Morgenausgabe Nr. 401 A 204 45.Jahrgang Böchentlich 851, monatlich 3,60 R. im noraus zahlbar, Boftbezug 4,32 M. einschl. Bestellgeld, Auslandsabonne ment 6,- m. pro Monat. * Der„ Borwärts" erscheint wochentag lich zweimal, Sonntags und Montags einmal, die Abendausgaben für Berlin und im Handel mit dem Titel„ Der Abend", Illustrierte Beilagen Boll und Zeit" und Kinderfreund". Ferner Unterhaltung und Wissen"," Frauen. ftimme". Technit"," Blid in die Bücherwelt" und Jugend- Borwärts" Vorwärts Berliner Boltsblatt Sonnabend 25. August 1928 Groß- Berlin 10 Pf. Auswärts 15 Pf. Die ein paltige Ronpareillezetle 80 Pfennig. Reflamezeile 5.- Reichs. mart. Kleine Anzeigen das jettge. brudte Bort 25 Pfennig( zulässig zwei fettgedruckte Worte), jedes weitere Bort 12 Pfennig. Stellengesuche das erste Bort 15 Bfennig, jedes weitere Bort 10 Pfennig. Borte über 15 Buchstaben Arbeitsmarkt zählen für zwei Worte. Belle 60 Pfennig. Familienanzeigen für Abonnenten Zeile 40 Pfennig. Anzeigen annahme im Hauptgeschäft Linden. Brake&, wochentagl, von 81%, bis 17 Uhr. Bentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Redaktion und Berlag: Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-297. Telegramm- Adr.: Sozialdemokrat Berlin Vorwärts- Verlag G.m.b.H. Müller geht nach Genf. Der Reichskanzler führt die deutsche Abordnung. Amtlich wird mitgeteilt: Das Reichskabinett hat fich dahin entschieden, daß für den durch seinen Gesund. heitszustand bedauerlicherweise noch behinderten Reichs. minister des Auswärtigen der Reichskanzler die Führung der deutschen Delegation zur Völ. ferbundsversammlung in Genf übernehmen wird. Der Reichskanzler beabsichtigt zur Eröffnung der Bundesversammlung am 3. September in Genf einzutreffen. Die Dauer seines dortigen Aufenthaltes wird von dem Verlauf der Tagung abhängen. Der deutschen Abordnung gehören außer dem Reichskanzler und dem Staatssekretär von Schubert u. a. noch an die Abgg. Dr. Breitscheid( S03.), Haas( Dem.), Rheinbaben( Bpt.) und Der deutsche Außenminister, der am Sonntagnahmittag 3 Uhr in Paris eintrifft, wird noch am gleichen Tage Briand be suchen und Montag früh Poincaré. Es fann feinem 3weifel unterliegen, daß die wichtigste Aussprache am Montag sein wird und ihre Erfolgsaussichten wesentlich herabgemindert erscheinen müssen, wenn Poincaré eine Lösung" vorschlägt, die er noch vor zwei Jahren selbst verworfen hat und für die heute die Voraus fegungen, die damals bestanden haben, nicht mehr vorhanden sind. Kellogg in Paris. Paris, 24. August. Staatssekretär Kellogg hat heute nachmittag den Außenminister Dernburg( Dem.). Abg. von Lindeiner- Wildau( Duat.) gebung Kelloggs in Bestätigung früherer Meldungen erklärt wird, hat eine Beteiligung an der Delegation auf Wunsch der deutschnationalen Parteileitung abgelehnt. Als Sachverständiger für Sicherheitsfragen reift Ministerialdirektor von Simson mit nach Genf. Graf Bernstorff gehört der Delegation als Sachverständiger für Abrüftungsfragen an. Schlechte Räumungsaussichten! Briand schiebt Poincaré vor. Paris, 24. August.( Eigenbericht.) Es steht jetzt nach den ergänzenden Berichten der Pariser Presse über den Berlauf des außerordentlichen Minister rates fest, daß Briand hinsichtlich der Rheinlandräumung für Berhandlungen mit Stresemann teinerlei neue Vollmachten erhalten hat. Bon besonderem Intereffe ist die Mitteilung, daß Boincaré in der Debatte über Briands außenpolitisches Referat feinen früheren Standpunkt in vollem Umfange aufrechterhalten und erklärt hat, die Frage der Räumung, das Problem der interalliierten Schulden und der Festsetzung der deutschen Reparationsverpflich tungen bildeten ein untrennbares Ganzes; fie fönnten nur in ihrer Gesamtheit gelöst werden. Briand besucht, was Briand alsbald erwidert hat. Wie in der Umerblickt er den einzigen 3wed seines Pariser Aufenthalts in der Pattunterzeichnung und ist fest entschlossen, eine Befassung mit sonstigen internationalen Fragen zu vermeiden. Es wird bezweifelt, daß Kellogg von diesem Borjazz abweichen werde. Borsichtsmaßnahmen der Polizei. Es hat den Anschein, als ob die verfrühte Ankunft Kelloggs in Paris von den Polizeibehörden inszeniert worden ist. Zunächst sollte der Zug auf Gleis Nr. 26 einfahren. An dem ent sprechenden Ausgang standen zahlreiche uniformierte Bolizisten, so daß das ziemlich zahlreiche Publikum glaubte, Rellogg werde hier den Bahnhof verlassen. Tatsächlich fuhr aber der Zug auf dem Gleis Nr. 1 ein, das einen anderen Ausgang hat, an dem uniformierte Bolizisten nicht zu sehen waren. Dagegen bildete eine große Anzahl Detettios Spalier bis zum Ausgang. Auf dem Bahnsteig war im Augenblick der Ankunft nur Bolizeipräfeft Chiappe, ferner ein anderer Polizeichef und der Protokollchef ( Beremonienmeister), dagegen nicht der nordamerikanische Botschafter Herrid. Der Protofollchef hatte um 9 Uhr an Herrick, der gerade badete, telephoniert, daß der Zug früher ankommen werde. Herick fam mit neun Minuten Verspätung doch noch auf dem Bahnhof an, gefolgt von einigen Damen, die riesige Blumensträuße für Frau Kellogg trugen. Kellogg wurde zum Automobil Herrids geleitet und schien nicht wenig verwundert zu sein über den ebenso ge außerordentliche Borsichtsmaßnahmen getroffen worden. Zahlreiche heimnisvollen wie nüchternen Empfang. Schon in Le Havre waren Radfahrerpolizisten hatten vor dem Ablassen des Zuges die Strede bis zur nächsten Station untersucht. Daraus schließt man, daß Poincaré mehr als bisher die Absicht hat, die Führung der deutsch- französischen Aussprache in seine Hand zu nehmen. Bei den Gegnern der Locarno- Politik herrscht ob dieser Initiative Poincarés unverhohlene Freude, es fehlt aber nicht an Stimmen, die in diesem Szenenwechsel ein Manöver Briands sehen wollen, der mit Freuden die Gelegenheit benutzt habe, die Verrichtungstages von Sacco und Banzetti. Aber die antwortung für die schwierigen Räumungsverhandlungen auf Boin caré abzuwälzen. Was dabei für die deutsch- französische Berständigung herauskommen wird, ist eine andere Frage, die sehr skeptisch beurteilt wird. Ein so gemäßigtes Blatt wie der" Paris Midi" gibt der Befürchtung Ausdruck, daß durch Poincarés Eingreifen die deutsch- französischen Berhandlungen Gefahr laufen, in eine Sadgasse zu geraten. Heimwehr Rüstungen. M.-G. und Artillerie gegen die Arbeiter. Wien, 24. Auguft.( Eigenbericht.) 99 Die Arbeiter- Zeitung" veröffentlichte dieser Tage einen Alarmplan der Sturmtruppe der steierischen Heimwehren, aus vem hervorging, daß die Faschiflen über Gewehre und Ma. fchinengewehre verfügen und ihre Mitglieder im Gebrauch der Waffen einüben. Nun wird ein Dokument bekannt, aus dem fich ergibt, daß die Heimwehren auch regelrechte ArtillerieDer sozialdemokratischen Innsbruder„ Bolfs pläne haben. 3eifung" ist zum Beispiel ein Plan darüber in die Finger gefallen, wie 3nnsbrud im gegebenen Fall von der Artillerie der Heimwehren zu bestreichen ist und an welchen Punkten die Feldhaubigen bzw. Feldkanonen aufzustellen find. Das Feuer foll nur auf Hommando der Bezirksleitung der Heimwehren eröffnet werden. Beim Einschießen und beim Wirkungsschießen ist nach dem Plane Vorsicht anzuwenden und Munifion zu sparen. Diches Dokument zeigt, wie abgetakelte Offiziere, die in der Heimwehr eine große Rolle spielen, mit dem Bürgerkrieg fpielen. Indien will Frieden. Eine Botschaft Gandhis. Amfterdam, 24. Auguft. Die Bollversammlung der Internationalen Jugendtagung für den Weltfrieden am Freitag stand im Zeichen des Ostens. Der Inder Radjendra Prasad, ein Freund Gandhis, überbrachte Diese Maßnahmen, würdig eines 3aren empfangs in alter 3eit, erklären sich sehr einfach aus der Wiederkehr des in selben Rommunisten, die voriges Jahr in Paris so wild demonstriert hatten, dürften erst durch diese Polizeimanöver innegeworden fein, daß fie eine Gelegenhit merpaßt haben. In New York da gegen hat es eine Rundgebung von etwa 2500 Personen gegeben, die ohne größere Störungen verlaufen ist. Mehrere Redner richteten scharfe Angriffe gegen den für die Schuldigsprechung verantwort lichen Richter Thayer und den Gouverneur Fuller, der die Begnadigung abglehnt hat. Bostscheckkonto: Berlin 37 536. Bankkonto: Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten Wallstr. 65. Distonto- Gesellschaft, Depositentaffe Lindenstr. 8 3m Dienste Frankreichs." Poincarés Erinnerungen zur Vorgeschichte des Weltfrieges. Von Wolfgang Schwarz. Frankreichs Ministerpräsident und Außenminister wäh rend der Balfantrisenjahre 1912/13, Frankreichs Präsident während des Kriegsausbruches, des Weltkrieges, des Waffenstillstandes und des Versailler Friedensschlusses, von neuem Frankreichs Ministerpräsident und Außenminister während der Reparationskrisen, der Ruhrbesetzung, ſeit 1926 wieder Ministerpräsident, diesmal zugleich Finanzminister und erfolgreicher Bekämpfer der Inflation: Raymond Poincaré, heute 68jährig, benutzte die durch die Kammerwahlen 1924 ihm, wie es schien, für immer aufgezwur Muße, um die Niederschrift seiner Memoiren zu beginn Die ersten zwei Jahre von den neun, die er sich zu beschreiben vorgenommen, 1912 und 1913, liegen nun auch in deutscher Sprache vor, vor= trefflich vom Berlag Paul Arez( Dresden) ausgestattet und vorzüglich übersetzt, eingeleitet von Dr. Eugen Fischer, ein die Staatsmänner und politische Szenen jener Epoche zeigen. erster Band von weit über 500 Seiten, mit Lichtdrucktafein, Es ist leider eine um die Stellen über die französische Innenpolitik gekürzte Ausgabe, was sehr schade ist, denn zum völligen Verständnis Frankreichs und des Mannes, der es so lange und äußerlich so erfolgreich geleitet hat und leitet, ist die Kenntnis der inneren politischen Mechanik unentbehrlich. So erfährt man nur, daß Poincaré mit 26 Jahren Chef des Kabinetis eines Ministers war.( Es ist eine in älteren demokratischen Ländern längst heimische Einrichtung, daß jeder dem Parlament entnommene Minister mit einer Gruppe ihm vertrauter und ergebener Männer umgeben wird, so daß er der Herr der Bureaukratie bleibt, deren Chef er ist.) Man erfährt weiter, daß Poincaré schon mit 33 Jahren zum erstenmal Minister war, und man gewinnt einen einzigen, allerdings ganz ungewöhnlich eindringlichen Blick in eine Regierungskrise, den Sturz des Kabinetts Caillaug in den ersten Januartagen 1912, dessen Außenminister de Selves unter den spigen Angriffen Clemenceaus nach den deutsch- französischen Maroffoablommen zurückgetreten war, worauf Präsident Fallières Poincaré, da mals Berichterstatter der auswärtigen Senatskommission über diese Verträge, mit der Kabinettsneubildung betraute. Betrübt über die Aussicht, das ruhige und angenehme Leben des Anwaltes aufgeben zu müssen", brachte er sie in 24 Stunden, einer unerhörten Rekordzeit, zustande, mit Briand als Bourgeois als Arbeitsminister und, wegen seines interJustizminister und damit wie üblich Bizekanzler, mit Léon nationalen Ansehens, als Bürgen unserer friedlichen Absichten", mit Delcassé, klog und Millerand als Marine-, Finanz- und Kriegsminister und Steeg als Minister des Innern. Das war das berühmte Große Mintsterium", weder von Feindseligkeit, noch von übler Laune in Deutschland" ,,, Don einstimmigem Beifall" in Italien aufgenommen, in England außergewöhnlich warm beurteilt", von der Kammer mit 440 von 446 abgegebenen Stimmen des Bertrauens getragen. Es war in der Regierungserklärung die Rede gewesen von unserer gebieterischen Pflicht, alle Fraktionen der republikanischen Bartei(?) im gleichen nationalen Empfinden zusammenzufassen... der Möglichkeit, in Marokko ein Protektorat einzurichten.. zwischen einer großen benachbarten Nation und Frankreich in aufrichtig friedfertigem Geiste höfliche und freimütige Beziehungen zu unterhalten... von Heer und Flotte als den heiligen Stützen der Republik und des Vaterlandes... eine Botschaft des indischen Führers, worin diefer der Versammlung guten Erfolg wünscht; ihr Wert werde mit darüber entscheiden, ob die Welt in Frieden und Wahrheit oder weiter in Lüge und Haß leben werde. Der Redner gab eine ausführliche Schilder berung der Idee Gandhis, bie Gewaltmittel verabscheue und nur durch friedliche Mittel zum Ziele kommen will. Simla, 24. August. Die anglo- indische Regierung hat einen Gesezentwurf vorbereitet, wonach ausländische bolschewistische Sendboten sich verpflichten müffen, eine Garantie für ihr Wohlverhalten zu geben. Das neue Gesetz ermöglicht es, Kommunisten auf Befehl des Generalgouverneurs zu deportieren, Kommunisten, die fich schlecht führen, zu verhaften und mit Freiheitsstrafen bis zu 12 Monaten oder mit erheblichen Geldstrafen zu belegen. Englische Flagge in Dublin beleidigt. Etwa zur Berhinderung des Kellogg Besuchs? London, 24. Auguft. Auf einem Hauptplatz in Dublin wurde eine englische Flagge heruntergeholt zu Ehren der irischen Olympia ift Dublin beflaggt, und neben der irischen wird auch die englische Flagge gezeigt. Am Freitag morgen erschienen mehrere Männer in einem Geschäft und erklärten, daß sie die von dem Inhaber gehißte englische Flagge beseitigen würden. Das Ladenpersonal wurde in Schach gehalten, während zwei Männer nach dem oberen Grodwert gingen, die Flagge beseitigten, einrollten und damit davon fuhren. Andere Männer hatten währenddessen außerhalb des Geschäftes Wache gestanden. 1 Da treten sie alle wieder auf, die hochmögenden Herren Hohen Politit" der Großmächte der Vorkriegszeit: der deutsche Staatssekretär des Auswärtigen v. Ripérien Wächter ,, trog seines oft brutalen Gehabens einer der friedliebendsten Berater Wilhelms... mit dem größten Tatsachensinn, den ich bei einem Menschen tenne", wie Jules Cambon aus Berlin schrieb; Freiherr v. Schön, Deutschlands Botschafter in Paris, ein so gefeßter Geist", aber auch er von deutschen Vorurteilen gegen die fleinen Völker beseffen", sein Stellvertreter der Geschäftsträger Baron Landen ,, unter der fühlen Form eleganter und raffinierter Höflichkeit der Typus des schroffen, dünfelhaften und bösen Preußen"; Fürst Lichnowsky, deutscher Botschafter in London, der die Ehrlichkeit selbst ist"; Desterreich- Ungarns Außenminister Graf Berchtold ,,, eine Art Beamtengrandfeigneur, ein an Verwaltungsdisziplin gewöhnter Weltmann, aber ohne Autorität und charakterschwach"; sein Botschafter in Paris, Graf Szecsen, der sich Anfang August 1914 ,, der Hoffnung hinzugeben schien, daß die Beziehungen zwischen der Republit und der Habsburger Monarchie nicht abgebrochen wären", bis Frankreich den Kriegszustand als bestehend erklärte; Italiens Botschafter Tittoni, mit seinen unerschöpflichen Hilfsquellen erfinderischer und feingeschliffener Dialettit", die die wegen der Beschlagnahme französischer Dampfer entstandenen Schwierigkeiten während des Krieges mit der Türkei wegzuglätten strebt; Englands Botschafter Sir Francis Bertie, den Poincaré ,, während eines Jahres mehrmals die Woche Gelegenheit hatte, zu sehen, der alle Fragen mit einer nicht verlegenden mondänen Ironie erörterte, hinter der sich ein sehr fein eingestellter praktischer Sinn verbarg": schließlich I s w o l s k y, der Poincare-s Lln» greifern als Zeugen für seinen Kriegswillen dient und der ganz schlecht wegkommt:„Er hätte uns durch das Spiel seiner übergeschäftigen persönlichen Politik beinahe starke Unan- nehmlichkeiten zugezogen."„Die Sorge um seine Person spielte eine Hauptrolle in seiner Politik",„das instinktive Mißtrauen, das er meinen sämtlichen Kollegen vom Mini» sterium und mir einflößte.. so daß Poincare bedauert, die Chiffre feiner Depeschen an Saffanoff nicht lesen zu können, während man in Paris den Schriftwechsel zwischen Schön und Berlin ebensogut entziffern konnte wie in Petersburg die telegraphischen Berichte des französischen Botschafters Louis nach Paris... Poincarö wendet einen guten Teil seines Buches auf den Nachweis seiner Friedensliebe. Unermüdlich wirft er seinen Kritikern Fabre-Luce, Judet und Victor Mar- g u e r i t t e Ungenauigkeiten, Phantasien, Schiefheiten, ja ihre Jugendlichkeit und Undankbarkeit vor, wenn sie ihm kriegerische Absichten unterschieben. Bewährt sich doch Poin- car� 1913 als der Hort des Friedens; alle Welt scheint ihm sich darin einig, daß ihm die Rolle des„Dirigenten des euro- päischen Konzertes" während des Balkankrieges gegen die Türkei zukam. Aber was ist das doch für eine sonderbare Art von Frieden! Es ist der bewaffnete Friede,„den wir für uns selbst erhielten, indem wir nur die ganze Geduld und Tatkraft und den ganzen Stolz eines Volkes bewahren, das den Krieg nicht will, ihn aber nicht fürchtet" — ein Satz, den zu beanstanden 1912 niemandem eingefallen sc'-.„So ehrlich unsere Friedensabsichten sind, so fest bleiben wir entschlossen, unsere Interessen und Rechte ohne Wanken zu verteidigen... Frankreichs große Uebcrlieferung im Orient aufrechtzuerhalten u�d vor allem etwas so Unantast- bares und Heiliges wie die nationale Ehr« zu sichern." So hat denn selten ein Jahr mit so düsteren Prophe- zeiungen geendet, wie Jules C a m b o n aus Berlin Ende 1912 schrieb:„In Berlin bleibt man bisher friedferlig, glaubt aber, daß Oesterreich seinem Untergang entgegengeht'...", während Paul Cambon aus London angesichts des Bankrottes des österreichischen Ehrgeizes auf dem Balkan durch den Zusammenbruch der Türkei meinte:„Die Frage der österreichischen Orientpolitik läßt keine andere Lösung zu als den Verzicht auf diese Politik oder den unmittelbaren oder nahen, auf jeden Fall unvermeidlichen Krieg"; dazu ruft Poinco«! Pathetisch aus:„Wie können Menschen so verblen- det sein, nicht einzusehen, daß eine Regierung, die solche De- peschen erhält, die Pflicht hat, ihre Bündniste und Freund- schaften enger denn je zu knüpfen und zugleich alle möglichen Vorsichtsmaßnahmen gegen künftige Gefahren zu treffen!" Poincarö hält die Bündnistreue mit Rußland. Der Text des Vertrages von 1892 erinnert ihn stets daran, daß er nicht nur beim Angriff Deutschlands auf Rußland oder Frankreich die sofortige militärische Unterstützung durch den Bundes- genossen vorsah, sondern noch mehr: „Falls die Kräfte des Dreibundes oder auch mir einer Drei- bundsmacht mobilisiert werden sollten, werden Frankreich und Rußland aus die erste Kunde eines solchen Ereignisses hin und ohne daß es einer vorhergehenden Verständigung bedürfte, sofort und gleichzeitig die Gesamtheit ihrerKräfte. mobilisieren und sie so nahe wie möglich an die Grenzen befördern." In dem Sinne dieses Bündnisses handelt Poincarö. wenn er dem russischen Generalstab den dringenden Wunsch des französischen übermittelt, die Eisenbahnen in Polen auf die russische Spurweite zu bringen und die eingleisigen Strecken zu zwei- oder gar viergleisigen zu macken. War doch der Angriffsplan des deutschen Generalstabes gegen Frankreich-Belgien im Zweifrontenkrieg bekannt geworden. Bundesgenosse sein bedeutet für Poincar� nicht, das Recht zu haben, zwischen dem Bundesgenossen und einer an- deren Macht zu vermitteln. Im Gegenteil:«s heißt die Politik des Bundesgenossen gegen den andern unterstützen: „Als die französische Regierung während der Krise von Sl g a d i r sah, wie der russische Botschafter Vorwände suchte, um sein Land von der Erfüllung der Bündnispslichten abzuziehen, gab sie sofort ihrer Empörung Ausdruck. Sie protestierte, st« bracht« ihr« Beschwerden bis vor den Kaiser... de Seines(damals französischer Außenminister) und Georges Louis(damals sranzösifchsr Botschafter in St. Petersburg) ließen es nicht zu, und sie lzatjen recht, es nicht zuzulassen, daß Rußland zwischen Deutschland und uns eine vermittelnde Haltung einnahm; st« forderten die Wahnnig und Erfüllung seiner Rolle als Berbün» d e t« r... Wir werden sehen, daß Frankreich niemals iin Gefolge Rußlands marschiert ist, daß es nicht aushörte, es in: nüißigenden Sinne zu beeinflussen. Aber wenn es Schiedsrichter oder Zuschauer hätte sein wollen, würde es gegen die Verträge gesehlt haben." Frankreich ist Ruhlands getreuer Sekundant, damit es von Rußland getreue Sekundontendienste fordern kann. Nirgends in dem ganzen Lande taucht auch nur der Ge- danke an eine Einschränkung der Rüstungen, an eine staut- liche Neuordnung Europas auf. In Paris treibt man mit sesterer Hand und schweigsamerem Munde die gleiche M a ch t p o l i t i k wie in den anderen Hauptstädten auch. Man wollte den Krieg nicht bewußt— aber das alte Staaten- system war so konstruiert, daß man ihn unbewußt wollen durfte. Frankreich entfesselte den Krieg nicht— aber es war bereit, an ihm teilzunehmen, wenn er entfesselt wurde. Kein Wille zum eigenen Angriffskrieg, nirgends aber auch der Willen, den Krieg des Verbündeten zu hindern: dem Bundes- genossen zu sekundieren, war das Ziel der Politik, unter dem sich der eigene Wille zum Krieg oerbarg. Ob Poincar6 es je auch nur bezweifelte, daß Rußland der Angegriffene war? Darauf wird der nächste Band Memoiren die Antwort geben. Krise des Parlamentarismus? Wirihs Thesen vor der Znierparlameniarischen Ltmon. Hei lewei noch! Oer Kürst zu Wied verzichtet nicht auf die Mbretschast. Die Berliner Vertretung der Associated Preß hat den Fürsten zu Wied gebeten, fich zu den englischen Meldungen zu äußern, wonach« r Ansprüche aus den albanischen Thron angemeldet hoben sollte. Darauf ist vom Fürstlichen Kabinett folgendss Antworttele- geamm eingegangen: Fürst Wilhelm hat 1S1< Albanien unter Wahrung aller seiner Rechte verlassen. Er hält für sich und sein« Nachkommen alle An- sprüche auf den Thron auch jetzt noch aufrecht trotz der persönltchrn Königswünsche Acknned Zogus. Di« Mehrheit des albanischen Volke» hängt auch jetzt noch dem Fürsten an. Eine freie unbeeinstußtc Abstimmung für seine Rückkehr ist oi>«r zurzeit unmöglich. Frei vo» perfönlichem Ehrgeiz, mir das Wohl des albanischen Volkes iin Auge, will der Fürst jetzt äußere und innere politische Schwierigkeiten vermeiden: er wartet den kommenden richtigen Zeitpunkt ab. Im weiteren Verlauf der Dormittagssitzung d«r Int er» parlamentarischen Union ergriff, von der Bersammtuvg stürmisch begrüßt, der ehemalig« französische Minist« Emile Varel das Wort. Er dedauerte die g«rmg«n Fortschritte in der Be- seitigung der Zollschranken und in dar Abrüstmigsfrage. Die Probleme seien leicht zu lösen, wenn alle Völker Europas mit dem zufrieden waren, was sie besitzen. Aber leider sei«n viel« Lölker unzufrieden, und diese Unzufriedenheit werde geschürt von otelen Staatsmännern. Obendrein feien diese Wünsch« und Forderungen praktisch unerfüllbar. Die Revision der FriedensverlrSge in Angriff zv nehmen, davor müsse man den Völkerbund warnen. Ss könnte den Völkerbund sprengen. Aber deshalb brauche man dock) die Hände nicht hpffnvngslo» in den Schoß zu legen. Eine TeillSsiipg sei immerhin möglich Wenn das Unwahrscheinliche möglich wäre, die Bereinigten Staaten von Europa zu gründen, dann würden mit einem Schlag« alle Wünsche und Forderungen erfüllt sein. Aber wenn das Ideal heute auch noch nicht verwirklicht werden könne, so könne man e» doch anstreben, um dem Ziele wenigstens näherzukommen. In den verschiedenen Ländern seien ja bereits Ausschüsse für die europäische Zusammen- arbeit gebildet worden, z. B. der deutsche Ausschuß vnt»r Borsitz Professor Schückings. Diese Ausschüsie sollten sich international zusammenschließen zu dem Ziel, den großen Gedanken der Der, einigten Staaten von Europa zu verwirklichen.(Lebhafter Beifall.) Der Präsident der rumänischen Gruppe, Ojuvara betont, die erste Bedingung, zu dem erhabenen Ziele des Friedens zu gelangen, sei, der Wirklichkeit mutig in die Augen zu sehen. Der Redner bringt nachstehende erschreckende Zahlen Über den Welt» krieg, der gekostet habe: 340 INilliarde» amerikanische Dollar, 12 Millionen lote. 20 Millionen verwundete, außerdem für jeden gefallenen Soldaten fünf durch Hunger us«. zugrunde ge- govgcne ZIvttisteu, also insgesamt 50 bis 60 Millionen Tote und Zlv Milliarden amerikanische Dollar. Das fei gleichbedeutend mit dem Selbstmord der weißen Rosse. Dieser furchtbare Krieg habe endlich das Recht der Bölhcr auf ihre Selbstbestimmung in die Welt hinausgerufen. All« Rationen müßten vereint arbeiten an der Organisation des Friedens und der Gerechtigkeit im Rahmen der internationalen Organisation. Wir alle müßten nach etwas streben, was sich so weit wie möglich an die Bereinigten Staaten von Europa annähert. Das Kellogg-Instrument könne nur «in« moralische,«ine ethische Sicherheit sein. Der Völkerbund sei leider noch nicht vollkommen organisiert: vor allem fehl« ihm die Möglichkeit zu Sanktionen gegen die Friedensbrecher. Locarno spi ein wunderbares Monument für den Frieden in der Zukunft. Mau vergesse, daß im Osten ein« große Macht stehe, die darauf warte, die europäische Organljaliou zu vernichten. Vor allem sei aber die moralische Abrüstung die cemckitio sine<3"» nqb. Die Provokation, zentralen, die gerade in Zentral- europa organisiert seien, mühten vor allem unschädlicki gemacht werden. Der Redner glaubt für da» ganze rumänisch« Voik und das rumänisch« Parlament sprechen zu können, wenn«r hier in dieser feierlichen Stund« ein Friedensangebot mach«: Rumänien mit seiner zweitausendjährigen Geschichte biete hier«in Soeorno für Zentral- turopo an.(Stürmischer anhaltender Beifall.) Da» Mitglied der englischen Gruppe. Sir Ariur Beim Mitglied des Unterhaus«-, gibt zu den Ausführungen des ägyptischen Redners ein« Evklärung folgenden Jnhali» ab; Der ägyptisch« Delegiert« hat in seiner Erklärung erneu Gegenstand behandelt, der augenblicklich Gegenstand von dauernden, sehr delikaten VerHand- l'mgen zwischen der britischen und der ägyptischen Regierung ist. Es ist nicht uns«« Aufgabe und auch nicht unser Recht, in diesem Augenblick unter diesen Umständen die ägyptische Frag« im«inzelnen hier aufzurollen. Rur folgendes möchc« ich erklären: Be- allen Schritten, die di« britisch« Regierung bisher in der ägyptischen Angelegenheit unternommen hat, hat st« sowohl di« Zustimmung der Mächt« ol» auch in der Hauplsach« die Zustimmung der öffentlichen Meinung gehabt. Hierauf wird die Aussprache über den Bericht de» General» sekrelärs auf Sonnabend nachmittag vertagt. Eniwicklung des Parlamentarismus. Am Nachmittag trat di« Union in die Beratung des zweiten Punkt«? ihre« Tagesordnung ein: Die gegtuwäclige Entwicklung des parlamentarischen Systems. Dazu liegt gedruckt der Bericht des Reichskanzler« a. D. Dr. Wirih vor. Der mit lebhaftem Beifall empfangen« Berichterstatter der Kommission, Dr. Wirth, begründet die von ihm vorgelegt« Entschließung, die folgenden Wortlaut hat: 1. Erfordernis einer größeren Stabilität von Regierung und Par- lament. Di« Stabilität kann erreicht werden entweder durch die Wahl der Regierungsmitglieder für eine bestimmte Dauer(Vereinigte Staaten von Amerika, Schweiz) oder durch Aufstellung«ine, Wahl. systems,. das geeignet ist, die Zerbröckelung der Parteien zu»er» hindern und zu klaren Mehrheitsbildungen zu führen. Ein solche» System sollte indessen auch der Minderheit ein« Vertretung gewähr- leisten. 2. Sicherung der Unabhängigkeit de? Parlament» und der Regierung von den großen Wirtschaftsorganisationen, di» nur zu oft auf die Entscheidungen der Regierungen und Parlamente einwirken. 3. Reicher« Ausstattung der parlamentarischen Einnch- tungen mit sachlichen Unterlagen und Zuziehung von Sach- verständigen für bestimmte dem Parlament vorgelegte Fragen. 4. Notwendigkeit der Mitwirkung einer ihrer Aufgaben bewußten und Hufgeklärten Volksmeivung. Düse Meinung kann zum Beispiel durch folgende Maßnahmen gewonnen werden: Schaffung eines Informationsorganes, das unparteiisch« Nachrichten vermittelt und zur öffentlichen Diskussion Gelegenheit bietet: öffentliche Anerkennung der Parlamentsopposition durch Besoldung ihre» Führers aus Öffentlichen Mitteln(kanadisches System), kl. Not- wendigkeit der Entlastung des Parlaments durch Ueber- tragung gewisser Befugnisse an lokale Behörden oder nationale Organisationen, die neben dem Parlament sunklionieren. 6. Tech- nische Verbesserung des parlamentarischen Berfahren», um die schwerfallige Beschlußfassung zu beschleunigen und eine besiere Ausarbeitung der Gesetzestexte zu ermögliche». Moniague erklärt die Zustimmung der amerikanischen Delegation zu dem Re» solutionsentwurf, weil diese den Glaube« 0« da, parlamentarische System stützen wolle. Das amerikanische Parlamentssystem sei noch dem Muster de» englischen aus zwei Häusern gebildet. Auch die in der Resolution verlangte Stabilität sei in den Beremigten Staaten gesichert. Di« Repräsentanten werden auf zwei, die Senatoren auf sechs Jahre gewählt. 1619 sei die erste parlamentarische Einrich- tung in Virginien'geschaffen worden. Seitdem seien diese Einrich- timgen in ganz Amerika ausgebaut worden. Die Krif-is sei nicht durch das parlamentarisch« System verursacht, sondern durch die llnvollkommenheiten der menschlichen Natur. Deshalb müsie man das Volk aufklären. Schulen und andere Erziehungscinrich- tungen sollten sich deshalb stärker als bisher mit dem parlamen- tarischen System beschäftigen. Di« große Gefahr, die sich aus der Intereffenloslgkeit der Wähler ergebe, sei viel. leicht in Deutschland noch nicht einmal so groß, wie in anderen Ländern. Sie gelte es zu bekämpfen.(Lebh. Beifall.) Senator Or. Velesurt aus Konada beantragt, dem zweiten Kapitel der vom Berichterstatter vorgelegten Entschließung folgende neue Ziffer hinzuzufügen:„7. Di« Konferenz lenkt die Aufmerksamkeit der Gruppen auf die Notwen« digkeit, die Schuljugend in den Volksschulen einzuführen in die Grundprinzipien von Regierung, Parlament, Volksvertretung. von Wahl- und Abstimmungsfreiheit und von Bürgerpflichten. Man gäbe dem jungen Staatsbürger auf diese Weis« die Möglich- kcit, seine Kenntnisse durch Erfahrung, Beobachtung und eigene» Studium zu vervollständigen und sich so auf seine Ausgaben vor- zubereiten. Man sollte zu diesem Aweck««in kleines politische» Handbuch für Dolkeschulllehrer ausarbeiten, welches die Grundzüge des repräsentativen Systems darstellen würde und zugleich Angaben über die best« Methode und dt« besten Mittel für diesen Spezialunterricht enthielte. Man müßte zudem van den Lehrern einen Nachweis über genügende Kenntnisse für die Er- teilung dieses Unterrichts ln Staatslehre verlangen. Da» genannte Handbuch müßte in die Sprache jeder der Union angehörende« Gruppe übersetzt und dem Präsidenten jeder Gruppe übergeben werden, der es seiner Regierung zur Genehmigung vorzulege» hätte, damit es gedruckt und an oll« Lolksjchullehrer oerteilt wer- den könnte." Carl Qndhagen-Schweden(Goz.) beantragt folgende neue Ziffer:„7. Die Srisi, im parlamentarische» System beruht zutiefst auf seelischen Gründen. Di, wachsend« Abhängigkeit der Parlamentarier, di« Militarisierung de» Parlamentarismus und die Bildung der Ministeien, die sich immer weniger nach produktiven und verständlichen Grundsätzen vollzieht, ist hierfür ein Ausdruck. Demokratische Formen allein genügen nicht. Worauf es jetzt in erster Linie an- kommt, das ist di« Bildung einer Demokratie der Gesin- n u ng und die Erhöhung dieser Forderung zu einem politischen Pro- gramm. Am wenigsten wird die Krisis durch die Verwendung tech- nischer Sachverständiger behoben. Es handelt sich hier um die Denk- weis», und die meisten großen Fortschritt« sind im Kamps gegen di« sogenannte Fachkenntnis zustande gekommen" D«\ ehemalige Minister LukacS'Llngarn führt au», e? fei nur erforderlich, das parlamentarisch« System der Neuzeit anzupassen. Am p«rderblichsten seien die Splitt«?� Partei««, die nicht die erforderlich« Autorität hätten. Auch be- säßen deren Führer nicht da» nötig« Verantwortungsbewußtsein. das die Führer großer Parteien hätten, die jederzeit zur U«ber. nahm« der Regierung bereit sein müßten. Di« Bildung der Splitter- Parteien sei- ein« Folge der fortschreitenden Demokratisierung. Von den Mitgliedern des Unterhaus«, vor allem aber von den Angehörigen des Oberhauses, müsse man unbedingt ein gewisses Mckß von Kenntnissen perlangen. Mit dem System, alle» und jedes in die Plenarsitzungen zu tragen, müsse man brechen und Plenar, und Fraktionssitzungen abwechseln lassen. Auch soll« man nicht alle» zentral behandeln wollen, sondern auch den lokalen Instanzen Be» wegungssreiheit geben.(Beifall.) . Der ehemalig« dänische Wehrminister Dr. Münch erklärt sich mit dem Bericht Dr. Wirths und der voryelchlagenen Resolution im wesentlich«« einverstanden. Nicht«inverftanden ist er dagegen mit der vom Berichterstatter vorgeschlagenen Methode zur Erzielung einer größeren Stabilität der Regierung! diese sei höchstens in alten Parlamentsstaaten, wie z. B. in England, möglich. Die ZerfplitterungderPartcien liege nicht om Proportional» Wahlsystem, sondern an der sozialen Zersplitterung der Bevölkerung in den Ländern. Die Fehler des Proportionalwahl- systems könnten gutgemacht werden. Einen großen Vorteil Hab« dies System aber: e» biete die Sicherheit, daß die aus ihm hervor» gegangen« Parlamentsmehrheit auch wirklich der Mehrheit im Lande entspreche. Zum Schluß bittet der Redner den Berichterstatter» seinen Vorschlag über di« Method« zur Erzielung einer größeren Stabilität der Regierung der Beratung eines Unteraus» s ch u ss«» zu überlassen. Darauf legt, mit lebhaftem Beifall begrüßt, der fanzösische sozio- listisch« Abg. Renaudel(Soz.) «in«» Abänd«rungsantrag zu Artikel l der Resolution vor. wo«» heißt, das parlamentarische System, indem«» all« Bürger zur Teilnahm« am öffentlichen Leben heranzieh«, gewährleiste di« Ueberwochung der Regierungstätigkeit usw. Hier will Renaudel ein- fügen:„indem es alle Bürger durch das allgemeine Stimmrecht und die Ausübung der wichligsten demokratischen Rechte zur Teil- nähme" usw. Immer wieder von Beifallskundgebungen unterbrochen, führt« Renaudel zur Begründung seines Antrages aus: Man sollt« nicht von parlamentarischer Entwicklung, sondern leider von parlamentari- scher Krise oder noch besser von einer Krise der Demokrat!« sprechen. Denn In verschiedenen Ländern ist die Demokratie bereits vollkommen beseitigt worden. Rur dos allgemeine Wahlrecht v«r- bürge die Kontrolle. Die Völker sind längst reif dafür. Da wo diese» große Prinzip de? allgemeinen Waklrechts abg-. schafft ist. ist eine allgemeine Unruhe, sind Siöruvzen cingctreteu. Die ungeheuren Errungenschaften der Pressefreiheit, Rede- und Der- jammlungsjrecheil sind Ergebnisse dieses allgemeinen Wahlrechts. Es ist di« einzig« Lonnes, auf d«, da««»dem Ttaa�W«s«ii ausgedauj werden tann>(Lebhafter Beifall.) Senator Or. Heller-Teplitz(Goz.) schloß sich dem Antrag Rsnmidel oollständtg an und bat den Berichterstatter Dr. Wirth, diesen Antrag in die Resolution auszunehmen, der der Redner zustimmt«. Wenn aber Dr. Wirth» Bericht zur Bekämpfung der Stimmenzersplitterung da» englische Wohlsystem empfehle, so müss« man ihm wider» sprechen. Denn diese» System Hab« oft den Sieg einer Minder- heit zur Folge. Dadurch, daß davon alle Parteien betreffen werden, werde au» Unrecht nicht Recht Auter der Herrfchast de» englischen System» wurden z. V. die Sozialdemokraten zwei Drittel des beut- sche« Reichstag» ianehoben. Durch ein solches System würden die kleinen Parte!«» aus den Weg illegalen Kampfe» gedrängt Glanz unannehmbar sei da» englisch« System für di« nationalen Minderheiten. Die Parteizersplitterung sei auch gar nicht ein« Folge des Derhältniswahlsystsms, sondern der wirtschaftlichen und sozialen Zersplitterung der Bevölkerung. Auch gegen einzelne Punkte de» Artikels II hat der Redner Bedenken. Sehr f ch ä d- l i ch für den Bestand de» parlamentarischen Systems sei die B»» schneidung der Rechte der Opposition. Schwer« Strafen müßten über Abgeordnete verhängt«erden, die ihr« Stellung zu selbstsüchtigen Zwecken ausnutzen. Der Redner tritt für die Annahme des allgemeinen Teiles der Resolution unter hinzu- sügung de» Antrages Renaudel und unter Weglassung der Einzel- punkte ein. Der Präsident der schwedischen Gruppe Hallin mar gleichfalls der Meinung, daß die von Dr. Wirth in der Resolu- lion aufgestellten Ei n z« l s o r d er u n g« n in dieser Form un- annehmbar seien, weil die BerhSltniffe in den einzelnen Län- dern zu verschieden lägen. Auch da» englische System sei nur seiner Heimat wirklich angepaßt. In Schweden sei da» Proportional- wohisystem eingewurzelt. Derschieden« Wünsche der Resolution feien in Schweden übrigens längst durchgeführt. Der Redner glaubt nicht, daß man von«inrr allgemeinen Krise de» parlomen tarischen Systems sprechen könne. Jedenfalls merk« man in Scheraden nichts davon. Or. Lakokos-ltngar»» stimmt der Resolution des Berichterstatters zu, erinnert aber daran, daß oll« menschlichen Erscheinungen dem Gesetz der Relativität unterworfen seien. Man denk« nur daran, daß das parlamentarisch« System au» dem aristokratischen Staat stamme. Der Redner er- blickt« die große küünftig« Ausgabe des Parlament» nicht so sehr in der Gesetzgebung— dafür gebe es auch anders fach- nerständige S-ellen—, sondern vielmehr in der politischen Regierung des lkmdes unmittelbar durch da» Parlament. Für diesen Zweck sei das Parlament unersetzlich, weil es dl« Zustimmung des ganzen Volke» gewährleiste. Die Schicksalsfrage des porlamea- jarismu» werde die fein, ob er Herr bleibe über die stetig wachsende Dlachl der organisierten Körperschaften im Staat. Es bedeute einen Angriff auf den Wesenskern des Parlamentarisnius, wenn das territoriale Wahlsystem zugunsten des berufsständtschen Systems verlassen werde. S» gebe nur zwei Ausweg« au, dem Parlamentartsmu»: Diktatur oder Ständepa?« l a m« n t. Do» Parlament dürfe ober flicht die Generaloersamm- t'mg vereinigt» Berufzoerböitde werden: darunter leide der Staats. gtdank«, und es fehle die Möglichkeit, die. Führerpersönlichkekien im täglichen politischen Kampf auszulesen.(Zustimmung.) Bald nach« Synthese zwischen Wellanschau, ungszielen und Togesnotwendlgkeiten, zwischen politische» Idealen und wirtschaftlichen Gege,n»artserfordernisscn zu finden aber Pflicht der Führung. Daß in einer Zeit, wo die Wirtschaft um Tod und Leben kämpft, mit der Proklomierung selbstverständlicher Gesinnung-tüchtigkeit allein politische Siege in dem heu. tigen verfahrenen System und angesichts der Zerrissenheit de» Volke, nicht zu erringen sind, dafür gibt»n, eine besonders eindringliche Warnung z. B. das katastrophale Wahlergebnis �oon Westfalen- Nord, wo gerade auch die ebenfalls in schwerer Not befindliche Bauernschaft in Scharen zur Wirtschaftapartei abgewandert ist, well st« dort ihr« reale» Existenzmäglichkeiten fälschlicher- weise bester gewahrt glaubte. Das Gift steckt, wie so oft. auch bter im Schwanz«: Deutschnationaler Listenführer in Westfalen ist kein Völkische Ointatur. ihre« Eine ontlmllitaristlsch« Verschwörung will die französtsche Poll- vrhnftrt. hie „Vau deutsche Boll ist heute vi« eine groß« Semmel- Herd«, die nur durch die nationalioziallstische Oiktetur gerettet werden kann." Vinter im Thüringischen Landtag. 7'4 •£A * r. Also so stellen sich die Nationalsozialisten das Negieren vor. Partei und Panzerschiff. Entschließungen der Bezirke. Magdeburg, 84. August.(Eigenbericht.) Der Bezirksvorstand und der Bezirksausschuß der Sozialdemo- kratischen Partei für Magdeburg und Anhalt Hab«» im Beisein der Reichstagsabgeordneten sowie d«r preußischen und der anhaltischen Landtagsabgeordneten in ihrer Sitzung heut« nachmittag folgend« Entschließung angenommen: Bezirksvorstand und Bezirksausschuß bedauern, daß die höchsten Parteiinstanzen und di« sozialdemokratischen Minister keine Gelegenheit gefunden haben, vor der endgültigen Entschei, bung de» Kabinetts in der Pranzerkreuzerfrog« Fraktion und Partei sprechen zu tasten. In der Sache sind Bezirksvorstand und B«- zirksausschuß nach wie vor dar Meinung, wie«s auch Partei- vorstand und R«ichstag»fraktlon find, daß der Bau de» Pan- z er kreuz«?».A unn vtig ist. Bezirksvorstand und Bezirksausschuß begrüßen, daß di« R«ichstag,sraktwn und d«r Parteiausschuß sich nicht entschlossen haben, wegen der Panzertreuzerfrage die sozialdemokratischen Mi- nister au» der Regierung herauszuziehen. Ein Beschluß der Partei Instanzen, aus der Regierung auszutreten, hätte den Willen der soziasdemokratischen Wählermassen vom 20. Mai umgebogen. Die sozialdemokratischen Wählermosten wollten und wollen weiter die Beteiligung der sozialdemokratischen Partei an der Regierung, damit in Zukunft mehr als bisher die Interessen der Arbeiterschaft auf sozialem, wirtschaftlichem, lultu- rellem und steuerlichem Gebiet in der Gesetzgebung Berücksicht!. gung finden. In einer stark besuchten Funkrionärversammtang der Stadt Magdeburg wurde heut« abend nach eingehender lebhafter Diskussion di« gtaich« Resolution einstimmig angenommen. Essen. 24. August.(Eigenbericht.) Der ynterbezirt Essen nahm in ein» gut besuchten außerordentlichen Mitgliederversammlung Stellung zur Panzer- kreuzerfrage. Der Reichstagsabgeordnet« Genosse Limbertz er- stattete Bericht über die Sitzung des Parteioiisschusses und der Fraktion. Drr Einstellung und Mahnung des Referenten folgend, war die ausgedehnte Debatte zwar bitter ernst und da» Verhalten der Minister perurteilend, aber sachlich, daß auch nicht ein Satz gesprochen wurde, aus dem Gegner von links oder rechts Kapi- tal schlagen könnten. Es gelangt« eine Entschließung zur Ay- nähme, die sich dem Beschluß des Parteiausschusjes und der Fraktion anschließt und darüber hinaus das energische Eintreten der Fraktion für sozialpolitsch« Forderungen und gegen die vom Bürgerblock begonnene Rüstungepolitlt fordert. zej entdeckt Kaden. Sie bat nacht» zwei Personen verkästet, die»nli- tärfeindliche Plakate»nd Schritten nher die Mauern der Kaserne in St. S e r m a i n werjen wollten. Die Verkosteten sollen zahlreita« oushetzende Plakate und Flugschristen sowie«in«n vollständigen Feld- zugsplon bei sich gehabt hoben, um in den Kasernen Meutereien vorzubereiten. Moskauer Pazifismus. Panzerfchiffgeschrei, aber keine ernst« Friedensarbeit. Seit Iahren arbeitet man in Genf an«ine? Kontrolle des privaten Waffenhandel« und der Kriegsmaterialindustrie. Ein Ab» kommen über den Waffenhandel liegt b«r«it» vor und«in Abkommen üb«r di« Oefsentlichkeit d«r privaten Rüstungsindustaie »nd ihre Kontroll« ist im Entwurf serciggesi-tlll. Aber schon das Waffenhandelsabkommen wurde von den osteuropäischen Staaten nicht ratifiziert, weilihm Rußlandnichtb«itrtat und als Vorbedingung de» Inkrafttreten» der vorbereienden Woftanher. stellungskommlfsion wird von verschiedener Seite die Miibsteillzung Rußland» verlangt. Graf Bernstorff, der Vorsitzende der Kommission, hat daraufhin im vorigen Jahr« veranlaßt, daß Rußland um sein« Mitarbeit in der Kamnnsston angegangen w«rd«. Rußland antwortete nicht. Auch als sich in diesem Frühjahr bei der Tagung der Ab- rüstungskommission Litvinofs höchst persönlich in Gens einfand und Gelegenheit hatte, sowohl mit dem Grafen Bernstorff, wie mit dem Vertreter Frankreiibs in d«r Kammission Iouhoux Fühlung zu nehmen, ließ er jedes Interesse an der Sache vermissen. Man kann ohn« weitere» annehmen, daß di« Versuch«, sstußlond« unerläßlich« Mitarbeit zu erhalten, bi» heute nicht aufgehört haben. Die am 27. Airgust zusammentretende Kommission wird trotzdem wieder vor der Tatsache stehen, daß Moskau sich au»» schweigt. E» ist ganz llar, daß die Nachbarn und di« Gegner Rußlands nie eine Waffenhandels- und Waffenherstellungsrcgelung unter- schreiben werden, solang« Rußland e» nicht auch tat. So wirkt Moskaus Verhalten praktifch-politisch ol» die best« Garantie dafür. daß die Prosite der Panzerslottenbaron« nicht b«. schnitten werden und jeder pfiffige Unternehmer Waffen herstellen und mit Waffen handeln kann soviel er will! Saar-Gparkaffen ohne Revifion. Immer neue Unterschlagungen. Saarbrücken, 24. August.(Eigenbericht.) Schlag auf Schlag wird di« Bevölkerung des Saargebiets durch neue ffedexraschungen bei Sparkasien beunruhigt. An dem Spar« kosfenfkandal in St. Ingbert wurden groß« Unterschlagungen der Kreissparkoss« de« unter Zentrum seinfluß stehenden Kreise» S a a r l v u i« bekannt. Nunmehr sind bei ber gleichen Ar«i»Ipor, kasfe eine ganze Reib« Sxcrkassenangestellte vernommen worden, die sich neu« Verfehlungen haben zuschulden kommen lassen. E» ist höchste Zeit, daß die saarländischen Sparkasien, von denen nur wenig« dem deutschen Sparkassen r« o i s i o n? verband ang«- schlössen sind, wieder eine regere Verbindung mit dem deutschen Sparkasienverband ausnehmen. Diese Verbindung ist seinerzeit unter dem Einfluß der Franzosen in der Rsgierungskommisston von allzu ängstlichen und willfährigen Zentrumslondräten abgewies«» worden. In dem amtlichen Bericht der Stadtverwaltung St. Ingbert war die chöhe der Derpslichwngen der Stadtsparkasie mit 6,8 Millionen Mark angegeben. Diese Zahl verändert sich dauernd, da ständig neu« Forderungen bekannt werden. Man spricht bereit» von rund g Millionen Mark,, von denen mindesten» 4 Mik- lionen uneinbringlich seien. Bei der Kreditgewährung handelt e» sich in der Hauptsache um«in und dieselbe Et. Ingberter Firma, die auch in Heidelberg«in« Filiale muerhäli und merk- würdigerweis« in den Büchern der Sparkasi« unter fünf pe»- schi ebenen Namen geführt wird. Durch den Zusammenbruch der Stadtsparkasie ist bereit» ein« völlige Lahmung de» wirtschaftlichen Leben, d« Stadt eingetreten. Die Stadt hat sich genötigt gesehen, eine Reih« Arbeiten einzustellen. Zluch di« privaten Bauarbeiten sind«in- gestallt worden. Finonzreferent Pircher und seine Mitschuldigen sind verhaftet. Die Sozialdemokratische Partei hat in St. Ingbert für Freitag abend eine große Volksversammlung an- beraumt, in der die skandalösen Vorgänge erörtert merden sollen. Die deutsch« saarländisch« Bolkspartei hält für Freitag abend»in« Ausschvßsitzung ob und morgen«ine öffentliche Dürgerversammknng. Diese Partelen drängen darauf, daß Bürgermeister Dr. Keinpf ein Disziplinarverfahren gegen sich beantragt ob«« seinen sofortigen Rücktritt erklärt. Gegen die faschistische Lockspihelei. Sin Protest der französischen Liga für Menschenrechte. D a r«». 24. August.(Eigenbericht.) Die Linkspresse verSffeutlichl eine Kundgebung der italienischen Liga für Menschenrechte, in der dagegen proiestiert wird, daß ver- schtadene« ilalieuischeo Sansulalev In Frankreich direkt dem italienischen Minister unterstellte Beamte beigegeben sind, dt« elu Heer von Lockspitzel« ualerhatteu, da, zur Splouag« unter den italieuischeu und französischen antifaschistische« Kreisen dien«. Diese Beamte, die den Ttlel Vizekonsul tragen, besitze« für ihre Funktion keine rechilich« Gruodlage. Ihre Tätigkeit stelle einen Angriff auf die nationale SonoerSnitäl dar. enug Uniformierte und verkündet dqher den nach ufputz eine* KP.-Umzugs eingeladenen Rotfront. r di« Grenz« getasie»«erden. Holland Hai Amsterdam zum deutschen, daß Uniformierte nicht über | Verbandstag der Tabafarbeiter Stelle zurgelt 10773 gt itglteber umfaßt. Die Rechtschuh- Stehkragenprofeten und fogenemate Rauffeute ble Straffe bes Dis Ehrung Karl Deichmanns. München, 24. Auguft.( Eigenbericht.) Die Tabafarbeitertagung fand am Freitag nach fünftägiger Dauer ihren Abschluß. Der von Kiel- Gießen erstattete Bericht über den legten Internationalen Tabafarbeiter tongreß in Paris wurde mit großem Beifall entgegengenommen. Den Borschlägen der Statutentommission wurde zum übermiegenden Teile zugestimmt. Die Erwerbslosenunter ftübung soll nach den Vorschlägen des Borstandes je nach den Haupttassenbeiträgen 3, 4,20, 5,40, 7,20 und 9 mark in der Woche betragen. Die Unterstützung erreicht in der Höchstklasse einen Betrag von 72 Mart im Mitgliedsjahr. Die Umzugsunter. ftigung wird jenen Mitgliedern gewährt, die mindestens 156 Beiträge geleistet haben, einen eigenen Haushalt führen und aus triftis gen Gründen den Wohnort wechseln wollen, sofern die Entfernung bis zum neuen Wohnort mindestens 12 Kilometer beträgt. Die Unterſtügung beträgt je nach den Hauptfaffenbeiträgen nach drei jähriger Verbandszugehörigkeit 20 bis 60 Mart, nach vier Jahren 30 bis 85 Mart, nach fünf Jahren 40 bis 110 Mart. Die Wahl des Verbandsvorstandes, des Ausschusses und des Beirats ging rasch und reibungslos vor sich. Der ngjährige erste Borsitzende Karl Deichmann tritt endgültig zurück. Der Kongreß ernannte ihn in Anbetracht seiner großen Berdienste um den Verband zum Ehrenvorsigenden. An die Stelle Deichmanns tritt Ferdinand Husung- Bremen. Zweiter Borfizen ber wurde Otto Benzel- Bremen. Alfred Kiel Gießen wurde als Seferetär in die Verbandsleitung berufen. Ueber Zeit und Drt des nächsten Kongresses werden Vorstand und Beirat beraten. abteilung in Anspruch genommen. Der Kassenbericht ergab eine Gesamteinnahme von rund 122 450 Mart für die Zentraltasse, wovon an die Verbandskaffe rund 62 734 Mart abgeführt werden fonnten, während der übrige Betrag für Unterſtügungen usw. ausgegeben wurde. Die Lokalkasse hat einen Kassenbestand von rund 75 668 Mart; ein Mehr von rund 6500 Mark gegenüber dem letzten Quartal. An dem Geschäfts- und Kassenbericht hatte der von den Kommunisten vorgeschichte Moriz Hoffmann nichts Wesentliches zu kriti fieren und glaubte die Gelegenheit zu einer Panzerkreuzer- Komödie nüßen zu können. Sein Manöver wurde durchschaut und das Panzerfreuzer- Theater war unter dem Gelächter der Generalversammlungs- Delegierten in ganz furzer Zeit zu Ende. wurde die Berichterstattung vom Verbandstag abgelehnt, weil es den Kommunisten anscheinend wichtiger erschien, durch fruchtlose politische Debatten die Gewerkschaftsarbeit zu stören. Leider Streif in den ,, Alfi"-Schuhmacherwerkstätten. Wie schon berichtet, haben die 30 Arbeiter der Schuhreparaturwerkstatt Robert Sieburth Söhne in Berlin, Invalidenstraße 141 die Arbeit eingestellt, weil die Akkordsäge um 25 bis 40 Bro3. gekürzt wurden. In den Verhandlungen am Donnerstag war die Firma mur dazu bereit, die gekürzten Affordsäge um geringe Beträge zu erhöhen. Die Streifenden beschlossen daher, verschiedensten Stadtgegenden. ben Streit weiterzuführen. Die Firma hat 12 Filialen in den Die Streifenden ersuchen die selbständigen Schuhmacher, ihnen etwa angebotene Streifarbeit der Firma abzulehnen. Die Aussperrung in der Herrenkonfektion. SPD.- Mitglieder für Bolfsentscheid" Nachdem die Arbeitgeber an den verschiedensten Orten die Ausgabe von Arbeit bereits eingestellt haben, handelt es sich nicht mehr um einen Streit, sondern um die Aussperrung. In Hamburg werden zehn Betriebe mit rund 500 Arbeitern non der Aussperrung betroffen. 3m Stettiner Arbeitsgebiet sind bisher über 1800 Arbeitnehmer erfaßt worden. Eine völlig durchgeführte Aussperrung würde hier schägungsweise 6000 Arbeitnehmer brotlos machen. Aus München wird berichtet, daß die Arbeitsniederlegung bei fünf Konfettionsfirmen erfolgt ist, und die über 200 Arbeiter einer Großfonfektionsfirma in Augsburg heute die Arbeit ein stellen wollen, was sich inzwischen durch die Aussperrung als über. flüssig erwiesen hat. Nach einer BS,-Meldung sind am Freitag die Vertreter der drei Gewerkschaften zusammengetreten und haben beschlossen, am Montag in allen Konfettionsorten Versammlungen abzuhalten und die Antwort auf die Aussperrung zu geben. Die Unternehmer wollen wahrscheinlich eine andere Tattit einschlagen als 1926. wo fie den Heimarbeitern Reverse vorTegten, worin diese sich verpflichten sollten, zu ganz bestimmten Löhnen weiterzuarbeiten. Also teine Reverse, feine Bedingungen, feine Unterscheidung zwischen Organisierten und Unorganisierten, fondern Rampf in breiter Front! Demgegenüber steht die Solidarität der Herrenkonfektionsarbeiter. Diese Solidarität wird auch von den 3uschneidern beachtet. Die Unternehmer hatten in der ,, Textilzeitung" den Anschein zu erwecken versucht, als Db die dem Af A Bund angegliederte 3uschneider organisation nicht mitstreite. Wie die Besprechungen mit dem Verband ergeben haben, werden die Zuschneider selbstverständlich den Herrenkonfektionsarbeitern gegenüber Solidarität üben. Der Kampf im Dillgebiet beendet. Die Frankfurter Berhandlungen zur Beilegung des Konflikts in der Metallindustrie des Dillgebiets und er oberen Lahn haben zu einem Einigungsvorschlag geführt, den die Parteien sich verpflichteten, ihren Mitgliedern zu unterbreiten. In einer Funktionärversammlung des Deutschen Metallarbeiterverbandes am Freitag in herborn, in welcher der Führer des Kampfes, der Reichstagsabgeordnete Me- Frankfurt, referierte, wurde nach einer lebhaften, jedoch äußerst sachlichen Debatte, mit großer Mehrheit die Annahme der Einigungsbedingungen in geheimer Abstimmung beschlossen. Die Funktionäre der oberen Lahn dürften sich diesem Beschluß anschließen, ebenso die übrigen Metallarbeiterverbände. Die Arbeitsaufnahme erfolgt am Montag der kommenden Woche. Der Einigungsvorschlag sieht u. a. vor, daß die rechtlichen Differenzen der Burger Hütte durch einen Gießereifachmann unter. sucht und endgültig geregelt werden sollen. Betriebsvertretung, Betriebsleitung und beiderseitige Organisationsvertreter stehen diesem Fachmann, über den beide Teile sich zu verständigen haben, zur Seite. Seine Entscheidung ist bindend. Den übrigen von der Aussperrung betroffenen Werken wird zur Pflicht gemacht, für die Durchführung der rechtsnerbindlichen Schiedssprüche vom Juni dieses Jahres zu forgen. Härten der einzelnen Akkorde sollen überprüft und loyal abgestellt werden. Maßregelungen finden nicht statt. Es dürfen so lange feine betriebsfremden Arbeiter eingestellt werden, als die am Arbeitskampf beteiligten Arbeiter nicht restlos untergebracht sind. Wer die schwierigen Verhältnisse des Dillgebietes fennt, mird zugeben, daß fich die Arbeiterschaft erfolgreich geschlagen hat. Berschlechterungen der Arbeitszeit und der Ferien wurden abgewehrt und die Möglichkeiten zur Beseitigung der Affordhärten geschaffen. Generalversammlung der Buchbinder. Eine durchgefallene Panzerfreuzerkomödie. In der gutbesuchten Generalversammlung gab der Bevollmächtigte, Genosse Imhof, den Geschäftsbericht für das zweite Quartal 1928. Zunächst streifte er die Arbeitslosigkeit, die leider im Berufe wieder zugenommen hat. Den Arbeitslosen wurde eine fleine Beihilfe zu Pfingsten gewährt. Der Abschluß in der Maschinen Kartonnagen- Industrie murde erfolgreich durchgeführt. Ein Streit der in diesen Betrieben beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen gab den Forde rungen der Arbeiterschaft den notwendigen Nachdruck. Weiter wurde ein Streit mit Erfolg gegen die Firma Mu fter- Schmidt durchgeführt. Jahrelange Differenzen mit dieser Firma brachten endlich bas Faß zum Ueberlaufen, so daß am 25. Mai die gesamte Belegschaft die Arbeit niederlegte. Nach zehntägiger Dauer war der Streit zugunsten der Arbeiterschaft beendet. Ein KPD.- Schwindel. " In ihrer Nummer 196 machte die Rote Fahne" in großer Begeisterung für ihren Boltsentscheid. Auch die SPD.- Mitglieder wollen dafür agitieren" verkündete sie und führte die sonst so ruhige, geduldige und indifferente Belegschaft des Kaufhauses Herr mann Gerson an erster Stelle als Beweis dafür mit an. Daraufhin hat der Arbeiterrat der Firma Herrmann Gerfon in Uebereinstimmung mit den Handelsarbeitern dem Blatte ein Schreiben folgenden Inhalls zum Abdruck zugehen lassen: In der Nummer der ,, Roten Fahne" vom 21. August 1928 mirb in einem Eingesandt von der Belegschaft der Firma Herrmann Gers son berichtet, daß fie ruhig, geduldig und indifferent" sei und durch den Panzerfreuzer erst in Aufregung gefommen wäre. Wir können dazu nur feststellen, daß wir hundertprozentig freigewerkschaftlich und zirka 50 Proz. jozialdemokratisch organisiert sind. Von den anderen 50 Pro3. gehört aber feiner der Kommunistischen Parteian. Auf unsere Aktivität ist es auch zurückzuführen, dah sich die kommunistisch gebärdenden Kollegen erst einmal gewerkschaftlich organisieren mußten. Wir sind stolz darauf zu jeder Stunde, auch im Betriebe für die Aufklärung unserer Arbeitsbrüder zu forgen und verfriechen uns dabei nicht feige hinter Anonymität, besteht. Bir Sozialdemokraten halten es für Ehrenpflicht, wenn die wie jener Einsender, dessen Eristenz charakteristischerweise aus Nullen Gewerkschaft und Partei ruft, mit Eifer und Begeisterung unserer heiligen Sache zu dienen. Wir halten es nicht, wie jener Kommunist Bühn im Betriebe, der am 1. Mai vormittags eilig die Treptomer Spielwiese verließ, um drei Viertel des Weltfeiertags im Intereffe des Privatkapitals den Handlanger zu spielen. Wir halten es auch nicht so wie jenter Kommunist Runge, der erst einer fleinen Angestellten zur Entlassung verhilft, dann aber heuchlerische Tränen darüber vergießt. Und so fönnten wir die Liste revolutionärer" Taten dieser Helden noch weiter fortsetzen, aber der Ekel gebietet uns Halt. Jawohl, wir sind gegen den Panzerfreuzer und die, die ihn in Auftrag gaben, weil wir Pazifisten sind, und aus diesem Grunde merden wir unsere ganze Kraft im Dienste der Partei dazu vermenden, daß folche Ungeheuerlichkeiten nie wieder eintreten. So halten wir's, und davon bringen uns auch die gefügigen Mullen" nicht cb, die sich dem Unternehmer gegenüber unterwürfig erweisen, aber als tators zeigen. Was die tägliche Inftruftionsstunde unseres Kollegen Bucalfa betrifft, so sind wir stolz darauf, zu einer besseren Kampfesweise er. zogen zu werden, als jene Maulhelden und Phrasendrescher nach berühmtem fommunistischen Muster. Folgt Stempel und Unterschrift. = Da die Rote Fahne" offenbar teinen Raum hat zum Abdruck dieses Schreibens, das ihre Behauptung, SPD. Mitglieder wollten für den fommunistischen Bolfsentscheidrumme! agitieren, d. h. die Geschäfte der Kommunistischen Partei zu besorgen, Lügen straft, sind wir dem Wunsche auf Beröffentlichung dieser Antwort nachgekommen. Zuviel Schuhmacherlehrlinge! In der Tagespresse und in Handwerksblättern finden fich in der legten Zeit mehrfach Ausführungen über die starke Uebersetzung des Schuhmacherhandwerks mit Lehrlingen. Die Frage ist nicht neu. Eine ausführliche Denkschrift über die Notlage des Schuh. machergewerbes hat der Reichsverband des Deutschen Schuhmacherhandwerks e. V. den Behörden unter dem 1. November 1927 eingereicht. Bereits im gleiden Monat hat sich das preußische Landesgewerbeamt eingehend in einer Sigung mit der Frage befaßt. Wie der Amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, ist dem Beschluß des Landesgewerbeamtes entsprechend durch einen Erlaß des 1927 17. Dezember preußischen Handelsministers vom den preußischen Handwerkskammern nahegelegt worden, die Lehrlingshaltung im Schuhmachergewerbe auf je einen Lehrling für jeden Betrieb einzuschränken. Dieser Aufforderung die preußischen Handwerkskammern fast restlos nachgefommer sprechende Beschlüsse von 25 Handwerkskammern sind bereits genehmigt worden, bei den restlichen sechs Handwerkskammern sind sie in Borbereitung. Wie steht's mit den Ratifizierungen? Die Ratifitation internationaler Arbeitsüber. ein tommen hat neue Fortschritte gemacht. Anfangs August lagen 305 Ratifikationen( von 26 internationalen Arbeitsübereintommen durch 29 Länder) vor. In 29 Fällen wurde die Ratifitation von den zuständigen gesetzgebenden Körperschaften bereits beschlossen; in 156 Fällen liegen die Ueberintommen den geseggebenden Körperschaften vor, und zwar mit einer Empfehlung der Regierungen, die Ratifikation zu beschließen. Im letzten Frühjahr hat Luxemburg 25 Konventionen ratifiziert, Kuba hat die Eintragung von 11 neuen Ratifikationen angemeldet. Das Washingtoner Abkommen über die 48stündige Ar. beitswoche ist bis jetzt in 12 Fällen ratifiziert. Berband der Nahrungsmittel- und Getränkearbeiter, Ortsgruppe Berlin. Die Wahlen der Delegierten zur Delegierten versammlung finden am Sonntag, dem 23. September, statt. Alle weiteren Nachrichten erfolgen durch ein Mitteilungsblatt an die Die Ortsgruppenleitung. Mitglieder. Freie Gewerkschafts- Jugend Groß- Berlin Norbring: Endlich gehts auf Ferienfahrt. Rartenvertrieb auf dent Gewerkschaftsfeft. 15 Uhr im Lokal Spreegarten. Achtung! Helfer für den Treffen am Sonntag um Gewerkschaftsfest in Treptow. Sonntag, 26. Auguft, ab 15 Uhr, veranstaltet von den Berliner Drtsans schüffen des ADGB., bes AfA- Bundes und des ADB. in allen größeren GartenLotalen Treptows. Konzert, Gesang, artistische Darbietungen, Tombola und Riefenfeuerwert. Eintritt 50 Pf., Jugendliche und Kinder 25 Bf.( jebes Riub erhält eine Fadel). Erwerbslose frei. Borverlauf bei allen Berbänden. Berantwortlich für Bolitik: Bietor Schiff; Wirtschaft: G. Klingelhöfer; Gewerkschaftsbewegung: Fr. Eztoru; Feuilleton: K. S. Dölger; Lotales and Sonstiges: Fri Raritäbt: Anzeigen: Eh. Glode; sämtlich in Berlin. Berlag: Borwärts- Beriag G. m. b. S., Berlin. Drud: Borwärts- Budbruderet und Berlagsanftalt Baul Ginger u Co.. Berlin SW 68. Lindenstraße 3. Sierzu 1 Beilage und Unterhaltung und Biffen". KONSUM GENOSSENSCHAFT BERLIN U. UMGEGEND E. G. M. B. H. Wir empfehlen: Speisekartoffeln ,, Frühe Weiße". • 10 Pfd. 50 Pf. Gelbfleischige" ,,, Blaue Odenwälder" und ,, Böhms Allerfrühste" 10 Pfd. 55 Pf. erDie Abgabe der Waren folgt in der KonsumGenossenschatt Berlin nur an Mitglieder, Die Mitgliedschaft kann von jedermann erworben werden. Verkäufe Bettenverkauf! Neue! 9,75! B Aufnahmegebühr 50 Pfennig Aufnahmen werden in den 260 Waren- Abgabestellen der Konsum Genossenschaft • vollzogen. Masikinstrumente Bianos 200,-, 475,- 575,-, ge braut, große Auswahl in neuen; langjährige Garantie. Serer, Brunnentraße 191, 1 Treppe. Rosenthaler Blas. Teilzahlung. Sintpianos, überaus preiswert. 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Sodann erhielten dieselben im Jahre 1424 den See zur Benutzung gegen ein« Ab- findungsfumme von 6 Schock Groschen. Zum erstenmal feiert« man den Stralau« r Fifchzug als Fest der Freude über die Beendigung der Schonzeit im Jahre 1454. Der Ortspfarrer in Stralau erhielt den Ertrag der ersten vier Züge, um fein« kärgliche Besoldung aufzubessern. Später nahmen, wie aus alten Urkunden zu er- sehen ist, und zwar im Jahre 1849, mehr als SV 000 Berliner am Fischzug teil. Im Jahre 1873 traf den Fischzug ein polizeiliches Verbot, das noch einigen Iahren wieder aufgehoben wurde: dennoch aber begann zu jener Zeit die Bedeutung des Festes nach und nach zu sticken, bis vor mehreren Iahren die Vertreter der Stralauer Fischereigemeinde im Berein mit anderen beschlossen, den Stralau er Fischzug wieder in der früheren historischen Weise zu seiern. Die Bemühungen der Veranstalter hatten den Erfolg, daß in den letzten Iahren unzählige Menschenmengen zu dem Besuche des alten Volksfestes nach Stralau hinauszogen. In diesem Jahre findet die Feier des Fsschzuges in der Zeit vom 19. bis einschließlich 25. August statt. Am Sonntag, dem 19. August, nachmittags 2 Uhr, nahm der historische Fischzug mit einem Festzug, der im„Zeichen der Jahrhunderte� ausgezogen wurde, seinen Ansang. Unter Voran- tritt von drei Herolden mit einem Bannerträger des„Vereins zur Erhaltung des historischen Fischzuges von Stralau' folgten die Trachten des 16. Jahrhunderts bis zur heutigen Zeit. Zwei von Ritte-n Überfallene Fischer, mit ihrem auf einem Ktüinperwagcn liegenden Fischfang, wurden gefesselt abgeführt. Es folgten Trachten aus der Wallensteiner Zeit. Dann folgten Wogen und Gruppen aus der Rokokozeit. Run endlich folgte die Biedermeierzeit, die Etappe G l a ß- b r e n n e r s. Alte Postkutschen.. Hochsitzwagen, begleitet von Postillonen zu Pferd, fahren mit Bürgerinnen und Bürgern in ihren Trachten. Reifiöcke mit Schuten, die Herren init dem damals so beliebten grauen Zylinderhut, den bunten Schoßröckcn, werden uns in die gute alte Zeit oersetzen. In dieser Gruppe waren auch der bekannte„Gambrinus mit dem Riesenfaß', dos alte Stralauer Original„Der Gurkenheinrich', die„Stralmier Kaffeetanten', di« „Stra'auer Fifcherhüttc', der Feftwagen der„Anglerfreunde' sowie Reiter und Reiterinnen in ihren so kleidsamen roten Anzügen zu sehen. Die vierte und letzte Gruppe nahm ihren Anfang mit dem in aller Welt bekannt gewordenen„Eisernen Gustav', der es sich nicht hat nehmen lassen, das ihm so lieb gewordene Stralauer Fischzugfest mit fein-m Graßmus zu besuchen. Öausräder und Hochräder aus den Jahren 1839 und 1879 gaben Ein Riesenfisch im Festzug.— Leider versagt die Spree ahnliche Gaben. rnrn dem damaligen Sport ein beredtes Zeugnis. Der letzt« Wagen stand im Zeichen von Mode und Sport. Am gestrigen Freitag fand der offiziell« Fischzug auf derSpree statt. Die„Fischet- knechte' warfen um 19 Uhr ihre Netze aus, um den in diesem Jahre wieder zahlreicher austretenden Fischbestand zu ernten. Der Fischzug wurde von zahlreichen Booten mit ollen Trachten damaliger Zeiten unter Vorantritt eines festlich geputzten Riesenkahns mit Mustkkorp» begleitet. Von den am Wasser liegenden Lokalen, konnte der gesamte Fischzug beobachtet werden. Der Fischcrtrog wird im Restaurant „Tübbeke' verkauft. Am nächsten Sonntag, dem 26., findet dann abends von 7 Uhr ab die große Korsofohrt auf der Spree statt. Der Berliner Magistrat bat mi dieser Karsofahrt für die beiden schönsten Fahrzeuge zwei Ehrenurkunden geschenkt. Die offiziell« Preisverteilung findet nach der Korfofahrt in der„Alten Taverne' statt. Trotz aller Bemühimgen, den alten Fsschzug wieder aufleben zu lassen, muß man dach den Eindruck gewinnen, daß das Ganze in unseren Tagen überlebt sst. Der Stralauer Fischzug wird eine schöne Erinnerung bleiben. In unserer Zeit wirkt er doch etwas seltsam. Man kann überlebt? Bräuche nicht künstlich erhalten, ohne ihnen ihren Glanz und ursprünglichen Sinn zu nehmen. Ole Kre�itfälscher. Interessante Ergebifssr der Untersuchung. Die Untersuchung gegen die Kreditbrieffälscher hat sowohl in Mailand wie in Marseille zu neuen Aufklärungen geführt. In Mailand wurde die Geliebte des Marchefini erniittelt, die bekundet, daß in der Villa ihres Freundes bereits im Juli vergangenen Jahres eine aklsführliche Besprechung statffand, in der der Plan, durch die gefälschten Dpkumente große Summen zu erbeuten, in allen Einzelheiten erörtert wurde. Der in Marseille fest- Me Aach! nach demVemt. vornan von Liam O'Naherty. (Aus dem Englischen übersetzt von».Häuser.) ..Sehr gut. Mulligan.' sagte Gallagher,„das genügt.' Er erhob sich und ging hinüber an den Richtertisch. D,e vier redeten ungefähr zwei Minuten lang miteinander. Der Richter in der Mitte las mit murmelnder Stimme etwas von einem Papier. Ein anderer Richter schrieb Bemerkungen, wobei er laut mit seiner Feder kratzte. Es entstand eine Pause. Dann begann eine neue Diskussion im Flüsterton. Schließlich ging Gallagher auf seinen Platz zurück. ..Rolan,' sagte er plötzlich,„wiederhole deine Aussage betreffend Peter Mulligan, die du mir gegenüber heute abend um zehn Uhr fünfundvierzig in Ryans Kneipe in der Tittftreet gemacht hast.' „Jawohl, Kommandant,' sagte Gypo augenblicklich. Er räusperte sich angxiffslustig und rasselte die Ge- schichte herunter, wie er Mulligan vom Dunboy-Logierhaus ab hinter Francis Joseph McPhillip hergehen gesehen habe. Er sprach mit klarer, lauter und deutlicher Stimme, machte dreiste Gesten beim Sprechen und sah Gallagher gerade m die Augen. Mulligan zitterte dauernd, während Gypo sprach. Er schien die ganze Zeit zu versuchen, ihn zu unterbrechen, cwer obwohl seine Lippen bebten und seine Hände zitterten, blieb er sprach- und regungslos. ' Gypo hörte auf zu sprechen. Seine laute, starke Stimme verklang und hinterließ ein plötzliches Schweigen. Wiederum entstand eine kleine Pause. „Um welche Zeit genau sahst du Mulligan das Logier- haus verlassen?' fragte Gallagher. „Genau um halb sieben,' erwiderte Gypo augenblicklich. Ich"weiß es, weil ich auf die Uhr in der Halle sah.' Sehr gut." sagte Gallagher.„das genügt uns, Rolan. Fräulein Phillip, um wieviel Uhr kam Ihr Bruder im Haus Ihres Da.ers an?' Er kam zehn Minuten vor sieben,' sagte Mary nach einer" kleinen Pause, während deren sie leicht errötet war: sie schaut- nach Gallagher und sah dann wieder zu Boden. ».Es taim ein bißchen früher gewesen Jew, aber kaum mehr als eine Minute etwa. Ich war gerade aus dem Geschäft gekommen." „Sagte er, daß irgend jemand ihm gefolgt wäre, als er kam?" „Rein, im Gegenteil, er sagte, daß er sicher wäre, daß ihn niemand bemerkt hätte, seit er um halb sechs in die Stadt kam. Mutter war sehr erschrocken darüber, daß er in der Stadt war, und sie wollte ihn auch gleich wieder weg- bringen, aber er war so zuversichtlich wegen seiner Sicher- heit, daß sie dachte, es würde schon gut gehen, wenn er die Nacht dabliebe. Er sagte, daß er Rolan im Logierhaus ge- troffen hätte; er sei der einzige gewesen, mit dem er ge- sprachen habe. Er kam durch die Straßen hinten herum, nachdem er das Logierhaus verlassen hatte. Nirgends hat er sich aufgehalten und mit niemand gesprochen. Er ging auf der eisernen Brücke über den Fluß. Es war raben- schwarz um die Zeit wegen des Regens und Nebels. Jeder, der Francis Art, sich vorwärts zu bewegen, kannte, wie er mit Ohren so scharf wie ein Luchs auf jeden Laut aufpaßte, kann kaum glauben, daß ihm einer nachging, ohne daß er's wußte. Er kam plötzlich'rein in die Hintertür vom Hof aus. Wir dachten, es wär' sein Geist.' Ein leichter Schauer überlief sie bei der Erinnerung. Sie hielt inne unD führte ihr Taschentuch ans Gesicht. „Ich danke Ihnen, Fräulein McPhMp, sagte Gallagher. „Ist Barney Kerrigan dort draußen?" „Ist Kerrigan da? „Kerrigan?' „Ja, ich komme schon,' rief eine Stimme irgendwoher aus dem Gang. Ein hochgewachsener Mann, mit einem schwarzen Schlapphut, in einen neuen,, aber �rotzdem schäbigen Mantel mit Samtkragen gehüllt, trat herein, einen Revolver um den Leib geschnallt. Er grüßt« militärisch und stand stramm. „Bist du heute abend um sechs Uhr dreißig Peter Mulligan begegnet?' „Jawohl, Kommandant,' erwiderte Kerrigan.„Ich sah ihn gerade um die Zeit die Straße'runterkommen. Er hielt mich an und wollte wissen, ob ich was wüßte fürs Grand Rational."(Das große Pferderennen, bei dem alle Leute in Irland wetten.) „Sehr gut. Bist du ganz sicher betreffs der Zeit?" „Ra, ich kann nicht gerade die genaue Sekunde an- aeben, aber es kann nicht mehr wie'ne Minute später oder früher gewesen sein. Ich haute um sechs von der Arbeit ab, und ich brauche immer zwanzig Minuten Zeit, um von genonuven« Alfredo Palmeri hat jetzt zugegeben, daß er mit Milam und Marchefini in Verbindung stand, und daß er die 3999 Franken als„Reisespesen' überwiesen hat. Ein neues Moment hat die Untersuchung des Passes erbracht, der bekanntlich Milani m Nürnberg abgenommen wurde. Es hat sich herausgestellt, daß dieser Paß ursprünglich auf den Namen„Magglio' lautete. Ein Mann namens Ernesto Magglio hat nun in'den Jahren 1913/14 in Frankfurt a. M. gewohnt. Die Vermutung besteht, daß Milani damals unter diesem Namen m Deutschland gewesen ist und später, als die Fälschungen in Gang gebracht werden sollten, den früheren Namen auswusch und dafür den Namen Milani einfetzte. Er selbst bestreitet das noch und will auch Palmeri, von dessen Eingeständnis er nichts weiß, nur oberflächlich kennen. Die Marfeiller Kriminal- polizei hat sich bereit erklärt, die dort Verhafteten nach Abschluß ihrer Untersuchungen nach Deutschland auszuliefern. Alle Mitglieder der Band« werden dann zur Aburteilung nach München gebracht werben. Ali Hersi heiratet. Hochzeit in der Somali-Schau. Auf der Somali-Schan am Zoo wird sich am Freitag, 31. August dieses Jahres, ein feierlicher Akt abspielen, der einen ti'esen Einblick in die Sitten und Gebräuche dieses Dalksstanunes gibt. Der Häupt- fing der Somali-Truppe, Ali H e r s i, heiratet seine ihm schon lang« verlobte Braut Amino Hassan nach dem Ritus seiner Religion und den Gebräuchen seines Stammes. Ali Herst wollte seine Hochzeit nicht länger aufschieben und dadurch haben wir Gc- legenheit, einer so seltenen Feier beizuwohnen. Die Hochzellsfeier wird von den Somali als eine sehr ernste religiöse.Kulllibung auf- gefaßt. Die Hochzeitsgebräuche und Tänze werden traditionell ge< pflegt und demgemäß auch bei dieser Feier gewisienhaft innegehalten werden. Zum Schlüsse wird ein großer Stammeshochzeitsschmauz hergerichtet und zu diesem Zwecke die Lieblingsspeise der Somali. nämlich am offenen Feuer gebratene Hammel, zubereitet. Die Hoch- zeitsfeier wird im Anschluß an die 5-Uhr-Nachmittagsvvrstellnnz vor sich gehen._ prasiöenienrückiritt im Entfchadigungsamt. Der vlzepräsidenl Bach vom Beichsenlschödignngsarni ist von feinem Posten zurückgekreien. den er mehrere Zahri in«« gehabt hat. Vizepräsident Vach hat var allem aus Gefundheitsrücksschtei das Amt verlassen, da ein Herzleiden, das er sich vor den Kriege in den Tropen zugezogen, in letzter Zeit sich stark vev schlimmert hat. Wie erinnerlich, war es Vizepräsident Bach, dei vor einigen Monaten von dem Farmer Langkoop im Reich- entfchädigungsamt überfallen>md mehrere Stunden mit Revolve, und Höllenmaschine bedroht worden war. Im Anschluß an dies- Affäre ist der Vizepräsident von Drohbriefen G?schä< d i g t e r förmlich überschwemmt worden und noch bis in die letzi, Zeit hinein gingen ihm ähnliche Schreiben zu. So kam es. daß auf Anraten seiner Aerzte schließlich sich kurze Zell vor der An-. lösimg de» Amtes genötigt sah, von seinem Posten zurückzutreten Parfüm statt Geld. Geldschrankeinbrecher drangen vor kurzem nachts von ewte, leerstehenden Wohnung im ersten Stock erne in die Räume einei Drogerie In der Tauentzienstrahe ein, indem si, ein Loch in den Fußboden stemmten. Em Geldschrank. den sie aufknabberten, enthielt zwar kein bares Geld, dafür abei kostbare Parfümerien, von denen die Flasche bis zu 12