BERLIN Sonnabend, 7. April Der Abend Erscheint täglich außer Sonntags. " Sugleich Abendausgabe des Vorwärts". Bezugspreis für beide Ausgaben 70 Pf. pro Woche, 3 M. pro Monat. Redaktion und Expedition: Berlin SW68, Lindenstr. 3 Spätausgabe des„ Vorwärts 10 Pf. Nr. 167 B 83 45. Jahrgang. Anzeigenpreis: Die einfpaltige Nonpareillezeile 80 Pf., Reklamezeile 5 M. Ermäßigungen nach Tarif. Postfcheckkonto: Vorwärts- Verlag G. m. b. H., Berlin Nr. 37536. Fernsprecher: Dönhoff 292 bis 297 Berlin und seine Direktoren. Will die Stadtverwaltung sich diese Herausforderung gefallen laffen? Die Beschlüsse der Stadtverordneten und des Magistrats in der Forderung der Gemeindearbeiter sind bekannt. Der Magistrat hat seinen Beschluß, die Löhne der Arbeiter der fogenannten Kämmereibetriebe um 10 Pf. in zwei Etappen zu erhöhen, sowie andere Neueingruppierungen vorzunehmen, die Erflärung hinzugefügt, daß er den übrigen städtischen Betrieben empfehlen werde ,, diese Beschlüsse sinn= gemäß anzuwenden. Die Direktionen der Gas, Wasser und Elettrizitätswerke sind dem Beschluß des Magistrats nachgekommen. Anders bei den Verkehrsbetrieben. Man ist versucht hinzuzufügen: natürlich! Hier fühlen sich die Direktoren unter Führung des bekannten Herrn Bante pon der Straßenbahn offenbar hoch erhaben über die Beschlüsse der Vertretung der Stadt Berlin. Die Herren Direktoren der Verkehrsbetriebe sind Angestellte der Stadt Berlin und die Verkehrsbetriebe gehören nicht diesen Direktoren, sondern der Stadt Berlin. Aber die Herren sind in ihrem Nebenberuf politische Reaktionäre und haben es offenbar darauf angelegt, es zu Konflikten zu treiben zwischen der roten Stadtverordnetenmehrheit und dem Bersonal der Verkehrsbetriebe. Sie unterlassen nichts und tun alles, um Konflikte zu provozieren. Die Hauptsache für sie ist, daß im Personal eine Berbitterung gegen die Stadt und ihre Vertreter unterhalten und immer wieder geschürt wird. Die letzten Betriebsratswahlen der Straßenbahn haben ja den Be-, meis erbracht, daß diese Politik der Bante und Genossen nicht erfolglos ist. Man wird sich also im Magistrat und in der Stadtverordnetenversammlung ernsthaft mit der Frage befassen müssen, ob man sich diese Politik noch weiter gefallen lassen fann. Heute steht die Frage so, ob in den grundlegenden Fragen der Lohnpolitik die Stadt Berlin oder die Direttoren der Verkehrsbetriebe das letzte Wort haben. Es steht aber auch die Frage zur Entscheidung, ob diese be= mußte Sabotage der Politik der Stadt Berlin, diese Politit von Propofateuren auf die Dauer noch weiter ertragen werden kann. Die Verärgerung der Krawallmacher. Eine Funktionärversammlung der Berliner Gemeindearbeiter nahm in den Sophiensälen zu dem Ergebnis der Lohnbewegung Stellung. Der Referent Polenste schilderte den Ablauf der Lohnverhandlungen mit dem Magistrat, über deren Ergebnis wir bereits berichteten. In Anbetracht dessen, daß die grundlegen den Forderungen der Gemeindearbeiter vom Magiftrat erfüllt wurden, hatten Organisation und Tariftommiffion sich mit einer Lohnerhöhung von 10 Pf. pro Stunde( statt der geforderten 15 Pf.) einverstanden erklärt. Der Redner betonte, daß, da auch bei längeren Berhandlungen mit einer weiteren Erhöhung des Stundenlohns nicht zu rechnen gewesen wäre, die Annahme des Angebotes möglichst rasch erfolgt sei, nicht nur, um die Arbeiter in den Genuß der höheren Lohnfäße zu bringen, sondern auch, weil ein Hinzögern die Lage nur zuungunsten der Gemeindearbeiter hätte verschieden können. Vor allem galt es, auch bei den Gas- und Wasserwerken die gleichen Aufbesserungen durchzuführen. Hier bestand bei den Direktoren besonders die Neigung, einen anderen Ablauftermin des Tarifs als bei den übrigen Gemeindearbeitern zu schaffen, um die beiden Gruppen bei späteren Lohnfämpfen zu trennen. Diese Möglichkeit ist durch den Abschluß der Verhandlungen ver= mieden worden. Die Organisation beantragte nun zur Unterzeichnung des neuen Lohnabkommens nachträglich die Billigung der Funktionäre, die ihr auch gegen eine verschwindende Minderheit von Kommunisten zuteil wurde. Die Kommunisten zeigten sich über den Ablauf der ganzen Verhandlungen sehr verärgert, zumal das unbestreitbare recht günstige Ergebnis ihnen keine Möglichkeit zum Protest bot. Bor der Abstimmung gab es noch einige Krawallzenen, die die Rommunisten veranstalteten. Sie versuchten mit einem riesigen Stimmenaufwand, den Bersammlungsbeschluß auf Schluß der De batte umzustoßen. Der Bersammlungsleiter nahm schließlich eine zmeite Abstimmung vor, die das Ergebnis der ersten noch dazu mit allen Stimmen( etwa 600) gegen 15 bestätigte. Die Versammlung nahm darauf in etwa dem gleichen Stimmverhältnis eine Resolution an, die es bedauert, daß das Angebot des Magistrats die Lohnforderungen nicht voll erfüllt, sich aber unter Berücksichtigung aller Umstände mit den Maßnahmen der Organi fation und der Tariftommiffion einverstanden erklärk Verhütung eines Justizmordes. Bericht auf der zweiten Seite. Neue Funkhalle in Berlin. Auf dem großen Messegelände im Berliner Westen ist eine neue große Funkhalle im Bau. Wetterumschlag? Schönes Osterwetter wird in Aussicht gestellt. Ziemlich unerwartet hat sich in der Nacht von gestern zu heute eine Alenderung des bisherigen trüben und regnerischen Witterungscharakters vollzogen. Nach den Mitteilungen des Wetterdienstes wird am Ostersonntag flares und jonniges Wetter mit ziemlich hohen Tagestemperaturen erwartet. Dagegen soll es in den Abendstunden wieder recht fühl sein. Für den Ostermontag lautet die Prognose Vorortverkehr dagegen war infolge des Regens sehr schwach. Für heute nachmittag wird, wie uns von der Reichsbahndirektion mitgeteilt wird, ein starker Ansturm erwartet. Es sind alle Vorbereitungen getroffen worden, um eine reibungslose Abwicklung des Verkehrs zu gewährleisten. Zahlreiche Züge werden bereitgehalten, die auf den Bahnhöfen unter Dampf stehen und im Bedarfsfalle sofort als Vor- oder Nachzüge zu den Hauptzügen eingesetzt werden können. weniger günftig: zunehmende Bevölkerung gegen mit Ein offpreußisches Dorf niedergebrannt! tag und vermutlich kleinere Regenschauer in den ersten Abendstunden! Heute früh herrschte in den Straßen Berlins dichter Nebel. Gegen 9 Uhr durchbrach aber die Sonne den dichten Nebelschleier und strahlte wärmespendend zur Erde nieder. Um 12 Uhr mittags wurden etwa 15 Grad Wärme gemessen. Die Ursache des plötzlichen Wetterumsturzes ist ein hoch drudgebiet, das sich ziemlich schnell über Mitteleuropa entwidelt hat und sich langsam nach Osten verlagert. Da wir im Bereich südöstlicher Winde stehen, wird die Sonnenstrahlung sehr zur Geltung kommen, so deß es tagsüber sehr warm sein wird. In den Becher der Freude über das schöne Wetter fällt aber, be reits wieder ein Wermutstropfen, denn im Westen Europas entreits wieder ein Wermutstropfen, denn im Westen Europas entwickelt sich eine neue Störung, die einen Uebergang zu schlechtem Better bebingt. Vor Montag soll Berlin, wie gesagt, nicht in den Bereich der Schlechtwetterzone gelangen. Der Reiseverkehr erfuhr am Donnerstag nachmittag wieder Erwarten noch eine starte Belebung. 56 Vor- und Nachzüge und vier Sonderzüge verließen die Hauptstadt. Die Hauptzüge waren mit 80 bis 90 Proz., die Vor- und Nachzüge mit 80 Proz. besetzt. Besonders lebhaft war der Verkehr zwischen 13 und 15 Uhr. Am Karfreitag mußten 25 Vor- und Nachzüge in Betrieb gestellt werden, die sämtlich eine Besetzung von 100 Proz. aufwiesen. Der Stadt, Ring- und Durch Funfenauswurf und Sturm. Ein gewaltiges Feuer vernichtete am Gründonnerstag etwa vier Fünftel des Dorfes Großherzogswalde bei DeutschEylau. Es brach gegen 11 Uhr vormittags im Schweineftall des dem Grafen Schönberg gehörenden Gutes infolge Funkenauswurf des kartoffeldämpfers aus. Begünstigt von dem heftigen Südweststurm gewann es rasch an Ausdehnung. 3n taum vierzig minuten, stand fast das ganze Dorf in Flammen. Bei dem unvermindert anhaltenden Sturm und dem heftigen Funkenflug waren die Wehren machtlos. Gegen abend ließ der Sturm nach, so daß man endlich des Feuers Herr werden fonnte. Niedergebrannt sind 18 Gebäude, darunter acht Familienwohnhäuser, ferner Stallungen, Speicher, Werkstätten usw. Auf dem Gute des Grafen Schönberg wurde allein für 60 000 m. Saatgut vernichtet. Schwere Autobuskatastrophe bei Brünn 18 Personen schwer verletzt! Brünn, 7. April. Ein mit 18 Personen besetzter Autobus überschlug sich infolge Steuerbruchs, wobei die Karosserie vollständig zertrümmert und fämtliche Infaffen so schwer verletzt wurden, daß ihre sofortige Ueberführung in das Landeskrankenhaus angeordnet werden mußte. Kein Start der Ozeanflieger! Llngünstiges Wetter über dem Atlantik. Für die deutschen Ozeanslieger, die in Valdonel(Irland) zum Ozeanflug bereitstehen, ist nach den letzten Meldungen noch immer keine Slarlmöglichkeit vorhanden. Nachdem in den letzten Tagen obgemartei werden mußte, bis die durch die andauernden Reysnfälle völlig durchweichte Startbahn wieder gebrauchsfähig war, hat sich nunmehr das wetler über dem Zlllantik von neuem fo verfchlechlert, daß Im Augenblick ein Stark völlig unmöglich ist. Fast auf den, ganzen nördlichen Atlantik, von der Südspitze Grönlands bis zu den Azoren herrscht eine ausgesprochene W e st st r ö m u n g, die den Fliegern Gegenwinde bis zu einer Stärke von 40 bis 60 Stundenkilometer bringen würde. Regenfälle und tiefhängende Wolken vervollständigen das Bild dieser ungünstigen Wetterlage, di« sich in den nächsten 48 Stunden nicht wesentlich ändern dürft«. Allerdings macht sich bei Island, wo die ganze letzte Zeit hindurch«in hart- »äckiges Tiefdruckgebiet lagert«,«in leichtes Steigen des Luftdrucks oemerkbor. In Berlin hält man die aus Irland kommende Meldung, daß an Stelle des Monteurs S p i n d l e r der Befechlshaber der irischen Luftstreitkräfte die deutschen Flieger begleiten will, für wenig glaubhaft. Liebesiragödie in Moabit. Die Braut und sich erschossen. Eine blutige Tragödie spielte sich in der vergangenen Nacht im Hause A l t- M o a b i t 8 9 ab. Kurz vor 1 Uhr ertönten in der Wohnung de» ZVjährigen Mühlenassistenten Kurt Sl b r a h a m mehrere Schüsse, denen unmittelbar daraus laute Hilferufe folgten. Die Polizei wurde benachrichtigt, die sich Einlaß in die Wohnung verschaffte. Den Eintretenden bot sich ein erschütternder Anblick. In einer großen Blutlache log Abraham mit durch- schössen«? Schläfe tot auf dem Fußboden seines Schlafzimmers, dicht neben ihm feine I8jährige Geliebte, Charlotte P., aus der Wils- nacker Straße 46 mit einem schweren Ba üch s ch u ß. Das Mädchen wurde in bewußtlosem Zustande in das Moabiter Kranken- haus gebracht, wo es heute vormittag an den Folgen der schweren Schußoerletzung starb. Die Angehörigen stehen vor einein Rätsel. Das Motiv zur Tat ist völlig unbekannt. * Heute mittag stürzte sich der 68jährige Kaufmann Otto L i n t au» der Wiesbadener Straße lll zu Friedenau vom Balkon der Wohnung seines Bruders, am Luisenplatz 5 in Charlottenburg auf die Straße hinab: er war sofort tot. Die Gründe, die ihn zu dem Berzwciflungsschritt getrieben haben, sind unbekannt. J�oman einer Achizehnjährigen. Frieda wohnt in der Badstrahe bei ihren Eltern, die sich dort als ehrbare Pförtnersleut« schlecht und recht durchs Leben schlagen. Das Einkommen der Familie reicht gerade zur Bestreitung der lebensnotwendigen Ausgaben. Eines Tages entdeckt die Mutter bei ihrer Tochter allerhand kostbare Dinge, deren Herkunft ihr mehr als zweifelhaft erschien. Frieda wurde zur Rede gestellt. Das paßte ihr mit ihren 18 Jahren natürlich nicht, ein« solche BeHand- lung ließ sie sich nicht gefallen. Sie verlieh das Elternhaus, um sich auf ihre Art durchs Leben zu schlagen. Sie hatte nämlich einen Bräutigam, und dieser betrieb das wenig ehrenwerte Handwerk eines Einbrechers. Frieda fühlte sich berufen, bei diesem Geschäft mitzu- arbeiten. Und dann lockte sie auch das Leben und das nächtliche Treiben in gewissen Lokalen. Der Vater machte sich nun mit seinen beiden Söhnen aus, die ungeratene Tochter wiederzufinden. Es gelang ihnen, sie in einem Lokal in der Münzstraße aufzustöbern. Sie nahmen sie, ohne viel Federlesens zu machen, in ihre Mitte, um sie nach der Badstrahe zurückzubringen. Da» erregte natürlich den Unwillen der Freunde, die sich Frieda inzwischen er- worden hatte. Es gab auf der Straße Auflehen. Man hänselte Frieda und ihre Familie, und das ging so weit, daß Polizei ein- greifen mußte. Die Eltern versuchten, dos Mädchen wieder auf den rechten Weg zu bringen. Fast schien es, als ob ihr Vorhaben Erfolg hoben sollte. Aber eines morgens war Frieda wieder aus der vor- schlossenen Wohnung verschwunden. Nur das geöffnete Fenster zeigte, wie sie aus der Wohnung herausgekommen sein mochte. Die Wohnung liegt im dritten Stock. Man vermutet, daß ihre Freunde vom Dach her«ine Strickleiter heruntergelassen haben und ihr so auf die abenteuerlichste Art die Flucht zu den von ihr so geliebten Verbrecherkreisen ermöglicht haben. Frieda ist nun wieder ver- schwunden, und ob es jemals glücken wird, sie dem Verhängnis zu entreißen, dem sie nach der von ihr gewollten Entführung entgegen- geht, ist mehr als fraglich. Hier dürfte für einen Psychologen eine interessante Ausgabe vorliogen, wenn er sich die Mühe machte, fest- zustellen, durch welche Einflüsse dos Mädchen zu seinen Entschlüssen gekommen ist. Sport-Kunstausstellung. Wie alljährlich wurde im Lichthof des Giraffenhauscs im Zoo eine Kunstausstellung veranstaltet, die aber nicht wie bisher Tierbilder und-Plastiken zeigt, sondern die dem Sport gewidmet ist. Der Ausstellungsraum ist beschränkt: nur etwa 3(>l> Werte von etwa 150 Künstlern konnten Platz finden. Im allgemeinen kann das Publikum mit dem Gezeigten recht zufrieden sein. Der Typ der üblichen Sportpreise ist nur in wenigen Exemplaren vertreten, die ein immerhin annehmbares Niveau zeigen. Fast alle Künstler schufen ihre Werke aus der Freude am Spiel des Körpers, das je nach der Sportart ihm in fließend har- manischen Linien oder in straff gespannten Formen zeigt. So findet sich beinahe ausnahmslos der nackte Mensch dargestellt, als Akrobat, Tänzer, Athlet, Läufer und bei vielen anderen sportlichen Betätigungen. Einige Darstellungen in modernem Sportkleid wirken daneben ein wenig befremdlich. Gelegentlich ist mit Glück eine Sporart auch nur sviKidflisiert, so in Georg Rocks„F l u g g ö t t i n A r i a t i k�. Die Ausstellung wurde von Oberbürgermeister B ö ß mit einer Ansprache eröffnet. Feuer am Ivedding. In der Holzbearbeitungsfabrit byn Reuter u. Hortmann in der Wiefenstraße 7 aus dem Wedding brach heute früh kurz nach 3 Uhr Feuer aus, dos große .idolzvorröte und mehrere Schuppen einäsclzerte. Die Feuerwehr, die mit fünf Löfchzüg«» zur Stelle war, mußte 9 Schlauch- l e i t u n g e n in Tätigkeit setzen, um des Feuers Herr zu werden. Auf dem Müggelsee gekentert. Gestern abend gegen 149 Uhr entdeckt« der Possagierdampser„Poseidon* auf dem Müggelsee«in gekentert«? Motarboot, dessen beide Insassen mit den Wellen kämpften. Dem Reedereibesttzer Kieck aus der Falckensteinstraßc gelang es, di« beiden zu retten, Dem Leben wiedergegeben! Das preußische Lustizministen'um befreit einen unschuldig Verurteilten. Fast neun Jahre sind seit einer bis heute noch nicht auf- geklärten Mordtat vergangen, die sich in Ostpreußen zugetragen hat. Der Gutsbesitztzer I a q u e t war im November 1919 durch Schüsse schwer verwundet worden und starb an den erlittenen Verletzungen. Das Jnstcrburger Schwurgericht hielt den bei Jaquet wohnenden Hilfsgendarmen Dujardin für schuldig und verurteilte ihn zu lebenslänglichem Zuchthaus. Heute, nach fast neun Iahren, hat das preußische Justiz- Ministerium erkannt, daß das llrieil auf Grund vollkommen unzureichender Derdachls. und Beweismomenle erfolgi ist. Die Ermittlungen wurden dadurch erschwert, daß Dujardin, der seine Schuld auf das entschiedenste bestritt, es auch hartnäckig ablehnte, ein Gnadengesuch einzureichen, dessen Erledigung von der Anerkennung des Urteils abhängig gewesen wäre. Trotzdem hat das Justizministerium die Sache nachgeprüft und ist zu dem in der Geschichte des preußischen Strafvollzugs einzig dastehenden Entschluß gelangt, den lebenslänglich Verurteilten auf ein Jahr ans der Strafhaft zu beurlauben, damit er sein Wiederaufnahmeverfahren ungehindert betreiben kann. Wie dazu amtlich mitgeteilt wird, hat sich Dujardin während der neun Jahre, die er bis jetzt im Zuchthaus verbrachte, mit Hilfe seines Verteidigers, des Rechtsanwqlts Schönberg in Tilsit, ständig bemüht, ein Wiederaufnahmeverfahren durchzusetzen. Zwei dahin- gehende Anträge waren vom Landgericht abgelehnt worden, weil dieses die von der' Strafprozeßordnung hierzu geforderte „Beibringung neuer Tatsachen* nicht als gegeben ansah. Der Verteidiger wandte sich an das preußische I n n e n m i n i st e- rium, das die Akten einforderte und sie durch den kriminalistischen Sachbearbeiter des Ministeriums, Regierungs. und Kriminolrat Dr. Kopp bearbeiten ließ. Kopp legte in einem Gutachten dar. daß im Ermiitlungsoerfahren. das ohne Hinzuziehung eines Kriminalbeamten durch das zuständige ländliche Amtsgericht vorgenommen worden war. grobe Unterlassungen und Fehler begangen worden seien und daß unzweifelhaft ein Fehlurteil vorliege. Auf Grund dieses Gutachtens hat das Justizministerium unter erstmaliger Abweichung von der bisherigen Praxis die Strafaussetzung verfügt. Der Verdacht gegen Dujardin war solgendermaßcn entstanden: Die Ehefrau des ermordeten Gutsbesitzers Jaquet sah angeblich, als sie von den Schüssen gewecki wurde, durch das Fenster eine oermummte Gestalt entweichen: sie rannte in das Zimmer Dujardins und will diesen in seinem Bett liegend vorgefunden haben. Dujardin hätte also ebenso schnell, wie die Frau Jaquet durch die Wohnung eilen konnte, den Weg durch das Fenster ins Freie und von da wieder in fein Zimmer machen und sich dann niederlegen müssen. Das ist von vornherein unwahrscheinlich. Die Anklage nahm jedoch an, daß Dujardin mit Frau Jaquet zusammen den Mord oerübt hätte. Das hätte einen Sinn in den Widerspruch gebracht. Das Schwurgericht hingegen kam zu dem Schluß, daß ein gemein- famerMord nicht vorliege, da zwisckiei, dem Beschuldigten und der Frau Jaquet weder nähere Beziehungen bestanden haben noch sonst irgendein Grund gegeben war. �Obwohl also die Voraus- jetzung für eine Schuld des mutmaßlichen Täters hinfällig geworden war, verurteilte man Dujardin zu lebenslänglichem Zuchthaus. Uebrigens herrscht im Heimatsort Dujardins und bei seinen Strafanstaltswärtern die Ausfassung, daß er unschuldig ist. In seiner Strafhast hat er sich m u st e r h a f t g e f ü h r t. Es ist daher zu begrüßen, daß durch die Initiative des preußischen Iustizminyte- riutns die Korrektur des Urteils ermöglicht werden kann. Wenn das Wiederaufnahmeverfahren nicht durchgeführt werden sollte, waren in diesem Falle alle Voraussetzungen für ein« Begnadigung gegeben: die lebenslängliche Zuchthausstrafe kommt hier einem Justizmord gleich, der unter allen Umständen zu verhindern ist. Sozialdemokratische Kandidaturen. Der Sozialdemokratische Bezirksparteiiag für Magdeburg- Anhalt stellte am Karfreitag die endgültige Kandidatenliste für die Wahlen auf. Die Liste für di« Reichstagswahl führt Oberbürgcr- meister B« i m s- Magdeburg. Ihm folgen die bisherigen Ab- geordneten: Bender, Bader, Frau Arning, Ferl, Peus-Desiau und der als Agrarsachverftändiger bekannte Dr. Baade-Berlin. Ein Vorspiel zum Donez-prozeß. Todesstrafen wegen„konterrevotuiionärer" Brandstiftung. Vor einigen Tagen ging vor dem Militärkolleglum des Obersken Gerichtshofes Sowjetrußlands ein Prozeß zu Ende, der gleichsam ein Vorspiel für die kommende Gerichtsverhandlung gegen die Ingenieure und Techniker des„Donbaß* ist. vier Personen— zwei Arbeiter und zwei vureauange- stellte— wurden wegen konterrevolutionärer vrandstislung zum Tode verurteilt. Die Hinrichtung ist bereits vollzogen. Vorsitzender des Gerichtshofes war derselbe Ulrich, der zum Mitglied des Gerichtshofes über die Ingenieure und Techniker des „Donbaß* bestimmt ist. In der Urteilsbegründung gegen die vier konterrevolutionären Brandstifter hieß es. daß die Strafe besonders scharf ausfallen mußte, weil In der letzten Zeit ähnliche Brand- stifkungen an Fabriken und Werken sich gehäuft haben. In einem Interview, das Ulrich in Verbindung mit den Eoeignissen im„Don- bah* gegeben hat, beruft er sich auf das Urteil im Brandstifter- prozeß rnrd nennt die gleichen Motivs für di« Anwendung der höchsten Strafe, der Erschießung. Ulrich ist als Spezialist für Todesurteile bekannt. Die 3n- -genieure des„Donbaß* werden ober auf Grund desselben Z 38,2 des Strafgesetzbuches der Sowjetunion dem Gericht übergeben, wie die „konterrevolutionären vrandstifter*. Sa verdient der Sachverhalt, der jenem Prozeß zugrunde lag, eine nähere Betrachtung. Am 2. Juli 1926 brannten in der Nähe Schlüffelburgs ein« Säzemühle und eine Papierfabrik vollkommen nieder. Der Schaden betrug drei Millionen Mark. Di« Untersuchung ergab, daß die Sicherheitsmaßnahmen gegen Feuersgefahr völlig unzureichend waren. Die nächtliche Kontrolle wurde kaum durchgeführt, die Feuersignale befanden sich nicht unter Glas, die Wasserschläuche waren defekt. Es bestand kein Zweifel daran, daß ein« Brand- stiftung vorlag. Als mutmaßlicher Täter wurde ein entlassener Arbeiter namens M e n f ch i k o w verhaftet. Er war geständig. Menschikow, ein übelbeleumdeter Mensch, der des Ortes ver- wiesen worden war, belastete schwer einen anderen entlassenen Ar- beiter, W a r t i n a i n e n, der gleich ihm in schlechtem Rufe stand. Wartinoinen, erklärte Menschikow, habe ihn eines Tages aufge- fordert, mit ihm gemeinsam« Sache zu niachen und die Fabriten und Holzläger in Brand zu stecken. Jener habe dazu von den Fabrikangestcllten Majorow und Timofejew den Auftrag erhallen: sie würden beide königlich belohnt werden, hätten die gesagt. Menschikow sei nach kurzer Bedenkzeit mit dem Vorschlag einverstanden gewesen, und am 2. Juli hätten sie dann beide mit Petroleum, das Wartinoinen herbeigcschafst Hobe, die Tat voll- bracht. Wartinoinen leugnete. Er habe nichts mit der Sache zu schaffen, erklärte er. Auch Majorow und Timofejew bestritten: es sei ihnen nicht im Traum eingefallen, Wartinoinen und Menschikow als Brandstifter zu dingen. Sie hätten auch gar keinen Anlaß dazu, da sie ja auskömmliche Stellungen besäßen. Bei diesem Leugnen blieben sie bis zuletzt. Auch vor Gericht. Das einzige Indiz, das gegen sie vorlag, war die Bezichtigung des übelbeleum- de ten Meisschikow. Die Zlnklagebehörd« beharrte aber auf ihren Standpunkt. Ma- jorow und Timofejew behauptete sie, seien von dem Finnländer Vutcnhof zu ihrer Tot angestiftet worden. Wer war aber Buten- Hof? Wltenhof befand sich bis zum Jahr« 1924 in Stellung bei der Fabrik. Sein Vater soll nach der Anklageschrift in Finnland kaufmännisch tätig sein und mit den ehemaligen Mitinhabern der Fabrik in Verbindung stehen. Diese, hieß es ferner, hätten wieder- holt den Versuch gemacht, die Fabrik in Pacht zu erhalten. Als ihnen das nicht gelang, hätten sie beschlossen, das Unternehmen zu vernichten, um auf diese Weise die Konkurrenz des russischen Papiers für das sinnländische auszuschalten. Zur Ausführung dieses Vlones sei Buteichof beauftragt worden, seine früheren Kollegen Majorow und Timofejew zur Vernichtung der Fabrik durch Feuer 1 zu veranlassen. Die beiden Angeklagten haben zugeben müssen, daß sie mit Butenhof zusammengetroffen seien und mit ihm gekneipt hätten. „Weshalb sollten wir das auch nicht getan haben?* meinten sie. „Es war ja unserer früherer Arbeitskollege. Wir haben uns nichts Schlimmes dabei gedacht.* Martinaincn mußt« zugeben, daß er ab und zu. über die Grenze nach Finnland gegangen sei. Wann man bedenkt, daß die Fabrik sich dicht an der Grenze befindet, so durfte das nicht weiter Wunder nehmen: Grenzüberschreitungen von Grenzbewohnern sind ja eine allgemein übliche Erscheinung. „Ja," sagt di« Anklagebehörde,„Sie haben aber mit der sinni- schen Faschistenorganisation'„Suelus-Kunt* in Verbindung gestanden, deren Aufgabe es ist, in Friedenszeit die Arbeiterbewegung niederzuhalten und während des Krieges die regulären Truppen zu unterstützen.* Diese Organisation bediene sich auch der Lock- spitzet und der Spione, sagt die Anklageschrift, sowohl innerhalb als auch außerhalb Finnlands. Menschikow und Wartinoinen hätten im Auftrage des„Suelus-Kunt* gehandelt. Wartinainen erklärte, daß er nicht wisse, was eine Faschistenorganisation sei, und daß er mit der„Suelus-Ä'rmt* nichts zu schassen gehabt hätte. Er gehöre keiner Partei an. Er gab allerdings zu, einig« Male aus illegalem Wege in Finnland gewesen zu sein. Der Vertreter der Anklage erklärt«, es sei erwiesen, daß die Brandstiftung im Interesse der ausländischen Kapitalisten begangen worden sei, die bestrebt seien, die wirlschaftliche Macht Sowjet- rußlands zu untergraben. Allerdings mußte er auch zugeben, daß die unglaubliche vachläjjigkeil in der Wahrung der Sicherheits- maßregeln gegen Feuersgefahr den Feinden Sowjelrußlands„kon- kerrevolutionäre* Brandstiftungen erleichtere. Eine harte Strafe würde eine drohende Warnung für all« Feinde der Sowjetrcgicrung sein, die sich gegen ihre wirtschaftliche Macht verschwören. Ungefähr so lautet auch die Begründung des Urteils auf Todesstrafe. Ml der gleichen Begründung könnten auch die deutschen und russischen Ingenieure des.Donboß* zum Tode verurteilt werden. In Wirklichkeit wird aber die von dem entlassenen Arbeiter Menschikow verursachte Brandstiftung der Sägemühle und der Papierfabrik ebensowenig mit Konterrevolution zu tun gehabt haben, wie eine ähnlich liegende Brandstiftung d«r Genossenschast- tichen Metallwerke in der Stadt Bogorod im moskauischen Gou- vernement, begangen von dem ausgeschlossenen Genossenschaftler Akimow. Um sich für seinen Ausschluß zu rücken, steckte er die Fabrik in Brand. Vorher tötete er den Wächter. Auch das mos- kauische Gouverneinentsgericht verurteilte diesen Brandstifter zum Tode._ R u s s u s. Kampf mii einem Irrsinnigen. Auf der Strecke Trebbin— Berlin wurde der Wärter David von der Londespflezeanstalt van dem Geisteskranken Reims, der wegen epileptischer Anfälle in di« Pflezeanstalt übergeben werden sollte, aus dem fahrenden Zuge geworfen. Der Kranke war aus der Anstalt in Potsdam entwichen und wieder festgenommen worden. Er bat den Wärter, den Wasch- räum besuchen zu dürfen, was ihm auch gewährt wurde. Passanten bemerkten, daß er aus dem Fenster des Waschraums herauetlettsrte und machten den Wächter darauf aufmerksam. Es gelang die verriegelte Tür des Waschraums gewaltsam zu öffnen,. es entspann stch zwischen dem Irrsinnigen und dem Wärter e i n Kamps, den Reims dadurch beendete, daß er den Wärter um den Leib faßte, und ihn durch das Fenster aus dem fahrenden Zuge hinaus auf die Gleise warf. Zugbeamte zogen die Notbremse, aber noch eh« der Zug hielt, war Reims abgesprungen und geflohen. Er konnte bis jetzt nicht ergriffen werden. Der Wärter David hat einen Schädelbruch und anscheinend auch innere Verletzungen erlitten, und wurde tn einem Berliner Krankenhaus untergebracht, ,, Reformismus. 66 In der Roten Fahne" ist zu lesen: Rechtsanwalt Genosse Obuch sandte im Auftrage des Genossen Dengel an den Vorwärts" folgende Berichtigung; ,, Es ist nicht wahr, daß ich den sozialdemokratischen Abgeordneten Moses mit Schlägen bedroht und ihn, als er dem verletzten kommunistischen Abgeordneten Bertz zum Krankenzimmer folgte, um ihn zu yerbinden, gehindert habe, seiner ärztlichen Pflicht nachzugehen; wahr ist vielmehr, daß der von mir begleitete, blutende Parteigenosse Bertz in seiner Empörung sich selbst energisch verbeten hat, daß der sozialdemokratische Abgeordnete Moses ihm weiter folge, und ich meinerseits nur durch eine Wiederholung dieses Verlangens, die keine Drohung enthielt, den Abgeordneten Moses veranlaßt habe, sein Vorhaben aufzugeben." Es ist stets eth'sche Forderung: Daß Wahrheit nicht verflüchtigt, Drum sei hier nicht zur Züchtigung, O, nein! nur zur Beschwichtigung, Die eingesandte Berichtigung Ganz klipp und klar berichtigt. Ich sah ein blutendes Gesicht, Und mollt vor allen Dingen Als Arzt, wie es so oft gescheh'n Und wie man's links und rechts geseh'n, Nur Dengel kann das nicht versteh'n Die erste Hilfe bringen. So folgte ich dem rounden Mann! Herrn Dengel, den geniert das, Er sah mich wild und drohend an Und zähneknirschend schrie er dann: ,, Sie dürfen an den Mann nicht ran, Sonst Dunnerkiel passiert mas!" Ich machte schleunigst Linksumkehrt, Da abhold jedem Streite, Ich war durchaus nicht drob empört, Darauf hat man, wie ich gehört, Den Beistand eines Arzt's begehrt, Doch: von der rechten" Seite. Der hat die blutende Wunde verklebt Mit deutschnationalem Pflaster! O, mie das die Dengel und Bertz erhebt, Die meine Entlaroung im Reichstag erstrebt! Auch einer, der von Reformschwindel lebt: Sozialdemokratisches Laster!! Daß diesem Reformisten- Kohl Auch der Humor nicht fehle, Erscheint mir dieser Vorgang mohl Nicht unbedeutsam und nicht hohl, Er ist der Einheitsfront Symbol: Ein Bertz" und eine Seele! Was sonst„ Genosse Dengel" spricht, Ist roirklich nichts Grandioses. Die Wahrheit sagt ich klar und schlicht Voll Heiterkeit hier im Gedicht, Auf Rückantwoort leist' ich Verzicht! Ergebenst Doktor Moses. Keine Dürer Feier fürs Volt. Die staatliche Sammlung bleibt geschlossen. Im Plenarjaal des Reichstags war am Karfreitag eine Dürer Feier von der Gesellschaft für deutsches Schrifttum veranstaltet worden. Man pries Dürer in Wort und Musit als den großen. Künstler, der zeitlos ist, heute noch Teil des Volkes wie einst. Der Maler und Dichter Wilhelm Schäfer schilderte Dürers Leben und Schaffen. Aus Schäfers Sammelwert„ Die dreizehn Bücher der deutschen Seele" sprach Dr. Gustav Manz schlicht und eindringlich den Abschnitt, der Albrecht Dürer gewidmet ist. Auch im Leffing- Museum hatte sich ein Kreis zusammengefunden, um den Dürer- Tag festlich zu begehen. Dieser• schon wegen des beschränkten Raumes sehr kleinen Gemeinde wurde auch eine Reihe von Dürers Werken im Lichtbild vorgeführt. So fonnte wenigstens eine feine Schar die Kunst des großen Meisters an jeinem 400. Todestage bewundern wenn auch nur in bescheidenen Reproduktionen. Dürers Originalwerte waren an dem Tag, der weit über die Grenzen Deutschlands hinaus den großen deutschen Künstler feierte, in Berlin leider dem Publikum nicht zugängig. Die bureaufratische Bestimmung, daß am Karfreitag alle Museen ge für das staatliche Raiser. schlossen bleiben, wurde für Friedrich Museum auch diesmal nicht umgestoßen. Da Dürer an einem Tag starb, der nach 400 Jahren auf einen Karfreitag fällt, so hat er es sich eben selber zuzuschreiben, wenn seine Bilder im Berliner staatlichen Museum an diesem Tag der Dürer- Feier hinter Schloß und Riegel bleiben müssen. Dürer fürs Volt? Es genügt, wenn eine Handvoll Menschen schwungvolle Reden über Dürer hören. Thielschers Danf. Guido Thielscher sendet uns mit der Bitte um Veröffentlichung folgende Zeilen: Ich möchte für mein Leben gern allen( und ihre 3ahl ist riesengroß), die mich anläßlich meines 50jährigen Berliner Bühnen jubiläums durch Geschenke, Telegramme, Briefe, Karten usw. in jo reichem Maße erfreut haben, schriftlich oder mündlich meinen tiefgefühlten Dank übermitteln. Das ist natürlich im Handumdrehen nicht möglich. Denn ich schreib bereits seit Wochen, Bund sind schon die Fingerknochen. Und ich bin schon ganz verwirrt, Weil's partout nicht men'ger wird. Nur Geduld noch eine Weile, Jeder friegt von mir' ne Zeile. Allen send' ich Danfestarten, Aber warten, bitte warten! Guido Thielscher. Musik der Osterwoche. Konzertumschau/ Von Klaus Pringsheim. Was ist es, das in unserer Zeit die meisten Konzerte zur Sache| Albert Harzer. Ein großer, schöner Abend. Auch Kleiber( der faft nur eines Spezialistenpublikums, einer Fachhörerschaft macht? erst beim sechsten Symphoniekonzert der Staats. Es fehlt dem Konzert an Beziehung zur Stunde, dem Konzertleben fapelle hält) bringt am Karfreitag eine Folge toternster Musik: zur umgebenden Wirklichkeit, zum wirklichen Leben. Diesen Zu- Schuberts selten gespielte, freilich immer wieder enttäuschende„ Tras stand der Beziehungslosigkeit auf alarmierende Art durchbrochen gische Symphonie", Mozarts ,, Maurerische Trauermusik"; vorher ein zu haben, bleibt das beispielhafte Berdienst jener Silvesteraufführung concerto grosso von Händel; und Friedrich Schorr singt Beethovens der Neunten, durch die die Berliner Volksbühne die erste Stunde sechs geistliche Lieder; darunter das bekannte von den Himmeln. die des Jahres zur Stunde der Erhebung, des Aufschwungs, der Freude des Ewigen Ehre rühmen. Und die Singatademie unter erhöht hat. Beziehungen zum Leben, zur Wirklichkeit: sie ergeben ihrem Dirigenten Georg Schumann bringt an zwei aufeinsich automatisch sozusagen, in der Osterzeit. Aber für wie viele, in anderfolgenden Abenden Bachs Johannes- und Matthäus- Passion. der Tat, ist es lebendige Wirklichkeit, an die durch diese Passions- Man kennt die reife, ausgeglichene Chorleistung und auch den etwas aufführungen, diese Parsifal- Vorstellungen der Karwoche, um nur nüchtern- protestantischen Charakter dieser Aufführungen, der sich im davon zu reden, angeknüpft wird? Bestünde etwa nicht, unter dem Rahmen der Garnisontirche stilgemäß fortsetzt. Ein dankensDrud kirchlicher Ueberlieferung, für alle Karfreitagsveranstaltungen wertes Unternehmen: die Philharmoniker haben für ihr, der behördliche Zwang, den Tag von der ernsten Seite zu nehmen, Dienstag- Konzert Dr. Kurt Singer mit dem Aerzte- Chor die eben sein kirchlicher Charakter ihm leiht: was bliebe heute viel- als Gäste gewonnen; so erlebt man eine schöne Wiedergabe von leicht noch von all den Stunden frommer Andacht, mit denen Theater Liszts ,, Graner Festmesse", dem allzu selten gehörten Werk, das zu und Saalbefizer ihre Häuser füllen, nur, um sie nicht leerstehen zu den bedeutendsten, repräsentativsten seiner Gattung zählt. Endlich, lassen? Immerhin, die Tatsache ist gegeben, daß größte Werke der Karfreitag abend, im Großen Schauspielhaus: Verdis Musit, etwa wie Bach- Passionen, in lebendigem Verhältnis zum Requiem"; Veranstaltung der Berliner Funkstunde. FünfThema Ostern geschaffen sind; die stofflich- inhaltliche Beziehung, fei zehnhundert Mitwirkende, um den Bruno Kittelschen Chor es auch nur im falendermäßigen Sinn, bleibt bestehen. Wir wollen gruppiert und von Kittels Führerhand unfehlbar zusammengehalten. gewiß nicht flagen, wenn solche Beziehungen gepflegt werden, sofern Eine eindrucksvolle Aufführung; wenn auch nicht in allem vollkom es nur aus freiem Willen geschieht; und mit Befriedigung dürfen men. Aus dem Quartett der Solisten unter ihnen Jaques Urlus' wir vermerken, daß es eine Reihe guter Veranstaltungen gewesen ist, edler Tenor ragt der Bariton hervor; nach unten selbstverständauf die wir am Ende der Woche zurückblicken. lich. Muß dem verantwortlichen Leiter, Herrn Bronsgeeft, immer wieder gesagt werden, daß er den Sänger Bronsgeest überschätzt und Unrecht tut, ihn auf. Kosten der Hörer zu protegieren? Es ist kein Privatunternehmen, das er leitet; der Rundfunk ist Boltssache, ist Reichs- und Staatsangelegenheit. Das ist, über den Einzelfall hinaus, eine ernste Frage, die dies Karfreitagskonzert uns in Erinnerung ruft. Furtwängler hat sie eröffnet: mit dem letzten Phil. harmonischen Konzert der Saison; mit einem klassischen Brogramm größten Stils. Zwischen Mozarts G- Moll, Beethovens C- Moll- Symphonie, das fünfte Brandenburgische Konzert von Bach; Furtwängler am Flügel; neben ihm die ausgezeichneten Solisten des Philharmonischen Orchesters: der Geiger Henry Holst, der Flötist Der erste Negerfilm. ( Marmorhaus) Wir haben bereits eine ganze Reihe, zum Teil ausgezeichneter Filme, die das Negerleben in Afrika landauf und landab darstellen. In diesem Sinne ist also der Film ,, Samba, der Held des Urwalds" feineswegs der erste. Aber er soll der erste gestellte Film sein, in dem Neger eines Urwalddorfes als Filmdarsteller mitwirken. Er ist hergestellt von einer Expedition der Emelfa, bei der A. Brückner die Regie führte. Der Film beschränkt sich nun nicht nur darauf, Bilder, wenn auch gestellte, aus dem Leben und Treiben eines Negerstammes es wird ein Urwald im Gebiet des Senegals als Ursprungsland angegeben wiederzugeben, sondern wiederzugeben, sondern es liegt eine richtig tomponierte Handlung zugrunde. Und hier beginnen sogleich die Bedenken, die man gegen dergleichen haben muß. So unvergleichliche Kulturdokumente Filme sind, die sich darauf be-| schränken, getreu nach der Natur Sitten und Gebräuche primitiver Bölker darzustellen, so zweifelhaft ist der Wert solcher ,, Negerfilme". Denn was ist hier noch echt, und was ist europäische Zugabe? Der Kampf um Fatu, das schöne Negermädchen, zwischen zwei Nebenbuhlern, und die daraus entspringende Febde mit einem Nebenbuhlern, und die daraus entspringende Fehde mit einem Nachbarstamme, bei der dieser total ausgerottet und sein Dorf abgebrannt wird, ferner die Rache und die Bestrafung des unterlegenen Liebhabers, all dies und vieles andere ist zwar unkontrollierbar, scheint uns aber feineswegs echt aus der Negerpinche abgeleitet zu sein. Was der Film so an Aktion und Sensation gewinnt, verliert er an überzeugender Echtheit. Nanut, der Estimo" und Der Sohn der Südsee" hatten gewiß auch gestellte Szenen, aber sie gaben doch nur Wirkliches und Mögliches wieder. Daß die Neger hervor. ragende Darsteller sind, wissen wir längst. Sie geben sich mit einer Ungezwungenheit auch in diesem Film, als ob sie schon lange Film gespielt hätten. Sie haben eine natürliche Beredsamkeit der Hände und der Mienen, und vor allem, sie bieten auch in diesem Film ein außergewöhnlich schönes Menschenmaterial, prächtig gewachsene große Figuren, schlank und doch mit gut durchgebildeten Muskeln. Samba, der Held, und Fatu, die Geliebte, find die Stars, aber auch alle anderen Mitspielenden bilden mit ihnen zusammen ein erst Massiges Ensemble. Der Urwald mit seinem Tier- und Pflanzen leben gibt die großartige Kuliffe. Auch ein großes Wasser mit mächtiger Brandung ist gefchidt ausgenügt, und soviel auch immer, hergerichtet sein mag, es bleibt doch genug des Echten, an dem man feine volle Freude haben kann. Boran gingen Bilder aus Kanada und eine amerikanische Groteste mit einer photographischen Heziago auf einen Senator. D. Ein neues Wihblatt kommunistischer Färbung erscheint in Schwarz- weiß!" Erstaufführung im Deutschen Künstlertheater. Mit der Komödie Schwarz- weiß" des bekannten Pariser Schauspielers Sacha Guitry hat das Deutsche Künstlertheater einen Haupttreffer gezogen. Schon mit der ersten Szene tommt der Zuschauer in höchst aufgefragte Stimmung und sie hält bis zur letzten an. Der Kern der Handlung ist ein bißchen intim. Nach einem handfesten Ehefrach legt sich die schöne Frau Marguerite dem ersten besten Mann in die Arme, nur um dem Gatten Marcel eins auszuwischen. 3u spät merkt sie, daß sie bei einem Negertenor gewesen ist: Erfolg: ein schwarzes Kind. Da Marguerite von der Entbindung mitgenommen ist, verwehrt man ihr den Anblick des Neugeborenen mit der indiskreten Hautfarbe. Inzwischen hat der Ehemann einen patenten Ausweg aus seiner peinlichen Situation beschritten; er hat unter gütiger Mitwirkung des Findelhauses das schwarze Kind gegen ein weißes umgetauscht. Daher atmet Marguerite, die, entfräftet und Böses ahnend, im Bett liegt und immer noch nicht weiß, was sie geboren hat, erleichtert auf, als sie endlich sieht, daß ihr Kind weiß ist. Die schicksalsschwere Aussprache über den lebenden Beweis ihres Fehl tritts schiebt Marcel mitleidig von einem Tag zum anderen. Schließ lich rafft er sich entschlossen auf. Aber da hüllte ihn Marguerite in eine so leichte Wolfe von überströmendem Mutterglück und Hingabe, daß er nicht den Mut findet, ihren Traum zu zerstören. Er hat übrigens das fremde Baby in sein Herz geschlossen und findet sich mit der Erwägung ab:„ Ich kann mir nicht helfen, ich habe das Gefühl, das Kind ist doch ein ganz klein bißchen von mir." Eine beffere Beseßung, als das Stück im Deutschen Künstlertheater fand, kann man sich nicht wünschen. Roberts( Marcel) ist zum Quietschen ulkig und findet in den zarten Schlußszenen einen weichen, zu Herzen gehenden Ton. Karola Toelle( Marguerite) bewahrt ihre taufrische Anmut, selbst wenn sie eine eifersüchtige Megäre zu gestalten hat. Renate Müller ist diesmal ungehemmt und unbefangen, strahlt in Jugend und spielt sich mit einem Schlag in die erste Reihe der Berliner Schauspielerinnen." Roberts führt auch noch Regie und was für eine forsche Regie! Die Komödie fegt in einem tollen Tempo über die Bühne. Das reizende Bühnenbild von Benno v. Arent hat an dem Erfolg auch seinen Teil. Ernst Degener. Des Widerspenstigen Zähmung Erstaufführung im Theater am Kurfürstendamm. Etienne Rey und Alfred Savoir, sehr achtenswerte Exporteure der französischen Komödie, beweisen folgendes: ,, Wenn eine Frau will", dann holt sie sich den Liebhaber sogar über Das geschieht im Zwangsdusche und Standesamt ins Bett. Theater am Kurfürstendamm auf einigen Umwegen. Die Schauspieler, die an diesem Belehrungsaft beteiligt sind, tun ihr Bestes, damit die Eheschließung im dritten Akt als ein höchst moralischer und notwendiger Effekt angesehen wird. MerkAnni Mewes und Wolfgang Bilzer führen den Der Herr und die Dame locken so fröhlich erotischen Match aus. und wißig das Gelächter des Parketts hervor, daß die Komödianten die manchmal lahmlaufende Vitalität der Komödie retten. würdig, die französischen Schwänke, die heute etwas dünn, im mathematischen Unsinn nicht ganz logisch und darum auch etwas langweilig geraten, müssen in Deutschland theatralisch saniert merden. Werden wir bald in Deutschland soweit sein wie die Ungarn, die das französische Komödienrezept beinahe genial vervollkommnet haben? Eine Osterfrage, auf die Deutschlands Luftspieldichter und noch eher die Theaterdirektoren antworten mögen! Denn bei diesen sehr hartleibigen Bühnenmonarchen liegt die EntScheidung, ob das deutsche Lustspiel untergehen oder gedeihen soll. M. H. Dr. Paul J. Schmidt, unser Kunstkritiker, vollendet heute sein 50. Lebensjahr. Er ist in dem, ostpreußischen Städtchen Goldap geboren. Studierte erst Jura, dann Kunstwissenschaft. Er hat sich nicht nur als prattischer Museumsfachmann und überaus fruchtbarer tunstwissenschaftlicher Schriftsteller( Werte über Frantfut a. M., über den Dom zu Magdeburg, die Biedermeiermalerei, die Kunst der Gegenwart, die deutsche Landschaftsmalerei usw.) in Berlin. Es gab vor Jahren schon mal eins, das hieß:„ Die Pleite". Ausstellung in Hamburg. Zwischen der Deutschen Kunstgemeinwissenschaftlichen Kreisen einen Namen gemacht, sondern während feiner Magdeburger Assistentenzeit auch durch Führungen und Borträge in Arbeiterfreisen sich um die volkstümliche Pflege und Verbreitung des Kunstverständnisses Berdienste erworben. Nachdem er fünf Jahre als Direktor des Stadtmuseums in Dresden tätig gewesen war, siedelte Schmidt im Jahre 1924 nach Berlin über, wo er die Kunstkritik im Vorwärts" übernahm. Hinter der jetzigen Gründung soll die Münzenberg- Zentrale stehen. Wir werfen einen Blick in die erste Nummer und stellen die Prognoje: Ein Münzenberg? Eher eine neue Bleite! Beschränkung ausländlicher Theateraufführungen in Italien. Das faschistische Schriftsteller- und Autoren- Syndikat hat mit der Societa Italiana Del Teatro Dramatico einen Vertrag abgeschlossen, wonach die Bahl der einzuführenden ausländischen Stücke zugunsten der inländischen Produktion beschränkt und kontrolliert werden wird. Die Deutsche Kunstgemeinschaft eröffnet am 15. April ihre erste schaft und dem Verein der Freunde der Kunsthalle ist mit Genehmigung der zuständigen hamburgischen Behörden eine Vereinbarung getroffen worden, monach die Deutsche Kunstgemeinschaft in der Hamburger Kunsthalle Ausstellungsräume erhält. Außerdem wird der Verein der Freunde mit Direktor Professor Dr. Pauli an der Spitze, die Deutsche Kunstgemeinschaft in den geschäftlichen und tünstlerischen Angelegenheiten unterſtüßen. Die Holzindustrie vor dem Kampf. Die Vollmacht der Ortsverwaltung des DHV. Die Funktionäre aus den Betrieben der Berliner Holz, 12. April die Aussperrung der Gesamtarbeiterschaft nicht nur für das industrie hatten vor kurzer Zeit beschlossen, die mit den beiden ftrittige Bertragsgebiet, sondern auch für den Bezirk Leipzig angeBerliner Unternehmerverbänden abgeschlossenen Lohntarife zum kündigt haben, ist anzunehmen, daß die festgesetzten Berhandlungen 31. März zu kündigen und eine Lohnzulage von 15 Pf. pro zu einem früheren Termin stattfinden werden. Stunde auf alle bestehenden Löhne zu fordern. Die Ortsverwal tung des Holzarbeiterverbandes war weiter beauftragt worden, in den Verhandlungen mit den Unternehmern zum Ausdruck zu bringen, Theater der Woche. Vom 8. bis 16. April. Bolfsbühne. Theater am Bülowplah: 8. Peer Gynt. 9. bis 16. Die rote Robe. Theater am Schiffbauerdamm: Der Zigarettenkasten. Thalia- Theater: Das Kamel geht durch das Nadelöhr. Staatstheater. Oper am Platz der Republik: 9. Die Macht des Schicksals. 10. Der Arzt wider Willen. 11. Fidelio. 12. Sechstes Klemperer Konzert. 13. Puccini- Abend. 14. Don Giovanni. 15. Die Walküre. daß die neuen Lohntarife höchstens bis zum 30. September Verhandlungen im Fuhrwerksgewerbe. 16. Luisa Miller. abgeschlossen werden sollen. Zu direkten Verhandlungen ist es bisher nur mit den unter der Führung des Obermeisters Paeth stehenden Ber= einigten Verbänden der Berliner Holzindustrie" gekommen. Diese Unternehmer erklärten von vornherein, daß von ihnen über die aufgestellte Forderung überhaupt nicht verhandelt werden könne. Eine Begründung für ihre ablehnende Haltung gaben fie allerdings nicht. Sie ließen lediglich andeutungsweise durchblicken, daß sie eventuell zu einer ganz geringen Lohnausbesserung bereit seien, wenn man den neuen Lohntarif auf ein Jahr abschließen würde, was von der Verhandlungskommission unter Hinweis auf den Beschluß ihrer Funktionäre abgelehnt wurde. Da ein konkretes Angebot von den Unternehmern nicht er= folgte, wurden die Verhandlungen ergebnislos ab= gebrochen. Einen ganz besonderen Trumpf glaubten die Unternehmer mit der Bemerkung ausspielen zu können, daß es ihnen höchst gleichgültig sei, ob es in der Berliner Holzindustrie z u einem Konflikt fomme oder nicht. Die Vereinigung der Arbeitgeberverbände der Berliner Holzindustrie( Babeho) hielt es überhaupt für über= Flüssig, in direkte Verhandlungen einzutreten. Von dieser Unternehmergruppe ging dem Holzarbeiterverband der schriftliche Bescheid zu, daß für sie nur Verhandlungen über einen Lohnabbau in Frage kämen. Mit dieser Sachlage beschäftigten sich am Donnerstag abend die Bertrauensleute der Berliner Holzindustrie in einer überfüllten Versammlung in der ,, Königsbant". Dem Situationsbericht von Bo efe schloß sich eine ausgiebige Debatte an, in der von allen Rednern zum Ausdruck gebracht wurde, daß diese Provokationen der Unternehmer trotz der nicht allzu günstigen Geschäftslage nicht still. schweigend hingenommen werden dürfen. Darüber, ob die Organifation gegebenenfalls in einen Tarifabschluß auf längere Zeit als bis zum 30. September einwilligen solle, gingen die Meinungen stark auseinander. Es wurde daher auch zum Schluß der Versammlung folgende von der Ortsverwaltung vorgelegte Entschließung gegen eine starke Minderheit angenommen: Die Bersammlung aller Vertrauensmänner der Berliner Holzindustrie hält den Abschluß eines Lohntarifes für erforderlich. Zur Erreichung dieses Zieles erhält die Ortsverwaltung Vollmacht, nötigenfalls auch vor Kampfmaßnahmen nicht zurückzuschreden. Sofern durch Verhandlungen oder Kampfmaßnahmen eine neue Situation geschaffen worden ist, sind die Vertrauensleute erneut zu fammenzuberufen. Vor der Entscheidung in Sachsen. usdehnung des Streifs. Dresden, 7. April.( Eigenbericht.) vie Streifbewegung in der fächsischen Metallindustrie hat sich weiler ausgedehnt, weil die Unternehmer in den Betrieben, wo ein Teil der Arbeiter in den Streit getreten war, von der weiterarbeitenden Belegschaft die Verrichtung von Streitarbeit verlangten. Insgesamt befinden sich gegenwärtig rund 22 000 Arbeiter und Arbeitetinnen im Streit. Bevor der Aussperrungsbeschluß der Unternehmer befannt war, hatte bereits der sächsische Schlichter unterm 4. April ein Schreiben an die Organisationen gesandt, in dem er die Parteien zu Vorverhandlungen in dem Cohnkonflikt zu Donnerstag, den 12. April, einlud. Da die Unternehmer jedoch gleichfalls zum Theater, Lichtspiele usw. Sonnab., 7.4. 28 Städtische Oper Bismarckstr. 8 Uhr Sonnab., 7. 4. 28 Staats- Oper Am Pl.d.Repubi. Geschlossen? Vorst. 61/2 Luisa Parsifal Miller Staati. Schillerth. Staatl. Schauspielh. Charlottenburg 8 Uhr Das Duell am Lido Am Gendarmenmarkt 8 Uhr Deutsches Theater Lustspielhaus Norden 12 310 Abonnementsbüro Norden 10338-39. 8, Uhr, Ende 10 U Zum 50. Mal Zwölftausend Kammerspiele 4 Norden 12 310 U., Ende nach 10 Zum 84. Mal Finden Sie, daß onstance sich richtig verhält? Prinz Louis Die Komödie Ferdinand Volksbühne Theater am Bülowplatz| Th. am Schiffbauerdamm 8 Uhr 814 Uhr Bismarck 2414/7516 34, U., Ende 10% U. Zum 70. Mal Dir. Dr. Martin Zickel Täglich sowie an beid. Osterfeiertg. 81 Uhr: Guido Thielscher in„ Unter Geschäftsaufsicht" Piscatorbühne Theater am Nollendorfplatz Kurfürst 2091/93 Anf. 8. Ende geg. 11 Bis 10. April verlängart Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk mit Max Pallenberg Insc. Erwin Piscator Gastspiel im Marcel Fradelin Lessing- Theater Der Eunuch) Saltenburg- Bühnen 814 Uhr: Die rote Der Zigaretten- ts. Künstler- Th kasten Robe Renaissance- Theater Schwarz- Weiß Steinplatz 901. 8.10 Uhr Coeur Bube. Kleines Theater Winterten 8 Uhr das Programm der 12 Attraktionen 12 Näheres siehe am Säulenring An den beiden Osterfeiertagen je 2 Vorstellungen 2 330 und 8 Uhr. 30 kleine Preise. Heute 814 Uhr: Premiere Käte läßt sich verführen Lustspiel v.H.Sturm Klinder, Bogner, Kettner, v. Mollendorf An beid.Feiertg.4 U. Gespenster Theater des Westens Täglich 8 Uhr. Zigeunerbaron Ciurina, Hofbauer, Lichtenstein, Brandt Fleischer, Richter. Norden 12793 Heute 8 Uhr: Ein Einigungsvorschlag des Verkehrsbundes. In den Verhandlungen, die zwischen den Vertretern des Deutschen Verkehrsbundes und den Vertretern der Unternehmer des Fuhrwerksgewerbes stattfanden, machten die Vertreter des Verkehrsbundes noch einen letzten Vorschlag, um den Frieden im Fuhrwerksgewerbe zu sichern. Sie schlugen vor, die Löhne statt um 3,30 m. nach dem Schiedsspruch, um 4 M. zu erhöhen und ab 1. Ottober um eine weitere Mart. Die Unternehmervertreter versprachen, sich für die Annahme dieses Vorschlages einzusetzen, der wohl angenommen werden dürfte. Am Dienstag werden die Unternehmer darüber entscheiden. Der Deutsche Verkehrsbund hat auf jeden Fall alle Maßnahmen getroffen, um bei Ablehnung des Vorschlages sofort auf der ganzen Linie den Streit durchzuführen. Neuerungen an der Ostsee. Land an Siedler unentgeltlich zur Bebauung. Nach dem Vorbild der englischen Gartenstadt Letchworth will man jetzt in Deutschland versuchen, auch Unbemittelten die Schaf fung eines Ferieneigenheims zu ermöglichen. Es wird damit sicherlich dem Bedürfnis so mancher großen Familie Rechnung getragen, die gern ihre Ferien gemeinsam verbringen will und die große Pensionsrechnung nicht bestreiten fann. Städtische Oper, Charlottenburg: 9., 13. Die Hochzeit des Figaro. 10. Das Rheingold. 11. Tristan und Isolde. 12., 14. Das Wunder der Heliane. 15., 11% Uhr, Sinfoniekonzert, abends 7 Uhr, Aida. 16. Tosca. Schauspielhaus am Gendarmenmarkt: 9., 11. Die Weber. 10., 13., 16. Louis Ferdinand. 12., 14., 15. Meu einstudiert: Gespenster. Schiller- Theater, Charlottenburg: 9., 11., 14. Ende gut, alles gut. 10., 13., 16. Duell cm Lido. 12. Faust I. 15. Peer Gynt. Theater mit festem Spielplan. Kammerspiele: Finden Sie, daß Constance sich richtig verhält? Die Komödie: Marcel Fradelin. Theater in der Königgräher Straße: Flucht. Somödienhaus: Broadway. Großes Schaufpielhaus: Pompadour Massary. Komische Oper: Zieh dich aus! Deutsches Künstler- Theater: Schwarz- Weiß. Luftspielhaus: Unter Geschäftsaufsicht. Leffing- Theater:( Gastspiel der Piscator- Bühne):" Konjunktur". Konjunktur",- Residenz- Theater: Frizi. Metropol- Theater: Der Graf von Luxemburg.- Berliner Theater: Kleines Die Bollé Sifters. Die Tribüne: Spiel im Schloß Walhalla- Theater: Theater: Frau Käthe läßt sich verführen. Im weißen Röß'l.- Rose- Theater: Sterne, die wieder leuchten. Theater im Admiralspalast: Rose- Marie. Wintergarten: Varieté. Scala: Internationales Varieté. Reichshallen- Theater: Stettiner Sänger.- Theater am Kottbuffer Tor: Elite- Sänger. Theater mit wechselndem Spielplan. Nachmittagsvorstellungen. Theater am Schiffbauerdamm: 9. Schieber des Ruhms. 15. Der Zigarettenkasten. Thalia- Theater: Das Kamel geht durch das Nadelöhr. Schiller- Theater, Charlottenburg: 15. Amphytrion. komische Oper: 8., 9., 15. Zieh' dich aus! Residenz- Theater: Berliner 8., 9. Frizi. Metropol- Theater: 8., 9. Paganini. Kleines Theater: 9. Gespenster.Theater: 8., 9., 15. Clubleute. Walhalla- Theater: 8. Schneewittchen und die sieben Zwerge. 9. Tischlein deck dich, Eselein streck dich. Rose- Theater: 15. Hänsel und Gretel. Theater in der Klosterstraße: 8. Rotkäppchen. 9. Der palast: 8., 9. Rose- Marie. fröhliche Weinberg. 14., 15. Aschenbrödel. Theater im AdmiralsWintergarten: 8., 9. Varieté. Scala: 8., 9. Internationales Varieté. Reichshallen- Theater: 8., 9., 15. Stettiner Sänger. Theater am Koffbuffer Tor: 8., 9., 15. Elite- Sänger. Deutsches Theater: Bis 12. Zwölftausend. Ab 13. Pygmalion.Theater am Nollendorfplatz( Biscator- Bühne): 8., 9., 10.„ Die Abenteuer des braven Soldaten Schweit." 11. und 12. Geschlossen. Ab 13.„ Der letzte Kaiser". Theater des Westens: Bis 10. Die Zentralverwaltung von Bad Ribniz hat den Gedanken Zigeunerbaron. Ab 11. Moskauer jüdisches akademisches Theater 200 000. gehabt, eignen Grund und Boden auf 99 Jahre unentRenaissance- Theater: 15. Coeur- Bube. Mittags 12 Uhr: Die Brüder Karamasow. Theater in der Klosterstraße: 8., 9., geltlich an Siedler zur Verfügung zu stellen. Im Bachtvertrag steht, daß der Bächter die Verpflichtung übernimmt, 12., 14., 15. Faust. 10. 11. Beide. 13. Die Wildente. 16. Nora. innerhalb von 3 Jahren( die Frist kann auf Antrag um dieselbe Zeitdauer verlängert werden) auf dem ihm überlassenen Gelände ein Einfamilienhaus zu errichten. Ueber die Ausdehnung des Hauses ist nichts Bindendes ausgefagt. Es ist sogar gestattet, daß mehrere Parteien das Haus errichten, um die Baukosten zu verringern. Es wird allerdings darauf hingewiesen, daß in den Häusern der Siedlung nicht ohne Erlaubnis der Zentralverwaltung Gewerbe getrieben werden darf. Es wird den Pächtern aber in Aussicht gestellt, daß sie ihr Haus während der Saison vermieten können. liegenden Badeorte erzielen durch Vermietung ca. 700 bis 800 m. Die Zentralverwaltung übernimmt sogar die Vermittlung. Die umin den Hauptmonaten. Auf diese Art kann man die Baukosten innerhalb weniger Jahre völlig decken. Bei der Errichtung des Baues kann man den Kredit einer Norddeutschen Bauspargenossenschaft e. G. m. b. H. zu Ribniz zu sehr günstigen Bedingungen in Anspruch nehmen. Die Zentralverwaltung hat durch den Vertrag, den sie mit der Stadt Ribniz geschlossen hat, ca. 1600 Morgen Land zur Errichtung der Kolonie in die Hand bekommen. Auf diesem Gelände können 7000 bis 8000 Eigenheime errichtet werden. Ribniz liegt zwischen Rostock und Stralsund, ist also leicht von außerhalb zu erreichen. Auch die Verbindungsmöglichkeiten an der Küste selbst find mannigfaltige. Ribnitz liegt an den Dünenbildungen Mecklenburgs zwischen Ostsee und Bodden. Die Gelbfander und Ribnizer Forst, sowie die Rostocker Heide begrenzen es unmittelbar. Drei Landwirte durch Kriegsgranate getötet. Aus Amiens wird gemeldet, daß dort beim Suchen von Metall auf einem früheren Schlachtfeld drei Landwirte durch die Explosion einer deutschen Granate getötet und einer schwer verlegt wurte. Metropol- Th. Zentrum 128 24 84 Uhr: Der Graf von Luxemburg Matzner, Hoffmann, Jolan, Hell, Kettner, Goroll. An beiden Ostertag. 1/24 Uhr: Paganini. Kleine Preise. Walhalla- Th. Weinbergsweg 19/20 Täglich 8 Uhr Im weißen Röß'l Lustspiel in 3 Akten Planetarium am Zoo Th.i. Admiralspalast Verläng. Joachimsthaler Straße Noll. 1578 Täglich 81, Uhr 16, 18, 19, 21 U. Sternhimmel und Rose Marie An beid. Feiertag. 2 Vorstellungen 3 Uhr nachm. die ganze Vorstellung zu halben Preisen v. Blumenthal u. Kadelburg Berliner Theater Vorzeiger dieses zahlen für Parkett auch Sonntags statt 4.- Mk. nur 60 Pi. Rose- Theater Uraufführung: Gr. Frankf. Str. 132. ,, Konjunktur" Sterne d. wieder leuchten 99 v. Leo Lania Insz. Erwin Piscator Komische 8 Uhr Oper 81%, Uhr James Klein's gewaltiges neues Revue- Stück: Zich' dich aus! 200 Mitwirkende. Vorverkauf ab 10 Uhr ununterbrochen. An beiden Ostertagen 2 Vorstellungen, nachmittags 31 Uhr bedeut. ermäß, Preise Direktion Kuhnert. Charlottenstr.90/ 91.05nh.170 8 Kalender Eintritt 1 M. Kinder unt. 15 Jahren 0 50 4 Barnowsky- Bühnen Th. Königgrätz. St. Bergm. 2110. 81% Uhr: Flucht von John Galsworthy Regie: Victor Earnowsky Komödienhaus Norden 6304.. Tägl. Residenz- Theater Tag. 8, Uhr. 814 Uraufführung Broadway Fritzi Musik. Schwank Delschaft, Eibenschütz, Gottgetreu, Manning, Pointner, Vespermann An beid.Feiertg.32: zu halb. Preisen Thalia- Theater Dresdner Str. 72/73 8 Uhr: Das Kamel geht durch das Nadelöhr Die Bolle Sisters SCALA Ein Berliner Volksstück von -Max Friedmann- Frederich. Adalbert, Lea Seidl, Lori Leux S Uhr Nollendorf 7360 Das AprilFamilien Sensations- Programm Anzeigen L.Juergens Alexanderplat 1 Erstaufführungen der Woche: Dienstag, Kleines Theater: Frau Käthe läßt sich verführen. Mittwoch: Theater des Westens 200 000"( Moskauer jüd. Theater). Theater in der Königgräger Straße: Marquise von Arcis." DonnersFreitag: Deutsches tag: Schauspielhaus: Gespenster" Theater:" Pygmalion". Theater am Nollendorfplay: ,, Der letzte Kaiser". Sonntag: Renaissancetheater( Matinee): Gebrüder Karamasow". Wetterbericht der öffentlichen Wetterdienststelle Berlin und Umgebung.( Nachdruck verboten.) Trocken und vielfach heiter nach sehr fühler Nacht. Am Tage rasche Erwärmung. Für Deutschland: Im Osten noch stark wolkig, sonst überall troden und im ganzen hiter. Nachts sehr fühl, am Tage wärmer als bisher. verantwortlich für die Redaktion: Eugen Brager, Berlin: Anzeigen: Th. Glode. Berlin. Verlag: Borwärts Verlag G. m. b. H., Berlin. Drud: Borwärts Buch druckerei und Verlagsanstalt Paul Ginger& Co., Berlin SW 68, Lindenstraße 3. Hierzu 1 Beilage. Reichshallen- Theater 8 Uhr, an beid. Feiertg. nachm. 3 Uhr: Stettiner Sänger nachm. ermäß. Preise. volles Programm! Dönhoff- Brett'l: Glänzendes Varieté- Programm! Anf. 8 Uhr, an d. Feierty. 5% Uhr Grosses Schauspielhaus Anfang Ende 8 Uhr REGIE: 11 Uhr CHARELL DOMPADOUR CASINO- THEATER 8 Uhr Lothringer Str. 37. Nur noch wenige Aufführungen Doktor Klaus. Ausschneiden! Gutschein 1-4 Pers. Fauteuil nur 1.10 M., Sessel 1,60 M. Bürgergarten- Lichtsp. Hauptstr. 51 und Lindauer Straße ZIRKUS mit Charlie Chaplin u. Beiprogramm, LSP Jugendfrel. Lichtspiele am Senefelderplatz Hast du geliebt am schönen Rhein. Die Indianerschlacht am Sania Fe. MASSARY Metro- Palast Theater am Kottbusser Tor Kottbusser Straße 6. Tel. Mpl. 16077 Täglich 8 Uhr Sonntag, nachmittags 3 Uhr: Chausseestraße 30 Heuf tanzi Marícii mit Lya Mara mit zum ersten Male in Elite- Sänger Trabrennen Mariendorf Deutschland auftretenden Varieté- Kunstkräften. Sonnabd. u. an beiden Feiertagen je 2 Vorstellungen: 330 u. 8 Uhr-30 zu ermäßigten Preisen das ganze Programm. Gr. neuer April- Spielplan, u. a. Die tolle Lolo von Max Reinhardt Die 4 Grazien von B. Croé. J. BAER, Sonntag, den 8. April Ostersonntag, nachm. 3( 15) Uhr Badstraße 26 Ecke Prinzenallee Waldschänke Sadowa Spezialhaus für Herren-, Knaben-, Ausflugslokal mitten im Wald a. d. Bahn gelegen. Herrlicher Garten, 3000 Personen fassend. Saal für Vereine, auch Sonntags kostenlos. Inhaber: Otto Thöldte Kegelbahn Vorzügliche Küche Gutgepflegte Biere Sport- und Berufsbekleidung Frühjahrsneuheiten fertig und nach Maß Einsegnungsanzüge Nur Qualitätsware; allerbilligste Preise J.B Beilage Sonnabend, 7. April 1928 Der Abend Spalausgabe des Vorwärts Sozialismus im ,, Heiligen Land". Nicht für den Einzelnen, sondern für die Gesamtheit! Destlich der Bucht von Haifa zieht sich eine weite fruchtbare Fläche, die Ebene Jesreel. Moch vor sieben Jahren war dieser Strich nur spärlich bevölkert durch ein paar arabische Bauern und mandernde Beduinenstämme, die ihre Herden hier weideten. Die Sümpfe, die sich im Laufe von Jahrhunderten durch Vernachlässigung gebildet hatten, verseuchten Menschen und Vieh mit Malaria. Heute hat sich dieser Landstrich durch die Arbeit der jüdischen Kolonisten vollkommen geändert. Die Sümpfe sind drainiert, die Malaria ist start zurückgedrängt, Bäume und Weingärten find gepflanzt, Ställe und Häuser gebaut worden. Durch die früher kaum vom Verkehr Im Kindergarten der Siedlung Hissin. berührte Ebene ziehen sich moderne, viel befahrene Autostraßen. Aber nicht nur die wirtschaftliche Revolution und Evolution ist es, die diesen Landstrich heute kennzeichnet, sondern vor allem die soziale. Der Kranz von modernen landwirtschaftlichen Siedlungen, der hie: durch die jüdische Kolonisation entstanden ist, war nicht das Produkt üblicher fapitalistischer Wirtschaftsmethoden, ist nicht entstanden aus dem Bedürfnis nach Profit. Und so gibt es in diesen Siedlungen feinen Unternehmer. Sie bilden gewissermaßen eine sozialistische Insel. Wenn man in eine dieser Siedlungen hineinkommt, so mertt man sehr bald, daß man die üblichen Begriffe der Wirtschaft hier nicht anwenden kann. Aeußerlich macht ein solcher Betrieb den Eindruck eines großen Gutes. Ein umfangreicher Wirtschaftshof, ausgedehnte Stallungen und ein oder mehrere große Wohnhäuser. Dazu, meist für ein paar solcher Kolonien zusammen, Kindergarten und Schule. Aber wenn man näher zusieht und der Art des Betriebes und der Menschen genauere Aufmerksamkeit zuwendet, so erkennt man, daß man in eine neue Lebensform hineinschaut, vielleicht in einen Vorläufer des einundzwanzigften Jahrhunderts. Denn hier gibtes feinen Besizer. Der Boden gehört dem Bodenfonds der zionistischen Organisation( jüdischer Nationalfonds), er darf nicht vertauft, sondern nur in Erbpacht an einzelne oder an Genossenschaften vergeben werden. Die Bauten und das Inventar, die durch Kredite des Kolonisationsfonds der zionistischen Organisation( Reren Hajesfod) eingerichtet wurden, gehören nicht dem einzelnen, sondern der Siedlungsgruppe, die das Stück Boden gemeinsam bearbeitet. Leitung des Betriebes, also die Arbeitsverteilung, wird von einem Ausschuß geleitet, der von allen Mitgliedern der landwirt schaftlichen Genossenschaft( im Lande Kwuzah genannt) gewählt wird. Die Kwuzah, die Genossenschaft, ist also zugleich Unternehmer und Arbeiter. Es wird gemeinsam produziert, aber auch gemeinsam konsumiert, das Leben wickelt sich ab mie in einer großen Familie. Die Entstehung dieser landwirtschaftlichen Genossenschaften ist zu verstehen aus den besonderen Bedingungen, unter denen die Kolonisation der jüdischen Arbeiter in Palästina vor sich ging, und aus der besonderen Art dieser Siedler. Als man mit der jüdischen Siedlungstätigkeit begann und als man sie nach der Uebernahme Die Ein Wohnhaus in der Siedlung Kfar Jechesket. des Palästinamandats durch die Engländer in größerem Maße fort fette, mußte man den jüdischen Landarbeiter erst schaffen. Die den, durch Jahrhunderte hindurch in allen Ländern auf wenige Berufe beschränft( vor allem auf akademische und taufinännische), mußten erst ,, umschichten", sich auf die Landarbeit umstellen. Sie merkten bald, daß es sehr viel leichter sei, diesen schweren Weg gemeinsam zu gehen, und so lernten sie es, sich in Gruppen zusammen zuschließen, sich gegenseitig zu helfen und zu stützen. Außerdem lag der Gedanke nahe, in einem neuen Lande, unter neuen Bedingungen von vornherein anders zu wirtschaften, die Fehler der fapitalistischen Enfteme zu vermeiden und zu umgehen. Erleichtert wurden diese Bestrebungen dadurch, daß die Kolonisation aus nationalen Mitteln finanziert wurde und auf natio nolem Boden vor sich ging. Für die Siedler, eiren sozial besonders interessierten und intelligenfen Menschenschlag, war es nur ein fleiner Weg von den losen Gruppen, die sich zuerst gebildet hatten, zu sozialistischen Betriebsformen. Man hatte damit begonnen, noch zur Zeit, als die ersten jüdischen Einwanderer bei privaten Kolonisten als Lohn arbeiter beschäftigt waren, in Gruppen zusammen zu wirtschaften, weil dadurch der Existenzkampf erleichtert wurde. Dann wurde vor fiebzehn Jahren der erste Versuch gemacht zur lebernahme eines landwirtschaftlichen Betriebes durch eine solche Arbeitergruppe. Das war die Gründung der ersten zionistisch sozialistischen Kolonie, Daganiah, die das Vorbild geworden ist für eine erhebliche Anzahl folcher Siedlungen. Es hat sich im Laufe der jahrelangen Versuche herausgestellt, daß diese eine Form der Siedlung, wo nicht nur gemeinsam gearbeitet, sondern auch gemeinsam gelebt wird( es wird in einer gemeinsamen Küche gefocht, im gemeinsamen Speisesaal gegessen, die Felder werden gemeinsam bestellt) nicht für alle Arten von Menschen geeignet ist. So hat sich eine zweite sozialistische Sied= lungsform herausgebildet, der Mosehaw, in der ebenfalls der Boden nur in Erbpacht vergeben und Einkauf sowie Verkauf ge= nossenschaftlich geregelt ist. Aber jeder Siedler bekommt ein gleiches Maß an Land zugewiesen, er führt seinen eigenen Betrieb und seine eigene Wirtschaft. Lohnarbeit ist auch hier nicht ge= stattet und das Bodenmaß so berechnet, daß der Siedler sein Areal mit seiner Familie bearbeiten kann. Aber um zu verhindern, daß der Kolonist durch Unglücksfälle in Schwierigkeiten kommt, besteht in jeder Kolonie eine Institution der gegenseitigen Hilfe", die mit Geld, Vieh oder Arbeitskräften den einzelnen Siedler beispringt, wo es nötig ist. Damit ist der einzelne sich selbst nicht mehr hilflos überlassen, sondern er hat hinter sich die Kraft und Macht der Ge= meinschaft, die ihn trägt. Ein besonders wichtiges Rapitel im Aufbau diefer Kolonien ist die gemeinsame Rindererziehung und Fürsorge, die aber hier nicht behandelt werden kann, weil sie allein für sich einen Artikel beanspruchen würde. Man weiß in Palästina recht gut, daß unter anderen Berhält niffen, wo z. B. eine ausgebaute fapitalistische Wirtschaft besteht, selche Siedlungen auf viel größere Schwierigkeiten stoßen würden. Aber nicht die besonderen Bedingungen find in Balästina entscheidend, sondern die besonderen Menschen. Es gibt wahrscheinlich auf der ganzen Welt nirgends solche Menschengruppen wie die aus diesen Kolonien. Es ist eine Auslese, die getragen ist von zwei großen Ideen. Einmal von dem Gedanken der Rückkehr der Juden in ihr Land und zu einem normalen Leben der produktiven Arbeit, und außerdem von der sozialistischen Idee, die sie dazu treibt, neue Lebens- und Wirtschaftsformen zu schaffen und sie immer mehr zu entwickeln und zu vervollkommnen. Das Schicksal des einzelnen bedeutet hier wenig oder nichts, das Schicksal der Kolonie und darüber hinaus der Gemeinschaft alles. Es ist möglich oder sogar wahrscheinlich, daß in der Frage der Form der sozialistischen landwirtschaftlichen Siedlung in Palästina noch viele Aenderungen eintreten werden, wie bei jeder lebendigen Schöpfung. Schon heute ist aber dieser Versuch, der in seiner Art an eine Landarbeiter bei Eu Charoel. einzigartig ist, bedeutsam für den internationalen Sozialismus. Denn hier wird auf Neuland und von Menschen, die ihre neue nationale Wirtschaft beffer, aufbauen wollen als bisher, der sozialistische Gedanke in eine neue Form gegossen. Hier wird versucht, von Anbeginn neue Lebensform ohne Ausbeuter und Ausgebeutete" organisch aufzubauen. So ist Palästina heute nicht nur die Versuchsstation des jüdischen Volkes, das hier beweisen will, daß es zu einer Wiedergeburt und gesunden Existenz fähig ist, sondern auch eine der vielen Versuchsstationen des internationalen Sozialismus, der sich heute in den verschiedenen Ländern verschiedene Wege zur Verwirklichung sucht. Gerda Arlosonoff- Goldberg. Fünfzehn Schneider rüsten sich. Die„ Lossprechung" der Lehrlinge. Die Courage der Schneider, von der schon alte Sagen zu erzählen wissen, will sich bei unseren Prüflingen noch nicht so recht zeigen. Nur einer, der längste von der Schar, mit einem blonden Haarschopf und mit tapfenden, schlenkernden Bewegungen der langen Arme, steht frant und fühn vor den Schranken der strengen Prüfungsfommission. Seine braunen Augen blitzen die Meister an: nun tommt nur an mich heran, wenn ihr was wolit. Man kann ihm prophezeien, daß dieses tapfere Schneiderlein hinausziehen und sich ein Schneider- Reich" erobern wird. Die anderen 14 Prüflinge haben mehr oder weniger mit einem biologischen Vergleich gesprochen die Eierschalen an ihrem unflüggen Gefieder hängen, sind noch piepsende Rücken und sollen doch nun hinaus ins Leben treten, sollen versuchen, ihr Brot nach eigenem Gusto zu finden. Die Dinge liegen nicht so einfach. Wenn man auch versucht ist, das ganze Innungswesen als eine alte überlebte, mehr hemmende Form von Handwerksüberlieferung zu betrachten, die die Arbeitnehmer in den Gewerken schon längst durch ihre eigene fraftvoll sich aus wirkende Organisation- ihre Gewertschaftsorganisation ersetzt haben, so muß man doch zugeben, daß die Innung als solche bestrebt ist, für guten Nachwuchs im Hardwert zu sorgen. Unzuverlässige Meister erhalten feine Lehrlinge zugewiesen. Immer halbjährlich werden von Innungsmitgliedern die Lehrwerkstätten fontrolliert. In einem festlichen Akt werden die jungen Leute nach altem Zunftgebrauch vom Obermeister feierlich losgesprochen. Vorher aber müssen sie in einer praktischen und theoretischen Prüfung beweisen, daß sie etwas Tüchtiges gelernt haben. Die Sorge der Meister spricht bei dieser Uebung mehr als der traditionelle Zwang, daß ein geschickter Stamm von Arbeitern heranwächſt; ein Nichtskönner vermag der gesteigerten Anforderungen nicht gerecht 31 werden und schädigt das Gewerbe. Die Prüfungsfommission besteht aus dem Obermeister, dem Schriftführer, einem Prüfungsmeister und einem Altgesellen, lezterer als Vertreter der Gesellen schaft. Jeder der Prüflinge hat ein Arbeitsstück abgeliefert, einen Anzug oder Paletot, dessen Anfertigung nach eides stattlicher Versicherung des Meisters und des jungen Gesellen, der Lehrling selbst hergestellt hat. Nur beim Zuschneiden des Stoffes und beim Fassonschneiden hat der Meister geholfen. Während der und beim Fassonschneiden hat der Meister geholfen. Während der Herstellung des Gesellenstücks hat ein dazu bestellter Meister die Werkstätten darauf hin kontrolliert, daß die Arbeit auch wirklich Die ohne Mithilfe Dritter von dem Lehrling ausgeführt wurde. Lehrlinge sind zu dreien, müssen nunmehr vor den Tisch des Prüfungsmeisters treten, der sie streng herannimmt, und dem sie erzählen müssen, wie ein Jackett, eine Wefte oder Hose von ihren ersten Anfängen an entsteht. Wenn die jungen Leute auch, start befangen unter strengen Bliden, meist nicht den forretten Hergang der Arbeit zu schildern wissen, so versteht es der Prüfende doch, durch geschicktes Hin- und Herfragen das Resultat aus ihnen herauszuholen, ob die Jungen bei ihrer dreijährigen Arbeit den Arbeitsvorgang begriffen haben. Bei einigen stellt sich freilich heraus, daß sie einseitig vom Meister beschäftigt oder gelinde gesagt ,, ausgenügt" wurden, da haben manche nur Jadeits gemacht und umgelehrt andere nur Hofen. Diese Einseitigkeit wird den, Lehrlingen noch viele bittere Stunden in ihrem Fortkommen bereiten. ,, Wie bringt man das Futter in den Rod, wenn der Meister der ersten Teil zugeschnitten hat?" lautet eine verfängliche Frage. Fast wird man an Eulenspiegel erinnert, der eine ganze Nacht die Aermel an eine Jade warf", so widerfinnig entfeßlich sind die Schneiderfachaus drücke, eine wirkliche Geheimsprache. ,, Ich klopfe die Teile und verschneide sie beide!" lautet eine Antwort. " ,, Wie heften Sie einen Kragen auf? Wie schieben Sie die Achsel an, warum halten Sie die Schulter lose?" Nein, man muß schon selbst Schneider sein, um diese Geheimnisse zu verstehen. Jedenfalls versteht man das eine aus der Prüfung, daß ein richtiges Schneidern eine Kunst ist und zu einem künstlerischen Handwerk erhoben werden kann wie jeder andere Beruf. Ein Gimpenloch" ist das obere Knopfloch am Jackett ,,, knappe" Löcher sind die anderen Knopflöcher. Aber man sehe sich einmal ein solches jauber genähtes Knopfloch durch die Lupe an, welcher kunstvolle Nadelstich dazu gehört, Schlinge an Schlinge sauber umzulegen. Einen der letzten Prüflinge fragt der Meister: Wie machen Sie eine Hose?" ,, Ne Hose?" ist die Antwort, der Rest ist Schweigen. Die theoretische Prüfung sollte der Direktor der Berufsschule abhalten, leider ist er nicht erschienen. So prüft der sehr geduldige und gutmütige Obermeister die werdenden Gesellen in ihrem Allgemeinwissen. Hier ist durchweg ein Versagen fast bei allen Prüflingen. Man schüttelt den Kopf, wie aufgeweckte Berliner Jungen über die einfachsten Grundfragen des Lebens nicht Bescheid wissen. Die Berufsschule hat per jagt. Die eine Partei hat in der Schule nichts von Gewerbeordnung" und die das Handwerk betreffenden Bestimmungen gelehrt bekommen und dafür nur Buchführung, die andere Part wieder umgefehrt. Viele versagen in den Fragen nach den Rohstoffen, andere fönnen nicht rechnen. Der Obermeister fragt schon ungeduldig, was fie die drei Jahre getrieben haben. So wächst seine Prüfung mehr zu einer Unterrichtsstunde aus, um ihnen noch schnell das wichtigste Der beizubringen. Ganz erbost aber wird er, wie er den einen Prüfling nach dem Stundenlohn fragt, den er fünftig erhalten wird. Junge jagt mit dem Eindrud allzutiefster Bescheidenheit: ich werde von meinem ersten Meister 50 Pf. Stundenlohn verlangen. Der Obermeister gerät in Harnisch: Also so billig willst du dich verlaufen? Es ist doch nicht zu glauben! Hast du noch nichts von Tarifen gehört, die zwischen Meistern und Gesellen vereinbart werden? Die Lossprechung als Lehrling bedeutet für die 15 jungen Menschen sicherlich ein großes Glück, denn Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Und fönnte man um sie bangen, um diese Jugend, die über die wichtigsten Dinge im Leben nicht Bescheid weiß, die noch nicht einmal ihren ersten Gcjellenlohn ausgerechnet hat, die so gleichgültig das Künftige an sich herantreten läßt. Man bangt um viele von ihnen, daß sie nun dem großen Elend der Arbeit verfallen, sa F. N. unausgerüftet, wie sie hinausgeschickt werden, □ im VON B.TRAVEN Nachdruck verboten ♦ Copyright 1928 by Büdiergilde Gutenberg, Berlin 34. Fortsetzung. Curtin setzte sich, nahm seine Pfeife und begann sie zu stopfen. Er gab sich Müh«, ruhig zu erscheinen. Dobbs blieb stehen und sah Curtin unverwandt an. Dann lachte er laut und höhnisch auf:„Du hast recht, Söhnchen. Nun weiß ich es. Nun weiß ich, was du vorhast. Ich habe es schon lange gewußt." „Was hast du schon lange gewußt?" fragte Curtin, ohne aus- zusehen. „Daß du das selber im Sinn hast, daß du mich heute oder morgen nacht niederknallst, mich verscharrst wie einen krepierten Hund, dann mit chowards Packen und mit meinen noch dazu abziehst und dir eins lachst, was für blöde Kühe wir gewesen sind." Curtin ließ die Pfeif«, die er eben anzünden wollte, sinken und sah auf. Seine Augen waren weit geöffnet. Aber sie waren hohl und leer. Gegenüber dieser Anschuldigung verlor er die Fähigkeit, seinen Augen einen Ausdruck zu geben. An eine Tat, wie sie ihm hier unterschoben wurde, hatte er nie gedacht. Er zählte sich durch- aus nicht zu den ehrenhaften Mustermenschen. Er wußte wohl zu- zugreifen, wenn es etwas zum Zugreifen gab, und er ließ sich von Gewissenskrupeln nicht plagen. Die schweren Oelmagnaten, die Stahl- könige, die Eisenbahnriesen könnten nicht sein, was sie sind, wenn sie sich von dem sogenannten Gewissen beeinflussen lassen würden. Warum sollte er, der Kleine, der Winzige«in edleres und feineres Gewissen haben als fen«, die als die Sterne der Nation bezeichnet werden, und die in Zeitungen, Zeitschriften und Lesefibeln als die großen Beispiele der Tatkraft, der Willenskraft und des Erfolges hin- gestellt werden? Aber was Dobbs ihm hier unterstellte, das war die schäbigste Tat, die er sich denken konnte. Vielleicht hätte er die Tat nicht so sehr schäbig gefunden, wenn er von selbst auf den Gedanken gekommen wäre. Da sie ihm jedoch von Dobbs in so hämischer und widerwärtiger Weise an den Kopf geworfen wurde, fand er sie so hundsgemein wie keine Tat, von der er je gehört hatte. Denn da- durch, daß ihm Dobbs diese Tat zutraute, erkannte er mit einemmal die grenzenlose Schäbigkeit und Gemeinheit des Dobbs. Wie konnte er so etwas von jemand denken? Doch nur, weil er es selbst iin Sinne hatte, chatte er aber eine solche Tat im Sinn, dann war Curtin«in toter Mann: denn Dobbs wird nicht zögern, ihn um- zubringen, um alles Gut zu besitzen. Und dieses Bewußtsein, daß es nun um sein Leben ginge, war es, das jeden Ausdruck in seinen Augen verlöschte. Er sah die Gefahr und konnte ihr nicht entgehen. Er war hilflos. So Hilfslos, wie ein Mensch selten sein kann. Denn wie konnte er sich gegen Dobbs schützen? Vier oder fünf Tage hatten sie noch zu wandern. Allein, selbst wenn sie jemand trafen, so war das keine Sicherheit. Dobbs brauchte den Leuten, denen sie begegneten, nur anzudeuten, was es zu verdienen gäbe, und sie würden sofort auf seiner Seite sein. Und trafen sie niemand, um so bester für Dobbs. Eine Nacht tonnte Curtin wohl ohne Schlaf zu- bringen und sein Fell bewachen. Aber in der nächsten Nacht schlief «r nur um so fester. Dobbs brauchte dann gar nicht einmal eine Kugel zu vergeuden. Er konnte ihn binden, ihm einen Hieb über den Kopf geben und eingraben. Den Hieb konnte er sich sogar noch sparen. Da war nur ein Ausweg. Curtin hatte das mit Dobbs zu tun. was Dobbs mit Curtin vorhatte. Eine andere Rettung gab es nicht. Schlinge oder du wirst verschlungen. Da ist kein anderes Gesetz. Seine Bronze will ich gar nicht haben, dachte Curtin. aber ich muß ihn beiseiteschaffen. �Der Alte bekommt seine Ladung, ich be- halle meine, und die des Schurken grabe ich ein. An ihm will ich mich nicht reich machen, aber mein Leben ist ebensoviel wert wie das seine. Er hotte die link« Hand mit der Tabakspfeife in seinem Schöße ruhen. Seine recht« Hand lag auf dem Knie. Jetzt zog er die rechte Hand langsam an sich und ließ sie nach hinten zur Hüfttasche gleiten. Aber im selben Augenblick hatte Dobbs seinen Revolver hoch. „Eine Bewegung, Junge," rief er,„und ich ziehe ab." Curtin hielt die Hände ruhig. „Hoch damit!" sagte Dobbs. „Hoch damit!" sagte Dobbs. Curtin streckte die Arme hoch. „Habe ich doch ganz richtig oermutet," sagte Dobbs höhnisch. „Berräuchern mit langen Redensarten. Da kommst du bei mir nicht durch." Dobbs kam näher.„Steh auf!" sagte er. Curtin sprach kein Wort Er war blaß geworden. Als er stand, kam Dobbs ganz nahe, ging um ihn herum und griff in die Revolver» tasche des Curtin, um ihn zu entwaffnen. Mit einem kurzen Ruck fuhr'Curtin herum. Dobbs schoß. Aber durch die unerwartete Bewegung des Curtin fehlte die Kugel, und ehe Dobbs ein zweites Mal ziehen konnte, hatte ihm Curtin einen Faust- schlag gegen das Kinn gegeben, der Dobbs zu Boden warf. Curtin warf sich sofort aus ihn und entwand ihm den Revolver. Dann sprang er auf und trat einige Schritt« zurück. „Die Karten sind jetzt anders gemischt. Dobbs," sagte er. „Sehe ich," erwiderte Dobbs. Er richtete sich hoch, blieb aber auf dem Boden hocken. „Nun will ich dir nur sagen, daß du ganz im Unrecht bist," meinte Curtin.„Ich habe nicht«inen Augenblick daran gedacht. dir etwas abzunehmen oder dich gor aus dem Wege zu räumen." „Kannst du mir jetzt gut erzählen. Aber wenn du ein so gut«s, frommes Kind bist, wie du behauptest, dann gib mir meine Kanone wieder." Curtin lachte.„Das werde ich doch besser bleiben lassen. Das ist kein Spielzeug für dich." „Verstehe," erwidert« Dobbs kürz und ging zum Feuer. Curtin zog die Patronen aus dem Revolver des Dobbs und schob sie in die Tasche. Dann wog er die Masse eine Weile in der Hand. Er wollte sie Dobbs zureichen, und Dobbs streckte auch schon den Arm aus. Aber er besann sich und schob den Revolver ebenfalls in die Hosentasche. Dann setzte er sich auch ans Feuer, achtete aber darauf, daß er genügend Platz hatte, um einem unerwarteten Angriff des Dobbs auszuweichen. Nun brachte er seine kurze Tabakspfeife hervor und zündet« sie an. Dobbs sprach kein Wort, und Curtin hatte reichlich Gelegen- heit, seinen Gedanken nachzuhängen. Er war keineswegs bester dran als eine halbe Stunde vorher. Er konnte nicht vier Tage und vier Nächte Dobbs bewachen. Endlich würde er einschlafen, und Dobbs würde ihn überwältigen. Dobbs wird kein Erbarmen zeigen. Er ist ja nun überzeugt, daß er richtig oermutet Halle, daß er in Notwehr handele, wenn er Curtin beseitig«. Es konnte nur einer überleben. Beide würden halb wohnsinnig werden vor Furcht und vor Uebermüdung. Wer einschlief, war das Opfer des anderen. „Könnten wir uns nicht morgen früh oder heute nacht noch trennen und jeder seinen eigenen Weg ziehen?" fragte endlich Curtin. „Würde dir gefallen." „Warum gefallen?" Dobbs lachte höhnisch auf.„Mich von hinten packen? Nicht wahr? Oder mir Banditen auf den Nocken Hetzen?" „Dann freilich, wenn du das denkst," sagt« Curtin,„dann weiß ich nicht, wie wir auseinanderkommen. Dann werde ich dich wohl binden müssen, Tag und Nacht." „Ja, das wirst du wohl müssen. Also komme nur heran und binde. Ich bin dabei." Dobbs hatte recht. Das war nicht so einfach, ihn zu binden. Das konnte leicht dazu führen, daß die Karten abermals vertauscht würden. Und das wäre zum letzten Male gewesen. Dobbs war der, der robuster war, der rücksichtsloser Zugriff. Er war durch die Rsbustheit seines Gewissens der Stärkere der beiden. Der Rücksicht?- lose überlebt den Zögernden. Diejenigen, die einer raschen Tat mehr vertrauen, als einem ruhigen, sorgfältigen Ueberlegen und Ab- wägen, sind die Eroberer. Aber die anderen sind die Sieger und werden die Besitzer. Hier aber kam nur die Eroberung in Frage, weil die Sicherheit des eigenen Lebens ollein in der rücksichtslosen Ueberwältigung und Vernichtung des anderen lag. Curtin hatte die Macht, ober er fürchtete sich, sie zu gebrauchen. Er war Politiker, aber kein Schöpfer. Dobbs dagegen konnte vergeuden, aber nicht verschwenden: er konnte vernichten, aber nicht zerstören. Und darum war auch er kein Schöpfer: denn der Schöpfer kann verschwenden und zerstören. 19. Für Curtin begann eine entsetzliche Nacht. Nicht aber für Dobbs. Nachdem er die schwache Seite Curtins entdeckt hatte, fühlte er sich durchaus sicher. Er konnte nun mit Curtin spielen. Curtin hatte sich so weit entfernt von Dobbs niedergelegt, daß er ihn gut im Auge behalten konnte und zu gleicher Zell Raum genug hatte, um ihn mit vorgehaltener Waffe zu empfangen, falls er einen Ueberfall versuchen sollte. Curtin bemühte sich mit allen Kräften, wach zu bleiben. Er war durch den Tagesmarsch ermüdet, und er fühlte, daß es nicht leicht sein würde, die ganze Nacht durch- zuhalten. Umhergehen mochte er nicht, weil er glaubte, das würde ihn noch mehr ermüden. Er saß eine Weile aufrecht, aber auch das ermüdete ihn. Dann dachte er, es sei besser, sich in die Decke zu rollen und niederzulegen. Dabei könne der Körper ruhen. Dobbs würde auch nicht wissen, wenn er ein wenig einschliefe, weil er das nicht so genau sehen könnte. Nach einer Stunde etwa, als Curtin sich solange nicht bewegt hatte, richtete sich Dobbs auf und begann zu kriechen. Sofort hatte Curtin den Revolver hoch:„Nicht einen Schritt weiter." ries er hinüber. „Guter Nachtwächter," erwiderte Dobbs und lachte.' Spät nach Mitternacht wachte Dobbs durch das Schreien eines der Esel auf. Er macht« wieder den Versuch zu kriechen, aber Curtin hielt ihn sofort auf. Nun wußte Dobbs, daß er gewinnen würde, und schlief fest ein. Er holte sich seine Nachtruhe, die er durch die beiden kleinen Tricks Curtin entzog. Die nächste Nacht gehörte ihm. Am Tage hatte Dobbs die Spitze des Zuges zu nehmen. Da konnte er nichts ausrichten. Dann kam wieder der Abend und dann die Nacht. Kurz nach Mitternacht stand Dobbs ganz ruhig auf, ging hinüber zu Curtin und nahm ihm die Revolver ob. Dann stieß er ihm mit dem Fuße heftig in die Rippen. „Auf, du Schurke." sagte er.„die Karten sind abermals ge- mischt. Diesmal aber zum letzten Male." Curtin war schlaftrunken und fragte:„Was? Karten gemischt?" Dann begriff er und wollte ausstehen.' „Bleibe nur sitzen," sagte Dobbs und setzte sich vor ihm nieder. Er stieß das Holz weiter ins Feuer, und die Flammen leuchteten auf. „Viel zu sprechen haben wir wohl nicht," fuhr Dobbs fort.„Ich mache nicht für dich die Kinderwärterin, wie du für mich die letzte Nacht und den vergangenen Tag. Ich mache jetzt reines Geschäft. Ich will hier nicht die ganze Zeit in Angst leben." „Also Mord." Curtin sagte es ohne Aufregung. Er war zu müde, als daß er den Sinn des ganzen Vorgangs erfaßt hätte. „Mord?" antwortete Dobbs.„Wo ist Mord? Ich muß mich meiner Haut wehren. Ich bin doch nicht dein Gefangener. Ich bin doch nicht auf dein« Gnade angewiesen, wie lange du mich zappeln läßt." „So glatt wird das nicht gehen," sagte Curttn, langsam zu seinen Gedanken kommend.„Der Alte wird dich ja nicht so leise abziehen lassen." „Wird er nicht? Einfach..Du hast mich an einen Baum ge- bunden und bist mll der ganzen Güte abgezogen. Ist doch ganz einfach. Der sucht nach dir. Du bist der Schuft. Daß er dich nicht findet, das laß nur ruhig meine Sorge sein. Auf nun und marsch, vorwärts."(Fortsetzung folgt.) Rätsel= Ecke des„Abend". MinniiniiimiiimiMnmiiiiiiiiiiiiiiiinniiiiuiiiiiniiiiiiiiiMimiiiiiiiiiiMinmiiiniiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimniniMiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiMiiinmRiM Kreuzworträtsel. Senkrecht: 1. Vulkangestein, 2. buddhistischer Priester, 4. Verwandte, 5. europäische Hauptstadt, fi. Fluß in Italien, 7. Vogel, 9. Insel im Indischen Ozean, 14. Fanggerät, 15. Zahl, 16. europäisches Reich, 17. Flächenmaß, 19. Getränk, 21. Komposition von Händel, 22. Tierfuller, 24. Pflanze, 26. Fürwort, 28. Fürwort, 36. griechisches Heldengedicht, 32. Naturerscheinung, 34. Kochsalzlösung, 35. Haustier, 38. Meerenge bei Iütland, 40. Fürwort. Wagerecht: 3. Nebenfluß der Donau, 6. Gestalt der germanischen Sage, 8. Spielkarte, 10. Stadt in Posen, 11. wie Nr. 8, 12. Hochebene in Kleinasien, 13. Fluß in Lellland, 17. Fluß in Italien, 18. poetischer Ausdruck für ein Haustier, 19. Gewässer, 20. Getthogefpenst, 23. Fanggerät, 25. Faultier, 26. Wild, 27. Neben- stuft der Donau, 28. biblische Gestalt, 29. Strand in Venedig, 31. Stadt in Böhmen, 33. Fürwort, 36. Teil des Beines, 37. Fluh in Sibirien, 39. Stadt in der Schweiz, 41. Fürwort, 42. römischer Bürger niederer Herkunft, 43. Stadt in Hessen. Charade. w Mll l am Ende ist's oft gescheit, Mit t am Ende nimmer: Mit l am End' tut's manchem leid, Mit t jedoch nicht immer: Doch ist's mit t sehr löblich auch, Mit l kann es erschrecken, Mit t sieht man's nach üblem Brauch Oft unbarmherzig necken. Rösselsprung. Auflösungen der Rätsel aus voriger Rummer. Kreuzworträtsel: Senkrecht: 1. Bor, 2. Clio, 4. Ger. 6. Dora, 7. Bast. 8. Tobolsk, 10. Darm. 11. Enz. 14. Angora, 15.' Eis, 16. Hel, 18. Tizian. 19. Aare. 20. Nanking. 21. Boot. 27. Tor, 28. Orr. 31. Liga, 33. Dorf. 35. Goa. 36. Oels, 40. Ney. 42. Salz. 45" W�a q�c r e ch t: 3. Golf. 5. Ried, 7. Beet. 9. Ode. 12. Rom. 13. Iran. 14. Ase, 17. Arzt. 19. Antipoden. 22. Hag, 23. Lab. 24 Ozon 25 Brom. 26. Ost. 29. Jon, 30. er. 32. Konkordat. 34. Agio, 37. Ton, 38. Oger, 39. Inn, 41. Aal. 43. Genf, 44. Star. 46. Klee. Silbenrätsel. 1. Nargsteh. 2. Island. 3. Chaiselongue. 4. Hameln. 5. Tiara. 6. Ilmenau. 7. Naumburg. 8. Dame. 9. Interlaken. 10. Eierstab. II. Fröbel. 12. Erirani 13. Radicc- vir. 14. Numismatik. 15. Eberesche. 16. Zinnober. 17. Edinburg. 18. Isar. 19. Tagore 20. Verdi. 21. Eichendorsf. 22. Rönne. 23. Laute. 24. Iser. 25. Eboli. 26. Ramses. 27. Eisenbart. 28. Dortmund. 29. Jockei. 30 Champignon. Nickst in die ferne Zeit verliere dich, den Augenblick ergreife, der ist dein. Rösselsprung: Sagt, wo der Liebe Heimat ist, Ihr Anfang, ihr Ende? Wer's nennen könnte! Schelmisches Kind, Lieb' ist wie Wind Nasch und lebendig, Ruhet nie Ewig ist sie, Nur ist sie nicht immer beständig, Mörick«. Nr. 167 45. Jahrgang Sonnabend 7. April 1928 tKunst und Technik. Im Berliner Ingenieurhaus fand vor kurzem eine Ausstellung führender Graphiker statt, die in ihren Werken gleichsam Kütder des seelischen Gehaltes der modernen Technik sind. Arbeiten von Dzubas, Graf, Krommer, Kupferschmied, Sandrock, Scheuritzel und Turner gaben der Schau das Gepräge. Die Veranstaltung war als eine Vorschau zu der großen Ausstellung„Kunst und Technik" ge- dacht, die anläßlich der Hauptversammlung des Vereins deutscher Ingenieure vom 9. bis 11. Juni in-Essen stattfindet. Schon die kleine Vorschau ließ gerade dem Laien, vielleicht aber auch manchem Fachmann erkennen, welche Stimmungswerte, welch' künstlerischer Gehalt auch in der modernen, auf kühler Ueberlegung und Berech- nung aufgebouten Technik zu finden ist. -i° Es gibt kaum ein großes technisches Ereignis, das nicht in der Kunst seine Spuren hinterlassen hätte. Ausgedehnte assyrische Flachreliefs schildern klar und übersichtlich den Transport gewaltiger Steinbilder, der unter einein Masseneinsatz von Sklaven vor sich zu gehen Pflegte. In zahlreichen plastischen Darstellungen geben uns die ägyptischen Künstler ein getreues Bild vom Stande der da- nialigen Technik. Wir sehen, wie der Blasebalg gezogen und die Töpferscheibe gedreht wird. Webstühle und Schiffe werden bis in alle Einzelheiten dargestellt. Auf zal�reich erhaltenen Grabreliefs aus dem dritten Jahrtausend v. Chr. können wir uns die Kriegs- technik der Aegypter, ihre Art, das Feld zu bestellen, und Bauten aufzuführen, mit größter Deutlichkeit vorstellen. Verhältnismäßig wenig künstlerische Darstellungen, die aus technische Vorgänge Bezug nehmen, sind aus der altgriechischen Blütezeit erhalten. Immerhin hat man nach alten Bildhauerarbeiten interessante technische Rekonstruktionen ermöglicht, z. B. das Aussehen der athenischen Kriegs- schiffe, die bei Salamis den großen Seesieg über die Perser erfoch- ten. Die Römer, Meister der Baukunst und der Kriegstechnik, haben uns in ihren zum Teil bis heute erhaltenen Baudenkmälern, vor allem in dem wieder ausgegrabenen Pompeji, mächtige Ein- Helmuth Krommer:„Hüttenwerk" die Handwerker bei ihrer Tätigkeit darstellen� werden noch durch einen kurzen, gereimten Text erläutert. Die Neubelebung der Baukunst durch die Renaissance hat ein« starke Vorliebe für architektonische Darstellungen zur Folg«. Der originelle Peter Brenghel der Aeltere(1539— 1569) malt einen phantastischen Turmbau zu Babels aber auch das groteske Treiben der„Goldmacher" inmitten einer wüsten Umgebung weiß er aufs trofslichste zu charakterisieren. Das bekannte Bild„Susanna im Bade" von Altdorfer wird von einem prächtigen, weitläufigen Renaissancebau beherrscht. Di« berühmten Kupferstecher Mathäus M e r i a n und sein Schüler Wenzel Hollar(1697— 1677) geben in zahlreichen Stadtansichten aus Deutschland und Holland «in getreues Bild von der Bauweise damaliger Zeit. Den großen Aufschwung, den die Schiffahrt durch die Eni- deckung Amerikas und des Seeweges nach Ostindien nalpn, können Die Kupferstiche von Chodowiecki 1726— 1801) geben in ihrer trockenen, sachlichen Art einen guten Einblick in das Werkstatt- treiben des 18. Jahrhunderts. Wie die Phantasie des Künstlers technische Fortschritte mit visionärer Kraft zu bannen weiß, zeigen die dämonisch wirkenden „Fliegenden" von Francesco Goya(1748—-1828) aus d«r Folg« seiner Radierungen, den„Prooerbioz". Gegen Ende des 18. Jahrhunderts mehren sich die Darstellungen gelungener oder mißglückter Ballonfahrten. Bezeichnend ist«in Flugblatt aus dem Jahre 1783, das den Angriff der Landbevölkerung von Genosse auf den gelandeten Ballon von Montgolsier wiedergibt. Die rasche Aufeinanderfolge umwälzender technischer Neuerungen bringt für die Künstler des 19. Jahrhunderts eine kaum zu bewältigende Fülle neuer Eindrücke. Ein englischer Stich aus dem Jahre 1833, der einen schwerfälligen Dampfroagen darstellt, der zwischen London und Birmingham verkehrte, gibt den Austakt. Auch in der Folge sind es hauptsächlich anglo-amerikanische Künstler, die mit frischen Augen die tausendfältigen Wunder der modernen Technik für die Kunst erobern. James Whistler(1834— 1993), in Amerika geboren, aber in Paris und England tätig, schuf neben seinen Bild- nissen eine ganze Anzahl von Hasenbildern, Uferlandschasien und Brückenbauten von vornehmer, zurückhaltender Note. Wuchtiger geht Frank Brang Coyn ins Zeug, der in London lebt. Sein« auf starke Kontraste aufgebauten, monumental wirkenden Radie- rungen gehören zu den«indruckoollsten Darstellungen aus dem Jahrhundert der Technik. Pennell, geb. 1838 zu Philadelphia, hat sich fast ausschließlich auf industrielle Anlagen beschränkt. Der große Wallone M e u n i e r(geb. 1831), dessen Plastiken und Ge- mälde von dem Leben der Bergarbeiter im belgischen Kohlengebiet, dem Borinage, handeln, ist dadurch, daß er den arbeitenden Menschen in den Vordergrund stellt, auch ein großer sozialer Ankläger ge- worden. Sein genialer Landsmann, Vincent van Gogh, hat mehrmals Eisenbahnviadukte und Zugbrücken und den an sein- Maschine gefesselten Weber in tiefempfundenen Bilden, verewigt. Nicht zu vergessen ist Charles MSryon(1821— 1868), einer der ersten französischen Radierer. Seine Architekturradierungen kennzeichnen eine erstaunliche Sachlichkeit und erhalten durch die Artur Kampf.„ Walzwerk" Feinheit des Striches eine künstlerische Note ersten Ranges. Unter den deutschen Malern des 19. Jahrhunderts war wohl der hervor- ragende Landschafter Karl Blechen(1798— 1870) der erste, der eine industrielle Anlag« als Bildmotiv verwandte(„Walzwerk bei Eberswalde"). Adolf Menzel widmet« erst gegen Ende seines Lebens seine Aufmerksamkeit den aufstrebenden Industriebetrieben und schuf 1875 sein meisterhaftes„Eisenwalzwert", das sich in der Nationalgalerie befindet. Ein anderes Bild„Berlin-Potsdamer Bahn" zeigt einen idyllischen Ausschnitt aus Berlins Umgebung mit einer altertümlichen, fauchenden Lokomotive. Anschauliche Bild-r aus der Steinbruchindustrie schuf der Süddeutsche Friedrich Keller(geb. 1846). Auch Artur Kampf(geb. 1864) hat ein „Walzwert" gemalt, stellt aber darin muskulöse, unter der Hitze leidende Arbeiter in den Vorder- grund. Der in München lebende Heinrich Kley und der Stuttgarter E ck e n« r sind durch eine ganze Reihe eindrucksvoller Zeichnungen und Gemälde von Hüttenwerken, Werftanlagen, Schiff- bauten bekannt. Kley versteht es auch, in Humor- voller Weis«, Maschinen zu vermenschlichen. Dc» modernen Bahnhof und die ihn belebenden Lokomo- tiven schildern Pleucr und Sandrock. Ein beweg- tes Bild von den Bohrungen im Tauerntunnel hat Ludwig Michalek geschaffen. Kall morgen holt seine Motive mit Vorliebe aus dem Hamburger Hafen. Einen„Industriebahnhof" in moderner Aus- fassung hat uns der jung verstorben« Walter Seehaus hinterlassen. Die neueste Entwicklung der künstlerischen Dar- stellunz der modernen Technik wurde bereits in der Einleitung kurz skizziert. Der Künstler folgt hier dem Techniker. Ihm ist es gegeben, die Werke der Technik mit eigenen Augen, fern jedem Zweckbegriff, nur von der Seit« des Künstlerische», des an die Seele Rührenden zu sehen. Willem van de Velde:„Der Kanonenschuß" blicke in das Konstruktive der antiken Baukunst hmterlassen. Leider sind die Zeichnungen zu dem Werke Vitruvrus»