Abendausgabe Nr. 532 B 265 45. Jahrgang Böchentlich 853f, monatlich 3,60 R im voraus zahlbar. Postbezug 4,32 92. einschl. Bestellgeld, Auslandsabonne ment 6,-. pro Monat. * Der„ Borwärts erscheint wochentag lich zweimal, Sonntags und Montags einmal, die Abendausgaben für Berlin und im Handel mit dem Titel„ Der Abend", Illustrierte Beilagen Bolk und Zeit" und Rinderfreund". Ferner Unterhaltung und Wiffen", Frauen Stimme". Techni?"," Blid in die Bücherwelt" und Jugend- Borwärts Vorwärts Beeliner Boltsblatt Freitag 9. November 1928 10 Pfennig Die etatpaltige Ronpareillezetle 80 Pfennig. Reklamezeile 5.- Reichse mart. Kleine Anzeigen" das fettges brudte Wort 25 Pfennig( zulässig amel tettgedruckte Werte), jedes weitere Wort 12 Pfennig. Stellengesuche das erste Wort 15 Pfennig, jedes meitere Bort 10 Pfennig. Borte über 15 Buchstaben zählen für zwei Borte. Arbeitsmart Beile 60 Pfennig. Familienanzeigen für Abonnenten Zeile 40 Pfennig. Anzeigen annahme im Hauptgeschäft Lindens Straße 3, wochentägl. von 8/2 bis 17 Uhr. Bentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Redaktion und Berlag: Berlin S. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Donboff 292-297 Telegramm- Abr.: Eoztaldemokrat Berlin Vorwärts- Verlag G. m. b. H. Bostichedkonto: Berlin 37 536. Bankkonto: Banf der Arbeiter, Angestellten und Beamten Wallstr. 65. Diskonto- Gesellschaft. Depofitentaffe Lindenstr. 8 Der Todesstrom aus dem Aetna Schwierige Rettung.- 4000 Flüchtlinge.- Bereits mehrere Tote. Nach den in Rom vorliegenden Meldungen bringt die Lava mit unverminderter Stärke um etwa 3 kilo. meter von Mascali nach Osten und Südosten gegen das Meer vor. Man versucht, alle Hindernisse aus dem Wege zu räumen, die ein seitliches Abschwenken möglich machen könnten. Durch einen seit lichen Arm des Lavastromes ist auch Giarre bedroht. Im Gegensatz zu früheren Ausbrüchen nimmt der Lavastrom cine östliche Richtung ein. Es ist anzunehmen, daß der Ausbruch des Aetna diesmal wie in den Jahren 1910. 1911 und 1923 mehrere Wochen andauern wird. Am Donnerstag wurden die elektrischen Heberlandleitungen, die die Ostküste Siziliens mit Licht versorgen, von der Laba erreicht. Die Lichtversorgung muß nunmehr durch fleinere Kraftwerke und Notleitungen erfolgen. Wie aus Blättermeldungen hervorgeht, hat der Ausbruch des Aetna bereits Menschenleben gefordert. In der Gegend von Mascali wurde eine ganze Familie bon bez 2aba überzajdjt unb fonnte sich nicht mehr rechtzeitig retten. Ein altes Ehepaar, beffen Haus box ber Laba bedroht wurde, suchte Rettung auf dem Dache. Die Rettung war aber nicht mehr möglich, da das paus raich von der Laba umflossen wurde und in dem glühenden Ravastrom zusammenbrach Viele Häuser murden in der Nacht vom Labastrom erreicht, boch konnten sich die Bewohner noch rechtzeitig retten. Nach einer meiteren Meldung aus Rom befindet sich Arbeitsminister Giuriati immer noch im Ausbruchsgebiet, um die Hilfe Der leistung und die Abwehrmaßnahmen zu organisieren. Andrang ber Neugierigen aus ganz Sizilien und der in Süditalien, hauptsächlich in Taormina Taormina meilenden Fremden, ist außerordentlich groß, weshalb die Behörden strenge Abfperrungsmaßnahmen durchführen lassen, um zu verhindern, daß die Taufende von Neugierigen zu weit vordringen und in Gefahr fommen. Es lösen sich nämlich immer neue Arme vom Hauptstrom der Lava, die oft nach einer gang unvorhergesehenen Richtung laufen. Bis fegt wurden aus dem heimgesuchten Gebiet 4000 Flüchtlinge abtransportiert, von denen ein Teil mit eigenen Mitteln austommt. Ein Hettar Zitronen oder Orangenwald toftet in dieser Gegend bis zu 150 000 Lire. Die Nachfrage nach Zitronen war dieses Jahr außerordentlich groß. Es wird hier zweimal im Jahre geerntet. Biele Bauern fuchten die Ernte noch vor Ankunft der Andere Lava zu Schleuderpreisen zu verkaufen oder zu retten. nahmen mur ihre Möbel und Hausgegenstände, auch die Türen und Fensterläden, ja selbst die Dachziegel mit. In Mascali mußten die älteren Leute mit Gewalt aus ihren Häusern gebracht werden, da sie sich nicht von ihren Heimstätten trennen wollten. Der Lavastrom ist mit seinen verschiedenen Verzweigungen insgesamt 600 Meter breit. Die Ortschaft Carroba ist immer noch be= droht. Sie befiht mehrere Teigfabriken und Anlagen zur Herftellung von Zitronensaft. Die Maschinen dieser Fabriten wurden in aller Eile abmontiert und fortgeschleppt. Berbrecherjagd durch die Straßen. Der Berfolgte schießt auf Polizeibeamte Eine aufregende Jagd nach einem Verbrecher gab es heute früh in den Moabiter Straßen. Der Revolver eines Einbrechers frat dabei in Aktion, bis es schließlich gelang, den Flüchtenden feft. zunehmen. Als der Kaufmann Zander, Alt- Moabit 86, heute früh durch das Klirren seiner Schaufensterscheibe erwachte, sah er gerade noch den Einbrecher, der zwei Koffergrammophone aus ter Auslage heraus. geholt hatte, davonlaufen. Ein Polizeioberwachtmeister verfolgte den Einbrecher, der um die Heilandskirche herum nach der Waldenser Straße zu entfloh. Als er ihm an der Ede dort immer näher fam, fuchte er ihn aufzuhalten, indem er ihm die Koffer vor die Füße warf. Als das nicht half, ging er in niestellung unb gab einen Schuß auf den Berfolger ab. Zum Glüd fehlte er. Bevor Schulz zu seiner Pistole greifen konnte, gewann der Flüchtige wieder einen Vorsprung in die Waldenser Straße hinein Ein zweiter Beamter tam auf den Knall herbei, beide fprangen in ein Auto und setzten dem Verbrecher nach. Diefer lief in das Haus Waldenser Straße 34 hinein, war aber zunächst nicht Die große Kundgebung des Reichsbanners Auf dem Gendarmenmarkt waren gestern abend viele Tausende von Reichsbannerkameraden versammelt, um ein Bekenntnis für die deutsche Republik abzulegen. Muß das Brot so teuer sein? Die Sozialdemokratie gegen den Preiswucher. Wie von uns schon mitgeteilt wurde, hat sich die städtische| wurde z. B. mit einer aus technischen Gründen notwendigen GeDeputation für das Markthallen- und Marktwesen mit der unerträg lichen Preisspanne zwischen Mehl und Badware beschäftigt. Die in diese Deputation entfandten Mitglieder der sozialdemofratischen Fraktion brachten sehr energisch die Tatsache zur Sprache, daß es unerhört ist, daß Brot und Backwaren der Preisfentung des Mehls nicht gefolgt find. Sie wiesen weiter darauf hin, daß die in den Bäckereien ausliegenden Preisverzeichnisse mit dem tatsächlichen Gewicht der Backware nicht übereinstimmten. So wie die Breistafel heute beschaffen ist, erfüllt sie sicher nicht ihren 3wed. Eine bekannte Berliner Großbäckerei erklärte selbst, daß sie diese Preistafel für ein zwecklojes Stück Papier ansehe, das auch für das Publikum feinen Wert habe. Wir haben uns sehr oft schon mit den Fragen der Preis geftaltung beschäftigt und auch darauf hingewiefen, daß die im 3wedverband der Berliner Bäckermeister zusammengefaßten Bäder fich troh starter Herablegung der Getreide und Mehlpreise um eine angemessene Berbilligung von Brot und Backwaren herum: drücken. Die vor einem Jahre erfolgte Verteuerung der Schrippe au finden. Endlich entdeckten ihn die Beamten in einem leeren Ein Kabinett Briand? Müt! fasten. Seine Pistole hatte er in einem anderen Kasten wichtserhöhung begründet. Die Bäckermeister erklärten, daß sie dadurch eine Erhöhung des Umjazes herbeiführen wollten. Die er wähnte Spizenorganisation der Bäckermeister erklärte, daß sie allen ihren Mitgliedern die Einhaltung eines bestimmten Gewichtes der Backwaren zur Pflicht gemacht hätte. Sie erflärte weiter, daß die Ausführung ihrer Beschlüsse ständig kontrolliert werde. Aber selbst die inzwischen eingegangene volksparteiliche Tägliche Rundschau" mußte wenige Wochen später schon über erhebliches Untergewicht lebhafte Klage führen. Heute aber sprechen die Führer des Berliner Bäckergewerbes von der Erhöhung des Umfazes, die sie als den Ausgangspunkt ihrer vorjährigen Preispolitik bezeichnet hatten, nicht mehr. Sie flagen aber über die ständige Fortentwicklung der Konsumgenossenschaft, deren preisregulierende Arbeit ihnen natürlich sehr unangenehm ist. Die Bäcker sollten sich doch wirklich darüber klar fein, wie schlecht fie beraten sind, wenn sie ihre Produfte zu unangemeffenen Breisen verkaufen. Die Sozialdemokratie, die sich gegen zu hohe Getreidepreise und damit gegen die Preispolitik eines Teils der Landwirte gewandt hat, hat das Recht und die Pflicht, die arbeitende Bevölkerung auf die unerträgliche und unnötige Verteuerung eines der wichtigsten Nahrungsmittel hinzuweisen. Die Ausführungen unseres Genossen Faer ber in der Deputation werden dazu beitragen, einen moralischen aber tann von sich aus durch Unterstügung der Konsumgenossenschaft, beren preisregulierende Tätigkeit gerabe jest mieber überzeugenb in in der Sile unter Müll nerfiedt. D Ertappte wurde feftreftellt als Todesurteil gegen Obregons Mörder Drd auf die Bädermeister auszuüben. Die Berliner Bevölkerung ein 26 Jahre alter Schlosser Walter Müller, der als Schau. fenstereinbrecher betannt ift.t Berichte 2. Seite. die Erscheinung tritt, ein übriges tum. tur bann, wenn die Bäder meister am eigenen Leibe die Fehler ihrer Preispolitik zu spüren betommen, tann man erwarten, baß fie ben gerechten Forderungen auf Anpassung der Breise an die von ihnen benutzten Rohstoffe entsprechen merben. Die Geiferer. Spotten ihrer selbst... Die Resolution zu begetfern ist gefahrips in Deutschland. Sie ist nicht, wie die republitanische Staatsform, burch ein besonderes Echutgefet gegen Schmähungen gededi, und die anonymen Maffen fönnen nicht wegen Beleidigung den belangen, der sie befchimpft. Ergo tobt sich ber um zehn Jahre verspätete Heldenmut nationaler Stribenten am heutigen Tage ganz gewaltig aus. An ber Spike steht selbstverständlich die Hugenberg- Bresse mit die Hugenberg- Bresse mit bem unvermeidlichen Friedrich Husfong und Herm 30. hannes W. Harnisch. einst ehrenwertes Mitglied der Kappfchen Judenschule" in der Reichstanzlei. In der Kreuzzcitung" nerfucht fich Dr. Eugen Schinabt, würdiger Ramensvetter der unsterblichen Shakespeare- Figur, und in der Deutschen Zeitung" tut man es nicht unter einem halben Dutzend Geiferer. 2 Es genügt, einige Ausbride und leberschriften zu zitieren: Revolution der Drückeberger Gefängnisse fpien Regenten aus... Straßenpöbel... Gesinnungslumpen Feiges De jerteurgefindet. Mordbrenner ziehen durch Berlin... Blün berer" usw. + Wir wollen den Herren ihren Glauben lassen, daß ein kleines Hauflein feiger Deserteure, Berbrecher und Lunp ngefinder die Revolution gemacht habe. Gie fehen offenbar nicht, daß fie damit ihre eige te Schande riesengroß machen. Wenn die Revolutionäre som 9. November wie die Rechtspresse übereinstimmend be hauptet Feiglinge, Deserteure und Trüdeberger gewesen findwie feige war danu ein System, das vor solchen Leuten fampilos davonlief? ( 2ẞie seige waren dan bie taiserligen Offiziere, die nicht magten, mit Leuten den Kampf aufzunehmen, die von ihnen heute(!) als„ Straßengesindel" verächtlich abgetan werden. Wie feige handelte dann der Kaiser selber, der vor der Rebellion einer angeblich( heute, nach zehn Jahren, jagt man's) verschwindenden Minderheit der Bevölkerung über die holländische Grenze desertierte?! Es gäbe eine Entschuldigung für das alte System. Wenn es anerkennen wollte, daß es am 9. November vor einer Bolfs Die Wirkungen des Ruhrkampfes. Die Hüttenzechen müffen feiern. Effen, 9. November. Die Einwirtungen des Eifentonffitts auf ben Bergbau machen fius por allem bei den Hüttenzechen bemerkbar, und zwar bei Krupp. Gute- Hoffnungs- Hütte, Vereinigte Stahlwerte, Hoesch und Kloedner, die die Koksproduktion einschränken müffen, weil die Hochöfen ftilliegen. Bei der Gute- Hoffnungs- Hütte find in der laufenden Woche von fieben 3echen zwei vollbeschäftigt, während bei fünf Bechen je eine Felerschicht eingelegt wurde. Bei& rupp werden inber Wochebrei feterschichten verfahren. Am wenigsten leidet die Firma Kloedner, weil deren Werte zum Teil außer. halb des Rampfgebietes in Halpe und Dsnabrüd liegen und in der Arbeit nicht gestört sind. Die Ausgesperrten verhalten sich alleni. halben ruhig. Auch die Rheinschiffahrt betroffen. Duisburg, 9. November. Da seit über acht Tagen im Hafen Walsum das Löschen von Erzen stockt, ist in den letzten Tagen den Matrosen und Schiffs. jungen der dort liegenden Schiffe gefündigt worden. Die Kündt gung betraf die Befagung von über 10 Schiffen. Unterstützung in Gelsenkirchen- Buer. Gelsenkirchen- Buer, 9. November. Vorschriftsmäßige Empörung. Aus Rußland importiert. Wie auf Bestellung geliefert veröffentlicht das Berliner ABD. Blatt revolutionäre Solidaritätstundgebungen" aus Leningrader Großbetrieben zur Metallarbeiteraussperrung im Rhein- Ruhrgebiet. Diese„ revolutionären Kundgebungen sehen 10 aus: „ Die Arbeiterforrespondenten der Roten Butllow- Arbeiter sind empört über das Berhalten der SPD- Führer in der Sache der Aussperrung ber Metallarbeiter.. „ Die Arbeiter und Angestellten der Fabrit„ Elettrofoibor" rufen den deutschen Metallarbeitern zu, mutig fich noch fester unter der Führung der KPD. zusammenzuschließen." Die Arbeiter und Angestellten der Alabasterfahrif Bojfow" geben ihrer Empörung Ausdrud über den Barrat der deutschen Reformisten," „ Die Arbeiter und Arbeiterforrespondenten der Fabrik Mag Hölz" brandmarten die Taftit der reformistischen Lakaien des Kapitals im Rampfe der deutschen Metallarbeiter." „ Die Arbeiterforrespondenten der Staatlichen Fabrif Kalinin protestieren gegen das verräterische Berhalten der deutschen Reformisten im Hüttenarbeiterkampf." Metallarbeiter Deutschlands auf, mutig weiter zu fämpfen, sich unter der Führung der KPD. zusammenzuschließen und bis zur Errichtung ber Difiatur des Proletariats auszubalien." „ Die Arbeiterforrespondenten der Proletarischen Fabrif In der ersten Sitzung des neu gewählten Wohlfahrtsausschusses stellen zur Aussperrung feft, daß die Beteiligung der Sober vergrößerten Stadt Gelsenkirchen- Buer wurde über die Intersialdemokraten in der bürgerlichen Regierung nur zur Berhüllung tügungsmaßnahmen für ble ausgesperrten ber ungeheuren Ausbeutung der Arbeiter blent. Sie rufen die Metallarbeiter beraten. Mit großer Mehrheit wurde beschlossen, vorläufig eine Lebensmittelunterstüßung durchzuführen in Form von Scheinen im Berte son brei Mart in der Woche. Jeder Arbeiter foll amet Scheine erhalten, jedes Familienmitglied je einen Schein. Ausdrüdfich wurde bei dem Beschluß darauf hingewiesen, daß bei der Unter stürzung die Bestimmungen der Fürsorgepflichtverordnung Anwen dung finden, daß also die Unterstützungen rüdzahlungs. pflichtig find. Düsseldorf, 9. November. Aus Anlaß des Ernstes der gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage und der Aussperrung der Metallarbeiter werden sich die Mitglieder der städtischen Berwaltung in den nächsten Wochen von allen öffentlichen und nach Möglichkeit auch von privaten Festlich mit elementelten fernhalten. 1 stimmung, bie gefchloffen gegen dieses System gekehrt war, aurüdgetreten ist, wenn es geftehen würde, daß es abgebantt hat, weil das Verlangen nach einer solchen Abbantung man fann tubig fagen bis in die höchsten Kreise hinauf" mit elemen tarer Einheitlichkeit befundet wurde, bann aber nur dann hätte das alte System eine gewiffe Entschuldigung flir fein nullofes Berzagen in entscheidender Stunde. Aber je nehr sich die Lobredner dieses Systems heute darauf versteifen ,, baß ber 9. November bas Werf einer Handvoll Berbrecher und Feiglinge gemefen fei, desto höher häufen fie Schimpf und Schande auf den faiserlichen Deserteur und auf das feiferliche Offiziertorps, bie nach ihrer eigenen Geschichtsschreibung nor Feiglingen bavongelaufen, alfo Ueberfeiglinge geweien find! આ હ હ 1 named Nach vorsichtigen Schätzungen dürften sich die Mittel der Stadt Düsseldorf für die Unterstügung der ausgesperrten Metallarbeiter pro Woche auf 650 000-700 000 m. ftellen. 34 000 Arbeiter sind in Düsseldorf ausgesperrt M Einichluß ihrer Familienangehörigen dürfte fidy die Zahl der durch die Aussperrung in Mitleidenfchaft gezogenen auf rund 80 000 bis 85 000 Personen stellen. વા Der Geschäftsberid fübas Jabr 1928 wird ben Teilnehmern polecise sonsdal brudt norgelegt merdest sortlegung ber Tagungen: finbet spi Briand als Nachfolger Poincarés? am 16. Ropember rachmittags gegen 4 ober 5 Uhr usiproce Heute nachmittag Betrauung mit Regierungsbildung bes Deutschen Landgemeindetages fm Pienarjaal des Reichswirts fchaftsrates statt, ber eine falde der Bertreter bar Brpningen bes Berbandes der Breußischen Bandgemeinden am Sonnabend, dem 17. Roomber, im Blenariaal des Reichswirtschaftsrates folgt. Bor ber Aussprache werden pon einigen Herren aus der Bragis einleitende Borträge gehalten werden. Baris, 9. November.( Eigenbericht.) Die Regierungstrife in Frankreich scheint nun ihren Gipfelpunts überschritten zu haben. Der Bräfident der Republif, Doumergue wird wahrscheinlich heute nachmittag nach Schluß seiner politischen Konsultation den Auftrag zur Regienungsbildung vergeben. Is erster Kandidat wird wahrjájeinlich wieder Poincaré in Frage tommen, boch find die Erfolgsaussichten Poincarés feit gestern a fozusagen Rull. Die beiden feindlichen Brüder in ber nationalen 1 Union, die rabifaie Bartel und die Gruppe Marin, haben sich is mittlerweile berart verfeindet, daß sie es beibe ablehnen, il meiterhin miteinander zusammenzuarbeiten. Damit ist also der poli tischen Formel Boincarés endgültig der Todesstoß perfeßt. Man nimmt daher an. baß Boincaré entweder den Auftrag der Regie rungsbildung sofort ablehnen oder nach einem furzen Berfuch wieder zurückgeben wird. I 12 21 d Als zweiter Kandidat fommt dann Briand in Frage. Briand a hat gestern schon die ersten Borfühler ausgestreckt und sich die ersten d Mitarbeiter für sein Kabinett gesichert. Dazu zählen vor allem seine alten Mitarbeiter Loucheur und Raoul Peret sowie Tardieu und der Senator Cheron. Cheron, ber langjährige Generalberichterstatter für das Budget im Genat, foll das Finanzministerium erhalten, da es die dringliche Aufgabe der neuen Regierung ist, das Budget bis zum Jahresende unter Dach und Fach zu bringen. Tardieu soll fich mit einem Ministerium minderer Bedeutung, mit den öffentlichen Arbeiten oder nur mit den Kolonien, zufrieden erklärt haben. Die parlamentarische Grundlage des Rabinetts Briand mürbe die der republikanischen Konzentration fein. In einer furzen Aussprache, die die Linkspartei gestern im Palais Bourbon abhielt, erflärten fich die Sozialisten zur parlamentarischen Untereftügung diefer republikanischen Konzentration bereit, lehnten es aber il meiterhin ab, fich aftin an der Regierung zu beteiligen. d 140 tt Die Landgemeinden in Berlin. Großtagung der Organisationen. Bom Berband der Preußischen Landgemeinden, Berlin, wird uns geschrieben: In der Zeit vom 15. bis 17. November d. 3. finden bie Lagungen der Landgemeinden, der 4. Deutsche Landgemeindetag und der 5. Breußische Landgemeindetag, und zwar erftmalig gemeinschaftlich in Berlin statt. Diefen Tagungen 1 gehen vorbereitende Sigungen der geschäftsführenden und der Ge 1 famtvorstände voraus. Die Tagesordnung hierfür umfaffen in der h Hauptsache die Borbereitung von Entschließungen und Barträge in formierender Art. Die große, gemeinsame Tagung der Landgemeindeorganisationen findet am 16. Rovember in der Staatsoper am Blag der Republik statt. Neben den Eröffnungs- bzw. Schlußansprachen der Herren Borfizenden, Bürgermeister Lange Beißwasser D.-L. bzw. Bürgermeister Ebberg Kreuzthai, wird der preußische Minister des Innern Grzesinsti sprechen. Hierauf folgen Borträge des Reichsfanglers a. D. Dr. Luther über Berfaffungs- und Berwal tungsreform, des Reichsfinanzministers Dr. Hilferding über Finanzausgleich und des Leiters des Deutschen Landgemeindetages Landrat a D. Dr. Dr. Getafe über die Stellung der Landgerneinben zu den wichtigsten fornmunalen Problemen der Gegenwart. Obregons Mörder verurteilt. 20 Jahre Zuchthaus für die Ronne. Condon, 9. November. Nach einer Melbung aus Merifo wurde in dem Prozeß gegen ben Mörder Obregons, Torac,' unb ble mitangeklagte Ronne am Donnerstag das Urteil gefällt. Der Gerichtshof sprach Lorac im Anschluß an die Rede des Anklagevertreters schuldig und verurteilte ihn zum Iode. Die Nonne erhielt 20 Jahre Gefängnis. Berhinderte Helden. G Me'ne Herren. ich fage: hätten und nur damals am 9. November diefe Revolutionäre gestattet, unser Blut für 3ft es auch Wahnsinn, so ist es doch Methode! Aber auch zwei weniger revolutionäre" und dafür an ständige Rundgebungen finden wir unter neun. Sie fauten: Die Arbeiter und Arbeiterforrespondenten der Baltischen Fa brif geben ihrer Empörung über die Aussperrung der Metallarbeiter Husbrud. Auf der Seite der deutschen Arbeiter stehen die Arbeiter der ganzen Welt, vor allem die Werftätiger ber Sowjetunion." „ Die Arbeiterforrespondenten der Fabrit Momty" beschäftigten fich in einer außerordentlichen Bersammlung mit der Aus. [ perrung von 213 000 deutschen Metallarbeitern. Sie fenden den Kämpfenden brüderliche Grüße." Den ruffischen Arbeitern danten die Ausgesperrten für ihre Teilnahme, ben tommunistischen Quertreiberm aber, ble ben Gewertihaften Gewerkschaften der Metallarbeiter Jelb in diefem Rampie in den Rüden fallen. müffen fie die gebührende Berachtung ausiprechen. 著 3 290 Revolution und Straßennamen. Beschlüsse der Breslauer Stadtverordneten. Breslav, 9 November Die geftrige Stadtverordnetenperfammlung beschäftigte fich mit einem Antrag ber fosialbemofrafifchen Frattion. dar den Magiftrat ersucht, beim Bolizeipräsidium aut bie 11 m benennung folgenber Straßen und Blaze hinzuwirken: Hohenzollernstraße in Ferdinand Bassalle Beg, Raifer Bilhelm- Straße in Reichspräffbentenstraße, Railerstraße in art Marg Weg, Königsplay in August Bebel B1qz, Bachtplah in Roja Bugemburg Blah, Schloßplat in Blog ber Republit. Die Kommunisten beantragten, int Erweiterung des Antrages der Sozialdemokraten, der FriedrichWilhelm- Straße den Ramen Karl- Liebknecht- Straße zu geben, und beantragten weiterhin fofortige Entfernung der Fürstenstandbilder ( Friedrichs des Großen und Friedrich Wilhelms III.) aus dem Stadt verordnetenfigungsfaat. Biederholt wurde die Begründung ber Anträge von stürmischen Zurufen und Hohngelächter der rechien Seite des Hauses unterbrochen. Die Aussprache war nicht minder febbaft und feidenschaftlich. Die Anträge wurden schließlich mit 40 gegen 38 Stimmen angenommen. Lizenzgebühren oder Geschenke? Der Reichsbahnbestechungsprozeß. In dem Brozeß gegen Reichsbahnoberrat Schulze murden heute der Zeuge Gaelgner und seine Frau darüber vernommen, ab der Angeklagte der Meinung fein konnte, daß die ihm gemachten Zu wendungen und Geschenke als Borschuß auf die ihm zustehenden Lizenzgebühren zu betracten jeten. Der Zeuge G., gegen den ebenfalls ein inzwischen niedergeschlagenes Berfahren wegen Unterschlagung schwebte, bestritt das, während es der Angeklagte behauptete. Die Aussagen der Frau Gaelzner waren für den Angeklagten recht wenig günstig. Interessant war die Befundung des Staatsanwaltes, daß er das Strafverfahren sehr bistret behandelt hätte, worauf der Berteidiger, Rechtsanwalt Frey, antwortete:„ Und zwar so bistret, bag niemand von der Einleitung des Strafverfahrens zu jener Zeit etwas wußte. Es steht auch noch nichts davon in den Aften." Damit war auch die Bernehmung des Ehepaares Gaelgner zunächst beendet. Todesffurz von der Kellertreppe. In der vergangenen Nacht wurde der 49jährige Friseur August Jarmustiewicz auf der Kellertreppe des Hauses Prostquer Straße 20 leblos aufgefunden. Ein hinzugerufener Arzt stellte einen schweren Schöbelbruch fest, der ben lofortigen Tod des Mannes zur Folge hatte. Nach den polizeifidjen Ermittlungen ift 3. das Opfer eines Inglidsfalles geworden. Beim Ueber Ichreiten des Hofes erf'tt er einen Schwindel anfall und stürzte babei die Kellertreppe hinunter. Wetterbericht der öffentlichen Wetterdienststelle Berlin und Umgegend.( Nachdr. verb.) Langsamere Besserung mit Abfühlung und nördlichen Winden. Für Deutschland: Im Nordwesten heiter mit Nachtfrösten, Im übrigen Norddeutschland Besserung, im Süden und Südwesten noch ziemlich trübe und regnerisch. Bolt und Zeit", unsere illustrierte Wochenschrift, und Ge. Majestät zu vergießen, es wäre alles anders gekommen!". Der Kinderfreund liegen der heutigen Boftauflage bei. 7 ade Neue Mufit. W Konzertrundschau von Klaus Pringsheim. I Revolutionsfeier in Riel. Unsterbliche Opfer, ihr sanket dahin! " " Der Name Neue Mufu hat nicht mehr ben anspruchsvoll programmatifchen Klang, ben gemisse Kreise des musikalischen Fort gritts versucht haben, ihm zu leihen. Der Sinn, ben man in bas Später Nachmittag. Ein feiner Sprühregen. Der berüchtigte| Durch den Lautsprecher ist seine flare Stimme überall verständlich. Bort legte, mar, baß ein neues Zeitalter der Musil angebrochen fallende Nebel hüllt alles grau in grau. Dann wird es richtiger, Barum wurden wir im Jahre 1878 verboten, warum versuchte fei, ftrenge Scheibung der Geister schien befohlen, alle Gegenwart burchgehender Regen. Aber in den Straßen ist Leben. Fahnen an man mit Ausnahmegefeßen die Bewegung niederzufschlagen? Weil wurde unnatürlicherweise in gestern und morgen zerspalten. Nur den Häusern, rot und schwarzgold. Pfeifenspiel und Trommelwirbel, am Ende jenes Manifestes, in dem die Arbeiter ihre Forderungen über die besonderen Merkmale, durch die diese neue Musik gefenn musif! Sie fommen, aus Ellerbed, Wellingborf, Gaarden und niederlegten, der Saß geschrieben war: Proletarier aller zeichnet jei, wurde man sich nicht einig; beständig blieb nur der Name, doch was darunter zu verstehen war, wechselte von Jahrhaffee, von der Böhrbe und aus der Stadt. Sie tommen trop 2änder, vereinigt euch!" Sozialistengeleg und Niebergang Name, doch was darunter zu verstehen war, wechselte von Jahr Regen, trok Streif und Aussperrung. Ueber 10 000 streifen, müssen des tailerreichs werden durch einen einzigen gefchichtlichen Gedanken zu Jahr. ftreifen, 5000 tönnen nicht arbeiten, müssen feiern, aber sie miteinander verbunden. Heute empfinden wir noch viel mehr als So hat sein Sinn sich allmählich vermischt und mit ihm die marschieren! Aus allen Haustüren tommt ihnen Zuwachs. Die 1918, daß es ein Glüd für Deutschland war, daß wir uns endlich Grenze, die nur durch ein Schlagwort fünstlich aufgerichtet war, Alten marschieren, die Jungen marschieren, das Bolt marschiert. von diesem Wilhelm II. befreiten. Heute treiben andere Berbrecher die Grenze zwischen vermeintlich Bergangenem und vorgeblich Das Boll! Die anderen, die Geftrigen, stehen in ihren Zimmern ihr verderbliches Spiel mit der Existenz der Arbeiter. Wir müssen Neuem. Es ist die Entwicklung eines tnappen Jahrzehnts, von ber hinter den Gardinen. Bor zehn Jahren auch, damals mit 3ittern weiter fämpfen. Borwärts, marich!" hier bie Rede ist, und es ist gewiß, daß auch in der Mufif manches und Todesangst, heute mit dem Gefühl unbedingter Sicherheit. Aber neu und anders geworden ist, nicht genau seit dem 9. November. damals wie heute mit undurchdringlichen Scheuflappen. beffen zehnten Jahrestag wir heute feiern, boch in unverkennbarem Zusammenhang mit der allgemeinen, geistigen und gesellschaftlichen Erneuerung, die von der politischen nicht zu trennen ist. Aber was heute an neuen Musikbegriffen und werten von sich reden macht, das reicht in feiner Entstehung weit zurüd in die legten Bortr'egsjahrzehnte; deren Bild zeigte mehr ständige Beranderung, lebendige Bewegung im Wechsel der Erscheinungen mehr vielleicht, als heute der rüdschauende, allzu summarisch zu fammenfassende Blid einer gegenwarterfüllten Generation zu unter. Scheiben vermag. Die Stunft hat andere Lebensgefeze als die Bo litit, die neue Kunst entsteht nicht, wie ein neuer Staat entsteht: nicht durch einen Att der Enthronung. Auch die heutige Mufit ist Synthefe aus Bergangenheit und Zukunft; doch eben, es gäbe teine Bukunft ohne Anteil der Bergangenheit, aus der fie organisch wächst. „ Neue Musik? So wollen und müssen wir alles nennen, was die Ze't hervorbringt; wie sich's zur Beitgeschichte ordnet, das mag eine spätere Sorge sein. Die Angst vor Unzeitgemäßheit ist immer ein Zeichen der Schwäche gewesen, der Schwäche deffen, der fte hegt, aber ber Zeit, die sie gebiert. Der Künstler, ber feiner, die Zeit, die ihrer sicher geworden, wissen nichts von solcher Angst. Bei Klemperer und Furtwängler. Biel neue Mufif gab es in legter Zeit zu hören. Reulidh, bei Memperer, zwei Erstaufführungen; als bebeutfamere die von 3gor Straminftys Apollon Rufagets. Ein Ballett in zmei Ab teilungen; hier, ohne Bühne, nur vom Orchester geboten; nur vom Streichorchefter, auf das in diesem Wert der Haffer straußischer leppigkeit, der Artist der Astese sich demonstrativ beschränkt. Bor fäglich- bemußt fäßlich bewußt schreitet er fort auf dem Beg zu einer doch wohl mehr gewollten als gewachsenen, neuen Riaffizität"; aber die In dem weiten Raum der Messehalle trifft alles zufammen. Soviel feine weit geöffneten Tore auch verschlingen, es- will fein Ende nehmen. Ordner sorgen für Berteilung. In feierlicher Ge laffenheit füllt die Menge den Riesenraum, Kopf an Kopf, Schulter an Schulter. An der Stirnmand der Halle prangt auf breitem roten Band der Satz:„ Wir erobern bie Welt!" Hört ihr es, thr Gestrigen, ihr Untertanen? Left es ihr Ueberflugen, die ihr nirgends steht und niemals fällt! Feierlicher Orgelton leitet ein zum Requiem, finft denn zur Begleitung für den Sprecher herab und erhebt sich zu ber schmerz erfüllten und doch hoffnungsstarken Melodie Unsterbliche Opfer, ihr fanft dahin!" Bon den dumpfen Trommelwirbeln des Reichs banners wird die Kranzdeputation der Jugend langsam hin ausgeleitet. Hörte ich nicht eben ergriffenes Schluchzen? Wir ge denken eurer, ihr Gefallenen des Krieges und der Revolution! Die Hörner der Turner rufen in die Gegenwart zurüd und Grifars Gelöbnis, von Petersen gesprochen, wendet sich an die Lebenden. Die Bereinigten Männerchöre fingen Uthmanns Sturm". Dann spricht Reichstagsabgeordneter 21min Saenger. Freiheit. Siegfried Günther, übrigens auch, wie sich, zeigte, ein ausgezeichneter Pianist, hat daraus eine Effektnummer erften Ranges gemadyt. Und noch von einem Chor ist zu berichten: bem Sänger bund mährischer Lehrer, der anläßlich feines 25jährigen Sängerjubiläums unter dem Protektorat des tschechoslowakischen Gesandten im Bach- Saal tonzertierte. 55 Sänger, Dirigent Bro feffor Ferdinand Bach. Man weiß, auf welcher Höhe in ihrem Land Chorliteratur und Chorgefang stehen. Eine lieberraschung bennoch: Janacets, des jüngst Berstorbenen, 70 000". Ein Klaus Pringsheim. Nach dem Sprechchor fingen bie Bereinigten gemischten Chöre ,, Brüder, zur Sonne, zur Freiheit", doch als der Wechselgesang endet, wendet sich der Dirigent vom Chor ab und vereinigt Chor und Masse zu einer Einheit und nun brauft gewaltig, zwingend, erobernd durch ben Raum die leßte Sirophe: Hell aus dem dunklen Bergangen leuchtet die Zukunft hervor! Abmarsch, hinaus ins regendurchfeuchtete Dunkel. Alle Schleusen öffnen sich, aber das Bolfmarschiert! Born Reichsbanner in geöffneten Biererreihen. Trommeln, Pfeifen, Baufen, Massenschritt. Fahnen, Banner, Fahnen. Rot zu rot, das Bolt ist unterwegs! Plaß der Republit, historische Stätte, Springquelle der Revolution. Heute ziert ihn ein hoher roter Turm, und von seiner Binnen weht in Regen und Dunkel die rate Flagge. Die Fackeln leuchten, die Mufif schwenkt ein. Ein hohes Lied und ein Signal. Das Bolt ehrt seine rote Fahne, die Flagge der Menschheit. Ist der Mensch unterwegs? Später im Gewerkschaftshaus findet sich Kamerad zu Kamerad. Weißt du noch? Dann ziehen sie heim zu neuer Arbeit. neuen Rampf und neuer Hoffnung. Rot ist das Blut! Die roten Farben trägt jeder im Herzen, und sein Hoffen ist start. Und die Republik ist start. Auch an der Wassertante! non denen wir so oft gelesen, enttäuschen etwas in ihrer Berwirt lichung. Die mitwirtenden indischen Darsteller, besonders die Bajabere und der Fatir, find für uns natürlich viel intereffanter als die Europäer, die ihnen die Stichworte geben. Die mütterliche Dichterin. Gelma Lagerlöf- Feier. r. Ronfequenz des Stilmillens und die Kompromißlofigfelt feiner wahrhaft geniales Chorſtüd, unb eine schlechthin grandiose Chore fiebzigjährigen Selma Lagerlöf eine Feier statt. Brofeffor Durchführung sind gleich außerordentlich, die Beherrschung der Form ist es in diesem Wert der kleinen Formen nicht minder als Das Detail ber fehr durchfichtigen, durchgeistigten Arbeit. Doch auch eine Reigung zum Atademisch- Bebantischen mird ein wenig spür bar. Bon diesem starten Mufitergeift hoffen mir, hoß er sie über minbet Bei Craft Rrenet, bem piel Jüngeren, ist teine Gefahr bes Crftorrens in formenhafter Gebundenheit; in feiner Rleinen Symphonie" ift er bei ber außerften Gefinnungs- und Richtungs Tefigteit angelangt. Aber er mady bas mit Talent, und die Unter baltungsmufit, ber er nach bém verebbenden Mobeerfolg feines Jonny" entschloffen zusteuert, hat von ihm vielleicht noch über reichenbe Bereicherung zu erwarten. Bei Furtwängler: Tänze aus inbemiths Ruschi. Marfchi, einem ber brei Einafter, die vor ein paar Jahren, als sie heu waren, in Berlin leider nicht gezeigt worden find. Seither ift in Cardillac der Komponist ein anderer geworden. Aber in der Entwicklung des Jahrzehnts haben diese ersten Hindemith Opern ihren Blah, und als wirksame Nummer hat auch diese Tanzfuite ihren Blah im Konzertsaal. Sächsischer Abend. 1 Sächsisch- Zeitgenöffifches bietet ein Konzert, das Alfred in fultin im Bach- Saal mit dem Symphonieorchester veranstaltet. Der Dirigent Alfred Szenbrei ist in Leipzig musikalischer Beiter des Mitteldeutschen Rundfunts; ber Stongerigeber Solo Cellift des Rundfunforchesters. Und die Aufgeführten: Hermann Ambrosius, Theodor Wünschmann leben und wirfen als Romponisten in Leipzig, mit deflen Mufitleben audy Henri Ma arteau innig verbunden ist; Rurt Striegler ist als Rapellmeister der Dresdener Oper betanni und, wie es scheint, mit Recht befannter benn als Komponist. Unter den aufgeführten Werfen interessierte wohl nur das Cellolonzert von Ambrofius, wenn auch mehr burch gefonnte Arbeit als etwa burch persönliche Züge; aber der 3wed, dem Birtussen Gelegenheit zur Entfaltung zu bieten, wird durch Marteaus Konzert glüidlicher erfüllt. lnb ber Ronzertgeber erwies fich in beiden Berken als sehr achtenswerter Bertreter feines Instruments. Lieder. Es merden heute nicht viel neue Bieder geschrieben; nicht viele jebenfalls, die des Eingens wert erscheinen. Ohne Zweifel ein Mertmal der Gegenwart, wenn auch nur ein negatives, Unter benen, die sich um Erhaltung und Erneuerung der Gattung mühen, it Bernhard Blau, und er ist einer der Begabten. Das zeigt fich von neuem in fünf Gesängen nach Didytungen von Stefan George. Sie wurden in einer Matinee, die zugleich für den Dichter nachträgliche Feler feines sechzigften Geburtstags war, van 3oseph Degier gefungen, der sich auch diesmal als Liebgestalter von eigenem Buchs und starter Persönlichkeit bestätigte; der Eindrud, beffen Mittler er wurde, widerlegte jeden Zweifel, ab diefer Dichter lomponierbar ist. Die Frage, welche Gebidhte fomponiert werden follen oder dürfen, ist so alt mie müßig: fie fann mir von dem Mufifer beantwortet werden, ber fle zwingend löft. Chor. Neue Mufir" muß nicht allemal beißen: neu gefchaffene Mufit. Jebenfalls nicht auf dem Gebiet des Chorliedes; gewiß nicht bes Boltstiebes. Bas hier nottut, find neue Bearbeitungen, und dieser bringenbften Not mir heute burch die Arbeiten des DAS B. plan mäßig und mit schönem Erfolg gesteuert. Unter dem Titel„ Das Lieb der Böller" brachte der Berliner Uthmann- Char in leinem letzten Konzert Boltsweisen von fern und nah, in neuer Formung zum größten Teit, und es war eine der glücklichsten Ber anstaltungen des Arbeiter- Konzertwinters; der Chor in weit besse er Berfaffung mun, als im vorigen Jahr: bas Pragronum mit in ftrumental foliftifden Beiträgen, reichhaltig und anregend, ber Bei fall non größter Herzlichkeit. Zugabe:„ Brüder, zur Sonne, aur leiftung. Der Ring der Bajadere." Mozartfaal. ..Manif, der Estimo" hat uns zum erstenmol bemiesen, was ber Film in der anschaulichen Darstellung frember Menschen unb ferner Länder leiften fann. Hier erlebten mir mirtlich bas tagsleben eines Brimitiven mit. Der Film hat manche ethnographische Nach folger gehabt, aber tainer hat ihn erreicht. Spla reugberg fuchte uns die Herrlichkeiten Balts zu erschließen; jest it fie von einer indischen Expedition mit 40 000 meter Film zurückgekehrt Der Ring ber Bajabere ift bie erfte Brabe banon. Diesmal it die Bilderfchau durch eine Spielhandlung eingerahmi. Ein funger Europäer, her zu Besuch nach Indian fommt, steht mit steptischen Augen die Borführungen eines Fafirs, bie Bunder bes Mango boumes und des in den Himmel geworfenen Taus. Er bleibt fpöttisch, da hypnotisiert ihn der Blid des Fafirs, und er erlebt in Traum erstaunliche Abenteuer mit einer Bajadere, fiebt ben schwarzen Tod wüten, nimmt teil an den rauschenben Festen und Aufzügen| eines Maharadscha und erlebt die Senfationen einer Tigerjagb. Die Bilder, die uns dieses Boltsleben, die Bracht der Tempel, hen Brunt des Fürstenhofes und das Unheimliche des Dschungels nor führen, find vortrefflich. Man möchte noch mehr davon und hätte dafür gern auf die Handlung verzichtet. Die Bunber bes Batirs, 5. Extraausgabe 3m Grotian Steinmeg Saal fand zu Ehren der Dr. Balter A. Berenbjohn schilderte in einer Würdigungsrede bie Dichterin, mie er fie auf einer Reise durch die standinavischen Bänder erlebte. In Kopenhagen und Stodholm mohnen Frauen. mit denen Selma Bagerlöf felt ihrer Jugend befreundet ist. Hier ging ar ben Spuren der Dichterin nach. Elisabeth Grundtorg. bie Enfelin hes Begrünbers des dänischen Bolkshochschulmefens, fennt Selma Lagerlöf bereits seit ben Tagen thres ersten Dichter ruhms, ben ihr bie Geschichte vom Leben Gösta Berlings brachte Eine teine, durchaus nicht nur lobende Besprechung des literatur gewaltigen Georg Brandes machte damals das Buch ber Schwedischen Lehrerin in ganz Europa popular. Es war fein Eintagsruhm. Auf ihrem Geburtshof Barbada, wo ble Dichterin heute wieber lebt, besuchte Brof. Berenbjohn fie. Stody wie einst. ba fie für die Teilnahme der Frauen an der Bolitif fämpfte, nimmt Selma Bagerlöf an dem Leben in der Welt teil. Ihr Eintreten für bie Striegsgefangenen, für die unterernährten Kinder wird ihr ewig unpergeffen bleiben. Heute streitet sie für ein Ziel: den Belt frieben, den die Frauen, ble Mütter der Erde erschaffen helfen follen. Ernestine Münch beim gestaltete anschließend an den Bortrag einige Rapitel aus dem neuesten Wert der Dichterin. Shaw im Rundfunk. Nachbem Bernard Shaw türzlich die Biebergabe seiner etüde im Rundfunk gestattet hat, werden demnächst einige seiner Berte in ben beutschen Sendeprogrammen erscheinen. Den An fang werden Berlin mit Burüd zu Methusalem!", Frantfurt a. M. mit„, Candida" und Röln mit der Helligen Johanna" Sonnabend, den 9. November 1918. machen. Vorwärts Berliner Dolksblatt. Bentralorgan ber fozialbemakratifche Partet Deutfchlands Reichstag Berlin. den 9. November 1918. An alle Militärpersonen von Groß- Berlin! Der Solbateurat tagt im Reichstagsgebände Zimmer 17. Vorläufiger Borsigender: Baumann, Regt. Augufta, 7. Romp. Stellvertreter: Pommer, Regt. 95, 2. Romp. Gelberg, 2.6ude- fuß- Irtillerie Regt., Garnifan- Batterie. Soldaten bleibt in Euren Rafernen, Ihr werdet dort verpflegt. Zapfenstreich 10 Uhr. Bir bitten Euch in Interesse unserer großen Sache Ruhe und Ordnung zu halten und den Soldatenräten in den Rafernen unbedingt Folge zu. leiften Vorstehendes genehmigt. Eigenhändige Unterschrift: Benwann. Bammer. Charles Gelberg. Gegengezeichnet: Göhre, Freier Museumeeintritt für Künstler. Auf Anregung des Kultusministers Dr. Beder haben sich hie beutschen Kunstnerwaltungen bereit erklärt, die mit Lichtbild Der lehenen Mitgliedstarten des Reichsverbandes bilbender Künstler Deutschlands als genügenden Ausweis zum freten Eintritt in die Staatlichen Museen und Schlösser gelten zu lassen. Auch die meisten Berwaltungen der nichtstaatlichen Museen und die Mehrzahl der außerpreußischen nichtstaatlichen Museenverwaltungen sind bereit, den Berbandsmitgliedern die gleiche Bergünstigung zu gewähren. " Beiratsfieber." Primus- Palast. In diesem Film ist man auf die unbegründetste und oberfläch lichste Art und Weise fuftig. Aber ba man wahrhaft übermütig luftig ist und zum Schluß mit einem ganzen Schod verlobter Paare aufwartet, ist auch das Publikum befriedigt, das durch den Filmtitel Don vornherein auf allerleichteste Roft vorbereitet wird. Rudolf Walther Fein ist ein Mann von gutem Geschmac und seine Regie veranlaßt die Darsteller zu leichtem, fröhlichem Spiel. Im Mittelpunkt steht Maria Paudler. Sie ist frisch, anmutig, drollig und, wenn's fein muß fofett. Ein guter Partner ist ihr Friz Rampers, ben feine Eifersucht mit Explosivstoffen nahezu überläbt. ans Juntermann ist unnadhahmlich als vertrottelter Graf. Freilich sieht man ihn in diefer sich stets gleich bleibenden Rolle zu oft. Dasselbe gilt von Bivian Gibson, bie bereits ein feststehender Mondanentyp ist. Humboldt- Hochschule. Prof. Dr. B. Ramme, Kuftos am 8ool Rui, der Universität, ipricht am Sonnabend, 20 Ubr, in der Dorotheenstraße 12 über 3m Schatten des Ararat".( Mit Lichtbildern). Die Berliner Sezeifion eröffnet die Kollettiv- Ausstellung von Berlen Rari boiers, die fie gemeinschaftlich mit der Galerie Flechtbeim veranstaltet, am Eonnabend, 14 Uhr, in ihrem Hause, Tiergartenstraße 21 a. Die englische Matinee im Deutschen ünfttertheater bringt Sonntag. 11.13 or, The Clod"( Die Scholle). The Man in the Stalls und ben Detallisjogwant: The Grand Obam's Diamond". Theater, Lichtspiele usw. metropol- Theater Freitag, d. 9. 11. Staats- Oper Unter a. Linden 12 Uhr: SinfonieMittagskonzert 20 Uhr II. Sinfonie Konzert Staats- Oper Am Pl.d. Republ. R.-S. 183 20 Uhr Die heimliche Ebe Freitag, d. 9. 11. Städtische Oper Bismarckstr Turnus III 20 Uhr Tosca Staatl. Schauspielh. Am Gendarmenmarkt A.-V. 197 20 Uhr Egmont Staatl. Schiller- Theater, Charitbg. 20 Uhr Der Londoner verlorene Sohn SCALA 8 Uhr B 5. Barbarossa 9256 Jack Hylton, der unumstrittene Jazz- König Europas, mit seinen 18. Solisten und weitere zum erste Male in Berlin auftretende internationale Stars. 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Schiller- Th. 8 Uhr Der Lon'oner verlorene Sohn Staatsoper am Platz der Republik 8 Uhr Die heimliche Ehe Th. am Schiffbauerdamm Täglich 8 Uhr Die Drei- GroschenOper Paulsen, Valetti, Ander, Gerron, Schaufuß, Kühl, Lenja. elephon: Horden 1141.281 Die Komödie Bismarck 2414/7516 8% Ende 11 Uhr Eltern und Kinder Komödie Kurfürstendamm, Ecke Uhlandstraße Bismarck 448 u. 449. 8 Uhr, Ende gegen 11 Die Verbrecher Schauspiel von FerdinandBruckner Kammerspiele Norden 12 310 U. Ende nach 10 „ Ehen werden im Himmel geschlossen!" Komödie vonWalter Hasenclever HALLER- REVUE ..Schön und schick" Th. im Admiralspalast Täglich 81 Uhr Sonntag 2 vorstellungen 3 Uhr u. 81% Ubr. Nachmittags die ganze Vorstelle. za halben Preisen Thalia- Theater Dresdener Str. 72-7. 8 Uhr Schneider Wibbels Auferstehung Henckels. Grodtczinski. Schüttrich Dokument R von changhai Der aktuellste Film der Gegenwart Uraufführung Freitag, den 9. 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November die Vertrauensmänner der Sozialdemokratt« in den Räumen des Parteioorstandes und einmütig kam der Entschluß zum Ausdruck, sich an die Spitze der Arbeiterschaft zu stellen und die Revolution möglichst schnell und unbluttg zu vollziehen. . Die milttärischen Befehlshaber hatten am 8. November die Be- Hoffnung der in Berlin ansässigen Neserveofftzier« durchgeführt. �le hatten in aller Eile Truppen nach Berlin zusammengezogen, die chnen als besonders zuverlässig gallen. So konnte nicht daran ge- Zweifelt werden, daß sie entschlossen waren, eine Bewegung gegen die Monarchie auch im Blute zu ersticken. Noch während unserer Beratung im Parteivorstand erschien in der grauen Morgenstunde d» 9 November eine Deputation von Angehörigen des Naumburger Jägerregiment#, das man als besonders zuverlässig gegen die Ber- iiner Arbeiter einsetzen wollte, und forderte mich auf, in ihrer Kaserne über die politische Lag« zu sprechen. Wie die Truppen chre Führer innerlich zu der Bewegung standen, war mir un. bekannt. Aber ich wußte, daß der Tag die Arbeiterschaft auf den Jtroßen Berlins sehen würde, und ein Befehl der militärischen stellen den Bürgerkrieg bedeuten würde. Als ich im Kasernenhof erschien, waren 30V0 Mann mit ihren Offizieren versammelt. Au ihnen sprach ich. klärte sie über die allgemeine polltische und mill» tarisch« Lag« auf. Am Schluß meiner R�de beschwor ich die Truppen. «nem Schießbefehl keine Folg« zu leisten und dem Volksstaat den Weg zu ebnen. Ich wußte nicht, wie jener Appell für mich ausgehe« würde, aber kein Offizier hob die Hand, kein Laut wurde vernehm- bor gegenüber der stürmischen Austimmung, die meine Rede fand: -MM) Soldaten waren mit einem Schlage für die Sache der Arbeiter- ichast gewonnen. Wie ein Lauffeuer verbreitet« sich diese Nachricht durch die Stadt und vor allen Dingen in die anderen Kasernen. Bold war die ganze Berllner Garnison auf feiten des Volkes. <«»» einem in der deutigen Rummer de« Londoner.Doli, Herald- erscheinenden Artikel üder den 9. Rooemder.) Wilhelm Ditimann: Ein historisches Dokument.— Mit wochenlangen dtutigen Kämpfen hatte ich damals 9»- rechnet. Mir fehlte in srnen Tagen die richtig« Einfühlung in die politische Atmosphäre. Vinn ZI. Januar 1918 an war ich in Hast gewesen, in der ich nach dem Urteil des Außerordentlichen Krieg». goricht» S Jahre lang hatte bleiben sollen. Acht Tage vor Lieb- lnecht. am IS. Oktober, war ich auf Anordnung der Regierun« aus d«r Festungshaftansdalt in Groß-Str-Hlitz in Oberschlesien«nt» lasten worden. Sieben Riefenoersammlungen im Rheinland und aine m Hamburg, von der dort die Revolution ausging, hatte ich '"zwischen abschalte«. Aber die internen Vorgänge in Berlin wahrend des letzten Jahres waren mir fremd geblieben, daher hall« ich kein sicheres Gefühl für die Beurteilung mancher Vor. gönge, Auffastungen und Personen. Am Nachmittag des 8. November war ich mit Ledebour vom Zentralbureau der USPD. zu einer Sitzung im Reichstag gegangen. aar und hinter uns Polizeispitzel. Luise Zieh berichtete uns gleich darauf im Reichstag, daß Däumig auf der Marschallbrücke von ihrer Seite weg verhaftet worden fei. Bald hieß es. auch Lieb- knecht und Barth seien oerhaftet, was sich erst noch Stunden als falsch erwies. Wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht von Däumigs Verhaftung in den Großbetrieben und Arbeitervierteln verbreitet. Das Maß war voll. Es lief über. Am anderen Morgen war die Revolution da. Ledebour. Bogtherr und ich hatten in unseren Arbeitszimmern im Reichstag übernachtet. Schon zwischen ■5 und 6 Uhr früh waren wir all« drei am 9. Rovember aus den Beinen und blieben es ununterbrochen bis zum späten Abend. Bold kamen Nachrichten aus den Betrieben, daß�die Arbeiter auf die Straße gingen, aus den Kasernen, daß die Soldaten sich mit den Arbeitern verbrüderten. E» war kein Aweisel mehr: das wardieRevolutionl Gegen l0 Uhr kamen Eberl. Damd in» Scheidemann in das Fraktionssekretariat der USPD. und fragten, ob wir bereit seien. mit ihnen gemeinsam die Regierung zu bilden. Als David auf unsere Frage nach der Staotssorm ein« Regentschaft für den ältesten Sohn de» Kronprinzen als immerhin möglich hinstellt«. siel ihm Ebert mtt der Bemerkung in» Wort:.Das ist Davids Brivotmeinung/ Da Ledebour als der ein« Parteivorsigend« der USPD. sich weigert«, zu verhandeln und nur Informationen«nt. Fegennehmen wollte, und da der andere der beiden Parteivorsitzen» h«n. Hugo Haase, in Kiel weilte, konnten wir Ebert. David und Scheidemann kein« bestimmte Antwort geben. Inzwischen wurde Überall von den monumentalen Gebäuden und Denkmälern herab SU den Masten der Arbeiter und Soldaten geredet, die Abdankung des Kaisers mitgeteill und die Republik ausgerufen, sicherlich von Mehreren Dutzend Rednern zu gleicher Zeit. Auch wenn sie in Berlin niemand ausgerusen hätte, wäre die Republik dagewesen, sie lag ebenso.in der Lust' wie die Revolution, zumal sie außer- halb Berlins ja im ganzen Reich schon zur Tatsach« geworden war Gegen 2 Uhr nachmittags erkundigten Oskar Cohn. Vogtherr und ich uns in der Reichskanzlei bei Ebert nach dem Stand der Dinge und erklärten unsere grundsätzliche Bereitschaft zur Bildung«mer paritätischen Regierung. Schließlich wurden Hoase— der noch nicht von Kiel zurück war—. Emil Barth und Karl Liebknecht °l» Vertreter der USPD. sür die gemeinsame Regierung bestimmt. von der SPD. Ebert. Scheibemann und Landsberg. Karl Lieb. knecht und Scheidemann unterzeichneten als Mitglieder der eben gebildeten Regierung gemeinsam ein Schriftstück, das den Ham- burger USPD.-Vorsitzenden Paul Dittmann. meinen Bruder, beauk- trazte. auf dem schnellsten Wege Haas« von Kiel nach zu holen; Syaa- Ca, t-i.n um 8 UHx abends an. Da- odh toechl»» Scheidemann am Revolutuastag»»rnaiaia» tmtu» zeichnete Schriftstück ist«in interestantes historisches Dokument. Liebknecht wurden in der Nacht vom S. auf den 10 November von seinen Spartakusfreunden die heftigsten Vorwurfe wegen seines Eintrittes in die Regierung gemacht. Er trat deshalb am Morgen des 10. November wieder zurück. An seiner Stell« wurde ich von meinen USPD.-Freunden in die Regierung geschickt. Di« große Versammlung der Arbeiter- und Soldotenräte im Zirkus Busch am gleichen Tage bestätigte die neue Regierung der sechs volksbeauf- tragten. So kam die erste Reoolutionsregierung zustande. Philipp Scheidemann: Keiner war zn sehen... Unauslöschlich hat sich in mein Gedächtnis die Tatsache ein» geprägt, daß am 9. November 1918 die Feinde der Arbeiterschaft wie vom Erdboden verschwunden waren. Keiner der„Eroberer". keiner der„Kaisertreuen" war zu sehen. Kein Monarchist sprach«in Wort zugunsten Wilhelms II., geschweige denn, daß einer für seine monarchisch« Ueberzeugung den Degen gezogen hätte. All« waren wie weggeblasen. Das war ein Tag.«inen neuen Staat zu zimmern! Ebenso unauslöschllch ist das Bild in meinem Gedächtnis hasten geblleben, das sich am Morgen des 9. November in der Wandelhalle de» Reichstags bot. Hunderte Spartatusanhäng«, die meisten Säbel und Revolver an der Seit«, hatten die Gewehre in Pyramiden Reichstag iß- /AAx/t' /VUA. /1S(.'Z. aufgebaut. Sie schimpften ans die SPD. im allgemeinen, auf mich im besonderen. Als ich dann durch ihre Reihen schritt, vom Speise- saal, in dem es nichts zu speisen gab. zum Lesesaal, klangen mir in rauhen Tönen horte und häßlich« Worte in die Ohren. Wenn die Spartakisten gewußt hätten, zu welchem Zweck ich einem Fenster im Lesesaal zustrebte, würden sie mich wahrscheinlich nicht nur be- schimpft haben. Sie wollten m e h r als«in« demokratifch« Republik. der wir sozialen Jnhall geben wollten; st« verlangten„alle Macht für die Arbeiter- und Soldatenräte". Um es ganz deullich zu sagen: sie wallten au» Deutschland«ine russische Eowjetfilial« machen. Wenn es nicht gelungen ist, am 9. November 1928 mehr und bester«« zu schaffen, als geschaffen worden ist. so ist es doch möglich gewesen, da« bolschewistisch« Unglück von Deutschland fern zu hatten. Politisch gesehen wäre das allein schon«in wertvolles Resultat gewesen. Frtadridi Stampfer: Ebert nnd die Republik. Am Rochmittag des 9. November besucht« ich Ebert in der Reichskanzlei. Im Vorzimmer traf ich den Prinzen M a x. der sich soeben verabschiedet hatte. Ich fand Ebert. wie in den Tagen vor. her, ganz von dreifacher Sorg« beherrscht: Sorge um«inen raschen, möglichst erträglichen Frieden. Sorge um die Volts» ernährung. Sorge um die Erhaltung der Einheit des Reiches. Ich hatte den Eindruck, daß Ebert für sein« persönlich« „Erhebung" gar kein Gefühl hatte. Nichts war diesem Mann wesensfremder als eitle Selbstbespiegelung. EPhatte auch nicht den Bruchteil einer Sekunde Zeit, an sich selber zu denken. Durch die Ereignist« der ersten Nooembertage war ein« Frage entschieden, die uns in den Wochen zuvor aufs stärkst« bewegt hatte: die Frage der zukünftigen deutschen Staatsform. Ueber die Forderung nach der Abdankung Wilhelms II. hatte es keine Meinungsoerschiedenheiten gegeben, ebensowenig darüber, daß De>;;jchland nur noch als Demokratie mit gleichem Wahlrecht für olle Vertretungstörper und parlamentarischem System existieren Ktibftoarstandllch«am«ir alle RexublUan«. Qabes de» Grad des Widerstandes, den die Monarchisten leisten würden, waren wir nicht klar;«in Bürgerkrieg aber nach dem Kriege hätte nicht nur die Friedensaussichten verschüchtert, sondern auch ein Millionensterben durch Hungersnot und vielleicht den Reichs- zerfall zur Folge gehabt. Wäre es zur Vermeidung so furchtbarer Folgen notwendig gewesen, so- hätte sich Ebert damit abgefunden, daß'ein lächerlicher Fetzen von Monarchie hängengeblieben wäre. Die Existenz irgend- welcher gekrönter Repräseittanten ohne politischen Einfluß hätte den Ausbau Deutschlands als Demokratie nicht unmöglich gemacht, seinen Aufstieg zum Sozialismus nicht aufgehalten. Deutschland war aber für die Republik reifer, als Ebert oder irgendeiner von uns gewußt halle. Ebert hatte die endgültige Entscheidung über die Staatsform der konstituierenden National- Versammlung überlasten wollen, weil er so den Bürgerkrieg um die Staatssorm am besten vermeiden zu können glaub:«. Dah er, wie wir alle dann � den Wahlen zur Nationalversammlung für die Republik«ingetreten wäre, versteht sich von selbst. Die Entscheidung der Nationalversammlung wurde jedoch durch die Ereignist« vorweggenommen. In den ersten Novembertagen des Jahres 1918 zeigte kein Mensch in Deutschland den Willen, etwas zur Erhaltung der Monarchie zu tun. Es zeigte sich, daß der Bürgerkrieg zwischen Republikanern und Monarchisten nur ein Schreckgespenst unserer Phantasie gewesen war. Es gab keinen Menschen mehr in Deutschland, der bereit war, für die Monarchie zu kämpfen! Ebert hat im November 1918 ohne Eigenliebe und Eftelkeft als vorsichtiger Staatsmann gehandelt, der sich desien bewußt war, daß das Handeln der führenden Männer über Leben und Tod von Millionen Volksgenossen entschied. Mit der Tat- fach«, daß es in Deutschland überhaupt keinen Willen zur Monarchie mehr gab, hatte er freilich nicht gerechnet, und so ist der einzige Vorwurf, den man ihm machen kann, der, daß er vielleicht im Gefühl seiner ungeheumn Veraittwortting zu vorsichtig gewesen sei. Deswegen war er aber doch in keiner Stunde ein schlechterer Republikaner als sanft irgendwer. Und für die Republik hat dieser schlichte, sachliche Mann, dem alle Phrase und Pose zuwider war, dann mehr geleistet als irgendeiner von uns! Luise Kautsky: Auf dem HaupttelegraphenamL Bon lebhaft dahinwoaenden Menickenmengen mitgerissen., vorbei an Panzeraittos. die dicht unt jubslnden Soldaten und Matrosen besetzt, mit unzähligen roten Fähnchen geschmückt, durch die Straßen rasen, finde ich mich mtt Mann und Sohn am Fuß der Reichstags- trepp« zum Portal II mitten im dichtesten Menschengewühl. Keine Möglichkett. hinaus- oder gar hineinzukommen. Da öffnet sich das Portal und es erscheint ein« Anzahl bekannter Genossen, die, uns erkennend, der die Stufen belagernden Menge zUrufen: Macht Platz für die Genossin Kautsky l Das bahnt uns den Weg, und wir betreten das Reichstags- gebäude. Drinnen ein ungewohntes Bild, alles wimmelt von Soldaten, dazwischen durchschwirren wie aufgescheucht« Riesen- schwärm« Gruppen von heftig gestikulierenden, ausgeregten Menschen alle Gänge, all« bekannten Genosten sind dort und weisen uns den Weg zu dem Raum, wo die Fraktionen der USP., der SPD. und die Spartakusleute miteinander beraten. Mein Mann verschwindet in dem Saal, mir wird von heran- eilenden Genosten fliegenden Atems ein Situationsbericht gegeben. Auch mein Mann kommt zurück, um mich über den Stand der Ver- Handlungen zu informieren; er berichtet, dah Scheidemann zu er- fahren versuche, auf welcher Basis Äorl Liebknecht zu einem Eintritt in die Regierung gesonnen sei... Währet« diese Verhandlungen im Saale weitergehen, eill ein mir unbekannter Genosse durch den Gang, der laut in den Tumult hinein nach Genossen ruft, die fremde Sprachen beherrschen. Ich melde mich sofort und erfahr« von ihm, der sich mir als Genoste Münster vorstellt, daß es gelt«, ins Haupttelegraphenamt zuverlässige, sprachkundige Genossen zu dirigieren, die verhindern sollen, daß dieser ungemein wichtige Posten von Reaktionären besetzt blieb«. Mtt Freuden bin ich sofort dazu berett, dies« Aufgabe zu über- nehmen und werde alksogleich von Münster auf ein vor dem Reichstag haltende« Lastauto hinaufgebracht, das so voll von waffen- starrenden Soldaten ist, dah meine Füße kaum Platz finden und ich mich mehr schwebend als stehend auf die starken Soldatenarme stützen muß, die sich mir hilfsbereit entgegenstrecken. Ueber den Wilhelmplatz, über de« Gendarmenmarkl rattert das Auto zum Haupttelegraphenamt in die Französische Straße. Am Ziele angelangt. werde ich vom Genossen Münster sogleich in meinen neuen Wirkung»- kreis«ingeführt und find« dort schon«ine ganz« Anzahl von Ge» nosten der USP., der SPD. und äußersten Linken einträchtig bei» sannnen, die sich mir als der Arbeiter- und Soldaten rat des Berliner Hauptelegraphenamte» präsentieren und mich zu meinem Erstaunen sofort mit der Lettung der Geschäft« betrauten. Zuerst gitt es. die bisher dort amtierenden milttärischen Zensoren, etwa fünfzig an der Zahl, zu verabschieden, was von diesen Herren höchst ungläubig und ungnädig aufgenommen wird; dann Bekanntschaft und Ansreundung mit den Postlern, die alle dienstbereit und gefällig sind. Und dann an die Arbeit, die bergehoch der Erledigung harrt. Alle die un- zähligen Telegraiinn«. die sich angehäuft haben, müsien gelesen und geprüft werden, dazwischen ertönen unausgesetzt die schrillen Fern- rufe aus allen Teilen Deutschlands, die angstvollen Anfragen nach den Borgängen in der Reichshauptstadt, in Scharen kommen die Vertreter der auswärtigen Press«, um sich zu informieren, um zu erfahren, ob ihnen durch die neuen Berhälmiste in ihrer Bericht- erstattung etwa Schwierigkeiten erwüchsen und um uns ihrer Loyalität zu versichern— kurz, es herrscht ein Tohuwabohu, das «ine Atmosphäre fieberhafter Unruh« erzeugt. Dennoch fühl« ich keine Ermüdung, im Gegenteil, alle Lebens- geister sind gehoben, sind befeuert. Ich und wir alle, die vom Zufall zusammengewürfelt, un» hier zum gemeinsamen Werk gefunden hgben, fühlen unbewußt, daß uns ein Streben eint, ein Gedanke befeett: wir wollen mu den allen Gewalten aufräume» und einer tzm P)eg bahndi, -S)rei flahre in Soti'lelrußlmid Erlebnisse eines deutschen Jlrbeilers. (4. Fortsetzung.) Am frühen Morgen wollt« ich mir etwas zum Essen Kaufen. Mein Kleingeld reichte nicht, und ich nahm mein Nerbandsbuch heraus, um den Zehnrubelschein wechseln zu lassen. Aber er war verschwunden. Ucbcrzeugt, datz nur der GPU.-Mann das Geld an sich genommen haben konnte, ging ich sosort zum Natscholnik, legte ihm den Fall dar und verlangte den Gendarm zu sprechen. Jedoch der Natschatnik, der die Wache hatte, wollte von nichts wissen, und ich tonnte auch nicht erfahren, wo ich den Gendarmen hätte finden können. Die 10 Rubel sah ich nie wieder. Solche Fäll», sind in Sowjetruhland bei Verhaftungen nicht selten. Di« Sowjetpolizei und Gendarmerie ist zwar zahlreich, wird aber schlecht bezahlt. Als ich in der Wolgarepublik im Jahr« 1925 mit Schutzpolizisten sprach, hatten sie mir persönlich geklagt, sie bekamen 19, 20, 22 Rubel monchlich ohne Esten, nur die Kleidung wird geliefert, sonst aber nichts. Im Donezgebiet hatte ein älterer GPU.-Gendarm 32 Rubel monatlich, dabei war er verheiratet und hatte Kinder. In Moskau bekommen sie mehr, aber nicht soviel, datz sie auskömmlich leben können. Ich will abbauen.- Es gelinat nicht. Die trüben Erfahrungen, die ich in Sowjetrußland mochte. trieben mich von einer Stelle zur anderen. Meinen letzten Versuch unternahm ich nach der Krim, weil es mir da noch am besten ge- fallen hatte. Jedoch die Arbeitslosigkeit hatte sich sehr verstärkt und man bot mir so geringe Löhne, das) ich in Deutschland als Arbeits- loser bester daran gewesen wäre als in Sowjetrutzland mit dieser schlecht bezahlten Arbeit. In Sewastopol wollte mich«in englisches Schiff mitnehmen mit 23 Pfund Sterling monatlich: der Kapitän verlangt« aber einen Ertaubnisschein der GPU. Trotzdem ich mutzte, daß daraus nichts werden würd«, versuchte ich es doch noch einmal. Der Leiter der GPU. gab mir einen versiegelten Brief und schickte mich noch Simforopol. Dort war«s wie immer, man Uetz mich nicht aufs Schiff, jedoch bekam ich«inen Brief zur elektrischen Stadt- zentral«, um dort als Mechaniker angenommen zu werden. Ich wurde aber mit meinem Brief wi«der zur GPU. zurückgeschickt. Der Leiter der elektrischen Stadtzentrale erklärte, er könne seine Leute nicht entlasten, um mich«>, zustellen. Man Uetz mich nicht nach Deutschland zurück, in meiner Spezialität als Mechaniker bekam ich keine Arbeit, und wo ich sie bekommen hatte und 100 Rubel ver- dienen konnte— wie in Odessa—, da lieh man mich nicht leben. Ich habe nicht mehr lange gebettelt, sondern machte mich zu Futz nach Ialta auf. Dort ging ich zum chafenkapitän und bat ihn. mit dem Schiff nach Noworosyjk mitfahren zu dürfen. Mein Plan war, von dort mit dem ersten besten Dampfer abzuhauen. Die .Hauptsache war mir, wieder aus Sowjetrutzland herauszukommen. Ich kam auch in Noworosyjsk an und begab mich zur RKP., um eine Unterstützung zu erlangen. Ein Hausen junger Leute hörte mich an. Schlietzlich schickte man mich herunter in die Moper. Der Vorsitzende war nicht da und der Sekretär setzt« auf meine» Wunsch ein Protokoll aus. Endlich kam der Vorsitzende und ich machte ihm mein Verlangen noch Arbeit klar. Sofort braust« der sunge Mensch auf, ich könnte Arbeit bekommen, wenn ich nur wollte. Ich sagte, kotz ich da« ganz genau wützt«, daß ich aber nicht Lust hätte, für diesen geringen Lohn zu arbeiten, sondern den Lahn beanspruche, dir mir Im Jahre 1924 in Deutschland vorgeschwindelt worden war. Ich blieb bei meinem Standpunkt, keine Arbeit in Sowjetrutzland für den Hungerlohn anzufasten. und verlangte, datz man mich nach Deutschland zurückfahren last«. Ich wurde nach der Patzabteilung geschickt und ahnt« ungefähr, was mir nach diesem Ausammenstoß bevorstehen würde. In der Paßobteilung verlangte der Natschatnik meine Papier« mit der Begründung, er könne mir von sich aus die Erlaubnis zur Rückreise nicht erteilen und müßte erst mit einem anderen Genosten darüber sprechen. Darauf schickte er wich in die Stadt, noch zwei Stunden sollte ich wiederkommen. Als ich zurück» kam, stand schon ein Posten bereit, mich nach der GPU. abzuführen. Dort fand ein kurze» Verhör statt und mir wurde erklärt, ich mützte zwei bis drei Tage dableiben, bis meine Papiere au» Bachmuth kämen. Ich sagt«, daß dies nicht drei Tage, sondern mindesten» vierzehn Tage dauern werde, weil sich die Herren in Sowjetrutzland zu solcher Sache viel Zeit lasien. Er lochte nur dazu und Netz mich abführen. In den Klauen der GpLl. Unten im Keller sah ich viele Soldaten mit aufgepflanzten T«itengewehren. Mir wurde alle» abgenommen. Sogar das Futter meines Rockes hat man aufgerissen und durchsucht. Ich kam in ein kleines finsteres Kellerloch, da» mit Menschen vollgepfropft war. Es war wie in einem Neinen überfüllten Versammlungslokal. Man konnte sich nicht rühren. Die Wände waren mit Wanzenbiut de- malt. Ich fragte die Leute, was sie denn verbrochen hätten, ober jeder erzählte mir, er wisse e» nicht. Es interessiert« mich, wie lange sie schon festgehalten würden. Die Antworten waren ver» schieden. Sie sagten, bis zu drei Monaten könne man sie nur fest- halten, aber verschiedene seien schon einen Monat darüber hinaus da. Am nächsten Tag bekamen wir Mittagessen: eine kleine Schüstel voll für 23 Mann. Lössel gab es nicht, alles atz au» dem Gemein- ichaftstops. Es waren zwei Kranke darunter mit syphilstischen Ausschlägen sowie mehrere schwindsüchtige alte Leute. Ich atz zehn volle Tage mm da» Stückchen Brot, das wir bekamen, weil mich alle» andere anekelt«. Solche„Kultur" war ich doch nicht gewöhnt. Ich schrieb viel» Gesuch« nach oben, ich machte die Herren Kommunisten daraus aufmerksam, daß ich doch kein Stück Vieh sei. aber es kam keine Antwort. Endlich noch zwölf Togen waren meine Papiere aus Bachmuth angekommen, und ich wurde vorgeführt. Oben im Zimmer standen vier Kommunisten und guckten mich an. als wenn sie mich fresten wollten. Der Untersuchungsrichter gab mir«in kleines Quartblatt, auf dem mit Maschinenschrift mein schwere» Verbrechen oerzeichnet war, das sollte ich unterschreiben. Ich wollte aber nicht unter- schreibe«, ohne zu wisten, was auf dem Papier stand. Man las es mir in russischer Sprache vor und fragte mich, ob ich e» verstanden hatte. Ich ktejahte, weigerte mich aber zu unterschreiben und erklärt«. datz ich kein Spion und kein Agitator sei, wie es da auf dem Papier steh». Ich müste unterschreiben sagt» man mir in scharfem Ton. Mir ritz die Geduld und ich rief: „Geben Sie her!" Ich nahm die Feder in die Hand und schrieb unter die Maschinen» schrisi:„Ich. Lorenz Phimeister, spuck« auf Eure Lügen und verachte die Gemeinheiten der Sowseijustiz." Dann setzte ich meinen Namen darunter- Kaum war ich mit der Umerfchrfit fertig, da sprang einer öuf mich los. ritz mir. die Feder au« der Hand und fragte mich, wo« mir einfalle. Ich sagt«, ich habe unterschrieben, und sofort wurde ich wieder abgeführt. Mit bösen Blicken sahen mir die Leute noch. VI«. Unschuldig im Gefängnis. Zwei Tage später wurde ich in das Nooorosgjster Gefängnis abtransportiert, tn das sogenannt« Sprawdom(Besserungsanstatt). Drei Soldaten mit Bajonett waren in meiner Begleitung, al» ob ich dos ganze Sowjetrutzland verkauft hätte. Im Nooorofyjsker Gefängnis gab es Kammern, in denen in Friedenszeiten je zehn Mann gesessen hatten. Ih kam auf Kammer III, die beste und sauberste Kammer. Wir waren dort 46 Mann und man konnte sich gerade so richtig umdrehen. Zum Schlafen bekamen die frischen Zugänge immer die schlechtesten Plätze und ich lag direkt mit dem Kopf an der Latrine, die aus einem halb abgesägten Faß bestanid. Ein Gestank, nicht zum Aushalten, wenn in der Nacht die Gefangenen austreten gingen. Alles verlaust, mst Wanzen und schwarzen Sck)wab«n voll. Durch die Ritzen der Tür zog e» sürchter» lich. Ohne Deck« und in der Meldung mutzten wir schlafen. Mein Wunsch wäre gewesen, einen deutschen Kommunisten das durch» mähen zu lasten, was ich am eigenen Leibe im Sowjetgefängnis erfuhr. Ich fcb« viel erlebt und noch mehr gelitten und habe mich davon überzeugt, datz es in Sowjetrutzland keine wirkliche Freiheit und keine offen« Kritik gibt. Viele russische Proleten besuchen keine Versammlungen mehr, well sie nicht Lust hoben, sich für ausgesprochene Wahrheiten oder für ehrlich geübte Kritik al« Spione und KonterrevolufionSve in die GPU.-Gefängnisse werfen zu losten. Ich schrieb Gesuch« über Gesuche an den Prokurator, datz ich boch vollkommen unschuldig sei. Ich erinnerte ihn daran, wie wir im Jahr« 1924 dl« Sowjeiideiegierten vor der deutshen Polizei überall beschützt hätten. Ich lietz keinen Zweifel daran, datz ich «in ehrlicher Proletarier und dein Spion sei. Als nach mehr- wöchiger Haft der erst« Prokurator aus Rostow unser Gefängni» besichtigen kam. fragte ich ihn, weshalb ich eigentlich hier säße. Vier bis fünf andere hohe Kommunisten waren mst ihm Der Kommandant unsere« Gefängnistes, der mein« Gesuch« lesen konnte, sagt, zu den anderen, ich sei«in richtiger Spion. Der Prokurator au» Rostow fragte unseren Rovorosyjker Prolurator Stephanow, weshalb man mich festhält«. Stephanow sagt« vor den Leuter ich sitz« nur hier wegen metner schlechten Aufführung. Prügel- unk» Spihelmelhoden. Bald darauf kam ich ins Untersuchungsgefängnis. Auf unserf Kammer war ein im Gesiht blutig geschlagener Direktor Schni vom Brotversorgungsamt.(är hatte dort mehrere tausend Rpbä unterschlagen, wollt« nach Griechenland flüchten und braucht Papiere und griechisches Geld. Er gab seinem Freund« 4200 Ruda zum Umwechseln. Jedoch dieser, sein Freund, hatte wieder d«» Natschatnik Dobrowolski zum Freund, dem er alle» getreu erzählt« Die zwei Freunde haben dl« Sache miteinander abgemacht und d«> Direktor Schnee wurde verhaftet. L« der Vernehmung wurd auf Schnee ein Druck ausgeübt, er soll« sagen, er Hab« nur lL>) Rubel zum Wechseln gegeben. Schnee bestand aber auf sein«! Aussag«, daß e, 4200 Rubel gewesen seien und wurt« dafür schw« geprügelt. Der Direktor beteuert« die ganz« Zeit uns Gefangene» gegenüber unter Weinen, er Hab« 4200 Rubel zum Umw�chM gegeben. Später habe ich von Gefangenen von Noworosizjsk,!-.< nach Moskau transportiert wurden,«rsahren, daß Schnee zu a«hi Iahren Gefängnis verurteilt worden fei. Est, entlastener Gefangener hatte sich über den Kommandaniei' unseres Gefängnistes beschwert und der Kommandant wurde wege» Betrug und Unterschlagung noch zu meiner Zeit verhaftet. Au» meiner Kammer satzen auch viel« Geistlich«, mit denen ich midi häufig unterhielt. Sie bekamen öfter Paket«, von denen auch für mich etwa» abfiel. Auch war ein ganzer Gertchtchof wegen schwerer Betrügereien verhostet worden, im ganzen zwölf Mann Es waren darunter Letten, Ungarn und Polen. Weil auf unserer Kammer die Hauptangeklagten satzen. so erfuhren wir viel von ihrem Prozeß. Es wurden Leute um ihr« letzten paar Pfennige betrogen. Der Untersuchungsrichter, der Vorsitzende und der Verteidiger hatten dabei gemeinsam« Sache gemacht. Sie gerieten iöi Gefängnis öfter in Streit, und so kamen manchmal recht mtereiiant- Sachen zum Dorschein. Der eine von den Richtern— ein Lette— betätigte sich im Gefängnis als Spitzel. Um sich Geb Kind zv machen, denunzierte er mich als Konterrevolutionär und Spitzel. (Schluß to.gU WAS DER TAG BRINGT. .«iiiwnuuraimmuinmmiiiiiiiimimiiuiniimraBuiwimmiumimimiiimiinmrii Fischfang durch Elektrizität. Der Fischereiausschuh der Hauptlandwirtschaftskammer der Provinz Sachsen veranstaltet« in Gemeinschaft Mit der Fischer. innung und einer Elektrtzitätsgeselstchaft Versuche über die Möglich. leiten des Fischfanges mit Elektrizität. Di« gegenüberliegenden Ufer eines Gees wurden mittels im Woster liegender Drähte ver- Kunden, durch dW Man tn bestimmten Hmtfchenräumea Stromslöh« schickte. Di« tn der Näh« der Drohtleitung befindliche« Fisch« wurden durch den Strom betäubt und kamen an die Qtzerfläch«. wo die Fischer die ihnen zusagenden Fische aussuchten. Di« übrigen betäubten Fische sollen sich noch kurzer Zeit wieder«holen.— Wenn auch durch diese Methode«ine wesentliche Vereinfachung der Binnenfischerei erzielt würde, so will es uns doch scheinen, daß sie «in« Tierquälerei darstellt, wie z. B. auch das Fischen mit Hand- granaten od« mst Flaschen, die mit ungelöschtem Kalt gefüllt sind. Die übrigen noch nicht abgeichlossenen Versuch« lallten sich auch besonders beschäftigen mit dem Einfluh, den dies« UfelKbe de» Fischen» auf die Erhallung und Vermehrung des Fischbestandes unserer S« wüster hat. Nachahmung notwendig? Di« England« sind doch«in praktisches Volk? Kommt da neulich in ein vornehmes Restaurant Londons ein Mann, dringt bis zur Küche vor. wickelt ein Kotelett, gerieben« Semmel und«in Ei aus, langt sich eine Pfanne von d« Wand und schickt sich an. das Kotelett zu braten. Darob grohe Erregung in der Küche und schüehlich muhte dies« anscheinend Geisteskranke mit Gewalt an die frische Lust gesetzt w«den. Aber er kam wieder, in seiner Be- gleitung zwei Polizisten und«in Rechtsanwalt, der sich gleich ein freit»». 9. November. B• 1 1 1 l«ro Df. Wily BlrnnesUitl: Mensch