BERLIN Montag 22. April 1929 10 Pf. Nr. 187 B 93 46. Jahrgang. Erfckkinttigltch außer Sonntag«. Zugleich Abendauezabe de«.Vorwürt«'. Dejugspreis beide Ausgaben 8SPf.»ro Woche.»ro Monat. Redaktion und Erredition; DerUnSWSS.Lindenstr.3 y�JoihioxUh SnieigenoreittDie einsraltlge NviixareiUejeil« SV Pf.. Rcklamejeile ü M. Ermäßigungen nach Tarif. Postscheckkonto! Vorwärts-Verlag G. m.b.H.. Berlin Nr. S75Z6. Fernsprecher: Dönhoff??2 bi« S97 Schacht berichtet in Berlin. Sachverständigen-Konferenz Dienstag vormittag. Amtlich wird mitgeteilt: Die beiden«achverftändigen. Reichsbankpräsident Dr. Schacht und Dr. Vogler, weilten am Sonntag in Berlin und haben die Mitglieder des Reichskabinetts über den Stand der Expertenberatungen in Paris in- foruriert. Sie berichtete« insbesondere über die Bcdeu- tung und die Behandlung des deutschen Memorandums. Die Sachverständigen stellten dabei fest, daß keinerlei politische, sondern nur wirtschaftliche An- regunge« in dem Memorandum enthalten seien, ferner daß derjenige Teil des Memorandums, dem von anderer Seite politischer Eharakter beigemessen worden ist, weder im Unterausschuß noch im Plenum erörtert wurde sowie daß das Memorandum genau so wie die übrigen Memo- randen als Diskussionsgrundlage dienen sollte. Die Minister nahmen den Bericht entgegen und er- klärten, daß sie auch fernerhin den Sachverständigen ihre unveränderte VerHandlungsfreiheit zu belassen wünschten. -» Im Sinne dieses Kommuniques wird der Reichsbankpräsident zu Beginn der inzwischen auf Dienstag verschobenen Vollsitzung der Sachoerständigenronserenz eine Erklärung abgeben. In ihr wird besondere Betonung darauf gelegt werden, daß das- ohne Kenntnis und nicht in Uebereinstimmung mit der Reichsregierung feriiggestelle Memorandum nur als Diskussionsgrundlage gedacht ist. Inwieweit damit die Möglichkeit zu weiteren Erörterungen der Sachverständigen geschaffen wird, bleibt vorläufig abzuwarten. Vor- erst steht u. a. der Plan einer aus 10 bis IS Jahre ausgedehnten provisorischen Lösung im Vordergnind der privaten Pariser Besprechungen. * Die deutschen Sachverständigen Schacht und Vogler haben am Sonntag abend kurz nach 10 Uhr die Rückreise von Berlin nach Paris angetreten. Mit Rücksicht darauf, daß sie erst heute im Laufe des späten Nachmittags in Paris eintreffen, ist die n ä ch st e Voll- sitzung auf Dienstag oerschoben worden.» Vollsitzung morgen früh. Paris, 22. April. Die nächste Dollsihung der Reparationstonferenz ist aus Dienstag vormittag 11 Uhr festgesetzt worden. Regierung und Sachverständige. Erklärung des Wirtschostsmimsters im Haushaltsausschuß. Im Reichstag begann heute die Etatsberatung des Reichs- wirtschaftsministeriums. Bei dieser Gelegenheit erklärte Reichswirtschaftsminister Dr Curlius: Sie werden die gestrige Mitteilung der Rcichsreg'erung über die Berichterstattung der deutschen Reparationssachoerständigen ge- lesen haben. Unsere Sachverständigen, die nach wie vor in der Freiheit ihrer Entschlüsse von der Regierung in keiner Weise beeinflußt werden, sind auf der Rückfahrt nach Paris. Die für heute anberaumte Bollsitzung der Konferenz ist ver- tagt worden. Ein Bruch der Konferenz ist vermieden: die Tür zu Verhandlungen nicht zugeschlagen. Ob und wann aber noch ein« Einigung möglich ist, vermag niemand vorauszusagen Optimismus ist unangebracht. Unter diesen Umständen darf und muß ich mir versagen, über die deutsche Wirtschaftslage und die atlgemeine Wirtschaftspolitik der Reichsregierung Erklärungen ab- zugeben. Wenn der Schlußbericht der Konferenz vorliegt l>b«r etwa noHfÄgende politische Verhandlungen zum Abschluß gekommen sind, ist der Zeitpunkt da, hierüber Auskunft zu geben Vielleicht ist in einer ausführlichen Behandlung der allgemeinen Wirtschaftslage auch schon Gelegenheit bei der Beratung des Haushalts des Reichs- wirtschaftsministeriums im Plenum des Reichstages. Der Minister schlägt gemeinsame Behandlung zweier Fragen- komplexe vor. Einmal handle es sich um die Vorlage über die Aus- führung der Empfehlungen der Weltwirtschaftskonferenz, ferner um die Vorloge des Reichsernährungsministeriums über die Behandlung von Agrarzöllen und darum, was nach dem 31. De. zember dieses Jahres nach Ablauf der Zolltarifnooelle zu geschehen habe. Sodann lägen zahlreiche Antröge und Vorlagen zur Mittel- fiandspolitik vor. Diese bitte er, beim Etat des Reichswirtschafts- Ministerium» im Plenum zu behandeln. Läger Runge am Zeugenstand. Reue Enthüllungen im Liebknecht-prozeß. Unter allgemeiner Spannung begann heute morgen der ehe- malige Jäger Runge, der jetzt den Namen Radolf trägt, seine Zeugenaussage in dem Prozeß, der die Hinschlachtung Karl Lieb- knechts und Rosa Luxemburgs wieder aufrollt und die Begünstigung der Mörder durch den damaligen Kriegsgerichtsrat, jetzigen Reichs- gerichtsrat Jörns erweisen soll. Runge- Radolf, der sich verschiedener Einzelheiten von ISIS nicht mehr genau zu entsinnen weiß, aber das, was er bekundet, mit aller Bestimmtheit angibt und auch nicht den Eindruck eines Schwachsinnigen macht, betont, daß er � zwar Rosa Luxemburg, nicht aber auch Karl Liebknecht nieder- geschlagen habe. Den Kolbenhieb gegen Rosa Luxeinburg habe er nur auf Befehl der Offiziere geführt, von denen einer, der Kapitän- leutnant Pflugk-Hartung, der auch seinen Namen notiert habe. Der Mann, der auf das Auto sprang und die halbtote Rosa Luxemburg von hinten in den Kopf schoß, sei der„Leutnant" Krull gewesen, in Wirklichkeit Wachtmeister, und derselbe Krull habe den Sir Siamil 3*. SSlackeU ist als Nachfolger des so plötzlich verstorbenen Lord Revelstok« zum Delegierken aus der Pariser Reparationskonierenz ernannt worden. Runge auch mit der Erschießung des im Edenhotel festgehaltenen vermeintlichen Redakteurs der„Roten Fahne" beauftragt. Dies war der jetzige Abgeordnete Pieck, und als Runge sich gegen diesen Bs- fehl auflehnte, habe Krull ihm gedroht, er werde selbst an die wand gestellt, wenn er sich weigere. Krull habe hinzugefügt, der Befehl stamme vom Hauptmann Pabst. Der Jäger Friedrich, der vom Abtransport Liebknechts zurückgekehrt war, habe ihm erzählt, wie sie im Tiergarten eine Autopannc markiert und den vor- ausgeschickten Liebknecht von hinten„auf der Flucht" niedergeschossen haben. Runge schildert dann, wie er von der Gardc-Kavallerie-Schützcn- Division verschoben wurde, damit nichts herauskomme. Und zwar sei dos auf Veranlassung eines Freiherrn v o n W e i ß geschehen. Zuerst sollte Krull mit falschen Papieren und 200 Mark zum deutschen Konsul Schwarz in Prag fahren: er lehnte das ab. weil es kein richtiger Paß war. Dann mußte er sich mehrere Tage in der Wohnung des Leutnants Liepman» gegenüber dem Cdenhotel aushalten, bis die Papiere in Ordnung waren, die den 1875 g«- borenen Runge zunächst 1885 geboren sein ließen. Dann kam er als Krankenwärter Dinnwold und mit einigen tausend Mark versehen nach Flensburg und schließlich zum Freikorps Schelle. Auf Grund von Bildern in den Zeitungen, Runge. sagt, in den „Pressen", wurde er verschiedentlich erkannt und hat sich zur Ab- lentunz auch einmal ate Dr.-Jngenisur von«m,r Maschinenabtellung ausgegeben. Schließlich ist er dann doch verhaftet worden, und die ihn transportierenden Kriminalbeamten hätten ihm z u- geredet, nur keine Aussage zu machen, sonst werde es ihm sehr schlecht gehen. Er solle auch die 300 000 Mark Prämie haben, die der Rcichsministerpräsident S ch e i d e m a n n für die Ergreifung der Mörder ausgesetzt habe. Als«r, nun oerhastet, ins Edenhotel ge- bracht wurde, habe krlcgsgerichtsral Zorns ihm unter vier Augen gejagt, er wolle erst privat mit ihm sprechen. Cr solle nur keine Brühe machen und alles auf sich nehmen, es würden ja höchstens nur drei Monate herauskommen, dann ersolg« eine Militäramnestie, und es würden sich Leute finden, die für Runges weiteres Fortkommen sorgen. Jörns erklärt dazu, an jenem Sonntag vormittag sei der Gerichtsschreiber noch nicht da gewesen, der Kriminalbeamte Teßmar habe gebeten, essen gehen zu dürfen, und so habe er mit Runge zunächst anderthalb Stunden totschlagen müssen. Runge erzählt weiter, wie er iin Untersuchungsgefängnis Lehrter Straß« die Offizier« wiedertraf, die dank der st«ts offenen Zellen- türen ihn unausgesetzt bearbeiteten, ja nichts auszusagen. Er habe darauf erwidert, er werde das schon nicht tun, er wisse ja, daß sonst einmal eine Handgranate auf seinem Bett liege und er erledigt wäre. Bei einer Vernehmung am 13. April durch Jörns, Staatsanwalt O r t m a n n und Zentralratsmitglied Wäger habe er auf Befehl der Offiziere den Schwindel erzählt Liebknecht habe ihm einmal im Siemens-Halske-Werk mit der Pistole zur Teilnahme an einem Streit zwingen wollen, und deshalb sei er in solche Wut geraten, als er im Hotel Liebknecht wiedergesehen.(Pfuirufe im Publikum. Der Vorsitzende bittet, Kundgebungen zu unterlassen.) weiter habe man ihm den Schwindel in den wund gelegt, daß er seine falschen Papiere von Spartakisten in der wünzstraßc gekaust habe. Jörns läßt feststellen, das Runge bereits durch ihn vernommen war, als er von Pflugk- Härtung und anderen im Gefängnis be- arbeitet wurde. Die Darstellung, die Runge seinerzeit einem„Vor- wärt s". Redakteur gegeben hat, daß die Untersuchung eine Komödie gewesen sei, hält er vollkommen aufrecht. Sein Amtsverteidiger Griinspach habe sich nur mit den Offi- zieren unterhalten und ihm nur gesagt:„Runge, nehmen Sie alles auf sich, Sie kriegen vielleicht noch dcn Adlerorden.(Große Heiterkeit.) Im Anschluß daran legt Jörns Wert auf die Feststellung, daß Runge das E. K. I m I t U n r e ch t g e t r a g e n habe. Runge erwidert, es von den Offizieren erhalten zu haben, die ihn mich nach der Tragödie, zum Sergeanten befördert hätten. Im Felde": war er überhaupt.nicht, sondern vom Militär noch vorher entlassen: zur GKSch.-Division ist er wie andere auch gegangen, um Kleidung und Esten zu bekommen. Das viel erörterte Gruppenbild, das ihn in der Mitte zeigt, stelle ein einfaches, all- tägliches Mittagessen dar, und wenn er gewußt hätte, was die Photoaufnahme für einen Zwcck hatte, wäre er hinausgegangen. Verteidiger Rechtsanwalt L e v i betont: Wenn in einer Mordsache eine Photographie mit einem der Haupttäter im Mittelpunkt ans- raucht und ein mit der Verfolgung beauftragter Kriminalbeamter nicht alle anderen Personen aus dem Bild festzustellen sucht, so wird er keine 24 Stunden weiter im Ami gelassen werden. Es sind doch auch Offiziere auf diesem Bild.. Jörns verlangt, daß ihm diese Offiziere genannt werde». Rechteanwast L e v i: Das war immer die Taktik des Herrn Jörns, von denen, die zu ihm kamen, die N a in e n der Verdächtigten zu verlangen. Zch gebe keine Rainen an. ich bin nicht der Unter- suchungsführer gewesen, sonjf wäre die Untersuchung wohl anders ausgegangen. Runge erzählt dann, wie er gleich nach der Haupiverhandlmig an Jörns geschrieben hat, daß seine Verurteilung nicht rechtmäßig sei. Jörns verwies ihn an andere nicht bezeichnete Stellen. Rnngc har dann in zahlreichen Eingaben die Wiederaufnahme seines Prozesses verlangt: es sei jedoch nichts geschehen. Jörns will von Runge bestätigt haben, daß dieser bei der Vernehmung im Eden- Hotel gesagt Habe, er würde den Polizeipräsidenten Eichhorn, iien Trotzki und den Lenin ebenso behandeln wie Rosa Luxemburg. Runge erklärt, davon nichts zu wissen. Rechtsanwalt Leoi fragt Jörn«, warum er denn das in den Sitten nicht vermerkt habe. Jörns: Ich hatte gar keinen Anlaß dazu.(Große Heiterkeit.) Runge ruft dem Nebenkläger Jörns auf dessen Fragen ein- dringlich zu: Ich bin nicht mehr so dumm wie damals, heute ist es etwas anderes, ich wäre nicht oerurteilt worden, wenn es mit rechten Dingen zugegangen wäre. Der Staat muß für mich sorgen, das geht so nicht weiter. Dann erzählt Runge, wie man ihn im Gefängnis mit dem Irrenhaus bedroht habe, wenn er nicht tue Schnauze halte. Das habe sowohl der Major Prittwitz getan, der ihn sogar in Gegenwart der Frau Runge habe erstechen wollen, als er sich bei ihm darüber beschwerte, daß man ihm Menschenkol und Urin, ins Essen gemischt habe. Man habe ihm auch Heringe gegeben, ihm aber den Wasser- krug weggenommen. Er sage nur, was er genau wisse, setze nichts hinzu, nehme aber auch nichts weg. Da könne er nicht wegen Mein- eid bestraft werden. Im Gefängnis habe man ihm gesagt, alles Reden nutze ihm nichts, man würde doch alles abstreiten.. Der Polizeiinspektor im Gefängnis habe chm angekündigt, er kr'ege eins mit dem Schlüssel auf die Reese und dann komme er ins Irrenhaus. Aus dev Strafhaft in Kottbus sei er auf Grund eines Schreibens des Präsidenten des Reichsmilitärgerichts, wonach feine Verurteilung rechtswidrig gewesen wäre, entlassen worden. Später habe ihn der Kottbusser Ober- staatsanwalt Geppert aus seiner Berliner Wohnung dieses Schrift- stück weggenommen und Runge sei durch Drohung mit der Zwangs- sacke, die man mitgebracht hatte und mit Wasfengebrauch ins Unter- sitchungsgefängnis gebracht worden. Dort habe man ihm einmal auch mit dem Schlüssel auf die Nase gehauen und er sei in die Tobzelle gekommen, die er erst nach einigen Tagen wieder verlassen durfte. Durch das wiederholte Versprechen der Ergreiferprämie habe man ihn zum Schweigen bringen wollen. Und Sanitätsrat Leppmann habe ihm erklärt, er solle durch die Diagnose als geisteskrank unschädlich gemacht werden. Jörns will auf einmal wissen, welcher Partei Runge als Zivilist im Jahre 1918 angehört habe und welcher er jetzt angehöre, blitzt aber damit natürlich ab. Runge berichtet noch, daß er in dem Prozeß vor dem Land- gericht gegen den Edensoldaten Rzeguski als Zeuge vernommen werden sollte, was aber Jörns— nach Aussage der Transporteure — verhindert habe. Zum Abschluß seiner Vernehmung erzählt der Zeuge Runge, daß er am 15. Januar 1926 auf seiner Arbeitsstelle von den Kommu- nisten überfallen wurde. 15 Messerstiche und 4 Rippenbrüche hätten ihm die Kommunisten beigebracht. Bei der Vernehmung des Zeugen Runge stand wieder einmal im Zuschauerraum ein Mann aus und wollte Reden halten. Er wurde auf Anordming des Vorsitzenden aus dem Saal geführt und dabei wurde er als der Redner erkannt, der auch im Langkopp-Prozeß als Zuschauer auftrat. Nebenkläger Jörns äußert sich dann zu den Vorwürfen. Er behauptet, von Pabst eines Tages die Mitteilung bekommen zu haben, daß bei einem anderen Bataillon ein gewisser Dllnnhaupt ein- getreten sei, der alter Wahrscheinlichkeit nach Runge sei. Daraufhin wurde der Haftbefehl erlassen und ausgeführt. Jörns schildert dann die erste Vernehmung des Runge, er hätte ihn sofort zu sich führen lassen und sich mit ihm gemütlich unterhalten. Runge hatte Angst um seine Frau. Darauf will Jörns gesagt haben: Wenn es Ihrer Frau bisher gut gegangen sei, dann wird auch später für sie gesorgt werden. Er habe dem Mann zugeredet, die Wahrheit zu sagen. Runge war sehr wild und erregt und schrie immer wieder, er würde auch Lenin und Trotzki totschlagen. Rechtsanwalt Dr. Leoi stellt wieder an Jörns die Frage, warum er denn nicht dafür gesorgt habe, daß die Häftlinge besser bewacht wurden. Der Vorsitzende und Jörns oersuchen, das mit den damaligen Wirren zu entschuldigen. Rechtsanwalt Dr. Leoi be- hauptet demgegenüber, daß in Moabit damals Zustände gewesen wären wie in keinem anderen Gefängnis Deutschlands. Jörns habe nur Verfügungen erlassen, ohne sich darum zu kümmern, ob tat- sächlich etwas geändert würde. Sein Zusammentreffen mit Liep- mann habe er sogar acht Tage verschwiegen und erst aktenkundig gemacht, als Liepmann sich beschwerte. Auf die Frage des Verteidigers, warum nicht wenigstens Runge von den anderen abgesondert wurde, erklärt Jörns, er wollte sie alle beisammen haben, und auch dem Verteidiger die Arbeit erleichtern, der ja alle. Angeklagten vertrat. Obwohl Jörns wußte, daß in Moabit die Gefangenen fast gar nicht oder nur schlecht bewacht wurden, hat er noch während der Gerichtsverhandlung eine Erklärung abgegeben, daß die „Freiheit�, die die Untersuchungshaft schilderte, eine unrichtige Dar- stellung gegeben hätte. Herr Jörns will sich rechtfertigen und einen Artikel der„Deutschen Tageszeitung" heranziehen,.der Vorsitzende winkt ab und stellt unter großer Heiterkeit fest, daß man als wahr unterstellen könne, daß die„Deutsche Tageszeitung" das gelobt habe, was die„Freiheit" tadelte. Rechtsanwalt Dr. Leoi geht dann noch auf die Verhaftung des Runge näher ein. Aus den Akten stellt er fest, daß an Haupt- mann Pabst am 9. März ein Brief gelangt fei, in dem angefragt wurde, ob Dünnwald bei Pabsts Truppe gewesen wäre. Pabst habe geantwortet, er kenne ihn nicht, dann aber noch einen zweiten Brief an den Baraillonskommandeur gerichtet. Der Verteidiger behauptet nun, hier hätte Jörns unter allen Umständen stutzig werden müssen, denn wie sich nachträglich herausstellte, hatte der Bataillonskommandeur aus dem Haftbefehl Dünnwald a l s Runge wiedererkannt. Das Gericht unterstellt als wahr, daß Jörns aus diesem Briefwechsel hätte aus den Verdacht kommen müssen, daß Pabst an der Sache beteiligt sei. Der Ver- leidiger oerlangt noch die Unterstellung, daß auch hier wieder wichtige Erkundungen, die für den Ausgang des Prozesses entscheidend sein konmen, vergessen worden sind. Oer Arbeitsplan des Reichstags. Heute wiever Plenarsitzung. Das Reichstagsplenum tritt heute nachmittag um 3 Uhr zum erstenmal nach seiner vierwöchigen Osterpause wieder zusammen. Auf der Tagesordnung stehen einige internationale Verträge, so die deutsch-litau>Ichen Verträge und Slbkommen, das Opiumabkommen, der Weltfunkvertrag und das inter« nationale Uebereinkommen zur Festsetzung von Mindestlöhnen. Vor der Plenarsitzung halten die messten Fraktionen Sitzungen ab, um sich im wesentlichen mit dem Arbeitestoff des Plenums zu beschäftigen. Der Leltestenrat wird vermutlich am Dienstag zu- sammentreten. um einen A r be i t» p la n für die nächste Zeit auf- zustellen und besonders die Reihenfolge der im Plenum zur zweiten Beratung zu stellenden Haushaltspläne festzulegen. Der Haushalts- ausfchuß hat bereit» neben sämtlichen kleineren Haushalten die- jenigrn des Ernährungsministeriums, des Reichsarbeitsministeriums und für Versorgung und Ruhegehälter fertiggestellt, die nunmehr das Plenum in Angriff nehmen kann. Oer Wahlkampf in Belgien. Oe Brouckere schildert die Situation. Genf. 22. April.(Eigenbericht.) Der belgssche Sozialist de Brouckere, der dieser Tage als Delegierter der Sozialistischen Arbeilerinternationale in Genf weille, äußerte sich gegenüber dem Genfer Korrespondenten des„S o z. Pressedienst" über die Wahlsituation in Belgien wie folgt: „Die belgische sozialsstische Partei verfügt zurzeit über 78 W- geordnete. Ebenso stark ist die katholische Gruppe: außerdem gibt es in der Kammer 22 liberale und 5 flämische Aktivisten. Der Kuriosität halber muß auch das Borhandensein zweier kommunistischer„Fraktionen" vermerkt werden. Es besteht eine Trotzki- Gruppe und eine Gruppe der offiziellen Moskauer Richtung, jede „Fraktion" aus einem Abgeordneten. Die zurzeit regierende Bllrgerblockregierung fand sich gegenüber den Sozialisten bei den Beratungen über das Heeresgesetz zusammen. Im allgemeinen aber treiben nicht nur die Kacholisch-Konservatioen und die Liberalen, sondern auch die beiden Flügel, aus denen sich die Katholiken zusammensetzen, die Klerikalen und die Christlichen De- mokraten, eine sehr verschiedene Politik. Rur der haß gegen die Sozialisten hält sie zusammen. Der zwischen den Liberalen und Katholiken sonst herrschende er- bitterte Kulturkampf ist nur zurückgestellt. Die Christlichen Demokralen mußten der Koalition zuliebe auf die Durch- führung der Sozialversicherung verzichten. Sie waren ebenfalls, wie die Sozialisten, Anhänger einer Beschränkung der m i l i t ä r i- schen Dien st zeit auf sechs Monate und haben trotzdem der viel längeren Dienstzeit des Militärgesetzes zugestimmt. Die bürgerlichen Parteien befinden sich nach alledem in einer sehr schwierigen Situation. Sie können nur weiter zusammen regieren, wenn sie aus dem Wahlkamps ohne jede Schwächung hervorgehen. Schon eine schwache Veränderung ihrer Abgeordnetenzahlen würde den Bllrgerblock sprengen. Ueber den Ausgang einer Wahl ist naturgemäß schwer zu prophezeien. Aber alle Anzeichen sprechen für einen starken sozialistischen Fortschritt. Die sozialistischen Versamm- lungen weisen eine überaus starke Besucherzaihl auf, die kommu- nistische Zersplitterungsarbeit ist überwunden, wo es nötig war, durch Ausschluß der Kommunisten aus den Gewerk- s ch o f t e n. Die Arbeiterklasse fichlt die Vedeuwng des Wahl- kampses und sammelt sich enchusiastisch unter der soztalisti- schen Fahne. Die bürgerlichen Gegner greifen infolge ihrer Meinungsverschiedenheiten in ihrem Kamps gegen uns vor allem einen Punkt heraus: Ein sozialistischer Sieg würde— so behaupten sie— eine Finanzkrise bedeuren und zu einem Sinken des Franken führen. Man will die Wähler serner damit schrecken, daß man behauptet, eine sozialistische Regierung würde erdrückende neue Steuern erheben. Diese Agitation ist charak- teristisch für die Angst davor, daß die 42 Prozent sozialistischer Wähler sich In 59 oder mehr Prozent verwandeln könnten Es verdient hervorgehoben zu werden, daß trotz dieser Agi- t a t i o n die sozialistische Partei auch in neuen, bisher liberalen Kreisen Fuß faßt. Liberale Studenten und Professoren haben sich in der letzten Zeit der sozialistischen Partei zugewandt: außerdem sind drei bekannte jungliberale Führer Mitglieder der sozial- demokratischen Partei geworden. Die Aufgaben, vor die sich eine neue Regierung gestellt sehen dürste, betreffen vor allen Dingen die Schaffung einer Sozialversicherung. Die Arbeitgeber haben bei dem Bürgerbtock versucht, eine Sozial- Versicherung ihrer Art durchzuführen, die auf den Betrieben unter Kontrolle der Arbeitgeber basiert fft. Wir Sozialisten wollen eine freie Sozialversicherung. Auch die B e r u s s s ch u l- frage muß gelöst werden. Die Klerikalen haben neben den vffi- ziellen Berufsschulen klerikale Berufsschulen eröffnet, die vom Klerus und den Arbeitgebern ausgehalten werden. Bei der Stabilisierung des Franken wurden außerordentliche Verbrauchssteuern für vier Jahre geschaffen. Die gegenwärtige Regierung will diese Verbrauchssteuern auch weiterhin aufrechterhalten. Wir wollen sie ausheben bzw. aus die kapitalkräftigen Kreise überwälzen. Das Militärgesetz fft noch nicht durchgeführt, eine sozialistische Re- gierung könnte hier manches bessern. Namentlich aber wird das neue Parlament die Entscheidung über den Bau des von den Bür- gerlichen geplanten Festungsgürtels zu fällen haben. Wir lehnen diesen Festungsgürtel ab. Er würde eine fünfzig- prozentige Vermehrung der Militärlasten bedeuten, eine Summe, die wir sehr gut für die Durchführung der Sozialversicherung brauchen können." Kein ungedeckter Scheck! Eine Aeußerung Kastlet. London, 22. April. Der Pariser Korrespondent der„Financial Times" gibt eine Erklärung über den deutschen Standpunkt wieder, die der zweite deutsche Delegierte Kastl ihm gegeben hat. Darin heißt es u. a.. es fei den Deutschen von Anfang an klar gewesen, daß die Delegierten der Gläubigernationen zu der Konferenz kamen, ohne eine klare Vorstellung zu haben, was sie schuldeten oder welchen Betrag die Gesamtheit ihrer Forderungen ergeben würde. Dei deutsche Dele- gation habe dagegen auf Grund sorgfältig vorbereiteter Dokumente schon eine Vorstellung davon gehabt,-ah die gesamten Forderungen weit über die Dawes-Zahlungen hinausgehen würden. Bei Bekanntgabe der einzelnen Forderungen habe sich eine so hohe Gesamtsumme ergeben, daß die Delegierten, die die einzelnen Forde- rungen vorbrachten, selbst überrascht gewesen seien. Geheimrat Kastl fuhr fort: Es wurde ein Unterausausch eingesetzt, um die einzelnen Forderungen herabzusetzen. Wir haben guten Grund zu glauben, daß sich dabei große Schwierigkeiten zwischen den verschiedenen Gläubigerdelegierten ergaben. Schließlich standen wir einer G e- samtforderung von 2999 Millionen Mark jährlich gegenüber. Wir sind aber zur Konsernz als nüchterne und unabhängige Ge- schästsleute gekommen, und wir sind nicht bereit, gewissermaßen einen Scheck zu unterzeichnen, den wir bei der Vorlegung nicht aus- zahlen könnten. Wir können unsere Zahlungssähigteit nicht durch Ausfuhr steigern infolge der hohen Zollschranken, die alle Nationen seit dem Kriege gegen die Einfuhr deuffcher Waren er- richtet haben. Nachdem wir auf die verschiedenen Minuspositionen hingewiesen hatten, ersuchten wir die Gläubigerdelegierten, uns zu zeigen, wie wir unsere Zahlungsfähigkeit steigern könnten. Kastl erwähnte dann die in dem deutschen Memorandum enthaltenen beiden Pläne und ihre Voraussetzungen und schloß: Wir sind bereit und wünschen, die Dinge mit unseren Sachverständigenkollegen weiter zu erörtern. Wir wünschen nicht, daß die Konferenz abgebrochen oder auf unbestimmte Zeit vertagt wird. Aber als unabhängige sachkundige Geschäftsleute, die frei von der Kontrolle der deutschen Regierung sind, haben wir die Ueberzeugung, daß es die deutsche Leistungsfähigkeit sehr belasten würde, über eine Annuität von 1659 Millionen Mark hinauszugehen, außer wenn die Vertreter der Gläubigernationen uns einen anderen Ausweg zeigen, was sie bisher nicht getan haben. Hehversuche gegen Sckacht. Paris. 22. April.(Eigenbericht.) Der„Matin" erklärt, daß man alle Anstrengungen jetzt auf ein Provisorium lenke, das allerdings die Kommerzialisierung der deutschen Schuld in bedeutendem Maße sicherstellen müsse. Dos nationaliftffche„Echo de Paris" versucht die Atmosphäre dadurch zu vergiften, daß es behauptet, Dr. Schacht habe seinen bisherigen Pariser Aufenthalt dazu mißbraucht, um mit den Gegnern des Kabinetts Poincarö, namentlich mit Daladier und Malvy, zu konspirieren. Es sei in diesen Unterhaltungen nur von der Rückgabe des Danziger Korridors die Rede gewesen und Dr. Schacht habe bei seinen französischen Parinern nur allzuviel Entgegenkommen gefunden. Gleichzeitig behauptet das Blatt, daß vor etwa einem Monat den Delegierten die Befriedigung ihrer finanziellen Forderungen von deu scher Seite versprochen worden sei, falls sie dafür Eupen und M a l m e d y zurückgäben. Verhandlungen im �uhrbergbau. Dortmund» 22. April. Die Schlichtungsverhandlungen im Ruhrbergbau wurden heute vormittag 10% Uhr vom Schlichter Pro- fessor B r a h n eröffnet. Die Verhandlungen ergaben, daß freie Berein- barungen zwischen den beiden Parteien nicht zu erzielen seien. Daraufhin wurde auf Vorschlag des Schlichters im Einverständnis mit den Parteien eine Schlichterkammer gebildet. Die Spaltungskonferenz. Das vorbereitende Komitee. Das kommunistische Montagsblatt berichtet über die gestrige Konferenz„oppositioneller" Metallarbeiter, die der aus dem Deut- schen Metallarbeiteroerband ausgeschlossen« KPD.-Mann Nieder- t i r ch n e r mit seinen Getreuen als„Komitee zur Abwehr der Spaltung und Ausschlüsse im DMV." veranstaltet hat. Don 363 Teilnehmern an dieser Konferenz der Ausgeschlossenen, Unorgani- flerten und„oppositionell" Organisierten sollen 293 als Vertreter von 151 Betrieben erschienen sein mit einer Belegschastsziffer von Iii 15�'Arbeitern. Eine einfache Rechnungl Jeder der in den 151 Betrieben beschäftigten Arbeiter wird als Auftraggeber der kommunistischen, unter Ausschluß der Oeffentlichkeit gewähllen Delegierten gewählt. Das von der KPD.-Press« tagtäglich gebrauchte Eigenschaftswort „zulammengefchobene" trifft auf diese Konferenz zu wie noch nie: sie war richtig zusammengeschoben. Dabei bedarf es nicht einmal der Frage, was denn die übrigen 79„Delegierten" zu vertreten hatten, die kein« Betrieb« vertraten. Di« Spaltungstrauben waren den Machern um Niederkirchner offenbar nock, zu sauer. Man begnügte sich zunächst damit, das bis- herige provisorische„A b w e h r t o m i t e e" auf 11 Mitglieder zu verstärken und es zu einer ständigen Einrichtung zu machen. Durch Druck hervorgehoben wird der weitere B«- f ch l u ß, für den bevorstehenden Lohnkampf in der Ber- liner Metallindustrie ein„vorbereitendes Komitee" einzu- fetzen, gebildet aus 24 Vertretern der wichtigsten Großbetrieb«. Das heißt der T�uffche Metallarbeiterverband, feine Berliner Orts- Verwaltung, soll bei der Lohnbewegung der Organisation beiseite geschoben und der KPD. samt der IAH. die „Kampfleitung' zugeschoben werden. Was in Hennigsdorf erprobt wird, fall in Berlin gemacht werden. Berlin ist aber nicht Hennigsdorf. Vormarsch in Graz. Die Halste der Gememdesihe erobert. Wien, 22. April.(Eigenbericht.) Die Sozialdemokratie vermochte bei den gestern skattgesundenen Gemeindewahlen in Graz zwei neue Mandate zu ge- Winnen, so daß sie jetzt von 4S Mandaten Im Gemeindeparlament die Hälfte mit 24 Mandaten besitzt. Die Kommunisten haben nicht einmal 1 proz. der abgegebenen Stimmen erreich«, während die Sozialdemokratie wiederum 44 000 erhielt. Frankreichs Pockensperre. Impfzwang in£e Havre. Le havre, 22. April. Seit Sonnabend früh sind die von dem Bürgermeister vorge- sehenen Vorkehrungen zur Verhütung der Einschleppung der Pocken zur Anwendung gekommen, von den 38 Passagieren des aus Eng- land kommenden Pofffchiffes können 22 Impszeugniffe vor- weifen: die übrigen ließen sich impfen, che sie an Land gingen. Die Pockenkonferenz, die am Sonnabend in Calais in Gegen- wart zahlreicher englischer und französischer Regierungsvertreter zusammen rat, ist ergebnislos verlaufen. Die Engländer er- klärten sich für unzuständig, den von den Franzosen vorgeschlagenen Schutzmaßnahmen zuzustimmen. England wird nunmehr versuchen, die Dinge auf diplomatischem Wege weiter zu oerfolgen Das französische Arbeitsministerium hat auf Grund des er- gebnislosen Verlaufes der Konferenz noch am Sonntag eme Reihe von Maßnahmen zur Vechinderung der Einschleppung der Pocken nach Frankreich angeordnet. So sind die Hafenbehörden u. o. ermächtigt. nötigenfalls über Reifende, die aus dem fernen OsHi kommen, die Quarantäne zu oerhängen. Persdnen, die aus England einreisen und in einer Gemeinde mit Pockengefahr lebten, müssen einen Sanitätspaß mit sich führen. Lispmann und Lkebknechimord. Von E. 3- Gumbel. Bei der Verhandlung im Veleidigungsprozeß des Reichs- anwalts Jörns gegen den Redakteur des„Tagebuch" Joseph Bornstein hat der srühere Leutnant und legig« Referendar Dr. jur. H. R. L i e p in a n n die Vorgänge vor und nach der Er» mordung Liebknechts eingehend geschildert. Da das Beweis- lhema nicht der Mord selbst, sondern nur die Frage war. ob Jörns, der damals bei der Garde-Kaoallerie-Schützen-Dwision die Unter- suchung führt«, die Morder begünstigt oder die Ausklärung, sei es fahrlässig sei es bewußt, gehindert hat, konnte die Vernehmung Liepmanns auf den Mord selbst nicht eingehen. Obwohl Liepmann im Prozeß im Mai 1319 ausgesagt hat:„Ich schoß und Liebknecht fiel" wurde er damals nur wegen Anmaßung einer Befehlsbefugnis in Verbindung mit Begünstigung zu 6 Wochen verschmften Stubenarrests verurteilt. Bei der jetzigen Vernehmung hat er angegeben, daß er als Transportführei noch der angeblichen Panne als letzter in der Kolonne stand, deren Spitz« der transportierte, schwer oerletzte Liebknecht bildete, und daß ihn dies gekränkt Hab«. Ferner, daß er hoch geschossen habe, also Liebknecht vermutlich gar nicht getroffen habe. Bei dieser Darstellung blieb offen, ob nicht die andern, nämlich der Kapitänleutnant Horst o. P f l u g k- H a r t u n g und die Offiziere Stieg«, v. Rittgen, Schulze. Heinz v. Pflugk-Hartung und der Jäger Clemens Friedrich nach einem verabredeten Plan gehandelt haben. Hierzu und zur Persönlichkeit Liepmanns kann ich ein eigenes Erlebnis anführen. Nach vorheriger telephonischer Verabredung kam am 29. Januar 1928 zu mir in Heidelberg ein mir bis dahin unbekannter Herr Liepmann, der sich als Dr jur. einführte. Er interesiiere sich für die Arbeit der Liga für Menschen- rechte und sei nach Heidelberg gekommen, um mich und Pros. Rad- bruch aufzusuchen. Zunächst schilderte er sein Leben, beginnend mit seiner Abstammung aus einer begüterten, jüdischen Familie aus Potsdam. Aus Patriotismus sei er Kriegsfreiwilliger, dann Offizier gewesen. Später sei er sogar Mitglied der Freikorps ge- wssen, stehe aber jetzt auf anderem Boden. Auf die Frage:„B«i welchem Freikorps?" antwortete er:„Garde-Kavallerie-Schlltzen- Division". Dort sei er auch zur Zeit des Liebknechtmordes als Offizier gewesen. Darauf ich:„Darf ich noch einmal um Ihren Namen bitten?"„Liepmann." Ich las ihm darauf aus meinem Buch„Vier Jahre Mord" die ersten Abschnitte über Lieb- knecht vor: „An einer Stelle, wo ein völlig unbeleuchteter Fußweg ab- ging, erlitt das Auto angeblich eine Panne. Liebknecht, der durch die Schläge auf den Kopf noch ganz benommen war, wurde ge- fragt, ob er noch gehen könne. Zwei Leute stützten ihn rechts und links,'wei gingen vor und zwei hinter ihm. All« mit ent- sicherten Pistolen und Handgranaten bewaffnet. Nach wenigen Schritten wurde Liebknecht, angeblich weil er einen Fluchtversuch machte, erschossen." Ich fragte ihn, ob diese Darstellung richtig sei. Er antwortete melancholisch:„Der Satz„Zwei Leute stützten ihn rechts und links, zwei gingen vor und zwei hinter ihm" stimmt nicht."„Wieso?" „Ts können nicht zwei vor ihm gegangen sein, dies hätte dem Zweck widersprochen." Dieses Satzes bin ich vollkommen sicher, während ich mich infolge der Länge der seither verstrichenen Zeit beim bisher Geschilderten, zwar genau an den Inhalt, nicht aber an jede Einzel- heit der Formulierung erinnern kann. Wir sahen uns lange an. Er wußte als Jurist genau, was er damit gesagt hatte und wußte ebenso genau, daß ich es richtig verstanden hatte. Ich sagt« ihm:„Sie sind wegen des Liebknechtmordes nicht bestraft worden." Er antwortete— und dieser Formulierung bin ich wieder vollkommen sicher—;„Sie wissen, es gibt andere Strafen als die des Gerichts." Mit müder Handbewegung fragte er mich, dem Sinne nach:„Was soll ich nun tun?" Ich antwortete:„Sie sind nicht der erste Mörder, der hier so bei mir sitzt." Ich sagte dies, um ihn noch- mals und ausdrücklich auf den Begriff des Mordes fest- zulegen. Er nahm auch dies hin. Ich sagte ihm dann, der Weg, den er zu gehen habe und der der einzige sei, welcher zur Reinigung führe, sei durch die Literatur und durch die Geschichte vollkommen klar festgelegt. Die einzig« Sühne sei ein offenes Bekenntnis, un- abhängig von allen Vorwürfen, dze ihm von seinen Mittätern später gemacht werden könnten. Das Geständnis müsse in einer Form erfolgen, die eine gerichtliche Anklag« möglich mache. Liepmann erhob keinen Widerspruch und stand langsam auf. Später habe ich festgestellt, daß er sich tatsächlich, und zwar in s hr anspruchsvoller Weise auch an die Liga wegen Mitarbeit gewandt hat, doch hat er unter Berufung auf diese Unterredung leinen Vor- schlag zurückgezogen. Ich halte Liepmann für einen schwachen, von Ge- wissensblssen zerquälten Menlchen, der an schweren Depressionen leidet und- sie durch Uebersteigerungen des Selbst» bewußtseins zu kompensieren sucht. Hierauf ist seine erst« Aussag« zurückzuführen. In einem sdlchen depressiveii Zustand ist er zu mir r?komn>en. Meiner Meinung nach hätte jeder einigermaßen sähige Untersuchungsrichter, der den Liebknechtmoid wirklich aufklären r-ollte, einen solchen schwankenden Menschen zu wahrheits» getreuen Aussagen bringen müssen. Eiaaisrai qegen polizeikostengeseh. E>nst!mmiqe Ablehnunq. Der preußische Staatsrat hat in diesen Tagen das Poll» z e i k o st e n g e se tz einstimmig verworfen. Rur der Be< griindunq der Ablehnung stimmten die Kommunisten nicht zu. Fol- pendes Gutachten wurde beschlossen: „Der Staatsrat hält den Entwurf für unannehmbar. E'n- Poll-eikostenverteisting lediglich unter den Gemeinden mit stmilicher Poliztivenvaliung vor der Regelung des allgemeinen kommunalen Lastenausgleichs uMerliegt den größten Bodenken. Dieler Lastenausgleich muß mit dem ollgemeinen Fi- nanzousgleich verbunden werden. Di« Polizeikoften- last der Gemeinden iffit kommunaler Polizeioerwa'tung ist viel- fach überaus drückend und gegenüber den Gemeinden mit staat- licher Polizeioerwaltunq unverhältnismäßig hoch geworden. Ein« Neiirege'ung der staatlichen Polizeikosten kann nicht ohne gleich- 'kitige Erleichterung der Pclizeikosten für Gemeinden mit kommunaler Polizeioerwaltung erfolgen. Nachdem die Gemeindehaus- Pläne für 1929 festgesetzt sind, ist ohnebin für 1929 die beabsichtigt« Regelung praktisch undurchführbar. Die Gründe des Entwurfs stnd gegenüber diesen Erwägungen nicht zwingend." Zu den einzelnen Bestimmungen des Entwurfes wurden be- sondere kritische Bemerkungen gemacht. Detont wurde u. a.. daß zwar die Bcreinbcitlichung der Verkehrsregelung wünschenswert fei. Ein tiefer Eingriff in das materielle Rech! der Wegeunterhaltung durch ein Polizeikoftengefetz fei aber nicht zu vertreten. Biblisches Legendenspiel. Kranz Werfe!: Paulus unter den Zuden. Saulus, der zum Paulus wurde, Lieblingsschüler des Patriarchen Gamaliel. fiel vom strengen Iudenpotte ab, um das Evangelium Jesu durch die Welt zu tragen. Das Evangelium des Gekreuzigten ist leichter zu begreifen und zu heiligen als die Thora des Rabbiners. Die Thora verlangt Tempelpomp und schwierigen Gebetsdienst. Das Evangelium mahnt nur, daß der Gläubige die meffianifchen Zeiten für wahr halte. Die Thora sagt: der Jude darf den Messias erhoffen, und er muß fromm fein, bis der Welierlöfer sich naht, doch vielleicht kommt der Messias niemals. Paulus sagt: seine Getreuen müssen fröhlich fein, weil der Messias schon zu ihnen niedergestiegen ist. Die Frömmigkeit der Juden bringt Fronarbeit mit dauernden Ent- täuschungen. Die Frömmigkeit des Apostels Paulus bringt Freude iffit unaufhörlichen Glückserfllllungen. Werfet läßt den Judenpatriarchen Gamaliel am Versöhnungstag mit Paulus streiten. Gamaliel ist für das unermüdliche Ringen um Gott, Paulus für das behagliche Genießen der göttlichen Gnade. Dann— so argumentiert Gamaliel, der Aristokrat des Tempels von Jerusalem— könnte ja jeder schwärmerische Faulpelz Gottes Diener heißen. Paulus entgegnet: Man versperre dem Armen im Geist, dem Plebejer der Erde und der Einfalt, nicht dir Straße zur himm- tischen Einsicht. Dann— so argumentiert Gamaliel weiter— soll Paulus wenigstens zugeben, daß Jesus nur ein Menschenjohn war, der Liebe würdig wegen vieler Tugenden, doch nicht der Anbetung würdig wie Gott. Rein— wehrt Paulus ab—, Jesus ist Gottes Sohn seit AnbeHim, deshalb durchaus jeder Anbetung würdig. Dann — so schreit Gamaliel— ist der Jesusglaube Untergang aller Re- ligion, ungezügelte Anarchie aller ungelehrten Ekstatiker, Zufalls- frömmigkeit ohne Ordnung und Gesetz. Paulus beschwichtigt: Jesus- glauben ist frohe Lehr«, auch für den schlechtesten Mann. Auch die Heiden werden die Jesuslehre lernen. Di« Frage wird nicht entschieden. Gamaliel und Paulus be- schließen. nur, sich versöhnlich voneinander zu trennen. Der Patriarch will für die Thora wirken. Paulus will wandern und predigen für Jesum. Aber der Patriarch ist bald hundert Jahre und Paulus ein rüstiger Mann. So stirbt der Patriarch, bevor ihm gelingt, was er wünscht. Die anderen Juden, die statt seiner das Werk vollenden könnten, werden von dem römischen Statthalter verhöhnt. Im Judentempel stellen die Römer das Götzenbild des Caligula zur Schau. Es endet vorläufig der Kampf um den Gott der Juden und Christen mit dem Sieg des Heidengottes, der nichts anderes ist als ein Mensch, der die Kraft des Geistes und Herzens durch die Kraft der Kriegsmaschinen ersetzt. In Werfels biblischer Legende geht es um hohe und abstrakte Dinge. Der Dichter scheut nicht vor der Diskussion zurück. Es bleibt für das äußere Geschehen nur wenig Platz. Di« Perspektive!!, die sich dem Zuhörer eröffnen, sind interessant.. Versucht wird auch, den Schöpfungsakt, der die beiden großen Religionsgedanken bringt, theatralisch plausibel zu machen. Zauberhoku-pokus auf der Bühne, ein kleiner Revolutionsputfch, Massengemurmel und malerische Priesterauszüge dienen als dramatische Behelfe, ohne ein Drama zu schassen. Hauptsache bleibt das Spiel der Worte und Gedanken, das Werfet dichterisch erhebt, um es nicht selten zur bequemen Banalität hinunterklingen zu lassen. Regie Karlheinz Martin, Dramaturgie des Regisseurs, der den schon an sich dunklen Text durch dick« Striche oft noch mehr ver- dunkelte. Was aber sollte er anderes tun? Die Theaterschrauben, die er manchmal ansetzte, um das üppige Leben der Worte in Be- wegungen der handelnden Personen umzuwandeln, nutzten der inneren Beweglichkeit der Legende nicht. Es wurde Nebensächliches, etwa das pittoreske Mauscheln eines Zeloien oder eine Dämonen- austreibung oder der Austritt des römischen Statthalters, dem Musso- lini-Gebärden und Hitler-Phrosen zugedacht stnd, übertrieben. Das große Religionsgespräch zwischen dem Patriarchen der Juden und dem Apostel der Urchristen sollte nach der Idee des Dichters ein ganz innerliches Herausschöpsen geheimster Inspirationen sein. Es war anzuhören, so wie Martin es den Künstlern gestattete, wie ein rhetorisches Duell zwischen zwei Hauptpastoren. Dabei sprach K a y ß l e r den Patriarchen und Ernst Deutsch den Apostel Pau- lus. Es fehlte beiden, dem Jungen und dem Alten, die religiöse Besessenheit. Sie redeten nicht wie Propheten, sondern wie Auf- klärer, nicht himmlisch, sondern akademisch aufeinander ein, auch viel zu laut, kathedermäßig. Kayßler war Prediger, wo er Patriarch sein sollte, Deutsch war Techniker der Begeisterung— anstatt die Energie des kolossalsten Prophetentums zu fein. Kurt G e r r o n spielt« den römischen Landpfleger. Er macht aus einem Imperator voller Kaltblütigkeit einen Ausrufer der Schnoddrigkeit. Das amü- fiert, doch es zerhämmert den Stil der Legende, die soviel Realistik nicht verträgt. Theodor Laos ist eher ein Hohepriester der Klage als der königlichen Würde. Der Bühnenmaler Schütte und der Bühnenmufiker P r i n g s. heim erfüllten leichtere Aufgaben mit Geschicklichkeit. Orientalischer Tempelpomp und die monumental kleidsamen Gewänder der Priester- lichen Juden, all dieses phantastisch« Ornament der Frömmigkeit, war herrlich anzusehen. Und dort, wo die Litanei der Synagoge hör- bar werden sollte, wiegender Singsang glühender Beterkehlen und das barbarische Signal der Widderbörner, erzauberte die nach ur- alten Motiven zusammengetragene Melodie wirklich das Ritual des judäischen HeilkstilMS.. Max Hochdorf. ztvoIahre Archäologisches Institut Am 21. April vor 100 Jahren wurde das Archäologische Institut des Deutschen Reiches im Palazzo. Cafsarelli tn Rom gegründet. Die Hundertjahrfeier des Instituts, des ältesten seiner Art, wurde mit einer Festsitzung im Plenarsaal« des Deut- schen Reichstages am Sonntagabend eingeleitet. Aus einem Hain von Lorbeerbäumen und Blumen leuchten die Büsten seiner Mitbegründer her- vor: Wilhelm von Humboldt, Ger- hard Winckelmann und Bunsen. Die Festrede hielt der Präsident des Archäologischen Instituts des Deutschen Reiches. Profesior Ger- hart Rodenwaldt. Er führte aus: Das Institut verdankt sein« Entstehung der Sehnsucht der nordi- schen Völker nach Ergänzung ihres Wesens durch die klassische Schönheit des Südens. Das Lebenswerk Winckelmanns bildete seine Loraussetzung: Goethe und Wilhelm von Humboldt haben mit förderndem Interesse bei der Gründung Pate gestanden und die ersten Jahre der Entwicklung begleitet. Ent- sprechend dem internationalen Charakter der klassizistischen Epoche wurde das Institut in Rom als internationale Organisation gegründet. Di« Künstler des Klassizismus— an der Spitze Thor- waldsen, Schinkel und Rauch— standen zu der Gründung in naher Beziehung. Die neue Institution hatte die Aufgabe, die Wisienschaft aller Länder über neue Funde und Entdeckungen zu informieren und außerdem der Forschung durch systematische Sammlung und Ver- Lssentlichung der schon vorhandenen Denkmäler das Material zu liefern. In einer glänzenden Darlegung führte Präsident Roden- woldt dann die Festversammlung durch die hundert Jahre vergange- ner wissenschaftlicher Arbeit. Aus dem Institut der Anfänge ist in hundertjähriger Entwicklung über das Preußische Institut das Reichsinstitut geworden, dessen Aufgaben nun viel weiter reichen. Die Grüße der Reichsregierung überbrachte Reichsaußeiiminister Dr. S t r e s e m o n n, der u. a. ausführte:„Wer unsere Kultur versteht und ganz sein eigen nennen will, der muß auch die Wur- zeln kennen, aus denen sie erwachsen ist. Diese Wurzeln aufzu- zeigen ist die hohe Aufgabe der archäologischen Wissenschast. Wann sie au? dem Schoß der Erde die Ueberreste sto'zer Vorzeit birgt und deutet, so läßt sie den Geist lebendig werden, der hinter diesen Dingen steht, und lehrt uns, die seelischen und geistigen Kräfte ver- stehen, die über die unendliche Ketre der Geschlechter hinweg auch in uns nachwirken. So pflegt sie ein großes Erbe, von dem alle Völker zehren. Jede gemeinsame Arbeit ini Dienste der Wissen- schast aber ist Arbeit am Frieden." Ansprachen hielten weiter Kultusminister Becker, Vertreter auswärtiger Länder und Institute und das älteste Mitglied des Instituts, Prof von Wilamowitz-Möllendorff. Au» Anlaß der Feier hat sich eine Gesellschaft der Freunde des Instituts zur Förderung ihrer Aufgaben gebildet. Im Zusammenhang mit der Jubelfeier wird ein Vortrags- Programm den gegenwärtigen Stand archäologischer Forschungs- arbeit in der ganzen Welt verdeutlichen. Der äußere Höhepunkt dieser Tagung wird jedoch die Besichtigung des Pergamvnmuseimis sein, das für einen Tag die Pforten öffnet, um den Besuchern den kostbaren Schatz zu zeigen, den es in seinen großartigen Räumen birgt: den Pergamonaltar. Der pergamonische Altar befindet sich seit 52 Iahren in Berlin und war innerhalb dieser langen Zeit nur fünf Jahre dem Publikum zugänglich. Der Altar wird noch für ein ganzes Jahr der Oeffentlichkeit unzugänglich sein: aber es ist kein Zweifel, daß das vollendete Pergamonmuseum Volkssache werden wind. Statistik über die deutschen Theaterbühnen. Eine Rundfrage der Genossenschaft deutscher Bühnenange- hörigen hat ergeben, daß in Deutschland zurzeit folgend« Theater- Unternehmungen betrieben werden: in staatlicher Regie 20 Theater, in städtischer Regie 59 Theater, auf Grund von Stiftungen 2 Theater. Von Pachttheatern erhalten 24 städtische Slibventionen. Privatthenter gib: es in Berlin 30, im Reich 85. Wanderbühnen mit staatlichen und städtischen Subventionen bestehen zurzeit 25. 13 Bühnen sind geschlosien. Der Dayton-Westminster-Ehor in Berlin. In der Berliner Philharmonie gab am Sonnabend abend der aus 60 Damen und Herren bestehende Dayton-Westminster-Ehor aus dem Staate Ohio USA., der auf seiner Europatournee zum erstenmal nach Berlin ge- kommen war, ein Konzert, das zu einem musikalischen und tullur- politischen Ereignis wurde. Monopolisierung der türkischen Presse. Der türkische Abze» ordnete Jakub Kadri Bey erörtert in der Zeitung„Milliet" die Möglichkeit einer Monopolisierung der türkischen Presse durch den Staat: er meint, daß die Knsis der Presse, die durch die Einführung des lateinischen Alphabets und die wirtschaftliche Lage hervorgerufen sei, nur mit Hilfe des Staates überwunden werden könne. Wenn nicht Abhilfe geschaffen werde, so müsse die ganze Presse zugrunde gehen und das geistige Leben der Türkei werde schwer darunter leiden. Da die vier türkischen Morgen- und Abendblätter, die setzt in Konstantinopel erscheinen, bereit» sämtlich Organe der Regierung sind, so ist damit eigentlich die Monopolisierung schon durchgeführt. Ertoeitnung der CdM-Vttsfteflnag. Die Vetbl.ttuSftellu«, in der Akademie der ttiinfte ist durch eine Eammlunq von Aeichnunxen de» Künstlers aus dem Besitz der Berliner Nattonalzaterie erweitert werden. Freunde Carl Spilliler» veranstalten am 23. April, abends 8 Mr. in: BeielnSbaus Deutscher Jnqenieure, Friedrich. Eberl- Slraße 27. eine Sa vi- Spitteler-Feier unter Mltw rkunq von Gertrud Eysoldt, George Ucrntn, Gerhard F. weht«. Dr.«rnft Ewald. Kampf dem roten Hahn! Ein Museum der Brandabwehr. von der illlrnppiaer Feuerspritze, die 1763 Brande in und um Rheinsberg löschte, bis zur kleinen blanken Motorspritze Typ 192g ist in dem neuesten Museum Berlins, das die Feuersocietat Brandenburg in ihren Räumen errichtet hat. alles vertreten, was Menschen je ersonnen haben, um das Feuer zu bekämpfen. Ein Zuber aus cholz, ein eisernes Rohr zwischen zwei Leder. schlauchen— das ist die Kastenspritze, die Anno 1758 über das Berliner Pflaster holperte. Eine tragbare, stattliche Straßenlaterne init rotem Oeloberlicht, diesen Vorläufer unserer Verkehrsampel, schwenkte der Herr Brandmeister, während die dickbauchigen Feuer» hörner die Nachbarn herbeiriefen. Die Kommune Auerbach war sogar 1823 noch poetisch und führte ein solches Amulett am Wagen mit: „Feuer fetzt mich in Bewegung, Alles kommt mit mir in Regung. Alles ellt, mich hinzufahren Zu den schrecklichen Gefahren/ Aber besser Hilst noch der Spruch: .Lieber, heiliger Florian, Schirm' unser Haus— Zünd' andre an!" Oas Geheimnis der Quellenfinder. Den Wünschelruten wird ein historischer Rückblick geschenkt: Bereits vor 2080 Jahren wurde ihre Kraft, Wasserquellen unter dem Erdreich anzuzeigen, von der chinesischen Regierung an- «rkanntl Bei uns steht dieses Problem noch nicht auf dem Boden der anerkannten Wissenschaft. Erwiesen ist jedoch, daß bei dem Wünschelrutengänger nicht der Apparat, sondern eine noch un> bekannt«, geheime Fähigkeit mitspiell, die manche Menschen beson» ders sein reagieren läßt. Jedenfalls findet man mit ihrer chilse oft unbekannte Chausseezisternen, die zu wasserarmen Gehöften ab- geleitet werden. Dies alles zeigen uns hübsche anschauliche Modell- landschaften: Nichtig und falsch angelegte Bauerngüter, Fangbecken für Regenwasser, Stauseen und winzig« Telegrapheneinrichtungen, von Stanniol glänzende Flußläufe und eine Postagentur, die rot erglühend die Unheilsbotschast aufnimmt und an alle Nachbarn surrend weitergibt. Die Sirenen heulen! In 8 KUometer Umkreis sammeln sich die Eimerhanddruckfpritzen, von 35 Kilo- ineter an eilen die großen Automobllspritzen herbei. Da sind die verschiedenen Hydranten— nicht nur für den Fachmann inter- essant. Kurios mutet das Wenderohr einer noch nicht einmal alten Lanlfeuerspritze an. Wie vertrauenerweckend blinken da die hübschen, nenn'grotcn und kupfernen s�euerlöschbrunnen von heut«! Während heule die handliche Motorspritze, die an jedem Wagen als Anhänger fahren kann, nur zwei Hände zur Bedienung braucht, arbeiteten früher 18 Mann mühselig und zMraubend an der großen Pump- Vorrichtung. Dabei schöpft die heutige Spritz« tapser dreimal soviel Wasser wie die ältere Schwester und läßt sich mehrfach vergabeln. Feueralarm auf dem Lande! Da stehen wiederum kleine Nachbildungen von erntegefüllten Scheunen, hier führt man geängstigte Pferde mit sackoerhüllten Köpfen aus dem brennenden Stall. Da wird«in braver Wehrmann bewußtlos fortgetragen. Dort schlägt das Feuer lodernd aus dem Schuppendach. Und in oll dem realistiichen Entsetzen fehlt die Ro- niantik nicht: Auf einem Hügel sitzt der Hirtenknabe mit Knopf- äugen und neben, ihm sein treuer Pudel mit prächtigem Chenille- schweif... Ein besonderes Kapitel ist der B l i tz f ch u tz: Für Stadt und Land, Industrien und Privathäuser. Jährlich erfolgen 8000 bis 7000 Blitzschläge in Deutschland, die 1400 Menschenopfer fordern! Da ist eine sommerliche Landschaft mit unheilvollen schwarzen Wolken, die sich über einer appetitlichen Molkerei mit einer roman- tischen Mühle ballen. Da surren auch schon die Motoren: Bio- leite Blitze zucken, hüllen die Dächer in einen knisternden Strahlenmantel. Es ist ungemütlich. Denn die bestellten, Meter- langen Blitze sind echt. Ueber 100 000 Volt... Dann kommen«in paar Stallungen» richtige ländliche Pferde- und Kuhställe. Aber die elektrischen Anlagen zwischen Holz und Stroh sind schlecht geschützt. Anders die modernen, feuer- sicheren Kästen im Mustergut! Diese morschen Holzoerschalungen, die oerrosteten Eisenpseiler, die von Blitzen aufgerissenen Leitungen — sie sprechen deutlicher als ermüdende Tobellen und Statistiken, die keiner liest... Aber auch die Hausfrau bekommt einen höflichen Nasenstüber: Wer sonst ist der Urheber der Brandspuren— die eine gute Nähmaschine zu einem schiefen, verkohlten Wrack ge- gemacht haben? Da stand die elektrisch« Plätte— und„sie" ging rasch einmal zur Nachbarin... Auch gibt man für die Kinder bunte Bildersprüche mit nach Hause, die sagen: So— soll es nicht sein. Man muh sich wirklich wundern, wenn man dieses Museum durchwandert hat, wohin Leichtsinn, Unbedachtsamkeit und Unwissen führen können! Die beliebte Anhäufung von Bodenkram, eine selbst- geflickt« Elektroleitung, die harmlosen Preßkohlen unter Treppen und Derschlägen. Rauchen Im Bett ist Selbstmord— heißt es! Tausend Kleinigkeiten, die man täglich— vergißt. Tausend Kleinigkeiten, an die man hier denken lernt. Und so macht uns die Feuer- societät ein kostbares Geschenk: Daß wir in diesem jüngsten Museum sehen und vorbeugen lernen! Eine Tafel am Ausgang sagt: 400 Millionen Reichsmark an Sachwerten frißt alljährlich in Deutsch- land das Feuer! Daher: Kampf dem roten Hahn» Oer alte Gchneeballtrick. Bor Amsterdamer Schwindelfirmen wird gewarnt. Das berüchllgke„Schneeball- oder Goldregen- syst« m", das seine Entstehung in Holland hat, breitet sich neuerdings wieder über Berlin aus. Besonders eine Firma„Credit Continental-Amster- dam" entfallet eine einsige Tätigkeit. Es kann nicht dringend genug vor ihr gewarnt werden. Das System besteht darin, daß der Empfänger des Briefes, der vier Karten enthält, eine selbst behalten und die drei anderen weitervertreiben soll.. An diese erste Serie schließen sich je nachdem drei oder vier andere an, so daß die Zahl der Karten, die zu oertreiben sind, mit jeder Serie wächst. Aussicht ans einen Gewinn wird nur dem gemacht, der imstande ist, den ganzen Wust an den Mann zu bringen. Das gelingt in den seltensten Fällen. Abgesehen davon aber ist noch niemand bekannt ge- worden, der einen Gewinn erhalten hätte. Die Firma sucht chre Kunden in der Hauptsache in den minderbemittelten Kreisen. Sie rechnet daraus, daß hier chre Versprechungen auf günstigen Boden fallen. Während in den Wintermonaten das platte Land, besonders Ost preußen, mit den Briefen über- schwemnrt wurde, gehen diese jetzt mehr Berliner Einwoh- n« r n zu. Nach einem ähnlichen System arbeitet die zweite Finna„A m e- rican-Financing-C o.", die ihren Sitz ebenfalls in Amstsr- dam hat. Hier handelt es sich um die �-B-C-Reche, in der für drei Scheine a 5 M. ein Gewinn von 2000 M. bor versprochen wird. Die Spieler sollten dessen eingedenk sein, daß selbst im Falle eines Gewinnes ihnen keine Rechtsmittel zur Seite stehen, um ihn einzutreiben, denn die Beteiligung an ausländischen Lotterien ist gesetzlich verboten. Empfänger der Briese werden gebeten, sie mit- samt dem Umschlag an Kriminalkommissar P o s s e h l. im Polizei- dienstgebäude in der Georgenkirchstraße 30a einzusenden. Räch achtjährigem Suchen verhastel. Der Ende 1S20 verhaftete und während des Transports von Reval nach Narwo gejlüchtet« Kommunist Pelju sst jetzt wieder verhaftet worden. Die Polizei hat ihn 8� Jahre lang gesucht, während dieser Zell hat er in ver- schiedenen Orlen Estlands unter falschem Namen gelebt. Matinee des Novemberfludios. Erich Mühsam: �Eacco und Batizetti*. Seit einiger Zeit führt das Theater einen energischen Kamps gegen die überlebten Methoden der Justiz, gegen das grausame und sinnlose Räderwerk der anspruchsvollen, unmenschlichen und mittelallerlichen Gerichtsmaschinerie. Di« Bühnen, die darmt er- freulicherweise stets von neuem chre Lebendigkeit und Zellverbunden» heit betonen, finden sich in einem konzentrischen Angriff gegen die Schande der Todesstrafe. Am vergangenen Sonntag hat sich in der Volksbühne Eleonore Kalkowska für Jakubowski eingesetzt, gestern hat das November-' Studio im„Theater in der Stadt" Erich Mühsams„Sacco und Vanzetti" aufgeführt. Es hall damit die Erinnerung an das Mar- tyrium der beiden italienischen Anarchisten wach, die aus faden- scheinige Verdächtigungen hin 7 Jahr« lang im Kerker schmachteten und ebensolange zwischen der Hoffnung aus Befreiung und der Aussicht auf Hinrichtung schweben mußten.»Mit der szenschen Bearbeitung der Sacco-Vanzetti-Tragödie," so äußert sich der Autor selbst,„war keine Dramatisierung im gewöhnlichen Sinne beab- sichtigt. Der historische Ablauf der Ereigmsse hat ein Drama von so ungeheurer Eindringlichkeit geschaffen, daß der dichterischen Er« findung so gut wie nichts zu tun übrig blieb. Daher habe ich es als meine einzige Aufgabe betrachtet, das wirkliche Geschehen unter Punktierung bestimmter, für die Entwicklung der Ereignisse de- deutungsooller Daten in Dialogen und angedeuteten Handlungen für die Bühne einzurichten.. Bon den auftretenden, mit Namen genannten Personen ist keine einzige erdacht, auch alle nebenbsi erwähnten Namen sind historisch." Der Absicht Mühsams entspricht der Regisseur des November» Studios, Leopold L i n d t b e r g, indem er die dramatische Ge- staltung der Szenen mit sachlichen Hinweisen verbindet. Aus der einen Seite der Bühne ist eine Leinewand ausgespannt, auf der Daten oder Namen ausleuchten. Es entsteht so ein dramatisierter Tatsachenbericht. Mit einfachsten Mitteln hat Elfriede L i e b t h a l «n einprägsames Bühnenbild geschaffen: die meisten Szenen spielen sich auf einem hohen Gerüst ab, zu dem durch Podeste unterbrocbene Treppen führen. Trotz der strengen Sachlichkeit, die im Werk selbst, in der Regie und in der Darstellung durchgeführt ist, entsieht ein« lebendig«, aufrüttelnd«, erschütternd« und anklagende Wirkung. Wenn etwa die beiden Gefangenen in der Zelle gezeigt werden und auf der Leinwand die Jahreszahlen 1923, 1924, 1925 vorüber- wandern, während dazu sine Uhr ihr eintöniges Ticken hämmert. Oder wenn Sacco plötzlich, ohne äußere Veranlassung, von seiner Pritsche aufspringt und ruhetos vor den Gitterstäben hin und her läuft wie ein Raubtier in seinem Käfig. Oder wenn ein einziger Darsteller auf der Bühne die vollkommene Illusion einer erregten Volksversammlung schafft, indem aus dem Zuschauerraum leiden- schaftliche Zurufe ertönen. Eine neue dramatische Form ist im Werden, die dichterische Reportage, der Piscator schon vor Jahren den Adel der Kunst zu verleihen oersucht hat. Noch ringt sie um letzte Gestaltung. E n hoher ethischer Wert ist auch Mühsams„Sacco und Vanzett." eigen. Das Wert wirbt für Menschlichkeit und wahre Gerechlig- keit. Es kämpft eben gegen die Kulturbarbarei der Todesstrafe, es macht insbesondere den schändlichen elektrischen Stuhl zum Sinn- bild amerikanischer Zivilisation. Die Darsteller legten insgesamt wohlwende Zurückhaltung an den Tag und erzielten damit gerade die stärksten Wirkungen. Jeder enizelne war an seinen richtigen Platz gestellt. Friedrich G n a s und Ernst Busch(Sacco und Vanzetti) und neben ihnen Lotte Lieven, Dora Gerson, Hans Lei bell und Hans M a r l a n d wurden von einem ergriffenen Publikum unaufhörlich vor die Rampe gerufen. Auch dem Autor wurde begeisterte Zu- stimmung zutell. Ernst Degner. Verantivortlich fOt die Redoktion: ffrai,, illüh», Berlin: Änjeigen: Ii>. Slocke, Berlin. Berlag: Borwiirt» Verlag Sonniags nadim. 8 Uhr Jublläums-Programm unter der Devise ÜHHä Eilte-Slknger CASINß-TBEÄTER sl'Uh' Lotnnn'-er StralSe 57. nur noch wenige AuttOhrungen „Eine ungelleßte frau" und ein erstklnsslger bunter Teil. 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April 1929 SrrAbniD In iiLnsid/i s(ox Von denen unser Leben abhängt... Notwendige Bemerkungen zur Eröffnung der„Deutschen Ausstellung Gas und Wasser* Zum erstenmal beteiligt sich die Arbeiterschaft der Gas- und Wasserwerke an einer grüßen Fachausstellung, wie es die „Deutsche Ausstellung Gas und Wasser, Berlin 1 9 2 9" unbestritten ist. Von der Tätigkeit der Gas- und Wasser- Werksarbeiter ist der veftentlichkeit nur wenig bekannt und aus der Leichtigkeit der Annahme schließt man gern aus den leichten Dienst, der mit der Produktion von Gas oder Förderung und Weiterleitung von Wasser beschästigten Arbeiter, Angestellten und Beamten. Zu jeder Tages- und Nachtzeit, an Sonn- und Feiertagen muß Gas und Wosier sowohl für Haushaltungen als auch für In- dustrie und Gewerbe zur Verfügung stehen. Die Feuerhausarbeiter in d«n Gaswerken und die in Pumpenwerken beschäftigten Maschi- nisten und Heizer sowie die Rohrnetzwachen arbeiten in Wechsel- schicht, und besonders in kleineren Betrieben muß der einzelne zu jeder Tages- und Nachtzeit einspringen. Fehlt an einer wichtigen Stelle, sei es im Betriebe oder bei Rohrbrüchen,«in Mann, so bleibt nichts anderes übrig als die Arbeit solange zu übernehmen, bis Ablösung erfolgt. Es darf eben nicht vorkommen, daß ein lebens- wichtiger Betrieb versagt. Aus diesen Gründen sind vielfach auch Dienstwohnungen vorhanden, deren Bewohner sich in fast ständiger Dienstbereitschaft befindet:. Die kaiserliche, die schreckliche Zeit. Ueber 89 Proz. der Gas- und Wasierwerke sind im Besitz der Städte und Gemeinden. Beschäftigten dl« Städte in der Vorkriegs- zeit aus Gründen vorbeugender Armenpflege vielfach nicht voll Arbeitsfähig«, so war dieses in den Gas- und Wasserwerken nicht möglich. Die Tätigkeit des Gasarbeiters gehört mit zu den schwersten, gefährlichsten und ungesündesten Arbeiten. Nur absolut gesunde Menschen, die nebenbei auch nicht die ungeschicktesten sein dürfen, eignen sich für diesen Beruf. Trotzdem war bis zur Staatsumwälzung 1918 in diesen Betrieben die zehn st ündigetä gliche ArbeitszeitundfürWechsel- schichtler die Doppelschicht(12 Stunden) mit weni- gen Ausnahmen üblich. Besonders die Feuerhausarbefter mit ihrer lebensgefährlichen Tätigkeit haben unter der langen Arbeits- zeit furchtbar gelitten. Dasselbe trifft zu für die im Mittelpunkt der Wasserversorgung beschäftigten Maschinisten und Heizer in den Pumpenwerken. Dieselben arbeiteten durchweg in 12stündig«r Schicht und sieben Schichten in der Woche. Achtzehn, bis vierund- zwanzig stündige Arbeitszeit beim Schichtwechsel gab den Gas» und Wasserwerksarbeitern keinen Sonn- und Feiertag mehr. Von der Nachtschicht konmlend, wurden und werden noch heut« in den ärmlichen Wohnungen die durchschwitzten Letten ausgesucht, in denen des Nachts schon Familienangehörige geschlafen haben. Besonders bei den Gasarbeitern lag die Krankheitsziffer ständig hoch über den Durchschnitt. Trotzdem waren tn e Städte als Besitzer der Werke nur schwer zu.bewegen, eine Verkürzung der Arbeitszeit durchzuführen und die Arbeiterschaft der Gas- und Wasserwerk« war nicht stark genug, sich ein« kürzere Arbeitszeit zu erkämpfen. Von gleicher Bedeutung wie die Arbeitszeitfrog« war die L o h n- r e g e l u n g. Bis in den 99er Iahren wurde den Gas- und Wasser- werksarbeitern die Höhe ihres Lohnes noch der.Leistungsfähig- keil" und den„Verhältnissen des Arbeitsmorktes" bemessen. Die Lohnfesffetzungen erfolgten von Fall zu Fall ohne einheitliche Ge- sichtspunkte oder Lohmabellen. Hierbei spielte das willkürliche Er- messen des für die Lohnfestsetzung, maßgebenden Vorgesetzten ein« entscheidend« Roll«. Um die Jahrhundertwende sind dann für die in Gas- und Wasserwerken Beschäftigten Lohntabellen ein- geführt worden, die die Lohnfesffetzung in die Gemeindeparlamente und Magistrate verlegten. In der Zwischenzeit hatte die Arbeiter- schoft, trotz des Dreiklassemvahlrechts, in den Gemeindeparlamenten «ine, wenn auch bescheidene, Vertretung gesunden. Mit Hilfe der sozialdemokratischen Gemeindefraktionen wurden Lohntabellen festgesetzt, wobei die Höchstlöhne in der Regel nach zehn- bis zwölfjähriger Dienstzeit erreicht wurden. In einer Reihe von Städten wurden an Verheiratete höhere Löhne gezahlt als an Ledige. In anderen Städten wurden neben dem Lohn Familienzulagen und Mietszuschüfle gewährt. Hatte schon die Einführung von Lohntabellen mit bestimmten Lohnsteigerungen mit Zunahme der Dienstjahre und dann die Ein- führung eines Mindestlohnes erfreulicherweis« mit der Lohnhöhe mich der angeblichen individuellen Leistungsfähigkeit des Arbeiters gebrochen, so geschah dies in. noch stärkerem Maße dort, wo Familien- zulagen und Mietszuschüsse eingeführt wurden. Um die soziale Ausgestaltung der Arbeitsbedingungen wurde jahrzehntelang gekämpft. Von den taufenden größeren Städten und Gemeinden waren es nur wenige, die ihren Arbeitern Sommerurlaub. Bezahlung der Wochenfeiertag«, Hinterbliebenen- Versorgung usw. gewährten. Der Urlaub betrug selten mehr als eine Woche und war häufig nur ein bis drei Tage lang. Der Bildung van Arbeiterausschüfsen wurde von den Wertsleitungen der größte Widerstand entgegengesetzt. Wo aber Arbeiterau-schüsi« gewählt waren, wurde gleichzeitig eine Bestimmung erlassen, wonach Der- Handlungen nur stattfanden, wenn die Verwaltung« direttoren ihre Einberusung für ersorderlich hielten. Das Koal'i'onsrecht— ein Retzen Papier Jede freie Meinnngsäußening wurde unterdrückt. Das Koalitionsrecht in diesen Betrieben stand nur auf dem Papier. Der Anschluß an eine freie Gewerkschaft war vielleicht gleich- bedeutend mit B r o t l o sm o ch u n g. So hieß es z. D. in der Arbeitsordnung der Stadt Zittau: .... Wer MJüarbeiter zur Erzwingung höherer Löhn« aufreizt, einem Verbände angehört, der Streik bewegungen fördert, oder Angestellte zum Eintritt in einen solchen Ver- band veranlaßt, wird die Stellung gekündigr. Unier Umständen erfolgt die sofortige Entlassung. In einer vom Direktorium der Altonaer Gas- und Wasserwerk« einberufenen Betriebsoersammlung im Jahre 1898 wurde den Arbeitern folgende Mitteilung gegeben: „Im Austrage der Gas- und Wasserwerk« und des Herrn Oberbürgermeisters hoffen wir, daß keiner der städiischen Arbeiter dem Verband« der Gas- und Wasserwerks- a r b e i t e r beitritt, und da ich gehört habe, daß von meinen Arbeitern bereits einig« dem Verbände angehören, fordere ich sie auf, bis zum eisten Juni aus demselben auszutreten, wer dies nicht getan hat. wird entlassen.'' Daß man bei dieser Einstellung es ablehnt«, mit den gewerk- schaftlichen Organisationen der Arbeiter zu verhandeln, versteht sich am Rande. Der Abschluß von Tarifverträgen wurde aus gleichen Gründen abgelehnt. Vier Tarifverträge für sieben Gaswerke und ein Tarifvertrag für ein Wasserwerk für insgesamt 1509 Beschäftigte war das bescheiden« Resultat jahrzehntelanger, zäher, gewerkschaft- licher Arbeit. Die sich auf dos Dreiklassenwohlrecht stützenden Ge- meindeoerwoltungen der Vorkriegszeit waren eben strickte Gegner von Tarifverträgen, und die Organijottonen der Arbeiter waren noch zu schwach, um sich Tarifverträge zu erzwingen. Und heute... Dies« kurze Schilderung der Vorkriegsverhältnisse war not- wendig, um zu verstehen, wie es kam, daß nach dem Zusammen- bruch 1918 die Arbeiter der Gas- und Wasserwerk« zum Teil recht stürmisch eine Verbesserung ihrer Lebenslage verlangten. Durch Verordnung vom 23. November 1918 wurde das Tarifrecht eingeführt. Durch Abkommen vom IL. Novem- ber 1918 zwischen den Spitzenverbänden der Arbeitgeber und Arbeit- nehmer wurden die Gewerkschaften als berufene Vertreter der Arbeiter und die unbeschränkte Koalitionsfreiheit der Arbeiter an- erkannt. Die Reichsregierung ordnete an, diese Bestimmungen auch in den Reichsbetrieben zu beachten. Den Leitern der Landes- und kommunalen Betriebe wurde das gleich« empfohlen. Damit war der Weg frei für die Schaffung von Tarffverträgen auch bei den Gemeinden und damit für die Gas- und Wasserwerke. Sind doch über 89 Proz. aller Gas- und Wasserwerke kommunale Betriebe. Da auf seilen der Arbeitgeber keine kommunale Arbeit- geberorganisation als Tarifvertragspartei bestand, wurde am 3. Fe- bruar 1919 zwischen einem vom Vorstand des Deutschen Städtetages ernannten Ausschuß und dem Hauptoorstand des Verbandes der Gemeinde- und Staatsarbeiter Richtlinien über Tarffverträge zwischen Stadtgemeinden und städttschen Arbeitern und Grundsätze über Errichtung eines gemeindlichen Zentralaus- schusses vereinbart. Dies« Vereinbarung war die Grundlage für den kommenden Reichsmanteltarifvertrog, der am 1. Juni 1929 für die gemeindlichen Betriebe und Verwaltungen abgeschlossen wurde. Der Träger dieses Vertrages ist für die Arbeitgeber der Heichsarbeitgeberverband Deutscher Gemeinden und Kommunal- verbände, Sitz Berlin. Auf Arbeitnehmerseite zeichnete als größte Organisation der Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiter, Sitz Berlin, und für die christlichen Gewerkschaften der Zentralverband der Gemeindearbeiter und Straßenbahner Deutschlands. Sitz Köln (jetzt: Zentraloerband der Arbeitnehmer der öffenllichen Betriebe und Verwaltungen, Sitz Köln). Neben diesem Reichstaris sind von den Bezirksorganisationen Bezirkstarise abgeschlossen worden. An wichtigen sozialen Leistungen des Vertrages seien hier er- wähnt, daß der Lohn weitergezahlt wird, wenn der Ar- beiter ohne sein Verschulden an der Arbeit verhindert ist, und zwar für die Dauer von ein bis vier Tagen. Für ausgefallen« Arbeits- stunden an Wochenfeiertagen wird der Lohn weitergezahlt. Die Dauer des Urlaubs beträgt je nach Dienstjahun vier bis siebzehn Kalendertag« und bei Krankheitsfällen wird je nach Länge der Beschäfttgungsdouer der Lohn mit 99 Proz. fortgezahlt, und zwar für die Dauer von 6 bis 26 Wochen. Kinder- und Hausftandsgcld wird fast allen ohne Ausnahme gewährt, und von privaten Gas- und Wasserwerken abgesehen, besteht heute für fast alle Gas- und Wasserwerksarbeiter eine Ruhelohn- und Hinter- bliebenenoerforgung. Von besonderer Bedeutung ist die im Vertrag« vorgesehene Einrichtung von Schiedsstellen über Schlichtung und Streitig- keiten. Die Schiedsstellen haben zweifellos mit dazu beigetraaen, daß kommunale Werk« bis auf einzelne Ausnahmen von Streiks und Aussperrungen verschoM blieben. Die Besetzung der Schiedsstellen durch Mitglieder der vertragschTießcnden Organisationen ist richtig N und bedingt durch die Eigenart des Arbeitsvertrages in öffentlichen Betrieben. Aus Zweckmäßigkeitsgründen geboren, hat sich in der Zwischenzeit gezeigt, daß der Gedanke der zentralen Regelung der Arbeiterverhältnisse richtig ist. I o s e f O r l o p p. Das Geheimnis des Doberg. Herb und eintönig ist die westfälische Ebene im Borfrüh- ling. In den kleinen Gehölzen und Waldungen liegt das»er- moderte Laub des vergangenen Herbstes und die kahlen Felder oerstärken noch die schwer- mütige Stimmung der Land- schast. Nur wenn die Strahlen der Sonne durch die Wolken brechen, verändert sie sich. Alles Eintönige, Farblose ist ver- schwunden, und das ganze Land leuchtet plötzlich von innen heraus wie das auf Gold- grund gematte Bild eines alten Meisters. An alten Wasserburgen, an geheimnisvollen Weihern und verträumten Friedhöfen führt der Weg vorüber. Schon neigt sich der Tag den: End« zu. Die Sonne steht tief und Nebel steigen. Aus den Teichen tönt der dumpfe Ruf der Unken. Nur durch ihre hellere Färbung hebt sich die Landstraße noch von Feldern und Weideflächen ab. Der Weg führt in die Nacht hinein. Noch sind keine Anzeichen einer größeren Siedlung, in der man die Nacht verbringen könnte, zu sehen. Endlos ist die Ebene. Aber da, unmittelbar vor uns, steigt plötzlich eine riesenhafte Wand auf. Bis in den Himmel scheint sie zu ragen. Ist es Nebel? Ist es der Dunst, der unaufhörlich aus den nassen Wiesen steigt? Oder ist es eine Täuschung der über- mitdeten Sinnesneroen? Nein, es ist Wirklichkeit, so unerklärlich und schreckhast sie auch anmutet. Es scheint eine ungeheure Fels- wand zu sein, die sich plötzlich hier auftürmt. Aber wie kommen diese riesenhaften Massen mitten hinein in die westfälische Ebene? Nun stehen wir so nahe vor der geheimnisvollen Wand, daß wir sie mit den Händen berühren können. Langsam tasten wir uns an dem harten kalten Gestein entlang. Im gleichen Augenblick tritt der Mond aus den Wolken, und nun sehen wir, wo wir uns be- finden. Wir stehen am. Eingang einer bizarr geformten Schlucht, die in gähnendes Dunkel übergeht. Voll Staunen und Erwartung gehen wir hinein, um endlich die Aufklärung des rätselhaften An- blicks zu finden. Aber immer geheimnisvoller immer unwirklicher wird die Umgebung. Kein Schritt tönt mehr auf dem weichen Boden, kein Laut ist vernehmbar, wie ein Reich des Todes fft das selffame Land, in das wir uns verirrt haben. Alte westfälische Sagen kommen uns in den Sinn. Sie erzählen von Menschen, die plötzlich in unbekannte Gegenden versetzt wurden und erst nach s tagelangen Wanderungen die Heimat wiederfanden. Könnte das hier nicht ein amerikanilcher Canon sein? Sind es die Vogelberge Islands oder die Massive Norwegens? Und was ist hier drüben für ein seltsamer Vorsprung, auf dem der volle Schein des Mondes liegt? Ein riesenhaftes Antlitz sieht uns drohend an. Daneben ein Löwenkops mit ungeheurer Mähne und zum Sprung geducktem Körper. Alles scheint lebendig zu werden, überall Fratzen von Menschen und Tieren, verzerrt, zerfurcht, wild und gespenstisch. Do— mit einem Male, so unvermittell und überraschend, wie der Spuk begonnen hatte, fft er verschwunden. Vor uns liegt wieder die vertraute Ebene und in der Ferne schimmern Lichter, freund- liche Boten menschlicher Wohnungen. Ist es Wirklichkeit, was wir erlebt haben? Steil und riesenhaft droht die Schlucht hinter uns, bis das Dunkel der Nacht sie verschlingt. Dre alte westfälische Bäuerin, die uns gastlich aufgenommen hat, sieht schweigend vor sich hin, als wir ihr unser Erlebnis er- zählen. Endlich sagt sie langsam:„Se wern in Doberg wesen— un dor is nachts, nich geheuer." Am nächsten Morgen gilt unser erster Gang dem„Doberg", von dem unser« Wirtin uns erst widerstrebend, dann immer ge- sprächiger werdend, so manche seltsame Geschichte erzählt hatte. Schon von weitem können wir seine Umrisse erkennen. Aber wie verändert ist das Bild im hellen Strahl der Morgensonne. Alle Schrecknisse sind verschwunden. Die Schlucht allerdings ze-gt auch jetzt noch seltsame Figuren und Köpf«, aber sie sind tot. in lebloses Gestein gebannt. Unterhalb des schroff emporragenden Gipfels dehnt sich eine freundliche, grüne Weidefläche, und auf den Abhängen blüht im Sommer dunkelrotes Heidekraut. Und doch ist auch jetzt der Anblick wunderbar genug. In den Schichtungen des Sand- steins liegen versteinerte Muscheln und Blätter, Farrenkräuter und Schachtelhalme. Ihre feinen, zarten Verästelungen sind so klar zu erkennen, als soiett sie von dem Stift eines geschickten Kupferstechers in den Stein geritzt worden. Es sind Reste einer früheren Epoche der Erde, als hier noch Meer war, das seltsame Tiere, ausgestorbene Pflanzenarten belebt hatten. Als ein letztes, ungeheures Ueber- bleibsel ragt heute noch der Doberg in die stille, westfälische Landschaft. Schon hat nüchterner Profit seine Hand nach ihm ausgestreckt. Sandgruben sind angelegt und ein großer Teil des Berges ist be- reits abgetragen und zu Bauzwecken verwendet worden. Aber die geheimnisvolle Schlucht mit ihren Ueberresten aus der Urgeschichte der Erde wird erhalten bleiben, bi«— ja, bis eines Tages Sturm und Regen, Vereisung und Tauwetter den Sieg davontragen werden und der letzte Abhang zusammengestürzt und zerbröckett ist. Dielleicht wird sein Name als Bezeichnung einer Flur- grenze oder einer Straß« weiter- leben, vielleicht werden alte Er- Zählungen, die sich an ihn knüpfen, sich noch eine Zettlang im Voltsmund erhallen. Viel- leicht wird man noch Jahr- hunderte später In allen Büchern von einem seltsamen, geheim- \ nisvollen Berg lesen können, � der Zeugen aus fernster Der- ! gangenhett in seinem Innern > barg. Der Doberg se'bst aber : wird dann längst das Schicksal � alles Lebens geteilt haben, er wird verweht und vergangen sein und keine Spur wird zu den neuen Entwicklungsformen führen, die feine zerbröckelten I Erbmassen angenommen haben. Dr. Else Möbus. (10. Fortsetzung.) Am Sonntag zogen wir wieder mit Musik nach Kirchhain. Unsere ganze Kompagnie folgte nach. Die Kameraden von der Infanterie, die zum Teil an dem Zusammenstoß beteiligt waren, lobten uns sehr. Die Geschichte hatte sich inzwischen herum- gesprochen und wir waren in den Augen aller Kameraden, die In Sierenz und in Kirchhain lagen, angesehen. » Unser Papa kam oft des Abends in unsere Bude. Er polterte mit challo herauf. Das erste, was er rief, war: „Kinder, wer putzt mir die Stiefel?" Alle schrien:„Ich... ich... ich...!" und jeder sprang mit seiner Bürste bewaffnet hinzu und bearbeitet« seine Stiesel, während er Witze und Neuigkeiten erzählte. An die Stiefellitzen hatte Papa sein Eisernes Kreuz genäht. Das bemerkte der Feldwebel, als er revidierte. Er sah erst Papa lange an und sagte dann:„Mach das Band vom Stiesellitzen ob, Vater." „Das bleibt dronl" lachte Papa. „Man kann doch eine Auszeichnung nicht an die Stiefelbänder nähen!" „Du siehst doch, Feldwebel, man kann es." „Das ist eine Verächtlichmachung der Auszeichnung!" „Weiter sind die Dinger auch nichts wert!" „Aber was sollen die Mannschaften davon halten?" „Jeder Lausejunge kann sie tragen." „Es ist eine Anerkennung!" „Quatsch! Beim Leutnant gehört das Ding zur Uniform; die Soldaten müssen sich's durch A____ lecken bei den Vorgesetzten ver- dienen. Wer glaubt noch an den Klimbim im zweiten Kriegsjahr? Ich nicht mehr und die im Felde waren auch nicht. Geh ab, Feld- webel!"' „Du hast es doch auch, Unteroffizier Vater?" „Wenn schon! Bei mir hängt am linken Stiefel das Kreuz und am rechten das Band. Da vertauschen wenigstens die Iungens meine Stiefel beim Stiefelputzen nicht mit denen der anderen Kor- poral«." „Ich werde dem Kompagnieführer Meldung machen!" „Meinetwegen gleich dem Kaiser, du... ähehem, Herr Feld- webel." Der Feldwebel warf die Tür hinter sich ins Schloß. » Drei Tage, bevor wir aus Sierenz ausrückten, kam sine- Abends Papa zu uns herauf und sagt«:„Kinder, wer will von euch Wache schieben? Ich muß heute abend die Küchenwache stellen." Wir meldeten uns alle. „Stellt euch mal der Reihe nach hin, ich zähle ab. Zlussuchen gibt es bei mir nicht." Ich war der dritte Mann. Die Wache fing abends an und ging bis zum anderen Vor» mittag. Der übrige Tag war dann dienstfrei. Uin neun Uhr zog ich auf Wache. Wenn man vorn am Gitter des Straßenzaunes stand, tonnte man alles übersehen, ohne ge- sehen zu werden. Es war sehr still, die Lichter in den Häusern ge. löscht und die Leute schienen zu schlafen. Da kam der Küchenunterosfizier angelaufen, schloß seinen Vor- ratsraum auf und machte Licht. Ich sah überall auf den Borden Weißbrot, Butterklumpen und eine Reihe schöner Schlackwürste. Ach, wie mein Herz lachte beim Anblick der leckeren Dinge, von denen wir sonst nie etwas zu sehen bekamen. Es war eine große Augenweide für mich. Und noch mehr Augenweide, als ich sah, wie der Unteroffizier die feinsten, dicksten Würste durchschnitt, ste aus einen sauberen Teller legte und auf einen zweiten Teller minde- stens dreiviertel Pfund Butter tat, beide Teller gut zudeckte und forteilte. Ich sah, daß er in ein Zivilhaus lief, von dem man munkelte, daß sich kleine Grisetten darin verborgen halten. Eine Viertelstunde vor zwölf, kurz vor meiner Ablösung, kam der Unteroffizier mit dem leeren Teller zurück. Der Feld- webel folgte ihm. Der Küchenunteroffizier stellte die Teller wieder in den Vorratsraum und schloß zu. Da trat ich vor und machte Meldung, was ich gar nicht nötig hatte. „Ist gut!" sagte der Spieß mit unsicherer Stimme, und beide verschwanden eiligst. Ich lachte ihnen laut und gellend nach. Am anderen Tage erhielt die Kompagnie Wurst zum Abend- brot... Endlich war das Arresthaus für einen unserer Unteroffiziere frei geworden. Cr wurde also eingesperrt. Wenn wir zu den Werfern marschierten, kamen wir vorbei. Dann rief Papa: „Minenwerferzug 234. Hohio... hohw...!" Und die Kompagnie fiel wie aus einem Munde ein:„Minen- werferkompagnie 219. Hohio... hohio.. hohio...hoho...1" „Hohio... hohio,.. hohio... hohio... es ist sehr schön hier oben. Hohio... hohio ho... ho...!" schallte es aus dem Arrest- haus zurück. Das machte uns Spaß, und wir brüllten aus Leibeskräften jedesmal, wenn wir vorbeimarschierten. Das war das letzte Erlebnis in Sierenz. Han-les-Iuvinie. Am Abend war olles verladen, und der Zug fuhr von Sierenz ab. Wir saßen in Güterwagen, warin Bänke standen. Für die Offiziere und Unteroffiziere war in der MUte ein Personenwagen eingestellt. Die eine Tür unseres Güterwagens ging nicht zuzu- schieben, da sie defekt war. E« war feuchtkalt, und dazu siel«in feiner Regen. Langsam fuhr der Zug, man konnte fast nebenher lausen. Der Wagen stieß sehr heftig und wenn eine Kurve kam, quietschte er ohrenbetäubend. Kalter Wind blies den Regen hinein in den Wage». Wir saßen dr�ihsg Mann darin und die anfängliche Lustigkeit wich bald bitterer Traurigkeit. Allmählich kamen wir nach Diedenhofen, und auf meinen Knien lagen zwei junge Häupter, die den seligen Schlaf schliefen. Zu meinen Füßen lag Valentin und schnarchte. Ich war etwas wärmer geworden und konnte denken. Da dachte ich an mein armseliges Leben, das von früher Jugend an sehr traurig war. Dachte daran, daß schon in meiner Kindheit die Not an mich herantrat und sich mein soziales Empfinden früh einstellte. Ein unheimliches Gefühl beschlich mich, wie alles enden würde. Damals, als ich vor Apern stand, glaubte ich, in dieser Zeit könne der Krieg vorüber sein. Nun fuhr ich wieder an die Front. Das erstemal war es mit mir gut gegangen, aber nun. Der Morgen kam fahl herauf. In der Luft hingen Regen- wölken. Ach, wie war das Land trostlos, und doch sah ich schon die Sträucher Blättchen treiben, und manchmal kam das„Tüt, tüt" eines einsam dahinstreifenden Vogels an mein Ohr. In der zehnten Morgenstunde hielt der Zug. Wir waren am Ort unserer Bestimmung. Montmedy hieß das Städtchen, und es waren viele Truppen in den kleinen Straßen. Wir tranken heißen Kaffee und enttuden Pferde, Werfer und die Bagagewagen. Schon kam das Donnern der Front näher. Am Nachmittag brach die Kompagnie nach dem neuen Quartier auf. Wir marschierten auf einer nassen, zerfahrenen Chaussee dahin und kamen gegen Abend in Han-les-Juvinie, einem Dörfchen etwa sechzig Kilometer hinter der Front, an. Die Häuser waren von Zivil bewohnt. Wir standen eine halbe Stunde auf dem Anger Dann kam der Feldwebel zurück. Er hatte keine Quartier« gesunden und befahl uns, nun selbst welche zu suchen. Wo wir hinkamen, winkten die Franzosen ab. Etliche Häuser, die freistanden, waren bald überfüllt. Wir Aelteren standen schließ- lich allein aus dem Platz mit den Sanitätsmannschasten. Die Offi- ziere und der Feldwebel waren verschwunden. Schließlich kamen wir auf dem Heuboden eines Kuhstalls unter. In den nächsten Tagen wurde wenig exerziert, aber desto mehr gespielt. Das Spielen war hier Dienst. Wir hakten viel freie Zeit, wenn auch Appelle mit allen möglichen Ausrüstungsstücken waren. Am zweiten Tage unseres Aufenthalts erlebten wir all« ein Schauspiel, das heißt, wir machten eine Strafe zur Lächerlichkeit. Unser Papa und ein anderer Unteroffizier sollten endlich ihr« Strafe abbrummen. Da nun in Han-les-Juvinie kein Arresthaus war, befahl der Leutnant, die Unteroffiziere je zwei Stunden an das Rad eines schweren Minenwerfers anzubinden. Papa meldet« sich sofort zur Bestrafung. Wir nahmen ein Brett mit und legten es auf die Wagenachse. Darauf setzie sich Papa. Dann wurden Pionierstrick« herbeigehott und Papa festgebunden. Das geschah von mir so, daß er sehr bequem sigen konnte. Daraus holten wir«inen Tisch herbei und seine lange Pfeife. Zwei Unterojfiziers setzten sich zu Papa an den Tisch, und dann wurde ein echter deutscher Skat gedroschen. Ich stand mit einem Fidibus bereit, Papa die Pfeif« anzuzünden, wenn sie in der Hitze des Spiels ausgegangen war. Die ganze Kompagnie, selbst die Feldwebelleutnants, standen dabei und lachten Scherzworte flogen herüber und hinüber. Dazu war warmer Frühlingssonnenschein. denn hier zog schon mächtig der Frühling ins Land. So verging eine halbe Stunde. Da kam der Leutnant vorbei und sah sich die Ausführung der Strafe an. Er geriet in Wut und schrie: „Unteroffizier Vater, heißt das eine Strafe absitzen?" -„Jawohl. Herr Kompagnieführer, ich sitze schon, und zwar auf einem Rade!" „Sie untergraben die Disziplin!" „Ich übe ja Disziplin, Herr Leutnant, indem ich mich als erster gemeldet habe. Es ist heute gerade schönes Wetter. Sehr geeignet." „Unerhört, wie meine Befehl« ausgeführt werdenl" „So werden Ihre Befehle ausgeführt, Herr Leutnant!" ant» wartete Papa sehr hohnvoll und drosch seinen Skat weiter. Die spielenden Unteroffizier« lachten. „Binden Sie den Unteroffizier ab!" herrschte der Leutnant mich an. Ich tat es sehr humoristisch. „Was machst du denn da, du Lausejunge?!" schrie Papa, als habe er des Leutnants Worte nicht gehört. „Papa, ich soll dich abbinden!" „Parum denn? Ich muß doch meine zwei Stunden herunter- reißen! Binde mich gefälligst wieder fest, mein Lieber, auf einer Wagenachse kann man nur angebunden sitzen!" Der Leutnant wurde bleich vor Wut. Hinter ihm lachte die ganze Kompagnie. „Unterossizier Vater, Unteroffizier H., Ihr« Strafen sind er- lasten!" „Herr Leutnant sind zu gütig, das können wir gar nicht ver- langen. Es fitzt sich sehr gut angebunden auf dem Rade." Und Papa lächelte sein. Wir lachten alle sehr, hoben unser Papachen auf die Schultern und trugen ihn hurraschreiend vor dem Quartier der Feldwebels und des Kompagnieführers auf und ab. Die Zioilbewohner liefen zusammen. „Was ist denn los, Unteroffizier Dater?" fragt« der Spieß. „fjurra, Hurra! Die Strafe ist mir erlösten!" Papachen brüllte, brüllte und wir mit. Wir gerieten in einen zynischen Taumel, trugen Papachen auf den Straßen henim und riefen:„Hoch lebe unser Papachen, hoch, hoch!"(Forts, folgt.) WAS DER TAG BRINGT. Volksbühnenbewegung in Norwegen. In Oslo hat sich ein Ausschuß gegründet, der unter der Be- Zeichnung„Das Volkstheater" die Schaffung einer Besucherorgani- sation mit einem eigenen Theaterunternehmen anstrebt. Die Vor- arbeiten sind so weit gediehen, daß in nächster Zeit an die Verwirk- lichung der Pläne herangegangen werden kann. Wie wir einem Osloer Bericht der Zeitschrift„Die Volksbühne" entnehmen, ist außerdem geplant, im Außenspiel oder durch Schaffung einer Wanderbühne theaterlose Orte der näheren und weiteren Umgebung Oslos mtt guten Theatervorstellungen zu oersorgen.„Das Volts- thsater" wird seine Arbeiten auf Grund der reichen Ersahrungen, die innerhalb der deutschen Volksbühnenbewegung gesammelt worden sind, aufbauen. Eine Volksbühnenorganisation ist auch in Bergen in der Entwicklung begriffen. Die junge Organisation zählt bereits über 3000 Mitglieder und stt seit einigen Monaten tättg. Dem deutschen Vorbild getreu, werden ganze oder halbe Vorstellungen am Bergen« Theater abgenommen und zum Einheitspreis an die An- gehörigen der Organisation abgegeben. Die Träger der Organi- sation planen einen weiteren energischen Ausbau ihrer Einrichtung; außerdem beabsichtigen sie die Schaffung einer Wanderbühne, die, wenn irgend möglich, schon mit Beginn der nächsten Spielzeit cheater- los« Städte Norwegens bespielen soll. \ogelnester in Kanonen. Dem friedlichsten und schönsten Zweck, dem Kanonen gewidmet sein können, dienen die Geschütze, die auf dem Schlachtfeld von Gettys- bürg in Pennsyloanien aufgestellt sind Wie ein Besucher, Merrill Wood, in einer Zeitschrift berichtet, hat er die 92 Kanonen unter. sucht, die sich dort zur Erinnerung an die Schlacht befinden. Don Ataat»», 22. April Berlin. 16 00 Dr. Lanehelnrich-Antbos: Poesie der QroOstadt. 16.30 Novellen von Willi Fehlse. 17.00 Konzert. Franz Schubert: Sonate A-Dur(Gisela Sprinzer. Flütel). Lieder von Hnzo Wolf(Annelies Rttst, Sopran; Flüzel: Erich Rusl). Anschließend; Mitteilunzen des Arbeitsamtes Berlin-Mitte. 18.10 Lateinwucher in unserer Sprache(Deutscher Sprachverein). 19.00 Dr. med. Ernst Rothe; Antst und Asthma. 19.30 Oberbllrzermeister B6ß: Selbstverwaltunz und QroßstadtbjvOllrenmz. 20.00 Das ABC des Theaters. Zvfezespräch zwischen Herbert Iherinz and Erwin PIscator. 20,30 Unterhaltunzsmusik Hotel Kaiserhof(Kapelle Gdza Kontor). 21.30 Musik der Qezenwart. Rudi Stephan: Zwei ernste Qesanze(Fritz Diittbcrnd, Bariton; FIfleel: Dr. Karol Rathaus). Karo1 Rathaus: Eine Kleine Serenade, op. 23(Uraufführunz).(Hermann Schräder, Klarinette; Walter Ruff. Fazott: Rudolf Rehder, Trompete; Emil Seide, Horn, und der Komponist. Klavier.) Nach den Abendraeiduitzen bis 0.30: Tanzmusik(A. Onttmanns Jazz-Sinfoniker). KOnlgswusterbausen. 16,00 Englisch(kulturkundllch-literarische Stunde). 16.30 Heinrich Bachmann und Dr. Erich Fortner; Tiroler Dichter: Oberkoiler. 18. CO Dr. Arnold Hahn: Wie steizere ich die Leistunzsfähizkeit meines Geistes? 18.30 Enzlisch für Anfänzer. 18.56 Rez.-Rat Dr. Lieht: Welche Gewahr hat der Landwirt für eine sichere Silotutterbcreitnnz? 19.20 Min.-Rat Horstmann; Werkmeisterlehrranz für Facharbeiter: Mechanik. den 58 Messingkanonen waren 55 von Vögeln für ihre Nester benutzt worden, und von den 34 Cifenkanvnen hatten Vögel in 32 ihr Heini ausgeschlagen. Als er zu einer Sechszollkanone kam, flog ein Fliegenschnäpper heraus, und er fand dort ein Nest mit vier Eiern ganz nahe am Eingang der Röhre, während die übrigen Nester fast sämtlich tiefer im Innern angelegt waren, so daß man mit der Hand nicht hinzu konnte. In einer Großkaliberkanone mußten wohl Eulen gehaust haben, denn es lag dort noch das Gewölle und das rechte Schulterblatt einer Fledermaus. Ein Zaunkönig hatte sich in einer Kleinkaliberkanone ein Nest aus kleinen Zweigen angelegt. In fünf Kanonen wohnten Stare, und in zwei waren Junge. In einer Kanone hausten Bienen, in einer anderen Wespen; ein Eich- Hörnchen hatte sich in einem Rohr- eine Vorratskammer errichtet. Trotz den Tausenden, die das Schlachtfeld besuchen, scheinen die Vögel in den alten Kanonen ruhig und sicher zu wohnen. Was können die Menschen angesichts dieser Tatsachen von den Vögeln lernen? Komödie um ein Papstbild. Beuthen in Oberschlesien ist eine gut-katholische Stadt. Beuthen in Oberschlesien wollte auch der Mitwelt zeigen, was für eine gut- katholische Stadt sie sei und ließ sich durch den oberschlesischen Kunst. maler Karl Wittek ein Papstbild malen. Nach Witieks Rückkehr aus Italien gab es großen Tam-Tam, Lobeshymnen auf Wittel wurden gesungen, das Bild priesterlich geweiht, Reproduktionen wurden an- gefertigt, aber es wurde doch nicht so ein rechtes Geschäft. Als Wittek das Bild bezahlt haben wollte, v-rsuchte man sich zu drücken. Eines Tages ging Wittek mit einigen Arbeitern In die Beuthener Gemäldegalerie und ließ das Bild in feine Wohnung zurückschaffen. Darob großes Entsetzen beim Deuthenei Magistrat, schließlich wand!« man sich an die Staatsanwaltschaft und erwirkte eine einstweilige Verfügung gegen Wittel. Schnurstracks zog der G-richtsvollzieber vor Wittels Wohnung, da er nicht anwesend war. wurde die Tür kurzerhand erbrochen und das Bild herausgeholl. Am nächsten Tage prangten in dero oberschlesischen Presse Insirate des Beuthener Magistrats, daß die Gemäldeaalerle wieder eröffnet fei. Noch immer ist der Streit um das Papstbild nicht beendet. Wittek beansprucht noch zirka 7000 Mark, der Beuthener Magistrat weigert sich, diesen Betrag, der ihm von privater Seite zur Bezahlung des Bildes ,ur Dersüanng aestellt wurde, an den Kunstmaler auszuzahlen. Als vorläufiaer Schlußakt der Komödie kommt die Nachricht, daß Wittek seinen Kirchenaustritt erklärt hat. Ein pommersches Heimatmuseum. Der preußische Fiekus hat das Herzogschloß in Rügenwald«. eines der schönsten Baudenkmäler des 13. Jahrhunderts, dem Kreis Schlawe mit der Bestimmung übergeben, das Gebäude in ein pom- Wersches Heimatmuseum umzuwandeln. Bourdet, der französische Komödiant, der in Deutschland durch seine Komödien „Gefangene" und„Soeben erschienen" bekannt geworden ist, ver. kehrte einst mtt einer jungen Dame der besten Pariser Gesellschaft Eines Tages gestand er ihr: „Mein Fräulein, ich könnt« Sie lieben! Fragen Sie Ihr Herz, ob ich auf Gegenliebe hoffen dürfte!" „Tut mir leid," entgegnete die Gefragte achselzuckend,„ich frage nicht mein Herz, sondern meinen Lerstand, meinen Kopf; der sagt mir aber: Nein!", Bourdet kam nicht aus der Fastung, sondern fragte well«: „Und dürste Ich auf keine Gehirnerweichung hoffen?" Die Zchnjahrfcier der FTGB. Das Werbefest in der Zentraliurnhalle. Die Freie Turnerschast Groß-Verlin, die ihr« Anhänger und Freunde oft nach der Turnhalle Prinzeiistraße ruft, kann auf den Verlauf des gestrigen Sonntags mit ganz besonderer Freude zurückblicken. Das W e r b e f e st des Tages galt der Cr- innerung an J)as zehnjährige B e st e h e n der FTGB. Der GründunAbezirk Süden, der mit nur 40 bundestreuen Turnern und Turnerinnen im April 1919 den Grundstein zur FTGB. legte, meu gestern imstande, die große Halle allein zu füllen und in pausen- koser Folge ein dreistündiges Programm durchzuführen. Mit Recht wies Kofel in seiner Begrüßungsansprache aus die Pionierarbeit hin. die in unentwegter Treue für den Arbeiter-Turn- und Sport- bund gerade in den vergangenen Iahren geleistet wurde. Die Darbietungen fesselten wie immer. Es war gut, daß auch ganz ein,fache Uebungen gezeigt wurden. Dadurch wird gerade noch Fernstehende angelockt und zur Teilnahme veran- kaßi. Fast alle Vorführungen wurden von dem über 29 Mann starten vereinseigenen Musilkorps FTGB. unter Leitung seines Dirigenten Paul vortrefflich begleitet. Es war erfreulich, daß sich alle, vom allerkleinsten Dreikäsehoch bis zu den ältesten Mit- gliedern der Altersricgen, in den Dienst der Sache stellten. Di« Zuschauer waren sichtlich erfreut und spendeten reichlich Beisall. Waren es die sehr gut ausgeführten Gesundhcitsübungep der Frauen oder Gymnastik und Tangspiel« der Jungmödchen, die mit den schwierigen Festsreiübungen der Kinder wechselten: alles Ge- zeigte war imstande, die Notwendigkeit der Pflege der Leibes- Übungen zu beweisen. Auch das Geräteturnen von jung und alt an.39 Geräten zeugte davon, daß auch Mut und Geschick- lichkeit zur ständigen Uebung bei der FTGB. eine gute Stätte ge- funden haben. Schon nahen im flotten Lauf die Sportlerinnen und Sporller, die Ausschnitte aus ihrem Uebungsbetrieb vorführen, während im Hintergrund bereits die Mannschaften zu den Staffelläufen und zum Füns-Minuten-Paar- lausen antreten. Besonders dos letztere stellte erhebliche An- spräche an die Läuser und wurde hier wie bei ollen Läufen um den Bruchteil von Sekunde und Meter hart gekämpft. Das Hallen-Handballspiel wurde in einem äußerst forschen Tempo ausgetragen und beschäftigte die besten Mann- schaften. Alles in allem hat der Verlauf der Veranstaltung aufs neue bewiesen, daß die FTGB. mit Recht der Arbeiter-Turn- und Sportverein Groß-Berlins ist, der die Sympathien der organi- sierten Arbeiterschaft in weitestem Maße verdient. Beim nach- folgenden Festabend im Gewerkschaftshaus wirkten u. a. mit: die „Typographia", der Gesangverein der Berliner Buchdrucker, die Tamburica-Sektion„H a v l i c e k" und das Musikkorps der FTGB. Alle erfreuten durch ausgezeichnete Darbietungen und wurden mit Beisall überschüttet. « Radrennen im Aprilsturm. Refchenbach-Schwarz siegen über 45 Kilometer. Auf der Strecke Staaken— D ö b e ritz— Dyrotz— Wu st ermark— Nauen und zurück brachte der Arbeiter-Rad- und Kraftfahrerbund„Solidarität* am Sonntag in aller Frühe sein 2. Straßenrennen zum Austrag. Als Sieger ging dar- aus die Mannschaft Reichenbach- Schwarz der Rennsahrerabteilung Berlin hervor. Die Favoriten der Charlottenburger Abteilung, die in Drerden anläßlich der Gau-Bundesmeisterschoften ein großes und erfolgreiches Rennen fuhren, mußten stch mit dem 3. Platz bc- gnügen. Allerdings stand das Straßenrennen unter der Ungunst des schlechten und stürmischen Wetters: man darf deshalb auf den Ausgang der folgenden Rennen gespannt sein. Dom Sammelstart am Knie in Eharlottenburg setzt« stch am Sonntag früh um Vt5 Uhr eine stattliche Radsahrertavalkad« in Be- wcgung. Alle Fahrer, die gemeldet hatten, waren zur Stelle: ein höchst erfreuliches Zeichen. Kurz vor 6 Uhr erfolgt in der Königstraße in Staaken der Start. Die Mannschaften, die aus je zwei Fahrern bestanden, hatten auf der Hinfahrt mit starkem Gegenwind zu kämpfen. Kurz vor Döb«ritz mußten Michaelis und Reim aufgeben: Reim hatte einen kleinen Unfall, bei dem dos Vorderrod in die„Brüch«* ging. Ein großes Rennen fuhren Reichenbach und Schwarz. Beide lagen an- sänglich an vierter Stelle, hatten stch aber am Wendepunkt in Nauen schon auf den 2. Platz heraufgearbeitet. Auf dem Rückwege gelang es ihnen, die Spitze zu übernehmen, die sie dann auch nicht wieder abgaben. In 1: 24.59 Stunden passierten sie als Sieger dos Ziel. Seltz-Uhlmann liefen eine knappe Minute später'ein.'Die Streckenbesetzung und der Sanitätsdienst wurden von den Abtei- lungen Falkensee und Velten musterhaft durchgeführt. 1. Reicketiboch-Tchwara, Abteilung' Berlin, t:2j:5gi 2. Leitz- Uhlemann, Abteilung Berlin, I:A:bS: Ü. Peter».Heinz Sitlbckohl. Abteilung Sbarlottenburg, t:3l:0«: t Nilschle-ZImmermgnn, Abteilung Wilmersborl, 1:31'SV: Z. Lau» iStibekohl-tlortirlewicz, Abteilung ckharlattenburg, 1:Z4:b0: 6. Nowalle-Werner, Abteilung Berlin, 1:37:1!!. Unentwegte Strafjenläufer. Trotz Sturm und Regen: Eichwalde- Scfaenkendorf. Trotz schlechtem Wetter nahm die Veranstaltung einen guten Verlauf. Kalter Wind machte alle Anstrengungen der Sonne zu- nicht«, zwischen Wildau und Königswusterhausen gerieten die Läufer in eintn Schneesturm, der jede Aussicht verhinderte. Nach dem Startschuß übernimmt Groß-Besten die Führung, bis zum ersten Kilometer gefolgt von Süd-Ost I vor Moabit und AST. Groß- Besten folgt an vierter Stelle. In Wildau, nach sechs Kilometern, ist die Reihenfolge dieselbe. An die vierte Stelle hat sich Halbe geschoben. Eingangs Königswusterhausen löst Moabit Süd-Ost in der Führung ab. Ostring kommt teilweise an vierte Stelle. Vor Schenkendorf kommt ASC. noch vorn. Im harten Schlußkamps kann der letzte Läufer von Süd-Ost ASC. vier Meter zurücklassen. Moabit folgt dicht auf. Dann kommt die große Ueber- r a s ch u n g: Groß«Lesten läuft an vierter Stelle ein. Fengler verzichtete aus den Einzellauf und verhalf seiner Mannschaft zu dem Erfo'g vor Ostring. Bei den Jugendmannschaften führt anfänglich Süd-Ost. Beim zweiten Kilometer kommen die Wildauer nach vorn, gefolgt von Ostring. In Wildau ist die Reihenfolge: Ostring, Süd-Ost, AST.. Wildau. Aber in ihrer„Heimat* erkämpfen sich die Wil- dauer die Spitze, um sie bis ins Ziel, daß sie als 15. des Gesamt- selbes passieren, nicht mehr abzugeben. Nach ständigem Wechseln der Plätze wird ASE. kurz vor dem Ziel von Ostring auf den dritten Platz verwiesen.. Bei den Einzelläufern beherrschten die Moabiter mit Fengler das Feld. Anfänglich halten sich Hildebrandt-Fürstenwalde und Böhmer-Ireptow gut zu dem führenden Gädicke. In Wildau liegen vier Moabiter in Führung. Blankenburg und Gädicke nehmen peiter die Spitze. Der letztere beendet« den Lauf 5 Meter vor seinem Bereinsgenosien. Es starteten 28 Mannschaften und 9 Einzelläufer. Die R e> u l t a t«: I!PIdänderlcampf Deutschland— Holland 0: 0. Unentschieden endete gestern der gewissermaßen als Revanche sür die von Holland im Hockeyspiel erlittene Olympiade-Niederlage ausgetragene Länderkampf. Der SCC.-Sportplatz hatte etwa 2999 Besucher, die trotz heftigen Schneetreibens nicht wichen. Die Führungsfrage inyg europäischen Hockey bleibt weiter ungeklärt. Trotz des glatten Bodens entwickelte sich ein flottes, an schönen Spielmomenten reiches Treffen. Holland ist im Spielaufbau ein wenig besser, was feine Angriffe vor dem Tor immer gefährlich macht. Das«ine stand fest, ein 1:9 haben sie verdient, und hätten es bei jedem anderen Torhüter auch erreicht: nur nicht bei dem mehr als erstklassigen Vincke. Dieses posenlose Spiel war Hockey- kunst. Den Sieg auf deutscher Seite hat der Sturm in seiner Schuß- Unfähigkeit verschenkt. Der„alte* Boche rechtfertigte allein seine Ausstellung. Die Holländer boten Einheitlicheres und waren vor allem, was Stocksicherheit und Stellungsspiel betrifft, den Deutschen weit überlegen. Man merkt« ihnen die indischen Lehrmeister deut- lich an. Ganz ausgezeichnet waren ihr« beiden Verteidiger de Waal und Tresling. Beim Abpfiff verlassen die Mannschaften„ohne* Bei- fall, sogar mit Pfiffen begleitet, was dem schlechten Stürmerspiel der Deutschen gill. das schneebedeckt«(!) Spielfeld. «- Wenn zwei dasselbe tun... Das wollt« wohl der Deutsche Hockeybund in seinem neuem Satzungsentwurs besonders dait- lich bei den Amateurbestimmungen betonen. Die zeigen ein recht merkwürdiges Doppelgesicht. Es gibt von nun an im Deutschen Hockeybund diktatorisch keine Amateure mehr: der feudale Herren- spieler ist geboren. Kurz: der„S u p e r a m a t e u r*. Dieser Superamateur soll ein ganz besonderes Musterkind werden. Kein Gedanke, daß er etwa mal Gehält bekäme, um Gottes willen, das wäre ja ein Profi, oder daß er etwa, wie es der„Sportplebs* tut, nämlich: Spesen„liquidiert*. Nein. Der Superamateur ist von alledem rein. Man verzichtet auf Volkstümlichkeit: man ist Herren- spieler. Wie wundervoll schon allein in psychologisch-pädagogsscher Hinsicht wäre es da, wenn die Herren Vorstandsmitglieder den Vereinskassen, an denen man sicher nie Schlange stehen braucht, die offiziellen Spesen vermacht hätten. Dieser Gedanke, den Herr Stranz aus Hannover vertrat, scheint doch zu abseits. Der Deutsche Hockeybund nimmt an seinen eigenen Spesen vorläufig keinen An- stoß. Nur' die„Vorteile* seiner„Untergebenen* sind gefährlich. Gleickzeitig haben sich die Herren die Vornehmheit der„Polster- klasse* nicht nehmen lassen, und fest« Vorstandsspesen beschlossen. Tut man das aber für den Vorstand, dann sollte man auch die Konsequenz so weit anwenden, daß man mit dem Begriff„Ama- teur* kein« amerikanisch« Imitation liefert. Mit Exklusivität wird der Hockeybund nie seinen �Sport zu einem Volkssport machen können und dann auch nie das ersehnt« Niveau der Inder erreichen. JFlampla« Juniors"- Tennis Borussia 1:0. Das Auftreten der so gepriesenen Südamerikaner Fuß- baller in Berlin war sportlich so unerfreulich wie es spiele- risch wertvoll war. Vor etwa 29 999 Zuschauern bewiesen die „Ramplas*, wenigstens in der ersten Halbzeit, daß sie Klassefußball spielen können. Ein unhaltbares Tor in der ersten Hälfte gab ihnen den knappen Sieg. Tenni, hatte nach dem Eifer der zweiten Hälfte ein Unentschieden verdient. Leider nahm das Spiel, als Tennis überlegen wurde, geradezu tolle Formen an. Was mußten das doch für Wundertiere sein, diese R a m- p l a m p l a m» aus Uruguay, die uns mit ihrem Gastspiel über- zeugen sollten, daß nur die Deutschen in Amsterdam die Rowdys waren. Alle Verein« rissen sich um sie. Lobeshymnen stimmte die ganze bürgerliche Sportpresse über diese Exoten an, zu halben Göttern macht« man sie. Wohin am Sonntag? Rur zu Tennis— Rampla Juniors! Spielerisch war schon einmal eine uruguayanische Mannschaft(Penarol) eine Enttäuschung. Gsstern aber gab'» einen Skandal, wie man ihn im Sport noch nie erlebt hat. Einen Platzverweis eines mehr als rohen Burschen beantworteten die Ramplas auf ausdrückliche Weisung ihres Reisebegleiters(!) mit Rempeleien, tätlichen Angriffen auf den Schiedsrichter und dauernden Ausschlagen des Balle». Dos End« war«in wüste« Geschrei und Gejohle desselben Publikums, da» bei einigen spielerischen Mätzchen zu Beginn des Spiels nicht genug Hosianna schreien tonnte.— Ohne daß man wußte, was man serviert bekommt, lobt man diese Burschen in den Himmel. Drum hat man jetzt gar kein Recht, den Mund so voll zu nehmen. R&tt mutzte wieder absagen. An«ine Austragung der zum dritten Mal« angesetzten Cröffnungsrennen auf der R ü t t« A r e n a war auch diesmal nicht zu denken. Der April kehrte alle seine Schattenseiten wie Shmn und Schneegestöber hervor, so daß Walter Rütt, der mit den himm- lischen Mächten scheinbar auf dem Kriegsfuß« steht, wiederum zu einer glänzenden Absage seiner Veranstaltung gezwungen war. Meister im Gewichtheben beim ßrandcnburgischen Kraltsportverbänu Bei s«hr starker Beteiligung der Berliner Schwerathlel, Amateurvereine mit über vierzig Hebern, wurden gestern im Pantower Gesellschaftshaus die diesjährigen Meisterschaften im Gewichtheben recht flott durchgeführt. Diesmal fiel der Titel an den besten im Fünfkampf. Im wechselseitigen Reißen und Stoßen sowie im beidarmigen Stoßen, Reißen und Drücken wurden die neuen Meister in allen sieben Kategorien ermittelt. In den vier leichten Gewichtsklassen, Fliegen- bis Leichtgewicht, wurde sehr erbittert um die Siegespalme gestritten. Das stärkste Interesse konzentriert« sich wie stets auf die drei schweren Klassen: hier starteten ganz hervorragende Heber, zu denen sich außer Kon- kurrenz die zwei erfolgreichen Magdeburger Stephan und Hoffmann xesellten, deren Verein sich vor einiger Zeit wegen besserer sport- licher Betätigung zum Kreis Groß-Berlin überschreiben ließ, und gestern mit 875 refp. 895 Pfund eine gute Probe ihres Könnens ablegten. Mit ganz ausgezeichneten Vertretern gingen SV. Guts- Muts sowie der SV. Eiche an den Start. Die Sportvereinigung-Ost, die sich an den letzten Mannschaftsmeisterschaften nicht beteiligt hatte, versuchte, die vorjährigen Sieger SV. Nord und SV. Sparta zu schlagen, was ihnen aber nicht gelang. Dagegen stehen diesmal SV. Nord(4825 Pfund) und der SV. Eiche(4799 Pfund) an der Spitze. Meister im Fliegengewicht wurde der Favorit Werner(Ost) mit 595 Pfund, und im Bantamgewicht siegte E. Hoff- mann(Sparta) mit 679 Pfund. Als neuer Federgewichtsmeister bezwang Kohl(Post) 759 Pfund. Im Leichtgewicht holte sich Kiel (Nord) mit 779 Pfund, sehr knapp vor Jansen(Eiche) und Schneider (Heros), die je 759 Pfund insgesamt bewältigten, die Lorbeeren. Regorz(BT.) ließ im Mittelgewicht mit 819 Pfund seine Gegner weit zurück. Der Halbschwere Schliebner(Ost) siegt mit 849 Pfund nur knapp vor Handel(Eiche) 839 Psund, und im Schwer- gewicht bezwang Kauffmann(Sparta), der Favorit seiner Klasse, 979 Pfund. Juniorenmeister wurden Krohr(Guts-Muts) mit 549 Pfund im Alleingang, und Altmann(Maccabi) siegt« mit 619 Pfund hoch über Krzebintkowsti(Eiche) 589 Pfund. Im Bantamgewicht ist Hüffner(Spart?) und im Leichtgewicht Hauptmann(Guts-Muts), im Alleingang, neuer Meister mit 629 Pfund. Steuer(Ost) wurde mit 745 Psund neuer Mittelgewichtsmeister, im Halbschwergewicht Hagen(Guts-Muts) mit 695 Pfund und in der schwersten Klasse Dogner.(Eiche) mit 839 Pfund Meister. G. M. Rennen zu Mariendorf. Der launenhafte Monat April übte am Tage der Vorprüfung zum Derby der Traber, dem Buddenbrock-Rennen, seine Herrschast schrankenlos aus. Regen und Schnee, Hagel und Sonnenschein lösten einander ab. Daß trotzdem Mariendorf sehr gut be- sucht war, zeugt von hoher Passion der Trabersportanhänger. Glücklicherweise befand sich das Geläuf noch in einwandfreier Verfassung, wenn auch schnelle Zeiten nicht erzielt werden konnten. Frund-teeg.Rcn»«»: 1. Pompadour KB. Rauppct), 2. Hexenmeister, 3. Long «wert, 4. Theolrat. Toto: 32:10. Platz: 22, 18, 160, 24:10. Ferner liefen: Agitator, gahrcnheit, Belletrist, Lchlohrose, Biedermann, Clemcntine, Wittes, Rushaga Boy, Nebelkappe. Naturbursche, Sadana, Maimorgen, Modena, Mc. dardus. Hallig, Talcere, Zierde, Linn« Dabevdorserin. Renneu: 1. Nero(Rnöpnadel it), Z ckharmant, t. Sir Drifton, 4. Fattenstein. Toto: 13:10. Platz: 11, 19, 24, 26:10, Ferner liefen: Oberamtmann, Osst Osroalda, Eiegmund, Ilsenburg, Pride the Sreat, M.mi, Mimose, Rlasse. Sudan-Renaen: 1. Lindenwirtin I(Iautz Ir.Z, 2. Franlet, Z. Rilnlgsodlcr, Toto: 27:10. Platz: 17, 30. 32:10. Ferner liefen: Paula«., Manrico, Qu, st quast, RammersSnger, Herostratos. Buddenbrock-Rennen: 1. Signal, Oberstleutnant, Heinrich, PraStmüdels Tochter. Sottfrsed-Rennen: 1. Hella Timoko sM. Ringlus), 2. Tirana, 3. Turandot. Toto: 101:10. Platz: 24. 25, 20:10. Ferner liefen: Ladyfhip(als 1. disquaiifiz. 80 Pro». Sieg und Platz ilur.), Irrwisch(alo 2. disqualifiz. 80 Pro,. Platz zur.), Padrel, Paleneia l. Rastmir, Passer. Frn Haus. Rennen: 1. Abt. 1. Annie Eoudster sBes.), 2. IngeNnde, 3. Elisa, 4. Effi. Toto:«8:10. Platz: 26, 17, 17, 53:10. Ferner liefen: Noblesse, Eitelsried, Rakadu I, Loga Burton, Importeur, Ida Palos, Hellina, Min,. Rurgast, Eopal.— 2. Abt. 1. Baromethcr sP. Rleess, 2. Deweyphine. 3. Friedrich Rex, 4. Rerrigan jr. Toto: 136:10. Platz: 23, 43, 24, 16:10. Ferner liefen: Lu, Langemann, Eood Boy, Terraria, O'Eaptain Leerberg. Primel, Quitt« 95., Mentor I. Eoudster sr.. Morgentau. Kerostrat-Rennen: 1. Antenor(Eh. Mills), 2. Abendstcrn, 3. Lebemann. Toto: 15:10. Platz: 11, 12, 12:10. Ferner liefen: Meister B., Fredegundi», Edzard, Graf Doorn. Florentiner Rennen: 1. Marie Louise tS. Raupperl, 2. Gottfried, 3. Schnadahllpfl. Toto: 47:10. Platz: 13, 12:10. Ferner liefen: Luci Halle, Baron Siloester. ckdeltochter-Rennen: 1. Seriog Louis II. Mills), 2. Flagqenlied, 3. Harfen. mddchen. Toto: 15:10. Platz: 13, 23, 15:10. Ferner liefen: Aldisa, Steinnett-, Lombardei, Mcisterstvck, Diana Magowan, Friedrich-d'or, Nosensrau(». W.), Seideblume, Einsiedler(als 1.«. W.), Rapitän Halle, Parmenio. Spieladende der Arbeiter'Sdiachspielcr! Wir geben nachstehend den schachspielfreudigen Lesern des „Abend* ein Abteilungsvcrzeichnis der„Freien Arbeiter-Schach- Vereinigung Groß-Berlin* bekannt. Die Spielabende beginnen um 29 Uhr und finden in jeder Woche statt. Unterricht wird Intel- essenten kostenlos erteilt. Anfragen in allen Dereinsangelegenheiten sind an Georg Werwinsti, S 59, Planufer 91, zu richten. Abt. Rreu»d««g: Donnerstag» bei Rrepp, Planuser 75—76. Abt. Treptow: Donnerstags bei Ddhling. Elfenstr. 100. Abt. SckSneberg: Dienstag» bei Seidel, Gustav-Müllcr-Platz 1. Abt. Mitt«! Freitags bei Rurzrock, flionskirchplatz 5. Abt. Westend: Donnerstag bei Iamin. Soshik.Eharlott-.Str. 88. Abt. Lichtenberg! Dienstags bei Schuler. WUHlischstr. 36. Abt. M«m«l! Dienstag» bei Lücke. Memeler Str. 10. Abt. Wedding! Freitag» bei Hermes, Mllllerstr. 26. Abt. Sriinon: Dienstag» im Gemcinschaftshaus, Gutshof Fattenberg. Abt. Friedrich«ha>n! Montags, Mittwochs, Albrecht, Stratzmannstr. 42. Abt. Prenzloner B«rg! Donnerstags bei Rlug. Dangiger Str. 71. Abt. weitzense«: Freitag» bei Galla», Berliner Alle», Eck« Lehderstratz«. Abt. Hu»b«ldtb«in! Diencktog» bei Ddhling. Brunnenstr. 7l>. Abt.»eulölln: Dienstags bei Balewtti. Boddinstr. 57. Abt. Wilmersdorf: Donnerotag» bei Hiimmerling, Brandenburgisch« Str. 75. Tonristea»er»In.Di« Naturfreunde�, gentrale Wie». vet»grupp« Berlin: Donnerstag. 25. April, 191$ Uhr, im Sitzungssaal de, Bezirksamt» Rreujberg, Borckstr. 11, Lichtbilderoortraä iUiaufmhruna):„Ferientage auf Eorsika. Referent: G. Rritmer. Einlritterarte 60 Pf an der Abendkasse.— Abt. Fried«. »am Dienstag, 23. April, 20 Uhr, Offenbacher Str. 5». Nachdenkliche Spiele. — Abt. Rorden! Dienstag. 23. April, 26 Uhr, Sonnenburger Str. 20, Licht. bilderoortrag:„Tiere und Pflanzen der Mark". Referent: Max Gottfchav.— Abt, Wedding: Dienstag, 23. April, 20 Uhr, Turincr Eck« Seestraß«, Lichtbilder. Bunter Abend.— Abt. Weddlna fIuaendgruppel: Dienstag, 23. April, Baracken. schule Scestr. 84.— Abt. Pankow: Dienstag, 23. April, 20 Uhr. Görfchstr. 14. Funf.MInutrn-Rlferat«:„Der Mai ist gekommen".— Abt. G«lundbr»»a,a: Donnerotag, 2S. April, 20 Uhr, Pank. Eck« Wiesenstraße, Lichtbild-rv,r»rai: .Schwarzwald".— Abt. tbesnndbrn»»«« sIua«»dgru»i»«)! Dienstag. 23. April, 1» Uhr, Barackenschule Seestr. 84.— Abt. Aren, lau«, Berg: Donner»taa, 25. April. 20 Uhr. Danziger Str. 62, Baracke 2. Ratuwissenschaftlicher Bor. trag. Abt. Tiergarten! Donnerstag, 25. April, 20 Uhr, Lehrter Str. 18— Ig. Unterhaltungsabcnd.— Abt. Lichtenberg! Donnerstag, 25. April, 20 UHL, Gunterstr. 44. Schachabcnd.— Abi. ELdweft! Donnerstag. 25. April, 20 Uhr, Porckstr. 11, Sitzungssaal. Lichtbildervortrag.— Abt. gricbrichshain: Donner». tag, 25. April, 20 Uhr, Brommystr. 1. Bunter Abend.— Raturwisscnschastlich« Abteilung: DI« Abteilung beteiligt sich geschlossen an der Veranstaltung d«r Ortsgrupp« In der Porckstr. 11, Sonntag. 2». April. Ein Frithlina»«», im Bredower Forst. Botanisch.-ool»gischi Wand«rung. Abfahrt 7,1! Uhr m» Lehrter Bahnhos: 7,17 Uhr Putlitzstratz« bi» Fink»n«ru,. ?»«»., Beiirk Paulo». Da» Platztrainin« beginnt Montag um 1«\4 Uhr. Dann regelinüfpfl feien Montag und Donnerota«, sowie den 2. und 4. Sann» tag im Monat vormittaa, aus dem Sportplatz Rissingenstratze. Stafetten» Mannschaften pünktlich erscheinen! Interessenten stet» willkommen. FTGB., Turnrat. Die Fortsetzung der Turnratssitzung ist Monla«. 2S. April, 1S14 Uhr, Haberlants Fcftsäle. Neue Friedrichstratze. FZSB., Sch»immb«zlrk Rrruzbeeg. Heule, Montag, 20 Uhr, im Jugend heim Wassertorstr. 0, Portrag Uber„Wasserballspiel". Nor««», Stenstaa 2» Ich», Vorstandssitzung bei» Genossen Schlatt««,». Englische Schüler in �Berlin. (Eine Gruppe von fünfzig englischen Schülern traf auf einer Wanderfahrt durch Deutschland in Berlin ein. Sie erwidern damit den Besuch, den im ver- gangenen Mai Schüler des Kaiser-Friedrich Gymna- siums ihnen machten. Sie sind daher auch Gäste dieser Schule. Nach vierzehntägigem Aufenthalt in Berlin werden sie zum Harz Weiterreisen. Unser Bild zeigt die englischen Schüler in der Jugend- Herberge in Birkenwerder. Was die Arbeitsschule leistet. Eine Ausstellung von Schülerarbeiten in Reulölln. Es ist gut, der Oeffentlichkeit zu zeigen, wie in den Schulen neuer Art gearbeitet wird. Der frühere Schuldrill, der auf Er» lernung toten Wissens abzielte, ist verdrängt durch lebendiges Schaffen, durch erziehende Arbeit. Ärgebnisie der Arbeit von Hirn und Hand bietet eine Ausstellung, die in Neu» k ö l l n im Schulhause Kaiser-Friedrich-Str. 2 l>8/2 1 0 von den oereinigten Schulen Kaiser-Friedrich-Realgym- nasium, Aufbauschule und S3/S4. Gemeindeschule veranstaltet wird. Man sieht hier eine Fülle von Zeichnungen, in denen— anders als beim Zeichenunterricht der ä'teren Zeit— die Persönlichkeit des Kindes und des Jugendlichen frei schaffend sich kundgibt Aus dem Werkunterricht der Volksschule sind allerlei Basteleien ausgestellt, Spielzeug, Gebrauchsgegenstände Hilfsmittel für den Unterricht, auch ein vollständiger Radioapparat. Mädchen haben hübsche Nadelarbeiten geliefert Die Jugendlichen der höheren Schule lenken die Aufmerksamkeit auf sich besonders durch die Arbeiten, die als Ergebnisse ihrer Studienfahrten vorgelegt werden. Ganze Klassen, haben gemeinschaftliche Reisen nach verschiedenen Teilen Deutschlands unternommen, um Land und Leute kennenzulernen. Die dort gemachten Beobachtungen und der vorher oder nachher aus Büchern zusammengetragene Wissensstoff sind zu schriftlichen Darstellungen oerarbeitet worden. Verwaltung, Verkehrswesen, Handel, Industrie, Wohnungswesen, Schulwesen usw. wurden berücksichtigt, so daß sich aus dieser gemeinsamen Arbeit ein vielseitiges Bild der bereisten Gegend ergibt. Jeder Schüler hat nach Befähigung und Neigung das Seine beigetragen. Nicht nur an Fachleute, sondern selbstverständlich auch an die Eltern- s ch a f t wendet sich diese Ausstellung. Sie sollte von Freunden und Gegnern der Schule neuer Art besichtigt werden, von Gegnern, damit sie ihr Urteil über die Schule unserer Zeit berichtigen. Die Ausstellung wurde am Sonntag im Schulhause Kaiser-Friedrich- Straße 208/210 eröffnet und kann bis zum 27. April, täglich 15 bis 18 Uhr, unentgeltlich besucht werden. Er wollte Philosophie studieren. Eine versuchte unv schwer bestraste Erpressung. Als einen verschrobenen Menschen begutachtete Sanitätsrat Dr. Leppmann den 2Oiährigen Schlosserlehrling S., der sich vor dem Großen Schöffengericht Charlottenburg unter Vorsitz von Land- gerichtsdirektor Bode wegen versuchter Erpressung mit Mordandrohung zu verantworten hatte. S. war auf Anordnung des Gerichts auf seinen Geisteszustand untersucht worden, weil er in einer früheren Verhandlung ganz konfuse Ideen entwickell und mit unoerstandenen Zitaten aus Kant, Schopenhauer und Nietzsche um sich geworfen hatte. Als Grund für sein Verbrechen hatte er auch angegeben, daß er sich mit Gewalt die Mittel verschaffen wollte, um Philosophie studieren zu können. Der Angeklagte stammt aus guter Familie. Auf der Schule hatte er keine Lust zum Lernen. Als sein Vater ihn dann aber in die Schlosserlehre tat. verspürte er noch weniger Nci- gung zu körperlicher Arbeit und entdeckte nun plötzlich seinen Drang zum Studium. Die Mittel wollte er sich auf eigenartige Weise be- schaffen. Auf seiner letzten Lehrstelle hatte er in einer Villa im Grunewald für seinen Meister eine Radioanlage gelegt. Da nach seiner Ansicht, wie er sich vor Gericht äußerte, die reichen Leute doch nichts geben, wenn man ihnen nicht drohe, setzte er sich hin und schrieb an Frau A., die Gattin des Villenbesitzers einen Drohbrief des Inhalts:„Sehr geehrte gnädige Frau! Lesen Sie genau, was ich Ihnen schreibe. Wenn Sie alles bcfalgen, wird Ihnen nichts passieren. Befolgen Sie es aber nicht, dann sind Sie und ich in einer Woche im Jenseits. Mir hat das Leben übel mitgespielt und ich bin cm Ver- zweifelter." Es folgte dann die Aufforderung, an einer bestimmten Stelle bei Hundekehle, dort wo eine Tafel sich befinde, am I. No- vember jur Geisterstunde eine Konservenbüchse mit 1500 Mark in den Chausseegraben zu werfen. Er werde dann einen Boten schicken, wenn diesem etwas passiere, so sei Frau A. ebenfalls dem Tode verfallen. Herr A. setzte sich mit der Kriminalpolizei in Verbindung. Es wurde zunächst eine Konservenbüchse mit einem Zettel an der betreffenden Stelle niedergelegt, in der A. erklärte, daß er nicht daran denke, den Betrag zu zahlen, aber bereit sei, wenn es sich um einen Arbeitslosen handeln sollte, eine kleine Unter st ützung zu gewähren. Am nächsten Tage meldete sich eine Stimme am Telephon, die sich als Dr. Kaiser bezeichnete. Es wurde ein Zusammentreffen in Hundekehle verabredet und dort' war auch ein Herr, aus den der An- geklagte mit den Worten herantrat:„Verzeihung, habe ich die Ehre, mit Herrn A. zu sprechen." Es war dies aber ein Kriminalbeamter. der den jugendlichen Erpresser festnahm. Mit Rücksicht auf die Geistesverfassung des Angeklagten ließ das Gericht Milde walten und verurteilte S. nur. zu 7 Monaten Gefängnis unter Anrechnuno der � Untersuchungshaft. Für den noch nicht verbüßten Teil der Strafe er- hielt er außerdem noch Bewährungsfrist? Die Kremdeniegionäre organisieren sich. Der„Bund ehemaliger französi icher Fremden- l e z 1 o n ä r e E. V. D ü s s e t d o r f" konnte seit seinem zweijährigen B>. stehen viele Hunderte langer Deutscher, die durch Abenteuerlust, Al-i>eite.'osigkest in die Netze der Agenten der Fremdenlegion ge- triebe-' wuvd-en, noch rechtzeitig vor weiterem Unglück bewahren. Die Tätigkeit des Bundes hat die Unterstützung der höchsten Staats- bchörden gefunden. Zu den Ortsgruppen Köln, Duisburg und Elber- jeld wcvd letzt die Ortsgruppe Berlin treten, zu der bereits zahlreiche Anmeldungen ordentlicher und fördernder Mitglieder vor» liegen. Bei der Gründungsversammlung werden Lichtbilder vom Leben der Legionäre in Kamps und Garnison gezeigt werden. Die Versammlung findet am Mittwoch, dem 24. April, im Saal der Schulcheiß-Patzenhofer-Brauerei, Turmstrahe 25, statt. Mr Gicherheii in der Eisenbahn. Eine Erfindung zur Verhütung von Zusammenstößen. Zwei Schauspieler-Lokomotiven, vielleicht gar ein Lokomotio- Ehepaar, das nachts im Schuppen sriedlich zusammen schläft, sollten demonstrieren, wie durch den Erfindungsgeist des Italieners Miro F a r i n a ein Zusammenfahren, Aufsahren, kurz und gut, ihr wildes Naturell gebändigt werden kann. Man hatte die Presse auf freie Strecke weit hinter B a s d o r s bei Schönwalde hinausbestellt. Vielleicht wollte man lästige Zaun- gäste abwehren, vielleicht auch die ganze Pchnitioität der Vor» fllhrung hier draußen etwas vertuschen. Die heitere Natur, die schöne Feldlandschaft wirken versöhnlich. Als die Gäste auf die frischgestrichenen Demanstrationslokomotivchen der Kleinbahn hin- aufklettern, vermeint man das Kichern der Ungetüme zu hören, qualmend fauchen sie hinaus, und man weiß nicht, ob ihr Lachen der Erfindung oder den Pressevertretern gilt. Bald bleiben sie gehör- sam an einem vorbereiteten Streckenabschnitt stehen. Inmitten des Schienenwegs hat man hier auf etwa 500 Meter einen Draht über die Schwellen gelegt. An beiden Enden des Drahtes stehen die Lokomotiven mit der Stirnseite gegeneinander. Ein provisorisch befestigter Bügel zwischen den Rädern drückt beim Fahren auf den Draht auf die Erde. Wenn bei falscher Weichenstellung bzw. bei Ueberfahren von Signalen oder bei Nebel die beiden Lokomotiven sich nähern, schließen die auf beiden Lokomotiven aufgestellten elek- irischen Apparate bei einer Annäherung aus 1200 Meter selbsttätig durch den verbindenden Draht einen Stromkreis, der Alarm- Vorrichtungen am Lokomotivfiihrerstand auslöst. Rotes Blinklicht win> sichtbar und— wie min dis Probefahrt zeigt— ertönt bei langsamem Anfahren der Lokomotiven ein Klingelzeichen, das um so ungestümer wird, je mehr sie sich nähern. Für später ist gedacht, daß die Apparate auch selbsttätig den Zug zum Stehen bringen. Die Sache ist so einfach, daß man zuerst enttäuscht wird. Es fehlt die Sensation, es fehlt beinahe auch der Erfindung die lieber- zeugungskraft. Man kann sich eine so umständliche und den freien Strcckenverkehr hindernde Anlage aus den Bahnkörper nicht denken. Und so erfährt man auch, daß die Erfindung eigentlich nur für elektrifizierte Strecken gedacht ist. wo die Zuleitungsschiene als Verbindung des Stromkreises benutzt werden soll. Inwieweit dies durchführbar sein wird und andererseits sich nicht Gefahren- quellen durch Benutzung einer Starkstromleitung ergeben, mag dahingestellt bleiben. Wie wir wissen, gehen die Bersuche der Reichsbahn schon über diese Erfindung Hinaua, sie beschäftigen sich bereits damit, elektrische Alarmsignale mit Hilfe drahtloser Wellen auszulösen. Eigentlich ist von den ganzen Vorgängen nichts weiter zu ver- melden, als daß zwischen Basdorf und Liebcnwalde fein werteres Unglück geschehen ist Vergnügt über den schönen Ferien- tag, dampfte das friedliche Lokömotiv-Ehepaar wieder zum Bahnhof zurück._ � pockenkonferenz in Ea�ais. Vorsichtsmaßnahmen überall. In Calais trat am Sonnabendnachmittag eine f r a n z ö- sisch-englische Pockenkonferenz zusammen. Die Konfe- renz wurde zusammenberufen, nachdem die englische Regierung gegen den von den französischen Bchörden in der vorigen Woche für aus England kommende Personen eingeführten Jmpfscheinzwang Einspruch erhoben hatte. Wahrscheinlich wird hiervon Abstand ge- nommen werden Dagegen dürfte man die Verhängung einer Quarantäne für nach Frankreich reisende Personen ins Auge fassen, die aus von den Pocken besonders heimgesuchten Gebieten des britischen Reiches kommen. Aus Kopenhagen wird gemeldet: Im Zusammenhang mit der Pockenepidemie in England hat in Esbjerg, dem dänischen Hafen für den Verkehr mit Harwich, der Kreisarzt die Gesund- heitsbehörd« aufgefordert,«ine besondere Ueberwachung der aus England eintreffenden Reisenden anzuordnen, und zwar auf die Weise, daß der Nachweis einer vor höchstens acht Tagen erfolgten Pockenimpfung geführt werden soll. Die Gesundheit-behörden glauben demgegenüber, daß, nachdem man in England anscheinend Herr der Epidemie geworden sei, keine besonderen Maßnahmen notwendig seien. Dagegen sind die Quarantäneärzte angewiesen worden, die von ihnen stör notwendig erachteten Maßnahmen zu treffen. Auch in den schwedischen Häfen Göteborg und M o l m ö sind gewisse Schutzmaßnahmen getroffen worden, wonach bei An- kunft von Dampfern aus England die Reisenden und die Besatzungen ärztlich untersucht werden sollen. Es darf noch einmal darauf hingewiesen werden, daß für Deutschland keinerlei Grund zur Beunruhigung vorliegt.. Das neue Berliner Funkhaus, mit dessen Errichtung auf dem Messegelände am Kaiserdamm nach einem Entwurf von Professor P ö I z i g im kommenden Sommer begonnen werden soll, wird in seinem 10 bi» 12 Meter hohen Senderaum den akustisch modernsten Stnderaum Europa» erhalten. Das Berliner Baugewerbe. Wie es seine„Mitarbeiter' bezahlt! Die im Berliner Baugewerbe beschäftigten technischen An« g e st e l l t e n führen sest Jahren einen Kamps um ihren Wirtschaft» lichen Ausstieg, da die tarifvertraglich vereinbar'«» Gehaltssätze keineswegs als eine angemessen« Bezahlung für die zu leistende Arbeit zu betrachen sind. So sah sich der Bund der t e ch- nischen Ange st eilten und Beamten auch tn diesem� Jahre gezwungen, den Berliner Bezirkstarif zu Ende März zu kündigen und eine Gehaltserhöhung um 15 Proz. zu fordern. Die Der- Handlungen am 18 April mußten ergebnislos abj!«- brachen werden, da die baugeroerblichen Arbeitgeboroerbande eine Erhöhung der geltenden Gehaltssätze rundweg ablehnten. Ueber den Verlauf der Verhandlungen berichtete Genosse S n e l l, Fachgruppenleiter des„Butab", in einer übersüllten Ver- sammlung im Lehreroereinshaus am gleichen Tage. Ein Bau- techniker erhält nach ordnungsmäßiger Lehrzeit als Maurer oder Zimmermann mit Gesellenbrief, im Besitze des Schlußprüfungs- Zeugnisses einer staatlich anerkannten Fachschule als„Gegenwert" für seine Tätigkeit 210 Mark Silonatsgehalt. Steht er jedoch noch im ersten Berufsjahr als Techniker oder ist er besonders strebsam und tüchtig gewesen und hat seine Ausbildung vor dem 20. Lebensjahre abgeschlossen, dann bekommt er zunächst nur 190 M. Nicht besser geht es dem Eros der'Berliner Bautechniker. die nach dem Tarjfvertrog als sogenannte„fertige Techniker' gelten und sich mindestens im vierten Berufsjahr befinden müssen, um einen Rechtsanspruch auf 3 00 Mark Monats» gehakt zu haben. Gar nicht zu reden von der Bezahlung eines selbständigen Bauführers, der mindestens acht B e- r u f s j a h r e aufweisen muß, mit 395 Mark monatlich. Zum Aus- gleich für die zu geringe Bewertung seiner selbständigen Stellung darf der letztgenannte jedoch unter eigener Verantwortung tätig sein und sämtliche Risiken tragen, die mit der Leitung eines großen Bauvorhabens verbunden sind, auf dem ein Dutzend Polier« und mehrere hundert Facharbeiter nebst den erforderlichen Hilsskrästen arbeiten. Berücksichtigt man neben den oerlangten Leistungen noch die reale Kaufkraft der genannten Ziffern, so kommt man zu dem Schluß, daß die geforderte Erhöhung gewiß als außerordentlich be- scheiden zu bezeichnen ist Besonders den im Berliner Baugeweibe beschäftigten Facharbeitern ist aber der sicher überflüssige Rat zu erteilen, nicht nach„Höherem zu streben", da dies mit einem bedeutend geringeren Einkommen„belohnt" wird und mancher tüchtige Bautechniker lieber wieder zur �clle gegriffen hat. Trotzdem das Berliner Baugewerbe im vergangenen Geschäfts- sahr sehr gute Nerdlen st e einheimsen konnte und mit Worten der Anerkennung über seine„M i t a r b e i t e r" nicht spart, ist es in den letzten vier Jahren nicht möglich gewesen, ohne die Hilfe der tariflichen Schlichtungsinstanzen auszukommen. Gern weisen die Inhaber der Berliner Baugeschäfte auf das gute Einver- nehmen mit ihren Technikern und auf das in diesem Gewerbe bestehend? patriarchalische Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern hin, ohne jedoch ihrer„väterlichen Güte" einen finanziellen Ausklang zu geben Die Berliner Bautechniker sind jedoch, wie aus der lebhaft ge- führten Diskussion hervorging, gewillt, diesen unwürdigen Zustand mit aller zur Verfügung stehenden Kraft zu beenden. Sie beauj- tragten daher in einer einstimmig angenommenen Ent- schckre'ßnng ihre Fachgruppenleitung, all« diejenigen Maßnahmen schon jetzt vorzubereiten, die zu ergreifen sind, falls ihre Forderung von dem am 25. April tagenden Tarifamt nicht erfüllt wird, und übernahmen ihrerseits die Berpflichtung, alle Berufskollegen i n d i e freigewerkschaktlichc Kampffront einzureihen, um zur gegebenen Zeit die Macht darzustellen, die einzig und allein aus- schlaggebend ist, um die diesjährige Gehaltsbewegüng mit Erfolg zu beenden. Ein(Schützer seiner Arbeiierinnen. Oer verband so» sie nicht ausnützen. Herr Michael W e i tz betreibt Reue Friedrichstr. 44 eine Damenwäschefabrik. Er ist Herr im Hause, und wenn seine Arbeiterinnen sich auf ihre gejetzlichen Rechte berusen, sind sie bei ihm unten durch. Gesetzesbestimmungen, die den Arbeiterin- nen günstig sind, sind für ihn Luft. Paßt ihm der Arbeitsrat nicht. setzt er ihn«insach ab und„ernennt" einen neuen. Der Neu- wähl des Betriebsrats steht er sehr ungnädig gegenüber und macht dem Wcihlvorstand alle möglichen Schwierigkeiten, um ihn in der Ausübung seines Amtes zu behindern. Da der Wahl- vorstand sich nicht irremachen ließ, fand Herr Weiß, daß für ihn keine Arbeit mehr da sei. Dem Vorsitzenden tlln- digte er. Sonnabends hält Herr Weitz seinen Betrieb geschlossen, verlangt aber, daß an den übrigen süns Arbeitstagen um so länger gearbeitet wird, falls es ihm beliebt. In einer Betriebsveriamm- lung wurde festgestellt, daß tagelang hintereinander täglich über 10 Stunden gearbeitet wurde. Bon der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiterinnen ist Herr Weitz nach allem lein Freund. Er warnte sie vor dem Beitritt zum Bekleidungsarbeiteroerband. Si« sollen lieber den Beitrag sparen und sich vom Verband nicht aus-' nutzen lassen. Das möchte er selber besorgen, sagt aber, er lasse sie doch Geld verdienen. Die Arbeiterinnen verzichteten sedoch auf ihre Beschützung vor der Ausnützung des Verbandes und traten ihm fast a u s n a h m s> los bei. Mun wird ihnen mit der Schließung des Bs- triebe- gedroht, um sie ins Bockehorn zu jagen und— um die Wahl einer Betriebsverlretung zu hintertreiben. Der Tarisoertrag sieht für die im Akkord Arbeitenden �»ie Bezahlung der Feiertage vor. Herr Weitz drückte sich vor der Bezahlung, indem er erzählte, er habe nach dem Reichsarbeits- Ministerium geschickt und die Auskunst erhalten, daß ein neuer Vertrag bestände, der diese Bestimmung nicht mehr enthal.e. Das ist unwahr! Soll er Ueb-rstnnden bezahlen, dann erzählt er, er habe vom Arbeitsgericht die Auskunst eingeholt, daß die Stunden am Sonnabend ohne Bezahlung nachgearbeitet werden müßten: Ueberstundenzuschlag käme nicht in Frage. Es wird Herrn Weitz nicht gelingen, seine Arbeiterinnen aus dem Verbände zu bringen. Er wird sich wohl-oder übel nach den gesetzlichen Bestimmungen richten müssen. Die fünf Soalilionsparleien des Reichstags haben im Hinblick auf die Äenderung des Einkommensteuergesetzes nachstehenden An- trag eingebracht:„Bei der Festsetzung der D u r ch s ch n' t t s s ä g e der nichwuchsührenden Landwirte und Gewerbetreibende für die Ein- kommensteuer auch Verlustbetriebe mit zu berücksichtigen." Weller für Berlin: Weiterhin kühl und windig, zeitweise stärker bewöldt mit Neigung zu einzelnen Schauern. Für Deuischland: Weitverbreitete Nachtfröste, auch am Tage kühl und besonders im Norden einzelne Schauer.