Morgenausgabe Nr. 251 A 129 45.Jahrgang Böchentlich 85 Bfg., monatlich 3,60 m. im voraus zahlbar, Boftbezug 4,32 m. einschl. Bestellgeld, Auslandsabonne ment 6.-M. pro Monat. * Der„ Borwärts" erscheint wochentäg lich zweimal, Sonntags und Montags einmal, die Abendausgaben für Berlin und im Handel mit dem Titel„ Der Abend", Illustrierte Beilagen„ Bolt und Zeit" und„ Kinderfreund". Ferner Unterhaltung und Wissen"," FrauenStimme", Technit"," Blid in die Bücherwelt" und Jugend- Borwärts". Vorwärts Berliner Boltsblatt Mittwoch 30. Mai 1928 Groß- Berlin 10 Pf. Auswärts 15 Pf. Die ein paitige Nonpareillezetle 80 Pfennig. Reflamezeile 5.- Reichs mart. eine Anzeigen" das ettgeorudte Bort 25 Brennia( zuläffig awe jettgedruckte Worte), edes weitere or 12 Pfennig. Stellenge uche das erste Bort 15 Brennig, edes weitere ori 10 Pfennig. Borte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Arbeitsmarf! Beile 60 Pfennig. Familienanzeigen für Abonnenten Zeile 40 Pfennig. Anzeigenannahme im Hauptgeschäft Lindenftraße 3. wochentägl. von 8 bis 17 Uhr. Bentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Redaktion und Verlag: Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dön boff 292-297 Telegramm- Adr.: Sozialdemokrat Berlin Vorwärts Verlag G. m. b. H. Vor der Einigung in Toulouse. Zurzeit feine ernsten Gegensätze. Paris, 29. Mai.( Eigenbericht.)| der Führer des linken Flügels, 3yromffi, erklärt hat, daß ein Die Resolutions tommission des sozialistischen Partei Busammengehen mit den Kommunisten zurzeit unmöglich sei, tages in Toulouse ist am Dienstagmorgen zur Beratung der vorcuch da im Augenblick nicht viel Trennendes. Die Haltung der Barliegenden Entwürfe zusammengetreten. Die Vertreter der drei tei wird ihr zurzeit von selbst diktiert durch ihre Lage Richtungen innerhalb des französischen Sozialismus bemühen fich um die Einigung auf einen Tert, durch den die Gegenfäße überbrückt werden können. Die Diskussionen werden dabei in sehr fachlicher und tonzilianter Form geführt. Objektiv steht die Haltung der Partei vollkommen fest. Das ging auch aus den De batten am Montag flar hervor. Angesichts der Uebereinstimmung aller Tendenzen über die Notwendigkeit einer oppofitionellen Politit zwischen bürgerlicher Konzentration und Kommunismus. Jedoch, wenn sich die politische Konstellation einmal ändert, besteht Gefahr, daß die je zt mehr theoretisch vorhandenen Gegenfäße praktische Gestalt annehmen und daß das Ausgleichstalent Léon Blums dann nichts mehr zu einer Ueberbrückung zu tun vermag. Toulouse, 29. Mai.( Eigenbericht.) Die bewegten Debatten des Sozialistischen Parteitages, an denen, und der Scheu vor einer Spaltung beschränken sich die Meinungsreisen, alle Führer sich beteiligten, haben die tiefgehenden Unterschiede abgesehen von Paul Boncour, der es vorzog nach Genf zu verschiedenheiten auf Nuancen in der Denkweise, wie dies Léon Blum ami Dienstog morgen im„ Populaire" wieder sehr gezeigt, die zumindest in den taftischen Fragen bestehen. Wenn Blum die Fortschritte hervorhob, die der Sozialismus in den letzten nachdrücklich unterstreicht. Bemerkenswert in diesen Ausführungn Jahren zu verzeichnen hatte, wenn er den günstigen Einfluß der Blums ist die Entschiedenheit, mit welcher er abermals die jetzige sozialistischen Oppofition auf die 2 ußen politik während der letzten Regierung der Nationalen Einigung" dem ehemaligen Nationalen Geffion betonte und weitere tonftruttive Oppofition Blod gleichstellt. empfahl, so bewies er gewiß sein gewohntes Talent, das Trennende Selbst die entschiedensten Anhänger des rechten Flügels ver= durch den Hinweis auf gemeinsame Ziele hintanzustellen. mahren sich übrigens dagegen, daß sie im Augenblid an Aber die Diskussion über Boncour und den Bolschemismus eine Beteiligung an der Regierung denken. Die Gefahr, rief Re ließ immer wieder die Gegensätze aufeinanderprallen. Blums Vernaudel aus, daß seine Freunde etwa mit den Radikalen gemein- dienst ist, daß er sich nicht scheute dabei Stellung zu nehmen und fame Sache machen würden, bestehe nicht, und es sei ein feine Hinneigung zur Auffassung des linten Flügels, wenn er seine Scherz, wenn man annehmen wolle, daß die Frage der Beteiligung Tendenzen auch start munderte und forrigierte, ließ ihn auf dieser hätte jetzt gestellt werden können. Als der Abg. Be douce er Seite Rückhalt gewinnen. Demnach kann man für die Zukunft wohl flärte, es hieße die Idee der Anteilnahme an der Regierung ge= mit einer von der neuen Kammer etwas gehemmten Verschiebung radezu kompromittieren. wenn man heute von ihr des Schwergewichts der Partei nach links rechnen. Die Sozialisten reden wolle, rief Montagnon, einer der Vorfämpfer des nahmen der Nationalen Union" gegenüber Kampfstellung ein, frei rechten Flügels, des sei vollkommen richtig. lich ohne radikale Handlungen wie die Abberufung Boncours vom Völkerbund und Bouissons vom Kammerpräsidium. Die sozialistische Partei wird im übrigen gewiß die Stärke ihrer Opposition zu weiterem Drud auf die Regierung im Sinne baldiger Rheinlandräumung und Lösung der Saarfrage im Geiste von Locarno benutzen. Demnach trennen für den Augenblic wenigstens feine prat tischen Gegensäge von Bedeutung die Anhänger Renaudels von der Mitte und dem linken Flügel. Was endlich die Frage der mehr oder minder großen Gemeinsamkeit mit den Dot trinen des Kommunismus anbetrifft, so bleibt, nachdem einer Japans Antwort an Südchina. Die Note dem Völkerbund überreicht. Genf, 29. Mai.( Eigenbericht.) Der Vertreter Japans im Völkerbundsrat überreichte dem Bölkerbundssekretariat einen Schriftsaz seiner Regierung, in dem der chinesisch japanische Konflikt geschildert wird. Darin heißt es u. a.: „ Die Ausländer in China fönnen sich gegenwärtig nicht mehr auf den Schutz ihres Lebens und ihres Eigentums durch die chine fische Autorität verlassen. Es ist darum unvermeidlich, daß Japan mit seinen starken Interessen und der großen Anzahl seiner Etaatsangehörigen in China fich bemüht, mit eigener Kraft feine Staatsangehörigen und feine wohlerworbenen Rechte zu schüßen. Die Entsendung japanischer Truppen ist einzig und allein eine Maßnahme des Selbstschutes. Die Blün derung eines japanischen Hauses durch Soldaten der Südarmee war die Ursache des Zwischenfalles von Tsinanfu. Die Südtruppen griffen nach ihrem Einrüden in Tsinanfu die dortigen schwachen japanischen Kräfte und die japanischen Staatsangehörigen an. Sie ermordeten mehr als 12 japanische Staatsbürger, darunter Frauen, und plünderten mehr als 100 japanische Häuser. Die im April eingetroffenen japanischen Berstärkungen bemühten fich, den größten Teil des Fremdenviertels von Tsinanfu zu schützen. Der chinesische General Tschiangtaisch et schlug dem japanischen Kommandanten am 2. Mai vor, daß er die Ordnung mit feinen Kräften aufrechterhalten wolle, worauf die japanischen Truppen zurückgezogen wurden. Aber am 3. Mai plünderten regu Iäre chinesische Truppen ein japanisches Haus. Von hinzu tommenden japanischen Patrouillen angegriffen, flüchteten sie in eine benachbarte chinesische Kaserne, von der aus fie auf die Japaner zu feuern begannen. Die Feindseligkeiten dauerten bis zum 5. Mai. Die Chinesen schossen von verschiedenen Stellen auf japa nische Soldaten, ermordeten japanische Staatsbürger und plünder ten japanische Häuser. Unter diesen Umständen verlangte der japa nische Kommandant die Zurüdziehung der chinesischen Truppen auf eine Distanz von fieben englischen Meilen von Tsinanfu und der Eisenbahn nach Schantung. Dieses Verlangen wurde nicht nur nicht erfüllt, sondern chinesische Soldaten und Zivil fegten ihre Angriffe und ihre Plünderungen bis zum 11. Mai forf und konnten nur durch Anwendung von Artillerie überwältigt wer den. Es sind 14 japanische Staatsbürger getötet und 131 japanische Häuser geplündert worden. Die sogenannte Ermordung des südchinesischen Kommissars geschah in Verfolg eines chinesischen Angriffs auf eine japanische Patrouille. Mehr als 12 Chinesen schoffen auf diese Patrouille, die das Feuer erwidern mußte und ihre Gegner überwältigte. Man weiß nicht, ob sich der füdchinesische Kommissar unter den bei diesem Feuergefecht Getöteten befindet."- Die chinesische Behauptung von der Zerſtüm melung des Kommissars weist die japanische Darstellung schließlich als eine Tat, die dem Charakter und den Sitten des japanischen Volkes widerspricht, zurück. Man nimmt in Genf an, daß mit diefer japanischen Antwort die Eingabe des füdchinesischen Außenministers an den Völkerbund erledigt ist, da bisher feine vom Böllerbund anerkannte Macht ein Verlangen auf Weiterverfolgung der Angelegenheit gestellt hat. Bostichedkonto: Berlin 37 536 Bankkonto: Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten Wallstr. 65. Diskonto- Gesellschaft. Depositentasie Lindenstr 3 Die Kriegsächtung. Die neueste Etappe des Imperialismus. Es sind noch nicht vier Wochen vergangen, seit Deutschland dem amerikanischen Vorschlage zustimmte, den Krieg aus der internationalen Politik auszuschalten. Und schon haben auch die übrigen Regierungen Washington geantwortet. England, Italien und Japan haben ihr Ja grundfäßlich gesagt, und das Amen der Vorbehalte hinzugefügt. Frankreichs fritische Stellung ist schon seit längerer Zeit flar. Dieser Notenwechsel über den Kriegsverzicht zwischen den fünf Hauptstädten der Großen Mächte zeigt neue Entwidlungstendenzen der Weltpolitik. Amerikas Vorschlag an die vier Hauptmächte, mit denen es Beziehungen unterhält, knüpft an Verhandlungen mit Frankreich an. Der alte Schiedsvertrag Frankreich- Vereinigte Staaten stand vor dem Ablauf. Er stammte noch aus der Borkriegszeit. Seitdem hatte Frankreich mit den Vereinigten Staaten die Demokratie vor dem deutschen Imperialismus zu sichern, hatte es dann jedoch verzichten müssen. Statt gerettet". Auf ein Bündnis, den Frieden von Versailles dessen hatte es mit Deutschland den Antikriegspakt von Locarno geschlossen. Als man nun wieder mit Amerika verhandelte, lag es nahe, statt des Bündnisses( gegen dritte) auch mit Amerika einen Antifriegspaft zu schließen. Wer sich derart an einen Mächtigen anlehnt, steht selbst um so mäch tiger da. Zugleich dient" man dem Weltfrieden. Der Vorschlag, einen zweiseitigen( bilateralen) Antikriegspakt mit Amerika abzuschließen, hat Briands Friedenspolitik zur Mutter, Poincarés ,, nationale Einigung" zum Bater. Er fand in Amerika eine wohlwollende, ja allzu wohlwollende Aufnahme. Zunächst freilich legten ihn der Staatspräsident Coo lidge und fein Außenminister Kellogg zu den Akten. Diese Art zweiseitigen Kriegsverzichtes erinnerte fatal an das Bündnis. Mit einem Ausdruck aus der bilderreichen Sprache indianischer Büffeljäger hielten die beiden„ das Ohr auf den Boden", um zu hören, wie die Wählermassen auf Frankreichs Borschlag reagierten. Amerika hatte sich zwar 1919 aus dem Tohuwabohu von Versailles, aus dem Völkerbund und von Europa entrüstet zurückgezogen. Doch waren seine Interessen stärker als seine Gefühle; es mußte sich doch wieder mit Europa abgeben. Denn mit dem deutschen Bankrott drohte die Aussicht zunichte zu werden, jemals von den früheren Alliierten die Kriegsdarlehen zurückzuerhalten. Der Dollar sanierte also die Mart, um Lire, Franken und Pfund Sterling zu erhalten. Und der Weltsanierungsrat Dames wurde Vizepräsident der Vereinigten Staaten. Seitdem wird der Staatsfädel Ameritas von den europäischen in letzter Linie von den deutschen Steuerzahlern gefüllt, das Finanzkopital Ameritas verdient an den Anleihen, die die kapitalarmen europäischen Kommunen und Unternehmungen froh sind, in Amerika auflegen zu dürfen, und sein Industriekapital braucht Europa als zahlungsfähigen Käufer seiner überschüsfigen Produktion. 60 Jahre laufen die Kriegsschuldenzahlun= gen; eins, zwei, drei Jahrzehnte die europäischen Anleihen. Mit Sicherheit kann man auf die Zahlungen Europas nur rechnen, wenn Europa seine Wirtschaft nicht wieder durch einen Lebensinteresse jeden Amerikaners. Weltkrieg vernichtet. Der Weltfriede ist also ein Sein praktischer Geschäftsfinn fand bald heraus, wo man den Kampf der Eigenschaft, die ihn am gefährlichsten macht. Und diese mit dem geschäftsstörenden Krieg anfangen müsse: nämlich an Eigenschaft ist, daß die Regierungen und die Parlamente und die Völker in ihren Staatsverfassungen für sich das Recht ja jogar noch die Verfassung von Weimar, die den Reichstog in Anspruch nehmen, Krieg zu führen: das tut ermächtigt, Krieg zu erklären" und dann auch wieder ,, Frie den zu schließen". Will man um die Kriege herumfommen, fo dürfen Regierungen, Parlamente und Völker Kriege nicht mehr führen. Der Krieg darf nicht mehr leztes. Mittel der auswärtigen Politif sein. Den Mord verwirft das Bewußtsein des Kulturmenschen. Ein aufgeklärtes sittliches Lleberschwemmung auch in Böhmen. Bewußtsein verurteilt auch den menschenmordenden Krieg. Die große und die fleine Aupa über die Ufer getreten. Prag, 29. Mai. Infolge der heftigen Regengüsse, die vor Pfingsten niedergegangen find, find die Große und die Kleine Aupa im Riesengebirge über die Ufer getreten und haben Brüden fortgeriffen, Gemeindewege, stellenweise auch Bezirksstraßen und vielfach die Regulierungen vernichtet. An zahlreichen Stellen erfolgten Erdrutsche und dadurch namhafte Beschädigungen der Wege und Straßen. In Trautenau war am Tage vor Pfingsten der Wafferstand derartig hoch, daß eine Anzahl von Brücken für ben Berkehr gesperrt werden mußten. Nur das Aussehen des Regens, der in Schneefall überging, verhinderte den Eintritt einer Katastrophe. Man befürchtete den Durchbruch der Flußdämme. wodurch die Stadt Trautenau ähnlich wie im Jahre 1897, wo 47 Menschenleben den Fluten zum Opfer fielen, überflutet worden märe. Was aber fittlich nicht sein darf das darf auch von Rechtswegen nicht sein. Ist es unser Interesse, den Krieg zu vertreiben, so muß man ihn aus dem öffentlichen Rechte vertreiben: to outlaw war lautet die amerikanische Formel. Das wird den Krieg zwar nicht in allen Fällen verhindern aber es macht ihn doch zu einem Verbrechen und seine Urheber zu Verbrechern. Das ist der Gedankengang, den eine Gruppe von Geschäftsleuten, Politikern und Idealisten um den Borsitzenden des auswärtigen Senatsausschusses Borah popularisierte. Er wurde zu einer politischen Ideologie, als es gelang. der Deffentlichkeit die Müzlichkeit der Kriegsächtung ahnen und flar werden zu lassen. Die Geschäftswelt hatte um 10 mehr Bertrauen, als Attionen in Mittelamerita offensichtlich von der Kriegsächtung nicht betroffen werden: denn im Bewußt sein des amerikanischen Kapitalismus gelten schon seit dreißig Jahren Schiffsexpeditionen und Truppenfandungen in Nita ragua, Kuk>a, Panam« nicht als Krieg, sondern als Polizei« a k t i o n e n,„um Leben und Eigendun amerikanischer Bür- ger zu schütze«". Nach dem Scheitern der großen Seeab- rüstunflskonferenz suchte, im Hinblick auf die Präsidentenwahlen im Herbst, die Regierung Eoolidge nach einem sichtbaren außenpolitischen Erfolg. Es vergingen fünf Monat« nach Frankreichs Antwort: im Dezember nahm Washington Frank- reichs Kriegsverzicht an, aber statt des zweiseitigen schlug es einen mehrseitigen(multilateralen) Vertrag unter den Groß- mächten vor, dem dann alle Staaten beitreten könnten. Damit treten die Vereinigten Staaten aus ihrer Isolie- rung heraus. Die wirtschaftliche Verflechtung der Welt ist zu groß geworden, als daß sie Europa für sich lassen könnten. Amerika hat seine„Kulturmission" entdeckt, es trachtet, die Welt zu befrieden. Die ökonomischen Interessen der Amen- faner haben eine dazu gehörige Idee, die Idee des internatio- nalen Kriegsverzichtes, gefunden. Dieser Radikalismus der amerikanischen Bourgeoisie, nichl nur mit Frankreich Frieden zu halten, sondern gleich ganz Europa zu befrieden, stieß in Paris auf ein Harles Rein. Frankreichs Frieden beruht ja nicht nur auf den Friedensverträgen, dem Völkerbund und Locarno, sondern auch aus seinen Bündnissen. Frankreich will sich vor- behalten, etwa Südflawien oder Polen gegen Angriffe zu verteidigen und gegen jeden Angreifer Krieg zu führen. Ebenso will es, daß leine Bundesgenossen an seiner Seite einen Verteidigungskrieg führen. Das Mißtrauen ist noch so groß, daß selbst Briand sich nicht scheute, auf solchen Bedingungen zu bestehen. Amerika wandte mit Recht ein, daß ein Vorbehalt, Krieg führen zu dürfen, die Kriegsächtung in den Augen der Welt völlig entwerte. Zudem verliere der Kriegsächtungspakt— wie alle internationalen Verträge — von selbst seine Kraft, wenn ihn eine der Vertragsmächte verletze: Frankreich gewänne seine Handlungssrecheit in diesem Fall wieder. Trotz dieser durchschlagenden Einwände hält Frankreich noch an seinen Vorbehalten fest: unter dem Zu- reden der anderen Regierungen und dem Druck der Oeffent- lichkeit beginnt sein Mißtrauen gegen die einfache Formel jedoch langsam zu weichen., Die anderen Regierungen find nicht in Bündnisse ver- strickt. Die Zustimmung Deutschlands war für eine Bürgerblockregierung zwar keine Selbstverständlichkeit— unterschreiben Deutschland und Polen den Kriegsverzichtspakt. so bedeutet das ein Stück Ost locarno, eine neue, über die bisherigen hinausgeltende Verpflichtung, auch dort Frieden zu halten. Aber es gelang, dies neue Stück„Berzichtspolitik" im Dunkel zu halten. So passierte die vorbehaltlose Zuftim- »tung znrKriegsächtung dasKabinett des sterbenden Bürger- blocks. Ebenso hat Italien, ohne Aufhebens davon zu machen, sein Jawort gegeben. Selbst der Faschismus ver- meidet es zurzeit, sich militaristisch zu demaskieren und das mächtige Amerika vor den Kopf zu stoßen. Japan hat zwar keinen Vorbehalt gemacht, aber da Korea annektiert ist, Schantung und die Mandschurei keine„Staaten" sind, so wird der Antikriegspakt dort nicht stören, wo Japan etwa mit Kriegsschiffen und Truppen„lebenswichtige Interessen seiner Bürger" schützt. England hingegen hat sich aus- drücklich vorbehalten, daß auf Gebiete mit„lebenswichtigen englischen Interessen"— Vorderasien, Aegypten— der Pakt nicht anwendbar ist. Da die Vereinigten Staaten ähnlich Mitrelamerika„betreuen", stößt diese Auslegung bei ihnen nicht auf grundsätzlichen Einspruch. Die amerikanische Regierung wird die Verhandluin>g?n über die.Kriegsächtung bis zum Abschluß weitertreiben. Er- folg oder Mißerfolg in dieser Frage entscheiden mit darüber, of» die republikanische Partei im näckssten März wiederkehrt. Aber selbst wenn sie aus anderen, innerpolitischen. Ursachen der demokratischen weichen sollte, so werden doch die Gedanken und die Interessen Amerikas auf das Ziel des Kclloaa-Plans gerichtet bleiben. So ungenügend die Kriegsächtung vom wahrhaft internatio- nalen Standpunkte ist: sie ist ein Schritt auf dem Wege, wenigstens zwischen den kapitalistischen Staaten den Krieg zu beseitigen. Aber auch die Sowjetregi-eiung hat ihre Bereit- .. schoft bereits angedeutet, dem Antikriegspakt beizutreten. Gegen den Nationalismus und Militarismus in Deutschland, � England, Frankreich und den anderen Ländern muß auch die Sozialdemokratie auf die Kriegsächtung drängen: denn ein neuer Weltkrieg würde einen Trümmerhaufen hinterlassen, aus dem auch der Sozialismus keine Frucht mehr zu ziehen vermag « - Der Führer der Sozialistischen Partei Frankreichs, Leon Blum, focderl im„Populoire" nochmals, daß die französische Regierung ihre Borbehalte gegenüber dem amerikanischen Antikriegspaktoor. schlag endlich fallen lasse. Längeres Zögern tönne Frankreich nur in schlechtes Licht setzen. Denn sonst müßten doch in französi- scheu Bündnisverträgen unverantwortliche Bestimmungen entholten seil', die nicht mit dem Kriegsverzicht vereinbar seien und infolgedessen auch gegen den Völkerbund verstoßen müßten. Er hoffe, mit dieser seiner Ansicht ein amtllches Dementi hervorzurufen: aber das einzige wirkungsvoll« Dementi wäre doch nur die vorbehaltlose Unterzeichnung des Antikriegspakt««. „Gwrmfahne"- Wiking. Das Ergebnis der Untersuchungen in Kiel. Niel. 29.»«. Zur Aufdeckung geheimer Zusammenkünfte in Kiel wird weiter mitgeteilt: Der Poli�i wor seit längerer Zeit bekannt, daß von dem in die Magdeburger Wiking-Angelegenheit verwickelten Studenten Ko belins ki in Kiel der Aufbau einer neuen Organisation ver- sucht»erde, die den Namen„S t u r m f a h n e" führte. Die neue Gruppe bestand aus nur wenigen Mitgliedern, die sich in der Woh- nung eines der Beteiligten trafen. Bei dem Mitte voriger Woche erfclgten Zugriff der Polizei wurden fünf junge Leute vorgefunden. die zum Teil Pistolen und Dolche mit sich führten. Nach der polizei- lichen Bernehmung wurden vier von ihnen wieder auf freien Fuß gesetzt, während der Führer Kobelinfki, dessen Bruder der Führer einer Wikinggruppe m Eifenach ist, dem Untersuchungsrichter vor- geführt wurde, von dem er jedoch später auch wieder ent- lassen wurde. Das bei den einzelnen Teilnehmern an den Ber- sammlungen vorgefundene Material Hot bisher keinen Anhaltspunkt ergeben, daß ein« Verbindung mit anderen Orten bestand, doch läßt die ganz« Aufmachung der Gruppe erkennen, daß es sich um ein« Fortsetzung des in Preußen verbotenen Wikingbundes handelt. Die Staatsanwaltschaft hat die Angelegenheit an das Land- geOcht I Berlin weitergeleitct, wo«s zur Abrundiing der dort noch schwebenden Magdeburger Wikwgjache dient. Wie wird's in Württemberg? Große Koalition oder Vürgerblock mit Demokraten... Stuttgart, 29. Mai.(Eigenbericht.) Di« Parteien sind sich darüber einig, daß nach dem katastrophalen Dahlausgang sür die Deutschnationalen die Herrschaft B a z I l l e s beendet ist. Er kann nicht länger Staatspräsident bleiben. Innerhalb der D e u ts ch n a t i onal e n und der Bolks- partei machen sich min Bestrebungen geltend, für den geschlagenen Bürgerblock zu retten, was noch zu retten ist. Da man an die Mög- lichkeit an einer Koalition wie sie früher war nicht mehr glaubt, be- müht man sich, die Demokraten in das Lager des Bürgcrblocks hinüberzuziehen. Es ist verständlich, wenn die Demokraten zunächft keine Lust haben, sich in die Konkursmasse einbeziehen zu lassen. Das Wochenblatt der Demokratischen- Partei Württembergs, der „Beobachte r", schreibt deshalb: „Das Ergebnis der Wahl ist die Ablehnung deutsch- nationaler Politik und die Ablehnung der Rechts- k o a l i t i an. Diese Tatfache liegt so klar zutage, daß eine nähere Begründung überflüssig ist. Klarheit besteht weiter darüber, daß alle diejenigen, denen es um ein gesichertes und nicht Zufälligkeiten aller Art ausgesetzles Arbeiten im württembergischen Landtag zu tun ist, die Große Koalition anstreben müssen. Die Deutsche demokratische Partei wird in dieser Richtung tätig fein." Weiter wird im bisherigen Rcgierungslager der Gedanke erwogen, die wirtschaftlichen Organisationen der Arbeiter und Angestellten einem oerkappten Bürgerblockregime irgend- wie dienstbar zu machen. Gegen diese Methode, die Sazioldemokraris auszuschalten und die Arbeiter zu Objekten einer rein bürgerlichen. eigensüchtigen Politik zu machen, wendet sich unser Stuttgarter Parteiorgan, die„Schwäbische Tagwacht" mit aller Enti schiedenheit:, „Die Berbrsiterung der Rechtskoalition nach links geht aus die Einbeziehung der Demokraten. Darüber wird diese Partei in erster Linie selbst zu entscheiden hoben. Aber es ist«in verhäng- nisvoller Irrtum zu glauben, daß die Gewerkschaften und andere wirtschaftliche Organisationen der Arbeitnehmer— unbe- schadet ihrer Rolle gegenüber jeder Regierung— jemals die M i t- arbeit der Sozialdemokratie jemals entbehrliäz machen könnten oder auch nur wollten. Diese verhängnisvolle Anschauung darf von vornherein nicht unwidersprochen bleiben." llnfcr Parteiblatt m Heilbronn, das„R« ck a r- E ch o" bemerkt zu den Plänen der Reaktion: „Sollten sich tatsächlich Zentrum und Demokraten— so wie es die Stresemänner für Württemberg wünschen— zu einem Bürgerblock gegen die Sozialdemokratie zusammenfinden, so würde unsere Partei einer solchen Regierung und Koalition gegenüber in die schärfste Oppositlons- und Kampfstellung treten. Wir hätten die Wirkungen einer solchen, den Willen der Wähler- schast vergewaltigenden Entwicklung wahrlich nicht zu fürchten." Das Zentrum hat nunmehr das Wort. Aber es fcheini, daß man es hier nicht eilig hat, Farbe zu bekennen. Westarp will gehen? Es kriselt bei den Dcutschnationalen. Von einer Führerkrife bei den Deutschnationalen wissen der„Iungdeutsche" und die„Deutsche Allgemeine Zeitung" zu berichten: beides Organe, die der Rechten nahestehen und in die deutschnationalen Reihen irgendwie hineingehört haben mögen. Nach der„D. A. Z." soll der Partei- und Fraktions- Vorsitzende Graf W e st a r p R ücktrittsabsichten haben, doch nimmt das Blatt an, daß die Partei ihn in feinem Amt bestätigen und ihm selbst ihre notwendig gewordene Neu- organisation übertragen wird. Wollte man aber dem„Jung- deutschen" glauben, lo stünde es um Westarp kritischer, da ihn die oppositionellen Gruppen der Partei für die Wahl- Niederlage verantwortlich machten und seinen Rücktritt forderten. Als Nachfolger in der Führung der Partei halte der „rechte" Flügel den Abgeordneten Schlange- Schöningen, der„linke""den Abgeordneten Treviranus in Bereit- schast. Der jetzt vierundsechzigjährige Graf Westarp ist feit dem Kölner Parteitag vom September 1926 so gut wie unum- schränkter Herr der deutschnationalen Heerscharen. Es war nur folgerichtig, daß die für Diktatur schwärmende Partei zunächst ihren eigenen Betrieb aus die Diktatur einzurichten begann. Stuf den Befehl des Grafen schwenkten die deutsch- nationalen Abgeordneten ein wie die Unteroffiziere. Das Wort des Herrn Lambach:„Der Graf hat es b e- fohlen", das die deutschnationalen Mitglieder eines Reichs- tagsauSfchusses inmitten einer Sitzung zu einem jähen Front- Wechsel veranlaßte, gehört zu den geflügelten Worten der politischen Sprache. Es ist glaubhaft, daß die Diktatur des Grafen durch die Niederlage am 29. Mai ins Wanken gekommen ist. Läßt sich doch die außerordentliche Stellung, d>e er einige Jahre lang einnehmen durfte, nur aus dem Mangel an Perfön- l i ch k e i t e n erklären, an dem feine Partei leidet. Graf Westarp war als Nachfolger Heydebrands Vorsitzender der konservativen Partei, er hat zuerst diesen Vorsitz niedergelegt, um den der Deutscknationalen zu übernehmen, und hat schließlich infolge eines Konflikts, der während des Wahlkampfes ausbrach, auch feine Mitgliedschaft bei den Konservativen aufgegeben. Das ändert aber nichts daran, daß er nach der ganzen Struktur seines Geistes und Gemüts ein alt preußischer Kanserva- t i» c r ist, das heißt, ein Mann, der der ganzen Entwicklung der letzten zehn Jahre sassungs- und Verständnis- los gegenübersteht. Das Kokettieren mit der völkischen Ka- naille mag ihm, für den der adlige Großgrundbesitz stets die Blüte der Nation bleibt, ebensowenig gefallen wie das Dienern von der unebenbürtigen Großindustrie. Trotzdem ist er als Parteiführer aus einem Kompromiß ins andere hineingerutscht. So entstand vielfach der Eindruck, daß die Deutschnationale Partei gar nicht handelte, fondern nur förm- lich an den Haaren in ihr Schicksal bis zur Wahlniederlage hineingefchleift wurde. Nach alledem wäre es begreiflich, wenn die Deutfchnatio- nale Partei ihre bisherige Führung mit einiger Sorge be- trachtete. Wenn Westarp dennoch Aussicht hat, durch ein sogenanntes„überwältigendes Vertrauensvotum" in seiner Fuhrerstellung bestätigt zu werden, so oerdankt er das der völligen Unzulänglichkeit der Männer, die als seine mutmaß- lichen Nachfolger bezeichnet werden. Das Wort von dem Einäugigen unter den Blinden gilt eben auch und ganz be- fonders für die Parteien der Diktatur. ,/Vonvaris"-Leser, seid benihigi! Oie„Kreuzzeitung" rät es euch. In seinem Sonntags-Leitartikcl hott« der„Vorwärts" gesagt, in der neuen Regierung werde es vor allem ollf die Personen ankommen, diese müßten den Parteien die Sicherheit geben, daß sie im Kabinett gut vertreten seien. Di«„Krcuzzeitung" druckt das ab und bemerkt dazu: Es wird„vor allein von Persönlichkeiten abhängen". Be- kanntlich hat sich die Sozialdemokratie im Preußenkabinett mit nur A w f, S i p e n begnügt, und sie hat es trotzdem verstanden, der Preußenregierung ihren Stempel aufzudrücken. W i r sind sicher, daß sie auch für das künftige Reichs- kobinett die„Persönlichkeiten" finden wird, die „mir der Geltendmachung jhrrr Ansichten im neuen Kabinett nicht zu kurz kommen werden". Di«„V o r w ä r i s"- L c s e r dürfe» also ganz beruhigt sein. � Wir erlauben uns, der Redaktion der„Kreuzzeitung" namens unserer Leser sür diese Worte der Beruhigung linseren liesgefühlten Dank auszusprechen, ebenso namens unserer Parteiführung den Dank sür das sie ehrende Vertrauen. Hoffentlich behält die„Kreuzzeitung" recht und wird es der neuen Regierung an energischen und geschickten Persönlichkeiten aus der Sozialdemokratischen Partei nicht fehlen! Erfreulicherweise können ja auch die„Kml&eiwng"- Leser beruhigt sein angesichts der Tatsache, daß die Keaidell, Hergt, Schiele und Koch schckn den Spediteur für ihren Umzug bestellt haben, diese Blamage der Deutschnationalen Partei also endlich einmal aufhört. Immer dasselbe. Reichswehr, Turner und Konsumvereine. Der Dresdener Konsumverein„Vorwärts" feiert am Sonntag, dem 19. Juni, sein vierzigjährige? Bestehen und beabsichtigt an diesem Tag einen Fest- und Werbeumzug. Um den Straßen- verkehr nicht zu behindern, wandte er sich an die Militäroer- waltung mit der Bitte, den Alaun-Platz in Doesden-Neustabt, der der Militärverwaltung untersteht, an diesem Sonntag für einige Stunden als Aufftcllplatz benutzen zu dürfen. Darauf kam zunächst folgender Bescheid: „Bevor Ihrem Antrage nähergetreten werden kann, bittet dia Kommandatur um Angabe, welchen Charakter der Festzug tragen wird, was die einzelnen Gruppen des Festzuges zur Darstellung bringen, ob yorteipolitifcheFahnen bzw. Schilder mitgeführt werden und ob überhaupt das gesamte Gepräge des Festzuges parteipolitisch abgestimmt ist." Der Konsumverein berichigte die Militärverwaltung: es handle sich um eine neutrale wirtschaftliche Bereinigung. Zweite Antwort der Kommandantur Dresden: „Ihrem Antrag auf Ueberlafsung des Alaunplatzes zur Auf- stellung des Werbeumzuges kann aus folgenden Gründen nicht entsprochen werden: Der Festzug verfolgt, wie aus dein Schreiben des Konsum- vereüis„Vorwärts" hervorgeht, Werbezwecke für eine Wirtschaft- liche Organisation. Hierzu heereseigene Liegenschaften zur Ver- fügung zu stellen, ist aus grundsätzlichen Erwägungen heraus nicht angängig. Außerdem dürfen nach den Bestimmungen des Heeres-' ocrordnuiigsblcittes 1926, Nr. 334, Ziffer 2. Exerzierplätze, die— wie der Alaunplay— außerhalb eines Kasernenbereichs liegen, nur zu sportlicher Betätigung für zivil« Vereine p. p. überlassen werden. Dieser Fall liegt nach dem Antrag des Kon- jumoercins„Vorwärts" jedoch nicht vor." Nun ist es mit der sportlichen Betätigung für zivile Vereine aber auch so eine Sache. Denn vor gar nicht langer Zeit erhielt der Pie- schöner Arbeiterturnverein ein Entscheidung des Reichs- Wehrministeriums, gez. G r o e n e r, in der den Pieschen«: Turnern die Spielgenehmigung auf dem von der Reichswehr als Ererzierplotz benutzten Heller verweigert wurde, well sie— Sozialdemokraten seien. Dabei haben die Pieschener Turner diesen Platz seit 1894, also 24 Jahre lang, unter kaiserlich-konser- vativer Herrschaft benutzt, ohne daß es zu einem Konflikt gekommen wäre! Es ist uns unbekannt, ob Reichswehrminifter Groener wußte. was gespielt wurde, als er seine Unterschrift unter die Entscheidung setzte. Die beiden Fälle lassen jedenfalls erkennen, daß innerhalb der Reichswehr auch heute noch der Neutralität serlaß dazu mißbraucht wird, um neutrale, den betreffenden Stellen nicht genehme Organiso- tionen zu schikanieren und zu boykottieren. Reichswehrminister Groener würde, wenn er dos duldet, sehr bald indieLageseines Vorgängers kommen, den man schließlich als Attrappe für Unter- nahmungen gebrauchte, die mit einem die Reichswehr auf« äußerst« konpromiltierenden Kladderadatsch endeten. Das Reich hat ein Inter- esse daran, daß Geßler nicht umsonst zurückgetreten ist. Gin Oberst erschießt seinen Spielpartner Sowno. 29. Mai. In dem Vergnügungklokal Dilnis in der Loisves Aleja wurde in der vergangenen Nacht der Rechtsanwalt Nareika von einem Oberst der Armee beim Kartenspiel durch mehrere Revolver, schüsse schwer verwundet. Noreika war lange Zeit Rc- dakteur der„Lietuvos" und politisch tätig. Es ist jedoch sehr un- wahrscheinlich, daß der Zwischenfall einen politischen Hintergrund hat. Bedenkliche Journal, slenpraxiz. In der Pfirigstausgab« dos ,B-Uhr Moskauer Zureden. Deutschrussische Freundschaft trotz Schachtyprozeß! Den Moskauer Machchabern wird bange um die Wir- kung ihres Prozesses gegen die deutschen Techniker. Weit im lechnisch so rückständigen Rußland unfähige Leute oder der allmächtige Bureaukratismus moderne Maschinen kaputt- machen, müssen deutsche Techniker durch verlauste Sowjet- kecker geschleppt und in Moskau wochenlang als Erzfeinde der Sowjetherrschaft öffentlich zur Schau gestellt werden. Lächer» liche Zeugenaussagen werden durch das ganze Riesenreich ge- funkt, in der monopolisierten Sowjetpresse breitgetreten— die von der Verteidigung vorgeschlagenen Entlastungs- zeugen wurden fast ausnahmslos abgelehnt! Diese Behandlung, zu der noch die wilde„Agitprop"- Hetze gegen alle„Spez" kommt, die Deutschen inbegriffen, muß die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen schädigen, muß die Weigerung deutscher Techniker und Monteure nach sich ziehen, nach Sowjetrußland arbeiten zu gehen. Das erkennt man auch im Kreml und läßt daher seinen„Zeitgenossen" im Regierungsblatt„Iswestija" schreiben: Auf der Anklagebank des Kolonnen-Saales sitzen nicht das Deutsche Reich, nicht die deutsche Industrie und nicht deutsche Firmen „als solche", sondern deutsche Staatsangehörige, denen eine Reihe gesetzwidriger Handlungen zugeschrieben wird. Der Vorsitzende des Gerichts hat ausdrücklich hervorgehoben, daß wederdieTechnik des Maschinensystems noch die Auslands firmen einen Urteils- spruch zu erwarten haben, sondern Einzelpersonen, die schädigende Handlungen verübt haben. Der„Zeitgenosse" hält sich über die an- geblich tendenziöse Berichterstattung der deutschen Presse auf und sagt:„Es ist Zeit, nachzudenken, in welchem Maße eins derartige Kampagne geeignet ist. die freundschaftlichen deutsch-russi- schen Beziehungen zu festigen oder zu schwächen." Die schlechteste Methode der Verterdigung Deutscher sei eine Diskreditierung des Ober st en Gerichtes und der Sowjetregierungsorgane überhaupt. Diese Methode könnte„ungeheuren Schaden bei der Erweiterung der deutsch-russischen Beziehungen verursachen, die während einer Reihe von Iahren eine gleichartig positive Bewertung von beiden Seiten erfahren hat". Kein Mensch in der Sowjetunion glaube, daß das Oberste Gericht über die Beziehungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion Gericht halte, neue Linien in diesen Beziehungen zu konstruieren oder überhaupt Aenderungen plane. Die bisher erzielten positiven Ergebnisie dieser Politik sprächen dafür, daß k e i n e r l e i Aenderung der bestehenden Freund- schaftspolitik erwünscht sei. Wir nehmen gern zur Kenntnis, daß dos Moskauer Re- gierungsorgan die Freundschastspolitik mit der sogenannten „hindenburgrepublik" auch dann fortsetzen will, wenn an Stelle der sympathischen Deutschnationalen mindersympathi- sche Sozialdemokraten in der Reichsregierung sitzen. In der Richtung einer solchen Freundschastspolitik läge es jedoch, wenn man den angeklagten Deutschen uneingeschränktes Verteidigungsrecht aeben und auch ihre Eni- l a st u n g s zeugen hören wollte. Räumung und Gegenleistung. Gin Mißverständnis des„Temps". Der Pariser„Temps" erblickt in unserem am vergangenen Fret- tag erschienenen Artikel„Zlußenpolitische Konsequenzen" den Beginn ein«» Feldzuges zugunsten einer vorzeitigen Rheinland- räumung ohne jegliche Gegenleistung. Das ist ein schwer erklärliches Mißverständnis. Denn in diesem Artikel war ausdrücklich bewnt worden, daß wir„die michtvrnen, praktische« Fragen nicht oerkeimen, die gleichzeitig geregelt werden können oder deren Regelung zumindest grundsätzlich gemeinsam ins Auge gesaßt werden kann". Cs wurde weiter in diesem Zusammenhang das Weltkriegsschuldenproblem, insbesondere die Mobilisierung der deutschen Dawes-Obligotionen erwähnt. Der Berliner Kdrrcspondent de»„Temps" hat in gewisscnhaster Weise bei der Uebermittiung eines Auszuges aus dem„'Vorwärts"- Artikel auch diese Stellen zitiert. E« ist daher nicht recht verstand- lich. wie das Pariser Blatt behaupten kann, wir wollten für eine Räumung ohne jegliche Gegenleistung Stimmung machen. Richtig ist, daß wir auf dem Standpunkt stehen, es läge im Interesse b eider Länder, wenn man in Frankreich erkennen würde, daß. je schneller geräumt wird und je weniger die Räumung den Charakter eine« Geschäfts trägt, desto bester für die Festigung d«r freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deuschtand und Frank- reich. Aber wir misten auch, daß man leider m Frankreich noch nicht so weit ist. den Vorteil einer solchen Handlungsweise zu er- kennen. Und da wir nicht Politik in den Wolken zu treiben pflegen, sehen wir die Notwendigkeit einer sogenannten Gegenleistung durchaus ein. Wer wir machen nochmals daraus aufmerksam: j« länger man wartet, desto mehr verringern sich für das deutsche Volk die Le- Häutung des Problems. Konkret gesprochen: die zweite(Koblenzerf Zone soll vertragsgemäß spätestens am lv. Januar 19.V) geräumt sein. Glaubt man in Frankreich, daß es bei den Deutschen als am de- sonderes Entgegenkommen empfunden werden würde, das«ine wesentliche Gegenleistung verdiente, wenn man diese Koblenzer Zone etwa sechs oder neun Monat« vor diesem Termin zu räumen geruhte? Wir sind überzeugt, daß jeder nüchtern denkende Franzose, sofern er die deutsch-franzöfstche Annäherung wünscht, die Richtigkeit diese« Gedankens ohne weiteres anerkennen wird. Ketidells Giudentenpoliiit. Finanziert er die völkischen Studentenschaften? Im„Nachrichtendienst des Deutschen Studentenverban- des" heißt es: „Alle deutschen Länder mit Ausnahme von Bayern, Württem- berg und Thüringen hab«n die Erhebung von Zwangsbei- trägen für die völkische Deutsche Studentenschaft untersagt. Trotzdem besteht die Zentrole der Deutschen Studentenschaft in Charlottenburg unverändert fort. Wie der Deutsche Swdentenverband aus zuverlästiger Quell« erfährt, erfolgt jetzt die Finanzierung der Deutschen Studentenschaft zum Teil durch rheinische Großindustrielle. Die Etatmittel für das Amt für politische Bildung hat die Deutsch« Studentenschaft gestrichen, trotz- dem wird dies« aber in nächster Zeit drei politische S ch»- lungswochen veranstalten. Es wird außerdem bekannt, daß bereits die letzte Schulirngstagung der Deutschen Studentenschaft nicht von dieser jmmgiert wurden sondern daß h-eyzn sowohl der Da wird's einem„bang"! Dr. Bang:„Gerade der Wahlausfall zeigt besser als irgend etwas, daß die deutsche Frage schlechthin eine Frage derFührungist-- — aber wo sind denn meine Anhänger?-' „Denen ist Ihre Führung zu schlechte Spannung Rom— Belgrad. Kundgebungen und proiestnoien. In allen größeren Stödten S ü d s l a w i e n s ist es in den letzten Tagen zu erregton Kundgebungen gegen die Inkraftsetzung der Verträge mit Italien gekommen, die seinerzeit zu Nettuno ab- geschlossen worden sind. Die erfolgreichen Verhandlungen Italiens mit den Nachbarstaaten Südilawicns zur Sicherung italienischer Vorherrschast. aus dem Balkan über Aldanien hinaus haben das südslawische Volk schwer beunruhigt und das äußerte sich überall in Aufmärschen gegen die italienischen Konsulate, auch im Herunterreißen italienischer Fahnen. Die südslawisch« Polizei ist dann sehr energisch gegen die Kundgebungen vorgegangen, hat in Balgrad sogar eine Anzahl Studenten durch Säbelhiebe oerletzt. Auch in Agram(Zagrob), wo u. a. ein Zeitungsbild Mussolinis in einer Versammlung verbrannt worden ist, in Laibach(Lubljana) und in Ragusa(Dubrovnik) sind Verletzungen vorgekommen und' Verhaftungen erfolgt. Der italienische Gesandte. General Bodrero, hat in Belgrad eine scharse Protestnote überreicht. Der Vertreter de; Außenministers sprach ihm sofort das Bedauern der Regierung über die Zwischenfälle aus, wies aber gleichzeitig daraus hin, daß in zahl- reichen italienischen Stödten jugoslawiensei nd liche Demonstrationen vorgekommen seien. Er zeigte dem Gesandten auch die amtlichen Berichte über die Demonstrationen, wonach die Po- lizei überall das Vermögen der italienischen Staatsbürger so- wie der italienischen Firmen und die diplomatischen Bertretun- gen Italiens gegenüber den Demonstranten in Schutz genommen hat. Bodrero betonte, daß die sich wiederholenden Demonstrationen in Jugoslawien die Beziehungen der beiden Lander sehr ungünstig beeinslußten. Sektionschef Bakotitsch erwiderte, daß diese Demonstrationen durch die Zwischenfälle in Italien pravozierk worden seien, und daß die Belgrader Regierung es für ihre Pflicht halte, in Rom hiergegen die notwendigen diplomatischen Schritte zu unternehmen. Das ist denn auch bereits geschehen. Der südslawische Gesandt« in Rom, General R a k i t s ch, hat bei dem Staatssekretär Grand! oorgesprochcn, und zwar wegen der in verschiedenen italienischen Städten gegen Jugoslawien vorgekommenen Zwischenfälle, die auch an dem Vermögen jugoslawischer Bürger Schaden verursacht hotten. Er hat darauf hingewiesen, daß in Z a r a(der zu Italien geschlagenen ehemaligen Hauptstadt Dalmatiens) faschistische De- monstranten jugoslawische Geschäftsläden geplün- d e r t und sogar den jugoslawischen Konsul Simitsch tätlich an- gegrisseu hätten, daß ferner in mehreren italienisäien Städtetz die jugvslawische Fahne heruntergerissen und das- Bild de? Königs Alexander zerfetzt worden sei. Die jugoslawisch« Regierung könne diese Demonstrationen nicht ohne weiteres hin- nehmen und sei angesichts der langen Reihe von Anlässen zu Bc- schwerden genötigt, Genugtuung zu sordem. Staatssekretär Grandi erwiderte, daß die italienische Regierung schriftlich antworten werde. Inzwischen geht es an der albanischen Grenze wieder kos. Das offiziöse Pressebureou in Tirana meldet, eine Bande unter Führung von Kojo Isnus Ee sm a und Demir P o l o s k a, beide in Serbien ansässig, habe die Grenze überschritten und das Dorf Tushenisht in der Rahe der Grenze geplündert. Dabei sei der Priester Dimitri Bellkameni er m ordert worden und die Täter nach Jugoslawien zurückgekehrt. Der ermordete Priester sei durch seinen albanischen Patriotismus bekannt gewesen und sein Tod habe tiefen Eindruck gemacht. Hans Dampf in ollen Batkongassen. Athen, 29. Mai.(Eigenbericht.) Der italienische Gesandte hat dem Außenminister mitgeteilt, daß der italienisch-türkische Pakt am Mittwoch in Rom unter- zeichnet wird. Italien sehe sich dazu genötigt, weil die griechisch- türkischen Vertragsverhondlungen verzögert feien. Wieviel Musso- lini daran liegt, die Hände in allen Balkandingen zu haben, ergibt sich aus der ausdrücklichen Zusicherung des italienischen Gesandten, daß Italien bereit sei, in Angara zwischen Griechen und Türken zu vermitteln und in der zum Ausdruck gebrachten Hoffnung, daß die mnerpolftifche Entwicklung in Griechenland die Verhandlungen des griechischen Außenministers mit Mussolini nicht unmöglich machen möge. R« i ch s m i n i st e r v o n K e u d e l l als auch das thüringische Ministerium ihr Scherslein beigetragen haben sollen. Herr von Keudell will sich übrigens auch noch in einer anderen Angelegenheit für seine' studentischen Freund« bemühen: das Deutsche Hochschutamt für Leibesübungen, an den, bisher die Deutsche Studentenschast maß- geblich und finanziell beteiligt war, soll in Zukunft gleichfalls aus dem Ministerium des Innern von Herrn von Keudell unterstützt werden. Wenn auch die Wahlen den Förderer der völkischen Deut- sehen Studentenschast nicht allzulange mehr in seinem Ministerium wirtschaften lassen werden, so ist doch die Mitteilung dieser Dinge notwendig. Zum mindesten wird den beteiligten Kreisen Gelegenheit gegeben, sich dazu zu äußern." v. Keudell hat schon wiederholt gezeigt, daß er sich der extrent völkischen Deutschen Studentenschaft nahe ver- wandt fühlt. Als der preußische Kultusminister die deutsche Studentenschaft vor die Entscheidung stellte, ent- weder ihre verfassungswidrigen Satzungen zu ändern oder auf die staatliche Anerkennung zu verzichten, bekundete er öffentlich seine Sympathien für die völkische Studentenclique, die sich über den Willen des Parlaments, des Staatsministe- riums hinwegsetzen und Gesetz und Verfassung mißachten zu können glaubte. Es wäre deshalb dringend notwendig, diese dunkle Finanzierungsgcschichte aufzuklären. Die Gelder des Reiches sind nicht zur Unterstützung einer Studentengruppe da, deren Tendenzen die Mehrzahl der Länderregierungen aufs schärfste mißbilligt. Rückgang der unterstützten Arbeitslosen Llm 11,9 proz. bei den männlichen. Die Zahl der haaplunterstützvagsempfänger in der Arbeitslosenversicherung ging in der ersten Hälfte des Monats Mai von rund 729 300 am 30. April auf 642 2 00 am 15. Mai, also ura rund 87 100 oder um 11,9 JJtoj. Zurück. Dieser Rückgang entfällt wiederum mit 84 700 s a st o u»- schließlich auf die Männer, während sich die Zahl der nnterstühlen Frauen avch diesmal nur wenig(um 2400 oder l.6 pro;.) verringert hat. Die Zahl der hauptempfänger von Srifenunter- stühung hat in der ersten Hälfte des Mai fast in dem gleichen Maße abgenommen wie in der vorhergehenden verichtszeik. Sie sank von rund 162 400 auf 142 900 oder um 12 Pro;. Die Zahl der Rotstandsarbeiter ist in der Derichtszeit wiederum gestiegen, und zwar um 1.7 pro;. Sie betrug am 15. Mal rund 91 00 0. Davon waren vorher in der Arbeits- tofenverficherung 70 400 unterstützt worden. Krtfenunlcrstühung hallen 2l 500 erhallen. Auf lOO hauplunlerstühungsempfänger in der Arbeitslofenfürsorge entfielen somit 11. auf lOO hauptunter- ftühungsempsänger in der Krisenjvrsorge 154 Rotstondsarbeilrr. Sozialpolitik in der Welt. Bur elften Tagung der Internationalen Arbeitskonferenz. Heute beginnt in Genf die elfte internationale Arbeitskonferenz, eine Art internationales sozialpolitisches Parlament. Bei weitem nicht alle Regierungen gehen mit dem guten Willen ans Wert, die Ecztalgesetzgebung in der Welt vorwärts zu bringen. Viele Regierungen, die dieser Gesetzgebung feine direkten oder indiretten Hindernisse in den Weg legen, find wiederum für den Fortschritt der internationalen Sozialpolitik von faum erwähnenswertem Nuzen. Entscheidend wird in diesen Fragen immer sein, wie die sozial politische Gesetzgebung gestaltet ist in den großen Industrie ländern. Sowjetrußland hat fih freiwillig ausges haltet, obwohl es seit einigen Jahren immer intensivere Beziehungen zum Internationalen Arbeitsamt in Genf unterhält, so daß dieses sich ernsthaft mit dem Gedanken trägt, auch in Mostau ein Bureau zu errichten. Aber vorerst steht Sowjetrußland noch im Schmollwinkel, statt hier praktisch für die internationale Arbeiterschaft zu wirken. Es ist eben viel bequemer, Albert Thomas, dem Direttor des Internationalen Arbeitsamites, wegen seiner unermüdlichen und unerschrockenen Arbeit für den Schutz des Proletariats als Berräter" zu beschimpfen und im übrigen die Weltrevolution" zu predigen. Die Arbeit überläßt man anderen. " Der umfangreiche Bericht des Direttors bes Internationalen Arbeitsamtes, der auch in deutscher Sprache vorliegt, gibt ein anfchauliches Bild von den Fortschritten und Hemmnissen der inter. nationalen Sozialpolitik im abgelaufenen Jahre. Hier wurde die Entwicklung übrschattet von dem plötzlichen Angriff Englands auf das Ablommen über den Achtstundentag, ein Angriff, der ja nunmehr als zurüdgeschlagen betrachtet werden kann. Aber davon abgesehen, hat England auch in allen anderen Fragen offen oder insgeheim eine sozialpolitische Obstruktionspolitit getrieben. Für Deutschland braucht nht besonders hervorgehoben zu werden, daß auch die Bürgerblock regierung in Deutschland nicht gerade ein Motor der internationalen Sozialgefeßgebung gewesen ist. Sehr aufschlußreich sind die Zahlen über die wirtschaftliche Be megung im Jahre 1927. Der Bericht zeigt auf, daß die Weltpro. Internationaler Bergarbeiterkongreß. Am Montag wurde in Nimes in Anwesenheit von 142 Dele gierten, die zehn Länder vertreten, der 18. Kongreß des Internationalen Bergarbeiterverbandes von seinem Präsidenten Herbert Emith eröffnet. Smith wies in seiner Eröffnungsrede darauf hin, deh hauptsächlich zwei Fragen die Debatte beherrschten, nämlich 1. die der Pensionen für die Bergarbeiter und 2. die der Nationalificrung der Bergwerke. Der Wortführer der deutschen Delegation forderte eine ternationale Untersuchung über die Ursachen der Stockung im lenabsag und die dadurch bedingte Notlage der Bergarbeiter. ( ne solche Untersuchung ftelle zwar feine Heilmittel bar, aber fie Inne nußbringend darüber aufklären, wo die Hebel zur Befferung arzusehen seien. Der tschechoslwatische Delegierre 9ohl bekämpfte diesen Vorschlag. Eine Untersuchung dieser Art ante teine neuen Tatsachen als die schon längst bekannten zulage fördern. Der holländische Delegierte Banderbelt und der erglifche Delegierte Coof dagegen unterstügten den deutschen Vorfag. Coof gab einige Gründe an, die nach seiner Ansicht zur Einränkung des Kohlenverbrauchs geführt haben, vor allem die Entndlung der Delfeuerung und die Berbesserung der Heizapparate. cine Befferung herbeizuführen, forderte er in erster Linie die Tereinheitlichung der Arbeitsbedingungen in allen tohleerzeugenden Ländern sowie die Propagierung des Kohlenkonsums in den Ländern, die bisher weniger Kohle brauchten. Nimes, 29. Mai.( Eigenbericht.) Der Internationale Bergarbeiterfongreß nahm am Dienstag nach einer gründlichen Debatte zu dem Problem der internationalen Kohlenregelung eine Entschließung an, in welcher das Inter nationale Arbeitsamt aufgefordert wird, eine Welttonferenz einzuberufen. Diese Konferenz foll fich mit dem internationalen Rohlenproblem befaffen. Die Konferenz forderte außerdem die Ratifizierung des Washingtoner Abkommens und protestierte gegen jede Revision. Tagung der Eisernen Internationale. London, 29. Mai. ( Eigenbericht.) In London trat am Pfingstmontag das Zentralkomitee der Internationalen Bereinigung der Metallarbeiter zu einer mehrtägigen Sigung zufammen, in der unter anderen wichtigen Fragen auch die Achtstunden tagtonfention zur Sprache fommen soll. Das Komitee beschäftigte sich am Dienstag mit der Frage des Pflichtbeitrags der Landesgewerkschaften im Falle von schweren Kämpfen mit internationaler Bedeutung. Da die der Internationale angeschlossenen britischen Ge werffchaften infolge ihrer ungünstigen Lage nicht in der Lage find, im gegenwärtigen Augenblick eine solche weitere finanzielle Berpflichtung einzugehen, wird dieser Pflichtbeitrag zunächst nur für diejenigen angeschlossenen Gewerkschaften in Geltung treten, die sich für die Einführung des Pflichtbeitrages ausgesprochen haben. Es handelt sich hier um die überwältigende Mehrzahl der Metc Tarbeitergewerkschaften. Das Zentralfomitee beschloß ferner, der Pariser 3entrale des italienischen Metallarbeiterverbandes auf zwei Jahre jährlich 3000 Schweizer Franken zu überweisen. Ein flare Entscheidung. Die Gewertschaftszentralen in Dänemar? und Schweden haben es abgelehnt, mit dem Norwegischen Gwert. schaftsbund zusammenzuarbeien, solange diefer nicht dem JGB. an. geschloffen ist. Hoffentlich führt dieser Beschluß mit bazu, daß die Gewert. Ichaften in Norwegen das jahrelange Hin- und Herpendeln zwischen Iduktion, soweit wir darüber eine Statistit befizen, im Jahre 1927 trotz der in der ganzen Welt teilweise ganz erheblich verkürzten Arbeitszeit gestiegen ist im Vergleich zu 1913. Setzt man die Produktionszahl von 1913 gleich 100, so ist die Erzeugung von Stein fohle 1927 gleich 106,7, die Erzeugung von Erdöl hat den ungeheuren Sprung von 100 auf 326 gemacht. Die Weltproduktion in Gußeisen ist im selben Prozentverhältnis auf 108, die von Rupfer auf 155,7, von Blei auf 134,6, von 3int auf 133,5 gestiegen. Auch die Erzeugung von Weizen stieg von 100 auf 115. Aehnlich liegen die Verhältnisse in anderen landwirtschaftlichen Produften, über die wir Vergleichszahlen besitzen. Diese Produktionssteigerung, die ja auch eine Verbrauchssteigerung bedeutet, ist eingetreten, obwohl nicht nur die Arbeitszeit verkürzt worden ist, sondern auch gleichzeitig das Heer der Arbeitslosen im Verhältnis zur Borfriegszeit ganz ungeheuer gestiegen ist. Wir müssen uns leider versagen, im einzelnen auf den Bericht einzugehen. Wir möchten zum Schluß inur noch eine Frage furz streifen. Wiederholt ist an dieser Stelle auf den unhaltbaren Zustand hingewiesen worden, daß die Veröffentlichungen des Internationalen Arbeitsamtes offiziell nur in französischer und englischer Sprache erscheinen. Während in den offiziellen Amtssprachen die Beröffentlichungen einen Umfang von 5500 Druckseiten tragen, find in deutscher Sprache im abgelaufenen Jahre 3300 Seiten erschienen, oder das Dreifache vom Jahre 1926. Wenn man den Fortschritt anertennen muß, so möchten wir doch feinen Augenblick einen Zweifel barüber auffommen lassen, daß alles nur ein Notbehelf ist. Es ist auf die Dauer eine Unmöglichkeit, daß man internationale Politit macht und dabei die deutsche Sprache als wohlgelittenen Armen behandelt. Internationale Sozialpolitit fann nur mit den Maffen der Arbeiter gemacht werden. Das wird sich, wir wollen es hoffen, besonders in den nächsten Jahren erweisen. Zu den Trägern der Sozialpolitik Dingen die Arbeiterschaft in Deutschland und in den deutschsprachigen Ländern. liche Mängel feststellen. Man tann aber, felbst bei einer völiigen Außerachtlassung politischer Grenzen von Stad- und Landkreisen, über das, was das Gesetz Berücksichtigung wirtschaftlicher Zusammenhänge nennt, sehr geteilter Meinung sein. Im ganzen wird jedoch die räumliche Gliederung der Reichsanstalt weit zweckvoller sein, wie die alte Organisation des öffentlichen Arbeitsnachweiswesens. Doch die beste bezirkliche Abgrenzung allein tut's nicht. Sie ermöglicht nur ein qualitativ hochstehendes Arbeitsamt. Dazu gehört neben einer guten räumlichen Unterbringung und technischen Ausrüstung: Ausbau der Arbeitsvermittlung durch disserenzierte Fachvermittlung und Ausbau der Berufsberatung. Erst in der richtigen Lösung dieser Aufgaben wird die Reichsanstalt ihre Ueberlegenheit gegenüber der alten Organisation erweisen müssen. Sie wird es nur dann, wenn in ihr Menschen am Werk sind, die erfüllt sind von der Größe ihrer sozialen Aufgabe. Streif bei Mix& Genest. In der Montageabte lung, Bülowstr. 66, ist gestern ein Streif wegen Lohndifferenzen ausgebrochen. Zur Achtstundentagdebatte. Genf, 29. Mai.( Eigenbericht.) Anläßlich eines Presseempfangs prophezeite der Direktor des Internationalen Arbeitsamts, Thomas, eine Achtstundentagdebatte auf der kommenden Arbeitstonferenz. Thomas sicht aber in der Frage des Achtstundentages absolut optimistisch. Kein Staat von Bedeutung fönne sich heutzutage der moralischen Verpflichtung der Durchführung der achtstündigen Arbeitszeit entziehen. Je mehr man die praktischen Verhältnisse der einzelnen Länder untersuche, um so mehr ergebe sich, daß der Achtstundentag, trop des Nichtinkrafttretens des Washingtoner Abfommens, immer vollkommener eingeführt werde. Trotzdem sei die Durchführung einer internationalen Achtstundentagfonvention absolut notwendig, da nur sie den Arbeitern die internationale Garantie dafür geben könne, daß die achtstündige Arbeitszeit in Zukunf: und in aller Welt bestehen werde. Bis jetzt haben 48 Länder Bertretungen zur Arbeitskonferenz entsandt. unter der Arbeiterschaft der ganzen Welt gehört aber vor allen Drei Bergbauschiedssprüche für Oberschlesien. Die neuen Arbeitsämter. Der Kreis ihrer Aufgaben. Durch die Beschlüffe des Vorstandes der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung über die Abgren zung der fünftigen Arbeitsämter sind nunmehr auch die Boraussetzungen für eine baldige Eingliederung der öffentlichen Arbeitsnachweise in die Reichsanstalt geschaffen. Der nächste Reichs- Arbeitsmartt- Anzeiger" wird ein Berzeichnis der neuen Arbeitsämter bringen. Damit sie sobald wie möglich in Funktion treten können, ist notwendig. Die Bertreter der Arbeitnehmer und Arbeitgeber bestellt eine schleunige Bestellung der Berwaltungsausschüsse der Borsigende des Landesarbeitsamtes auf Grund von Vorschlags. listen ihrer wirtschaftlichen Organisationen. Vorschlagsberechtigt find Borschläge durch öffentliche Bekanntmachung in ortsüblicher Weise aber nur tariffähige Organisationen. Das Landesarbeitsamt hat die einzufordern. Für die Bestellung ist die Reihenfolge in jeder Vorfchlagsliste maßgebend. $ Mit der Errichtung der neuen Arbeitsämter ist zunächst mur die territoriale Gliederung der Reichsanstalt beendet. Der leitende Gesichtspunkt bei der Abgrenzung der Arbeitsamtsbezirke war, Arbeitsämter zu schaffen, die möglichst weitgehende Ausgleichs möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt in sich schließen, Arbeitsund Wohngemeinde möglichst zusammenfassen und durch die Größe ihres getrennten Aufgabengebiets in jeder Beziehung ein qualitativ hochstehendes Arbeitsamt ermöglichen. Ob das in allen Fällen gelungen ist, fann in diesem Zusammenhang unerörtert bleiben. Bisher wird das kritische Auge in der räumlichen Ausdehnung mancher Arbeitsämter erheb Am 25. Mai 1928 verschied nach furzem, fchwerem Leiden mein lieber Mann, unser herzensguter Bater, Bruder, Schwager und On'el Fritz Schallhorn im 35. Lebensjahre. In tiefer Trauer und im Namen der Hinterbliebenen Elisabeth Schallhorn Berlin. 27. Mai, Revaler Str. 12. Die Einäicherung findet am 31 Mai, , 13 Uhr, im Krematorium Baumfculenmen, Riefholaftraße, statt. Die Beilegung ber Asche unserer lieben Mutter und Großmutter Luise Steinkopf findet am 31. Mai um 15 Uhr auf bem Zentralfriedhot Friedrichsfelde statt. Famili Wilhelm Hansmann Georg Fuchs und Frau Sörbe und Leipzig. Verlangen Sie Sonder Angebot Wasch Maschinen .ce; 5, stem Wäsche Rollen Auch bis zu 18 Monatsraten Moskau und Amfterdam, bald aufgeben und fich zu dem Entsch Raddatz& l! burdhringen, dem IGB. wieder beizutreten. Bertin, Leipziger Str. 122-123 KREUSCHER Von den Unternehmern abgelehnt. Während die Arbeitsgemeinschaft der oberschlesischen Bergs arbeiterverbände die Annahme der Schiedssprüche beschlossen hat, beschloß der Arbeitgeberverband am Dienstag, die drei Schiedssprüche vom 22. mai für den Kohlen- und Erzbergbau a b= zulehnen. Die Arbeiterorganisationen haben daraufhin den Antrag geftellt, die Schiedssprüche für verbindlich zu erklären. Die Border= gepflogen werden. handlungen über diesen Antrag sollen bereits morgen Donnerstag Mitgliederzunahmen in Desterreich. Die durch den Krieg und die außergewöhnlichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Nachkriegszeit so hart getroffene österreichische Gewerkschaftsbewegung meldet wieder steigende Mitgliederzahlen. 174 991 Frauen, d. h. insgesamt 772 762 Mitglieder. Laut offiziellen Angaben der österreichischen Gewerkschaftstommiffion umfaßte die Landeszentrale Ende 1927 597 771 Männer und Die 3 unahme des Gesamtbestandes gegenüber Ende 1926 be= trägt 16 370 Mitglieder. Freie Gewerkschafts- Jugend Groß- Berlin Heute, Mittwoch, 19% Uhr, tagen die Gruppen: Baumschulenweg: Gruppenheim Ernststr. 16. Bortrag:„ Das Mädchen in der Jugend bewegung." Cüben, Südwesten: Gruppenheim Etädtisches Jugendheim Bordstr. 11( Fabrikgebäude). Unter uns- Fahrtenberichte. Reutöllu: Gruppenheim Jugendheim Bergstr. 29, Hof. Reihenvortrag: Gewerkschafts Bortrag: Die Jugendzeitschriften der Berbände." bewegung der Gegenwart." Weißensee: Gruppenheim Weißensee, Bartstr. 36. Zentrum: Gruppenheim Ein Grund zum Jugendheim Zehdenicer Str. 24/25. Sosemann besucht uns Große Wiese im Schillerpart. Lachen. Außenspielabende ab 18 Uhr: Webbing- Zeppelinplag: Sportplag Berantwortlich für Politik: Dr. Curt Gener; Wirtschaft: G. Klingelhöfer; Gewerkschaftsbewegung: 3. Stemmer; Feuilleton: R. S. Döscher; Lokales und Sonstiges: Frik Rarftäbt: Anzeigen: Th. Glode: fämtlich in Berlin. Berlag: Borwärts- Berlag 6. m. b. S., Berlin. Drud: Borwärts- Buchdruderet und Berlagsanstalt Paul Ginger u. 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Oktober 1N27, dem Tag« des Inkrafttretens des neuen Gesetzes, ist in Deutschland die Sittenpolizei verschwunden, Die inzwischen verflossenen Monat« gestatten natürlich noch kein ob- schließendes Urteil, wohl aber einen ersten Ueberblick über die bis- herigen Wirkungen des neuen Gesetzes. Den Gesetzgebern war es tum vornherein klar, daß mit der Gründung der Krankheitsbekömp- fung auf Freiwilligkeit eine verstärkt« Aufklärungs- und Beratung-- tätigkeit verbunden sein müsse. Die Gesundheitsämter der einzelnen Berliner Bezirke versuchen daher durch Borträge, Plakate, Merk- blätter usw. die Senntnis der Verhütung und Heilung der Bolls- scuche in die breiten Volksschichten zu tragen. Wer glaubt, daß er von einer Geschlechtskrankheit befallen ist und sich eine privatärztliche Behandlung nicht leisten kann, soll umgehend die nächst- gelegene städtische Beratungsstelle für Ge- fchlechtskranke aufsuchen. Diese Stellen behandeln auch solche Zdronke, die keiner Krankenkasse angehören. Beratungsstelle Neukölln. Schon der erste Blick in die Räume der Beratungsstelle Neukölln beweist, daß der rote Stadtteil auch aus diesem Gebiet wieder einmal Vorbildliches geschaffen hat. Das Wartezimmer ist hell und freund- lich, vom Tisch grüßt ein Blumenstrauß. Zwei große helle Räume für die Fürsorgerinnen sind da und zwei blitzsaubere, noch allen Grsordernisscn der modernen Hygiene ausgestattete Behandlunqs- zimmer, außerdem noch ein kleines Laboratorium. Die tägliche De- sucherzahl in Neukölln beträgt durchschnittlich 30 Personen. Dazu kommen noch etwa 20 Kinder in der Kindersprechstunde, die van Schulpsloge, Fugendamt und Familienfürsorg« wegen irgendwelcher verdächtiger Anzeichen der Beratungsstelle überwiesen werden, von denen sich ober glücklicherweise nur etwa l Prgz. als wirklich geschlechtskronk erweist. Eins von diesen unglücklichen Geschöpien sühlt sich bei den„Tanten" so wohl, daß es dort ständig Gast ist' ein stumpf und verrvohrlast aussehendes Kind, dos kaum kl Fahr alt zu sein scheint, ober bereits l-t Jahre zählt. Eine lebendig« Anklage gegen die Gewissenlosigkeit oder linmissenl>eit seiner Erzeuger. Das Zusammenarbeiten mit den Behörden und sonstigen Fürsorgestellen des Bezirkes ist vorzüglich. Besonders interessiert natürlich die Ein- stellung der gewerbsmäßigen Prrftitiiiertcn zu der Beratungsstelle: lammen sie freiwillig, nun wo kein Bolizeizwang mehr drohend hinter ihnen steht? Aerztin und Fürsorgerin versichern überein- stimmend, daß sie fast restlos sich regelmäßig zur Behandlung ein- sinden, daß nur in einem einzigen Falle Zwangsbehairdlung nötig mar. Die Mädchen sind im Gegenteil froh, eine Stelle zur Pflege ihrer Gesundheit zu wissen. Di«. Kundschaft" dieser Mädchen rekru- tiert sich in Neukölln vorwiegend aus gesetzten Ehemännern des Kleinbürgertums. Bei schwangeren Syphilitikerinnen kann man durch rechtzeitige Behandlung erreichen, daß dos Kind gesund zur Welt lommt. Aus diesem Grunde belohnt die Stadt Wien jede Schwan- gcre, die sich auf Svphilis untersuchen läßt, durch eine kleine Geld- prämie. Wenn dos in Deutschland auch nicht der Fall ist, sind doch durch die mit dem neuen Gesetz verbundene Propaganda die nieisten schwangeren Kranken der Beraliingsstclle oder dem Ambulatorium zugeführt worden.. Von dorn Recht der Mitteilung an Ehegatten, Verlobte und Eltern macht man nur in alleräußersten Fällen Gebrauch: das Dertraucnsoerhältnis zum Patlenten soll möglichst erhalten bleiben. Der Anzeiqenbciricb dagegen ist in Neukölln sehr rege, es gehen durchschnitllich täglich sieben Anzeigen ein, die allerdings nicht immer der Wahrbeik entsprechen. Unentgeltliche Schutz- ,nittclausgo.l>e steht in Neukölln unmittelbar bevor. Die Propaganda betreibt das Gestindheitsamt durch aufklärende Vorträge. Im Westen. Die Beratungsstelle ist erst seit dein 1. Ottober eröffnet worden, obgleich im westlichen Amüsierviertel sicher auch früher schon Bedarf vorhanden gewesen wäre. Sie wird von zwei würdigen, älteren Herren geleitet, eine Aerztin gibt es hier nicht. Da die Männer Jad: London: QSolf In der Nacht, als alles stille war, dachte Wolssblut traurig an seine Mutter, und er trauerte so laut um sie, daß der Graue Biber aufwachte und ihn schlug. Daraus tat er es leise, und nur wenn niemand in der Nähe war. Ost, wenn er sich allein am Saume des Waldes befand, machte er seinem Kummer in langgezogenen, winselnden Klagelauten Luft. i Zu solchen Zeiten hätte er vielleicht den Erinnerungen an die Höhle am Fluß nachgegeben, und wäre in die Wildnis zurückgekehrt, wenn die Erinnerung an die Mutter ihn nicht zurückgehalten hätte. Wie aber die Jäger, die auszogen, zurückkamen, so würde auch sie einst ins Dorf zurückkehren. Also blieb er in der Knechtschaft und wartete auf sie. Aber nicht inuner machte seine Abhängigkeit chn unglück- lich. Es geschah viel um ihn her, was ihn interessierte, es gab viel Abwechsluirg, viel Seltsames, was die Menschen taten, und wo er inuner neugierig zuschaute. Auch lernte er, wie er sich dem Grauen Biber gegenüber zu verhalten hätte. Strenger, unbedingter Gehorsam, das war es, was dieser von ihm verlangte, und leistete er den, so bekam er keine Schläge und seine Gegenwart wurde geduldet. Manchmal jedoch warf ihm der Graue Biber sogar ein Stück Fleisch hin und beschützte ihn. wenn er es fraß, gegen die andern Hunde. Ein solches Stück Fleisch war mehr wert als ein ganzes Dutzend ähnlicher aus der Hand einer Indianerin. Zwar streichelte und liebkoste der Graue Biber ihn nie, dennoch knüpfte sich ein gewisses Band der Anhänglichkeit zwischen ihn und seinen mürrischen Herrn, sei es. daß seine gewichtige Hand oder sein Sinn für Gerechtigkeit, oder die bloße, ihm gehörende Macht, oder all dies zusarnmen Wolfs- blut beeinflußte. So wurden ihm allmählich und unmerklich durch die Kraft des Stockes, des Steines und den Schlag der Hand die Fesseln der Knechtschaft immer enger angelegt. Die Eigen- schaften seiner Gattung, die sie zum Feuer der Menschen kommen ließ, waren einer Entwicklung fähig, und so wurde auch ihm das Leben im Lager der Indianer, so sehr es oft guch voller Elend für ihn war, immer lieber. Nur daß er sich dessen nicht bewußt war daß �r immer noch Kummer um Perst-st ft hiic- uue vi. XJiu'iig aus U,re 3S'cd;rfchr- >e„Sitte". die Beratungsstellen. meist nur zur Beratung, das weibliche Publikum, ganz überwiegend Prostituierte, zur Behandlung kommen, hat sich praktisch, nicht vssiziell, eine Trennung nach Geschlechtern durch Bertcilung auf ver- ichiedene Sprechzeiten angebahnt Für männliche und weibliche Patienten sind getrennte Warteräume vorhanden, außer dem Be- Handlungszimmer gibt es noch den Aufnahmeraum, in dem auch die Fürsorgerin sitzt, und einen Behandlungsraum für Hautkrankheiten. Die Besucherzahl beträgt etroa 25 Personen täglich. Kinder werden dort gar nicht behandelt. Minderjährige selten. Im Gegensatz zu Neukölln gehen wenig Anzeigen ein, davon kaum jemals ein« anonyme—, die meisten erweisen sich als berechtigt. Eine besondere Propagandatätigkeit für die Stelle wird nicht entfaltet. Schutzmittel werden unentgeltlich ausgegeben, aber wie der Arzt sagte, wenig ver- langt. Die freundliche Fürsorgerin erzählt, daß diemeisten Prostituierten sich willig und regelmäßig zur Behandlung einfinden. Die Aushebung des Kuppeleiparagraphen und Beschränkung der Strafbarkeit auf wucherische Ausnutzung der gewerblichen Unzucht hat jedoch nach kaum praktische Wirkungen gehabt. Nach wie vor zahlen die Mädchen die alten Mieten weiter, obgleich sie das neue Gesetz kennen, aber es ist ihnen bequemer, bei den alten Kuppolmüttern wohnen zu bleiben. Rund um den«-Alex". Man kommt zunächst in den in einem langgestreckten, viel zu engen Korridor untergebrachten Aufnahme- und Kartothekraum mit Fürsorgerin und mehreren Hilfskräften. Hier herrscht Hochbetrieb, man kommt und geht, stößt sich und drängt sich in der engen Possage aneinander vorbei, Türen klazipen, wcißbekittctie Gestalten tauchen auf. Es kommen etwa 150— 200 Besucher. Glücklicherweise sind nicht alle geschlechtskrank. Besonders nach einem aufklärenden Vortrage des Hauptge-fundheitsamtes ist der Zustrom stark. Jedenfalls rst es eine erfreuliche Nebenwirkung des Gesetzes, daß auch harmlosere Leiden beachtet und rechtzeitig behandelt werden. Unter der enonnen Besucherzahl befinden sich nur 20—30 Männer. Der Rest besteht fast ausschließlich aus Prostituierten. Kinder werden dort nicht behandelt, sondern dem Pflegeamt zugewissen. Zwei bis drei Anzeigen gehen täglich ein. Selten nur ist eine anonym. Meist sind sie berechtigt. Ein« Mitteilung an Angehörige läßt sich nicht immer vermeiden, si« wird ober in der schonendsten Form vorgenommen. Der leitende Arzt hat den Sinn des neuen Gesetzes erfaßt! Vorbeugen ist ihm wichtiger als Heilen, deshalb werden Schutzmittel auch unverlangt ausgegeben: die Prostituierten bekommen unentgeltlich Schutzbestecke und werden medizinisch aufgeklärt, um sich gegen Ansteckung zu schützen. Das Zusammenarbeiten mit den Mädchen vollzieht sich reibungslos, sie stellen sich regelmäßig zur Untersuchung und be- folgen die ärztlichen Anordnungen. Mißlich ist nur die noch von früher her gegebene Loge der Boratungsstelle im Polizeipräsidium. weil dadurch der freiwilligen Beratung und Behandlung immer etwas Unerfreuliches anhaftet.' Die lleberfiedlung in Räume des Haupt- gesund heitsamles ist daher vorgesehen. Gerade am Alcxandcrptatz legt man den größten Wert aus das Prinzip der Freiwilligkeit. Fälle von Zwangsbehandlung sind nur vereinzelt vorgekommen. Hat ein Mädchen keine feste Wohnung, so kommt sie sofort in ein Kranken- haus, andernfalls wird es durch die Fürsorgerin überwacht. Ist es finanziell bedürftig, so erhält es auf Antrag eine Unterstützung. Die ersten folgen des Gesetzes. Unterstützt wird die Tätigkeit der Beratungsstellen durch die Desinfektionsstellen in den Rettungswachen, wo auch Schutzmittel un- entgeltlich ausgegeben werden. Die Berliner Bevölkerung ist im großen und ganzen mit dem Inhalt des Gesetzes gut vertraut. Im ersten Bierteljahr der Gesetzeswirksamkeit gingen etwa 1000 Anzeigen ein, die sich gleichmäßig aus Männer und Frauen verteilten— bei den Frauen war die Hauptursache eine ausgehobene Verlobung—, wovon sich 00 Prozent als berechtigt erwiesen. Die Namen der 4000 eingeschriebenen Prostituierten wurden vom Polizeipräsidium dem Hauptgesundhcitsamt übergeben, das sie zur Kartothek aller vor- kommenden Geschlechtskrankheiten verwendet und die Mädchen auf- forderte, sich alle vierzehn Tage auf der Beratungsstelle oder beim hegte, während er eine verzehrende Sehnsucht nach dem freien Leben empfand, das er einst geführt hatte. 3. Der Ausgestvßenc. Liplips Verfolgungen verdüsterten Wolfsbluts Leben auch fernerhin und machten ihn wilder und bösartiger, als er es von Natur gewesen wäre, so daß er sich sogar bei den Menschen eines bösen Rufes erfreute. Wo es im Lager Lärm oder Aufruhr gab, wo man sich zankte und stritt oder eine Indianerin laut über ein Stück Fleisch, das ihr gestohlen war, schalt, da konnte man sicher sein, daß Wolfsblut, ent- weder die Ursache des Spektakels oder doch dabei bereiligr gewesen war. Man nahm sich nicht die Mühe, nach den Gründen seines Verhaltens zu forschen, man sah nur, daß es schlecht sei, daß er ein Schleicher und ein Dieb, ein Unruhe- stifter und Hetzer wäre, und zornige Frauen sagten es ihm ins Gesicht, während er sie unverwandt anschaute, immer vor einem Wurfgeschoß auf der Hut, daß er ein richtiger Wolf und gar nichts wert fei, und daß es mit ihm einmal ein schlimmes Ende nehmen würde. Mitten in dem dicht bevölkerten Lager war er also ein Ausgestoßener. Alle jungen Hunde folgten Liplip als ihrem Führer, vielleicht weil sie den Unterschied zwischen sich selber und Wolfsblut fühlten, weil sie seine Herkunft aus dem wilden Walde witterten und die Feindschaft gegen ihn empfanden, die der Haushund gegen den Wolf hegt. Doch sei dem,, wie ihm wolle, sie schlössen sich alle Liplip in der Verfolgung Wolfsbluts an, und da sie diesem einmal den Krieg erklärt hatten, so fanden sie bald guten Grund, dabei zu bleiben. Ein jeder bekam dann und wann Wolfsbluts Zähne zu fichlen, denn er gab— zu seiner Ehxe sei es gesagt — mit Zinsen zurück, was er empfangen hattet So njanchcn hätte er im Einzeltampf besiegen können, allein ein' solcher war ihm versagt, da der Ansang dazu für alle jungen Hunde des Lagers das Signal war, herbeizulaufen und über ihn herzufallen. Aber er lernte durch diese Verfolgungen, sich im Massen- kämpfe zu behaupten und dem einzelnen in kürzestem Zeit- räum so viel Schaden als möglich zuzufügen. Inmitten der feindseligen Menge auf den Füßen zu bleiben, hieß sich das Leben bewahren, und das lernte er schnell, und m dieser Hinsicht war er geschmeidig wie eine Katze. Selbst aus- gewachsene Hunde vermochten mit dem Gewicht ihrer schweren Körper ihn nur vorwärts oder rückwärt» zu schieben, aber, geschoben oder geschleift, immer stemmte tr die Bei» fest gegen die Vtotterr»n. stunden des 30. April der Kontrollwächter William Sellenthin -ms der«nnsbahn zum Opfer fiel, beschäftigt noch die Mordkommission der Kriminalpolizei. Durch mehrfach wiederholte Aufrufe in der Tagespresst und im Rundfunk ist es schließlich gelungen, die Führer und Insassen der drei Kraftwagen, die kurz vor dem verbrechen die Avus von der Süd. zur Nord- kurve hin durchfuhren, zu ermitteln. Die drei Wagen wurden nach von dem Ermordeten Sellen-' t h j n abgefertigt. Nach den unabhängig voneinander abgegebenen Bekundungen dieser Zeugen steht nunmehr einwandfrei fest, daß der Wächter zu jener Zeit nicht ollein gewesen ist. Innerhalb der Avus vor dem Torbogen, in dem der Dienstraum des Wächters liegt, ist während der Abfertigung der drei Autos ein Mann beobachtet worden, der von den Zeugen teils für einen Angestellten der Avus, teils für einen Bekannten des Sellenthin gehalten wurde. Cr sah der Abfertigung der Kraftwagen scheinbar teilnahmslos zu. Seinem gan,zen Aeuheren nach schien er nicht ein Chauffeur oder dergleichen zu sein. Er wird übereinstimmend beschrieben als etwa 30 Jahre alt, 1,65 bis 1,70 Meter groß und anscheinend trostig gc- baut, mit vollem Gesicht und mittelblondem Haar Bekleidet war er mit einer Art blauer Seglermütze, dunklem Jakettanzuq mit langer Hose, Kragen und Schlips. Die Beschreibung dieses Mannes ist die wichtigste Spur, die die Kriniinalpostzei in der Verfolgung der Mordsachc bisher gewonnen hat. Das Gebaren des Unbekannten ließ darauf schließen, daß er mit Sellenthin bekannt war und daß die Abfertigung der Wagen ihm kein besonderes Interesse entlockte. Da trotz aller Aufforderuiigen dieser Mann sich bisher als Zeuge nicht gemeldet hat, so muß er unter den gegebenen Umständen mit der Ermordung des Kontrollwächters in Zusammenhang gebrocht werden.. � � Angaben, die zur Ermittlimg seiner Person' dienen können. werden unter Zusicherung vertraulicher Behaiidlung und umer Hinweis auf die ausgesetzte Belohnung von 2000 Mark an die„Mord- k o in Mission Sellenthin" im Zimmer 102 des Polizei- Präsidiums, Hausanruj 435, erbeten.— Wünsäzenswert wäre es auch, wenn sich die Führer und Insassen zweier Personenkraftwagen meideten, die in der Mordnacht gegen 3% Uhr die Avus in Sud- r i ch t u n g befuhren und den oben erwähnten drei Kraftwagen auf der Bahn begegneten. Durch ihre Aussagen kann vielleicht die Beschreibung des Unbekannten in wichtigen Punkten so ergänzt werden, daß seine Ermittlung beschleunigt wird. Die städtiichen Rettungsstellen wurden ini Monat April 1028 in 11460 Fällen in Anspruch genommen. Das Rettungsamt führte 5499 Krankentransport« aus. Wenn Hunde miteinander raufen, so gibt es vor dem eigentlichen Kampf erst noch Plänkeleien. Sie knurren sich an, sträuben das Haar empor, gehen mit steifen Beinen ein- her, doch Wolfsblut lernte, diese Vorbereitungen zum Kanixs auszulassen, denn eine Zögerung hieß für ihn, den Ansturm aller jungen Hunde auf sich zu ziehen. Schnell mußte er tun, was er tun wollte, und dann wegspringen. So lernte er, kein Warnungszeichen für seine Absichten zu geben. Er stürzte zu, schnappte und biß, alles im nämlichen Augenblick, bevor noch der Feind sich zur Gegenwehr setzen konnte, und so lernte er den Wert des unerwarteten Ueberfalls schätzen. War ein Hund nicht auf der Hut, so wurde ihm die Schulter aufgeschlitzt, das Ohr zerrissen, bevor er noch wußte, daß er besiegt worden war. Auch war es viel leichter, einen Hund, den man unbemerkt überfiel, umzuwerfen und der unbefchütz- ten Stelle unten am Halse beizukommen, � der Stelle, die tödlich verwundbar ist. Wolfsblut kannte sie, das war eine Kenntnis, die ihm seine Vorfahren vermacht halten. Doch da er noch nicht ausgewachsen war, so waren seine Kinnladen nicht stark genug, um den Angriff auf den Hals zu einem tödlichen zu machen. Dennoch lief manch junger Hund im Lager mit zerbissenem Halse umher, zum Zeichen, welche Absichten Wolfsblut gehabt hatte, und als er eines Tages einen der Feinde allein am Saum des Waldes antraf, da glückte es ihm dadurch, daß er ihn mehrmals umwarf, die große Ader am Halse endlich durchzubeißen und ihm das Lebenslicht auszublasen. An dem Abend gab es im Lager großen Lärm. Wolfsblut war gesehen und die Kunde von seiner Missetat dem Herrn des getöteten Hundes hinterbracht worden. Die Frauen erinnerten sich dabei an all das Fleisch, dos er ihnen entwendet hatte, und der Graue Biber mußte ihr ärgerliches Geschrei über sich ergehen lassen. Aber er stand unbewegt in der Tür seines Wigwams, wohin sich der Uebeltäter geflüchtet hatte, und weigerte sich, ihn der Rache seiner Stammesgenossen auszuliefern. So war Wolfsblut sowohl von den Hunden wie von den Menschen gehaßt. Keinen Augenblick war er seines Lebens sicher, denn der Zahn eines jeden Hundes, die Hand eines jeden Menschen, war gegen ihn. Er wurde von seiner Gattung mit Geknurr, von den Menschen mit Flüchen und Steinen begrüßt. Er lebte in fortwährender Aufregung, immer auf einen unerwarteten Angriff, auf ein schnelles Wurfgeschoß gefaßt, immer bereit, schnell und kaltblütig zu handeln, um entweder mit blitzenden Zähnen loszustürzen od« mit dnchandem Jttmmn megzujpringen. (jTOTtteRwro Hui) i **0� D«?'""V«31 Die„ Italia" schweigt! Schlechte Aussichten für Hilfsexpeditionen. Die Nachrichten von einer Candung der 3talia" find bis her noch nicht bestätigt worden. Zwar hat man immer noch nicht die Hoffnung aufgegeben, daß es Nobile und seiner Mannschaft gelungen jei, das schlimmste abzuwenden. Jedoch läßt die Tatsache des überaus langen Schweigens jetzt das schlimmste befürchten. Der Zeitpunkt für das Vordringen in die Polgegend ist gerade jeht ohne ausreichende Borbereitung äußerst gefährlich. So werden auch die Versuche des Hilfsschiffes der italienischen Expedition, der Citta di Milano", in Spihbergen selbst für aussichts. los gehallen. Man glaubt, daß das Padels jedes weitere Vordringen unmöglich machen wird. Alle Meldungen bestätigen, daß die Witterung außerordentlich schlecht ist, und daß vor allem dichter Nebel jede Sicht verhindert. Nichtsdestoweniger wird man versuchen, Nobile Hilfe zu bringen. So hat sich der nor. megische Flieger Cühow- Holm in Tromfoe bereits auf dem Balfischfänger Hobby" mit seinem Flugzeug eingeschifft, um von Spinbergen aus Erkundungsflüge nach den Italienern anzutreten. Nach einer Meldung aus New York startete der Flieger Sabelli zum Fluge nach Point Barrow in Alaska. Von dort aus will er fich auf die Suche nach der Italia" begeben. Sabelli erklärte vor feinem Start, daß er der Ansicht sei, daß der Italia" nur auf dem Luftwege Hilfe gebracht werden könne. Nach mit teilungen italienischer Zeitungen hatte die" Italia" drei Radioffafionen an Bord, die ausgezeichnet funktionierten. Als Kraftquelle diente ein durch den Fahrtstrom des Luftschiffes betriebener Gene. rator. In der übrigen Zeit aber sollten fiets geladene Affumula. torenbatterien benutzt werden. Man hatte selbstverständlich für die Bedienung der Sende- und Empfangsgeräte nur hervorragend durchgebildete Fachleute mitgenommen. Unter diesen Umständen erscheint das Ausbleiben der Nachrichten von Mobile immer bedentlicher. Auto im Schaufenster. Drei Personen schwer, eine leicht verletzt. Auf dem Hindenburgdam m ereignete sich gestera nachmittag ein überaus schwerer Straßenunfall. Ein Privatauto geriet auf den Bürgersteig, überfuhr drei Personen und landete schließlich im Schau. fenster eines Fahrradgeschäftes. Der neunzehnjährige Chauffeur Wilhelm Schulze, Sinden, burgdamm 75, befand sich gegen 17 Uhr mit dem Privatauto feines Arbeitgebers auf dem Wege zur Garage. Er durchfuhr in ziemlich inellem Tempo den Hindenburgdamm. Vor dem Haufe Hindenburgdamm 51 verlor Sch. aus bisher noch völlig ungeklärter Ursache die Herrschaft über die Lenkung und rafte auf den Bürgersteig. 3wei Baffanten, die 69jährige Frau Auguste Baservert, die gerade das Haus verlassen hatte, um Einfäufe zu besorgen, und die elfjährige Charlotte Baerwald wurden überfahren. Es gelang dem Führer auch jetzt noch nicht, seinn Wagen zum Halten zu bringen, und er fuhr mit unvermindertem Tempo in das Schaufenster des Fahrradgeschäftes von Scharfe hinein. Das Junere das Ladens wurde völlig verwüstet und das fünf Monate alte find Horft des fabeninhabers, das in einem Sinderwagen hinter dem Ladgutisch ichtief, wurde schwer verletzt. Auch Schultze, der erst aus dem Führersitz des völlig zertrümmerten Autos befreit werden mußte, hatte schwere Kopfperlegungen erlitten. Die Bere unglückten wurden zur nächsten Rettungsstelle gebradyt und von dort, mit Ausnahme des elfjährigen Mädchens, ins Binzenz Kran tenhaus übergeführt. Die zu Hilfe gerufene Feuerwehr war fast eine Stunde mit den Aufräumungsarbeiten beschäftigt und hatte alle Mühe, das Autowrad aus dem Gewirr von Fahrrädern und umgestürzten Regalen auf die Straße zu ziehen. Beim Ueberschreiten des Fahrdammes in der Straße Unter den Eichen am Afternplatz in Steglitz wurde die 25jährige Haus, hälterin Anna Bartsch aus der Kamillenstraße 1 von einera Motorradfahrer überfahren und lebensgefähr. lich verlebt. Die Verungfüdte fand im reistranten= haus Lichterfelde Aufnahme. Charlottenburger Kinderfürsorge. M 4 F Die fünfte Säuglings und Kleintinber Für. forgestelle Charlottenburgs, die vor zmanzig Jahren in dem nördlich der Spree gelegenen Industrieviertel eröffnet wurde, hat jetzt ein neues Heim im Hause Kaiferin Augusta 211ee 96 erhalten. Am Dienstag wurden die amedmäßig und freundlich eingerichteten Räume mit einer kleinen Feier eingeweiht, an der viele Bertreter städtischer Körperschaften teilnahmen. Stadt, rat Dr. Dettinger erinnerte in feinen Begrüßungsworten an bie nor einem Bierteljahrhundert unternommenen ersten Bersuche Charlottenburgs, die Säuglinge in öffentlichen Fürsorgestellen burch Fachärzte zu betreuen. Er gedachte der Verdienste bes Stabtrats a. D. Samter und des Stadtrats a. D. Ministerialbirettor Dr. Gottstein, die auf diesem Arbeitsgebiet Führer gewesen sind. Dr. Kettner, der die fünf Fürsorgestellen feit ihrer Gründung bis heute geleitet hat, gab einen Ueberblick über ihre Entwicklung. Bor zwei Jahrzehnten begann die Fürsorgeftlle ihre Arbeit in einem gemieteten Laden an der Ede Mindener und Tauroggener Straße, nach zwei Jahren siedelte sie aus dem rasch zu eng ge worbenen Laden in eine größere Wohnung der Kaiserin- Augusta Allee über und jetzt hat sie in derselben Straße ein eigens für lie geschaffenes e im bezogen, das zu einer van der Baugesellschaft Heerstraße hier errichteten Wohnhausgruppe gehört, Dr. Kettner hob hervor, daß die Säuglingsfürsorgestellen start an dem Kampf gegen die Säuglingssterblichkeit be. teiligt sind und fegensreich gewirkt haben. Die Fürsorgestellen hoben in der Bevölkerung ben Sinn für naturgemäße Er nährung und richtige Pflege des Säuglings ge medt. An die Einweihungsfeier fchloß sich eine Besichtigung der neuen Räume der Säuglings und Kleinkinder- Fürjorgestelle und der in demselben Hause untergebrachten Krippe mit Tages- und Nachtbetrieb. Biehwagen= 4. Klasse. s Hinter den Kulissen der Industrie. Hinter Heute Beginn des Stuttgarter Wertspionageprozesses. Man erinnert sich noch des Auffehens, das Anfang Sep- 1 Einige Zeit darauf frat Karrer mit den Riebe- Werken in Berbin tember v. 3. die polizeiliche Absperrung und die damit ver- dung. Die mit den Direktoren Kahn und Rosenthal geführten bundenen Beschlagnahmungen bei den Riebe- Werfen in Verhandlungen hatten die Bestellung von 18 Schulterschleif. Weißensee verursacht hat. Es folgten Verhaftungen von An- maschinen bei den mit den Riebe- Werfen verbundenen Deutschen Nieles- Werfen zur Folge. Die Konstruktion zu diesen Maschinen gestellten der„ SF. Norma- Werte" in Stuttgart mit dem lieferte Karrer. Es waren Durchpaufungen, die von den SKF. Norma früheren Betriebsingenieur dieser Werte Karrer an der Werken stammten. Zwölf Maschinen sollten die Riebe- Werke, sechs Spike und Beschlagnahmungen in der schweizerischen Augel- die Kugellagerfabrik Arbon erhalten. Zu gleicher Zeit bestellten die lagerfabrik Arbon. Eine große Werkspionageaffäre sei auf- Riebe- Werke bei Arbon Meßapparate. Auch in diesem Falle rührten gedeckt worden, hieß es. die Stizzen und Pläne von Karrer her. Wie war er zu ihnen ge fommen? Eine Haussuchung. SKJ.- Norma" und Riebe- Werke. Heute werden sich vor dem Schöffengericht in Stuttgart wegen Rarrer hatte bereits während seiner Dienstzeit bei der SKF. Bergehens gegen das Gefeß über unlauteren Wettbewerb, Diebstahls, Norma es verstanden, durch Vermittlung von einigen Fabritmeistern Hehlerei neben Karrer einige Fabrifmeister und Wertzeugmacher der von den in Frage tommenden Arbeitern und sonstigen Angestellten SKF. Norma- Werte und die Direktoren der Kugellagerfabrik Riebe Werte verantworten. Die letzteren nur wegen unlauteren Wett fungen von Konstruktionen und Wertzeugen zu erhalten. Die eine große Anzahl von Tabellen, Stizzen, Durchpau bewerbs. Die Gerichtsverhandlung wird einen Blic hinter die Belohnung, die er dafür zahlte, machte jedesmal etwa 50 m. aus. Kulissen der Industrie gewähren und wird zeigen, daß man unter Nicht immer waren seine Versuche von Erfolg getrönt. Mitunter Umständen selbst vor Berbrechen nicht zurückschreckt, wenn es gilt, wußten seine Helfer tatsächlich nicht, daß es sich um Betriebsgeheimder Konkurrenz Profite abzujagen. Zur Borgeschichte des Prozesses nisse handle. In der Regel mußten fie es aber wissen. Die SKF. folgendes. Die Kugellagerfabrik„ SF. Norma" in Stuttgart ge- Norma hat selbstverständlich ein Auge auf ihre Angestellten, es hört dem schwedischen Streichholzkonzern an. Die Riebe- Werte fonnte ihr nicht unbekannt bleiben, daß Karrer auch nach Verlassen Als die Eisenbahnzentrale der SKF. Norma unter Umgebung der erhielt, und als eines Tages bei einem der Angestellten eine aus in Berlin- Weißensee standen mit ihr in heftigem Ronfurrenzfampf. Stuttgarts die Beziehungen zu seinen früheren Mitarbeitern aufredi Riebe- Werte einen großen Auftrag erteilte, trat diese aus der Konfuchung vorgenommen wurde, tam die Sache zum Klappen. Es vention aus und schwur ihrem Konkurrenten grimmige Feind zeigte sich, daß Karrer es verstanden hatte, eine große Anzahl von fchaft. Etwa 1% Jahre lang befanden sich die Riebe- Berte unter Betriebsgeheimnissen der SKF. Norma- Berte an die Konfurrenz Geschäftsaufsicht. Dann beschlossen die Direktoren Kahn und Rosen zu verraten. Die 18 Schulterschleifmaschinen wurden gerade in dent thal ein großes Reorganisationsprogramm und hielten Ausschau Augenblid beschlagnahmi, als fie zusammengefeßt werden sollten, nach entsprechenden Kräften und Neutonstruktionen. U. a. traten Karrer waren für seinen Freundschaftsdienst 1800 Mart verfie auch mit dem Betriebsingenieur der SKF. Norma- Berte in Ber- fprochen. Natürlich wäre er bei den Arbon- Werfen auf seine Kosten bindung, ja selbst mit deren Cheffonftrutteur pflegten sie Berhand gefommen. Die Riebe- Werte glaubten aber nun, daß sie die ver lungen. haßte Konkurrenz schlagen würden... Berraf von Betriebsgeheimnissen. Rarrer war bei den SRF. Norma- Werten seit 1919 beschäf tigt. Im Herbst 1926 beschloß er, feine Stellung zu verlaffen. Die fchweizerische Kugellagerfabrik Arbon bot ihm 900 Franten Monatsgehalt gegenüber 650 m., die er bisher bezog. Die Riebe monatliche Prämie pon 600 Mart in Aussicht. Am Werke stellten ihm gar ein Gehalt von 1200 Mart und eine 1. April 1927 gab Starrer, der bis dahin die Kontrolle der Arbeiten Don 300 ann unter sich hatte, feine Stellung bei der SKF. Norma auf und trat zu der Kugellagerfabrik Arbon über. Die Direttion der SKF. Norma- Werke verbot ihm, das Fabritgebäude in Zukunft zu betreten. Bereits damals war der Verdacht aufgefommen, daß er Betriebsgeheimnisse an die Konturrenz verrate. besonderen Bevorzugung seitens der Reichsbahn? Jedenfalls wäre es sehr zu wünschen, daß in Zukunft die Reichsbahn fich rechtzeitig überlegte, wie sie ihre Biehwagen auf die Süge perteilt! Die Nordpolflieger heute in Berlin! Rundfunk überträgt die Empfangsfeierlichkeiten. Die amerikanischen Nordpolflieger, Hauptmann Biltins und Leutnant Enfels n, treffen heute nadm. 4% Uhr mit dem Flug zeug von Kopenhagen auf dem Flugplay Tempelhofer Feld in Berlin ein. Sie werden bei ihrer Ankunft von Vertretern der Reichs- und Staatsregierung und der Stadt Berlin begrüßt. Die Ankunft der Flieger auf dem Flugplak sowie die Begrüßungsansprachen werden von der Funfft unde in Berlin, dem Zwischenfender Stettin und dem Deutschlandfender Königswusterhaufen durch Rundfunk übertragen. 3d- ul- Adha." Rarrer bestreitet, Betriebsgeheimnisse verraten zu haben. Er leugnet nicht, fich der Hehlerei oder gar des Diebstahls schuldig ges macht zu haben. Für alle Fälle war er es, der aus Gewinns sucht die Arbeiter und Fabrifmeister in Versuchung geführt und ftellungslos gemacht hat. Auch die Direktoren Kahn und Rosenthal wollen nicht gewußt haben, daß die Konstruktionen, Stizzen, feien. Die ganze Verantwortung schieben fie dem technischen Direktor Apparate und Werkzeuge auf unredliche Weise erworben gemese Uhlich zu. Die Staatsanwaltschaft behauptet jedoch, daß dieser int Auftrage jener gehandelt habe. Ja, selbst zum Cheffonftrutteur der Norma- Berke hatte er fahren sollen, um ihn um Erläuterungen zir den neuen Schulterschleifmaschinen zu bitten. Er hatte sich geweigert, dies zu tun. Von den Angeflagten befindet sich allein der Ingenieur Rarrer in Haft. Der Prozeß wird längere Zeit in Anspruch nehmen, Einbrecher auf Urlaub. Das gestörte Mittagsmahl. Ein berüchtigter Einbrecher wurde pon der Kriminalpolizei nadj langem Suchen wieder festgenommen. Es handelt sich um einen ge wissen Reinhold Zielsch, der sich zunächst als Konfettionseinbrecher betätigte. Im Februar d. J. wurde dieser gefürchtete Berbrecher bei einem Einbruch in eine Weberei in der Templiner Straße überrascht. Es tam damals auf dem Dach zu einer großen Schießerei. Sie endete damit, daß Tielsch von Schupobeamten überwältigt und festgenommen wurde. Zunächst hatte er sich jetzt für einen großen Einbruch zu antworten, ben er mit einer halsbrecheriſchen Kletterei über die unter den Linden verübt hatte. Tielsch erhielt dafür 2½ Jahre Dächer von der Dorotheenstraße her bei einem Schneidermeister Gefängnis. Nach kurzer Zeit wurde er aus der Strafanstalt beurlaubt und lehrte nicht wieder zurück. Seitdem legte er fichy auf den Einbruch in Radiogeschäfte. Wie früher von den Dächern her, drang er jetzt aus den Kellern durch die Dece dieser Art fommen auf fein Konto. Der Berbrecher vermied es forg in die Geschäftsräume por. Nicht weniger als acht große Einbrüche fich vielmehr mit Hausierern in Berbindung, die die Apparate für ihn auf dem Lande pertrieben. Jest fanden Kriminalbeamte den Bielgesuchten in einem Lofal in der Aderstraße, wo er gerade beim Mittagessen faß. Sie nahmen ihn überraschend fest und brachten ihn nach dem Bolizeipräsidium. Voraussichtlich wird er jetzt wohl nicht fo bald wieder Urlaub" bekommen, Er revidierte die Taschen. Die islamitische Kolonie Berlins begeht, wie im Borjahre, Das Fester Opfer( d- ul- Adha) im Alexander- von- Humboldt- Hausfältig, feine Radiobeute in Berlin felbft anbieten zu lassen. Er fegre in der Fasanenstraße, mo bekanntlich das Slam- Institut und die flamia", eine afabemisch- islamische Bereinigung, ihre Heime haben. Idul Adha ist das große Fest der Gemeinsamkeit, an dem den Muslimin nach Möglichkeit immer wieder zum Bewußtsein gebracht wird, daß sie eine Weltgemeinde bilden, die über den Natio, men steht, und daß der Islam international ist. Es ist zugleich das Fest der Bilgerfahrt, zu dem die Gläubigen aus allen Ländern der Welt nach Metta strömen, mo fie am Tage vor dem Feft am Berge Arafat, dem Berg der Bekanntschaften", beten, Die Bilger strömen dann mit dem Rufe Labbeit, Babbelt"( ich tomme, ich tomme) nach der Moschee von Minah, beten bort am Festtag selbst und bringen nach dem Gebet Schlachttiere zum Opfer. An diese Bilger denkt am Tage des Festes jeder Moslem, ganz gleich, an welchem Ort der Welt er felbft sich gerade befindet. Das Berliner Fest dauert pier Tage. Es steht unter der Beituna des Borstehers des Islam- Instituts, Herrn M. N. Tichelebi, der persönlich schon in Meffa war. Irgendwelche Ausschmüdung tragen bie Gesellschaftsräume des Alerander- von- Humboldt- Hauses nicht, doch fallen angenehm die ausgestellten Bilder des Drientmalers Bruno Richter auf, der in all seinen Motiven, mag er sie nun in Tunis oder Marokko gefunden haben, das typisch Arabische festhält. Ausbau der U- Bahn. Nachdem bereits seit einigen Wochen der zweite Eingang zum Bahnhof Zoologischer Garten in Betrieb genommen ist, find nun mehr die Bauarbeiten am Untergrundbahnhof nie, bet dem der zweite Eingang an der Ede Harbenberg und Knese bedstraße eingebaut wird, soweit fortgeschritten, daß am vorhergesehenen Termin, dem 1. Jumi, auch dieser Eingang dem Berkehr übergeben werden soll. Am Untergrundbahnhof Knie waren genau wie am 300 die Bauarbeiten durch Grundwasser, das sich immer wieder ansammelte, besonders erschwert. Gleichzeitig mit dem Einbau des zweiten Zuganges ist der Bahnhof architefionisch schöner ausgestaltet worden. Auch die Bahnsteige sind verlängert, damit der Uchtwagenzug, den die Untergrundbahngesellschaft ein zuführen beabsichtigt, auch hier genügend Platz erhält. In der Havel ertrnnten. In der Havel am Großen Fenster" ereignete fich gestern Ein„ Borwärts" Leser schreibt uns: Als ich am ersten Pfingste furz nor 14 Uhr ein schwerer Badeunfall. Der 20jährige tage auf der Station Teupis- Groß Köris ben um 12.3 Uhr Lehrling Ewald Bollenberg aus der Kaiser Friedrich eintreffenden Fernzug zur Fahrt nach Berlin( Görlizer Bahnhof) Straße in Schöneberg hatte mit mehreren jungen Leuten benugen wollte, bemerkte ich, daß den Fahrgästen der 4. Klaffe aus einen Ausflug an die Havel unternommen. Am Großen Fenster" einen Ausflug an die Havel unternommen. Am„ Großen Fenster" schließlich Biehwagen zur Verfügung standen. Das Ein- und wurde beschloffen, zu baden. B. befand sich faum wenige Mi. Mussteigen ermöglichten vierstufige Trittleitern, und eine bide Stangen uten im Baffer, als er plöglich unterging und er, murde vor die offene Tür gehängt. Siggelegenheit in Form von irant. Der jojort herbeigerufene Reichswafferidhus mar Bänken war allerdings vorhanden. Als ich meiner Berwunderung, mehrere Stunden erfolglos mit der Suche nach der Leiche des Er in einem Biehwagen befördert zu werden, Ausdrud gab, erflärten truntenen beschäftigt. mir die Beamten, daß die 4.- laffe- Wagen andermeitig gebraucht würden, da die Reichsbahn auf einen derartig starten Festperfehr angeblich nicht geredet hätte(???). Wie mir mitreisende erzählten, ift schon die Abfahrt auf dem Görlitzer Bahnhof gegen 6 Uhr früh unter gleichen Berhältnissen erfolgt. Ich wundere mich außerorbents lich, warum diese Viehmagen nicht auch für die Lurus- oder Bäder züge permanbt murden! Oder erfreuen sich diese Herrschaften einer Einen tragischen Tod fand die 1½jährige Erifa Den?. mann aus der Berliner Str. 5 in Dahlwih. Das Kind fplefte auf dem Grundstück des Großpaters in Mabisborf, 2ft.Mahlsdorf 89/90, fiel unbemerkt in einen Baffertübel, der als Biehtrante diente, unb ertrant, Ms der Unfall von den Angehörigen bemerkt wurde, war es bereits zu spät. Die fleine Leiche wurde beschlagnahmt, Die rätselhaften Briefdiebstähle auf dem Potsdamer Rechnungsa hof waren jeht Gegenstand einer Berhandlung vor dem erweitertent Schöffengericht. Ein heruntergekommener Mensch, hohläugig und unterernährt, steht in der Anklagebant. Es ist der 37jährige Kaufmann Karl W. aus Berlin. Ihm wird fortgesenter Diebstahl zur Loft gelegt. Er hat eine gute Erziehung genossen, ergab sich aber dem Trunt und verkehrte viel mit zweifelhaften Mädchen. Als Bafewalter Kurassier erlitt er im Kriege eine Kopfverlegung und fchließlich brach er durch ein Lungenleiden gänzlich zusammen. Bor wei Jahren ftahl er im Reichsarbeitsministerium in Berlin veridhiedenen Beamten Briefe mit Geld. Im Dezember vorigen Jahres fam er aus dem Gefängnis und suchte Potsdam auf. Hier schlich er in den Korridoren des Rechnungshofes herum und wartete vor den Zimmern der Ministerialbeamten so lange, bis diese zu ihren Vorgesetzten gerufen wurden. Die Beamten legten ihre Arbeitsioppen ab, um sich einen anderen Rock anzuziehen. Kaum hatten fie ihre Zimmer verlaffen, so ging der Angeklagte hinein und repis bierte die Taschen der Arbeitsjoppen. Briefe mit 50 M2, 100 m. und über 200 m. fielen ihm in die Hände. Die entleerten Umschläge wurden in Aborte bzw. Postbriefkästen geworfen. Der Staatsanwalt beantragte 1 Jahre brei Monate Gee fängnis. Das Urteil laubete auf 9 Monate Gefängnis. Eine neue Verkehrskarte für Berlin. Seitdem die drei Berliner Berkehrsgesellschaften, die den Einheitsfahrschein eingeführt haben, eine gemeinsame Berkehrstarte herausgegeben hoben, die nur 10 Bf. toftet, hat sich dieser neue Ueberfichtsplan fo gut eingeführt, daß trok Reudrud die Auflage immer wieder vergriffen wurde. Nunmehr wird in den nächsten Tagen eine Neuauflage der Berkehrsforte erscheinen. Sie ist noch beffer ausgeführt als die erste und mirb infofern einige Ber änderungen aufweisen, als der Fahrplan der einzelnen Linien sich nicht mehr auf der Rückseite der Korte befindet, fondern in überfitlicher Form in ein besonderes Heft hineingenommen worden ist. Auf der Rückseite befindet sich eine genaue Uebersichtstabelle der Querverbindungen zwischen den einzelnen Berliner Fernbahnhöfen. Esst mehsfrüchte und Jhr bleibt gesund! * Elf neue Phosgenerkrankungen. Noch 67 Phosgenfranfe in den Krankenhäusern. Harburg- Wilhelmsburg, 29. Mai. Dem Städtischen Krankenhause find seit Pfingstsonnabend noch meitere 11 an Bhosgenvergiftung erfrantte Bersonen aus Nieder Georgs merder zugeführt worden, so daß die Gefamtzahl der in Harburg eingelieferten Kranten 115 beträgt. Zurzeit befinden sich noch 46 rante im Krankenhause. Bom Polizeipräsidium wird heute auf verschiedene Anfragen hin bekanntgegeben, daß nach einem Gutachten des Kreismedizinalrates und des Städtischen Gesundheitsamtes Nahrungsmittel, die mit Phosgengas in Berührung gekommen find. nicht als gesundheitsfchädlich zu betrachten sind. Hamburg, 29. Mai. In den Hamburgischen Krantenhäusern befinden sich zurzeit noch 21 Phosgentrante. Mit Ausnahme eines Falles handelt es sich durchweg um Beichterfrankte, die voraussichtlich in den nächsten Zagen entlassen werden können. In die Nordsee mit dem Phosgen! Die zurzeit angewandte Methode der Bernichtung der Bhosgenbestände hat sich als zu langwierig herausgestellt. Man hat daher auf den ursprünglichen Plan einer Versenkung des Phosgens in die Nordsee zurückgegriffen. Bei einer im Laufe des heutigen Tages ftattfindenden Sachverständigenbesprechung wolle man sich über diese Frage flar werden. Nach Ansicht von Dr. Stolzenberg sei mit dieser Methode der Versenkung in die Nordsee eine Gefährdung von Menschen nicht verbunden, da die Zersehungsprodukte des Phosgens, Kohlensäure und Salzsäure, in den in Frage tommenden Fischen für den menschlichen Körper nicht schädlich seien. Fische, die unter Umständen mit dem Gift in Berührung fämen, tönnten somit ohne Gefahr für die menschliche Nahrung verwandt werden. Wieder ein schweres Autobusunglüd. 27 Perfonen verlegt. CL Effen, 29. Mai. Am Dienstag morgen stürzte bei Rettmig ein mit 27 jungen Mädchen befehter Autobus, der sich auf einer dreitägigen Rheinfahrt befand, beim Ausweichen eines anderen Autos eine Brückenböschung himmter. Alle jungen Mädchen wurden verlegt, darunker fieben schmer. Auch der Autobuslenter erfitt schwere Verlegungen. Die Berliner Anleihe in New York. Glänzende Aufnahme. New york, 29. Mai, Die gestern aufgelegte Berliner Stadtanleihe fand glänzendite Aufnahme. Aus allen Teilen Ameritas, aus Europa, auch aus Deutschland, fowie aus anderen Teilen der Welt, gingen umfangreiche Zeichnungen ein. Köln- Niederländisch- Indien. Einen intereffarten Verlauf nahmen mehrere drahtlose Gespräche, die von der holländischen Abteilung des Staatenhauses der Breffe aus mit Niederländisch Indien geführt wurden. Wenn auch zuerst die Berständigung teils durch atmosphärische Störungen, teils durch das Dazwischenfunten eines indischen Senders beeinflußt wurde, so widelte sich im weiteren Verlauf der Bersuche die Radioverbindung glänzend und mit sehr großer Lautstärke ab. Unu ne Sport. bis 2 Aus der Partei de nuen. 4. Mariza( Bismark), 2. Mubel( Ruzaiva), 8. Merkur II Der ungarische Abg. Genoffe Reifinger ist durch Autounfall lebensgefährlich verlegt worden. Parteinachrichten Einfendungen für diese Rubrik sind Berlin 68, Lindenstraße 3, Rennen zu Karlshorst am Dienstag, dem 29. Mai. 1. Rennen. 1. ( Adermann). Soto: 16:10. Plaz: 11, 12, 12:10. Ferner liefen: Rivalin, Der Nord, Helios, Silberfake, Probefahrt, Lieferer, Palladio, Raute. 2. Rennett. 1. Carl Ferdinand( Schniker), 2. Bommer( b. Göt), 3. Allah( b. Logbed). Toto: 42: 10. Plas: 13, 11:10. Ferner liefen: Manoir, Trompeter, Richtstrahl II. 3. Nennen. 1. Atout König( Adermann), 2. Felsenfest( Wolff), 3. Eintracht II( Schnizer). Toto: 258: 10. Plaz: 30, 12, 18: 10. Ferner für Groß- Berlin liesen: Gruju, Florida, das Lieb, Creme de Menthe, Greif. stets an bas Bezirkssefretariat 2. Sof, 2 Trep. rechts, zu richten. 1. Atels Mitte. Seute, Mittwoch, 30. mai, 19% Uhr, Sigung des erweiterten Kreisvorstandes bei Dobrohlam, Eminemünder Str. 11. Elternbeirats. wahlen. Die Genpfsinnen und Genossen, deren Rinder in nachstehende Schulen gehen, treffen sich zu einer dringenden Besprechung bei Spiegel, Aderftr 1: Friedrich- Gymnasium mit Kaempf- Realschule, Albrechtstr. 26/27. Robert- Belle- Realschule, Auguftftr. 21. 2uifen- Enzeum, Siegelfte. 12. 1. Gemeindeschule, Roppenplag 12. 24. Gemeindeschule, Sinter der Garnisonfirche 2. 26, Gemeindeschule, Albrechtstr. 20. 179. Gemeindeschule, Albrecht ftraße 20. 45. Gemeindeschule, Auguftftr. 67/68. 146. und 180. Gemeindefchulen, Hannoversche Str. 20. Die Anabenmittelschule der Jüdischen Ge meinde, Große Samburger Str. 27a. Diese Zusammenkunft findet am Donnerstag, 30, Mai, 20 Uhr, statt. 9. Kreis Bilmersdorf. Donnerstag, 81. Mai, 20 Uhr, im Bittoriagarten, Wilhelmsque, Areismitgliederversammlung. Tagesordnung: Was lebren uns die Wahlen?" Referent Genosse Franz Rünstler. Erscheinen Pflicht. Die Parteigenoffen, die ihre Kinder noch nicht für den Ferienaufenthalt der Kinderfreunde im Bettleger angemeldet haben, mögen dies bis zum 1. Juni tun. Anmeldungsstelle: Frau Ungerer, Wilmersdorf, Sanauer Straße 48. Anzahlung 5 M. für jedes Rind. 1. Abt. Versammlung aller Funktionäre pünktlich 19% Uhr. Tagesordnung: Stellungnahme zu den Elternbeiratswahlen. 67. bis 73. bt. Siche Kreisnachrichten. 83. Abt. Lichterfelde. Die heutige Mitgliederversammlung fällt aus. Morgen, Donnerstag, 20 Uhr, bei Schmidt, Sindenburgdamm Ede Roomstraße, Funt tionärsigung mit Elternbeiräten. Alle Genossen, welche fhulpflichtige Rinder haben, sind eingeladen. Sterbetafel der Groß- Berliner Partei Organisation g 34. Abt. Die Einäsderung unferes verstorbenen Genoffen Rari Dahlte findet heute um 16 Uhr im Krematorium Baumschulenweg ftatt. 93ir bitten um zahlreiche Beteiligung. Die Genoffen treffen fich um 15% Uhr gemeinfam mit dem Reichsbanner am Bahnhof Baumschulenweg. SES Sozialistische Arbeiterjugend Groß- Berlin Einsendungen für biefe Rubrit nur an des Jugendfeiretariat. Berfin SW 68, Lindenstraße 3 4. Hennen. 1. Dorn II( v. Meksch). 2. Prospero( Morig), 3. Rheinland( v. Göz). Zoto: 67: 10. Plaz: 23, 24, 15: 10. Ferner liefen: Daim II, Dtavi, Frizz Fromm, Alleluia, Braudmeister, Falter, Stummer 5. Rennen. 1. Vineta( Schnizer), 2. Jrminful( v. Borde), 3. Titus ( b. Reibniz). Toto: 21: 10. Plat: 12, 15: 10. Ferner liefen: Franzia, Frustra, Siani. 6. Rennen. 1. Logarithmus( Augustin), 2. Ritornell( Majewski), liefen: Duilon, Albana, Fairy, Isländer, Marinka. 3. Prunustochter( Gimpl). Toto: 41: 10. Blas: 19, 22, 29: 10. Ferner 7. Rennen. 1. Parade( Biset), 2. Atlantic( Matthia), 3. Steineibe ( Heidt). Toto: 31: 10. Play: 15, 62, 18: 10. Ferner liefen: Cäsarea, Hans Thoma, Persentenantia, Norge, Rottländer, Klimbim, Mohrenpuppe, Stichelei, Schar Dagh, Wetterivart. Wetterbericht der öffentlichen Wetterdienststelle Berlin und Umgegend ( Nachdr. verb.). Teils helter, teils wollig, mit etwas Gewitterneigung und weiterer Erwärmung, nur schwache Luftbewegung, Für Deutschland: In Süddeutschland ziemlich start bewölkt und warum mit einzelnert Gemittern, im übrigen Reiche teils heiter, teils woltig bei ansteigenden Temperaturen, zeitweise etwas Neigung zu lofalen Gewitteru. Schaufenstermodenrevue bei Cords. Der Sommer ist lang, und er birgt der Freuden auch soviel menn man nur genügend Geld in seinen Beutel tut. In einer un gemein farbigen Modenrevue spiegeln die Schaufenster der Firma Cords in der Leipziger Straße das modische Bild des fünftigen Sommers. Jeder jommerlichen Erholungstour ist ein Fenster gewidmet, und der Hintergrund zeigt mit ein paar flotten Strichen. Das dazugehörige Milieu. Da ist der Badestrand mit dem Rüstzeug ber bunten, meift zweifarbig gehaltenen Babetrifots, ber Tennis unb Golfplaß mit Luftigen meißen Kleidchen und farbigen Wolljaden. Zum Tanz im Freien und auf der fommerlichen Strandpromenade Meibchen, duftiger, meist bunter Crepe de Chine und Crep Georgette, md om Rennplag startet die meibliche Eleganz mit den raffigen Vierbeinern um die Bette. Die Günstlinge des Herrn da broben. Berhebezirk Reutälla: Mittwoch Spielen in Treptow. e Sandballspieler gibt es natürlich ein Aufgebot des Allerneuesten, 3arte Spigen unbedingt erscheinen. Steffounit 18% Uhr Sergbergplas. Vorträge, Vereine und Versammlungen. bie er bekanntlich auf Reisen fchickt, zeigen uns ebenfalls alles, was Reichsbanner„ Schwarz- Rot- Gold". Gefäftsstelle: Berlin S. 14. Sebaftianftr. 87/38, Sot 2 Ir. Biergarten: Rameradschaft Sanja ti., b. 30., 20 Uhr, Bersammlung bei Trümper, Flensburger 3 Wichtige Tagesordnung. Friedrichs hain: Der Kameradschaftsführer Ramerab Karl Dahlle ift plblich verstorben. Einäfcherung ti., d. 30., nachmittags, im Krematorium Baumschulenweg. Genaue Zeit ist bei ben Ramerabschaftsführern zu erfahren. Aniteten mit Mufil und umflorten Fahnen Bhf. Baumschulen weg. Der Junge Chor." Die nächste Webungsitunbe findet am Mittwoch, 30. Mai, statt.( Weinmeisterftraße.) Arbeiter Samariterfalonne Berlin, Geschäftsstelle 24, Große Samburger Straße 20. Die Abteilung Bebbing bat am Donnerstag, 31. Mat, Mitglieder. ersammlung im Lotal, von Bellin, Schulfir. 12. Beginn 1916 Uhr. Sahlreiche Beteiligung wird erwartet. Longfellow English Debating- Club, Bülomite. 104, heute Mittwoch abb. 8 Uhr, Mr. Colenutt B. 2: Bernard Sham. dazu gehört. Das modische Bild des fommenden Sommers ist in all seiner Buntheit getupft, fariert, gestreift, fast gar keine Unifarben ein recht luftiges. Und wenn meder Betrus noch alle anderen wichtigen Fattoren uns einen Strich durch die Rechnung machen, dann guden wir in eine äußerst farbenfrohe allernächste Zukunft. Fechinger Baffer. Bei abnormen Görungen in Magen und in Darme hat fig das natürliche Fachinger Baffer anerkanntermeife fehr gilnftig bewährt. Die Ziehung ber großen Sheinlandlotterie fand gestern öffentlich in Meister faale nor zahlreich erschienenen Buschauern statt, melche die Siehung mit großere Sutereffe verfolgten. Der L. Sauntgeminn eine fomplett eingerichtete Billa im Werte von 50 000 902. fiel auf bie Str. 442 509. Der 2. Sauptgeminn ein Maybachwagen in Werte non 30 000 M. fiel auf die Nr. 258 781. Der 3. Sauptgeminn ein Bachenandhaus im Werte von 10 000 m. fiel auf bic Mr. 654 189. Der 4. Sauptgewinn eine Vierzimmereinrichtung im Werte von 5750 M. fiel auf die Nr. 277 301. bidade2 pin C Qualen Sie sich nicht! Fußschmerzen sind zu beseitigen alladed multis Wizard hilft! Wie ein Haus ein richtiges Fundament braucht, bedarf Ihr schmerzender Fuss einer Wizard- Fuss- Stütze. Die verstellbare Wizard- Fuss- Stütze liegt polsterartig unter Ihrem Fuss, drückt nicht, denn sie besteht aus handgewalktem Leder, enthält kein Metall, rostet daher nicht und erfordert keine Reparaturen. 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Reserven im Nach der ausgezeichneten Konjunktur des Jahres 1927, die sich in einer bedeutenden Steigerung des Güterverkehrs auswirkte( 1926 wurden auf der Reichsbahn rund 389 Millionen Tonnen, 1927 rund 442 Millionen Tonnen befördert), glaubt die Reichsbahnverwaltung mit einer weiteren Güterverkehrssteigerung nicht rechnen zu können. Sie setzt daher als Voranschlag für die Einnahmen im laufenden Jahr nur etwa den Betrag der vorjährigen Betriebseinnahmen ein 5060 Millionen an Stelle der vorjährigen 5040 Millionen-die um 500 Millionen über dem Einnahmeergebnis von 1926 lagen. Der Güterverfehr der ersten Monate 1928 zeigt jedoch gegenüber den entsprechenden Monaten des Borjahres eine beträchtliche Steige rung der Bersandmengen, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, daß der starte Ausschmung der deutschen Wirtschaft im Vorjahr erst im zweiten Quartal einsetzte: Betriebseinnahmen der Reichsbahn in Millionen Mart. • Januar Februar März 1928 382 1927 344,9 . • . 380,2 342,1 395,6 428 1190,2 1082,6 Insgesamt ergibt sich demnach troß des Einnnahmeausfalls infolge der Tarifermäßigungen durch die Neueinführung des Rormalgütertarifs im Herbst vorigen Jahres, der non der Reichsbahnverwaltung auf 25 Millionen Mark pro Quartal geschäßt wurde, in diesem Jahre bereits eine Mehrein nahme von 108 millionen. Auch im April dürfte nach den bisherigen Ziffern der arbeitstäglichen Bagengestellung( April 1928: 149 600, April 1927: 144 000, im Tagesdurchschnitt also rund 4 Proz. Steigerung) noch mit erhöhten Einnahmen zu rechnen sein. Daß der Personenverkehr und insbesondere der Reiseverkehr in den Sommermonaten im hohen Maße von der allgemeinen Wirtschaftslage und den Einkommensverhältnissen der Schichten, die fich weitere Reisen leiften fönnen, abhängt, ist eine Erfahrungstatsache. In den Sommermonaten Juni/ August des Jahres 1925, also im Höhepunkt der Konjunktur von 1925, lagen die Einnahmen aus dem Bersonenverkehr um zirka 55 Millionen höher als im Jahre 1926, einem Zeitpunkt starter mirtschaftlicher De= pression. Infolge der start gestiegenen Unternehmergewinne und der gebesserten Einkommensverhältnisse der Beamten dürfte der Umfang des diesjährigen Sommerverkehrs und damit die Einnahmen der Reichsbahn sich mit Sicherheit erhöhen. Aus den Mehreinnahmen im Güterversand der ersten vier Monate und aus der zu erwartenden hebung des Personenverkehrs wird man eine Re ferne von 150 millionen Mart einsetzen können, die für das Risiko einer Abnahme der Verkehrsleistung durch eventuelle Konjuntturabschwächung als beträchtlich erscheint. # Aus der bisherigen Einnahmeentwicklung fäßt sich somit die Notwendigkeit der Tariferhöhung in dem vorgesehenen Ausmaß nicht herleiten. Sie fann nur als Vorbeugungsmaßnahme gegen eine Berringerung des Verkehrsumfanges begründet werden. Bei Sachausgaben fann gefpart werden. Während die voraussichtlichen Einnahmen von der Reichsbahn mit ganz besonderer Borsicht eingesetzt sind, ist die Schäßung der Gachausgaben sehr großzügig. Soweit es sich um die Aus gaben( auf laufende Betriebsrechnung) für Gleisumbau, Brückenbau, Sicherungsanlagen, Fahrzeugunterhaltung u. a. handelt, die mit rund eine Milliarde eingesetzt werden, läßt sich von den Außenstehenden an diesen Ausgabeposten schwer eine Kritit üben, da die Reichsbahnverwaltung fie im Interesse der Betriebssicherheit für unvermeidlich hält. Immerhin dürften auch hier noch Kürzungen möglich sein. Die Reichsbahn setzt in ihrem Boranschlag einen jährlichen Gleisumbau von 4060 Kilometer an, während sie sich nach Angaben aus dem Geschäftsbericht für 1928 mit 2600 Kilometer Gleiserneuerung begnügt. Diese Ausgabepoften müssen vom Reichsverkehrsministerium nachgeprüft werden. Die angeforderten Mittel für große Neuanlagen gehen teilweise erheblich über die Beträge hinaus, die der Reparations: tommissar für die Eisenbahn in seinem Dezemberbericht nannte. Während es in diesem Bericht hieß, daß gegenwärtig mehr als 200 Bauausführungen laufen, deren Beendigung eine noch zu leiſtende Gesamtausgabe von rund 800 Millionen erfordert, und daß ferner beabsichtigt sei, diese Ausgaben in den nächsten Jahren durch Berlangsamung dieser Arbeiten einzuschränken, beziffert die Denkschrift der Reichsbahn die Kosten für das Bau programm auf 1000 Millionen Mart. Man wird hier ohne Schädigung des Berfehrsbetriebes unschwer eine Reduzierung auf die früher geplanten Bauvorhaben oder wenigstens eine Streckung auf längere Zeit vornehmen fönnen. 3,4 Milliarden Maschinenproduktion. Einfluß der Konjunktur auf die Produktionsmittelindustrie. " In dem Organ der Rheinisch- mestfälischen Handelstammern Ruhr und Rhein" werden einige statistische Beobachtungen des Bereins Deutscher Maschinenbauanstalten über die deutsche Mas schinenproduktion in den letzten Jahren veröffentlicht, die von all alljährlich, teils in Ausführung, feils in vermeintlich richtiger Ausgemeinem Interesse sind. Benn diese Ziffern, da nur etma 700 Firs legung von Bestimmungen des Reichsbahngesetzes bzw. Statuts men mit 300 000 bis 350 000 Beschäftigten regelmäßig berichteten, der Reichsbahngesellschaft, enorme Rückstellungen gemacht. In den geseglichen Ausgleichsfonds wandern zu auch nur Annäherungswerte darstellen, so sind sie doch für den Ein nächst alljährlich 2 Broz, der vollen Betriebseinnahmen bis zur Auf- fluß der Konjunkturentwicklung auf die Produktionsmittelindustrie füllung von 500 Millionen, jo daß dieser Fonds bereits auf charakteristisch. füllung von 500 Millionen, so daß dieser Fonds bereits auf 305 Millionen angemadhjen ist. Im Hinblick auf eine Bestimmung des Reichsbahngejeges, wonach die Reichsbahngesellschaft bei Erlöschen ihrer Betriebs: fonzession im Jahre 1964 das gesamte Eisenbahnvermögen zuzüglich der Neuinvestitionen 1a ft en frei übergeben muß", nimmt die Reichsbahn auch alljährlich noch erhebliche weitere Rückstellungen in Form von Abschreibungen auf die Neuinvestitionen vor. Diese Rüd stellungen für Betriebsrechtabschreibungen haben bereits die Höhe von 340 Millionen, also mehr als ein Drittel des Gesamtwertes der Neuinvestitionen, erreicht. Der Zwed dieser Rückstellungen tann an sich nur Reservebildung für Schuldentilgung, also für die Einziehung der selbst begebenen Borzugsaftien und die Rückzahlung von Anleihen sein. Nach § 25 2bf. 4 des Reichsbahnstatuts ist jedoch erst im Jahre 1935 zur Einziehung der Vorzugsaktien eine besondere Rücklage zu bilden", dagegen fömnen für außerordentliche Ausgaben Sonderrücklagen vorgesehen werden". Diese werden auch offenbar in den viel zu hohen Rückstellungen auf Betriebsrechtabschreibungen gebildet. Die Betriebsüberschüsse der Reichsbahn müssen also nicht mur dazu herhalten, beträchtliche Teile der Neuinvestitionen zu deden, sondern aus ihnen werden auch Rücklagen für fünftigen Anlagezumachs gebildet. Mit diesen übermäßigen Abschreibungen muß Schluß ge= macht werden. Die Reidysregierung, mit der über diesen Buntt Berhandlungen schweben, wird in eine Ermäßigung der überhohen Rückstellungen, durch die der Anlagezuwachs lastenfrei gemacht merden soll, ohne Bedenken einwilligen fönnen. Damit würde aus Danach ist die deutsche Maschinenproduktion 1925 bis 1927 von 2900 zunächst auf 2500 Millionen in dem Depressionsjahre 1926 gesunken, die Ausnutzung der Leistungsfähigkeit der Fabriken von 58 auf 51 Proz. 3 urid gegangen. Der Gesamtabsatz fant in der gleichen Zeit von 2800 auf 2500 millionen, der Anteil des Inland absatzes am Gesamtabsatz von 74 auf 66 Praz., während gleichzeitig der Anteil des Ausland absatzes sich von 26 auf 34 Proz. erhöhte. Die schlechte Inlandfonjunttur des Jahres 1926 wurde also durch eine Steigerung des Auslandabsatzes um fast ein Drittel weitgehend ausgeglichen. Das Jahr 1927 mit seiner außerordentlich starken inländischere Investitionskonjunktur erhöhte die Gesamtproduktion der Maschinenindustrie noch um 500 Millionen über den Stand des guten Jahres 1925 hinaus, nämlich auf 3 400 Millionen. Gleichzeitig stieg der Anteil des Inlandabsages am Gesamtabjak von 66 auf 72 Broz., während der Auslandabsatz wieder von 34 auf 28 Proz. zurüdging. Seit Anfang des Jahres 1928 meldet die deutsche Maschinenindustrie bekanntlich wieder ein Absinken der Inhandaufträge und gleichzeitig ein lebhaftes Ansteigen der Maschinenegporte. Selten läßt sich der Einfluß der wechselnden Inlandkonjunktur auf Bechäftigung und Absatz der besonders tonjuntturempfindlichen Broduktionsmittelindustrien so deutlich beobachten, mie an diesem Beispiel. den Betriebsüberschüssen alljährlich ein bisher zur Reservebildung 12% Dividende im Zellstofffonzern Waldhof. verwandter Betrag von zirfa 100 millionen Mark frei werden, durch den dann gemeinsam mit den vorher angegebenen Einsparungen auch bei einem Rückgang der Verkehrseinnahmen der Reichsbahnetat ohne Tariferhöhung auszugleichen wäre. Biel zu hohe flüffige Mittel. uns Die bisherige Finanzpolitit der Reichsbahn, die diese großen Rüdstellungen flüssig hält, hat zu einer ummötigen Thesaurierung geführt, deren voltswirtschaftliche Nachteile von mieberholt hervorgehoben wurden. In der diesjährigen Bilanz haben die flüssigen Mittel, Raffe, Bontguthaben, Wertpapiere und Bedfel, die Höhe von 618 Millionen behalten. Diese Summe von fast zwei Drittel Milliarden Mart geht über die notwendige Liquiditätsreserve weit hinaus. Für die Reichsbahn, die ja ständig bare Mittel erhält und bisher selbst in den verkehrsschwächsten Monaten Mittel erhält und bisher selbst in den verkehrsschwächsten Monaten Betriebsüberschüsse auswies, reichen flüffige Mittel in Höhe einer vollkommen aus. Die Reichsbahn hat bisher in Depressions Quartalsreparationszahlung, also von etwa 165 millionen eiten mie in Aufschmungsperioden die gleiche Thesaurierungspolitik betrieben. Da es nicht Aufgabe der Reichsbahn ist, etwa wie ein Bankinstitut Kapital, das der Wirtschaft durch zu hohe Tarife ent ogen wird, anzufammeln, muß an fich ein Abbau dieser Auffpeicherungspragis gefordert werden. Falls aber nun wirklich der Betriebsüberschuß im laufenden Jahre nicht zur Deckung notwendiger Ausgaben reichen follte oder die Reichsbahn mit Rücksicht auf den Kapitalmarkt die Aufnahme neuer Mittel verschieben müßte, so fönnte unbedenklich auf diese viel zu hohen Refernen zurückgegriffen werden. Die Kaffentage der Reichsbahn erlaubt erst recht, die Tariferhöhung im gegenwärtigen Zeitpunkt abzulehnen. ,, Nur" 1 Pfennig Lohnerhöhung! Die Beweisführung der Reichsbahn wird übrigens dadurch nicht stichhaltiger, daß sie die volkswirtschaftliche Bedeutung der Tariferhöhung zu bagatellifieren versucht. Wenn sie die Mehrbelastung durch die beantragte Tariferhöhung einer Steigerung der Löhne aller Industriearbeiter um 1 Bf. pro Stunde gleichieht, so ist dem entgegenzuhalten, daß eine derartige Lohnerhöhung bei gleichbleibenden Preisen eine Steigerung der Massentaufkraft um 1 bis 2 Broz. bedeutet, dagegen eine Tarif erhöhung eine nicht immerkliche Berringerung der Realeinkommen. Die Frachtkosten belasten zahlreiche Fertigprodufte nicht nur einmal, sondern mit dem Durchlaufen mehrerer Produktionsstufen und den Handel mehrfach. Daß dabei auch bei einer zehnprozentigen Tariferhöhung für die schwergewichtigen Güter schon bei einmaligem Transport eine beträchtliche Berteuerung entsteht, geht selbst aus den in der Denkschrift mit besonderer Vorsicht ausgewählten Beispielen in der Denkschrift mit besonderer Borficht ausgewählten Beispielen hervor. 3ement würde beispielsweise beim Versand aus Oberschlesien nach Ostpreußen pro Waggon um zirka 17 M. oder um zirka 3½ Proz. verteuert werden. Desgleichen würde auch Kalt, Siegel, Bauholz durch eine Tariferhöhung nicht unerheblich verteuert und damit die Bau wirtschaft durch steigende Baustofftoften weitere Erschwerungen erfahren. Es besteht gar kein Zweifel, daß eine Tariferhöhung an sich volkswirtschaftlich immer eine starke Belastung mit sich bringt, die fich sehr ungleichmäßig auswirkt und die überwiegend auf den Ronsum abgewälzt wird. Ganz besonders verhängnisvoll jedoch fönnte sie sich gegenwärtig bei bereits la biler Ronjunktur auswirken. Da die Einnahmeenwicklung und die Finanzlage der Reichsbahn es ohne weiteres gestatten, die Ausgaben außerdem eventuell durch Berlangsamung der Investitionen gefürzt werden tönnen, läßt sich die Tariferhöhung vorderhand be: stimmt vermeiden. Drohungen gegen Belegschaft und Regierung. Es ist kein Zufall, daß die Hochburg der sozialen Realtion in den Industrien liegt, denen es am besten geht, denn durch ewige Klagen über die erdrückenden Lasten versuchen die schwerverdienenden Unternehmer ihre Jahr für Jahr steigenden Gewinne zu nerdecken. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Holz and Zella stoff Industrie, die drei fette Jahre hinter sich hat und deren Großtonzerne feit der Stabilisierung hohe Dividenden zahlen fonnten. Bei der Kritif der jeht veröffentlichten Bilang der 8effstoff Fabrik Waldhof A.-G., eines 34- Millionen- Ronzerns, muß man sich der agressiven Rede des Borsitzenden auf der letzten Genes ralversammlung erinnern, der eine Berlegung der einheimischen Produktionsstätten in das Ausland androhte, wenn die Löhne, Steuern und sozialen Abgaben in Deutschland weiterhin steigen sollten. Man sollte annehmen, daß die Gesellschaft, deren Bermal tummg so leichtfertig mit dem Schidfal von 5000 Arbeitern spielt, aus dem letzten Loch pfeift, aber meit gefeht. Es gibt faum einen zweiten Großtonzern in der Holzindustrie, deffen Ents midlung mit der von Waldhof Schritt halten tönnte. Die Fabrifo tions um să te für Zellftoff stiegen bei den Stammmerten von 1924-1927 um rund 100 000 Tonnen, alfo um faft 80 Prozent, bei den Tochtergesellschaften verdoppelten fie fich fogor, wäh rend die Papierfabritation fich bei den Stammerten vou 13 266 auf 23 338 Tonnen hob, affo gleichfalls perdoppelte Die Dividenden erhöhten sich von 6 Prozent im Jahre 1924 über 10 Prozent im folgenden Jahr auf 12 Prozent in den beiden legten Geschäftsjahren. Die glänzende Entwicklung des Ronzerns tommt aber ha det Bilanz zeigt, hat sich der Wert der Anlagen im letzten Jahre Dividendenzahlungen mur sehr beschränkt zum Ausbrud. Wie die um 6,5 Millionen Mark und der Wälder und Borräte um 5,7 Mik lionen Mart gesteigert und, wie die Berwaltung felbft mitteilt, tonnte die Bersorgung mit Rohmaterial an billigen Preisen auf weite Sicht sichergestellt werden. Steht dieser Konzern nach alledem auf sehr festen Füßen, so ist auch in nächster Zukunft an eine Schwächung des Absatzes nicht zu benten. Im Gegenteil, die Waldhofgruppe fami als Großlieferant Don Zellstoff für die blühende Runftseidena industrie mit weiterer bedeutender Ausdehmma threr Absatzmärtte rechnen. Daß die Verwaltung selbst im Grunde sehr optimistisch ist und mit ihren Drohungen nur ihre Belegigaften einschüchtern will, geht schon daraus hervor, daß sie im Begriff steht, das Werk Kelheim in Betrieb zu nehmen, das mit fast 30 000 Tonnen jährlicher Zellstoffproduktion einer weiteren Stärkung der Produftion um rund 14 Brozent dienen foll. Steigende Waggondividenden. Die Krisis in der deutscher Waggonindustrie, die jahrelang die meisten Gesellschaften ohne Divibende oder gar mit Berluft arbeiten ließ, scheint überwunden zu fein. Auch von der bedeutenden Waggonfabrit Josef Rathe geber 2.-G. in München wird gemeldet, daß ihr Aufsichtsrat der Generalversammlung eine Dividende von 7 Proz. vor= zuschlagen beschloffen hat, nachdem noch für 1926/27 die Dividende ausfallen mußte. Der Ausgabeposten große Bauten", der im Voranschlag für 1928 mit 250 Millionen Marf eingesetzt ist, wird sich um einen beträchtlichen Teil ermäßigen lassen. Der Umfang der geplanten Beschaffung von neuen Fahrzeugen dürfte sich fernerhin gleichfalls verringern laffen. Die Reichsbahn hat im vergangenen Jahre insgesamt für 220 Millionen Mart neue Lokomotiven und Waggons in Auftrag gegeben, obwohl sie bei Beginn des Jahres noch über einen Fahrzeug über bestand im Werte von einer halben Milliarde verfügte. Die für die Fahrzeugerneuerung aufgewendeten Mittel waren im vergangenen Jahre fast viermal jo hoc mic Ms in den beiden Vorjahren. Für das laufende Jahr sieht nun die Reichsbahn noch größere Beschaffungen vor und veranschlagt hierfür insgesamt 254 Millionen. Im Bericht des Reparationsfommissars wurde beiont, daß die Reichsbahn den großen Verkehrsanforderungen des Vorjahres in vollem Umfange gerecht werden konnte, obwohl nur ein verhältnis mäßig geringer Teil der Neulieferungen an Fahrzeugen bei ihr ein gegangen war". Da der Hauptteil der zahlreichen Beförderungsmittel erst im Laufe dieses Jahres in den Betrieb gestellt mird, dürfte jedenfalls bei gleich bleibenden Berkehrsansprüchen der Erneuerungsbedarf an rollendem Material nicht so bringlich sein, wie es die Reichsbahn schildert. Ueberhohe Reserven und Abschreibungen. Darüber hinaus muß aber ernstlich erwogen werden, ob nicht die bisherige ftarre Finanz- und Bilanzpolitik der Reichsbahn zu ändern und hierdurch auch eine Erleichterung der Ausgabendeckung zu erreichen ist. Die Reichsbahn bestreitet nicht nur die gesamte Erneuerung des Berkehrsapparates aus ihren laufenden Einnahmen, also die Werterhaltung; sondern auch ein beträchtlicher Teil der Ne u anlagen mird gleichfalls aus laufenden Mitteln bestritten. Daneben aber werden son der Reichsbahn noch 10 800 Wohnungen beliehen. Die preußische Zentralstadtschaft im Jahre 1927. Die heute bestehenden acht Stadtschaften von Brandenburg, Bommern, Ostpreußen, Hannover, Bosen, Westpreußen, Oberschlesien, Sachsen und Niederschlesien haben in der preußischen Zentralstadt schaft Berlin ihre Zentralbant. Der Geschäftsbericht der preußischen Zentraistadtschaft für das Jahr 1927 läßt die stark und schnell machsende Bedeutung der Stadtschaften besonders für den Wohnungsbau flar erkennen. Der Gesamtumlauf ihrer Goldpfandbriefe hat sich dem einen Jahre 1927 von 81,2 auf 143,7 Millionen Mart erhöht. Gleichzeitig stieg der Hypothekenbestand von 81,6 auf 145,0 Millionen. Die der Zentralstadtschaft angeschlossenen Provinzinstitute haben im vergangenen Jahre 3716 Neubauten beliehen. An der Spitze der Stadtschaften steht die der Provinz Hannover mit 1651 Darlehen und 3514 beliehenen Wohnungen, ferner Brandenburg mit 699 Darlehen und 2198 Wohnungen. Insgesamt wurden im Jahre 1927 10 791 neue Wohnungen unter Mitwirkung der acht Stadtschaften geschaffen. Seit dem Jahre 1925 wurden von ihnen dem Wohnungsmartt Mittel zur Errichtung von 18 822 Wohnungen zugeführt, wovon allein faft 60 Proz. auf das Jahr 1927 entfielen. Die deutsche Städteanleihe überzeichnet. Wie aus New York gemeldet wird, ist die 17%-Millionen- Dollar- Anleihe des deutschen Sparfaffen und Giroverbandes, die am Dienstag in New Yort auf gelegt wurde, fofort überzeichnet worden. Gute Gewinne und technische Großleistungen der Kabelindustrie. Die Felten und Guilleaume Cariswert 2.-G. in KöinMülheim, das führende Unternehmen in der deutschen Kabelindustrie, tann in ihrem Jahresbericht für 1927 auf bemerkenswerte technische Leistungen hinweisen. So wurde das 162 Kilometer lange Fernsprechjeetabel Deutschland- Schweden von dieser Gefellschaft verlegt; die außerdem vor zwei Monaten mit der Berlegung eines Fernsprechfeefabels zwischen Finnland und Schweden beauftragt wurde. Mit einer Länge von 251 Kilometer wird dieses Fernsprechfabel, das im Herbst bereits in Betrieb genommen werden foll, das längste der Welt fein. Als besonderer Fortschritt auf dem Gebiet der Höchstspannungskabel ist die Lieferung einer Brobeftrede von 100 000- Bolt- Kabeln anzusehen, die sich seit einem Jahr in dem Neg der Elektrowerke befinden. Danach dürften der Berkabelung von Freileitungen auch bei höheren Spammingen eine technischen Bedenten mehr entgegenstehen. Die mart erzielt hat, meist einen Reingewinn von 4,1 Millionen Gesellschaft, die einen Rohgewinn von 17,2 gegen 15,1 Millionen Auch in der Dividende von 6 Proz hat sich nichts geändert. Der Marf aus, der fast haargenau mit dem des Vorjahres übereinstimmt. Beschäftigungsgrad hatte sich im letzten Jahr jo gehoben, daß zum erstenmal das letzte Friedensjahr übertroffen wurde. STAATL Natürliches Mineralwasser FACHINGEN altbewährt bei Stoffwechselkrankheiten ( Gicht, Diabetes, Fettsucht, Blutarmut und Rachitis) Fachinger Yersandstelle, Berlin SW t Schöneberger Str. 16a. Tel. Liper 8260-61 Mittwoch 30. Mai 1928 Unterhaltung und Wissen Der andere Voltaire. Zum 150. Todestage Voltaires am 30. Mai 1928. Es geht nicht um Voltaire, den Repräsentanten Frankreichs, und nicht um Voltaire als Synthese des achtzehnten Jahrhunderts. Ich meine Voltaire, den Märtyrer. Voltaire, der schon als Säugling mehr litt als andere Neugeborene; Voltaire, dessen Tod man Wochen hindurch stündlich erwartete vom Augenblick der Geburt an. Boltaire, den allzufrüh Mutterlosen, den Jesuitenschüler, der mit schief geneigtem großen Kopf auf kleinem Körper und dünnen Beinen, mit weitgeöffneten Augen immer wieder sdheu fragend vor feinen Lehrern stand, bis er ihnen durch seinen Wissensdurst läftig fiel. Boltaire, der zaghaft lächelnd an den Streichen der Mitschüler teilnahm, nur um zu ihnen gehören zu können. Und dann war die Stunde des kleinen Franz Maria Arouet gekommt, wenn einen Kameraden ein Strafgericht ereilte, und der demütig und zart trösten konnte. Oder wenn ein großer, lustiger Junge fich etwas zerrissen hatte und zu ungeschickt war, den Schaden zu heilen, und der blaffe, kleine Arouet für ihn dienend nähen durfte. Das Knabenleben hatte eine wunderliche Stunde der Angst und Seligkeit: als der häßliche Knabe Franz Maria vor der schönen Greifin Ninon de Lenclos stand und sie ihn für ein kleines Kapital als Erben einsetzte, um die Schönheit seines Geiftes entfalten zu helfen. Arouet, der Sechzehrjährige, Jurist, dann Schreiber, ohne Möglichkeit, seiner literarischen Arbeit zu leben, erfüllt von dem Wort des Baters:„ Der literarische Stand ist der Stand eines Menschen, der der Gesellschaft unnüz, seiner Familie zur Last werden und Hungers sterben wolle." Die ersten Dichtungen Arouet- Boltaires erscheinen. Der junge Poet wird aus Paris verbannt. Er darf zur Aufführung seines Cedipe zurückkehren. Fügsam und still arbeitet er nach der Premiere seine Dichtung nach den Wünschen des Publikums und der Kritik um. Jahr um Jahr war er in der Verbannung. Manche Berbannung war heiter, auf den Schlössern schöner Frauen. Aber nur die Sehnsucht nach Heimat und Häuslichkeit ließ ihn die Nähe von Frauen lieben. Einmal nur empfand er eine rein persönliche Zuneigung: zu Susanne Livry, seiner fünstlerischen Schülerin. Er verliert sie an seinen jungen, liebenswürdigen Freund Genonville. Er bleibt mit beiden in bestem Einvernehmen. Sie waren schön und jung, und er war jung und häßlich. Die Kavaliere Beauregard und de Rohan Chabot fießen den Dichter von einem Fest wegbitten, von ihren Dienern überfallen und mit Stöden schlagen. Der Chevalier de Rohan kommandierte von einem Wagen aus die Arbeit". Ein Sekretär Boltaires berichtet:„ Der arme Geschlagene zeigte sich so oft als möglich bei Hofe und in der Stadt, aber niemand bedauerte ihn, und die er für seine Freunde hielt, haben ihm den Rücken gewendet." Die Rohans ließen ihn nach England verbannen. In England verhöhnte das Volt den berühmten, verfemten Franzosen. Inmitten einer ihn verspottenden Rotte steigt er ungeschickt auf einen Eckstein und besänftigt die Schreier in ihrer MutterSprache:" Brave Engländer, bin ich nicht schon unglücklich genug, daß ich nicht unter euch geboren bin?" Voltaire schrieb 1734 die Briefe über die Engländer", in denen er das, was man in England umumwunden sagen durfte, mild und vorsichtig anzubringen suchte. Sein Verleger wurde in die Bastille gesetzt. Den Verfasser selbst sollte der Verhaftungsbefehl bei der Hochzeitsfeier des Herzogs von Richelieu erreichen. Er war bereits nach Lothringen geflohen. Am 10. Juni 1734 wurde in Paris sein Buch als„ anstößig, der Religion, den guten Sitten und der Achtung gegen die Obrigkeit zuwiderlaufend" durch Hentershand zerrissen und verbrannt. Den reichen Ertrag der englischen Ausgabe des Werkes hatte er bereits verschenkt. Boltaire tannte feine erotische Liebe. Er fannte nur den Wunsch, in seinem ungeheuren Anlehnungsbedürfnis von Frauen händen gepflegt zu werden. Die Frauen, zu denen Voltaire sich hin gezogen fühlte, maren die verleumdefen, unglücklich verheirateten, häßlichen. Eine Marquise du Chatelet, die Mathematikerin, die Interpretin Nemtons. Die elegante, verarmte. Die elegante, verarmte. Voltaire fieß ihr nerfommenes Schloß herrichten, der Wissenschaftlerin ein Labora torium bauen. Den größten Teil des Tages und der Nacht faßen Freund und Freundin mun an ihren Schreibtischen. Schloß Cirney mar von 1734 bis 1745 trotz aller dazwischenliegenden Verbannungen nach Holland und Lothringen eine Art Heimat für den Ahasver Boltaire. Allmählich erfahren er und Marquis du Chatelet, daß fie non der Gattin und Freundin hintergangen werden mit dem jungen, ichönen, eleganten Gardefapitan St. Lambert. Aber als St. Lambert Boltaire begegnet, legt der Dichter feine dünnen, franken Arme, die müde find, als hätten sie alle Laft der Erde getragen, um des„ Neben buhlers" Hals und gibt sich selbst das Unrecht, auf das, mas nur einer glücklichen Jugend zusteht, alt und häßlich Anspruch gemacht zu haben. Boltaire schreibt seine Jungfrau von Orleans", die Bucelle". Er liebte die Heldin seines Wertes, er liebte alles, was in der unendlichen Traurigkeit seines Lebens wißig mirten mußte. Dann war es für ihn Genosse seiner Qual, fomisch zu sein und noch im hohen. Alter als possenhaft zu gelten. Er liebte in seiner als frevelhaft angesehenen Dichtung die beherzte Idiotin, die feige Grausame, das Mädchen in den Manneskleidern, das aus einem Wirtshause kommt und auf dem Scheiterhaufen endist." Er liebte in ihr mehr das„ Lämmchen" als den Löwen". Als das Buch erscheint, muß er die wesentlichsten Partien als fremde Einfügung hinstellen. Boltaires Henriade", 3aire" und Alzire" brachten Nichtachtung und Verbannung. Das Hochzeitspoßenspiel zur Ber: mählung des Dauphin Die Prinzessin von Navarra" brachte die Ernennung zum Historiographen von Frankreich, den Geffel in der französischen Akademie, das Patent des föniglichen Kammerjunkers. Der junge König Friedrich II. von Preußen befiehlt dem Grafen Rothenburg in Boris, Boltaire in Frankreich so zu brouillieren, daß ihm nichts übrig bliebe, als nach Berfin zu kommen." Er beruft Den jungen Literaten Baculard d'Arnaud, um Boltaire zu reizen. Er läßt Boltaire das Reisegeld senden und äußert sich hierüber 3 31 feinem Bertrauten: Das heißt einen Hofnarren beer bezahlen, Bon Jochen Klepper. Der Pariser Hof beurlaubte sehr fühl den Historiographen von Frankreich, den Titularkammerjunker, das Mitglied der Akademie. Da ging er zu dem blonden König im Norden", Friedrichs Hofnarr", Friedrichs„ Danae". Aber der König erlebte in Voltaire eine Enttäuschung: Voltaire war müde, elend, wenn auch zäh, niemals gesund; seine Zähne fielen ihm jetzt aus, der fanatische Verkünder aller Schönheit wurde der Affe". Wenn es ihm gelungen war, den König und seinen Kreis durch geistigen Charme zu bezaubern, verfiel er danach förperlich und seelsch. Der Hof raunte: der Affe ist dauernd leidend, damit er höhere Renien erhält. Boltaire hörte ein Wort, das vom König über ihn gesagt sein sollte:„ Man preßt die Orange aus und wirst die Schale weg." Voltaires, fafia" ließ Friedrich am 24. Dezember 1752 auf öffentlichem Platze in Berlin durch Hentershand verbrennen. Boltaire sandte seinen Kammerherrnschlüssel und seinen Orden zurück mit den schmerzvollen Bersen von dem Geliebten und der Liebenden. Der Mathematiker Maupertuis intrigierte gegen Boltaire; Maupertuis, den Voltaire so verehrte, daß es Maupertuis läftig fiel." Boltaire mußte auf Reisen gehen. Eine Art literarischer Steckbrief Maupertuis' lief ihm voraus: derselbe ist ein Philosoph, von zerstreutem Wesen und hastigem Gange, Augen flein und rund, Perüde desgleichen, Nase platt, Gesicht noll, Gesichtsausdrud schlinum und selbstgefällig, trägt ständig ein Scalpell in der Tasche, um Leute von hoher Statur zu fezieren." Am 1. Juni 1753 war Voltaire zur Beiterreise von Frankfurt am Main bereit. Da wurde er im Namen des Königs festgenommen, er sollte den Kammerherrnschlüssel und den Orden zurückgeben, die er nach einer flüchtigen Versöhnung wiedererhalten hatte, vor allem aber den Band der Gedichte des Königs. Er hatte ihn vorausgesandt. Bierzehn Tage murde Voltaire festgehalten bis zum Eintreffen des Buches. Als er fliehen will, nimmt man ihn gefangen, sperrt ihn in einem Handelsbureau ein: Knechte und Handlungsdiener bewachen und begaffen ihn wie einen Verbrecher. Für die entstandenen Unkosten werden ihm 190 Gulden weggenommen. Beilage des Borwärts Ich meinte nicht Voltaire, den Beschützer der Witwen, und nicht Voltaire, der zum Tode Verurteilte vor der Hinrichtung bewahrte und zeitlebens für sie sorgte, ich meine nicht den Dichter und Philofophen, den Wohltäter und Organisator der Herrschaften von Tourney, Ferney und Délices; und nicht den großen Höfling und nicht den Pasquillanten. Ich meine Voltaire den Märtyrer, der obgleich ganz erfüllt von feinen Wunden, den Beiniger zutiefst und still verbunden, die Macht sucht, die bestimmt, daß er ihn schlägt." Voltaire: Anekdoten. Während der Proben von Mérope" war Voltaire mit dem Spiel der Hauptdarstellerin Müle. Dusmesnil nicht zufrieden. Auf die Einwände des Dichters ermidert sie gereizt: ,, Man müßte den Teufel im Leibe haben, um den Ton zu treffen, den Sie verlangen." " Freilich," erwidert Boltaire,„ in allen Rünften muß man den Teufel im Leibe haben, will man etwas erreichen." Boltare, achtzig Jahre alt, wohnt den Proben seiner letzten Tragödie Irene" bei. Feurig, wie ein Jüngling, zeigt er der Clairon, wie sie's zu machen hat. ,, Wo soll man", meint sie ,,, eine Schauspielerin finden, die die Kraft hätte, diese Verse so zu sagen? Die Anstrengung würde sie töten." „ Das will ich ja gerade," ruft Boltaire aus,„ ich will demi Publikum diesen Dienst erweisen." Nachdem der Arzt Poissonnier von seiner Reise nach Rußland zurückgekehrt war, besuchte er den greifen Voltaire in seinem Schlößchen Ferney und warf ihm vor, übertriebene oder ganz unrichtige Nachrichten über dieses Land verbreitet zu haben. " Lieber Freund," sagte Boltaire, die Russen haben mir prachtvolle Pelze geschenkt, und Sie wissen ja, wie sehr ich im Winter Sehnsucht führte ihn nach Paris. Der Einfluß des Kardinals Tencin sollte ihm von Lyon aus die Rückkehr ermöglichen. Collini führte ihn am Arm in das Vorzimmer des Kardinals, so schwer vermochte Voltaire zu laufen. Aber faum mar er bei diesem eingefriere." treten, als er schon wieder herausfam, seinen Sekretär am Arm nahm und still mit ihm zum Wagen ging; hier sagte er nach einem träume rischen Schweigen: Mein Freund, dieses Land ist nicht für mich ge schaffen." Ein Jahr danach ist Voltaire der Besitzer des Landhauses Délices am Genfer See: Das ist höchst amüsant und man muß sich amisieren. Das Wasser, die Blumen, die Gebüsche find so tröstlich, was die Menschen nicht immer find." In faft frankhafter Angst fauste er die Herrschaften von Tournay und Ferney, die in zwei anderen Territorien liegen: Man muß zwei bis drei Schlupflöcher unter der Erde haben gegen die Hunde, die einen verfolgen." Der Patriará von Tourney, Fernen und Délices begehrt noch einmal müde abmehrend auf:„ Ich bin ja gar kein Freund vom Märtyrertum." Worte aus den Romanen dieses letzten Lebensabschnittes find sämtlich ein Resumé"„ Man muß nur den Garten bauen Und„ Ich mag gern mit Kindern spielen." Und:„ Es ist wohl eine Schande, daß ich in meinem Alter noch so lebhaft empfinde. Ich bin ein alter franker Mann. Entschuldigen Sie meine Traurigkeit." Und: Man sieht, mie die klugen und glücklichen Menschen die Schwachen in Fesseln schlagen und die Unglücklichen vernichten. Und gleichwohl sind doch die Glücklichen selbst ebenso nur ein Spielball des Glücks wie die Sklaven, die sie beherrschen." In Ferney suchte er die Berührung mit Rousseau. Seinem Brief:„ Das Landhaus Délices wird erst dann seinen Namen mit vollem Rechte führen, wenn es Rouffcau bismeilen in fich schließen darf," steht als Abschluß auch diefer feelischen Tragödie Rousseaus Wort gegenüber: Unter dem Schein, an Gott zu glauben, hat er doch nur an den Teufel geglaubt. Boltaires Gott ist ein bösartiges, schadenfrohes Wesen." Die nahen und die fernen Berwandten des großen Corneille fuchen unter Offenheiten und Lügen zu erreichen, daß Voltaire fie erhält. Freier der jungen Marie Corneille kommen, werden seine Freunde, denen er Güter und Renten schenkt, Marie Corneille und ihr Bräutigam sollen Lernen in der Welt zu lieben und glücklich zu sein". In der Einsamkeit noch der Vermählung der Marie Corneille bat Boltaire den jungen Schriftsteller de la Harpe zu sich, der sein Schönheitsideal war. Er meilte lange Zeit in fernen und stabl Boltaire gemeinsam mit deffen Richte Denise die neuesten und noch unveröffentlichten Manuskripte. Boltaire bat mir um die Abreise der beiden und setzte ihnen eine hohe Rente aus. Als die Ein nahmen aus seinen zu Mustergütern gestalteten Besiktümern groß genug waren, verschenkte er seine Dichtungen an junge Schauspieler, Dichter und Buchhändler. Grimm erzählt in einem seiner Briefe: Seit Herr von Boliaire in Paris ist, haben schon, ich weiß nicht wieviele, Briefter sich eingebildet, durch eine Befehrung desm großen Mannes Ruhm und Reichtum erlangen zu können. Einem tiefer Herren gelingt es, bis zum Kranten vorzubringen. Er wirst sich vor seinem Bette auf die Kinie: Im Namen Gottes, hören Sie mich an; ich werde Ihr Sündenbock sein, alle Ihre Verfehlungen werde ich auf mich laben; aber beichten Sie sofort; ziltre, mein Sohn, versäume nicht den einzigen Augenblick, den die Gnade Dir gewährt usw." Boltaire, in seine Kissen vergraben, hört ihm gutgelaunt zu. „ Ber schickt Sie, Herr Abbé?" ,, Wer? Gott selbst." Und Ihr Beglaubigungsschreiben?!" Diese einfache Frage versetzt den braven Gottesmann in solche Berwirrung, daß Boltaire ihm mit einigen Späßen über die peinliche Situation hinweghelfen muß. Die Vitrine. Wissen Sie, was eine Bitrine ist? Sicherlich! Auch über ihren 3wed find Sie orientiert? Niemand wird daran zu zmeifeln wagen. Und dennoch spricht man ganz bestimmt feine Beleidigung aus, menn man behauptet, daß dieses nügliche Gerät noch längst nicht in der ganzen Fülle feiner Geltung erkannt ist. Eine Bitrine, ist nicht nur ein Glasfchrant, fostbaren Gegen ständen zum Schutze vor Staub und frevlerischem Zugriff bestimmt. Es gibt eine auf der Welt, die Sinnbild der tapitalistischen Kultur und ihres Verhältnisses zu allen Bölkern ist, die nicht mit weißer Haut begabt. Sie steht in Melbourne in Australien. In einem herrlichen Museum. Und sie steht einstweilen noch leer. Doch steht sie nicht allein. Ihr gegenüber, gleichfalls aus schönem Kristallglanz mit blank polierter Messingfassung, leistet ihr Gesellschaft. lind zeigt dem neugierigen Besucher zugleich ein Stoffpräparat: den Körper des letzten der Hunderttausende von Tasma niern, die der weißen Kultur zum Opfer fielen und teils an Alkohol, teils an Kugel und Blei, teils an den anderen Seuchen starben, die die Eroberer ihres herrlichen Landes dereinst als europäische Ge schenke mitgebracht. rang für immer aus den Händen gefallen ist! So arbeitet kapitalistische Kultur und Gemütstiefe vor. Gie baut Särge denen, die noch im Lichte wandeln und die längst auf der Liste auszustopfender Kuriositäten für Museumszwecke stehen, bevor sie den Fremden, die ihnen ihr Land stahlen, ausgedient haben. Der ausgestopfte Tasmanier im Museum zu Melbourne starrt, jolange das Licht flutet, in den leeren Raum der benachbarten BiDen Dreiundachtzigjährigen zmang seine diebische Nichte, ihrer trine, eben der, die Sinnbild europäischer Gemütstiefe ist. Auch sie gesellschaftlichen Stellung megen nach Paris zu kommen. Bei der gesellschaftlichen Stellung megen nach Paris zu kommen. Bei der soll eines Tages einen ausgestopften Gast bekommen und als gläEinfahrt nach einer durchgearbeiteten Reise umringten die Leute von jerner Sarg den Lezien eines Boltes beherbergen. Sie ist vorParis den Patriarchen von Fernen um der Seltsamfeit seines Aufbereitet, dem letzten eingeborenen Australier, wenn ihm der Bummezuges willen. Der elegante häßliche Boltaire war seiner Zeit ent fremdet. Die Menschen suchten ihn um seiner Wunderlichkeit millen. Er empfing fie unentwegt. Die Beine schwollen ihm an von vielen Stehen. Zwei Wochen nach seiner Ankunft überfiel ihn beim Diffieren im Bett ein heftiger Blutfturz. Er brauchte höchste Ruhe: statt dessen war 3ank und Geschrei in seinem Krankenzimmer. Man fonnte sich über die Wahl des Modearztes nicht einig werden. Den Aerzten erschien als Rettung die Rückkehr nach Ferney. Benife, die Richte, hielt ihn durch falsche Meldungen über eine Umstimmung bei Hofe feft. Sie nahm ihm seine einzige Stüße, den Freund und Sekretär. Boltaire sehnte sich hilflos nach ihm. Er nahm unentwegt Opium. Aus den Dämmerzuständen schreckte er durch die 3mangs vorstellungen auf, ein neues Wert beginnen zu müffen. Die legte Delung lehnte er ob. Boltaire mußte heimlich beerdigt werden, ehe das Bischöfliche Berbot ber Bestattung eintraf. Der Leichnam Boltaires wurde mährend her großen Renoufion nam Grabstätte zu Grabftätte gebracht. Die Geiftlichkeit Gieß Staft auf seine Gebeine jhütten, bomit fie gang bertigt mirhem. In der Heimat sagt man, Kolonialpolitik sei Dienst an der Menschheit und zivilisatorische Aufgabe der weißen Rasse. Ihr Refultat, ihr vorausgesehenes Resultat aber find ausgestopfte Menschenleiber für Museen! Und so rasend ist das Tempo der zivilisatorischen Erfolge an den armen Urnölfern der folonialen Gebiete, daß man vorsorglich. wie es den Bertretern und Verfündern tapitalistischer Kultur ge ziemt Bitrinen bereitstellt, um das mumifizierte Resultat una mittelbar nach der Bollendung den Augen der Gaffer zur Schaut stellen zu tönnen. Wirklich, diese Ritrine zu Melbourne ist ein Symbol von nicht mehr zu überbietender Gindringlighteita Funkwinkel. Das Programm der beiden Pfingsttage stand völlig im Zeichen der Mufit. Bom Morgen bis zum Abend Konzerte, ungleichmäßig in Zusammenfegung und Ausführung. Eine Art von Barabe ber vom Rundfunk verpflichteten Kapellen. Lipidhatoff aus dem Bristol wie immer tonschön, weich und Inrisch, stellenweise mit der Neigung zu breiter Sentimentalität. Aber auch in einer Teemufit nehmen sich die sinnigen Gefänge An der Weser" oder Ich hab' mein Herz in Heidelberg verloren" nicht besonders vorteilhaft aus. Anders die Kapelle Gebrüder Steiner mit ihrem Willen zu einem Brogramm, das künstlerisches Niveau hält und gleichzeitig auch im besten Sinne populär sein mill. Die Kapelle fasziniert nicht durch das Ausfosten Inrischer Schönheiten, durch das liebevolle Ausspinnen füßer Rantilenen, fie spielt eher herb mit fünstlerischer Zurüdhaltung, aber auch ohne jede Virtuosenkunststüde, ganz der Sache hingegeben. Dann gab es Blasmusik in doppelter Auflage und eine Veranstaltung ,, Pfingstmaien" mit alten und neuen Frühlingsliedern. Auch die Theater, Lichtspiele usw. Mittw ,, 30. 5. 28 Staats- Oper Unter d. Linden Ab.-V. 26 Anf.1912( 7) U. Die Hochzeit Mittw., 30. 5. 28 Städtische Oper Bismarckstr. Turnus IV Anf. 20( 8) U. des Figaro Rigoletto Staals- Oper Am Pl.d. Republ. Res.-S. 110. Anf. 19%( 72) U. Oedipus Rex Mavra Petruschika Deutsches Theater Theater des Westens Norden 12 310 3 Uhr, Ende nach 10 Pygmalion von Bernard Shaw dtsch. v. Siegfr. Trebitsch Steinpl. 931 84 Uhr Max Adalbert 99 „ Das Ekel" Hammerspiele Lessing- Theater Norden 12310 , U., Ende nach 11 Zum 135. Mal Finden Sie, daß Norden 12798 Sommerspielzelt Künstlerische Leitung Emil Lind Täglich 8, Uhr Constance sich richtig Nr. 17% verhält? Staatl. Schauspielh. Die Komödie Am Gendarmenmarkt Ab.-V. 108 Anf. 20( 8) U. Musik Bismarck 2414/7516 8 Uhr Es liegt in der Luft Revue von Schiffer. Musik v. Spoliansky Staatl. Schiller- Theater, Charlthy. Berliner Theater 20( 8) Uhr: CLAVIGO Volksbühne Charlotienstr.90/ 91.Dönh.170 81%, U. Ende geg. 11 Gastspiel d. Deutschen Th Der Prozes Mary Dugan Theater am Balowplatz Th. am Schiffbauerdamm Lustspielhaus 8 Uhr: 814 Uhr Was ihr wollt Der Zigarettenkasten SCALA & Uhr Nollendorf 7360 Paul Lincke sowie das Internat. Varieté- Programm Jir. Or. Marfin Zickel 81, Uhr: Guldo Thielscher in Unter Geschäftsaufsicht" Kleines Theater Täglich 84 Uhr: Rosa Valetti, Eugen Rex in Die v. Jefferson Farjeon Regie: Hans Lotz Garnowsky- Bühnen Th. Königgrätz. St. Bergm.2110. Täglich 7%, Uhr Leinen aus Irland Komödienhaus Norden 6304. Tägl. 8 Uhr: Broadway Walhalla- Th. Weinbergsweg 19/20 Täglich 8, Uhr Verlorene Tochter oder Das Mädchen aus dem Freudenhaus Nar Erwachsene haben Zutritt Park.auch Sonntags statt 4.- nur 60 Pt. Piscatorbühne Theater am Nollendorfplatz Kurfürst 2091/93 Heute zum 25. Male Großschnauze Morgen letzte VorSaltenberg- Bubaen CASINO- THEATER& Uhr Dts. Künstler- Th. Lothringer Str. 37. 8 831 Uhr. Müllers Prinzesschen. Verbrechen Ausschneiden. Gutschein 1-4 Pers Faureuil nur 1.14 M. Sessel 1,60 M. Komische 81%, Uhr Oper 8%, Uhr JAMES KLEIN'S gewaltiges neues Revue- Stück: Zich' dich aus! 200 Mitwirkende. Vorverkauf ab 10 Uhr ununterbrochen. Renaissance Theater .Steinplatz 901. 8 Uhr: Krankheit der Jugend Berliner Prater Kastanienallee 7-9 Täglich: Musik von („ Crime") stellung! Malborough zieht in den Krieg! Ab übermorgen Sommerspielzeit. Künstlerische Leitg Emil Lind Premiere T Der Feldberrohagel Dern( Städtische Oper) RESTAURANT Plidtags Racismittags Abends Vorzügliche Küche Gepflegte Biere u. Weine Zum Tanztee und abends Kapelle: ALEXANDER BEREGOWSK) Wilhelm 3737 CHARLOTTENBURG ITT Elite- Sänger Theater am Kottbusser Tor. MpL. 160 77. Täglich 8 Uhr: Das grosse Rapelle Otto Rermbach wurde zum Frühkonzert verpflichtet, tmb diefer pfingstliche Muftenthusiasmus drang bis in die Märchen ftunde ein, die schöne Rinberchöre und einen unverdaulichen Boden stebtschen Tegt brachte. Zu gleichmäßig ist in allen diesen mufitalischen Veranstaltungen der Aufbau des Brogramms: Dupertüren, Walzer, Fantasien und Charakterstüde. Am Sonntag abend ein Opern und Operettentonzert und am Montag die Rigoletto- leber tragung aus der Staatsoper. Die Gegenwart durchlebt befanntlich eine Berbi- Renaissance. Alle Opern Berbis, die auf dem Repertoire der Berliner Opernbühnen stehen, sind deshalb bereits verschiedene Male übertragen worden. Nur Aida" ist dabei vergessen worden. Barum? Selbst das große Finale im zweiten Aft fann faum eine unüberwindbare Schwierigkeit bilden. Statt Patiera sang den Herzog Rianes, beffen Tenor im Radio nie ben rechten Giang entfaltet. Ferner tommen Szenen, die auf der Hinterbühne spielen, manchmal nicht zur Geltung und flingen zu leife. Bundervoll die Stellen von Schorr und Schlusnus. Das Programm des Opernabends mar unterhaltend und reichlich bunt geraten. Seidler- Winter fplett Roffini und Donizetti genau so sorgfältig wie Bizet oder Flotom. Er fennt teinen Ueberschwang und feine unnötige Erhigung. Alles widelt sich bei ihm schon zu ruhig ab. Die Soliftin Marianne Alfermann, früher Koloraturjängerin an der LindenV 225Sensations- Programm Thalia- Theater Versäumen Sie es nicht! Dresdener Str. 72-73 Täglich 8 Uhr Polnische Wirtschaft Jean Gilbert Deutscher Metallarbeiter- Verband Dyckerpelts Erben Außerdem: GROSSES VARIETÉ Tanzbelustigung. all. Art-- Kaffeekochen Reichshallen Theater Stettiner Sänger Schluß: Achtung! Bureauschluß htung Rose- Theater Ab 1. Juni find unsere Bureanräume Gonnabends nut bis 1 Uhr geöffnet. Gr. Frankf. Str. 132 84 Uhr: Dafür werden Freitags alle Bureau- Das Paradies d. Ebe räume für unsere Mitglieder bis 7 Uhr abends offen gehalten. Wir bitten, dies zu beachten. Die Ortsverwaltung. . Gartenbühne: 1/6 Uhr nachm.: Konzert und benter Teil 81 Uhr: Der fidele Bauer Stuckes Pfingstfahrt Herr Spandauer Plantation am Zoo Burleske von Mevsel. Anfang 8 Uhr. wird herzlich um Nachricht gebeten. Verläng. Joachimstbeler Straßr Noll. 1578 Donnott- Brett': Krümel, Spandan, Kurze Str. 10. 16%, und 19, Uhr: ( Saai u. Garten Varieté, Tanz. Kapelle Wilhelm Frenkel NEUE WELT Arnold Scholz. Hasenheide 108/14. Täglich: Gr. Gartenkonzert u. gr. Revue 100 Jahre Rauf und Runter Dienstag, Donnersig, Sonnab., Sonnty. Tanz unter Palmen. Konzert ab 6 Uhr. Im Garten oder Saal. Treff der Parteigenossen und R.- B.Kameraden Charlottenburgs im Der Sternbimmel der Heimat 18 und 21 Uhr: Im Reiche der Eden- Café, Kaiser- Friedrich- Mitternachtssonne Straße 24:: Täglich Konzert Schlaf- Chaiselongue mit Bettfasten, nur 37.- u. Bettenhaus Moabit Birtenstraße 21. Eintritt 1 M. Kinder sat, 15 Jahren 0.50 M. Spritzpumpen 1. Reklamepreis v.7 M. an Sam Selbstaufstellen, Filtareangor, SOHEachs verkauf. Krüger& Lathan, Pempenfche Barite 0. 27, Alexanderstr.14 ALL Oper, Hat eine fine gefättigte bunte mitteflage, aber bens Koloraturen fehlt es noch immer an Leichtigkeit und an geschliffener Eleganz Paula Knüpffer las am Dienstag ein paar Kapitel aus Schaljapins Selbstbiographie Mein Werden". allerdings mehr von Schaljapin gehabt, wenn die Funkstunde eine der Gastopern übertragen hätte. Den leidenschaftlichen Bejaher der Staatsidee nennt Dr. Adolf Grabowski den Japaner in seinen Bortrag über Japan. Die berühmte Naturliebe des Japaners ift nichts weiter als eine bis zum Erirem gesteigerte Heimatliebe, die sich vielleicht so start entwidelt hat, weil der Kampf mit dem wenig ertragreichen Boden härter ist als in einem europäischen oder ameri fanischen Staat. Grabowski zeigt dann die geschichtliche Entwicklung der japanischen Außenpolitit und vor allem die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Nachkriegszeit, die in erster Beziehung durch die Ueberspigung des japanischen Kapitalismus entstanden sind. Abends. erzählt Hans Reimann während einer halben Stunde seine tleinen Anetboten, alte und neue, harmlose und fed frisierte, liebenswürdige und bissige. Zum Abschluß ein Konzert Sommerfreuden unter Seidler- Bintler mit hübschen fleineren Kompofitionen, von denen die zarten japanischen Impressionen Niemanns den Durchschnitt weit überragen. putzt alles 44 Möbel F. S. Ausnahme- Angebote! zu tatsächlich günftigen Breifen nur Möbel- Magazin, Invalidenstraße 131, Laden, Haltestelle Stettiner Bahnhof. Stammhaus Rügenerstraße 13. Bolierte Solafzimmer in Birke, Eiche, Rußbaum, Mahagoni 630, eichene Eßaiminer, 250 breit, zerlegbar, ganz erftElaffige Verarbeitung, 645,-. MöbelMagazin, Invalidenstraße 181, Laden, Saltestelle Stettiner Bahnhof. 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