Morgenausgabe Rr. 467 A 237 45.Jahrgang Böchernich 851. monatlich 3,60 x noraus jahlbar, Boftbezug 4,32 inil. Beftellgeld, Auslandsabonne ment 6,-. pro Monat. Der Bermarts ericheint medhentag fich zweimal, Sonntags und Montags einmal, ble Abenbausgaben für Berlin und im Handel mit dem Titel Der benb", Juftrierte Beilagen Belf and Zeit und Kinderfreund". Ferner Unterhaltung und Bissen". Frauen. timme". Technif", Blid in bie Bücherwelt" und Jugend- Berwärts Vorwärts Berliner Boltsblatt Mittwoch 3. Oftober 1928 Groß- Berlin 10 Pf. Auswärts 15 Pf. Die einipattige Ronpareillezetle 80 Pfennig. Reflame eile 3.- Reichs mart. Aleine Anzeigen das lettge brudte Bort 25 Pfennig( gulässig zwe rettgebrudte Morte), jedes weitere Bort 12 Bfennig. Stelengesuche das erste Wort 15 Pfennig, jedes weitere Bort 10 Pfennig. Borte über 15 Buchstaben zählen für zwei Borte. Arbeitsmarkt Beile 60 Pfennig. Famillenanzeigen für Abonnenten Zeile 40 Pfennig. Anzeigen. annahme im Hauptgeschäft Linben Straße 3, wochentägl, von 8 bis 17 Uhr, Bentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Rebattion und Verlag: Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Bernsprecher: Dönboff 292-297 Telegramm- Adr.: Sozialdemokrat Berlin Vorwärts- Verlag G. m. b. H. Die Kritif an Genf. Deutschnationale Demagogie. Von Rudolf Breitscheid. Genf, 1. Oktober. Die Deutschnationalen haben seit Wochen wieder die Boltsseele tochen laffen. Alles, was hier in Genf geschehen ift, war falsch, widersprach den deutschen Interessen und der deutschen Ehre und mußte als weiterer Beweis für die nationale Unzuverlässigkeit eines jeden Kabinetts dienen, an dem die Anhänger des Grafen Westarp nicht beteiligt sind. Briand hat uns beleidigt, und wir sind nicht nur nicht abgereift, fondern haben auch nicht einmal die entsprechende männ liche" Antwort gefunden. Die Rheinlande sind nicht befreit, und wir haben uns im Prinzip zu Verhandlungen über die Reparationen bereit erklärt, ja wir haben unser Einverständnis ausgesprochen, daß über die französische Forderung nach Einfegung einer Kontrollkommission diskutiert wird. Bei ber Behandlung des Entwaffnungsproblems ist die deutsche Auf faffung, die natürlich viel zu schlapp vorgetragen wurde, nicht durchgedrungen, und wir haben daraufhin nicht alles furz und klein geschlagen und sind davor zurückgeschreckt, den alsbaldigen Beginn der deutschen Ausrüstung anzufündigen. Daß außerdem Angehörige der Linksparteien und insbesondere das sozialdemokratische Mitglied der Dele gation durch Besprechungen mit Bertretern des Feind bundes" ein bißchen Landesverrat geübt und dem deutschen Bolt wieder einmal den berühmten Dolchftoß versetzt haben, versteht sich am Rande. 3weifellos werden alle diese Antlagen im Auswärtigen Ausschuß wiederholt merden. Aber, um es gleich zu sagen: mir brauchen fie nicht zu tragis zu nehmen. Hinter all diesem Geschrei und Getue stehen in Wirklichkeit, was die Drahtzieher angeht, nur immer politische Abfichten, und die Mitläufer machen mit, weil sie entweder überhaupt nicht wissen, worum es geht, oder weil sie sich in nölliger Unfenntnis parüber befinden, was in Genf möglich ist. 1 Boftschedkonto: Berlin 37 536. Bankkonto: Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten Wallstr. 65. Distonto- Gesellschaft, Depofitentasse Lindenstr. 8 Der Arbeitertag bedingt erlaubt. Falls Einigung mit der Heimwehr erfolgt. Wien, 2. Oftober.( Eigenbericht.) Der Sozialdemokratischen Partei wurde am Dienstag vom Candeshauptmann Burefch mitgeteilt, daß das Verbot des Arbeitertages in wiener- Neustadt aufgehoben werde; die hieran geknüpfte Bedingung besteht darin, daß eine Demartationslinie in der Richtung des Wiener- Neustädter fanals zwischen beiden Parteien vereinbart und garantiert werde. Außerdem follen am Mittwoch die staatlichen Behörden mit dem Wiener- Neustädter Magistrat über die Abgrenzung der Beranstaltungen beftimmte Dereinbarungen treffen, die eine reibungslose Durchführung der beiden kundgebungen ermöglichen. Die Regierung hat also das Berbot der sozialdemokratischen kundgebung aufgehoben; fie fteht aber nach wie vor im Begriff, den Wünschen der Heimwehren in jeder Beziehung Rechnung zu tragen. Der Wiener- Neustädter kanal, der als Demartationslinie gedacht ist, ist doch schon seit Jahren zugeschüttet. Es handelt sich also nur um eine fittive Demarkationslinie, die an dem noch umstrittenen Hauptplah vorbeiläuft. Die Kundgebung der Heimwehr dürfte danach bis an den Hauptplah reichen. Was mit dem Hauptplah felbft geschehen wird, soll in den Befprechungen festgelegt werden. Der Plan des Candeshauptmanns ift also nicht eine Lösung der frifischen Situation, sondern stellt lediglich den ursprünglichen Zustand wieder her. Dom Bayerische Polizei für die Seipelregierung. München, 2. Oftober.( Eigenbericht.) Am Dienstag find nach der Meldung eines hiesigen Blattes Berladebahnhof München- Laim 500 triegsmarsch= mäßig ausgerüstete Landespolizisten an bie österreichische Grenze abgerollt, wo sie für den 7. Oktober der österreichischen Regierung zur Ver fügung stehen sollen. Mit dem gleichen Ziel sollen auch in anderen bayerischen Städten Kontingente grüner Polizei verladen worden sein. Das bayerische Innenministerium gibt den Abtransport von Bolizeimannschaften zu, bestreitet aber, daß das irgend etwas mit den in Wiener- Neustadt geplanten Kundgebungen zu tun habe. 3wed des Transportes sei lediglich die alljährliche Felddienstibung der Landespolizei, die dieses Jahr in der Miesbacher Gegend, allerdings unweit von der Tiroler Grenze, abgehalten werde. Labour für Abrüftung und Räumung Auftakt des Parteitages in Birmingham. Birmingham, 2. Oftober.( Eigenbericht.) Dem Parteitag der Arbeiterpartei liegt eine von der Exekutive unterbreitete Resolution zur auswärtigen Politik vor, die dem kongreß von dem Führer der Partei Ramsay Macdonald zur Annahme empfohlen werden wird. Die Partei stellt darin mit tiefer Enttäuschung fest, daß die Aechtung des Krieges von vielen Regierungen mit Borbehalten begleitet worden wäre, als ob der Patt selbst, das Böllerbundsstatut und das Locarno- Abkommen überhaupt nichts zur Sicherheit der Welt beigetragen hätten. Ein groß Teil der Verantwortung für die gegenwärtigen Schwierigfeiten treffe die britische Regierung, die 1. einen so wichtigen plan für die Organisierung des Weltfriedens wie den Genfer Patt fallen gelassen habe, 2. die Bedeutung des Kellogg- Pattes durch ihre Vorbehalte verringert habe, 3. sich geweigert Lassen wir noch einmal furz die Tatsachen sprechen. Das beutsche Auswärtige Amt hatte vor ein paar Monaten verfchiedenen Regierungen mitgeteilt, daß man gelegentlich der Bälterbundsversammlung über die Rheinlandräumung reden wolle. Gab es nur irgend jemanden, der sich einbilden fonnte, wir würden aus Genf mit der festen Zusage des fofortigen Abzuges der Befagungstruppen zurückkehren? Der deutsche Reichstanzler hat sowohl in Einzelbesprechungen wie in den Beratungen der sechs, die Rheinlandbefreiung sowohl unter Berufung auf unseren Rechtsstandpunkt, sowie unter Hinweis auf durch die politische Situation gegebenen Not mendigkeiten gefordert. Kein denkender Mensch konnte so naiv sein, zu glauben, daß die Gegenseite sich ohne wei teres unseren Ansichten anpassen und unserem Anspruch fügen werde. Wir wußten im Gegenteil seit langem, daß fie die Räumung zum mindeſten mit der endgültigen Rezeichnen, 4. gelung der Reparationsfrage und gewiffen deutschen Bor: leistungen verknüpfen werde. Hier standen sich eben zwei verschiedene Konzeptionen gegenüber. Nun gab es zwei Möglichkeiten. Entweder mir ver ließen nach der Ablehnung der sofortigen Gesamträumung den Beratungstisch oder wir fanden uns zu einer Fortfegung der Berhandlungen auf einer breiteren Bafis bereit. Im ersten Fall wäre zweifellos, Klarheit" geschaffen worden. Aber diese Klarheit hätte unsere auswärtige Bolitik zu beſtimmten Ronsequenzen verpflichtet. Sie hätte den Weg des Versuches einer Berständigung mit den West mächten verlassen und andere Bahnen einschlagen müssen. Aber wo waren die neuen Bahnen zu finden, und menn fie gefunden worden wären, würden die befetzten Gebiete von ihrem Betreten irgendwelche Vorteile gehabt haben? Es war ja nicht allein Frankreich, das nein sagte, sondern England, Italien und die anderen bes fanden und befinden sich mit ihm in voller Uebereinstimmung. Irgendwann hätte Deutschland doch auf die ursprüngliche Straße zurüdtehren müffen, und im besten Fall wäre dann Diel tostbare Zeit verloren gewesen. Vielleicht ist ein Teil der Erregung darauf zurückzuführen, daß fich das Auswärtige Amt zunächst auf einem 8u ftarren Geleise bewegte. Seine Formeln, die ja auch der Deffentlichkeit bekannt wurden, waren etwas zu unelastisch, und als man nun etwas beweglicher murde, war das deutsche Bolt auf diese Wendung nicht recht vorbereitet. Der Grundsatz war aufgestellt worden, daß die Räumungsfrage mit teiner anderen Angelegenheit. auch nicht mit der der Reparationen verbunden werden dürfe. Aber da man geneigt war, parallelen" Besprechungen über die finanziellen Wünsche der Franzosen zuzustimmen, ergaben fich Schwierigteiten für die Formulierung, die in Deutschland, wo man noch dazu in weiten Kreisen fein genügendes Verständnis für die absolute Notwendigkeit der Reparationsregelung befigt, nicht ohne weiteres verstanden wurde. Es hat sich eben herausgestellt, daß man zu Ron ferenzen, bie noch dazu in Genf unter dem Scheinwerfer der gesamten internationalen Bresse stattfinden, nicht mit einer habe, die allgemeine Schiedsgerichtstlaufel zu unterzeichnen, 4. durch ihre Weigerung, die Rüftungsausgaben in Großbritannien zu verringern, den gegenwärtigen Stillstand in den Abrüftungsverhandlungen herbeigeführt habe, 5. die Genfer Seeabrüftungskonferenz durch ihre Forderung, 70 Kreuzer bauen zu dürfen, zum Scheitern verurteilt habe. Der Kongreß fordert die Regierung auf, den von der Böllerbundsversammlung angenommenen allgemeinen Schiedsgerichtspakt ohne jegliche Einfchränkungen anzunehmen. Die Entschließung erklärt hierauf, die bestehenden Verhältnisse rechtfertigten eine jofortige energische Herablegung aller Arten von Bewaffnung, wobei betont wird, daß ein Abrüftungsvertrag unwirksam fein würde, falls die ausgebildeten Reserven ausgeschlossen werden würden. Gastrieg und Verwendung durchaus gebundenen und der Deffentlichkeit vorher bekannt gegebenen Marshroute gehen darf. Die Unterhändler müssen eine gewisse Beweglichkeit befizen, wenn sie nicht sehr bald auf einem toten Bunft enden wollen. Erfreulicherweise haben sie hier diese Beweglichkeit gefunden, ohne daß sie von dem grundsäglichen deutschen Standpunkt etwas aufgegeben hätten, und sie verdienen nicht im geringsten die Borwürfe, die von den patentierten Hütern der deutschen Ehre gegen sie erhoben werden. Aber nun die Kontrollfommission". Erstens einmal haben auch die Franzofen an teine militärische Rommiffion gedacht, sondern ihre Idee ging dahin, ein Kollegium aus 3ivilpersonen unter zuziehung eines deutschen Bertreters zu schaffen, das von Fall zu Fall zusammentreten solle, um etwaige Berstöße gegen den Lo carnopatt zu fonstatieren und gleichzeitig als erste Ausvor Anrufung des Böllerbundsrats gleichsinstanz wirksam zu werden. Der Streit ging um die Existenzdauer dieser Kommission. Die deutschen Bertreter hielten an der Grenze von 1935 feft, die Gegenseite wollte diese Befristung nicht gelten laffen. Es gab private Besprechungen, in denen theoretisch die Frage der weiseitigteit einer folchen Rommiffion von längerer Dauer erörtert wurde, das heißt, daß man sich darüber unterhielt, ob es denkbar fei, nicht nur bie entmilitarisierte Zone in Deutschland, sondern auch ent von giftigen Batterien im Kriege müßten völlig verboten werden. Es wird des ferneren im Hinblick auf die Gerüchte über neue geheime Abkommen erklärt, daß eine Arbeiterregierung bei Uebernahme ihres Amtes alle etwaigen geheimen Abkommen veröffentlichen und ihre weitere Wirksamkeit von einer Parlamentsentscheidung abhängig machen werde. Die Resolution schließt mit einer Forderung der fofortigen und be. dingungslosen Zurückziehung aller ausländischen Truppen aus dem Rheinland. Die außenpolitische Debatte. Birmingham, 2. Oftober.( Eigenbericht.) Der Parteitag der Arbeiterpartei hatte am Dienstag eine große außenpolitische Aussprache. Dabei kam allgemein die Besorgnis über Ausnahme die Hauptschuld für die eingetretene Verschlechterung der die internationale Lage zum Ausdruck, wobei sämtliche Redner ohne internationalen Lage der gegenwärtigen konservativen Regierung Englands zuschoben. In der Rede, mit der Macdonald die Annahme der vorliegenden Resolution empfahl, betonte er, daß die von den ehemaligen Alliierten seit 1924 gewählten Methoden zur Herbeiführung der Abrüstung auf einem fundamentalen Mißverständnis der Notwendigkeiten der Situation beruhen. Jeder Staat gehe bei den Genfer Verhandlungen von der Annahme aus, daß ein Krieg ausbrechen werde und sei lediglich bereit, nach einem Schlüffel abzurüften, der ihm seine militärische Stärke im Verhältnis zu den anderen weiter sichere. Ein Ausweg aus dieſem [ prechende Gebiete in Frankreich und Belgien zu fontrollieren. Es wurde auch darüber diskutiert, ob ein derartiger Ausschuß nicht etwa für alle zwischen den in Betracht kommenden Staaten strittigen Fragen für zuDiese Unterhaltungen ständig erklärt werden könne. waren es, die den Anlaß zu dem Geschrei über den Landesverrat der Sozialisten und anderer vaterlandslofer Elemente bildeten! Schließlich ist in das Kommuniqué der Satz aufgenommen worden, daß man prinzipiell die Angelegen heit für erwägenswert halte, aber wiederum wurde der deutsche Standpunkt in feiner Weise preisgegeben. Bestehen bleibt also, daß zum erstenmal die Gegenseite die frühere Rheinlandräumung offiziell als disfussionsfähig anerkannt hat und daß die Tore zu dieser Disfussion geöffnet sind. Wir fragen: Haben die Deutschnationalen, als fie in der Regierung waren, und haben fie, als im vorigen Jahr der Abgeordnete Hoeßsch der deutschen Delegation angehörte, einen ähnlichen Erfolg aufzuweisen gehabt? Sie wissen sehr wohl, daß dem nicht so ist. Sie wissen vielleicht auch, daß Bertreter der Westmächte ihre größere Berhandlungsbereitschaft ausdrücklich mit dem Ausfall der legten deutschen Wahlen begründet haben. Ihre Kritit ist Demagogie, und hinter ihren Anflagen verbirgt sich der Wunsch, die eigene Erfolglofigteit in Bergessenheit zu bringen. tkügerischtN Zirkel fei nur möglich, wem, ein Stciai mit einem neuen Ausblick die Abrüstung in Genf anschneide. Schärfste Kritik an der Außenpolitik. Im«eiteren Verlauf des Parteitages kritisierte Sir L s- «ald Moaleq namens des Porteioarstandes die Haltung der Regierung, die in Genf die Aussicht auf«ine Wcltabrüstunz zerstört habe. Ein von der Gewerkschaft der Schneider vorgeschickter, stark kommunistisch orientierter Redner machte dann den aussichtslosen Dersuch. eine Ersetzung der Resolution der Exekutive durch die Thesen des russischen Abrüstnngsvorschlagcs durchzusetzen. Mit den Reden des Dölkerrechtvlehrers Profeffor Baker, des Marinefachmannes Äommander Äenworthy und des ehemaligen liberalen Ministers und jetzigen Unterhausmitgliedes der Arbeiter- partei Wedgwood Leun erreichte die Diskussion schließlich«in gang ungewöhnlich hohes Niveau. Sämtliche Redner'egten den Schwerpunkt der Kritik auf das versagen der britisä)«, Autzenpolitik in Genf. Ben» tadelt« die Regierung, daß sie die stupidesten Mit- glieder des Kabinetts alz Vertreter Großbritanniens nach Genf entsende. Baker wies nach, wie die Haltung der Briten in Genf das Prestige Englands im Ausland aufs schwerste geschädigt Hab«. Keiuoorthy ging auf die A e g y p t e n p o l I t i k ein und stellt« unter stärkstem Beifall des Parteitages fest, daß Großbritannien zu feig sei, offen vorzugehen und daher die verächtliche Politik in Aegypten betreibe, eingeborene Verräter an ihrem Volk in den Dienst zu stellen. Der Parteitag verabschiedete dann einmütig die— oben wiedergegeben«— Resolution, die jede zukünftige Arbeiter- reglerung u. a. verpflichtet, sämtliche Geheimabkommen sofort nach Regierungsantritt zu veröffentlichen und die sofortige Räu« mung des Rheinlandes von fremden Truppe» einzutreten. Abschluß der Reichsbannertagung. Abstimmungen.— Satzungsänderung.— Ehrung Hörflngs. Volkspartei gegen Stahlhelm. Austritt der Abgeordaeten der Volkspartei. Die«Nationalliberale Correfpondenz", der parlamentarische Pressedienst der Deutschen Dolkspartei, meldet: „Der Bor st and der Reichstagsfraktion der Deut- jchen Dolkspartei hat sich in Anwesenheit von Mitgliedern der Fraktion, die auch dem Stahlhelm angehären, eingeheich mit den letzten Vorgängen im Stahlhelm und insbesondere mit feinen letzten Kundgebungen beschäftigt. Die Anwesenden sind einstimmig zu folgender Auffassung gelangt: Die Deutschs Volkspartei hat seither die überparteilichen Bestrebungen des Stahl- Helms mit Sympathie oerfolgt, und«s begrüßt, daß auch ihre Mit- glieder sich an diesen Bestrebungen beteiligten. Mit den neuerlichen Vorgängen hat sich der Stahlhelm indes auf das Gebiet einer von feiner früheren Zielsetzung abweichenden politischen Betätigung de- geben. Mit Rücksicht auf die sich hieraus mit Notwendigkeit ergeben- den Konflikte zwischen Partei- und Stahllielmzugchörigkeit Holl es der vorstand für politisch nicht mehr möglich, daß Milglieder der Fraktion weiterhin dem Stahlhelm angehören." Die Landtagsfraktion der Volkspartei veröffent- licht eine eigene Erklärung, in der es heißt: „Durch die neuerlichen verschiedenen Botschaften und Berlaut- borungen des Stahlhelms werden für die Abgeordneten, die zugleich Mitglieder des Stahlhelms sind, Konflikte heraufbeschworen, die ver- mieden worden wären, wenn der Stahlhelm seine ursprüngliche, von ■Am Abgeordneten der Deutschen Bollspartei stet» begrüßte überparteiliche Einstellung beibehalten hätte. Solange ein« A b- kehr von dieser neuen Richtung lm Stahlhelm Nicht erfolgt, sind die Abgeordneten der Landtagsfraktion der Deutschen Volk»- Partei zu ihrem Bedauern nicht mehr in der Lage, im Stahlhelm mitzuarbeiten und werden deshalb ihren Austritt aus dem Stahlhelm erklären." Man bedauert und möchte sich die Rückkehr vorbehalten. Freibleibendes Abrücken vom Stahlhelm. In der Sache selbst bedeuten diese Erklärungen eine neue Isolierung des Stahlhelms und seiner Volksby- gehrensvläne. Herr Hugenberg hat mit seiner Sammlung wenig Glück. Was ist Beamienfreiheii? veutschnationale Anfragen und Widersprüche. Zm Preußischen Landtag sind trotz kurzer Tagungedauer schon wieder rund 250 Kleine Anfragen eingelaufen. Der Löwenanteil entfällt auf die Deutschnationalen, bei denen sich einige Abgeordnete durch besondere Fragewut auszeichnen, so auch zwei Schulmänner, der Oberstudiendirekwr O e l z e und der Rektor L u t o s s o w i tz. Doch im Drang oppositioneller Fragelust passiert es mitunter, daß d« Recht« nicht weiß, was die Linde tut bzw. daß Oelze daraus- los fragt, ohne die gleichzeitigen Anfragen seine« Fraktion»- und Beamtenkollegen Lukassowitz zu kennen. Unter Nr. 23S beschwert sich Oelze über den Oberpräsidenten Roske, weil dieser auf einer Tagung der Direktoren höherer Schulen der Provinz Hannover erklärt habe: die Republik könne nicht länger dulden, daß die Schüler in staatsfeindlichem Sinne unter- richtet würden. In absehbarer Zeit würde kaum noch ein Pädagoge zur Leitung einer höheren Lehranstalt berufen «erden, von dem nicht feststände, daß er sich bei sonstiger Eignung zur republikanischen Ordnung bekenne.— Entrüstet fragt Herr Oelze, wie sich diese Aeußerungen mit Artikel 118 der Ret chs- Verfassung vertrügen und was di« Staatsregserung zu tun gedenke, um der Beunruhigung der Beamtenschaft wegen Bedra- hung ihrer Grundrechte entgegenzutreten. Aber nur zwei Nummern von Herrn Oelze entfernt empört sich unter Nr. 233 Rektor Lukassowitz über den demokratischen Rektor Hermann in Breslau. Herr Lukassowitz meint oder will gehört haben, daß Hermann als Vorstandsmitglied an dem Beschluß de« Breslaner Reichsbanners mitgewirkt habe, sich am Empfang des Reichspräsidenten von Hindenburg nicht zu beteiligen. Voll sittlicher Entrüstung verlangt Herr Lukassowitz, daß dieses Der- hakten de» Rektors Hermann streng geahndet werde, nament- kich auch dadurch, daß Hermann nicht wie beabsichtigt zum Krelsschulrot befördert werdet ffias verstehen nun die Deutschnationolen unter Meinungssrei- heit der Beamten? Herr Oelze erklärt es für einen Verstoß gegen die demokratischen Grundrechte, wenn«in Schulmann deshalb nicht zum Rektor befördert wird, well er im Amt ein republikfeindliches Verhalten an den Tag legt. Herr Lukassowitz aber verlanot. daß ein Rektor nicht zum Schulrat be- fördert werde, weil der Mann— nicht etwa in amtlicher Stellung— sondern als Vorstandsmitglied eines privaten Vereins gegen die Teilnahme seines Vereins an einer Ehrung des Reichspräsiden- >en gestimmt haben soll. Was ist hier nun stärker: die Logik-der die Aufrichtigkeit?! Hannover, t. Oktober.(Eigenbericht.) Die Bundes- Generalversammlung des Reichsbanner» fand am Dienstag mit der Wiederwohl des allen Bundesvarstanbes ihren Abschluß. Der Wahl voraus ging di« Abstimmung über die vor» liegenden Anträge. Angenommen wurde u. a. ein Antrag, mit den ausländischen Frontsoldaten-Organisationen, so- weit st« den Frieden erstreben, in nähere Verbindung zu treten. Weiter soll der Zustand der Kriegergräber kontrolliert mib Einfluß daraus genommen werden, daß sie besser instandgehallen werden. Am Sitze jeder Gauleitung soll eine Stelle zur Abwehr von An- griffen auf di« republikanische Staatsform einge- richtet werden. Künftighin dürfen Denkmäler und Ehrentafeln nur mit Genehmigung des Bundesvorstandes errichtet werden. Mit- glieder des Nelsonbundes können nicht Mitglieder des Reichsbanners sein. Die Werbe wo che soll auf eine spätere Jahreszeit verlegt werden. Der Bundesvorstand wird beauftragt, alle zweckdienlichen Maßnahmen zu treffen, um den 1l. A u g u st zum gesetzlichen tzeitertag zu erheben. Die Bundesorgane.Lieichtbanner" und„Illustrierte Reichsbannerzeitung" sollen zu den bisherigen Preisen bestehen bleiben. Falls politische oder wirtschaftliche Verhältnisse eine Acnderung notwendig machen sollten, soll der Vorstand entsprechende Borschläge machen. Der Bundestag hat«il>- güllig zu beschließen. Bei der Reichsbahnverwallung soll der Bundesvorstand dahin wirken, daß das Verbot zurückgezogen wird, nach dem Fahnenmasten zum Hissen der Reichsflagge auf den Bahn- Hofsplätzen nicht aufgestellt werden dürfen. Annahme des Sahungsentwurss. hoffmann-Chemnitz berichtet dann über die Vorschläge der Sotzungskommission. Der Gau Berlin-Brandenburg stellt den An- trag, die Abstimmung über die Satzungen bis zum nächsten Bundes- tag zurückzustellen, aber die Bestimmungen über Rechtsschutz, Bei- Hilfe und Sterbegeld bei Unfall und Tod im Dienste des Reichs- bannirs sofort in Kraft treten zu lassen. Der Antrag löste eine längere, teilweise recht lebhafte Debatte au», di« schließlich dazu führte, daß in der Mittagspause die Satzungskommission noch einmal zur Durchberatung der Vorlage zusammentrat. In der Nachmittagssitzung wird der vorgelegte Satzungeentwurf mit großer Mehrheit angenommen. Er bringt eine Beitragserhöhung von lli Pf. pro Monat, dafür aber eine Reihe von Unterstützungseinrichwngen, so ein Sterbegeld bei Tod im Dienste des Reichsbanners, bei Tod durch Unfall ünd bei natürlichem Tode, ferner einen Krankengeldzuschuß bei Krankheit oder Verletzung im Dienste des Reichsbanners. Es hallen dann zwei Vertreter des besetzten Gebietes kurz« Ansprachen, In denen sie eindringlich die Not des besetzten Gebietes schildern und dem Reichskanzler Hermann Müller für seine Bemühungen in Genf, eine Räumung der besetzten Gc- biete herbeizuführen, Dank abstatten. Eine Räumung sei im Inter- esse des Friedens dringend erforderlich. Ehrung HSrfingS. Im Anschluß an di» Wahl erfolgt unter lebhaftem Beifall ein« b«sondere Ehrung Horsings. Slelllug-Bcrlin überreicht ihm im Austrage von 30 Gauen mit Worten herzlichen Dankes für seine bisherige Tätigkeit ein von einem hervorragenden Künstler gemalle» Bild Hörsing». Stelling verbindet mll diesem Dank di« Hoffnung, daß Hörsing recht bald wieder seine volle Gesundheit er- langt.„Wir verbinden," so schloß er,„mit diesem Dank« das Ge. löbnis, mit ihm als unserem Führer weiterzuarvesten für die freie, deutsche, soziale Republik." Vorsitzender Scheffel faßt das Ergebnis der Generalvcrsamm- lung in einem packenden Schlußwort zusammen. Er dankt den hannoverschen Kameraden für die Fürsorge und den guten Rahmen. die sie der Generalversammlung gaben. Die lagung sei ein Beweis für die Stärke und Geschlossenheit des Reichsbanners, die durch nichts zu erschüttern sei:„Wir arbellen mit unserem ganzen Herzen für die deutsche Republik, weil dieser Staat unser Staat ist" Mit einem Hoch auf die deutsche Republik wurde die Bundes- Generaloersammlung am st&ten Nachmittag geschlossen. Partei und Wehrproblem. Zusammentritt der Kommission. Am Dienstag vormittag trat in den Räumen des Parteivor- stände« die Kommission zusammen, die die Stellung der Partei zum Wehrproblem programmatisch fixleren soll. Sie besteht aus den Genossen Breitscheid, Crispien, Dittmann, Haubach, Höltermann. Hünlich, K u h n t. Künstler, Leber, Mayr- München. Mierendorf, Moses, Quarck, Schöpflin, Toni Sender, Stampfer und S t r ö b e l. Die Kommission wählle Dittmann zu ihrem Bor- sitzenden und Dr. M i e r e n d o r f zu ihrem Sekretär. Sie trat darauf in eine allgemein« Auesprache ein, die bis in die späten Nach- mlltagsstunden dauerte. Es wurde beschlossen, einige Gutachten einzufordern und nach ihrer Erstattung im November die Be- ratungen fortzusetzen. Konferenz der Ministerpräfidentat. Gestern fand unter Vorsitz des Reichskanzlers und in Anwesen- heit aller in Berlin weilender Mitglieder des Reichskabinetts die Konferenz der Ministerpräsidenten der Länder über den Verlauf und da, Ergebnis der Genfer Verhandlungen statt. An den eingehenden Bericht des Reichskanzlers, welcher durch Ausführungen des Staatssekretär» de« Auswärtige« Amte« von Schubert für einige Epezialfragen ergänzt wurde, schloß sich eine Aussprach«. Sie ergab völlig« Uebereinstimmunq in der Ausfassung über die Haliung der Deutschen Delegation in Genf, die einmütige Billigung fand. Krankreichs Standpuntt zur Rkparationsftage. pari«. 2. Oktober.(Eigenbericht.) Der„T e m p»" erklärt am Dienstag in einem„Deutsch- land und die nächsten Verhandlungen" überfchriebenen Arttkel, die Stellung de» Reichskanzlers sei schr heikel, da aus Kveisen der Volkspartet und des Zentrums gegen jede Regelung der Rheinlandfrage durch gle ichzeitige Verhandlungen über die Reparationen und da« Feststellung«» und Versöhnungskomitee Stellung genommen werde. Immerhin sei dereit» ein Fort- schritt erzielt worden, da man heute anerkenne, daß der Kanzler in Genf etwas erreicht habe. Daher auch die freundliche Aufnahme, die die Rede Poincare, bei den Parteien der Mitte und der Linken in Deutschland gefunden habe. Wenn von diesen Sellen freilich be- merkt werde, Deutschland sei zur Bezahlung der Krieg«- schulden und nicht der Schulden Frankreich» oerpflichtet, so sei da» absolut falsch, da die Geldschulden allein von Frankreich ge- tilgt worden seien und von Deutschland gar nicht gedeckt werden vor fünfzig Jahren. Sur Meinungsfreiheit— trotz Ausnahmegesetz! Z. Asttaber 187». Vi« sozialdemokratisch«„Berlin« Trete presse" schreibt zu den Beschlüssen der Soztallstengesetz-Lommission: „Das Hauptprinzip, da« die erwachten Völker als Tuudament de, Nechtsstaates, als die Grundpfeiler der Kultur proklamierten. war da» der absoluten Vereins-, versa mm- lungs-, preß- und Redefreiheit. Nur die unbeschränkte Vereins- und Versammlung»-, preß- und Redefreiheit, das unbeschränkt« Recht, die Meinnngen schriftlich und mündlich gegenseitig auszu- tauschen— das ist das einzige Mittel zur Bildung der Menschheit. Durch die frei» Vereinigung war der Eckstein der Kultur gelegt worden, durch di« Vergewaltigung dieser freien Vereinigung wurde dt« naturgemäße Entwicklung der Kultur gehemmt, und nur das System der auf dem Prinzip der absoluten Redefreiheit beruhenden freien Vereinigung ist es, durch da» die Kultur fortentwickelt werden kann.?»d» Einschränkung der Versammlung,- und Redefreiheit ist«in mörd«rischer Stich in da« Herz de» Zivilisation, in das Herz des völherlebenz... Und darum protestieren wir mit der ganzen Kraft unserer ehrliche» Ueberzeugung gegen jeden solchen frevelhaft«» versuch »od»erden nicht aufhören zu protestieren, trotz Snsnahmegettt?" könnten. Immerhin müsse man Deutschland, wenn et neu« Abschläge verlange, darauf hinweisen, baß Frankreich nicht seine Provinze» alein wieder aufbauen und noch dazu all« f«ine Schutben bezahle, könne. Deutsche n Kranzosenhast. Fremste Ivstfhoheit auf Reichsgebiet. Laudau. Z. Oktober. In das französische lntersuchungsgefängnis in Landau Ist außer vier Jugendlichen, i« wegen Diebstahl verhaftet wurden und von denen einer inen Revolver bei sich führt«, mll dem er sich angeschossen hatte, Hz Dienstmädchen G r i e m aus Kaiserslautern eingeliefert worden Da» Mädchen wurde vor einiger Zeit von Marokkanern uy, Anamiten schwer mißhandelt und von der französischen Bes-tzungsbehörde unter der Anschuldigung verhastet, den Vorfall e Is u n d e n zu haben, obwohl die Be- fatzungsstelle selbst zuge eben hat, daß ein Rohellsdelill der farbigen Franzose« vorließ. Motteukomproniß wird veröffentlicht. Vefchlaß d« französischen Kabinetts. Paris- Z Oktober.(Eigenbericht.) Der sranzSsifche M», j st« r r a t befaßte sich am Dienstag. einer Meldung des„T e I p zufolge, ausführlich mll der durch da« englisch» fr�,zösisch« Flottenkompromiß geschaffenen Lage und eitchid, sich mit großer Mehrheit für dessen Veröffentlichung. Außenminister Briand erhielt den Austrag, mll dem Londker Kabinett darüber in Verhandlungen einzutreten. ,»H a» a«"■"'h bißju zu berichten, daß auch in englischen Regienmgskreisen Geneig�jt zur Veröffentlichung bestehe. Keine Cchuldenffreichung! Washingtster UftcgierungSerfiä/ung. washinglo». Z. Oktober. Aus eine Anfrage, s, auf poincart. Rede ia Ehamberg Bezug»ahm. wurde l>eate|m Weißen Hause erklärl. Vorschläge, daß di« amerikanisch«, S«eu,ja(j(CT, die dculfche Reparatioaeu bezahlen sollten, sei«, wiederholt jeniocht wordru und würden ofs«,bar aucl, weiterhin g«nacht weei� Umcrika lehne derartige Vorschläge ab und kann auch keinen Zusammenhang zwischen de« Reparallonea und den gjinlen Sriegsschuldeu sehen. Diese seien durch Abkommen gereg,. die bis auf«ine» sämtlich rotistzwt worden seien. Ver pyjdrni hall««ine weiter« Diskussion dieser Frag« in der presse sS nutzlos und betrachte das Kapitel der alliierten Schulden als lhgeschlosfe«. verRurs der PPS. Keine(nnahervng an pilfubffl. Warschau, Z. Oktober.(Eigenbericht.) Vi« Regterungsprk« oerbreitet in letzt« Zeit hartnäckig Se- rüchte über eine beven�hertde Spaltung der PPS.; sie behaupte», die Inittalmc de« Eej Marschalls Daszunsti, di« Frage der künfiigen Mehrheit im Paria Ws por den Parteiführer., des Sejm beraten zu lassen, werde den �judski-Anhänoecn imterhall, der PPS. Gelegenheit geben, die P£eileitung au sich zu reißen und die Partei au» der bisherigen OZafftionsstollung hinaus zur Zusammenarbeit mll dem Regterungsbl» zu führen. In der Sitzung des P a r te i« ousschusf«« der PS. bot sich mit aller Deutlichkeit gezeigt. daß bei diesen Eerurdh, der Wunsch der Barer de» Gedankens gewesen ist. Fast ciijimmig wurde di« Resolution einer oer- schwindenden M � d er he i t abgelehnt, die die Anlehnung an den Regierung«!-!» offenhalten wollt« und ein« andere Reso- lution angenomemn,!«dieBeibehaltungderbisherig«n scharfen Oppos'jon gegen die Regierung verlangt. Eine weitere Entschl�ung schrsibi angesichts der letzten Entschlüsse der Komintern die Fhsetzung des entschiedenen Kampfes gegen die Kommunisten vor. je Resolutionen werden dem Parteikongreß im November zu 6t««wi«c oorgeiegt. Nr. 467- 45. Jahrgang Mittwoch. 3. Ofiober �92S Wie i»os Tempo ter industriellen Produktion, so ist auch das der Reklame auch in Europa amerikanisch geworden: mit rasender Hast und mit ungeheurer Wucht stürmt sie auf die Massen ein und macht den Versuch, st« mit Sensationen an sich zu fesseln. Dabei ist es das Ideal der Werkes ochleut«, den Menschen in den Mittelpunkt der Reklame zu stellen, um dadurch die Verbraucher von der Not- «vendigkeit der Anschaffung und der Brauchbarkeit dieses oder jenes Gegenstandes zu überzeugen. Das mag praktisch sein und auch vom ästhetischen Standpunkte aus dem Auge manchmal ein befriedigendes Bild �bieten— in den meisten Fällen fällt aber der ethische Mangel der Sache auf: Die Entwürdigung des Menschen zu einem bloßen Dbfekt. das bar aller Individualität ist und verzweifelt viel Achnlich- f«tt mit einem Marioneltenwesen hat. Im übrigen eine treffende Symbolik für die kapitalistische Wirtschaftsform, in der der Mensch Nur ein Ding unter vielen ist und von allen Dingen das— unfrei- willig— dankbarste, weil billigst« Objekt. Und vom Objekt ist der Wog nicht weit zum Schauobjekt, zu dem im besonderen die weiblichen Lohnsklaoen herabgewürdigt werde». produktive Arbeit im Schaufenster. Man hat gar nichts gegen den türkischen Teppichweber, der in- mitten der Pracht orientalischer Teppich« Himer der dünnen Glas- wand fitzt und mit emsigen Fingern die bunten Fäden durch die �i adhaften Ornamente Zieht. Oder gegen den gutmütig, lächelnden -loger, der in einer Moikastube- vor den Augen des Publikums in vlfnkenden Gesäßen den duftenden Trank bereitet. Erinnert sei auch «n di« Bügler in den„amerikanischen Schnellbügeleien": die eben- falls, allen fichtbar, ihre Arbeit verrichten. In die gleiche Kaugon« sind die jungen Arbeiterinnen einzureihen, die vor aller Augen Tuben mit Zahnpasta füllen, oder an kleinen Maschinen, die technische» Wunderwerken gleichen, Bonbons einwilkeln. Gewiß, auch diese Arbeit gehört zur Reklame: aber jeder Zuschauer weiß, daß er hier arbeitende Menschen vor sich steht und keine willenlosen Schau- objrftc. Harmlos noch das Bild, das die Mofchinenschreiberin bietet, die für irgendeine Schreibmaschinenfabrik im Schaufenster„tippt". Aber auch fi« muß schon�danrit rechnen, daß ihr weniger auf die Finger, als auf die in Seidcnstrünrpsen säsimmernden Leine ge- sehen wird. Und das ist die Absicht der Firma, die sich hüten wird, «ine ältere Frau oder einen Mann ins Schaufenster zu setzen. Man braucht einen hübschen Lockvogel �.. Und nun reiht sich für den auf- merksamen Straßenpassanten Bild an Bild, die den klasienbewußlen Proletarier, dessen Leben erfüllt ist oom Kampf für Menschenwürde, die Zornesröt« ins Gesicht treibt� Die Lockvögel. Bor einem Geschäft in der Friedrichstroß«, in dem nur Artikel verkauft werden, die nur eine Frau interessieren dürften, standen Tag für Tag respektable Männergruppen, so daß man glauben konnte, ein Männer-Gesangverein bringe dem Geschäftsinhaber täglich ein Ständchen. Was war zu sehen? Im Schaufenster machte «in hübsches Mädchen Reklame für Büstenhalter. Korsetts, Leib- binden, Gummistrümpsc und Strumpfhalter. Mit eleganten Be- wegungen und ewig lächelndem Gesicht zeigte die hübsch« und leicht bekleidete Dame die Artikel, die der Herrenwelt doch ziemlich gleichgültig sein müßten. Der Türschließer des Geschäftes hatte all« Mühe. die Ordnung aufrecht zu erhallen, denn das Interesse an der Dame im Schaufenster war riestz groß. Und leinen geringeren Auflaus verursachte ein anderes Geichäif, in dem Patenlbetten aus- gestellt waren. Mit ihn«« zwei jung« Damen— sie trugen schnxirze Masken, die so ziemlich ihre einzig« Bekleidung waren— die der mg-. �\'m Äer Fall£atnet. 12) Von Tristan Bornard. (Etmzig berechttgtc ZTrbersetznvg ooa Dl. fiolttn.) 9. Vor unserer Abreise aus Bar-le-Dur glaubte ich nichts unversucht lassen zu dürfen, um auf Larciers Spur zu kommen. Wir hatten keine anderen Anhaltspunkte als eine Personalbeschreibung und jene Fünf-Franken-Stücke, die er beim Wechseln des Hundert-Franken-Scheines auf dem kleinen Vohnhof von der Schalterbeamtin herausbekommen hatte.