Morgenausgabe Nr. 265 A 136 45.Jahrgang Böchentlich 85 Bfg., monatlich 3,60 m. im voraus zahlbar, Postbezug 4,32 m. einschl. Bestellgeld, Auslandsabonne ment 6.-M. pro Monat. * Der Bormärts" ericheint wochentag lich zweimal, Sonntags und Montags einmal, die Abendausgaben für Berlin und im Handel mit dem Titel„ Der Abend", Illuftrierte Beilagen Bolt und Zeit“ und„ Kinderfreund". Ferner Unterhaltung und Wissen", Frauen ftimme". Technif", Blid in bie Bücherwelt" und Jugend- Borwärts Vorwärts Berliner Volksblatt Donnerstag 7. Juni 1928 Groß- Berlin 10 Pf. Auswärts 15 Pf. Die ein paitige Ronpareillezetle 80 Pfennig. Reflamezelle 5.- Reichsmart. Kleine Anzeigen" das fettge orudte Bort 25 Pfennig( zulässig zwei ettgebrudte Borte), redes weitere Wort 12 Bfennig Stellengefuche das erste Bort 15 Biennig, ebes meitere Bort 10 Pfennig. Borte über 15 Buchstaben zählen für zwei Borte. Arbeitsmarkt Beile 60 Pfennig. Familienanzeigen für bonnenten Zeile 40 Pfennig. Anzeigenannahme im Hauptgeschäft Linden traße 3. wochentagl. von 81%, bis 17 Uhe Bentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Redaktion und Berlag: Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Donboff 292-297 Telegramm- Adr.: Sozialdemokrat Berlin Boftschedkonto: Berlin 37 536 Vorwärts Verlag G. m. b. H. Bankkonto: Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten Wallstr. 65. Diskonto- Gesellschaft, Depofitentasie Lindenstr. 3 Die Sozialdemokratie wird führen. Der Parteiausschuß billigt die Regierungsübernahme. Köln, 6. Juni.( Eigenbericht.) Der sozialdemokratische Parteiausschuß nahm nach mehrstündiger Beratung folgende Entschließung an:„ In dem Ergebnis der Reichstagswahlen hat das Deutsche Volk den Willen bekundet, daß die Sozialdemokratie die Führung bei der Regierungsbildung übernimmt. Der Parteiausschuß erklärt fich damit einverstanden, daß die Fraktion die notwendigen Berhandlungen hierfür einleite." * Der Beschluß des Parteiausschusses schafft für die fommenden Verhandlungen freie Bahn. Nach dem Organisati onsstatut hat er freilich nur die Bedeutung eines Gutachtens. Aber die Klarheit seines Wortlautes und die an Einmütigkeit grenzende Mehrheit, mit der seine Annahme erfolgte, zeigt deutlich den Willen der Partei. Es ift teinesfalls zu erwarten, daß die Reichstagsfraktion, ob mohl fie dazu selbstverständlich das Recht hat, eine von ber des Parteiausschusses abweichende Haltung einnehmen wird. Ebenso ist es gewiß, daß der von einigen Bezirken gewünschte außerordentliche Parteitag zu genau demselben Ergebnis gelangen würde wie der Parteiausschuß. Darum wurde auch die Einberufung eines außerordentlichen Parteitages abgelehnt. Der Kölner Beschluß ist völlig eindeutig. Die Sozial demokratische Partei ist durch den Willen der Wähler weit an die Spitze aller Parteien gestellt worden. Sie ist mit thren 152 Mandaten der zweitstärksten Frattion, den Deutschnationalen, um mehr als das Doppelte überlegen. Sie hat auf diese Weise vom Bolte selbst den Auftrag erhalten, bei der Bildung einer neuen Regie. rung die Führung zu übernehmen, und der Beschluß des parteiausschusses fagt flar und knapp, daß sie diesen Auftrag annimmt. Wenn die anderen Parteien, die bei der Bildung der neuen Regierung mitzumirten berufen sind, mit der gleichen Aufrichtigkeit und dem gleichen guten Willen an das Werk herangehen, so werden die Verhandlungen, die zu diesem 3wede notwendig sind, sehr rasch zum Erfolg führen. Auch darüber herrschte im Parteiausschuß so gut wie Einmütige teit, daß mit einem wochenlangen Hin- und Herzerren und mehr oder weniger verwachsenen Formulierungen dem Bolte wenig gedient ist. Sicherungen, Bindungen, Garantien, Versprechungen bedeuten weniger als nichts, wenn nicht der gute Wille dahinter steht, sie auch zu halten. Was waren die berühmten Richtlinien für die Deutschnatio nalen, und was ist aus den Abmachungen der Bürgerblod parteien über das Reichsschulgefeß geworden? Solche Spuren schrecken. Die Sozialdemokratische Partei ist sich Deffen bewußt, daß das Volk feine Regierungen nicht nach den Versprechungen beurteilt, die sie bet ihren Amtsantritt abgeben, sondern nach den Taten, mit denen sie sich zum Schluß ihrer Amtstätigkeit ausweisen können. Die Presse aller Parteien hat erkannt, daß sich durch die Wahlen ein st arfer Rud nach links vollzogen hat. Dieser Rud nach links soll auch in der neuen Reichsregierung zum Ausdruck kommen, und zwar nicht nur in ihrer persönlichen Zusammensetzung, sondern vor allem auch in ihrer fachlichen Arbeit. Daß die Sozialdemokratie an ihre neuen Aufgaben herangeht mit dem festen Willen, für die Masse des arbeitenden Boltes herauszuholen, was herauszuholen ist, ist selbstverständlich. Da auch die anderen Barteien, sowohl die in der Regierung be findlichen, als auch die der Oppofition ohne Wähler aus den breiten Maffen des werftätigen Boltes nicht existieren fön nen, wird es ihnen nicht leicht sein, sich der sozialdemokra über, daß der Mahlausfall der Sozialdemokratie die Bere Pflichtung auferlegt, die Verantwortung für die Regierungsbildung zu übernehmen. tischen Initiative zu entziehen. Vielleicht erleben wir dabei| Aussprache über die politische Lage. Es herrschte Einmütigkeit darauch bald den Tag, an dem auch die Kommunisten vor der Wahl stehen, entweder für bestimmte Regierungsvorlagen zu stimmen, oder aber sich vor ihren eigenen Wählern gründlich lächerlich zu machen. Denn auch ihre Wähler müssen begreifen, daß praktische Erfolge mehr wert find als ein ganzer Sad voll großartiger Redensarten. Die Wähler haben der Sozialdemokratischen Partei den Weg gewiesen. Sie ist entschlossen, ihn zu gehen, obwohl sie die Schwierigkeiten und Gefahren, die auf ihm liegen, sehr genau fennt. Sie wird nicht vergeffen, daß in der Begeisterung für ihre großen Ziele, von denen sie feines preisgibt, die. Wurzel ihrer Kraft liegt. Sie wird nicht vergessen, in mühevoller, verantwortlicher Tages arbeit diesen Zielen näher zu kommen. Sie wird auch nicht vergessen, daß auch wieder einmal ein Tag tommt, an dem das Bolt zwischen ihr und ben anderen zu entscheiden hat. Die Haltung der Volkspartei. Der Parteivorstand der Boltspaartei trat am Mitt och zu einer Sigung unter dem Vorsitz des Staatssekretärs Remptes zusammen. Auf Grund der Berichte der beiden bis herigen Fraktionsvorsitzenden im Reichstag und im Preußischen Landtag. Dr. Scholz und Dr. v. Campe, erfolgte eine eingehende Die Frattionen der Bolkspartei im Reichstag und im Breußischen Landtag treten am nächsten Mittwoch zu einer gemeinsamen Sigung zusammen, um zu der weiteren Entwicklung der Dinge Stellung zu nehmen. Die erste Reichstagsfihung. Amtlich wird mitgeteilt: neugewählte Reichstag berufen, am Mittwoch, dem 13. Juni Auf Grund der Art. 23 and 27 der Reichsverfaffung wird der 1928, nachmittags 3 Uhr, zufammenzutreten. Zum Zusammentritt des Landtages. Das preußische Rabinett wird am Freitag vormittag vor dem Beginn der Landtagssigung zusammentreten, um über die politische Lage zu beraten. Im Landtag wirb Ministerpräsident Braun an einem der erften Tage nach Eröffnung eine längere Ertlärung abgeben. Db das schon am Sonnabend ober erst in der folgenden Woche ge fchehen wird, steht noch nicht fest. Bei der Wahl des Präsidiums, die voraussichtlich am Sonnabend stattfinden wird, ist damit zu rechnen, daß die Rom= munisten ihrer Stärte entsprechend Anspruch auf den Bosten des dritten Bizepräsidenten erheben werben. Das Haus wird durch Abftimmung über diesen Anspruch zu entscheiben haben. Linksmehrheit in Paris? Der Widerhall der Präsidiumwahlen. Paris,& Juni.( Elgenbericht.) Die Wiederwahl des sozialistischen Abgeordneten Fernand Bouiffon zum Kammerpräsidenten wird von der gesamten Deffentlichkeit als ein erster Erfolg der Linken in der neuen Kammer gewertet. Die gesamte Vorstandswahl hat jedenfalls den Beweis erbracht, daß troh der Wahlerfolge der Gruppe Marin in der neuen Kammer teine reattionäre Mehrheit zu finden ft. Die Niederlage der Rechten wurde im ersten Augenblid als so entscheidend angesehen, daß fich fogar das Gerücht einer Demiffion des Penfionsminiffers marin verbreifen fonnte. Der Führer der Radikalen Partel Daladier versucht heute, den ersten Linksfieg in der neuen Kammer praffisch auszunuhen. In einem Preffeinterview erklärte er, wenn sich jetzt die So3ialisten berelt fänden, zufammen mit den bürgerlichen Linksparfelen eine Regierung zu bilden, dann würde sich in diefer Kammer unbedingt eine republikanische Mehrheit herausbilden, die zwar siffernmäßig nicht allzu start, aber immerhin für die praktische Urbelt start genug sel Drei weitere Niederlagen der Rechten. Paris, 6. Junt. ber erforderlichen Stich wahlen drei weitere Mitglieder bes In Berlauf der heutigen Sommerfihung find in Erledigung Bureaus gewählt worden. Sum vierten Bizepräsidenten wurde der Linksrepublikaner der Linksrepublikaner Abgeordneter Flandin mit 262 Stimmen gewählt, während der der Fraktion Maginot angeQuäftor wurde ein Mitglied der Fraktion der Radikalen Linken hörende Abgeordnete Barby nur 247 Stimmen erhielt. Zum gegen ein Mitglied der Gruppe Marin gewählt, und zum Sekretär ein Sozialrepublikaner ebenfalls gegen ein Mitglied der Gruppe Marin. Die Wahl hat also den Rechtsfraktionen miederum eine Riederlage gebracht. Rampf um die Freilaffung Ridlins und Rossés. Paris, 6. Juni.( Eigenbericht.) Die elfäffifchen Abgeordneten unternahmen am Mittwoch vormittag eine Demarche bei Poincaré, um ihn zu veranlassen, bei der Berhandlung des Antrags des Abgeordneten Walther bezüglich der Freilassung der elfässischen Abgeordneten Ridlin and Rosie die Berttagensfrage nicht zu ftellen. Diesem Verlangen wurde von Poincaré nicht ent( prochen. In politischen Kreisen erklärt man, die Regierung fönne in jedem Fall erft eingreifen, wenn das Gericht über den Berufungs. antrag von Roffe und Rialin entschieden habe. Der Antrag Walther wird nun am Donnerstag in der Kammer verhandelt werden. Man rechnet damit, daß fich für ihn etwa 170 Stimmen zusammenfinden Bor der Stabilisierung! Paris, 6. Juni.( Eigenbericht.) Der Kampf um die Stabilisierung des Franten nimmt in der Barijer Deffentlichkeit immer schärfere For= Die geftrige Erflärung Poincarés im Senat, men an. daß man lieber heute als morgen ftabilisieren sollte, wird Don der Mehrzahl der heutigen Morgenblätter dahin interpretiert, als habe Poincaré damit die bevorstehende Stabilisierung angekündigt. Die Stimmungsmache in der Breffe, die augenscheinlich Don den Wirtschaftstreifen beeinflußt wird, ist darauf eingestellt, fünftlich den Eindruck zu schaffen, als sei die Stabilisierung im Prinzip beschlossen und als handle es sich nur noch darum, stabilisiert würde. zu wissen, ob noch in diefer Woche oder erst im nächsten Monat Sanierungsplan, ber von der Bant von Frankreich und dem Finanz ministerium gemeinsam ausgearbeitet worden sei, mun die endgültige Ausgabe der„ Daily Mail behauptet fogar, daß morgen oder Liquidation des Währungsproblems vor der Türe stehe. Die Pariser übermorgen eine außerordentliche Nachtfigung in der Kammer statfinde und dabei das Stabilisierungsgefeg beschlossen werbe. Genosse Selbst ber Bettt Parisien" erflärt heute, daß nach dem Leon Blum tritt heute im Populaire" ebenfalls aufs entschiedenste für die fofortige Stabilisierung ein, ab wohl er dabei betont, daß diese Stabilisierung nicht nach dem Wunsche der Sozialistischen Partei sei. Heute sei es aber zu spät, etwas anderes zu tun. Die Gelegenheit zur Erhebung einer quße ordentlichen Rapitalsabgabe fei nerpaßt und es sei deshalb un möglich, gleichzeitig mit der Stabilisierung auch das Problem der inneren Staatsschulden zu liquibieren. Damit werde also die Stabili fierung einzig und allein auf dem Rüden ber arbeitenden Bevölkerung gemacht. Kriedensrevision? Äu.- feine Hoffnungen ans Mussolini? Am Schsussc seiner außenpolitischem Pro grammrede im Senat hat M u s s o l t» i die Frage der R c v i s i o n der Friedensverträge in einer Form aufgeworfen, die geeignet ist. lebhaftes Aufsehen in der ganzen JSklt zu erregen und sogar gewisse Hoffnungen bei den Völkern zu er- wecken, die als Besiegte des Weltkrieges die Opfer dieser Verträge wurden. Der italienische Ministerpräsident führte aus: „Kein Vertrag ist ewig, denn die Welt schreitet vorwärts. Sogar der Völkerbundspakt schließt in dem Artikel, wo von der Möglichkeit von Revisionen die Rede ist, die Unoeränder- lichkeii der Verträge aus.. Es wäre interessant, einmal festzustellen, wieviel Bestimmungen des Versaitlcr Vertrages noch keine An- wen düng gefunden haben und wieviele in gemäßigter oder ab- weichender Form angewandt wurden oder in Zukunft noch an- gewandt werden. Die Friedensverträge sind heilig, denn sie sind der Abschluß einer Zeit ungeheurer Opfer und großer Leiden: aber sie sind nicht das Werk göttlicher Gerechtigkeit, fon- dem das Ergebnis menschlichen Geistes. Niemand kann behaupten, daß die Friedensverträge ein voll- kommenes Werk sind: es sind tn ihnen Bestimmungen lerrito- rtafcr, kolonialer, finanzieller und sozialer Art enthalten, die unter dem Gesichtspunkt von Verbesserungen erörtert werden können, uin die Lebensdauer der Verträge zu verlängern." Gegen diese Worte Mussolinis läßt sich absolut nichts einwenden. Jeder Saß trifft inhaltlich zu. Eine andere Frage ist die, ob sie ehrlich gemeint sind. Es sei ohne weiteres zugegeben, daß es uns schwer fällt» einem Manne wie Mussolini ganz objektiv gegenüberzustehen. Der Faschismus hat zu viel Blut fließen lassen, zu viel Leiden bei denen erzeugt, die für das gleiche Ideal eintreten wie wir, er hat die Freiheiten, die uns heilig sind, zu grausam zer- treten, als daß wir Mussolini anders denn als einen Feind ansehen könnten. Aber auch ein Feind kann unter Um ständen Anerkennenswertes leisten. Wenn Mussolini sich als Vorkämpfer für die Beseitigung der Ungerechtigkeiten und Irrtümer von 1919, die als erste die Sozialistische Internationale gebrandmarkt hat, erheben würde, wir würden nicht zögern, im Interesse der Sache die Person zu vergessen und ihn in diesem Kampfe zu unter- stützen. Aber in derselben Rede, in der er die oben zitierten schönen und unwiderlegbaren Sätze sprach, hatte Mussolini zuvor das Interesse, das das ganze deutsche Volk für das traurige Schicksal der Deutschen S ü d t t r o l s zeigt, als einen„grotesken Anspruch unverantwortlicher Kreise" bezeichnet,„sich in innerpolitische An- gelegenheiten Italiens einzumischen". Dabei betreibt die deutsche Oeffentlichkeit keineswegs die Revision dieses Teils des Vertrages von St. Germain, obwohl es sich vielleicht gerade um die Bestimmungen handelt, die in diesem Ver- trage am meisten revisionsbedürftig wären. Die deutsch- sprachige Volksgemeinschaft Deutschlands und Oesterreichs hatte sich mit der Abtretung Südtirols gewissermaßen schon abgefunden, solange die Siidtiroler vom demokratischen Italien anständig behandelt wurden. In Deutschland und Oesterreich verlangt man von Italien eigentlich nichts anderes, als die Erfüllunq der feierlichen Zusagen, oie Italien gegenüber Südtirol zur Zeit der Friedens- konferenz abgegeben hatte. Diese Zusagen sind aller- dings inzwischen von Mussolini gründlich„revidiert" worden, da er kürzlich kategorisch erklärte, er fühle sich durch Kundgebungen vorfaschistischer Regierungen nicht gebunden. Sicher ist also, daß Mussolini mit seinen Erklärungen über die Notwendigkeit einer Revision der Friedensverträge auf keinen Fall den Vertrag von St. Ger- main im Auge hatte und daß er sogar jede offizielle An- spielung darauf mit Kriegsdrohungen beantworten würde. Das allein beweist schon, wie w e n i g auf- richtig Mussolinis Eintreten für die Revision der Ver- träge ist. Was er mit seinen Worten meinte, läßt sich nicht schwer erraten: er dachte insbesondere an den Vertrag von T r i a n o n, dessen Revision die Ungarn fordern, mit denen das faschistische Italien sehr herzliche Beziehungen unterhält. Ungarn kämpft um eine Revision seiner Grenzen, von denen übrigens nicht zu bestreiten ist, daß sie außer- ordentlich ungerecht gezogen worden find. Gegen eine solche Revision sträuben sich naturgemäß die Nutznießer von Tricrnon, d. h. die Kleine Entente, insbesondere Jugo- s l a w i e n. Nicht aus Gerechtigkeitsgefühl, sondern u m Jugoslawien einzukreisen, pflegt Mussolini die Freundschaft mit Ungarn und tritt er fiir Friedens- reoision ein. Aber er hat dabei auch noch andere Ziele im Auge, die Italien unmittelbar angehen: er erstrebt eine Reoision der Grenzziehung an der d a l m a t i n i s ch e n K ü st e. So wenig der Faschismus die Brennergrenze antasten lassen würde, so sehr erstrebt er die Oberherrschaft über dieacmze Ost- küste des Adriatischen Meeres. Dieser Teil des Werkes von 1919 erscheint den Italienern sehr revisionsbedürftig. Nun hat Mussolini in feiner Rebe ausdrücklich die Revi- sion Leg Versailler Vertrags als wünschenswert bezeich- net. Vor einigen Wochen schon hatte er sich in ähnlichem Sinne einem deutschnationalen Pressevertreter gegenüber ge- äußert. Schob reagiert die deutsche Rechtspresse zukünflsfrol) und begeistert auf fein« Di-snstag-Rede. Wir wissen ja, daß Mussolini die große außenpolitische Hoffnung der deutschen Nationalisten ist, die bereits fest längerer Zeit für ein deutsch- italienifchee Büntmis gegen Frankreich Propaganda machen. Indessen ist es klar, baß Mussollini sehr wenig Interesse für die territorialen Klauseln des Versailler Vertrags zeigt: die Westgrenzen sind von Deutlchland in Lacarno aus- drucklich anerkannt worden und der polnische Korridor läßt den saerr,(pgöiemo der Italiener zweisellos sehr kalt. Aber der Duce hat selbst angedeutet, woraus es ihm an- kommt: die kolonialen Bestimmungen des Vertrages paffen ihm nicht, erscheinen ihm revisionsbedürftig. Ist jemand in Deutschland etwa naiv genug, um zu glauben, daß er sich für deutsche Kolonialmandate einsetzen will? Auch die finanziellen Bedingungen erscheinen ihm verbesserungsfäliig. Auch das ist leicht zu erklären: Italien seufzt unter der finanziellen Abhängigkeit vfn den Vereinigten Staaten. An einer allgemeinen Neuregelung des Repara- r-ons- und interalliierten Schulde nprovlems ist auch Italien stark interessiert. Und schließlich hat er ausdrücklich die sozialen Be- stimmungen des Werkes von Versailles ermähnt: im Xlll. Teil des Vertrages werden Grundsätze proklamiert— K v a- l i t i o n s s r e i h e i t, Achtstundentag usw.— die mit dem faschistischen Regime in direktem Widerspruch stehen. Die Revision oder gar die Annullierung dieses ganzen X1IL Teils, in dem versucht wurde, die A r b e i t e r r e ch tc inter- national festzulegen, das ist ein Ziel, an dessen Erreichung Mussolini zweifellos ernsthaft arbeiten möchte. Nach alledem wird man schon begreifen, warum mir vor irgendwelchen Hoffnungen aus Mussolini als Vor- kämpfer der Friedensrevision warnen müssen. In den letzten Jahren hat er sich oft genug und übrigens in recht plumper Weife gleichzeitig den deutschen Nationalisten gegen Frankreich und den französischen Raiianalisten gegen Deutschland als Bundesgenosse angeboten. Cr ließ in Berlin heimlich Waffen anbieten und warnte zuglüch in Paris vor den deutschen Seheimrüsiungen. Nach diesen Ersahrungen ist zumindest eine gewisse Vorficht gegenüber den außen- politischen Initiativen Mussolinis angebracht. Ein Vorkämpfer für die Reoision der Friedensverträge kann eine segensreiche, weltgeschichtliche Rolle spielen. Nur muß man von ihm die Gewißheit haben, daß er kein sgeut provocateur ist? Keine Gemeinschaft mii Faschisten! Kundgebung der sozialistischen Gemeindefraktion Groß-LondonS. London. S. Zuni.(Eigenbericht.) Die der Arbeiterpartei angehärigen Mitglieder des Londoner Grasschaflsrales(Londoner Stadl Parlament) hoben beschlossen, dem Stadtbankeit am lZ. Zuni zn Ehren de» Vilrgermeisters von Rom korporaltv sernznblciben. Der Fraktionsvorflhende Gen. Herbert Morrison schreibt znr Begründung dieses Beschlusses an den Präsidenten, die Arbeiterpartei sei stets bereit gewesen, Vertreter anderer Rationen unabhänchg von ihrer polllischea Stellung zu begrüßen und lege größten wert darauf, daß reprösenlalive Persönlich- keilen anderer Rationen offiziell willkommen geheißen würden, ver Gouverneur von Rom könne jedoch nicht mehralsvert-reker der Bürger Roms, wie Mussolini nicht als Vertreter der gesamten Bevölkerung Zlallens betrachtet werden. Beide feien durch gewaltsame Zerstörung der kommunale» bzw. der staatlsthen Demokratie zur Herrschaft ge- kommen. Die A-britorparlei im Srosschostsrat habe kommt» ulstsslchl. GewcilkWgkoit-» stets vrrdaminl, sie tonne ebensowenig an der Btr- grüßung eines Mennes teilnehmen, welcher die faschistische Ditkatue und nicht die Bevölkerung Roms verlrele. Die Vertreter bcc Arbcile.fchaft im Londoner Parlomsnl bedauerten also, au den Feierlichkeiten am 12. 3uni, zwei Tage nach de« vieTte« Jahrestag der Ermordung Malteottis. nicht teilnehmen zu können._ Gieinwürfe in die iialiemsche Votschaft. Die Täker blieben unbelannt. Ilm ft.25 Uhn abends wurde« im Hause bn Haltt* «»scheu V o t s ch a f t in d-n- Viktoriastraße vo«»«' dekannte« Personr». die in einem Auto vorsnhren. s ii» s Fensterscheibe« eingeworfea. Von de» Polizeibehörden wurde sofort Polizeischutz fiir die Botschaft und für das Konsulat gestellt. Die Politzer- lichen Ermittlungen find eingeleitet. » Da bis zur Stunde die Täter unbekannt geblieben sind. kann über ihre Motivs nichts gesagt werden. Auf jeden Fall ist aber das Unternehmen, durch Steinwürfe auf Fenster- scheiden zu demonstrieren, töricht und nutzlos. Erreicht wird damit nur, daß die italienische Regierung in die an- genehme Lage versetzt wird, die ossizielle Emschuldigung der deutschen Regierung entgegenzunehmen. Damit erweist man Mussolini nur einen Gefallen. Die Bomben von Buenos Aires. Argentinien weist faschistische Aaflagen zurück. Buenos Airs», 6. Juni. Da« argsniwijche Blatt„La Ration" wendet sich gegen d«« „Popolo d'Italia", der erklärte, daß in Argentinien verbrechen gegen Italien geduldet werden.„La Nation" macht darauf aufmerksam, daß die italienische Regierung selbst das Mailänder Attentat weder zu vermeiden, noch aufzudecken ver- mochte und weist die Verantwortung zurück, die die italienische Zeitung Argentinien wegen der Bomben auf das italienische Konsulat aufbürden möchte.„La Nation" schließt mit der Be- merkung, daß der Hondbmgsradius der despotische» Regierungen an den Grenzen des Landes, das sie duldet, aufhört. Regierungskrach in Thüringen. ttm den-tt. August. Weimar» 6. Juni.(Eigenbericht.) Im Lande Thüringen hat es ollgemeines Erstaunen hervor- gerufen, daß die thüringische Regierung, in der Volks- .partei und Dvutzchngtionole den Ton angeben, im Reichsrot für den Antrag Preußen» gestimmt hat« de« 11. August durch Gesetz zum Versossungsfeiertag zu erheben. Des ftütssüs Lösung' erfährt man durch eine Erklärung, die in dem offiziellen Organ des Thürin- zischen Landbundes erscheint. Ei« heißt:, ..Tosort nach der Reichstogswahl mar die thüringische Regierung veranlaßt worden, Stellung zu nehmen zum An- trag Preußen aus Erhebung de» 1t August zum Nctionatfcieriag. Die Vertreter des Landbund«» und der Wirtschaft«- partei blieben demonstrativ der Sitzung fern, weil«ine Koalitionspartei während des ZLahltamvfes unoer- ständlich schwere Anwürfe und Verdächtigungen erhoben harte, iawohl gegen die Landbundsührer persönlich als auch gegen den Landbund.' dem man Gefährdung der Stoatsautorikät vorwarf, richteten sich die Vorwürfe. Das Fernbleiben hatte zur Folge, daß ohne Vertretung der beiden Mrtfchaftsgruppen in Anwesenheit der Mini st er und des Staatsrats Glöckner der Beschluß aus Zustimmung zum 11. August als National- jeiertag gefaßt wurde. Der Landbund bedauert die Hallung der Regierung aufs tiefste, weil er grundsätzlich der Meinung ist. daß die Verfassung so wenig für da, deutsche Volk»st. daß et» Grund zum Feiern nicht vorhanden ist." Danach scheint es unter den thüringischen Koalitionsparteien nett herzugehen! Sie sind untereinander so verfeindet, daß sie nicht mehr an einen Tisch zu bringen sind, die Regierung faßt unterdes Beschlüsse, die nur als Bosheit gegen einen Teil der Koalitionsgenossen auf- gefaßt werden können, und in der Oeffentlichkeit setzt es dann Hn- distretionen und geharnischte Protoste. Das ist eine Bürgerblock- Politik, die lebhaft an den Zerfall des Bürger block» im Reich erinnert. Aber die Herren mit der schwarzweißroten Gesinnung werden trotzdem nicht aushören, zu behaupten, daß sie allein die Staatserhallenden sind und daß ohne sie keine positive Politik gemacht werden kann. Demokraten und Voltspartei. Arbeitsgemeinschaft in Württemberg? Die Demokraten Württembergs werden am Don- nerstag aus einem Vertretertag zur Regierungsbildung Stellung nehmen. Sie sind nach wie vor in der Richtung der großenKo- alttion. tätig, weil sie dem Sinn der Wahl entspricht. Daß die Demokraten innerhalb der großen Koalition für eine nähere Füh- lung zwischen Demotraten und Deutscher Volkspartei in der Richtung einer Arbeitsgemeinschaft sind, ist kein Geheimnis, Kommunistische Kommunalpolitik. Präsidiumwahl im Frankfurter Stadtkollegium.— Die Kommunisten schalten sich selbst ans. Frankfurt a. Rk.. S. Juni.(Eigenbericht.) Was die KPD.„Arbeiterpolitik" nennt, zeigt« sich wieder einmal deutlich bei der P r L s i d i u in s w a h l in dcr neu konftlluierten Frankfurter Stadtverordnetenversammlung. Als stärkste Partei ist dort nach den Wahlen die Sozialdemokratie ein- gezogen. Ihr folgt, wenn auch in weitem Abstand, die KPD. a»» zwellstärtste Partei. In den Borbesprechungen de» Aeltestenousschusses über die Prästdiumcwahl waren die Parteien übereingekom- m e n, die Vorsteher der Stadtverordnetenversammlung in der Reihenfolge der Stärke der Fraktionen zu wählen, und unsere Partei hatte darauf gedrungen, daß die KPD. den zweiten Aar- sicher stellen sollte. Mit dieser Forderung drang auch unsere Fraktion b«t den bürgerlichen Part««, durch. Man Ion den Kon- munisten sogar soweit entgegen, daß st« den zweite« Präfidiumssttz erhallen sollten, ohne daß sie für den sozialdemokratischen eisten Vor- steher zu stimmen brauchten. Vereinbart war lediglich, die KPD. dürfe nicht gegen den Sozialdemokraten votieren. Leicht« konnte es der KPD. nicht gemacht werden, den Bizspräsidenteuposten zu fetzen. Entgegen allen Zusagen und Wmachpmgen vev- las jedoch vor der Wahl im Plenum d« kommu üMche Fraktians- führ« eine von Leletdtgunge« und Beschimpfung»» gegen den sozialdemokratischen vorsdehartantedatan Reiß wolfs strotzende Erklärung, In der dieser»der brutalste Schildhall er der Bourgeoisie" genannt wurde, der„die Arbeiter- interessen auf das schändlichste mißhandele". Außerdem ver. langte der kommunistische Sprecher, nachdem sich eine unzweifelhaft« Majorität für die Wahl Heißwolfl« ergeben hatte. «ine Gegenabstimmung und stimmte mm mit den Nationalisten gegen den sozialdemokratische» ersten Stadtverorduetenoorsteher. Dadurch war«» selbstverständlich unsere Genossen gezwungen, bei der Wahl de» zweiten Vorsitzenden weiße Stimmzettel abzugebe« und so kam der Kommunist nicht in das Präsidium hinein und wurde als zweiter Vorsteher von den bürgerlichen Partei«« ein Zentrumsman» gewühlt. �paulGö!�� Zu Ratzeburg im westlichen Mecklenburg ist unser Parket. genösse Pa u l S ö h e e. der frühere Pfarrer und spätere preußische Staatssekretär, im Aller von 64 Zahren verstorben. Paul Söhre war in der soziallstischen Bewegung eine besondere Erscheinung, Er war au» christlichen Erwägungen zur Partei der Arbeit gekommen, nachdem er zunächst Theologie studiert und schon al» Pfarrgehilfe amtiert hatte. Im Aller von Jahren legte« den Amtsrock ab und ging, damals noch«in außergewöhnliches Ereignis. als Fabrikarbeiter und Handwerksbursch«, um die Lebensbedingungen der arbeitenden Menschen persönlich kenne« zu lernen. Seine Eindrücke legt« er nieder in dem Luche„Drei Monate Fabrikorbeiter und Handwerksbursche', das seinerzeit un» geheures Aufsehen erregte und eine stark« soziale Note trug. Später, als er bereits Pfarrer in Frankfurt lvder) war. schloß«r flchFriedrich Naumann enger an, der damals die Nationalsoziale Partei gründete. In dieser wurde Göhr« zweiter Vorsitzender. Aber schon wenig« Jahre danach trat er zur Sozialdemokratie über, nachdem er sei» Pfarramt niedergelegt hatte. Er verleugnete seinen Gollesgloube» nicht, aber er hiell e» für notwendig, offen den Kampf um bessere Weltgestaltung in den Reihen der kämpfenden Arbeiterschaft zu führen. Bei den allgemeinen Wahlen im Jahre IststZ wurde Göhr« i« Sachsen zum Reichstag gewühlt. Aber schon bald nach dem Dresdener Parteitag im gleichen Jahre legte er aus allgemeiner und persönlicher Verstimmung sein Mandat nieder. Bei der Nach- wähl ging der Kreis verloren. Später sandte ihn ein anderer sächsischer Wahlkreis wieder in den Reichstag. Dort hat er sich alt fleißiger und kenntnisreicher Mitarbeiter große Sympathien er- worden. Bei Kriegsende wurde er in dos Preußische Krieg»» Ministerium als Unlersteatszekretär berufen. Schließlich war er lange Jahre als Staate sekrctär im preußischen Slaalsmimstcriut* dcr umniitelbare amtliche Lertreter des Ministerpräsidenten. Dor einigen Iahren zog er sich in den Ruhestand zurück, den er in Ratzeburg verbrachte, Die Partei wird des aufrechten Mannes und traten Fosnnde» gern gedenken? Vußmann/ Caspary/ pelher. Schluß �.der Beweisaufnahme.— Vor dem Urteilsspruch. D'/ Beweisaufnahme m der Difziplinarvorhondlung zegeiz, die drei Staotsanwäir« ist gestern ahgs!ch!oss«n worden. Im MiMpunkt der NochmitjoHsoerhandlunAen stand die Beschuldizung ozHen den damaligen Staatsanwaltschastsrqt B o l tz« r. daß er die -Men der Deutschen Werke, die sich bei Anoll befanden, beschlag- nahmt, aber sie bei ihm belassen zu haben. Peltzer behauptet, die Akten hätten sich in Händen dritter Personen befunden, die hiervon Gebrauch machen wollten. Unter der Drohung, sie wegen t>ehl«rei zu belangen, habe er veranlaßt, daß die Akten zu Knall zurückgingen. Dann Hab« er dies« Atton auf Grund einer Verfügung des Gsnerolftaatsanwalts sichergestellt. Frage des Dprsitzehen: Weshalb er die Akten, wenn sie 00» so großer Bedeutung gewesen feien, nicht einfach zwecks Durch» Prüfung in hte Staatsanwaltschaft gebracht hob«. Peltzer antwortÄ, das sei unmSglich gewesen, weis er sich durch diese» Zentner Akten bei seiner beschränkten Zeit nicht habe durch- arbeiten tännen. Oberstaatsanwalt Dr. S ch 0 n f s l d stellt demgegenüber fest, daß die Akten bei Knoll hintereinander von fünf verschiedenen Personen ..g-prüfl" wurden. Zeder eignet« sich einen Teil der Akten an und trieb mit diesen schwunghaften Handel. Al» dann der Rest der Akten zu dem Oberstaatsanwalt Tetz last befördert wurde, waren dies nur drei Körbe. Dieser Teil der Beweisaufnahme ist damit abgeschlossen. Die Verteidiger machen als mildernden Umstand eine bei Beginn der Bormat-Ermitllungen erfolgte Mahnung des Oberstaatsanwolls Linde geltend, die auf die BeNagten einen starken Einfluß aus» geübt habe. Der Vorsitzende ist bereit, diesen Einfluß als wahr zu unterstellen. Es folgt weiter die Behandlung über das sittenwidrige Verhalten des Ku ßgn 0 n n. das ihn in eine Ehefcheidungs- klage verwickelt« und ii� deren Verlauf er an den betrogenen Ehe- galten die Forderung«ichteis, ihm die Unkosten zu«rfetzen, die ihm in der Zeit des Ehebruches durch den Aufenthalt der ungetreuen Gattin auf seiner Negeljacht erstanden feieiz. Die LeweiHaufnohm« ist somit abgeschlossen. Heut« beginnen die Plädoyer». In den Nachmittogsstunden ist da» Urteil des DssziplinarsetKUs zu erwarten. Russische Korruption. Großes Düßergeschrei in der Sowjetpreffe. Moskaa. 6. Juni. Die Kommunistisch« Partei und ihr« Press« stehen zurzeit im Zeichen der„Selbstkritik�. Nachdem Stalin vor kurzem auf der kommunistischen Iugendtagung in längerer Rede sich über dieses Thema ausgelassen hat, bringen die Sowjetblätter fast täglich zu- sammen mit Berichten über immer wieder neue Entdeckungen von ,F ö u l n i s h e r d e n' die Mahnung, durch scharfe Kritik„der Zersetzung des Apparats* zu Leibe zu gehen. Amtsenthebungen, Ausschließungen aus der Partei und andere Maßregelungen sind an der Tagesordnung und werden von der Press« ausführlich be- sprachen. Am meisten Staub hat dl« S m 0 l« n s t e r Korruptions- offäre aufgewirbelt. Run ist auch in K i« w der Parteisekretär a b- gesetzt worden. In Charkow, der Hauptstadt der Sowjet- Ukraine, ist neuerdings«ln„Sumpf* aufgedeckt worden, was die Absetzung von zwei Volksrichtern, mehreren Direktoren von Wirt» tchaftsorganifotion«» und einet ganzen Sleih« Polizeideamten zur Folge hatte. Ja all diesen Fällen handelt es sich immer wieder um Amtsmißbrauch und unkautete Machevschaften zu persönlicher Bereicherung. Auch„Verstöße gegen die kommunistische Ethik'(Erregung öffentlichen Aergernissss durch Trunksucht, Gewalttätigkeit, antisemitische Ausschreitungen u dergl.) erregen Sorg« und Unwillen. Offenbar im Zusammenhang mit dieser Kampagne gegen Korruption hat sich das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei veranlaßt gesehen,«inen Aufruf an die Partei und an die ge- samt« Arbeiterschaft zu veröffentlichen. Es weist auf.Zersetzung innerhalb des Apparats* hin, auf„fchlimmstsn Bureautratismu»', ferner auf..Fäulnis, die in manchen Fällen sogar in den uns am nächsten stehenden Organisationen, in der Partei und in den Gewerkschaften* zu finden seien. Um den Kampf dagegen auszunehmen, müsse strengst« Selbstkritik zur„Kmnpfparoie* gemocht werden. Ohne Ansehen der Person und etwaiger früherer Der- dienst« usw. müsse die Partei ihr« Kritik üben und alles daran setzen, um Schädlinge und schädliche Erscheinungen auszumerzen. Das Geheimnis von Mutten. Was ist mit Tfchangtsolin? London. V. Juni.(Eigenbericht.) tMhrenh Japan das Gerücht vom Tod« Tschaygtsolins de» mentient. wiederholt«in« weitverbreitete japanisch« Zeitung rhr« Behauptung vom Dienstao, daß Tfchangtsolin seinen Wunden erlegen sei. Di« Zeitung fügt htazu, bi« Behörden unterdrückten da» Bekanntwerden de» Tode« bi» zur Ankunft von General Tschan«» Sohn in Mulden. Dieser ist nach den letzten Meldungen inzwischen im Flugzeug In Mulden eingetroffen. Nach einer anderen Fassung au» Mukden selbst liegt Tfchangtsolin im Sterben, und seine gesamte Familie, fünf Frauen und 16 Kinder, sind am Sterbe» bette versammelt. Aus Tientfin wird gemeldet, daß Schantungfoldaten in der Umgebung geplündert haben. In einer der nvrdamerikanischen Ge» sondtschaft in Peking überreichten Rot« an die in China Sonder» recht« genießenden Mächte gibt die Südregierung die Versicherung, daß für die Sicherheit der Ausländer in Tientfin vollkommen Sorge getrogen sei. Di« Südregierung fordert die Möchte auf, angesichts dieftr Garantien die ausländischen Truppen aus Tientfin zurück- zuziehen. Weitere 2000 Japaner in Tflngtau gelandet. Tokio, 6. Juni. In Tsingtau sind weitere 2000 japanisch« Infanteristen und 600 Artilleristen gelandet worden. Dadurch steigen die japanischen Truppen in der Provinz Schonwng auf 23 000, wovon 6000 in Tsingtau sind._____ Kirchensrieden in Mexiko. N«w yorr, 0. Juni. Wie eine Meldung der New Vor? World über das zwischen Kirche«ad Staat in Mexiko getroffene Ab» komme« besagt, werde» die Kirche» wieder geöffnet werden, die Priester werde« ihr Amt wieder über- nehme» nad die kirchliche« Handlangen können wieder öffentlich vorgenommen werden.. � � Kostprobe in der Knott-Kustmann-Küche. hm, so schön wie unser Gebräu stinkt, hat noch nichts gestunken!" Litauische Obstruktion in Woldemaras häli alle zum besten. Gens, 6. Juni.(Eigenbericht.) Der Völkerbunds rat versuchte am Mittwoch wieder normal« Beziehungen zwischen Litauen und Polen anzubahnen, ohne den eigentlichen Streitpunkt, die W i l n a- F r a g e, zu berühren. Der seinerzeit gegen WIlna unternommen« polnische Gewallstreich und dessen Duldung durch den Völkerbund schwächen die gerecht- fertigten Vorwürfe gegen die Obstruktionspolitik Litauens ab und ermöglicht Woldemaras. durch renitente Reden und Ablenkungsversuche einen ganzen Tag auszufüllen. Der Bericht des Holländers stellte den schleppenden'Gang der direkten litauisch- polnischen-Verhandlungen fest. Vergehens bemühten sich Cham- berlatn. Boncour. v. Schubert Und der Statsprastdent, Woldemaras zu bestimmten Zugeständnissen über ein« positiv« Führung der Berhandlungen zu bewegen. Schubert und Ehamberlain baten und ersuchten, Boncour drohte, der Ratzpräsident warnte—- alles vsr- geben». Sch-rrs wurde Chamberlain nur in einer Erwähnung der Erklärung Wilna« als litauische Hauptstadt, die er einen„pro» ookatorischen Akt' nannte. Woldemaras hielt es gar nicht für nötig, darauf einzugehen. Boncour betonte, daß sich der Rat dies- mal mit einer' Feststellung des Stande« der Verhandlungen zu be- gnügen habe, daß er ober bei weiter ergebnsslosnn verhandeln die Frage eines direkten Dölkerbundseingreisen» auf Grund des§ lü prüfen müsse. In langen Reden bracht« Woldemaros wiederum Beschwerden über lltouische Emigranten- banden auf polnischem Gebiet vor, wo» Zaleski-Polen kategorisch bestritt. Der Rotsprösident versuchte Woldemaras in einer Refo- littion festzulegen, daß die diretten Derhondliingen bis zur Septembertogung des Rats„wesenllich« Ergebnisse' zu erzielen hätten. Woldemaras verschleppt« die Abstimmung auf Nachmittag durch eine Gegenresolution, die weiter nichts besagte, als daß der Rat bei seinem Besckluß vom 10. Dezember 1927 auf direkt« Ber- Handlungen bleibe Die Resolution erlitt dos gerecht« Schicksal der Ablehnung gegen die Stimm« Litauen«, aber auch die Resolution des Ratspräsidenten siel, trotzdem sämtliche Ratsmitglieder für sie stimmten, denn Woldemaro» stimmt» gegen sie. so daß die not- wendige Einstimmigkeit nicht erzielt war. Chamberlain brachte die dritte Resolution ein, in der nur Wiederbehand- l u n g der litauisch-polnischen Frag« in der nächsten Ratssitzung ge. fordert wird. Sie hätte mit einer einfachen Mehrhett angenommen werden können, da es sich um eine Prozedurfrage Handell. Da sie ober Litauen nicht wehe tat, geruhte sogar Woldemaras, für sie zu stimmen. Damit ist der Tag wie da» Hornberger Schießen au». gegangen.__ Die Waffenschiebung von St. Gotthard llngarnfrevndlicher Komiteebericht. Gens. 6. Juni. Das„Journal de Gene.oc' gibt den Bericht des Dreicrtvmllees des Rates über den Zwischenfall von St. Gotthard auszugsweise wieder. Danach ergaben die Erhebungen der Rüstungvsachoerstän» digen. daß die Maschinei,gewchrbestandteile der beschlagnahnuen Sendung von der Firma Schwarzlose herrühren, daß jedoch wesent- liche Bestandteile, wie Läuse, Kühler usw. für die vollständig« Zusammensetzung fehlen. Es Handell sich um Material, das verells vor oder während des Krieges hergestellt wurde und sich teils tn recht gutem, teils in gebrauchtem Zustand befindet. Ersatz- stücke fehlen oder sind in geringer Anzahl vorhanden. Die Rüstungs- sachverständigen hatten keinen Grund zu der Annahme, daß seit der protokollarischen Bestandsaufnahme vom 22. Februar d. I. Material beiseite geschafft worden sei. Die Zerstörung erfolgt« in ausreichendem Maß«, und jedes praktische Risiko der Verwendung zu Kriegszwecken sei ausgeschaltet. Die Derfrachlung und Verzollung sei vom eissnbohntcchnischen Standpunkt aus vollkommen in Ordnung. Dos Dreierkckmitse spricht sein lebhaftestes Bedauern über den vorliegenden Versuch einer heimlichen Versendung von Kriegsmateriol aus: wenn dies« Gendung auch nicht von großem militänschem Wert« sei, so setze doch jeder derartige Versuch das gule Einoernehmen und gegenseitige Vertrauen der Völker großen Gefahren aus. Nach einem Hinweis auf die Notwendigkeit .einer raschen Ratifizierung des Wasfenhandelsabkommens und darauf, daß dem widerrechtlichen Vorhandensein von Kriegsmaterial aus ungarischem Gebiet im Hinblick auf die Beslimmungeu von Trlauon ganz besondere Bedeutung zukomme, wird festgestellt, daß di« ungarische Regierung sich bei Ihrem Vorgehen streng noch den Loischriften des Bahnoerkehrs und der Verzollung gerichtet hat. Sie habe jedoch anscheinend die Fest- stellung des w i r4l teste n C m p f ö n ge r s des fraglichen Mate- rials Nicht für notwendig geholten. Aus den Erhebungen, die das Rntskomiietr im Rahmen seiner Zuständigkeit machen könnte, l!->Hi sich der Empfänger nicht feststell-n. Die Erbebungen ergaben jedoch andererseits auch nicht den Beweis dafür, daß dos Material nicht dopt bestimmt gewesen wäre, das ungarische Gebiet wieder zu v e r» lassen. Der Rat hat über diesen Bericht drei Stunden geheim beraten. Die Aursprachs, in der stark differierende Auffassungen vorgebrocht wurden, führt» Noch nicht zu einem bestimmten Ergebnis, sie wird morgen in Geheimsitzung fortzesetzi. Es handelt sich dabei auch um eine Erweiterung der Befugnisse des Ratspräsidenten, um rascheres Eingreifen bei sslchen Ereignissen zu errnoylichen. OerkühZe Beuesch. Kein Gegensaß zur deuffchen Republik, aber weiterrüfie»! Prag. 6. Juni.(Eigenbericht,) Im Auswörttgen Ausschuß des Abgeordnetenhauses sprach Außenminister Dr. Benesch zunächst über den Kelloggsche» Vorschlag und erklärte, daß er niemals auf Grund dieses sonst be- grüßenswertcn Paktes auf andere Garantien der Sicherheit und die eigenen Veneidigungsmittel verzichten würde.£)ie internationale Situation sehe er trotz der von Ungarn ausgehenden Bestrebungen zur Renision der Friedensverträge, trotz de» Konflikt» Italien— I u g o f l a w f e n und Polen— Litauen al» günstig an. Ueber die Aktion Rothermeres wolle er, dem Beispiel Chomberlains folgend, kein Wort verlieren. Er. Benesch, werde konsequent alle Revision» be streb«ngen bekämpfen. Alle Versuche, die feste Solidarität der kleinen Entente zu sprengen, seien einfach lächerlich. Da» Verhältnis der Tschechoslowakei zu Italien sei durch dessen Konflikt mit Iuqpslawien getrübt, bleibe aber durch die Dankbarkeit für die Hilfe Italiens im Wellkrieg bestimmt. Der Minister erwähnte dann seinen Höflichkeitsbesuch in Deutschland» der bestätigt habe, daß zwischen den beiden Staaten Streitfragen nicht beständen: er habe in Berlin betont, daß die tschechoslowakische Politik auf dem politi- scheu Ststu» quo und auf der strikten und entschiedenen Ausrecht- erhallung des Friedens beruhe. Er bekenne sich In der Bsurteikung der wellpolitischen Situation zum Oplimicmus, weil überall zu sehen, sei, daß die konstruktiven Kräfte ei» großes Uebergewicht über die destruktiven haben. Auch die Dahlen w Deutschland haben eine Festigung der Republik und somll des europäischen Frieden» gegeben. doch hindere dieser Standpunkt die Tschechoslowakei nicht, mit ihren eigenen Mitteln in jedem Augenblick zur Abwehr gerüstet zu sein. Aus Antrag des deutschen Sozialdemokraten Dr. C z e ch wird am Freitag über diese Rede debattiert werden. „X)u ägyptische Helena." Richard- Strauß- Premiere in SreSden. Das neu« Bühnenwerk von R!chardStrauß,..Di«ägvp» tische Helena*, �and gestern bei der Urauiführung tn der Dresdener Staatsoper in Anwesenheit des Komponisten sehr herzlichen, wenn auch nicht begtzjsterien-Erfolg, der nicht zuletzt auch der ausgezeichneten Aufführung und der glänzenden Auf- machung galt. Ein ausfiihrltcher Bericht folgt.,■.,-e � $ Die Metallindustrie vor der Entscheidung. Kampf oder Verständigung? Beim Abschluß des Berliner Werkzeugmacherstreiks wurde gelegt, daß sich das Metallkartell und der Verband Berliner Metallindustrieller bis zum 20. Juni über den Abschluß eines generellen Cohntarifes für alle Arbeiter und Arbeiterinnen der Berliner Metallindustrie verständigen follten. Das Metallfartell hat sich auf Grund dieser Empfehlung des Schlichters an den BBMI. gewandt und mit ihm Besprechungen gepflogen über den Aufbau eines solchen Lohntarises. Nach dieser Besprechung wurden von beiden Parteien Vertragsentwürfe ausgearbeitet und gegenseitig zugestellt. Der dem Metallkartell übermittelte Entwurf des VBMI. beschränkt sich hauptsächlich auf die Gliederung des neuen Lohntarifes, enthält aber feine positiven Vorschläge über die Höhe der Mindest- und Einstellungslöhne, die Affordbasis usw. Die materielle Frage wird in dem Unternehmerentwurf nur insoweit berührt, als vorgeschlagen wird, daß die Frauen generell 65 Proz. der Männerlöhne enthalten sollen. In dem Gegenentwurf des Metallfartells, der im wesentlichen dem bereits im Herbst vorigen Jahres anläßlich der damaligen Lohnbewegung aufgestellten Entwurf gleicht, wird für die Frauen, die die gleiche Leistung wie die Männer aufweisen, auch der gleiche Lohn gefordert. Wo das nicht der Fall ist, sollen die Frauen 85 Proz. und die Maschinen- und Handarbeiterinnen 75 Broz. der Männerlöhne erhalten. Die Affordbasis und der Einstellungslohn soll für die Frauen 70 bzw. 76 Pf. betragen und für die Arbeiter der früheren Lohnklasse I 1,20 m, der Klasse 11 1,15 M., der Klasse III 1,05 m und der früheren Klasse IV 95 Pf. Jugendliche Arbeiter und Arbeiterinnen von 14 bis 15 Jahren sollen 30 Proz. der Facharbeiterlöhne erhalten, von 15 bis 16 Jahren 32. Broz., von 16 bis 17 Jahren 45 Broz. und von 17 bis 18 Jahren 52 Broz. Das sind die hauptsächlichsten Forderungen des Metall fartells, neben denen natürlich die zur Berbesserung des Manteltarifes aufgestellten Forderungen aufrecht erhalten werden. Die Lohnverhandlungen, die in einigen Tagen aufgenommen werden sollen, werden ja zeigen, ob der Verband Berliner Metall industrieller jetzt bereit ist, auf Grund der vom Metallkartell auf gestellten Forderungen sich zu verständigen. Jedenfalls haben sich die Berliner Metallarbeiter gerüstet, um ihre berechtigten Forderungen gegebenenfalls auch durch einen Kampf durchzusehen. Die Berliner Metallarbeiter sind gewiß zur Berständigung bereit. Diese Berstän digung ist aber mur möglich auf einer Grundlage, die der Lohnhöhe in anderen Berufen entspricht. Wertmeister gegen Preisdiftatur der Kartelle. Für Qualitätsarbeit und Absatzsteigerung. Köln, 5. Juni( Eigenbericht). Die Bedeutung der Qualitätsarbeit für die Zu kunft des deutschen Wirtschaftslebens wurde vom Verbandstag nach einem Referat des Hochschulprofessors Dr. Göz- Briefs über die Ent wicklung der deutschen Wirtschaft und ihre Zukunftsaussichten, das aber wenig Anklang fand, und nach einer furzen Darlegung des Reichstagsabgeordneten Kurt Heinig über die wirtschaftspolitischen Aufgaben der Gewerkschaften in einer Entschließung mit schärfstem Nachdruck hervorgehoben. Der Verbandstag, so heißt es in der Entschließung, ist der Ueberzeugung, daß die Zukunft der deutschen Wirtschaft nicht zuletzt auf der Qualität der deutschen Lei meistern im Wirtschaftsleben eine besondere Bedeutung zu. Mit der stungen beruht. Unter der Angestelltenschaft tommt also den Wert Herstellung von Qualitätsarbeit ist es jedoch nicht getan. Es kommt vor allem darauf an, daß für diese Qualitätsarbeit auch der ent sprechende Absahmarkt vorhanden ist. Während sich nach dem Aus. land die Abfaybasis durch die zunehmende Inbustrialisierung ver fleinert, wird der Inlandsmartt durch die Preis- und Lohn politit der Unternehmerorganisationen in fortschreitendem Maße taufunfähig. Der Verbandstag erblickt darin eine große Ges fahr nicht nur für die Wertmeister. Er fordert deshalb von ter tommenden Reichsregierung, daß sie unverzüglich energisch Maß. nahmen ergreift, um der Preisdiktatur der Kartelle und Trusts entgegenzumirfen. Ferner verlangt er von den Berbandsorganen, daß sie mit allen Mitteln eine Lohnpolitik unterStüßen, die die Kauftraft der Arbeitnehmer hebt, damit sie nicht nur ihr Dasein färglich fristen, sondern auch an den Kulturgütern teilnehmen fönnen; insbesondere fordert er für die Werkmeister eine Entlohnung, die ihrer Bedeutung im Produktionsprozeß entsprich Im Rahmen/ der Verbandstagung fand in der großen Kölner Messehalle eine gewaltige Rundgebung der Werfmeister statt. Die Halle mußte, obwohl sie über 6000 Menschen faßt, lange vor Beginn der Kundgebung polizeilich abgesperrt werden Der Ver vollen Rede die Bedeutung der Werkmeister für den Wirtschafts. prozeß hervor. Verbandstag der Betriebskrankenfaffen ist die wirtschaft immer in einer schlechten Zage. Die Schaffung bandsvorsitzende Buschmann( Düſſeldorf) hob in einer wirkungsDie„ Wirtschaft" will die Sozialpolitik bremsen. Karlsruhe, 5. Juni( Eigenbericht). Nach der Tagung der Versichertenvertreter am Montag trat am Dienstag ber Gesamtverband zur Wahrung der Interellen der deutschen Betriebstrantentassen zu seiner Hauptversamm lung zusammen, zu der sich über 2000 Delegierte eingefunden hatten. Es wurden in geschlossener Sigung innere Verbandsangelegenheiten behandelt. Der Borsigende Dr. Kun erstattete einen ausführlichen Geschäftsbericht. Der Redner, der Direktor der Krupp 2.-G. ist, meinte, die Sozialversicherung sei so von der Wirtschaft abhängig, daß sich die Notwendigkeit ergebe, die Anforderungen der Wirtschaft für die Sozialversicherung eine bestimmte Grenze nicht überschreiten zu lassen. Es sei ein dringendes Gebot der Zeit, daß der Grundsay der sparsamen wirtschaftlichen Arbeitsweise auch in der Sozialversicherung, namentlich in der Krankennerfiderung, nicht unberücksichtigt bleibe. Die Kaffenleistungen follten zwar nicht eingeschränkt werden, aber es sei zu ermägen, ob diele Leistungen nicht bei geringerem Aufwand erwirft werden fönnten. So sollten die Rassenmittel nicht über Gebühr in Anspruch genommen werden. Die Betriebstrantentassen seien den erhöhten Anforderungen nachgekommen. leber den Stand der Raffenaratfrage sprach das geschäftsführende Borstandsmitglied des Verbandes Heinemann Effen. Er betonte, daß die neueren gefeßlichen Regelungen der Raffenarztfrage im großen und ganzen ihren Zweck erfüllt haben. Die Ausführungen des Herrn Dr. Kung zeigen am besten wie berechtigt die Forderungen der Versichertenvertreter nach Gleich berechtigung der Arbeiter auch in den Betriebsfrankenfaffen find. Wenn es um Leistungen für die Sozialversicherung reht, eines gleich ftorfen Gegengewichts genen den rücfchrittlichen Einfluß der Arbeitgeber auf die Betriebskrankenkassen durch die Bersicherten ist dringend nötig. Karlsruhe, 6. Juni( Eigenbericht). Auf der Hauptversammlung sprach Ministerialdirektor Grieser vom Reichsarbeitsministerium über Neue Aufgaben der Krankenversicherung". Er bezeichnete die Krankenversicherung, Die in Deutschland heute 20 Millionen Menschen umfasse, als den rettenden Engel am Krankenbett und als Rationalisierung im besten Sinne des Wortes. Als neue Bestrebungen in der Krankenversiche rung nannte Griefer das Berlangen auf Weiterbezahlung des Lohnes bzw. des Gehaltes während der Krankheit und die Forderung auf Erweiterung der Familientrantenpflege. Universitätsprofeffor DON 3 wiebined Südenhorst München sprach über„ Die Bedeutung der sozialen Versicherung im Wandel der Wirtschaftsentwicklung". Er wies darauf hin, daß heute in der Wirtschaft an Stelle des Bedarfprinzips das Erwerbsprinzip getreten sei. Die tapitalistische Wirtschaft sei heute nicht mehr prinzip getreten sei. Die tapitalistische Wirtschaft sei heute nicht mehr so frei wie bei ihrer Entstehung und müsse sich wohl oder übel Einschränkungen auferlegen laffen. Die Sozialversicherung sei notwendig zur Erhaltung der Menschheit; sie müsse von dem Grundfaß der Solidarität: Einer für alle und alle für einen, durchdrungen sein. Freie Gewerffchafts- Jugend Groß: Bertin Heute, Donnerstag, 19% Uhr, tagen die Gruppen: Sichtenberg: Jugend heim Fosseftr. 22. Heimbesprechung. Ohne Berbandsbuch und Heimaus heim Litauer Str. 18, Rimmer 3. weis tein Zutritt. Frankfurter Allee: Gruppenheim Städt. JugendSpielabend. Köpenid: Gruppenheim Jugendheim Grünauer Str. 5. Beimbesprechung. Liederabend. Schöneweide: Gruppenheim Jugendheim Niederschöneweide, Berliner Etr. 31. Bunter Abend. Cüdosten: Gruppenheim Jugendheim Reichenberger Str. 66( Feuerwehr Tempelhof: Gruppenheim haus). Heimbesprechung. Verbandsbuchkontrolle. Charlottenburg: Jugendheim Lyzeum Germaniaftr. 4-6. Selmbesprechung. Gruppenheim Jugendheim Epreeftr. 30. Heimbesprechung. Butritt nur mit Verbandsbuch und Heimausweis.-Moabit: Gruppenheim Etädt. Jugendheim Lehrter Etr. 18-19. Heimbesprechung. Lieberabend. Verbandsbücher und Seimausweise mitbringen. Gesundbrunnen: Gruppenheim Jugendheim ote Schule, Estenburger Straße. Heimbesprechung. Verbandsbücher und Heim ausweise mitbringen, Spandan: Jugendheim Lindenufer 1. Heimbefpredung. Verbandsbuchtontrolle. Außenfp ele ab 18 Uhr: Renkölln- Sermannplay im Sumbelbt auf dem Sportplay Humboldthain. Treptow auf der Bolkspart. Wiefe Nr. 8 bes Treptower Parts. Baumschulenweg auf dem Sportplak der Metallarbeiter, an der Oberfpree, gegenüber der Baumschulenstraße. Chor probe ab 19% Uhr im Enzeum Weißenfee, Partstr. 36. Juaendaruppe des Zentralverbandes der Angeftellten. Heute, Tonnerstag, 19 Uhr, finden folgende Beranstaltungen ftatt: Eldoft- Treptow: Jugendheim Wrangelftr. 128. Gruppenbesprechung. höneberg: Jugendheim Hauptstr. 15 hüringenzimmer). Seimabenb. Jugendfunktionärversammlung im Jugendheim des Ortsbureaus. Erscheinen jedes Funktionärs ift Pflicht. Obermedizinalrat Dr. Ostermann vom preußischen Wohl. fahrtsministerium sprach über Hebammen und Krantentassen" Er Berantwortlich für Politik: Bictor Shiff: Wirtschaft: zählte eine Reihe von Forderungen auf, die bei dem in Arbeit be. findlichen Reichshebammengesetz berücksichtigt werden sollen. nächste Verbandstag soll in zwei Jahren stattfinden. 6. AlingelhFfer; Geverkschaftsbewegung: 3. Steiner; Feuilleton: Dr. John Schikowski; Lotales and Sonstiges: Fris Rarftäbt: Anzeigen: th. Glocke. fämtlich in Berlin. Der Berlag: Vorwärts- Berlag Gm. b S.. Berlin. Drud: Vorwärts- Buchdruckeret und Berlaasanftalt Baul Ginger u 6.0 Berlin SW 68. Lind nftraße 3. $ ierzu 2 Beilagen, Unterhaltung und Biffen und Frauenstimme". Vorteilhafte Angebote Kleiderstoffe Kasha 1 165 Wollmuffelin ca. 80 cm breit, moderne Druckmuster, in grosser Auswahl..... 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Das Schöffengericht in Siegen hatte Kühr wegen Betruges zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Gegen das Urteil bat Äüfjr Berufung eingelegt und jetzt beschäftigt sich nun die Straf- tammer des Landgerichts Arnsberg nochmals mit der �rage, ob in Wirklichkeit der ungeheuerliche Fall vorliege, daß sich ein im besten Mannesalter stehender Mensch,— Kühr ist erst 31 Jahre alt— aus gewinnsüchtiger Absicht zu einem Krüppel selbst gemacht hat. Es gehört ein ungeheurer Mut dazu, sich kaltblütig vor einen Zug zu legen und das schreckliche Ereignis ruhig über sich ergehen zu lasten. Da bei der� Eigenartigkest des Falles ein Lokaltermin an Ort und Stelle notwendig sein wird, hat die Arnsberger Straf- tammer ihre Verhandlung in den Sitzungssaal des kleinen Amts- gerichts Olpe verlegt. Kühr, der von den Rechtsanwälten Münster- mann- Siegen, dem Verteidiger der ersten Instanz, und Rechtsanwalt Dr. Sidney Mendel- Berlin jetzt oertreten wird, be- slreltet jede Schuld, und er behauptet, daß er gegen seinen willen durch befreundete Agenten, insbesondere seinen Schulkameraden Wiebelhaus, ein halbes Jahr vor dem Unfall, der in der Nacht zum 20. August passiert ist, gegen Tod und Invalidität versichert worden sei. Die Anklage und mit ihr das erste Urteil nehmen an, daß Kühr diese ungeheuerliche Tat nicht ohne sremde Hilfe ausgeführt hat. Kühr schildert? In der neuen Berhandlunq gab der Angeklagte Kühr zunächst die näheren Umstände des Unglücks an, er berichtete, daß er mit ein«» Freund« zusanunen ein Wondergewerbe als Neben- beruf betreibe und Soiurtogs auf Schützenfesten und Jahrmärkten Backwerk verkauf«. An dem Unglückstage, Sonnabend, dem 28. August, hätte er abends notwendigerweil« mir dem Rode seines Freundes nach dein Dorf« S a ß m i ck c fahren müssen, um von dort ein Stück elektrischen Leitungsdraht, den sie dringend benötigten. zu holen. Er selbst habe große Eile gehabt, und als er auf dem Rückweg den Eisertbahnübergang postierte, sei ihm, weil die Schienen höher waren als die Chaussee, die Lenkstange aus der Hand geschlagen worden, er sei kopfüber vom Rade herunter gegen die Böschung gefallen und dort besinnungslos liegengeblieben. Erst am nächsten Morgen sei er im Krankenhaus wieder zu sich gekommen. Der Vorsitzende erörterte zunächst bei Eintritt in die Verhandlung, wie die lßorsicherungen abgeschlossen morden seien und fragte, wie er mst Wiebelhaus.zusammengekommen sei Der Angeklagt« gab an, daß ihn Wiebelhouz zum Abschluß der Versicherung furchtbar gedrängt habe, und daß er schließlich nachgegeben hätte, u m d e n Mann loszuwerden. Er habe mit ihm die niedrigste Der- jicherung vereinbart, die überhaupt möglich war. Wenige Wochen -später habe ihn Wiesdorf getrassen und ihn zu bestimme» versucht, nnt ihm ein« Versicherung abzuschließen. Auch dieser Hab« ihm keine Ruhe gelassen, so daß er schließlich eiuwilligre, nachdem Wies- öorf ihm die Versicherung gegeben hatte, daß er(Wiesdors) die erste Versicherung rückgängig machen werde. Der Vorsitzende meinte nun, daß die Vermögensoerhältnisse des Angeklagten doch sehr schlecht seien, woraus der Angeklagte erwiderte, daß seine Mutter ein monatliches Einkommen zwischen 400 und 600 M. gehabt Hab«. dos sich aus dem ,zusammensetzle. was seine Brüder und er selbst der Mitter gaben. Er selbst habe ein Einkommen von 400 bis 800 M. gehabt, das er nur aus seiner beruslichen Tätigkeit und teilweise ans den Eirmahmeu seines Wondergewerbes erhielt. Älißecdem habe er über 300 M. Ersparnisse gehabt. %d London: W vlfsblUt. Wenn der Hunger ihn gar zu sehr quälte, schlich er zum Lager der Indianer zurück, aber er näherte sich ihm nicht zu sehr. Er lauerte im Walde und beraubte die Schlingen und Fallen in den seltenen Fällen, wenn ein Wild sich darin gefangen hatte. Er stahl sogar dem Grauen Biber ein /ka- ninchen, als dieser vor Schwäche taumelnd und durch Atem- mangel oftmals genötigt sich hinzusetzen, durch den Wald daherkam. Eines Tages traf Wolfsblut einen jungen Bruder, der schwach und matt vor Hunger und so mager wie ein Gerippe war. Wäre er nicht selber hungrig gewesen, so wäre er viel- leicht mitgelaufen und hätte den Weg zu den Brüdern gefunden, nun aber warf er den Wolf zu Boden, tötete und verzehrte ihn. Das Glück war ihm hold. Immer wenn er am schlimm- sten daran war, fand er Beute, auch wollte es der Zufall, daß er dann auf kein größeres Raubtier stieß. Einstmals kam ein Rudel hungriger Wölfe auf ihn losgestürzt, und sie verfolgten chn lange und grausam-, da er aber bester genährt war wie sie— denn er hatte in den Tagen vorher einen Luchs verzehrt—, so gewann er ihnen einen Vorsprung ab. Ja. mehr noch, als er in weitem Bogen um sie herumlief. überfiel er einen seiner erschöpften Verfolger. Darauf ver- lieh er die Gestend und wanderte nach dem Tal, wo er ge- boren war. Hier traf er in der ollen Höhle Kischc, die wie er die ungastlichen Feuerstätten der Menschen verlosten hatte und in den allen Schlupfwinkel gekommen war, um für ihre Jungen Schutz zu suchen. Allein nur eines davon war am Leben geblieben, und auch dieses hatte bei der Hungersnot wenig Aussicht» leben zu bleiben. Kifches Begrüßung des nun erwachsenen Sohne» war durchaus nicht liebevoll. Aber Wolfsblut mochte sich nichts daraus-, er bedurfte der Mutter nicht mehr. Also kehrte er ihr bedächtig den Rücken und trabte das Flüßchen hinauf. An der Gabelung schlug er den Weg zur Linken ein und kam -in das Lager der Luchsin, mit der die Müller und er einst auf Leben und Tod gekämpft hallen. Hier an verlastener Stätte ließ er sich nieder und ruhte einen Tag aus. Am Anfang des Sommers, als die Not zu Ende ging, traf er auf Liplip. der ebensnlls in d'e Wälder geflohen war und ein cl>'ndes Dasein geführt hatte. Es geschah ganz un- erwartet- Sie kamen in entgegengesetzter Richtung um den Fuß eines steilen Bergabhangs getrabt, und als st« um eine l Fall Marek. Die Zeugenvernehmung. Als erster Zeuge wird der Wärter Ebbert veinwitrmen, der schildert, wie er an die llnglücksstcll« gekommen sei. Abends gegen%10 Uhr habe plötzlich jemand an seine Tür geklopft und gebeten, er möchte doch herunterkommen, es sei ein Unglück passiert. Er sei dann mit dem Unbekannten zum Bahnübergang geeilt und habe dort einen Mann in einer Blutloche vorgesundcn, und zwar mit dem Gesicht nach unten. Da» eine Bein war abgefahren. denn der Unbekannte hob es aus und zeigte es dem Zeugen. Der Wärter fragte nun den Unbekannten, wer der 2kr- nngluckte fei. Der Mann antwortet« ihm, er wisse es selbst nicht. Aus die Frage, wer er denn selbst sei, antwortet« er, er sei hier fremd, er komme gerade vorbei. Es sei jetzt keine Zeit zu weiteren Erörterungen, denn es müsse ei» Arzt geholt werden und er sollt« telephonieren. vorsu Gab der Derunglückt« deutliche Hilferufe von sich? Zeuge: Er stieß Schmerzensschreie aus. Vors.: Wie sah der Fremd« aus? Zeuge: Er war blond, miitelgroß und sprach nieder- rheinischen Dialekt. Vors.: Ist Ihnen niemals irgendeine Person- lichkeit aus Olpe als dieser Unbekannte bezeichnet worden? Zeuge: Jawohl, der Dersicherungsagent Wiesdorf. Ich glaub« aber nicht, daß er dos ist, denn er sieht anders aus als der Fremde. Lokaltermin an der lsnglücksstelle. Nachdem dann noch die Frau und die Tochter des Wärters über belanglvse Einzelhesten vernommen wurden, begab sich das Gericht in Autos zu der Stelle, an der das Unglück passiert«. Diese Stelle liegt von Bergen umgeben etwa 12 Kilo- mcter von der Stadt Olpe entfernt. Das Gericht ließ sich genau erklären, wo der Angeklagte gefunden wurde. Der Bahnübergang, an dem dos Unglück passiert«, ist nicht durch Schranke» grichiitzl. Ein stiller Weg fuhrt in einem spitzen Winkel zu dem Bahnübergang vom Berg« herunter, und gerade auf dem Bahnübergang befindet sich die Kurve des Weges. Der Angeklagte kam mit seinem Rade den Berg hinunter und fuhr schräg zwischen die Bahnlinie an. Wie Zeugen bekundet haben, waren an dieser Stelle die Schienen etwa sieben Zentimeter höher als die Straße. Rechtsanwalt Mendel ver- anlaßt« einen Zeugen, sich in derselben Lage hinzulegen, wie der Angeklagte gefunden worden war. An diesem Mann wurde dann demonstriert, ob der Angeklagte sich mit vollem Bewußtsein vorbereiteter Weise dorthin gelegt haben konnte, um sich absichtlich das Bein abfahren zu losten. Nachdem der Lokaltermin beendet war. trat die Mittagspause ein. Das Mtsel des unbekannten Mannes. In der Nachnüttagssitzung kamen zmtächst die Zeugen an die Reihe, die den Angeklagten Kühr ins Krankenhaus transportiert hallen. Sie hoben nicht mit Bestimmtheit aussagen können, daß Kühr nicht ohmnächtig war. Das Rätsel des unbe- kannten Mannes konnte in der Berhondlung nicht geklärt werden. Der Zeuge Boot gab an, daß der Unbekannte ihm auf der Straße begegnet sei und aus den Unglücksfall ousmerkfam ge- macht habe, daß dieser Fremde ihm auch seinen Namen genannt Hobe, den der Zeuge aber wieder vergessen habe. Er be- kündet« weiter, daß das Rod des AugeNagle» vollkommen ver- bogen war und daß die Speichen im Vorderrad sehllen, so daß mit der. Alöglichkeit eine» Unfalles seiner vleinung nach ge- rechnet werden müsie.— Der Zeuge Ritter ans Seßmicke bekunSeie, daß der Angeklagte 20 Minuten nach g Uhr abends zu ihm ge- kommen sei. um die Lichtleitung zu holen, die er am nächsten Tage brauchte. Der Angeklagte Halle ez sehr eilig. Nach 5 Minuten sei er wcggefahren, weil er schon um'.»10 Uhr in Olpe wieder zurück- erwartet morden sei. Der Zeuge ist der Ansicht, daß der Angeklagte niemals diesen Zeitpunkt einhalten tonnt«, weil die Entfermmg zu groß war. Er Kitte also sehr schnell fahren müssen. Die früheren Delastungszeugen. Außerordentlich unbestimmt waren die Zeugenaussagen der Operationsschwester Prigzllle, die den Angeklagten noch der Operation �elsenecke bogen, standen sie sich plötzlich Angesicht zu Ange- ficht gegenüber. Einen Augenblick hielten sie erschrocken inne und blickten sich mißtrauisch an. Wolfsbluts Jagd war in den letzten acht Tagen sehr erfolgreich gewesen, und er war wohlgenährt. Sobald er jedoch Liplip erblickte, richtete sich unwillkürlich sein Haar am Rücken empor. Das war der körperliche Ausdruck des geistigen Zuftandes, in den in frühe- ren Tagen ihn Liplips Rauflust und Berfolgunassucht ver- setzt halle. Auch jetzt verlor er keine Zeit, und der Angriff erfolgte schnell. Der andere versuchte auszuweichen, doch Wolfsblut stieß ihn so kräftig mit der Schulter, daß jener das Gleichgewicht verlor und auf den Rücken rallte. Ein Biß in den magern Hals und Liplip rang mit dem Tode, während Wolfsblut mit steifen Beinen und gespanntem Blick rund um den Feind herumging. Darauf setzte er seine Wanderung fort, indem er den Bergabhang entlang weiter trabte. Einige Tage später kam er an den Rand des Waldes, wo ein schmaler Streifen freien Landes sich nach dem Mackenzie hinabzog. Früher war es dort kahl gewesen, jetzt stand ein Dorf da. Unter den Bäumen verborgen blieb er stehen und ül'erschaute die Gegend. Der Anblick, die Töne, die Gerüche waren ihm wohlbekannt. Es war sein alles Dorf, nur an einem anderen Platze. Doch war jetzt alles anders als damals, wo er daraus geflohen war. Es gab kein Jammern, kein Wehklagen mehr. Töne behaglicher Zu- friedenhell begrüßten fein Ohr. Zwar vernahm er die schellende Stimme einer Frau, allein dieser Aerger kam aus einem vollen Magen, das wußte er. Auch roch es in der Luft nach Fischen. Es war also wieder Speise da. die Rot war vorüber. Wolfsblut kam dreist aus dem Walde heraus und trabte ins Lager gerade auf das Wigwam des Grauen Biber los. Dieser mar nicht da, aber Klukutsch begrüßte ihn mit einem Frsudengeschrei und gab ihm einen ganzen Fisch, und er legte sich nieder, um die Rückkehr des Herrn zu er-� warten. TJictf« Teil. I. Der Feind seiner Gattung. Hätte in Wolfsbluts Natur die entfernteste Möglichkell gelegen, mit den Genossen freundlich zu verkehren, so wäre diese für immer dadurch zerstört worden, daß er Leichund des Gespannes würde. Bon nun an haßten ihn die Hunde noch mehr, haßten ihn wegen des Fleisches, das Mitsah ihm besonders zuteilte, haßten ihn wegen der wirklichen und ein- gebildeten Begünstigungen, die er erhielt, am meisten aber. weil er mit wehendem Schwänze und fliehenden Hinterbeinen immer und ewig vor chren Augen herlief und sie dadurch bis zum Wahnwitz reizte. Und diesen Haß vergalt er ihnen gepflegt hat. Sie bekundete, daß der Angeklagte sehr ruhig war und daß er sehr vernünftige Antworten gegeben habe. Zn der verhand lang erster Instanz hatte sie den Angeklagte» ziemlich schwer belastet, weil sie erklärte, er Hobe gleich in ihr den Verdacht erweckt. daß ein Versicherungsbetrug vorliegen müsse, weil der?lngeklazie sehr ruhig war. Jetzt mußte sie diese Belastung sehr wesentlich einschränken. Vor ollen Dingen ist ihre Aussage außerordentlich unsicher. weil sie nicht mehr mit Bestimmtheit angeben kann, ob dem Angeklagten ein Oberschenkel oder ein Unterschenkel amputiert wurde. Zwischen ihr und dem Zeugen Boot herrschten schwere Widersprüche vor allen Dingen darin, weil sie behauptete, der Radsahrschlauch. mit dem dos Bein abgebunden war, sei während der Operation an dem Bein geblieben, während der Zeuge bekundete, er habe den Schlauch vor der Operation abgebunden und die Schwester habe einen anderen Gmnmischlauch zum Abbinden herumgeton.— Der Kronkenhausarzt Dr. Bröser bekundet«, daß er sich nicht mehr mit Bestimmtheit daran erinnern könne. Der Zeuge habe stark ge- wimmert und immer gerufen:„Au, mein Bein, au, mein Dein!" Vors.: Haben Sie irgendwelche Anhaltspunkte dasür, daß der Angeklagte sich das Bein mit Absicht hat absahreu lassen, nw die Versicherungssumme zv erhalten.— Zeuge: Mir ist dieser Verdacht nicht gekommen. Ich hielt die Sache für einen ganz normalen Unfall und habe volle Genugtuung darüber gehabt, daß die Operation glatt von- statten ging. Die Versicherungsagent!:. Der Zeuge Mebelhaus. der den Angeklagten das erstemal ver- sicherte, gab an, der Angeklagte habe bei ihm öfter Schokolade für seine Jahrmarktsbude bezogen, und zwar dos letztemol für 730 M. Zu der Versicherung habe er ihn überredet. Auf Befragen von Rechtsanwalt Dr. Mendel bekundete der Zeuge weiter, daß der volizeiinspektor heep ihm 15 000 bis 20 000 M. versprochen habe. wenn er aussage, der Schwager des Angeklagten. Kumpold, fei der unbekannte Mann gewesen. Er, der Zeuge, habe es aber abgelehnt, das zu behaupten.— R.-A. Dr. Mendel: Herr Zeuge, worder Ueberfall, den Sie semerzest erlitten haben und wofür Sie 23 000 M. erhalten haben, fingiert?— Vors.: Sie können die Antwoll auf dies« Frage verweigern.— Zeuge: Rein, diese Behauptung ist unwahr. Es war ein schwerer Unfall, den ich erlitten habe.— Der Zeuge Wiebelhaus bekundet« ferner, daß es ihm daraus ankam, wegen seiner Vrämie die Versicherung mst dem Angeklagten abzuschließen.— Der nächste Zeug« ist der Versicherungsagent Wiesdors. Er gab an, im Auftrage seiner Versicherung habe er so viele und so hohe Versicherungen wie möglich abschließen müssen. Er habe den Angeklagten oft gedrängt. die Versicherung bei ihm abzuschließen, die Viktoria werde ihn be- stimmt herauslassen.— Vors.: Das war doch unwahr.— Zeug«: Das war«in Agitationstrick.— Vors.: Das grenzt aber a» das Strafgesetzbuch, und zwar an den Betrugsparagraphen.— Zeuge: Ich habe das nicht so aufgefaßt, übrigens interessierte mich nur die Höhe der Prämie. Urteil: Freispruch? In später Nachtstunde wurde das Urteil verkündet: Do» verurteilend« Erkenntnis erster Instanz wird aufgehoben. Der Angeklagte wird freigesprochen Auf dem Neubau tödlich verunglückt. Aus dem Neubau des Warenhauses der Karstadt A.-G. am Hermannplatz in Neukölln ereignet« sich gestern nachmittag ein schwerer Unfall. Der öajährigo Einschnler Julius Krüger ans der C a p r i v i- A l l e e 98 zu Lichtenberg, der auf dem Gerüst i» beträchtlicher Höhe arbeitete, verlor plötzlich den Halt und stürzte kopfüber in die Tiefe. Der 2er- unglückt« erlitt schwere innere Verletzungen. Cr wurde in das Urbankronkenhaus gebracht, wo er kurze Zeit nach seiner Einlieserung starb. mit Zinsen. Leithund zu sein war durchaus nicht angenehm. Er war dadurch gezwungen, vor dem kläffenden Hausen her- zulaufen, vor diesen Hunden, die er drei Jahre lang be- herrscht hatte, und das war fast mehr als er ertragen konnte. Aber es mußte sein, sonst wäre es sein Tod gewesen, und danach trug er kein Verlangen. In dem Augenblick, da Mitsah das Signal zur Abfahrt gab, sprang das ganze Ge- spann mit wildem Gekläff hinter ihm drein. Verteidigen konnte er sich nicht, denn kehrte er sich um, so traf ihn ein schmerzender Peitschenhieb von Mitsah ins Gesicht. Es blieb ihm nichts übrig, als zu laufen. Er konnte mit Schwanz und Hinterbeinen der heulenden Horde nichts anhaben, das wären gegen die vielen unbarinherzigen Zähne kaum die richtigen Waffen gewesen. Also rannte er weiter. indem er bei jedem Satz, den er machte, den ganzen Tag lang seiner Natur und seinem Stolz Gewalt antat. Allein man kann den Trieben seiner Seele nicht Gewalt antun, ohne daß man sich nicht dagegen auflehnt. Das ist wie ein Haar, das aus dem Körper herauswachsen sollte, aber unnotürlicherweise sich umdreht und hineinwächst und eiternd schmerzt. So erjjing es auch Wolfsblut. Jeder Trieb seines Wesens drängte ihn, auf die Hunde, die ihm an den Fersen kläfften, loszuspringen, aber der Wille seiner Götter, sowie die Peitsche mst der dreißig Fuß langen Leine aus Renntier- darin dahinter, ordneten es oiiders. Daher konnte er sich nur in Bitterkeit verzehren und einen Haß und Groll nähren, der ebenso groß war wie die Wildheit und Unzähmbarkeit seiner Natur. Wenn je ein Geschöpf der Feind seiner Gattung wurde. so war es Wolfsblut. Er gab keinen Pardon und verlangte auch keinen. Er trug von den Zähnen der anderen fori- während Wunden unh Narben davon und vergalt Gleiches mit gleichem. Ungleich den meisten Leithunden, die, wenn das Gespann abends abgeschirrt wurde, sicb an die Menschen um Schutz drängten, verschmähte er ihn. Er schritt dreist in> Lager umher und teilte nacht? für das, was er am Tage er- dulden mußte, Strafe aus. Borher hatten die anderen ihm ausweichen muffen; das war nun anders geworden. Durch die Verfolgung, die die Hunde den ganzen Tag über mit ihm anstellten, erregt, durch den fortwährenden Anblick seiner Flucht vor ihnen unwillkürlich gereizt, durch das Gefühl der Uebermacht, das sie tagsüber erfüllte, angestachelt, konnten sie nicht dahin gebracht werden, ihm aus dein Wege zu gehe». Wenn er unter ihnen erschien, so gab es immer Streit. Knurren, Beißen und Grollen folgten seinen Schritten; selbst die Luft, die er atmete, war mit Haß und Groll erfüllt, und dies diente nur dazu, ihn noch mehr zu erbittern. __...(Fortsetzung folgt.) Der Werkspionage- Prozeß. Eine aufschlußreiche Verhandlung, Die Dienstagverhandlung im Normawert- Spionageprozeß war in doppelter Hinsicht aufschlußreich. Sie ervies die völlige Unhaltbarkeit der Methoden, nach denen die Polizeibeamten in der Borunterfuchung als Gehilfen der Staatsanwaltschaft tätig waren. Sie ergab ferner ein wenig erbauliches Bild von den Manövern zwischen den großkapitalistischen Unternehmungen und den Konzernen. Der erste Beweis wurde bei der wiederholten Vernehmung des Angeklagten Uhlig. des technischen Direktors der Riebe- Berte, erbracht, eines 54jährigen Mannes, der an schwerer Herzneurose leidet und heute woh etwa 5 Stunden lang immer wieder über das gleiche ausgefragt und in Verwirrung zu bringen versucht wurde Er schilderte, wie er nach bereits 37stündiger Haft nachts 11 Uhr zur Bernehmung tam und wie Polizeikommiffar Herold sofort alle feine Neußerungen als unwahr bezeichnet habe. Er lehne heute jede Berantwortung für seine Aussagen vor der Polizei ab. Auch bei ber Bernehmung durch den Untersuchungsrichter hatte er vor allem das Bestreben, aus seiner trostlosen Situation und aus der Haft herauszufommen. Das Protokoll sei ihm rasch vorgelesen worden, fo daß er gar nicht zum vollen Bewußtsein ber Tragweite seiner Aussagen fommen fonnte. Die abfällige Bemertung über die Leitung der Riebe- Werte sei ihm vorgesprochen und dann niedergeschrieben worden. Das sei auch der Fall bei seinen angeblichen Aeuße rungen über das Engagement früherer Angestellter der Norma, mie Ziegler, 3eifang und Karre. Er bestritt aufs entschiedenste, in der Berwendung der von Karrer stammenden Zeich nungen und Tabellen unforrett verfahren zu sein. Auch hierüber enthalte das Protokoll seiner polizeilichen Bernehmung Urteile von ihm, die er in dieser Form gar nicht geäußert habe. Man habe ihm bei der Bernehmung beibringen wollen, daß Kahn und Rosenthal sich gewissermaßen auf seine Roften aus der Affäre ziehen wollen, so daß er jegt ruhig ben Stiel umbrehen und sie ordentlich hineinziehen solle. Man habe ihn auch durch die Angabe über die wesentlich höheren Gehälter, die von der Leitung der Riebe Werte an die von der Konkurrenz zu engagierenden Technifer wie Schweilhardt, gezahlt werden sollten, irregeführt, so daß seine im Anschluß hieran erfolgten Aeußerungen von ganz falschen Boraus fegungen ausgegangen seien. Er bestätigt die Aussage Kahns, daß dieser ihm versichert habe, er würde selbstverständlich das gleiche Gehalt bekommen, wie es Schweifhardt zugesagt worden sei. Das Ergebnis dieser umfangreichen, mit zahllosen Kreuz- und Querfragen Durchgesezten Bernehmung war die Sicherheit, daß durch solche Methoden in der Boruntersuchung diese um jeden tatsächlichen Bert für das Prozeßverfahren gebracht wird. Nach Abschluß der Berbandlung brachte der Angeklagte Kahn noch eine sehr merkwürdige Sache zur Sprache. Für den Direttor Uhlig war zuerst von dessen Firma der Justizrat Eschenbach als Berteidiger in Anspruch genommen worden. In dieser Eigenschaft hatte er der ersten Bernehmung Uhligs beigewohnt. Dann war er an den Anwalt der Riebe- Werte Dr. Raßenstein mit der Mitteilung herangetreten, es bestünde Kollisionsgefahr zwischen Uhlig und der Direktion. Er sollte helfen, sie zu beseitigen, aber er verlange dasselbe Honorar, das Dr. Alsberg bekomme. Kahn erflärt run, daß er es bemußt abgelehnt habe, fich auf diese Weise das Beugnis Eschenbachs zu laufen. Darauf sei Eschenbach fofort nach Stuttgart gefahren, wo er offenbar gekauft worden sei. Es fei ihm ausdrücklich mitgeteilt worden, daß er fein Manbat für Uhlig mehr habe, trotzdem soll er unaufgefordert Telegramme an den Untersuchungsrichter gerichtet, weitere Handlungen unternommen haben und ist dann ohne jeden Auftrag zur Norma gefahren, wo er dann eine Konferenz mit dem Direttor Mehl hatte. Ueber diese Sache soll die Beweiserhebung am Mittwoch weitergehen. Auch die Mittwochverhandlung gab ein deutliches Bild des heftigen Konkurrenzfampfes zwischen den einzelnen Unternehmungen der Augellagerindustrie. Nach ihrer Darstellung ist es nicht mahr, daß der große Auftrag, den ihr Werf vom Eisenbahnzentral amt erhielt, auf Bestechungen oder Schiebungen zurückzuführen sei. Am Schluß gab es noch eine sehr lebhafte Auseinandersegung über die Frage, ob die Norma bereit war, sich diesen Prozeß turz vor feinem Beginn durch ein entsprechendes Entgegenkommen der Riebe- Berfe abtaufen zu lassen. Der nächste Berhandlungstag wurde auf Freitag anberaumt. Alles wird bezahlt." " Bor einigen Lagen mußten wir uns mit einem Artikel des Botal.Anzeigers" beschäftigen, der über angebliche 3er. störung der Ehrenämter flagte. Bemängelt murde in dem Artikel, daß den Inhabern tommunaler Ehrenrämter fleine Aufwandsentschädigungen( hauptsächlich für Bereithaltung eines Bimmers zu ihren Sprechstunden) gezahlt werden. Und das wurde vermengt mit der dreiften Behauptung, daß bei der Besetzung solcher Ehrenämter das Parteibuch" entscheidend sei.„ Alles wird bezahlt!" lautete eine der Ueberschriften des Artikels. Dem gegenüber stellten wir fest, daß nach dem Kriege bürgerliche Bezirksvorsteher sich um eine Entschädigung bemüht haben. Bürgerliche Armenvorsteher forderten schon lange vor dem Kriege eine Entschädigung für ihr zu den Sprechstunden benuttes Zimmer. Die Herren fönnen sich bei dem„ Lokal- Anzeiger" dafür bedanken, daß jetzt von ihm ihr Ehrenamt als Futtertrippe" bezeichnet wird. Bozu diese, Futtertrippe" manchmal gut sein soll, lehrt ein Fall, ber uns aus Adlershof bekannt wird. Ein bortiger Bohl fahrtsvorsteher wurde von seinem Hauswirt aufgefordert, fünftig für angebliche Mehrabnuhung der Wohnung und der Treppe eine Bergütung von monatlich 10 m. zu zahlen. Der Hauswirt begründete diese Forderung mit dem Hin meis auf die Amtstätigkeit des Wohlfahrtsvorstehers und auf die dafür gezahlte monatliche Entschädigung. 3ehn Mart sollte der. Wohlfahrtsvorsteher dafür zahlen, daß die Bedürftigen ihn in seiner Bohnung aufsuchten? Als er das ablehnte, aber um des lieben Friedens willen 2 M. pro Monat anbot, nannte der Wirt das fchofel" und betonte demgegenüber seine eigene Anständigkeit". Er verlangte nochmals Zahlung von 10 M., die er andernfalls vom Bohlfahrtsamt selber einfordern werde. In seinem ersten Schreiben hatte er für den Fall des Nichtzahlens den Wohlfahrtsvorsteher er fucht, in Zukunft seine Sprechstunden anbersmo abzuhalten. 21s ant 1. Juni die Zahlung unterblieb, forderte er noch mals, baß diese Sprechstunden in seinem Hause aufhörten. Gleich. zeitig verlangte er Beseitigung des am Hausbrieftasten angebrachten Hinweises auf die Sprechstunden. Andernfalls werde, fügte er hinzu, er selber den Hinweis beseitigen. Inzwischen ist das Das ideale Laxin Abführ- Konfekt Schreckenstat einer Mutter. Die Kinder in die Spree geworfen. Bor dem Hause Friedrichsgracht 33, in unmittelbarer Nähe der Neuen Grünstraßen- Brücke, spielte sich gestern abend eine Shredens zene ab. Die 80jährige Frau Maria P., die mit ihren sechs Kindern im Alter von ½ bis 8 Jahren an der Spreeböschung entlang ging, pacte plöglich die beiden Jüngsten, hob sie über das eiserne Geländer und warf fie in die Spree. Die übrigen vier Kinder, die beim Anblick der furchtbaren Tat in laute Jammer. und Hilferufe ausbrechen, fonnten, als die Frau Anstalten machte, auch diese ins Wasser zu werfen, von hinzuellenden Passanten im legten Augenblick zurückgehalten werden. Die Frau wurde von mehreren Männern festgehalten und der Feuerwehr übergeben, bie für ihre Ueberführung in die Nervenstation der Charité sorgte. Die beiden ins Wasser gewordene Kinder konnten nach furzer Zeit völlig unverfehrt geborgen werden. Folgendes wird zu der furchtbaren Tragödie, die zugleich ein Bild schwersten sozialen Elends entrollt, befannt. Die Frau ist seit zehn Jahren mit dem Arbeiter P. verheiratet. Der Ehe entsproffen fechs Kinder, fünf Knaben und ein Mädchen. Das Kleinste war ½ Jahr, der älteste Junge 8 Jahre alt. Bor etwa einem halben Jahr bezog die Familie im 3. Stockwerk des Quergebäudes Grünstraße 2 eine aus Stube und Küche bestehende Wohnung. In diesen beiden Räumen, die stets peinlich sauber gehalten wurden, hausten die echt Menschen. In den letzten Wochen gab es häufig Streit zwischen den Ghe leuten. Der Berdienst des Mannes, der zeitweilig arbeitslos war, reichte nicht für den notwendigsten Lebens unterhalt aus. Die Miete mußte gestundet werden keine Ausficht auf eine Besserung. So reifte in der Frau der Plan, ein Ende 3u machen und die Kinder alle mit in den Tod zu nehmen. Vor etma vier bis fünf Wochen tam es wieder zu einem schweren Streit, Sprechstundenschild tatsächlich befeitigt morben, aber nicht vom Mieter. Wer das getan hat, entzieht sich unserer Kenntnis. Wir dürfen vermuten, daß dieser Hauswirt zu den Lesern des Botal- Anzeigers" gehört. Der Mann mit der Aktentasche. Ein raffinierter Wohnungsdieb. Mcht weniger als 16 Wohnungsdiebstähle, bei denen jedesmal die völlig unschuldigen Hausangestellten in Verdacht gerieten, wurden jeht durch die Festnahme und das Geständnis des wirklichen Diebes aufgeklärt. Jim Bureau eines Garteniotals in Friedrichshagen versuchte vor einigen Tagen ein gut gefleideter junger Mann, der eine Uttentasche unter dem Arm trug, zu stehlen. Als Angestellte ihn wahrnahmen, legte er die Beute wieder beiseite, nahm eine Hausfrauenzeitung aus der Mappe und erklärte, daß er für fie Abonnenten suche. Das glaubte man ihm jedoch nicht. Er murde festgenommen und der Dienststelle B2 des Polizeipräsidiums vor geführt. Kriminalfommissar Dr. Anuschat nahm den Ertappien, einen 20 Jahre alten früheren Kaufmann Albert Weinberg aus Hamburg, der wegen breier Diebstähle von dort her schon gesucht wurde, ins Gebet und erhielt von ihm das Geständnis, daß er nach seiner Flucht aus Hamburg jeit Mai dieses Jahres in Berlin bereits 16 Diebstahle berubi habe. Weinberg hat eine gute Erziehung gehabt und das Abiturium gemacht. In Berlin trieb er zunächst etwas buntle Geschäfte. Die brachten ihm jedoch nicht soviel ein, daß er den Ansprüchen eines Mädchens, dem er sich in der Maste eines vielverdienenden Börsenmannes genähert hatte, genügen fonnte. So erwarb er das, was ihm fehlte, um den Schein aufrechterhalten zu tönnen, durch Diebstähle. Aber auch das reichte noch nicht hin, und die Geliebte wandte sich deshalb von ihm ab. Seitdem tonnte er, wie er sagt, für sich allein von dem Erlös des gestohlenen Gutes flott leben. Weinberg suchte sich namentlich Billengrundftlice, zum Teil bei Friedrichshagen und Karlshorst, besonders aber in Friedenau und Neubabelsberg, aus. Vormittags oder nachmittags, wenn die Leute im Garten faßen, fchlid er sich ein, raffte geschickt das, was er an Schmucksachen auf den Toilettentischen in den Schlafzimmern fand, an sich und verschwand meistens ungesehen. In Rifolassee hatten drei Hausangestellte vor der Entdeckung des Diebstahls ihre Stellung aufgegeben und waren nach außerhalb verzogen. Sie wurden noch gesucht als Weinberg jetzt auch diesen Diebstahl ein räumte. Den größten Teil seiner Beute konnte die Kriminalpolizei wieber herbeischaffen. Dreimal vom Zug überfahren! Und doch gerettet... Cimburg a d. Cahn, 6. Juni. Jm Emmericher Tunnel stürzte von einem in voller Fahrt befindlichen Güterzug der Zugführer ab, ohne daß der Unfall von dem Fahrpersonal bemerkt wurde. Der Unglückliche kam zwischen wart, sich sofort flach auf den Boden zu drücken, so daß der Zug über Tunnelwand und Schienen zu liegen, hatte jedoch die Geistesgegenihn hinwegfuhr. Da er sich bei dem Sturz einen Arm- und Beinbruch zugezogen hatte, mußte er eine Stunde lang in feiner gefährlichen Lage verbleiben. Während dieser Zeit brausten noch zwei weitere Züge über den Schwerverletzten dahin. Als schließlich das Fahrpersonal des Güterzuges auf das Verschwinden des Zugführers aufmerksam wurde, und ein Beamter die Strede abfuchte, fand man den Unglüdlichen, der sich in Todesangst befand, endlich auf. Funkwinkel. Das erste Kinderfest dieses Jahres verlief recht unterhaltend mit Musit, Kasperletheater und den Borführungen eines Tierstimmenimitators. Allerdings hätte es nichts geschadet, wenn die Tierstimmen weniger wissenschaftlich gebracht worden wären, sondern mit luftigem. verbindendem Tert, den Alfred Braun sonit so gefchickt zu formulieren versteht. Hermann Sieber sprach in der Bortragsreihe Städtebilder" über Brüssel. Er gab wieder einen Ueberblic Entwicklung der Hauptstadt des Landes ab über die Gefchichte und Struttur Belgiens und leitete anschaulich die Hellmuth Jaro Jareti beoann einen Byflus„ Das Bühnenbild und seine Meister" mit einer Schilderung des Wirkens von Aravantino, der seine farbenpruntenden Entwürfe in der Hauptsache für die Berliner Staatsoper schafft. Karl May, dessen Wildweft- Hinterstil in dem blutrünstigen Kitschroman der Funtstunde„ Das Tal der Träume" fröhliche Auferstehung feiert, stand auch Pate bei den Schilderungen Gert Hartenau Thiels. Die„ Revolte auf einer Tabatplantage" mag von dem Vortragenden durchaus erlebt sein. Der Darstellung, wie der Ausdrudsmeise nach schien fie aus einem Roman Karl Mans zu ftammen Tes. und die Frau drohte, das etwas passieren werde". Der Mann soft sich daraufhin, wie Hausbewohner mitteilen, zum zuständigen Polizei revier begeben und von dem Nervenzusammenbruch feiner Frau und ihren Drohungen Mitteilung gemacht haben, ohne daß jedoch die Polizei sich veranlaßt jah, einzugreifen. So nahm des Berhängnis feinen Lauf. Gestern abend gegen 18 Uhr entfernte sich Frau B. mit ihren Kindern aus der Wohnung. Sie begab sich zur Friedrichsgracht, wo sie beiden jüngsten Kinder ins Wasser warf. Als Passanten hinzueilten, versuchte die Mutter, die alle Sinne verloren zu haben schien den übrigen Kindern die Hände zufammenzubinden. Nur mit Mühe ge lang es, die Frau, die sich wie rasend gebärdete, vom Geländer der Böschung wegzuziehen. Inzwischen hatten sich mehrere Personen aus dem Publikum und Schiffer an das Rettungsmert gemacht. Schon nach wenigen Minuten gelang es, die kleinen, bie bereits untergegangen waren, mit dem städtischen Rettungsfahn zu bergen und ans Ufer zu bringen. Feuerwehrfamariter nahmen wiederbelebungsversuche vor, die bei beiden Kindern von Erfolg waren. Während die fes Kinder in das Städtische Waisenhaus in der Alten Jakobstraße gebracht wurden, wo sie vorläufig verbleiben werden, wurde die unglüdliche Mutter, die beinahe von der erregten. Menge gelyndt morden märe, durch die Feuerwehr in die Rernenstation der Charité übergeführt. Auf dem Wege dorthin führte sie mirre Reden und sagte, daß sie doch kurz über lang ihr Borhaben ausführen werde und daß sie mit dem Leben abgeschlossen habe. Der Mann wird von Hausbewohnern als sehr ruhig und arbeits fam geschildert. Er habe aber unter der tranfhaften Beranlagung feiner Frau sehr zu leiden gehabt. Krankhafte Beranlagung der Frau! Sie ist taum breißig Jahre alt und hat bereits fech s Rinber geboren. Das drohende Gespenst des§ 218 taucht auch hier wieder auf. Das Opfer, wie so oft, eine Proletarierfrau... Groß- Berliner Parteinachrichten. 11. Kreis Schöneberg- Briedenau. Achtung, Abteilungsleiter! Sonnabend, 9. Suni, nachmittags Material für die Elternbeiratswahlen abholen pox ber Spedition, Belziger Str. 27. Montag, 11. Juni, 20 Uhr, Sigung des Areisvorstandes bei Rönig, Feurig, Ede Bring- Georg- Straße. Heute, Donnerstag, den 7. Juni: 104. bt. Rieberschäzeweibe. Die Gammellisten und Maimarten find umgehenb beim Raffierer, Genossen Redlich, Berliner Str. 42, abaurechnen. 116. Abt. Lidten bezg. 20 Uhr bei Morr, Neue Bahnhoffte. 28, Funktionär igung. Erscheinen aller Funktionäre ist ẞflicht. 137. bt. Reinidendorf Weft. 19 Uhr im Bollshaus, Scharnweberftr. 114 Elternverjam lung aller Eltern, deren Rinder bie Ba- Schule besuchen, und bie für be gifte Schulaufban" fab. Erscheinen bringend untmenbig. Morgen, Freitag, den 8. Juni: 3. bt. 19% Uhr bei Borlid, Gebaftianstr. 38, äußerst midhtige Funktionä fizung. Jeder Bezirk muß megan ber Elternbeiratswahlen unbedingt ve treten fein. 30. Abt. 19 Uhr bei Tohst, Endener Str. 103, wichtige Funktionärsigung. 38. Abt. 20 Uhr pünktlich Funktionärsigung bei Bartusch, Friedenfit. 88. Seber Bezirksführer muß erscheinen. Das Wahlergebnis wird besprochen. Der 183. Bezitt forgt für die Landtagsmahlergebnisse aus dem 118. und 120. Stimmbegirl. Der 154. aus dem 18. Stimmbezirk. Der 189b- Bezirk aus bem 138. Stimmbezirt. 79. bt. Edeneberg. 20 Uhr pünktlich im Lotal bes Lebigenheims, Siedlung Lindenhof, wichtige Funktionärstzung. Erscheinen bringend erforderlic Rentrlin. 89. Wbt. 19% Uhr bei Grommed, Ganderftt. 10, Funktionärsigung. Jeber Bezirk muß vertreten fein. 30. 6. 20 Uhr im Jocal Rafino, Belchfelftr. 5, Funktionärsizung. Borher, um 18 Uhr, im gleichen 2otal Vorstandsfigung. 91. t. 19% Uhr im Lotal Sermann, Ede Rarls gartenstraße, michtige FunktionärЛigung 83. 6. 20 Uhr bei Bimmer mann, Stuttgarter Etc. 41, Funktionärstzung. Jeder Bezitt mug vet treten fein. Um 19% Uhr im gleichen Lokal Vorstandsflgung-97. ht 19 Uhr bei Krüger, Emfer Ste. 85-86, Funktionärsipung. 108. 118. bt. Spenid. 19% Uhr bei Stippekohl, Schönerlinder Str. 5, Gigung fämtlicher Funktionäre. Tagesordnung: Ergebnisse und Lehren ber vet floffenen Wahlen und die tommenden Elternbeiratswahlen. Erscheinen bringend erforderlich. bt. Sidten berg. 20 Uhr bei Hartmann, Jrenen, Ede Rothenfelber Straße, Funktionärigung. 120. b. Friebe Mafelbe. 20 Uhr bei Schwarz, Capriviallee, Funktionärßigung. Erscheinen ist Bilicht. 128./130. Abt. Pantow. 20 Uhr bei Mechs, Berliner Straße, Ede Binbett promenade, Funktionärsigung. Frauenveranstaltungen: 4. Kreis Prenzlauer Berg. Freitag, 8. Juni, 20 Uhr, bei Alug, Danziget Straße, midjtige Funktionärinnentonferenz. 6. Kreis Kreuzberg. Freitag, 8. Suni, 19 Uhr, Bei Balf, Gräfeftraße, Funk tionärinnenjigung. Wegen wichtiger Tagesordnung müssen alle Abteilun gen vertreten fein. Abrechnung ber Lieberbücher. 9. bt. Heute, Tonnerstag, 7. Jimi, 10% Uhr, bei Sübner, Wilsnades Straße 34, Portrag der Gerofin Sübner- iedger über Schule und Familie e Genoffinnen find dazu eingeladen. 102. t. Banefulenweg. Heute, Donnerstag, 7. Sunt, 19% Uhr, bei Sak, Taumschulerstr. 72, Portrag des Genossen Dr. Friz Edhloß über Die Arbeit der Goatalbemotratte in der Wohlfahrt"( unter Berüdsichtigung der Pommunalpolitik). We interessierten Genossinnen,„ Borwärts"-Refer und Empathiserende fnb hierzu herzlich eingeladen. 136. 9ht. Reinider bort Dit. Unsere Tampferfahrt am Freitag, 8. Juni, nach Werder geht pünktlich 8% Uhr früh ab. Nur met Ratten hat tann mib fahren. 141. bt. Rofenthal. Seute, Tonnerstag. 7. Suni, 19% Uhr, bei Schmehling, Walderfeefir. 5. Portrag der Genoffin Lifa Albrecht über Rörperpflege und Gymnaftit". Um rege Beteiligung wird gebeten. Arbeiterwohlfahrt: 4. Rreis Prenzlauer Berg. Seute, Donnerstag, 7, Juni, 1915 Uhr, Atten austausch. Alle Abteilungsleiterinnen werden gebeten, an befannter Stelle Ru erscheinen. 6. Kreis Kreuzberg. Die für Freitag, 8. Juni, geplante Rufammenkunft der Selfer( innen) muß wegen der wichtigen Kreisvorstandssigung leider vete fdoben werben. 7. Kreis Charlottenburg. Freitag, 8. Juni, um 19 Uhr pünktlich, Atten besprechung im atbaus Charlottenburg. Simmer 141. Bollzähliges Et. fcheinen ist erforderlich. 17. Streis Litenberg. Heute, Tonnerstag. 7. Juni, 19 Uhr pünkt lich, im Fathaus Lichtenberg, Obleutekonferenz. Bollzähliges Erscheinen wird erwartet. Jungsozialisten Groß- Berlin: Wochenendkursus in Siefenfee( Sogerbherberne Camengrurb). Die Aurfus teilnehmer terugen Connabenb, 8. Juni, bie Rüge 16.80, 17.30, 18.35. af zügler Sonntag, 10. Sun, um 5 30 cber 7.10. Sonntagsri'ahrtarte 1,60. ab Briezerer Wahrsteig( Eles. Pif.). Gesamtveranstaltura am Montag, 18. Juni, 20 Uhr. Genoffe Tz. Sari Gerber refertert über Das gefftige Ge fit der deutse en Gegenwart". Eagungsort wirb noch betanntgegeben. Am gleiden, Sage 18% Srbeitsoustulitung, 19 Uhr Gruppenkonferenz. Gruppe Reinleerb- rs- West: Heute, Tonnerstag, 7. Juni, 20 Uhr, in Jugendheim Geideftrake, Portrae; faschismus". Referent Hans Waldmann. Erscheinen aller Mitglieder ist Bright. Arbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde: Kreis Neukölln. Sefferversammlung am Freitag, 8. Juni, 1914 Uhr, in der Parade Canghoferstraße. Conntag, 10, Juni, Treffahrten der Foten farten und der Jungfalten. Die Gruppen find um 12 Uhr an ben Treffpunkten, und amar: Tote Falten in den Fofener Bergen, an der Schillerwarte: Jung falten: Kanonenberge, an der Echanze Die Sabfahrer aller Gruppen finb zur gemeinsamen$ infahrt um 8 Uhr feilh am Herzbergples. Sterbetafel der Groß Berliner Partei Organisation G 6. bt. Den Mitgliedern zur Kenntnis, bak unfer Gentofte Albert BIümden, Kremmener Ctr. 3, verstorben ist. Die Einäferung findet am Freitag, 8. Juni, 14% Uhr, im Krematorium Gerichtstraße statt. Rege Be teiligung erwartet die Abteilungsleitung. 17. bt. Fech 28ähriger Mitgliedschaft verftarb unfere Genoffin ba Franke, WWdenowitz. 6. Ehre ihrem Andenken! Einäfcherung Freitag, 8. Sunt. 21% Uhr, im Arematorium Gerichtstraße. Wir bitten um rege Be telligung, 20. st. Unfer Geroffe Frib alper ift am 5. Juni nach schwerem mitarbeiter. Beerbigung am Freitag,& Suni, 15% Uhe, auf bem Golgatha Beiben verstorben. Ehre feinem Anbenten! Wir verliezen in ihm einen treuen Friedhof, Barfusstraße. Bir bitten um zege Beteiligung. Oonuersiag 7. Juni 1926 Unterhaltung unö ÄNissen Vellage des Vorwärts Frauen am Fenster. Do« Ztudi Sims. Der jagt« durch hessisches Land. Ich faß in der Ecke eines Abteils aelehnt und schaute durch drs geöffnete Fenster. Stätten der Arbeit mit rauchenden Schloten; Dörfer, die sich im Glast der Sonne breiteten: schaffend« Menschen und spielende Kinder; dunkler Wald. Felder, Wiese», Blumen und Blüten hielten die Augen wach, die der schwüle Mittag und der monotone, einschläfernd« Singsang der rollen« den Räder immer wieder zu schließen versuchten. Manchmal warf ich einen Blick auf die junge Dame, die mir gegenüber fafy. Sie faszinierte muh...... Diese vollen, sinnlichen Lippen, diese mandelförmigen, melancholischen Augen mit den dichten Wimpern, das inattfchwarz schillernde Haar und die sonnengebräunte chaut.— Wo hatte ich diesen Frauentyp schon gesehen? Vergangenes wurde nah... Ich sah mich als Soldat auf nissischen Bahnhöfen, in Dgeslubcn... Hörte im Geiste schwermütige Volksweisen— die Balalaika.— Vielleicht war sie' elne Russin?-'« Eben legte sie ihre Lektüre gu? her. Hand.. lfm. ihr«? Munh zer- flosi ein flüchtiges Lächeln, als sie merkt«, doh ich sie beobachtet«. Ich dacht« an ein zärtliches„Abenteuer des Schienenstranges''.—> Ueberlcgte«ine Weile, ob ich sie ansprechen sollt«. Da—«in lang« gezogener Pfiff der Lokomotive. Der Aug fuhr in eine Bahnhofs- h'tlle.„Bad Nauheim,. schrie ein Schaffner. Das erhoffte Er- febnis zerrann wie sine Fata Morgans, denn das hübsche Mädel stieg aus und sank draußen auf dem Dahnsteig«in«u arideren in die Arme.— Vergessen lag ihre Zeitschrist im Gepäckneß. Ich nahm sie herunter. Es war eine jener teuren Wochenschriften für die„Dame'. Mode, Theater, Sport— serviert für die Welt, die sich langweilt. „Frauen am Fenster", lautete der Titel eines bebilderten Artikels. Aristotratinnen. Frauen von Großindustriellen und reichen Finanziers waren in den Rahmen eines Fensters gestellt. Sie lehnten in weichen Polst crstühlen im dolce fax vievte— Nichtstuerinnen, deren einzig« Beschäftigung die Pflege ihres Körpers, das Verhandeln mit der Sch:?eiderin und die Gestaltung ihres Amüsements ist. Frauen auf einem Hintergrund, der Reichtum, Glanz und Wohlleben ausströmt. Der Text un, diese Photo» war ein begeisterter Hymnus auf die Frau. Das Fazit: Selbst den ärgsten Spötter flieht der Sarlasmus imd der nüchternste Geschäftsmann vergißt die Zahlenreihen seines .Hauptbuchs, sieht er die ewig jungen Gesidzter der Frauen von heute im Rahmen eines Fensters.— Ich schüttelte unwillkürlich den Kopf und l�gts d>« Zeitschrift wieder fort. Was wußte der Schmock, der diese„Plauderei" schrieb, von den Frauen von heute? ?lm Nachmittag schritt ich durch ine Straßen der großen süd« dem scheu Stadt. In meinem Innern klangen Stimmen auf. die nicht mehr schwiegen. Immer wieder trat vor mein geistiges Auge— „Frsiksn am Fenster". Und ich ging anders als sdnst an den Villen des vornehmen Wcftcn? vorüber. Meinen Blicken boten sich Dings, die ich früher nie ül ihrer starken Eegensäßlichkeit erkannte. Die Fenster zeigten mir nicht nur Frauen der Hautevolee, sondern auch jene Mädchen, die vom frühen Morgen an auf den Beinen sind; die abgerackert am späten Abend die einfache Mansarde aufsuchen; in den traumlosea Schlaf sinken, de« harte Arbeit gibt, und einem neuen Tag entgegen, wachsen, der sie wieder in den Dienst für die Herrschaft zwingt. Niedrig bezahlte Geschöpse, die sich nach Lieb«, Ehe und Mutterschaft sehnen. Junge Mädchen, dauernd im Besehlston herumgestoßei». die heraus wollen aus diesen, Milieu in— ein eigenes, kleines Heim. Wie viele Sehnsüchte bleiben ohne Erfüllung? So manche Haus» angl stallt« dient sahraus, jahrein; wird alt und grau; bis dann einmal im„Generalanzeiger" zu lesen ist:..Fünfundzwanzig Jahr« leistet« sie„treue Dienste".... Lange Geschäfts stießen— Frauen am Fenster mll abgespannten Gesichtern... Friseusen, die Ondulierscher« in das Haar der Kunden tauchend: Büglerinnen mit schweren, heißen Eisen tn den Fäusten; Verkäusorinnen, gSschäftig Auslagen der Fenster ordnend: Sunststopfe- i innen. Tippmädels. Modistinnen. Wo endet dir Weg??lm Kol« ixirienbsrg der schaffenden Frau— in den großen, grauen Fabriken. Ich selp: ein« Arbeiterin an der Bohrmaschine. Seit sieben Uhr reckt sich ihr nackter Arm im gleichen Rhythmus: stiert das Auge auf das Stück Stahl, das sich in das Metall frißt. Vielleicht denkt die blasse, blonde Frau, die dort am Fenster steht, an den Geliebten, an das blaue Kleid, das zu Hause im Schrank hängt, an den Sonntag. Einer gaiven Woche Sehnen hängt an diesem freien Tag, der Freude und Liebe spenden soll. Und ihre Hände, die seil vielen Tagen den gleichen Griff zum Ueberdrusse leben, bereiten sich zu wundervollem Geben.. Armenviertel.— Tote Großstadtseitenstraßen, deren unbtseeste Melancholie nur hin und wieder durch eine Frau am Fenster belebt wird. Schrieb nicht der Schinock in der mondänen Zeitschrift von den ewig jungen Gesichtern der Frauen von l>«ute? Hier stftt«in« Prole« tanermutter an der Nähmaschine: quält sich, ein« schon aus vielen Flicken zusammengeseßte Hose wieder ganz zu bekommen. Hunger und Glend dörrten Ihre Brüste, gruben ttese Falt«n und Runzeln in das schmal«, abgezehrte Gesicht. Keuchender Husten verrät die kranke ltunge. Sie ist mit vierzig Jahren eine Greisin. Einziger Lichtblick ihres Lebens— die spielenden Kinder auf dem dunklen Hofe. Es ist Nacht geworden-— Eine schmale, schlechtgepslasterte Gosse. Häuser mit roten Laternen über den Türen. Animierknetpen.— Frauen liegen verschlafen in den Fenstern. Sie sind lebend« Köder für satte Bürg«, die ihre Lüsternheit in diese Winkel zieht. Sie schrecken aus. wenn der Tritt eines Passanten hallt. Dann steht, wie eingesroren, ein Lächeln in den Gesichtern dieser Mädchen und blutrote Lippen rufen:„Komm!" Ein Lächeln, das einer Grunass« gleicht.— Ein Ruf, der Anklage gegen die Gssellschast bedeutet.— Hinter Schmink« und Puder grinst Kummer und Krankheit, Siechtum und Tod. Arme Schiffbrüchig« des Lebens, die kein rettendes Ufer sehen. So sah ich Frauen am Fenster. Ewig junge Gesichter—? Nein! Die Not unssrer Tag« spiegelt sich w Ihren Zügen und macht sie herb. Weit davon entfernt, zu glücklichen Müttern zu reifen, als Mütter zu leben, sind si« eingespamü in die kapitalistisch« Wirtschaft. Erst der Sozialismus wird sie ihrer wahren Bestimmung entgegensühren. Di« Frau von heute ist nicht die mütterliche, sondern dl« schaffend« Frau. Frauen am Fenster— Mojaikbilder aus dem Kolossalgemälde: Kapitalismus.___ Dl« größten voflzvflevuagen. Italienischen Blättern zufolg«. empfängt der Papst tagtäglich die umjongreichste Post der Welt. Es komman täglich durchschnittlich rund 27 000 Briese und Zeitungen in den Vatikan. In der Zahl folgt hierauf der Präsident der Är- einigten Staaten von Amerika und an dritter Stelle der König von England. Aus Lassalles Geburtsstadt. Breslau iu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Das Haus, in dem Ferdinand Lassalle am IL April 1825 geboren wurde, ist«in schönes, zweistöckiges Bürgerhaus und steht auf dem Korlsplaß im Zentrum der alten Stadt. Im gegenüber liegt die Sparkasse,«in moderner roter Ziegelbau in fataler Gotik. Einige Schritte weiter, und man kommt in die dunklen schmutzigen Gassen, durch die im erbarmungslosen Licht des Tages verwelkte und hoffnungslos« Frauen streichen. In anderen Gassen hat sich der Kleinhandel und das Kleinhandwert eingenistet. Und so ist alles dicht beieinander: der Ruhm und die Schande, die Verschwendung und die Berechnung, die Unsterblichkeit und der schnell« Verfall. Straßenbahnen klingeln vorüber. Die alten Türm« gotischer Kirchen und die schönen Fassaden barocker Bürgerhäuser sind sichtbar. Di« Oder verströmt sich um di« Inseln, aus denen alte Kirchen aus- ragen. An dem Haus Karlsplotz Nr. 2 verkündet eine Tafel: Ferdinand Lassalle, Cnvecker der Zlrbeiterfloss«, wurde hier in diesem Haus« geboren. Dies« Tafel ist unscheinbar. Diel sichtbar« sind die Schilder der Neuzeit au diesom Haus«. Di« Gebrüder Wey! machen auf ihre Herren- und Arbeiters eiderfÄirik aufmerksam. Herr Elkan Weiß, der Besitzer, zeigt an Wäsche und Kurzwaren. Ei» Herr G u t t m» a u verkaust Zigarren, ein Kohlenhändler Kohl« und in der Wurstfabrik und Frühstllcksstube— in Breslau gehört fast zu jeder Sklächterei«in« Frühstücksstub«— in der Frühstücksstube des Hauses kann man warme Würstchen essen. Das alles macht melancholisch. Di« neu verputzte und rot angestrichene Fassade irritiert. Der Treppenausgang zeigt alte Holzstusen, über die der junge Lassalle noch gesprungen sein mag, als«r an der Breslauer Universität die Klingen feiner Beredsamkeit prüfte und kreuzte. Er war mit Wilhelm Wolfs, dem Freunde von Marx, befreundet. Es wird Zeit, daß sich die deutschen Arbeiter dieses Hauses annehmen und»eben dem Karl-Marxckzaus in Trier ein Ferdinand-Lassalle- Haus in Breslau errichten. Lassall« stürzt« nach kaum lOjähriger Laufbahn in da« Grab. Er wurde in Breslau beerdigt neben seinem Later, Heymann Lassalle, und seiner Mutter, Rosalie geb. Heizfeld. Ein« Tafel sagt an: Hier ruht, was sterblich war, von Ferdinand Lassalle, dem Denker und Kämpfer. Er wurde wie ein Verbrecher verscharrt. Die Breslauer Polizei hielt den Friedhof besetzt, um Demonstrationen der Arbeiter zu unterdrücken. Die alte Mutter Lassallss, einige Freunde, darunter Georg Herwegh, ein Polizeiinspektor und einige Schutzleute, da« waren die Zeugen am 14. September 1864, als man Lassalle begrub. DI« deutschen Arbeiter aber sangen damals: Zu Breslau«in Kirchhos, Ein Tot« im Grad, Dort schlummert her Ein«, D« Schwerter un» gab. Da«, was unsterblich Ist an Lossalle, die Idee dar modernen Arbeiterbewegung eroberte sich Breslau erst nach seinem Tode. Am{ 4. Mal 1868 wurde hier die erste sozialdemokratische Versammlung «inberufen. Rund 50 Jahre später stellten die Breslauer Arbeiter durch Paul Lobe den PröfAiemen de» Reichstag« der deutschen Republik. Die Gründer der Partei waren Zigarrenmacher. Schmied«. Cisondreher. Schneid«, Handschuhmacher, Klempner. Tisch!«. Die Bruderkämpfe zwischen den Lassalleanern und Cisenachern waren erbittert und erinnern, wenn man die alten Berichte liest, an die heutigen Kämpfe zwischen den Sozialisten und Kommunisten. Die Breslau« Polizei zeichnet« sich durch besondere Brutalität aus. Aber die Arbeit« marschierten. Der Umsturz 1318 machte die Wege ftei. 1868«ine von 17 Mitgliedern besuchte sozialdemokratische Per- sammlung: 1928 im Wahlkreis Breslau 366673 sozialdemokratische Stimmen! Das werktätige Volk erobert sich langsam Stadt und Land. Die Stadtkrone wird einmal das Volkvhaus sein und nicht, wie setzt noch, die Kirche, da» Polizeipräsidium, das Schloß oder die Wolkenkratzer großer Konzerne. Heut« ist Breslau eine Stadt, in der Mittelalt« und Neuzei!, Reichtum und Armut sich gegenüber stehen wie die Spitzen ge- schliffen« Dolch«. Reben Prachtbauten des Mittelalters laufen in ihrem Schatten die atten Gassen mit verwahrlosten Häusern, die nur von außen romantisch sind Dort wohnt da» Proletariat und das Lumpenproletariat und ihr einziger Reichtum, die vielen schmutzigen und blassen Kinder. Hi« und da«heben sich schon moderne Ge- schäftshäus« in jenen kühnen, berauschenden Linien, die eine neue Blüte d« Architektur anzeigen. Ei« sind«in« Wohltat gegen die verschnörkelten Lauten des kaiserlichen Deutschland«, da» sich hier im Hauptbahnhof«in neckisches Ritterschlöhchen errichtete, in dem die Dampfröss« wiehern. Breslau ist«ine beweglich« Stadt. Man findet viele polnische, tschechische und jüdisch« Namen(aus diesem Grunde wohl war«s viele Jahrzehnte long preußisch« als Potsdam), aber die Beweg- lichkeit ist oft nur Bewegung in den Fesseln. Die Industrie leidet au d« Abschnürung des natürsichen Marktes nach dem Osten, der Handel ist gelähmt, nachdem Posen und Oberschlesien verloren ge- gangen sind. Einen tiefen Einblick in die soziale Lage der Arbeiter gibt ein Bericht der Krankenkasse. Rund 166000 Lohnempfänger waren 1327 versichert. Mehr als 400 000 Krankheitsfälle wurden behandelt, üb« 1 Million Rezept« ausgeschrieben, die Bolksseuchen: Tuberkulose und Syphilis stiegen. 72000 der Versicherten waren erwttbsunfähig trank. Durch die neue Eingemeindung hat sich Breslau Raum ge- schaffen für die neuen Siedlungen, die einmal gebaut werden müssen. um die verwahrlost« Innenstadt zu entlasten. Don den setzt de- stehenden Siedlungen ist die in Aimpel wohl die schönste. Zimpel liegt jenseits der Od« und ist eine schön« Gartenstadt, die bald 10000 Menschen faßt und deren Stolz di« neue Friedrich-®,«»- Schule ist.«In Musterbeispiel sachlich« und schön« Architektur, ein Darbild für die neuen Gemeinschastsdauten, di« errichtet werden müssen. Di« letzten Wahlen brachten mit den Kommunisten und den Mietern ein« proletarische Stadtmehrheit. An der Einsicht der Neuen Dertretung wird es liegen, ob sich das Bild Breslaus in den nächsten Jahren grundlegend verändert. Die Vorbedingungen einer Neuord- nung d« Stadt sind in den Gewerkschaften, den Genossenschaften, den Sportvttbänden und kulturellen Vereinigungen gegeben. In den mittelalterlichen Klassenkämpfen stürmten 1418 einmal die Zünfte das Rathaus und man zeigt den Fremden heute noch die Axthieb- narben zum Sitzungssaal. Heute nimmt man die Axt, um di« Balken für das Richtfest neuer Siedlungen und Wohnhäuser zu behauen. Max Barth el. parfümerie der Tierwelt. Von M. A. v. Lütgendorff. In Südamerika lebt«in Marder, d» etwa so groß wie uns« Iltis ist. Er Ist«in hübsches Ti« mit glänzend schwarzem Fell, über das sich zwei leuchtend weiße Rückenstreifen hinziehen, und mit einem weichhaarigen, schwarzbuschigen Schwanz. Wer als Neu. lina so ein Tier zum erstenmal sieht und ihm zu Leib« gehen will, weil sich der zierliche Rauber etwa In den Hof geschlichen hat, v«> steht zunächst gar nicht, warum man ihn auf einmal mit Gewalt zurückreißt und ruft:„Um Gottes Willen, kommen Sie dem Tier nicht nahe, es fft ein Zorrinol" Läßt man sich ober nicht zurück- halten, so merkt man nur zu bald die Ursache des Schreckens. Wäh- reud o« Zorrino schnell davonhuscht, oerbreitet sich ein gräßlicher Genich. der wochenlang nicht verschwindet und besonders dann lange anhält, wenn das Tier in einen geschlossenen Raum ein- gednmgen mar. Hatte der Neuling gar das Pech, selbst von dem feinen Strahl getroffen zu werden, den da» geänqstigt« Ti« Ihm entgegenspritzte, so hat er«ine Lehre«mpsangen. di« er nie im Leben vergißt. Denn nun muß er sich vor den Menscken zurück- ziehen, sich waschen und imm« wieder waschen und jein« Kleider ausräuchern oder schwefeln, um wenipstsns den schlimmsten Geruch loszuwerden. Die Natur hat dem kleinen Zorrino in den Drüsen. die den Stinksast erzeugen, eine Waffe gegeben, die oft wirksamer als ein starkes Gebiß und kräftige Muskeln ist. Der Mensch flieht ihn, und ebenso gehen ihm di« meisten Tiere au» dem Weg: denn er kann seinen Saft auch noch aus einer Entfernung von mehreren Metern sicher ans Ziel spritzen. Vom südamerikanischen Stinttier erzählt man sich sogar, daß die Reisenden von dem Geruch aus dem Schlaf«wachen, wenn ein nächtlich wanderndes Stinktier, erschreckt von einem daherfausenden Cisenbahnzug. seinen Saft gegen die Waggons spritzt. Mit einer ähnlichen Waffe ist auch der nordamerikanssche Skunks versehen, dessen prächtiges Fellwerk früh« viel weniger ausgenützt werden konnte, weil es nur in den seltensten Fällen gelang, das Tier zu töten, ohne daß es sich durch Ausspritzen seines Stintsafte« zu wehren versucht hätte. War das aber einmal geschehen, so war der Pelz wertlos, weil der furchtbar« Geruch nicht wehr wegzubringen war. Heute tötet man den Skunks ge- wöhnlich elektrisch. Man lockt das Tier an ein« Futterstell«, die mit einer elektrischen Batterie verbunden ist: sobald der Skunks den Platz betritt, trifft ihn«in starker elektrischer Schlag, und ehe er Zeit hatte, seine Waffe zu gebrauchen, ist er getötet. E« gibt übrigens Kleintiere, den«, ähnliche Waffen ebenfalls zur Verfügung stehen: die Wanzen. Unvorstellbar, wie ein Tier von der Größe eines Marders riechen müßt«, hätte es Mengen von Riechstoffen zur Verfügung, die soviel größer wären, wie sein« Körpergröße die der kleineu Wanze übertrifft. Der Genich unserer Baum- und Beerenwanzen, den wohl jeder kennt, ist aber nach harmlos im Vergleich zu den Gerüchen, die eine im Malaiischen Archipel«nheimtsch, Blattwanze(Leptocorte» acut«) erzeugt, wenn sie pch in Gefahr glaubt und ihre Gtinkdrüsen öffnet. Eine einzige solche Wanze ist imstande, die Luft in einem Umkreis von mehrere» Quadratmetern gründlich zu verpesten, Und wer gerade in der Nähe weilt, ist zur schleunigen Fluckt gezwungen. Im Gegensatz zu vielen Tieren, die sich durch die Absonderung übelriechender Sekrete wirksam schützen, erzeugen zahlreiche andere Äer« wohlriechend« oder wenigsten» für ihre eigenen Artgenasien anziehende Stoff«: sie wollen nicht abschrecken, sondern anlocken. Geschlechtsdüfte nennt dte Wissenschaft solche Gerüche, weil sse ge- wöhnsich nur dann auftreten, wenn sich bei der Tierart die Daarunaslust einstellt, und weil sie dazu bestimmt sind, da» and«e Geschlecht aus die NSb« einer stärkeren oder besseren Halst« auf- merksom zu machen. Bei vielen Infekten erkennen sich die Arten und Geschlechter geradezu an ihren Geschtechtedüften. Bei den Schmetterlingen fand man die den Duft erzeugenden Organe zwischen den feinen, bunten Flügelschuppen angeordnet; damit die Düfte ungehindert ausströmen können, sind überall da, wo ein solches Organ sitzt, di« Schupven mit unzähligen feinen Oefsnunge.i durchlöchert. Duftdrüsen tn Gestalt dünnster Pinselchen sitzen auch an den Beinen oder am Hinterleib der Folter; ihre Lockkrast ist so groß, daß di« männlichen Tiere oft aus weit« Fern« ein Weibchen ouffuchen, dessen Duft sie spürten. Da d« Mensch viel schlechter entwickelte Riechorgane als die meisten Tiere besitzt, kann er viele tierische Geschleä�sdüfte überhaupt nicht wahrnehmen. Schmett«-- lingsdüfle aber lassen sich ojt erkennen, wenn man die Flügel zwischen den Fingern zerreibt, und auch der Lockgeruch jenes bunten Käsers, den man als Moschusbock bezeichnet. Ist recht deutlich zu riechen. Kurt Floericke sah sogar ostpreußische Fischer ihren Tabak mit den wohlriechenden Käfern„parfümieren". Weit schlimmer ist d« in Indien herrschende Brauch, Reisspeisen mit Zwei stark- riechenden Wanzen(A-Spongopue und Erthresina) zu würzen. Eine besonders wichsige Rolle spielen die Geschlechtsdüfte im Liebesleben d« höh« organisierten Tiere. Gewisse Schlangen und auch der Alligator strömen vor der Paarung Gerüche aus, die ihresgleichen reizen und anlocken. Vielleicht können auch manche Vögel Riechstoffe erzeugen— am häufigsten findet man di« Ge- ruchsanlackung ober bei den Säugetiere», besonders bei denen, die Moschurdüffe verbreiten: das asiatische Moschussi«, der amerikanische Bisam, cder Moschueochse sowie das südamerikanische Wasser- schwein, dessen Moschusdrüs« auf der Nase sitzt. Stark und sehr charakteristisch ist ferner der Bnmstaeruch de» Bibers, den eine in Drüsensäcken gebildete käseähnliche Masse, da» Bibergeil, ausströmt. Bon diesem Sekret setzt d« männlich« Biber aus seinen Wegen kleine Teilchen ab, damit das Weibchen der Spur bequem und sicher nachgehen kann. Die Dustsubstanz der Zibetkatze verhilft den Ein- geborenen Afrikas zu einem Miten Geschäft. Man hält die Katzen als Haustiere, badet sie von Zeit zu Zeit recht warm und„melkt" sie dann, indem man die vuiidrüsen ausdrückt. Das Sekret, dos zur Herstellung von Parfümerien oerwendet wird, ist sehr teucr. und daher kostet«ine zobm« Zibetkatze in ihrer Heimat genau soviel wie ein« milchgebende Kuh. Bei Ziegen, Schafen und Raubtieren treten zur Zeit der Paarung ebenfalls mancherlei auffallend« Vrunstgorüche aus— allerdings keine, die sich zu Parfüms eignen. wie der berüchtigt« Bockgeruch beweist. Lelm Hirsch liegen die sack- artigen Drüsen, die die Geruchstoffe erzeugen, ganz in der Nähe de« Augenwinkel», während man sie bei d« Gemse hinter dem Gehörn findet. Theater Lichtfpiele afw. Feutsches Theater Norden 12 310 Heute und morgen wegen Vorbereitung der Erstaufführung Artisten" geschlossen! Sonnabend, 9. Juni, abends 7, Chr Zum 1. Male: Artisten Regie Max Reinhardt Kammerspiele Norden 12310 8%, U., Ende nach 11 Zum 143. Mai Finden Sie, daß Constance sich richtig verhält? Die Komödie Bismarck 2414/751 81% Uhr Es liegt in der Luft Revue von Schiffer. Musik v. Spoliansky Berliner Theater Chariottenstr.90/ 91.Donn.178 8 U. Ende geg. 11 Gastspiel d. Deutschen Th. Der Prozen Mary Dugan Sarnowsky- ühner Th. Koniggrätz. St. Bergm. 2110 Täglich 7, Uhr Leinen aus Irland Komödienhaus Norden 6304, Tägi, Uhr Broadway Theater des westens Steinpl. 931 8 Uhr Heute Premiere Max Adalbert Was ist denn nur mit Baiduin?" Residenz- Theater Blumenstr. 8. Ab Sonnabend: Täglich 8 Uhr Am Rudesheimer Schloß steht eine Linde mit Loni. Py mont und Krafft- Lortzing! Donnerst, 7.6.28 Staats- Oper Unter d. Linden AB 32 Gute Butter wird jeht, nachdem der Weide gang des Milchviehes durch. geführt ist, reichlicher gewon nen. 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Juni 1928, beendete ein sanfter Tob das lange schwere Letben meines geliebten Mannes, unseres guten Baters und Schwiegervaters Karl Pritzkow im Alter van 74 Jahren. Sn tiefer Trauer Free. Bristow, geb. Menz, nebit Kinhet Berlin R 58, Schliemannftr. 2 Beerdigung am Sonnabenb, bem Mitternachtssonne Inferieren un 1928, un 15%, 1hr, non ber Eintritt 1 M. Kinder ant. 15 Jahren 0.50. bringt ERFOLG! Elite- Sänger Theater am Kottbusser Tor. Mpl 16077. Täglich 8 Uhr: ( Schwank) Wie immer erstklassig. Programm, a.aEin gerissener Schwiegerschn Ein kleines Geschenk"( Schwank) Volkspreise. Treff ● der Parteigeñossen und R- BKameraden Charlottenburgs im Eden- Café, Kaiser- FriedrichStraße 24== Täglich Konzert Rennen zu Grunewald Kapitän Kantabak Donnerstag, den 7. Juni nachmittags 3 Uhr die Qualitätsmarke 15 Pf. Kapitän- Kopenhagener Vik. In den meisten Geschäften erhäldich. Salle des Friedhofes St. Marien, Brenzlauer Allee 7, ans KONSUM GENOSSENSCHAFT BERLIN U. UMGEGEND E.G. M. B. H. 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Schippe Dies zeigen im Namen der trauernden Hinterbliebenen an Erich Feante als Sohn. Trauerfeier am Freitag, bem 8. Junt. abends 9% Uhr, im Krematorium Gerichtstraße. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei derEmäfcherung meiner lieben Frau, unserer guten Mutter, fagen wir hiermit allen Freunden und Genoffen, insbesondere den Genoffen Benze, Sista, fomie ber Gen. Runze unferen herzlichsten Dant Robert Bahn und Kinder. Am 2. Juni 1928 entschlief nach schwerem Leiden unser hochverehrter Chef, Mitinhaber der Firma Ferdinand Ashelm Komm.- Ges. Herr Richard Ashelm im 63. Lebensjahre. Der Verstorbene erfreute sich allgemeiner Beliebtheit innerhalb der Belegschaft. Sein Andenken wird in Ehren halten Das technische Personal der Firma Ferdinand Ashelm Komm.- Ges. Beinschäden aller Art, Salzfluß, Brandwunden und alte eiternde Wunden werden geheilt durch das beste Mittel Fußschadensalbe HERGA erstklassige Anerkennungen und Dankschreiben. 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Er. 265* 45. Jahrgang 2. Beilage des Vorwärts Oonnerstag. 7. Zum-192» Leistungen im Steinkohlenbergbau. Die llnierfuchung über die Einflüsse von Arbeiiszeii und Arbeitslohn. Der Unterausschuß der Wirtschoftsenquetc, der sich mit der Frage der Einwirkungen von Aenderunxen der Arbeits- zeit und d«» Arbeitslcchnez auf die Arbeitsleistung in den letzten Lohren zu befassen hat. legt seinen ersten Bericht vor, der die Unter- suchungen im Steinkohlenbergbau betrifft. Eine kurze Zusammen- fossung über die Untersuchung, ihr« Methoden und ihr Ergebnis wird begleitet von einem umfangreichen Materialbericht über die Arbeits- Verhältnisse im Steinkohlenbergbau in den Jahren 1012 bis 1926, der aus Grund der Kollektivarbeit des Unterausschusses von dem wissen- schostlichen Sekretär Dr. Otto Lipmann versaht ist. Das lleberragcn der iechnischen Veränderungen. Das Ergebnis einer anderthalbjährigen Arbeit, einer umfang- reichen Durcharbeitung von Statistiken und einer Fülle von Ver- nehmungen ist unleugbar mager. Denn dos Endurtcil lautet, daß die Zusammenhänge zwischen Deränderungen der Arbeitszeit und der Intensität der menschlichen Arbeit wohl bestehen, daß sie aber für eine Zeit allergrößter technischer und organisatorischer Wandlungen nicht exakt meß- bar seien, und daß ihr« Bedeutung für diese Zeit im Stein- tchlenbergbau gegenüber den Einwirkungen anderer Faktoren r e- l a t i o gering wären. Das Zurücktreten der Bedeutung des Arbeitszeitfaktors— immer auf den Menschen bezogen— liege aber nicht schlechthin an dem veränderten lBerhälinis zwischen dem Anteil der Technik und dem der menschlichen Arbeit an gemeinsamem Leistungserzebnis, vielmehr komme darin nur die schnelle Zunahme der technischen Intensität zum Zlusdruck, von der angenommen werden darf, daß sie dieses Tempo nicht auf die Dauer behalten kann. Man glaubt deshalb, daß in einer künftigen, relativ stabileren Periode auch die Frage der Beziehungen zwischen Arbeitszeit uird Arbeitsleistung neue Gestalt gewinnen könnten. Sehen wir nun von dem Arbeitsgebiet zukünftiger Enqueten ab, so bleibt in dem negativen Ergebnis der Untersuchung für die Nachkriegsjohre jedenfalls die eine Erkenntnis enthalten, daß in dieser Periode die Arbeitsleistung viel wesentlicher von anderen Faktoren, vor allen Dingen von der Entwicklung der Technik und der limftellung der Betriebsorgonisation abhängig gewesen ist als von den Berändcrungen der Arbeitszeit. In noch geringerem Maße als Einwirkungen der Arbeitszeit haben sich Einwirkungen von Lohn- Veränderungen auf die Arbeitsleistung als nießbar erwiesen. Die naive, aber trotzdem häufig geäußerte Auffassung, als ob von Arbeits- zeiloerlängcrungen oder Arbeitszeitverkürzungen allein oder auch nur entscheidend Leiftungserhöhungcn oder Leistungsoerminderungen der menschlichen Arbeitskräste abhängig wären, ist damit von einer berufenen Körperschaft abgelehnt worden, allerdings ohne daß sie ein« positive Erkenntnis der bestehenden Zusammenhänge ge- Winnen konnte. Der Umfang des Materialbandes, den der Ausschuß verössent- licht, scheint aus den ersten Blick in einem gewissen Widerspruch zu dem mageren Ergebnis dieses Teiles seiner Untersuchungen zu stehen. Mancher Leser, der sich in die schwierigen Einzelheiten der Methodik der Untersuchung, in das Gewirr der bergbaulichen Statistik mit ihren konstruierten„Vollarbeilen,", mit ihren vier verschie- denen Bezeichnungen der Fördern, enge, die all« vier Un- sicherheiten in sich bergen, und mit den Schwierigkeiten der Zeit- b«Messungen, hineingearbeitet hat, mag zum Schluß zu der Aussassunz gelangen:„Du sprichst vergebens viel, um zu vexjagen, der andere hört bei allem nur das Nein.- Aber trotzdem behält die Unter- suchung für die Ocssentlichkeii ihren Wert. Denn erstens kann man gerade aus den methodischen Darlezungsn ersehen, wie unmöglich es ist, aus allgemeinen Statistiken auf diesem Gebiet Schlußfolgerungen abzuleiten, wie sie oft genug in arbeiterfeindlicher Richtung gezogen worden sind, und man wird deshalb, mit nützlichem Miß- trauen gewappnet, auch in Zukunft Behauptungen gegenüber- stehen, die von Gegnern des sozialen Fortschritts der Arbeiterschast in ihrem Kampfe um die Arbeitszeitverkürzung entgegengehalten werden. Des weiteren aber enthält der aus- sührliche Materialband eine ganze Reihe von Nebenprodukten, die ja im Bergbau immer besonderen Wert haben. Sie bedeuten zwar wenig für die Beantwortung der Houplsragen, sind aber für die Entwicklung der Arbeits- und Lebensverhältnisse der Bergarbeiter in der Nachkriegszeit sehr lehrreich. Arbeiter und Maschine. Bei der Untersuchung der Frag», wie weit der Produktion?- efsekt von der Tätigkeit des Arbeiters und von den Maschinen ab- hängt, lernen wir in dem Bericht drei Arten von Maschinen kennen, deren Einführung in den letzten Jahren die Bergbautechnik umge- wälzt hat, und deren Wirkung auf die Arbeit des Bergmannes eine ganz verschiedene war. Die erst« Kategorie sind die Bohr- und Abbauhammer, die der Bericht lediglich als verbesserte Landwerkzeuge bezeichnet. Durch ihre Einführung ist weder die fachmännisch« Ausbildung des Kohlenhauers entbehrlich geworden, noch ist der persönliche Einfluß des Hauers auf den Produktionsefsett ver- l c- r c n gegangen oder geringer geworden. Obwohl der Nutzeffekt im ganzen durch die Einführung dieser mechanischen Werkzeuge ge- steigert worden ist, hängt sein Grad wie beim reinen Handbetrieb von der Geschicklichkeit und vom Arbeitstempo des Hauers A Di« zweit« Kategorie stellt die Schrämmaschine dar. Sie ist nicht mehr verbesserte, Handwerkzeug, sondern ein« a u t o- matisch arbeitend« Maschine, deren Leistungseffckt aber doch noch stark von der Geschicklichkeit der Maschinen- bedienung abhängt. Die dritte Kategorie«Mich repräsentiert die Schütlel- rutsche, die ein Transportmittel im Bergbau ist, und deren besonder« Bedeutung darin liegt, daß sie entscheidend aus die B e- triebsorganisation zurückwirkt. Die Einführung der Schüttelrutsche hatte«ine Beiriebsgestaltung zur Folge, die der ganzen Belegschaft je einer Betriebsabteilung eine Pensum- arbeit auferlegte. Obwohl also an sich der einzelne Arbeiter am einzelnen Arbeitspunkt auch nach Einführung des neuen Transport- mittels in der Lage wäre, mehr oder weniger zu leisten, wird ihm dies unmöglich gemacht, indem die Betriebsorganisaiion ihm ein festes Pensum vorschreibt. Der einzelne kann keinen Einfluß mehr aus den Praduklionsessekt des Betriebes ausüben, aber dies bedeutet nicht, daß nun die Intensität der beteiligten menschlichen Arbeitstraft Überhaupt unveränderlich geworden wäre, sondern nur, daß sie jetzt kollektiv zum Ausdruck kommc und im einzelnen Fall« stets ein« besondere Maßnahme der Betriebsleitung«rfordert, wie z. B. Acnderung der Belegschaft zur Erreichung eines bc- stimmten Arbeitspensums. Diese Beispiele sind typisch für d!« technische Entwicklung in der modernen Industrie überhaupt. Sie zeigen aus der einen Seile, wie verschieden die Einwirkung technischer Neuerunzen aus den An beiter ist, und sie zeigen im Falle der Schüttelrutsche, wie durch das Ineinandergreifen neuer Technik mit neuer Betriebsorga- nisation die Entwicklung von der individuellen zur kollektiven Arbeits- gcstaltung ständig fortschreitet. In das Pensum der ganzen Schicht wird der einzeln« Arbeiter zwangsläufig eingeordnet ohne die Möglichkeit persönlicher Leistungeänderung.„Würde ein einzelner Hauer/ so heißt es in dem Bericht sehr anschaulich,„ohne Rücksicht aus das Pensum der Schicht sein eigenes Pensum ver- ändern, so würde der Kohlenstoß in ungleichmäßiger Breite abgebaut werden: dies aber würde weder von der Belegschaft noch von der Beiriebsaussicht geduldet«erden/ Das bedeutet, daß die Bestim- mung der Leistung mehr und mehr zu einem kollektiven Akt wird, daß die Arbeit nicht nur als Teil des Gcfamiunternehmens betrachtet, sondern auch am einzelnen Betriebspunkt mehr und mehr von der Einzelarbeit sich zur Gemeinschaftsarbeit ent- wickelt. Heller räume und Ställe als Wohnungen. Ein besonderes Kapitel der Untersuchung behad«lt das Elend der Lebensverhältnisse dieser schwerschofscnden Menschen. Aus den Angaben über die trostlosen Wohnverhältnisse, die hier die Untersuchung bei den einzelnen Werken zutage gefördert hat, seien ein paar Beispiele herausgegriffen: „Eine große Anzahl der Werkswohnungen war nicht nur von je einer Familie, sondern von mehreren Familien bc- wohnt, indem zum Teil die verheirateten Kinder bei den Eltern des Mannes oder der Frau wohnen blieben oder ander: After- Mieter ausgenommen wurden. Die Belegung der Werkswohnungen darf durch- gängig als zu eng angesehen werden. Di« zu enge Belegung der Wohnungen brachte es nicht nur mit sich, daß zu viele Personen aus ein Zimmer entfielen, und daß z. B. der aus der Nachtschicht heimkommend« Arbeiter in demselben Zinmier schlafen mußte, in dem auch gekocht und gewaschen wurde, sondern auch, daß zu viele Personen sich in ein Bett teilen mußten. Es bedarf keiner weiteren Aus- führungen darüber, daß solche Zustünde nicht nur die Sittlichkeit gefährdeten, sondern auch für den Gesundheitszustand, die Arbeits- tust und Arbciisfälzigkeit schädlich waren. Bei den obersck�csischen Gruben hatten sich die Wohnungsoer- hölinisse insbesondere wogen des Zustroms von Flüchtlingen aus Ostoberschlesien verschlechtert, und auch Kellerräume und Ställe wurden als Wohnungen verwendet. Ost lebten zwei bis drei Familien in einem Zimmer oder drei bis vier Familien in einer aus einem Zimmer und einer Küche bestehenden Wohnung." Daß diese Ilobelständc hier einmal vor der Ocfienilichkeit gleichsam offiziell ausgebreitet werden, wird hoffentlich einen neuen An- trieb dazu geben, daß die Ucberwindung desWohnungs- «lends großer Teile der deutschen Arbeiterschaft als die wichtigste soziale Ausgabe der Gegenwart betrachtet wird.__ F- N. Julius pintsch S Prozent Dividende. Hochbetrieb in sämtlichen Werken. Die Julius Pintsch AG. in Berlin hat es schon immer verstanden, ihre Geichästsabschlüsse so undurchsichtig wie möglich zu halten und ist von diesem„bewährten" Dersohren auch jetzt nicht abgewichen. So jlnden sich in dem Abschluß sür 1927 unter den Un- kosten und Steuern auch die Tantiemen sür den Aufsichtsrat, die sicher nicht niedrig sind, femer sind Grundstücke, Gebäude und sämtliche Werksanlagen mit den darauf vorgenommenen Abschrei- bungcn In einem einzigen Posten zusammengefaßi, so daß über den Ausbau der Werke, Maschinenbeschafsiing usw. kein klares Bild zu gewinnen ist. Das eine aber geht aus dem Abschluß für 1L27 deutlich genug hervor, daß Julius Pintsch ganz gewaltig verdient hat. Die 1925 gezahlt- Dividend« von 4 Proz., die im vergangenen Jahre auf 5 Proz. herausgesetzt wurde, springt in diesem Jahr« aus acht Prozent. Dabei ist der Reingewinn von 755 900 M.. der sich gegen 1923 mehr als verdoppelt hat, noch künstlich niedrig geholten worden, da sür Zlbschreibungen aus die Werksanlagen, für die in den letzten beiden Jahren je 500000 M. aufgewendet wurde», diesmal 1,7 Millionen Mark, also weit mehr als das Drei- fach«, vom Gewinn abgesetzt wurde. Soweit sich bei der undurchsichtigen Bilanz übersehen läßt, hat die Gesellschaft im Lause des letzten Jahres annähernd 2 Millionen neu in die Betriebe gesteckt und diese hohen Beträge aus lausen- den Gewinnen bezahlen können. Trotz diescr Ausgaden sind die flüssigen Mittel der Gesellschaft aber noch bedeutend g e- wachsen, da die im Vorjahr als„in Arbeit befindliche Austräge", die 6,5 Millionen Mark betrugen, sich durch Ablieferung inzwischen in flüssige Mittel verwandelt hab«n, so daß die Forderungen sich noch um mehr als 1,5 auf 14,8 Millionen Mark erhöht haben. Auch die lausenden Verpflichtungen sind gestiegen, betragen aber noch nicht die Hülste der Forderungen. Der Ankauf der B a m a g- B« t r i e b e in Berlin-Moabit im Dezember vorigen Jahres ist in diesem Abschluß überhaupt noch nicht berücksichtigt unk» wird in dem kärglichen Geschäftsbericht über- Haupt nicht erwähnt. Auch über den Stand der Belegschaften wird kein Wort verloren, lieber die Tätigkeit der Betriebe wird mir ausgeführt, daß die Anlagen teilweij« mit mehr als 89 Proz. ihrer Leistungsfähigkeit in Anspruch genommen wurden und daß die Abteilung Steinkohlengas den größte» Anteil an der bedeutenden Steigerung des Umsatzes hatte. Aber auch die Glühlampen- und elektrischen Abteilunzen sowie die Lust- sahrtbefeuerung und Seebeleuchtung haben sich gut entwickelt. Seit dem April dieses Jahres hat der Auftragseingang merklich nach- gelassen, so daß die Marktlage zurzeit ziemlich unsicher ist. Liefersperre wegen Preissenkung. Oer Machtkihel der Syndikate. Berliner Kohlenhändler schreiben uns: „Das Reichsfinanzministerium kauft in jedem Jahr sür eine Reihe von Reichs- und preußischen Staatsbehörden die Brenn- Materialien ein und ist natürlich auf Grund der Sparverordnung bemüht, billigst einzukaufen. Dieses hat auch die Behörde in diesem Jahr getan. Nun kommt aber die Koks-Vereinigung Berlin 1925 G. m. b. H., Berlin, Wichmannstr. 19— Geschäftsführer Berg- affesfor Rasch— und leitet gegen diejenigen Kohlenplatzsirmen dös schiedsgerichtliche Verfahren ein, die die vorgeschriebenen Preise der Kokskonvcntion bei dem Behördengeschüft nicht beachtet haben: sie haben diese Richtpreise nicht befolgt, weil sie billiger sein konnten, als dies die Herren der Konvention wünschten. Da die Produzenten mit der Kokskonvcniion Hand in Hand gehen, so erfolgt jetzt neben dem schiedsgerichtlichen Verfahren eine versteckt» Licfcrungssperre gegen di« Kohlenhändler, die äußerst kalkuliert haben im Interesse der Allgemeinhest. Besonders versucht die Berliner Nicderlosinng der Westfalen(Syndikatsver- trctung) den Herrenstandpunkt einzunehmen. Hiergegen hat sich der Handel schon viel gewehrt, aber die Produktion in Verbindung mit der hcmmnisreicheii und stark verteuernden Kokskonvention haben das Heft noch immer in der Hand und knebeln, wo es nur geht. Verschiedentlich hat ja wohl der zuständige Referent des Reichs- wirischastsmiinsteriums sehr stark Stellung genommen gegen die Ueberschrcitung der Befugnisse der Kokskonvention— zuletzt wieder wegen einer Licserungsspcrre gegen einen Eroßlichterselder.fiändler — aber das alles reicht nicht aus, um dem Unfug der Kon- v e n t i o n in vielen Dingen energisch zu steuern. Die Oesscntlich- keit muß verlangen, daß die Kohle so abgegeben wird, wie dies bei reeller Geschäftsführung möglich ist, nicht aber, daß die Konvention die Preise zwecks Derteuerung vorschreibt." Alannesmann macht mies. Der Mannesmann-Röhrenkonzern hat zwar seinen Atkionärcii die hohe Dividende von 8 Pröz. zahlen können, aber sein Generaldirektor B ü r w e s fühlte sich trotzdem aus der Generaloersaniniluiig bemüßigt, die Lage der Schwer- Industrie schwarz in schwarz zu malen. Er mußte zwar zugeben, daß die Hauptbetriebe des Kanzerns, die Röhren- werke, nach einjähriger siarksier Eisentonjunktur. heute noch besser denn je zu tun haben und daß die B e r( a n d z i ss e r n um 13 Proz. über den Abjatznicngen des Vorjahres liege», dach drückt ihn der Tckuch an einer anderen St-lie. Mit dem Hochmut des schtveriiidustriclleii Generaldirektors verwahrte er sich dagegen, daß parteipolitische Gesichtspunkte in den Verkehr mit der Industrie hineingetragen würden. Der Kampf der Bergarbeiter, deren Lohnerhöhung nach Herrn B ü r w e s einer verhängnisvollen Dcrscharsung der Lage im Ruhrbergbau gesührt hat, ist sür den Leiter des Mannesmann-Konzerns also„Partelpoliiik", die der „Wirtschast" die Möglichkeit nehme, die ihr zukamniende» Funktionen auszuüben. Zur Kohlensrage erklärte der Redner, daß die Mai- Uinlage des Syndikats auf über 2 M. gegen 1,38 M. je Tonne er- höht wurde und daß der Preiskampf im bestrittenen Gebiete in unoermindertcr Stärke anhalte. Wenn man an eine Senkung der Syndikatsumlage herangehen wolle, so würde der Export um 1 bis IL Millionen Tonnen je Monat verringert werden, lieber die Anbahnung einer Berständigung zwischen dem deutschen und britischen Bergbau, die der unsinnigen Verschleuderung der Kahle endlich«in Ende machen würde, wußte Herr Bürwes dagegen Nichts zu sagen. 180 Millionen Verlust im britischen Bergbau. Noch einer Be- rechnung der„Times" betrug im ersten Quartal 1928 der Verlust der englischen Kohlenproduktion rund 75 Ps. je Tonne, während in den letzten neun Monaten von 1927 sogar 1 M. Verlust je Tonne entstanden sei. Trotzdem bedeute der jetzige Bcrlust immer noch, daß «in einziges Bctriebsjahr den britischen Bergbau einen Verlust von 189 Mill. Mark bringe. Es müßte daher nockz mehr getan werden, alz mit den bisherigen Fusionen geschehen sei, um die Acro der Ver- luste zu überwinden. MAiZEHA für- u/vd(Sommer Rhabarber-Flammeri(6 Personen). <5m» 72 Stangen Mbabarbeik werden di« Vlattstiel« obaezvaen! und in recht feine Shciben geschnitten, mit I Liter Wasser. »>/, Pfund Zucker, der Schale einer Zitron» und mit Zimt verkocht; man nimmt die brtd« letzte»» dann wieder bera� und «bt unter die kochende Masse 12» Gramm in Wasser ausgelöste« �Maizena", läßt ordentlich durchkoche» und gibt die Mass« w «ia» mit»altem Wasser ausgespülte Fora».. Der Flammer» wird Ctt«wer kalten Vaolllesauce(ümert, StacheldeergrLtze(6 Personen). Z Pfd. Stacheldeeren, l Zitrone, t Pfd. Zucker, 169 Gramm „Maizena". Z Pfund un>«ife Stachelbeeren gibt man nach dem Waschen in l Liter kalte« Wasser, etwa« Zitionenschal« und> Pfund Zucker und lägt diese« x'* Stund« kochen. Nun streicht man da« Ganz« durch(in Sied oder eine» Fruchtbeulel. quirlt 169 Gramm„Maizena" in Liter Wasser glatt, gibt diese« unter die Mass« und beendet wie Hamburger rot« Gürtz» Flammeri Mit Kirschen(6 Ptrsonen). 2 Liter sehr reife Sauerkirschen werden ohne sonstig« Zukaken so- lange gekocht, bi« man die Sterne herauslösen kann, dann passiert man durch ei» Kmarsieb, gibt>/» Pfund Zucker, da« Abgeriebene einer sauberen Zitrone, l Nelke und