2- AUSgaDC Nr. 203 Bioi 46. Jahrgang 2. ousoatts BERLIN Vonnerstag 2. Rai 1929 Ersitetattiglicd aiterEoautag«.» yi.§ �»» i(£»«leigenoretCDie einsoaltig« Nonparewciei:- Zugleich Zlbrndaukgab« de«.Vorwirt«'. Btzaqsprtis i_n_# �. IX-."-M* 80 Vf.. Reklameieile S M. Ermäßigungen nach Tarif. beide Ausgaben SS Pf.?r° Woche. S.mM.»ro Monat.» ffl(Imft/(ÄtlCi ff/*. jtlOX»« lüO�rtijtlA�UA Poftsch-ckkont«: D°rwürt«-Verlag G. m. d.H.. Nedaktioo und exredition; Berlin SW es. LmdenSr.S ww'''----- ff--- w //' rir Berlin Nr.«MS. Fernsprecher: Dönhoff 292 bis 297 Die Blutschuld der Kommunisten Neun Todesopfer in Berlin.— Die KPD. für Todesstrafe. Nach den bisherigen Ermittlungen sind bei den gestrigen Zusammenstöße» zwischen Polizei und Demon» straaten neu» Personen getötet und mehr als S00 verhaftet worden. Soweit der Polizei bekannt ist. find 80 Demonstranten verletzt worden, doch dürste ihre Zahl in Wirklichkeit bedeutend höher sein, da die Kommunisten die meisten der Verletzten bald fortschaffen konnten. Von der Schutzpolizei sind L 3 B e» amte mehr oder minder zu Schade» gekom» m e n. Also mit den verwundete« 80 Demonstranten IVS Verletzte. Die meisten der gestern und im Laufe der Nacht festgenommenen Personen konnten bereits wieder entlasse» werden, da sie sich lediglich gegen das Versammlungsverbot vergangen haben. Ein Teil der Verhafteten wird heute dem Schnellrichter vor- geführt werden. Einige der Festgenommenen werden sich wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt. Land- sviedensbruchs und Anfruhrs zu verantworten haben. «- Aus der Kösliner Strohe wird uns noch berichtet: In dem ziemlich langwierigen Kampf war eine Gefechts pause eingetreten. Die Polizei hatte das Schießen eingestellt, während das Feuer von den Aufständischen fortgesetzt wurde. Sinnlos wurde auf die Zlotlisten gefeuert, die sich in der Kösliner Straße befanden, und einer durch einen Schuß aus dem Fenster niedergestreckt. Unter den verhafteten in der kösliner Straße waren nicht weniger als lZ mit v-affen versehen. Von den Festgenommenen befinden sich noch 17S in Hast. » Am gestrigen 1. Mai sind in die verschiedenen Berliner Krankenhäuser insgesamt 66 Personen eingeliefert worden. Von diesen waren bl> Illänner, 13 Frauen, 3 wurden tot eingeliefert. 5 Personen sind im Krankenhaus verstorben.— Ein Toter wurde direkt im Schauhaus eingeliefert. Durch das Rettungsamt wurden 168 Verletzte, auf den Rettungsstellen und den Rettungswachen der verschiedenen Krankenhäuser eingeliefert. 66 Personen konnten in ihre Wohnung entlassen werden, während 43 den Krankenhäusern zugeführt werden mußten. Oer Irrsinn foll weiiergehen. KPD-presse sorvert zur Bewaffnung aus. Hamburg. 2. Mai. Die Polizeibehörde hat ein heute früh von der kom- munistischen„Hamburger VolkSzeitung" heraus- gegebenes Extrablatt wegen der darin enthaltenen Aufforderung zum Hochverrat beschlagnahmt. Im Anschluß an den Bericht über die Berliner Vorgänge wurde in dem Extrablatt zur Bewaffnung der Ar- beiterschaft und zur Errichtung der Sowjet- r e p u b l i k ausgefordert. »» O Die ßommun'sten haben neueschwereDlulschuld ans sich geladen. Troh aller Warnungen haben sie den Widerstand gegen die republikanischen De- Hörden organisiert, in unverschämtester Sprache immer aufs Neue gegen die Republik, den Polizeipräsidenten und vor allem gegen die Sozialdemokratie geheht. Troh ihrer zahlenmäßigen Schwäche unternahmen sie es. die große or- c-anisierte Berliner Arbeiterlchafl unter ihren Terror zu stellen. Mit verbrecherischem Leichtsinn trieben sie ihre jugendl chen Anhänger in immer neue Gefahren- wnen, in die engsten Gassen der Tily, wo ein Zufamm--nprall schon der Verkehrsvcrhältnisie wegen unvermeidlich ist. So haben die Scheinrevoln'onäre denn ihren w.llen: Es hat schwere Zusammenstöße gegeben. zahlreiche Verletzte, leider auch mehrere To�e. Den schon vorher festgelegten Plan, auf jeden Fall Leichen in Verlin zu schassen, hat man mit kaltblütiger Pünktlichkeit durchgeführt. Zwar sind es nicht die erwarteten 200 geworden, wohl aber sind neun Menschenleben geopfert worden, um den kommunistischen Machtkihel zu befriedigen, viele Duhende von Verletzten mußten weiter zu Blutzeugen gegen die Revolutionsspielerei werden. Zn Moskau, das mit der amtlichen deutschen Politik„freundschaftliche Beziehungen" unterhält, wird man über den Eifer der deutschen Kommunisten befriedigt sein. Die Moskauer Parolen sind befolgt: Der Kampf gegen die Autorität der Republik wurde geführt, Barrikaden wurden errichtet, wenn auch mit spielerischer Leichtfertigkeit, aus Fenstern und Dachluken wurde auf die Polizei geschossen, sobald es dunkel wurde. Die Beamten, schon seit Tagen in Bewegung, wurden beschimpft, verhöhnt, gereizt. Sie sollten sich dem Willen der kommunistischen Minderheil beugen, oder zu scharfer Abwehr gezwungen werden. Insgesamt wurden bisher neun Tote und mehr als hundert Verwundete gezählt! Das ist ein vorläufiges Ergebnis der kommunistischen� Pulfchaktion. Es handelt sich dabei nicht mehr um den 1. Mai als Feierlag der Arbeit. Es handelt sich vielmehr um den bewußten und gewollten Versuch, der demokratischen Republik die Slirne zu bieten, wie das im mitleldeut- scheu Aufstand und im Hamburger Okloberaufstand der Fall war. Daß sich die sozialdemokratische Arbeiter- schaft nicht vor den Wagen der Kommunisten spannen lassen wollte, daß sie den 1. Mai nach alter lleberl eferung zu friedlichen Kundgebungen für die weltumfassenden Ideen de» Maitages benutzte— das allein ist der Grund des kommunistischen Putschversuches. Er sollt« von ihrer organisalori- scheu Schwäche ablenken. Er sollte eine Kraft vortäuschen, die in Wirklichkeit nicht vorhanden ist. Er sollte vor allem Gelegenheit zu neuem Rüpeltum, zu neuen Schimpfkanonaden gegen die Sozialdemokratie, ihre Mitglieder in der Verwal- tung geben. Er sollte schließlich zu neuer Massenstreik- hetze den Auftakt bilden. Indessen klagen die Toten an: Das frevlerische Spiel, das die Moskauer Filiale in Berlin mit ihrem und anderer Leben spielte: das wahnsinnige Treiben einer politisch und moralisch korrupten ,.Führer"schaft, die sich auf ihre Ab- geordnelen-Zmmunilät beruft, wenn sie zu ihren Handlungen sich verantwortlich stellen soll: das gesamte Putschtreiben dieser Gesellschaft, denen fremde- Menschenleben so wenig Skrupel bereiten, wie die Einheit der Arbeiterbewegung, für die andere so schwere Opfer brachten! Die Lebenden aber wenden sich mit Veradztung ab von diesen Gesellen. Die sozialdemokratische Arbeiterbewe- gung ist durch Provokateure noch niemals erschüttert worden. Sie wird sich auch durch kommunistische LoSspitzelei im Diensie der russischen Sowjets nicht aus ihrer Bahn bringen lassen. Für sie sind die Lehren dieses blutigen Mailages eindeutig klar: Nieder mit den kommunistischen Schädlingen an der deutschen Arbeiterbewegung! Vor- w ä r t s und aufwärts mit und in der Sozialdemokratie! Kommunisten für die Todesstrafe. Sie verhindern die Abschaffung der Todesstrafe im Strafgesetzausschuß. Zu der heutigen Sitzung des Strasgesehausschusse» des Reichstages fiel die Entscheidung über die Todesstrafe. Dabei stimmten die Kommunisten so. daß eine Mehrheit für die Abschaffung der Todesstrafe nicht zustande kommen konnte. Bei dem fozialdemotratischcn Antrag auf Beseitigung der Todesstrafe enthielten sie sich der Abstimmung. Bei der Ent- scheidung über einen weniger weitgehenden demokratischen Antrag auf Abschaffung der Todesstrafe stimmten sie gegen diesen Antrag. Schließlich stimmten sie gegen den Antrag Kahl, der auch die Todesstrafe abschaffen, im Falle der Bc- gnadigung aber Sicherungsverwahrung vorsehen wollte. Bei dieser Sterolution gegen Straßenbahn. Da es den Kommunisten trotz ihres„ Wahlsieges" bei den Betriebsräte- Wahlen der Verkehr s-AU. nicht gelang, den Verkehr am 1. Mai stillzulegen, rächten sie sich dadurch, daß sie einzelne Straßen- bahnwa en am Weiterfahren hinderten. Unser Bild zeigt die charakteristischen„Thälmannschen Gestalten". Abstimmung tnäre bei vernünftiger Haltung der Kommunisten eine Mehrheit für die Beseitigung der Todesstrafe vorhanden gewesen Sic lehnten diesen Antrag aber ab und verhinderten damit den Zoll der Todesstrafe. Schließlich stimmten bei der Abstimmung über den Regierungs- entwurf 14 Ausschußmitglieder für und 14 gegen die Todesstrafe. Infolgedessen entstand eine Lücke im Z 245. der nach den heutigen Beschlüssen folgendermaßen lautet: Wer einen anderen tötet und die Tat mit Ueberlegung aus' �iihrt, wird... � bestraft Nicht genug aber, daß die Kommunisten so idiotisch von dem ibnen durch die Wählerschaft verliehenen Stimmrecht Gebrauch machten, überfielen sie auch auch noch die wirklichen Gegner der Todesstrafe mit der völlig sinnlosen Erklärung, daß diejenigen an der Aufrechterhaltung dieser Strafe Schuld seien, die für ihre Ab- schaffung stimmten. hätten die Kommunisten für den Antrag Kahl gestimmt, so wäre die Todesstrafe mit 15 gegen 13 Stimmen gefallen. Dies verhindert zu haben, ist das bleibende«Verdienst- der Kommunisten. Gtraßenkampf auf dem Wedding. Varritaden und Panzerwagen. Mehrere Tote. Die Schändung des 1. Mai. Oer amtuche Bericht. Der Polizeipräsident teilt mit: Die Bersuche der Kommunisten, das bestehende Demonstrations- verbot am 1. Mai zu durchbrechen, haben zu einer Reihe von Zu- sammenstößen mit der Polizei geführt. An verschiedenen Stellen der Stadt versuchten die Kommunisten im Laufe des Tages und des späten Abends Züge zu bilden, die, da die Demonstranten der Polizei fast in jedem einzelnen Falle Widerstand leisteten, nur mit Gewalt aufgelöst werden konnten. In der Regel genügte die Anwendung des Gummiknüppels und die Benutzung einer Schlauchleitung, die an die Hydranten angeschraubt wurde, um die polizeilichen Maßnahmen durchzuführen. Im Laufe des Nachmittags und Abends kam es dann an mehreren Stellen, besonders im Norden und S ü d o st e n Berlins, zu Zusammenrottungezr, bei denen die polizetbeamken mit Steinen. Flaschen und anderen Gegenständen beworfen und sogar be- schössen wurden. Auch wurde wiederholt versucht, Straßensperren zu errtch- ten. wozu umgelegte Bäume Straßenbaumaterial und äh iliches benutzt wurde. Diese Straßensperren konnten von der Polizei so» so« beseitigt werden. Jni Laufe der Nacht in Neukölln errichteie Hindernisse wurden bei Tagesanbruch unter Zuhilfenahme eines Sonderwagens entfernt. In den Fällen, in denen die Kommunisten vom passiven W'der- stand zum Angriff auf die Polizeibeomten übergingen, war die Polizei gezwungen, von der Schußwaffe Gebrauch zu machen. Es wurde jedoch nur an den schwierigsten Punkten in Augenblicken höchster Gefahr von der Schußwaffe Gebrauch gemacht. Zu einem schweren Zusammenstoß der allerdings mit dem 1. Mai und dem Demnnstrationsverbot nichts mehr zu tun hat, sondern als offener Aufruhr und Landfriedensbruch �-zeichnet werden muh. kam es in den Abendstunden in der Käs» liner Straß«. hier hatten die Kommunisten an beiden Enden der Straße Sperren errichtet, zu denen sie kleine und größere Wagen und aus den Häusern herbeigeschleppte Baustoffe benutzten. Von den Slrahcnsperren. ans den Häuserfenstern und von den hausdächern wurde die Polizei sehr stark beschossen. Ehe noch ein Sonderwagen, der zur Beseitigung der Hindernisse angefordert worden war, eingesetzt werden konnte, gelang es der Polizei, die Hindernisse auseinanderzureßen und dann sehr schnell der schießenden Anwohner Herr zu wer» den. Die Häuser wiivden durchsucht und die Schützen fest- j genommen. Unter anderem wurden von einein Dach« zwei' Schützen heruntergeholt, von denen der eine noch einen Revolver mit sich führte. Auf der Straße wurden 1Z Personen fest» genommen, die mit Waffen in der Hand angetroffen wurden. Zwei Abgeordnete verbastet. Unter den bereits am Nachmittag Verhafteten befanden sich auch der kommunistische Reichslagsabgeordnete Ende und der aus dem Rundsunkskandal bekannte Landtagsabgeordnele Schulz. Velde Abgeordnete sind inzwischen aus der hast entlassen worden. Aamen der Toten. Im Virchow-Krankenhaus starb der Hilfsarbeiter Roepnack, Verlin N., Triftstr.; im Krankenhaus Neu- kölln-Vuckow: Tischler Willi Schulz, Neukölln, Tel- chower Str. 28; im Hedwig-Krankenhaus: Ernst Mai, Bauarbeiter, Berlin N., Swinemünder Str. 113; im Jüdischen Krankenhaus: Max Gemeinhardt, klemp» ner, Berlin, Kösliner Str.; im Urban-Krankenhaus: Frau Klara Strawinski, Neukölln, Steinmetzstr. 3t) ftot eingeliefert). Außerdem liegt im Birchow-Krankenhans eine Person im Sterben, Name noch unbekannt. Die Namen der anderen Toten, die zum Teil ins Schauhaus eingeliefert wurden, sind zurzeit noch unbekannt. Die Vernehmung der Verhasteten. Sie handelten nach den Anweisungen der KpO. Bei der Säuberungsaktion in der K ö s l i n e r Straße ist es der Polizei während der Abend- und Nachtstunden gelungen, 22 Personen zu verhaften, die in dem dringenden Verdacht stehen, sich aktiv an der Beschießung der Polizeibeamten beteiligt zu haben. Die Beschuldigten sind im Laufe der Nacht nur ganz kurz über ihre Personallen vernommen worden, haben zum Teil die Angaben verweigert, und erst heute vormittag i wird durch Kommissare der Abteilung I A ein«ingehendes> Verhör mit diesen Leuten angestellt werden. Auch bei diesen Fest- genommenen ergab sich, wie in zahllosen anderen Fällen, die Tat- fache, daß niemand irgend welche Ausweispapiere bei sich geführt hat. Da» ist jedoch kein Zufall, vielmehr hal die kommunlsttschc parlel schon elwa Mille März In verlrarllchen Rundschreiben an die Funklionäre daraus hingewiesen, daß Abzeichen kommu- nlfilscher Verbände nicht angelegt und Ausweispapiere nicht mit- geführt werden dürften. Diese Rundschreiben der KPD befanden sich im Besitz des Polizei- Präsidenten, und aus diesen, wie aus anderen Dokumenten, die eben- salls zur Kenntnis der Behörden gelangt waren, dürsten sich bei der Zu sehr schweren Zusammenstößen zwischen Polizei und kommu- nisten ist es aus dem wedding in der Umgebung der kösliner. Pank- und Wedding st raße gekommen. Am Rachmillag kam es bereits zu einem heftigen Feuerüberfall auf Polizeibeamtc, die beim Räumen der Straße aus Fenslern und Bodenluken be- schössen wurden. 3n den späten Abendstunden errichteten die Demonstranten dort plötzlich in kurzer Zeit mächtige Barrl- laden und es entspann sich eine regelrechic Siraßenschlachl. bei der auch ein Panzerwagen eingesehi werden mußte. Der Feuerkamps, bei dem es Tote und Verwundete auf beiden Seiten gab, dauerlc mehrere Stunden. Für die Polizei war die Angriffs- aklion Insofern besonders s6)wierig, weil sie in den völlig im Dunkeln liegenden Straßenzügen � die Gailalernen waren sämtlich zerstört worden— nur Schritt für Schritt vorgehen konnte, während au» MeHelbec.� PI* den Vaieikoden. ans Fenstern, Bodenluken und von Dächern unaufhörlich Salve auf Salve trachte. Erst gegen Mitternachi war die Polizei einigermaßen Herr des Aufruhrs. Oer Barritadentampf. Ein Augenzeuge berichtet uns: In den späten Abendstunden entspann sich der Barrikaden- kämpf an der Einmündung der Kösliner Straße in die Wcdding- st raße. wie er nur aus den Ichlimmsten Zeilen trüherer Unruhen noch in Erinnerung ist. Gegen Uhr brach der mörderische Kampf aus. Zurzeit werden in der Pankstraße Straßen- arbeiten ausgeführt Auf ein Kommando stürzten aus den um- liegenden Häusern etwa 150 Kommunisten, die Arbeitswagen, fahrbare Umkleideräume, Gasrohre, Steine und Balken zusammen- holten und eine fast zwei Meter hohe Barritade über die ganze Straßenseite errichlet«. Das Vorhaben war so gut vorbereitet, daß die Polizei, die knapp zehn Minuten später anrückte, mit wahren Salven empfangen wurde. Hinter der Barrikade hatten etwa 100 Kommunisten Ausstellung genommen, die aus Armeepistolen und Gewehren ein wütendes Feuer eröffneten. Plötzlich krachten auch im Rücken der Beamten Schüsse. Kommunisten hatten die Böden und Dächer be- setzt, von wo aus sie unaufhörlich nach unten schosien. In kurzer Zeit wurden viele hundert Schuß abgefeuert. Dos schwache Polizeiaufgebot mußte sich schließlich aus wenige Minuten zurückziehen und Verstärkungen abwarten. Inzwischen trachte es an allen Ecken und Enden. Das Feuern nahm beim Eintreffen der Verstärkungen noch zu. Deutlich war der Feuerschein der Pistolen, mit denen die Aufrührer aus zahlreichen Bodenluken schössen, zu erkennen. Auf das Straßenpflaster und in das Mauer- wert der dem Kampfplatz gegenüberliegenden Häuser schlugen die Kugeln klatschend ein. Mittlerweile waren mehrere hundert Be- amte, mit Karabinern ausgerüstet, herangezogen, die jetzt in den Kamps gegen die Aufrührer eingriffen Rech einem äußerst heftigen Kugelwechsel verließen die..Verteidiger' ihre unhaltbar gewordene Position und eilten in die anliegenden Wohn- Häuser, aus denen weiter geschossen wurde. Mehrer« Scheinwerfer wurden in Stellung gebracht und« i n Panzerwagen eilte zur Unterstützung herbei Nur Schritt für Schritt gelang es den Mannschaften, vorzurücken. In den Barrikaden fand man einen Toten, ein Stück weiter«inen Schwer- verletzten mit einem Bauchschuh, der auf dem Transport ins Krankenhaus seiner Verletzung erlegen ist. Das Feuergefccht tobte weiter. Scheinwerfer suchten di- Häuserfronten ab, um d:e Schützen aus ihren Verstecken zu vertreiben. Allmählich wurde es dann ruhiger, ganz vereinzelt ertönte von oben noch die Detonation eines Schtisies. Polizeioberleutnant v. Branitz und mehrere Beamte sind durch Schüsse lebensgefährlich verletzt worden. G.'gen 23 Uhr wurde ein Passant, der 55jährige Kaufmann Louis Fröbius aus der Kolberger Straße, der durch die Pankstraße ging, von einer verirrten Kugel in den Kopf getroffen. Fröbius starb kurz nach seiner Einlieserung aus der Rettungsstelle in der Dadstraße. Der Wedding war in weitem Umkreis« abgesperrt und durch«inen Polizeitordon völlig zerniert. Der Verkehr wurde durch Umleitungen aufrechterhalten. Um Mitternacht ging die Schießerei in der Kösliner Straße abermals los. Es wurde bekannt, daß sich in dem Saal eines Lokals Weddingstrnß« S ein« größer« Zahl bis an die Zähne be, wasfneter Kommunisten besänden. Schutzpolizei umzingelte das Ge- bäude und drang gegen die Aufrührer vor. Auf dem Kampfplatz. i Graue Miettasernen, eintönig, düster: Wedding. Hier ist das Zentrum der Kommunisten. Do hört man Schüsi« in der Dämme- rung. Die Pankstraße ist für jeden Verkehr gesperrt, ebenso die Kösliner, die Wedding- und die W i e s e n st r a h e. Die Nähe des Obdachlosenasyls macht sich sehr unangenehm- fühl- bar. Man hört von den Beamten, von denen mancher als Front- loldat im~?lde stand: Die Kämpfe in der Kösliner Straße waren Straßenkämpfe. Feuer von den Barrikaden, aus den Hau- fern, von den Dächern. Man will es zunächst nicht glauben. Bis man Mündungsfeuer an einem Hau�e auff'ammen sieht und eine voll« Salve einem vor dl« Füße in den Sand spritzt. Da sucht man schleunigst Deckung. Dann kracht Salve um Salve. Es ist dunkel geworden. Die Pankstraße ist menschenleer. Befehle hallen gegen die Häuser: Fenstsi zu! Wer ans Fenster kommt, ro rd erschossen! Die Schützennester auf den Dächern und Hausbödcn sind mcht aufzufinden. Scheinwerfer geistern über die dunklen Hausfronten. Ein phantastisches Bild. Polizeibeamte mit Ichuß- bereitem Karabiner. An der Ecke Wedding- und Kösliner Straße Ist es toll. Auf der Straße standen Baubaracken. Bauwagen, lag zahlloses Baumaterial! das gab eine zwei Meter bohz fette Barn- kade. Kaum steckt der erste Polizeibeamte seinen Kopf um di« Ecke, da hagelt eine volle Salve auf ihn nieder. Verstärkunren heran. Panzerwagen. Von den Dächern wird scharf geschossen. Die Kugeln sausen den Beamten um die Ohren. Dann heißt es: .Zum Sturmi' Die Barrikade wird genommen Mühselige Zlrbett, sie abzureißen. Arbelt von Stunden. In der Körliner Straße gibt es wenige Fenster, au» denen nicht geschossen wird. Da» ist keine Uebertreibung, sonderrs bitter« Tatsache. M'n hört die Beamten:«Es ist kein angenehmes Gefühl, auf Volks- genossen schießen zu müsien, aber wir sind ja knrekt in der Not- wehr!' Immer wieder flammt der Feuerkampf in der Kökliner Straße aus. geschossen wird besonders aus dem Hause Wedding- straße 9. in dem sich das Kommunistenlokal befindet. Seit d-m frühen Morgen sind die Mannschaften auf den Beinen, ohne Ab- lösung. Mancher ist verwundet. Es geht auf Mitternacht. Es scheint ruh'ger geworden zu sein. Die Kösliner Straße Ist von Scheinwerfern hell erleuchtet. Rettungswagen auf Rettungswagen fährt vor den Häusern vor. Drei Todesopfer der Demon- stranten kostete allein der Kampf an dieser Stell« und zahlreich� Verletzte. Ein schauriges Schauspiel, der Zug der blutenden Opfer. Mitfernachtskampf m Neukölln. Um Millernochl dauerien die Schießereien in Reukölln noch immer an. Die Polizei hielt weiter das Gebiet Hermannstrahe- Boddinstroße abgeriegelt. Don einem eigentlichen Kern der Demon- stranten war nicht zu sprechen, vielmehr tauchten immer wieder größere oder geringere Trupps auf, die läilich gegen die Polizei vorgingen. Bon der Polizei waren zwei Sonderwagen(Panzerwagen) mit Maschinengewehren nach Neukölln beordert worden, die durch die gefährdeten S raßen patrouillierten. Hin und wieder geben die Maschinengewehre Schreckschüsie ab, worauf alles in die Häuser- nischen flüchtet. Die Straßenbahnlinien durch die Hermannstrahe nach Britz wurden umgeleitet. Die Untergrundbahnstrecke Hermann- platz-Boddinstraße war gesperrt. Untersuchung manche Rückschlüsse ziehen lassen.— Den Verhasteten aus der Kösliner Straße, die in Hast behalten werden und deren Ueberführung in Untersuchungshaft' kaum bezwelselt werden kann, werden sich sehr schwerer Anklagen zu gewärtigen hoben. Alle Festgenommen stehen In dem Verdacht, sich an schwerem Landfriedensbruch und Aufruhr beteiligt zu haben, einem Teil wird Totschlag so ersuch und sogar Mord- versuch vorgeworsen. Wenn auch die Festgenommenen bisher sich weigern, nähere Angaben über die Person oder über die ihnen zur Last gelegten Straftaten zu machen, so steht doch bereits fest, daß ein Teil von ihnen zu den Bewohnern der Kösliner Straße gehört und daß sie aus den Wohnungen herausgeholt worden sind, aus deren Fenstern auf die Polizei geschossen worden ist. Die Feststellungen, aus welchen Ivohnung-n die Schüsse auf die Beamten gefallen sind, werden nicht lediglich von Polizeibeamten gemacht. Die in den gegenüberliegenden Häusern wohnenden ruhigen Mieter haben ebenfalls feststellen können, von wo aus da» Feuer kam. und so werden noch im Lause des heutigen Tages zahlreich« Personen hierüber vernommen werden. polizeipräsideni von Oppeln abberufen. Verantwortliche polizeio fiziere verseht. Der Polizeipräsldenl von Oppeln ist im Zusammen- hang mit den vorkommn ssen bei dem polnischen Theatergastsplel in den einstweiligen Ruhestand versetzt worden. Die beiden verantwortlichen pollzeiossiziere wurden verseht. Generalstreikversuch in Hamburg. Hamburg, 2. Mai.(Eigenbericht. Die Hamburger Kommunisten nahmen am Donnerstag die Vorgänge in Berlin am 1. Mai zum An- laß, einen Generalstreik zu entfesseln. Es gelang ihnen, auf der Reiherst ieg- und Deutschen Werft einen großen Teil der Belegschaft„aus Protest gegen den Berliner Polizeiterror" zur Arbeitsnieder' legung zu veranlassen. Ter freigewerkschaftliche Teil der Belegschaft lehnte es jedoch trotz Gewaltandrohungen ab, den kommunistischen Parolen zu folgen. Auch in anderen Werftbetrieben und sonstigen Groß- Unternehmungen des Hamburger Hafens versuchten die Kommunisten, die Belegschaften zur Arbeitsniederlegung zu zwingen. Das ist ihnen bis jetzt nicht gelungen. ES ist aber damit zu rechnen, daß am heutigen Donners- tag weitere Versuche unternommen werden, um den Ham- burger Werft- und Hafenbetrieb lahmzulegen. An die organisiert« Arbeiterschaft ist die Weisung ergangen, nur den gewerkschaftlichen Parolen Folge zu leisten. Bürgerkriegsende in Mexiko. Die 1500 Mann starke Besatzung von Agua Brieia. der letzten Festung der Aufständischen, an der Nordgrenze Mexiko», hat sich den Bundestruppcn ergeben. (Weitere Meldungen in der Beilage.) Maifeier der organisierten Arbeiter. Glänzender harmonischer Verlauf der Gewerkschaftskundgebungen. Die Veranflallungen der Gewerkschaften nahmen überall einen glänzenden und harmonischen verlaus. Nirgends machte sich auch nur der versuch einer kommunistischen Störung be- merlbar. Als in der riesigen Kundgebung im Sportpalast der ve- vollmächligle Genosse ll r i ch die Kops an Kopf gedrängten Massen aufforderte, nicht aus den Potrdamer plah zu gehen und den komm». nistischcn Aufforderungen, das Demonskralionsverbol zu durchbrechen, ni h« nachzukommen, da wurden Beisallsäuherungen laut, aber nicht ein Widerspruch. Die 400 000 freigcwerkschostlich organisierten Angestellten, Ar» bcitcr und Beamten in Berlin haben gestern in einer überwältigen» den Kundgebung der Geschlossenheit gezeigt, daß sie durch Arbeits» rirhe würdig den 1. Mai zu feiern wissen und tmh alle Versuche, von außen sie zu Disziplinbruch zu verleiten, an der Verbundenheit der Massen mit ihrer Organisation scheitern müssen. Aber nicht nur die Mitglieder der freien Gewerkschaften hielten sich streng an den Beschlüsien ihrer Organisation. Auch die große Masse der noch abseits stehenden Arbeiter und Angestellten befolgte die Parole der Gewerkschaften. Das trat nirgends deutlicher zutage als bei den Verkehrsbetrieben. Hier hatten die Kommu- nisten infolge besonderer Umstände bei der Betriebsratswahl einen Ersolg, der allgemeines Aufsehen erregt hat. Bei der Wahl zum Arbeiierrat erhiell die Liste der Kommunisten die Mehrheit über alle anleren Listen. Die Kommunistische Partei hatte die Parole ausgegeben, daß die Verkehrsbetriebe zum 1. Mai stillgelegt tverden müßten. Der Arbeiterrat unter Führung von Deter machte für die kommunistische Parole eine intensive Propaganda. Am 1. Mai aber fehlte nicht ein Schaffner, nicht ein F a h r e r, der zum Dienste oerpflichtet war. Die gewerkschaftlichen Anordnungen, mit denen die Anordnungen der Direktion der Der- kehr? A.-G. übereinstimmten, wurden strikte eingehalten Uederall wickelte sich der Dienst reibungslos ab Ein einziger Zwischenfall: In Neukölln wurde einem Fahrer der Straßen» bahn die Kurbel geklaut, um ihn am Fahren zu oerhindern. Diese �revolutionär« Tat" kennzeichnet den Janhagel, der heute noch der KPD. nachläuft. Wenn wir sagen, daß die pewerkschastliche Disziplin über die Nowdypolitik der KPD einen vollständigen Sieg errungen hat, dann müssen wir eine Ausnahme machen. Di« Buchdrucker hatten in chrer Eenralversammlung einstimmig beschlosien. daß am l. Mai überall die Arbeitsruhe durchzuführen ist. Diesen Be- scbluß haben— gemeinsam mit der gelben Belegschaft der „Deutschen Zeltung"— die Buchdrucker der„Roten Fahne" durchbrochen. Gelbe und Moskowiter Arm in Annl Auch das kennzeichnet die Politik und den Einfluß der KPD. Der 1 Mai 19?9 hat den schlüssigen Beweis geliefert, daß die Berliner Arbeiterschaft geschlossen hinter der Sozial- demokratischen Partei und den freien Gewerk» schaffen steht, daß die großen Masten der politisch und gewerk- schaftlich geschulten und denkenden Arbeiterschaft es ablehnen sich von den Kommunisten in« Schlepptau nehmen zu lasten. Es sind nur die zweifelhaften Elemente, die in seder Großstadt in mehr oder w-nieer gröberer Zahl zu finden sind, die heute noch hinter der KPD. herlaufen. Vor und nach den Versammlungen der Gewerkschaften gab es auf den Straßen, die zu den Versammlungslokalen führen, nicht den gering st en Zwischenfall. Das Straßenbild wurde hier beherrscht von der wirklich klassenbewußten disziplinierten und ge- sch'sticn Arbeiterschaft, die nichts gemein hat und nichts mehr ge- mein haben will mit der Janhagelpolitik der KPD. Graphisches Gewerbe. Di« Buchdrucker. Buchbinder, Lithographen und Steindrucker die graphischen chilfsarbeiter versammelten sich In der B o ck b r a u e r e i, Fidicinstraß«. Schon vor Beginn der Feier waren die beiden großen Säle überfüllt, so daß viele Teilnehmer im Garten verharren mußten. Insgesamt mochten etwa S00 0 Angehörig« des graphische� Gewerbes, Männer und Frauen, dem Ruf ihre, Organisation ge- folgt sein. Nach Gesangsvortrögen des Buchdruckergesangvereins„Ty p o- g r a p h i a" und des Gefangoereins der graphischen chilsearbeiter „Solidarität" hielten die Gewerkschafteredakteure Helm- holz und Schulze wirkungsvolle Festansprachen. Sie feierten den 1. Mai als einen Kampftag, der in glücklicher Anknüpfung an den Frühling die internationale Arbeiterschaft immer wieder zu neuem Ringen für den sozialen Fortschritt an- spornt. Die Ansprachen klangen aus in ein dreisache», begeistert aus- genommenes Hoch auf die internationale Arbeiterschaft. Eine Re- zltation„Vorwärts zum endgültigen Sieg' und alte Kampfgesäng« bildeten den Abschluß der würdig und harmonisch verlaufenen Feier. In altgewohnter Disziplin ging man auselnander. Baugewerksbund. Im Saalbau Friedrichshain hielt der Baugewerksbund nilt den Feuerwehrleuten und den Schornsteinfegern sein« Molfeier ab. Der riesige Saal war überfüllt und konnte die Massen der Erschienenen nicht fassen. Kopf an Kopf drängten sich noch die übrigen in dem großen Garien. Im Saal sprach Ge» nasse Drügemüller, im Garten Genosse Krause. Die Redner erinnerten an die Bedeutung des internationalen Kampfes der Arbeiterschaft um ihre Rechte gegen die schrankenlose Ausbeutung durch die international verbündeten Unternehmer. Der Acht- stundentog. der Völkerfrieden, der Sozialismus: das waren und das sind die Losungen, die die Arbeiterschaft ver- kündet. Begeisterter Beifall und«in Hoch auf die internationale Ar- beiterbewegung beschlossen die Kundgebung. Eine mächtig« Kund- Di« Sattler, Tapezierer und Portefeuiller halten Disziplin. Verkehrs« und Gemein dearbeiier. Die Malfeiern de» Verkehr, bunde» und des Verbände» der Gemeinde- und Staatsarbelter standen im Zeichen der kommenden Verschmelzung dieser beiden großen Organisationen. Die Mitglieder dieser Verbände hatten sich in gemeinsamen Veranstaltungen im Gewerkschaftshaus, Gsrmania- palast Frankfurter Allee, in der Schloßbrauerei Schöneberg und im Schultheiß.-Patzenhofer-Ausschank in der Ehausseestraße zusammen- gefunden. Der große Saal des Gewcrkschastshauses muß'e schon lange vor Beginn der Kundgebung abgesperrt und in den anderen Sälen und in den Reftaurationsräumen Parallelversammlungen arrangiert werden. Die Redner, die nicht nur die Bedeutung dieses Weltfeiertages der Arbeiter, schilderten, sondern auch aus die Not- wendigkeit der organisatorischen Einheit der Verkehrs- und Gemeinde. arbciter hinwiesen, fanden überall begeisterte Zustimmung der Per- sammelten. In keiner der vier gewaltigen Kundgebungen wurde der geringste Störungsversuch unternommen, nicht einmal ein absälliger Zwischenruf gemacht. Der Abstrom der Versammlungsteilnehmer erfolgte gleichfalls völlig reibungslos. A'A-Bund Trotzdem der Saal erst Uhr geöffnet wurde, standen be- reits um 9 Uhr Tausend« vor dem Gebäude der Ph'lharmonie Um 10 Uhr war der 4000 Menschen fassende große Saal gestopst voll. Tauserde sanden keinen Einlaß mehr. Der Lendway-Chor sang. Hierauf sprach Genosse Seoering über die Bedeutung des ersten Mal. Die Versammlung nahm einen glänzenden Verlauf. Nach dieser Versammlung fand im selben Saal eine zweite AfA-Feier mit dem gleichen Programm und Redner statt. In beiden Der- sammlungen wurde Sevenng stürmisch begrüßt. Die disziplinierte Geschlossenheit der AsA-Mitglieder war überwältigend. Die MetaUarbetter. Eine schwungvolle Feier hatten der. Metallarbeiterverband und der Verband der Kupferschmiede im Sportpalast veranstaltet. Der Riefenraum war überfütU, Taufende sanden keinen Einlaß mehr. Das Berliner Sinfonie-Orchester, die Arbeitergejang- verein« Fichte-Georginia und der Berliner Sänger» ch o r und der Sprechchor der Proletarischen Feier- stunden hatten sich zu einer Kunstgemeinschast oereinigt, die in eindruckoollster Weise dem Gedanken der Maiseier Ausdruck gaben. Wagners Einzug der Gäste auf der Wartburg geleitete die Jung- mannen des Verbandes in feierlichem Aufzug in den Saal, mit Hunderten roten Fahnen nehmen die prächtigen Jungen und Mädel am Podium, In den Seitengängen und auf den Rang Aufstellung, so ein lebendes Sinnbild des jungen Mai bietend. Bevollmächtigter U r i ch sprach eine tiefempfundene Mairede, die durch Lautsprecher übertragen, klar und kräftig bis in alle Ränge drang. Es war eine Feier, die über den Lärm der letzten Wochen erhob und wohl einen bleibenden Eindruck hinterlassen wird. Oie Elsenbahner. Ungestört von den kommunistischen Quertreibern fand die Veranstaltung des Einheitsoerbandes der Eisen- b a h n e r im Orpheum, Hasenheid«, statt. Der große Saal war bis auf den letzten Platz besetzt, ein ausgezeichnetes Programm fand den stärksten Beifall. Der Frei« Männerchor Berlin sang zu Beginn„Gruß an den Mai", dann sprach Theo Maret zwei Gedichte von Friedrich Wendel. Die Festansprache hielt das Vor- standsmitglied Jahn: Die Arbeiterschaft feiert den 1. Mai seit S9 Jahren. Immer unter der Parole für Völkerfrieden und Acht- stundentag. Schars sprach der Redner gegen die Kommunisten, die mit ihrem Theater den 1. Mai entweihen. Die Gewerkschaften führen keinen Kampf um die Straße, sondern um den Staat. Für die Arbeiterklasse ist der beste Kampfboden die vollendetste Demokratie. Begeistert sangen die Versammelten stehend die Internationole. Die Veranstaltung war mit dem kurzen, aber packenden Programm wirkungsvoll und mitreißend. Die Holzarbeiter. Wie im vergangenen Jahre hatten sich die Holzarbeiter in der „Neuen Welt" in Neukölln oersammelt. Nach Tausenden zählten die Arbeitsgenossen, alte Arbettsveteranen. die seit vierzig Iahren diesen 1. Mai seiern, die zahllose Kämpferschar in allen Lebensaltern, die seitdem herangewachsen ist. Der Saat faßte die Massen nicht, so daß auch der große Garten von Draußen- harrenden gefüllt war. Der Vorsitzende der Berliner Ortsverwaltung, Genosse Frei gang, gab in seiner kernigen Festred« einen ge- schichtlichen Ueberblick von der Entwicklung der Arbeiterbewegung sest dem Zusammenkommen der ersten Arbeiterinternationale. Die Arbeiterschaft könne ihre Macht nur beweisen, wenn es Klassen- bewußtsein übe und sich nicht von der bürgerlichen Gesellschaft ver- hetzen lasse, Uneinigkeit in die eigenen Reihen hineinzutragen. Der Redner schloß mit einem Hoch auf die internationale Arbeiter- bewegung. Die eindrucksvolle Feier war durch stimmungsvolle Ge- sänge des Hegerchors umrahmt. Die Versammlung löste sich bei Schluß in Ruhe und musterhafter Ordnung auf, obwohl bei einer Nachbarveranstaltung der Kommunisten zur selben Zeit bereits Arbeiterblut floß. Unser« Genossen hatten nur ein kräftiges„P f u i" für diese Profanierung der Maiveranstaltung übrig. Bekleidungsarbeiter, Friseure und Hutmacher hielten ihre gemeinsam« Malversammlung in den Germaniasälen, Chausseestraß«, ab Der große Saal war überfüllt. Der Festredner, Genosse Thierselder, gab den Ideen des 1. Mai markanten Ausdruck. Die Fiktion der„klassenbewußten Unorganisierten" wies er scharf zurück: wer nicht für uns ist, der ist wider unsl Die Ver- wirklichung des Sozialismus fetzt die Ueberwindung des Kapitalis- nnis voraus. Deshalb müssen Unorganisiert« zu Organisierten werden und auch die Frauen müssen weit mehr noch als bisher zur Organisation herangezogen werden. Der Uthmann-Chor umrahmte die würdig verlausen« Feier, die ihren Aucklang in der ..Internationale" fand. Nahrungsmittel- und Getränkearbeiter. Nach den P h a r u s- S ä l« n in der Mllllerstraße hatten di« Verbände der Nahrungsmittel- und Getränke- acbeiter. der Hotel-, Restaurant- und Casä-An- gestellten und der Musiker Ihr« Mitglieder einberufen. Ob- gleich die Bäcker- und Fleischerläden sowohl als auch di« gastwirt- schastlichen Betriebe geöffnet waren, mußten zu der Versammlung Im großen Saal Parallelversammlungen im unteren Saal und Im Garten abgehalten werden. Der Referent in der Hauptversammlung, Genosse Künstler, betont« In seinen Aus- führungen vor allen Dingen die so notwendig« Einigkeit der Arbeiterschaft, und es mag vielleicht«in« mehr als symbolische Be- deutung haben, daß zu gleicher Zeit, als in der Hauptversammlung die Beendigung des Bruderkampses gefordert wurde, im unteren Saal« ein Redner sprach, der diese Forderung bereits in die Tat umgesetzt hatte, einer, der heimgesunden hatte zur Sozialdemokratie, der frühere kommunistische Land- tagsabgeordnete Genosse Heydemann. Möge er recht viele Nachfolger finden, wir werden sie alle, um mit den Worten des Genossen Künstler zu schließen, als Freunde, Kampf- und Bundes- genossen begrüßen Einige vom Gesangverein„Morgengrauen" stimmungsvoll vorgetragene Lieder umrahmten die würdig ver- laufen« Veranstaltung. Die Kundgebung machte auf alle Teilnehme? einen tiefen Eindruck. Die Gattler, Tapezierer und portefeuiller. waren im„Deutschen Hos" versammelt. Der große Saal, der an 2000 Personen faßt, war überfüllt. In den Gängen standen die Menschen dichtgedrängt, vor der Tür stauten sich di« Massen. Die Arbeitsruhe war allgemein. Die Feier verlies ohne jede Störung, verschönert durch den Sängerchor Weißensee. Referent war E m i l B a r t h, der in seiner scharf pointierten Red« den Friedens- gedanken in den Vordergrund stellte. Obwohl ein starker Prozentsatz dre Mitglieder kommunistisch eingestellt ist. gab es keinen Mißton. Die Sattler, Tapezierer und Porefeuiller halten Disziplin. Die Maschinisten und Heizer waren im Marmorsaal„Deutscher Hof" versammelt. Referent war Genosse Schredinger. Auch hier umrahmte der Sängerchor Weißensee die Veranstaltung. Harmonischer Verlaus. Kommunisten waren nicht zu bemerken. Die Gärtner. Landarbeiter und Schweizer waren in stattlicher Zahl in Dörings Festfälen versammelt Genosse R e I n h o l d als Referent wie» besonders auf die gewerk. schastlichen Errungenschaften hin. Der Volkschor Ost sang Arbeiterlieder. Eine schön« Kundgebung innerer Geschlossenheit. Die Beamten. Die Maifeier des Allgemeinen Deutschen Beamten- b u n d e s im Hackeschen Hof war so stark besucht, daß ein« P a- r o l l e l f« i e r abgehalten werden mußte. Trotzdem waren noch beide Säle überfüllt. Da» Publikum drängte sich in den Gängen und aus den Korridoren vor den geöffneten Saaltüren. Der ADV. hatte olle» getan, um sein« Maifeier würdig zu gestalten.. Im Hauptsaol konzertierte das Berliner Tontllnstler-Orchester. Die Sängervereinigung Berlin Aivrden brachte Chorvorträgr. Die Nachzügler im kleineren Saal mußten sich mit einem Kammer- orchester begnügen. Der Vorsitzend« der Reichsgewerkschast Deutscher Kommunalbeamten, T h« e k, hielt di« Festansprache. Er wies darauf hin, daß sich in der Beamtenschast erst verhältnismäßig spät das Bewußtsein bahng«brochen Hab« daß auch sie zu d«r Masse der Arbeiterschaft gehöre. Heute oxiß auch der Beamte: auf der«inen Seit« steht in geschlossener Front das Kapital, mit der Absicht. den Arbeit«? zu unterdrücken Es gibt nur«in Mittel, sich zu wehren: wenn all«, die gezwungen sind, ihr« Arbeitskraft zu ver- kaufen, sich fest zusammenschließen. Die Kundgebung oerlies ohne Zwischenfall. Die Taubstummen. Auch die Taubstummen aller Berufssektionen haben es sich nicht nehmen lassen, den I. Mai durch eme gemeinsame Veranstal- tung festlich zu begehen. Und vielleicht war diese stille Feier ohne Musik und Gesang in ihrer Schlichtheit doch«ine de» eindrucks- vollsten, die man erleben konnte. Es ist bewunderungswürdig, mit weich konzentrierter Aufmerksamkeit der ruhigen und doch so beredten Gebärdensprache des Dolmetschers, der den Vortrag des Genossen E h r h o f s übertrug gefolgt wurde. Man nahm seine Ausführungen aus» lebhafteste aus und tausch:» fortwährend mit den Nachbarn kurze, mimisch« Bemerkungen über den Eindruck des Vortrags. Und gerade diese Gebärdensprache untereinänder machte die Veranstaltung ungemein lebendig und nahm ihr das Tote. Sie zeigte, wie auch die Taubstummen mit ganzem Herzen an der sozialistischen Bewegung teilnehmen. Recht lebhost wurde es, als zum Schluß ein kommunistischer Taubstummer mit erregten Gebärden und kurz hervorgestoßenen Tönen eine Diskussion ver- langte. Sie wurde abgelehnt und in vollster Eintracht schloß di« Feier. Fabrikarbeiter. Im Musikervereinshaus in der Kaiser-Wilhelm-Straße waren der große Saal und die Galerien durch die Mitglieder des Fabrikarbeiterverbandes und des Keramischen Bundes lange vor Beginn bis auf den letzten Platz besetzt. Viele muhten stehen. Der Arbeitergelangverein„Zukunft" eröffnete die Feier mit dem stimmungsvoll vorgeiragenen Lied„Wir gehen dem Lenz entgegen". Dann hiell Genosse Stadtrat R e i m a n n sein mit großem Beifall aufgenommenes Referat. Mit der gemeinsam gesungenen Internationale fand die ruhig und würdig verlaufene Feier ihr Ende. Nirgends auch mir der Versuch kommunistischer Radaupolitik. Die Maler. D«r Bezirkeverband der Maler hi«lt seine außerordentlich gut besuchte Maifeier in Schinckels Festsälen ab. Ietsch-- mann hielt die Festrede. Der Redner bedauerte auf» lebhafteste die Spaltung der Arbeit«?. Als Kernpunkt seiner Ausführungen kann man wohl den Ausspruch bezeichnen, daß Freiheit und Recht nicht verwechscll werden dürfen mit Frechheit und Zügellosigkeit Die wirkungsvolle und beifällig aufgenommene Rede wurde um- rahmt von schönen und temperamentvollen Gesangsvortrögen de' Gesangvereins Ost, Mitglied des Arbeitersqngerbundes. Die Oachdecker. In den Swiiwmünder G«selllchaft»sälen sprach Genosse Otto B a ch in einer überfüllten v«rsammlung der Dachdecker. Der Redner wies daraus hin, daß dem 1. Mai zwei große Jde«n zugrunde liegen, � di« Idee der gewerkschaftlichen und politischen Organisation der Arbeiterklassen und die Erkenntnis, daß der sozial« Fortschritt nur in internationalem Zusammenwirken erreicht Verden könne. Mit einem Hoch auf die internationale Arbeiter- bewegung fand die glänzend verlausen« Kundgebung ihren Abschluß.- Verantwortlich kür die Nedattion: jsran,»Igh». Berlin: Änaeiflen: IQ.»lotfe. Berlin Verlag: Vorwiirts Verla«/. 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Schaeffers MuflkaNsche Geltung: Zilldolf perat Ausstattung: Prof. Ernst üitrn A-gle- Erik Sbavett Neu auf Mertrota vottuvmme s»i>t«i nc niCUCiiit 8 Uhr Irojäner Tdaalor ata KUilMianardamw « Uhr plentere in Ingolstadt ThoUa-Thenter 8 Uhr Oelranscb Staat). Sdiiller-Th. 8 Uhr 8'/. Theatorani SdUtlDauerdamm. Norden 1141 u. 281 Pioniere id Ingolstadt (Soldaten u Dienst mädchen) Kenler, Un|a. Um. BaaB. Hoarmann. Sidisal B.B. Die Komödie IBismck. 2414/7516 8'/( U.. Ende geg. 10 Zum letzten Male Wann Kommst Du uileder? Freitag, den 3. Mai 7>* Uhr DenlsditDraanBbraiig Der Mann, der seir.en 3 Akte von Edgar Wallace Dtsch, v.Hans Rothe Kammerspiele -kl. Norden 12 310 7«/j U� Ende geg. 10 Zum I.Male Autgang nurldr Herrschatten Kleine Komödie von Sieglried Geyer Barnowskj-EBhaen Theater ie der KBnlggratzer StraBe Täglich 8«/« Uhi Rival en Komödienhaua Täglich«V« Uht Charleys Tante mit Curt Bote. Theater am lolleDdertplad Tätlich 8*1* hr oia manner der manon Operette in 6 Akten v. Walter W. Qoetze Lastsplelhaas 8«/, Uht Gaiiio Thielsctier Weekend int Paradies Theat.d.Vestens 8«/. Uhr Ute Dona. Kaminereanget Zlafltt in Friederike Musik von Itai Lessing-Diester Täglich 8«/» Uht „Die Frau des Andorn" aniDei Tdeaier Oirekt-Heinz Herald Cnarlottenstradc w A. 7. Dönhoff 170 3 Uhr, Ende 10 Uhr Täglich Die iDof Frankfurter von Carl Rössler Regie; Bnaan Boeart memei iDeatti Täglich SV. Uhr Nafioocrtroiken? udi ihm ImeiUniiikni von Frank Green. Musikalische lllust. Fr. Holländer. Regie: Fr.FrlailnanB- Frederidi. Dttch. kOn»tler-Th. 8V» Uhr Prosn oipsy Opeiettev.Qilbert Emmy Sturm Fritz Sdtulz Thalia-Theater Dmantr Str. TZ-TS. 8 Uhr „Oelrausch" Thtat.aiBRotti.rar Kottb Str. 6 Tä,. Uhr Da»«üße Qeheimnls Opereue von Zorlig Rundfunkhörer halbe Preise Planelarluiii »—»» am Zoo Tirllq Jadiiustiilm Unit Noll. 1578 l6>/i Uhr StenibiMar d» FiBhlahr» 18'« Uhr Wunder de» »Odiiehen Himmel» 20«/« Uhi Stornhimmel und Welttau Tägl. auSer Montags u. Mithv. Erwachs I Mk, Kinder 50 Pf. 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Wie kommen wir dazu?— Kinder spielen, das ist zunächst ihre wichtigste, fast ihre einzige Aufgabe. Sie spielen alles, am liebsten das, was sie an uns Aelteren beobachtet haben. Oft sind wir verblüfft, wie deutlich wir uns ihnen in unseren guten und schlechten Eigenschaften geoffenbart haben Sie ahmen unser Wort und unsere Handlungen nach, sie spielen die Rollen der Er- waäzfenen. Sind sie darum Schauspieler zu nennen? Wollen sie es sein? Werden wir den Kindern irgendwie gerecht, wenn wir sie unter diesem Gesichtspunkt betrachten? Ich denke nein. So wie die Kinder die Erwachsenen bei solchem Spiel nach- ahmen, so treiben sie es bei anderer Gelegenheit mit ihren Kasperfiguren, und so benutzen sie auch alle anderen.Fünfte': erzählen, zeichnen, malen, formen, musizieren. Daß die Schule heute dazu reichlich Zeit und Anlah gibt, sei ihr um der Kinder willen gedankt, nicht um der Kunst willen. Das Kind ist aus der Starre, der widernatürlichen, erlöst, hat Raum für feinen Bctätigungs- und Bewegungsdrang, darf alles das abbilden, was seinen inter- «sianten Lebensweg schon gekreuzt hat, darf seine Kräfte tummeln und stärken— aber mit K u n st hat das alles wohl nichts zu tun. Ich denke an«ine Klasie achtjähriger Kinder. Arbeitsthema , Fasen'. Die Besichtigung ist vorangegangen, und mancherlei Ge- schichten werden noch herangetragen, Schiffersprache wird nach- geahmt, Redensarten vom Hafen werden wiedergegeben. Heini und Fidi erscheinen als Kaspersiguren. Skizzen vom i)afen, Bilder von Schissen mancherlei Art und von Menschen vielerlei Nationen ent- stehen unter fleißigen Händen. Kräne und Schuppen werden ge- bastelt, und die Landschaft wird bevölkert mit den drolligsten Typen, gefertigt aus Plastilin, so echt und vielgestaltig, wie sie nur im Hasen zu sehen sind. Aber tun wir den kleinen Arbeitern nicht unrecht! Kunst ist das nicht; selbst bei den besten Leistungen sollten �wir die Bezeichnung nicht in Anwendung bringen. " Und doch scheint cm Reiz, darin zu liegen, auf dieser Stufe schon den angehenden Künstler zu entdecken. Eltern und Lehrer, von Großeltern, Onkel und Tanten ganz zu schweigen, sonnen sich gern an den Strahlen des aufgehenden Genies. Die guten Bürgerhäuser sind noch immer vorhanden, wo man die Tochter das Klavier und den Sohn die Geige traktieren läßt und wo bei Gesellschaften die jungen„Künstler" dann in Aktion treten. In meiner Klasse waren drei solch angehende Musikanten, die viel besser getan hätten, ihr« Zeit mit Indianerspielen zu verbringen, als daß sie Geigensaiten durchfidelten. Mir tut aus meinem Leben keine verbummelte Stunde leid: aber daß ich mich rund 2500 Stunden während meiner Aas- bildungszeit mit dem Nichterlernen von allerlei Musikinstrumenten habe beschäftigen müssen, werde ich nie verwinden. Solche Auch-Künstler gebrauchen wir nicht, sie sind ihren Mitmenschen keine Freude, sondern viel häufiger eine Belästigung. Das spielende Kind denkt ja auch gar nicht an der- artige Konsequenzen seiner Tätigkeit. Was es erlebt, gesehen, er- fahren hat, stellt es nachbildend mit seinen einfachen„ungekünstelten" Mitteln dar. Für die Mehrzahl der Kinder sind Stunden mit Tanzen, Spiele», Singen, Formen, Basteln, Zeichnen die schönsten Stunden am Tage, weil sie dabei am meisten Kinder sein dürfen. Noch steht kein hemmender Verstand ihnen im Wege. So wie ihre Sinne die Ersahrungen aufgenommen haben, so stellen sie die Dinge wieder dar. Die Uebereinstimmung mit der Wirklichkeit ist auch noch keine wichtige Frag«. Aber mit der beginnenden Pubertät tritt auch auf diesem Gebiet im Kinde eine Umkrempelung ein. Kinder, die bis dahin spielend ihre sogenannte Kunst trieben, können es jetzt nickst mehr. Das eigentliche Denken erwacht. Da» Kind nimmt Sannst du lachen. kannst du weinen? gegen sich und fein Wert Stellung, fängt wirtlich an zu kritisieren «nd nicht zuletzt am eigenen Werk. Da sitzt der junge Schriftsteller nnd taut am Federhalter und weih keinen Anfang und keinen Fort- - ach hat« schon etwa» aufgeschrieben, so ist's gerade gut Als vor dem Kriege die erste Ziehharmonika in einer Unterrichts- stunde austauchte, da war das eine unerhört umstürzlerische Tat, die die Grundsesten des Staatswesens zu erschüttern drohte und den Lehrer in ein peinliches Disziplinarverfahren verwickelte. Heute hat das ganze Kindertheater mit Puppen und Kasperfiguren, mit Bettler- kleid und Krone mit Klampfen und Trommeln und Pfeifen Einzug in die Schule gehalten. Die K inderb ühn e hat ihren Platz an dieser Stätte trockenen Buchwissens erobert, und sie wird ihn sich nicht wieder streitig machen lassen. Zum Klassenzimmer, zu Turn- Halle, Zeichen- und Physiksaal gehört als notwendige Ergänzung ein Raum, in welchem man die weltbedeutenden Bretter aufschlagen tonn Gelegentlich des Besuches einer Bersuchsschule erlebt« ich ein- mal die Kinderbühne in ihrer reinsten und zugleich ursprünglichsten Gestalt. Eine der verschiedenen Arbeitsgemeinschaften hatte sich in einer leerstehenden Klasse eingerichtet, und ein etwa zehnjähriger Spielleiter probte ein selbsterdachtes Stück. Das Po- dium war die Bühne, Stuhl- und Kartenständer, die einzigen Re- quisiten, stellten Haus und Baum, Thron und Galgen, je nach Be- darf, vor. So klein und unzureichend der äußer« Apparat, so ge- waltig war die B e g e i st e r u n g für die Sache, zu welcher sich von Zeit zu Zeit auch Spiellustige aus anderen Arbeitsgemeinschaften meldeten. Aber der kleine Theaterdirektor hatte ein originelles und unfehlbares Verfahren, um aus den Bewerbern die richtig« Auswahl zu treffen. „Kannst du lachen? Dann lach mall" forderte er die Jungen auf „Kannst du weinen? Dann wein mall" lautete die Prüfungs- aufgobe für die Mädchen. Lachen und Weinen— zwischen diesen beiden Polen schwingt die gesamte Empfindungswelt, von der Bühne des Lebens angefangen bis zum Theater der Großen, bis zum Spiel- und Tummelplatz der Kleinen und Kleinsten. Was sollen wir spielen? Wer so fragt, wer nur spielen will, weil er es dem Publikum schuldig zu sein glaubt, der lasse seine Finger davon. Leider wird das weitaus meiste Spielgut nur ge- druckt, um dieser üblen Sp:«lbetr!ebsamkeit entgegenzukommen. Geschäft daraus zu schlagen. Bereine, Elternkreise, Schul- gemeinden sind ja oftmals so billig zu rühren und zu begeistern, und wenn ein aufgetakelter Dreikäsehoch nur irgend etwas Ge- reimles daherstottert, so heißt es gleich, wie süß, wie entzückend! Gemeingefährlich aber wird das Theaterspielen, wenn die Wahl auf diejenigen gedruckten Machwerke fällt, die ihre religiösen oder patriotischen Tendenzen knüppeldick auftragen. Da muß ein in einen Bettvorleger gehüllter Siegfried, ein blitzendes Pappschwert schwingend, die Wiederkehr des alten Kaiserreichs verkünden, da müssen die sieben Zwerge sich zunächst die heilige Tauf« gefallen lasien, ehe sie an Schneewittchens Hochzeit teilnehmen dürfen. Wenn ihr nicht werdet wie. die Kindlein... In allen Fragen der Kinderbühne kann uns immer wieder dos Kind selbst zum Lehr- meister werden, wenn es aus tiesinnerstem Spiellrieb sein Kinder- zimmer, die Straße, die Wiese zum Spielplatz, zur Bühne macht. Da wird auf einer Treppenstufe das uralt« und ewig neue Spiel von„Mutter und Kind" gespielt, oder es steht„Krämer" oder„Schule spielen" aus dem Programm. Da sitzt auf den kahlen Steinplatten der Straße, wie auf grüner Wiese. Dornröschen, das schöne Kind, und der Kreis tanzt um sie herum Da treibt der Schäfer seine Schafe vor eines Edelmanns �>aus, da putzt der artige Edelmann Paul seine Schuhe, und die schluchzende Anna sitzt auf einem Stein. Da geht der verliebte Lehrer Adam, der sich erquicken will, zwischen seinen Schülern und Schülerinnen auf und nieder, bis er die Geliebte findet. Im folgenden sei eine kurze Szene aus einer„Hochzeit in der Sandkuhle", wie sie sich alle Tage und überall ereignen kann, nach getreulich mitstenographierten Worten wiedergegeben; möge sie in ihrer ganzen Unbeholfenheit aufschlußreich sein für alle diejenigen, die der kindlichen Art durch künstliches Spiel nahe zu kommen trachten. Ort der Handlung: Eine Sandgrube in der Nähe des Schulheims, zu einer allerliebsten Dreizimmerwohnung her» gerichtet. Personen: Achtjährige Jungen und Mädchen, die sich beim Spiel zusammengefunden haben; einig« handelnd, andere mehr zuschauend beschäftigt. Inge: Ich nehm Paul. Thea: Und ich nehme Hans Georg. Paul(zu Hans Georg): Jetzt muß jeder zu seiner Frau gehen Hans Georg(nimmt Thea beim Arm): Immer zwei und zwei zusommenfitzen. Thea: Vater, setz dir auf'n Sofa, das Essen ist gleich fertig. Inge(zu Paul): Vater, du kannst den Garten schon harken. Morgen ist Sonntag, dann kommt Thea mit ihrem Mann zu Besuch. Hanna: Ich bin das Mädchen, ich kann die Kuchen backen. Inge: Mußt auch Blumen auf'n Tisch stellen.(Geschieht, pflanzt Tannenzapfen in den Tisch von Sand.) Nun müßt ihr kommen. Der Besuch kriegt den schönen Stuhl.(Begrüßung mit Guten Tag. Wie geht es denn? usw�) Thea: Wir müssen auch einen Hund haben. Ench, willst du Hund sein? Erich: Nee, Hund nicht, dein Mann will ich wohl sein. Ein« Zuschauerin: Inge poussiert bloß, weiter macht sie nichts. Inge(sich kokett abwendend und ins Schlafzimmer gehend): Dies wird mein Bett, da kommt mein Hund und ich rein. Paul: Gut, dann mache ich mir eins daneben. Hans Georg: Der Hund läuft ja durch das Geharkte. Ein Zuschauer: Thea, du mußt auch mal mit eurem Hund spielen, der ist erst ein Jahr. Ein anderer Zuschauer: Thea, dein Mann sitzt de» Stuhl ganz kaputt. Ein dritter: Thea hat keinen guten Mann, der ist immer besoffen. So plätschert das Spiel dahin, vor. schaffender Kinderphantasie unabläsiig genährt. Die Zuschauenden geben Anregungen, tadeln Einzelheiten, suchen sich selber einzuordnen Und bei harmonischer Zusammensetzung der kleinen Truppe geht es ohne Stocken und Pausen dahin und kann gar kein Ende finden. Hier ist etwas er» reicht, um das sich die Darstellungskunst der Großen mit so heißer Inbrunst müht: das zwanglose Sichgeben, die völlige Hingabe an das Spiel, die höchste Beglückung aller Teilnehmer, die zugleich Dichter, Darsteller und Spielleiter sind und von Stichwortängsten, Jdeenmangel und technischen Unzulänglichkeiten nicht das mindeste wissen. Wer seine Spielgruppe von dieser Naivität des Stegreifspiels hinauf zu höheren Leistungen führt, kann dabei nicht ins Kitschige oder Verstiegene abirren. Ihm wird auch beim Spielen nach vor. gedrucktem Text immer das Kindlich- N a t ü r l i ch e als Nicht» schnür maßgebend sein. Das Kindertheater soll ja vor allen Dingen den Spielern Freude machen; nur allmählich und sehr vorsichtig darf es zur Schaustellung vor Erwachsenen werden. Und auch dann sollen Beifall oder Mißsallen des Publikums Ansporn zu immer besseren Leistungen sein.' Nicht die Ausführung vor Zuschauern, nicht Beifall und Kassen. erfolg ist letzter Sinn aller Bemühungen um die Darstellungskunst der Kinder, kein kostümierter, jambenrollender Held verkündet ihre wahre Bedeutung. Die Schulbühne ist die Stätte, wo ein werden» des Geschlecht sich zu ersten zagen Versuchen zusammenfindet, spie» lend in eine neue Gemeinschaft hineinzuwachsen. Sie ist die Plattform, von wo aus, Spielern und Darstellern un» bewußt, neue Erziehungsideale ihren Weg in die Menge suchen. Schund und Machwerk haben hier keine bleibende Statt. Carl Dante. genug zum Ausstreichen. Im Zeichnen ist es nicht besser. Früher konnte er alles, doch jetzt werden ihm Bilder von Menschen und Tieren zu nie erfüllbaren Auf- gaben. Hatte man vordem die ganze Klasse voll.Fünstler", jetzt sind sie eine Seltenheit geworden. Noch immer ist die Schule starr wie eine Burcaukratle, und die jungen Menschen werden in ihre festen Formen hineingepreßt. Alle zeichnen, turnen, singen, wie es scheinbar ewige Gesetze vor- schreiben, die Begabten und die Unbegabten. Jedoch hier auf der Grenze der Kindheit treten die Anlagen so klar in die Erscheinung, daß es keine Unmöglichkeit dedeutet, der Schule den Aus- trag zu geben, diese Anlagen auszubilden, und n u r d i e s e. So sehr es eine Notwendigkeit des gesellschaftlichen und vor allem des wirtschaftlichen Lebens ist, daß der Mensch von heut« die Techniken des Lesens, Schreibens und Rechnens beherrscht, gut beherrscht, so wenig ist es ein Zweifel, daß jene Dinger der Kunst keine unbedingte Notwendigkeit sind, und daß man Kinder ohne An- lag« dafür ihre Zeit besser anders verwenden läßt. So sammelt man in einer Schule, die auf das Kind die ge- nügende Rücksicht nimmt, die Begabten, um diese um so besser fördern zu können. Man knüpft an an die spielerischen und ge- staltenden Kräfte und gibt den Kindern jetzt die Hilfsmittel zu höheren Leistungen, zu ganz bewußter, planmäßiger Arbeit. Im Zeichnen z. B. erhalten die verschiedenen Geräte und Materialien ihren besonderen Vcrwcndungs- und Anwendungszweck. Die Kinder lernen Kohle und Farbstift, Tinte und Aquarellfarbe sinnvoll ge- gebrauchen, sie lernen schneiden in Linoleum und Holz, sie betrachten Bilder auf Inhalt und Technik, sie machen kurze Ausslüge ins Reich der Kunstgeschichte, sie besuchen Kunschallen und Baudenkmäler. In der Musik ordnen sich die Begabten zum Chor, und Geig« und Laut«, Flöte und Schlagzeug vervollkommnen die Vortragsmöglichkeiten. Und wenn wir am Ende sind, dann sind wir dort, wo die Kunst beginnt, oder vielmehr bei dem, was sich uns heute als Kunst anbietet. Das Bemühen der Schule, den Uebergang dahin zu finden. ist nicht zu verkennen. Der Erfolg steht auf einem anderen Blatte. Schon bei der Berufswahl entscheiden sich die jungen Menschen ganz anders, als man es erwartet hatte. Der begabte Maler wird Seemann, der Musiker wird Schriftsetzer und der Schauspieler Dekorationsmaler. Vielleicht liegt das alles aber auch an der K u n st v o n h e u t e. Die Schriststeller und Buchhändler klagen über mangelhaften Ab» satz; die Maler müssen die Produkte mühseligen Schaffens auf die Speicher stellen; Theater können nur mit Staatsunterstützung ihr Dasein fristen; in Kunsthallen und Museen herrscht beileib« kein lebensgesährliches Gedräng«. Aber Sportveranstaltungen bringen Riesenmengen von Zuschauern zusammen; Boxkämpfe erzielen über- füll!« Säle; Zeppelinbefuche verursachen Völkerwanderungen; um Kinokarten muß man zuweilen anstehen, und die gedanken- und kunstloseste Zeitschrist ist die am meisten gelesene. Die K u n st ist dem Volke entlaufen, sie scheint auch gar nicht die Ab-" ficht zu haben, sich wieder einholen zu lassen. Die Schule würde gar keine Aussicht bei diesem Wettlauf haben. Daß modern« Gesangspädagogen sich in mittelalterliche Romantik verlieren, ist auch nicht mehr als ein Derlegenheitsprodukt. Von einer Seite nur kann uns Hil'e kommen, von dem werktätigen Volke her. Aus ihm müssen die scbassenden Künstler entwachsen, ihm in ihrer Arbeit verbunden sein. Mit dem Munde des Volkes müssen sie wieder reden, aus seiner Sehnsucht malen und musizieren, aus seiner Not heraus gestalten. Wenn aus dem Umbruch unserer Tage Volt und Kunst sich wieder finden, läßt sich über Kind und Kunst vielleicht auch einmal wieder anders reden. 5� (2. Fortsetzung.) Ich mußte mich also bemerkbar machen und klopfte ein paarmal mit dem Stock gegen die Steinfliesen Das Singen hörte auf. Leichte Schritte näherten sich einer Tür. Sie wurde geöffnet, und in ihrem Rahmen erschien ein allerliebstes Kammerkätzchen. Donnerwetter, war das ein hübsches, niedliches Figürchen, so zierlich und fein, als ob sie aus Porzellan wäre. Der Kontrast war so frappant, daß ich die Person ganz ent- geistert anstarrt«. Sie mußte wohl meine Verblüffung bemerkt haben, denn lachend fragte sie nach m«inem Begehr. Nun mußte ich doch schon meinen Spruch hersagen, da half mir alles nichts:„Ein reisen- der Handwerksbursche bittet um etwas Mittagessen..* Sie sah mich groß an, und nun fühlte ich, wie mir das Blut ins Gesicht schoß. Da sing si« wieder an zu lachen, kam auf mich zu, stemmte Ihre Händchen in dt« Seiten und fragte, indem sie mir ganz verliebt in die Augen sah:.Also Sie sind ein wirklicher Handmerksbursch?" Mir kam es vor, als wenn sie noch nie einen gesehen hätte. Ich war so verwirrt, daß ich die Augen zu Boden schlug und kein Wort mehr herausbringen konnte. Als ich, die Mütze schüchtern in den Händen drehend, aufsah, blickten mich ein Paar solch gute, liebevolle Aug«n zärtlich an, daß mir ganz warm ums Herz wurde. Sie fragte mich nun nach allem aus: was ich bin, wo ich hin wollte, woher ich käme und ob ich Papiere hätte Die mußte ich ihr zeigen. Nachdem fie mein Wanderbuch durchstudiert und daraus ersehen hatte, daß ich Buchbinder bin, sagte sie:„So, nun kommen Sie, Si« sollen was Gutes zu«ssen haben," nahm mich bei der Hand wie ein« Schwester d«n Bruder und führte mich durch einige Zimmer in ein kleines Boudoir. Der leichte Parfümdust, wohl von wohlriechen- der Seife, der hier herrschte, lieh mich erkennen, daß ich mich in dem Tuskulum einer Dame befand. Das � erkannte ich auch an der ganzen übrigen Einrichtung.« Da ich zum«rstenmal in meinem>Leben einen luxuriös aus- gestatteten Raum betrat, muß ich mich wohl r«cht linkisch benommen haben. Sie sah mich burschikos und schalkhaft lächelnd an und fragte, ob ich schon eine Liebste hätte. Ich fühlte, wie ich wieder rot wurde: aber eine Liebste habe ich noch nicht gehabt, konnte ich ihr mit gutem Gewissen verraten. „Na," sagte sie,„wo Sie gelernt haben, sind doch auch junge Mädchen gewesen, erzählen Sie mir doch nichts!" Ich konn!« ihr nur sagen, daß ich welter keinen Verkehr hatte, als den mit d«r Schwester meines Lehrmeisters, die im Hause war. Sie war so alt wie ich, und wir beide konnten uns nicht leiden. Sie war ein verdammtes Luder, und alle Augenblicke lagen wir uns in den Haaren. Schon ihren Namen konnte ich nicht ausstehen, sie hieß nämlich Agnes. Wie ich dies alles nun so in meiner Einfalt erzählte, mußte sie lachen, daß ihr die Augen tränten. Meinen Berliner hatte ich bereits draußen an die Tür gelegt. Nun sah sie aber erst meine staubigen Stiefel und nötigte mich vor die Haustür, um sie zu säubern. Die Schuhbürsten hatte sie mir auf den Treppenpodest gelegt. Slls ich damit fertig war betral ich wieder das Zimmer und hatte nun Muße, es gründlich in Augenschein zu nehmen. Ein zierliches Himmelbett, über dem sich«in hellblauer Bal- dachin wölbte, nahm die eine Seite des Zimmers«in. Die beiden Fenster des Raumes durch die die Sonne schien, waren mit weißen Vorhängen verhängt Zierlich« Rokokomöbel, mit silbergrauem Plüsch überzogen, und zierliche Tischchen mit feinen, gedrehten Füßen standen umher, auf denen allerhand Nippes prangte. Ein Toiletten- spiegel in großem, breitem Goldrahmen war neben dem Himmelbett das Hauptprachtstück. Ein schwerer, dicker Teppich bedeckte den Fußboden. Mir kam es vor. als sei das niedliche Kammerkätzchen einzig für diesen Ort geschassen. Während sie nun auf einem dieser k einen Tischchen das Essen auftrug, mutzte ich mir noch Gesicht und Hände waschen Dann setzten wir uns zu Tisch. Mir hatte sie einen ordent- lichen Teller voll Braten aufgetan, während ihr Stück Braten nur klein war. Kartoffeln nur wenig, aber eine reichliche Portion ein- gemachter Hagebutten, und zwischen beiden Gedecken eine Flasche Rosenlikör und zwei Gläschen. „So. nun langen Sie tüchtig zu," sagte sie,„und genieren Sie sich nicht. Sie haben es mal gut getroffen: die Herrschast ist nämlich verreist, und ich bin allein im Hause, sonst hätte ich Sie nicht so reichlich bewirten können." Und noch einmal sagte sie:„Genieren Sie sich nicht!" und lachte mich freundlich an. Ich hatte nämlich immer die Befürchtung, das zierliche Tischchen könne jeden Augenblick umkippen. Natürlich hieb Ich tüchtig ein, denn so etwas, glaubte ich, wird dir auf der Wanderschasi nicht wieder geboten. Nachdem ich erst einige Gläschen prachtvollen Rosenlikörs hinter die Binde gegossen hatte, wurde ich ausgeräumter. Das Mädchen war längst mit ihrem Teller fertig, als ich immer noch weiter aß. denn ich mußte doch meinen Teller'leer machen, dachte Ich. Als ich dann endlich den letzten Bisten gegessen halle und wir die vollgeschenkten Gläser wieder geleert halten, m«-nle sie, indem st« mir so recht liebevoll in die Augen sah:„Wissen Sie auch, daß Si« ein hübscher Mensch sind?" Ich wurde rot wie ein Puthahn, und ehe ich's mir versah, hatte sie meinen Kopf in ihr« beiden Hände genommen und mir einen solch herzhaften Kuß auf den Mund gedrückt, daß mir ganz schwindlig wurde. Darauf war ich natürlich nicht gefaßt gewesen, der-Usch kam in» Schaukeln verlor die Balance und stürzte mit dem darauf stehen- den Geschirr zu Boden. Das hübsche Kammerkätzchen lachte wie ein Kobold, und ich, erst noch ganz erstarrt vor Schreck, kam bald wieder zu mir, nahm sie beim Kopf, und wir knutschten uns nach Herzenslust ab. „Na." sagte sie schließlich,„das hat lange g«nug' gedauert, 'au sieht es doch gleich, daß du in der Liebe noch unerfahren bist." Es waren glückliche Stunden, die folgten m anderen Morgen hieß es weiter wandern. Lisette. jo hieß das Kammerkätzchen, packte mir noch einen ordentlichen Braten, einige Butterbrote und ein kleines Fläfchchen Rosenlikör in ein Pak«t und sagte beim Abschied:„Denk an mich und vergiß mich nicht, denn ich war deine erste Liebe." Fröhliches Wandern. Nach einigen Wochen hatte ich den polnischen Boden hinter mir und erre-chte die schlesischen Gefilde. Hier herrschte nun wieder ein ganz anderer Geist. Man kam durch große Dörfer, die sich oft- mals stundenlang ausdehnten. In jedem Häuschen klapperten ein oder zwei Webstühle ihr klippe klappe, klippe klappe. Nur des Sonntags herrschte feierliche Ruh«. Aber wo man auch zur Estens- zeit an die Tür klopfte, hieß es bestimmt:„Komm nur herein, Hand- werksbursch, kannst mitesscn." Acht bis neun Personen saßen zumeist schon um den Mittagstisch, auf dem eine dampfende Schüssel mit Hefeklößen stand. Der Hausvater sagte:„Nu ruckt a bisset z'samm und macht dem Burschen Platz. Geh. Liesel, hol ahn Stuhl." Das Töchtcrlein stand errötend auf, setzte dem Handwerksburschen einen Stuhl an den Tisch und war stolz darauf, daß sie neben ihm sitzen durfte. So konnte sie bester seinen Erzählungen lauschen. Und nun gab es Hefeklöße, Schweinebraten und roten Kohl, und manchmal auch fchlefisches Himmelreich. Das waren Klöße mit Backobst, Pflaumen und Schweinebraten, und die Schwarte war so knusperig, daß man sie nur zu gerne mit aß. Ach, was war das doch für ein Götterfraß! Und dann Hub das Erzählen und Fragen an. „Wo kummst denn har, Handwerksburfch. Wo willst hien? Was hast for an Mutjöh? Bist ahn Katholischer oder ahn Eoan- gelischer?" Bescheiden gab der Bursche auf alle Fragen Antwort, erzählte von seinen Fahrten und Abenteuern, und alle lauschten andächtig, stützten die Ellbogen auf den Tisch und legten den Kopf in die Hände, damit ihnen von all dem Neuen auch nichts entging „Magst ok ahn Bier? Von dem Verzähle kriegst a trockene Kehl'." hieß es dann.„Ist aber bloß ahn Einsachs, hat aber auch sein Guts, löscht den Durscht und man behält ahn klären Kupp." Nun ja, der Handwerksbursche mochte schon. Wenn der Bursch dann satt war, kam das Glückwünschen:„Biel Glück und gute Reise und laß dir's gut gehen. Handwerksbursch. Hier, rauch dir noch ahn Zigarren an, es ist ia heut Sontäg." „Die rauch ich heut auf der Herberg'," antwortete der Hand- werksbursch«.„Ich muß erst noch ein paar Häusel abklopfen, damit ich Schlafgeld zusammen kriege." „Nu, da machst recht. Wir sind allen? bloß arm« Webersleut', aber du kriegst hier in jedem Haus was. Was sollt' denn auch werden, wenn wir Armen uns ni beistehn wullten!" So war denn keine Not, solange ich durch Schlesien wanderte, und es wurde Spätherbst, bis ich bei einem Meister fest in Ar- beit ging. Oie Frühlingsunruh. Wenn der Frühling ins Land zog, das erste junge Grün sich an den Büschen zeigte, die ersten Stare pfiffen und die Frühlings- sonnenftrahlen durch die matten Fenster der Werkstatt sich wie ein pures, fließendes Gold ergossen, Sonnenstäubchen flimmernd in der Luft spielten, dann hielt es oft auch den tüchtigsten Gesellen nicht mehr in der Bude. Wer schon einmal die Schönheit der Natur und das freie, ungebunden« Wanderleben kennen gelernt hatte, den zog es immer wieder hinaus auf die Walze. So kam es denn, daß gerade die tüchtigsten Gesellen es waren, die regelmäßig zum Frühjahr ausflogen, sich aber auch regelmäßig zum Herbst bei demselben Meister wieder einstellten. Selbst die Liebste war nur selten imstande, solch einen Wandervogel zu hallen. Dann schlug das Herz wilder, und die alte Liebe zur Natur wacht« wieder auf. Unruhig rückte der Schuftergeselle auf seinem Schemel hin und her, lugte hinaus in die hellen Sonnenstrahlen und fing auf einmal an zu singen:„Nur die Freiheit, Freiheit nur alleine, nur allein soll mein Vergnügen sein" und schlug wie ein Besessener mit dem Schustcrhammer den Takt aus die auf sein Knie gespannte Stiefelsohle, so daß der Meister ganz verdutzt den auf einmal so lustig werdenden Gesellen über die brillenbespannte Nase anschaute und nicht wußte, ob nicht der leibhaftige Satan in den sonst so ruhigen Menschen gefahren sei. Und der Schneidergeselle, der auf seinem Tisch am offenen Fenster sah, stach anstatt ins Hosenzeug sich immer in die Finger. „Gott's Donner, was ist denn das!" Jedem jungen Mäd«l, das vorbei ging, starrte er nach. Wie wobltuend doch das linde Lüftchen ihn umfächelte, das gerade zum Ferrfter hineinhuschte und den Frühling ankündigte. Ja, es war eben Frühling geworden, und da hatte man kein Sitzetletsch mehr Und dem Tischler fluschte das Hobeln nicht, es fielen keine Späne. Immer wieder mußte er das Schneideeisen heraus und hinein klopfen, es wollte absolut nicht mehr gehen. Und der Schmied, der vor dem lodernden Feuer stand, ließ den Hammer mehr auf den Amboß klingen, als daß er auf das glühende Eisen schlug, das der Lehrbub ihm zuhielt. Immer und immer wieder schweifte sein Blick hinaus, wo die tanzenden Sonnenstrahlen das junge Grün umwebten, und!>�r Lehrjunge wußte nicht, was in den sonst so tüchtigen Gesellen gefahren war. tFortse�ung folgt.) WAS DER TAG BRINGT. iiniuiimiiinniiniiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiimiiiuuiiiiiiiuiiiiiiiiiimiiiuiiiiiuiiiiinniiiiiinuiiiiiiim«iiiniiiniiiiiiiniiiiiiiiniiiiiniiiiiiiMiniiiiiiiininiiiimiiiiinMiiiiiiniiininiiiiiiiiiiiiMiiiiiiit Achtet das Gesetz! Wie uns von einem Gesinnungsfreund au» den Vereinigten Staaten geschrieben wird, kommen dort jetzt auf Anregung des Prohibitionsdepartements in d«n Schulen und den öffentlichen Ge- bäuden eine Reihe von Plakaten zum Aushang, die die Achtung vor den Prohibitionsgesetzen in den Herzen der Amerikaner vertiefen sollen. So zeigt eines dieser Bilder das Kapital und fordert— ohne die Prohibition in den Vordergrund zu stellen— zur Achtung vor den Gesetzen und der Verfassung auf. Ein anderes Bild zeigt einen amerikanischen Arbeiter vor einer Fabrik. Es trägt die Unter- fchrift:„Fleißig! Nüchtern! Wachsam!" Ein drittes Plakat endlich fragt:„Hat sich die Prohibition gelohnt!" und gibt zur Antwort: „Fragt die Mütter!" Das dazu gehörige Bild zeigt ein Mädelchen, das seinem Dater entgegenläuft.— ö— Schergendienste für denPaschimus. Italienische Zeitungen berichten daß der nordamerikanische Dampfer„Gateway City*, der am 14. Aprll in Genua nach Norfolk in den Vereinigten Staaten in See gegang«» war, zwei heimlich« Auswanderer, deren Gegenwart man erst an der spanischen Küste gewahrte, aus die„ExcKanxe" derselben Gesellschaft übergeführt und den italienischen Behörden ausgeliefert hat. Es handelt sich hier um eine Schuftigkeit erster Ordnung. Natürlich braucht kein Kapitän blinde Passagiere an Bord zu dulden. Da aber die beiden unglück- lichen Italiener doch in erster Linie ihrem..Vaterlande" entgehen wollten, da sie nicht das amerikanische Einwanderungsgesetz, sondern vor allem das italienische Verbot der Auswanderung übertreten wollten, war es barbarisch und unmenschlich gewesen, sie den Be- Hörden zu überstellen: es wäre weniger unmenschlich gewesen, si« Donnerstag, 2. Mal Berlin. 16,00 L. Lehmann: Das Qruben-Slcherheltsamt 16.30 Die Liebesszene In der deutschen DichtnnK. Dr. Franz Leppmann. Leseproben: Ida Orlofi 17.00 Konzerl. 1. Vera Vinozradowa: Kiavierntnsik.- 2. Paul Ertel: FQnl Lieder und Balladen(Max Raymer. Bariton. Am Flüzel: Herbert Donath- Oswald.)— 3. a) M Castclnuvo Tcdcsco; Choralvorspiel; b) J. Kreln: Zwei Klavierstücke; c) A, Weprik: Drei Volkstänze, op. 3; d) C, V. Alcan: Drei Klavierstücke.(Flüzcl: Alice Jacob Loewenson.) Anschließend: Mitteilungen des Arbeitsamtes Berlin-Mitte. 18.10 Dr. J. E. Porllzky. Der deutsche Idealismus. 18.36 Prof. Dr. Q. J. Kern: Die Jahrhundert-Ausstellung des Vereins Berliner Künstler. 19.00 Ministerialrat Dr. med. Allred Beyer: Selbsterkenntnis. Anschließend: Denksport Aufgaben. 19.30 Deutsehlands Handelsbeziehungen. Ministerialrat Dr. Imholl. 20.00 Bildfunk. 20.06 Sendespiel, XYZ", von Klabund. Regle; Allred Braun. 21.30 Mandolincn Konzert. Naeh den Abcndmeldungen bis 0.30 Tanzmusik.(Kapelle Otto Kermbach). KSnlgswuslarhanaei. 13.46— 1 w! M /Ok,, � flXl r a h p tt r* rt U M\ ♦ Deier entlassen. Wegen Verletzung des Betriebsrätegesehes. Die Berliner Verkehrs Zl.'G. hol heule die kommunistischen Belriebsräle Deler und Krüger enllassen. Bereits als Betriebs- und Arbeiterratsvorsitzender der Hoch- bahn hat sich Deter bemuht, die Belegschast in Gegensatz zu den Eewertschaftcn zu bringen. Schon damals hatte die Hochbahn gegen ihn beim Arbeitsgericht einen Antrag auf Amtsenthebung wegen gröblicher Verletzung seiner gesetzlichen Pflichten gestellt. Deter ist damals mit einem blauen Auge davongekommen: er erhielt nur eine ernste und scharfe Verwarnung durch das Arbeits- gericht, da es den ihm vertretenden Bstriebsratsfekretär des Ver- kehrsbundes gelang, die Hochbahn von der Zweckmäßigkeit dieses Urteils zu überzeugen. Als Deter zum Betriebsrat und zum Arbeiterratsvorsitzenden bei der Berliner Verkehrs A.-G. gewählt wurde, setzte er, gerade weil Sozialdemokraten im Vorstand der Berliner Ver- kehrs A.-G. führende. Stellungen erhalten hatten, sein Treiben in gesteigertem Maße fort. Bei den Tarifvcrhandlungen hat Deter, während die BerhanUungen noch schwebten, die Belegschast in den Streik zu treiben versucht. Dem Faß den Bcden aber schlug das Verhalten Deters aus, als er versuchte, den Berliner Verkehr am 1. Mai stillzulegen, trotz- dem die beteiligten Gewerkschasten diesen Betrieb als lebens- wichtig anerkannt und mit der Verkehrs A.-G. entsprechende Ver- einbarungen getroffen hatten. Bereits Anfang April forderte Deter in Betriebsversammlungen, die er ohne Kenntnis des Arbeiterrats einberufen hatte, in Gemeinschaft mit seinem Freunde Krüger die Belegschaft auf, Entschließungen anzu- nehmen, am 1. Mai den Berliner Verkehr st illzu legen. Deter hielt es für überflüssig, die von den fchwach besuchten Betriebsversammlungen angenommenen entsprechenden Beschlüsse der Betriebsleitung der Verkehrs A.-G. auch nur mitzuteilen. Deter fühlte sich eben als unbeschränkter Herr dieses dem Volk von Berlin gehörenden Betriebes. In einer gemeinsamen Sitzung, die auf Verlangen der Der- kehrs A.-G. unter Hinzuziehung des Bevollmächtigten des Verkehrs- bundes stattfand, wurde der Betriebsvertretung die mit den Gewerk- schaften vereinbarte Regelung der Arbeit der Verkehrsbetriebe am 1. Mai bekanntgegeben. Deter hielt es für unnötig, der Belegschaft die Vereinbarung der Gewerkschaften mit dem Vorstand der BVG. bekanntzugeben. Sein ganzes Verhalten war lediglich darauf ein- gestellt, den Parolen der Kommunistischen Partei z�. entsprechen obne Rücksicht auf die Bedürfnisse der Berliner Bevölkerung. Die ständige Beunruhigung und die Schädigung, die dieses Verhalten dem Ansehen eines in öffentlicher Hand befindlichen Betriebes brin- gen mußte, in Verbindung mit der Tatsache, daß Deter und Krüger gegen die Bestimmungen des Betriebsrätegesetzes in der gröblichsten Weise verstoßen hatten, haben zu ihrer Entlassung geführt. Die„Rote Fahne" und ihr Anhang werden nun Zeter und Mordio schreien. Alle organisierten Arbeiter werden das Vor- gehen gegen Deter verstehen, denn Deter hat sich durch sein Ver- halten außerhalb der Reihen der organisierten Arbeiterschaft gestellt. VI2 Lahre Gefängnis für Trohki. Oer Angeklaqte bleibt in Hast. Im Prozeß gegen den Fabrikanten Trotzki wegen des schweren Cxplosionsungiücks, das sich im Dezember vorigen Jahres in der Schönlein st raße ereignete und der dem vier Arbeite- rinnen getötet, 29 ander« zum Teil schwer verletzt wurden, wurde am Mittwoch nachmittag der Angeklagte Trohkl wegen fahrlässiger vrandstiftung mit Todexersolg, sahrläsiiger Tötung und fahrlässiger Sörperverlehung, sowie Außerachtlassung der Gewerbe- betriebsbestimmungen zu einer Gefängnisstrafe von i'A Zahreri und Tragung der kosten des Verfahrens verurteilt. Ein Monat und zehn Tage gelten als durch die Untersuchungshaft verbüßt, außer- dem wurde die Fortdauer der Untersuchungshaft abordnet. In der Begründung wies der Vorsitzend« darauf hin, daß es als eine geradezu unglaubliche Fahrlässigkeit an- gesehen werden müsse, daß der Angeklagt« es zugelassen habe, daß in unmittelbarer Nähe der gefährlichen Arbeitsstelle drei Säcke mit Zelluloidabfällen wochenlang aufbewahrt wurden. Weiter falle ihm auch zur Last, daß er den zweiten Ausgang durch seinen Privotraum »erschlossen gehalten habe. Das Llrieil im Matierhorn-prozeß. Sechs Monate Gefängnis für den Zeichenlehrer W. Dehn. Vor dem Schössengericht Moabit stand am Mittwoch der ZZjährige hilsszeichenlehrer Walter vehn und neben ihm der ZZjährige Sportlehrer Eichler. Sie hatten sich wegen fahrlässiger Tötung zu verantworten. Der Prozeß war groß ausgezogen: über ein Dutzend Zeugen und nicht weniger als vier Sachverständige waren aufgeboten worden. Es handelte sich darum, daß Behn feit Jahren Jugend- Wanderungen in die Alpen veranstaltete und dabei im Sommer 1928 von Zermatt aus mit drei Begleitern das Matterhorn bestiegen hatte, von denen einer, der Schüler Baartz, nicht wieder zurückkam. Die Sachverständigen waren sich darin einig, daß B-Hn weder persönlich die nötigen Kennt» nissc mitbringt für eine so schwierige Hochtour noch in diesem speziellen Fall die notwendige Sorgfalt angewendet hat. Nachdem er mit Eichler und zwei Schülern 12 Stunden lang unterwegs ge- wefen war und fast den Gipfel des Matterhorns erreicht hatte, zog plötzlich«in Gewitter auf und nötigt« die Expedition zum Umkehren. Bevor sie an der Schutzhütte eintrafen, ließ Behn feine drei Bs- gleiter allein zurück, um den Weg nach der Hütte ausfindig zu machen. Inzwischen waren zwei von seinen Begleitern eingetroffen und fragten ihn nach dem Verbleib des Schülers Baartz. Offenbar hatte sich also Baartz, der unverantwortlicherweise nicht mit an- gese'lt war, von seinen Gefährten getrennt und war im Nebel ab- gestürzt. Sein« Leiche ist bis auf den heutigen Tag nicht g e- f u n d e n worden. Alle geübten Alpinisten, die in der Sache ver- nommen worden sind, nahmen entschieden Stellung gegen die dilettantische Art, in der neuerdings versucht wird, Hoch- touren auszuführen. Der Angeklagte Behn wurde wegen fahrlässiger Tötung zu 6 Monaten Gefän-mi? und zur Zahlunn der kosten des Versah�enz» vermleill: es wurde ihm jedoch eine Bewährungsfrist von drei Jahren zugebilligt. Der Angeklagte Eichler wurde aus Kosten der Staatskasse freigesprochen. Italienischer Gesandtschaflsbeamter erschossen. Der Kanzler der italienischen Gelandtschaft in Luxemburg ist von einem italienischen Schuhmacher Gino durch einen Revolverschuß getötet worden. Gino wolll« von der italienischen Gesandtschaft die Erlaubnis zur Rückkehr erhallen, die man ihm verweigerte. Glatter Verlauf Die Veranstaltungen Die Parteivcranstaltungen in�Zgroßen SälenBerlins waren durchweg ausgezeichnet besucht. In einzelnen Sälen mußten die Veranstaltungen wegen Uebersüllung polizeilich gesperrt werden. Bei anderen Veranstaltungen muhten Nachbarsäl« zur Unterbringung der tausende Besucher zugezogen werden. In den Nachmittags- stunden begannen die Veranstaltungen mit einem ausgedehnten Konzertteil. Die Turner, die Kinderfreunöe und Arbeiterjugend zeigten ihr Können, die Sänger unterhielten mit Volks- und Kampf- liedern. Jni überfüllten Clou sprach vor den Mitgliedern des Kreises Mitte Reicheinnenminister Karl S e v e r> n g, dessen Worte minutenlangen Beifall auslösten. Der Kreis Tiergarten führte feine Veranstaltung im Moabiter Schützenhaus durch, wo Mathilde Wurm einen Appell an die Männer und Frauen richtete, alle Kräfte anzuspannen, daß endlich unsere Forderungen des 1. Mai erfüllt werden. Der Parteioorsitzende Otto Wels sprach auf der Veranstaltung der Kreise Prenzlauer Berg und Fried- r i ch s h a i n, die auch so überfüllt waren, daß mehrere Nachbar- säle hinzugezogen werden mußten. Otto Wels mußte bei der über- füllten Veranstaltung durch ein Mikrophon sprechen, minutenlanger Beifall dankte ihm für seine temperamentvollen vom Kampfgeist durchdrungenen Ausführungen. Im Orpheum in der Hafenhcide sprach Erich K u t t n e r vor den Mitgliedern des Kreises Kreuzberg und im Potzenhoser Ausschank in der Chausseestraße Artur C r i s p i e n vor dem Kreis Wedding. Die Charlottenburger Parteimitglieder hatten ihre Veranstaltung wie immer auf den „Spandauer Berg" verlegt, wo Studiendirektor Kawerau die Ansprache hielt. Die Spandauer waren in den Gartenlokalen Stadtpark und Karlslust. Im Viktoriagarten in Wilmers- dorf feierten die Mitglieder des Kreises Wilmersdorf den 1. Mai mit einer Bannerweihe. Die Ansprache hatte hier Pastor Franke übernommen. Zu einer gemeinsamen Feier vereinigten sich die 74. Abteilung Zehlendorf und die 76. Abteilung Dahlem in Schillings Festsälen in Dahlem-Dorf. Bereits in den frühen Nachmittags- stunden begann der Saal sich zu füllen und als der Redner Genosse Heinrich Lössler die Tribüne betrat, konnte er zu einer zahl- reichen Zuhörerschaft sprechen. Es ist, so begann er, ein erhebendes Gefühl, zu wissen, daß sich an einem einzigen Tag, dem 1. Mai, Millioixen Menschen aus den verschiedensten Ländern der Erde vereinigen, um einem hohen Ziel zu huldigen, das diesen vielen Millionen gemeinsam ist. Nach einem kurzen geschicht- lichcn Rückblick ging Genosse Löffler aus die Ereignisse der letzten Wochen ein und gab der Hoffnung Ausdruck, daß im n ä ch st e n Jahr am 1. Mai die Straße wieder für das demon- strierend« Volk frei sein werde. In diesem Jahr konnte die Staatsgewalt nicht anders handeln, wie sie gehandelt hat, weil die Kommunisten dur.h ms nicht einsehen wollten, daß Gewalt in einem geordneten Staatswesen nicht geduldet wer- den kann.— Umrahmt wurde die Festrede von Kamps- und Frei- heitsliedern des D o l k's ch o r s Zehlendorf, des Sprechchors der SAJ. ZehlendorfundderFreienTurn-undSport- verernigung Zehlendorf. Der große Saal der N e u e n W e l t war schon nachmittags voll besetzt, gort trafen sich die Neuköllner Parteimitglieder. Di« Kreise Treptow und Baumfchulenweg führten ihre gemeinsame Feier im Alten Eierhäuschen aus, zu ihnen sprach Dr. K u r t L ö w e n st e i n. Im Strandschloß Tegel versammelten sich die Mitglieder der SPD., Abteilung 129, Bezirk Tegel. Im übervollen Saal fröhliche Menschen bei Musik, Gesang und sportlichen Darbietungen! Der Gesangverein„Polyhymnia", die Arbeiterjugend und die Kinder- freunde bestritten das hübsche Festprogramm Zum Auftakt sprach Der l.Mai Lteberall wuchiige sozialde< Wahiauftakt in England. London, Z. Mai.(Eigenbericht.) Die Londoner Mailagsdemonstrallonen der Arbeiterpartei waren aus eine Rieseaversammlung Im Norden der Stadt beschränk», in der der Führer der Arbeiterpartei Ramsay Macdonald sprach. Cr erklärte, daß die Arbeiterpartei eine stabile Mehrheitsregierung zu bilden wünsche und warnte vor der Stimmenabgabe sür die Liberalen, durch die eine klare Mehrheitsb.ldung verhindert werden würde. Macdonald berichtete serner von der Begeisterung, die er in den letzten Wochen in allen Teilen des Landes beobachtet habe und stellte fest, daß er überall unter den Anhängern der Arbeiterpartei die Entschlossenheit gesunden hätte, Liberale und Kon- s e r v a t l v e in den kommenden Wahlen zu schlagen. Die Kommunisten und ihre Anhänger hielten wie üblich im hydcpark ihre Maidemonstration ab, die abgesehen von einem kleinen Zwischensall, friedlich verlies. Z�iesenaufmarsch in Wien. Wien, 2. Mai.(Eigenbericht.) Die Malfeier der Wiener Sozialdemokratie wurde am Dienstag abend durch«inen großen Fackelzug der jugcnd- liehen Parteimitglieder«ingeleitet. Am Mittwoch zogen die Masten zum Rathaus, wo Musikoorträge der Arbeitersängcr statt- fanden. Der Ausmarsch dauerte SA Stunden. Masscnverhaftunien in Paris. Paris, 2. Mai.(Eigenbericht.) Bis zum Mittag stieg die Zahl der Verhaftungen auf an- nähernd 3 00 0. Unter den Festgenomnienen befinden sich der kam- munistifche Abg. D o r i o t. ferner eine Anzahl von Stadträten, kommunistische Bürgermeister von Pariser Vorortgemeinden und andere Spitzen der Kommunistifchen Partei und Gewerkschaft. De- sonders eifrig fahndete die Polizei nach Agenten der Koimnunistifchen Partei und Zeitungsträgern, die die am Mittwoch„Der 1. Mai" betitelte Ausgabe der„Humanitö" verkaufen wollten. 500 kommunistische Arbeiter, die bei ihrer Gewerkschaft ihre Mitgliedskorten abstempeln lassen wollten, wurden aus der Stelle abgeführt. Endlich wurden, wie der Gefechtsbericht der Präfektur meldet etwa 100 Ausländer sowie Personen, die unerlaubt« Waffen trugen und andere verdächtige Individuen ins Gefängnis geführt. Die Pariser Droschkenchausseure hotten soft völlig den Dienst eingestellt, während Untergrundbahn. Autobusse und Elektrische wie an normalen Tagen verkehrten. Nur 6 Proz. der im der Abendfeiern. »er Goziawemokratie. Dr. Käthe Frankenthal ein ernstes Wort über die Bedeutung des Tages.„Auf dem Boden freier Weltanschauung aber wollen wir freie Menschen werden, abschütteln die Fron kapitalistischer Aus- beutung und niederringen ein für allemal das Gespenst Krieg, unter dessen gräßlichen Folgen wir schwer zu leiden haben. Heute, nach dem letzten Kriege, stehen 1 Million Soldaten mehr unter den Fahnen wie vorher, 9 Millionen Mark wurden für die Lustflotte und insgesamt 15 Milliarden Mark für Kriegsausrüstungsmaterial ver- ausgabt, Ziffern, deren Höhe jedem Sozialisten zu denken geben müssen. Die tiefempfundenen und wohldurchdachten Worte der Sprecherin und ihre Darlegungen unserer wirtschaftlichen und politischen Lage fanden stärksten Widerhall bei den Versammelten. Auf der sehr gut besuchten Maifeier des 17. Kreises, Lichtenberg, hielt im Restaurant Schonert die Genossin Kern ein« begeisterte Rede. Unter dem Motto„Wahret die Flamme" betonte sie die hohen Ziele des Sozialismus. Der Schluß klang aus in der Hoffnung, daß es in einem Jahr nicht wieder nötig fein werde, ein D e m o nst ra t l o n s v« r b o t zu erlösten. Künstlerische Vorträge des bekannten„Eberi-Manz- Quartetts" und Darbietung«» der Jungsozialisten und Freien Turner erfreuten die Besucher. Die Maifeier der Abteilungen Adlershos, Johannis- thal und Niederschöneweide fand im großen Saal des „Kyffhäuser" in Niederschöneweid« statt. Die Rede des Genosten O r l o p p ging zurück auf die Entstehung des Maiseiergedankens und zeichnet« die Ziele, die mit der Maifeier verbunden sein sollten. Der Redner gab gleichzeitig einen Ueberblick über das, was in 40jähriger Arbeit bisher verwirklicht worden ist und schloß mit einem zündenden Appell, weiterzuarbeiten und nicht zu rasten. Die I.-Mai-Feier der Abteilung Nicderschönhausen im Restaurant Sanssouci verlief sehr harmonisch. Gesänge des Männer- chors listeten die Feier ein. Es folgte ein eindrucksvoller Sprechchor. Besondern Beifall ernteten die Kinderfreunde. Auf die Bedeutung des I. Mal für das internationale Proletariat wies Genosse K ü n st l e r zusammenfassend hin. Der 1. Mai hat unfern Vor- kämpfern stets Impuls für neuen Kampf gegeben. Er stand schon früher unter dem Motto:„Für die Abrüstung gegen den Krieg". Nur eine geschlostcne Arbeiterbewegung wird aber die Verwirklichung dieser Ziele bringen. Die III. Wteilung der SPD., Bohnsdorf, vereinigt« ihre Maifeier mit einer Baunerweihe und der Ehrung von 64 Jubilaren. Meist Ehepaare, alles noch rüstige, frische Gestalten, die ihr Leben dem Dienste der Partei gewidmet haben und mit ihr durch dick und dünn gegangen sind! Mit den Worten,„Das Bonner muß stehen, wenn der Mann auch fällt", wurde die von den Genossinnen ge- stiftete rotseidene Fahne enthüllt. Bürgermeister Genosse Kohl beleuchtete in seiner Festrede besonders unser Verhältnis zur schwarz- rotgc>lden«n und roten Fahne. Genoste Reichstagsabgeordneter Dr. Julius Moses hielt bei der Malfeier in Friedrichehagen die Festrede. Er würdigte die geschichtliche Bedeutung der sozialistischen Maikundgebungen als Kampfdemonstration für die zwei grundlegenden Ziele der Arbester. bewcgung: Die Durchsetzung der M e n s ch e n ö k o n o ni i e an Stelle der reinen Warenökonomie in der Wirtschaftsordnung und die Abschaffung des Krieges/ die Aufrichtung des V ö l k e r f r i e d e n s. Auch in den and«r«n Stadtbezirken waren die Abendveranstal-' tungen sehr gut besucht. Selbst in Buch, Carow, überall war die Beteiligung außerordentlich stark, zu Zwischenfällen ist es nirgends gekommen. Leider sind wir nicht m der Lage, über alle VeranstalstiiMje» zu berichten. im Ausland. Pariser Erkennungsdienst angestellten Arbeiter und Angestellten feierten. Der stärkste Prozentsatz an Feiernden war wie alljährlich in der Bauindustrie und der Metallindustrie zu verzeichnen Größere Arbeitseinstellungen werden noch von der Nahrungsmittel- brauche sowie den Zeitungsdruckereien, der Bekleiidungsindustii«, der Möbelindustrie, den Elektrizitäts- und Gaswerken bcrichnt Die Arbeiter der staatlichen Tabakmanufotlur haben behördlicherseits das ausdrückliche Recht, am 1. Mai feiern zu dürfen. In der Provinz verliefen sämtliche Veranstaltungen, nach den bisher vorliegende» Berichten, richig. In Marseille erfolgte die Grundsteinlegung einer Arbeiterbörse durch den soziaiiltilchen Bürgermeister FlaiMres. In Carmaux präsidiert« Paul Bon- cour einem traditionellen Bankett der Hütten- und Glasarbeit'?, das früher Iaurös zu präsidieren pflegte. Generalprobe für die belgischen Wahlen. Brüstet, 2. Mal.(Eigenbericht.) Die Maifeier gestastete sich in ganz Belgien zu einer Generalprobe sür die am 26. Mai bevor st ehenden Wahlen. An dem in Brüssel veranstalteten Umzug beteiligten sich über 30 000 Personen mit Banderoelde an der Spitze. Gewaltige Menscheninassen standen zu beiden Selten Spalier und gaben ihrer Sympathie für die Partei und ihren Führer lebhaft Ausdruck. In seiner Festrede forderte Vandcrveld« u. a. die Räumung des Rheinland« s. Der Umzug der Kommunisten wies eine außerordentlich klägliche Beteiligung auf. Unter ihren Demonstranten befanden sich zahlreiche russisch« Bolschewisten. Tote in Kotyno. Riga, 2. Mai.(Eigenbericht.) In Kowno. wo zahlreich« Arbester anläßlich des 1. Mai zu demonstrieren versuchten, kam es zu blutigen Zusammen- st ö ß e n. Die Regierung stellte den Demonstranten stark bewaff- nete Polizei entgegen. Es kam zu Schießereien, in deren Verlauf mehrer« Todesopfer und viele Verwundete zu verzeichnen waren. Die Maifeier in Riga verlief unter außerordentlich starker Beteiligung der Arbeiterschaft vollkommen ruhig. Don der angekündigten komnmnistischen Gegendemonstration war kaum etwas zu verspüren. Zwei zu verzeichnend« Störungsversuch» konnten schon in ihrem Keime erstickt werden. Die Maifeier der estnischen Sozioldenwkratie in Revo' nahm einen imposanten Verlauf. �(fafchäfis-Jtnstiger (Bezirk Jtorden- Cften. Hermann Lorenz Invalidenstraße 161|7. Kaffee:: Tee:: Kakao Eigene Rötierel seil 1870 KM 8 MW Eisenwar eohandlung Berlin-«eißensee Berliner Allee 20|B.23 Rudolf GecketGo. Tischlerei iR 12 Bln.-FriedrichshageD. Seeslnfie 127 Tclechon: Friedriehshagen 19 Gemeinnützige Druckerei Daab Berlin SO 16, Adalberhtrafjc 65 Tel.: F7,Jannowitr6281,Qewerkschaftshaus �aiSiltislChetT,1'"FlufibIätter' �«sramme. Ver oOZIallavlaVrllCo» M« A rm»•»»», Unternehmen einsdrucksachen, ZeiischrifieD Daebpappen-Verkaufete. zu billigsten Fabrikpreisen Theodor Seidel Dachdeckermeister. 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