BERLIN Montag 27. Auguft 1928 Der Abend™ Erscheint täglich außer Sonntag 5. Sugleich Abendausgabe des„ Vorwärts". Bezugspreis beide Ausgaben 85 Pf. pro Woche, 3,60 m. pro Monat. Redaktion und Erpedition: Berlin SW 68, Lindenstr.3 45. Jahrgang. 66 Anzeigenpreis: Die einspaltige Nonpareillezeite Spätausgabe des„ Vorwärts 80 Pf., Reklamezeile 5 M. Ermäßigungen nach Tarif. Vosschecktonto: Vorwärts- Berlag G. m. b. H., Berlin Nr. 37536. Fernsprecher: Donboff 292 bis 297 Stresemann in Paris. Das französische Volf ruft mit uns: Es lebe der Friede! Paris, 27. Auguft.( Eigenbericht.) Der deutsche Außenminister ist am Sonntag nachmittag um 3 Uhr in Paris eingetroffen. Die am Bahnhof weilenden Baffanten bereiteten ihm einen überaus herzlichen Empfang. Schon lange vor der Ankunft des Zuges hatte sich vor dem Nordbahnhof eine beträchtliche Menschenmenge angesammelt. Als Stresemann schließlich erschien, brachen fie in Ovationen aus: Vive la Paix"( Es lebe der Friede).„ Bive Stresemann" erfcholl es in tausendftimmigen Rufen, die einige Dutzend meist halbwüchsiger Burschen mit Johlen und Pfeifen vergeblich zu übertönen versuchten. Der Reichsaußenminister begab sich sofort nach seiner Ankunft zu dem Wohnsitz des Präsidenten der Republit, um sich dort einzufchreiben und fuhr dann zur amerikanischen Botschaft, der Wohnung des Staatssekretärs Kellogg, wo er seine Karte abgab. Um 6 Uhr ftattete Stresemann dem französischen Außenminister einen Bjuch ab, den Briand im Laufe des Abends in der Deutschen Botschaft erwiderte. Am Montag vormittag um 11 Uhr ist eine Zufammenkunft zwischen Stresemann und Poincaré vorgesehen. Abends beabsichtigt der Reichsaußenminister bereits die Rückreise nach Deutschland anzutreten und fich zur Kur nach Baden- Baden zu begeben. Stresemann hat mit Rüdficht auf seinen Gesundheitszustand die Teilnahme an allen Pariser Festlichkeiten abgesagt. Er wird nur nach der Unterzeichnung des Pattes auf dem im Außenministerium von Briand gegebenen Diner zugegen sein. Für die deutsch- französische Verständigung! Den französischen Journalisten übermittelte Strefemann eine schriftliche Erklärung, in der es heißt: Das deutsche Volk hat den festen Willen, an der Verwirklichung jener Welt, in der Kriege nicht mehr existieren, mitzuarbeiten. Es ist ein wichtiges Faktum, daß gerade der Abschluß eines entsprechenden Baktes einen deutschen Außenminister seit langer Zeit wieder nach Paris führt. Bir wiffen alle, daß seit Locarno gewisse Schwierigkeiten immer noch die Ausdehnung der deutsch- französischen Be. ziehungen ein Hindernis bilden, aber wir wissen auch, daß diese Hindernisse nicht derartig sind, daß sie die Politik der verantwortlichen Staatsmänner aufhalten fönnen. Sie fönnen beseitigt werden, und folglich müffen sie beseitigt werden. Ich wäre glücklich, wenn die Unterzeichnung des neuen Pattes die Verwirt. lichung eines neuen Fortschrittes in dieser Hinsicht gestattet." Die Pariser Presse aller Richtungen bezeichnet die Ovationen bei dem Empfang als bedeutsame Rundgebung für den Frieden. Der sozialistische ,, Populaire" schließt seine Betrachtung über den Empfang mit den Worten: ,, Unterzeichnet heute den Kriegs. ächtungspatt und rüstet morgen ab in Genf!" Der Empfang Stresemanns durch Briand war nur ein Höflich lichkeitsatt. Die Rechtspresse schreibt, daß Stresemann zur Erörte rung der zwischen Frankreich und Deutschland schwebenden Probleme nicht den geringsten Versuch gemacht habe. Stresemann bei Poincaré. Paris, 27. Auguft. Dr. Stresemann verließ furz vor 11 Uhr im Kraftwagen die deutsche Botschaft, um dem Ministerpräsidenten Poincaré programmäßig vorgesehenen Besuch abzustatten. Wiederum hatten fich vor dem Ministerium zahlreiche Zuschauer eingefunden, die dem deutschen Minister ihre Sympathie bekundeten Als Stresemann vor dem Louvrepalast vorfuhr, verließ der belgische Außenminister Hymans das Gebäude, der gleichfalls Poincaré einen Besuch abgestattet hatte. Die Unterredung zwischen Stresemann und Poincaré, die um 10,50 Uhr begann, dauerte einundeine halbe Stunde. Der Unterhaltung wohnten die Dolmetscher des Reichsaußenministers und des französischen Auswärtigen Amtes bei. Vor dem Finanzministerium hatte sich eine große Menschenmenge angesammelt, die Dr. Stresemann bei seiner Ankunft und Abfahrt lebhaft begrüßte. Auch vor dem Außenministerium hatten sich zahlreiche Personen eingefunden, die Dr. Stresemann bei seiner Ankunft mit den Rufen: Vive l'Allemagne" und" Vive la Paix" begrüßten. Als Dr. Strefemann das Ministerium verließ, wurde er wiederum, wie auch vor dem Gebäude der deutschen Botschaft, außerordentlich leb haft und freundlich von der Menge begrüßt. " Weitere Berichte siehe 2. Seite) Der Empfang am Bahnhof. SORTIE Reichsaußenminister Dr. Stresemann wurde bei seiner Ankunft in Paris ein begeisterter Empfang zuteil. Die viellausendköpfige Menge brachte Hochrufe auf Deutschland und den Frieden aus. Das Fest der Gewerkschaften. Riesenbeteiligung in Treptow. Fest der Arbeit, Fest der Erholung! Das war das Zeichen, unter dem das Große Sommerfest der Freien Gewerkschaften, des ADGB. und der AfA stand. Es war fein rauschender Trubel, es herrschte kein Lugus wertvoller Kleider, fein Schlemmen und Prunken, aber es war eine einzige große frohgestimmte Familie, die sich, Taufende von Mitgliedern start, in Treptow eingefunden hatte. Schade nur, daß diese einheitliche Stimmung zuweilen durch fommunistische Entgleisungen gftört wurde! Es war ein herrliches Bild: Das prächtige Sommerwetter, auf dem Wasser die unzähligen Boote, zum Teil geschmückt mit roten oder schwarzrotgoldenen Fahnen, die von einer frohen Menge durch wogten Gärten, die Kinder, die sich ausgelassen auf den Plägen tollten! Ganz Treptow war eine einzige Feierstätte. In den Straßen herrschte das gleiche Gedränge wie in den Gärten. Nur fchwer gelingt es, in die einzelnen Lokale einzudringen. Jin Restaurant Knappe hatten sich die Gemeinde- und Staatsarbeiter versamnielt. Auf der Bühne fonzertierte der Musikerverband in einem Fahnenwald der verschiedensten Banner. Die Settionen der Straßenbahner, der Arbeiter in den städtischen Gaswerken und die Parteiabteilungen der Sozialdemokratie waren mit ihren Bannern anmarschiert. Im Spreegarten war das Gedränge besonders groß. Dort waren der Deutsche Metallarbeiter verbond, der Zentralverband der Maschinisten und Heizer, der Verband der Kupferschmiede und der Deutsche Bekleidungsarbeiterverband. Der große Garten war bis auf den letzten Platz besetzt. Die Kommunisten graubten dort einen günstigen Boden für ihre Hetze gegen die Sozialdemokratie zu haben. In einem Winkel des Gartens, umgeben von 200 mild heulenden RFB.- Leuten, spielten sie ,, Kabarett". In der Autounglück in Lichterfelde. Der Mord im Schlächterladen. Bluttat im deutschen Osten. Berichte 2. Seite. Sonnenwende feierten die Mitglieder des Deutschen Bau gewerksbundes und des Verbandes der Maler. 31 großen Abteigarten waren die Afa, die Verbände der deutschen Buch brucer, der Buchbinder, der graphischn Hilfsarbeiter und der Litho graphen versammelt. Ein buntes Leben und Treiben! Die„ Type graphia" und der Musikerverband wetteiferten, die Gäste zu unter halten. Der Landarbeiterverband und der Nahrungs mittel- und Getränkearbeiterverband hatten ihr Mitglieder im Paradiesgarten versammelt. Ein luftige Leben herrschte in dem Großen und Alten Eierhaus; dort waren de Deutsche Verkehrsbund und der Deutsche Holz arbeiterverband mit ihren Anhängern beisammen. Der Eir heitsverband der Eisenbahner wies eine ausgezeichnete Br teiligung auf. Das große Feuerwerk. Das Hin und Her auf der großen Abteibrüde, w Tausende promenieren, um einen allgemeinen Ueberblick des ganze großen Festes zu gewinnen, wird gegen 9 Uhr abends unter brochen. Ruhig und liebenswürdig, ohne Schärfe, unterbinde die Beamten den Verkehr zur Abteibrücke. Die Feuerwerte finden sich ein und hantieren an ihren aufgestellten Gerätschafter Auf dem Wasser räumt ein Polizeiboot auf, die Paddler müffe weichen. Drei große Zillen gleiten gespenstisch, bestückt mit mer! würdigen Stangen, heran. Eine halbe Stunde müssen sich die Zehr tausende von Zuschauern noch gedulden, dann kündet ein Böller schuß den Beginn des Feuerwerks an. Schon sprühen auf de Schiffen und auf der Brücke Raketen ihr buntes Feuer empor. Gold regen rieselt ins Wasser, Leuchtbomben krachen. Auf der Brüd leuchtet in glühenden Buchstaben in all dem Krachen der Satz:„ Bet bunden sind die Schwachen mächtig". Aus allen Winkeln der lange Ufer flingt begeistertes Händeflatschen über das Wasser. Als Schlu leuchtet die übermannshohe Figur eines Arbeiters auf. Darunter di Mahnung: Abonniert den Vorwärts", auf der anderen Seite for dern flammende Leuchtbuchstaben: Werdet Mitglieder der SPE Wieder ertönt reicher Beifall, Reichstag nicht einberufen! Der fommunistische Antrag nicht unterstützt. Der Aeltestenrat des Reichstags beschäftigte sich heute mittag mit dem Antrag der Kommunisten auf sofortige Einberufung des Reichstags. Präsident Löbe, stellte, nach einer furzen Begründung des Antrages durch den Abgeordneten Höllein, in der er auf die Wichtigkeit der Erörterung der Frage des Panzerfreuzerersagebaues durch den Reichstag hinwies, fest, daß der kommunistische Antrag von feiner Seite unterstützt worden sei, daß also die sofortige Einberufung des Reichstags damit abgelehnt wäre. Kein Beitritt der USA. zum Bölferbund. Paris, 27. Auguft. Ein Mitarbeiter des„ Ercelfior" stelle Kellogg die Frage, ob er glaube, daß die Unterzeichnung des Kriegsverzichtspaftes eine engere Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und dem Völker bund eine Art Annäherung herbeiführen werde. Staatsjefretär Kellogg erwiderte hierauf, die Stellung der Vereinigten Staaten bleibe unverändert. Die Vereinigten Staaten hätten feine hinreichend wichtigen Interessen an den in Genf behandelten Fragen, um Mitglied des Bölferbundes zu werden. Nichts destoweniger könnte die moralische Wirkung des Paftes die Ber einigten Staaten zu einer größeren Sympathie gegenüber dem Völkerbund führen. Das Ideal der Vereinigten Staaten sei jedoch, ohne Vermittlung eines internationalen Organismus m't den anderen Nationen der Welt zu verhandeln. Während die Diplomaten den Sonntagnachmittag zu Staatsbesuchen und politischen Besprechungen benutzten und die Journalisten aufgeregt hinterherjagten, um Interviews- nicht zu erhalten, widmete sich Kellogg auf dem Landsiz des USA.- Botschafters Herrick in St. Cloud dem Golfspiel. Berhaftungen in Paris. Paris, 27. Auguft. Die kommunistische Partei suchte am Sonntag durch Antleben Maueranschlägen und Verteilen von Aufrufen in beleidigenden Ausdrücken gegen den Kellogg- Pakt zu demonstrieren. Infolge der vorbeugenden Maßnahmen der Polizei schei terte diese Rundgebung vollkommen. Einige während der Nacht angebrachte Anschläge wurden entfernt und etwa 50 Berteiler von Flugblättern verhaftet. Minister Becker in England. Der preußische Kultusminister Professor Dr. Beder ist als Vertreter der Reichsregierung zur Teilnahme am 17. Internationalen Orientalistentongreß in Orford, bei dem über 200 Delegierte aus allen Teilen der Welt anwesend sein werden, hier eingetroffen. Botschafter Sthamer gibt heute zu Ehren Pro fessor Beckers ein Frühstück, zu dem eine Reihe englischer und deutscher Persönlichkeiten geladen worden sind. Herbstmeffe in Leipzig. Unter startem Konjunkturdruck. Leipzig, 27. Auguft.( Eigenbericht.) Die am Sonntag eröffnete Herbstmesse steht sichtlich im Zeichen einer unbefriedigenden Konjunkturentwid Iung. Die Zahl der Aussteller hat sich allerdings gegenüber dem Vorjahr erhöht( von 8600 auf etwa 9000); jedoch sind sich die ausstellenden Firmen darüber im klaren, daß das Geschäft auf der diesjährigen Herbstmesse hinter dem der Herbstmesse 1927, das aus gesprochen gut war, zurückbleiben wird. Man ist in Fabrikantenfreisen gerade nicht pessimistisch gestimmt, hält es aber für angebracht, mit nicht allzu großen Hoffnungen ins Messegeschäft zu gehen. Fragt man nach den Gründen dieser Annahme, so hört man ungefähr folgendes: Wer legt sich heute, wo man nicht weiß, wie es in einem Vierteljahr aussehen wird, ein größeres Lager hin, und wer hat genügend Mittel disponibel, um größere Lager durchzuhalten? Bon den Verkäufern wird auch allenthalben über schlechten Zahlungseingang geflagt. Das Gesagte bezieht sich vorwiegend auf das Inlands= geschäft; mehr erwartet man vom Export. Es sind, wie man hört, zahlreiche ausländische Einkäufer in Leipzig vertreten. Auch scheint man in deutschen Ausstellerkreisen bereit zu sein, bei Exportgeschäften, die ohne Zweifel während der letzten guten Konjunktur vernachlässigt worden sind, in der Preisstellung entgegenzukommen, so daß immerhin Aussicht besteht, Ausfälle bei der Inlandskundschaft zum Teil durch Erportgeschäfte auszugleichen. Große Anstrengungen, mehr ins Auslandsgeschäft zu kommen, haben zum Beispiel die Schuhmaschinenindustrie und auch das Schuhgewerbe gemacht. Für die Schuhmaschinenindustrie besteht auch Hoffnung auf Auslandsabsaz auf Grund der endlich in Fluß gekommenen wirts schaftstechnischen Umstellung der Betriebe. Das Kunstgewerbe zeigt unter anderem im neuen Grassi- Museum neue Porzellanmuster, die viel Anklang finden. Auch auf der Möbelmesse ist gutes Küchenmaterial zu sehen, bei dem Wert auf Einfachheit und Leistungsfähigkeit gelegt worden ist. Sonst haben sich die Aussteller mit dem Herausbringen von Neuheiten stark zurückgehalten. Bluttat im deutschen Osten! Zwei Eisenbahner niedergeschoffen. Königsberg, 27. Auguft. Nach einer Mitteilung der Pressestelle der Reichsbahndirektion wurde in der Nacht zum Sonntag auf dem Reichsbahnhof Tapiau der Reichsbahnafsistent erg von einem unbetannien Täter durch einen Revolverschuß getötet und der Arbeiter Babace schwer verletzt. = Nerg wurde nach der Abfahrt des letzten Zuges von zwei Zivilpersonen auf einen verdächtig aussehenden Menschen im Borraum des Bahnhofs aufmerksam gemacht. Den Anlaß hierzu gab der Umstand, daß am Tage vorher in der Nähe des Kleinbahnhofes Tapiau ein Raubüberfall auf einen Postfchaffner verübt worden war. Nerg forderte den Verdächtigen im Beisein des Bahnhofsarbeiters Babace auf, den Bahnhof zu Derlassen oder sich auszuweisen. Der Aufgeforderte 30g mit den Worten, er werde sich sogleich ausweisen, einen Revolver aus der Tasche und begann auf die Anwesenden zu feuern. Hierbei erhielt erg einen Bauchschuß, an dem er alsbald verbluiete, und Babace einen Lungenfájuß. Die beiden Zivilpersonen liefen davon. Der Täter ist unerkannt entkommen. Der Getötete hinterläßt Frau und Kind. Babace wurde in das Krankenhaus übergeführt. Die Reichsbahnverwaltung hat auf die Ermittlung des Täters eine Belohnung von 1000 Mart ausgefeßt. Der Mord im Schlächterladen. Eine geheimnisvolle Tat. Rupul.SS Eine sehr geheimnisvolle Bluttat ereignete sich am gestrigen| am Tatort erschienen, wurden eingehend vernommen. doch hat nieSonntag in der Blücherstraße 67. Dort wurde die Schwester mand den Täter gesehen. Das Haus war am gestrigen Sonntag des Fleischermeisters Martin Heidud, die 35jährige Witwe verhältnismäßig leer, da die meisten ausgegangen waren. Die BlutMartha Birkner, geb. Heidud, von einem unbekannten tat hatte in der Nachbarschaft große Aufregung hervorgerufen. Auch Täter ermordet. Die Tat wurde ausgeführt, als die Er- der Bruder der Erschlagenen erfuhr von dem Verbrechen erst, als er mordete und ihre Schwägerin allein daheim waren. Trotzdem anch Haus zurückkam. Trotz aller Bernehmungen ist es bisher noch ein Hund in der Wohnung war, gelang es nach Aussage der nicht gelungen, irgendeinen Anhaltspunkt für die Person des Täters Frau Heidud dem Täter, der es angeblich auf einen Diebstahl zu gewinnen. Geraubt ist allem Anfcheine nach nichts. abgesehen hatte, unerkannt zu entkommen. teilungen, die zur Aufklärung dienen können, erbittet die Mord kommissionerneburg- Lissigkeit im 3immer 60 des Der Fleischermeister Heiduck hatte vor mehreren Monaten zum viertenmal geheiratet und versorgte mit seiner 35 Jahre alten Frau Christine allein das Geschäft. Vor drei Wochen fam seine Schwester Martha aus Schlesien zu Besuch. Am gestrigen Sonntag ging Heidud mit seiner sechsjährigen Tochter spazieren, während die beiden Frauen zu Hause blieben. Frau Heiduck legte sich halb angekleidet auf das Bett und schlief ein. Ihre Schwägerin begab sich in das fleine Kontor, um am Fenster eine Postkarte zu schreiben. Die Jalousien im Kontor und im Laden waren heruntergelassen, die Tür zum Laden stand jedoch offen, um Durchzug zu schaffen. Der Hund der Familie befand sich in der Küche. Plötzlich wurde Frau Heiduck dadurch munter, daß der Hund laut tiaffte. Sie stand auf und sah jetzt im Halbdunkel des Ladens einen Mann mit einer Art in der Hand dastehen. Zuerst glaubte fie, ihr Ehemann sei nach Hause gekommen, erkannte dann doch, daß es ein Fremder war. Gleichzeitig hörte fie aus dem Kontor schweres Röcheln und Stöhnen. Entsetzt lief sie auf den Haus flur hinaus und schrie um Hilfe. Ein Schupobeamter, der sich auf feiner Streife befand, eilte durch den Flur in die Wohnung und fand Frau Martha Birkner in einer großen Blutlache besinnungslos da liegen. Von dem Täter war nichts mehr zu sehen. Der Beamte benachrichtigte sofort das 113. Revier, das die Mordkommiffion alarmierte. Frau Birkner wurde unverzüglich nach dem UrbanKrantenhaus gebracht, wo sie aber gegen 9 Uhr ihren Verletzungen erlag. Der ärztliche Befund ergab vorläufig, daß mit der flachen Seite des Beiles drei wuchtige Hiebe gegen den Hinterkopf geführt worden waren. Bei der Untersuchung des Tatortes ergab sich, daß Der erste Schlag von rüdwärts gegen die auf einem fleinen oder am Fenster sigende Frau geführt worden sein muß. Blutspuren zeigen sich sowohl am Fenster als an der Ausgangstür. Die größte ist in der Mitte des feinen Zimmer, wo die Frau zusammengebrochen ist. Abwehrverlegungen an den Händen lassen erkennen, daß zwischen Mörder und Opfer ein heftiger Kampf stattgefunden hat. Frau Heiduck als einzige Tatzeugin wurde auf dem Polizeipräsidium eingehend verhört. Nach ihrer Darstellung muß sich der Täter durch den Vorraum in den Schlächterladen geschlichen, dort ein Beil ergriffen haben und dann in das Kontor gegangen sein. Die Tat muß schon verübt gewesen sein, als Frau Heiduck durch das Bellen des Hundes aufmerksam wurde. Während sie hinaus lief, um Hilfe zu holen, hat der Täter mit einem langstieligen Hacke beil im Schlafzimmer die Buzenscheiben eines Vertikows eingeschlagen, offenbar in der Absicht, etwas zu rauben. Es ist unwahrscheinlich, daß er diesen Raub zuerst versucht haben sollte, da der Raum zu flein ist, als daß die Schlafende ihn nicht hätte gewahr werden sollen. Dann hätte sein Angriff auch zuerst der Frau Heiduck gegolten. Die Hausbewohner und der Polizeibeamte, die zuerst Polizeipräsidiums. Mitder Im Laufe des Vormittags hielten die Beamten der Mard fommission, die Kommissare Werneburg und Liffigkeit, mit den Beamten des Erkennungsdienstes einen Lokaltermin in Schlächterei Heiduck in der Blücherstr. 67 ab. Es ergab sich, daß die Rüchentür von außen verschlossen war, so daß der dort eingesperrte Hund nicht herausgefonnt hätte. Der Täter muß also von dem Vorhandensein des Tieres gewußt und einen Angriff des Hundes ver hindert haben. Durch Bernehmung zahlreicher Personen aus der Nachbarschaft wurde festgestellt, daß Frau Heiduck, die vor ihrer Berheiratung im Gastwirtsgewerbe tätig war, als eine heitere und freundliche Frau bekannt war. Die Nachbarn wollen aber bemerkt haben, daß sie später ein bedrücktes und niedergeschlagenes Wesen zur Schau trug und öfter weinte. Sie führen diese Veränderung auf eheliche 3 erwürfnisse zurüd. Entgegen anders lautenden Darstel lungen und Gerüchten hat die Untersuchung bisher nicht den ge= ringsten Anhaltspunkt für die Täterschaft ergeben. Es ist niemand gesehen worden, der für die Bluttat in Betracht kommen könnte. Mieder Schüsse in der Münzstraße. Eine neue schwere Schießerei, bei dem Schup obeamte von dem Gesindel aus der Mün 3 ffraße arg bedrängt und einer der Angreifer angeschoffen wurde, spielte sich gestern nacht in der Münzstraße ab. Der 28 Jahre alte Gastwirt Erich Leich aus der Kolonies ftraße hatte mit zwei unbekannten Männern eine Bierreise unternommen und geriet vor dem Hause Münzstraße 3 mit seinen Kumpanen in eine Schlägerei. Wie immer in jener Gegend, war bald ein wüst er Haufe um sie versammelt. Polizeibeamte des 7. Reviers, die Ruhe stiften und die Angetrunkenen auf das Revier bringen wollten, wurden von der Menge fofort tätlich angegriffen, an die Hausmauer gedrückt und mit Fäusten und Fußtritten bearbeitet. Auch wurde mit Steinen auf sie geworfen. Da die Gummifnüppel nicht ausreichten, um die Rotte einzuschüchtern, so gaben die Beamten Schrecfchüsse ab. Eine Kugel traf Leich in den Unterleib. Die Menge stob dann ausein ander und riß die beiden Begleiter des Gastwirts mit sich. Leich wurde in das Staatstrantenhaus gebracht. Die an gegriffenen Beamten haben erhebliche Quetsch und Schürfs wunden davongetragen, so daß auch sie sich in ärztliche Bew handlung begeben mußten. Schweres Autounglück in Lichterfelde. Ein Toter, sechs Verletzte. Auf der Chauffee nach Eichterfelde in der Nähe des Restaurants ,, Waldschlößchen" ereignete fidh am Sonntag abend ein folgenschweres Autounglüd, bei dem eine Person getötet wurde und sechs andere schwer verleht ins Krankenhaus gebracht werden mußten. Eine mit sechs Personen besetzte Autodroschke befand sich auf der Fahrt von Lichterfelde nach Steglig. Der Führer des Wagens wurde durch die Scheinwerfer eines aus entgegengesetzter Richtung kommenden Privatautos derart geblendet, daß er jede Sicht verlor, auf den Bürgersteig fuhr und in voller Geschwindigkeit gegen einen Baum prallte. Das Auto wurde völlig zertrümmert, sämtliche Infassen, ein Ehepaar aus Steglitz mit seinen Angehörigen wurden schwer verlegt. Ein junges Mädchen, die 15jährige Gerda Scholz aus Neukölln, die fich auf dem Nachhauseweg befand und im Augenblick des Unglücks die Unfallstelle passierte, wurde von dem Auto überfahren und so schwer verleßt, daß der Tod auf der Stelle eintrat. Die Verunglückten wurden durch Rettungswagen der Feuerwehr in das Binzenz- Krankenhaus in Lichterfelde gebracht, wo sie zum Teil in sehr bedenklichem Zustande danieber liegen. | 100 Auf der Glienicer Chauffee bei Karolinenhof stürzte am Sonntag gegen 18 Uhr der 21jährige Frig Reinide aus der Kaiser- Friedrich- Straße 7 mit seinem Motorrad so unglücklich, daß er mit einem doppelten Schädelbruch fot liegen blieb. Die Leiche des jungen Mannes wurde nach der Spandauer Halle geschafft. In der Medlenburgischen Straße stürzte die 33jährige Frau Frieda Normann, Rottbusser Ufer 25, von einem in voller Fahrt befindlichen Straßenbahnwagen der Linie 91. Die Berunglückte starb auf dem Transport ins Wilmersdorfer Krankenhaus. Drei Tote beim Straßenrennen. Bei dem Radrennen auf der Landstraße um den Straßenpreis von Hessen- Nassau trug sich ein entfehlicher Unfall zu, der drei Menschen das Leben toffefe. Ein die Teilnehmer begleitender Radfahrer kollidierte mit einem Motorradfahrer unweit von Oppenheim. Bei dem heftigen Zusammenfloß wurden der Radfahrer sowie der Führer des Motorrades und sein Begleiter, der auf dem Soziusfih saß, getötet. Die drei Verunglückten hatten sämtlich schwere Schädelbrüche erlitten. Ein Gegner der Todesstrafe.dftrafrechts ein. In den letzten Jahren wandte er Prof. Liepmann Hamburg gestorben. Aufmerksamkeit den Problemen des Straf vollzugs zu. Er reiste nach Amerika, um die dortigen Gefängnisse und Erziehungsanstalten zu studieren; ein außerordentlich In Hamburg ist der bekannte Strafrechtslehrer Prof. Dr. Liep- wertvolles Buch, das auch für Deutschland vielfache Anregung bot, mann plötzlich gestorben. Mit Prof. Liepmann ist ein Mann gestorben, der nicht nur einer der hervorragendsten Gelehrten auf dem Gebiete des deutschen Strafrechtes war, sondern auch einer der ganz wenigen deutschen Universitätsprofessoren, die den Mut aufbringen, über ihr Fach hinaus im Sinne des Fortschritts und der Menschlich feit das Wort zu nehmen. Diese fortschrittliche Einstellung ergab sich bei Liepmann nicht etwa erst nach der Revolution. Schon vor dem Kriege galt sein Kampf vor allem der Todes ftrafe; mit seinem 1912 erschienenen umfassenden Gutachten über die Frage der Beibehaltung oder Abschaffung der Todesstrafe hat er das noch heute maßgebliche wertvoüste Wert gegen dieses Ueberbleibsel mittelalterlicher Rachejustiz geschaffen. Diesen Kampf hat er unermüdlich fortgesetzt, zuletzt noch im vorigen Jahre auf der Karlsruher Tagung der deutschen Landesgruppe der Internationalen Kriminalistischen Bereinigung. Aber auch in anderen Fragen erwies fich die im besten Sinne demokratische Geisteshaltung des Hamburger Gelehrten. Ob es sich um die Reichsverfassung, um den Friedensvertrag oder um die Stellung Deutschlands zum Völterbund handelte, immer fand man Prof. Liepmann auf der Seite des Fortschritts. Schon 1908 trat er für großzügige Reform des Jugendschußes und des war die Frucht dieser Studien. Ganz besonderes Aufsehen erregte dann vor etwa einem halben Jahre sein Rechtsgutachten über die Kommunistenprozeffe des Reichsgerichts, das weit über das gestellte Thema hinaus eine schlechthin vernichtende Abrechnung mit der politischen Rechta sprechung des Reichsgerichts darstellt. Wohl noch keiner hatte die rechtlich einfach unhaltbare Praris des höchsten deutschen Gerichts, besonders seines IV. Senates so rückhalilos verurteilt, wie dieser Professor des Strafrechts, der zugleich selbst Richter am Hamburger Landgericht war und dessen Worte nicht überhört werden tonnten. So reißt der unerwartete Tod des hervorragenden Gelehrten, der im nächsten Jahre erst das 60. Lebensjahr vollendet hätte, eine schmerzliche Lücke in die Reihen derer, die für eine Umgestaltung des deutschen Strafrechts und Strafvollzugs fämpfen. Vor allem aber wird seine Kraft im kommenden Schlußkampf um die Todesstrafe oftmals vermißt werden. Wenn einmal hier der Sieg erstritten ist, dann wird man sich besonders auch des Mannes erinnern, der als einer der ersten das wissenschaftliche Rüstzeug für unseren Kampf schuf, und dem auch die sozialistische Arbeiterschaft, obwohl er nicht in ihren Reihen stand, ein ehrendes Andenken bewahren wird. Der alte Buchhalter erzählt. Vom„Giegeszug" der Maschine. Seinen St). Geburtstag feierte er noch als angesehener Angestellter einer Großfirma. Er hatte Zusammenbruch und Deflation gut überstanden, das heißt, war nicht abgebaut, nicht auf die Straße geworfen worden, aber dann kam ein kleines, harmloses Maschinchen von Amerika herüber, und dann wurde er überflüssig. Er repräsentiert eine verschwindende Berufsgeneration, eine, der wir morgen vielleicht schon in der Literatur häufiger begegnen als im täglichen Leben. Er ist der Typ des Buchhalters alten Stils. Jener Typ, der schönste Handschrift, pedantische Genauigkeit, sauberstes Arbeiten in sich als seine Haupteigenschaften vereinigt. Der täglich früh umständlich seine Bleistifte spitzt, die Federn nach- steht, den Löscher aufzieht: der noch Punkte mit mathematischer Genauigkeit auf die Eins fetzt und stets zur selben Stunde und Minute sein Butterbrot verspeist. Jener Typ, der mit einer Hin- gebung die Knotcnköpfe übermalt, als würden die Bücher Welten überdauern, der verstohlen meisterhafte Radierungen vornimmt, falls sich ein unheilvoller Klecks gehässig aufs Papier fetzt, der Stunden die längsten Zahlenfpalten addiert, ohne jemals zu irren, der jedes Buch liebt wie sein Kind und ihm das eigene Gesicht hineinschreibt, der nie schneller, nie langsamer arbeitet, sondern immer in der gleichen, ruhigen Manier, der nie vergißt, im Sommer die Jalousien herunterzulassen und im Winter am Thermometer den vorschrifts- mäßigen Wärmegrad nachzuprüfen. Di« kaufmännische Arbeit blieb lange Zeit die Oase inmitten eines längst mechanisierten Betriebes. Bor dem Bureau stand die Maschine eine Weile still. Sie überlegte, verschnaufte von ihrem Triumphzug, verdaute, was sie bisher mit ihrem Räder- und Motorenwerk durchdrang. Da verschwand das wichtigste Utensil: die schwarze Kopierpreste. Es klapperte plötzlich frech und anmaßend in die schier feierliche Stille hinein, unbekümmert der zahlreichen Verwünschungen, die man dem Ruhestörer ärgerlich zuwarf. Die Schreibmaschine war da. Geräuschvoll eroberte sie sich die Bureaus, verschaffte auch bald ihren Geschwistern Eingang. Heute mischt sich in das Geklapper der Schreibmaschine das monotone Surren eines elektrischen Motors, der die Rechenmaschine treibt. Schließt man für Sekunden die Augen, so könnte man ganz gut annehmen, in irgendeiner Werk- stätte zu weilen, statt in einem Kontor. Rur in einer Abteilung war trotz allen technischen Neuerungen die Moschine verpönt: in der Buchhaltung. Bis gestern abends. Da regierte noch unumschränkt die Tinte, die Handschrift, das Buch. Die riesigen, dickleibigen Bücher, jedem Laien so unerhört viel Respekt einflößend: auf sie konnte keine Schreibmaschine ihre ertötend gleichen Schriftzeichen setzen. Sie waren nur der Feder des Buchhalters ge- fllgig und dieser wiederum verschanzte sich, jede Neuerung ver- dämmend, hinter ihre gewichtige Behäbigkeit. 4- ,Ms wir erstmals von einer maschinellen Buchhaltung hörten, haben wir alle gelacht. Wir konnten uns gar nicht vorstellen, wie man unsere Arbeit mechanisieren könne." Bis die angekündigt« Maschine kam. Heute krempelt dieses tech- nische Wunderwerk die ganze Buchhaltung von Grund auf um. Es ist an sich ganz unscheinbar, gleich einer Schreibmaschine, nur daß die Tasten nicht auf die übliche Gummirolle, sondern nach unten auf- schlagen. Aber diese Teufelsmaschine schreibt, rechnet, zeigt die End- summen an, stoppt— schlägt der Schreiber fehl—, ist zugleich Grundbuch, Kontokarte, Mahnkarte, alles. Di« Kontokorrentbuchhalter werden durch sie überflüssig: auch die Journalführer. Ein Anschlag auf die Tasten und die Buchung steht gleich auf allen gewünschten Kartothekblättern. Di« ganze Arbeit macht ein junger Mann, der die Maschin« bedient, und ein kleines Mädchen, das die Karten einlegt. Die Stehpulte und die hohen Drehstühle verwaisen. Die Ruhe verftilegt. Das Geratter der Buchhaltungsmaschine ist der Taktschlag des neuen Tempos. Die dicken Folianten verlieren ihre Würde und werden respektlos im muffigen Schrank verstaut. Was«Hedem tagelang peinlich und aufmerksam in die Bücher geschrieben wurde, erledigt heute die Maschine in wenigen Stunden. „Bon den älteren Kollegen, die mit mir arbeiteten, sind noch drei in der Firma. Wir andern wurden alle nacheinander abgebaut. Und jetzt will uns niemand mehr nehmen."„Warum?" fügt er bitter hinzu,„weil wir eben für die heutige Zeit schon zu alt sind — mit fünfzig Jahren." Wilhelm Xristl. „Kämpfer für deutsche Freiheit" Wofür man eine völkische Belohnung erhält. Die Bölkische Freiheitspartei ist jetzt mit einer aparten Neue- rung auf dem Gebiete des Patriotismus herausgekommen. Sie verteilt Metallnadeln mit dem sinnigen Aufdruck„Dem Kämpfer für deutsche Freiheit" und bescheinigt es diesen Kämpfern außerdem noch schriftlich auf einer mit den Bildnissen völkischer Führer versehenen und dadurch allerdings leicht entwerteten Ur- künde, daß sie sich mit Recht jenen Ehrentitel zulegen können. Fragt sich nur, was zu tun ist, um in den Besitz einer solchen Ur- künde und einer solchen Nadel zu gelangen. Und da muß gesagt werden: Es ist wahrlich nichts Geringes, was der deutsche Frei- heitskämpfer geleistet haben muß, ehe man ihm beglaubigt, daß er tatsächlich einer ist. Mochte es in früheren Jahren genügen, .«inen Republikaner niedergeknallt, oder, in dunklem Forst, die gol- dene Uhr eines gefehmten Kameraden in Verwahrung genommen zu haben, um Anspruch auf ehrende Auszeichnung erheben zu können: die Völkischen sind heutigentags nicht länger in der Lage, in jenen nicht mehr ungewöhnlichen und ein bißchen altmodisch gewordenen Dingen eine besonders stark betonte vaterländisch« Tatkraft zu erblicken. Kurzum: als Kämpfer für deutsche Freiheit soll künftighin nur anerkannt werden, wer dem„Deutschen Tage- blatt" mindestens 10 neue Bezieher wirbt. Wer möchte verkennen, daß Todesverachtung und fast über- menschliche Selbstüberwindung zu solchem tollkühnen Unterfangen Illustrierte Zitate. Wenn solche Köpfe feiern, Welch' ein Verlust für meinen Staat. (Schiller: Don Carlos) gehören? Es ist schon nicht ganz leicht, den Namen Wulle oder Graefe dem Mund entspringen zu lasten, ohne fröhlichem Gelächter einer in Erheiterung versetzten Umwelt zu begegnen. Naht man sich dieser Umwelt gar mit der Aufforderung, völkische Let- türe zu bevorzugen, so liegt zweifellos das Tatbestandsmerkmal eines überaus merkwürdigen geistigen Eigenlebens vor. Groß wie der Einsatz ist, den der Werber riskiert, muß demnach auch seine Chance sein. Mag die Werbung neuer Abonnenten bei anderen Parteien nur eine einfache parteigenössische Pflicht bedeuten: der völkische Werber steht turmhoch über allen anderen seinesgleichen, «r ist«in Märtyrer, und metallene Nadel samt Urkunde mögen noch seinen Kindeskindern ein beredtes Zeugnis dafür ab- legen, wie ihr Vorfahr um seines Kämpfertums für deutsche Frei- heit willen nicht einmal davor zurückscheute, im Wege der frei- willigen Abonnentenwerbung seine geistigen Defekte vor der Mit- weit zu enthüllen. Besuch in Haldanes Grab. Llm sich zu überzeugen, ob er tot ist. Das Grab des Lord Haldane, der letzthin beigesetzt wurde, ist in der Nacht darauf geöffnet worden. Die Untersuchung er- gab, daß versucht wurde, denDeckelzuheben. Es wurde ein Mann verhaftet, der sich als S pi r i t i st bezeichnet und nicht an den Tod Haldanes glauben will. Er hatte schon am Tage des Begrab- yisses selbst versucht, den Leichenzug aufzuhalten. Kaiser gegen Kommunismus. Stammt der Mikado vom Sonnengott ab? Tokio, im August. Eine kaiserliche Verordnung bedroht alle, die eine gewalt- same Aenderung der Verfassung versuchen, mit der H i n r i ch- tung. Die kommunistischen Gewerkschaften betrachten dieses Aus- nahmegesetz als gegen ihre Bewegung gerichtet, protestieren dagegen und fordern zum Widerstand auf. Indessen scheint man nicht mehr die Klassen- und Besitzordnung. sondern vor allem das Gottesgnadentum stärker schützen zu wollen. Kaum hat nämlich die Polizei die Zensur für Verösfent- lichung von Einzelheiten über die Verhaftung von 380 Personen ausgehoben, wird bekannt, daß es sich um Propaganda gegen das Kaiserhaus handelt. Träger der Bewegung sind die neue und verbotene Sekte Tenri Kenjyukai. Sie ist ein Zweig der T e n r i k y o, die mit dem Shintoismus-Glauben zusammenhängt. Tausende Mitglieder dieser Sekte haben Flugblätter im Lande verbreitet, die die Abstammung des Kaiserhauses von der Sonnengottheit bestreiten. Die Anhänger der Sekte gehören zum großen Teil der ländlichen Bevölkerung an. Sofort nach Aushebung der Zensur verössentlichten die Zeitungen in Tokio die Vorgänge durch Extrablätter. Peking. 25. August. Die Polizei hat in Kanton neue Haussuchungen bei komm»- nistischVerdächtigen vorgenommen. Literatur in chinesischer pnd englischer Sprache ist beschlagnahmt worden, die für Errichtung Lines Sowjetstaates Kanton Propaganda macht. 28 Personen sind verhaftet und dem So»dmck und Zylinder, Frauen und Kinder in hellen, duftigen Kleidern, durchströmen Straßen und Plätze. Mit Musik und wehenden Fahnen ziehen sie ein. die Sänger von Zehlendors, Wannsee, Teltow, Spandau, Wcdding und noch viele Bruderoereine vom Gau Berlin des Deutschen Arbeiter- sängerbundes. Abordnungen der Arbeiterjugend, des Reichsbanners, Turn- und Radfahrvereine und eine große Zahl von Gästen aus allen Bezirken der Stadt— Zehlendors war natürlich vollzählig zur Stelle— gaben dem Zug das Geleit. Am Vormittag wurden zwei Platzkonzertc abgehalten, dann folgte ein Festzug durch die Stadt, und am Nachmittag traf man sich im eigentlichen Fesllokal. Hier wurde, zur Feier des 25jährigcn Bestehens des Bolkschors Zehlendorf, das neue Banner eingeweiht. Nach dem Festakt sangen Männerchöre mit schöner Begeisterung „Ich warte Dein" und„Du fernes Land". Im„Weckruf" und „Freiheitsmai" vereinigten sich dann alle Stimmen zu einem präch- tigen, volltönenden Akkord, lieber all die Festesfreude spannte ein strahlender Sommcrhimmcl sein leuchtendes Tuch. Das schuf Freude und Frohsinn bei jung und alt. Man tanzte und lachte und blieb bis zum späten Abend vergnügt beisammen. Im fröhlichen Fackel- zug ging's dann heimwärts, und morgen tritt der Alltag mit all seiner Schwere wieder in seine Rechte. Aber ein paar frohe Stun- den, getragen vom freudigen Bewußtsein erhöhten Menschentums, lassen ihn um vieles leichter erscheinen. Krauenabende der Sozialdemokratischen Partei. 18. Abt. bei Müller, Uferstr. 12, um 8 Uhr. Thema: Neue Menschen. Ref.: Genossin Rewald.— 22. Abt. bei Radzey, Brüsseler Straße 42, um 8 Uhr. Thema: Oesterreichische Studien und Lehren. Ref.: Genosse Raible.— 26. Abt. bei Heiles, Prenzlauer Alle« 239, um 8 Uhr: Heitcr«r Abend. Ref.: Hans Kamm.— 36. Abt. bei Busch, Tilsiter Straße 27, um 8 Uhr: Heiterer Abend. Ref.: G. Bar- tels.— 42. Abt. bei Höhlte, Bergniannstr. 69, um 8 Uhr. Thema: Frauenkrankheiten und Geburtenregelung. Ref.: Dr. Franz Waluga. 43. Abt. bei Wols, Gräfestr. 26, um 8 Uhr: Heiterer Abend. Res.: Puggi Muck.— 44. Abt. bei Ewald, Skalitzer Straße 126: Reuter- Abend. Ref.: Artur Rachow.— 53. Abt. Charlottenburg, bei Hei- Niger, 5)uttenstr. 34. Thema: Die Stellung der Frau im heutigen Wirtschaftsleben. Ref.: Iudrian.— 91. Abt. Neukölln bei Lllddeckc, Fontane- Ecke Karlsgartenstr. Thema: Bebels Leben. Ref.: Dr. Max Schütte.— 191. Abt. Treptow, bei Janke, Kiesholzstr. 21. Thema: Wir Frauen und unserer Kinder Zukunft. Ref.: Genosse Kunstmann. Verantwortlich für die Redaktion: Enncn Praqer, Verlin: Anzeigen: Td. Glocke, Berlin. Verlag: Vorwärts Verlag G. m. b. H., Berlin. Druck: Vorwärts Buch- druckerei und Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin EW SS, Lintenstraße 3. Licrzn 1 Beilage. ünlernehrnen der Gewerkschaften '''j/'S'""""",. Ohne Anzahlung Worhenrare 3." MK. Mohatsrcite 12.- MR. h beziehen durc�sämtliche freigewerk- sihaftlichen Organisationen od. direkldurch iNDLAR-IAHRRADWERK '.■■ ßerim- LicHtenrode Erste Niederlage: Berlin SW, Oranienstraße 127 Zweite Niederlage: Berlin NO, Gr. 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