicrstöcke änstcrst billig. Reparaturwerkstatt im Hause. ' I. Richter, Stettinerstr. 19, prt. (Slradiuarius) mit v/Vlljvll Kasten und Bogen, Stimmpfeile zc. 12 Hark. 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