BERLIN Mittwoch ö.ZiUll 1928 10 Pf. Nr. 264 Biso 45. Jahrgang. Erscheint täglich anßer Sonntag«. Zugleich Abendausgabe de«.Vvrwirt«". Betugsprei« beide Ausgaben Sö Pf. pro Woche, pro Monat. Redaktion undLrpedition: BerlinSWss.Lindcnstr.s „UrWaMi Anjetgenpret«: Die einspaltige Nonpareilleieil« so Pf.. Reklamtitile b M. Ermäßigungen nach Tarif. Postscheckkonto: VorwärtS-Verlag G. m. b. H.. Berliner. 3753S. Fernsprecher: Dönhoff SSS bi« 2S? taatsanwatt auf der Toilette. Landgerichtsrat peltzer beschimpft die presse. Die verweigerte Akteneinsicht. "Die heutige Dormittagssitzung des richterlichen Disziplinar- senats beim Kammergericht gestaltete sich mitunter äußerst dramatisch. Sie spielte sich in der Hauptsache in der Form von Dialogen zwischen dem Vorsitzenden, Senatspröfldenten Dr. Preiser, und dem beschuldigten früheren Staatsanwalt und jetzigen Lairdgerichtsrat Peltzer ab. Der Vorsitzende kam anscheinend aus der Verwunderung nicht heraus und sparte nicht mit scharfen Kenn- zoichnungen für das Verhalten des früheren Staatsanwaltschafts- rates. Aber er mochte damit keinen Eindruck, denn Dr. Peltzer begann seine Verteidigung mit einem Vorstoß gegen die Presse! Er rügte, daß diese sein gestriges Fehlen als merk- würdig bezeichnet habe, während er als Vorsitzender eines Gerichts unabkömmlich gewesen sei. Uebrigens, meinte er, sei er es ja gewöhnt, daß die Presse alles verdrehe— also wird sie sich diesmal die Mühe geben müssen, die Vernehmung des Land- gerichtsrates mit größter Genauigkeit darzustellen. Ob er damit zufrieden ist. dürfte sich ja zeigen. peltzer in der Toilette. Es handelt sich in der Hauptsache um die bereits gestern an- gedeutete Akten- und Toiletten-Angelegenheit. Der Staotsonroaltschaftsrat Peltzer war im Verlaufe der Ermittlungen in Sachen Barmat auf die Notwendigkeit geltoßen, beim Rech- nungshof gewisse Akten einzusehen. Neben verschiedenen Schdiftstückcn erhielt er hier auch einen für den Reichstag b e st i m m t e n Entwurf zu einer Denkschrift, deren Zweck es sein sollte, diesen über Unstimmigkeiten zwischen Rechnungshof und Reichsfinanzamt zu informieren. Der Rechnungshof for- derte vom Reichsfinanzomt bestimmte Akten, die sich auf Abwick- lungsgefchäste verschiedener Unternehmen während der Nochkriegs. zeit bezogen. Die Ei n s i ch t in diese Akten wurde ihm v e r- weigert. In der Hoffnung, daß die Staatsanwaltschaft ihn viel- leicht bei dieser Forderung unterstützen könnte, überreichte der Mi- nisterialrat K o a r t dem Staatsanwaltschaftsrat Peltzer auf dessen Verlangen hin«ine Reihe von Schriftstücken und den Entwurf zur Denkschrift. Da» geschah ohne wissen des Präsidenten des Rech. nungshofe», Sämisch, zur streng vertraulichen Bearbeitung. Peltzer erschien aber kurz danach in einem Restaurant, wo er in Begleitung des Redakteurs des Hugenberg-Verlags, v. M e d« m, und des früheren Kriminalkommissars D e t t m a n n den Houprmann o. D. K n o l l traf. Dort verriet Peltzer dem Knoll, daß er in feiner Aktenmappe geheime Schriftstücke habe, die chn interessieren würden. Er dürfe sie ihm aber nicht geben! Dann machte er ihm ein Zeichen und— begab sich zur Toilette. Knoll verstand den Wink, entnahm der Aktenmappe die Denkschrift und legte sie in seine eigene Aktentasche. Nachdem er yr Hause Abschriften gemacht hatte, gab er sie an Peltzer zurück. Der Vorsitzende hält dem jetzigen Richter Peltzer vor, wie er denn ein Schriftstück, das er zur streng vertraulichen Bc- orbeitung erhalten hatte, einer dritten Person hatte aushändigen können und warum er sich eines derartigen eigentümlichen Weges bei der Uebermittlung der Denkschrift habe bedienen können. Dr. Peltzer erklärt, Knoll sei ja sein„Vertrauens- man n" gewesen und habe dieses Vertrauen auch in bezug auf die Denkschrift in keiner Weise mißbraucht. Oie Matratzen vor der Tür. Weshalb Peltzer den eigentümlichen Weg bei der Uebergabe der Denkschrift gemahlt hat? Ja, sagte er, wir Dezernenten der Barmat-Sache wurden von hinten und vorne bespitzelt. Die Türen unseres Arbeitszimmers im Kriminalgericht haben wir mit Matratzen ausstaffieren müsien, da wir belauscht wurden. Unseren Mittags tisch haben wir wechseln müssen, weil an den Nebentischen verdächtige Personen uns beobachteten. Aus diesem Grunde, meint Herr Peltzer, habe er die vcbergabe der Denkschrift «n Knoll so gcheininisvoll gestaltet. Aber, sagt der Vorsitzende dazu, das ist unit vollkommen unverständlich. Gehört dos nicht auch in das Sapitel des Romandetektivs, von dem Iustizrat Löwen st ein gesprochen hatte? Sind das nicht bloß Phantasica der Herren Dezernenten gewesen und schien es nicht gerade wegen der angeblichen Bespitzelung ae- fährlich. in einem Restaurant in Gegenwart von zwei fremden Leuten, eines Redakteurs uud eines krimiaakbeomten. die Denkschrift aus diese weise dem Hauptmann a. D. knoll zu überlosten, da hätten Sie doch bester den großen Stern al» Treffpunkt wählen sollen. (Fortsetzung auf der 2. Seite.) Blick auf Peking. Die chinesische Südarmee hat die Hauptstadt des Reiches der Mitte erreicht. Die Spannung in der Stadt steigt, überall tauchen wilde Gerüchte auf und die Lebensmittelpreise schnellen in die Höhe. Der Schutz der Gesandtschaftsviertelzone wurde durch die Besetzung der anliegenden überragenden Gebäude erweitert. Aufklärung nach elf Jahren. Die Ermordung des Grenadiers Hermann Behrendt. Zn der Rächt vor deni Bußtag des Z ah res 1917 war auf einem Bauerngehöst in Rudow bei Potsdam der 20 Zahre alte Grenadier Hermann Behrendt, der bei seiner Schroefter aus heimatsurlaub war. erstochen worden. Als Täter wurden jetzt, nach 11 Zähren, der jetzt 42 Zahre all« Arbeiter Paul Böhme und der ein Zahr jüngere Steinsetzer Paul G r a h l ermittelt und festgenommen. Räch hartnäckigem Leugnen haben beide die Tat zugegeben. Beide Männer arbeiteten damals als Granatendreher und ver- dienten soviel, daß sie einen Diebstahl nicht nötig hatten. Grahl hatte nun zwischen Nudow und Saormund ein einsames Gehöft aufgespürt und mochte sich mii seinem Freund Böhm« aus den Weg, um dort Gänse und anderes Geflügel zu stehlen. Während beide mit dem Abschlachten der Tiere beschäftigt waren, hörte die Bäuerin Geräusch und ging mit ihrem Bruder hinaus, um nachzuforschen. Grahl und Böhme, die sich entdeckt sahen, versuchten zu flüchten, und Grahl raffte eine Eisenstonge auf, um damit die Bäuerin mederzirschlagen. Zum Glück ging der Schlag fehl und traf nur Oer parieiausschuß iagi. Aber die Verhandlungen sind vertraulich. Köln. S. Juni. Heute vormittag 10 Uhr wurde tut Bolkshaus die Tagung des sozialdemokratischen Parteiausschusses durch den Parteivorsitzenden Otto Wels eröffnet.<5s sind etwa hundert Vertreter aus allen Teilen Deutsch» lands anwesend, unter ihnen zahlreiche Mitglieder deS Reichstags und der Landtage. Das politische Referat er- stattete der Fraktionsvorsitzende Hermann Müller- Franken. Tie Verhandlungen sind vertraulich und werde« wahrscheinlich mit einem Gutachten deS Partei- auSfchufseS über die Stellung der Tozialdemokratie zur Regierungsfrage abgeschloffen werden. die Schulter. Behrendt, der, mit einem Seitengewehr bewaffnet, seiner Schwester zu Hilfe eilt«, verletzte Böhm« am Unterleib, während ihn Böhme durch einen Stich in die Kehle tödlich ver- wundete. Beide waren hieraus entkommen. Der Verdacht, in jener Nacht vor dem Bußtag 1917 auf dem Bauerngehöst bei Potsdam den Grenadier Hermann Behrendt er- stachen zu haben, fiel schon damals auch auf den Arbeiter Paul Böhme und den Steinsetzer Paul Grahl, die jetzt als Täter ermittelt wurden und geständig sind. Seinerzeit war ihnen aber nichts nach- zuweisen Erst jetzt führten die Nachforschungen, die Kriminalrat Gennat und sein« BeaMten wegen der Wildercien angestellt-hatten, zur Aufklärung des Verbrechens. Böhms Zunftbrüder beim Wildern hatten ihn wiederholt Vorhaltungen gemacht, daß er einen hellen Rucksack trage, der selbst auf SO Schritt im dichten Walde noch leuchte und so zum Verräter werden könne. Böhme trug ihn aber trotzdem ständig weiter, um seine Forsche zu zeigen. Jetzt ist der Rucksack dem Böhme doch zum Verräter geworden. Den Einbruch in das Bauerngehöst in Rudow bereiteten Böhme unh Grahl sorgfältig vor. Um nicht überrascht zu werden, verbarrikadierten sie draußen die Hustür und die Fensterläden, so daß ihrer Meinung nach niemand herauskommen konnte, wenn bei dem Abschlachten der Hühner im Stall Lärm ent- stehep sollte Ein Fenster jedoch hatten sie übersehen, und so wurden sie trotz aller Vorsicht doch überrascht. Zm Handgemenge kam der Grenadier durch einen Messerstich zu Tode. Böhme, der von seinem Gegner nüt einem Seitengewehr einen Stich in den Unterleib er- hielt, lief trotz seiner schweren Verletzung zu Fuß von Nudow über Nikolassee bis nach Charlottcnburg. »er Gaflcnmordpiozcft Leister. lokallcnnfn in ZehdenUk. Berichte 2. Seite. Oer Gattenmordprozeß Leister. Die neuen Zeugenaussagen verändern das Bild. Der Eindruck vom ersten verhondlungstag in E i s e n a ch hat sich am zweiten Tage noch verstärkt? Man begreift nicht, wie der erste Gerichlchos zu seinem Urteil hat kommen können: . so eindeutig sind diesmal die Aursagen der Zeugen. Da ist z. SB. der Zeuge Roth, damals ein 14jährig«r Junge, jetzt IS Jahre alt. Er war es, der in der verhängnisvollen Nacht seiner Schwester gesogt hatte, dah bei Leister eingebrochen worden sei. Er hatte Geräusche und Schreie gehört und aus dem Fenster zwei Männer aus dem Leisterschen Hause kommen sehen. Auch einen Schuß halte er vernommen. Der Junge wird von seinen Ver- wandten als wahrheitsliebend geschildert. An dieser Aussage kann auch die Vernehmung des Mählenbej�'�s Schuchcrt nichts ändern, der der Kronzeuge des ersten Gerichtshoses war. Seinen Bekundungen ist nicht zuletzt die Verurteilung Leister» zum Tode zu verdanken. Er will mit dem Angeklagten nicht verfeindet gewesen sein. Trotz- dem ist es bekannt, daß er stets um all« Entlastungsmomente herum- gegongen ist. Er will in Leisters Hause verschiedenes Verdächtiges gesehen haben, u. a., daß in der Stube eine Person in einem Tuch herumgetragen worden sei. Der Wert seiner Aussage wird aber vollkommen durch die Aussage seiner Frau entwertet, die erklärt, daß sie sowohl einen Schuß wie auch Hilferuse gehört, und daß sie erst einige Minuten später ihren Mann geweckt habe. Direkt sensationell wirken aber die Ergebnisse hinsichtlich der Schußwaffe, mit der der Mord begangen worbei, sein soll. Fest steht, daß Leister von seinem Schwager ein Pistole zum Ver- kauf bekommen hotte. Niemond ist imstande, zu bekunden, daß er, wie dos erste Urteil es angenommen hat, eine A r m e e p i st o l e be- festen hat. Der Schuß kann aber nur aus einer solchen abgegeben worden sein. Das wird vom Schießfachverständigen mit aller Ve- stimmtheit ausgesagt. Verstärkt wird der Eindruck dieser Auesage noch durch das Gutachten des Medizinalrats Iennicke, daß der tödliche Schuh überhaupt nicht Im Zimmer, sondern von draußen her durch das Fenster abgefeuert worden sei. Hat denn der erste Gerichtshof von alledem nichts ge- wüßt? Für die eigentümliche Einstellung der Richter der ersten Instanz spricht auch der Umstand, daß man sich überhaupt keine Müh« gegeben hatte, die Uebeltäter an anderer Stelle zu suchen als im Hause Leisters. Eine Reihe von Zeugen bekundet aber mit der größten Bestimmtheit, daß gerade zur Zeit der Tat in der Mord- nacht verschiedene verdächtige Personen beobachtet und verschiedene Einbrüche ausgeführt worden sind. Ja, selbst in der fraglichen Nacht wurden zwei verdächtige Männer im Dorfe gesehen. Sind dies« beiden vielleicht die Täter gewesen? Und dann die belastenden Beziehungen Leisters zu Frau Lindner. Frau L. ist als Zeugin nicht erschienen: sie entschuldigt sich wegen Krankheit Der Staatsanwalt will auf die Zeugin nicht verzichten. Ihr Verhältnis zu Leister wird aber aus Bekundungen anderer Zeugen festgestellt. Sowohl Leister als auch Frau Lindner haben es mit der Treue nicht besonders ernst genommen. Unter Ausschluß der Oefsentlichkeit wi'sten die Zeugen verschiedenes darüber aus- zusagen. Dabei schneidet Leister bester ab als Frau Lindner. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß der Wunsch, diese Frau zu heiraten, schwerlich das Motiv für die Mordtat hätte sein können. Der erste Gerichtshof hotte das aber angenommen. Noch etwas anderes fällt ins Auge: die Voreingenommenheit der Dorfbewohner gegen Leister. Er war Maurer, lebt« und arbeitete größtenteils außerhalb des Dorfes, war vielleicht auch nicht so gottesfürchtig wie die katholischen Bauern ringsherum. Man kannte ja auch seinen etwas lockeren Lebenswandel, wußte auch, daß er wegen Meineides in einer Ehescheidungsfachc zu 9 Monaten Gefängnis verurteilt worden war, und so traute man ihm auch diesen Mord zu. Von dieser Stimmung gegen Leister haben sich wohl auch die ersten Richter leiten lassen. Oer Prozeß der Staatsanwälte (Fortsetzung von der 1. Seite.) Nein, sogt Peltzer, Herr Knoll hat wissen müssen, was er tut, und wenn er den Leuten vertraute, so war ja olles in bester Ord- nung. Aber, folgt daraus die Replik des Vorsitzenden. Herr v. Medem hat sich auch über das eigentümliche Verhalten des Herrn Knoll bei der Entnahme der Akten gewundert. In dieser Weise dauert das Frage- und Antwortfpicl zwischen dem Vorsitzenden und dem Landgcrichisrat an. In den Gesichtern der Kammergcrichtsräte liest man unverhohlenes Erstaunen. Die Aussagen des Ministerialrats Koart und des Finanzrats Namslau lassen keinen Zweifel darüber, daß die Denkschrift vertraulich behandelt werden sollte. Allerdings sagt ein Zeuge, daß nichts da- gegen einzuwenden gewesen sei, wenn ein Vertrauensmann der Staatsanwaltschaft die Denkschrift in die Hand bekommen hätte. Aus den Bekundungen des Finanzrats Namslau ergibt sich übrigens auch, daß im Auftroge Peltzers der Kriminalkommissar Müller in den Rechnungshof gekommen sei und mit Beschlag- nähme von Akten gedroht habe. Peltzer will ihm einen derartigen Auftrag nicht gegeben haben. Llnwahrhasiigkeit als Anklagepunkt. Es folgt nun der zweite Punkt der Anklage: er lautet auk llnwahrhaftigkeit gegenüber dem Oberstaatsanwalt Tctzloff. .Es handelt sich da um die Aussage des Staatsanwaltschaftsrats Peltzer im Strafverfahren gegen Kußmann und Knoll wegen Akten- Verschiebung. Der Angeschuldigte hatte damals gesagt, daß er von den Beziehungen Kußmanns zur Presse und zum Hauptmann a. D. Knoll nichts wisse, daß Kußmann mit diesem nur immer belanglose Sachen besprochen habe. Er könne auch nichts darüber sogen, ob Kußmann dem Knoll irgendwelche Mitteilungen gemacht habe. Und dergleichen mehr. Der Vorsitzende warnt gewissermaßen den An- geschuldigtcn, vrrsichtig zu fein, da er ja damals als Zeuge unker seinem Eid ausgesagt Hobe. Dr. Peltzer versteht den Wink. Aus die Vorhaltungen, daß er doch hätte wissen müssen, daß Knoll Kuß- mann? Vertrauensmann sei, bleibt Peltzer doch dabei, daß ihm das unbekannt gewesen sei. Der Vorsitzende meint dazu, ob nicht das auch in das Kapitel des Detektivromans gehöre, ob er nicht gleich Kußmann und Knoll einfach dem Oberstaatsanwalt Tehloff gegenüber habe verheimlichen wollen, daß knoll der Vertrauens- mann der Staatsanwalstchafi sei. Peltzer muß zugeben, daß der Oberstaatsanwalt Tctzlaff tatsäch- lich ein s a l s ch e s B i l d über die Stellung Knalls zur Stciatsanw-Kt- schaft habe bekommen müsten und daß er absichtlich seine Bs- Ziehungen zu Knoll verheimlicht habe, um nickt auch selbst in ein Straiversahren hineingezogen zu werden. Im Gegenteil, meint der Vorsitzende, dann war« es überhaupt nicht zu einem Strafoer- fahren gekommen, denn die Auslieferung von Schriftstücken an einen vert-aumsmann wäre ja nie und nimmer eine Aktcnverschiebung gewesen! In Bezug auf die Aushändigung des Kuverts mit dem Vernehmungsprotokoll Lyonel Isaaks behauptet Dr. Peltzer, nicht ge- wüßt zu haben, was sich in dem Kuvert befinde. Aus diesem Grund« habe«r dem Oberstaatsanwalt Tetzlass von der Aushändigung des Protokolls nichts gefaxt. Arbeiten des Ausschusses des AOGB. Vereinheitiichang der prozeßveriretung.- Die Frage des Dundesbeitrags. Der Ausschuß des Allgemeinen Deutschen Aewerkschastsbundes (AÄGV.V beschäftigte sich am zweiten Tage seiner Ätzung mit Zwei wichtigen Fragen: Erhöhung des Bundesbeitrags und Vereinheit- lichung der Prozeßvertretung. Die Erörterung über die Verein- heitlichung der Prozeßvertretung wurde in di« De- batte über den Bundesbeitrag einbezogen, da sich durch sie dem ADGB. und seinen Organen eine neue Aufgabe von erheblichem Atismaß erschließen würde. Gegen die Zentralisation der Prozeß- Vertretung wurde eingewandt, daß viele Verbände Wert darauf legen, daß sich ihre Angestellten an allen Stellen öffentlichen Lebens zeigen und bewähren. Andere Redner begrüßen den Gedanken der Vereinheitlichung der Prozeßvcrtretung im Interesse der Verbände ebenso wie im Interesse einer besseren Pflege des modernen Ar- bcitsrechts. Die Bereitstellung von Spezialisten für die Rechts- beratung und Prozeßvertretung enthebt di« Gewerkschaften auch dem heute vielfach bestehenden Zwang, die Prozeßveriretung Rechts- anwälten zu übertragen. Die Betreuung der Mitglieder durch den Verbandsangestellten in Rechtsfragen dürfe zwar nicht völlig unter- bunden werden, ober es werde möglich sein, ein gemeinsames Ar- beiten der Verbandebeoollmochtigten mit den Arbeitersekretären und eine zweckmäßige Arbeitsverteilung.zwischen beiden durchzuführen. Die Zahl der Arbeitersekrctäre und Prozeßvertreter wäre auch nie so groß, daß sie die gesamten Aufgaben der Verbände in der Rechts- beratung übernehmcnk könnten. Die Arbeitersetretärc wären immer genötigt, sich einen Stab von Helfern zu sichern. Zur Frage der Bundesbeiträge, deren Erhöhung der Bundes- knlsierer Kube begründete, wurde angeregt, die Lehrlinge im Bunde beitragsfrei zu lassen und dadurch die Erhöhung der Bei- träge für die übrigen Mitglieder etwas auszugleichen. Ferner solle der Bundesvorstand seine Aufmerksamkeit daraus richten, daß die Beisteuern der Ortsgruppen zu den Gewerkschaftshäuscrn nicht über- mäßig gesteigert werden. Es wurde die Anregung gegeben, dah die Finanzierung der Bezirkssekretariate des ADGB. in vollem Umfange vom Bunde aus erfolgen möge. Zurzeit wird rund eine Hälfte der Ausgaben der Bezirksausschüsse aus der Bundeskaste, die andere Hälfte aus Beiträgen der Ortsausschüsse be- stritten. Die Nolwenbigkelt«iner Erhöhung der Bundesbeiträge wurde allgemein anerkannt. Die Debatte bezog sich nur auf das Aus- maß der Erhöhung. Es wurde auch daran erinnert, daß in einem niedrigeren Bundesbeitrag für weibliche Mitglieder eine geringere Einschätzung de Kolleginnen zum Auedruck kommt. Auf die Dauer dürfte dieser Zustand auch nicht aufrechtzuerhalten sei». Cntschei- düngen wurden nicht getrossen. Die Beschlußfassung über die vom Bundesvorstand unterbreitete Vorlage für den Haushalt des ADGB. wie über die Frage der SBereiicheii lichung der Prozeßvertretung wurde bis zur nächsten Lundekousschußsitzung vertagt. Beide Fragen werden inzwischen von den Dcrbondsvorständen beraten. „Der gelbe Diwan" IMlt dem Abdrudt unserer neuen Erzffidung werden wtr am Freitag beginnen, E. Williams bebildert darin in fesselnder Welse den Verlauf eines besonders interessanten Kriminalfalls, dessen SchauplÄtze die Hauplstfidte Englands und der Vereinigten Staaten von Nordamerika bind. Die Illustrationen zum.Gelben Diwan* sind von dem bekannten Zeidmer Adolf Lehner i, mmmmmmmammmmmm—mmm Völkisch-kommunistischer Krawall. da kann sich kein Gebild gestatten—. Oer Raubmord bei Zehdenick. Lokaltermin an der Mordstelle. Zur völligen Aufklärung aller Einzelheiten des Raubmordes, dem in einer Strohmiete bei Zehdenick der Händler Wilhelm Winkler zum Opfer fiel, wurde heute morgen aus Veranlassung der Prenzlauer Staatsanwaltschaft am Tatort ein Lokaltermin abgehalten. Mit dem Zuge, der 7,1S Uhr Berlin verläßt, brachten Kriminal- kommistar Dr. Berndorff und zwei Beamte den überführten Mörder O l l e s ch in einem reservierten Abteil noch Zehdenick. Bon hier brachte sie ein Krastwagen nadz dem Wege noch Muz, den Ollesch und Winkler in der Mordnacht gegangen waren. Dort hatten sich inzwischen di« Vertreter der Staatsanwaltschaft, Oberstaatsanwalt Hordt und Staatsanwalt Dr. Rohde. eingefunden. Ollesch führte zu der inzwischen sertiggcstellten Feldscheune, von der er damals eine Zaunlotte mitnahm, um die Wassergraben ouszumessen, in di« er und sein Begleiter in der Dunkelheit mehrmals hineingeraten waren. Die Latte diente ihm später als Mordwaffe. Der Weg führte weiter über die Koppel dos Landwirtes Schulz und den Acker des Bauers Engel, aus dem die inzwischen abgetragen« Miete ge- standen hatte. Ollesch schilderte die Einzelheiten der Tat und wurde nach Abschluß des Termins noch Prenzlou gebracht. Beim Bekanntwerden des Lokaltermins hatte sich eine große Menschenmenge angesammelt, die heftige Drohungen gegen den Svtörder ausstieß. Ollesch, der wohl eine Lynchjustiz befürchten mochte, zitterte heftig und hielt sich immer dicht an die Beamten. Es geschah ihm jedoch nichts. Oie rätsel hasten Funksprüche Nobiles. Hilfsaktionen überall. Die Meldungen über Funksprüche der.Zlalia" sind noch vollkommen unklar. Während man festzustellen ver- sucht, ob es sich hierbei nicht um Rufe handelte, die a n General Nobile gerichtet waren, werden überall H i l s s- a k t l o n e n vorbereitet, um die Mannschasi des JlotbpoU luslschisjcs zu retten. Noch einer Meldung aus Murmansk hat di« Radiostotion O b d o r s k vorgestern obend einen Funkspruch von der«Jtolia" empfangen, nach dem sich das Luftschiif auf dem Franz-Iosess- Land befände. D,e Baischast soll gelautet haben:..Luftschiff „Italia" gescheitert Franz-Iosefs-Lond SOS." Daher hätte sie den vollkommen unerklärlichen Zusatz enthalten: ,.W i r sind weit vom Land entfernt." Ansang und Ende wider- sprechen sich also vollkommen. Der Funkspruch soll in englischer Sproihe abgefaßt sein, di« Nobile vollkommen beherrscht. Aus M u k- den wird die Nachricht bestätigt, während man in Moskau die Meldung abstreitet. In Gelehrtenkreisen, bei den Sowjetbehörden und bei den Beamten der italienischen Botschaft ist man jedoch überzeugt, dah General Nobile mit seinen Gefährten auf oder bei Franz-Josefs-Land Hilfe erwartet. Bei Murmansk will ein Fischdampscr am Dienstag um 29 Uhr schwache drahtlose Signale, anscheinend von der„Italia", aufgefangen haben, die aber nicht entziffert werden tonnten. Ein Radioamoteur in B 0 st o n glaubt einen Funkspruch empfangen zu haben, der Hilfe- rufe der„Italia* brachte und gleichfalls besagte, daß das Luftschiff auf Franz-Josefs-Land niedergegangen sei. Aus K i n g s b a y liegen von der„Italia" immer noch keine Nachrichten vor, doch heißt es, daß die Wctteroerhöltniise gegenwärtig g ü n st i g seien. Der Hilssdampfer„Broganza" berichtet drahtlos, daß bisher noch keine Spur von der„Italia* gefunden wurde. Im Austrage der russischen Regierung ist der Dampfer „Perseus* zur Rettung der„Italia* in das Nördliche Eismeer ausgelaufen. Die Sowjetregierunq hat außerdem drei großen Eisbrechern Befehl erteilt, sich zur Hilfeleistung für Nobile vorzubereiten. Am 11. Juni geht der Eisbrecher„Malygin" mit einem großen Wasserflugzeug von der Küste Nowaja Scmljas ab. Das schwedische Kriegsministerium hat veranlaßt, daß schleunigst ein Uebereinkommen über das Chartern eines geeigneten Schiffes für die SBeforderung schwedischer Flugzeuge nach Spitz- bergen getrossen werde. Die Flugzeuge werden dann von dort sobald wie möglich die Suche aufnehmen. Der norwegische Flieger Holm hat einen mehrstündigen Erkundungsflug von Äingsbay aus unternommen, ohne eine Spur des Luftschisses zu finden. O Die Flieger des„K r e u z d e s S ll d e n s". der gestern auf den Fidschi-Inseln landete, wollen den Weiterflug am Freitag anzu- treten versucklen. Wie aus Neusundland gemeldet wird, be» absichtigen die Flieger Siutz und Frl. Earhart noch heute mit dem Wasierflugzeug„Freundschaft" zur Ueberquerung des Ozeans auszusteigen. Sie wollen den Flug bis zur völligen Er» schöpsung des Benzinvorrats fortsetzen. Die französischen Flieger de Marnier und Kapitär Ehalte treffen augenblicklich Bor- bereitungen zu einem Douerflug, auf dem sie den S t r e ck e n w c l t- retard brechen wollen. Der Lchrerinnenmord bei Freiburq. Nach Meldungen aus Freiburg im Breisgau scheint es sich bei der Ermordung der beiden Lehrerinnen nicht nur um Lustmord, sondern auch um Raubmord zu handeln. Den beiden entblößten Leichen fehlen auch Geldbeutel und Schmucksachen. Die Landespolizeibehörde in Karlsruhe Hot zur Aufklärung des Falles mehrere Beamte an den Tatort entsandt. Das Wrack des früheren deutschen Panzerkreuzers„TOoltke* wurde kieloben in ein Dock im englischen Kriegshafcn Rvsyih(bei Edinburgh) eingeschleppt. Es wird völlig abgewrackt. » Das Disum für den Reiseverkehr mit Lettland wurde aufgehoben. « In Polen haben 49 Gemeinden durch Abstimmung das Verbot des Ausschankes von Alkohol angenommen. Bank-Holiday. Von Erich Gottgetreu(London). Am Familientisch, den man den trauten zu nennen pflegt, ent> spann sich«ine Diskussion darum, was man am Bant-Holiday unter- nehmen solle. Der Bank-Holiday ist«ine speziell englische Erfindung, ein Bentil sonst viel Lebenslust oerdrängender Volksmassen, ein fast ins Phonlastische gesteigertes Weekend, steigend nur am zweiten Oster-, Pfingst-'und Weihnachsfeiertag und am ersten Sonntag im August. Während der englische Sonntag im allgemeinen und in breitesten Kreisen doch noch recht fromm gehalten wird— gewih: di« Kirchen sind nicht voll, aber die Kinos ebensowenig und die Theater sogar geschlossen— Revolution der Sitten zu SO Prozent—, gleicht der Bank-Holiday einem Wirbel ungebändigter Lust, mehr noch einem Trubeltag als einem Iubcltag, einem Jahrmarkt des Lebens, das sonst nicht ausgelebt wird.... Da war also am Sonnabend das große Plänemachen, bei uns und überall. Fred, der große Sportheld des chauses, ging vor Neid fast in die Luft, daß er als Flugenthusiost da nicht hingehen konnte, weil nur di«(Bipfelzierden her Gesellschaft, unter ihnen der Prinz of Wales natürlich, sich zum Lufttreffen in Southampton ver. sammelten, jeder im eignen Flugzeug. Besagter Fred schloß sich dann der Familie an, die mit Hunderllausend anderen nach Brighton, Londons beliebtestem Seebad, fuhr. Dafür splittert« sich ober der Neine Tom ab und zu mir. Tom hat den Londoner Zoo noch nicht gesehen, es sei ihm aber zu verzeihen, meint man, weil er erst vier Jahre alt sei, mir ober, der ich schon ellvas älter bin, nicht; ich müßte schleunigst hin. Londons Zoo, in der Anlage etwas an fjogenbeck erinnernd, ist ebenso groß und reichhaltig wie seine Verwaltung unsozial. Natür- lich hat der Durchschnitts-London er nur an Sonntagen Zeit hinzu- gehen. Aber an Sonntogen haben nur die einen hohen Beitrag zahlenden Mitglieder des Londoner Zoo-Lereins Zutritt. So bleibt die Gesellschaft selbst vor unseren häßlichen Großvettern aus dem Urwald exklusiv(Voronosf ist gerade hier, man bekundet lebhaftes Interesse für seine Drüsentheorie: nur der dreiundsiebzigjährige Shaw will sich nicht verjüngen lassen— warum? fragt man ihn, und er antwortet:„Ja, die Leute würden, stürbe ich nicht, erschreckend aus- rufen: Uncore du Shaw...")— dem Volk bleibt für den Zoo aber nur der Bank-choliday. Am Pfingstmontag war es ein Masientreffen von 48 000. Und drückend heiß dazu. 48000 im Zoo! Auf den schmalen Grasslöchen sitzen und schwitzen sie. Mitgebrachtes verzehrend, so dicht, daß das Grüne vor lauter Menschen nicht mehr zu sehen ist. Getränke und Speisen werden an den Schanktischen nicht gegen bar ausgegeben, die Leute müssen sich erst in langen Kellen nach Marten anstellen. Der Eintritt kostet einen Schilling. Der ins Aquarium«inen extra. 45 000 müssen sich das und somit das Schönste verkneifen. Aus einmal ist Tom verloren gegangen. Vermutlich wird er sich durch Geschrei bemerkbar machen� sag ich mir, aber da sangen entsetzlich viel Kinder an zu schreien, und wie das klingt, wenn Tom fchrelt, weiß ich nicht, ich ruf«.... Auf diesen vier Punkten der bongen Spannung angelangt, bekomme ich es. da der Schrei nach dem Kind« ungchört bleibt, mit der Angst zu tun. dann mit der Polizei, die die beruhigende Auskunft gibt:„Verlorene Kinder werden neben dem Löwenzwinger gesammelt."— Richtig, dort spiell Lobby mit ihnen, einer von den ganz langen Schutzleuten: wißt ihr, Kinder müssen ihn für den lieben Gott oder mindestens für einen Aussichtsturm oder allermindestens doch für den König halten— und Tom ist auch schon da, es gefällt ihm, er weigert sich wieder mitzukommen, und er tut es in seinem entzückenden Kinderenglisch, das ins Kinderdeutfch übertragen heißt:„Tom tommt nicht." Da kann man nichts machen. In so einem Fall nützt einem die ganze Montessoriweisheit nichts. Tom will nicht zu mir mit meinen so schönen und so ausgiebig in der Praxis erprobten Prinzipien über Kindererziehung, sondern bleibt lieber bei der Polizei mit ihren Sondformen. Es ist zu verstehen.„Sie können den Kleinen ruhig hier lassen," meint der Polizist zu mir,„und wenn Sie sich mal an- sehen wollen, wo die Kinder gleich dutzendweis verlorengehen, fahren Sie mal zwei Untergrundbahnstationen weiter, nach Hamstead cheath!"— chamstead cheath ist allerdings sehenswert am Bank-Holiday. Die ungeheure Bergwiese, mit Büschen, Bäumen, Buden reich besät, ist voller Ausgeloffenheit und Ueberfreude. Auf dem Gipfel aber steht der Eiferer einer religiösen Sekte und predigt, die Bibel in der chand, schon Schaum vorm Mund und nur noch Gekrächz in ihm,«in Leben in Christo, und es scheint ihm nicht viel auszumachen, daß er nur drei alte Weiblein als Zuhörer hat. Zwanzig Meter weiter wirbt die„League of Kations" für di« allgemein« Abrüstung. Sie ist geschickter, sie hat eine kleine Jungenskapelle mitgebrocht, Texte im Publikum verteilt, und alle singen sie mit großer Begeisterung das schöne Lied„Loh Lomon". Wie gern sie alle singen! Eine gute alte Tante von mindestens siebcnzig Jahren geht umher und verteilt Zucker an di« Kinder, die besonders laut gesungen haben. Nicht etwa Bonbons, sondern richtigen weißen Stückenzuckcr. Dann betritt ein tüchtiger Redner das ausgestellte Pult, verabreicht aber keinen, sondern redet Feuer und Flamme gegen die Feuerslamme des Krieges und für die allgemeine Abrüstung. Zwiefacher Zwischenruf:„Und die deutschen Gase?!" Das ist Hamburg. Bei diesen politischen Straßenversammlungen geht es sehr fried- lich zu, auch bei der heutigen am Bank-Holiday. Die Köpfe werden erst heißer im Rummel: man schießt, eine ganze Alle« lang, mit Holz- kugeln nach Kokosnüssen, drei Würfe kosten«inen Penny, und wer eine Nuß trifft, der hat sie ganz. Die Kokosnüsse sind auch sonst billig: eine halbe tostet Twopence, etwa fünfzehn Pfennig, und wenn ich bedenke, wie oft ich dafür als Kind auf dem glorreichen Chemnitzer Jahrmarkt nur ein ganz kleines Stück bekommen habe, möchte ich heute verschiedene Käufe wieder rückgängig machen, aber nach fünfzehn Jahren ist die Sache wohl schon verjährt. Auffallend zahlreich sind die Gelegenheiten zum Glücksspiel: man wirft seinen Penc« auf Schachbretter und runde Platten aller Art, und wenn jemand in di« Mitte trifft, was nicht zu oft geschieht, dann bekommt er den Einsatz mit Gewinn heraus. Bank-Holiday ist Ausnahmetag. Auf den Wiesenflächen von Homstead Heoth liegen die jungen Pärchen Großpuritanicns, dicht umschlungen und sehr intim— weil sie das zu Hause nicht tun dürfen. Bank-Holiday ist Ventil. „Flitterwochen." Atrium Deba-Palafi. Ein netter lustiger Abend, sozusagen ein Sommerprogramm bei nicht vorhandenem Sommer. Ein neuer Regisieur E. W- Em o hat einen nicht alltäglichen Stoff, an dem bloß drei Männer beteiligt waren, in nicht alltäglicher Weise verfilmt, und bei der Auswahl der Darsteller eine entschieden glückliche Hand gezeigt. Die Milieu- Zeichnung ist zwar etwas breit, ober keineswegs unangenehm auf- gefallen, das Tempo wird(später) flott und der Schluß sogar über- flott. Die beiden jungen Leute— er und sie— studieren beide Jura und finden sich natürlich über alle Einwände der begüterten Mutter hinweg, die mit einem adligen Nebenbuhler aufwartet. Mkigc Mißverständnisie und Verwechslungen, wie sie in der ollen deutschen Posse nun eben Brauch sind, helfen dazu, den Knoten Rußland in Berlin. ulmFehrbellwer Platz in Berlin wird heute eine russische Kirche eingeweiht, die auf einem Eclhause aufgestocht. ist. Ihre Zwiebelt'drme nehmen sich seltsam genug in der Umgebung aus. zu schürzen, als das junge Paar vor den Belästigungen der neuen Praxis auf Flitterwochen flüchtet. Der erste große Fall in Ehe- scheidungsfachen wird für den frischgebackenen Rechtsanwalt zum Verhängnis, da die junge Frau in ihrer Eifersucht die belastenden Dokumente des Prozesses auf ihren Mann bezieht und nun auf Ehescheidung klagt. Vorangegangen ist eine tolle sstacht im Hotel. in der mit Zimmerverwechslungen jongliert wird. Sehr lustig ist die Verhandlung vor dem Ehescheidungsgericht, vor dem sich beide, Mann und Frau als Rechtsanwälte in eigener Sache gegenüber- stehen. Natürlich versöhnen sie sich, während sich ihre Vertreter noch gegensellig Liebenswürdigkeiten an den Kopf werfen. Harald P a u l s e n und Margot L a n d a sind beide ausgezeichnet in Form, gut anzusehen und voll lustiger Lebendigkeit. Dabei hat die Landa noch außer der quecksilbernen Beweglichkeit ein überaus ausdrucks- fähiges Gesicht. Auch die anderen Rollen sind filmmäßig gut besetzt: Teddy Bill als dicker Nebenbuhler, Frau v. Bolvary als Schwiegermutter. Voran gingen ein die Lachlust kitzelnder amerikanischer Zrick- film aus der Gegend„Felix der Kater", die 3 Ohayos, japanische Akrobaten voll unheimlicher Gelenklosigkeit und Beate B r o d n a, eine virtuose junge Tänzerin. r. Giädieiag in Köln. Anläßlich der Internationalen Presseausstellung hält der Vor- stand des Deutschen Städtetages seilte diesjährige Sommer- tagung am 8. Juni in Köln ab. Für die Tagung sind«ine Reihe wichtiger Verhandlungsgegenstände in Aussicht genommen. Ein rnesontlicher Teil der Verhandlungen wird den Verhällniffen am Geld- und Kreditmarkt gewidmet s«in. In diesem Zusammenhange wird sich der Borstand eingehend mit der vom Städtctag erstmalig veranstalteten Vierteljohrsstotlstik über Schulden st and und Steuereinnahmen der Städte befassen, deren Aufbereitung nahezu abgeschlossen ist. Die Ergebnisse gelangen demnächst zur Ver- öffcntlichung. Am 9. Juni tagt der Vorstand des Preußischen Städte- t a g e s in Köln. Jin Mittelpunkt der Beratungen wird die Frage der G«bietsabgr«nzung im rheinisch-westfälischen Indu st riegebiet und im linksrhciiiischen Gebiet sowie die Frage der Auflösung der Gutsbeztrse in ihrer Bedeutung für die städtebauliche und wohnungshygienische Entwicklung der Städte stehen._ Die unter dem Vorsitz von Briand und Paul Boncour gebildete Gruppe französischer Parlamentarier zum Studium der deutsch- französischen Probleme beschloß, sofort nach Zusammentritt des Reichstages eine Delegation nach Berlin zu entsenden und dort die Bildung einer entsprechenden Reichstagsgruppe anzuregen. Volkshochschulen und Arbeiierschast. Deutscher Volkshochschultag in Dresden, einberufen vom Reichsverband der deutschen Volkshochschulen. Ueber 200 Per- sonen aus allen Teilen Deutschlands nehmen an den zweitägigen Beratungen teil. Zum größten Teil Angehörige bürgerlicher Kreise, Lehrer, Beamte usw.. aber auch eine Anzahl Arbeiter. Der Stim- mung nach zu urteilen vorwiegend bürgerlich-demokratische„Kultur- träger" mit einem Stich ins Soziale und politisch Oppositionelle. Bei den Vertretern des flachen Landes Anklänge von nationaler Romantik und Realisierung der Bauernschaft. Zur Beratung stehen Fragen der Erwachsenenbildung: Abend- Volkshochschulen in größeren und kleineren Städten. Volkshochschul- Heime. Bildungsorbeit auf dem flachen Lande. Eine einheitliche Linie tritt nicht zutage. Manches treffende Wort, viele interessante Berichte aus der praktischen Arbeit, hübsche psychologische Streif- lichter, aber keine zusammenfassende Idee, kein starkes, einheitliches Wollen, kein geschlossenes organisatorisches Gefüge. Streit um künstlich konstruierte Gegensätze(wie z. B. intensive oder extensive Bildungsarbeit?), wo richtig zupackende zielbewußte Arbeit leicht eine Synthese schaffen und Anschluß an die Wirklichkeit finden könnte. Hier offenbart sich die Tragik jener bürgerlichen Elemente, die sich noch immer an die Idee einer über den Klaffen stehenden„neu- tralen" Bildungsarbeit klammern. Einig« der Besten unter ihnen haben diese Tragik erkannt.(So gestand Theodor Bäuerle. Leiter des Voltshochschulwesens in Württemberg, den Bankerott jener Richtung ein, die die Bildungsarbeit im Volke als?ine Art geistige Armenpflege betrachtet.) Aber viele scheinen auch heute nicht einsehen zu wollen, daß der Dolkshochschulbewegung nicht mit verschwommenen Volksbeglückungszielen, nicht mit mystisch-romanti- schen Schwärmereien, nicht mit geistig-seelischen Suppenkiichen ge- dient ist, sondern nur mit bewußter opferwilliger Arbeit im Dienste der werkätigen Massen in Stadt und Land. Di« sozialistische Arbeiterschaft hat diese Aufgabe schon längst erkannt. Sie nutzt die Volkshochschule, wo sie unter sachkundiger, zuverlässiger Leitung ihrem Wiffensdrang dient und es verschmäht, den Arbeitern ungenießbare Kost zu reichen. Sie wendet sich von ihr ab, wenn sie von bürgerlichen Elementen als Kulisse für anders gerichtete Bestrebungen benutzt wird. Wenn jene bürgerlich-denwkrotischen Intellektuellen, die aufrichtig und ehrlich nach neuen Wegen in der Volksbelehrung suche«. diesen Sachoerhalt erkennen, werden künfttge Voltshochschullagunge« ersprießlichere Arbeit leisten, als die jetzt in Dresden abgeschlossene. S. Bernard Shaw und der Film. Wohl kein lebender Schriftsteller hat mehr Angebots von Filmgesellschaften erhalten, die Zustimmung zur Verfilmung seiner Werke zu geben, als Bernard Shaw. Keiner hat aber auch die lockendsten Angebote mit größerer Entschiedenheit abgelehnt als er. Diese Haltung war keineswegs auf eine grund- sätzliche Gegnerschaft Shows zum Film zurückzuführen. Im Gegen- teil: Shaw hat stets der Entwicklung des Films das größte perfön, liche Interesse eittgegengebracht, ist selbst ein verhältnismäßig slei» ßiger Kinobesucher und hat besonders in jüngster Zeit gern bei der Herstellung sprechender Filme mitgewirkt. Wenn er trotzdem di: Verfilmung seiner Dramen hartnäckig ablehnte, so geschah das— wie er mehrfach in Jnterviews mit Vertretern der Presse und des Filmwesens festgestellt hat—, weil er von der grundsätzlichen Ver- schiedenhcit der Bedürfnisse des Films und des Theaters so tief überzeugt war, daß er sich von einer Verfilmung seiner stark auf die Wirkung txs gesprochenen Wortes gestellten Stücke keinen Ge- winn für die Filmkunst versprach. Cr hat sich oft mit Recht über die' Filmleute lustig gemacht, die bereit waren, Riesensummen für das Recht zur Verfilmung seiner„Heiligen Johanna" zu zahlen, anstatt das Schicksal der„Jungfrau von Orleans" unter Zugrundelegung der historischen Begebenheiten zu verfilmen und sich dabei dos Riesenhonorar für den Namen Bernard Shaw zu sparen.— Erst in den allerletzten Wochen scheinen Shaw leider Bedenken gegen die Richtigkeit seiner früheren Stellungnahme ge- kommen zu sein. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, wird die Welt binnen kurzem Einzelhelen über eine geplante Verfilmung von Shaws Heilsarmeedrama„Major Barbara" erfahren. ciedermaaa bleibt Dräfident der Akademie. Mar Lieberniarni ist auch für die Zeil vom l. Oktolicr tgZ8 bi« September lUW zum Präsidenten der Preußischen Akademie der Künste, Berlin, gewäblt worden. Da« Preußische StaalSminiilerium hat die Wiederwahl soeben bestätigt. Als Stellvertreter des Präsidenten wurde der Direktor der Singakademie Professor Georg Schumann wiedergewählt. Die Londerebtcilung der Volksbühne veranstaltet eine Sonderaussubrung des„Judas- von Erich Mühsam. Sonnlag, nachm. 2'/, Uhr, im Theater am Noilendorsvlah.' Guticheine aui LoSPIätze zu t.t» M. in den GeschästS- stellen der Volksbühne: Linienstr. 22", Platz der Republik und in den Zahl- stellen der Sondcrveranjtallunzcn. DAS WAR EIN SCHONER TAG I»IW»KV>V sagt jeder, der Berlins größte Ausstellung DIE ERNÄHRUNG sah— und er hat recht damit— fand er doch nützliche BELEHRUNG für die Verlängerung und Verschönerung seines Lebens und boten die schönen Ausstellungsgärten neben dem Funkturm in der Frühlingssonne doch so schöne ERHOLUNG— Auch Sie werden überrascht und erfreut sein über die vielen Reize eines Besuches der Ernährungsschau Taglich I« Uhr Torrn. M*• Uhr abd«.(Einlog hl» 7 Uhr). Sonnabend« o. Sonniag» v Uhr hl» 9 Uhr(ElnUi hl» 8 Uhr). Eintritt»- mHHHHHHHBBHHH preioe; Erw. U50 FL, jagen dl. 0.73 M, f araUlcnknrlen tür i Erw. n. 2 jngendl. od. 3 Erw. nai 3,50 M., ZniaUMnderknrie 0.25 M. Oer Kall der Studentin Lslamowa. Das Verbrechen der drei Schriftsteller in Moskau. Heber das Derbrechen der drei jungen proletarischen Schrift- steiler in Moskau, des Sekretärs der Schriststellerföderation Alt- schuller, Awrufchtfchenko und Anochin, die die Studentin der Literaturkurse Jslamowo trunken gemacht und ver- gewaltigt haben, haben wir bereits vor einiger Zeit berichtet. Der Selbstmord der 23jährigen bildschönen Frau, eines tätigen Mitgliedes der kommunistischen Jugend, hatte weit über die Grenzen Moskaus ungeheures Aufsehen erregt und die Justizbehörden in Bewegung gesetzt. Bor einigen Tagen fand der Prozeß über die drei jungen Leute statt. Um dos Urteil sogleich vorwegzunehmen: Altschuller ist zu sechs Jahren, Aruschtschenko zu vier und Anochin zu drei Jahren Gefängnis oerurteilt worden. Die Gerichtsverhandlung gestaltete sich im höchsten Maß« sensationell. Der Klubsaal der kommunistischen Jugend erwies sich als zu klein, um die große Menge Neugieriger aufzunehmen. So siedelte das Gericht in den größten Hörsaal des Polytechnischen Museums über. Aber auch hier konnte die berittene Polizei nur mit Mühe dem Ansturm der Hörlustigen Einhalt tun. Es war das gleiche Publikum, in der Hauptsache Jugend, das sonst in diesem Hörsaal den Vorträgen einer Frau Kollontoy über die freie Liebe oder anderer führender Männer und Frauen über aktuelle Problem« des Sowjetlebens lauschte. Di« Zuhörerschaft war in zwei Lager geteilt: die einen nahmen für die Angeklagten Partei, die anderen gegen sie... Die Angeklagten, von denen zwei 24 Jahr« und der dritte 13 Jahr« all ist, bestritten jede Schuld. Sie behaupteten, daß Jslamowa selbst auf das Zusammentreffen bestanden habe und daß sie es ge- wesen sei, die ihnen bestimmte Hoffnungen gemocht habe. Die Zeugen erteilten der Toten den besten Leumund. Als Frau des früheren Vorsitzenden des Rates der VÄksbeauftragten der Usbeck- schen Republik und jetzigen bevollmächtigten Vertreter derselben Republik beim allrussischen Vollzugsrat, hatte sie sich bereits in Mittelasien, zuerst in Samarkand, dann in Taschkent aktiv in der kommunistischen Jugend betätigt. Sie kämpfte für die Gleichstellung ihrer Geschlechtsgenossinnen und forderte von den Männern ein tameradschaflliches Verhältnis zur Frau. Altschuller hatte sie als Studentin der Literaturkurse kennen- gelernt. Durch eine seiner Erzählungen war sie aus ihn aufmerksam geworden: sie machte später, kein Hehl daraus, daß er ihr gefalle. Zwischen den jungen Leuten emstand ein Flirt. Altschuller schickte der Jslamowo Blumen und enthusiastische Briefe. Die Beziehungen hielten sich aber in gewissen Grenzen. Als sich dann Altschuller mit seiner Frau versöhnte, wurde sein Verhältnis zur Jslamowa kühler. Um so unverständlicher scheint sein Verbrechen. Die Einladung zum literarischen Abend war der Jslamowa von Awruschtschenko im Namen Altschullers überbracht worden. Alle drei hatten in einem Hotel ein Zimmer mit einem Bett gemietet, Schnaps, Wein und Imbiß gekauft Jslamowa war in Begleitung ihrer Freundin Jsokowitsch erschienen. Zuerst wurden Gedichte vorgetragen, dann wurde getrunken. Obgleich die jungen Leute wußten, daß IslaMowa keinen Alkohol vertrug, mischten sie ihren Wein mit Schnaps und machten sie betrunken. Als ihr schlecht wurde und sie sich aufs Be, legte, merkte die Jfakowitfch, was beabsichtigt sei und entfernte sich. Sie rief zwar die Jslamowa mit sich: diese war aber nicht mehr imstande, sich zu entfernen. Am nächsten Morgen, jagte sie auf. die Lrage ihrer Nachbarin,'was mit ihr los fei, daß sie nicht rchsfe. was gestern mit ihr geschehen und wie sie nach Haus« gekommen sei. Als einige Zeit darauf Awruschtschenko sie telephonisch ftagte, wie sie sich fühle, erschoß sie sich. Aus dem von ihr hinierlassenen Briefen an ihren Mann und an Altschuller konnte über die Ursache ihres Selbstmordes kein Zweifel sein. Das Gericht begnügt« sich nicht allein mit der Feststellung der Tatsache der Vergewaltigung der Jslamowa durch die drei jungen Schriftsteller. Es hotte auch ein Gutachten über die literarischen Fähigkeilen der Angeklagten ein. Der Sachverständige bestritt, daß sie ein Anrecht hätten, sich als proletarische Schriftsteller zu be» zeichnen: ihre Jdeolcgie, sagte er, sei ausgesprochen kleinbürgerlich. Als kleinbürgerlich wurde vom Staatsanwalt auch ihr Verbrechen bezeichnet. Sowohl der Prozeß als auch das Urteil haben in der Sowjetpresse ausführliche Betrachlungen hervorgerufen. Der Versuch, das Verbrechen der Angeklagten als kleinbürger- lich zu brandmarken, und die kommunistische Jugend von der Ver- antwortung zu befreien, wirkt aber wenig überzeugend, wenn man in der„Roten Zeitung" liest, daß gerade an dem Tage, da dieser Prozeß in Moskau begann, fünf Studenten der Arbeiteruniversität im Studentenheim zwei junge Mädchen trunken gemacht und ver- gewaltigt haben. Den Anführer spielte dabei der Kommunist D s ch i k o j e w, außer ihm nahmen noch zwei andere Kommunisten an der Schändung der Mädchen teil. Di« gleiche„Rote Zeitung" meldet, daß im Bezirk Andischenst zwei Kommunisten und ein höherer Angestellter sich nicht nur damit begnügt hoben, selbst dos Mitglied der kommunistischen Jugend Tatschabajewa zu vergewaltigen, son- dern daß sie hinterher auch noch neun anderen zur Vergewaltigung überlassen haben. Das Verbrechen der drei Schriftsteller in Moskau soll nicht ver- allgemeinert werden: es stellt aber«in Symptom für gewisse Fäulnis- erfcheinungen innerhalb der fowjetrusfischen Jugend dar, von dem auch die kommunistische Jugend ergriffen ist. Bauarbeiterinnen in Moskau. Die sowjetrussische Photo-Agentur in Moskau verschickt dieses Bild mit folgendem Text: „Alljährlich zu Beginn der Bausaifon kommen aus der Pro- vinz bäuerliche Arbeiter und Arbeiterinnen nach Moskau, die dort bei den vielen Neubauten ihr Brot verdienen. Eine Gruppe von Bauerninädchen aus Rjasan, die in den Moskauer Ziegeleien arbeiten." Trotz der großen Arbeitslosigkeit im Moskauer Baugewerbe, die vor kurzem zu Zusammen st ößen zwischen «inigen tausend erwerbslosen Bauarbeitern und russischen Miliz- soldaten geführt hat, werden also noch immer Landarbeiterinnen nach Moskau gezogen. Dabei steht es fest, daß die schwere Arbeit im Baugewerbe für den weiblichen Körper ganz ungeeignet ist. In der Regel werden auch Frauen als Bauarbeiter nur zu dem Zwecke beschäftigt, um die Löhne so weit wie möglich nach unten zu drücken. Llm ein Eisbein. Erbitterter Kampf vor dem Arbeitsgericht. In der Küche einer Gastwirtschaft war das bei vielen Berlinern johr beliebte Gericht. Eisbein mit Sauerkohls hergestellt worden. Di« Brühe, die sich beim Kochen der Eisbeine. sozusagen als Nebenprodukt ergibt, ist in der Gastwirtschaft nicht zu verwenden. Sic wurde des- halb dein Küchcnmädchen zum Genuß überlassen.' Das Mädchen gab NUN' seiner gerade anniesenden Schwester eine Kanne voll Brüh« mit. Später behauptete die Wirtin, das Mädchen habe nichl nur Brühe, sondern auch ein leckeres Eisbein in die Kanne getan, also g e st o h l e n. Empört wies das Mädchen diese Anschuldigung zurück. Es gab eine erregte Auseinandersetzung, nichl nur mit Worten und Schimpfereien, sondern auch mit Tätlichkeiten der Wirtin gegen das Mädchen. Der Streit endete damit, daß das Mädchen die Slellung verlieh und beim Arbeitsgericht aus Bezahlung der Kündigungsfrist klagte, weil die ihr zugefügte Beleidigung Grund zur fristlosen Ausgab« der Stellung abgebe. In Kampfesstimmung, die sich wiederholt in beleidigenden Worten von beiden Seiten Lusl macht«, standen sich die Klägerin und der beklagte Gastwirt gegenüber. Der Richter warnte und drohte mit Ordnungs st rasen, wenn die Parteien nicht in den Grenzen des Anstandes bleiben. Aber die erhitzten Gegner konnten ihre Zungen nicht im Zaum halten. Der Beklagte bezeichnete eine An- gäbe der Klägerin als Schwindel. Dafür erhielt er eine Ordnungs- strafe von 20 M. Als später die Klägerin von der„F r e s s e" der Frau Wirtin sprach, wurde auch sie in ein« Ordnungsstrafe von 20 M. genommen. Für die Entscheidung des Prozesses kam es darauf an, festzustellen, ob mit der Brühe auch ein Eisbein hinausgetragen wurde. Die Klägerin bestritt es, der Beklagte behauptete es, führte ober keinen Beweis daftär an. sondern beantragte, die Klägerin solle schwören, daß sie kein Eisbein genommen habe. Die Klägerin war dazu bereit.— Dos Gericht zog sich zur Beratung zurück. Währenddem sagte der Beklagte zu einem im Zuhörerraum weilenden Bekannten:„Ich habe Beweise dafür, daß ein Eisbein in der Kanne war, ober sie soll schwören, dann werde ich es ihr schon zeigen.'-- Der Mann war also überzeugt, das Mädchen würde einen Meineid leisten und freute sich darauf, daß er sie dann vor den Staatsanwalt bringen könne. Und das alles wegen eines angeblich entwendeten Eisbeins. Glücklicherweise kam es nicht zum Schwur. Den Bemühungen des Gerichts gelang es, die erbitterten Parteien zu einem Ver- gleich zu bewegen. Nachdem so, wenigstens äußerlich, der Friede hergestellt war, tat der Richter noch ein übriges. Er erklärte sich bereit, die Ordnungsstrafen aufzuheben, wenn die Parteien ihre Beleidigungen bedauern und zurücknehmen. Das geschah denn auch. Wohl nicht aus innerer Ueberzeugung, aber was tut man nicht um zwanzig Mark._ Die Schreckensfahrt des Autobus. Gestern wurde der Unglückswagen der Autobuslinie 5, der, wie wir ausführlich berichteten, infolge Bruches im Brems- wurde festgestellt, daß zuerst dieKardanwellemittendurch- die Potsdamer Straße raste, eingehend untersucht. Dabei wurde festgestellt, daß zuerst dieKard anwellemittendurch- brach und gegen das Bremsgestell geschleudert wurde, das gleichfalls in Bruch ging. Der Fahrer Zwiebel, ebenso der Schaffner Müllerke, die durch ihre Geistesgegenwart und ihren Mut großes Unglück verhütet haben, werden von der Aboag-Direktion eine Belohnung erhallen. Die eigentliche Ur- sache des Bruches— ob ein Materialfehler vorliegt, oder eine plötzliche Erschütterung schuld ist, konnte noch nicht geklärt werden. Acht junge Menschenleben? wie ans S p r i n g s i e l d sJllinois) gedrahtet wird, wurde ein mit sieben Kindern und jungen Leuten im Alter von drei bis siebzehn Jahren besehes Automobil, das von einem 19- jährigen jungen wann gelenkt wurde, von einem Vorortzug ersaßt und völlig zerlrümmert. Sämtliche Insassen und der Lenker kamen hierbei ums Leben. Wetterbericht aus deutschen Reifegebieten. Herausgegeben von der Oeffentlichen Wetterdienststelle Berlin. Nordsee. Borkum: meist bewölkt, Temperatur 10 Grad. Wester- land: veränderlich und kühl, Temperatur 9 Grad. Bremen: meist bewölkt. Temperatur 8 Grad. Hamburg: meist bewölkt, Temperatur 10 Grad. Ostsee. Warnemünde: meist bewölkt, Temperatur 10 Grad. Swinemllnde: teils heiter, teils wolkig, Temperatur 8 Grad. Stettin: meist bewölkt, Temperatur 9 Grad. Kolberg: veränderlich und kühl, Temperatur 10 Grad. Donzig-Zoppot: meist wolkig, Temperatur 10 Grad. Seebad Kranz: veränderlich und kühl, Temperatur 8 Arad. harz. Schierke: teils heiter, teils wolkig, Temperatur 8 Grad. Bad Harzburg: teils heiter, teils wolkig, Temperatur 10 Grad. Bad Sachsa: veränderlich und kühl, Temperatur 9 Grad. Brocken: meist wolkig, Temperatur 3 Grad. Thüringen. Erfurt: veränderlich und kühl, Temperatur 11 Grad. Oberhos: veränderlich und kühl, Temperatur 8 Grad. Inselsberg: veränderlich und kühl, Temperatur 5 Grad. Eifenach: veränderlich und kühl, Temperatur 10 Grad. Hessen. Wassertuppe lRhön): Temperatur 7 Grad. Sachsen. Dresden: meist wolkig, Temperatur 9 Grad. Fichte!» berg(Erzgeb.): meist trübe. Temperatur 4 Grad. Schlesien. Breslau: meist bewölkt, Temperatur 11 Grad. Flms- berg: meist heiter, aber kühl, Temperatur 8 Grad. Schreiberhau: meist trübe, kühle Nacht. Temperatur 8 Grad. Schneekoppe: meist bewölkt. Temperatur 0 Grad. Bad Reinerz: teils heiter, teils wolkig, Temperatiir 10 Grad. Bad Landeck: veränderlich, kühle Nacht. Tem- peratur 9 Grad.„ m v<» v Nheingeblct. Köln: meist heiter. Temperatur 9 Grad. Bad Aachen: veränderlich, Temperatur 11 Grad. Wiesbaden: meist trübe. Temperatur 13 Grad. Frankfurt a. M.: meist bewölkt. Temperatur 10 Grad Feldberg(Taunus): Temperatur 9 Grad. �. Baden. Karlsruhe: aeftern etwas Regen, Temperatur 13 Grad. Baixcn-Baden: meist trübe, Temperatur 15 Grad. Feldberg (Schwarzwald): Temperatur 9 Grad. � Württemberg. Stuttgart: Temperatur 16 Grad. Freudenstadt. gestern warm, öfters Regen, Temperatur 14 Grad. Friedrichshafen: gestern etwas Regen. Temperatur 14 Grad. Bayern. Hof: TemperaNir 5 Grad. Wllrzburg: Temperatur 10 Grad. München: gestern Gewitter. Temperatur 16 Grad. Gar- ni'sch-Partenkircben: veränderlich mit Schauern, gestern warm, Temperatur 13 Grad. Zugspitze: mehrfach Niederschläge, Temperatur minus 1 Grad. Berchtesgaden: veränderlich mit Schauern. Tempe- ratur 12 Grad. Oberftdori: veränderlich mit Schauern, Temperatur 13 Grad. Bad Tölz, veränderlich� mit Schauern, Temperatur 14 Grad. Tegernsee: veränderlich mit schauern, Temperatur 13 Grad. Oesterrelch. Innsbruck: Temperatur 14 Grad. Salzburg: mehr- fach Regen, Temperatur 13 Grad. Wien: ölters Regen, Teittpcratur 16 Grad. Wetterbericht der össenllichen Wetterdienststelle Berlin und Umgegend.(Nachdr. vertO Teils heiter, teils wolkig, tagsüber etwas wärmer, abnehmende Winde.— Für Deutschland: Ueberall Weiter- besserung, ober für die Jahreszeit noch ziemlich kühl.._ »»rantwottlick, für die Redaktion:«uaen Pr»a«r. Berlin: Aumw»: Tl,.»lock«. Rftiin t-crlaa: Dorwärts B-rlaa S m b S.. B'rNn. Druck: Bormart» Duck,. drackerri und Verlaasanliall Daul Sin«»& Co.. Berlin S3B 68. Lindcnltrak« 6. Kicr»u I Beilaak .Vlittvocd.G 6 28 Staats-Oper Unter 4 Linden Ab.-V. 31. Anf.lUVs TCIi) 0- Staats-Cper Am P1.4 Republ. Res.-S. 103. Anf.WjP'/�U. Mittwoch, 6.(>.28 Städtische Oper Bismarckstr. Turnus 1 An f. 20(8) U. Staatl. Sdiaospialli. in Cudirmconirki Ab.-V. 114 Anf. 20(8) U. Louis Ferdinand Staatl. Sdiiller-Mer.Cliarlllig. 20(8) Uhr CLAVIGO Volks büh ne btatK am Mlovolati 8 Uhr Mlttwocb.denb Juni Oeutsctinllieatei Norden 12 310 Uhr. Endenach in Leine AuffQhrunsr! Pygmalion von Hernard Sha* Usch. v. Vmtr Tntlhdi Donnerst, u. Freitag geschlossen I Sonnabend, 9. Juni, abends«>,, Uhr Zum 1. Male: Artisten Rtji« Max Reinhardt Kammerspiele Norden 12 31« (>, U., Ende nach 1 1 Zum 142. Mal Finden Sie, da3 nnstante sidi riditig wihilt?______ Die Koniödie tismarck 2414/fSI( 8>(. Uhr Es liegt in der Luft dcTue von Schiffer Ousik v. Spoliansky Orpheus in der Unterwelt Tit. jd SdiiffbiDcniim* 8V, Uhi: Schieber des Ruhms MW meatei ivW1wtT.93f9l.iliaa.1Ti 8'/, U. Ende geg. 1 1 Sastsniil IDiotiduiTh. Der Proieft Hary Oodod Lustspielhaas Ot. lijrti« lick» Unwiderruflich letzter Monat! 8>/, Uhr fluide Thielscher Gesdiättsanfsidif Kleines Tlieater Täglich SV, Uhr Rosa Valetti, Eugen Rex in DU Großsdtnauze Theater des Westens Steinpl. 931 SU, Uhr Max Adalbert Jas Ekel" isilealmiä-ßiihnei, Iis. Künstler- Ii Uhr Verbrechen Sonnabend 71, U. Premiere „Das sind ja reizende Leute..." halia-Theater dresdener Str. 72-73 Täglich 8 Uhr DvcketDotts Erben Rose-Theater (ir Franki. Str. I3i iv, Uhh OasParabietlEhe Ganenbühne '/jö Uhr nachm. Keiiiert und bonter Tiil Hllt Uhr: Derfideie Baoer Planetarium am Zoo '«Fiiit. JudiiiintlialH Slrat. Noll. 1578 >S'/. und!?>,', Uhr: Der Sternhimmel der Heimat 18 und 21 Uhr im Beiehe der MiUernacbissonoe Eintritt I M. IvVrni.*5 li«r«iii.sn .innur*»«* rn.KooiKgraiz.>. Bergm.niO. Täglich TVj Uhi Leinen ans Irland Apmödtenhaa, Norden 0304 TägL 8«/, Uhr Broadway Walhaila-Th. Weinbergsweö W/20 Heute 8�« Uhr Doppelvorstellung zu einfachen Preis. Verlorene Tödiier Sittenst in 4 Akten. Hat Sonnenbad Lustspiel in 3 Akten von Balewski Hur[rwidnriK nib-n lnlritl Pa rk.auch Son n tags statt 4.- nur 00 PI. Berliner Prater Kastanienallee?,?. Täg ich; „PolnisdioWirtsdiatr Mus. v.Jean uilhert Außerdem: Grosse Varl«!«. Tanz. Kaffeekochen. Renaissance- Theater Steino'acr wi jhr Krankheit der Juoend ollenaor 3€er f». Williams der eigenartigste amerikanische Exzentrik-Star und die übrigen TarietC'SensüUoaen! I Spritipum�cn i RekiimeDHii 1.1 H.an »um telbit- ufitollsn 'ihfiauw chlladu verkauf. Krüger&| Lathan, i JoagnfiMk iwlta 0. 27. AIexanderstr.14 iIi.rJtMJnMiUlib1 Komische lov, Uhr Oper|1', Oiirl JAMES KLEIN'S gewaltiges neues .evue-Stück; zieh' dich aus! 200 MUwirMeiide v'orverkaui ab Tu utv ununterbrochen. CASINO-THEATER uhrj Lothringer Str. 37 Müllers Prinzesschen. vussdmelden Jmschem i—* Pen»| �ut-eir" NN'' �. „Ein gerissener idiviegersohn" (Schwank) 'Jn kleines Geuhenk"(Sdiwank) Volkspreise. yREuRSwiiK Arnold Scholz- Hasenheide 108/14. Tätflich: Großes Gor�komert Mr.liem 100 latire Baal und Bnnter. Dienst. Donnerst.,>onnab. u. Sonnt. Tanz unter P Im�n. Ronurt ab 6 Uhr. Ra�ceködie ab 2 Öhr. Im Garten oder Saal._ Cpern Oper) RJES1AURAJNT Reichshallen- iheaier Stettiner Sänger Zum.SchluB SliKkes Pfingstfahrt _irtBb m Kl I«.'»lim| Obi. ..onrion- Brett'i: Tai L Mai. Variete, Tanr. kapeile Wilhelm Frenke! Machmllckao« AbcneSa VorrOgliche Küche Gepflegte Blere u. Weint Zun» Tanztee and abcade Kapelle UEUNOER BERE60WU1 Wilhelm 3737 CtjftJll-OTTIEWSMJ Berliner lllh-TriO Neukölln, w Ubutr. 74/711» föelloge �litlwoch, 6. Juni 1928 IprMimT §tuil&u±0aße]/ann zwei harte, zungenbrecherische Konsonanten, die in ein mattes, wnlofes, nüchternes Verklingen überleiten. Das Gegenteil von tlkten? Natürlich: das Leben. Aber auch wieder nicht das Gegenteil. Kein Leben, das nicht tausendsache Möglichkeiten für künftigen Aktenstaub in sich trüge, keine Akten, die nicht möglicher- weise Niederschlag pulsierenden, leidenschaftlichen Lebens sein könnten. Leben: das ist der Born der Akten. Akten: dos ist ein Denkmal des Magazingebäude. Lebens— und eines der umfangreichsten solcher Denkmäler des Lebens steht in Dahlem bei Berlin und nennt sich Preußisches Geheimes Staatsarchiv. Das klingt etwas gefährlich. Man wittert ein von Fallgruben und Selbstschüssen umzogenes Gelände, auf dem eine ständige Kriminalwache untergebracht ist. Aber dos Beiwort Geheim ist nicht gar so tragisch aufzufassen. Es Hot einen gewissen dekorativen Charakter und in Wahrheit ist das Preußische Geheime Staatsarchiv durchaus ein öffentliches Institut, das, min- destens im Prinzip, jedermann Zutritt gewährt und sogar mit einer gewissen Großzügigkeit Einblick in sein Material nehmen läßt. Während in England zum Beispiel die entsprechende Jahreszahl 2802 lautet, stehen in Dahlem alle Akten bis 1870 den Benutzern uneingeschränkt und ohne daß eine besondere Erlaubnis nötig wäre, zur Verfügung. Um Einblick in die Akten der letzten SO Jahre nehmen zu können, bedarf es ministerieller Genehmigung. Praktisch wird die Genehmigung zwar nur in den allcrseltensten Fällen ver- weigert, ober immerhin ist sie nicht nur eine leere Formalität, denn möglicherweise beziehen die angeforderten Akten sich ja auf noch lebende Personen, und es ist verständlich, daß solche Familien- und Prozeßdokument« neueren Datums, nur mit einer gewissen.Vorsicht ausgehändigt werden. Das Preußische Geheime Staatsarchiv erfüllt zweierlei Auf- gaben. Einmal sammelt es das Aktenmaterial der Brandenburgischen Provinzialbehörden und insofern ist es nur eines der vielen Archive, deren jede preußische Provinz mindestens eines hat. zum anderen aber ist es Z e n t r a l a r ch i v der preußischen Ministerien und Staatsbehörden, die in einem regelmäßigen Turnus von 10 Jahren chre Aktenbestände abliefern und insofern ist es die Fortsetzung des alten Geheimen Staats- und Kabinettsarchivs. In einem der Erdgeschoßzimmer sind die Archivkataloge auf- bewahrt. Vielhundert dicke- Wälzer Ich werfe einen Blick ins Repertorium 24.„Aktenkonvolut gewechselter Schreiben zwischen Kanzler Pruckmann und den Anhaltischen Räten in puncto Jnter- positionis des»iedersächsischen Kreises" heißt beispielsweise einer der viel tausend Titel, die allein in diesem Band zu finden sind. Das Innere des Magazins. Dann lasse ich mich durch die Magazine führen: endloser Weg an entlos vielen Regalen vorüber. Eingaben, die irgendwann einmal die Rathenower Schuster-, die Rüdersdorfer Bäckerinnungen an die maßgebenden Stellen richteten, Urkunden über Emigranten, die zur Zeit der Französischen Revolution nach Preußen flohen, ost- prcußische Aemteraklen: das alles und hunderttausend anderes dazu lagert hier.„Wie sie so sanft ruhen", geht es mir durch den Kopf. Aber sie ruhen gar nicht so sanft, wie man glauben möchte, die Akten nämlich, und im Benutzungssaal treffe ich ein verhällnismäßig reges Leben tief über Aktenfaszikel gebeugter Interessenten an. In einigen der Säle wurden mir die Prunkstücke des Archivs gezeigt. Die prominenten Sachen: ein Londbuch Kaiser Karls IV., das Original einer mit vielen Kardinalssiegeln belasteten Wlaß- «künde aus dem Mittelaver, ein Druckexemplar der Lucherjcheu Thesen, das Rotisikationsexemplar des Friedens von Oliva. Auch Schriftstücke Friedrichs des Großen sind vertreten. Ein zeichnerischer Entwurf zum Beispiel, der sich um den Grundriß Sanssoucis be- müht, dann ein Eingabenbuch, das Fridericus mit Randbemerkungen zo versehen pflegte.„Das geht nicht an," lese ich etwa neben dem Gesuch eines Magistratsbeamten. Ein kurzer Bescheid. Aber der Bescheid eines Mächtigen. Und vielleicht haben die vier knappen Worte damals eine ganze Welt von Hoffnungen und Entwürfen zertrümmert. Aus dem Jahre 1785 stammt die Urschrift des von Franklin und Adams unterzeichneten ersten Handels- und Freund- schaftsvertrages mit den Vereinigten Staaten. Auch Bismarcks Entlassungsgesuch, ein von säuberlich-sorgsamer und uncharakteristi- scher Hand niedergeschriebenes und nur von des Kanzlers markigen Zügen unterzeichnetes Schriftstück liegt hier aus. Von literarischem Interesse ist die Urschrift des Fehdebrieses, den der Kaufmann Koelhaze(so unterzeichnet er sich), dieser Gerechtigkeitsfanatiker und Querulant in einem(aber vielleicht kann man gar nicht das erste ohne das zweite fein!) im Jahre 1534 an den Junker von Zaschwitz und an ganz Kursachsen richtete und der später den Stoff für Heinrich von Kleists Michael Kolhaas abgab. Aus allen Zeiten stammen Askanier- und Päpsteurkunden, beispielsweise ein auf Papyros geschriebenes Papstdokument aus dem Jahre 1024. Aktenfriedhof. Nun ja, aber doch auch ein geschichtlicher Rück- blick aus den brondenburgisch-preußischen Staat. Das Archiogebäude in Dahlem mit seinen sechs Stockwerken ist groß und geräumig. Es ist viel drin— aber es geht auch noch viel hinein. Alles ist hier auf Zuwachs eingerichtet, auf Dokumentenzuwachs, den die Träume und Wünsche, die Herzschläge der Zukunft, auch wenn sie noch so brausend waren, in braver Biederheit den Magazinen und Regalen einstmals liefern werden. Hans Bauer. Mac Mahon und Hindenburg. Eine gesdiichtlicfac Warnung. Di« deutschnationalen Wahlplakat« mit dem Bilde des„Retters" Hindenburg, auf denen„mehr Macht für den Reichspräsidenten" ge- fordert wird, waren nicht nur als übliche Wahlparole dieser Partei zu werten, die mit stiren Versprechungen an die Wähler so unehrlich ist, daß ihr Tausende den Rücken gekehrt haben. In diesem einen Punkte ist ihre Politik einmal ernst gemeint, wenn sie auch prakttsch aussichtslos ist. Ein« Beschränkung der Regierungsgewalt des Volkes und des. Reichstags nach ihrem Sinn« hätte eine Bewegung herausgeführt, wie sie Deutschland noch nie erlebt hat. Auch Hindenburg wird als Stratege von dem Schicksal seines Kollegen, des besiegten französischen Feldherrn Mac Mahon, wissen, besten Ab- treten als Ministerpräsident vom Parlament erzwungen wurde, als er sich zum„Platzhalter der Monarchie" mißbrauchen ließ. Die Weltgeschichte gefällt sich manchmal in solchen Parallelen, die aber hier nicht dem Zufall zuzuschreiben sind, sondern der Zwangsläufig. keit der Dinge, wenn sie gegen Natur und Volksrecht verstoßen. Die Arbeiterschaft hat in ihrem Ausstieg sehr häufig Gelegen- heit gehabt, aus der Geschichte zu lernen, ihr« Kampfesort und die Beweiskraft ihrer Schlüsse aus großen Vorbildern zu erhärten, aber nie war sie so unvorsichtig wie ihre Gegner, die aus der Geschichte nicht lernen können und wie ein Mops den Mond anbellen. Zur Aufhellung der Köpfe, die vielleicht begreifen könnten, wel- chen„Bärendienst" sie ihrem„Retter" erweisen, sei hier oas Schick- sol des berühmten„Kollegen" aufgezeichnet: Die endzüllige Staatsform Frankreichs nach dem Kriege 1870/71 war noch nicht geklärt. Monarchisten und Nationa- listen hatten ihre verschiedenen Thronprätendenten bereit, während die Republik beim Volk immer beliebter wurde. Nachdem der kluge Thiers mit großem Geschick den Krieg liquidiert hatte, erhielt er 1873 von den Monarchisten den bekannten Fußtritt. Ihm folgte durch reine Zufallsmehrheit der„Retter"— Mac Mahon, der Platzhalter des Thronanwärters Grafen von Chambord. Schon hatten die Monarchisten einen entsprechenden Gesetzentwurf verein- bart, als plötzlich Chambord durch seine Weigerung, die Trikolore, die Farben der Republik, anzunehmen und sich zu Zugeständnissen und Bürgschaften zu verpflichten, alle monarchistischen Projekte zum Scheitern brachte. Bei dieser Lage der Dinge beschloß die Rechte, um wenigstens die konservatio-klerikalen Interessen zu wahren, sich mit den ge- mäßigten Republikanern zu verständigen. Das Ergebnis der Wahlen nach der 1875 beschlossenen Ver- fassung der Republik befriedigte die Rechtsparteien nicht. Es wur- den nur 170 Konservativ«, dagegen 360 Republikaner in die Depu- tiertenkammer gewählt. Um das Ergebnis umzustoßen, drängten die Ratgeber Mac Mahons ihren Präsidenten zu ganz ähnlichen Schritten, wie wir sie heute als„kalten Putsch" bezeichnen: Ver- tagung der Kammer auf einen Monat, Auflösung, Verlängerung der Neuwohlsrist. Ausnutzung der gewonnenen Frist zu einem großen Beamtenschub(Wechsel von 45 Präfekten). Auch die Vorbereitung der Neuwahlen unter Einwerfung des Einflusses des Präsidenten— wie es auch bei den jetzigen Wahlen in Deutschland geschieht— mißbrauchte die überparteilich« Stellung des Staatsoberhauptes. Wir begegnen hier schon der spitzfindigen Behauptung, daß der Präsident berechtigt sei, auch gegen die Mehrheit„seiner Ratgeber zu wühlen",„seine Politik zu machen",„den Untergang des Landes zu verteidigen",„die republiqu« revisahle"(d. h. die Republik, die wieder in eine. Monarchie verwandelt werden kann) zu verteidigen. Als die Wahlen aber dann doch gegen ihn ausfielen, versuchte der Präsident ein„Geschäftsministerium" gegen die Mehrheit zu bilden. Die Kammer weigerte sich, mit diesem Kabinett in Be- ziehung zu treten. Schließlich mußte Mac Mahon nachgeben. Im Jahre 1879 wurden die Ergänzungswahlen für den Senat auch zu einein Siege der republikanischen Mehrheit gewandelt. Die sieg- reiche republikanische Partei verlangte die Entfernung oller Mon- orchisten und Klerikalen aus der Verwaltung und den höheren Justiz- und Armeestellen. Mac Mahon trat ab, weil er die Neu- ernennungen nicht vornehmen wollte. Das war der Erfolg, den die Rechte in Frankreich mit ihrer Taktik erreicht hatte, die schärfste Gegenbewegung der Republik. Derselbe Borgang könnte sich in Deutschland ereignet habet, und hätte zweifellos denselben Endeffekt gezeitigt, wie es die Wahlen bewiesen haben.?tur von den deutfchnationalen Bolksverderbern freilich kann man nicht verlangen, daß sie etwas hinzulernen. WAS DER TAG BRINGT. miinmimiinimimiminiMimiiuuimmiimmnniiminimminiiminniiinniimiimiiimmiiiinmniiiniiiiimiiiiiinmnminmiiiiiiiiiiiiniiiiiiimiiimimimmiMiiniimiiiiiiiiiiiiiiiiuiin Schiller war es, nicht Goethe! Im„Tagebuch" schreibt ein„G oe t h e- K e n n e r": „Nicht Koch, sondern Stresemann hat heute über das Schicksal der Deutschen Demokratischen Partei zu entscheiden. Heute! Morgen schon kann der Riß zwischen Demokratie und Volkspartei so groß sein, daß alle Künste Stresemanns vergeblich wären. Er muß es wissen und schnell handeln, der Goethe- Kenner: Was Du von der Sekunde ausgeschlagen, bringt keine Ewigkeit zurück." Scheen! Is aber von Schiller! Der hat's erfaßt! „Siehst Du, darauf kommt es doch an: es wird nicht viel geredet bei den Deuifchnationalen, ober gehandelt!" „Na ja. es fragt sich nur: womit!"„Wahrer Jakob." Morgans ehrlich verdiente lagesgelder. Es muß doch«in eigenes Gefühl sein für«inen Milliardär. gleich anderen Sterblichen gelegentlich einmal gerade so viel zu verdienen, wie ein Mam, zum Leben nötig hat. Dies beglückende Gefühl ist vor kurzem dem reichsten amerikanischen Bankier Ion Pierpont Morgan zuteil geworden. Er hat einen ganzen Tag wng die Lasten eines Geschworenen tragen, über kleine Diebe und Be- träger von der Höhe seiner Milliarden zu Gericht sitzen müssen. Das erstemal in seinem Leben! Denn gewöhnlich, wenn er gerade an der Reihe war, befand er sich auf unausschiebbaren Reisen oder genoß die Ruhe seines unbelasteten Gewissens. irgendwo in irgendeinem irdischen Paradies. Als er aber die kleinen-Diebe und Betrüger über ihre Lebensmühfale erzählen hört«, die sie zu Ver- brechern gemocht hotten, da fühlte er sich plötzlich auch selbst ganz klein, als einfacher Sterblicher, und, nachdem er seine schwere Tagesarbeit erfüllt hatte, begab er sich zur Gerichtskaif« und erhob die ihm zukommenden 5 Dollar 12 Cents Tagcsgelder. Das war ehrlich verdientes Geld. Ob Ion Pierpom Morgan an diesem Tage für„schuldig" oder„unschuldig" gestimmt hat. ob er die kleinen Diebe und Betrüger ins Gefängnis geschickt oder sie der Freiheit zurückgegeben l)at, darüber schweigt des Sängers Höflichkeit. Mor- gon selbst braucht weder„Betrüger" noch„Dieb" zu sein: er besitzt ja seine Milliarden. Ein Ooldgräherschicksal. Als mehrere Knaben bei D 0 b b i n s in Kalisornie« in einem Flusse badeten, tauchte einer von ihnen auf den Grund. Er stieß dabei mit dem Kopf an einem Gegenstand. Mit Hilf« seiner Käme- raden holte er ihn an die Oberfläche— es war ein Eimer, gefüllt mit Goldstaub. Der unleserliche Name eines Goldgräbers stand daran, sowie die Jahreszahl 1868. Der Eimer war mit einer Lehm- fchicht verschlösse� die de» Schatz oerwahrt hatte.- Welch eine Tragödie sich hier abgespielt hat, kann man an- gesichts der Romantik unglaublicher Goldgröberschicksale nicht er- raten. Was trieb den Goldsucher, seinen Schatz im Flusse zu ver- stecken? War er am VerHungen,— zu schwach, ihn noch weiter zu schleppen? Hatte Fortuna ihm nach einem Menschenalter voller Enttäuschungen endlich gelächelt? Und war sein Glück dennoch nur eine Fata Morgans— ein grausames Trugbild...? Die Schleier solcher Trgödien werden nie gelüftet.' Romantik der Mochsee. Eine abenteuerliche Seefahrt, deren Wirklichkett die ousschwci- fendste Phantasie in den Schatten stellt, machte die amerikanische Bark«„Stcrlin" aus Seattle in den Vereinigte» Staaten die neun Monate von Australien unterwegs war. Dieser schnelle Segler kroch kürzlich mit seiner Weizenhdung in den Londoner Hajen wie ein flügellahmer Adler, der einen Zufluchtsort vor dem Swrine sucht. Don den sechs großen Masten, die unter vollen Segeln der„Ster- ling" einen malerischen Anblick verliehen, waren drei wie Streich- Hölzer dicht an Deck abgebrochen. Der erste Offizier Mackenzie wurde getötet, als der Sturm am wildesten tobte, und das Schiff war arg mitgenommen, als es ohne«in Segel in die Themsemün- dung einlief. Es verließ Adelaide am 16. April 1927 und geriet in schlechtes Wetter, sobald es tiefes Wasser erreichte. Nachdem es Kap Horn umsegelt hatte, begegnet« es Hunderte von Meilen weit Eisbergen, von denen einer hundert Fuß hoch war.„Bei den Falk- land-Infeln war es am schlimmsten," erzählt« der Kapitän.„Es herrschte bittere Kälte. Ringsum nichts wie Eisberge. Es ist ein wahres Wunder, daß der Sturm uns nicht zerschmetterte. Der Hauptmast ging zuerst. Spieren und Segel bildeten ein wirres Durcheinander. Mein Maat wurde van einem fallenden Holz er- schlagen. Der Koch war durch Trümmer in seiner Klicke eingesperrt. Stundenlang rollten die Wellen über Deck. Dann gao der Besanmast nach. Eine Ewigkeit waren wir den tobenden Ele- menten preisgegeben. Fock- und Toplcgel gingen in Fetzen. Als die Haupilucke eingedrückt wurde, wickelte sich der Matrose Larsen in Stücke der zerrissenen Segel und pflockte sich in die Oefi- nung, wie jener Bursche in Holland, der den Deich stopfte. So hinderte er das Eindringen des Wassers ins Schiff. Der Brot- winncr-Topmast brach, und die Funkantenne verschwand i» den Wogen. Ein Rettungsboot noch dem andern wurde fortgerissen. Endlich hörte der Sturm auf, ebenso plötzlich wie er begonnen, und die„Sterlin" trieb tagelang auf dem Meer«. Notfegcl wurden ge- hißt, und schließlich erreichte sie St Thomas in Weftindien. Von dort nahm ein holländischer Schlepper sie nach London Der Jüngste der Besatzung war der Funker Anderson aus Adelaide, der seine erste Seereis« machte. Als der Sturm am wildesten tobte, blieb er treu auf seinem Posten und schickte SOS-Rufe aus, doch erhielt cr teio« Antwort."-->• Der erste Flug zum Mars Eine technisch-phantastische Erzählung von Kurt Delta/ Zeichnungen von A.Florath 4. Fortsetzung. Die Meldung trug den siebzehnten September, und heute schrieb man den neunzehnten. Langsam trieb nun die Spannung ihrer Entladung zu. Durch einen Wink hatte sich der Leiter der Erowelt Ruhe verschasst. Seine Stimme schallte von der Hohe klar und hell über die Massen.„Sind cur.e Brüder, die Matrosen, Männer oder sind sie feige Deserteure? Ist„Ionny der Funker"«in Held oder ist er ein Verbrecher?"„Es lebe Jonny" schlug die Woge der Begeisterung hoch. Der Redner hob die Hand und bmgte sich über das Geländer. Da riisen ihn Hände zurück— Stahlhelme glänzten in der Sonne, und in einem Knäuel verschwand der Führer der Erowelt. Die Maschinengewehrschützen hinter der vierfachen Postenkette legten die Patronenstrcisen aus die Trommel. Wie ein« Springflut schob sich die Menge heran, wurde zurückgeworfen,— schob sich wieder vor—. Da— plötzlich riß die kompakte Mass« in zwei Teile. Ein Trichter aus Ptcnschcnleibcrn stand gegen das Portal des Bundeshauses. Und dieser Trichter spie weißgekleidete, braungebrannte Gestalten aus. Bajonelte blitzien. Da und dort krachte ein Kolben, wenn etwa einer zwischen die Räder dieser Maschine greisen wollte. Die Matrosen des„Diamant" waren es. Aus der erwachten Meng« brach es wie ein Schrei' Handeln war die Losung, und eine Lawine wälzte sich über das Bundssgebäude. * Nachdem der provisorische Rat der Liga die Regicrungsgeschäste übernommen hall«, war eine allgemeine Entspannung der Lage eingetreten. Dem Präsidium der Erowclt war die Anerkennung des Rates für tapfere und zielbewußte Verteidigung von wissenschaftlichen und kulturellen Interessen ausgesprochen worden. Den Matrosen des „Diamant" war die Ehrenwache um das Bundesgebäude zugeteilt. Di« Zeitungen brachten keine fettgedruckten Schlagzeilen mehr. Wissenschaftliche Zeitschriften hatten das Wort. Die„Jnoestigation" brache genaue Angaben über das Ziel und die Flugbahn des Projektils. Es wurden offiziell die Gerüchte bestätigt, die behauptet hotten, die Rakete würde sogleich auf der ersten Expedition bis zum Mars vordringen. Es wurde dargelegt, daß es die Aufgabe der Raketenbemannung sei, frühzeitig genug die etwaige Anwesenheit von hochentwickelten Geschöpfen f«stzustellen. Waren diese technisch soweit fortgeschritten, daß sie der Rakete eine Triebstoffauffiillung ermöglichen konnten, so war in diesem Fall« e>n« Landung vorgesehen. Waren aber diese Voraussetzungen nicht zutreffend, so mußte das Projektil den Mars in einer Parabel zu umkreisen suchen.— Heber die Triebstoffzusammensetzung und über deren Quantität konnte auch die„Jnoestigation" nichts angeben. Doch konnte sie ver- sichern, daß die mitgeführte Menge genügen würde, um auf dem Mars ohn« Anprall zu landen oder um nach dessen Umkreisung wieder auf die Erde zurückzukehren. Einige Tage später zeigte jedoch der„Progreß" an Hand von genauen Angaben über Treibwirkung und mitgcfiihrte Triebstoff- meng», durch die Formel, daß die theoretische Berechnung ein« gefahrlose Rückkehr gezeigt hätte. Aber nach eingelaufenen Mit- teilungcn sei die Bemannung anscheinend erst spät aus der Betäu- buna erwacht, und so wäre zuviel Triebstoff beim Abflug verbraucht worden. * Leicht gähnend stand Jonny an deii Instrumenten, während Merimcer still über lange Zahlenreihen gebeugt saß. Am Objektiv des Fernrohrs stand Lady Merimeer. Sie war damit beschäftigt, die rote Marsscheibe zu studieren. Die Einzelheiten traten jede Stunde klarer lzeroor, und die Lady trug eifrig schreibend ihre Beobachtungen in den Funkbericht für Zcntron ein. Jonny sah auf den Zeitmesser. Dann begann er mit symmetrischen Anordnungen von Punkten und Strichen u»d dann— ,n-totew und dann in toten und lebenden Sprachen den Mars zu bearbeiten. Seit vielen Stunden machten sie regelmäßig diese Versuche.— Kein Funke aus dem Weltenraum brachte ihnen Nachricht. „Wieder nichts," jagt Jonny mißmutig, nachdem er einige Mi- nuten regungslos und gespannt gehorcht hatte,„und dabei sollen ihre Ingenieure riesige Kanäle bauen," fügte er malitiös lächelnd hinzu. „Die nächsten Photoaufnahmen werden uns Aufklärung brin- gen," jagt« Merimeer mit seiner klaren, ruhigen Stimme.„Die letzten Ausnahmen zeigen uns ja schon dieses regelmäßig unter- brochenc Netz." Er holt« die Platten herbei, und alle drei beugten sich noch- Mals grübelnd über die merkwürdigen Gebilde.„Es sieht so aus, wie wir unsere Eisenbahnen auf der Erde in die Karte zeichnen. Immer diese schmalen Rechteck« aneinander. Hell— dunkel— hell — und so regelmäßig läuft es durcheinander, wie ein Spinnennetz," sagt die Lady.„Eisenbahnen," lächelt Merimeer,„und dabei sind diese Dinger dreißig Kilometer breit, dos ist das fatale. Hier, da liegen sogar zwei nebeneinauder. Kanäle können es nicht sein, denn die Linien sind ja regelmäßig unterbrochen. Dann, sie sind auch zu breit und doch— sie gehen von Meer zu Meer. * Lady Merimeer schraubte die photographijchcn Apparate wieder vom Okular ab. Sie hatte wieder Aufnahmen der rätselhaften Marsscheibe gemacht. Bald mußte nun ja die Entscheidung kommen. Man photographierte mit dem neuen Verfahren in Farben, sofort als Positiv und auf Pergal, dem unzerstörbaren Metollfaserstoff. Lord Merimeer nahm die nassen Blätter aus dem Bad. Der Mars wirkte durch das Objektiv schon so groß, daß man nur noch einzelne Gebietsteile aufnehmen konnte. Klar und scharf zeigten die Bilder oll« Einzelheiten, die schon Schiaparclli zum Kanolproblem geführt hotten. Dort lag«in weiß und hell glänzendes Meer. Hauchseine Streifen grenzten das ein, was man auf der Erd« als Kanäle be- zeichnet hatte. In diesen Kanälen wechselten gleichmäßige Rechteck« ob.— Ein hellgrünes— ein silberweißes, dann wied«r ein dunkel- grünes. Ein dünner dunNer Streifen sperrte immer ein R«chteck g«gcn das andere ab. Zu beiden Seiten dieser„Kanäle" log nichts als eine rötlichgelbe, grell strahlende Fläche. Nur dicht an den Ka- nälen war diese durch dunkel und hell geteilte Flecken unterbrochen. Lord Merimeer lächelt« sein leises Lächeln. Wie einfach war nun die Erklärung. Riesige Sperrdämme waren es. ein Netz von Bewässerungsanlagen! Auch auf der Erde haben wir ja solche lieber- teste, als Trümmer einer uralten Kultur. So abgetragen waren die Gebirge am Mars, daß es kein« naturlichen Flüsse mehr gab. Nur «in flaches, versandetes Meer. Wüste, erbarmungslos«, rotgelbe Wüste war das, pxrs sich da zu beiden Seite» der KaM« aus- breitete. Und die hellen und dunklen Flecken an den Rändern? Siedlungen waren es! Reste einer absterbenden allen Kuttur. Wie um all das zu bestätigen, lagen auch einige grauschwarze, schlammfarbige Rechtecke zwischen den silbernen. Es waren die frisch von den Wasserfluten befreiten. Ihnen sollte erst Allmutter Sonne das tcbende Grün entlocken. Auf der Rakete war man sich klar geworden, daß nur die Para- bellumkreisung wieder auf die Erde zurückführen würde. Merimeer hatte die Berechnungen dazu bereits fertig. Man würde die Rakete bis zu 109 Kilometer Entfernung an den Mars heranführen. Es war zwar ein gefährliches Wagstück, aber die Parabriäste wurden dadurch m«hr parallel, und man sparte dadurch an Triebstoff. Den wertvollen Triebstoff sparen, das war jetzt die wichtigste Aufgabe. Lord Merimeer hatte sein« Berechnungen nochmals überprüft und dann Jonny die Daten zur Parabelsteuerung angegeben. Wollte die Porabel nicht von selbst werden, so muhte durch den Raketen- antrieb nachgeholfen werden. Jonny trug eben die Zahlen in die Steuerungsüberficht ein, da— ein furchtbarer Stoß erschütterte die Rakete. Der Kreiselkompaß fuhr langsam einen Grad um den ankeren vom Peilstrich ab. Jonny hotte die Ruhe nicht verloren. Mit einem Sprung war er an den Hebeln. Die Augen starr auf dem Richtungszeiger, gab er Gas. Ein leichter Ruck ging durch das Projektil. Der rote Feuer- ström, der aus zwei der Triebstoffbehälter trat, drückte es wied«r in einer Kurve auf die Flugbahn zurück. Im Ausgleich Zwischen Zentrifugalkraft und Massenanziehung jagte jetzt das Projektil auf der Parabelbahn um den Mars. * „Ein verdammtes Meteor," sagt Lord Merimeer, durch die Zähne sprechend.„Dicht ist die Kiste ja anscheinend geblieben, aber der Triebstoff ist bis auf den kleinen Rest dahin, den wir zum Rich- tungstellcn auf die Erde brauchen. Den Einsturz auf die Erde abzu- bremsen, dazu haben wir kein Granmi." Während Merimeer sprach, blickt« Jonny unruhig auf das Instrument. das den Sauerstoffgeholt der Luft in Prozenten anzeigt. „Nach außen wohl, da ist sie dichtgeblieben, die Rakete. Aber die Tanks, die den Sauerstoffballast führen, drücken ihren Inhalt nun in den Innenraum In den letzten Minuten ist der Sauer- stoffgeholt um drei Prozent gestiegen!" „Dann gibt es keinen Ausweg mehr," flüstert der Lord.„Oh, die Papiere und Bilder, könnte ich sie doch retten! Aber es gibt kcin«n Weg—" „Keinen Ausweg," wiederholt die Lady automatisch „Doch, es gibt einen!" sagt Jonny.„Die Auszeichnungen sind gerettet, wenn wir auch nur die Trümmer des Projektils auf die Erde bringen. Die Kassette wird ja gefunden werden, dafür ist gesorgt." Jonny dämpfie seine Stimme.„Daß wir alle drei sterbe» müssen, das ist nun sicher. Aber es wird mehr von uns verlangr! In unserem Tode muß«in kalt überlegies System liegen." Mit einem Blick auf den Sauerstoffanzeiger spricht Jonny hastig weiter. „Zwei bleiben im Raum und sterben den Sauerstofstod. Der dritte schließt in der Schalt- und Sendestell« die Schotten dicht, steuert das Projektil in den Ozean und stirbt in den Trümmern. Aus diestr Einsturzhöh« ist an ein Ganzbleiben nicht mehr zu denken!" Jonny hebt die Hand.„Ich weiß, was Sie sagen wollen, Lord. Sie denken, daß ich den Sender vergesse.„Sehen Sie," er drückte den Tasthebel ein paarmal rasch herunter,„dort auf dein Instrument kein Ausschlag. Di« Scudeanlag« ist zerstört.— Wie ich es gezeigt habe, werden wir sterben müssen!"(Schluß folgt.) Die ersten Autolotsen in Berlin. In Friedrichsfelde, dem östlichen Einfalltor für die Reichshaupt' Stadt, ist vor kurzem die erste öffentliche Autolotsenstelle dem Verkehr übergeben worden. Die Autolotsen sollen den ortsuu- kundigen Fahrer durch das Gewühl der Großstadt leiten, RätseDEcke des„Abend". mmmflmwiminiwiinmcmffffliiTminTnmimfflrainmfmmiimminnmmwiifflmniiroimniiiiniinmmiHiimnuHiTmiHUflimmnwiniinmniimnmiranmmiiimmininiin Kömgelzug. Während beim Rösselsprung über das mit einer Linie an- ig auf das schräg daranftoßende gesprungen wird, das nicht an das Augsgangsfeld stoßt(Gangart des„Springers" oder„Rössels" beim Schachspiel), darf der„König" im Schachspiel auf jedes gerade oder schräg angrenzende Feld ziehen. Be! richttger Lösung ergibt die nachstehende Aufgabe die erste Strophe eines Gc- dichtes von Ludwig Lessen. grenzende Feld hinweg Die fehlende Gilbe. Aus den Silb«n blit bürg dak dou ef f« gat gens gi gie li mi na nanz por pu rent rung se s«r so st«r ta t« te t«r teur ve ver vol sind 15 dreisilbige Wört«r mit gleicher zu ergänzender An- fangssilbe zu bilden. Wie heißen die Wörter und wie heißt die Silbe? Füllrätsel. ..... weiblicher Vorname .... Rähmaterial »..... Waffengattung, Flotte ..... weiblicher Vorname ..... Fluß in Frankreich .....die„schwarze Kunst" ......... Kunstspslsesett Die Punkte in obenstehender Figur sind durch in den senk- rechten Reihen jeweils gleiche Buchstoben zu ersetzen. Magisches Quadrat. Aus den Buchstaben dieser Figur bilde man vier Wörter, die, von oben nach unt«n und von links nach rechts gelesen, folgende Bedeutu»! 2. Üteb« riftifchet haben: 1. Abkürzu ~ tu; 3." und Dichter, na yaver nstuß der Donau; 3. Zeichner für eure Spigenorganisalion; 4. genialer humv- Buchstabenrätsel. In den Wörtern, Land, Egel, Maus, Salm, Onkel, Mast. Lord. Wuchs, Enge, Ober, Wall, Bern, Wein Ilse, Zell«, Korn und Wort ist der Anfangsbuchstabe durch«inen anderen zu ersetzen. Bei rich- tiger Lösung nennen die neuen Anfangsbuchstaben einen bekannte» verstorbenen Führer der sozialistischen Arbeiterbewegung. Fünffache Abänderung. 1. Ausdruck aus der Optik; 2. schleswig-holsteinischer Dornamez 3. Sohn des Pan, 4. geographische Bezeichnung; 5. greisenhaft. Kammrätsel. Die Buchstaben in nebenstehender Figur sind so zu ordnen, datz die senk. rechten Reihen Wörter folgender Be- deutung ergeben: I.Verbindung zweier Knochen, 2. Stadt in Arabien. 3. Erd- teil, 4. Amerikanischer Ingenieur, Er» finder eines nach ihm benannten Arbeitssystems, 5 Astronom.— Die wagcrechte Leiste nennt ein wichtiges Sportsystem. Auflösung der Aufgaben nächsten Sonnabend.> Auflösungen der Rätsel aus voriger Rümmer. Silbensuchrätsel: Heinrich; halma; Schmachtriemen; Parkeingang; Eelbrol; Elektro; Albert; Samariter; Hammeltalg; Diebstahl; Mähne; Ahrensburg; Nachldienst; Streikleitung; Broterwerb; Schätzung; Stendal; Nichte; Knoten; wenningstedl; Dienstvorschrift: Kneifzange; Tugend; Landenge; Beichte; Nihllist; Vierzehnendcr; Währung; Grenze— Ein Halm macht kein Brot. Aber sammelt die Aehren! Die Strecker hätten nicht Not, Wenn die Zagenden bei ihnen wären. Kombinotionsrätsel; 1. e; 2. lyr; 3. Bauen; 4. Zn- diana; 5. El«fant: b. Lindl; 7. Abo; 8. n.— Internationale. C h a r a d e; Sau— er— kraut. Visitenkortenrätsel: Landarbeiter. Anogramm: Mole— s— Mosel; 2. Rand-(- o= Donar; 3 Robe+ z= Zebra; 4. H«ld+ i= Dehli; 5. Kecker+ c= Elektro; 6- Iduno-(- l— Lindau; 1. Rest+ i— Stier; 8. Treue + s= Steuer; 9. Neiße 4 m= weißen; 10. Setma+ u=3 Samuel. 11. Largo-z- s— Goslar— Sozialismus Kreuzrälfel: Kam; Wage; Baal; Eier; n.— Kanin; Wange: banal; Einer. Scherzfrage: Man schneidet vorn ein Stück ab und fetzt es hinten wieder an(Lampe— Ampel). Bertürzungsrällcl: Schm�vg(Deu, J Erbauliches aus Amsterdam. Vernichtende Kritik bürgerlichen Spoii�geistes". Eins Berliner Sportkorrespondenz gibt von der Olympiade der bürgerlichen Sportocrbände im Amsterdam folgende erbau- liche Schilderung: Nach ollen Nachkriegsolympiadcn Haben sich Stimmen gemeldet, die den sicheren Untergang dieser friedlichen Wettbewerbe voraus- jagten. Nach dem Verlauf der Kämpfe Frankreich-Jtalien, Portugal- Jugoslawien und Deuischland-Uruguay oder besser noch den Beglcit- umständen darf man mit Sicherheit auch diesmal erwarten, daß den Olympischen Spielen der Grabgcsang gesungen wird. Die Vor- kommnisse bei diesen Spielen waren bergest alt, daß man diesen Untergang fast wünschen möchte. Statt eines friedlichen Wettbewerbes unter den Besten der Nationen eine wüste Schlacht, statt erhebender Momente solche des Ab- schcus. statt feierlich gestimmter Menschen kreischende, heulende. johlende, alle Erziehung und allen Anstand verleugnende Subjekte. Angewidert verläßt man die Stätte des Geschehens, wirft einen letzten Blick zur Feuerschale des Marathanturmes, von dem aus dos Feuer des heiligen Friedens leuchten soll. Hat man es oorsorg- licherweise für die Fußballwettspielc noch ausgelassen? Aber che man bedauert, daß die Summen für den prachtvollen Bau und die Requisiten des olympischen Theaters nicht nutzbringcn- der zum Heil der Menschheit verwandt wurden, sollte man daran- gehen, über Mittel nachzusinnen, die der Tragikomödie ein Ende und dem ersehnten wirklichen olympischen Schauspiel den Boden bereiten. Solche Mittel sind Vermeidung der Se.nsation zu gewinn- süchtigen Zwecken, schärfste Beobachtung der sportlichen Gesetze, Ueberwachung der Teilnehmer und Besucher, Verbot der Lärm- insirumente, disziplinarische Bestrasung auch des geringsten Ver- stoßes gegen die sportlichen Gesetze und den olympischen Gedanken. Sie sind in Deutschland seit Jahren gedacht und ihre Durchführung auf immer neue Weise versucht, sie sind wiederholt worden bei den ersten Anzeichen einer Verletzung der olympischen Idee ohne daß Deutschland überhaupt beteiligt war. Theater ist schon die Schlacht um die Karten, Theater ist auch der Preis, der für das Schauspiel verlangt wiris. Theater ist die Uniformierung auch außerhalb der Spiele, Theater ist der Kriegs- tanz verschiedener Nationen, Theater ist das Gelärme auf Radau- instrumenten, trauriges Theater ist das Benehmen der Besucher und das tobsüchtige, menschenun- würdige Wüten der Teilnehmer bar allen ritter- l i ch e n und olympischen Geistes'. Das ist durchaus allgemein gedacht und soll beileibe nicht die Deutschen ausschließen. Im Gegen- teil, bei uns wollen wir anfangen, diesem Theater ein Ende zu machen. Wir wollen und wir müssen für uns die Idee rein und hochhalten, einerlei und unbekümmert darum, was die anderen tun. Erst wenn wir zu der Einsicht kommen, daß wir allein sind, können wir unsere Schlußsolgerungen ziehen. Solange aber diese Idee noch in wenigen Köpfen lebt und von wenigen Nationen geachtet wird, werden auch die olympischen Spiele leben. Diese vernichtende Kritik bekräftigt aufs neue die Notwendigkeit von Arbeiter- Sportorganisationen. Gegen die Straßensperre! Die Radfahrer protestieren. Zu einer Protestoersammlung gegen die vermeintliche Straßen- sperrung für Radfahrer hatten gestern abend der Arbeiterradfahrer- bund„Solidarität", der Bund deutscher Radfahrer und die Deutsche Radfahrerunion aufgerufen. Referent des Abends war Grützk« vom Bund deutscher Radfahrer, der einen kurzen Ueberblick gab, was eigentlich geplant war. Sollten doch nach den früheren Ent- würfen einer neuen Verkehrsordnung die Straßen l. und 2. Ordnung für den Radfahrer überhaupt ge- sperrt werden. Der zweite Entwurf sah schon milder aus und wollte nur zu bestimmten Tageszeiten eine Sperre für Radfahrer wissen. Auch dieser Entwurf fiel, bis jetzt ein dritter«nistanden ist, der nur die Straßen l. Ordnung— etwa 30— wochentags von 8 bis 19 Uhr für den durchgehenden Radfahrerverkehr sperren will. Hat der Radfahrer jedoch in einer Straße 1. Ordnung zu tun, so kann er bis zu dem betreffenden Hause hinfahren. Grützke bezeichnete diesen Entwurf als günstiger und weit aimehmbarer als die früheren. Seeg er vom Arbeiteroodfahrerbund„Soli- dantät" kritisierte den geplanten Entwurf, wandte sich gegen die Sperre von 8 bis 19 Uhr und sorderte, daß die Zeitspcrre aus 9 bis 18 bzw. 17 Uhr beschränkt werde. Selbstverständlich wird „Solidarität" wie bisher, bei den kommenden Berhandlunaeir alles tun, was im Interesse der radfahrenden Volksgenossen liegt. Nach einer äußerst lebhasten Diskussion nahmen die Versammelten eine Resolution an, die u. a. eine völlige Fahrfrciheit für die Rad- fahrer in allen Straßen fordert. In dem Bericht„Mehr Radfahrwege" im gestrigen „A b e n d" Hot sich«in sinnentstellender Fehler eingeschlichen. Nach dem Bericht soll der Vertreter des Polizeipräsidiums geäußert hoben, daß eine neue Verkehrsordnung nicht geplant sei. R i ch- t i g muß es jedoch heißen, daß eine neue Dertehrsordnung zum 1. J u l i nicht geplant sei._ Auto-Schönheitskonkuirenz. Beim DAC. Der junge Deutsche Auto-Club hielt auf der Grunewald- rcnnbahn eine Schönheitskonkurrenz für Automobile ab. Man muß es dieser aufstrebenden Organisation republikanischer Automobilisten lassen, sie versteht Feste>zu feiern und sportliche Arrangements zu treffen. Was man auf der Rennbahn sah, war 5ilasse in jeder Beziehung: Ein gut angezogenes Publikum, bei dem auch der„kleine Auto- fahrer" nicht fehlte, herrlich lackierte Wagen und Damen, die eben- falls Farbe(und Puder) nicht gespart hatten. Nahezu 300 Wagen stellten sich dem Preisgericht, und leicht war die Arbeit nicht, aus den SO-, 7S- und 100-Pferdigen mit ihren fabelhaften Karosserien den oder die schönsten auszusuchen. Die Wertung wurde nach Punkten vorgenommen, die in aller Oesfentlichkeit errechnet wurden. Wem ein Auto für xtausend Mark gegenwärtig als noch nicht be- zahlbar erschien, der konnte sich wenigstens die neuesten Herren- und Damenmoden, vorgeführt von effektvoll lackierten Mannequins, an- sehen oder der Promenadenmusik lauschen. Wenn auch manchmal olles nicht ganz kloppte, die 3000 Zuschauer kamen voll auf ihre Kosten. Der schön st e Wagen überhaupt war eine 22—100 PS Cadillac-Limousine. der schönste deutsche ein 13—63 PS Horch. Herr Mendelssohn-Meyerhof besaß den schönsten Klubwagen: die Preise für Sportwagen und Damcnwogen fielen an Fcäulci» o. Berirab und Maria Paudler._ Vorschau auf Grunewald. Das über 2200 Meter führende Girsewald-Rennen, das Lampos oder Ausbund(O. Schmidt),«ilberfasan(M. Schmidt). Impressionist (Haynes) und Gute Sitte(Williams) bestreiten sollen, bildet den Mittelpunkt der Geschehnisse am Do n n e r s t a g. Im Gouverneur- Rennen über 1600 Meter kommt in St. Robert ein Derbykandidat erstmalig heraus. Soll der Hengst wirklich, wie sein Stall behauptet. jßivz ßffmet kn Äamgj rnn das.Blaue Band" haben, dann muß er den Altefelder Skalde selbst bei vier Pfund zu dessen Gunsten schlagen können. Voraussagen: 1. Ota— Prosigk: 2. Stall Schumann— Blanker Hans: 3. Fürstenruf— Eldon: 4. Ausbund — Impressionist: 5. Fürstenruf— Milkart: 6. St. Robert— Skalde: Christinchen— Paroid. Heute Wcltrckord-Vcrsudic. Auf der Rütt- Arena! Der Florentiner Pictro Linari ist in Berlin geblieben, um den angekündigten Angriffsversuch auf den 1000-Meter.Weltrekord mit„fliegendem Start" bei windstillerem Wetter noch einmal zu unternehmen. Der Italiener wird heute, Mittwoch, 20 Uhr, den Weltrekord unter offizieller Kontrolle der Bundes-Zeitnehmer an- greifen. Lothar Ehmer, dessen Disqualifikation bekannllich gestern ablies, hat sich in den letzten Wochen ebenfalls fleißig einem Spezial- training über die 1000-Meter-Strecke unterzogen und will es im Anschluß an den Versuch Linaris wagen, gleichfalls den Eggschen Weltrekord zu drücken. Die Aussichten Linaris stehe» nach seiner am Sonntag gezeigten Leistung über 500 Meter durchaus nicht schlecht, da er trotz des starken Windes den Weltrekord über diese Distanz, den der Italiener Mori im Herbst vorigen Jahres in Mailand mit 30,2 Sekunden aufstellte, um nur% Sekunden verfehlte. Bevorstehende Radrennen. Mit Riesenschritten geht es dem Höhepunkt der Radrennsaison, den Meisterschaften der Berufsfahrer entgegen, die Mitte Juli in Köln ausgefahren werden. Unter diesem Gesichts- winkel wird man die Ereignisse der nächsten Zeit betrachten müssen. Das„Goldene Rod" von Braunschweig wird gelegentlich eines Abendrennens, heut« Mittwoch, mit der Besetzung Möller, Paillard, Suier, Thollxmbeek, Lewanow ausgefahren. Zahlreiche gut besetzte Rennen gehen dann om' kommenden Sonntag vor sich. Auf der Berliner O l y m p i a b a h n be- streiten Linart, Sawall, Sausin, Lewanow, Christmami drei Ren- nen über 20, 30 und 50 Kilometer, bei den„kommenden Männern" find Dob«, Mühlbach, Vennerr, Röschlein und Jürgens am Ablauf zu finden. Zehn Träger der Sturzkappe wird man auch auf der Bahn in Leipzig versammelt sehen. Im Franz Krupkat-Ge- denken über 25 und 75 Kilometer, gehen Möller, Leddy, Dederichs, Breau und Snoek an den Start, die beiden Prüfungen für den Nachwuchs bestreiten Hille, Corpus, Damerow, Büttgen und Schind- ler. B re s l a u- Grüneiche wartet mit dem Fliegerpreis von Schlesien auf, der Engel mit Oszmella, Stesses, Frick« und Lorenz in Wettbewerb sieht. Im Kleinen und Großen Odcrpreis hat sich Krewer der Gegnerschaft von Toricelli. Miquel, Thomas und Schmidt zu erwehren. Auf der Pariser Buffalobahn nehmen Rausch-Hürtgen und Ehmer-Kroschel, deren disqno- lifikation jetzt abgelaufen ist, an einem Zweistunden-Mannschasts- rennen teil. «kickte" gegen die«Rote kakne"! Als die Freie Turnerschaft Groß-Berlin ihre Schwimm« abteilung im Poststadion eröffnete, brachte die„Rote Fahne" eine längere Polemik mit der bekonnten Fragestellung am Schluß:„Oder ist das jetzt ein Versuchsballon, sich in die Werk- sportbewegung hineinzufressen, sie von außen heraus zu„unterhöhlen" und daraus eine Arbeitsgemeinschaft zu machen?" Es fehlte nur noch der bekannt« Refrain:„W er hat uns ver— ra— t e n?" Nun hat der doch gewiß rrreoolutionäre Berein„Fichte" die Erleuchtung bekommen, daß alle Theorie„grau" ist. Grau ist ober ebenso konterrevolutionär wie schwarzrotgold! Unter dem Kampf- ruf:„Nieder mit dem Werksport!" ging Fichte deshalb in die Höhle des Poststadions und eröffnete dortfelbst eine Schwimmabteilung! Nun ist alles wieder gut. Der Vorsicht halber werden in die Fichte-Abteilnng nur Schwimmer als Mitglieder aufgenommen! Wer im Poststadion schwimmen lernen will, muß sich also notwendiger- weise der Freien Turnerschaft Groß-Berlin anschließen. » Die Schwimmabteilung der Freien Turnerjchast Groß- Berlin hat sich wie die anderen Arbeiter-Schwimmvereme die Erteilung von Schwimmunterricht als wichtigste Auf- gäbe gestellt. Für diesen Zweck stehen drei Schwimmlehrer und eine Schwimmlehrerin zur Berfüügung. Für geübte Schwimmer und Springer findet besonderes Training statt. Da das Wasser vorge- wärmt ist(21 Grad), so ist selbst bei kühler Witterung das Baden ein Genuß. Badeabcnde: Mittwochs von 18 bis 22 Uhr. Mit- gliederanmeldung in der Schwimmanstalt, Lehrter Str. 57 a. und 63a. Da die Unfälle auf dem Wasser olljährlich viele Opfer fordern, so sollte überall der Spruch beherzigt werden:„Jeder Mensch, ob groß, ob klein, muß auf Erden Schwimmer sein!" Schwerathleten, Ringer- und hebersparte. Die Iuni-Delegierten- sitzung findet nicht Donnerstag, 7., sondern Freitag, 8. Juni, im Lokal Zippel, Chariottenburg, Kirchstr. 10, statt. Beginn 20 Uhr, Hunderennen des Berliner Hunde-Renn-Elub. Am Sonntag, 10. Juni, 15 Uhr, hält der BHRC. seinen dritten Renntag ab. Das letzte offizielle Training findet Sonnabend, 15 Uhr, auf der Rennbahn Grunewald statt. Alle Barsois, Greyhounds, Whippets, Schäferhunde, Dobermänner, Airedailterriers und Mittelschlag- schnauzer können sich am Rennen beteiligen. Rmndecken mitbringen. Auskunft durch die Geschäftsstelle Dr. Nickel, Berlin NW., Jonas- straß« 4(Telephon Moabit 3410), Heinrich Brauer, Berlin 0. 112: Dossestraße 10, uird Vereinslokal A. Pnuly, Berlin NW. 7, Dorothea- straße 56(Telephon Zentnmi 4867). Rkolorrad-Fußball. Den Bemühungen der Landesgruppe Nord des Deuffchen Motorradfahrerverbandes ist es gelungen, zwei Motorrad-Fußballmannschaften zusammenzustellen, die anläßlich der Berliner Turn- und Sportwoche api Sonntag, 10. Juni, auf dem Gelände des Berliner Flughafens, Bertin-Tempelhof, Tempelhofer Feld, erstmalig den Berlinern diesen in England so außerordentlich beliebten Sport vorführen werden. Verelmkalender. 5la»N>sricht«r»»«»ig»»g, Zcichtathlettyixrt«. Die Sitzung ffir btn Städte. tamri im Poititadion und für den Rcick�-Arbeiter.SporttQg findet Donner». tag, 7. Iui». 19H Utn, in der Kartrllgelchiistdstrlle, Landsberger Str. 80, lt-tt. Freie Turnerschalt Cbarlottrnbnrg. Mittwoch, 18 Uhr, Training auf Westend, nachdem gusammeniunft der Brandenburgfahrcr. Feftbeitraa mit» bringen.— Abt. Tennis: Mittwoch, 17 Uhr, Training auf eigenen Plätzen in Westend._.—_ Toueistenuerei».Die«atursreundc". Abt. Pn», lauer«er«! Donnerstag, 7. Juni, 20 Uhr, Schule Christdurger Str. 1». Mitglleterversammlung(Lieder. abend). Gäste willkommen........ Ruder-rrcin Collegi». Beschließende Bersammsung am 7. Ium, 20' i Uhr, bei Thunork, Wielandstr. 4.,„ n �„c<«,■,... Saaimiulclcr P-ddrUinb IKK. Donnerstag, 7. Ium, 20 Uhr, Mitglieder. «ersammlung bei Sorgenfrei, Berlin«20, Buttmannstr. 8(am Brunnenplatz), Was den Kommunisten Sorge macht! Sie bemühen sich um die Naturfreunde. Der neue Montagsablegrr der„R o t e n F a h n e", die„M. Z.', will es sich zur Aufgabe machen, in erster Lim« die Jnieressen der Arbeitersportler zu vertreten. Wie das geschieht, kann man in der letzten Rümmer aus einer„Stellungnahme" zur Hauptoer- sammlungderNaturfreunde ersehen. Wie durch das Ge- schreibsel der Arbeitersport aber in aller Oefsentlichkeit kompro- mittiert wird, sei an einigen Beispielen gezeigt. Selbstverständlich ist die tatkräftige Abwehr aller parteitommu- nistischen Bestrebungen im Arbeitersport den Herrschaften ein Dorn im Aug«. Da also in dieser Hinsicht wenig zu machen ist, wird ein- fach„festgestellt",„daß die Naturfreunde nicht mehr in den breiten Arbeitermassen verwurzelt sind". Zum Beweise soll der Rückgang der Mitglicderzahlen dienen.„Während der Arbeiter-Turn- und Sportbund zunimmt," heißt«s,„find die Naturfreund« von 116000 auf 60 000 Mitglieder in Deutschland ge- funken." Abgesehen davon, daß die Zahl von 116 000 Mitgliedern leider bisher in Deutschland nie erreicht wurde, wird dabei auch ver- schwiegen, daß sich der Rückgang auf 60 000, d. h. um etwa 30 Proz. der M i t g l i e d e r z o h l von 1923 auf Jahre erstreckt, in denen die„Inflationsgewinne" an Mitgliedern abgestoßen wurden. Neben der wirtschaftlichen Be- l a st u n g der Arbeiterschaft in der ersten Zeit der Stabilisierung war es besonders die Fraktionsspielerei der Kommu- Listen in Brandenburg, im Rheinland, in Thüringen und in Schwaben, die viele alte Mitglieder aus der Organisation vertrieb. Eine gewisse Bestätigung gibt man in der„M. Z." sogar in folgen- den Zeilen:„Der Zusammenbruch ganzer Gaue, wie Rheinland, Westfalen, Südbayern und Brandenburg, hat politische und kulturell« Ursachen." Verantwortlich dafür joll natürlich die„liberale Retckfsleitmig" jem,''. Wie sieht nun der„Zusammenbruch" aus? Sowohl die Gau« Brandenburg und Rheinland als auch Westfalen zählen heute mehr Mitglieder als zur Zeit des 2) o ch d r u ck s kommu- n! st i s ch e r Einflüsse im Jahre 1924. Westfalen litt über- Haupt nur unter dem Niedergang des Wirtschastslebeiis. Das letzte Jahr verzeichnet für diese Gaue eine mehr denn 25prozen- tige Mitgliederzunahme, wie überhaupt eine Mitgtioder- zunähme in der deutschen Naturfreundebewegung im Jahre 1927 und»och mehr in den ersten Monaten dieses Jahres festzustellen ist. Die noch unter kommunistischer Leitung stehenden Gaue T h ü r i n- gen und Schwaben stehen allerdings in der Entwicklung immer noch zurück. Mit diesen beiden befaßt man sich allerdings nicht! Glücklicherweise sind die koinmunistischen Mitglieder der Natur- freunde vernünftiger als ihre Ratgeber in der kommunistischen Presse. Langwierig« parteipolitisch« Streitigkeiten besonders in Schwaben und im Rheinland wurden in diesem Jahre beigelegt, weil man sich wieder aus einer guten Arbeitsbasis unter Ausschaltung parteipolitischer Einflüsse zusammenfand. Dos ist ge- wissen Kreisen unangenehm. Deshalb propagiert man auch in jenem Zeitungserguß den Zusammenschluß aller„klassenbewußten", lies kommunistischen Elemente im Arbeiter-Turn- und Sportbund, ledig- lich zu dem allerdings unausgesprochenen Zwecke, einen größeren Stoßtrupp gegen die unbequeme sozialdemotra- tische Leitung der Arbeitersportbewegung zu sammeln. Die gesunde Ausfassung der großen Masse der Arboitersportler wird auch dieses organisationsschädigende Vorhaben vereiteln. Zu- sammenfassend kann also sestgestellt werden, daß der Arbeiter- touristenverein„Die Naturfreunde" fest„in den Arbeitermassen wurzelt", während beispielsweise die Wandersparte des Tirrnvereins .Ficht«" em Adlsger der Sammunijttjche» Partes G Donnerstag, den 7.. 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