BERLIN Sonnabend, 16. Zuni 1928 Erscheint täglich außerSonntags. Zugleich Abendausgabe des..Vorwärts". Beiugsxrcis beide Ausgaben 85 Pf. pro Woche, 3,60M. pro Monat. Redaktion und Expedition: Berlin SW 68,!indcnstr. 3 yM)tU>tU46 10 Pf. Nr. 282 B 140 45. Jahrgang. Anietgenprels: Die einspaltige Ronpareillejeil« «o Pf.. Reklamejeile 5 M. Ermäßigungen nach Tarif. Postscheckkonto: Vorwürts-Verlag G. m. b. H.. Berlin Nr. 3753«. Fernsprecher: Dönhoff 292 bis 297 Das Schicksal der kleinen Marie Verleumdungen im Kampf um die Eliernbeiraiswahlen. Vir stehen vor einer außerordenklich wichtigen Entscheidung: morgen find in Berlin die Wahlen zu den Elternbeiräten. Leider hoben noch manche Sreise auch aus den arbeitenden Klassen für die Vorgänge, die mit Schule und Erziehung zusammenhängen, nur recht geringes Znterefie. Anders die sogenannten„Christlich-Unpolitischen". Sie ent- falten eine außerordentliche Rührigkeit, sie haben besondere >- Organisationen von Elternbünden geschaffen, um bei den morgigen Wahlen zu den Elternbeiräten die nach vorwärts drängenden Volksschichten zurückzuhalten. Zu diesem Zweck wird eine Wahlagitation betrieben, für die jedes, auch dos schlechteste Mittel recht ist. Da man mit sachlichen Gründen die kulturelle Entwicklung im Schulwesen nicht aufholten kann, so bedient man sich der häßlichsten Sompfessorm. Selbst vor Verleumdungen und Verdächtigungen scheuen die„Christlich-Unpolitischen" nicht zurück. Im Mittel- punkt dieser Angriffe stehen naturgemäß die weltlichen Schulen. Auf sie konzentrieren sich vor ollem die verlogenen Angrisse der..Christlich-llnpolitischeu" Partei. Wie es im einzelnen gemacht wird, dafür ein geradezu er- schütternde» Beispiel:, In«mein letzten Flugblatt der christlich-unpolitischen Eltern- bewegung wird unter allen anderen Verlogenheiten auch auf sittliche Versehlungen an einer welllichen Schule hingewiesen, die in ihrem Umfang das Unglaublichste und im deutschen Schulleben überhaupt noch nich: Dagewesene darstellen sollen. Man weiß zu gut. daß die Wahlspetulation auf sexueller Basis immer zum Erfolg führt. Man denke nur an die verlogene Nacktkuiturkampagne bei früheren Wahl- entfcheidungen. Welche wahren Tatfachen liegen nun der in aller Oeffentlichkeit verbreiteten heuchlerischen Berdächtigung wirklich zugrunde? Die angegriffene weltliche Schule ist im April 1927 unter be- fonders schwierigen Umständen ins-Leben gerufen worden. Ihr anfänglich abgestecktes bescheidenes Ausmaß ist durch den während Uebung, solche Dinge zu vertuschen. Eine eingehende Untersuchung Kinderscharen überflutet worden. Die Schuld der chrisilich-bürgerlichen Gesellschast. So kam auch die elfjährige Marie zur weltlichen Schule, mit einer Vorbelastung an sittlicher Verkommenheit, die sich natürlich erst nachher herausstellte, deren Vorhandensein aber gerade der noch kurz vordem besuchten„christlich-unpolitischen" Schule zur Last ge- legt werden könnte, im wesentlichen aber von jedem Kenner der tieferen Zusammenhänge letzten Endes nur auf das Schuldkonto der christlich-bürgerlichen Gesellschaft gesetzt werden kann. Marie benutzte in der neuen Schul« die zufällige Abwesenheit eines Lehrers, um sich den in der Klasse mitanwesenden Jungen ihres Alters in unzweideutiger Weife zum sexuellen Spiel anzubieten. Der Vorgang ist selbstverständlich sofort der Schulauffichtsbehörde gemeldet worden— sicherlich wie jeder Er- fahrene weiß— entgegen der anderswo zu beobachtenden klugen eines halben Jahres andauernden Zustrom unerwarteter wurde sofort eingeleitet, sie Hot auch bald resttosc Aufklärung ge- bracht. Die Familie der Neinen Marie. Die damit im Zusammenhang stehenden fürforgerischen Er- mittlungen in der Familie der kleinen Marie' haben ein kaum glaubliches Bild sozialen Elends und damit im Zusammen- hang stehender sittlicher 5)emmungslosigkeit ergeben. Marie ist das Kind einer kinderreichsten Familie. Der Bater hat sich von der Mutter scheiden lassen und wohnt mit den ihm über- lassenen Jungen noch im gleichen Hause, in einer Kleinstwohnung. Mutter hat sich mit ihrem langjährigen Freund, der wahrscheinlich auch Anlaß zum Auseinanderfoll der Familie gegeben hat, wieder verheiratet. Sie wohnt mit ihm und den ihr überlassenen Mädchen in der alten Wohnung. inSlubeundkuche. Ja dieser engsten Proletarierbehausung sind vorhanden außer Maries Mutter und Stiefvater eine erwachsene Tochter mit ihrem unehelichen Kinde, dazu in der Küche ein erwachsener Bruder mit seiner Braut, also derwachsene Menschen von oft unbeherrschter Iriebkraftigkeit. Und die elfjährige Marie mitten dazwischen, alles mit- erlebend, allem nachspürend. W: tFortsetzung aus der 2. Lettes Fortschritt in der Schule, In den Berliner Schulen wird neuerdings praktischer Unterricht für Großstadikinder erteilt. Unser Bild zeigt das Studium der Nastragsäulen und der Einrichtung des Verkehrsturms. Nobile in neuer Gefahr. Cr sürchtei immer weiter abgetrieben zu werden. Die Rettungsaktion für Nobile und die Jtalia-Mann- schuft sind jetzt im vollen Gange. Mehrere Flugzeuge sind suchend im Polargebiet. Aber eine neue Gefahr droht der Expedition, wie aus Kingsbay gemeldet wird, b r i ch t d a s Eis im Nordosten Spitzbergens auf. Nobiles letzter Funkspruch erklärt, daß er und seine Begleiter fürchten Sieben Streckenarbeiter getötet Ein entsetzliches Unglück, wie es in der Geschichte der Unfälle bei Eiscnbahnstreckenarbeiten selten ist. hat sich heule morgen in polnisch-Oberschleslen zugetrogen. Roch einer Droh- tung aus Kattowitz fuhr aus der Eisenbahnstrecke zwischen B e d z i n und D a b r o w a ein Cilgülerzug mit voller Geschwindig. keit in eine �ahnarbeiterkolonne hinein, die einem aus entgegengesetzter Richtung kommenden Zuge aueweichen wollte. Sechs Arbeiter wurden aus der Stelle getötet. Ein weiterer Arbeiter, der die Geistesgegenwart besaß, sich neben das Geleis zu werfen, wurde so schwer verletzt, daß er auf dem Transport zum Krankenhaus verstarb. Die Untersuchung ergab, daß den Lokomotivführer keine Schuld trifst, da die' Strecke an der Unglücksstelle sehr un- ü b e r s i ch t l i ch ist. Die Schuld dürste den Kolonnenführer treffen, der allem Anschein nach nicht die nötigen V o r s i ch t s- maßnah m-en getrosfen hatte. Bedzin liegt etwa 40 Kilometer östlich von Beuthen jenseits der deutschen Grenze. Das Unglück erinnert an das furchtbar« Gefcheh- nis vom Januar 1917, als 1 9 S t r e ck e n a r b e i t e r i n n e n bei Wusterhausen vom in voller Fahrt dahinsausekiden Balkon- expreß im morgendlichen Winternebel Übersahren und ge- tötet wurden. müßten, durch das Aufgehen des Eises vollkommen vom Lande abgeschnitten zu werden. Seine Gruppe werde durch den Sturm immer weiter nach Osten getrieben. Ein finnländisches Hilfsflugzeug ist Freitag abend aus Helfingfors nach Spitzbergen abgegangen. Major Maddalena hat Vadsö erreicht und ist am Freilag gegen Mitternacht wieder in Richtung auf Spitzbergen gestartet. Er hat mit ungünstiger Witterung zu kämpfen. Rom, 16. Juni. Die Eitta di Milano meldet, daß die Hobby und die Braganza, die gemcinschastlich mit Nordostwind, der die Eis- schollen ein wenig auseinandertreibt, dahinfahrcn, sich in der Nähe vom Nordkap befinden. Die norwegischen Flugzeuge versuchten von der Hobby aus ei»en Flug, wurde» aber durch den dichten Nebel zur Rückkehr gezwungen. In Kingsbay herrscht sehr schönes Wetter. Das Flugboot Dornier-Wal des Majors P e n s o ist von Ouchy kommend auf der Fahrt nach Spitzbergen am Freitag abend 6 Uhr in Amsterdam gelandet und wird heute früh weiterfliegen. Fliegertommandant Maddalena hat infolge des schlechten Wetters über der Barandsee noch nicht von Vadsö nach Spitzbergen weiter- fliegen können. Der Eisbrecher„M a l i g h i n" hat sich in Alexon- drorvsk mit Kohlen versorgt und die Fahrt nach Norden fortgesetzt. An Bord befindet sich der russische Flieger Babujchin mit einein Flugzeug, das auch auf Schnee und Eis niedergehen kann. Der „Malighin" fährt direkt nach Kap Leigh-Smith weiter, während der Eisbrecher„Krassin" zuerst in der Kingsbay anlegen und dann das Nordostland von Norden umschiffen wird. Die beiden Schiffe hoffen sich beim Kap Leigh-Smith zu treffen. Die russischen Flieger wollen den Schisssbrllchigen große, schwarz« Tücher zuwerfen, damit sie ihnen damit einen Landungsplatz auf dem Eise bezeichnen können. Schicksal der kleinen Marie. (Fortsetzung von der 1. Seite.) Sie antwortete bei ihrer Anhörung mit einer nicht mißzuver» stehenden Bewußtheit auf die' Frage nach den Schlafgelegenheiten: „Ja, ober zwischen Vaters Bett und unserem, wo ich mit meiner großen Schwester schlafe, ist noch ein Zwischenraum." Marie ging auch gern, wie sie ihren Freundinnen erzählte, des Abends ins Kino und immer in Begleitung erwachsener Männer, denen sie ihre Be- gleitung antrug und die sich dann, wie sie sagte, im verdunkelten Raum mit ihr geschlechtlich beschäftigten. Marie kannte und er- zählte auch ihren Freundinnen in aufdringlichster Weise gemeinste und stets sinnlich betonte Witze, die sie natürlich im Kreise der eigenen Familie und aus ihrem sonstigen unsittlichen Verkehr kennengelernt hat. Mari« bekam von der eigenen Mutter— wie das ebenfalls den Freundinnen gegenüber geäußert wurde— gelegentlich ganz unbeherrscht, zu hören:„Du wirst ja jetzt so dick, du gibst dich sicherlich schon mit Kerlen ab." Sin Erziehungsprodukt der kapitalistischen Gesellfchast. Das ist Marie, die elfjährige— ein Erziehungsprodukt erschütterndster sozialer Schmachzustände und einer bedenkenlos nur auf Ausbeutung eingestellten kapitalistischen Gesellschaft— ein Menschenkind, dessen sittliche Vorbelastung einzig und allein nur diese Gesellschaft und ihre„christlich-unpolitischen" Befürworter und Helfer zu verantworten haben. Daß eine so erschütternde und, sozial gesehen, einfache Erscheinung mit allen Mitteln verlogener Propaganda zu einer Waffe gegen schulfortfchriltliche Bestrebungen in der Oeffentlich- keit umgemünzt werden kann, ist ein Zeichen dafür, daß diese in ihrer Existenz be- drohte Gesellschaft es nicht dabei bewenden läßt, verständnislos und unbekümmert den Dingen gegenüberzustehen, daß sie sich vielmehr bewußt und dreist darauf legt, solche klaren Fälle verleumderisch auszunutzen. Das ist der Gipfel der Unwahrhaftigkeit und Heuchelei. Im Fall der kleinen Marie hat nur immer die alte Gesellschaft, die alte Schule gesündigt. Man verbirgt nun die Schuld hinter einer großen, schmutzigen Lüge, weltliche Schule aber, Schulforlschritt überhaupt und im besonderen die Bestrebungen der tifle„Schaulaufbau", die sich allen Freunden der Schuljugend am morgigen Tage zur Wohl stellt, hoben mit tiefe:» liesbedouerlichcn Vorgang nicht das Leiseste gemein. Sozialdemokratische Korderungen. Bei den Verhandlungen über die Regierungsbildung. lieber Forderungen, die bei den Verhandlungen über die neue Regierung von den Sozialdemokraten gestellt werden, glaubt der »Tag" folgendes berichten zu können: Die Sozialdemokratie fordert die Ratifizierunq des 1. Washingtoner Abkommens ohne Bedingungen, die von j fast allen übrigen Ländern gestellt sind. Di« Sozialdemokratie fordert weiter eine Bereinheitlihung des Arbeiter- rehts mit starker Tendenz nach den sozialistischen Prinzipien hin: sie fordert eine Zusammenlegung der Angestellten- Versicherung mri der Invalidenversicherung und den Ztnapp- schastskassen, sie erhebt radikale steuerpolitische For- deru n g en und wünscht weiter«in P« n s i o n s k ü r z u n g s- Gesetz. Dazu kommen die Schwierigkeiten in der Reichs. wchrfrage. Da die Verhandlungen vertraulich geführt werden, beruht alles, was- über ihre Einzelheiten berichtet wird, auf Jndiskrrtion. Wir können uns an dem Wettlauf der Indiskretionen, der in der bürgerlichen Presse entstanden ist, nicht beteiligen und können das Bedürfnis von Lesern, die durchaus etwas über die Berhandlungen lesrn wollen, sei es nun richtig oder falsch, nicht befriedigen. Wir müssen es also dahingestellt sein lassen, ob die Angaben des „Tag" stimmen oder nicht. Selbstvwständlich aber ist, daß sich die Sozialdemokratie in den Verhandlungei nicht darauf beschränkt, die Wünsch« der anderen Parteien entgegenzunehmen, sondern daß sie auch ihre eigenen geltend macht. Man konnte sich die Regierungsbildung so denken, daß möglichst wenig geredet und möglichst rasch gehandelt wurde. Die Parteien haben schon' lange genug teils miteinander, tetts gegeneinander gearbeitet, daß jede von der anderen wissen kann, was sie will. Die Entscheidung, ob man jetzt miteinander eine Regierung bilden kann oder nicht, konnte nach unserer Meinung rascher getroffen werden als es nun der Fall ist. Darum hat die Sozialdemokratie von sich aus wenig Wert auf Umfangreich« Verhandlungen gelegt und darum war sie bereit, auf eine ausführliche Besprechung ihrer Forderung«',, di« doch die anderen Parteien längst kennen, zu verzichten. Nahd:m aber auf Wunsch anderer Parteien ein anderer Weg betreten worden ist, ist es nur selbstverständlich, daß auch die Sozialdemokraten in den Verhandlungen ihre Wünsche gellend machen. Die Kritik, di« von einzeln?» Parteiblättern an dem Verhalten der sozialdemokratischen Unterhändler geübt wird, weil sie angeblich das Fordern allein den anderen überlassen haben, beruht auf einer sachlich unzutresfenden Annahme. Die Sozialdemokratie soll alles haben. Die christlichen Gewerkfchasten möchten ihnen das Arbeitsministerium aufbürden. Köln, 16. Juni. Das Bezirkskartell der Christlichen Gewerkschaften Köln teilt mit:„Bekanntlich Hot der mit der Neubildung der Reichsregierung beauftragte Führer der Sozialdemokratischen Pattei. Müllcr-Franken, an Herrn Dr. Brauns die Bitte um Uebernahme des Reichsarbeits- Ministeriums gerichtet. Diese Tatsache mag für Herrn Dr. Brauns ehrenvoll und schmeichelhaft sein, bedeutet aber faktisch für di« Sozialdemokratie glatte Aufgabe ihrer bisherigen A g i t a t i o n s- Methoden gegen Dr. Brauns und den Versuch, sich an der Ler- antworlung zur Leitung des sicherlich unpopulärsten Ministeriums vorbeizudrücken. Die Ehriftlick)«» Gewerkschaften Köln sind nicht willens, ohne Widerspruch diese Absicht zur Tat werden zu lassen. Das Bezirkskortell der Christlichen Gewerkschaften in Köln hat beispielsweise am heutigen Vormittag folgendes Telegramm an den Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundrs, Herrn Abge- ordneten Dr. Etegerwald- Berlin, der ja mitten in den Ver- Handlungen der Regierungsbildung steht, gerichtet:„Nach dem von den Sozialdemokraten besonders gegen Dr. Brauns geführten ge- häsfigen Wahlkampf und sonstigen Angrissen in der Berwaltüng gegen Dr. Brauns und die Christlichen Gewerkschaften bitten Kölns ch?istlich.e Gewerkschaften, dos Arbeitsministerium den Sozial- demokroten zur vollen Verantwortung zu überlassen." » Der Eiser, mit den die anderen Parteien sich darum bemühen, der Sozialdemokratie die Verantwortung zu überlassen,.ist rührend. Oer Regisseur, Oer Weg zum Hostheaier< Unter der Anklage des Betruges in sechzehn Fällen steht vor dem Schössengericht Charlottenburg der typische Bepräsen- tant einer untergehenden Klasse, seines Zeichens Opernregisseur und Dramaturg Joachim v. Reichel. Der Fluch seines Lebens waren seine„Protektionen". Diese Protektionen und der gesüllte Geldbeutel seines Großvaters haben ihm zu einer Karriere verHolsen, für die ihm die nötigen Eharaktereigen-. schasten fehlten. Als er aber zum ersten Wale auf den Ernst des Lebens stieß, da häufte sich eine Straftat aus die andere. In der Schilderung seinesLebens, die er dem Gericht gibt, mischen sich phantastisch Wahrheit und Dichtung. Er wirst um sich mit Namen von Politikern, Komponisten, Mrsikern und Künstlern: Fürst Bülow, Graf Eerny, Aoalescu, Hülsen- Hösel e r. Leo Blech, Richard Strauß und wer weiß wer alles noch in feinem Leben eine Rolle gespielt hat. In Königsberg, als Sohn eines früheren Kürassierleutnants v. Reichel geboren, wurde er wegen Ehezwiftigkeiien zwischen den Eltern seiner Mutter, einer geborenen Lady Hay, zugesprochen. Im Alter von zehn Iahren kam er laut Entscheidung des Vormundschaftsgerichtcs zur Erziehung zu seinem Großvater, der ein« groß« Reederei besaß. Nach Beendigung des Gymnasiums machte er zuerst eine Weltreise und ging dann auf Wunsch des Großvaters als Volontär nach Ham- bürg in dessen Unternehmen, die Deutsche Handels- und Plantagen- gesellfchast. Er arbeitete aber, wenig im Bureau und ging seinen musikalischen Liebhabereien nach. Im Traume sah er sich bereits als Opernregisieur. Diese seine Sehnsüchte wurden unterstützt, wie er behauptet, durch Bronsgeest und Leo Blech. Da aber der Intendant der Staatstheater, Gras Hülsen-Häseler, sich ihm gegenüber äußerte, daß der weg zur Kunst im Hostheater über den Kasernenhof ginge, so entschloß er sich, Offizier zu werden, trat deshalb, nachdem er es in sieben Tagen in einem Hamburger Kavallerieregiment zum Fahnenjunker gebracht hatte, in das 4. Gardeinjanterieregiment in Potsdam ein. Er war ein s ch l e ch t er O s f i z i e r, wie er von sich sagt, dafür aber groß im Schuldenmachen. Der Großvater bezahlte sie gewöhnlich anstandslos, einmal waren es ganze 15 000 M., und kam im Jahre 1914 als neugeback?ner Leutnant an die Westfront. Auf Grund einer Kabinettsorder wurde er mit einem Kaiscrpaß ausgerüstet und als Kurier an den König Carol noch Rumänien geschickt. Die versöhnten Gegner. Oer Strafprozeß der Kugellager- fabri» Zkoima gegen Riebe endete mit der Verschmelzung beider Zinnen! Getrennt flch bestehlen und vereint verdienen- das sei jetzt unsere Devise! Ganz rechts sähen sie es am allerliebsten, wenn die Sozialdemokratie alle Ministersessel bestiege. Denn dann könnten sie ihr dauernd vorwerfen, in ihrem maßlosen Machthunger habe sie sich der ganzen Futterkrippe bemächtigt, um niemand heranzulassen. Gerüchte um Aobile. Reue Verbindung mit der Ztalia-Mannschast. Die am Freitag verbreitete Nachricht, daß drei Mann der Nobile-Expedition inzwischen ausgefunden wor- den seien, hat bisher noch keine Bestätigung gefunden. Man hofft in Kingsbay jedoch, daß die inzwischen aufgebrochene Hunde- schlitten-Expcditton die Vermißten innerhalb der nächsten 48 Stunden treffen wird. Diese Expedition wird von einem erfahrenen Führer geleitet, der vor einigen Iahren an der Spitze der Expedition der Universität Oxsord gestanden hat. Die„Citta di Milano" hat am Freitag wiederum Verbindung mit der„Jtalia"-Mannschast gehabt. Die Position Nobilcs ist jetzt 80 Grad 38 Minuten nördlicher Breite und 27 Grad 44 Minuten östlicher Länge. Amundscn wird heute mit einem französischen Flugzeug von Oslo aus nach Spitzbergen starten, um sich von dort aus an den Rettungsarbeiten zu beteiligen. Der russische Eis- brecher„Krassiu" ist bereits am Freitag mit einem Flugzeug an Bord nach Kingsbay ausgelaufen. Er wird voraussichtlich am 25. Juni in Spitzbergen eintreffen. Di« italienische Regierung hat nunmehr noch ein drittes Flugzeug für eine Rettungsexpedilion zur Verfügung gestellt._ „Volk und Zeit", unsere illustrierte Wochenschrist. liegt ver heutigen Postauslage bei. tls Kaiserkurier. ing über den Kasernenhof. Jetzt beginnt gewissermaßen der Siegeszug des Leutnants durch den Balkan. In Bulgarien und Konstantinopel kommt er mit führen- den Politikern zusammen, überall erhält er, wie er sagt,„F ruh- st ü ck s o r d e n", wird in Wien auch von dem greisen Franz Joseph dekoriert, hält sich eine Zeitlang im Botschafterpalais in Rom auf, kehrt dann nach Berlin zurück, wird auf kurze Zeit noch an -die Front geschickt, um im Jahre 1917 aus dem Heere auszuscheiden. Jetzt beginnt seine Künstlerlausbahn. Zuerst als Volontär an der Münchener Staatsoper beschäftigt, wird er im Jahre 1918 als Opernregisseur und Dramaturg bei der Wiener Oper engagiert, arbeitet darauf zwei Jahre in der gleichen Eigenschast als stellvertretender Intendant bei der Bremer O p e r, dann hinter- einander am Landestheatcr in Prag, bei der Oper in D ü! s e l- dorf und Duisburg und schließlich kurze Zeit bei dem Stadt- theater in Wien. Wie der Angeklagte behauptet, hatte seine auf- reibende Tätigkeit in Düsseldorf und Duisburg zu einem Nerven- zusammenbruch geführt, der schließlich einen Sanatoriumsausenlhalt in der Schweiz notwendig gemacht habe. In der Schweiz be- ginnen dann auch seine Slraflalen. Er stellt ungedeckte Schecks aus und muß über sich vom Jahre 1923 an Gefängnisstrafen in Genf. Zürich. Grau- bündcn, Klagensurth, Charlottenburg usw. ergehen lassen. Seine Familie hat ihn vollständig fallen gelassen, sein Großvater war im Jahre 1920 gestorben, aus seinem Nachlaß hatte er nichts erhallen, auf großem Fuße zu leben gewohnt, lebte er nun wie er es während seiner Ossizierszeit zu tun gelernt hatte, auf Kosten anderer. Nach Verbüßung seiner Strase in Freiendieg erschien er in Berlin. wurde hier vom Oberregisseur Engel zum Redakteur eines Berliner Blattes empfohlen aber nicht engagiert. Er mietete sich jetzt eine Wohnung, bestellte bei verschiedenen Berliner Firmen Möbel, Gemälde, kleidete sich ein. taufte Motorboote, alles, w-e er sagt, in der Boraussetzung, daß er den Redaktcurposten erhallen würde. Andererseits baute er auf die Tantiemen aus den von ihm geschriebenen Büchern. Das Operntextbuch„Fieber" soll». a. im Herbst in Leipzig erscheinen: seine Balkanerlebnisse sind ft'nerzcit von Ullstein herausgegeben worden. Der Angeklagte, der vom Rechtsanwalt Dr. Mendel verteidigt wird, ist im großen und ganzen geständig. Oie wie Jagd nach Orden. Oer Moskauer Kriegsminister kann sich vor Bewerbungen nicht retten. Moskau. 16. Juni. Die oberste Leitung der Roten Armee macht in der Sowjet- presse offiziell bekannt, daß die Annahme von Gesuchen um'Ver- leihung des Ordens der Roten Fahne im Zusammenhang mit dem Zehn-Iahr-Iubiläum der Roten Armee bereits am 9. Januar ein- gestellt worden ist. Trotzdem lausen immer noch Bewerbungs- schreiben ein. Die werden aber keine Berücksichtigung mehr finden. Oie neuen WohnungsprojeAe. Zu den in den- letzten Togen aufgetauchten Nachrichten über ein neues Wohnungsbauprojekt des amerikanischen Bankhauses Chapman stellt das Nachrichtenamt des Magistrats fest, daß ein Borschlag mit einem bestimmten Bauprojekt von dem Bankhaus bisher nicht erfolgt ist. Vielmehr besteht lediglich die Möglichkeit, mit dem Bankhause in neue Verhandlungen einzutreten, wenn zuvor festgestellt ist, daß eine derartige Finanzie- rung des Wohnungsbaues, wie sie bei dem sogenannten Chapman- Projekt und dem Bcwoag-Projekt im Vorjahre in Aussicht genommen war, nicht der Zustimmung der. Beratungsstelle be- darf. Zur Entscheidung dieser Vorfrage sind die notwendigen Schritte bei der Beratungostelle eingeleitet worden. Die Beratungs- stelle Hot sich auf einen entsprechenden Antrag des Magistrats schon vor einiger Zeit mit dieser Frage befaßt, jedoch für ihre Enischei- dung die Vorlegung eines Vertragsentwurfs für notwendig er- klärt.— Außerdem schweben noch Verhandlungen mit zwei beut- schcn Gesellschaften, die zur Durchführung kleinerer Woh- nungobauprojekte die Uebernahme stadtischer Bürgschaften beantragt haben. Stürmische Schauspielerversammlung bei piscator. Zu unserer Notiz in der Morgenausgabe vom Freitag schreibt uns der Obmann des Betriebsrats der Piscator-Bühne, daß es nicht' zu stürmischen Szenen gekommen sei und die Honorarsorde- rungen voll anerkannt und gelöst worden' seien. Die Aeußerung, man müsse die Direktion bei der Staatsanwaltschaft anzeigen, sei nur in Unkenntnis der Tatsachen gemacht und nachträglich einem Aus- schußmitglied gegenüber bedauert worden. Wir geben dieser Zuschrift gern Raum, von dem Wunsche ge- leitet, die Tatsachen mögen ihr recht geben. Ueber die Darstellung der Dorgänge in der Versammlung bleibt eine Differenz, auf deren Austragung wie kein Gewicht legen. Oer Empfang der Ozeanflieger. In der kommenden Woche treffen die Ozeanflieger K o e h l, Fitzmaurice und Hünefeld in Deutschland ein. Für die offiziellen Festlichkeiten sind die Tag« vom 18 Juni bis zum 22. Juni in Ausficht genommen. Die Ehrungen nehmen mit einem Empfang bei der Ankunft des Dampfes„Columbus" am Montag in Bremen ihren Anfang. Die W s i te r r e i s« nach Berlin ist für Mittwoch mit Flugzeug in Aussicht genommen. Die Landung in Tempelhof ist für 14 Uhr vorgesehen. Nach der Begrüßung erfolgt mit Kraftwagen die Fahrt durch Berlin, die vor dem Reichstanzlerpalais endigen wird. Die Flieger werden dann vom Reichskanzler empfangen. Abends findet dann bei Kroll am Platz der Republik ein Festessen statt, das vcm Reichsverkehrsministerium gegeben wird. Während des Festessens sollen di« Piloten durch einen Fackelzug von den Lujtsahriverbänden geehrt werden. Am Donnerstag werden die Ozeanflieger vom Reichspräsidenten empfangen werden.'Daran schließt sich ein Frühstück beim Reichskanzler an. Nachmittags findet «in Tee beim Reichspräsidenten statt. Nach dem Tee wird der Derein Berliner Presse bei Krall ein Gartenfest geben. Die Empfangsfeierlichkeiten sollen durch einen Gesell- schaftsabcnd der Luftsahrtverbände bei Kroll Freitag ihren Abschluß sinden. Llm Nobile. Man soll über einen Menschen, der sich in höchster Seenot be- findet, nichts Böses sagen. Die„Erlebnisse mit Nobile", die in diesen Tagen Roald Amundsen der europäischen Presse übergibt, sind jedoch so erschütternd, daß sie trotz aller Rücksichtsnahm« aus den Führer der„Jtalia" der breiten Oefsentlichkeit nicht unter- schlagen werden dürfen. Sie beweisen unzweideutig, daß das„S y st e m M u s s o l i n i"» auf den Nordpolflug konzentriert, zu einer Katastrophe führen mußte: denn dieses System: Leichtsinn plus Unfähigkeit plus Aufgeblasenheit plus Ignoranz plus Mussolini, mußte an einem der beiden Pole zerschellen, da es wegen seiner inneren Hohlheit von vornherein zum Zusammenbruch verurteilt war. Doch geben wir dem alten Nordpolfahrer Amundsen das Wort: Treueid für Nobile. Als Nobile mich besuchte, stellte er allerlei absurde Forderungen. Vor allem wollte er, daß die norwegischen ebenso wie die italieni- schen Mitglieder der Expedition ihm eine Art Treueid leisteten. Wir mußten das ablehnen, weil wir ihm in keiner Weife«in« Stellung einräumen wollten, die ihn beinahe zum Leiter der Expedition machte. Bei alle diesen Beratungen hatten wir den Eindruck, daß Nobile mit aller Gewalt in die eigentliche Leitung der Expedition hineinkommen wollte. Es sah so aus, als ob er das nicht nur aus persönlicher Eitelkeit täte, sondern als ob seine Regierung dahinter steckte., Steuermann Nobile. Das Hähensteuer wurde meist von Oskar Wisting bedient, einem der herrlichsten Burschen, die ich je kannte. Natürlich hatte Nobile die Oberaufsicht. Er sagte einmal Wisting, er wolle selbst steuern; Wisting trat zur Seite und Nobile übernahm das Steuer. Man denke sich mein Erstaunen, als ich sah. daß Nobile am Steuer hantierte, ohne überhaupt nach vorn zu sehen! Als ich hinaussah, bemerkte ich, daß wir der Eisoberfläche immer näher kamen. Ich schaute auf Nobile; aber er schien gar nicht zu merken, was los war. Ich sagte nichts; denn ich hatte es mir zur Pflicht gemacht, nicht Frau Emmelin€ Pankhurst ist in London gestorben. Sie war die Mutter der bekannten Frauenrechtlerinnen Christabel, Estelle und Silvia Pankhurst und gehörte selbst zur Sufjragettenbewegung. in die Führung des Schiffes einzugreifen. Zum Glück hielt sich Riiser Larsen nicht so genau an die Bestimmungen. Das Schiff ging immer tiefer— noch einen Augenblick und es konnte zer- schellen. Riiser Larsen fühlte die Gefahr, sprang zum Steuer, stieß Nobile rasch zur Seite und warf das Steuer herum. Ohre ihn wären wir verloren gewesen. Nun wollte Nobile die Spitze der „Norge" herunterbringen, aber das Steuerruder gehorchte nicht. Nobile verlor völlig den Kopf; er weinte, rang die Hände und schrie: „Kommt vorwärts zur Spitze, kommt vorwärts zur Spitze!" Drei unserer Norweger rannten noch vorn und unter ihrem Gewicht senkte sich die Spitze der„Norge" wieder. Fahnenschwenker Nobile. Wir hatten uns streng an Nobiles Anordnung gehalten, nur das Allernotwendigste mit an Bord zu nehmen. Als wir uns über dem Pol befanden, warfen Ellsworth und ich je eine Flagge in Taschentuchgröße ab, die wir zu dem Zweck mitgenommen hatten— Ellsworth die Sterne und Streifen und ich die norwegische Fahne. Man stelle sich nun unser Erstaunen vor, als nun Nobile nicht eine, sondern eine Menge Fahnen abwarf. Die„Norge" sah einen Augenblick aus wie ein bunter Zirkuswagen. Die«ine Fahne Nobiles war so groß, daß er sie nur mit aller Mühe aus dem Kabinenfenster herausbrachte. Nobile in Parodedreß. Wir hatten, um Nobiles Anordnung zu entsprechen, keinen zweiten Anzug mitgenommen und mußten also in Nome kaufen, was da zu haben war. Elegant sah es nicht gerade aus. Wie waren wir erstaunt, als wir mit dem Schiff noch Seattle fuhren: kurz vor der Landung erschien Nobile in der glänzenden Uniform eines Ober st en der italienischen Armee. Das machte uns klar, daß seine Anordnungen von vornherein daraus berechnet waren, uns in der Schatten zu stellen. Uns empfing ein« große Volksmenge mit den Vertretern der Stadtbehörde an der Spitze. Ein kleines reizendes Mädchen mit Blumen in der Hand trat auf uns zu. und nun kam die Uniform zu ihrem Recht: das klein« Mädchen tot das Selbstverständlichste, was von«hm zu erwarten war. Es sah drei Leute vor sich, von denen zwei wie Arbeiter gekleidet waren, während der Dritte sich in einer glänzenden Uniform präsentierte. Natülich erhielt die Uniform die Blumen! Das unsterbliche Gedicht. Von Max Barchel. Zu den Verlusten der deutschen Arbeiter in den letzten Iahren gehörte auch ein Buch Gedichte, nämlich die Anthologie:„V o n unten auf". Franz D i e d e r i ch gab vor dem Kriege dieses Werk heraus: es erregte Aufsehen, war bald vergriffen und hat doch die Herzen einer ganzen Generation ergriffen. Dicderich zerschlug mit seiner Sammlung die erstarrte Form alter Anthologien. Er faßte die Thöre, Gesänge, Hymnen, Aufschreie und.Bekenntnisse freiheitlicher Dichter kraftvoll zusammen und ordnete sie in seinem Werke zu einer Symphonie kämpfender Menschheit. Goethe und Schiller, Byron und Heine, Lessing und Plate« stehen in einer Reihe mit Bcranger, Petöfi, Chamisso und Herwegh, Freiligrath und Lassalle, Holz, Haupt- mann.-Dehmel, Henckell: ein Buch unerhörter Gläubigkeit war entstanden, ein Buch des Hohnes, des Trotzes, der Rebellion der Prophetie. Kurt E i s n e r nannte es damals: die Arbeiter- b i b e l... Franz Diedcrich, der selber ein Dichter war. formulierte schon 1911 die Aufgaben des Dichters so:„Dichter, die den Puls- schlag ihrer Zeit gegen Sterben und Vergehen feiten, sind die Groß- kraftbewahrer der Geschichte. Anders ist ihr Werk als das der Ge- schichtsforscher, anders wirkt es... Der Dichter läßt die Kräfte spielen. Er hält Gegenwart, die er erlebt, Gegenwart, die im Fluge Vergangenheit wird, als lebendiges Geschehen für die Zu- kunft fest... So sind die Dichter der Mund der Unzähligen, und so sorgen sie, daß all der Unzähligen Kämpfertugenden trotz Tod und Niederlage nicht untergehen iP Nichts des stummen Todes. Und darin offenbart sich die geschichlliche Kraft, das geschichtliche Amt der Dichtung." Das Proletariat hat in den letzten fünfzehn Iahren selbst Ge- schichte gemacht. Die Ozeane und die Kontinente bebten, Grenzen und Länder wurden zertrümmert, Monarchien stürzten, aus Panzer- wagen und Tribünen wehten rote Fahnen. Die Dichter selbst machten Geschichte, standen in den Schützengräben, wachten in den Sappen oder Exilen, kämpften mit auf den Barrikaden, saßen in den Zucht- Häusern oder in den Zeitungsredaktionen, in den Gefängnissen odet auf den Ministersesseln. Sie waren zerrisien wie ihre Klosse, hin und her geschleudert wie ihre Brüder, rebellisch oder duldsam wie das wirktätige Volk. Ab und zu sangen oder brüllten sie ihre Lieder und Verse in den Weltumsturz hinein. Die Revolution— was war die Revolution sür die Dichter? Eine blutige Ballade, ein neues Nibelungenlied von Treu« und Verrat, Sieg und Niederlage... Zehn Jahre nach dem deutschen November 1918 nun hat Anna Siemsen das Werk von Franz Diederich zu Ende geführt und dos heulende Chaos lyrischer Dichtung der letzten Zeit geordnet und gebändigt. Der Dresdener sozialdemokratische Verlag K a de n u. C o. hat„Von unten auf" in guter Aufmachung und zu einem verhältnismäßig billigen Preise neu herausgebracht. Der schön ge- druckte, lesenswerte Band gehört in jede Arbeiter, und Bolls» bibliothek, in jede Iugendgruppe. Er ist ein unerschöpflicher Quell für jedes Arbeiterfest. Nein, das Gedicht ist nicht tot, wie uns kleingläubige Verleger erzählen wollen. Das revolutionäre Gedicht wird immer, solange noch ein Hauch Leben und Empörung in den aufsteigenden Massen glüht, Richtfeuer sein, Richtschwert, Bruder, der tröstet, stützt und vorwärts reißt, Gloriole um die Stirnen der Kämpfer und Märtyrer, Glanz in den nowollen Kammern der Arbeit und Armut, Brot und Wein des Geistes für jene, die da hungern nach Gerechtigkeit. Von Becher bis Zech erheben sich die neuen Dichter, die Anna Siemsen hörbar macht, durch den Blutsumpf des Krieges der neuen Zeit entgegen. Werfe! und Martinet, Guilbeoux und Kirriloh, Bröger und S ch ö n l a n k. Walter Mehring und Hasencleoer, Toller und Hermann Claudius, Barthel und Lersch, Engelke und Josef Luitpold, Tucholsky und Preczang, Ringelnatz und P e tz o l d singen ihre Verse der neuen Welt und vereinigen sie mit dem Chor der internationalen Kampflieder, die von den Italienern, den Russen, den Schweizern, den Schweden, den Deut- schen, den Negern und Chinesen— kurzum: von dem kämpfenden Proletariat gesungen werden. Eine Revolution, die einen so glühenden Lavastrom sozialer Dichtung herausschleudert«, ist noch lange nicht zu Ende. Eine Klasse, der solche Lieder gesungen werden, muß siegen. Und so läßt sich an der Anthologie:„Von unten aus" genau so gut und vielleicht noch besser als an den Millionenstimmen der letzten Wahl der Nor- marsch in den Sozialismus ablesen, der Vormarsch und der endliche Triumph. Beethoven und Jazz. Achtes Klemperer-Konzert. Unter schwierigsten Verhältnissen, im Ansang gehemmt durch all« zwangsläufigen Widerstände einer Theatersituation, die nun der Vergangenheit angehört, doch in ihrer Auswirkung noch zu spüren bleibt, hatte Otto Klemperer, derOperndirektor, seine Arbeit begonnen: die abklingend« Saison, an Erfolgen reich, läßt doch manches als Verheißung offen, was im Zeichen unzureichender Vor- aussetzungen im ersten Jahr noch nicht Ersiillung werden konnte. Aber in wenigen Monaten sind die Klemperer-Konzerte der Staatsoper im Musikleben ein ständiger Faktor allererster Ordnung geworden. Klemperers Programme haben großen Stil, und er hat'W Stil seiner Programme. Di« zwingende Wirkung ist unoerkennbar und unbestreitbar, die von seiner starken Musikerpersönlichkeit aus- geht; aber als sein persönlichstes wird mehr und mehr ein wahr- Haft heroischer Wille zur künstlerischen Sachlichkeit offenbar, dem zweifache Besestenheit zugrunde liegt: als ein vom Wert und von der Mission seiner Bermittlung Erfüllter— so steht er nun wiedcr vor uns, erfüllt vom Werk Beethovens diesmal, dessen erste und fünfte Sinfonie, und in der Mitte das Violinkonzert, sein Pro- gramm bilden. Adolf Busch spielt das Konzert, edel, männlich, tlassisch-vollendet, und vollkommen ist die geistige Uebereinstimmung zwischen Solisten und Dirigenten, die Klangeinheit, zu der Orchester und Geige sich zusammenschließen. In der Wiedergabe der Sin- fonien bestöttgt sich von neuem die streng« Meisterschaft einer Ge- staltung, die mit fanatischer Genauigkeit jedes Detail der Partttur erfaßt, doch deren Ganzes aus der unfehlbaren Logik der inneren Vision zu überzeugendster Geschlossenheit erstehen läßt. Tkeger-Revue. Vor ein paar Iahren hotte Berlin ein« Theatersaison, die ein Erlebnis war: die Revue der„Chocolate Kiddies"; es war Jazz als Offenbarung: bezaubernd durch den Reiz des Exoti- schen, überwältigend durch die elementare Kraft des Natürlichen. Seither ist Jazz, in zahllosen Wiederholungen, Nachahmungen, Ab- schwächungen, öde Alltäglichkeit geworden, und wir beginnen, des abgebrauchten Modetones herzlich satt zu werden. In der solcherart veränderten Situation kommt zum zweitenmal Sam Wooding zu uns,„mit seinem Chocolate Kiddie Orchestra", wie wir im Pro- gramm de;„U f a- P a l a st am Zoo" lesen; um ihn, mit ihm eine Elitetruppe schwarzer Tänzer wie damals. Wieder ist er da mit der hinreißenden Vitalität, der phänomenalen Diszipliniertheit, mit allen Effekten und mit dem unwiderstehlichen Rhythmus— mit ollem, was von seiner und seiner Leute Daxbietung unauslöschbar in der Erinnerung haftet; in der Erinnerung von damals her, als wir be- zaubert und überwältigt waren. Doch um noch einmal ihrer ganz froh zu werden, mühten wir die sinnlos bejazzte Gegenwort ver- gesien, die uns umgibt. Daß wir's nicht können, mindert freilich nicht ihr« Leistung, doch leider unsere Empfänglichkeit. X. L. Zu den Tänzen der„Schwarzen Revue" schreibt unser Tanz- referent: Wir müssen unterscheiden. Es gibt Negerkunst und Nigger- kunst. Die Negerkunst, in Urwald und Steppe geboren, steht den Quellen allen künstlerischen Schaffens nahe und hat als Malerei und Plastik unsere modernen bildenden Sünst« beeinflußt. Niggerkunst aber entstand in der Atmosphäre amerikanischer Weltstädte. Wo der Rhythmus überentwickelter Zkulturen in der Seele des primitiven Schwarzen stärksten Widerhall fand und sich— grell, grob, aber elementar ousdrucksmächtig— zu bewegter Körperrhythmik formte. Aus Niggertänzen entstand der europäisch« Ge» sellschaftstanz unserer Tage. Und Niggertanz ist das, was die Truppe Sam Woodings gibt. Niggertanz in der heute lebendigen, durch Jahrzehnte kultivierten und bereits entarteten Form. Packende, hinreißende Rhythmik neben oberflächlich spielerischer Akrobatik. Gipfelleistungen der Darietebühne: die Stepps eines Thompson, die parodistische Exzentrik des Johnny Hud- g e n s. Amüsierkünste raffiniertester Art. Der Kunsttanz, der bei uns im Werden ist, trägt andere Züge, strebt anderen Zielen zu. Er kann nicht vom Niggertanz, er könnte aber vom Negertanz befruchtet wenden. Es wäre eine dankenswerte Aufgab«, diesen uns zu zeigen. In reiner, echter, ursprünglicher Form. Ein Ge- bilde aus den Kindheitstagen menschlichen Kunstschaffen«. Vom Rauschen des Urwalds und dem Gluthauch afrikanischer Steppe umweht. Keine New-Porker Tingeltangelblüte. 5.3. „�epublikchen." Eine gesinnungstüchtige Revue. Das Theater in der Klosterstraße lud zur Urauf- sührung einer politischen Revue von Franz Sondinger und Walter L« s ch ein, die auf den verheißungsvollen Namen „R e p u b l i k ch e n" hört. Mit der republikanisch-paneuropäischen Gesinnung, die dieses„Republikchen" mutig zur Schau trögt, kann jeder anständig« Zuschauer zufrieden sein. Ueber das gelungene Bild „Parlament", in dem die Volksvertreter auf der Regierungswippe Platz nehmen und Programmreden.schwingen, wird er sich auch recht- schaffen amüsieren. Aber die Revue Hot acht Bilder, deren Ablauf mehr als drei Stunden dauert. Jeder Bilderwechsel bringt eine lange, ermüdende Pause.. Auch im Spiel fehlt Tempo. Jeder Satz wird dem Zuschauer als eine vollkommene Weisheit dargeboten, von der keine Silbe verloren gehen darf. Dabei würde die Revue wesent» lich gewinnen, wenn überhaupt die Hälfte dieser Weisheiten gestrichen würde. An den breiten, zerfließenden Dialogen und der langsam tropfenden Bildfoige mußte die Aufführung scheitern. Durch aus» giebige Strich« und«inen wesentlich beschleunigtem Ablauf könnte das Werkchen gerettet werden. Man kann auch um der zum Teil recht guten Darsteller willen nur wünschen, daß diese heilsame Operation vorgenommen wird,«he es zu spät ist. Tee. Das Arbeitersängersest in Hannover beginnt. An den Tagen« vom 16. bis 18. d. M. findet in Hannover das Arbeitersängerbundes- fest statt, zu dem 50 000 Sänger nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus vielen fremden Ländern, selbst aus Amerika hier eintreffen. Zum Empfang sind große Vorbereitungen getroffen. Der Ernst- August-Platz vor dem Bahnhof zeigt ein ganz besonders festliches Gepräge. Die ganze Bnhnhossfront ist mit Girlanden und blauem Fahnentuch geschmückt. An den abzweigenden Straßen sind Ehren- pforten in den Reichs- und hannoverschen Farben errichtet worden. Am Sonnabendmittag findet in der Stadtholle eine offizielle Be- grüßung durch die Reichs-, Staats- und Kommunalbehörden wie euch die Partei, und Gewerkschastesekretäre statt. Der preußische Kultusminister Dr. Becker hält namens der Reichs- und Staats- regierung eine Ansprache. Nachmittags finden im Kuppelsaal der Sladthalle und in der Ausstellungshalle Begrüßungskonzerte statt, uni» abends beginnen die zahlreichen Konzertveranstaltungen. SONNTAGS GEÖFFNET: 9-9 Uhr(EINLASS BIS 8 UHR) EINTRITT: MARK 1.50(JUGENDLICHE 0.75). FAMILIENKARTEN FÜR 2 ERWACHSENE UND 2 JUGENDLICHE ODER 3 ERWACHSENE NUR MARK3.B0,2U8ATZ-KINDERKARTEMARK0.25 BEI SCHONEN WETTER: GR. KONZERT IN DEN PUKK- OXRTIN Ii.u HAT JEDERMANN DIE RECHTE MUSSE ZUM ERHOLUNG- UND BELEHRUNG- BRINGENDEN BESUCH DER GROSSEN SOMMERSCHAU AM KAISERDAMM ERNÄHRUNG (Sin armer Lunge. Eine Gchülertragödie oder die Schuld der Eltern? Vor einer Woche haben sie den armen Herbert begraben, den onnen Jungen, der sich in der Frühe des Morgens auf dem Oedland neben dem Sportplatz erschossen hat. Heute tollen schon wieder rudere Jungen über den Fleck hin, auf dem damals steif und kalt die schmale, schmächtige Gestalt des Toten lag, bis die Träger kamen und die so unheimliche Gestalt aus die Bahre legten. Drei Stunden hatten Mutter und Großmutter bei dem armen Jungen Totenwache geholten, sie und der lange Schupo, der mir die Geschichte Herberts erzählte. Um ein paar Mark in den Tod. Und weil ich den letzten Akt dieser Tragödie so ganz aus der Nähe erlebte, habe ich mich noch etwas genauer nach dem Toten und seinem Schicksal erkundigt. Denn wirtlich— der arme Junge ist um lumpiger zwei oder drei Mark willen in den Tod gegangen. Er hatte von dem Geld, dos er als Laufjunge verdiente, am Sonnabend«in paar Mark zu wenig abgeliefert, und der Vater soll ihm gedroht haben, sich Gewißheit bei dem Arbeitgeber des Jungen zu verschaffen und dann.... Ja, womit dem Jungen dann gedroht worden ist, niemand weiß es: aber ich habe selbst ge- I.ört, daß die Mutter unter Jammern und Weinen herausschluchzl«: ..Mein guter Junge, um so ein dummes Wort.. Und das eine steht auch fest: Herberts Dater ist P r i o a t ch a u f f e u r mit 70 Mark Wocheneinnahm«, es waren nur zwei Kinder in der Familie, der tote Herbert und seine vierzehnjährige Schwester, und doch mußte der schwächliche Junge, dem sich wegen seiner Begabung die Tür der höheren Schule geöffnet hatte, wöchentlich neun Mark in einer Laufjungenstelle verdienen. Di« neun Mark sollt« er natürlich ob- liefern: und dem überbürdeten und gehetzten Jungen blieb nicht ein- mal die Befriedigung, wenigstens über einen Teil des Geldes frei verfügen zu können. Di« Schulsteunde aber wußten, daß Herbert verdiente, und da haben sie ihn bei einem Spielnachmittog animiert, .er solle nun auch mal was spendieren, er Hobe ja Geld". Und der Proletarierjunge, der sich vor seinen bessergestellten Schul- tameraden nicht lumpen lassen wollte, bewirtete sie von den selbst- verdienten Groschen. Auf die erhob aber schon Mutter und Voter Anspruch— und vor ihren Drohungen sah Herbert nur einen Aus- weg: Den erschloß ihm Baters alter Trommelrevower. Die Schuld der Familie. Warum nun die Geschichte des armen, zwölfeinhalbjährigen Jungen noch einmal ausführlich hier erzählt wird? Weil sich hier einmal nicht mit dem üblichen Schema der„S ch ü l e r t r o g ö d i e* alles verdecken läßt, weil in diesetk Fall einmal die Schuld der Familie klar herausgestellt wird. Der Vater hat, wenn auch kein großes, so doch ein zureichendes Einkommen— er hat Arbeit. Die Familie ist nicht groß: und der begabte Junge, für besten Förderung von der Schule aus alles geschieht, muß trotzdem am Nachmittag arbeiten gehen, wenn auch sein schwächlicher, magerer Körper unter der doppelten Last fast unterliegt. Und keine Freude wird ihm gegeben: wie fremd, wie einsam muß der arm« Bursche unter seinen Angehörigen gelebt haben! Er war«in höflicher, bescheidener Junge, aber schon lange siel dem oder jenem sein etwas scheues, ge- dxückles Wesen aus. Freilich: Gekümmert hat sich niemand darum, ..penn Herbert war ja immer saubor gelleidet und zeigte kein« Spur von irgendwelchen Mißhandlungen. Und unser Strasrecht, nach .dem. ja schon brutalste körperliche Mißhandlungen oft nur mit ganz geringen Gefängnisstrofen geahndet werden, kennt den Begriff der seelischen Mißhandlung noch nicht. Darum hat die Um- weit kein Auge für die Kinder, die gedrückt und verschüchtert herum- schleichen— bis eines Tages so ein armer Bursche die lang«, schlimme Nacht auf dem Oedland eines Spielplatzes durchwacht, um sich in der ersten Morgensonne in das Schattenland zu flüchten, das ihm lockender und heimlicher ist, als die Arm« seiner eigenen Mutter. „Um so ein dummes Wort!"— Wer mag chm gedroht haben, Vater oder Mutter?— Und womit mag ihm gedroht worden fem? Was haben die Nachbarn gesehen? Wir wissen es nicht, wir werden es nicht wissen: denn schon sorgen Eltern und Nachbarn dafür, daß ihr Anteil an der Schuld verwischt wird. Ja, auch die Nachbarn, die um die Ausnutzung des Jungen wußten, die den armen Jungen gedrückt, scheu und„be- scheiden" herumlaufen sahen, sind mitschuldig. Wir entschuldigen diese Sünden am Kinde viel zu leicht, noch immer gilt das Kind als „Eigentum" der Familie, über das die Eltern frei zu ihrem— nicht zu seinem Vorteil verfügen. Unzählbar sind die Sünden, die zu- gunsten dieses Fetisches„Familie" täglich an Kindern begangen werden. Vom Recht des Kindes wird viel gesprochen— auch in unseren Kreisen: aber in der Praxis ist auch bei uns oft nicht viel davon zu bemerken. Auch mancher sonst ganz tüchtige und taktfeste Genosse ist zu Hause noch absoluter Herrscher, der nach seinem Wunsch über Wohl und Wehe seiner Untertanen bestimmt— und seine Wünsche haben ihnen Befehle zu sein. Wir alle tragen in uns die Narben aus den Kämpfen, die wir in unserer Kinderzeit gestritten haben— und manche darunter schmerzen uns noch heute. Nicht jede Tragödie endet mit einem lauten Pistolenschuß und so blutig, wie die des armen Herbert. Aber Mancher hat sich schon als erwachsener Mensch aus einer Wunde verblutet, die die Hand des Vaters oder der Mutter seiner Seele schlug.. Rose Ewold. Ein Opfer der Nennbahn? Selbstmord nach dem Korlshorster Rennen. Auf der Straußberger Vorort strecke, etwa 500 Meter von der karlshorfler Brücke entfernt, machten Bahnbeamte heute srüh gegen Vjb Uhr einen grausigen Fund. Zwischen den Gleisen lag die v e r st u m m e l t c Leiche eines 40- bis 45jährigcn Mannes. Die Personalien der Toten, der keinerlei Papiere bei sich trug, konnten bisher noch nicht ermittelt werden. In seinen Taschen wurden dagegen mehrere Wett-Tickets vom letzten Korlshorster Rennen gefunden. Offenbar hat der Lebensmüde seine ganze Barschaft verspielt und sich aus Verzweiflung über den Verlust in der Nacht vom Freitag zum Sonnabend vor einen der letzten Züge, die in Richtung Straußberg fahren, geworfen, ohne daß vom Zugpersonal von dem V»rfall etwas bemerkt wurde. Der Tote ist 1,65 Meter groß, hat einen kahlrasierten Kopf, trug graues Jacket, schwarzblaue Tuchhose, eine gleichfarbige Weste, gelbe Schnürschuhe und einen grauen Hut. Die Leiche wurde in die Korlshorster Friedhoshalle gebracht. Erstaufführungen der Woche. Montag. Kammcvspiel«: ,L e S e cr e t". Dienstag. Ko- mödienhaus:„Sin Stück M a l h e u r." Mittwoch. Städtische Oper:„Die neugierigen Frauen." Donnerstag. Theater am Kurfürstendamm:„Whi sky mit Soda." Freitag. Zen- tral Theater:„Der große Preis." Theater der Woche. Vom 12. bis 25. Juni. Volksbühne. Theater am Vülowplatz: Orpheus in der Unterwelt. Theater am Schissbauerdamm: 17. Der Zigarettenkasten. Ab 18. Der Kuhhandel. Tholio-Theater: Dyckerpotts Erben. Staatstheater. Staatsoper Unter den Linden: 17. Die Frau ohne«chatrcn. 18 Riqoletto. 19. Die Meistersinger. 20. Figaros Hochzeit. 21. Boheme. 22. Salome. 23. Fidelio. 24. Die Macht des Schickials. 25. Boheme.» n- rj.-� Oper am Platz der Republik: 17.. 21. und 24. Der Freischutz. 18 Luisa Miller. 19. Fidelio. 20. Strawinsky-Abend: Oedlpus Rex, Petruschka. 22. und 25. Puccini-Abend: Der Mantel, Schwester Angelika, Gianni Schicchi. 24. Don Giovanni. ' Städtische Oper. 17. und 19. Madame Butter, ly. 18. Cavallcria Rusticana, Der Feucrvogel. 20. und 23. Die neugierigen grauen. 21. Carmen. 22. Lohengrin. 24. Tosca. 25. Rhcingold.� Staatliches Schauspielhaus: 17., 22., 23., 24. und 25. Kalkutta, 4 Mai. 18., 19. Zwischen tanzenden Kleidern. 20. Peer Gynt. 21. Musik.. t-v Schiller Thealer: 17., 18., 19., 22., 23., 24. und 25. Die beiden Seehunde. 20. Maß für Matz. 21. Clovigo. Theater mit festem Spielplan. Deutsches Theater: Artisten.— Die Komödie: EsliegtinderLuft.— Theater am Tlollendorsplah: Judas— Theater in der Königgräher Straße: Leinen aus Irland.— Komödienhaus: Broadway. Ab 19.E>n Stück Malheur.— Gr. Schauspielhaus: Dreimäderlhaus.— Theater des Westens: Das Ekel.— Komische Oper: Zieh' dich aus!— Deutsches Kunstlertheatcr: Das sind ja reizende Leute...— Lust- spielhaus: Unter Geschäftsoussicht.— Lesiing-Theater: Nummer 17.— Residenz-Theater: Am Rüdesheimer Schloß steht eine Linde.— Lersiner Theater: Der Prozeß Mary Dugan.— Die Tribüne: Spiel im Sästoß.— kleines Theater: Galante Nacht— Renaissance- Theater: Krankheit der Jugend.— Walhalla-Theater: Verlorene Töchter.— Rose-Thealer: Heimat.— Theater in der Luhowstratze: Bubikopf und Glatze.— Scala: Internationales Variete— Reichshallen-Theater: Stettiner Sänger.— Theater am kotlbuffer Tor: Elite-Sänger. Theater mit wechselndem Spielplan. Sommerspiele: 17. Finden Sie, daß Constance sich richtig»er- hält? 18. bis 21. Gastspiel Theatre du Gymnase, Paris„Le Secret".— Theater am kurfürstendamm: Bis 20. Tempo Tausend. Ab 21. Whisky mit Soda.— Casino-Theater: 17. Müllers Prinzeß- chen. Ab 18. geschlossen.— Theater in der Klosterstraße: 17., 22.. 23, 24. Büchse der Pandora. 18., 19.. 20., 21., 25. Republikchen.— Schloßpark-Theater Steglitz: 17., 18. Charleys Tante. Ab 19. Die spanische Fliege. Nachmittagsvorstellungen. Volksbühne. Theater am Bülowplah: 17., 24. Die rote Robe.— Thatia-Theater: 17., 24. Dyckerpotts Erben.— Rofe-Theater: Gartenbühne: 17ib Uhr, Konzert und bunter Teil, 2014 Uhr, Der fidele Bauer.— Theater in der Slosterstrahe: 17. Der fröhliche Weinberg. 24. Lieb«.— Schloßpark-Theater Steglitz: 17. Charleys Tante.— Scala: 17., 23., 24. Internationales Barietö. Professor Lederers neuestes Werk„Der Sieger* wird heute auf dem Sportplatz in Köpenick enthüllt. Wetterbericht aus deutschen Neisegebieten. Herausgegeben von der Oeffentlichen Wetterdienststelle Berlin. Nordsee. Westerland: wolkig. Helgoland: wolkig. Norderney: wolkig. Bremen: Regenschauer. Hamburg: wolkig. Ostsee. Travemünde: wolkig. Warnemünde: bedeckt. Sassnitz: heiter, vorher Regen. Stettin: heiter. Kolberg: wolkig. Danziz- Zoppot: wolkig. harz. Schierke: Regen. Brocken: Schneefall. Thüringen. Erfurt: ziemlich heiter. Jnselsberg: ziemlich heiter. Hessen. Kassel: wolkig. Wasserkuppe/Rhön: bedeckt. Sachsen. Dresden: heiter. Fichtelberg(Erzgeb.): wolkig. Schlesien. Breslau: wolkig. Flinsberg: wolkig. Schreiberhau: heiter. Schneekoppe: heiter. Bad Reinerz: heiter. Bad Landeck: heiter. Rheingebiet. Köln: wolkig. Bad Aachen: Regen. Koblenz: wolkig. Bad Ems: wolkig. Wiesbaden? heiter. Frankfurt a. M.: heiter. Feldberg/Taunus: wolkig. Bad Dürkheim: heiter. Laden. Karlsruhe: heiter. Baden-Baden: wolkig. Freiburg: wolkig. Feldberg/Schwarzw.: Graupelschauer. Württemberg:� Freudenstadt: wolkig, vorher Regen. Oesterreich. Salzburg: bedeckt, vorher Regen. Wien: heiter. Nachtrag. Seebad Kranz: Regen. * Wetterbericht der öffentlichen Wetterdienststelle Berlin und Umgegend.(Nachdruck oerboten) Teils wolkig, teils heiter, aber noch kühl ohne wesentliche Niederschläge.— Für Deutschland: Im Süden vielfach heiter. Im übrigen Reiche veränderlich, aber nur noch strichweise leichte Regenschauer. Uebcrall kühl. Verantwortlich für die Redaktion:««aea Präger, Berlin: Anuioen: Td- Glockr. Berlin. Verlag: Vorwiirts Verlag<&. m. b. H., Berlin. Bruck: Vorwärts Buch. druckcrei und Verlagsanstalt Paul Singer ch Co.. Berlin SW 68. Lindenstrofte 3. gier,» l Beilage. WWOM.i | Sonnab.. 16-6.28 Staats-Oper | Unter d. Linden Ab.-V. 4a Anf.l9V,(7'/,)U. Boris Godnnoff Sonnab., 16- 6. 28 Städtisdie Oper Bismarckstr. Cesdil. fontillong Am. 197,(7';,) u. Cavallcria rusticana— DerFenerrogel Staats-Oper Am Pl.d. Republ. Ab.-V. 50 Anf. 20(5) Uhr Der sdiwane Staitl. Sdiauspitlb. km OendirmeBinarti Ab.-V. 121 Anf. 20(8) Uhr Kalkutta, 4. Mai Staatumilier-Mer.Mg. 20(8) Uhr Die beiden Seehunde Volksbühne Komische 1 81/, Ohr Oper SV? Ohr| JAMES KLEIM'S xewaltlccs neues Rcvue-StUck: Zieh' dfdi aus! 200 Mitwirkende. Vorverkaul ab 1» Uhr ununterbrochen. SCAI/Ä 8 Uhr Nollendori 7360 Jicrö/Williams der eigenartigste amerikanische Exzentrik-Star und die übrigen TarielC'Sensaiionen! Sonnabends u. Sonntags |e 2 Vonteiliingen; 330 u. 8 Uhr— S*1 zu ermäQigten Preisen des ganze Programm. Dinier am aaitwplili 8>/, Uhr Orpheus in der Unterwelt Th. am SduffbaDerdanim SV, Uhr her Zigaretten- kasten h ir. mm: II DAS SCHUa&l T SIHOSWEL dreimäöerlhaus Alfred Braun r.Thellniann, Jankuhn, Hesterberg, Uendow, Morgan, Perry, Brandt. Ballett Winkelstern, Sunshlnealrls. Mus.Leit: E.Hauke. Ausst. Prf.Stern. Inszenierung: Julius Brandt, firosses Schauspielhaus Erik Charall. — Elile-Sänöer—, Mer am Xottbasser Tor. Mpl. 16077. Täglich 8 Uhr VieiDinermtklassig.Propmm. o.a. „Ein gerissener Sdiwiegersohn" (Schwank) „Ein kleines Gesdienk"(Schwank) Volkspreise. Stettiner Sänger Stuckes Pfingstfahrt Hugo Stucke Britton Frau Stucke Meyael Mi Ohr. Preis» 60 Pf.-2 M Varietä— Konzert— T anz. WM Miel Norden 12 310 <11. Ende gegen 11 Artisten üegii Max Reinhardt Kammerspiele Norden 12310 8'/, Uhr, Ende 10'/« Vorlehtt luffübraig I Finden Sie, dah Cnnstante sich richtig verhält? Montag, 18. Juni, 8 Uhr Zum 1. Male: Viertägiges Gastspiel des Tiieaire da eym- nase, Pult Le Secret (Das Geheimnis) Die Komödie iismarck 2414/7510 B/, Uhr Leinen ans Irland Komödieiihaas Norden 6304. TägL»'/, Uhr Broadway Theater des Westens Steinpl.931 8»/4Uhr Täglich: Max Adalbert <( »t Walhaila-Tti. Weinbergsweg 19/20 Täglich S'/, Uhr: Verlorene Töditer Sittenst in 4 Akten. .Ist Crndum Itibn Zitritt Park.auch Sonntags statt 4— M. nur 60 Pf. III NEU ERDFFNETI Conzert-Caieiosef Erber Lotmimker sir.es früher landlUiriger inhalier des Cnl« Edison LasUplelhaus Hr. Dr. Iirtie Uiti Unwiderruflich letzter Monat! 8'/, Uhr duido Thielscher Gesdiäftsaefsicbt' Planetariinn am Zse '«lies. Judrmiiulc Stria Noll. 1578 16 Uhr: Oer Stern bimmel der Heimat 18 Uhr; ErdeoidWelteBram. 20 Uhr: DerGnflDBd.6estirBe Eintritt I M. KiiUn»t." laHnoft.SS«. Residenz-Theater Blumenstr. 8. Täglich 8V, Uhr SdiloB steht eine Linde Loni Pyrmont Krafft-Lortzing Gaston Briese Emma Klein Parkett auch Sonnt. statt 4.— nur 1.— M. Berliner Prater Kastanienallee 7/9. 7V. Tätlich Vi, „Polnische Wirtsdiatf AuSerdem: Konzert. Variete. Anf. 5 U, Sonnt 4 U. Tanz. Kaffeekochen. Kloioos Mer Täglich 8'/, Uhr ■alser-neti Lotte ifllnder in Galante Nacht I Thalia-Theater Dresdener Str. 72-73 Täglich 8 Uhr llMorM Ertw Kose-Theater Gr. Frankt. Str. 132 8'/, Uhr Gartenbühne: •/jd Uhr nachm.: Inurt ml bintR Till. 8'/« Uhr Do- fidele Bauer Renaissance- Theater Steinplatz 901. Uhr Krankheit der Jugend Sonntag, den 17. Juni nachmittags 3'/, Uhr SONNTAG DEN 17. JUNI UeqaFPa J________ Vjatz für die Regafiaschau !it im (wellichafkficyus Grünau Sonnabend, 16. Juni 1928. �FF» Besuch in Königgrätz Moos wächst auf den Denkmälern der Schlacht.../ Von Edgar Hahnewald. Zwischen Saromer und Königgrätz fährt der Zug an der jungen Elde entlang durch die Ebene des nordböhmischen Kreidebeckens. Rechts der Strecke, weit übersehbar in ihrer schmucklosen Einsörmig- keit, verdämmernd im Flimmern des heißen Tages, breitet sich eine Landschaft, weithin verstreut, Denkmaler Klage und kriegerischen Ruhm verkünden: das Schlachtfeld von Königgrätz, die Walstatt, aus der am 3. Juli t866 die Dormachtstellung Oesterreichs im deutschen Bunde den vernichtenden Stoß empsing und Preußen sich die Heye- monie auf den Spitzen seiner Bajonette holte. Verstreut liegen die denkwürdigen Stätten: Sadowa, Ohlum, der Swiebwald, Langenhof, das Dorf, in dessen Nähe die„schöne" Reiterschlacht stattfand, über die Jähn in seiner Monographie über die Schlacht bei Königgrätz schrieb:„Wahrlich ein Schauspiel, auch eines Königs im vollen Maße wert!" lieber die Schlacht bei Königgrätz und über den deutschen Krieg von 1863 ist viel geschrieben worden. Die Bücher verstauben in den Bibliotheken, die Akten in den Archiven. Lassen wir den Staub Sieger und Besiegte, erfahren es schon. Di« Geschichte, in der die Kriege eine scheinbar wichtige Rolle spielen, führt selbst den Krieg all absurckum. Kriege wurden geführt, Kriege miteinander und Kriege gegen- einander. 1864, 1866, 1914 bis 1918, von 1876/71 hier gar nicht zu reden. Und jedesmal glaubten die Völker den Spielern am histo- tischen Schachbrett, und jedesmal zogen die Soldaten singend ins Feld. Jedesmal tremolierten die Barden, und nach jedem Kriege setzten sich die Historiker hin und schrieben ein neues Kapitel„Welt- geschicht«". Wie sagt Theodor Lessing?„Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen." Es wächst Moos auf den Schlachtfelderdenkmälern,«s wächst Gras über die Festungswälle von Königgrätz. Gutes, grünes Gras, in dem in der Mittagssonne junge Mädchen sitzen und die kurzen Sommerkleidchen über rund« Kniee zupfen. In den Kasematten klirrt der friedliche Lärm der Werkstätten, die sich dort eingenistet haben. In einem Festungsgewölbe baut«ine Hannoniumfabrik ihre unberührt. Es ist viel nützlicher, sich vom Sockel eines der vielen Denkmäler auf dem Schlachtfelde von Königgrätz aus den Lauf der Dinge zu betrachten. Als Anlaß sür den Krieg Preußens gegen Oesterreich, mit dem Bismarck im Plane seiner„Revolution von oben" ganz kühl gerechnet hatte, kam der Streit um di« Beute von 1864 gelegen. Die beiden Mächre, die den Krieg gegen Dänemark als Bundesgenossen geführt hatten, führten' nun Krieg gegeneinander, und Oesterreich wurde geschlagen. Wir wissen, wie es so weiter ging: 1879 kommt unter Führung desselben Bismarck das deutsch-österreichische Schuhbiindnis zustande! 1883 tritt Italien, mit dem Bismarck 1866 ein Angrifss- bündnis gegen Oesterreich eingegangen war, dem nunmehrigen Dreibünde bei; 1914 ziehen Oesterreich und Deutschland„mit reinen Händen" in den Weltkrieg: 191S erklärt auch Italien den beiden „Bundesgenossen" den Krieg: 1918 liegen Oesterreich und Deutsch- lend besiegt am Boden. Dänemark erhält Rordschleswig, einen Teil dessen, worauf es 1864 verzichten mußte, durch Abstimmung zu- rück. Die preußischen, sächsischen und österreichischen Schlachtendenkmäler von 1866 um Gitschin, Königgrätz, Nachod, Trautenau, Totenmale brüderlichen Blutes, verwittern auf dem Boden einer tschecho- slowakischen Republik, die sich aus den Trümmern Habsburgisch Oesterreichs erhob, zwischen dem Staate, der bei Königgrätz geschlagen wurde, und dein, der ihn besiegte. Ein Witz der Weltgeschichte, der an Ludendorffs Aufruf„Air die Jidden in Paulen" erinnert: Beim Einmarsch der Preußen in Prag am 10. Juli 1886 verkündeten Maueranschläge des preußischen Oberkommandos den„Einwohnern des glorreichen Königreiches Böhmen", daß sie durch den„Sieg der gerechten Sache ihre nationalen Wünsche gleich den Ungarn verwirk- lichen" können. Sie haben es 1918 getan, und sie hatten sich dabei auf Bismarck berufen können. Es gibt nach mehr solche Witze— nun müssen wir doch den Staub von alten Akten klopfen, oder vielmehr: Hermann Wendel hat es in den Archiven in Berlin, Wien und Belgrad getan und in seiner kürzlich erschienenen Schrift„Bismarck und Serbien im Jahre 1866"(Verlag Otto Stolberg, Berlin) veröffentlicht, was dabei zum Dorschein kam: am 36. Mai 1866 depeschierte Bismarck an den Konsulatsverweser Laubereau in Belgrad:„Falls der Krieg aus- bricht, kann uns die Bildung eines Slawischen Korps(gegen Oester- reich) nur erwünscht sein"; am 36. Juli 1866:„Sagen Sie Türr (einem Unterhändler): Für jetzt Waffenstillstand: er möge Kräfte und Mittel für die Zukunft aufsparen": am 21. August 1866 hieß Bismarck Laubereau der serbischen Regierung„unseren Dank" ausdrücken und „unsere Bereitwilligkeit, die Gemeinschaft der beiderseitigen Jnter- essen(lies: die Zerschlagung Oesterreichs) für die Zukunft zu betätigen." 1866 standen auf Bismarcks Schachbrett auch serbische Bauern als Reserve gegen Oesterreich— und 1914... Das Ergebnis? Vom Schlachtfetde von Königgrätz aus gesehen, gibt es kein„Ergebnis". Die Kriege der Völker haben nie ein Er- gebnis gehabt, das nicht schließlich durch einen neuen Krieg korri- giert wurde, nie ein Ergebnis, das nicht friedlich und reinlich zu haben gewesen wäre. Si« sind nutzlos und sinnlos gewesen, wie die früheren' Katzbalgereien der winzigen Rivalen innerhalb eines 'Landes. Und die Kriege der Kontinente werden nicht weniger sinn- fos bieiben. Wir, Teilnehmer und Mitleidende des Weltkrieges, Instrumente. Ein Arbeiter probt ein halbfertiges Werk; die orgel- artigen Akkorde klingen wie Versuche zu Chorälen. In den sumpfi- gen Tümpeln um die Sternzacken der Festungswälle tönen die kleinen Leierkast«npseife-n der Unken. Wir fetzen uns in den Rasen und schauen hinaus in die weite, flache, flimmernde Landschaft. Leise umfangen van den sanften Klagelauten der Unken. Gutes, grünes, kühles Gras! Wann darfst du alle Festunzs- wälle der Erde überwachsen...? Oer Streit um die Plomben Seit mehreren Monaten streiten sich die Aerzte über die Frage. ob die von den Zahnärzten verwendeten Amalgamplomben für Zähne sür den menschlichen Körper schädlich sind oder nicht. Mehrere Aerzte haben die Behauptung ausgestellt, daß durch die Amalgamplomben chronische Quecksilbervergiftungen durch Einatmung und Verschlucken kleinster Quecksilbermengen eintreten. Und diese Frage so schnell wie möglich zu klären, hat der Verein für innere Medizin eine Tagung veranstaltet, auf der Prof. Dr. Fleischmann über die Ergebnisse seiner Untersuchungen in der Quecksilberuntersuchungsstelle der ersten Me- dizilnschen Klinik in der Charite unternommen hatte. Da bereits auf Grund der Anklagen, die vor Jahresfrist der Karlsruher Pro- fessor und Sozialhygieniker Stock gegen die Amalgamplomben er- hoben hatte, diese Frage vom Standpunkt der Volksgesundheit Be- achtung verdiente, so hatte das Reichsinnenministerium zur Ein- richtung einer Quecksilberuntersuchungsstelle Mittel zur Verfügung gestellt, die das Städtische Hauptgesundheitsamt durch eigene Serien- Untersuchungen noch seinerseits ergänzt hatte. Die Leitung dieser beiden Untersuchungsstellen war Professor Fleischmann übertragen worden. Er bediente sich für seine Unter- suchungen der von Prof. Stock ausgebildeten Methode, die mit außer- : ordentlicher Exaktheit den Nachweis auch der kleinsten Menge von Quecksilber im menschlichen Körper ermöglicht. Professor Fleisch- mann untersuchte zunächst eine Reihe von Personen, die beruflich mit Quecksilber in Berührung kommen, und andererseits Personen mit quecksilberhaltigen Zahnfüllungen. Dabei zeigte sich zunächst. daß bei den Personen, die beruflich mit Quecksilber zu tun hatten, sich eine ganze Menge„Quecksilberträger" befanden, d. h. Menschen, bei denen das Quecksilber sich im menschlichen Körper einwandfrei nachweisen ließ, ohne daß doch die klinischen, die Erkrankungs- erseheinungen einer Quecksilbervergiftung vorlagen. Professor Fleischmann schloß daraus, daß der Nachweis von Quecksilber allein auch nicht genüge für die Feststellung einer Quecksilbervergiftung. Bei der Untersuchung der sogenannten.Lahnfälle", d. h. der Pa- tienten mit Amalgamfüllungen, war vor allen Dingen die Be- schränkuug auf solche Personen notwendig, die in keiner anderen Weise mit Quecksilber in Berührung kamen, 51 solcher Fälle sind im Laufe der Untersuchungsperiode beobachtet worden, 37 Personen davon besahen Plomben aus Kupferamalgam, und von diesen 37 Personen wurde bei 36 das Quecksilber im Körper unverkennbar nachgewiesen. Also bei 81 Proz. aller mit Kupferamalgamplomben versehenen Patienten wurde das Quecksilber im Körper nachgewiesen. Unter den 14 Untersuchten, die Edelamalgomfüllungen trugen, befand sich nur einer, bei dem Quecksilber festgestellt werden konnte. Ferner untersuchte Prof. Dr. Fleischmann 37 Schulzahnärzte und 24 Schulzahnschwestern. Fast in allen Fällen zeigte sich Müdig- keit und Kopfschmerzen, während bei zwei Personen deutliche Queck- silbervergiftungserscheinungen festgestellt wurden. Prof. Fleischmann schließt daraus, daß auch die zahnärztliche Arbeit beim Herstellen von Amalgamplomben eine nicht unbedeutende Gesundheitsgefahr darstellt. Er faßte deshalb feine Untersuchungsergebnisse dahin zu- summen, daß Kupferamalgamsüllungen unter allen Umständen zu verwerfen sind, während«r für die Edelamolgame die Gesundheits- schädlichkeit noch nicht als bewiesen ansieht. In der Diskussion» die sich an das Referat von Professor Fleischmann anschloß, hielt Prof. Stock seine Ansicht, daß auch die Edelamalgame eine außerordentliche Gefahrenquelle für die Gesundheit seien, aufrecht. Er selbst konnte über mehrere Quecksilbervergiftungen durch Edelamalgame berichten, und berief sich auf die Ausführungen der Physiker Zange und Prof. Haber, daß Edelamalgame sehr ungleichwertig seien und deshalb keine Garantie.für ihre Unschädlichkeit gegeben sei. Es ist anzunehmen, daß auf Grund dieser Forschungen in Kürze vom Reichsgesundheitsamt ein Verbot für die Verwendung von Kupferamalgamfüllungen erlassen wird. Professor Stock verlangt übrigens darüber hinaus die Liquidierung aller Amalgame durch die Zahnheilkunde und die Aufklärung des Publikums über die Gefahr, die mit den Amalgamfüllungen verbunden ist. Hr. med. G. S. WAS DER TAG BRINGT. iiiiiiiinmiiiiiiiiiiiiiiiimiiiimiiiiiiiiiiimmiimmMimiiiiniiiiiiimimiiunmnimiiiiiiMmmmiiliflniniiiiiiiiimmiiiiimiiiiMnmniiiiiiinnirmiiiimiiiiiiiimiiniiiMmiiiiiiiimiiiiiniiii Das Opernglas„ä Discretion"! In einer Berliner Zeitung der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts finden wir folgende Anzeige: „Neueste Pariser Novität. Operngucker i discretion! Das Originellste und Interessanteste sür die Herren- weit. Vermittelst dieser höchst sinnreichen Erfindung ist jeder Herr imstande, die Damen im Theater und an öffentlichen Orten so zu mustern, ohne sie direkt anzusehen, daß er sie dock) nahe vor Augen hat und die betreffenden Damen keine Ahnung davon haben, daß sie der Gegenstand der Auf- inerksomkeit sind. Binnen 14 Togen wurden In Paris 16 666 Stück dieses Opernguckers i discretion verlauft. Alleiniges Depot usw." Man kann sich vorstellen, daß diese„diskretionäre" Einsicht- »ahme in die Reize der Damenwelt sich vor allem auf das damals für den Theaterbesuch, namentlich des„königlichen" Instituts, von der Mode vorgeschriebene„Dekollete"(Entblößung von Brust und Rücken) erstreckte. Die Berliner Herren und die im Winter zur „Residenz" eilenden Landjunker wußten den äußeren Anstand mit der Schaulust zu befriedigen. Das Schönste an der ganzen Geschichte ist aber, daß die Zeitung, die dieses Inserat brachte, die tugendhaste „Neue Preußische Kreuz-Zeitung" war. Aber wenn sie im Text die edlen Gottesstreiter v. Gerlach und v. Thadden- Trieglaff aufmarschieren ließ, dachte sie hinsichtlid) des Inseraten- teils: Geld stinkt nicht! Gedächtnisschwund und flypnotlsmus. In Belfast(Irland) wurde einer Anstalt im Dezember vorigen Joh-es ein Mann namens Matt überwiesen, der das Gedächtnis verloren hatte. Genauer gesagt: die Erinnerung. Er konnte sich auf nichts besinnen, was Aufschluß über sein früheres Leben hätte geben können. Man griff daher zur Hypnose. Täglich wurde der Mann in hypnotischen Schlaf versetzt, man richtete an ihn Fragen. die er beantwortete, ja, einmal erzählte er hintereinander eine halbe Stunde lang im Traneczustand, und seine Worte wurden stenogro- phisch festgehalten. Alles, was man erfahren konnte, war, daß er Im englischen Heere gedient hatte. Bei einem späteren Versuch wurde festgestellt, daß er von�Lerus Chemiker für Speziolanalysen war. Man führte ihn in das Laboratorium der städtijchen Gas- anftalt, wo er durch seinen Umgang mit den Apparaten und Chemi- kalten bewies, daß er Chemiker war. Andere Feststellungen aber waren nicht zu machen. Wie Götze Mammon bewacht wird. Das neue Gebäude für die Bank von England ist fertiggestellt, und zwar so, daß auch die kühnsten Geldschrankknackerträume an seinen Betonmauern und Panzerplatten zerschellen müssen! Das Fundament reicht 56 Fuß(mehr als 15 Meter) in die Tiefe und ist 8 Fuß dick, aus bestem Stahl konstruiert, der insgesamt 56 Panzer- gewötbe umschließt, lim nur in den Hauptraum der Stahlgewölbe zu gelanLe», müßten 166 der gewiegtesten Geldsd)rankknacker ei» ganzes Jahr lang ununterbrochen arbeiten, ja, ntckst einmal 16 Tonnen Dynamit können das Gebäude in die Lust sprengen. Dabei müsse noch vorausgesetzt werden, daß alle Wächter der Bank ein Jahr auf Urlaub sind und sämtliche Alarmeinrichtungen wie auf Verabredung versagen. Aber sie versagen nicht! Si« sind so empfindlich, daß ein Handschuh,«ine Brieftasche oder ein anderer nicht schwerer Gegenstand, der am unrechten Orte fällt, alle Alann- glocken in Bewegung setzen. Dabei sind die riesigen Panzertüren zu diesen Gewölben so fein ausbalanziert, daß sie von einem K'inde spielend in Bewegung gesetzt werden können, wenn— ja, wenn all« Kombinationsschlösser richtig eingestellt sind. Der Volksstamm im Krater. Das Innere von N e u- G u i n e a ist immer noch herzlich wenig erforscht, die australische Regierung hat daher kürzlich eine Expedition ausgerüstet, die auch ziemlich weit vordrang. Etwa 166 Kilometer von der Küste von Madang entfernt, bestieg di« Expedition ein ziemlich hohes Gebirge und fand auch einen großen Krater eines erloschenen Vulkans. Etwa 260 Meter unter dem Kraterrand befand sich ein See mit einer Flädie von etwa 16 Qua- dratkilometern. Die ein« Uferfeit« des Sees war bewaldet, und au, dem Walde stiegen Rauchsäulen auf, die verrieten, daß er bewohnt war. Es war jedoch unmöglich, zu der Eingeborenensied- lung zu gelangen. Di« Stämme rings um das Gebirge wußten nichts von dem Dasein der Vulkanmänner, machen sie aber für das unerklärliche Verschwinden einiger Frauen ihrer Stämme verant- wortlich. PgR GflBC DTOAM 7. Fortsetzung. „Mr. Ouayre?" wiederholte sie apathisch. Mit einem Male aber griff sie nach Cranmores Arm. „Jim, warum fragt er mich danach?" „Weil Ouayre die einzige Person ist, die Camren in diesem Teil von London kannte. Du weißt, er wohnt in irgendeinem Atelier am Ende dieser Strohe..." „Brote Ateliers," sagte das Mädchen unwillkürlich.„Und wie heißt dann die Straße hier?" „Aldonstraße!" kam die Antwort scharf und bestimmt von Manderton. Und wir hoben Gründe anzunehmen, daß Ihre Schwester zwischen diesem Laden und den Atelierhäusern erstochen wurde. Daher ist es für uns wichtig, zu wissen, ob Mrs. Cron- more wirklich Mr. Quayres Atelier heut« nachmittag betreten hat oder sich vielleicht auf dem Weg dahin befand.." Dolores Driscol sah auf und begegnete dem Blick Boulots, der sie aufmerksam beobachtete. Ein« schwache Röte stieg in ihre Wangen. Sie schlug die Augen nieder und wandte sich an Manderton. „Ich kann's Ihnen nicht sagen. Mein« Schwester und ich aßen zusammen zu Mittag zu chause. Sie war den ganzen Tag, der Hitze wegen, noch nicht draußen gewesen, und sobald es etwas kühler war, wollt« sie in ihren Klub zum Tee gehen..." Die Tür des Hinterzimmers öffnete sich und die Polizei- photographen erschienen auf der Schwelle. Zu gleicher Zeit tönte die Ladenglocke, und eine Stimme fragte nach Mr. Manderton. Der Polizist ging zur Tür. Eine Sekunde später bat er Mr. Cran- more zu sich. ,.Am besten wär's, Sie würden mit der jungen Dame jetzt �iack' Hause gehen," sagte er.„Die Leute sind da, um die Leiche �ortzuschasfen... und dos möchte doch zu aufregend für Miß Dri-col werden. Morgen früh wirds mein erstes sein, Sie aufzu- j-j.ven." Er öffnete die Tür einen Spalt breit und rief den Leuten draußen etwas zu. „Boulot," sagte Cranmore eindringlich,„Sie kommen doch mit uns? Sie müssen... ich kann jetzt nicht allein sein..." „Es isl Chinesisch- wer ß." Boulot schüttelte erst den Kopf, schien sich dann aber ander» zu besinnen. „Wenn Sie mich als Freund nötig haben...," sagte er, „dann..." Aber er erklärte, daß er nicht gleich mitgehen könne. Da wäre noch einiges mit diesem„eher Manderton" zu besprechen. Er würd« später in einem Auto nachkommen. So wurde es denn auch ausgemacht Cranmore gab ihm den Hausschlüssel und erklärt« ihm die Lage seines Zimmers im ersten Stock rechts, neben dem Trepp«nobsatz., Dann bat er Boulot, Dolores nach dem Wagen zu führen. Als sie draußen war, betrat er noch einmal, diesmal allein, das Zimmer, wo seine tote Frau lag. Nach kurzer Zeit kam er zurück und ging, ohne nach rechts oder links zu blick«», schwankend wie «in Blinder durch den Laden auf die Straß«. Smith, der ihm die Tür offen hielt, sah, daß sein Gesicht von Tränen über- strömt war. Zehn Minuten später herrschte wieder Ruhe in dem kleinen Loden. Die Photographen waren fort, und die Leiche war in die heiße, dunstige Aldonstraße hinausgetragen worden. Auch Smith und der„Strohhut", den Manderton mit„Mallow" anredete, waren mit geheimnisvollen Aufträgen des Inspektors entlassen worden. Manderton und Boulot saß«n allein auf ihren Küchen- stühlen hinter dem Ladentisch. Sie hatten die Einladung Mr. Ruddicks „zu einem Tropfen heißen Kakaos" angenommen, und bald darauf schälte sich der Drogist aus seinem Winkel mit einem Tablett, auf dem zwei dampfende Tassen standen. „Dürfte ich mir die Freiheit nehmen, Inspektor," sogt« er zögernd,„zu fragen, ob Sie schon ein« Spur haben?" „Gehen Sie ins Bett und seien Sie kein Narr, Ruddick," er- mahnte ihn Manderton.„Wegen des Ladens brauchen Sie sich nicht aufzuregen Ein Konstabler in Uniform wird die ganz« Nacht draußen stehen." Gehorsam verschwand der Drogist. Sie hörten ihn die Treppe zu seinem Schlafraum hinausstolpern. Manderton sah zu Boulot hinüber, blies eine mächtige Rauchwolke aus seiner Pfeife, nahm einen Schluck Kakao, lächelte und setzte die Tasse wieder nieder. „Sie sind ein richtiger Blusfer, Boulot," sagt« er endlich. „Hotte Ihre Frau die Gewohnheit, Ateliers zu besuchen?" so haben Sie Cranmore gefragt. Mit solchen Rotereien werden Sie bei den Geschworenen nicht weit kommen. Di« wollen für alle» Beweise haben, lieber Freund!" Boulot zog die Augenbrauen in die Höhe. „Commcnt Ratereicn? Sie wissen doch sicher, daß es sich um einen Ateliermord handelt!" Manderton lacht«. „Freilich— nachdem uns Mr. Ruddick mitgeteilt hat, daß unser Herr Maler hier um die Ecke wohnt." Statt einer Antwort griff der Franzose nach dem Messer, da» noch immer aus dem Lodentisch lag. „Wollen Sie mir gefälligst sagen, was das ist?" Er wies auf einen kleinen, weißen Schmierfleck aus der Schneid«.„Ich will? Ihnen selber sagen:«s ist Chinesisch- weiß, wie's die Maler be- nützen. Was schauen Sie mich denn so an? Hon eher collegrje, da» scheint mir außerordentlich schlagend für die fundamentalen Unterschiede unserer beiden Nationaltemperomente. Ich möchte daraus schwören, daß wir beide bald miteinander auf das gleiche Ziel lossteuern werden— aber aus verschiedenen Wegen! Sie gehen vom Lokalaugenschein aus, für mich war's eine Be- stätigung..■ „Bestätigung von was?" fragte Manderton, an seiner Pfeife ziehend. „Bon dem, was ich am Ellenbogen der Toten entdeckte.. „Sie meinen die braune Schmiere?" Boulot rollte sich ein« Zigarette und nickte. „Oelfarbc," antwortete er.„Und mit dem Bergrößerungsglas. fand ich Spuren davon auch auf ihrem kurzen Aermel. Als wie wenn sie eine Palette oder ein noch nasies Bild damit gestreist hätte. Das brachte mich auf die Idee, dos Messer noch genauer zu untersuchen... et voi!»: es ist als Palettenschober gebraucht worden. Sie könnens deutlich an der abgewetzten Schneide sehen. Aber neuerdings war's nicht in Gebrauch. Das Weiß ist zu hart. Schauen Sie nur her. Uebrigens"— er warf einen scharfen Blick nach dem Engländer hinüber—„scheim es mir, als ob das Mädel das Messer wiodererkonnt hätte..." „Miß Driscol?" „Allerdings! Sie kam her auf dieses furchtbar« Gerücht hin. um etwas über ihre Schwester zu erfahren, unseren Freund Cran- more zu finden und zu hören, ob die schreckliche Geschichte wahr wäre. Sie sieht mich, wie ich dos Messer in der Hand halt«. Sie bleibt stehen. Sie blickt nicht mich an, nicht Cranmore— sondern das Messer." Manderton schüttelt« zweifelnd den Kopi. „Bon einem jungen Mädchen darf man doch erwarten, daß sie vor dem Messer erschrickt, mit dem ihre Schwester erstochen wurde." „Bielleicht. Vielleicht haben Sie recht." „Nachdem Sie schon so weit sind," sagte Manderton ein wenig von oben herab,„können Sie mir oielleicht auch mitteilen, wo Mrs. Cranmore ermordet worden ist?" Boulot lächelte freundlich. „Nicht unmöglich, wenn wir beide jetzt einen Spazierganz durch die Nachbarschaft machen wollten. Haben Sie«inen Plan?" Manderton zog aus seiner Tasche ein zusammengefaltetes Blatt und breitet« es auf dem Ladentisch aus. „Hier ist der Katofterplon in großem Maßstab," sogt« er und nahm den Bleistift zur Hand.„Schauen Sie her: da hoben Sie die Ecke von der Aldon- und Branscombestraße, wo Mrs. Amschel zuerst Mrs. Cranmore sah. Ich mache ein Kreuz hin. Nun die Mdonstraße 4Z Meter heraus, dann sind wir vor Mrz. Amschels Laden, wo Mrs. Cranmore zusammenstürzte. Ich werd's auch an- merken. Sie sehen, daß die Aldonstraße die Branscombestraße schneidet, die in den Brokeplatz ausläuft. Der Platz hat nur die paar Häuser, und dahinter geht's nichr weiter, da ist die Eisenbahn. „Nun hat Sporran, der Polizeiarzt, den Sie ja gesehen haben, ausdrücklich erklärt, daß Mrs. Cranmore unmöglich imstande war, länger sich auf den Füßen zu halten, als die Entfernung von der Ecke zum Laden der Jüdin beträgt. Das verengert den Kreis wesentlich, in dem die Tat geschehen sein kann. Sie folgen mir doch?" „Selbstverständlich! Man könnt« sich ja gar nicht klarer aus- drücken." „Sie werden mir also zugeben, daß wir die gegenüberliegende Seite der Aldonstraße außer Betracht lassen dürfen, da Mrs. Amschel die Dame von der Ecke bis zum Laden beständig im Auge hat«. Wenn wir uns daher an den Plan halten, können wir genau feststellen, auf welchen Umkreis unsere Untersuchungen sich zu er- strecken haben. Das sind die Häuser zwischen Mrs. Amschels Laden und dem Wirtshaus an der Ecke, die Schule an der Ecke von der Dranscombe- und Bortonstraße, das Kloster an der Ecke vom Brokeplatz und die Atelierhäuser dort. „In den drei Häusern zwischen dem Laden der Jüdin und dem Wirtshaus hoben wir bereits Nachforschung gehalten. Auch die Leute, die auf der gegenüberliegenden Seite wohnen, sind ver- nommen worden. Aber niemand hat Mrs. Cranmore gesehen, weder vor noch nach dem Verbrechen. Freilich, bei der alten Hehlerin, der Mutter Rachel, wie wir sie früher zu nennen pflegten, habe ich meine Bedenken. Bor zehn Iahren war sie sozusagen eine Be- rühmtheit im Osten von London. In der letzten Zeit hat's ja nichts mehr mit ihr gegeben, aber natürlich überwachen wir sie, und so weit scheint ja ihre Geschichte auch ganz klar und in Ordnung zu sein. Die Schule war heut« geschlossen, und im Kloster wissen sie auch von nichts. Zwischen dem Wirtshaus und den Atelierhäusern liegt nur«in eingeplankter Bauplatz. Ist also Mrs. Cran- more nicht auf offener Straße erstochen worden— und dann müßt« man doch ihr Geschrei gehört hoben—, so bleiben als Tatort nur noch"— Manderton machte ein« dramatische Paus«—„die Atelierhäuser!"(Fortsetzung folgt.) Rätsel= Ecke des„Abend". Kreuzworträtsel. Wage recht: 1. Schutzgeist:?. Flüssigkeitsbeholter: 4. Zu- stimmungswort: S Umstandswort des Ortes: 7. Solqtbeiguß: 8. geo- graphischer Begriff: 10. Geschlechtswort im zweiten Fall: 11. bei- gischer Badeort: 12. Kurzwort für einen flotten Herrenrock: 13. Tonart: 15. Vorfahr«: 16. Bindewort: 17. Zurusswort: 18. Längenmaß: 21. jagdbares Tier. Senkrecht: 2. Bertiefung: 3. friesischer männlicher Vorname: 4. Heiland: 6. alttestamentliches Wasserfahrzeug: 7. wüst: S. handeln: 14. Papstsig: 15. kleiner Nebenfluß des Rheins: IS. persönliches Für- wort: 20. Kurzform eines Bindewortes. Außerdem ergibt die Mittelsenkrecht« den Namen einer deliebten Filmschauspielerin. Zahlenrätsel. 1 234 5. 67896 10 85 11 politisches Ereignis 2 1 3 4 5 männlicher Borname 3 7 8 11 3 8 Name eines Luftschiffs 4 5 3 11 2 Staat in Südamerika 5321814532 Priesterherrschaft 6 7 8 5 11 Metall 7 2 3 4 5 Gewässer 8 1 1 2 6 7 Haft 9 2 1 3 4 5 7 Organ der Justiz- Verwaltung 6 2 2 9 1 8 6 Meerespflanze 10 8 1 7 2 5 8 11 11 2 Aufenthaltsraum 8 4 5 8 7 Halbedelstein 5 8 9 1 11 Niederschlag 11 2 9 8 7 Vermächtnis Silbenrätsel. Aus nachstehenden 70 Silben: a band bank b« bel bet bid drei car cher cog da dreh« ei ein en en er erbs ge ges gold han Hirn i in ir ka toi kel la lack lond lis ma na na na nac ne nir niz no no nu nun preis rek rew ri rin ro» schreib schütz seh ser ter ti tisch tor tu uhr ver oiew wa wal wild za zi sind 30 Wörter zu bilden, deren Endbuchstaben von oben nach unten und Anfangsbuchslaven von unten nach oben gelesen ein Zitat von Schiller ergeben(sch_ 1 Buchstabe).— Die Wörter bedeuten: 1. Stadt in Oberitalien: 2. Wasserfahrzeug: 3. verschollener Ozean- flieger: 4. europäischer Dasallenstaat: 5. Teil de» Körper»: 6. Schul- leiter: 7. Liebesgott: 8. Lond in Asien: 9. buddhistisches Ideal: 10. Beruf: 11. Blume: 12. Radteil: 13. journalistische Äusfragung: 14. Bedierrier: 15. Stadt und Provinz in Preußen: 16. Leuchtstoff: 17. Teil des Buche»: 18. Oper von Berdi; 19. Schweizer Kairton: 20. Möbelstück: 21. Oper von Wagner: 22. Likör: 23. mechanisches Werkgerät: 24. schwedische Stiftung: 25. Ort an der Riviera: 26. Nachkomme: 27 Oper von Lo'rtzing: 28. Fluß in Rußland: 29. nahrhastes Gericht: 30. Teil des Korpers. Lp. Oos alte Stadtiof. Dies altertümliche Stadttor mit 2 Zugängen und 4 Guck- fensterchen hat der mittelalterliche Baumeister aus Querfchichten von 8 verschiedenen Steinen gebaut. In der rechten Hälfte der beiden oberen Reihen ist bei einem Umbau aus Mangel an geeigneten Steinen anderes Material verwandt. Jeder Stein entspricht einem der folgenden Buchstaben: d v sah» I n e k Bon oben nach unten gelesen, ergeben die senkrechten Reihen: 1. Schnur: 2. abgeschmackt: 3. flacher Kuchen: 4. Verkaufsstelle: 5. Golf beim Roten Meer: 6. die muskulösen Partien in den Unter. schenkeln: 7. Brodem, schlagende Wetter: 8. Ausruf des Bedauerns: 9. Nachteil._ Auflösungen der Rätsel aus voriger Nummer. Kreuzworträtsel. Wagerecht: 10. Uhu; 11. Alterl 12. Eos: 14. Legis: 16. Stirn: 16. Aron: 17. Enno: 13. Ala: 26. Tibet: 27. Maria: 29. an: 30. am: 31. Bo!»: 34. bis: 37.ro.— Senkrecht: 1. Chor: 2. Hugo: 3. Rain: 4. Iis«: 5. steil: 6. Testament: 7. Orte: 8. Pein; 9 Horn: 10. Ulan: 13. Snob: 18. Auto: 19. Amme: 20. Kino: 21. ob: 22. Lee: 23. Bar: 24. Ur: 25. Star: 26. Tabu; 28 Amor: 32. Lea; 33. Som: 34. Bon: 35. ihr: 36. Ski: 37. Crk: 38. Boa. Silbenrätsel: 1. ZNorast: 2. Idee, 3. Rübe: 4. Krefeld: 5. Ampel: 6. Nimrod: 7. Nimbus: 8. Kasse: 9. Einhard: 19. Elster; 11. Nauheim: 12. Amsel.— Mir kann keena. Geschlechtsrätsel: Die Taub«— Der Taube. Visitenkartenrätsel: Samariter. Buchstabentauschrätsel: Kapital— Kapitel— Kapital— Kapital. j Scherzsrage: In meiner Tasche hast du gar nicht», j Nr. 2S2 45. Jahrgang Sonnabend 16. Juni 1928 Aus dem Reiche der Chemie Die Schwefelsäure. Di« Schwefelsäure ist das wichtigste chemische Erzeugnis, in ihrer Bedeutung für die Industrie ist sie der Kohle und dem Eisen nahezu gleich zu stellen. Sie ist die Grundlage für die Her- stellung der wichtigsten Kunstdünger, des Superphosphats und des A m m o n f u l f a t s, sie ist unentbehrlich für die Her- stellung der Salzsäure und des Natriumjulfats und damit des Glases, der Salpetersäure und damit der Sprengstoffe, namentlich aber für die gesamte Farbstoff- und Heilmittelindustrie. Ihre Eigenschaften sind wchl allgemein bekannt: sie ist in unver- dünnter Form ein« farblose, ölige Flüssigkeit von außerordentlicher ätzender Wirkung. Ditriolattcntat« sind ein beliebtes Mittel eifersüchtiger Frauen, ihrer Gemütsbewegung dauerhaften Ausdruck zu verleihen. In Papier, Kleider ufw. frißt die Schwefelsäure Löcher, überhaupt wirkt sie auf die meisten organischen Stoffe zerstörend und verkohlend. Schwefelsäure zu erhalten. Nun müssen aber die Röftgase vollkommen rein sein, das heißt, nur aus einem Gemisch von Schwefeldioxyd und Lust bestehen, da andernfalls die Kontaktmasie, platiniertes Asbest, sich mit Staub bebeckt und unwirksam wird. Die vollkommene Be- reinigung der Röstgase, die viel weiter gehen muß als beim Blei- kammeroerfahren. hat anfänglich außerordentliche Schwierigkeiten be- reitet, die aber schließlich durch die Arbeiten von Knietsch über- wunden wurden. Die Berunreinigungen, besonders das schädliche Arsen, werden durch eingeblasenen Wasserdampf niedergeschlagen. Auch die Bereinigung von Schwefeltrioxyd mit Was- ser ging nicht so leicht vor sich, wieman erwartet hatte, da dabei stets Nebel von Schwefeltrioxyd entwichen, was natürlich«inen Verlust be- rcitcte. Daher leitet man jetzt dos Schwefeltrioxyd nicht in Wasser, sondern in 97- bi» 9Sprozentige Schwefelsäure, wobei keine Verluste stattfinden. Durch Zufließen von Wasser oder verdünnter Säure hält man diese Konzentration stets gleich. ÜaM I_L Cr\0M«T Die Fabrikation. Wie geht nun die fabrik- mäßige Erzeugung dieser Säure vor sich? Es werden heute zwei verschiedene Verfahren angc- wandt: das Bleikammerverfahrcn und das Kontaktversahren. Beschästigen wir uns zu- nächst mit dem Bleikammerver- fahren. Als AusgaugsroWoff dient Schwefel, meistens aber dos auch allen Funkbastlern als De- tektormaterial bekannte Eisenties(Pyrik), der etwas weniger reine, fast immer eisenhaltige Säure liefert. In großen Oefen wird der Kies e r ö st e t", das heißt, unter Luftzutritt verbrannt. Berbrennungsvorgänge sind im allgemeinen mit der Aufnahme von Sauerstoff verbunden, und so verbindet sich beim Rösten auch der im Kie? enrholtenc Schwefel mik dem Sauerstosf der Luft und es entsteht ein Gas, dos Schwefel- dioxyd. Die Röstöfen sind in mehreren Etagen gebaut, der zer- kleinerte Kies fällt zunächst auf die oberste Etage und wird durch gekühlte, stets in Bewegung gehaltene Rührarme gleichmäßig ver- teilt und auf die darunter gelegene Etage geschoben. So wandert der Kies langsam von oben bis unten über alle Herdplatten und wird dabei abgeröstet. Eine Erhitzung von außer he: ist nur bei der Ingangsetzung notwendig, denn Pyrit entzündet sich bei 400 bis S00 Grad und verbrennt dann ohne weitere Wärmezufuhr. Der nahezu schwcfelfreie Kiesabbrand enthält 55 bis 67 Proz. Eisen und geht in die Cisenhochöfen. Begleiten wir nun die schwefel dioxydhaltigen Röstgasc auf ihrer weiteren Wanderung durch das Werk. Aus den Röstöfen gelangen sie zunächst in die„Staub kammer", wo sich die vom Gasstrom mitgerissenen festen Teilchen ifTiininrrimiiiiiiiHiiiniiiitimiiimii;imiiiu>innn!Hiiiii!iinr3 Gegenwärtig werden die ungeheuren Mengen Schwefelsäure, die die Industrie konsumiert, sowohl nach dem Bleikammerverfahren als auch noch dem Kontaktprozeß hergestellt. Dr. Robert E- Wie man Atome beobachtet. Von Dr. Bruno Borchardl. Im SHffc.Sftlag ist eine Heine Arbeit unsere»(Senefsen Dr. Brun» Borcharbt erschicncn, die dir Wandlungen der Atom- Vorstellungen im Laufe der Jahrtausende behandelt. Da» Buch gibt zu nächst einen Begriss van den Atomvorstellungen bei den griechischen Philosophen, behandelt Elemente und Aiome im Mittelalter bis zum Beginn der wissenschaftlichen guantitotiven Chemie. Im Anschlug daran werden die modernen Vorstellungen von Atomen einer immer volkstilmlich bleibenden Besprechung unterzogen. Wir geben «u» dem Inhalt de. Buche» im folgenden einen Abschnitt wieder. Rutherford(der große englische Chemiker) stellte zuerst eine Theorie des Atomzerfalls auf. Bevor wir darauf eingehen, wollen wir noch einige Worte über die Art des Beobachtens sagen, denn es handelt sich um derartig geringe Mengen, daß alle chemsschen Dersuchsmethoden völlig-versagen. Wenn man die Spitze einer Nadel in Radiumlösung taucht, so daß etwas Radium an ihr hasten bleibt, und dann die Nadelspitze einen Zentimeter vor einem«schirm aus Zinksulfit hält, so sieht man im Dunkeln mit einer guten Lupe auf dem Schirm unausharlich Lichtpünktchen aufflammen und wieder verlöschen, und dieses Schau» spiel dauert unverändert stundenlang. Jedesmal, wenn ein Alpha- teilchen, dos nur den 150 000 trillionften Teil eines Gramme? wiegt, mit seiner großen Geschwindigkeit in den Schirm dringt, ruf: es dies« Lichterscheinung hervor. Mit einer Taschenuhr deren Ziffern mit einer leuchtenden radioaktiven Substanz bestrichen sind, kann man im dunklen Zimmer die Alphateilchen in Masse einschlagen sehen, be- ständig glimmen die Lichtpunkte auf und verlöschen wieder, so daß das Ganze in einer beständigen Unruhe wie bei einem lebenden Wesen zu sein scheint. Man kann die einzelnen aufflammenden Pünktchen zählen und so berechnen, wieviel Alphateilchen, das sind Heliumatome, von einem Gramm Radium in der Sekunde ausge- schleudert werden. Durch eine sinnreiche Methode, die Ruthersord 1909 ersonnen hat, gelang es sogar, den Vorübcrgang jedes einzelnen Atoms selbsttätig aufzuzeichnen. Diese Methode ist noch vervoll- kommnet worden, indem der Raum, den sowohl Alpha- als Beta- Teilchen, also sowohl Heliumatome als Elektronen durchfliegen, mit einer schwachsummenden Loutquelle verbunden war deren Laut je- doch nur übertragen wurde, wenn die elektrische Leitfähigkeit des Raumes während des Durchgangs von Teilchen für einen Augenblick vergrößert wurde. Der schwedische Forscher Prof. S t ö r m c r be- schreibt den Apparat, den er 1923 in Paris in der Ausstellung der Physikalischen Gesellschaft sah und schildert die Wirkung mit folgen- den Worten:„Jedesmal, wenn ein Heliumatom durch den kleinen lufwerdünnten Raum flog, hörten wir einen dumpfen schlag, als ob eine Kartoffel gegen ein Metalltablett geworfen wurde, und wenn ein Atom hindurchflog, fo schien es, als ob dos Metalltablett von einer Erbse getroffen wurde. Dieses Berkwürdige Bombardement konnte nach Belieben mehr l�>er weniger stark hervorgerufen werden, je nachdem die Experimentatoren den radioaktiven Stoff dem Apparat näherten oder von ihm entfernten: in einer hinreichenden Ent- fernung erreichten ihn die Alphastrahlen, d. h die Heliumatome, nicht mehr, und wir hörten reine durch die Elektronen hervorgerufene „Erbsentäne": brachten wir den Stoff dem Apparat näher, so kam der kräftig« Schall der„Kartoffeln" hinzu und zeigte an. daß nun auch Heliumatome hindurchgingen. Er fügt hinzu:„Wenn wir daran denken, daß dies« kleinen Geschosse so klein sind, daß von den Heliumatomen 150 000 000 000 000 000 000 000(lies 150 000 Tril- lionen) auf«in Gramm geben und von den Elektronen noch über 7000mal mehr, so können wir sagen, daß wir das Märchen von dem Knaben, der dos Gras wachsen hört«, verwirklicht haben! Das Ergebnis dieser Experimente war, daß ein Gramm Radium. befreit von den neuen radioaktiven Stossen, die sich aus dein Radium stetig bilden, in jeder Sekunde 36 Milliarden Heliumatome aussendet, und zwar Tag für Tag, Jahr für Jahr, ohne daß sich die Anzahl merklich verändert" Noch auf andere Weise sind die Bahnen, welche Alpha- oder Beta-Teilchen durchlaufen, direkt sichtbar und sogar photcgraphierbar gemocht worden, und zwar von dem englischen Forscher Wilson. Der in der Luft ständig enthaltene Wasserdamps ist eben so durch- sichtig wie die Luft selbst. Eine bestimmte Menge Luft kann aber bei einer bestimmten Temperatur nur eine bestimmte Wasserdamps- menge enthalten; sie ist dann, wie man sagt, mit Wasserdamps ga- sättigt und nimmt weiteren nicht mehr auf. Diese Sättigungsmenge ist größer bei höherer, geringer bei niedrigerer Temperatur. Ver» ringert man also die Temperatur einer mit Wasserdampf gesättigten Luftmeng«, so muß ein Teil des Wasierdampfes in Form flüssigen Wassers sich niederschlagen. Das geschieht in Form kleiner Tröpfchen, die dann als Nebel in der Luft schweben bleiben. Solch« Nebel- bildung wird außerordentlich er- leichtert, wenn die Luft etwas Staub enthält, was immer der Fall ist, wofern die Luft nicht be- sonders gereinigt ist Die Staub- teilchen wirken als Nebelkerne, an denen sich die Wassertröpfchen schon bei geringer Temperatur- crniedrigung bilden. Ebenso wie Staubteilchen wirken in dieser Be- ziehung auch Gasjonen, also die in ihr« elektrisch geladenen Atome zerfallenden Moleküle der Luft bzw. des Stickstoffs und Sauer- tosfs, aus denen die Luft ja ein Gemisch darstellt. Nun haben die Alpha- und Beta-Teilche» die Eigenschaft, beim Durchgang durch Lust diese elektrisch leitend zu machen, d. h. sie zu jonisicren. Es findet also beim Durchgang dieser Teilchen eine Zerspaliung der Luftteilchen statt, sc daß aus je einem Gasmolekül ein posi- lioes und ein negatives Ion«nt- steht. Den Raum, der die mit Wasserdampf fast gesättigte Luft enthielt, nannte Wilton bei seinen Versuchen die Wolken- kammer; in diese ljeß er Alphateilchen eintreten, welche die Luft jonisierten und auf ihrem Wege ein« große Zahl von Gasjonen bildeten. Nun wurde die Temperatur plötzliä) erniedrigt, was leicht dadurch geschieht, daß man die Wolkcnkamwer mit einem anderen Raum, in welchem Lust von geringcrem Druck enthalten ist, in Ver- bindung setzt. Bei dem entstehenden Ucberströmen der Luft und der damit verbundenen Volumenvermehrung tritt eine beträchtliche Temperaturerniedrigung ein, weshalb an den Ionen sich sofort Wasserdamps niederschlägt, so daß man in der Wolkenkammcr feine Nebelstreisen sieht, die ganz direkt die Bohnen bei Alphateilchen be- zeichnen. Man kann diese Bahnen sogar durch plötzliche im lichligeii Moment eintretende starke Belichtung gegen einen dunkien Hintergrund auf der phetographischen Platte festhalten. Man hat so die Atome und ihre Bahnen ganz unmittelbar sichtbar gemacht undphotographiert. Diese Photozramme wessen nun ganz merkwürdige Eigenschaften auf. Zunächst siebt man, daß jeder Strahl ganz plötzlich aufhört, also eine ganz bestimmte Reichweit« von nur wenigen Zentimetern besitzt Aber weiter sieht man bei einigen Strahlen, daß sie kurz vor ihrem Ende eine plötzliche scharfe Umbiegung erlitten haben, wodurch die bis dahin gradlinige oder fast gradlinige Bahn«inen Knick, einen kleinen Ansatz unter einem stumpfen Winkel bekommen hat... Aus allen diesen Tatsachen zieht Ruthcrford den Schluß. daß ein Atom ein recht komplizierter Körper sein muß, der seinen Raum keineswegs völlig erfüllt, vielmehr müsse er so gestaltet sein. daß er von dem Alphateilchen im allgemeinen völlig ungehindcrt durchflogen werden kann. Alle Seltsamkeiten in den beobachteten Erscheinungen finden eine ungezwungene Erklärung, wenn man an- nimmt, daß ein Atom einen positiv geladenen Kern besitz' der im Verhältnis zu dem ganzen Atom außerordentliä: klein ist, und daß um diesen Kern in verschiedenen verhältnismäßig großen Entfcr- nungen Elektronen, d. h. negative elektrische Elementorladungcn kreisen. Ein Atom stellt demnach gewissermaßen ein Planeten- system im kleinen dar, wobei der Kern die Sonn« vorstellt, während die Elektronen die Planeten sind. vücher für Alle. Dr. 0. Zellinek:»DasHolz und die Technik." 78 Seiten und 29 Abbildungen. Verlag Dieck u. Co., Franckhs Tech- nischer Verlag. Stuttgart. Preis geheftet 1,80 M., geb. 2,50 M. Das Buch Dr. Jellineks gibt auf knappem Raum gleichsam di« Geschichte des Holzes. Wir sehen, wie der Wald in der Natur wächst, wir erfahren seine Geschichte, wir lernen die vielen Gesahren kennen, die ihn bedrohen, bevor d'e Bäume hoch in den Himmel ragen und nun den Werkstoff abgeben können für zahlreiche Dinge, die der Mensch aus dem Gejchenk des Waldes erzeugt. Es solgl nun die Verwertung des Holzes. Hier lernen wir die Holzarten kennen und die Zwecke, für die sie oerwandt werden. Und dann beginnt die Verorbeitung zum Edelprodukt. Sägewerk und Schneidemühlen nehmen die erste maschinenmäßige Bearbeitung vor. Das Holz wird ,zu Brettern, zu Fournieren, Sperrholz. Leisten und tausend anderen Dingen umgeformt. Wir lernen die Maschinen kennen, durch die diese Betriebe rationell gestaltet wurden, und sehen wie die Technik des Werkzeugmaschinenbaues sich hier den gesteigerten Anforderungen angepaßt hat. In einem weiteren Abschnitt wird die Wichtigkeit des Holzes für die Chemie eingehend dargestellt und dann folgt ein Kapitel, das eine der letzten Errungenschaften der modernen Technik, nämlich die Kunstseidenherstellung, behandelt. Wer dieses Buch gelesen hat, wird den Wald, den er durchwandert. jede Sägemühle und jede Tischlerei, di« er kennenlernt, mit anderen Augen betrachten. Reichsarbeitersporttag mit Rotfront! Wer mochte nun noch zum„Rast" gehen? Die Sorge um den Verlauf des Reichsarbciterfporttages(RAST.) ist bei den Kommunisten groß. Das von der KPD.-Zentrale auf- gestellt« Programm als große..Rotfrontkämpferparade" ist in Gefahr. Tic neue Parole der Zentral« lautet deshalb: Auf gegen die Spalter! Unter diesem Zeichen werden nun die Roten Frontkämpfer-Terlnehmer in Zivil antreten, um den Fcldzug gegen die Sozialdemokraten in neuer Verkleidung zu führen. Der Vorstand von„Fichte" erläßt einen Aufruf an„alle Sympathisierende n", am Sonntag in Sportkleidung zu erscheinen, so daß also die Sportgeschäste noch gut verdienen werden. In dem Aufruf heißt es nicht wie sonst: Auf gegen die Sozialdemokraten, sondern:„Einheitlich gegen die Spalter!" Und mit Prophetengab« wird gesagt:„Die sozial- demokratischen Arbeiterfportlcr werden außerdem ihren im Arbeiter- spart führenden Parteigenossen noch gehörig auf die Finger klopfen!" Die neue Parole gegen die„Spalter" ist kurios. Zur Reichs- t a g s w a h l unterzeichneten die Wandersparte„Fichte", der Arbeiter- sporlverein Lichtenberg, Schwimmverein„Welle", Sportklub Sparta und die kommunistisch« Jugend noch ein Flugblatt zur Wahl von Kommunisten, in der die Sozialdemokratische Partei in folgender Weise abgemalt wurde: „Die brutale Ausbeutung der Arbeiter ist Schuld der Sozialdemokratie. Die Sozialdemokraten sind auf Gedeih und Verderb mit der Bourgeoisie verbunden! Die Sozialdemokraten haben 1914 die Arbeiter in den Krieg gehetzt, sind 1923 nicht für die Iugendschutzsorderungcn eingetreten, haben kürzlich in Sachsen gegen die Aushebung der Zwangsfürsorge gestimmt.„Wenn ihr einen neuen Krieg wollt, dann wählt die Kandidaten des Stahlhelnis, des Reichsbanners und der Sozialdemokratie." Die- selben Leute, die dieses Flugblatt unterschrieben Haben, schimpfen heute über die„Spalter"(lies Sozialdemokraten). Und sie fordern alle Sozialdemokraten auf, ihnen beim Schimpfen tüchtig zu helfen und den sozialdemokratischen Führern„gehörig aus die Finger zu klopfen". Die sozialdemokratischen Sportler sind mit einmal„unsere Genossen", nur die„Führer" haben uns verraten! Für jeden also etwas— zum Aussuchen! Dazu eine kleine Erinnerung. Als der Kartellvor- sitzende Oeh'schläger zur Sozialdemokratie übertrat, traten sofort die KPD.-Zellcn zusammen. Resultat:„Oe h l s ch l ä g e r muß abgesägt werden!" Im Kartellbezirk W e d d i n g wurde der Vorsitzende abgesägt, nachdeni man herausbekommen hatte, daß er nicht der vermutete„Sympathisierende", sondern ein Sozial- demokrat ist. Der Vorgänger, ein Kommunist, hatte Geld unter- schlagen, blieb aber trotzdem noch länger« Zeit im Amt. Jetzt ist wieder ein Kommunist aus„Fichte" gewählt, worauf die bundes- treuen Sportler die Sitzung verließen und die weitere Mitarbeit ablehnten. Sie sind jetzt„Spalier". Im Bezirk Prenzlauer Berg wurden die Mitglieder der Freien Turnerschaft Groß�Berlin grundsätzlich von jeder Mitarbeit ausgeschaltet. Ver- anstaltungcn wurden mit Rot-Front-Soldaten durchgeführt. Ebenso ist es im Bezirk Krcuzberg, Friedrichshain, Tier- garten und anderen. Im 1. Kreis des Arbeiter-Turn- und Sportbundes hatte der kommunistische Kassierer das ganze Geld durchgebrachk, wobei ihm noch einig« seiner Genossen halfen. Infolge dieser Korruption gelang es den Sozialdemokraten, einen ihrer Genossen als Kassierer durch- zubringen, der' die Kreiskasse wieder glänzend in die höhe brachte. Seit Jahr und Tag arbeiten die Kommunisten nun init allen Schikanen, um die Kasse wieder in ihr« Hand zu bekommen...! Zu diesen unerträglichen Zuständen kam die Hetze gegen die Sozialdemokraten in den Kartell sitzungen. Das Maß war zum Ucberlaufen voll, der letzte Geduldsfaden riß. Das„Freie Kartell für Arbeitersport und Körperpslege" ist gebildet, es wird in kurzer Zeit der Sammelpunkt aller bundestreuen Sportler werden. Der Berliner Arbeitersport wird unter dem neuen Kartell endlich den kommunistischen Zellenbauern die Tür weisen, er wird endlich wieder das werden, was er früher war und was er sein muß: Ein wertvoller Teil in der Gesamiarbeiter bewegung! Der Aufruf an die Groß-Berliner Arbeiterschaft, den„Rast" nicht zu besuchen, war eine zwingende Notwendigkeit, weil es nur ein Für oder Gegen geben konnte! Die Vertreter der bundestreuen vereine haben diesen Veschlust einstimmig gesaßt. Und wenn die Roten Frontkämpfer in Zivil oder Sportkleidung mit dem Rufe gegen die„Spalter" austreten, so wissen wir: Vor 14 Tagen riefen dieselben Leute:„wer hat uns verraten?... Die nichtkommunistische Arbeiterschaft wird am Sonntag also den„Rast" meiden, sie wird die Kommunisten unter sich lassen! Das soll auch Arbeitersport sein! Die Anhänger der„Roten Sportinternationale" im Rumpf- sportkartell Friedrichshain— die bundcstrcuen Vereine haben sich bekanntlich von diesem Kartell zurückgezogen— veranstalleten anläßlich der Werbewoche durch die Straßen des Berliner Ostens einen Werbcumzug. Die Spitze des Zuges bildeten R o t f r o n t l e u t e mit einer Schalmeienkapelle, dann folgten herzlich wenig Sportler, am Schluß marschierten Kommuni st ischc Jugend und Anhänger d c r K P D. Es ist bedauerlich, daß ein solches Grüppchen von Demonstranten sich der Hoffnung hingibt, dem bürgerlichen Sport Abbruch tun zu können. Der Werbeumzug gab lediglich das Bild einer Gruppe der„Roten Sportinternationale". Der alte Bundes- grüß„Frei heil" wurde ersetzt durch ,.R o t- S p o r t" und„Rot- Front"! Die Veranstaltungen aus dem Sportplatz im Friedrichs- Hain waren schwach besucht und entbehrten jeder werbenden Kraft. Nach dem Gestammel eines kommunistischen Kartellvertreters hielt der neugebackene kommunistische Landtagsabgeordncte Zobel eine Wald- und Wiesenrede, die der großen Idee der Sozialistischen Sportinternationale in keiner Weise gerecht wurde. Ein Jung- sportlcr brachte gegen Schluß der Veranstaltung ein hoch aus die „Rote Sportintcrnationale" aus, in das selbstverständlich die kam- munistischen Sportler und Rotfrontleute begeistert einstimmten. Die Rotfrontkapelle„oerschönte" durch Platzkonzert die Veranstaltung. Mögen diese„Sportler" bald Gelegenheit haben, sich endgültig der von ihnen propagierten„Roten Sportinternationale" an- zuschließen. Oer Sport des Sonntags. Rennsporl: Der zweite Tag der Hamburger Derbywoche gipfelt in dem Großen hansa-�Zreis(2S 009 M., 2200 Meter), der niit seiner großartigen Besetzung einen spannenden Verlauf in Aussicht stellt. Als Starker gelten Torero(haynes), Löwenherz II(Varga), Aurelius(O. Schmidt), Fockenbach(Ianek), Ferro(Grabsch), Impressionist(Pretzner), Askari(huguenin). Ain Eröffnungstage der Jubiläumswoche in Ruhlebcn steht der mit 10000 M. ousgc- stattete Jubiläumspreis für dreijährige und ältere inländische Traber im Mittelpunkt der Geschehnisse. Radsport: Der„Große Preis der Stadt Berlin" für Flieger ver- snmmhlt aus der Rütt-Arena unsere besten Kurzstreckenfahrer wie Engel, Ehmcr, Oszmclla, Schamberg, Knappe, Lorenz, Fricke usw. mit Degraeve, Louet, Spears, Galvaing und anderen Ausländern in Wettbewerb. wolorsporl: Die Tag« voni 18. bis 24. Juni stehen im Zeichen der VII, ADAC-Reichs- und Alpenfahrt. Nach der am Sonntag erfolgten Abnahme der Fahrzeuge in Wernigerode geht es in sechs Fahrtagen über Görlitz, Plauen, Ischl, Meran, Luzern nach h:idel- berg. Di« internationalen Motorbootrennen auf dem Templiner See bei Potsdam werden am Sonntag beendet. Die Motorbootrennen. Viel Versager auf dem Templiner See. Di« motorbootsportliche Veranstaltung des Deutschen Motor- Pachtverbandes um den Großen Preis von Deutschland auf dem Templiner See bei Potsdam nahm am Freilag ihren Zlnfang. Das Wetter war nicht gerade günstig. Ein steifer Nordwestwind wühlte das Wasser auf, so daß die Moloren keine leichte Arbeit Hatten. Von den gemeldeten ausländischen Teilnehmern fehlte der Eng- lünder Major Segraoe am Start, so daß Fritz von Opel mit seinem großen Rennboot„Opel II" in der unbeschränkten Klasse keinen Gegner hotte und demzufolge als einziger die höchsterreich- bare Punktzahl von 800 für die beiden ersten Läufe des„Großen Preises" erlangle. Er fuhr mit 80 Stundenkilometer im zweiten Lauf die weitaus schnellste Zeit des Tages heraus. In der 12-Litcr-Klasse war der Franzose M. Sigrand mit seinem Boot „Pah Sih Fou II" allein, er konnte aber nur den ersten Lauf be- enden. Ueberhaupt hatten die ausländischen Teilnehmer viel Pech. Miß h c n t s ch e l- Amerika, die den ersten Lauf der Out-Board- L-Klasse mit großein Vorsprung gewann, verlor den bereits sicher errungenen Sieg, da im zweiten Laus der Motor ihres Bootes „Julius" wiederholt oersagte. Im Rennen der Out-Board-Klassc C war sie ebenfalls vom Pech verfolgt. Im ersten Lauf streikte der Motor ihres Bootes„Miß R. C. III" gleich nach dem Start, Und im zweiten Lauf konnte Miß chentschel wegen der Tücken ihres Motors nur Dritte werden. Noch schlechter schnitten die beteiligten vier englischen Boote ab.' Im ersten Lauf des von 2S Booten bestrittenen Rennens der Klasse C gelangte nur das von E. P. Rones-Bordewich gesteuerte Boot„Gunner Girl" ans Ziel, im zweiten Laus fielen die Engländer vollkommen aus. Der erste Laus war überaus reich in Zwischeniällen. Die Boote„Hertel" (Frl. Tesch-Berlin) und„Schnauferl"(Dr. Hcrrmann) schlugen voll und versackten, ihre Führer konnten glücklicherweis« geborgen wer- den, ebenso das Boot„Hertel", während„Schnaufer!" noch auf dem Grunde des Templiner Sees ruht. Auffahrt der berliner Gespanne. Der Gedanke, der großen Oeffentlichkeit einen Ueberblick über die große Zahl vorzüglicher G e s ch ä f t s g e s p a n n e, die in den Berliner Betrieben vorhanden sind, zu geben, wurde im Jahre 1927 durch die erste Berliner Gespannparade verwirklicht. Die vorjährige Veranstaltung hat größten Anklang bei den Fuhrwerksbesitzern so- wohl als auch bei der Bevölkerung gesunden. Nach dem Muster von Berlin sind Gespannparaden in Ham- bürg, Essen, Dortmund und vielen anderen Städten abgehalten worden. In den großen Hauptstädten des Auslandes, so in London, Paris und New Bork, bilden die Gefpannparaden ein feststehendes, sehr beliebtes Ereignis der Sommersaison. Auch in diesem Jahre wird eine große Parade der Berliner Gespanne stattfinden, und zwar am Sonntag, 1. Juli. Alle großen Verbände, die an der Erhaltung des Pferdes interessiert sind, haben ihre Teilnahme zugesagt und werden ihren Mitgliedern«ine Beteiligung empfehlen- Die Gespanne werden in einem imposanten Festzuge durch die Straßen Berlins ziehen, der Sammelpunkt der Gespanne wird in der Nähe des Tempelhofer Feldes sein. Von dort wird sich der Zug durch den inneren Stadtteil nach dem Osten Berlins bewegen, wo auf dem Gelände des Magerviehhofs Berlin-Friedrichsfelüe der Aufmarsch und eine Prämiierung innerhalb der einzelnen Gruppen stattfinden wird. Der Zug wird sich in der Zeit von 11 bis 14 Uhr durch die Straßen Berlins bewegen. Die Gespannparade wird ver- anstaltet von der Reichsvereinigung der deutschen Pserdeinteressenten, Berlin EW., Schöneberger Straße 13. Die beiden Reichsverbända für Warmblut und für Kaltblut sind ebenfalls hervorragend an der Organisation beteiligt. Anmeldungen sind an die Reichsvereinigung der deutschen Pserdeinteressenten zu richten. Die Berliner Gespannbcsiger werden hiermit aufgefordert, recht zahlreich ihre Nennungen abzugeben. Schritlmacherausiausch Möller— Grassin. Wie aus Hannover gemeldet wird, haben die beiden Dauer- fahrer Erich Möller und Robert G r a s s i n einen Tausch ihrer Schrittmacher vorgenommen. Der Hannoveraner wird in Zukunit hinter Didier fahren, mit dem er bereits im Winter kurze Zeit zusammen war, während Grassin sich der Dienste von Möllers Schrittmacher H ö r t r i ch bedienen wird. Die beiden Fahrer haben bereits hinter ihren neuen Führern das Training aufgenommen. Werden sie den Eisernen Gustav einholen? Auf der Spur des Eisernen Gustavs folgt«in merkwürdiges Gefährt: ein französischer Schauspieler und ein deutscher Journalist haben sich in einem Peugeot-Auto des Modells 18.89 von Paris auf den Weg nach Berlin gemacht. Der Wagen wurde vor seiner Abfahrt von«iner Pariser Schauspielerin höchstfeierlich auf den Namen„Locarno" getauft.— Merkwürdige Schrullen dieser Leute! Wir erwarten nächstens ein Kinderwagenrennen mit Raten- antrieb und Vierradbremsen. Windhundrenncn aus der Olympiabahn und im Poststadion. Für heute und morgen wartet die Olympiabohn(Nähe Bahnhos Beusselstraß«) mit d rei Windhuirdrennen hinter dem elektrischen Hasen aus. Anfang Sonnabend 20 Uhr und Sonntag 15.30 Uhr. Jeder 1000. Besucher der Sonntagnachmittagveranstaltung erhält einen jungen englischen Greyhound geschenkt. Um es jedem Berliner zu ermöglichen, die im P o st st a d i o n stattfindenden Windhundrennen zu besuchen, hat die Windhundrenn- gesellschast sich entschlossen, den Renntag heute, Sonnabend, zu einem volkstümlichen zu gestalten. Die Stehplätze werden zu einem Preise von 30 Pf. abgegeben, während die Arena-Sitzplätze fstr 50 Ps. zu haben sind. Die Tribüne ist zu einem Preise von 3 M. zu erstehen, so daß es allen Schichten möglich gemacht ist, für billiges Geld dem neuesten interessanten Berliner Sport zu erleben. voraussagen für Ruhleben: 1. Dahlie— Fahrt Großmann: 2. Arion Bingen— Turiddu: 3. Hanna Archdole— Rosenfrau: 4. Ehrenberg— Zaunkönig: 5. Marie Luise— Lindowkind: 6. Fahrt Ch. Mills— Hannibal: 7. Fregoli— Benjamin III; 8. Cilly Dillon— Frieda Edelstein: 9. Terraria— Kapitoin Halle. Großer Preis der Sladt Verlin. Das Nachrichtenamt der Stadt Berlin teilt mit: Die Rültarena hat für ein am Sonntag statt- findenden Fliegerrennen einen„Großen Preis der Stadt Berlin" ausgeschrieben. Dieser so bezeichnete Preis ist n i ch t, wie der Name vermuten lassen könnte, von der Stadt ausgesetzt. Abgesagte Demonstration im Bezirk Wedding. Die für heute, Sonnabend abend, angesetzte Arbeitersportlerdemonstration findet umständehalber n i ch t statt. Freie Turnerschast Groh-Berlin, Bezirk Süden. Dienstag nach dem Turnen: Vorstands- und Vorturnersitzung der Männcrabteilung. Mittwoch, 27. Juni, bei Müller, Schönleinstr. ß, Bezirksversamm- lung. U. a. Beitragserhöhung und Austritt aus dem Ar- bcitersportkartell. „Freie Ruder- und Kanusahrer 1. kreis". Die Vereine werden gebeten, Eintrittskarten und Werbematerial zur Regatta, Montag, 18., und Mittwoch, 20. Juni, ab 17 Uhr, bei Zllfred Pavlik, Berlin O. 34, Ebelingstraße 6 IV, abzuholen. Veremslcalender. 91153. Montag, 18. Juni, 20 Uhr, Iugendhiim Steinntttzstr. II«. Monat». Versammlung. Dienstag, 19. Juni, ab 18 Uhr, Training iärortplatz Britz, Trescburacr Ufer. Arbeiter-Turn. und Lportbunb, 1. Are'», yiuderlritcr, Kampsrichterver. cinigung: Montag, 18. Funi, 18 Uhr, in der Knabcnllassc der Srcisschulc, Bouchestr. 7Z. Zusamnzcnlnnst der Kampfrichter?um Kreislindcrfest in Lücken. walde. Durchtnrnen und Besprechung der Wertung. Sportverein Moabit. Sonntag: Brandenburg-tzahrcr ab 8.53 Uhr Potsdamer Bahnhof. �, Arbeiter-Turn. und Sportverein Paniow, e. B. Dienstag, 19. Juni, Funk. tionärsitzung um 19 Uhr im Bcrcinsloial Kühn. Praktische Naturfreundearbeit. Es ist bekannt, daß der T o u r i st e n o e r e i n„Die Natur- freunde" es sich zur besonderen Ausgab« gemacht hat, die Frei- zeit der Arbeiterschaft lebendig zu gestalten. Wandern bracht« nicht nur schöne Naturerlcbnisse und Naturerkcnntnisse, es war— besonders in Gebirgsgegenden— auch mit mancherlei Beschwerixn und größeren Unkosten verbunden, zudem wurden die Wanderer in der Ouartiersrage oft von gerissenen Gastwirten ausgenutzt. Das verlangte schon Befreiung vom Wirtshausbetrieb. Ein weiterer Grund ergab sich durch die abstinente Einstellung großer Teile der Jugend- und Wanderbewegung. Die Naturfreunde gehörten mit zu den ersten Gruppen, die die SchasfungguterWander Heime erkannt hatten. Schon 1907 wurde das erste große Heim im österreichischen Alpengebiet er- öffnet. Dann folgten Jahr für Jahr neue Heime in allen Landes- teilen Deutschlands, Oesterreichs und der Schweiz. � Der Krieg brachte Unterbrechung und schwere Schädigung dieser Arbeit. Ein besonderer Ausschwung aber setzte nach 1918 ein. Heutezählt die inte r- nationale Naturfreundebcwegung insgesamt 336 N a t u r f re u n d e h e i m e, davon in Oesterreich 69, in der Schweiz 42, in Deutschland 210, in der Tschechoslowakei 15, 4 in Amerika, 3 in Frankreich und je 1 in Holland(ein Ferienlager mit 32 Häusern), Ungarn und Polen. Etwa 120 Heime liegen allein im Alpengcbiet und bieici�,cin wirksames Gegengewicht gegen die Arbeit des Deulfch-Oester�ichischen Alpenvereins, dessen Tätigkeit sich oft in nationalistischer Weise auswirkt. Die Naturfreunde zählen in Deutschland allein 210 ciaene N a t u r f r e u n d c h c i m e. Allein 56 davon sind größere Ferienheime, die 100, ja einige bis zu 300 Personen auf- nehmen können. Hier können auch die Arbeiterkreise, denen das Wandern durch große Strecken schon Beschwerden macht, ihre Ferien mit großem gesundheitlichen und geistigen Nutzen verbringen. Wenn nun nach festgestellt werden muß, daß die Naturfreunde fast nur aus eigener Kraft schaffen konnten, so ist dadurch dargetan, welche prachtvollen Gemeinschaftswcrte durch die Natur- freundearbeit errungen sind. Alle Kreise der Arbeiterbewegimg sollten dieser Arbeit Anerkennung und Mithilfe nicht versagen. Wochenende mit den Naturfreunden. Am heutigen Sonnabend und am Sonntag veranstaltet der Touristcnverein„Die Naturfreunde"(Reisebureau) eine Wochen- end fahrt durch die Grumsin-Fl�rst. Die Wanderung führt durch herrlichen Buchenwald mit weiten Fernsichten. Der Rückweg folgt an den Endmoränen entlang nach Schmargendorf (Uckermark). Treffpunkt der Teilnehmer Sonnabend, 17 Uhr, am Wartesaal 3. Klasse des Stettincr Fernbahnhofs. Ankunft in Berlin am Sonntag, 22,5 Uhr. Preis der Teilnehmerkarte 7,50 Mark (Bahnfahrten, Bettenquartier, Frühstück und Mittagessen). Teil- nehmcrkarten sind noch in beschränkter Anzahl erhältlich. Räch tzangclsberq und Fürstenwaldc führt die nächste Wände- runz der Abteilung Mitte des Touristenvereins„Die Naturfreunde" morgen. Sonntag, zu der Gäste Herzlich willkommen sind. Abfahrt ab Schlesischer Bahnhof 6,23 Uhr und Stralau-Rummclsburg 6,30 Uhr. Fahrkarten bis Handelsbcrg lösen, Erkner umsteigen. Treffpunkt am Bahnhos in Hongelsberg. Ferien- und Gesellschaftsreisen der Raturfrcnnde. Auskünfte über preiswerte Uebernachtungen und über Ferienaufenthalte erteilt das Reisebureau des Touristenoercins„Die Naturfreunde", Berlin N 24. Johannis str. 14/15, Montag bis Freitag von 18 bis 20 Uhr. Auch wird«ins Anzahl Ferien- und Gesellschafts- reisen veranstaltet, u. a. in den Harz, nach Rügen, in den Schwarz- wald, ins Riesen- und Jsergebirge und in die Schweiz, daneben eine Anzahl Wochenendfahrten in die weitere Umgebung Berlins, auf die wir unser« L«ser besonders hinweisen.