G BERLIN Sonnabend 18. Mi 1929 10 Pf. Nr. 229 B114 46. Jahrgang. erfcheivt täglich avßerEonntag«. Zugleich Abendausgabe de«.Vorwärts'. Dejugsprei» beide Au«gaben SS Pf. pro Woche, S,6o M. pro Monat. Redaktion und Expedition; Berlin SW es, Lindenstr. s „tärtoasfa i «zeigenpreitiDic einspaltige Nolipareillejeile SO Pf.. Reklamejeile ö M. Ermäßigungen nach Tarif. ostscheckkonto: Dorwürts-Verlag G. m. b. H., Berlin Nr. 87536. Fernsprecher: Dönhoff 292 bis 297 Zeppelins Ltnalucksfahrt. Rettung aus schwerer Gefahr.— Eindrücke der Passagiere. Der Relchsverkehrsmiulster Siegerwald richtete an den französischen Mini st er für Luslsahrt. Lau- r a n t, folgendes Telegramm: „Eon den umsichtigen und energischen Mahnahmen, welche die französische Regierung zur Hilfeleistung für da» Luftschiss„Graf Zeppelin", aus dessen Ersuchen in Frankreich in weileslem Umfang getroffen hat, Hobe ich mit großer Genugtuung Kenntnis genommen. Die glückliche Durchführung der Landung in Toulon ist diesen erfolg- reichen Bemühungen zuzuschreiben. Rehmen Sie. Herr Minister. meinen aufrichtigen Dank für Ihre so grohzügige und tatkräftige Hilfeleistung entgegen." Hoesch bei Berthelot. Der deutsche Botschafter in Paris, v. h o e s ch, hat heute vormittag in Abwesenheit des Außenministers Briand zunächst dem Generalsekretär des Außenministeriums, Philippe B e r t h e l o t, und hierauf dem Luftfahrtminister Laurent-Eynac den Dank der deutschen Regierung für die tatkräftige Hilfeleistung bei der Landung des„Zeppelin" in Cuers-Pierrefeu ausgesprochen. Der Luftfahrtminister teilte mit, daß er Instruktion gegeben Hobe, damit jede mögliche h i l f e l e i st u n g für die notwendigen Ausbesserungen, wenn sie an Ort und Stelle vorgenommen werden sollten, gegeben werde. Die letzten Stunden im Schiff. Räch einem Telegramm des Zeppelin-Passagiers von Kryha an„Associated Preß" haben sich in den kritischen Stunden der Fahrt die ersten Anzeichen einer Störung in der Maschinen- anlöge ungefähr nach dem verlassender französischen Küste gezeigt. Zn der Rühe von Valencia erwies es sich, daß die Hoffnung, den Schaden mit Vordmitleln beheben zu können, nicht in Erfüllung gehen würde, und Dr. Eckener sah sich veranlaßt, die Passagiere zu befragen, ob sie für einen versuch, die Fahr» sorlzusehen oder für die Rückkehr stimmten. Die Mehrzahl entschied sich für die Rückkehr. Dr. Eckener bezeichnete als einzigen Ausweg, die langsame Rückkehr rhoneauswärts. Bei dieser Fahr», während der nur noch ein Motor in Betrieb war, sah sich die Fahrtleitung schließlich gezwungen, das Luftschiff treiben zu lassen, bis man eine stillere Luftzone erreicht Halle. Dies erfolgte, nachdem Marignane passiert war. Die Passagiere legten keine übermäßige Besorgnis an den Tag. Die Stimmung an Bord war durchaus gut, zumal da man in die Führung Dr. Eckener» volles vertrauen sehte. Die warmen Mahlzeiten mußten allerdings infolge der Lahmlegung der Maschinenanlage unterbleiben. Angesichts des starken Windes und der Tatsache, daß nur noch ein Motor dienstfähig geblieben war, stellte es sich schließlich heraus, daß auch die geplante direkte Rückfahrt nach Friedrichshafen sich nicht als durchführbar erweisen würde. Trohdem Herrschte unter den Passagieren kein Zweifel daran, daß Dr. Eckener auch bei einer improvisierten Landung den Zeppelin sicher auf den Boden bringen würde. Räch der Landung mochten die meisten Passagiere von den Automobilen, die die Flughasenleitung in zuvorkommendster Weise zur Verfügung gestellt halte. Gebrauch, um sich direkt nach Toulon ins Hotel zu begeben, während Dr. Eckener mit den übrigen Mitgliedern der Fahrtleitung und einem Teil der Mannschaft zunächst noch aus dem Flugplatz zurückblieb. Die Hilfeleistung durch die französischen Behörden. Pari», 18. Mai. Ueber die letzten Fahrtstunden des„Graf Zeppelin" und seine glückliche Bergung auf französischem Boden werden noch folgende Einzelheiten bekannt: " bald die französische Regierung von den Gefahren Kenntnis erhielt, die dem Zeppelin drohten, wurde von den zuständigen Be- Hörden alles unternommen, um eine Katastrophe zu vermeiden. Der Luftfahrtminister entsandte Weisun- gen in die Provinz, dem Schiff, wo es auch fei. jede Hilfe an- gedeihen zu lassen. Bald nach dem sunken'elegraphischen Hilfeangebot des Lustfahrtministeriums und. der Mitteilung Dr, Eckeners, daß er bei Cuers niederzugehen versuche, änderte sich, wie durch ein Wunder mit einem Schlage die Lage an Bord des Luft- fchiffes.„Graf Zeppelin" schien die letzte Flugstrecke nach dem Hafen mühelos zurückzulegen und das Luftschiff erweckte den An- schein, selbst den härtesten Stürmen trotzen zu können. Nachdem Dr. Eckener gegen 18 Uhr vergeblich oersucht hatte, im Flughafen- Zentrum von Marignane niederzugehen, schlug er die Richtung nach der Marineflughafen-Station Cuers ein. Der Richtungswechsel wurde sofort dem Oberkommandierenden des 5. Flottenbezirks mitgeteilt, der Weisungen gab, mit allen nötigen Vorsichtsmaßnahmen das Niedergehen des Luftschiffes und sein Einbringen in die Halle zu sichern. Der Unterpräfekt von Toulon Matioa begab sich im Auftrage des Innenministers nach Cuers. Um 20 Uhr überflog „Graf Zeppelin" den letztgenannten Ort und wurde nach mehreren Manövern, die von dem Kommandanten des Flughafens, Korvetten- kapitäns hamon geleitet wurden, in die Halle gebracht. Die L a n- d u n g ging bei prachtvollem ruhigen Wetter nicht nur ohne Zwischenfall, sondern auch mit außervrdent- licher Schnelligkeit vonstatten. Sobald die Präfektur von Toulon die Funksprüche des„Graf Zeppelin" erhalten hatte, wurden alle Maßnahmen ergriffen, um das Luftschiff nach Cuers zu leiten. Drei Wasserflugzeuge flogen dem Zeppelin entgegen, um ihm die letzte Flugstrecke zu erleichtern. Die Flotten- und Militärbehörden hatten auf Lastkraftwagen 60 französische Soldaten und 128 Senegalschützen nach dem Landungsplatz befördert. Der Kommandant des 3. Alpen-Jnfanterieregiments entsandte von hyerers 3 0 0 M a n n. Die Flottenflugbasis von Palyveftre sandte auf vier Kraftwagen Marine zur Hilfe- l e i st u n g. Der Marinepräfekt traf im Laufe des Abends in Cuers ein, um dem Landungsmanöver beizuwohnen. Einwohner halfen bei der Landung mit. Das Luftschiff ging dann, den Flug- platz umkreisend, langsam nieder. Da ruhiges Wetter herrschte, konnten di« Landungsmannschaften die Falleinen sofort fassen und das Luftschiff vertäuen. Die Ltrsache des Ltnglücks. Die Kurbelwellenbrüche— ein technisches Bätsel? Die Kurbelwellenbrüche gleichzeitig bei zwei Motoren werden in Friedrichshasen von Fachkreisen als t e ch- nisches Rätsel bezeichnet. Es mühten vollkommen unbekannte Einwirkungen vorgelegen haben; denn weder von einer übermäßigen Beanspruchung aus der Fahrt, noch von einem Konstruttionssehler könne hier die Rede sein. Es müßten bei den jetzt ausgetretenen Störungen Vorgänge mitgewirkt haben. die für den Fachmann vorläufig ganz unerklärlich sind. Der Vertreter von haoas in Toulon forschte nach den Dujardin freigesprochen. Ein Todesurteil korrigiert. Um'A2 Uhr erschien das Schwurgericht wieder im Saal, und Landgerichtsdirektor Sary verkündete folgen- des Urteil: Tas Urteil vom 1. Januar 1919 wird aufgehoben. Der Angeklagte wird freigesprochen und die Kosten des Verfahrens werden, soweit sie Dujardin betreffen, der Staatskasse auferlegt. Bombenanschlag im Versorgungsami. Das Attentat mißlungen.— Oer Täter verhastet. Auf einen Cbersekretär im Versorgungsamt Oldenburg wurde heute vormittag ein Vom- benattentat versucht. Die Bombe ist jedoch nicht explodiert, weil die Zündschnur vorzeitig er- losch. Als Täter ist der Kriegsbeschädigte Rose ver- haftet worden, der auch bereits gestanden hat. Ss handelt sich um einen Racheakt. Die Untersuchung des Sprengkörpers hat ergeben, daß die Bombe, obwohl sie in ziemlich primitiver Art hergestellt war, doch, wenn sie explodiert wäre, großes Unheil hätte anrichten können. Sie bestand aus einem Stück Rohr, das mit Pulver und Stein- stücken vollgestopft war. Die daran befestigte Zündschnur wies eine schadhafte Stelle auf und ist infolgedessen, wie bereits berichtet, glücklicherweise erloschen. Der Täter, ein llbelbeleumdeter etwa sechzigjätzriger Händler Rose, der ohne festen Wohnsitz ist und sich bettelnd und handelnd auf den Märkten in Oldenburg und Ostfriesland herumtreibt, hat bei seiner Vernehmung angegeben, er habe lediglich die Absicht gehabt, den Obersekretär Meyer vom Versorgungsamt, den er für di« Nichterledigung seiner Anträge ver- antwortlich macht, zu erschrecken. Rose, der Kriegsbeschädigter ist und eine Rente be- zieht, hatte wiederholt beim Versorgungsamt unberechtigte Anträge auf Fürsorge gestellt. Es war ihm bekannt, daß derartige Gesuche von dem Obersekretär Meyer bearbeitet wurden. der außerordentlich ermüdet zu fein schien, habe nur aus- weichend geantwortet, dagegen habe ihm einer der Mechaniker erklärt: Als der erste Motor über Spanien aussetzte, ließ man die übrigen vier schneller laufen. Bald jedoch stellten sich Zeichen der Ueberbeanspruchung ein. In diesem Augen- blick wurde beschlossen, umzukehren. Rur ein einziger lUotor ist intakt geblieben. Am Nachmittag bei der Fahrt rhoneauswärts. kamen wir in einen sehr starken Wind hinein, der uns abtrieb, bis wir nach Passieren von Marignane eine st illere Luftzone erreichten. Ich muß aber betonen, daß wir niemals in ernst er Gefahr waren. Ursachen des Abbruchs der Amerikafahrt. Er berichtet: Dr. Eckener, Reparaturzeit etwa 8 Tage. Vier neue Motore auf dem Transport nach Toulon. Friedrichshafen, 18. Mai. Roch im Laufe des Freitag abend haben die Maybach- Werke vier neue Motore der Type V. L. 2 zum Versand nach Toulon fertig gemacht. Zuerst beabsichtigte man. diesen i)ilsstransport für den Zeppelin mittels Schnella st wagen nach dem französischen Flughafen in Marsch zu setzen. Bon diesem Plan ist man aber wieder abge- kommen, weil ein. Kraftwagentransport auf eine so lange Strecke doch ein gewisses Risiko �bedeutete. Die Motoren werden heute auf Eisenbahnwagen verladen und heute nachmittag in Lindau an den direkten Schnellzug nach Lyon angehängt, wo sie am morgigen Sonntagmittag ankommen und sofort nach Toulon weiterbefördert werden, so daß sie noch morgen nacht an Ort und Stelle sein dürften. Mi: diesem Transport weisen Direktor Dr. Dürr von der Lustschiffwerft, wahrscheinlich ein leitender Mann von den Maybach-Werken, sowie technisches hilfsversonal. An Bord des Luftschisfes befinden, sich bekanntlich 18 Monteure, die auch mit dem Auswechseln der Motors vertraut sind und die not- wendigen Arbeiten in der Luftschiffholle von Cuers bei Toulon vor- nehmen können. Freitag nachmittag, als der Zeppelin noch vor Marseille kreuzte, begab sich Legationsrat Dr. Clodius von der deutschen Botschaft in Paris in einer Lufthansa-Maschine zunächst nach Marseille und von dort mit der Bahn weiter nach Toulon, um die Interessen des „Graf Zeppelin" gegenüber den französischen Behörden wahrzunehmen. Das Flugzeug wurde von Flugkapitän Alb recht gesteuert, der durch seine beiden vorjährige» Sibirienflüge bstannt geworden ist und mit seinem gestrigen Fluge über Südfrankreich eine besonders anerkennenswerte Leistung vollbracht hat. Albrecht war. mit der planmäßigen Lufthansa-Maschine von Berlin kommend, um 18.10 Uhr in Paris gelandet, flog dann trotz Anbruch der Dunkelheit mit Legationsrat Dr. Clodius und dem Sohn des Luft- Hansadirektors W r o n f k y sofort weiter nach Marseille auf einer ihm gänzlich unbekannten und für den Nachtflugverkehr nicht vor- bereiteten Strecke, um dann gegen Mitternacht bereits in Marseille zu landen. Auf diese Weise war es dem Vertreter der deutschen Botschaft möglich, wenige Stunden nach, der Landung des Luft- schiffe» in Taulon einzutreffen und sein« Tätigkeit zur Unter- stützung der Besatzung und der Passagier« aufzunehmen. Das Echo in der Wettpresse. Sympathische Würdigung aus Paris. Paris, 18. Mai. Die Kommentare der Morgenblätter zu der Notlandung des „Graf Zeppelin" sind van einer ruhigen Sachlichkeit, die nach den unliebsamen, durch die angeblichen Aeußerungen Dr. Eckeners und die Auslassungen der Presse vor dem Start des Luftschiffes hervorgerufenen Zwischenfalle doppelt angenehm berührt und anerkannt werden muß. Es verdient festgestellt zu werden, daß von Schadenfreude über den Mißerfolg des Fluges nicht der�geringste Niederschlag in der Presse zu finden ist. Mit Freude wird den Erklärungen Dr. Eckeners über das I ch n e i d i ge Verhalten der Landungsmannschaftcn in Cuers- Pierrefeu, sowie über die herzliche Aufnahme durch die Franzosen Raum gegeben. Die französische Regierung, so schreibt der„Exzelsior"; habe durch eine elegante G e st e auf die An schuldigung Dr. Eckeners geantwortet. «.Eckener hatte Mut und Pech." London, 18. Mai. Das Jnteresie, mit dem die gesamte englische Oeffentlichkeit den unglücklichen Flug des„Graf Zeppelin" verfolgt, kommt erneut in ausführlichen Presseberichten zum Ausdruck.„Daily Tele- graph" jagt, ein jeder werde das Pech Dr. Eckeners bedauern und Die Lehren von Cleveland. Sind die Kranken in Oeuischland geschützt? Das schreckliche Cxplosionsunglück in Cleveland in Ohio soll nach den letzten Meldungen nicht weniger als 160 Todesopfer gefordert haben, nicht eingerechnet die Un glücklichen, die schwere Schädigungen an ihrer Gesundheit davon- getragen haben. Das Trogische an der Katastrophe ist, daß sie sich in einer öffentlichen Krankenanstalt abspielte. Man sollte annehmen, daß gerade in einem solchen Institut alle Maß- nahmen getroffen werden, um Gefahrenquellen für die Patienten auszuschalten. Daß dem nicht so war, macht die Schuld der ver- antwortlichen Faktoren um so furchtbarer. Man pflegt sich bei solchen Gelegenhesten bei uns damit zu trösten, daß ein solches Unglück in Deutschland„unmöglich" sei. Gewöhnlich laufen die B e r u h i g u n g s v« r s u ch e auf die Fest- stellung hinaus, daß hier die Verhältnisse ganz anders liegen, daß eine solche haarsträubend« Nachlässigkeit, wie sie sich bei Katastrophen im Ausland zutragen, beim hohen Stand der deutschen Wissenschaft völlig ausgeschlossen ist, und daß im übrigen ein« genaue Nach. kontrolle erfolgen werde. Damit ist die Sache erledigt. Nun scheint es uns ober die Hauptsache zu sein, aus so schrecklichen Erfahrungen, wie sie in Ohio gemacht wurden, zu lernen und unnachsichtlich Abhilf« zu schaffen, statt sich damit zu trösten, daß„wir viel weiter sind". Und gerade das Unglück in Cleoeland muß uns Gelegenheit geben, einige ernste Worte zu sprechen, ehe es einmal auch bei uns zu spät wird. Die Ursache der amerikanischen Katastrophe war der bodenlose Leichtsinn, mit dem man im Labora- torium des Clevelander Krankenhauses mit Filmen, die zu Röntgenausnahmen verwendet wurden, umging. Ungeschützt wurden die Filme aufbewahrt, ungeschützt wurde mit ihnen manipu- liert. Sie gerieten in Brand und entwickelten jenes ungeheuer g«- f ä h r l i ch e s Gas, das mit verheerender Schnelligkeit alle Räume des Krankenhauses durchdrang und mit Blitzesschnelle Tod und Ver- derben unter Patienten, Aerzten und Angestellten verbreitete. Die Wirkungen dieses Gases lassen sich nur mit den Wirkungen der schreck- lichen Giftgase vergleichen, die von einer verbrecherischen Kriegführung im Weltkrieg angewendet wurden. Entsetzlich lesen sich die Schilde- rungen in der Tagespresse über die Folgen der Gasentwicklung. Rettungslos starben die Menschen, stundenlang später mußt« die Wissenschaft ohnmächtig zusehen, wie auch die aus dem Gebäude Geretteten dem grauenhaftesten aller Gastode verfielen. Und die Lehre für uns? Sind in den deutschen Krankenanstalten tatsächlich alle vor- sichtsmahnahmen getrosfen, um solchen Katastrophen vorzubeugen? Wir sagen: Nein! Auch in Deutschland ist dank der Nachlässigkeit mancher Krankenhaus- leitungen das Hantieren mit Filmen in den Röntgenloboratorien ohne Schutzmaßnahmen für die Krankenhausinsassen gang und gäbe. Das wird uns jeder bestätigen, der Einblick in die Praxis von Krankenhäusern genommen hat. Und wenn man einen schlüssigen Beweis braucht, so sind wir in der Lag«, ihn sofort zu erbringen. Am 26. Zanuar diese» Jahre« richtete der Reichsminister de« Innern ein Rundschreiben an die Landesregierungen betresfend „Feuersgesahr durch Röntgensilme in Krankenanstalten". In diesem Rundschreiben, das zufälligerweise nicht lange vor der Katastrophe in Ohio ergangen ist, wird darauf hingewiesen, daß ein zur Kenntnis des Reichsgesundheitsamtes gelangter Fall von fahrlässigem Umgehen mit Feuer in Räumen, die zur Aufbewahrung der in Immer steigendem Maß« gebrauchten, sehr feuergefährlichen Zelluloidfilme für Röntgenaufnahmen dienten, diesem Veranlassung gegeben habe, zu prüfen, ob durch Aufbewah- rung von Röntgenfilmen für die Krankenanstalten und deren Insassen eine Gefahrenquelle geschaffen wird. Das Rundschreiben sagt wörtlich: „Es hat sich hierbei ergeben, daß inderTatderleichten Entflammbarkeit der Zelluloidfilme recht häufig nicht die gebotene Beachtung geschenkt wird, sa, daß sogar viele Arzte über die Feuergefährlichkeit dieses Materials nur unzureichend unterrichtet sind. Auch die Chemisch-Technische Reichs- anstalt, mit der das Reichsgesundheitsamt neben anderen Behörden und industriellen Unternehmungen dieferhalb in Verbindung ge- treten ist, hat die vom Reichsgesundheitsamt angebrachten Bc- denken als berechtigt anerkannt." Wenn auch, fährt das Rundschreiben fort, ernster« Unglücks- fälle bisher noch nicht bekannt geworden find, so hält es das Reichsinnenministerium im Einvernehmen mit dem Reichs- gesundheitsamt für angezeigt, auf dies« Gefahrenquelle aufmerksam zu machen und bestimmte Richtlinien zur Verhütung von Un- glücksfällen an die in Betracht kommenden Stellen anzuregen. Eine solche Anregung scheint dem Ministerium um so mehr geboten, als in den Ländern kein« gewerbepolizeilichen oder sonstigen Vorschriften bestehen, die die in Krankenhäusern befindlichen, zwar verhältnismäßig wenig umfangreichen, aber gerade dort sehr gefährlichen Filmlager umfassen. Das Ministerium übermittelt gleichzeitig den Ländern eine vom Reichsgesundheitsamt hergestellte Denkschrift über die Ge- fahren der Röntgenfilme mit Vorschlägen für deren Verhütung„mit dem Anheimstellen der gefälligen weiteren Veranlassung". Die beigelegte Denkschrift enthält in der Tat sehr gute und zweck- mäßige Ratschläge, um das Manipulieren mit Röntgenfilmen gefahr- los zu machen. Aber ist damit genug geschehen? Die Katastrophe in Ohio beweist, wie begründet der Schritt des Reichsinnenministeriums gewesen ist. Aus dem Rundschreiben geht hervor, daß tatsächlich mit grenzenlosem Leichtsinn ouclz in Deutschland manipuliert wird. Ist es nicht ein Skandal, daß die Filmlager in Krankenhäusern keiner behördlichen Kontrolle unterstehen? Für ein normales Gehirn ist es unfaßbar, daß die Vorschriften, die den Schutz der Lichtspieltheater, der Filmproduktion und sonstiger feuergefährlicher Betriebe zum Zwecke haben, sich nicht auf Krankenanstalten beziehen, in denen doch ebenfalls Hunderte von Menschen den gleichen Gefahren aus- gesetzt sind, ganz abgesehen davon, daß hier Nichtfachleute mit Filmen manipulieren. Will man warten, bis auch in Deutsch- land den verantwortlichen Faktoren ein« furchtbar« Lehre zuteil wird? Wir glauben nicht, daß es mit Anregungen an die LSnd-".' getan ist. Di« Oeffentlichkeit hat ein Recht darauf, zu erfahren, w i e die Länder auf die Anregung des Reichsinnenministers und des Gesundheitsamtes reagiert haben. Die Oeffentlichkeit hat einen Anspruch darauf, zu erfahren, ob die notwendigen Maßnahmen, die in der Denkschrift des Reichsgesundheitsamtes empfohlen wurden, sofort durchgeführt worden sind, besonders aber, ob«ine strenge Kontrolle der Filmhandhabung in den Sronkenanstolien durch die vorgesetzten Länderinstanzen endlich eingeführt wird! Am wichtigsten scheint es uns, daß die unverftöndlickv un' katastrophale Lücke in den gewerbepolizeilichen Vorschriften r<( Länder dahin abgeändert wird, daß auch die Kranken an- stalten den Bestimmungen unterstellt werden, die für die sonstigen feuergefährlichen Betriri'« gelten. Wir wollen hoffen, daß die preußische Regierung h er. wie in allen anderen Fällen, den übrigen Regierungen mit der Tat voran geht. Di« Krankenanstalten haben keinen Anspruch aus eine Sonderstellung. Das Vertrauen der Bevölkerung in die Krankenhäuser erfordert e», daß hier mit noch strengeren Maßstäben gemessen wird, als anderswo. Dazu kommt, daß die Insassen der Krantenan st alten eines besonderen Schutzes bedürfen, weil sie bei Gefahren infolge ihrer körpcr- lichen Hilflosigkeit in einer viel schwereren Situation sind, als beispielsweise die gesunden Besucher von Kinotheatern. Dr. J. Moses. sich über die Mckliche Landung in Frankreich freuen. Di« Ersah- rung habe jedoch wiederum gelehrt, daß Luftschiffe noch sehr von der Gnade der winde abhängig seien.— Im gleichen Sinne äußert sich der„Daily Expreß", indent er schreibt, Dr. Eckener habe mehr Erfahrung in der Leitung von Luftschiffen als irgendeine andere Persönlichkeit. Es sei daher unwahrscheinlich, daß er durch Mangel an Geschicklichkeit oder durch Mangel an Mut ein Luftschi'i i". Gefahr bringen könne. Kreude in New yorf. New gort, 18. Mai. Die glückliche Landung des„Graf Zeppelin" nach der Sturm- fahrt ist in New Dort und darüber hinaus in ganz Amerika mit großer Freude aufgenommen worden. Die Meldung wurde allenthalben durch Extrablätter verbreitet, nachdem die Zeitungen schon vorher das Publikum fortgesetzt durch Extraausgaben über den Sturmflug des deutschen Luftschiffes unterrichtet hatten. Gemeindearbeiterstreik. 9000 Streikende in Frankfurt a. M. Frankfurt a. M.. 18. Mai. Die Gemeinde- und Staalsarbeiker im Bereich des rheinisch- maiuischen Bezirksarbeitgeberverbandes haben gestern abend den Schiedsspruch, der eine Lohnerhöhung von Z Pf. pro Stunde vorsah, abgelehnt und sind heute früh in den Streik getreten. Bon den 12 000 städtischen Arbeiter« in Frankfurt streiken rund 75 JJroz. Die lebenswichtigen Betriebe werden bis seht noch nicht bestreikt. Da auch die Arbeiter an den städtischen Bühnen streiken, müssen voraussichtlich die heutigen Vorstellungen ans- fallen. Heute nachmittag wird zwischen den Parteien vor dem Schlichler in Darmstadt verhandelt, wobei voraussichtlich die V e r b i n d l l ch k e i t des Schiedsspruches erklärt werden wird. so daß am Dienstag die Arbeit wieder aufgenommen werden kann. Texiilarbeiier-Aussperrung in Schlesien Zum 25. Mai angedroht. Der Arbeitgcberoerband für die schlesische Textilindustrie kündigt« zum 30. April die Lohntärisverträge. Die Arbeitnehmer kündigten den Manteltarffoertrag zum 30. Juni. Während die Unternehmer Verschlechterungen beabsichtigten, forderten die Arbeiter Verbesserungen und vor allem, Erhöhung ihrer Löhne. VerHand- lungen am 30. April führten zu keinem Ergebnis. Die Unternehmer behaupteten, die schlesische Textilarbeiterschaft habe 70 und 80 Proz. Lohnerhöhung gefordert cknd es fei Wahnsinn, darüber überhaupt zu verhandeln. Gefordert war: Erhöhung des Facharbeiter- lohnes von 55,2 Pf. bzw. 56,3 Pf. pro Stunde auf 6 6 Pf.; Regelung der Atkordzufchläge, die heute zwischen 10 bis 20 Proz. liegen. Zur Sicherung ihrer Attordleistung verlangten die Arbeitnehmer den festen Satz von 30 Proz. Akkordzuschlag, außerdem«ine Sicherung gegen den Abbau der Akkordverdienste in Höhe von 30 Proz., d. h., die Akkordsätze der einzelnen Gruppen dürfen erst dann abgebaut werden, wenn die durch Fleiß und Geschicklichkeit erreichten Ueberverdienste mehr als 30 Proz. betragen. Die Unternehmer riefen den Schlichter an. Am 11. Mai wurde in Breslau vor dem Schlichter verhandelt, wiederum er- folglos. Die Kammer fällte einen»Schiedsspruch über den Manteltarif, der bis zum 31. Dezember 1930 mit einigen Aenderungen �verlängert wurde. Ein Lohnschiedsspruch ist nicht zustande gekommen. Die schlesischen Textilunternehn�er machten in der Presse wie durch Anschlag in den Betrieben bekannt, daß sie„zur Aussperrung gezwungen" seien, weil kein Lohnschiedsspruch zustande gekommen sei. Wollten die Unternehmer unter allen Umständen «inen Schiedsspruch haben, dann hotten sie nur nötig, in der Schlichterkommcr für den Vorschlag des Schlichters zu stimmen. Allerdings hätten die Arbeitnehmervertreter den Vorschlag ablehnen müssen, da er teilweise eine sehr erhebliche Verschlechterung der Arbeitsbedingungen darstellte. Bei den niedrigen Tariflöhnen in der schlesischen Textilindustrie muß eine Aussperrung aus dem vorgeschützten Grunde als der f r i v o l st e Akt angesehen werden, der im Lager der Textil- industriellen ausgeklügelt werden konnte. Die ohnehin starte Er- bitterung der Arbeiterschaft über das Verhalten der Unternehmer bei deil Tarifverhandlungen hat sich durch den Beschluß, zum 25. Alai auszusperren. noch verschärft. Die Textilarbeiter Schlesiens sprechen dem Deutschen Textilarbetter-Verband das vollste Ver- trauen aus. Die schlesischen T«xtilindustriellen werden auf Granit beißen, wenn sie versuchen, die Arbeiterfordeningen mißachten zu können durch eine Aussperrung. Oos schöne Verlin. Ausstellung der Deutschen Kunstgemeinschast im Schloß. Aus Anlaß der Berliner Festspielwochen eröffnete heute Mittag Die Deutsche Kun st g« meinschaft im Schloß ihre dies- jährige Frühlingsaus st«llung mit Werken, die Berlin zum Objekt ihrer Darstellung gewählt haben. Die Ausstellung führt den Titel„Das schöne Berlin." Es handelt sich nicht nur um eine repräsentative Schau über die bekannten Bauwerke Berlins oder über wohlrenoimnierte Ausflugsorte der näheren und weiteren Umgebung, das Repräsentative ist natürlich auch vorhanden, daneben findet man aber stille, ver- träumte Winkel, Plätze, die plötzlich durch eine originelle Auffassung ein ganz neuartiges Gesicht empfangen. Orliks„Lützowplatz im Winter" beispielsweise, wie abseits liegt er. Ist das noch Berlin mit seinem jagenden Rhythmus? Oder die stillen Häuser im Tiergartenviertel, sie könnten vielleicht auch in Stutt- gart oder Karlsruhe liegen. Man findet kaum ein Bild, das auf das Süßlieblich«, Idyllisch« stilisiert worden ist. Es sind vom sogenannten modernen, sachlichen Stil bis zum breifftrichigen Impressionismus alle Stile der letzten Zeit vertreten. Man sieht, wie schon' gesagt. Abseitiges. Altes und dicht dabei Straßenbllder, völlig in der Wiedergabe des Verkehrs- tempos gefangen. Maler wie Nagel oder Zeller bringen auch in die harmonische Sinfonie eine Ahnung von der Tragik des Prole- toriats. Es ist eine Ausstellung, die nicht nur das moderne, schöne Berlin, sondern das Gesicht des modernen Berlins überhaupt geben möchte. Slaotsfekretär Schulz eröffnete die Ausstellung. Er wie auch Staatssekretär Steiger vom Innenmimsterium betonten vor allem di« soziale Einstellung der Deutschen Kunst- gemeinschast, e» handell sich um eine vom sozialen G«ist getragen« Organisation, die sowohl den Künstlern Helsen möchte wie auch der minderbemittelten Bevölkerung, die sich hi«r dank e r- schwingbarer Teilzahlung gute Originalwerke kaufen kann. Dr. Max O s b o r n entwarf dann ein kurzes Bild von der Stadt Berlin und von ihrem Geist. Oie Keieriage bleiben trocken. Langsame Aufheiterung zu erwarten. Wenn nicht wieder alle Anzeichen trügen, Ist entgegen der bis- herigen Voraussagen mit trockenen, zum Teil heit«ren, aber kühlen Feiertagen zu rechnen. Kurz zusammengefaßt lautet die Prognose: Erster Feiertag kühl, zeitweise aufheiternd, zweiter Feiertag fortschreiitende Aufheiterung mit langsam steigenden Temperaturen. Der immerhin plötzliche Witterungsumschlag hat seine Ursache in einem verbreiteten Hochdruckgebiet, das von Eng- land bis NordfkaNdinavien reicht und seinen Kern über Lappland hat. An der Ostseit« des Hochs strömt k a l t e L u f t aus den Polar- gegenden nach Süden. Die kalle Strömung hat bereits die mittler« Ostsee erreicht und wird ab morgen auch unser Gebiet erheblich be- einflussen. Die kalte Luft wird dazu führen, daß sich das Hoch noch weiter nach Osten aiisdehnt. Oer geheimnisvoNe Schütze. Aufregende Jagd durch den U« Bohntunnel. Ein geheimnisvoller Vorfall spiette sich gestern abend am Moritzplatz ob. Es kracht« plötzlich ein Schuß und der dort postierte Verkehrsposten sah auf der anderen Stroßensette einen jungen Mann stehen, der in der Hand eine Pistole hiell und offenbar einen Schuß abgefeuert hatte. Als der Beamte zu seiner Festnahme schretten wollte, flüchtet« der Unfugstister in den Unter- grundbahntunnel und nun entspann sich eine ausregende Jagd, ohne daß es gelang, den Flüchtting zu fassen. Der Vorfall spielt« sich wie folgt ab: Gegen 10 Uhr war am Moritzplatz ein Doppelgespann durchgegangen und die Pferde rasten in Richtung Ierusa- lemer Straß« davon. Die beiden Beanitcn, die am Moritzplatz als Doppelpost«n ihren Dienst versahen, eillen hinterher und es gelang chnen auch, die.Durchgänger", noch bevor sie Schaden angerichtet hatten, zum Stehen zu bringen. Einer der Beamten führte dos Gespann zum Revier, der andere kehrte aus seinen Posten zurück. Plötzlich ertönt« ein Schu�ß. Der Beamte wollte den Schützen, der ihm gegenüber vor einer Apotheke mit der Waffe n der Hand stand, festnehmen. Der Täter ergriff aber die Flucht und lief die Treppe zum Untergrundbahnhof Moritzplatz hinumer. Cr jagt« üb«r den Bahnsteig und sprang auf di« Gleise. Wittler- weile war vom zuständigen Revier Verstärkung herangezogen und Beamte nahmen die Verfolgung im Tunnel auf, nachdem die Strecke st r o m l o s gemacht worden war. Die Verfolger konnten den Flüchtling, der in Richtung Kottbusser Tor lief und sich als aus- gezeichneter Läufer entpuppte, aber nicht einholen. Vor d«m Hau je Ritterftraße 119 war der Revoloerschütz« die Treppe eines Luft- fchachtes hinaufgeeilt und hatte den Vorsprung benutzt, um das Gitter zum Bllrgerstsig zu sprengen. Als die Beamten dort an- langten, war der Mann spurlos verschwunden. Vor der Apotheke wurde später noch die Hülse gefunden, ein Geschoß zu«iner Neun. niillinu'ie Mauserpistole._ Nächtlicher Fabrikbrand. In der oergangenen Nacht wurde di« Feuerwehr gegen 2 Uhr nach der Adalbert st raße 8 alarmiert, wo in«in«r Möbel» tischlere! im Seitenflügel des Hauses Feuer ausgebrochen war. Di« Gefahr war erst bemerkt worden, als sich di« Flammen vom Parterre bereits zum 1. Stockwerk durchgefressen hatten. Durch starkes Wassergeben aus mehreren Schlauchleitungen konnte das Feuer, dos an Holzoorräten� reiche Nahrung gefunden hatte, nach einstündiger Tätigkeit eingekreist werden. Die Aus- räumungsarbeiten dauerten bi» in di« Morgenstunden hin- ein. Die E n t st« h u n g s u r s a ch e ist nicht bekannt. Die holländische Sozialdemokratie Hot dem Parteioorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands zum Tode Adolf Brauns in einem besonders herzlichen Telegramm ihr Beileid ausgesprochen. ver korrespoudent der„Prawda", der aus Berlin ausgewiesen werden soll, bestreitet— wie sein Rechtsbeistand Genosse Dr. Kurt Rosenf«ld uns mitteitt— ganz entschieden, irgendein« folscte Nachricht über die Moiunruhen nach Moskau gegeben zu haben. Er will lediglich Auszüge aus den Zeitungen aller Richtungen verbreitet haben. Falls sich dies bestätigt, durfte die Ausweisung zurückgenommen werden. „Eiu rote» Treffen" iu Berlin am 2. Juni ist laut„Klassenkampf" von der kommunisttschen Bezirksleitung Bcrltn-Bronden- bürg beschlossen worden. Worin dieses„Treffen' bestehen soll, wird nicht g«sagt. Die Bedeutung des Aufrufs besteht augenscheinlich nur darin, daß weit« auf die Sozialdemokratie geschimpft wird. Mögen sie— wenn nur nichts Schlimmeres passiert! Bremscheid über Diktatur. Sozialdemokratie und Parlamentarismus. München, 18. Mm.(Eigenbericht.) In einer überfüllten Mitgliederversammlung der Sozialdemo- krotischen Partei erörterte am Freitagabend Abg. B r e i t s ch e i d die Frage:„Gibt es eine Krisis des Parlamentarismus?" Breitfchsid beschäftigte sich zunächst mit der Diktaturpropa- ganda, dem Rechts- und Linksradikalismus und erklärte: die zehn Jahre deutsche Republik haben bewiesen, daß es in Deutschland nicht so leicht ist, Moskauer oder römische Träume zu verwirklichen. Das hat vor allem seinen Grund darin, daß in Deutschland eine starke und geschlossene Arbeiterschaft lebt, die entschlossen ist, den Kampf gegen ein« solche Diktatur auf- zunehmen. Im Augenblick sei die Gefahr einer solchen Diktatur in Deutschland nicht allzu groß. Wenn aber auf den Platz des Reichs- Präsidenten einmal ein Mann stehen sollte, der nicht innerlich mit der demokratischen Republik ausgesöhnt oder gar zum Angriff auf Re< publik und Demokratie entschlossen wäre, dann könnten eines Tages ernsthafte Versuche unternommen werden, die Macht des Volkes, die im Reichstag verkörpert sei, zu brechen Eine schwere Belastung, so fuhr Bvcitscheid fort, bedeutet im gegenwärtigen Augenblick die Erkenntnis, daß, wenn die gegen- wärtig« Regierung zusammenbricht, möglicherweise der Augenblick eintritt, wo die anderen sagen: mit diesem System des Pariamen- tarismus ist eine normale Regierung nicht zu bilden, also ist eine Diktatur notwendig, wenn auch keine offene, so doch eine ver- schleiertc. Die Sozialdemokratie sieht sich fast jeden Tag vor die Frage gestellt, können wir es ertragen, daß wir noch länger die Pflicht des Mitregierens erfüllen. Es ist nicht leicht und erfüllt nicht mit Begeisterung, den jetzigen Weg ständig weiter zu gehen. Es kann einmal der Tag kommen, wo wir eine Grenze gegen die andere Seite ziehen müssen. Ich erinnere nur an die bürgerliche Offen- sive gegen die Erwerbslosenversicherung. Für uns Sozialdemokraten ist es unmöglich, diesem Gesetz die F u n d a- mente nehmen zu lassen. Unser Machtmittel, über das wir außerhalb des Parlaments verfügen, ist die geschlossene Kraft der gewerkschaftlichen und politischen Organisationen. „Sägende Slymphe." Diese Bronze von Prof. Walter Schott ist von der Kunst- deputation der Stadt Berlin angekauft und jetzt auf dem Pariser Platz vor dem Hause der französischen Botschaft aus- gestellt worden. Maximus Ernst gestorben. Aelteren Sozialisten ist der Rani« M a x i m u s E r n st als des Herausgebers des„Süddeutschen Po still ans" noch in Erinnerung, jenes volkstllmlich-satirischen Blattes, das lange neben dem„Wahren Jacob" über den politischen Zuständen des Kaiser- reichs die Geißel des Witzes schwang. Im Vorjahre haben wir an seinem 80. Geburtstage des Wir- kens von Ernst gedacht. Das 81. Lebensjahr hat der Alt« nicht mehr vollenden können. Am Mittwoch ist er in München gestorben. In den letzten Jahren hatten zwei Unglücksfälle chn betroffen, die ihn körperlich schwer behinderten. In den Revolutionstagen wurde er überfahren und verlor seinen rechten Arm. Aber er wollte den Mangel nicht empfinden und lernt« noch linkshändig schreiben. Im letzten Herbst erlitt er abermals einen schweren Unfall, der ihn lange ans Krankenhaus fesselte. Zweimal hat er in diesem Jahre noch eine Lungenentzündung überstanden. Dem dritten. Ansturm dieser Krankheit war aber der so widerstandsfähige Körper des Achtzig- jährigen nicht mehr gewachsen. Für die Sozialdemokratie hat M. Ernst durch Jahrzehnt« gelebt und gearbeitet. Die Parteigeschichte wird seinen Namen nicht unter. gehen lassen._ Orunier und drüber in Afghanistan. AmanuUah und HobibuUoh unten durch. London. 18. Mai.(Eigenbericht.) In Afghanistan geht es zurzest drunter und drüber. Ein Stamm bekämpft den anderen. Amanulloh ist zurzeit ebenso wie sein Antipode in Kabul jedes Einflusses auf die einzelnen Stämme enthoben._ „Die Kirch« in der Karikatur". Die Beschlagnahm« des be- kannten Buches„Die Kirche in der Karikatur" von Friedrich Wendel war im Februar dieses Jahres durch Urteil des Amtsgerichts Berlin- Tempelhof aufgehoben worden. Die Staatsanwaltschaft hatte gegen das Freigabe-Urteil Berusung eingelegt. Vor einigen Tagen jedoch ist dies« Berufung zurückgezogen worden. Es bleibt also bei der Freigabe der.Kirche in der Karikatur". Theater» „So oder So". Zwei Arten, ein Stück zu schreiben. Der Verfasser Hans E. G r o s z hält mehr als er versprich,. Er kündigt zwei Arten, ein Stück zu schreiben, an und bringt einen ganzen Hut voll verschiedener Möglichkeiten. Und was die Haupt- fache ist, er macht das geschickt, mit sicherem Blick jür Bühnen- Wirkungen, und sehr amüsant. Es fängt ein bißchen düster und katastrophenschwanger an, nach Art der frühnaturalistischen Dramen: Fritz verlebt eine freudlose Jugend, die Schule ist für ihn«ine«nt- setzliche Quälerei, die Eltern zwingen ihn, den ganzen Tag über den Büchern zu hocken, besonders der unduldsame Vater. Jeder hackt auf den armen Jungen herum. Es kommt die Nachricht, daß er sitzen geblieben ist. Im Augenblick, wo der Bater ihn deshalb zur Rede stellt, hebt Fritz den Revolver und schießt sich tot. Vorhang. Nun folgt kein zweiter Akt, sondern Protest aus dem Zuschauerraum. Das wäre ein unbefriedigender Schluß, der herzlos« Vater sei an allem Schuld, ihn müsse die gerecht« Strafe treffen.„Schön," sagt der Regisseur, der vor den Vorhang tritt(von Wladimir So- koloff sehr überzeugend gespielt),„wir können das auch so machen." Der erschossene Sohn steht auf, beginnt die letzte Szene von vorne und richtet zum Schluß die Waffe nicht aus sich, sondern auf den Vater. Damit ist aber das Publikum noch weniger einver- standen. Im Parkett wird es lebendiger als auf der Bühne. Eine erregte Diskussion entspinnt sich, der eine will das Stück so, der andere so gespielt sehen. Kurz und gut, es gibt noch weitere Variationen über dasselbe dramatische Thema,«in origineller Ein- fall des Verfassers, eine neue Art von Theaterunterhaltung, zugleich ein recht brauchbares Rezept, wie man Stücke zu schreiben hat. Die Szenenfolg« ist«in bißchen zu breit ausgesponnen, hie und da hapert es nicht zu knapp, aber dramatische Fähigkeit ist Hans E. Grosz nicht abzusprechen. Veranstalterin der Nachtvorstellung im Deutschen K ü nst l e r th« a t e r ist die„Aktuelle Bühne". Besonders aktuell war der Abend ja nun gerade nicht, aber zum mindesten war er anregend. In Zukunft werden wir bestimmt mehr Komödien von der Sorte vorgesetzt bekommen. Dann bitte mit einer aus- geglicheneren Darstellerschaft, als sie uns gestern der Leiter der „Aktuellen Bühne" und Regisseur Erich Fisch vorgestellt hat. Außer dem erwähnten Sokolofs konnte sich nur einer sehen lasten: Friedrich Iolowicz, der Sohn, der über bemerkenswerte Bühnenstcherheit und Wandlungsfähigkeit verfügt. Ernst Degner. Emil Laimings in Verlin. Das war ein freudiges Wiedersehen, als Emil I a n n i n g s sich gestern in einer Nachtvorstellung im Ufa am Zoo seinen Freunden und Verehrern präsentiert«. Direktor Corell sprach wirklich im Namen des dicht besetzten Hausee, als er den größten deutschen Filmdarsteller der alten wie der neuen Well(dieser Titel ist nicht von ihm) Gruß und Dank entbot. Emil Ianmng» ist, so erfuhren wir, in die Heimat zurückgekehrt, um mit der Ufa«inen großen deutschen Tonsilm zu gestalten. So ist denn zu hassen, daß wir endlich aus den Vorstadien herauskommen, wenn Iannings sein« große Popularität in den Dienst der Sache stellt. Und dann rollte das bunte Bild des Lebens von der Leinwand das Iannings in einer vollendeten Verkörperung zeigt: D u p o n t s.Li a r i« t i". Die Tragödie des Sträflings Nr. 28 packt« und erschütterte wieder die Zauschauer wie bei der Premiere. Iannings' vollsastige Per- menschlichung, das seltsam« Mädchen aus der Fremd« der P u t t i und W a r d s Artist ergaben wieder ein Ensemblespiel von größter Eindringlichkeit. Di« filmischen Reize, die Dupont mit freigebiger Hand ausgestreut hat, haben ihren ganzen Zauber bewahrt. Das Leben auf dem Rummelplatz und im Zirkuswagen und vor allem die große Sensationsnummer im Wintergarten sind noch immer Höhepunkte des deutschen wie des internationalen Films. Zum Schluß mußte sich Iannings aus der Bühne zeigen, wo er«in schönes Bekenntnis zu Deutschland ablegt«. r. md Film. „Hingabe." Atrium, Beba-Palast. Guido Brignone ist ein außerordentlich begabter Filmregisseur, er dürft« nur nicht den Ehrgeiz gehabt haben, sein« eigene Novelle zu verfilmen. Durch sie wird nämlich die Handlung mil zu viel Unwahrscheinlichkeiten belastet. Ein Bildhauer verheiratet sich mit Angela, die auch von einem berühmten Arzt geliebt wird. Am Hochzeitsabend verunglückt der Bildhauer beim Abbrennen von Feuerwerk. Um den vorübergehend Erblindeten die Sehkraft wiederzugeben, bekommt der Arzr erst die nötige Sicherheit der Hand, als Angela ihm verspricht, sich scheiden zu lasten. Sie liebt ober ihren Mann und zum Schluß verzichtet, — nachdem es beinahe zum Austrag eines amerikanischen Duells gekommen wäre,— der Arzt. Guido Brignone hat eine restlos optische Einstellung, die nur wenigen im Film tätigen Menschen belchieden ist. El forden von den Photographen Hans Theyer und Max Nekut neben klaren Naturaufnahmen ganz eigenartig« Schattenwirkungen bei Innenszenen und verwendet die Gegensätze zum vollendet Hanno- nischen Ganzen. Selbst das von hundert Vorgängern gezeigte Bar- leben sieht dieser Regisseur noch einmal neu. Die Schauspieler hat er fest in der Hand und ringt mil ihnen um Höchstleistungen. Marcella Albani hat noch nie so gut gespielt, wie unter ihm. Hans Adalbert von Schlettow gefällt als Bildhauer und Stuart Rome, eine unserer an- genehmsten Neuerscheinungen ist ein von einem eisernen Willen be- herrschte? Nervenbündel.«■ d. Gchauspielernachwuchs Der Schauspielschule des Deutschen Theaters ist eine Bühne der Jugend angegliedert. Sie will in erster Linie dem Schauspielernachwuchs Gelegenheit geben, seine Talente im Rahmen einer vollständigen Inszenierung zu erproben. Die Ent- deckung junger Dichter steht hintan. Das jetzt inszenierte Schauspiel .Lung-Woodley" von John van Druten will aktuell sein, indem es in einem Internat spielt und sich mit den Liebes- gefühlen Jugendlicher beschäftigt, oermag aber zu dem Problem nichts Neues zu sagen. Es bleibt an der Oberfläche. Ein 18jährigcr Schüler liebt die jugendliche Gattin seines Ordinarius findet Gegen- liebe. Beide werden überrascht, auf Bitten der Frau wird der Junge zwar im Internat belassen, aber von dem beleidigten Ehe- mann tyrannisiert. Als«in Mitschüler zynisch« Bemerkungen über die Geliebte macht, geht«r mit dem Messer auf ihn los. Der Vater muß ihn nach Haufe holen. In ziemlichem Frieden scheidet er von dem Gegenstand seiner Liebe. Zur Hauptsache, dem jungen Darstellermaterial: Hans-Ioachim Mo« bis, als der verliebte Bursch, beweist, daß er über dem Durchschnitt steht. Er ist starken inneren Gefühls sähig, oermag diesem überzeugenden Ausdruck zu verleihen. Einiges noch unsicher, viele Lichter sitzen nicht recht. Di« Temperamentausbrüche jedoch sind stark und echt. Seine Sprache ist gepflegt und fließt un- gehemmt. Franziska B e n k ho f f, als die Geliebt«, bleibt bloß und etwas starr. Doch findet sie zuweilen Töne, bei denen die Seele mit- schwingt. Alfred R u s k a ist für den Ordinarius noch zu jung. Innere Reife und äußere Würde sucht er durch hohle Pathetik vorzutäuschen. Dadurch gerät er ins Karikieren, streift oft die Grenze des Lächer- lichen. Sein Organ ist warm und voll. Ob wirkliches Talent vor- Händen ist, wird sich erst feststellen lassen, wenn er die geeignete Rolle bekommt. Kurt H a a r s in der kurzen Rolle des Mr. Woodlcy zeigt, daß er charakterisieren kann. Ihm liegt schon eher die Darstellleng reifer, ruhiger Menschen. Vi«l« Stellen gibt er noch zu jugendlich salopp. Die Darsteller der Nebenrollen waren nicht gerade überragend, ober immerhin brauchbar. Welter Jacobi. Oer Direktor der Porzellanmanufaktur. Wie der Amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, ist zum Direktor der Staatlichen Porzestanmanufattur Prof. Dr. Frei- Herr von Pech mann berusen worden. Dr. Pechmann, der im 47. Lebensjahr« steht, war bisher der Leiter der Abteilung für Gewerbetunst am Bayerischen Nationalmuseum in München. Er gehört dem Ausschuß für künstlerische Fragen der„Deutschen Ke- römischen Gesellschaft" an und ist Vorstandsmitglied des„Deutschen Werkbundes". Nach Kriegsende war er in der rheinischen und mitteldeutschen Industrie als leitender Sozialbeamter und Betriebs- leiter tätig und gehörte als ständiger Beisitzer einem Schlichtung»- ansschuß des Gewerbegerichtes an. In seiner neuen Stellung ob- liegt ihm neben der Gesamtleitung vorwiegend die künstlerisch« Führung der Manufaktur. Für die kaufmännische und technische Leitung wird ihm j« ein fachinännischer Direktor zur Seite stehen. Seltsame Ozeanüberquerungen. Die erfolgreiche Fahrt des Deutschen Paul Müller, der in zehn Monaten in einem Ruderboot über den Ozean gelangt ist, ist«in Meisterstück seemännischer Art, denn es stellten sich ihm dabei die größten Schwierigkelten entgegen. Trotzdem ist es nicht das erste Mal. daß der Ozean im Ruderboot überquert wurde. Schon vor 60 Iahren fuhr«in Mann von England im Ruderboot nach Amerika. Auch er brauchte fast ein ganzes Jahr, bevor er die Reise vollendete, und als er im amerikanischen Hasen anlangte, war er so erschöpft, daß er ohnmächtig in seinem Boot lag und erst nach einem längeren Aufenthalt im Krankenhaus wiederhergestellt werden konnte. Einer der seltsamsten Versuche, den Ozean zu überqueren, wurde im August des vorigen Jahres unternommen. Zwei junge Hamburger Sports- männer, ehemalige Angestellte der Hapag, versuchten, in einem Tretboot über den Atlantik zu fahren. Das Boot wurde durch ein« Schraube angetrieben, und zwar mit Hilf« eines Tretrades. Auf diese Weise sollte die Verwendung der motorischen Kraft oder des Segelantriebes vermieden werden. Dieses Unternehmen ist ebenso- wenig gelückt, wie der Versuch eines anderen Deutschen, im Falt- boot über den Ozean zu gelangen. Allerdings hatte dieser wage- mutig« Seefahrer bereits den größten Teil seiner Reise hinter sich, als er durch das furchtbare Erdbeben umkam, das im vorigen Jahre die Küste von Amerika verwüstete. Einer der verrücktesten Ozeanfahrer war entschieden der Liver- pooler Arzt Dr. Harris. Er machte kurz vor dem Kriege eine Tonne reisefertig, um auf ihr über das große Wasser zu fahren, denn er ging von der Anschauung ans, daß ein derartiges Gesäß stets im Wasser schwimme und nicht untergehen könne. Er schwamm wohl, aber er kam nicht vorwärts, sondern trieb sich tagelang in der Nähe der englischen Küste umher, bis er von einem mitleidigen Dampf- schiff aufgenommen wurde. Die Tonne, in der er die Ozeanfahrt machen wollt«. IM er späterhin umbauen lassen, und zwar wurde sie in«ine Art Tonnenboot verwandelt, um damit auch steuern zu können. Aber auch der zweite Versuch, auf diese Weise über den Ozean zu kommen, ist nicht geglückt. Di« Rekordsucht hat In Amerika und England noch mehrere seltsam«„Blüten" gezeitigt. Jeder Phantast wollte der erste sein, der auf irgendeine oerrückte Weise über das große Wasser fuhr, denn alle lockte der Zeitungsruhiv. Als im vorigen Jahre Köhl, Fitzmauriee und Hünefeld von Europa nach Amerika im Flugzeug fuhren, brachten die englischen Zeitungen fast täglich Mitteilungen über neu« Pläne, den Atlantik mit den absonderlichsten Fohrzeugen zu überqueren. Eine Art von Geisteskrankheit schien ausgebrochen zu sein, denn«in«r wollt« sich in einer Ratete über das Wasser schießen lassen, ein anderer hatte«in Stahltorpedo ersonnen, mit dem er in acht Stunden von England nach Amerika sausen konnte,«in dritter hatte ein Mittelding zwischen Flugzeug und Motorboot erbaut, aber seltsamerweise hat man wenige Tage nachher von allen diesen verrückten Plänen nichts mehr gehört. Der Deutsche Paul Müller ist seit 60 Jahren der erst«, dem die Fahrt auf einem gebrechlichen Fahrzeug gelang. Erziehung der DeHörden zur Höflichkeit. Ueber die Unhöflichteit der Behörden und Beamten wird auch in Rußland viel geklagt. Di« Sowjetregicrung Hot nun die Initia- tiv« ergriffen, um den Umgang mit dem Publikum Menschenfreund- licher zu gestallen. 1500 Arbeiter sind zu Geheimpolizisten der Beamtenschaft ernannt worden. Sie haben die Aufgab«. Staats- ämter und-institute zu besuchen und unter der Maske schüchterner Bitt- und Fragesteller Gesuche vorzulegen, Auskünfte einzuziehen. kurz, Stichproben auf Höflichkeit und Zuvorkommenheit der Be- amtenschaft vorzunehmen.- Ihre Erfahrungen haben sie dann schriftlich einem besonderen Kontrollkommissariat zu unterbreiten, das über die Mängel und Unzulänglichkeiten im Staatsbetriebe wacht. Die ersten Gutachten der Höflichkeitskontrolleure haben in der Hauptsache negative Befunde ergeben. Aber seit öffentlich be- kanntg« worden, daß der schiechi« Ton insgeheim überwacht wird, soll er sich schon wesentlich gebessert haben. La» kapserstich tadme» der Slaalliche» Aiuseea hat zwei neue Aus- stellungen: Steindrucke, Holzschnitte und Radierungen von Adolph von Menzel und Meifterzeichnungen de» 16.-18. Jahrhundert» eröffnet. Vor achtzig Jahren. Oie Llnterdrückung der„Neuen Rheinischen Zeitung� am 19. Mai 1849. Als Karl Marx und Friedrich Engels im April 1848 von Paris nach Köln kamen, wurden dort bereits von demokratischen Kreisen Vorbereitungen getroffen zur Gründung eines großen Blattes. Innerhalb 24 Stunden hatte Marx das Terrain erobert und das Blatt, die„Neue Rheinische Zeitung", für seine revolutio- nören Zwecke gewonnen. Der Versuch der rheinischen Demokraten, Marx und Engels nach Berlin abzuschieben, war nicht gelungen. Entscheidend für ihr Verbleiben in Köln war, daß die Rheinprovinz die französische Revolution durchgemacht, sich im Code Napoleon moderne Rechtsanschauungen bewahrt, die weitaus bedeutendste Großindustrie entwickelt hatte und in jeder Beziehung damals der fortgeschrittenste Teil Deutschlands war. Am Rhein hatte man, im Gegensatz zu Berlin, unbedingte Preßfreiheit, und sie wurde„aus- genutzt bis zum letzten Tropfen". Das deutsche Proletariat, das sich noch nicht als Klasse forquert hatte, erschien zunächst auf der politischen Bühne als äußerste demo- kratische Partei. Damit war bei Gründung der Zeitung— wie Engels 1884 im Züricher„Sozialdemokrat" schreibt,„die Fahne von selbst gegeben. Es konnte nur die Demokratie sein, aber ein« Demokratie, die überall den spezifisch proletarischen Charakter im einzelnen hervorhob, den sie noch nicht ein für allemal aufs Banner schreiben konnte". Am 1. Juni 1848 erschien die erste Nummer bjs neuen Blattes. Karl Marx zeichnete als Chefredakteur und„es war in erster Linie sein klarer Blick und seine sichere Haltung, die das Blatt zur berühmtesten Zeitung des Reoolutionsjahres gemacht haben". Außer- dem gehörten der Redaktion an: Friedrich Engels, Wilhelm Wolfs, Georg Weerth und später noch Ernst Dronke, Ferdinand Wolfs und Ferdinand Freiligrath. Gleich die erste Nummer brachte heftige Angriffe gegen das Frankfurter Parlament, gegen die Zwecklosig- keit seiner langatmigen Reden und gegen die Ueberflüssigkeit seiner Beschlüsse. Das kostete der Zeitung die Hälfte ihrer Aktionäre. Für die einige, unteilbare, demokratische deutsche Republik kämpfte das neue Blatt. Aber leidenschaftlich trat die Redaktion der vom Kleinbürgertum genährten Täuschung entgegen, als ob die Revolution mit den Märztagen abgeschlossen sei. Für Marx und Engels konnten Februar und März 1848 nur dann die Bedeutung einer wirklichen Revolution haben,„wenn sie(nach Engels) nicht Abschluß, sondern im Gegenteil Ausgangspunkt« einer langen revolutionären Bewegung wurden, in der, wie in der großen französischen Umwälzung, das Volk sich durch sein« eigenen Kämpfe weiter entwickelte, die Parteien sich schärfer und schärfer schieden, bis sie mit den großen Klassen, Bourgeoisie, Klein- bürgertum, Proletariat ganz zusammensielen und in der die einzelnen Positionen vom Proletariat nach und nach in einer Reihe von Kämpfen erobert wurden". Mit dem Sieg der Gegenrevolution in Berlin und Wien war das Schicksal der deutschen Revolution entschieden. Aber noch hatte die Regierung nicht den Mut, den tapferen rheinischen Kämpfern an den Kragen zu gehen. Im April erschien noch eine Artikelreihe von Karl Marx über„Lohnarbeit und Kapital" als deutlicher Hinweis auf das soziale Ziel der verfolgten Politik. Als aber dann in der Reic�sverfassungskampagn« die einzelnen Aufstände in der Rheinprovinz durch militärische Uebermacht erdrückt worden waren, da holt« man endlich zum Schlage gegen die„Neue Rheinische Zeitung" aus. Den Be- lagerungszuftand wagte der Festungskommandant von Köln nicht noch einmal zu verhängen, und er regte bei der Polizei an, Marx als„gefährlichen Menschen" auszuweisen. Aber die Polizei wandte sich erst an ,die Kölner Bezirksregierung, die ihrerseits die Verantwortung auf das Ministerium des Innern abschob und in einem Bericht vom 10. März feststellt«, daß die von Mar« geleitete Zeitung fortfahre, zum Umsturz der bestehenden Verfassungen und zur Herstellung der sozialen Republik aufzureizen. Die Polizeidirektion habe Bedenken, Marx auszuweisen„ohne besondere äußere Veranlassung",„lediglich der Tendenz und Gefährlichkeit der Zeitung wegen". Auch der Ober- Präsident der Rheinprovinz hielt die Ausweisung zunächst für be- denklich. Schließlich verfugte der Minister das Innern, Manteuffel, daß e r gegen eine Ausweisung nichts einzuwenden habe, den Zeitpunkt aber der Bezirksregierung überlassen müsse. Das war am 7. April. Am 11. Mai fühlte man sich endlich stark genug, den Polizeistreich auszuführen. Marx hatte im Brüsseler Exil die pwtißische Staatsangehörigkeit verloren. Das lieferte den Dorwand. Am 16. Mai wurde ihm dieser Ausweisungsbefehl zugestellt: In ihren neuesten Stücken tritt die Neu« Rheinische Zeitung mit der Aufreizung zur Verachtung der bestehenden Regierung, zum gewaltsamen Umsturz und zur Einführung der sozialen Republik' immer entschiedener hervor. Es ist daher ihrem Re- dakteur en chef. dem Dr. Karl Marx, das Gast recht(!), welches er so schmählich verletzt, zu entziehen, und da derfelbe eine Erlaubnis zum ferneren Aufenthalt in den hiesigen Staaten nicht erlangt hat, ihm auszugeben, dieselben binnen 24 Stunden zu verlassen. Sollte er der an ihn ergehenden Ausforderung nicht freiwillig Genüge leisten, so ist derselbe zwangsweise über die Grenze zu bringen. Die letzte Nummer der„Neuen Rheinischen Zeitung" erschien am 19. Mai. Die Hälfte der Redakteure stand unter gerichtlicher Verfolgung, die übrigen mußten als Nichtpreußen mit ihrer Aus- Weisung rechnen. In roter Farbe, auf weißem Papier gedruckt, erschien die Abschiedsnummer, an der Spitze das berühmte Abschieds- lied Freiligraths:„Kein offener Hieb in offener Schlacht..." Mit einer Warnung an die Kölner Arbeiterschaft vor jedem Putsch nimmt die„Neue Rheinische Zeitung" Abschied von ihren Lesern:„Die Redakteure der„Neuen Rheinischen Zeitung" danken Euch beim Abschied für die ihnen bewiesene Teilnahme. Ihr letztes Wort wird überall und immer sein: Emanzipation der arbeitenden Klasse!" Achtzig Jahre sind seitdem vergangen. Das Proletariat ist längst zum Klassenbewußtsein erwacht und kämpft in machtvollen Organi- sationen und mit einer weitverbreiteten Presse um seinen ferneren Weg noch vorwärts und aufwärts, dem Sieg entgegen:„Denn sie töten den Geist-nicht, ihr Brüder!" Felix Fechenbach. völkerbundsausschuß für Flüchtlinge. Der in der Ratssitzung vom 14. Dezember 1928 eingesetzt« Beratungsausschuß für das Flücht- lingswesen wird am 16. Mai in Gens seine erste Tagung abhalten. Die Hauptausgabe dieses Ausschusses besteht in der Ausarbeitung eines Gesamtberichtes über die Möglichkeiten einer endgültigen Lö- fung des Flüchtlingsproblems. Der Ausschuß wird sich weiter mit der Frage der den Flüchtlingen bei Erwerb der Staatsangehörigkeit des Landes, in dem sie ihren Wohnsitz haben, zu gewährenden Ver- günstigungen sowie mit der Durchführung der zwischenstaatlichen Abkommen über die Flüchtlinge zu befassen haben. In diesem Ausschuß ist auch Deutschland oertreten. Sonnabend, 18. Mal Berlin. 16.00 Bruno Bleiboelfer: Petrin» und Nankin». 16.30„Prien« Bierstuben". Berliner Panorama von Walter Hollander.(Gelesen vom Autor.) 17.00 Hotel Bristol. Kapelle lila Livschakoff. AnschlicBend: Mitteilungen des Arbeitsamtes Berlin-Mitte. 18.10 Bollmann: Die Sportschan des Monats. 18.36 Poritaky: Der deutsche Idealismus. 19.00 Prof. Dr. J. Riem; Weltkatastrophen der Vorreif. 19.30 Prof. Dr. Schoenichen: Vom Umgang mit Mutter Grün. 20.00 Bildfunk. 20.05„Die schwarze Kiste". Eine Fonomontage von Dr. Franz Höllering. Regie: A. Braun. Nach den Abendmeldungen: Bildfunk. AnschlieBend bis 0.30 Hotel Esplanade(Kapelle Erichs Albertl). Königswusterhausen. 16.00 Prof. Dr. Lampe: Veranstaltungen des Zentralinstituts. 16.30 Direktor Rümmers: Praktische Wohnnngspolitik der Beamtenschaft. 17.00 Nachmitlagskonzert von Hamburg. 18.00 Max Barthel; Der Industriearbeiter an der Wasserkante. 18.30 Französisch für Anfänger. 18.55 Prof. Dr. Bruno Kuske: Das rheinisch-westfälische Industriegebiet. 20.00 Die Stunde des Landes. 21.00 Klaviervorträge. 1. Schubert: Fantasie op. 103. vierhändig.— 2. Gershwin: Rhapsodie in Blne für Klavier und Jazzband(für zwei Klaviere bearbeitet von Schramm).(Diny Schramm-Soetermeer und Paul Schramm, Flügel.) 21.30 Violinvorträge. 1. Schubert: Sonatine O-MoU, op. 137. Nr. 3.— 2. Smetana: Aus der Heimat(Nr. 2).— 3. Sarasate: Zwei spanische Tänze.(Prof. Josef Wolfsthal. Violine. Am Flügel: B. Seidler-Winkler.) AnschlieBend bis 0.30 Von Berlin; Tanzmusik. Sonntag, 19. Mai. Berlin. 7.00 Zoo: Frflhkonzert. 8.55 Stundenglockenspiel der Potsdamer tiarnisonkirche. 9.00 Morgenfeier. Glockengeläut des Berliner Doms. 11.30 Aus dem GroBen Schauspielhaus: Mandollnenoreieaterkoiirert. 13.05 Mittagskonzert. Kapelle Emil Robsz. 15.30 Märchen.(Gelesen von Käthe Haack.) 16.00 W. Scholz: Lehrerschaft und Leibesübungen(zum deutschen LchrcrsporU (est in Dresden). 16.30 Unterhaltungsmusik der Kapelle Otto Kermbach. 19.00 Prof. Dr. Saitschick, Ascona-Locarno: Auferstehung und AusgieBung des Geistes. 19.30 W. C. Goraoll: Das Lawra-KIoster zu Kiew. 20.00 Orchesterkonzert, Dirigent: Bruno Seidler-Wihkler, Vera Schwarz, Sopran. Anschließend: Zeit, Wetter, Tagesnachrichten, Sport. Anschließend bis 0.30: Tanzmusik(Kapelle Gerhard Hoffmann) Oesangsei.i- lagen: Robert Koppel, Bariton. Am Flügel: H. Schcibenhofcr. Während der Pause Bildfunk. Königswusterhausen. Uebertragung des Berliner Programms. Montag, 20. Mai. Berlin. 6.30 Krollgarten: Frühkonzert. 8.55 Stundenglockenspiel der Potsdamer Garnisonkirche. 9.00 Morgenfeier. Glockengeläut des Berliner Doms. 12.00 Mittagskonzert(Dt ehester Schmidt-Qenter). 14.00 E. Nebermann: Schachfunk. 14.30 Für den Landwirt. 16.00 Dr. Albrecht. Hamburg: Gegenwartsprobleme internationaler Tierschutz- Bestrebungen. 16.30 Opern-Arien(Schallplatten). 17.00 Uebertragung aus der Rennbahn Hoppegarten.(Am Mikrophon: Chefredakteur Georg Lüdecke.) Anschließend: Hotel Kaiserhof(Kapelle GA Uhr (Sonntagi 2 Tonttllaiign S'/i■. fl Ikr) Dorlne und der Zufalll öligsten Ein Valzertraum! auf der Gartenbohne. Im Innenlheater ab IS. Mal tiglldt sv« Uhr: Spiel im Schlott. Renaissance-Theater I tardenoergstr 6 Tl. StomoL 901•. 2583/141 S';, Uhr nBlUh SV, Uhr 1 Die neilige Fiammel Kegte; Gustav Hartun>. CASINO-THEATER•*»»• Lothringer Sirahe 37. ..mMAMer won ta wracke" und ein erstklassiger bunter Teil. Für unsere Lesen Gutschein für 1—4 Personen Fauteuil nur 1.15 Sessel 1.65 M. Sonstige Preise: Parkett u. Rang 0.80 Mk TheaL d. 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Norden 1141 u. 281 Täglich K Uhr Dreigrosdien- Oper Neuer. Vaieili. TDlraln. Lvnvskv, Leideil. Meckel Die KomOdie I Bisnick. 2414/7516 8Vj. Ende geg. IOViU Oer �'ann, der sei en 3 Akte von Edgar Wallace Regie;-teinz Hilpert Kamme rspiele J. I. Norden 12 310 SVa Uh Ende nach IC Autgang nurtür Herrscharten Kleine Komödie von Siegfried Geyer Dentstiies Theater D.I. Norden 12 310 8 Uhr, Ende nach 10 Zum letzten Mate Paulus unter den Juden Sonntag, d. 19. Mai 8 Uhr Neueinstudierung ote Getangene Schauspiel von Edouard Bouidet. Regie: Max Reinhardt Wim Ineaiei OirekLHeinz Herald Charlottenstraße 9t A. 7. Dönhoff 170 S'U. Ende 10V« Uhr Zum 25. Male Oie tDnf Frankfurter von Carl Rössler Regie: Eageo Balisa Lessing- Theater Täglich SV» Uhr „Die Frau dea Andern" iiieiites meatet Täglich S'U ihr NaBoxectrodten? »»dt Im tnelkai.sän von Fiank Green. Musikalische lllust. Fr. Holländer. Regie rumedmadii- Frederidi. Thaiia-ltieater Dresdener Str. 72-T3. S'U Uhr Piarrliaukomöilie KETKOPOLTHEATER 8s Nur noch 14 Tag«! Lustige Witwe Hesterberg: Heidemann, Jankuhn, Blleot, Jonker- znann, Schaeffers. Kflnstleriscbe Leitung GR. MCHAUSPIEIaHAUS 8 Nur noch 14 Tagol Der liebe Augustin Cbrialftans Karlweis, Lleskc, Arno, Morgan. WeBtermeier. Erik Charall. mal. am Kotuuor Kottb Str.6 TärI.8Uhr Elite- Sänger Das neue Mal- Proor. FiritiMh. HidnlltiitMn! Lnstspielhins 8-/. Uhr Guido Tbielseher Weekend tm Paradies Planetarlnm am Zoo— Virläog. Joadiinstkrln Unit Noll. 1578 16'/. Uhr SternbiMsr des Frühjahr» 18',. Uhr Wunder des südlichen Himmels 20'/. Uhi Sternhimmel und Weltbsu Tägl. außer Montags u. Mittw Erwachs. I Mk, Kinder 50 Pf. Mittw.: Erwachsene SO Pf• Kinder 25 PI. II PfingSiSonntag.d, 19. Mal nach miliare 3 Uhr. Tempels Bierhaus Berlin-Lichtenberg, ßudrunstraße am 1. Pfingstfelertag Frühkonzert mit Gesangseinlage ZOOLOG. GARTEN TIgl.ch nachmittag« Großes Konzert Am1.u.2.Pfingstieiertag morgens 7 Ohr Gr. Mlliiar-FHih-Konzert Innarlnin Tlirausl- und Aquarium KateanansitalliBD föeilage Sonnabend, 18. Mai 1929 SivAbimd yfok �Tt<>tX�Ä D rauhen im Norden liegt unmittelbar neben den letzten vierstöckigen Häusern der Strahe ein freier Platz, gegen die Straße hin von einem Holzzaun abgeschlossen. Hier wollen wir unseren neuen Freund besuchen, denn hier ist der„Lagerplatz" einer g r ö- tzeren Zigeunerkolo- n i e. Schon auf der Straße treffen wir einige der charak- teristischen Gestalten— vor ..-� ru ollem einige Kinder, die mit lo ihren schwarzen Locken und —"-LUicte Clcn Airschenaugen trotz allem Dreck ganz reizend aussehen. Tndlich finden wir den ver- steckt angelegten Eingang. Me schade— unser Freund ist nicht zu Hause; und wir werden von den anderen Bewohnern des Platzes anscheinend durchaus mit Mißtrauen betrachtet. Immerhin weist man uns zu seinem Wagen. Da treffen wir endlich sein« Schwiegermutter an, und die alt« Dam« erweist sich uns gegenüber als etwas umgänglicher. Es ist notwendig— denn selbst einem abgehärteten Reporter muß es schließlich auf die Nerven fallen, wie deutlich man uns unser« Unerwünschtheit merken läßt. Die alten Domen verbergen unwillig Äe geliebte Pseise vor uns, und rechts und links geht die Unterhaltung über uns los: Eine Unterhaltung, von der wir kein Wort verstehen, denn im Um- gang untereinander bedient sich selbst hier noch alles der„Zigeunersprache", deren voll- ständige Geheimnisse noch kein Außenstehender ent- schieiert hat. Schmeicheleien für uns scheint die Unterhaltung aber nicht zu enthalten, und schließ- lich kommt der Grund der allgemeinen Mißstim- mung zutage. Hier wird nicht photographiert! Als wir unseren Freund und Führer immer noch nicht auf- finden können, versuchen wir von einigen„Prominenten" die Er- laubnis zum Photographieren der Kolonie zu erhalten — aber mit großer Entrüstung wird unser Ansinnen abgelehnt, und der sichtbar getragen« Apparat meines Begleiters scheint an der ganzen Mißstimmung gegen uns schuld zu sein. Dabei ist es uns unerfindlich, warum man unser Ansinnen so schroff ablehnt, denn der Platz— wir sind im deutschen Lager— macht einen sauberen, ordentlichen Eindruck, und von den Wagen sind einige ganz famos imstande. Saubere Gardinen sind an fast allen Fenstern, eine offene Tür gestattet den Einblick in einen Wagen, der sauber wie ein Schmuckkasten ist. eine winzige, weißlackierte Kochmaschine, gut gepflegte Möbel und Bilder an den Wänden hat. Kein Mensch könnte sich ein behaglicheres fahrbares Heim wünschen. Hinter dem Fenster eines anderen Wagens sieht man sogar einen vergoldeten Salonstuhl, wie er vor dreißig Jahren der Stolz eines jeden Photographen war. Endlich kommt unser Freund; auch sein Wagen steht hier, aber der ist nicht von den repräsentativsten, und die anderen weigern sich weiterhin energisch,„sich zum Pojaz machen zu lassen", wie uns jetzt deutsch und deutlich erklärt wird. Auch auf dem benachbarten Platz wird unser Ansinnen ab- gelehnt, trotzdem bleibt man höflich und gutlaunig zu uns zu- dringlichen Menschen. Aber hier sehen wir wirklich etwas Fabel- Haftes: Hier stehen drei Wagen im Bau, die sich die Zigeuner selbst bauen. Eine so solide, saubere Arbeit, wie sie kein Wagner besser leisten könnte! Mit Messingschrauben sind die schmalen Bretter verschraubt, aus denen die Wagen gefügt sind. Der eine ist fertig, so daß sein Besitzer jetzt an die Herstellung der Inneneinrichtung geht. Di« Wände sind innen mit Sperrholz furniert, und eine Glastür trennt den viereinhalb Meter langen Wagen in zwei Teile. Und der kleinere wird zum Salon eingerichtet! Ein Schrank aus Maha- goni ist eingebaut— und auch ein— Toilettentisch soder soll das ein winziger Damenschreibtisch sein?) steht schon im Salon. Auch die Möbel sind vom Besitzer selbst gefertigt, so schön und sauber, wie es kein Tischler besser könnte! Auf demselben Platz steht in einer Wohnlaube eine Saloneinrichtung— auch sie durchaus sauber gehalten. Und alle Männer, denen wir begegnen, machen einen durchaus gepflegten, in der Kleidung sogar manchmal etwas koketten Eindruck... unsere Vorstellungen von Zigeunern und Zigeunerleben kriegen einen hörbaren Zknax. Schon eins fiel auf: So viele Kinder auch auf dem anderen Lagerplatz herum- wimmelten— keines hat uns angebettelt, trotzdem wir doch den Kindern unseres Freundes und Führers Schokolad« mitgebracht hatten! Und keine der Frauen hatte uns wahrsagen wollen... Verbüraerl'cht. Endlich sitzen wir mst unserem Freunde im Borgarten eines kleinen Restaurants. Und er erzählt; er ist Musiker, dreißig Jahre alt und schon sechsfacher Familienvater!„Wenn so viele Kinder sind, kann man den Wagen nicht immer so schön haben," bemerkt er entschuldigend, denn er hat wohl gemerkt, wie fabelhaft uns die Paradewagen imponiert haben. Nein, sechs Kinder, für die drei Betten zur Verfügung stehen und nur wenige Quadratmeter Wohnraum— auch in der Wohnung eines anderen Proletariers sähe es dann nicht immer geleckt sauber aus— um so mehr, wenn die Hausfrau fast den ganzen Tag unterwegs ist; denn die Arbeitslosenunterstützung reicht nicht zu. da muß die Frau durch Handel mit Annaberger Spitzen einige Pfennige dazu- verdienen. Und so sind die meisten Frauen den ganzen Tag über abwesend. denn es find nur zu viele arbeitslos. Dann gehen sie eben st e m- pelu wie andere Arbeitslose. Was sie arbeiten? Musiker sind sie, Jnstrumcntenbauer; einige arbeiten auch in den Fabriken als Lackierer und Schleifer, andere find Händler und Schausteller. Die zahlen richtig ihre Gewerbe- st euer und alle anderen Abgaben. Man legt Wert daraus, fest- zustellen, daß man gar nicht„anders als die anderen" ist. Man ist fabelhaft bürgerlich, und unser Gewährsmann betont, daß er nicht nur standesamtlich, sondern auch kirchlich verheiratet sei. Kirchlich?— Jawohl, denn man ist katholisch, fromm katholisch, bitte sehr, in den meisten Fällen. Freitags gibt's kein Fleisch, und als ich bei der Schwiegermutter unseres Freundes im Wagen sitze, sehe ich in ihrem„Heiligenwinkel" nicht weniger als drei Ma- donnen, darunter die silberne Statue der Madonna von Lourdes, und alle vierzehn heiligen Nothelferl Die katholische Kirche kümmert sich auch um diese ihr« Leute. Das Kirchenblatt kommt hier hin und die Fürjorgeschwestern der katholischen Verbände... Uns«r Gewährsnicun meint:„Mitte neunzehn habe ich mein« Frau kennest gelernt; und dann war bald was unterwges— da habe ich geheiratet, weil ich ordentliche Kinder haben will, über die kein anderer was zu sagen hat.. und ich schäme mich recht herzhaft, wenn ich an viel« Alimentenklagen denke, die ich mit angehört habe; das waren keine Zigeuner... ySiisP I y r-few Kinderlieb ist er: das merke ich an der Art, wie er mit dem Kleinsten umgeht, nach seinen Zähnchen fühlt und in Abwesen- heit seiner Frau für die ganze Gesellschaft sorgt. Ich erzähle, wie ich als kleines Kind mit dem Zigeunerhauptmann Petermann grau- lich gemacht worden bin: Der sollte die kleinen Kinder mitnehmen... „Wir brauchen wirklich keine— wir haben selber genug; aber keins möchte man vermissen..." Sechs lebende hat er; das siebente ist tot... Ueberfünfzig Kinder krabbeln allein auf diesem kleinen Lagerplatz von 10 bis 12 Wagen herum! An ihnen sieht man so recht, welche Wandlung hier innerhalb weniger Jahre stattgefunden hat. Viel Blondköpfe sind unter ihnen; ein Mädel mit stroh- blondem Haar und blauen Augen würde wahrhaftig besser in eine pommersche Tagelöhnerfamilie als in einen Zigeunerwagen passen! Alle besuchen sie die hiesigen Schulen, mit normalem Erfolg: und von ihren Großeltern können die wenigsten lesen und schreiben.. Die Schaustellerkinder sind hier wie überall am unregelmäßigsten beim Schulbesuch. Andere besuchen schon fünf Jahre und länger dieselbe Berliner Gemeindeschule: mit ihren anderen Schulkameraden vertragen sie sich sehr gut, man besucht sich in Wohnung und Wohn- wagen, und einige der hübschen schwarzen Kerlchen scheinen der „Verzug" mancher Familien der Umgegend zu sein. Man grüßt sich gegenseitig... der Zigeuner ist„einrangiert" in die Gesellschaft. Beim Militär waren einzelne Chargen... so das Ober- Haupt dieser Kolonie, der es bis zum Feldwebel gebracht hat, ein älterer Mann mit schönem, markantem Profil, der eben, als wir ihn ansprechen, sein Rad putzt, daß es in der Sonne nur so leuchtet. Er ist nicht der„Stammeshäuptling" alten Stils, eher eine Art von Dorfschulze dieser kleinen Gemeinde. Die Männer scheinen sich alle gut miteinander zu stehen— der Streit wird meist von der holden Weiblichkeit begonnen und nimmt manchmal wilde Formen an. Aber dann macht man die Tür im Zaun zu. Man schätzt die Einmischung der Außenwelt durch- aus nicht... Rückstände. Natürlich, eine solche Umwandlung im Zeitraum einer Gene- ration kann nicht stattfinden, ohne daß doch noch einige Rückstände bleiben. Aber der fremde Besucher merkt wenig davon. Nicht mein Gewährsmann, eine Genossin, die oftmals schon von Zigeunern zur Entbindung gerufen wurde, erzählte mir: Die Gebärende darf nicht im Wohnwagen bleiben; sie wird in einen völlig leeren Schuppen geschafft, denn sie ist„unrein": unrein ist, unrein wird alles, was mit ihr in Berührung kommt. Ein dürftiges Lager hat sie auf der Erde, nicht einmal für die Hebamme wird ein Stuhl hereingestellt, wenn sie ihn nicht verlangt. Als ich unseren Freund um diese Dmge frage, will er mit der Sprache nicht heraus, gibt aber endlich zu:„Wir haben noch solche Bräuche, die wird man nicht abschaffen können, solange die Alten leben..." Aber seine eigene Frau ging zu ihrer letzten, sehr schwierigen Entbindung schon einfach ins Kranken- haus... Gleich um die Ecke ist noch eindritterLager- platz. Aber welch airderes Bild bietet der! Hier stehen ungarische Zigeuner. Nahe dem Eingang qualmt ein Haufen Unrat, den ein Mann in mittleren Iahren mit grauer„Melone" und Sportanzug immer wieder mit einer Mistgabel umdreht. Zwei Wohnwagen und eine Art von Kremser stehen hier. Klein und verwahrlost die Wohnwagen, der offen« enthält eine Kochmaschine und ein Bett. Als wir uns zeigen, kommt gleich die Seniorin zum Vorschein; alle Frauen begrüßen mich durch Handschlag, die alte Dame führt mich gleich hinter den Wagen, um mir aus der Hand ein« verboten lange Lebensdauer und eine Unmenge Glück zu prophezeien. Sicher- heitshalber verfertigt sie mir dann noch aus einem Stück ihrer Kleidung ein Amulett, mit dessen Hilfe ich das Glück dauernd an mich fesseln soll. Daraus'„Nu gib sich Geld auf die Hand— ein bissel gresser, bissel gresser—." Erst als ich zeige, daß das Markstück wahrhastig die einzige Silbermünze in meinem Portemonnaie war. gibt sie sich zufrieden. Hier will man sich schon photographieren lassen, scheint aber von dem Wert der Bilder und der eigenen Schönheit eine geradezu phantastische Vorstellung zu haben: Mit der Forderung von fünf- zig Mark für die Aufnahme fängt man an, um schließlich auf 10 Mark herunterzugehen!„Sag ihm, soll er geben, dein Mann, werdet ihr verdienen viel Geld mit scheener Bild..." Und ver- lockend drapiert sich die alte Dame ein giftgrünseidenes Tuch um das Haar. In einem Ohr hängt ihr eine Riesenperle vom Masken- putz eines„Maharadschah", an einem Zipfel des Tuches hängt eine silberne Münze mit einem Madonnenbild, aus die sie mich besonders hingewiesen hat:„Denn kanst du mir glauben, bin ich eine alte katholische Mutter..." In der Wagentür steht ein schönes Mädchen mit langen„Stock- locken" und einem dunklen Cröpe-de-Chine-Kleid und unsagbar schiefen„Luxusschuhen". An allen Fenstern der Wagen tauchen Kinderköpfe aus. Die Leute hier sind Pferdehändler, auch sie katholisch, auch sie offiziell seßhaft gemacht. Der Wagen trägt als Heimats- ort einen pommerschen Ortsnamen. Aber welcher Unterschied zwischen ihnen und unseren anderen Bekannten! Gewiß: es mag auch hier einige Rückstände geben, über die man uns nicht gern ohne weiteres Auskunft geben wird. Aber im großen und ganzen unterscheidet den deutschen Zigeuner heute nichts mehr von anderen Menschen, die der gleichen ökonomischen Schicht angehären. Und wenn er einige kleine Leidenschaften hat, über die er nicht mit jedem spricht— der Angler, der noch nie in fremden Gewässern ohne „Karte" gefischt hat, soll sich mal melden! Und ich kannte Leute, die stellten Schlingen und frettierten und waren durchaus keine Zigeuner, sondern nur Proleten, die eine kleine Fleischbeisteuer für Mutters Kochtopf ganz gut gebrauchen konnten.. Rose Evalci. Äiij, J (15. Fortsetzung.) Was haben diese nach Freiheit sich sehnenden Menschen denn auch sonst vom Leben? Immer im Rausch zu sein, ist ihnen der Inbegriff aller Glückseligkeit. Sie sehen das Häßliche im Leben nie mit klaren Augen, sondern immer im Rauschzustand wie durch einen Schleier. Sie wollen nicht sehen, wie man mit Fingern auf sie zeigt. Sie wollen nicht sehen, wie man ihnen schon von weitem aus dem Wege geht. Sie wollen die verächtlichen Blicke nicht sehen. Sie wollen nicht hören, daß man ihnen sagt, ein junger Mensch wie Sie könnt« doch arbeiten, schämen Sie sich nicht, betteln zu geh'n? Deshalb ist ihnen am wohlsten, wenn sie sich immer in einem Zustand befinden, der sie über die WirNichkeit hinwegtäuscht. Des- hatb wird jeder Pfennig in Alkohol angelegt. Sein Essen erbettelt man. Das Geld jagt man durch die Kehle. So denken fast olle, die vagabundierend im Lande umherziehen. Ich lerne den Bettelbaron kennen. Nach ungefähr acht Tagen kam ich in die Stadt Rößet in Ost- preußen..Als ich in die Herberge trat, bot sich mir«in Bild, wie ich es noch nie gesehen. Man glaubte ein Zigeunerlager vor sich zu haben. Fünf bis sechs Weiber und noch mehr Kunden standen und lagen zwanglos umher. Ein junges Frauenzimmer von ungefähr zwanzig Iahren spielte mit einem Kinde, das auf dem Tische stand. Sie hatte das Kind, das nichts als ein schmutziges, zerrissenes Hemd anhatte, unter die Aermchen gefaßt und ließ es auf dem Tisch herumtanzen. Bei meinem Eintritt kam sie mit dem Ruf«:.Letzt kommt mein Schatz!" auf mich zugeflogen. Das Kind fiel um und fing gotts- jämmerlich zu schreien an. Eine zweite Schickse, die Mutter offenbar, nahm es und legt« es an ihre Brust. „Nur nicht so stürmisch!" wehrte ich ab. „Was is denn dot für ein seiner Kunde?" höhnte das Frauen- zimmer und sah mich von oben bis unten an.„Das is een ganz feiner, der will mit Glasees angefaßt sein." Ich trat, wie es üblich war, an den Tisch, schlug mit der Hand auf und sagte den Gruß:.„Kenn Kunde!" Alle Anwesenden taten Vasselbe und aus ollen Kehlen rief es: „Kenn Kunde!" Da hörte ich wieder die Frauenstimme: ,.Dat is mir och noch nichl vorgekommen, bat een Kunde die ruisifche Grete von sich stößt." Ich drehte mich um und lachte:„Sei man ruhig. Grete du bist mir an meinem Herzen immer willkommen. Aber ich konnte doch nicht wissen, ob du nicht einen Schecks hast."„Wat Schecks?" Grete kam mil einer gefüllten Branntweinflasche auf mich zu.„Scheeks meenste? Die russische Grete geht nicht mit jedem, die sucht sich ihren Schatz selber. Da, trink mal!" Aus der äußersten Ecke rief«ine Stimm«, die mir bekannt vor- kam:„Da hat Grete recht, sie sucht sich ihren Schatz immer selber!" und der Inhaber der Stimme kam auf mich zu und reichte mir die Hand. Er> war barfuß, ohne Kopfbedeckung und hatte über einen Arm einen langen Reitstiefel gezogen, den er gerade putzte. Ich erkannte ihn auf den ersten Blick. Es war der Herr Inspektor aus dem Gasthof zum grünen Kranze.„Alberl Wolters?" fragte ich. „Hast gut geraten," lachte der Kunde.„Wir sprechen nachher, ich muß mich erst in Gala werfen. Halte dich man so lange an die russische Grete, wen die sich erkürt, der hat es gut." Grete lachte mich an und nun sah ich erst, daß sie«in ganz niedliches Mädel war. Wir setzten uns auf eine Bank.„Willst mit mir tippeln?" stieß sie mich von der Seite an.„Brauchst nicht zu fechten, ich bringe mehr als wir brauchen." Da hast du aber Glück!" meckerte eine zweite Schickse auf.„Die russische Grete ist eine Studentin der Liebe!" „Wo host du denn studiert," fragt« ich. „In einem Petersburger Bordell," lachte sie,„kannst von mir noch was lernen!7 Während sie mir von sich erzählte, fand ich Muße, die Kunden und Schicksen näher zu betrachten. Grete war die Jüngste. Sie war nicht gerade hübsch, denn ihre Gesichtszüge waren für ihr Alter schon ein bißchen verlebt. Sie war aber ein ganz intelligentes Mädel, blond und schlank, und ihr« Gesichtszüge bekamen«inen netten Ausdruck, wenn sie lachte. Drüben in der Ecke saß Albert Wolters und putzte seine langen Stiefel, neben ihm saß seine Plane, eine vertrocknete Ziege. Sie sah aus wie eine ausgepreßte Zitron«. Augenblicklich nähte sie ihren Rock und hantierte fleißig niit Nadel und Zwirn. Eine gute Eigenschaft hotte sie, sie trank wenig. Die russische Grete dafür aber desto mehr. Ein altes Weib, deren Gesicht vom vielen Trinken rot aufgedunsen war, stimmte ihre zerbeulte Gitarre. Ihr Scheeks. ein alter Stromer, lag auf der Bank und kniff ihr ab und zu ins Bein, was sie nicht leiden wollte. Sic schlug ihm schließlich mit der Gitarre über die Pfote. Da legte er sich auf die andere Seite. Dann war da noch eine jüngere Tippelschickse mit einem Kinde, mit dem die russische Grete bei meinem Eintritt gespielt hatte. Sie schien mir recht blöde, mochte ungefähr dreißig Jahre zählen und hatte dos Kind bei Vater Arndt auf der Winde entbunden. Vater Arndt hieß der Leiter der Arbeils- und Landarmenanstalt in Labiau. Winde wurde das Arbeitshaus gerginnt. S}ln diese Person hatten sich die übrigen noch unbeweibten Kunden geklammert und schäkerten mit ihr. Außerdem zierten noch verschiedene weib- liche Gestalten mit ihren männl'chen Begleitern die Penne. Di« Kunden, die sich um das Weibsbild mit dem Kind gelagert hotten, sahen mich mit scheelen Augen an, weil sich die russische Grete mir, wie sie annahmen, dem Aeffchen. zugewandt hatte. War ich doch erst Mitte der Zwanziger. Aber wie lange ich schon tippelte, davon hatte natürlich keiner eine Ahnung, eben so wenig, daß ich alle ihr« Schliche-bereits kannte. Nach einer Weile kam Albert Wolters aus seiner Ecke heraus, bestellte einen Liter Branntwein und trank mir als erstem zu. Nach- d-m auch Grete oetrunken, macht« die Flasche bei den anderen die 'SUinde. Es wurde ausgiebig getrunken, Scherze erzählt, gelacht und geraucht. Der Bagabundenbaron setzte sich neben mich und wir kamen ins Gespräch über die Sache mit dem Reitpferd. .Last du denn keine Manschetten von wegen der Polente," fragte ich. „Das macht mir keine Kopfschmerzen. Die Juden haben mehr Angst wie ich, wenn es heißt vor Gericht gehen. Aber nichts ver- xfetsien!" Als die Flasche geleert war, ließ Albert noch ein« kommen und ging zu seiner Mari« zurück. Daß Albert Wolters sich mit mir so freundschaftlich unterhielt, mochte auf die alten Kunden«inen großen Eindruck. Grete, die überglücklich war, in mir einen Schatz nach ihrs'm Geschmack ge- funden zu haben, erzählte mir näheres über Albert Wolters. Er war, wie es hieß, der zweite Sohn eines sehr reichen Mühlenbesitzers in Braunschweig. Al» beide Eltern starben und sein Bruder, mit dem er sich nicht vertragen konnte, die Mühl« erbte, ging er in die Welt und auf die Walz«. Von seinem Kapital bekam er ollmonatlich di« Zinsen durch seine Schwester zugeschickt. Was an dieser Sache wahr ist, weiß ich nicht. Er selbst sprach niemals darüber, hatte aber seine Brieftasche voller Geldbriefumschläge, die an ihn adressiert waren. Wurde er von einem Gendarm ange- halten und nach Reisegeld gefragt, so hatte er nur nötig, die Geld- briefumschläge zu zeigen und man ließ ihn ungehindert laufen. Im übrigen verlegte er sich darauf, in den Städten die Kaufleut« heim- zusuchen, indem er sich als stellungslosen Kaufmann ausgab. Auf dem Lande grast« er die Güier als stellungsloser Gutsinspektor ab. Mitunter gab er sich mit seiner Marie auch als Ueberfchwemmter oder Abgebrannter aus. Jung und leichtsinnig wie ich war, wollte ich die Gelegenheit, die sich mir bot, auskosten. Ohne einem etwas davon zu sagen, ging ich auf die Fahrt, d. h. ich ging fechten. Da ich noch anständig in Kluft, groß und schlank gewachsen war, auch ein gesundes, blühendes Aussehen hatte, hatte ich überall Glück. Nicht nur Geld, sondern auch Essen und Trinken wurde mir mit solcher Freude angeboten, daß ich selbst ganz erstaunt darüber war. So erschien ich denn nach ungefähr zwei Stunden wieder im Kreise der Herbergsgesellschaft. Grete hatte schon blutige Tränen geweint. Sie war fest davon überzeugt, daß ich sie oersetzt hätte. Aber auch Albert Wolters, der Vagabundenbaron, war in Schwulitäten. Wir kannten uns beide nicht, war es da«in Wunder, daß er annahm, ich würde mich mit der Polente in Verbindung setzen und ihn verpfeifen? Desto größer war die Ueberrafchung, als ich allein und ohne Polente wiederkehrte und Kasse machte. Was ich in meinen Taschen hatte an Lorchen*). Granit**) und anderen Lebensmitteln, packte ich vor mir auf den Tisch aus. Grete wurde von allen Seiten beglückwünscht. Sie selbst umarmte mich ein über das andere Mal und versicherte mir, daß sie furchtbare Angst um mich ausgestanden hätte. Sllbert kam zu mir, reicht« mir die Hand und erklärt«,„du bist«in zünftiger Kunde." Die Bewunderung, die man mir allgemein zollte, war wohl zu oerstehen, denn wenn ein alter Fechtbruder das Städtchen abtalfte, so bracht« er kaum den vierten Teil dessen zusammen, was ich«in- geheimst hatte. Außer den Lebensmitteln kramte ich noch einige Hände voll Silber» und Kupfergeld hervor und war so satt gegessen, daß ich meiner Grete versicherte, heute nichts mehr esien zu können, was diese veranlaßte, mich ihre Liebe von neuem fühlen zu lassen. Nun wurde ordentlich gelebt, getrunken, geraucht, Schnurren und Schwänke erzählt. Die alte Schickse hatte ihre Gitarre fertig gestimmt und mußte zum allgemeinen Gesang begleiten. Sie war aber bereits so fett, daß sie die Saiten nicht mehr fand. Als es Zeit war, schlafen zu gehen, bracht« der Penneboost den *) Brötchen. Wurst. Rauscher herein und jeder erhielt ein« Schütte Stroh und dw Pärchen machten sich ein Lager für die Nacht zurecht. Jedes Pärchen natürlich gesondert, damit keine Verwechslungen vorkommen tonnten. Die Kunden, die keine Krone hatten, bekamen ihr Lager gesondert an einer Wand und lagen der Reihe nach wie die Bück- linge im Kasten. Ein alter Stromer, der mit seiner noch älteren Schickse selig in einer Ecke lag und als Schlummertrunt noch den letzten Zug aus seiner Flasche tat, sang, indem er seine Eheliebste umhalste, mit krächzender Stimme:„Ich und mein altes Weib liegen aus Stroh, spickt uns kein« Feder in'n...., beißt uns kein Floh." Der Herbergsvater überzeugte sich, ob sich auch alle sein« Kinder gut mit- einander vertrugen, wünschte«in« gute Nacht und verschwand ebenso lautlos ml« er gekommen war. Wir plündern ein Dorf. Am anderen Morgen früh erschien der Herbergsvater wiebee und ermuntert« seine Kinder zum Ausstehen: „Aufftehn! Aufstehn! Der Kaffee ist fertig! - Das Wetter ist schön! Kein Putz ist zu sehnl Es ist Zeit zum fechten gehn!" Nachdem die Penne reingemacht, da» Stroh herausgeschafft, aus- gekehrt und frischer Sand gestreut war, ging man an di« Tollett«. Man wusch sich am Brunnen, trocknet« sich am Taschentuch oder am Hemd ab, und borgte sich Seife, wenn man kein« hatte, oder auch nicht., Auch hier gibt es Unterschiede, wie überall im menschlichen Leben. Grete ließ sich vom Herbergsvater Waschschüssel, Seif« und Handtuch geben, denn wir, Albert, seine Marie, Grete und ich zählten zu den Honoratioren unter dieser Bettelbagasche. Wir waren noch am nobelsten in Kluft, ließen auch das meiste Geld da und er- hoben daher auch Anspruch auf bevorzugte Behandlung. Nach dem Kafseetrinken sagt« Albert zu mir:„Ich habe mir die Sache überlegt. Wir wollen ein Kaff als Abgebrannt« abtalfen. Da sollst du und Grete mitmachen." Grete sprang vor Freude hoch und lacht«:„Das Kaff kenne ich. Die Kaffern schlucken alle!" „Zünftige Kassioe werden wir nachher sackeln," meinte Albert, „der Buchbinder sackelt ja eine feine Kaue: aber erst wollen wir unseren Schukelmei schmoren. Marie, gib noch'n paar Lorch«n her!" Die Sache war so gedacht. Albert und seine Marie waren die Eheleute, Grete und ich Tochter und Sohn. Um mehr herauszu- schlagen, wollten wir uns als frühere Hosbesitzer ausgeben, denen das unversicherte Gehöft abgebrannt war. Einen falschen Zinken besaß Albert. Grete holte einen Bogen Papier. Tinte und Feder wurde vom Penneboost entliehen, und nun mußte ich nach Mbens Diktat ein Dokument aufsetzen, laut welchem uns von der Polizei- Verwaltung eine» Ortes bestätigt wurde, daß der Besitzer Albert Wolters und sein« Familie durch Feuersbrunst vollständig verarmt und auf die Mildtätigkeit ihrer Mitmenschen angewiesen seien. Alle Orte- und Gemeindebehörden, sowie alle Hofbesitzer würden ersucht, die Familie tatkräftig zu unterstützen. Darunter wurde die polizei- liche Beglaubigung gesetzt, versehen mit einem verschnörkelten, un- leserlichen Namenszug und dem falschen Polizeizinken. Es war ein Dörfchen von ungefähr dreißig stattlichen Bauern- gchöftcn, in das wir vormittags in der eisten Stunde einrückten. Unser erster Weg führt« uns zum Krug. Hier wurde Mut und Courage zu dem neuen Beginnen getrunken. Wir ließen«in gurcs Stück Geld draufgchen, um den Wirt de» Kruges gesprächig zu machen. Durch ihn erfuhren wir, daß der Gendarm erst vergangene Woche au» der Stadt hicrgewesen sei und alle vier Wochen den Ort wieder besuche. Wetter wollten wir nicht« wissen, das andere ergab sich von selbst. Albert, Marie und Grete zogen al» Mann, Frau und Tochter los, während ich al» Sohn im Krug zurückblieb und sondierte, um im Fall einer unvorhergesehenen Gefahr zu alarmieren. Zuerst sollte natürlich der Ortsschuize aufgesucht und dieser für das Vorhaben gewonnen werden. Es war bereits drei Uhr nachmittag» und ich wurde schon unruhig, als plötzlich Grete freudestrahlend er- schien und mich herauswinkte.(Forts, folgt.) Ifät seh Ecke des„Abend". Rösselsprung. Silbenrätsel. bor de de« e ge gla i kow kun le le ment ne rasch ris se sur tat ur.— Aus vorstehenden 20 Silben sind 8 Wörter zu bilden, deren Ansangsbuchstaben von oben nach untern, deren End- buchstaben xkm rmten noch oben gelesen einen Wunsch für die Ferien ergeben. 1. Ueberzug: 2. Dokument: 3. Englischer Kriegsheld um 1400: 4. Grundstoff: S. Griechisch« Mondgöttin: 6. Kreisstadt im früheren Regierungsbezirk Posen: 7. Apostel: 8. Blume. mb. Chemie und Geographie. Ich bringe dir den Schlaf zur Nacht, Wenn Lebenqual dich schlaflos macht. Trennst du das Haupt vom Rumpfe mir, Erschein« ich als Hauptstadt dir. kr. Zahlenrätsel. 8 9 6 2 10 9 5 Statt der Zahlen sind Buchstaben zu setzen. Die erste Wage- rechte ist gleich der ersten Senkrechten. Die Wörter bedeuten: 1. Was wir an den Feiertagen machen: 2. Dramengestalt von Goethe: 3. Anstalt: 4. deutsches Land: 5. gefährliche Substanz: 6. Lederart: 7. Taufzeuge; 8. Männername: 9. Reiter: 10. Fisch: 11. Gewässer: 12. soviel wie heiter; 13. Stadt in Westfalen: 14. Zugtier. pz. Zweierlei. Mit„M" ein Wahlspruch, mit„L" ein Spiel, Zwar alt, doch spielt's man heute noch viel. (Auflösung der Rätsel nächsten Mittwoch.) kr. Auflösung der Rätsel aus voriger Rummer. Rösselsprung: Wo Edles und Gemeines sich bekriegen. Wird nur zu häufig das Gemeine siegen, Weil ihm das schlccht'ste Mittel nicht zu schlecht ist, Sein Ziel der Vorteil nur und nicht das Recht ist. Friedrich v. Bodenstedt. Silbenrätsel: 1. Moritz: 2. Island: 3. Rhone: 4 dien: 5. Sat>n: 6. Talmi: 7. Wüterich: 8. Orlow: 9. hars«: 10. to.e- lei; 11. Iltis: 12. Moses: 13. Hose: 14. Oravi: 15. Eden: 16 Chorist: 17. Silur; 18. Tante; 19. Efeu: 20. Ras«: 21. Seelachs: 22. chaotisch: 23. Mode: 24. Eber: 25. Residenz.—„Mir ist wohl im höchsten Schmerz, denn ich weiß ein treues Herz." Füllrätsel: 1. Indigoblau; 2. Lindenbaum: 3. Spindcntür: 4. Strindberg: 5. Westindien: 6. Holzminden: 7. Wagenwinde: 8. Südostwind. Verwandlung: Der zuzusetzende. Wortteil ist �lle*« Nr. 229 46. Jahrgang ß&iOurarbettz Sonnabend 18. Mai 1929 Äls Arbeiter auf �Reifen. Reisen— das war bisher ausschtt-hlich das Privileg der Leute gewesen, die Zeit. Geld und Bildung besitzen. Wenn einer aus der Arbeiterklasse den Drang nach derFern« unbezwing» lich in sich fühlte, dann blieb ihm nur die Walze, deren„romanti- sche" Erlebnisse meist mit viel Demütigungen und Entbehrungen erkauft werden mußten und die die Elastizität ungebundener Jugend voraussetzte. War er verheiratet und bodenständig geworben, dann siel hinter ihm endgültig das Tor zur weiten Welt ins Schloß, weil ihm selbst zu der bescheidensten Ferienreise allein schon die Ferien fehlten und Schilderungen von fernen Ländern und Meeren und fremden Reiseabenteuern mußten das eigen« Erleben ersetzen. Sobald sich jedoch die Arbeiterschaft ein paar Urlaubstage im Jahre erkäinpst hatte, setzten auch die Bestrebungen ein, diese Freizeit zu g« st alten und kulturell auszubeuten. Das reiselustige Bürgertum hatte längst seine Reiseorganisatwnen, von denen die des Engländers Cook die größte und ausgedehnteste ist. Die Art und finanzielle Gestaltung ihrer Reisen sind aus- schließlich auf ein gutbürgerliches Publikum zugeschnitten. Für den kleinen Angestellten und Arbeiter galt es, eine ihm gemäße Reise- kulwr in eigenen Reiseorganisationen zu entwickeln, die in den reisesreudigen Ländern im Anschluß an die Arbeiterbildungs- zentralen entstanden. Auch das Reisen muß gelernt sein, die Reiselust geweckt werden. Der von den Bildungseinrichtungen und gesellschaftlichen. Verbindungen abgeschlosiene Proletarier, der kein« Sprachkenntniss« und wenig Wissen um fremde Landschaften und ihre Bewohner hat, dem kein Bankkonto das Selbstbewußtsein stärkt und die Wege ebnet, hat die Beratung durch erfahrene Führer und die gegenseitige Hilfe weit mehr nötig als der durch Erziehung und Besitz bevorzugte, weltgewandter« Bürger. In den Arb« iter» R e ife o rg anifa t i o nen findet er nicht allein den Anschluß an Gesinmmgs- und Schicksalsgenossen, nicht nur instruktwe Führung und Vesorgtsein um fein leibliches Wohl, son- dorn auch das Bestreben, die Reisen nicht nur als Angelegenheit trivialen Dergnügungsbedürfnisses aufzufasien, sondern über den Erholungszweck hinaus ernsthafte Wissensbercichevung zu schaffen. Die Gesellschaftsreifen der organisierten Arbeiterschaft sind Studienreisen, die sowohl zu den offiziellen Sehenswürdigkeiten einer Stadt oder eines Landes führen, wie zu den Stätten der Arbeit, zu den Volks- und Gewerkschaftshäusern, zu den Bruderorganisationen, zu deren Vertretern sie die persönliche Verbindung aufnehmen. Es ist eine bittere Ironie proletarischen Schicksals, daß der von der internationalen Verbrüderung der Völker träumende, kosmopolitisch denkend« Sozialist durch die Enge und Armseligkeit seiner Verhältnisse am wenigsten die Eigenartz aber auch die klasienmäßige Gleichartigkeit anderer Nationen erlebt, daß er weit seltener mit seinen ausländischen Klassengenosien in freund- sckaftliche Berührung kommt, als der Reich«, der an den schönsten Punkten der Welt längst seine International« des Lebensgenusies gefunden hat. Die Arbeiter-Reiseorganisationen machen es auch dem Reise- unkundigsten leicht und bequem, ebenso die Naturschönheiten und Kunstschätze der Heimat kennen zu lernen wie die entferntesten Stätten und Gefilde, an die er nur in einer vagen, uneingestan- denen Sehnsucht gedacht hat. Paris und London sind genau so wenig unerreichbar, wie die entzückenden Südschweizer Seen, die Badeorte Dalmattens und sogar die Küste des dunklen Erdteils. Und immer kühner, immer begehrlicher wird das Verlangen nach der ungeheuren Weite der Weit: auch die groß« Pfütze schreckt nicht mehr und die neue Welt ist eins der nächsten Reiseziele. Die englische„W orker Travel Association Limited' in London hat der englischen Tradition gesellschaft- licher Reisen entsprechend den reichhaltigsten Prospekt. Außer für Gruppenreifen ist die Asiociatton, wie jedes Reisebureau, zugleich Beiatungs- und Vermittlungsstelle für individuelle Reiseunter- nehmungen. Ihre Zeitschrift ist„The Travel Log". In der tschechoslowakischen Republik besteht die„Uro", Urlaubs- reilen-Organisation, Bodenbach, mit der Zeitschrift„Der Aufstieg", und die österreichischan Genossen haben das„Studien-Reisekomstee", Wieb, das als Zeitschrift„In die weite Welt' herausgibt, während die Belgier eine kleinere Organisation in„Poposcum". Brüssel, haben. Die entsprechende deutsche Stell« ist der„Reichs- ousschuß für sozialistische B i ld u n g s a rb ei t'. Berlin. der in den„Reiseblättern' Berichte und Illustrationen von seinen Unternehmungen veröffentlicht. Neben den in den Prospekten vor- geschlagenen Gesellschaftsreisen werden auch längere Ferienaufenthalte vermittelt, ein« Einrichtung, die Er- holungsbedürfttgen Rechnung trägt, die geruhsam« Ferien den ab- wechslungsreicheren, aber auch anstrengenden Studienreisen vorziehen. So hat der Reichsausschuß seit diesem Jahr Ferienaufenthalte in Krimml im Pinzgau(Ostalpen) und in Tesserete bei Lugano(Süd- schweig) eingeführt und außerdem sein Programm durch gut vor- bereitete kurze Studienreisen nach der Reichshauptstadt, die jeder Deutsche einmal kennen lernen sollte, ergänzt. In Deutschland gibt es noch lokale Rei s e- O r g a n i- s a t i o n e n in Hamburg(Verkehrsverein), Bremen(Volksreise- bureau), die vor allem auch der Beratung der Arbeiterschaft bei Ueberseereisen und Auswanderung dienen, sowie in Leipzig '(früher Arbeiter-Bildungsinstitut). Die wachsenden und be- geisterten Gemeinden der Arbcster-Reiseorganisattonen beweisen am besten die Dorteile und Erleichterungen, die sie jedem Reisefreudigen gewähren. Durch Reisesparkassen sorgen sie für«in erleichtertes Aufbringen der Mittel. All« zeitraubenden Vorbereitungen werden erledigt(Paß, Hotelbestellung. Billets für alle Verkehrsmittel. Ein- trittskarten für Sehenswürdigkeiten usw.). Fahrpreise und Ber- pflegungssätze durch die Gruppenbeteiligung erheblich verbilligt, womöglich die Fühlungnahme mit ausländischen Genossen her- gestellt. Dadurch ist auch bei kurz bemessener Urlambszest ein kon- zentriertes Auskosten aller Möglichkeiten gegeben. Länder ohne eigentliche Reiseorganisationen haben Vermittlungsstellen ein- gerichtet, die den aus dem Ausland kommenden Gesinnungsfreunden ihre Hisse und Unterstützung bieten, so die polnische Arbeiter- Bildungszentraie, Warschau, die dänische in Kopenhagen, Globus in Budapest. Das Reifen ist ein Teil des kulturellen Lebens, den sich die Arbeiterschaft erst noch erobern muß. Ihre Selbsthilfeorganisationen haben einen überraschend hoffnungsvollen Anfang gemacht. Parallel mit ihrem wirtschaftlichen und politischen Machtstreben inuß die Parole gehen: Jedem Tätigen jedes Jahr eine Urlaubsreise! Marz. Hartig. Zurn erstetmrnl auf �Xeisen! Der Begünstigte, der schon als Kind alljährlich gereist ist und das Reisen überhaupt als angenehme, interessante und selbst- verständliche Zugehörigkeit seines Lebens betrachten darf, vermag gar nicht zu erfassen, welch ein Paradies an Schönhest und reiz- vollem Wechsel demjenigen verschlossen ist, dessen Leben in der dürfttgen Enge und tödlichen Eintönigkeit des an dunkle Hinterhaus- wohnungen und oerruste Industriebetriebe gebundenen proletarischen Schicksals verfließt. Und dieses Ausgeschlossensein von den reinsten Freuden des Lebens, die seelische Not des Volkes ganz zu ver- stehen, muh man das fassungslos« Staunen, die Verzückung und Dankbarkeit von Menschen erlebt haben, die, aus kleinen Verhält- nissen kommend, in vorgerücken Jahren zum erstenmal das Schau- spiel der Unendlichkeit des Meeres oder der himmelstürmenden Berggiganten der Alpen sehen. Auf der ersten Alpenreis« des Leipziger Arbeiter-Biidungs- inftttuts tonnt« man rührend« menschlich« Züge beobachten. Der Anblick der hohen, lchneebedeckten Berge hatte viele der sächsischen Kinder der Eben« so ergriffen, daß sie wie vor einem unfaßbaren und übergroßen Wunder einfach in Tränen ausbrachen. Die Emp- fänglichsten lebten die ganze Reis« über in einer ewigen glücklichen Aufregung, die sie aus der dumpfen Gleichförmigkeit ihres bis- herigen Seins heraushob in hellere, freiere Sphären, in jenes be- seligende Losgelöstsein, das das schönste aller Reiseerlebnisse ist. Am wenigsten konnte sich«in« älter« Genossin beruhigen, die schon im vorhergehenden Jahre auf einer Fahrt nach der Sächssschen Schweiz sich über die Größe der Welt gewundert hatte und nun ganz außer Rand und Band kam, daß sie noch viel viel weiter und großartiger war. Man mußt« sich manchmal wegwenden, um über die Rührung dieser naiven und erlebnisbereiten Seelen nicht selbst zutiefst gerührt zu werden. So war es auch mit der Unbeholfenheit und kindlichen Be- geisterung einer Anzahl von Teilnehmern, die auf einer R i v i« r a- reise mit dem Reichsausschuß in jenen prunkvollen Grandhoteis logiert«, die auf die Bedürfnisse verwöhnter Müßiggänger zuge- schnitten sind und nicht auf die Werktätigen, die unerfahren sind in den Allüren der großen Welt. So waren unser« Reisenden zu- nächst all« etwas erdrückt von der luxuriösen Pracht, die sie bis dahin höchstens auf der Filmleinwand gesehen hatten und näherten sich äußerst respekwoll den marmornen Stufen, reinigten übermäßig sorgfältig ihre Schuhe auf den Abtretern, um nur ja nicht die dicken Teppiche zu beschmutzen, befühlten verstohlen den seidigen Plüsch der Sessel und ließen sich vorsichtig und bedächtig in ihr« weichen Polster nieder. Nur schwer konnten sie ihre Verlegenheit vor den ungewohnten Fischbestecks verbergen und wagten sich erst ans Essen, wenn der Führer, dessen Beispiel aufmerksam beobachtet wurde, begonnen hatte. Na, und so berühmt schmeckten die Lecker- bissen der französischen Küche zunächst gar nicht, man mußte erst langsam auf den Geschmack kommen und hätte viel lieber das ge- wohnt« Bier als die französischen Weine getrunken, von denen man so viel Wesens macht. Aber schon nach drei Tagen wich die an- sängliche Scheu einem leis betonten Selbstbewußtsein, das sich mit demx angenehmen Milieu schnell angefreundet hatte, das man leider viel zu bald wieder verlassen mußte. Einer der Teilnehmer war so überwältigt von den unverhofften Eindrücken der Reife, daß er in seiner strömenden Dankbarkeit dem Führer unweigexlich zehn Franken aufdrängen wollte, während«in anderer nur mit vieler Ueberredung davor zurückzuhalten war, aus lauter Mitleid«in«„arme Baronin' aus Monte Carlo mitzunehmen, die den gutmütigen Sachsen zuletzt um das Zehnfache seiner Bar- schaff anzupumpen versuchte. Ich werde sie nie vergessen, die alt« Genossin in der kümmer- lichen Kellerwohnung, wie pe mir leuchtenden Auges die Ansichts- kartenalbums von ihren Reisen zeigte und mit ihrer leisen Stimme erzählle, daß sie neben ihrer Arbest als Reimnachefrau eines Be- trieb«? noch ein« Aufwartung habe, um sich die jährliche Reise zu- sammenfparen zu können, die der helle Lichtpunkt, das jährliche Fest ihres einsamen Lebens ist.„Ich war viele Jahre verheiratet,' sagte sie und ihre zittrigen Finger glitten zärtlich über die Reise- erinnerungen,„aber jetzt auf meine alten Tage fange ich erst an zu leben." Und da sind welche, die haben drei Jahre lang gespart und entbehrt und Groschen um Groschen zusammengetragen, um einen langgehegten Traum zu erfüllen und einmal auf 14 Tage in den sonnigen Süden fahren zu können! Wird je einer der blasierten. mondänen Globetrotter ermessen, mit wieviel Anstrengungen so ein Werktätiger die Wunder des Reifens erkaufen muß, die er selbst, längst übersättigt, schon gar nicht mehr zu schätzen weiß? 7.- Auf SGusters 5Xappeu. Wer auf Schusters Rappen die Fluren durchtrabt, prüft gern die Genüsse, die er abseits der Landstraßen und Schienenwege, ver- sunken in die Schönhetten eines versteckten Tales oder verträumten Waldwinkels findet. Und gewiß gehört dazu eine gewisse Besinnlich- fest und Gemütstiefe. Doch welcher Wanderer wird nicht auch manchmal von der Sehnsucht nach weiterer Fahrt gepackt? Aus Neugierde, Erlebnisdrang und Wissensdurst. Das Wandern in der Arbeiterschaft zu pflegen hat sich der „Touristenverein Naturfreunde" zum Ziel gesetzt. Nicht bloß weil es den Körper stärkt, vielleicht noch mehr wegen der geistigen und' Gemütswerte, die der liebevolle Umgang mit der Natur jenen ge- währt, die sonst im Lärm der Maschinen, Dunst der Fabriken ar- betten müssen. Diese Vereinigung gehört mit ihrem Wollen, ihren Leistungen und Erfolgen zu den besten Kulturorganisationen der Arbeiterschaft. Di« Grenzen zwischen Wandern und Reisen sind fließend. Und so kamen die Naturfreunde ganz natürlich dazu, auch große Touren zu organisieren, die Landesgrenzen zu überschreiten. Liegt das Hauptgewicht auch auf dem Studium der fremden Natur, so blind ist der aufgeschlossene Naturfreund nicht, daß er nicht auch die Menschenwerke beachtet, die fremden Städte kritisch durchwandert, überall nach Genossen Ausschau haltend, die Spuren sozialistischer Bewegung suchend. Sest 1895 besteht die„Naturfreunde'-Organisatton. Von Wien ist sie ausgegangen, wo auch heute noch ihr« Zentrale sich befindet. Die frühesten gemeinschaftlichen Reisen haben die Naturfreunde ver» anstaltet. Auch heute noch fit die Zahl ihrer Teilnehmer weit größer als die der Reisebureaus. Doch besteht erfreulicherweis« keine feind- liche Konkurrenz zwischen den beiden Einrichtungen, der Charakter ihrer Veranstaltungen ist bei gleichem Gemeinschaftswillen doch zu verschieden voneinander. Im Tourfftenoerein schließen sich die Menschen innerhalb der Arbeiterschaft zusammen, die aus Freude an der Natur das Wandern pflegen wollen, und die außerdem eine Reihe von Veranstaltungen und Einrichtungen treffen, um ihre natur- wissenschaftlichen Kenntnisse zu vertiefen. Dafür machen sie gelegent- lich auch eine weitere Reise. Die eigentlichen Reiseorganisationen wollen dem Arbeiter helfen, West und Menschen zu sehen. Die Reiseabteilung de» Reichsbildungsausschusses plant eine Fahrt nach Tunis und läßt alle Hauptstädte Europas besuchen. Die Natur- freund« organisieren für ihren Krei« in diesem Jahr Touren durch die Tschechoflowaiei und nach Oesterreich. Ihre weiteste Fahrt führt von Berlin in die Alpen. W. B. Arbeiter-Ferieuheuue. Neben den Reife- und Wanderorganisattonen besteht seit längerer Zeit die Ferienheimgenossenschaft„Natur- freunde". Sie verfügt bereit» über dreizehn schön gelegen« Ferien- und Wanderheime in den verschiedensten Gegenden Deutschlands, die das ganze Jahr, auch im Winter, der organisierten Arbeiter- schaff zur Verfügung stehen. Die Pensionspreise sind Verhältnis- mäßig niedrig, so daß damit allen Arbeitern, Angestellten und Be- ainten die Möglichkeit gegeben ist, ihre Ferienzeit im Kreise gleich- gesinnter Menschen zu verleben. Eine Uebersicht über die Heime mit den Aufenthaltsbedingungen ist durch die Geschäftsstelle der Ge- nossenschast in Jena, Marienfttaße 4, zu erhalten. FerieuaustaufG. Nach einer anderen Mechode sucht die„Vereinigung der Freunde internationaler Kleinarbeit' Kenntnis von Land und Leuten zu vermitteln. Sie legt besonderen Wert darauf, daß Sozialisten die Sprache und die M e n s ch e n fremder Länder kennenlernen, um so di« Grundlage wirklicher Jnternationalltät zu schaffen. Besonders nach England und Schottland bestehen bereits mehrfache und sehr erfreuliche Beziehungen. Die Mitglieder finden Gelegenheit, durch privaten Briefwechsel sich in der Sprache de- anderen Landes zu üben. Aber darüber hinaus vermittelt die Ver- «inigung auch in wechselnder Zahl den Ferienaustausch zwischen deutschen und englischen Genossen. In diesem Jahre sind bereits für dreißig Mitglieder wieder Ferienaufenthalte in England vermittell worden, und zwar in befreundeten sozialistischen Fannlien. Dort finden sie entweder ganz freie Unterkunft oder aber solch« zu sehr billigen Preisen. Ei« haben dabei Gelegenheit, im Haus der Freunde sich in der Kenntnis der englischen Sprache zu vervoll- kommnen und finden, da sie bei Gesinnungsgenossen zu Gaste sind, auch die Möglichkeit, sich über die polittschen Verhältnisse des Gastlandes zu informieren. Englisch« Gesinnungsgenossen sind in Deutsch- lang w ähnlicher Wesse untergebracht und betreut worden. Sie linden hier, soweit sie der deusschen Sprache noch nicht genügend mächtig sind, Führung und Stütze in allen Lagen. Die Geschäfts- stelle der„Freunde internationaler Kleinarbeit" ist beim Genossen W. F l o e r k e, Berlin, Kurstr. 32, der gewünschte Auskunft gibt und Beziehungen vermittelt. Di« Vereinigung hat bereits In einer Reihe von deusschen Städten Ortsgruppen und Vertrauensleute, so in Ham- bürg, Magdeburg, Mannheim. Leipzig und anderen. Ihr Organ ist der in zwangloser Folge erscheinende„Pionier"(„Tb- Lioneer"). Die Vereinigung arbeitet Hand in Hand mit der Auslandsstelle des „Verbandes sozialistischer Studierender'. Pfingsten im Arbeitersport. Pfingsten ist schönes Wetter! Das ist für jeden richtigen Sport l«r selbstverständlich. Darin sind sich sogar alle Sparten einig. Also bleibt es dabei. Die kleinen Jungen u-nd Mädchen freuen sich auch schon riesig auf ihre P f i n g st f a h r t. Turner, Wanderer, Sportler haben ihr Rönzel geschnürt, Ruderer, Kanuisten und Faltbootfahrer haben alles blitzblank und startfertig. Viele sind schon seit Freitag unterwegs, um die Feiertage gut ausnützen zu können. Da wind sich keiner die Freude durch ein paar Wolken verderben lassen. Pfingsten ist F« r i e n f e st der Allgemein- heit, die einmal zwei bis drei Tage misspannt, um frei zu sein vom Trubel des Alltags. Im herrlichsten Frühlingsschmuck liegen die Buchenwälder Mecklenburgs, die malerischen Landschaften Thü- ringen-, der Sächsischen Schweiz, und wo das Kleingeld nicht reicht, da tut es auch die märkische Landschaft mit ihren schönen Wäldern und Seen. Wer recht in Freuden wandern will, kann es auch für billiges Geld haben. Neben den Wanderungen ist auch das s p o r t l i ch e P s i n g st- Programm recht reichhaltig. Vielfach werden die Fahrten mit W e t t k ä m p f e n verbunden. An erster Stelle steht das Fußballspiel. Deutsche Mannschaften fahren nach Holland(Haag) zu fest- lichen Veranstaltungen, serner nach Ungarn(Budapest), und auf der Rückreise von hier nimmt eine Delegation am Abe.idsport in Wien teil. Ferner findet ein Fußballänderspiel Deutsch- l a n d— S ch w e i z statt, und zwar am Sonnabend in Karlsruhe, am Montag in Augsburg. Die Berliner warten ebenfalls mit interessanten Spielen auf, deren Besuch sehr empfehlenswert ist. Das Städtespiel Lichtenberg— Burg bei Magdeburg findet Sonntag 16)4 Uhr auf dem Sportplatz Kynaststraße(Lichtenberg) statt.— Gleichfalls am 1. Feiertag ist das Fußballwettspiel Neu- k ö l l n— G roß-Räschen auf dem Sportplatz Neukölln(Platz 6, verlängerte Steinmetzstraße), um 16H Uhr, mit anschließenden! Maienfest in den Passagefestsälen, Bergstr. 1S2.— Germania-Pankow fährt nach Döbern-Forst(Verbandsmeister). Die Handballspieler warten gleichfalls mit harten Kämpfen auf. Auf dem Platz Kissingenstraße(Pankow) sind am 2. Feiertag Spiele der Pankower I mit Küstvin I(15 Uhr), vorher Schüler Pankow— Tegel(13 Uhr) und Frauen Pankow— Tegel(14 Uhr).— Wildau I spielt gegen Fürstenwald« I.— Die Wsddinger der FTGB. gehen mit 5 Mannschaften nach Dessau. Die Tennisspieler haben an beiden Feiertagen ab 9 Uhr im Lichtenberger Stadion Wettkämpfe, und zwar Tennis-Rot gegen Freie Turnerschaft Kottbus. Die Kottbuser sind scharfe Gegner, so daß guter Sport zu erwarten ist. Vom Arbeiler-Alhlelenbund gehen die Kreismeister der Kreise 1, 2, 3, 3a und 4 nach S t e t t i n zur Austragung der Gruppenmeister- schaft im Ringen. Von Berlin fährt der Sportklub Alt-Wed- ding 83 nach Stettin, um am 1. Feiertag gegen Schlesien und Ost- preußen, am Montag gegen die Lausitz und Pommern den spart- lichen Kampf aufzunehmen. Die Berliner vom Freien Seglerverband werden über die Psingstfeiertage in Brandenburg a. d. h. mit 266 Booten bei den „Freien Seglern Brandenburg" zu Gaste sein. Die Boote sind be- reits am Sonnabendvormittag im Schleppzug vom Stößensee ob- transportiert worden. Die Brandenburger haben mit dem neuge- wonnenen„Seglerklub Nordwest" 166 Boote. Bei den Regatten der 366 Boote wind die sozialdemokratische Stadtverwaltung Brandenburgs die Arbeitersportler begrüßen. Die Ruderer sind bereits seit Sonnabend auf großen Fahrten unterwegs. Auch die„Freien Faltbootfahrer Berlin" haben fünf Touren angesetzt, die nach Brandenburg, Rheinsberg-Neuruppin, Dossow-Bandekower Gewässer, Fllrstenberg und Bautzen— Spree— Kottbus gehen. Da der Arbeiterwassersport sich in den letzten Jahren sehr stark entwickelt hat, wird die rote Flagge auf vielen Gewässern zu sehen sein. Die Radfahrer werden mit ihren flinken Stahlrossen und Motor- rädern nicht nur alle schönen Punkte der Mark Brandenburg be- suchen, sondern auch Mecklenburg, Sächsische Schweiz, Anhalt usw. Teilweise findet die Abfahrt bereits Sonnabendnachmittag statt. Die Motorradfahrer haben als Ziel das Schlaubethal bzw. Hubcrtusstock. Von den Schachspielern ist für die Psingstfeiertage ein Drei- länderkampf Deickschland— Oesterreich— Schweiz angesetzt, der in München stattfindet. Vorstehendes kurzes Pfingstprogramm zeigt gleichzeitig die Mannigfaltigkeit des Arbeitersports. Jung und alt aus der Groß- stadt kommen in die entlegensten Dörfer, Stadt- und Landbevölke- rung kommen in Verbindung, Meinungsaustausch wird herbeige- führt und damit die Möglichkeit der Propaganda der sozio- l i st i s ch e n Ziele. Arbeitersport ist nicht nur Vergnügen, sondern gleichzeitig Kampf für unsere Ideale einer besseren Gesellschaftsform. Tragt diese Gedanken hinaus mifs Land! Und nun fwhe Fahrt! Frei Heil! k-t. dm Sedhsmeier-SSool über den Osean. Dem Deutschen Paul Müller, der in einem 6,5 Meter langen Segelboot von Hamburg über den Atlantik gesegelt war, wurde bei seiner Ankunft in Havanna, Kuba, ein begeisterter Empfang zuteil. Sein Boot„Aga" hatte mehrere Stürme zu überwinden. Iraditumelle Pfingsiereignisse. In traditioneller Weise haben am ersten Feiertag in der Reichshauptstadt die Traber das Wort. Auf der Bahn in Puh- leben kommt das über die lange Distanz von 3666 Meter füheende Vruno-Cassierer-Rennen im Werte von 6666 M. zur. Entscheidung. In Dresden und Mülheim-Duisburg werden Flach- und Hindernisrennen gelaufen. Am zweitem Festtag wird der Jubiläum spreis in Hoppegarten ausgetragen. Der Pfingstdienstag bringt in Karlshorst das Große Berliner Hürdenrennen. Wenn es die Witterung zuläßt, finden am Sonntag auf der Rlltt-Arena, in Breslau, Hamborn, Düsseldorf, Forst, Plauen, Paris und Zürich Radrennen statt: für den zweiten Feiertag sind Veranstaltungen auf der Berliner Olympiabahn, in Chemnitz, Frankfurt a. M., Krefeld, Aachen und Stettin vorgemerkt. Das Programm der Straßenfohrer umfaßt Köln— Hannover— Berlin für Wertpreisfahrer.„Rund um Göttingen", den Preis von Branden- bürg für Unionsamateure. Der fportlich-freundschaftliche Verkehr der deutschen Vereine be- wogt sich in weit mäßigeren Grenzen als an den Ostertagen. Einen besonderen Hinweis oerdienen die Begegnungen Hertha-BSC. gegen 1. FC. Nürnberg, Chemnitzer BC. gegen VfB. Leipzig, die Kämpfe von Tennis-Borussia, Spielvereinigung Fürth und Club Francais in Westdeutschland, ferner die Meisterschaftsspiele in Süd-, West- und Südostdeutschland. Guts Muts-Dresden spielt in T e p l i tz gegen die Berufsspieler des Teplitzer FK., Eintracht- Frankfurt, Gelsenkirchen 67 und Jahn-Regensburg weilen in der Schweiz, Kickers-Stuttgart und VfR. Fürth in Luxemburg, zahlreiche westdeutsche Vereine reisen ins benachbarte Holland. Bei einigermaßen günstigem Wetter müßten die Schlußtagc des internationalen Rot-Weiß-Turniers in Berlin den gleichen Erfolg zeitigen wie jüngst bei der Anwesenheit von Lacoste. Da nur noch die Besten der Besten in Konkurrenz sind, stehen Kämpfe von hohem sportlichen Reiz bevor. Der traditionelle Staffellauf„Quer durch Niederschönhausen", veranstaltet vom Sportklub Teutonia 1899 E. V., zur Hebung der Leichtathletik im 19. Bezirk, findet diesmal am Pfingstsonntag statt. Im Hayptwettbewerb treffen unter acht Bewerbern u. a. der SCC., Polizeisportverein und Teutonia 99 aufeinander. Hat es schon in früheren Jahren stets heiße Kämpfe um den Sieg und den Besitz des werwollen Paul-Latte-Wanderpreifes gegeben, so wird diesmal ein Kampf auf Biegen oder Brechen bevorstehen. Start ist um 11 Uhr in Nordend. Der Lauf führt in der Haupttlasse durch die Kaiser-Wilhelm-, Blankenburger, Lindenbergstraße bis Etablissement Strauchwiese, durch dm Schloßpark, Kavalierstraße, Breite, Kreuz-, Lindm- und Bismarckstraße zum Ziel am Friedensplatz in Nieder- schönhausen. Die Knaben und Frauen laufen die abgekürzte Strecke Der Verein für Volkssport Teutonia hat für Pfingstmontag. den 26. Mai, nachmittags 4 Uhr, ein Boxsportprogramm zusammen- gestellt, das aus dem Sportplatz im Friedrichshain durchgeführt wird. Naturfreunde in Halberstadt. Das Ptingsltreffen am Harz. Schon vor mehr denn 1)4 Jahren lag von der Stadt Halber- stadt am Harz eine Einladung an die Naturfreundegaue Nord- deutschlands vor, dort zu Pfingsten des vergangenen Jahres ein großes Naturfreunde-Treffen zu veranstalten. Durch das international« Treffen in Zürich 1928 wurde das verhindert, morgen und übermorgen wird es nun stattfinden. Schon am Sonnabend um 21 Uhr wird das Treffen durch eine Begrüßungsfeier im Stadtpark eröffnet. Sonntag folgen: eine Morgenfeier auf dem Domplatz, Besichtigungen in der Stadt und der Museen, Ausmarsch nach der Iahrwiese mit folgendem Spiel und Tanz und abends im Stadtpark große Jugendfeier im Anschluß an das Jugendtreffen. Der Gaumusikkreis Niedersachsen(etwa 126 Spieler), die Naturfreunde-Sangesgruppen Hannooer und Brandenburg, Rathenower Streichmusiker, der Sprech- und Be- wegungschor der Freien Volksbühne Hannover, sowie Sprech, und Bewegungschöre der sächsischen und thüringischen Naturfreunde werden zum Gelingen der Feier beitragen.— Nebenher gehen wichtige Tagungen der Iugendgruppen, der Natur- und Volks- kundegruppen, der Photogruppen und der Musikkreise. Sie sollen Material für die innere Gruppenarbeit und für die Zusammen- arbeit der Gaue untereinander beibringen.— Anschließend folgen Harzfahrten. So treffen sich zu Pfingsten Tausende der Arbeiterwanderer aus Friesland, Hannooer, Braunschweig, Hamburg, Bremen, Lübeck, Schleswig-Holstein, Mecklenburg, Brandenburg, Pommern, Lausitz, Sachsen und Thüringen, um für die sozialistische Natur- freundearbeit zu demonstrieren. Die Nassenbewußte Arbeiter- schaft grüßt auch diese Scharen als tatbereite Mitkämpfer in ihren Reihen. Kebraus im Ständigen Ring. Bisdioff schlagt Schemann k. o. Gestern wickelte der Ständige Boxring— man kann ruhig sagen, nach einer im großen und ganzen erfolgreichen Saison— in den Spichernsälen vor gutbesuchtem Hause seinen letzten Kamps- abend ab. Mit einem Oualifikationskampf im Weltergewicht wurde der Abend eingeleitet. Der Berliner Rudolf B o g u h n war seinem Gegner Walter P ü r s ch e l- Hildesheim hoch überlegen und machte ihn in der dritten Runde„fertig". Pürfchel wird noch viel lernen müssen! Paul S t a m m s- Dessau erreichte gegen Kurt M«!- z u n g- Berlin ein glückliches„Unentschieden". Einen einwand- freien Punktsieg errang Eugen Kündig- Hamburg über Paul Richter- Dresden. Auf beiden Seiten wurde reichlich viel gc- halten, doch konnte Kündig durch genauere Arbeit den Sieg für sich sicherstellen. Der Hamburger Walter C u n o w hatte gegen den heftig angreifenden Franz B o j a-Dortmund einen schweren Stand. Nach wechselseitigen Erfolgen endete der Kampf unentschieden. Schließlich gab es bei den„schweren Leuten� nqch einen»tede?» schlag. Nach einem wenig schönen Kampf gab Hans S ch e m a n n- Dortmund gegen Hans Bischofs- Dortmund das Treffen in der vierten Runde auf._ Gewinnverteilung der Verkehrs wacht. Die Verkehrswacht Berlin-Brandenburg hatte bekanntlich die auf den Straßen Berlins zur Verteilung gelangten Druckschriften„Verkehrsregeln für Radsahr« r" iiume- riert, um jeden Besitzer einer solcher Verkehrsregel an einer Per- lojung teilnehmen zu lassen. Der Zweck dieses Vorgehens war der, für die Aufbewahrung der Verkehrsregeln cinn Anreiz zu bieten. Berliner Firmen hatten Preis« gestiftet und sind in nachstehender G e w i n n l i st e einige der Preise aufgeführt. Als Gewinner wur- folgende Nummern ausgelost: 125, 1285, 2111(Straßenbahn- Monatskarte für alle Linien), 5469(Monatskarte), 16 341(Monats- karte), 15 193, 15 762(Monatskarte), 28 665, 28 954. 32 951, 33 948, 38 635, 42 483(Daucrplätteisen), 42 868, 43 665, 56 594, 59 977, 66 947, 61846, 67 239, 76 453, 73 418(Silbernes Zigarettenetuis), 78 533, 82 666. 82 814, 87 659(Minimaxautolöscher), 96 964 (Zigarettenetui). 92 147, 94 261, 166 746, 166 319(kostenlose Ausbildung zum Chauffeur), 117 294(Zanberglocke), 124 525, 133 364, 135 651(Monatskarte), 137 628, 142 793 (Phänomen-Fahrrad). 143 327, 156 445, 159134, 167 287, 176 788, 175 649, 175 181, 175 425, 176 639, 177 646, 263 927, 216 286. 222 566, 227 564, 231 212, 233 374, 233 788, 234 155, 242 419, 246 866, 267 457, 268 658, 276 417, 276 971, 284 461(Monatskarte), 286 199, 296 213(Monatskarte), 296 237(Monatskarte), 332857(Monats- karte). 336 484, 337 762, 343 411, 363 382(Zigarettenetuis), 381 915, 386 611, 397 295, 397 416, 462 861, 466 491, 466 696, 412 883, 418 859, 426 496, 423 222, 425 917, 432 676, 434 584,.434 656, 438 613, 442 423, 442 762, 445 918, 457 417, 457 663, 458 474, 463 559, 466 436, 468 939, 479 24l', 482 161, 488 668, 488 845, 494 831. Die glücklichen Gewinner können ab 22. Mai 1929 ihre Ge- winne, bzw. die entsprechenden Gutscheine von der Geschäftsstelle der Verkehrswacht Berlin-Brandenburg, BerUn S. 61, Planufer 61, in der Zeit von 16— 15 Uhr(Sonnabends und Sonntags geschlossen) abholen. Die Ausfolgung geschieht gegen Rückgabe der betreffenden „Verkehrsregeln", unter gleichzeitiger Angabe, wo die Verkehrs- regeln empfangen wurden. Die Gewinner müssen sich bis zum 15. Juni 1929�bei obiger Geschäftsstelle persönlich oder schriftlich gemeldet haben, da ab 15. Juni der Anspruch auf Aushändigung des Gewinnes erlischt._ FTGB.Tempelhof: S.C»Vorwärts*' Grolj-Räschcn Am Montag, dem zweiten Pfingstfeiertag, hat die Fußball- abteilung der FTGB. im Bezirk Tempelhof-Mariendorf den Nieder- lausitzer SC.„Vorwärts" Gr.-Räschen zu Gast. Seit Gründung des Fußballbezirks Tempelhof-Mariendorf ist es das erste Spiel gegen einen geladenen auswärtigen Gegner. Der Tempelhof- Mariendorfer Fußballbezirt mußte seinen Spielbetrieb ohne einen Pfennig Geld, ohne Spielgerät, ohne jegliche Unterstützung aufbauen und aufnehmen. Trotzdem haben beide Mannschaften gute Resultate zu verzeichnen, das zeigt, daß unsere jungen Genossen auch für den Sport Idealismus aufbringen und auch guten Sport pflegen. Die Fuhballabteilung der FTGB. TempelhofMariendorf wird alles daran setzen, gute Spiele zu liefern. Alle Genossen und Freund« bitten wir, unsere Veranstaltung zu unterstützen, dann wird der Erfolg im Arbeitersport nicht ausbleiben. Sitzung der Fußball- abteilung jeden Freitag 9 Uhr, nach dem Training, Restaurant Ma-Li, Mariendorf, Chausseestr. 365. Aufnahme dortselbst: Genossen, Ge- sinnungsfreunde als Gäste willkommen. Das schönste Auto! Die diesjährige Automobil-Schönheitskonkurrenz des republikanischen Deutschen Autoclubs steht unter dem Protektorate des Oberbürgermeffters B ö ß und findet am 1 6. I u n i auf der Grunewaldrennbahn statt. Zugelassen sind Per- sonen- und Kraftwagen aller Marken und Klassen: nennungs- berechtigt sind Autvmobilbesitzer ohne Rücksicht auf ihre Nationalität. Das Preisgericht setzt sich auch in diesem Jahr« aus Autosachleuten und Künstlern zusammen, die die äußer« Form und Farbe, die Schönheit und Zweckmäßigkeit der Linienführung in Verbindung mit Harmonie und Eelganz des Gesamteindruckes unter Berücksichti- gung des Anschaffungspreises zu werten haben, ferner die Innen- ausstattung und Zweckmäßigkeit und Bequemlichtett der Sitze. Für jede Kategorie werden werwolle Preise zur Verfügung gestellt. Außerdem wird in jeder Kategorie für je gemeldete vier Wagen einer Besitzklasse ein Preis zuerkannt. Ehrenpreise sind in großer Zahl bereitgestellt. Nennungen zur Teilnahme an der Konkurrenz sind bis spätestens 5. Juni an die Reichsgeschäftsstelle des Deutschen Autoclubs, Berlin W36, Neue Winterfeldfftraße 26, zu richten. Hanöhallspicle an den Feiertagen. Das Spielprogramm der Handballer an den Feiertagen ist nicht sehr umfangreich. Am 1. Feiertag hat FTGB. Kautsdorf-Süd um ll Uhr FTGB.-Pankow als Gegner. FTGB.-Ostring-Jugend spielt gegen FTGB.-Neukölln um 16 Uhr in der Normannenstraße. Die Freie Turnerschast Friedrichsthal spielt um 15 Uhr in Friedrichs- thal bei Oranienburg gegen Küstrin. Am 2. Feiertag spielt Küstrin um 15 Uhr in Pankow, Kissingenstraße, gegen FTGB.-Pankow 1. Männer. Beide Mannschaften standen sich zu Ostern in Küstrin gegenüber und werden diesmal auch wieder einen guten Kampf liefern. Vorwärts-Hennigsdorf 1. Männer empfängt Magdeburg- Südost. Das Spiel findet um 16 Uhr in Hennigsdorf, Waldsport- platz, statt. Um 15 Uhr spielt Hennigsdorf 2. Manner gegen Freie Turnerschaft Zossen 1. Männer. FIGB.-Wedding fährt mit den drei Männermannschaften, der Freien- und der Jugendmannschaft nach Dessau, um dort Spiele auszutragen.. Klein-Kaliberschießen im Arbeiler-Schühenbund(Ortsgrup�- Berlin). Bereits ein Jahr nach der Konstitution ist es den bundes- treuen Arbeiterschützen möglich, einen geregelten Kleinkaliber-Schieß- betrieb aufzunehmen. Unser nächstes Schießen findet am 2. Feiertag, 9 Uhr, auf dem Sportplatz in Friedrichsfelde statt. Gäste will- kommen. Uebungslokal« Lohan, Brüderstraße 16/18: Jürgens, Schöneberg, Barbarossastraße 5a, Dienstag ab 26 Uhr. Geschäfts- stelle Stefan Brumirski SW 19, Kommandantenstraße 97, Merkur Nr. 7752, erteilt jede Auskunft. Der Sporlbezirk„Ostring" der Freien Turnerschast Groß verlin ist einer der führenden Arbeiter-Leichtathletik-Vereine und trainiert jeden Dienstag und Donnerstag von 18 bis 26 Uhr im Lichtenberger Stadion. Fahrtverbindung: Straßenbahnlinien 68, 168, 53. An- fragen und Anmeldungen nimmt die Geschäftsstelle Willy Traxel, Berlin O. 112, Kronprinzenstr. 27/28 gern entgegen. Zur Molorbool-Regatta der Berliner Vereine des Deutschen Motoryacht-Verbandes am 1. und 2. Juni auf dem Templiner See bei Potsdam liegen bereits feste Meldungen von Rennbooten aus Belgien, England, Italien und Schweden vor.