BERLIN 196 ni Group 19 190 Montag, 2. Juli 1928 ilus ni toluspon C Der Abend Erscheint täglich außer Sonntag 6. Sugleich Abendausgabe des„ Vorwärts". Bezugspreis beide Ausgaben 85 Pf. pro Woche, 3,60 M. pro Monat. Redaktion und Erpedition: Berlin SW68, Lindenstr. 3 66 Spätausgabe des„ Vorwärts" 10 Pf. Nr. 308 B 152 45. Jahrgang. Anzeigenpreis: Die einfpaltige Nonpareillezeile 80 Vf., Reklamezeile& M. Ermäßigungen nach Tarif. Vosscheckkonto: Vorwärts- Verlag G. m. b. H., Berlin Nr. 37536. Fernsprecher: Donboff 292 bis 297 Die Katastrophe von Roches- la- Moliere Bisher 53 Todesopfer. Noch 20 Bergleute eingeschlossen. Zu der fürchterlichen Katastrophe in den Gruben von Roges- la- Moliere bei St. Etienne werden folgende Die Suche nach der Italia- Mannschaft Einzelheiten bekannt: Infolge einer Feuersbrunft, die den Einsturz eines Luftfchachtes verursachte, wurden 53 Grubenarbeiter, darunter etwa 30 Franzosen und 19 Polen und Maroffaner, erstid t. Bis zur Stunde fonnten 40 Leichen und 15 Verletzte geborgen werden. An der Unglücksstelle arbeiteten 570 Bergleute. Die Ursache der Feuersbrunft ift noch nicht genau bekannt, wird aber auf einen Bruch der Luftzuführungsanlage zurüdgeführt, die dann völlig einstürzte. Die Bergleute stürzten nach den ersten Anzeichen der Satastrophe nach den Förderkörben. Biele Arbeiter, von den schädlichen Gajen halb erstidt, fonnten die Aufzüge nicht mehe erreichen. Während die Förderkörbe unfer ständigem Geläut der Alarmgloden die Bergleute zutage förderten und Angehörige der in der Grube befindlichen Arbeiter entsetzt nach dem Sitz der Verwaltung eilten, leitete diese die ersten Hilfsmaßnahmen ein. Ergreifende Szenen spielten sich ab, als die ersten Verwundeten auf Bahren oder auf ihre Retter gestützt und die ersten Ceichen an die Oberfläche tamen. Der Hof des Verwaltungsgebäudes war bald derart mit Totenbahren angefüllt, daß nur noch ein enger Gang frei-, blieb. Die Deputierten Vernay und Durafour, früher Arbeitsminister, haben bereits das Kammerpräsidium wissen laffen, daß sie den Arbeitsminister über die Schuldfrage interpellieren werden. Arbeitsminister Tardieu hat Paris bereits am Sonnabend abend verlaffen, um sich an die Unglüdsstelle zu begeben. In dem benachbarten St. Etienne nerbreitete fich sofort nach dem Eintreffen der Unglücksmeldung große Bestürzung und Erregung. Auf dem Rathaus wurde die Flagge auf Halbmast gehißt. Die für den geftrigen Sonntag aus Anlaß einer Denkmalseinweihung festgesetzten Feierlichkeiten wurden abgesagt. Paris, 2. Juli. Wie zu dem Grubenunglüd in Roches- la- Moliere noch weiter bekannt wird, soll die Grube, in der sich das Unglüc ereignete, nach Aussagen der Ingenieure besonders gefährlich sein. Der lehte Brand war im Jahre 1925 ausgebrochen, fonnte aber damals ohne Berluft von Menschenleben eingedämmt werden. Nach der in der„ Humanité" wiedergegebenen Auffaffung eines der gerefteten Bergarbeiter soll das Feuer seit drei Jahren nie gelöscht rborden sein, so daß fich die Kohlengase im Stollen anjammelfen. Das gleiche Blaff will im Gegensatz zu den amtlichen Feststellungen wiffen, daß in der Grube noch 20 Arbeiter eingefchloffen feien, für deren Reffung feine Hoffnung mehr besteht, was die Zahl der amtlich mit 53 angegebenen Todesopfer auf gegen 73 erhöhen würde. Paris, 2. Juli. Das schwere Grubenunglück bei St. Etienee hat die bedeu tendsten Gruben des Loire Bedens heimgesucht. Die Unglücksgrube allein liefert jährlich 200 000 Tonnen Kohle. Der am Sonntag vormittag in St. Etienne eingetroffene Arbeitsminister Tardieu hatte eine längere Konferenz mit der Grubenverwaltung und den Bergarbeitervertretern über die Entstehung des Unglücks. Er weilte selbst längere Zeit unter Tage, um sich von den Zuständen auf der Grube ein Bild zu machen. Die Unglesgrube enthält gegenwärtig eine einzige Fördersohle in 330 Meter Tiefe mit einer Zwischensohle von 220 Meter Tiefe. Hier arbeiteten auf dem eigentlichen Förderposten ungefähr 60 BergLeute. Gegen 7 Uhr morgens am Sonnabend spürte der mit der Ueberwachung des Postens betraute Steiger einen schlechten Geruch und Rauch. Kurz darauf brachte ein Einsturz den Bruch des Schachts für fomprimierte Luftzufuhr. Metallarbeiter! Das norwegische Kriegsschiff, das sich ebenfalls auf der Suche befindet Der große russische Eisbrecher ,, Krassin" eine Wendung zum Besseren eintrat. Südostwind hat eingefeßt, der später nach Osten drehte. Von der Gruppe Viglieri wurde mitgeteilt, daß sich die Verhältnisse gebeffert hätten, vor allem habe die Abdrift nach Osten aufgehört. Eine Landungsmöglichkeit für Flugzeuge in der Nähe des Lagers jei nunmehr vorhanden. Auf diese Mitteilung hin hat man beschlossen, mit den beiden italienischen und dem schwedischen Großwasserflugzeug einen Flug zu unternehmen, an dem auch die mit Gleitfufen versehene finnische Maschine teilnehmen soll. Die drei Großflugzeuge follen nach Berproviantierung der Gruppe Biglieri sofort die Suche nach der Italia aufnehmen, während das finnische Flugzeug den Atransport, der Gruppe Viglieri versuchen soll. Die Braganza, die bisher vom Eise eingeschlossen war, ist frei geworden. In den Kirchen Norwegens wird jetzt für die Rettung Amund| für Erkundungsflüge noch ungünstig war, daß aber am Nachmittag sens und seiner Begleiter gebetet. Der Pessimismnus über das Schicksal Amundsens ist allgemein im Wachsen begriffen und man hört überall die Ansicht äußern, daß Amundsen feine letzte große Fahrt gemacht habe. Trotzdem hofft man im stillen immer noch, daß der Polarforscher plöglich irgendwo auftaucht, da es ja nicht das erstemal ist, daß er monatelang nichts von sich hören läßt. Im übrigen ist die Mißstimmung gegen die unzu reichende Borbereitung der Expedition Nobiles im starten Wachsen begriffen. Bon verschiedenen Seiten wird darauf hingewiesen, daß Norwegen in Zukunft ausländischen Polarexpeditionen nur dann gestatten solle, norwegisches Gebiet als Ausgangspunkt zu benußen, wenn sie sich einer norwegischen Kontrolle unterwerfen. Sehr start wird es Nobile verdacht, daß er sich vor seiner Mannschaft hat retten laffen. Die Stimmung ist zum Teil so verbittert, daß man in Oslo auf dem Standpunkt steht, daß Nobile gut daran tun würde, nicht über Norwegen zurückzureisen. " * Cafein. Papa, was bedeutet der Ausdruck: nobile offis cium?" „ Das bedeutet die Pflicht des Führers Nobile, sich als ersten Bon zuständiger Stelle wird ein Funkspruch der Citta di Mi Tano mitgeteilt, in dem es heißt, daß die Wetterlage gestern früh in Sicherheit zu bringen!" Vor der Regierungserklärung. Der„ bedenkliche Hafen" der Rechtspreffe. Die Besprechungen im Reihsfabinett über die Erklärung der Regierung für den Reichstag haben einer glatten. Berlauf genommen. Wie man erfährt, besteht über alle Fragen, die in der Erklärung behandelt werden sollen, völlige Uebereinstim mung. 27 In den Rehtstreifen herrscht. Bestürzung darüber, daß die neue Heute bis 19 Uhr werden die Delegierten zum Verbandstag in Regierung ihre Tätigkeit damit beginnen will, den breiten Massen Karlsruhe gewählt. Kein Verbandsmitglied, das die Einheit in der des Bolkes Erleichterungen zu schaffen. Kennzeichnend für diese Organisation und ihren weiteren Ausbau will, darf diesmal der Wahl Stimmung ist ein Artikel der Deutschen Tageszeitung", Ser fich fernbleiben. Scheut nicht den Weg zum Wahllokal, erfüllt eure mit der beabsichtigten Senfung der Lohnsteuer beschäftigt. Pflicht und Das Blatt schreibt, daß dieser Plan zweifellos von der großen Maffe der Steuerzahler mit Befriedigung begrüß werden wird und von vornherein den neuen Finanzminister und der neuen Regierung den Erfolg der Bopularität bringen dürfte, de: wählt Liste A! aber auch, ganz allgemein betrachtet, als eine für die kleinen und Meinsten Einkommenträger fpürbare soziale Erleichte. rung, begrüßt werden könnte." Allerdings fügt das Blatt hinzu, daß die Sache einen„ bedenk lichen Hafen" habe, denn es frage sich, ob die Lage der Reichs. finanzen eine Erhöhung des steuerfreien Existenzminimums auh gestatte. Fragen dieser Art sind von den Rechtsparteien und ihrer Bresse niemals gestellt worden, folange es sich darum gehandelt hat, dem Großgrundbesig und dem induftriellen Großkapital steuerliche oder sonstige Erleichterungen zu verschaffen. Jetzt erst, wo der neue Reichsfinanzminister zuerst an die breiten Massen des Boltes denkt, da entdeckt man den„ bedenklichen Halen". Wir sind überzeugt davon, daß die neue Regierung sich gerade in diesem Punkt sehr wesentlich von der Regierung des Bürgerblocks unterscheiden wird. Die Interessen der werttätigen Be bölkerung, der minderbemittelten Bolfsschichten, müssen allen übrigen vorangehen! Das Saargebiet ist deutsch. £ ine Kundgebung gegen die Besetzung und für Völker- Versöhnung. In Heidelberg tagte gestern der Bund der Soarvereine; für die organisierte Arbeiterschaft sprach bei diesem Anloh der Direktor im Reichskohlenverband und Bergarbeiterführer Heinrich L ö f f l« r den Wunsch und di« Hoffnung aus, dasi das Soargebiet ohne Volksabstimmung bald wieder zu Deutschland zurückkehren und das» jede Besetzung deutscher Gebiet« aushöre. Di« Saararbeiterschaft werde nicht ruhen und rasten, bis diese» Ziel erreicht sei. Die Kundgebung mn Nachmittag wurde durch Rundfunk über- tragen. Sie endete mit der einstimmigen Annohm« einer Eni. s ch l i e ß u n g: darin wird sestgestellt, daß der feste Wille des Volkes an der Saar, das rein deutsch und ohne jede fremde Bei- Mischung ist, di« Wiedervereinigung mit der deutschen Wirtschast und der deutschen Regierung sortgesetzt und einmütig fordert. Das Volt an der Saar, so heißt es weiter, ist sich bewußt, damit auch dem großen Gedanken der Völkerversöhnung zu dienen. Mit Abscheu weist es die neuesten Pläne gewisser französischer Kreise, die das klar umschriebene Recht Deutschlands, die Gruben zurückzukaufen, vereiteln wollen, zurück. Aeußerste Gefahr ist im Verzuge. Es gibt nur eine Abhilfe: ein End« zu machen mit dem S o a r ex p« r i m en t des versailler Der. rrages, das sich in acht Iahren als völlig oerfehlt erwiesen hat, durch die ungeschmälerte Rückgabe des Saargebietes und seiner Kohlenlager an Deutschland. Heinrich Kaufmann gestorben. Hamburg, 2. 3uU.(CigcaberUHL) heute morgen um 7 Uhr ist in Hamburg der Vorsitzend« de» Zenlratverbandes Deutscher Sonsumveretae, Heinrich Friedrich Kaufmann, gestorben. Kaufman lag schon seit einiger Zeit trank danieder. An der IubiläumstagunA des Zentralverbandes Deutscher Konsumvereine, die vor einige» Wochen in Dresden stattfand, hat er nicht mehr teilnehmen können. Mit Kaufmann scheidet eine der markantesten und bedeutendsten Persönlichkeiten aus dem deutschen Genossenschaftsleben. Aus ein- fachen Verhältnissen heraus lat er sich zu einem Genosienschafts- führer von internationalem Ruf emporgearbeitet und er war, als in Deutschland die Genossenschastsbetvegung von Au»- einanderfetzungen heimgesucht wurde, derjenige, der die moderne Richtung w der Genossenschastsbewegung mit Leidenschast vertrat. Kaufmann ist am 23. November 1864 alls Sohn des Kaufmann» H. C. Kaufmann in Bredegad geboren. Er besuchte di« Volksschule, kam später aufs Seminar und wurde Lehrer in Kiel und Hamburg. Er hatte Gelegenheit, Vorlesungen an der Universität in Kiel und am Iohanneum in Hamburg zu hören. 1894 legte er sein Amt in Hamburg nieder und übernahm die Geschäftsleitung des„Ham- burger Volksblatt", besten Redakteur er später wurde. Bald danach wurde er auch in Aussichtsrat de» Harbuger Konsumvereins gewählt. 1906 wurde er Redakteur des„Genossenschaftlichen Wochenberichts". 1gt>1 llbenahm er die Geschästsleitung der„GEG.-Korrespondcnz" und gab dos„Freie Genostenschaftsblatt" heraus. Einige Jahre später stand Kaufmann an führender Stelle de» Zentrolverbonde» Deutscher Konsumverein«, die er bi» zu seinem Lebensende bekleidet hat. Die Verbraucherbewegung verliert in ihm einen der besten Fichrer und Borkämpser. � Das unrühmliche Cnde des„Berliner Mittag" Die Angestellten verklagen den Herauegeber Dr. Oesterreich Der nationalistisch«„Berliner Mittag", der während de» Wahl- kampses mit den übelsten Mitteln gegen die Sozialdemokvati« hetzte, hat am 19. Juni sein Erscheinen eingestellt. Als Dr. Oester- reich dieses Blatt gründete, holte er sich aus den großen Redat- tionen der Rechtszeitungen Angestellte und Mitarbeiter. Auf Grund von Versprechungen, daß die Finanzierung des Blattes auf Jahre gesichert sei, kündigten die angestellten Redakteure ihre Stellung und siedelten zum„Berliner Mittag" über. Oberschlesische Industrielle unterstützten Dr. Oesterreich, um in Berlin ein Blatt zu haben, da» ihre Interessen vertrat. Der„Oberschlesische Berg- und Hüttenmännerverein" stellte 400 006 Mark Kapital zur Verfügung. Dieses Kapital war nach sechs Monaten verbraucht, der„Berliner Mittag" hat in seiner besten Zeit nicht mehr als 12 000 Exemplare täglich absetzen können. Der 5ierausgeber ver- suchte weitere Gelder aufzutreiben. Nach monatelangen Berhand- lungen erklärten sich die oberschlesischen Industriellen dazu außer- stände, und Dr. Oesterreich mußt« das Blatt eingehen lasten. Am lS. Juni, als da» Blatt zum letztenmal erschien, wurden die Angestellten bei Dr. Oesterreich vorstellig und verlangten bis zur vertraglich festgesetzten Kündigung ihr Gehalt. Bei den Berhand- lungen versicherte dieser immer wieder, daß noch genügend Geld da sei, um die Forderungen der Angestelltenschast zu decken. Es gelang ihm, zur Liquidierung des Unternehmens noch 2S000 M. aufzu- treiben. Cr soll aber davon nicht etwa die Angestelltengehälter be- zahlt, sondern andere Verpflichtungen abgegolten hoben. Di« An- gestelltenschaft wurde in den letzten Togen bei der Kriminalpolizei und dem Reichsverband der deutschen Preffe vorstellig. Zur Sich«- rung der Angestelltensorderungen wurde beim Geeicht ei« Arrest erwirkt und das Bankguthaben und Postscheckkonto des Berlages „Berliner Mittag" gesperrt. Di« Polizei nahm Dr. Oesterreich, der auch an einer Zeitung in Chile beteiligt ist, den Auslandspaß ab. Dr. Oesterreich selbst soll sich damit gebrüstet haben, wenn die An- gestellten gegen Ihn vorgingen, würde er sofort nach Chile ab- dampfen. Die Bücher des Verlages wurden polizeilich beschlag- nahmt, da gegen Dr. Oesterreich bei der Kriminalpolizei Anzeige wegen Verdacht des Konkursvergehens erstattet wurde. Der Reichsverband der deutschen Industrie, der vsn der Angestelltenschaft angerufen wurde, um die bisherigen Geldgeber zu oeranlassen, die ausstehenden Gehälter zu zahlen, er- klärte sich außerstande, Vermittlungen auszunehmen und empshal der Angestelltenschast mit allen möglichen Mitteln zu versuchen, au» den vorhandenen Geldern ihre Forderung zu decken. Von den 2S 000 M. die Dr. Oesterreich für die Liquidation erhalten Hot, sollen noch etwa 10000 bis 15 0000 M. vorhanden sein. Oer Raubmord in der Stadtbahn Ein Zwanzigjähriger vor den Richtern. Fälscher Frey festgenommen. 40 Mark Bargeld in der Tasche! Der Druckereibesitzer ha«» Fretz aus der Güntzel- st r a h e. der wegen schwerer Urkundenfälschung gesucht wurde, ist festgenommen worden. Frey hatte»ersucht, mit Hilfe von gejäkschte« Dokumenten m Ho-gabe«■»0 000««rf»' Sah« eine» vorbestraften Trinker», der seine Frau miß- handelte und seine Kinder zum Stehlen anhielt, eine Schwester früh in Fürsorge und später aus Abwegen, schleppt der Zvjöhrige Horst Kiebach tagelang ein dreikantige» Eisen mit sich herum, um schließlich am 21. Dezember im Eisen bachn- ablest zwischen hirschgarten und Friedrichs Hagen die 20jährige vora Per»ke auf die roheste Weis« niederzuschlagen und zu berauben, heute hat er sich vor dem Landgericht II wegen Raubmorde» zu verantworlen. Landgerichtsrot P e l t a s o n ist Vorsitzender. Es verteidigen- Justizrat Dr. Schwindt und R.-A. Dr. Mendel. Sachoer- ständig« sind Dr. Dyrenfvrth, Dr. Mahrenholz, Dr. Michaelis und Professor Brüning. Auch Vertreter des Be- zirtsjugendamtes und der Sozialen Gerichtshöfe haben im Gerichts- saal Platz genommen. Das Verbrechen des Zwanzigjährigen hätte vielleicht nicht so großes Aussehen erregt, wenn die Familie Kiebach— Voter, Mutter und Tochter— nicht von der Meineidsfabrik Olerich her so de- könnt geworden wäre. Dieser Meineidsprozeß scheint auch für den jungen Menschen mit zum Verhängnis geworden zu sein. Durch ihn erfuhr er zum erstenmal, daß sein Vater vorbestraft war. So verlor er den letzten Rest von Respekt vor ihm. Um seine Braut nicht zu vertieren, deren Fomsti« nun gleichfalls über sein Elternhaus Bescheid wußte, renommiert« er mit Verdiensten, die er nicht zu erwarten hott«, trieb sich auf diese Weis« selbst in da, grauenhaste Derbrechen hinein. Wie schon»st, so auch in diesem Falle, scheint der erste Eindruck, den alle, die mit dem Angeklagten in Berührung kommen. erhalten, sich zu bewahrheiten: man glaubt diesem jungen Menschen, wie er hier vor Gericht seine kurze Lebensgeschichte bescheiden, korrekt und intelligent erzählt, die Tat nichtzutrauenzu können. Doch wird sie bei einem gewissen moralischen Defekt im Verein mit dem Fehlen von Hemmungen und einer inneren Ver- wahrlosuiig, die er seiner Erziehung verdankt, schon verständlich. Erst 14fährig, wird er wegen eines Sittlichkeitsverbrechen» an einem achtjährigen Mädchen bestraft, und später' folgen in ge- wissen Abständen verschiedene Eigentumsoergehen. In der Schule war der Lein« Horst ein guter Schüler. Im Alter von neun Iahren erhält er vom Vater Taschengeld, das er in Casäs ausgeben darf— damals schwärmte er von eine Matrosenlaufbahn und ging in einem schmucken Marineanzug—, als Laufbursche im Dürerhaus bekommt er reichliche Trinkgelder, auf Deran- lassung des Daters verkauft er seinen Lehrern Zigaretten, die die Schwester auf Befehl des Vaters in der Zigarrenfobrik, in der sie arbeitet, stehlen muß. Zur selben Zeit ist der Junge ständiger Zeug« der Mißhandlungen der Mutter durch den angetrunke- nen Vater. Noch Verlassen der Schule kommt Horst zu einem Werkzeugmacher in die Lehre. Er bringt kleine Maschinen- teste nach Haufe und verschärst sie. Später stiehlt er auf Veranlassung de« Vaters ganze Werkzeuge: schließlich wird er wogen Diebstahl» entlassen. Auf den darauf folgenden Arbeitsstellen wiederholt sich da« gleiche Spiel. Jetzt nimmt sich feiner die F ü rf orge an. die schon früher Gelegenheit hatte, sich mit feiner Schwester Lotte zu beschäftigen. Der Sechzehnjährig« arbeitet von nun an mit seinem Bater, der Präparator ist. Zwischen diesem und dem Sechzehnjährigen kommt es öfter zu schweren Auseinandersetzungen und Streitigkeiten. Der Junge, der eifrig Sport treibt, ist ge- zwungen, wochenlang aus fei« geringe» Taschengeld z« warten. Dann wieder geht e» hart auf hart, wenn der besoffen« Bater die Mutter mißhandelt; Horst wirft sich dazwischen und wird handgreiflich gegen den Bater. Die Folge davon ist, daß der Sohn tagelang vom Haufe fortbleibt, zeitweilig zu arbeiten aufhört un dauch a u ß e rhalb Berlins weilt. Besonders schlimm war der Vater aus die Liebesverhältnisse des Sohnes zu sprechen. Seit 1925 unterhielt dieser Beziehungen zu einem Mädchen, das einer Lichtenberger Familie angehörte. Es herrschten dort äußerst geordnete Verhältnisse. Kiebach war zwar nicht offiziell verlobt, man bettachtete ihn jedoch als Familienangehörigen. Am 15. Dezember fand der Meineidsprozeß Olerich- Mittendorf statt. Um den unangenehmen Eindruck, der durch diesen Prozeß bei der Familie der Braut entstanden war, zu ver- wischen, erzählte der Angeklagte, daß er in der nächsten Zeit etwa 400Morkverdi«nen würde und daß er beim Rennen rund 300 Mark gewonnen habe. Weihnachten stand vor der Tür, es mußten Geschenke gekauft werden. Am Sonnabend, dem 17. Dezember, hatte der Sohn seinem Bater drei Mark nicht abgeliefert, die er für ihn einkassiert hatte. Der Dater drängte. Der Sohn wußte nicht, woher er das Geld nehmen sollte, und befürchtete einen Skandal. Am 20. Dezember ging er aus dem Hause und versuchte ohne Erfolg, bei seinen Bekannten Geld aufzutreiben; er erhielt an einer Stelle 1 Mark, für die er sich bei Aschmger ein paar Brötchen taufte, außerdem«ine Abend» zeitung und einige Zigaretten. Dann setzte er sich in einen Ring» bahnzug, wie er sagt, um nicht zu früh nach Hause zu kommen, fuhr kreuz und quer und wurde gegen 2 Uhr in Kaulsdorf im Eisen- bahnwagen geweckt. Er durfte auf dem Bahnhof bleiben und stieg um MS Uhr morgens in einen Zug, um sich a u sz u schl a s e n. Wieder fuhr er kreuz und qu«r und befand sich gerade in einem Zug, der nach Friedrichshagen ging, als auf dem Schlesifchen Bahnhof ein junges Mädchen das gleiche Eisenbahnabteil bestieg. An- sang» war K. mit dem jungen Mädchen allein im Abteil, dann be- stieg ein junger Mann für kurze Zeit das Abteil. Alsbach be- hauptet, daß er das Mädchen angelächelt, sie sein Lächeln er- widert und er beabsichtigt habe, mit ihr gemeinsam au»zu» st e i g e n. Als er aber kurz nach Hirschgarten durch ihr Hantieren mit der Geldbörse einen Geldschein erblickte, nahm er, uncr- wartet für sich selbst, da» in«in Papier eingewickelt« Eisenlineal heraus und begann auf da» junge Mädchen loszuschlagen. Diese hob wie zum Schutz die Hände— Kiebach schlug weiter auf sie ein; sie flüchtet« in» Nebenabteil, Kiebach folgte ihr und be- arbeitete sie mit«eiteren Schlägen— bis fein Opfer zufom» men brach. Dann nahm er die Börse de» Mädchen» an sich und fuhr nach Berlin. Hier suchte er sein« Schwester aus, ließ sich die .Haare schneiden und rasieren, speist« in einem Restaurant; sprach daraus eine Prostituierte an, mit der zusammen er sich bei T i« tz ein Oberhemd. Toschentücher, Kragen und Krowatten tauft« und verbrachte den Abend mit dem Mädchen in einem Hotel. Di« 55 Mark, die er g e r a u b t hatte, waren all«. Am selben Abend suchte er feinen Freund Brüning auf, den» er von feiner Tat erzählt« und der auch später bei der Polizei An» zeig« gegen ihn erstattete. Bevor ihm im Polizeipräsidium noch der wahr« Grund seiner Derhastung mitgeteilt worden mar, fragte er den Beamten:„Ist es wahr, daß sich Verbrechen vondenDätern auf die Söhne vererben?" Bald darauf legte er unter Schluchzen«in Geständnis ab. war aber sin letzten Augenblick an der Vollendung feine« Planes verhindert worden. Am Dicnstog voriger Woche verschwand Frey au» seiner Wohnung und seinem Betrieb«, und bald darauf ergab sich, daß er einen Rumänen mit denselben gefälschten Papieren wiederum um 30 000 Mark geprellt hatte. Man vermutet« zunächst, daß der Flüchtige sich nach Wien gewandt habe, wo er Beziehungen hat. Da» Hot sich jedoch nicht bestätigt, ebensowenig die Andeutung de» Frey in seinem Abschiedsbries, daß er sich da» Leben nehmen werde. Kriminalbeamte der Inspektion Mitte ermittelten den Gesuchten am Sonnabend abend in einer Pension in der A n» b a ch e r Straße und nahmen ihn überraschend fest. Frey hotte nur noch 40 Mark bei sich, den großen Rest will er zur Begleichung geschält- licher Schulden ausgegeben haben. Er war bereits am Mitt- woch in dem Pensionat erschienen und hatte angekündigt, daß er bis Montag bleiben werde. Er hat ein« umfangreiche Ver- teidigungsschrift ausgearbeitet, in der er darlegt, daß er die Betrügereien verübt habe, um feinen Druckereibetrieb größer ausbauen zu können. Weiter erklärt er, daß er bereits eine Pistole gekauft habe, mit der er sich nach Verlassen Berlins das Leben nehmen wollte. Frey wurde dem Polizeigefängnis eingeliesert. Ob mit den bisher bekannt gewordenen Fällen die Reihe seiner Betrüge- reien erschöpft ist, wird durch weitere Untersuchungen noch fest- z u st e l l« n sein. Ebenso wird nachgesorscht werden, ob er tat- sächlich alles Geld, wie er behauptet, sür die Bezahlung der Schul- den oerbraucht hat._ Badeunfälle und Booishavanen. Die Opfer des Sonntags. Sei dem schönen Sonntagswekter war gestern wieder ein starker Ausslugsverkehr zu verzeichnen. Am stärksten waren nalärlich die Freibäder besucht. Leider ist der vadebetrieb nicht ohne Unfälle geblieben. Zwei junge Leute fanden beim Baden den Tod im Wasser; mehrere andere, die in Gesahr schwebten, zu ertrinke«. konnten rechtzeitig gerettet werden. Des weiteren ereigneten sich bei Potsdam zwei Bootsunfälle. bei denen es aber gelang, die Insassen vor dem Schlimmsten zu bewahren. Beim Boden im Stichkanai ging oor den Augen mehrerer Freunde der neunzehnjährige Gürtler Kurt Hab recht au» der Weißenbuxger Straße 60 plötzlich loutw» unter. Der junge Mensch tonnt« nach kurzer Zeit geborgen werden, doch blieben die Wiederbelebungsversuch« der zu Hisse gerufenen Feim- wehr ohne Erfolg. E» scheint Herzschlag vorzuliegen. Im TegelerSee, in der Röhe des Freibade» Tegel- ort.«trank der achtzehnsährig« Max Ruefch aus der Long» Hansstraße 39 zu Weißens«. Der Reichswafserfchutz suchte vergeblich nach der Leiche. Bom Bootssteg der„Akten Taverne" stürzte die fünf« undzwanzigjöhrig« Elisabeth Fink«, aus der Zellestrah«, piötztich in das an dieser Stell« ziemlich tiefe Wasser und drohte zu ertrinken. Der sechsehniahrige Kurt Sagener aus der Gryphiusstraß« I läfUz der den ksschokl gchchn, hatte,(jicaso dnr See«»eäntf• t««sofort nach, und es gelang ihm, das Mädchen z» rette» Ein eigenartiger Zufall will es, daß die Väter des Retter» und der Geretteten Krnnmalsekretäre in Berlin sind. Am Sonntag mittag wurde in der H a v el bei Potsdam an der Haltestelle Hermannswerder, etwa 15 Meter vom Lande entfernt. die Segeljolle Godewind von einem Sterndampfer gerammt und mitschiffs in zwei Teile geschnitten. Di« Insassen,.zwei Herren und zwei Damen, konnten nur mit großer Mühe gerettet werden, lim 19 Uhr versuchte im Tiefensee zwischen Posdom und Park Babelsberg ein Motorboot kurz vor einem von Templln kommenden Sterndampfer»orüberzu- fahren. Das Manöver gelang auch. Das Motorboot wurde jedoch dabei von dem starken Wellengang und der eigenen Motor- kraft mit großer Gewalt auf ein unweit des Dampfers vorüber- fahrendes Paddelboot geworfen. Das Paddelboot barst«nt- zwei und die Insassen fielen ins Wasser. Sie tauchten noch einiger Zeit wieder aus und wurden von Motorbooten aufgenommen. Am Sonntag obenb wurde aus dem Wasser des Verbin- dungskanal» am Habsburger Ufer, kurz hinter der Bohnüber- führung, die Leiche ein«» jungen Mädchen» gelandet. Wie bald festgestellt wurde, handelte es sich bei der Toten um die fünf- zehnjähriige Johanna Klawun au» der Zwingli» straße 13, di« seit dem 28. vorigen Monats vermißt wurde. Da» Mädchen hotte an einem Tanzvergnügen teilgenommen, die vorn Vater zugebilligte Ausgehzeit überschritten und war dafür gezüchtigt worden. Die Fünf, zehnjährige entfernte sich danach aus der elter- lichen Wohnung und ging ins Wasser. Don der Woterloobrücke sprang heute früh die siebzehn- jährige Kontoristin Hildegard B. aus der Brondenburgstraß« tn den Landwehr tanai. Die jugendliche Selbstmörderin konnte von Passan- tcn und Schupobeamten ohne gesundheitliche Schädigung wieder aus dem Wasser ge, zogen werden. Das Motto zu dem Berzweistungsschritt ist nicht bekannt. Sacro egoismo. Zwar erfand nicht der Faschismus Das Perpetuum mobil«, Doch den.�eiligen Egoismus" Und den General Nobile! Was geformt vom gleichen Hobe' Auch im Wesen ähnlich ist: Egoist sein, dos ist nobel. Nobile ist Egoist! ver als Erster sich geborgen, Er verkörpert«in Prinzip: Egoismus hieß ihn sorgen, Daß«r nicht als letzter blieb. Dies tut nur beim Untergange. Der Kap'tän.— Der hier befahl, Schuldet Rücksicht feinem Range, Den» er ißt doch— Keueratl. 9. Deutscher Volksbühnentag Die Kundgebung im Mainzer Stadtiheaier. Mainz, 1. Juli. Eine große öffentlich« Kundgebung befchloh die Veranstaltungen des Neunten Valksbühnentages. Das Stadttheater war überfüllt, ein« festlich«, gehobene Stimmung lag über der Ver- fannnlung. Sie ging gleichermaßen von den künstlerischen Dar- bietungen des Abends wie von den Reden aus, die im Mittelpunkt der Veranstaltung standen. Ein ousgezeichntes, pch ständig steigerndes Programm gab der Kundgebung ein« ungewöhnlich propogondistifche Bedeutung. . Zunächst spielte das städtische Orchester unter Leitung seines ausgezeichneten Dirigenten. Generalmusikdirektors Breisach, die Freischiitz-Ouvertü-re. Darauf sang der Bolkschor. Und sodann brachte die Vorsllhrung eine» Bewegungschorwerk,„Reue IugovV allen Anwesenden ein tiefes Erlebnis. Unter Leitung des Führers der Tanzgruppe am Mainzer Sladttheoter. Jos. verdolt, hatten 130 junge Menschen, meist au» der Arbeiter- fugend, zu Beethovenscher Musik ein« Tonzdichtung einstudiert, die in einlach symbolischer Handlung, ganz auf Rhythmus und Farben gestellt, den flegreichen Kampf einer neuen Jugend gegen Schul- meistere! und Gewinnsucht zu lebendiger Anschauung brachte. Als erster Redner nahm Franz Kaibel, Weimar, das Wort. Er sprach von den Ausgaben der Volksdühnenbewegung im Kampf um eine neue Westanschauung. Er verwies auf die Berufung des Dichters und besonders de» Dramatiker», neu« groß« Ideen, neue Wcltanfchouungsbegrisfe zu gestalten und zum Besitztum der Masse zu machen. Er bekannte sich zu einem Theater, dos Kultbühn« fein wolle im Gegensatz zur reinen Unterhaltungsbühne. Er erklärte es als Aufgab« der Volksbühne, diesem Theater sein Publikum zu sichern, e» aus einem Besitztum der Gebildeten zur Sache aller zu machen und ihm zugleich den Unterbau einer wirklichen Gemein- schaft zu sichern. Reichstogsabgevrdnete Clara Bohm-Schuch behandelte das Thema „vokksbühnenbewegtmg and Frauen". Die Volksbühnen, sagt« sie, böten heute vielen tmisend Frauen die einzige Möglikett, sich aus niederziehender Alltagsarbeit in lichte« Gefilde emporzuheben. Gerade bei den Frauen klaffe ein« tief« Kluft zwischen heißer Kuliurfehnsucht und eienden sozialen Per- hältnissen: gerade für sie sei deshalb das Kunsterlebnis so besonders wichtig. Aus diesem Erlebnis werde dann auch neues Gemeinschafts- gefühl wachst«. Nicht nur auf kulturellem, auch auf sozialem Ge- biet« löge die Bedeutung der volksbichnenbewegung. Ob dos, was die Boltsbiihnen böten, in alier oder neuer Zeit wurzele, sofern es den Menschen, den ringenden, den erliegenden, den siegenden, zum Erlebnis mache, fei es westntlich, könne es reicher und besser mächen. Frauen und Volksbühnen gehörten auf» engst« gifaimnen. Al« dritter Redner betrachtete Dr. Carl Gebhordt, Frankfurt a. M., die Bolksbühnenbew�gung in ihre? Eigenschaft als Glied der Lolksbildungsbewegung. Moderne Bokksbildungs- bestrebungen und Dolksbührienidee zeigten gemeinsame» Wesen und gsmeinsam« Ziel»«. Hier sprach Gebhordt von der „neuen Völkerwanderung", die begonnen habe: eine Dölkerwanderiing oon unten nach oben, die dos Gesicht der Erde vielleicht entscheidender ändern werde, als jene horizontale Völkerwanderung vor 2000 Iahren. Ein Klassenkampf werde gefichrt, ober doch nicht um seiner selbst willen, sondern mit dem Ziel einer neuen Einheit des Doltes. Ein neues Kollektiv-Bewußtstin steige herauf, das alle zur Bejahung zwinge als Ausdruck der Zeit. Auch im Theater forderte Gebhardt Be- jahung dieses neuen Volksbegriffes. Es müsse zur Stätte des Nachdenkens über den Sinn des Lebens werden. Nicht«ine Ober- schicht dürfe das Theater trogen, sondern das Volk in stiner Ganz. heit müsse an ihm teilhaben. Nur dann werde die Zeit im Lebens- gefühl oller zu sich selbst kommen können. Mit leidenschaftlichen Worten forderte Gebhardt eine Zeit, in der sich alle Menschen als Zeitgenossen empfänden. Diesen Begriff in jedem wachzurufen und jedem Zugang zu den schöpferischen Kräften der Zest zu schaffen. das sei gleichermaßen die Aufgabe der Dolksbühncnberoegung wie der Voltsbildung. Als letzter Redner betrat dann Fritz v. Unruh dos Podium. Aeußerlich ruhig, abee von innerer Glut erfüllt, sprach er mit den beschwingten Worten des Dichters von der Dramatik und dem Theater der Zeit und auch von dem. was hier zu hoffen, wo» von. nöten sei. Wer sucht, so fragt« er, heute noch im Theater, gläubig- bereit, den einigenden Gott? Wer sieht im Theater noch den Tempel, au» dessen Tief« er Orakel hören will? Und noch andere Fragen warf er aus, Oragen nach dem Wert, der Bedeutung der heutigen Bühne. Und er sucht« nach den Gründen, die es bewirkt hätten, daß d« Schwungrad der Zeit den Dichter aus der Arena geworfen und Boxer, Ballspieler dafür hereingetragen hob«. Man dürfe nicht nur das Versagen der Dichtung verantwortlich machen. So kam Unruh zu dam Ruf: Laßt Masse« i» die Theater! Laßt un» wieder zu empfänglichen Menschen reden mst allen primi- tiosten Instinkten! Die Masse fft Druckmesser unstre» eigenen Blutes. Weiter sprach Unruh von den seelischen Bindungen, au» denen der Voltsbegriff erwachst. Er bejahte die Möglichkeit einer gemeinsamen Kunst und gemeinsamen Bühne. Auch die Gotik hob« keine stärkeren Bindungen gehabt al» unstre Zeit. Gegen sarkastische Geringschätzung nahm er den Heroismus der Seele in Schutz. Ueber all« Widrigkeiten hinweg werde sie sich doch erheben.„Einmol wird aus Morgen und Abend der erste Tag unserer Bühne werde«/ Er erinnert« an die Inschrift über dem Potsdamer Schoi�pielha«: „Dem Vergnügen der Einwohnet/, und an Beethovens Wort, daß die Menschen nicht eher Frieden haben würden, als bis es ge- lungen fei, da« schöpferisch Gute so verschwenderisch mit den Reizen der Verführung auszustatten wie bisher das Böse. Beide Worte verbindend, erklärte er es als die Aufgab« der Bühne,„den Wein der Erleuchtung zu keltern". Dann werd« Lust zur Freude werden. „Freude sei der Stern über unseren Bühne«, in dessen Zeichen ein Volk zu neuem Mittag aas- steigt." Prächtig schloß sich an diese mit stürmkschem Beffoll auf- genommene Rede Wagners„Mei st e rs i n g« r"- O u o« rtü r e, die da» Orchester uMer Breisachs beschwingter Leitung spielt«. Ei« wahrhast großer, schöner Ausklang des Neunten Deutschen Volks- Kuhnen tage«! „Lardillac." Hiaotkioper am Plast der Republik. JCardtlkat", das neue Wer» Paul Hindemith», ist der erste, ganz ernst zu nehmend« Vorstoß der jungen Musiker- generatio« in dem Bezirk der Opernbühne. Um so ernster zu nehmen, al» e» der anerkannte Führer der Generation ist, der ihn unter- nimmt. Um so wichtiger zu nehmen, als die Eroberung des Opern- publlkwns, also des Operntheater,, in überraschendem Grad gelingt. Es ist, am Premierenobeich. nicht«in..Erfolg", den die zu ollem entschlossenen Anhänger vortäuschen; es ist die Sache, die sich durch- setzt, das Werk, das einschlägt. Allerdings dank Klemperer in einer Wiedergabe, die eine musikolsschc Tat ist. Ein großer Abend de» Berliner Opernjahre». Noch allen mölichen halben versuchen, hingesudelten Sinoktern. Operettenseltensprüngen, Revueverirrungen, holbernsten Bemühun- gen, sich über da« Problem der modernen Oper bluffend hinweg- zusetzen, nun endlich eine ausgewachsene, nämlich abendfülltnde Oper großen Stil»— was ist an der Sache Besonderes? Was ist Neue» geschehen? Die Musik diese» letzten Iahrzehiü», von ihrem literarffchen vor- und Rachreitern gern die„neue genannt— lassen wir die Frage offen, ob sie den anspruchsvollen Namen in der Tat verdient; sicher ist, daß neue Anschauungen, Strebungen, Stil- und Formprinzipien al« gemeinsame» Entwicklungsmotw, richtungb«stimmend, weite Kreise der jungen Mustkerschast beherrschen. Und iese neuen Prin- zipien, um davon nun aus dem einstweilen greifbaren Niederschlag einer in ihren Ansängen höchst verworrenen Umsturzbewegung zu reden, haben in ihrer Auswirkung den jungen Musiker, der ihrem revolutionären Terror unterlag, zwangsläufig von der Opernbühne immer weiter entsert. Vorsätzlich strengste Gebundenheit in engen Formen, bedingungslose Unterwersung unter die Regeln des polyphonen Satzes, asketische Abkehr vom„schönen" Klang, strikte Ver- neinung des Rechtes auf Wirkung— auf dem Boden solcher Bor- aussttzungen sollte eine Oper entstehen? Paul Hindemith. dessen Urmusikantentum an aller Musikentwicklung der letzten zehn Jahre stärkst«« Anteil hat, hat die Voraussetzungen, die seine eigenen ge- wesen und geworden sind, nicht verleiignet. Er wogt, mit allen theaterseindlichen Maximen seiner Musikerrlchtung belastet, den ge- fährlichen Schritt zur Oper. Das Wagnis getingt, weil ein ganz starker musitdramatischer Instinkt, wenigstens an allen enffchetden- den Punkten, die Widerstände seiner Richtungsgebundenheit über- windet. So bedeutend, so bewundernswert des Komponisten mustkalifch-sormal« Satzkunft, so sehr freilich auch sie an manchen Stellen vom Bühnenvorgang ableirft, ihn hemmend eher al» daß sie ihn beflügelt, al« Ganzes ist„Cardilloc" ein echtes Bühnenwerk geworden, und wir dürfen in Zukunft der deutschen Oper vertrauen- der als vor kurzem noch entgegensehen. Ein sehr starker Stoff allerdings(aber der Griff nach dem Stoff fft ja die erste, entscheidend wichtige Leistung des Vpernkompvnisten) kommt der Wirkung entgegen; Ferdinand Lion hat ihn nach einer Novelle oon E. T. A. Hoffmann geformt. Nicht durchaus mit glücklicher Hand. Was begibt sich in drei Akten? Mordlust liegt, wenn sich der Borhang zum ersten öffnet, schwer über Paris.(Dem Paris Ludwig XIV.: eine Kostümoper.) Ein Sondergericht, die „brennend« Kommer", soll endlich den geheimnisvollen Uebektäter fassen und richten, dessen nächtliche Verbrechen, ungefühnt noch alle, immer wieder auf dieselbe Spur führen: wer oon Cardillac, dem berühmten, vom Volt geehrten Goldschmied, ein Schmuckstück taust. fällt am selben Tpg dem unbekannten Mörder zum Opfer. Der Mörder, wir erfahren es bald, fft kein anderer als Cardilloc. Die Werke, die er schafft, sind sein Leben; er hütet jedes, als wär's ein Stück von ihm. Der Käufer wird ihm zum Räuber, zum verhaßten Feknd; aus unwiderstehlichem Zwang muß er ihn töten, ihm die Beute wieder entreißen. Ein pathologisches Scheusal von Massen- Mörder; doch in aller Verirrung eine Gestalt von phantastischem Wuchs. Wie er, getrieben von Msrd zu Mord, endlich am Wider- stand eines Stärkeren, der bewußt ihn herausfordert, zerbricht, wie er öffentlich bekennt, vom Volk erschlagen, doch dann, in einer Art versöhnten, verzeihenden Verstehen?, in den Tod gesungen wird, das bildet, kurz zusammengefaßt, den Vorgang der Oper. Diese Oper Paul Hindemiths ist ein Wurf. Und am Platz der Republik wird sie in einer Aufführung geboten, die sie zu einem Theaterereignis macht. Xlsus?rjns»ke!m. Neues Arbeiierferienheim. Der sozialdemofrafffche Abgeordnete Stelling fordert Zerienzulagen für die Arbeiter. Teupitz sMark), I. Juki.(Eigenbericht.) Anspruchsvoll nennen sich die Gestade des Körffer Sees die mär. tische Rioieva. Doch k«ne mondäne Wert wandelt dort unter Palmen. Wer mit Dampfer und Motorboot kommt, steht hinter Ruderern und Paddlern an flacheingehendem sondigem Podegelönde erst ausruhend« Werktag»menschen und dann endlose Kiefernwaldungen. In einer Lichtung am See liest er: Ferienheim. Hier in Klem-Köri» fft gestern ein« neu« g« noj f e»s cho s t- li che Gründung dem Verkehr übergeben worden: dos.zwölfte Haus der IertenheinvGenaflen-schost Jena. Warum kommt die Pro- vinz damst nach Berlin? Der Vorsitzende der Jenaer, Landtags- abgeordneter Dr. Kieß, begründete das in seinem Willkommen an die zahlreichen Vertreter von Organisationen der Arbsiterschast. In Jena hotten die Zeitz-Arbeiter dank Abbe, dem Philanthropen und Freunde Bebel», schon lange vor dem Kriege ein gesetzliches Recht gzif Ferienwochen. Heute, so jährte Johannes Stelling vom Pami- vorstand de» SPD. in der Weiherede aus, vertcmge die täglich schärfer werdend« Ratianalffieiung, der entsetzliche Raubbau an Menschen'- kraft, gebieterisch nach Erholung sür den Arbester, noch Heimen, in denen nach gemeinnützigem Prinzip die Ferien bewirtschaftet werden. Wenn von Jena au» Im Thüringer Waldd, wo erst vor acht Tagen da« Heim Frauenwald auf lichter Höh« eröffnet wurde, im Erzgebirge, in der Lüneburgs r und w der Dübener Heide Ferieichäuser begründet worden, so sei mit Freude zu begrüßen, daß nun für den Berliner auch ein Heim in der Röhe der Stadt errichtet weide. Allein, vor die Tor« der Stadt fahre gezwungenermaßen nur, wer über wenig Mittel und geringere Ferienzeit verfüg«. Wenn wir auch mit Stolz auf die nun sür manch« Arbeiterkotegonen tariflich festgelegten Ferien al» Errungenschaft der Arbeiterbewegung sehen, so ver- langen wir nun genügenden Urlaub und Feriengeld für alle Arbeiter. um sie an den Schönheiten der Natur der weiten Welt teilnehmen lassen zu können. Das neu« Heim fei mit dieser Forderung als ein Glied tn der Kette de» sozialen und kulturellen Aussstegs der Arbeiter- Hasse geweiht.— Danach brachten Vertreter dos Ortsausschusses� Berlin de» ADGB„ der Berliner Konsumgenossenschaft, des ADB., der Freidenker und der Arbeitersänger herzliche Wünsche für das neue Hau« und die Genossenschast aus. 1. Krets— Mltte. Heute, Montag. 2. Juli, W/j Uhr, bei Dobrohlow, Swinemünder Straß« 11, Sitzung de» erweiterten Kreisvorstonde». Ersch«in«n dringend erfordertich. F Staatsbien ft hinlänglich erwiefen hatte da ist noch was zu machen! Er löfte also das Ei des Rolumbus das Problem der Massenspeisung folgendermaßen: Man nehme 32 Liter flares Brunnenwasser, 5 Pfund Gerstenmehl, ebensoviel Maissamp, 4 Bücklinge, etwas Effig, Salz, Pfeffer und Kräuter und bekommt, wenn man das focht, eine herrliche nahrhafte Suppe für 64 Personen. Feine Sache enthielt zwar mur 300 Kalorien, während eine Mahlzeit für nicht arbeitende Menschen 1500 enthalten muß, also fünfmal fopiel! ACHTUNG ST Rote Schalmeren Musikprobe zur Regierungserklärung. C Rommunisten und Nationalsozialisten haben es geschworen: Diesmal foll die neue Regierung mit besonderem Schwung em pfangen werden! Damit alles recht gut flappt, hatten sich zu diesem 3mede gestern nachmittag im Gartenrestaurant von Dalldorf, wie unser dortiger Lokalberichterstatter meldet, die Mitglieder der fommunistischen und nationalsozialistischen Reichstagsfraktion zur Hauptprobe zusammengefunden, um der Sache den letzten Schliff zu geben. Man sah auch einige treue Anhänger von Herrn Scholz mit verdeckten Stahlhelmabzeichen. Einer von ihnen ergreift den Borfiz. Spudnäpfe fertig? Rönnen wir anfangen?" Echo aus der Ede: Spudnäpfe fertig." Na, denn los. Ich beginne." Die Sigung ist eröffnet. Ich habe von folgendem Schreiben Mitteilung zu machen: Berlin, den 29. Juni 1928. Ich beehre mich, Ihnen folgendes mitzuteilen: Der Herr Reichspräsident hat den Herrn Reichsfangler a. D., Reichsminister a. D., den Abgeordneten Müller- Franken zum Reichskanzler ernannt 20 Nanu, meine Herren, wo bleibt Ihr Einsatz? Bitte noch einmal. Das muß ganz anders flappen: Reichs.... und Abgeordneten Hermann Müller Franken zum Die Kommunisten: Trustregierung! Nieder mit den Blakhaltern des Truftfapitals! Die Nationalsozialisten: Raus mit der Juden regierung! Schluß mit der Herrschaft der Minderwertigen! Borsigender: Das R beffer aussprechen! Se: Irrruft!" ( Fortfahrend):" Auf Borschlag des neuernannten Herrn Reichsfanzlers hat der Herr Reichspräsident die bisherigen Reichsminister Dr. Strefemann( Auswärtiges), Dr. Curtius( Wirtschaft). Groener mor Zurufe von den Kommunisten: Beschützer der Feme Borsigender: Aber meine Herren, wollen Sie nicht lieber Ihr Pulver für bessere Gelegenheiten aufsparen?"( Fortfahrend):.. Schäßel( Reichspoft) in ihren Aemtern bestätigt und ferner den preußischen Staatsminister a. D. Severing.... Stürmische Zurufe: Beschützer der Fememörder! Schlageterverräter! Arbeitermörder! Arbeitermörder! Lodspitzelminister! Boltsvergifter.... Der Tag des Pferdes. Pferde über Pferde sah man am Sonntag in Berlin. Berbände, die an der Pferdezucht interessiert sind, und Menschen, die fich den Schuh des Pferdes angelegen sein laffen, hatten den 1. Juli zum Tag des Pferdes" erforen. Da bei einer Entfernung bis 10 Kilometer das Pferd als Zug mittel im Gebrauch billiger ist als ein Motor, haben wir in Berlin noch viele Gespanne. Bon ihnen traten über 300 die große Parade an, die in der Flughafenstraße am Tempelhofer Felde ihren Anfang nahm und nach dem Magerviehhof in Friedrichsfelde führte. Dort fand vor den Tribünen ein Vorbeimarsch sämtlicher Teilnehmer statt. Imposant wirkten die schweren Brauer pferde, die nicht nur als Zweispänner, sondern auch im Vier- und Siebenspänner vorgeführt wurden. Die Berliner Mitchhändler traten mit 100 Bespannen an, und in dieser großen Pferdeschar bewies ein fleiner Hengst, daß auch ein Milchpferd" sehr viel Feuer haben kann. Die Spediteure und die Fuhrunternehmer erschienen mit den verschiedensten Gespannen; ausgezeichnet machten sich zwei fleine Schimmel, die ihren Wagen mit v'er schweren Zeitungspapier ballen tapfer und überraschend leicht zogen. Da wirkte eben die gewünschte Dreieinigkeit zusammen, ein ruhiger, guter Fahrer und zwei günstig zueinander passende Pferdetemperamente. Der Fouragehandel stellte blendend gefütterte Pferde, von denen sich einige vor Uebermut taum zu lassen wußten. Brotfabriken, Buttergroßhandlungen und viele Private waren durch die verschiedensten Gespanne vertreten, während Sattler- und Schmiede innung sehr schöne Fest wagen zeigten. Theater, Lichtspiele usw. Montag, 2. 7. 28 Montag, 2. 7, 28 Staats- Oper Unter d. Linden Ab.-V. 56. Anf. 20( 8) U. Städtische Oper Bismarckstr. Geschlossene Vorstellung Ant.19%( 72) U. Salome Carmen Staats- Oper Am Pl.d. Republ. Ab.-V. 58 Anf. 19( 72) U. Staati. Schauspielh. Am Gendarmenmarkt Res.-S. 51 Anf. 20( 8) Uhr Kalkutta, 4. Cardillac Mat Staatl. Schiller- Theater, Charltbg. 20( 8) Uhr. Mord im Hinterhaus. Borsigender( befriedigt nidend)...: den Reichsminister a. D. Abgeordneten Dr. Hilferding Stürmischer Zuruf: Anwalt des Trusttapitals! Büttel des Feindbundes! Boltsaussauger...! Junger Mann von Herrn Stinnes... Borsigender: Rein, meine Herren, hier mürbe ich Ihnen nur ein ganz distretes Aha' empfehlen." Zurufe Kommunistien und Nationalsozialisten gemeinsam: Aha. Borsigender: Gut; ich fahre fort: den Reichsminister a. D. Bissell zum Reichsarbeitsminister..." Stürmische Zurufe: Streifabwürger! Nieder mit der Schlich tungsguillotine! Borsigender:... den badischen Minister a. D. Abgeordneten Dietrich- Baden zum Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft." 3uruf: Ernährung der Landwirtschaft. Borsigender: Bitte, meine Herren, nicht so alte Kalauer." 3uruf: Bat, Kalauer? For den demokratischen Nachschlüssel? Borsigender: Sie werden mit den Abgeordneten Roch Befer und Guérard das neue Reichskabinett bilden." Stürmische Zurufe von beiden Seiten: Regierung des Klaffenverrats! Amnestie! Nieder mit den Stresemann- Monarchisten! Rieber die Margiftenregierung! Borsigender: Stürmischer, meine Herren, stürmischer. Das muß nur so knallen, daß die Wände madein. Das deutsche Bolt will sehen, daß Sie gewählt find!" Nationalsozialisten( allein): Nieder mit der Marristenregierung! Stimmen, daran nehmen Sie sich mal ein Beispiel." Borsigender: Sehen Sie meine Herren, das find noch Leow und Thälmann zum Bodium vorstürmend, die roten llid... lid.. Schalmeien züdend: lid.. Borsigender( abklopfend): Ausgezeichnet meine Herren! Beim das tein unfer würdiger Empfang wird Le .. Die Rumfordsche Suppe. Auch eine Hungerbekämpfung. Die Rumfordsche Suppe" hat im Zeitalter der Romantik viel von sich reden gemacht. Die Bezeichnung soll noch heute existieren. Aber was es damit auf sich hatte, das missen die allerwenigsten. Eine Defifatesse war sie bestimmt nicht. Die historische Abteilungen auf der Ausstellung Die Ernährung" verrät uns näheres. Sie gibt überhaupt Aufschluß über allerhand höchst romantische Bersuche einer Boitsspeisung, die nahrhaft sein sollte, ohne viel zu kosten. Da ist der Papinsche Dampftopf. Der französische Phyfiter Denis Papin, der von 1647 bis 1714 gelebt hat und als Profeffer der Mathematit in Marburg lehrte, hat das Kochen unter assphärischem Druck erfunden. Er war auf dem besten Wege, die Dampfmaschine dem Engländer James Watt vor der Naje wegzu schnappen, denn sein Dampftopf war schon im Grunde eine, primitive Maschine. Statt der Lokomotive erfand er allerdings das Dampfbost, fuhr damit die Fulda hinab, wurde aber in Münden von den Schiffern, die die Konkurrenz witterten und ihm sein mühselig und mit großen Kosten zusammengebasteltes Schiffchen in Klump schlugen, an er Ausbeutung feiner Erfindung verhindert. Das geht uns allerdings hier weniger an als seine Behauptung, wenn man Abfälle wie noch en mur richtig unter Dampf setzte, fönnte man unerhörbe Nährwerte für arme Leute herausholen. Holla, dachte Herr Benjamin Rumford, ein Amerikaner, der im Freiheitsfrieg auf feiten der Reaktion, der Engländer, gefochten umb damit seine Eignung für den turfürstlich bayerischen Steinplatz 901. Volksbühne Renaissance- Theater Uhr Krankheit der Jugend heater am Blowplatz Th. am Schiffbanerdamm 8 Uhr 8 Uhr: Orpheus in der Unterwelt Der Kuhhandel Komische 8 Uhr Oper 81%, Uhr JAMES KLEIN'S gewaltiges neues Revue- Stück: Zich' dich aus! 200 Mitwirkende. Vorverkaut ab 10 Uh ununterbrochen. Dentsches Theater Saltenburg- Babaen Norden 12 310 U. Ende nach 10% Artisten Regie Max Reinhardt Ots. Künstler- Th. 8 Uhr ,, Das sind ja reizende Leute.." Lessing- Theater Berliner Prater äglich, Uhr Kastanienallee 7/9... Spiel im Schloss" 7% Täglich 72 Die keusche Susanne. Die Komödie Außerdem Bismarck 2414/7516 Konzert, Varieté. 82 U. Ende 10% U. Anf. 5 U., Sonnt. 4 U. Es liegt in Tanz. Kaffeekochen. der Luft Revue von Schiffer. Kleines Theater Musik v. Spoliansky Tägileh 1, Uhr Barowsky- Bühnen Th. Königgrätz. St. 8 Uhr Leinen ans Irland Komödienhaus Heute 1/4 Uhr: Lustspielhaus Heute 72 Uhr Premiere Die Reise durch Der offizielle Katalog meint entschuldigend: die Maffenernährung hätten jene alten Herrschaften ,, mangels ihrer Einsicht noch nicht rationell durchzuführen verstanden". Aber wie steht es im Zeitalter der vollendeten Aufklärung, als man uns in den Kohlrübenjahren vor Eiern und Fetten warnte und einen Frühtrant" empfahl, der sich als getrockneter Roßmist entpuppte? 6 Der Blaubart von Marseille. Eine funkentelegraphische Uebermittlung seines Bildes.- In Montpellier hat der Mörder Betrügereien in Höhe von mehreren 100000 Franken verübt. Im Gefängnis verweigert er jede Nahrungsaufnahme und hüllt sich in hartnäckiges Schweigen. Berantwortlich für die Redaktion: Eugen Brager, Berlin; Anzeigen: Th. Glode, Berlin. Berlag: Borwärts Berlag G. m. b. S., Berlin. Drud: Borwärts Buch druckerei und Berlagsanstalt Baul Ginger& Co., Berlin S 68, Lindenstraße& Sierzu 1 Beilage. IOW Unternehmen der Gewerkschaften LNDCAR Ohne Anzahlung Wochenrate 3. Mk. Monatsrate 12.- Mk. Zu beziehen durch sämtliche freigewerkschaftlichen Organisationen od direkt durch INDCAR- FAHRRADWERK Aktiengesellschaft Berlin Lichtenrade Fabrik- Niederlage: Berlin, Oranienstraße 127 Gr. Frankfurter Straße 83 Verkaufszeit: Werktäglich von 9-7 Uhr. Reparatur- Werkstatt. Planetarium am Zoo Verläng. Joachimsthaler Straß Noll. 1578 16 Uhr: Berlin in 40 Standen. Der Sternhimmel Revueposse von. P. Nicolas und W. Schaeffer Broadway Theater des Westens Heute 8 Uhr der Heimat 18 Uhr: Residenz- Theater Theater am Kottbusser Zor Blumenstr. 8. Kottbusser Str. 6, Täglich 8, Uhr Tel.: Mpl. 16077 Täglich 8 Uhr: Der verbotene Elite Sänger Justav Droschkenkutscher- Idyll mit Gesang und Tanz allabendlich Erde und Weltenraum. Loni Pyrmont Bombenerfolg! 20 Uhr: Lori Leux in Der Einfluß d. Gestirne Die Eintritt 1 M. Walhalla- Th. ungeküßte Eva Kinder unt, 15 Jahren 6.5. Weinbergsweg 19/20 Täglich 8% Uhr: Der Wirt vom Heidekrug Operette in 3 Akten. Musk v. Martin Knopf. Else Botticher, Kiper, Neruda, Steppaenk Rose- Theater Rosenfest Ein lustiges Spiel m. G Franki. Str. 132 u. Baiser- Tietz Berliner Theater Gesang Tanzm.d. neuesten Schlagern Lotte Hlinder harlottenstr.90/ 91.08mh.17 Park.auch Sonntags 314, Ende nach 10% statt 4.- M. in Galante Gastspiel d. Deutschen Th. nur 60 Pf. Der Prozek Nacht! Hars Dugan 7 Uhr Freude, schöner Götterfunken Uhr Der Fürst von Pappenheims Krafft- Lortzing Gaston Briese Burkhardt Emma Klein Lachen ohne Ende! u. a.: Parkett auch Sonnt. Wasserraffen" statt 4.- Mk. 99 nur 1. Mk. sowie der unvergleichliche Soloteil. Reichshallen- Theater Stettiner Sänger Zum Schluß: Mutter uff Reisen" Burleske von Meysel Anfang 8 Uhr. Donhoff Brett'i: ( Saat und Garten) Gr. Varieté- Programm, Konzert, Tanz. ZOOLOGISCHER GARTEN Gr.Konzert Täglich ab 4 Uhr nachm. Dienstag Berl. Sinfonie- Orch. DonnerstagSonnabend- Dir. Clemens Schmalstich ZOO- OSTAFRIKASCHAU Ab 7.Juli Karl Hagenbecks Somalis AQUARIUM SPORTKUNSTgeöffn. v. 9-7 U. AUSSTELLUNG ddellage Montag, 2. Juli 1928 frrjttnmtl SpnJniilgaße J*i\/otytwt4i Das Zündholztvunder Die Fabriken der GEG. in Riesa- Gröba. Unter den Wundern der Technik gibt es zwei verschieden« Arten: k>ie einen wnken durch das riesenhaft Große, die anderen »urch da s c r st o u n l i ch Klein«, die einen dadurch, daß die Gewalt des technischen Wunderbaues uns erdrückt, die anderen dadurch, daß die ungeheure Zahl, mit der das kleinst« aus uns ein- Jfünnt, uns zu überwältigen droht. Wenn ober beide Wunder sich m einer Maschine, in einem Arbeitsgong vereinen, dann steigert sich das Staunen des Zuschauenden bis an die Grenzen der Ehr- »urcht. Zerschneiden des Holzes. JDicfes Gefühl überwältigt einen vollständig, wenn man in der Zündholzfobrik der GEG. in«iesa-Gröba die Pro- dnkiitm dieses wohl kleinsten unter den täglichen Gebrauchsgegen- ständen der Menschen betrachtet. Die Rohstoffe. Schon die Rohstofse, ihre Veschoffung und Lagerung und die Reihenfolge ihrer Verarbeitung bereitet mancherlei Kopfzerbrechen. Als ch o l z ist nur erstklassiges Aspenholz zu verwenden, das in Europa recht.selten ist. Es kommt nur im Nordosten unseres Erdteiles vor, in Litauen und Polen: das best« Ajpenholz aber kommt pus den benachbarten nordöstlichen Bezirken Rußlands. Jährlich lallen so über diese weiten Entfernungen 8000 Kubikmeter As pen Hotz nach dem Stapelplatz der Geiwssenschastsfabrik in Riesa-Gröda. Dos Geheimnis des Zündholzes ist, daß das Reiben der Zünd- Masse an der �Reibfläche ein« kleine Explosion erzeugt, die das cholz- chen eirtzundet. Es ist schon eine ganz hübsche Explosion, die di durch Anstreichen eines solchen Zündhetzköpfchens erzeugt wird, tvie das Gerätisch beweist. Run stelle man sich aber einmal vor, daß die kiloweis gelagerten Rohstofse für Zündholzkops imd Reibfläche mit einander in Berührung kämen und dodirrch eine Explosion entstünde. Weich gronenhastes Unglück würde das bedeuten! Ist es da nicht ein Wunder zu nennen, daß, soteng« die GEG.- Fabrik besteht, noch nicht dasgeringst« Unglück geschehen ist? Der Meister, der uns führte, erzählte uns. wie er die psycho- logischen Voraussetzungen dafür geschossen habe, daß die strengen Dorschristen über Lagerung und Handhabung dieser gesährfichen Etoise auch dann eingehalten werden, mom, das wachsam« Auge der Aufsicht fehlt. Er hat allen, die mit den feuergefährliche» Stoffen zu tun haben, einmal eine kleine Explosion mit geringen, in ihrer Wirkung nach ungefährlichen, aber nrwwrhi» doch recht eindrucksvollen TO engen vorgeführt. Unl) seitdem weiß seder, was bei der geringsten Unovrfichtigkeit aus dem Spiele steht und nirmnt sich ent» sprechend in acht. So ist deim in sinnreicher Anordnung der Arbeitsgang so ge- regelt, daß zu allererst die vollständig fertig« und bereits gefüllte Züiidholzschachtel mit der Reibfläch« versehen wlrd. Das Maschinenwunder. Ileberhglipt der Arbeitegong! Er mutet an wie ein Wunder, von seinem Ansang bis zu feinem Ende. Erst werden die Aspenstämme in Stücke von bestiinmter Läng« geschnitten. Diese Stücke werden in eine Art Drehbank eingespannt, in der während der raschen Drehung ein über die ganz« Breit« reichendes Messer sie abschält. Erst fallen bei der ungleichmäßigen Form der Stämme roh« Späne, bis dann dos Messer so west vor- gedrungen ist, daß der ganze Stamm gleichmäßig zylindrische Form hat. Dann wird in endlosem Band das weiche Holz des Aspen- stommes abgerollt und die von der Maschine in bestimmter Länge abgeschnittenen Bandstück« aufeinandergeschichtct, wie unser Bild es zeig«. In das 0,8 Millimeter starte Baird hat dos Mester schon benn Abschälen vom Stamm Ruten eingekerbt, die die Breite der Deck- und Scitenslächen der äußere» Schachtel markieren, so daß es der nächsten Maschine ein« Kleinigkeit ist, das Band in dies« Riiteu zu falten und zur Schachtel ziisommenzusügen. Währenddessen werden die Häuschen selbst fabriziert. 21 Millionen an jedem Tag! Auch sie werden aus breiten Aspenbändern geschnitten, die 2,2 Millimeter dick von gleichen Maschinen vom Aspenstamm abgeschält werden, wie wir sie schon bei der Schachtelfabrikation kennen lernten. Die Bänder werden erst in Holzdraht von quadra- tischem Querschnitt gespalten, und dann wieder wird dieser Holzdraht in 50 Millimeter lange Stück« geschnitten. Di« Hölzchen werden imprägniert, damit sie nicht nachglühen, werden getrocknet und dam, zu Zehnbausenden gleichzeitig von be- sonderen Maschinen geradegerichtet und geordnet. Und dann geschieht das größte Wunder: dann vereinigt sich die erdrückende Gewalt der Unzahl des Kleinen mit der Gewalt der riesigen Maschine. Millionenweise werden die Hölzchen in die genoil possenden Löcher von ZZOO Kettenstäben gesteckt, die in vier Stagen übereinander in longer Reih« durch die Komplettmas chinc nwndern. Die Maschine ist 11 Meter lang, 4 Meter breit und 3 Meter hoch. Cinenthalb Millionen Hölzchen sind in fedem Augen- gleichzeiag rn die Bänder gesteckt und oerleihen ihnen das Aus» sehen von riesigen Bürsten. Eine Stunde braucht jedes Hölzchen, bis es vom Anfang dieser Maschin? bis zu ihrem Ende gelausen ist. Während des Ganges durch d,e Komplettmaschine werden die Köpschen der Hölzer in flüssiges Paraffin getaucht und dann in die eigentlich« Zündmasse. Am Ende der Komp-iettmas-chine er. scheint das fertige Holz. Dann kommen wieder andcve Maschinen, die die Hölzchen zu je 60 m die Schachteln füllen, die die Reibfläechn anpinseln und die Schachteln zu je 10 automatisch in die bekannten GEG.-Pokete verpacken. Das Zündholzkopital. Di« Produktion der Gröbaer und der Lauenburgar Zündholz- fabrik zusammen betrug im Jahre 1927 16 000 Normalkisten in, Ge- samtwert von 3,11 Millionen Mark.'Es waren das 2098 Normal- kisten mehr als im voraufgegangenen Jahre, ein Mehrumsotz von 523 025 Mark. Der Umsatz würde noch � erheblich größer sein, wenn olle genossenschaftlich organisierten Proletarier tatsächlich nur GET-- Hölzchen brennen würden. Es ist um so unverständlicher, daß dieses Gebot genossenschaftlicher Klugheit noch längst nicht genügend er- könnt wird, o