BERLIN Freitag 24. Mi 1929 erscheiut täglich safer Sonntag«. Zugleich Abendausgabe de«»Dorwirt«'. Bezugsprei« beide Ausgaben SS Pf. pro Woche, Z.VOM. pro Monat. «edaktion und Expedition; Berlin SW SS, Lmbenstr.» ivr-s. ?lr. 238 Bus 4S.Iahfgang. (( I a» e i g e n, r e i<: Die einspaltige Nonpgreilltleil« «a Pf.. Reklamejeile S M. Ermäßigungen nach Tarif. Postscheckkonto: Vvrwärts-Verlag G. m. b.H., Berlin Nr. 17636. Zunsprecher: Dönhoff 292 bis 29? Himichwngen in Rußland. Ohne Gerichtsverfahren— wegen angeblicher Konterrevolution. In Kriednchshafen gelandet. Empfang der französischen Gäste vor der Luftschiffhalle. Moökan» 24. Mai.(Tel.°Ag. der Sowjetunion.) Eine amtliche Mitteilung gibt bekannt, daß die Ttant- liche Politische Berwaltung(GPU.) im Eisenbahnwesen und in der Gold» und Platinindustrie zwei k o n t e r» revolutionäre Organisationen aufgedeckt habe, die de« Sturz der Sowjetmacht durch Sabotageakte, Desorganisation und durch Unterstützung einer ausländischen Intervention anstrebten. Die führende Rolle in der ersten Organisation spielte« der frühere Borfitzende der Direktion und Großaktionär der privaten Bah« Moskau— Rasa», von M e ck, und der ehemalige Ehef des Transportwesens im kaiserlich russische« Generalstab Welitschko, die beide in der letzte« Zeit bedeutende Posten im Verkehrskommissa» r i a t bekleideten. Der Führer der zweite« Organisation war der ehemalige Bizeminister für Handel und In- dnstrie im Kabinett Kerensti, Paltschinski, zuletzt Prosefsor am Leningrader Institut für Berg» und Hüttenwesen. Die genannten Persönlichkeiten wurden durch Beschluß des Kollegiums der Staatlichen Politi» schen Berwaltung zum Tode verurteilt. Das Urteil ist bereits vollstreckt. � Die übrigen Teilnehmer der Organisation wurden zu Gefängnisstrafen von verfchie- dener Dauer verurteilt. Schacht verhandelt weiter. England macht Zugeständnisse. London. 24. Mai. Reichobankpräsidoni Dr. Schacht sagte dem Korrespondenten des„Daily Chronicle*. daß er entgegen verschiedenen Gerüchten das Memorandum der Alliierten nicht abgelehnt habe. Die De- sprechungen in Paris würden fortgesetzt werden. Die Frage, ob er die Aussichten optimistisch beurteile, beantwortet« Dr. Schacht mit einem Achselzucken. Die„Morning Post" hört zuverlässig,� daß England gewisse Zugeständnisse gemacht habe, daß es aber an der Valfour-Notc nach wie vor festhalte. Sozialistischer Appell an Amerika. Paris. 24. Mai. Di« in der Kammer von der sozialistischen Fration evnyebrachte Interpellation über die Arbeiten der Reparationsfachverständigen wird von Leon Blum im„Populaire" solgendennaßen erläutert: Zweck dieses Schrittes ist, unsere Haltung darzulegen uno die übrigen Parteien sowie die Regierung zu zwingen, ihre Haltung festzu- legen. Unsere Sachverständigen haben im Einvernehmen mit der Regierung dte Zahlungen Deutschlands in zwei Teile zerlegt, einen, der der Rückzahlung der Schulden der Alliierten an Amerika ent» spricht, und einen anderen sür den Wiederau sbau der Kampfgebiete. Run sind Herabsetzungen an diesem für die eigentlichen Reparationen bestimmten Anteil vorgenommen worden. Mr So- zialisten erklären dagegen, dah das Schuldenelement für reduzierbar gehalten werden müßte, das Rcparationselement dagegen für unantastbar. Wir erklären, dah die Zahlungen Deutschlands mit absoluter pioriläl für die Reparalionen Verwendung finden müßten. Mr wünschen, daß die Kammer sich unzweideutig über diese Grund- sätze, die der Doktrin der Internationale entstammen, Nar äußere. Unser Vorschlag wendet sich direkt gegen dieRati- fizierung des Mellon-Derenger-Abkoinmens. Dieses Abkommen hat als Grundlage für die Berhandlungen der Sachverständigen gedient, ohne daß irgend jemand auch nur einen einzigen Augenblick es wieder in die Debatte zu ziehen schien. Man begreift die Größe des von der Mehrheit der„nationalen Einigung" vor zwei Iahren begangenen Fehlers, als sie, ohne den Mut zu haben, über den Kernpunkt zu sprechen, absichtlich die Äugen vor der Ausführung dieses Abkommens schloß. Aber ist es jemals zu spät. Entschlossenheit und Mut zu zeigen? Ist es zu spät, an den Geist der Gerechtigkeit des amerikanischen Volkes und an seinen Wirklichkeilssinn zu appellieren? Ast es zu spät, es davon zu überzeugen, daß es, wenn es dabei bleibt, die Zahlung und den Transser der Mellon-Berenger- oder Sortsetzung auf d« 2. Seite.) Friedrichs Hafen, 24. Mai.(Eigenbericht.) Das Luftschiff„Graf Zeppelin" ist heute früh um 5.10 Uhr von Toulon kommend glatt gelandet.„Graf Zeppelin" hat die französische Hafenstadt Toulon, wie gemeldet, am Donnerstag abend um 8,25 Uhr mit dem Kurs auf Marseille verlassen und dann das Rhonetal überfahren. Um 2,30 Uhr nachts wurde das Schiff in Bern gesichtet. Der Heimathafen wurde schließ» lich über Basel— Konstanz erreicht. An Bord des Schiffes befanden sich außer der Besatzung sechs französische Offiziere, 11 Passagiere der gescheiterten Amerika» fahrt und außerdem tzrei Affe« und zwei Kanarienvögel. Der Abfahrt des„Graf Zeppelin" wohnte eine ungeheure Menschenmenge bei. Die an Bord befindlichen französischen Fahrgäste beobachteten von den Gondelfenstern aus mit großem Interesse die Landung sowie das Einbringen des Schiffes in die Halle durch das westliche Tor. Um 5 Uhr 30 war der„Graf Zeppelin" noch acht- tägiger Abwesenheit glücklich wieder untergebracht und wurde so- gleich festgemocht. Die vier Motoren, mit denen das Schiff die Fahrt angetreten hat— die Heckmaschinengondel war leer— haben während der Fahrt tadellos gearbeitet und es wurden teilweise Geschwindigkeiten bis zu 112 Kilometern pro Stunde erzielt. Kurz nach dem Eintreffen des Schiffes in der Halle oerließen die Passa- gier« die Gondel. Zur Begrüßung der französischen Fahrtteilnehmer. die mit Kapitän Lehmann dem Schiff entstiegen, hatten sich neben Mitgliedern der Werft u. o. auch die Vertreter der Behörden ein- gefunden. Im Namen des Reichswehrministcriums hieß Major Gelte von der 5. Reichswehrdivision in Stuttgart die franzö- fischen Offiziere auf deutschem Boden herzlichst willkommen. Die Willkommensgrllße der württembergischen Staatsregierung überbrachte Polizeidirektor Ouintenz-Friedrichs- Hafen, der nochmals den Dank für die gute Aufnahm« des Luft- schiffe? und feiner Besatzung in Hyeres zum Ausdruck brachte. Im Romen der französischen Fohrtteilnehmcr, die größtenteils in Uni- form waren, sprach darauf der stellvertretende Marinechef im iranzösifchen Lustfahrtministerium Marineingenieur Kahn in herz- lichcn Worten seinen Donk aus dafür, daß ihnen Dr. Eckener diese prächtige Fahrt ermöglicht Hab«. Die während dieser Fahrt ge- wonnenen Eindrücke würden ihm und seinen Begleitern unvergeßlich bleiben. Am Schlüsse seiner kurzen Ansprache bat der französische Redner den deutschen Vertreter schließlich, seinen Dank auch an die deutschen Regierungsstellen weiterzuleitcn.— Auch die einzige an Bord befindliche Dame, die Amerikanerin Miß Mary Pierce, kam mit den übrigen Fohrtteilnehmern freudestrahlend und in glänzender Bersasiung über die Schiffstrcppe herunter. Als einer der letzten verließ Dr. Eckener den„Graf Zeppelin". Nach dem kurzen Begrüßungsakt leerte sich die große Halle rasch. Die fron- zösischen Fahrtteilnehmer fuhren,'ebenso wie die meisten anderen Passagiere, in Begleitung von Kapitän Lehmann im Kraftwagen zum Krirgarten-Hotel, um sich zunächst zur Ruhe zu begeben. * Dr. Eckener hat dem„Matin" eine Botschaft für die französische Press« übergeben, die lautet:„Nach den Nach- richten, die mir bei meiner Abfahrt aus Friedrichshafen Aeußerungen franzofenfeindlicher Art zuschrieben, habe ich nicht mit einem so warmen Empfang durch die französische Presse gerechnet. Ich be- dauere, daß gewisse deutsche Organ« mir Worte in den Mu�rd gelegt haben, die ich niemals ausgesprochen habe. Ich würdige die wohlwollende und liebenswürdige Haltung der französischen Presse mir gegenüber, ich danke ihr dafür ausrichtig, und ich bin sicher, daß dieser unglückliche, plötzliche Unfall glückliche Folgen für die Beziehungen unserer beiden Länder haben wird. Dies ist vor meiner Abfahrt von Toulon und Frankreich mein heißester Wunsch." Tragödie eines Industriellen. Or. Bischof- Düsseldorf erschießt seine Familie und sich selbst. Hente vormittag erschoß der Industrielle Dr.-Jng. Richard Bischof in seiner Wohnung in der Uhland- straße zn Düsseldorf seine Frau und seinen Sohn, daraus brachte er sich selb st einen tödlichen Schuß bei. Die Beweggründe sind völlig ungeklärt. Dr. Bischof war innerhalb der r he i n i s ch- w e st f ä l i s che n Schwerindustrie eine bekannt« Persönlichkeit. Unter anderem gehörte er dem Aufsichtsrat des Rhein st ahl-Konzerns und der Deut jchen'Edelstahl werke an. 3>as Jbandralsaml in 9t&ehoe nach dem StynamilaHeniaL Oer Anschlag auf das Landraisami. Sin amtlicher Bericht. Itzehoe, 24. Mai. � lieber den Anschlag auf das hiesige Landratsomt ist der solgende amtliche Bericht veröffentlicht worden:„In der Nacht zum 23. Mai um 2.10 Uhr ist vor dem Gebäude des Lnndratsamts in Itzehoe«in Sprengkörper entzündet worden, und zwar vor dem Eingangstor eines Torweges. Das dahinter liegende groß» und starke Holztor ist vollkommen zertrümmert, die Trümmer sind in den Torweg geschleudert worden. Von der Vorderfront des Gebäudes sind fast alle Fensterscheiben zertrümmert oder sehr beschädigt worden, darunter auch die gemalten und mit Blei gefaßten Fenster des Ständesaales. An den benachbarten Häusern im weiteren Umkreis sind ebenfalls Fenster«ingedrückt. Der Sprengkörper hat an der Stelle des � Bodens, wo er entzündet worden ist, das aus kleinen Steinen bc- stehende Pflaster und die darunter liegende Erde aufgerissen und ein großes Loch geschaffen. Noch in der selben Nacht hat die Kriminalpolizei die Ermittlungen aufgenommen. Oberstaatsanwalt Gollnick aus Altona hat sich am nächsten Morgen an den Tatort begeben und die Ermittlungen geleitet..Die Art des verwendeten Sprengkörpers steht noch nicht fest. Anhaltspunkte zur Ermittlung des Täters haben sich noch nicht ergeben. Eine auswärtige Person, die am Tatort angetroffen und zunächst festgenommen worden war, ist maogets hinreichenden Verdachts aal fxeiea guß gefetzt jvoicheu," Die Lage in Paris. (Fortsetzung von der 1. Seite.) der Mellon-Batdwm-Annmtäten zu fordern, gegen feine Jnter- essen arbeitet? Ist es zu spät, es davon zu überzeugen— denn das ist der wesentliche Punkt— daß unser Friedens- und Ab» rüstungswille aufrichtig ist? Wir für unser Teil sind nicht dieser Ansicht und dadurch, daß wir die französische Kammer zu dieser äußersten Anstrengung veranlassen, sind wir uns bewußt, den Interessen des Friedens zu dienen. Labour Party gegen französische Außenpolitik. Paris, 24. Mai.(Eigenbericht.) Das„Echo de Paris" verösfentlicht eine Unterredung, die der ihm nahestehende reaktionäre Pariser Abgeordnete Reynaud mit dem internationalen Sekretär der englischen Arbeiterpartei, William Gillies, gehabt hat. Dieser erklärte, daß Frank- reich seit 1919 das verwöhnt« Kind Europas sei. Sicher Hab« Frankreich Anrecht. auf Reparationen, aber die englische Arbeiterpartei glaube, daß Deutschland jetzt genug Kezahlt habe. Die deutschen Zahlungen seien systematisch unterbewertet worden. Die zerstörten Gebiet« Frankreichs seien wieder aufgebaut, die Wirtschaft Frankreichs stehe in voller Blüte, was wolle Frank- reich also noch mehr. Es sei sein Fehler, wenn es die deutschen Zahlungen für die Rheinarmee ausgegeben habe. Frankreich wolle nicht abrüsten. Es habe eine direkt hysterische Furcht vor dem cntwassneten Deutschland. Wer mit seiner Weigerung ab- zurüsten, entmutige es die Demokratie Deutschland. Mit seiner Weigerung, das Rheinland zu räumen verstoße es gegen den Locarno-Pakt. Mit Absicht habe England keine Garantie für die deutsch-polnisch« Grenze übernommen, well es diese Grenze m i ß- billige. Wenn die Arbeiterpartei Englands an die Regierung kommen werde, werde sie sich Frankreich gegenüber nicht wie«in Geliebter seiner Geliebten ausführen. Für die Schulden werde England die Ratifizierung des Caillaux- Curchlll- Abkommens und feine Durchführung verlangen. Für die Rheinlandbesetzung werde England, falls sich Frankreich immer noch der Räumung widersetzen sollte, seine Truppen allein zurückziehen. Aber auch dies werde geschehen, ohne daß man vorher einen energischen Druck auf Frankreich ausgeübt hätte. Außenpolitik der Liberalen. London, 24. Mai. Di« unter der Leitung der Führer der Liberalen Partei vor- bereitet«, u. a. von Lloyd George, Lord Beauchamp und Sir Herbert Samuel unterzeichnete, heute veröffentlichte Erklärung über die Außenpolitik der Liberalen Partei beginnt mit den Worten:„Das Hauptziel der liberalen Außenpolitik ist, den Krieg als ein Mittel zur Regelung internationaler Streitigkeiten aus der Welt zu verbannen." Di« neun Hauptforderungen der Liberalen sind: 1. Anwen- dung und Ausgestaltung der bestehenden Verträge zur Der- Hinderung von Kriegen sowie zur friedlichen Regelung internatio- naler Strestigkeiten. 2. Energisches Eintreten in Genf im Sinne der Förderung aller Bestrebungen politischen und allgemein humanen Charakters, die der Völkerbund unterstützt. 3. Eintreten für eine baldig« große und allgemeine Rüstungs- Verminderung. 4. Unterzeichnung der Fakultativ- klausel mit dem notwendigen Borbehalt über Meinungsver- schiedenheiten zwischen den Mitgliedern des Britischen Reiches. S. Annahme und Anwendung des Grundsatzes der friedlichen Re- gelung von internationalen Streitigkeiten jeder Art durch Ver- gleich, Schiedsgerichtsbarkeit oder Verweisung an den bändigen Internationalen Gerichtshof. 6. Floctenparität mit den Vereinigten Staaten, dem Geiste und Buch- stoben nach, und Prüfung der Frage von Veränderungen der Völker- rechtsbestimmungen über die Rechte neutraler und kriegführender Mächte zur See. 7. Entwicklung eines Völterbundsoer- fahre ns zur Beseitigung der Mängel in den Friedens- oerträgen oder in anderen internationalen Verträgen. Das Verfahren wäre fo zu gestalten, daß die Aufwerfung der Mängel- frage nicht den Eindruck der Unfreundlichkeit erweckt: es soll der Revision der beanstandeten Bestimmungen durch Vereinbarung dienen. 8. Wiederherstellung normaler wirtschaftlicher Be- ziehungen mit Rußland zum frühestmöglichen Zeitpunkt auf der Grundlage der Nichteinmischung in die inneren Ange- legenheiten der Beteiligten. 9. Herabsetzung der Zoll- t o r i f e und Beschränkung anderer Behinderungen des internatio- nalen Handels auf das unbedingte Mindestmaß. Theorie des Klamauks. Kommunistische Betrachtungen zum 1. Mai. Aufstandbilanz in Mexiko. Die Alutschuld der Reaktionäre. New York. 24. Mai. Nach einer Meldung aus Mexiko teilt der„Universal Grafico" mit, daß während des letzten Aufstandes 4 0 V 0 Personen g e t ö t et und 11 OOS verletzt worden seien. Der Sachschaden betrage BS Millionen Dollar. Neues Erdbeben in der Türkei. 53 Personen getötet und 55 verletzt. Sonst antinopel, 24. Mai. 3n der Röhe von Sarahissar wurde ein neuer Erdbeben- stoß verspürt, wobei 53 Personen geköle« und 55 per- sonen verlchl wurden. S Häuser wurden vollständig zerstört. Vofylius hingerichtet. Trotz Geständnis und Angabe seiner Komplicen. K o w n o, 24. Mai. Der Präsident der Republik hak das Gnadengesuch des wegen Beteiligung an dem Mordanschlag aus den Ministerpräsidenten woidemara» zum Tode verurteilten Studenten vosylins ab- gelehnt, vosylins wurde heute früh erschossen. Gestern abend meldete Kowno, Bosylins habe seine Schuld gestanden und die Mitverschworenen angegeben, die darauf oerhaftet worden seien. Wenn er trotz diesem großen Dienst für das Henkerregime der Smetona-Woldemaras hingerichtet worden ist, so könnte dies beweisen, daß Vofylius kein Lockspitzel gewesen ist— noch wahrscheinlicher erscheint jedoch, daß man ihm das Geständnis und die Namensnennung der anderen durch Foltern erpreßt hat.(Nun ist fein Mund geschlossen.,.) Die heute wieder erscheinende„Rote Fahne" widmet einen beträchtlichen Teil ihres Raumes einer langatmigen theoretischen Betrachtung über ,chie Lehren der Berliner Maikämpfe". Die Erstreckung dieser Betrachtungen über viel« Druckspalten auf zwei Druckseiten hat den großen Vorteil, daß man gegen Ende ungefähr das Gegenteil des Anfangs fagen kann, ohne daß allzu viel Leser es gewahr werden. Der Artikel ist genau nach bolschewistischer Doktrin eingeteilt: Analyse der Situation(Einleitung), Geschimpfe auf die Sozial- demokratie(Hauptteil), Prognose auf die zukünftige Weltrevolution (Schluß). Aus der Analyse der Gegenwart erfährt man, daß die Welt- und Trustbourgeoisi« die Schießereien am 1. Mai unbedingt nötig hatte: 1. weil die Kommunistische Partei„zum erstenmal ganz nahe daran war", die Mehrheit der deutschen Arbeiter zu erringen: 2. um die Kreditwürdigkeit Deutschlands bei den Pariser Verhandlungen zu erweisen: 3. als vorbereitend« Kriegs- Handlung— darf natürlich nicht fehlen— des kapitalistischen Europa gegen die Sowjetunion. Es berührt nur merkwürdig, warum die KPD. trotz dieser tiefen Erkenntnis der Weltbourgeoisie den Gefallen getan h a t, es zu den Maikämpfen kommen zu lassen, die für die Existenz der Wellbourgeoisie angeblich so lebensnotwendig waren. Wäre die Kommunistische Partei am 1. Mai der Gewerkschaftsparole gefolgt, so wäre doch ganz offensichtlich die Weltbourgeoisi« um das für sie lebensnotwendige Massaker gekommen und wäre— wenigstens nach der Analyse der„Roten Fahne"— hilflos zusammengekracht! Allerdings, die„Rote Fahne" gesteht selbst zu, es nicht leicht gehabt zu haben:„Unsere Partei hat auf dem schmalen Wege zwischen zwei Abgründen haarscharf die richtige bolschewistische Taktik herausgearbeitet." Worin bestand die haarscharf richtig« bolschewistische Taktik? Immer der Dar- stellung der„Roten Fahne" folgend darin, daß man am I. Mai die Proletarier gegen die Zlintenläufe der Schupo hetzte, um dann nach erfolgtem Zusammenstoß am 2. Mai ein Flugblatt herauszubringen des Inhalts, daß die Stunde des bewaffneten Ausstandes noch nicht geschlagen habe. Wer's nicht glauben will, höre die„Rote Fahne" selber: Das Proletariat schritt in den Maitagen gegen den Polizei- terror, zum Wider st and und zum Gegenangriff. Das Proletariat hat im Kainpf mit der Staatsgewalt, im offenen Kampf mit der Sozialdemokratie die Berliner Straßen am 1. Mai besetzt, am 2. und 3. Mai behauptet. DI« Massen wehrten sich gegen die Ueberfälle der Polizei mit d«n Mitteln, die ihnen zur Verfügung standen. Sie begannen den Barrikadenbau und kämpften mit größter Zähigkeit und Kühnheit.(Vgl.:„Es gab kein« Kämpfe, es gab nur Opfer!" Red.) ... Dagegen einige Zellen später: Die Kommunistische Partei hat klar erkannt, daß gegenwärtig noch keine unmittelbar revolutionäre Situation in Deuffchland vorhanden ist. Sie hat der Arbeiterschaft in ihrem Flugblatt vom 2. Mai offen gesagt, daß die Stunde des bewaffneten Aufftandes, die Stund« der gewaltsamen Abrechnung mit den Mördern noch nicht geschlagen hat. Also: Erst wurden die Barrikaden gebaut, am Tage darauf tat die Kommunistische Partei den Kämpsenden kund, daß die Stunde des Kampfes noch nicht gekommen seil Dieses nennt sich: „haarscharf die richtig« bolschewistische Taktik". Haarscharfer geht's nimmer! Aber freilich, hätte man nicht zuvor die Massen in den Kampf gelockt, so könni« die„Rote Fahne" jetzt nicht jubeln: Die Größe der Berliner Maikämpfe, ihr ttefer historischer Sinn steht unverrückbar fest. Die Massen sind dem Rufe der Kommuni st ischen Partei gefolgt und haben sich die Straßen erkämpft. Die Massen haben die bürgerliche Gesetz- l i ch k e i t zum erstenmal seit sechs Jahren durchbrochen. Der Sinn der Maikämpfe ergibt sich also dahin: die KPD. hat die Massen zur Illegalität aufgerufen, um dann die wenigen, die diesem Rufe folgten und sich opferten, mit einem achsel- zuckenden„noch nicht" nach Hause zu schicken. Schließlich prunkt noch die„Rote Fahne" damit, daß der kommunistischen Parole zum Generalstreik„25 090 Arbeiter in Berlin, mehr als 50 000 im ganzen Reiche" gefolgt seien. Vergleiche oben:„ganz nahe daran, die Mehrheit der deutschen Ar- beiter zu erringen". 50 000 Streikende in ganz Deutschland(nach eigener stark übertriebener Angabe), dos ist allerdings„ganz nahe daran..." Nämlich: ganz nahe am Nichts. Allerdings machen diese Zahlen verständlich, warum die„Rote Fahne" trotz allem vorangegangenen pompösen Geschrei das Fazit der Maikämpfe in die kläglichen Worte zusammenfaßt: Die Maitage deckten den ganzen gewalligen Vorrat an revo- lutionärer Energie des Proletariats und die ganze Mangel- haftigkeitunsererorganifatorischenArbeitauf. Wenigstens in dieser Selbsterkenntnis wollen wir die Kommu- nisten nicht stören. Rur ist es allerdings ein Verbrechen, wenn die„Rote Fahne" trotz klarer Erkenntnis der eigenen Stümperei die Arbeiter am 1. August in neue Kämpfe Hetzen will! Kamilientragödie in Wilmersdorf. Mit drei Kindern in den Tod gegangen. Im Haufe Schlangenbader Str. 87 i« Wilmersdorf wurde heule mittag eine furchtbare Familieutragödie entdeckt. Aus der Wohnung des Kaufmanns Lötsche, der im zweiten Stockwerk eine Füns-Zimmer-Wohnung inne hat. drang starker Gas- geruch. Mieter des Hauses benachrichtigten, da auf Klopsen niemand öffnete, Polizei und Feuerwehr. Die wohnungslür mußte erbrochen werden. Den eindringenden Beamten bok sich ein erschüttern- der Anblick. In dem völlig mit Gas angefüllten Schlafzimmer lag Frau Lötsche, ihre 15jShrige Tochter Ursula, die lOjährige Ingeborg und der 10jährige wotsgang tot in ihren Betten. Der Mann, der zurzeit aus Reisen ist. wurde telegrophisch von dem schrecklichen Vorfall in Kenntnis geseht, wie aus einem Abschiedsschreiben hervorging, sind wirtschaftliche Sorgen das Motiv zu der Verzweiflungstat._ Ein sechsjähriger Angeklagter. Sine echt angelsächsische Angelegenheit. London, 24. Mai. In» Mittelpunkt des Interesses steht hier der außer- gewöhnliche Fall eines sechsjährigen Knabe«, der von einem Londoner Gericht des Totschlags schuldig befunden und dazu verurteilt worden ist, 15 Jahre in einer Besserungsanstalt zu verbringen. Der Junge war beschuldigt, einen achtjährigen Kameraden beim Streit um den Besitz eines Stück Eisens mit dem Gewehr seines Vaters erschossen zu haben. Während der Gerichtsverhandlung spielte der junge Angeklagte gänzlich unbekümmert mit einigen gleichaltrigen Kameraden in einem der Gerichtssäle. Sechsjährige Kinder ernsthaft In ein Gerichtsverfahren zu ver- stricken ist so mittelalterlich, daß man die Glaubwürdigkeit der Meldung anzweifeln möchte, wenn sie nicht gerade aus England käme, wo die Rechtsprechung ebenso der„Tradition" unterworfen ist. wie das politische und gesellschaftliche Leben überhaupt. Ein trunksüchtiger Gerichtsvollzieher. Im AUoholrausch unterschlag er Amtsgel der. - Der Gerichtsvollzieher Alfred prell er, der seiuen Dienst nur versehen konnte, wenn er täglich etwa zwei Flaschen Kognak und 40 Glas Vier zu stch nahm. Halle sich heule wegen Unterschlagung und llr- kundenfälschung im A m t vor dem Schöffengericht Verlin-Tempethof zu verantworten. Es handelt sich um einen Schaden von etwa 12000 M. Preller kam als Militäranwärter zum Iustizdienst und wurde später Iustizsekretär und Gerichtsvollzieher beim Amts- gericht Tempelhof. Nach dem Kriege hatte er sich angewöhnt, täglich etwa 1 0 b i s 1 2 K o g n a k s zu sich zu nehmen. Im Laufe der Zett steigerte er seinen Alkoholkonsum auf täglich zwei Flaschen Kognak und 40 Mas Bier. Er geriet schließlich in einen solchen Zustand, daß er jeden Morgen eine halbe Flasche Kognak trinken mußt«, um überhaupt dienstfähig zu sein. Aber keiner seiner Kollegen oder Borgesetzten merkte ihm seinen Zustand an. Wie er bei seiner Vernehmung angab, kam er eines Tages, im Juni 1927, besonders betrunken in die Gneisenoustraß«. Während er dort auf einer Bank einschlief, wurde ihm«in« Brieftasche mit 5000—6000 M. gestohlen. Da er sich vor einer Entdeckung sürchkete, erstaltete er keine Anzeige, sondern versuchte durch Sparsamkeit und geborgle Gelder den Schaden wieder guizumachen. Er hals sich damit, daß er nur innner die Gläubiger mit den von ihm eingezogenen Geldern befriedigte, die ihn am dringendsten mahnten. Wenn er gar nicht mehr auskam, borgte er sich Geld. Die Revisionen ergaben nur, daß Preller die Gelder etwas unpünktlich ab- führte. Die eigentlichen Unterschlagungen wurden nicht eher be- merkt, als bis der Schaden 12000 M. betrug. Der Angeklagte erklärte, daß er sich selbst gewundert hätte, wie lange seine Ver- fehlungen übersehen wurden. Er hat nun in 31 Fällen Vor- s ch ü s s e für Haft- und Räumungskosten in der Gesamthöhe von 2200 M. eingezogen und unterschlagen. In einigen 40 Fällen hat er Gelder im Gesamtbetrag bon 4400 M. nicht abgeführt. In 25 Fällen half er sich damit, daß er, wenn er Geld für Gläubiger eintrieb, dieses für sich behielt und den Gläubigern mitteilte, daß er kein Geld erhalten und den Schuldner pfänden mußte. Er setzte fingierte Pfändungsprototolle auf. An Stelle der Unterschrift bemerkte er. daß der Gepfändete die Unterschnst verweigert hätte. Die Verhandlung dauert bei Redaktionsschluß fort. Oachstuhlbrand in der Landwehrstraße. Im Dachstuhl des Hauses Landwehr st raße 17/18 ent- stand heute früh, kurz nach 3 Uhr, Feuer, das großen Umfang anzunehnien drohte. Die Feuerwehr erschien auf den Alarm schon noch wenigen Minuten an der Brandstelle und durch«inen um- fassenden Löschangriff tonnte der Brandherd eingedämmt werden. Nach zweistündiger Tätigkeit war die Gefahr beseitigt. Es wird vermutet, daß verbrecherische Hände das Feuer an» gelegt haben. Ein gefährlicher Garagenbrand kam in der ver- gangenen Nacht kurz nach 1 Uhr auf dem Grundstück P r e n z- lauer Allee 96 zum Ausbruch. Die Flammen fanden an Selen, Fetten und Einrichtungsgegenständen reiche Nahrung. Zwei Automobile wurden völlig zerstört. Ein Weitergreifen des Feuers konnte durch starkes Wassergeben rechtzeitig verhindert werden. Mißbrauchte Menschenfreundlichkeit. Frecher Schwindel mit falschen Arbeitsbescheinigungen. Den gewerbsmäßigen Unlerstühungsschwindel betrieb seit geraumer Zeil ein Konsortium von etwa 12 per- sonen. die das Wohlfahrtsamt in Südende heim- suchten. Es handelt sich durchweg um Leute im Alter von 20 bis 30 Iahren. Männer und Frauen, die zum Teil ohne Wohnung und ohne Beschäftigung find. In einer sogenannten„Kaffeeklappe" in Steglitz hatten sie sich zusammengefunden und ihre Erfahrungen ausgetauscht. Es sprach sich herum, daß der Wohlfahrtsvorsteher in Südenlde ein gütiger Mensch sei, der, wenn man ihm sein Leid klagte, wohl eine Unterstützung gebe. Darauf baute die Gesellschaft ihren Plan auf. Sie fälschten Arbeitsbescheinigungen gar nicht existie- render Arbeitgeber und suchten sich dazu Personen aus, die in den angegebenen Straßen tatsächlich wohnen. Weiter beschafften sie sich gegenseitig Bescheinigungen, nach denen sie wegen Arbeits- losigkeit die Miete nicht zahlen könnten und Exmitiie- rung zu erwarten hätten. Mit diesen gefälschten Papieren erhielten sie auf dem Wohlfahrtsamt Unterstützungen von 10 bis 25 M., die die Bande gemeinsam oerjubette. Allmählich erregte die Häufung der Fälle aber doch Verdacht und die Kriminalpolizei wurde benach- richtigt. Nachforschungen in den bezeichneten Wohnungen, die aus den Lüchern leicht zu ermitteln waren, ergaben, daß die Unter. stützungsempfänger niemals dort gewohnt haben und daß die wirklichen Mieter keine Gelder erhatten hallen. Ebenso erwiesen sich die polizeilichen Anmeldungen mitsamt dem Stempel als gefälscht. Nach und nach gelang es. neun Mitglieder der Schwindel- gesellschaft ausfindig zu machen und hinter Schloß und Riegel zu bringen. Die anderen haben sich aus dem Staube gemacht und werden noch gesucht. Die Festgenommenen geben den Schwinde! zu und wurden dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Sie haben Im Laufe der Zeit ganz ansehnlich« Summen erhatten. Amanullahs Flucht. Britische Beurteilung. London, 24. Mai. Zu der Ankunft Amanullahs in T-fchaman schreiben die „Times" aus Peschawar: Man erwarte, daß Amanullahs Flucht den Stammeskrieg wieder aufleben lassen und zu einem ollgemeinen Chaos in Afghanistan führen werde, da Amanullah schon wegen seiner königlichen Abstammung einen gewissen Teil derer hinter sich hatte, die eine ordentliche Regierung wünschten. Die„Times" schreiben, daß Amanullah seinen Kampf um den afghanischen Thron wenigstens für den Augenblick auf- gegeben zu haben scheine, verweisen aber auf das Beispiel seines Großvaters, der zehn Jahre als mittelloser Flüchtling in Rußland gelebt, aber schließlich doch triumphiert habe. Im Augen- blick sei Amanullahs Stern untergegangen; die Lage in Afghanistan müsse sich grundlegend ändern, bevor er die Hoffnung haben könne, zurückzukehren. Habibullah, der in letzter Zeit an Stärke gewonnen zu haben scheine, beherrsche vorläufig das Feld; aber weder er, noch General Nadir Khan hätten die Unterstützung der Stämme. von deren Haltung die Zukunft des Landes abhänge. Jeder habe leine Anhänger und sein« Feinde, und die Verbündeten von heute könnten die Feinde von morgen sein. Dem Bedauern über die Verlängerung des afghanischen Bürgerkrieges könne man nur den Wunsch anschließen, daß es Amanullah gelingen werde, stch aus den ihn umringenden Gefahren zu befreien. S i m l a, 24. Mai. König Amanullah reiste von T s ch a m a n nach Bombay ab, von wo aus er die Bcise nach Europa antreten wird. Moskau ist beunruhigt. Moskau, 24. Mai. In den letzten Tagen hatten die Sowjetblätter, die bisher immer Amanullahs Aussichten in g ü n st i g e m Licht darstellten, schon zu- gegeben, daß sein« Lage sehr kritisch geworden sei. Mi: einem so schnellen Zusammenbruch wurde aber nicht gerechnet. Den Erfolg des Gegenkönigs Habibullah führt man in Moskau ganz auf die Machenschaften Englands zurück, dessen afghanische' Eine Nacht vor Jupiterlampen. Von Günter Stipp. 78 8oasI6smotzrzKn =3 75 Katholiken Abgeordnetenhaus(Wahl 4.�. 4925) Belgiens Pariamen f 1925-29. Senah 71 Katholiken 59 Sozial- demDkraten 23überaje I 23 Liberale 6 Frontkämpfer ! SchrisH.Demokr. j> | 2 Kornrnu 1 I nisten » 1 f; , rrm �Belgiens Parlament wird am kommenden Sonntag neu gewählt. In unserer Statistik geben wir eine Uebersicht der Zusammenarbeit des Parlaments 1925—1929. In der Abgeordnetenkammer waren die Sozialisten die stärkste Partei, im Senat die Katholiken. In den Senat werden über 40 Jahre alte Mitglieder gewählt, in einem in Wahlfähigkeit und Wählbarkeit beschränkten Wahlgang. Die Abgeoraneten- kammer richtet sich in der Zahl der Mitglieder nach der Bevölkerungszahl(ie ein Abgeordneter auf 40000 Einwohner). Die Wahl ist direkt und allgemein mit Mehrstimmrecht; Witwen und Mütter im Kriege Gefallener haben Stimmrecht. Für beide Kammern wird die Zahl der Abgeordneten der einzelnen Parteien nach dem Verhältnis ihrer Stimmen festgesetzt. Politik schon lange mit größtem Mißtrauen beobachtet und in diesem Sinn auch in der Sowjetpress« besprochen wird. Da Habibullah für Moskau nur als ein abenteuernder Bandenführer im Solde Englands gilt, so wird die neueste Wendung nicht ohne Besorgnis aufgenommen. Es kommt dazu, daß Habibullah mit den mohammedanischen Emigranten zusammenarbeitet, deren wiederholte Einfälle in Sowjetasien sehr ernst be- urteilt werden. Di« Stärkung seiner Macht in Afghanistan würde Habibullah nunmehr in die Lage versetzen, den sowjetfeind- lichen Emigranten eine noch stärkere Stütze zu werden. Schweres nächtliches Verkehrsunglück. Fünf Personen verletzt. In der vergangenen Nach« ereignete sich In der Berg- st r a ß e in Neukölln ein schwere« verkehr»- Unglück, bei dem fünf Personen verletzt wurden. Vor dem Hause Bergstraße 65 fuhr kurz nach 1 Uhr eine Autodroschke mit einem Motorradfahrer, der einen Begleiter auf dem Soziussitz mit sich führte, in vollem Tempo zusammen. Da» Motorrad wurde völlig zertrümmert; der Führer und sein Begleiter wurden auf das Straßenpflaster geschleudert. Beide erlitten schwere Verletzungen. Auch die Autodroschke wurde schwer beschädigt. Der Chauffeur und zwei Insasse,, trugen ebenfalls erhebliche Verletzungen davon. Die Verunglückten wurden in das Britzer Krankenhaus gebracht; drei von ihnen konnten nach An- legung von Notoerbänden wieder entlassen wenden, die beiden anderen liegen schwer danieder. Vor dem Haus« Linien st raß« 192 wurde heut« vormittag «in etwa 18- bis 20jShriger. zunächst noch unbekannter junger Mann von einem Lastauto überfahren. Die Räder des schweren Fahrzeuges gingen so unglücklich über seinen Oberkörper hinweg, daß der T o d auf der Stelle eintrat. Südslawien dementiert: Weder Dr. Matschek noch sonst jemand In Agram fei oer haftet worden. Die Studienfahrt steht vor der Tür— mein Geld langt natür- lich noch immer nicht. Trotz der kleinen Zuschüsse von Stadt und Verwandten. Ich muß unbedingt eine Verdienstmöglichkeit finden. M und zu nahm mal die Zeitung einen kleinen Artikel oder ein Gedicht— das ist jetzt bei der Kürze der Zeit viel zu unsicher. Außerdem wüßte ich augenblicklich auch gar keinen Stoff, über den ich schreiben könnte. Mit der geistigen Arbeit ist es nichts, ver- suchen wir es also mit der praktischen. Und ich habe Glück. Im Winter habe ich ein paar Monate auf der Bühne statiert, ein alter Bekannter von damals meldet sich. Die„Revolte im Erziehungshaus", in der wir statiert hatten, wird verfilmt. Ob ich nicht mitmachen wollte, einige Jungens würden noch gebraucht. Selbstverständlich sage ich nicht nein, wenn es sich auch um Nachtaufnahmen handelt. Neben der(nicht allzu riesigen) materiellen Seite von 15 Mark üben die beiden Begriffe Nacht und Film einen wirkungsvollen Reiz aus. Nach ziemlich langer Fahrt mit Straßenbahn und Autobus sind wir dann endlich draußen in Staaken, im Atelier, in der ehemaligen Zeppelinhalle. Ein großer Teil des weiten Raumes liegt ganz in Dunkel gehüllt, nur in der Mitte, wo die notwendigen Bauten für die Aufnahmen stehen, brennen ein paar Ouecksilberlampen. Ihr scheußliches Licht, das alles Rote in Blau umkehrt, läßt die darunter Stehenden leichenhaft und gespenstisch erscheinen. Zell zur Be- trachtung gibt es nicht:„Macht schnell, zieht euch um, wir fangen sofort an!" werden wir gleich empfangen. Wir gehen zum Garde- robier und lassen uns die Sachen geben: einen Drillichanzug und ein Paar Holzpantinen. Rasch sind wir umgezogen und begeben uns zur Aufnahme, nachdem wir beim Hilfsregisseur unsere Namen angegeben haben. Es handelt sich um den Anfang der Revolte. Die alarmierten Landjäger sehen die Zwecklosigkeit ihrer Bemühungen ein und ziehen ab. Die Zöglinge im Eßsaal springen auf, glauben an ihren Sieg. Alles drängt zur Tür, nachgeworfene Teller oerabschieden die Po- lentc... Nur wenige Jungen werfen vor der Tür neben den Haupt- darstellern Teller. Sie werden ausgesucht und strahlen über ihren Erfolg. Wir anderen, augenblicklich dazu verurteilt, den Hintergrund als drohende Masse auszufüllen, warten ab. Wir haben„unsere große Szene" später. Probe.„Nur markieren!" brüllen Regisseur und Aufnahmeleiter immer wieder eindringlich. Sie kennen ihre Leute. Teller mit Erlaubnis ins Jensetts befördern kann man nicht alle Tage, außer- dem klirren sie schön, und ihre umherspritzenden Splitter können ungeahnte Effekte hervorrufen. Aber— die Teller sind knapp, es muß sparsam mit den Wurfgeschossen umgegangen werden. Endlich ist auch der Kameramann zufrieden. Die Jupiterlampen sind«in- gestellt. Die Augen gewöhnen sich langsam an das grelle Licht, die Rücken fühlen sich durch die unheimliche Hitze, die die Lampen ausstrahlen, in die Tropen versetzt. Leise komm« ich zu der Ansicht, daß Filmkomparserie doch etwas mehr ist als eine angenehme Ab- wechflung... „Achtung, Aufnahme!" Alle anderen Gedanken sind ab- geschnitten durch diese Zauberformel. Dreimal drehen wir die Szene, dann werden die Vorbereitungen zur nächsten getroffen. Jetzt sind wir, die wir hinten gestanden haben und unsere Teller in der Hattd behalten mußten, weil es sonst vorn Mord und Totschlag gegeben hätte, dran! Ach. wir haben sogar eine viel schönere Szene, ähl Die vorn drängen zurück, wir drehen uns um, stürmen in den Eßsaal, werfen unsere Teller und fangen an, Tische und Bänke auseinander- zuhauen. Wenig wird geprobt, der Regisseur kann sich auf uns verlassen. Wenn es sich schon bei Jungens um Kaputtmachen handelt... Er braucht nicht einmal Angst zu haben, daß wir dabei lachen: unser Austoben ist uns heiliger Ernst. Der jugendliche Vandalismus findet endlich Stoff zu befriedigender Betätigung. So geht es weiter. Auch die anderen haben noch genug zu tun. Scheiben werden zerschlagen, Blumentöpfe fliegen durchs Zimmer, Schrankfüllungen knacken, Emailleschüsseln werden mit Fußtritten überhäuft und knistern— verbissen arbeiten wir, überall Revolte, wildes Tohuwabohu, sinnlose Zerstörung. Pause. Teils steht man noch unter den Eindrücken des Erlebten, froh, abreagiert zu haben, teils flucht man, daß man sich die Rächt um die Ohren schlagen muß und legt sich in irgendeine Ecke, teils will man mehr Geld haben. Filmstatisterie: ein Beruf, in dem man bis aufs Blut ausgenutzt und dafür schlecht bezahlt wird. Einig« Unentwegte dreschen unbekümmert um die Vorgänge um sich herum emen Dauerskat. Neue Aufnahmen. Der Höhepunkt der Revolte ist vorüber, was folgt, ist das Satyrspiel nach der Tragödie. Die Polizei rückt mit Schußwaffen an, das Spiel ist ungleich. Die Zöglinge, nur mit Tischbeinen und Brechstangen ausgerüstet, geben den Widerstand auf. Erschrocken, niedergeschlagen, mit leisem Trotz sehen sie, wie ihre Führer verhaftet werden. Durch die hohen Scheiben der Halle flutet das grau« Morgen- licht. Wir sind fertig. Draußen regnet es. Blaß, übernächtigt treten wir in den trüben Morgen, froh, ein paar Mark in der Tasche zu haben und mit der Hoffnung, bei den nächsten Aufnahmen wieder berücksichtigt zu werden. Zweites Gastspiel der Mailänder Gcala „Rigoletto" in der Stadtischen Oper. Verdis„Rigoletto", man weiß es, ist nicht wie„Falstafs" eine Ensembleoper; auf die Träger der Hauptrollen, auf drei Solisten kommt es vor allem an.„Rigoletto" ist vor allem eine Singoper; das Orchester bleibt aufs Begleiten angewiesen, der Sänger ent- scheidet. Von den drei, die gestern, am zweiten Berliner Sola- Abend, in tragenden Rollen auf der Bühne der Städtischen Oper standen, hat nur einer ganz großes Format: der Tenor Lauri V o l p i. Als„Nachfolger Carusos" haben ihn Zeitungsnotizen an- gepriesen. Das mag entscheiden, wer den Titel zu oergeben hat. Jedenfalls eine jener Stimmen, die das Opernpublikum— das italienische, das amerikanische und, wie wir gestern erlebt haben, auch das deutsche in Ekstase versetzen. Man ist weniger hingerissen, als Tot! Dal Monte die berühmte Gilda-Arie beendet hat. Unfehlbare Technik, verblüffende Kopstöne, Koloraturen von maschi- neller Präzision— es genügt nicht ganz, um den fühlbaren Mangel an Innerlichkeit und glaubhafter Persönlichkeit auszugleichen. End- lich Carl Galeffi als Rigoletto, gewiß ein Künstler bedeutender Anlagen, doch diesmal leider durch Indisposition in der Entfaltung seiner Mittel behindert—: es war nach„Falstaff" ein wenig ent- täuschend. Eine Enttäuschung nach höchsten Erwartungen— trotzdem: ein großer Abend. Durch Toscanini. Keine Ensembleoper— also keine Dirigentenoper? Der Sänger entscheidet? Toscanini ent- scheidet. Jeden Ton, jede Gest«— und den Erfolg. Wunderbar, was unter feinen Händen aus der Rigoletto-Partitur, aus dem Riga- letto-Orchester wird; prachtvoll diese heilige Disziplin, zu der er seine Sänger erzogen.„Rigoletto" ist durch ihn eine Ensembleoper geworden. Und das Glanzstück der Partitur, dos Quartett im vierten Akt, wird wie nie zum Höhepunkt des Abends. K. F. Oer Zeiidichier. Don Hans Sauer. vor seinem Arbeitstische Sitzt er in seiner Klause. Das fremde Dichterische. Das paust er ohne pause. Der Entlenin der Dichter hat grad ein neues Planchen, Und aufgemuntert spricht er Zu seinem weib(Ent-fLenchen: was soll mit Geistestaten Man seine Zeit sich schmälern! Moderne Kliteraten, Die denken jetzt(dieb)stählern! Ich plagitiere mächtig Für freie Dichterschindung. Ein Vers klingt wirklich brechtig Erst in der Nachempfindung. Wird dann die Sache lausig. Merkt man den Geiflesdalles: Ich bin(und mach mich) mausig Und Nemmentiere alle». Mit schröpferischen Dramen Weiß ich mich durchzuhauen. 3ch kämpf' für meinen Namen Mit Jähren und mit Klauen. Eine Frau dirigier« die„Meistersinger". In der Großen Staats- oper zu Moskau gingen kürzlich Wagners„Meistersinger" unter der musikalischen Leitung einer Frau Slawinskaja in Szene. Frau Slawinstaja war für den plötzlich erkrankten Dirigenten Steinberg eingesprungen und bewältigte ihre Ausgabe mit anerkennenswertem Geschick., „Der Ausruhr des schiefen Calw." der nicht nur spannende Roman Gerh. Herrmann�Mostars, der bei unseren Feuilleton- lesern soviel Interesse und Beifall fand, ist soeben inz Sasari-Verlag Berlin in Buchform erschienen. Vi« Frühjahrsausstelluua der Akademie der Künste wird Sonnabend. 12 U6r vor geladenem Publikum eröffnet. Bon Sonnabend. 2 Uhr ab ist sie täglich(auchSonntagS) von 10— b Uhr dem Publikum zugänglich. Dir polniiche KunstoussleUung in verlin, dir Ansang Mai eröffnet werden sollte und dann bis zum Sommer verschoben wurde, wird vor dem Winter nicht stattfinden können, da ein großer Teil der Kunstwerte sich jetzt in Posen auf der dortigen Allpolmjchen Landesschau befindet. „Oer Spion von Odessa." Terra-Lichtspiele. Dieser Spion, einer der berufensten Verkünder der Eigengesetze des Films, sagt ungcwllt:„Wir brauchen keine Tonfilme." Gewollt ist er natürlich«in Träger bolschewistijcher Tendenz. Cr berichtet von dem Wagemut und der imponierend kühlen Ueberlegung eines roten Spions und der Hingabe seiner Gesinnungs- freund«. A. K i r i s o w schrieb das Manuskript äußerst geschickt für seine Zwecke. Der Chef des roten Geheimkomitees ist der Vater eines neugeborenen Kindes, der sich für seine Idee opfert, obwohl er in innigster Liebe und rührendster Fürsorge an Frau und Kind hängt. Di« Weißen aber sind Kerl«, die sich um ein käufliches Weib reißen. Mit ungeheurer Spannung verfolgen die Zuschauer die Heldentaten der Roten. Die Tendenz ist sehr sein überlegt. Sie wird verfochten mit der Energie eines von einer fixen Idee Besessenen. Dabei ist der Film, dank der restlosen Hingabe eines jeden Beteiligten, von mitreihendem Schwung. Keine Broschüre und keine feurige politische Rede läßt Indifferente so über Weiße und Rote nachdenken; ein solcher Film erfaßt auch politisch Uninteressierte. Die Russen haben sich durchgerungen zu einer neuen Kunst. Man will keinen Rummel um einen beliebigen Star, man will keine Bombenrolle für einen guten Schauspieler, man will nur einen über- zeugenden Film schaffen. Man will weder schön noch interessant, man will wahr sein. Die Regisseure L. K u l e s ch o w und I. W a ss i l t s ch i t o w verwenden die kritischste Sorgfalt aus die geringste Einzelheit. Ihre Massenszenen sind von lebendigster Wirkung. Di« Photographen sind große Kpnner und die Darsteller geben das Bestmöglichste. Bei der Uraufführung gab es Beifall ob des Könnens und ver- einzelles Zischen ob der Schwarz-Weitz-Malerei. e.h. Die russischen Gtaatskaninchen. Eine Konferenz in Moskau, an der die Spitzen der Kom- missariate für Handel und Ackerbau, des Stoätstrusts für Fleischerzeugung und anderer Behörden teilnahmen, hat beschlossen, eine „Staatskaninchenzucht" in großem Maßstabe zu begründen, um denk Fleischmangel in Rußland entgegenzuwirken, der sich schon jetzt be« merkbar macht und in noch viel größerem Ausmaß für die nächsteck Jahre erwartet wird. Die Konferenz erwählte eine Sonder- kommission, hl der die besten Sachverständigen sitzen, und es wurde beschlossen, in diesem Jahr zunächst einmal zwei bis drei Millionen „Edelkaninchen" zu züchten, die dann im ganzen Lande verteilt und als Zuchttiere die Stammhalter großer Kaninchenmassen werden sollen. Es werden auch Staatsfabriken eingerichtet, die in großen Massen„Büchsenfleisch" au- Kaninchen, Kaninchenwurst und Kaninchenpasteten herstellen sollen. Ein fünfjähriger Arbeitsplan für die Durchführung dieser riesigen Kaninchenzucht ist ausgearbeitet. und es soll eine Progaganda in ganz Rußland eröffnet werden, um die Bevölkerung von den weittragenden Möglichkeiten der Kaninchen- zucht für die Ernährung und für den Handel zu überzeugen; eine ganze Literatur über diesen Gegenstand soll geschaffen und verteilt werden: Filme über die beste Methode der Kaninchenzucht und ihre Bedeutting werden hergestellt und sollen in Wanderkinos überall gezeigt werden._ London hat so viel Einwohner wie Belgien. Nach einer statisti- schen Uebersicht. die soeben von dem Londoner Statistischen Amt ausgegeben wird, beträgt die Zahl der Bewohner von Groß-London 7 8 l> 5 8 7 9. Die Bevölkerung von ganz Belgien wird mit 7 874 691 Seelen angegeben, ist also nicht viel größer als die Londons. Ver- schieden« Vororte der Riesenstadt sind so groß wi« mittlere Provinz- städte. So beträgt z. B. die Bevölkerungsziffer von Taddmgton, das«ine Fläch« von fast 4% Quadratkilometern bedeckt, 142 799, während Brighton über 141 999 Einwohner zählt. Di«„jährlichen Verluste" die die Londoner Bevölkerung durch Straßenunfälle er- leidet, entspricht denen in einer großen Schlacht, denn die Gesamt- zahl der Getöteten und Verletzten betrug 1927 49 195, von denen 1956 getötet wurden, darunter 977 durch Kraftwagen, Kunstregen und Nachpflügen. Neue Technik in der. Landwirtschast. Zu einer Besichtigung märkischer Güter, auf denen neue Me- thoden landwirtschaftlicher Betriebssührung erprobt werden, hatte das „Reichskuratorium für Technik in der Landwirt- s ch a f t" eingeladen. In rascher Autofahrt fuhr man nach Osten, durch märkische Wälder und märkischen Sand, über M ü n ch e b e r g hinaus, bis man ziemlich plötzlich durch einen Hohlweg ins Oder- gebiet kam. Weithin erstrecken sich Weiden und Wiesen, die Bäume an einigen Straßen und Gräben bringen etwas Bewegung in die ruhige Fläche; frisches Grün erfreut jedes Auge. Aber man sollte doch eine lransportable Regenanlage sehen? Ja selbst hier im alten Oderbett hält der Tonboden in den trockenen Wochen nicht soviel Feuchtigkeit, daß nicht die Gräser hart und trocken und der Grasboden brüchig werden. Und auch in regen- reichen Jahren gibt es fast stets eine Trockenperiode, die im Früh- jähr das Wachstum stark hemmt. Da nun in früheren Zeiten Beten und Böllerschießen auf den Wetterdruck wenig Ein- druck gemacht hat, so sucht man in unserm rationalistischen Zeitalter der Wassernot mit mechanischen Mitteln beizukommen. Häufig ist ja Wasser genug vorhanden, nur nicht an der erwünschten Stelle. Regenanlagen in der Praxis. Auf Gut Fredersdorf nimmt man Wasser aus einem Graben und pumpt es durch zum Teil festverlegte Zuleitungsrohre zu den Berteilungsrohren. Diese bestehen aus Aluminium, sind daher leicht von zwei Leuten zu versetzen. Der eine Satz der Verteilung-- röhre spritzt das Wasser durch zwei groß« Düsen mit je 36 Meter Reichweite in gleichmäßigem Regen auf die Koppeln, der andere Satz hat zehn kleine Düsen mit je 12 Meter Reichweite. Abwechselnd in halbstündigem Turnus regnet die eine Seite der Anlage, während die andere versetzt wird. So wird nach und nach, Stück für Stück beregnend Tag und Rächt hindurch, die ganze Fläche mit Wasser versorgt. Es handelt sich hier um 400 Morgen Weiden, von denen jeder Morgen alle drei Wochen einmal beregnet werden kann. Nach der Auskunft des Besitzers ist der Erfolg recht ansehnlich: das Gras ist weich und saftig, der Grasboden hat sich zu einer fast geschlossenen Grasmatte umgebildet: und der Viehbestand konnte verdoppelt und länger im Herbst auf der Weide gelassen werden. Die Wirtschaftlichkeit der Anlage, die immerhin 100 M. pro Morgen kostet und drei Mann zur Bedienung erfordert, scheint außer Frage zu stehen, wenn auch ein Beweis auf Heller und Pfennig noch nicht erbracht werden konnte. Der kritische Beobachter muß allerdings hinzufügen: es handelt sich hier zweifellos um einen besonders günstigen Fall, wo' alle Faktoren„optimal" zusammentreffen— die Loge des Grabens, die Größe der Weide und vor allem die Güte des Bodens, der bei einmaliger Beregnung in drei Wochen solche Erfolge bringt. Wo man dos Wasser ganz in seiner Gewalt haben muß, so daß man„regnen lassen" kann, soviel man will, also auf Sandböden, da reicht die transportable Regenanloge nicht aus. So hat man denn in Schlagenthin eine Bersuchsanloge gebaut, bei der die Röhren etwa ein Meter tief in den Boden verlegt werden und in bestimmten Abständen sich feste Düsen befinden, die das Wasser verspritzen. Die Anlage steht unter einem Druck von 8 Atmosphären, so daß man nicht billige Tonröhren verlegen kann, sondern eigens konstruierte Eisenbetonröhren nehmen muß. So hängt die Wirtschaft- lichkeit der Anlog« vor ollem von Preis und Menge der benötigten Röhren ab. Es ist klar, je weiter der Strahl einer Düse reicht, desto weniger Zapfstellen sind nötig, desto weiter— also billiger— kann das Rohrnetz sein. Durch Verbesserung der„Wcitstrahldllfe" gelang es, die Reich- weite des Strahls von 55 Meter auf 80 Meter zu erhöhen, ein Erfolg, der sich in einer Senkung der Kosten von 325 M. auf 200 M. pro Morgen äußerte. Damit ist es gelungen, von einer Stelle aus mehr als 6 Morgen zu beregnen. Das Bild, das der gewaltige, sehr gleichmäßig regnende Strahl bietet, ist sehr imposant: ein an dem Spritzrohr angebrachter Propeller durchschneidet dauernd den Strahl, dadurch eine bessere Beregnung und eine lang- same Drehung der Düse bewirkend. Diese Versuchsanlage kann nach Ansicht des führenden Gutsbesitzers nur rentabel werden, wenn es gelingt, Pflanzenforten mit stärkerem Wasserkonsum und dem- entsprechend höheren Erträgen zu züchten: als Sicherung gegen Trockenheit fei sie auch bei starker Verbilligung zu teuer. Raupenschlepper in der Rächt. Cs war schon spät am Abend, und nur noch-vereinzelt waren in den Dörfern die Fenster erhellt, als uns auf Gut Elisenhof ei» Raupenschlepper bei der Nachtarbeit vorgeführt wurde. Recht gespenstisch wie eine Kubinschc Zeichnung mutet der auf einsamem Felde stampfende Koloß mit dem schwankenden Bosch- Licht an. Der Schlepper leistet das Drei- bis Fünffache eines Gespanns. Bei seiner kurzen Lebensdauer(fünf Jahre) ist das in- vestierte Kapital natürlich leichter zu amortisieren und seine Arbeit rentabler, wenn man ibn auch nachts im Mehrschichtenbetrieb benutzt und dadurch Gespanne und Leuie„freisetzt" Diese starke Ausnutzung wird um so wichtiger, je mehr sich im Frühjahr und Herbst die Arbeit zusammendrängt. Gespanne haben ihre nahezu feste Leistungsgrenze, sie müssen ausruhen: der Motor aber kann mm nterS rochen arbeiten. So wird man mit Hilfe der Nachtarbeit im Herbst bei weitem mehr Land mit einer bestimmten Zahl„motorisierter" Pserdekräste als mit der gleichen Zahl„orga- nischer" Pferdekräfte bestellen. Je früher aber der Ackerboden dazu kommt, die verbrauchten Nährstosfe zu ersetzen, desto höher werden im folgenden Jahre die Erträge sein. Interessant war zu hören, daß jemand, der hinter dem Pflug her läuft, um die Pferd« zu schonen, am Tage zirka 30 Kilometer zurücklegt, was auf Ackerboden natürlich eine übermenschliche An- strengung ist. Daher schafft der fortschrittliche Landwirt heute nur Pflüge mit Sitzen an, gleichgültig ob für Pferde- oder Motorbetrieb. Erst noch Mitternacht endete diese Besichtigungsfahrt. Zum Glück„hatte" es nicht geregnet, es„war" nur geregnet worden. Arbeiierschafi und Auslandsdeutsche. Ueber die Beziehungen der Arbeiterschaft zum Auslandsdeutsch- tum sprach auf einer vom Verein für das Deutschtum im Ausland veranstalteten Arbcitcrtagung in Kiel der Sekretär des ADGB., Franz Furtwängler. Wenn Deutschland, betonte Furtwängler, wertvollstes Gut, arbeitswichtige Menschen, erportiere, dann bestehe auch die Pflicht, die Interessen dieser Nolksangehörigen zu vertreten. Wie Frankreich mehr als 100 Jahre long die Sympathien der Well durch sein Eintreten für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte erobert Hobe, wie heute die russische Propaganda Schutz für den„Arbeiterstaat" Rußland fordere, so müsse draußen in der Well der Ruf erschallen: Hände weg vom Lebensnero Deutsch- lands, das unter größten Schwierigkeiten das große System sozialer Fürsorge geschaffen habe und durch überspannte Tributforderungen nicht zu e-iner Halbkolonie gemacht werden dürfe. Die Ziele des VdA, Schutz der Minderheiten und ihrer Kultur- rechte, seien auch eine Angelegenheit der Arbeiterschaft, vor allcm der Sozialdemokratie, die schon vor dem Krieg für fremde Volks- splitter in der Welt, soweit sie mißhandelt worden seien, einge- treten sei. Neben dem berechtigten Klassenkampf der Arbeiterschaft sür ihre soziale und wirtschaftliche Geltung bestehe als gemeinsames Ziel die republikanische Volksocrbundenh.'it zwischen In- und Auslandsdeutschen. Furtwängler erntete mit seinen Ausführungen, die den Stempel eigener Auslandserlebnissc und Erfahrungen trugen, starken Beifall. Dr. Spohr, Berlin, betonte, es gebe unter den Auslandsdeutschen 'nicht nur reiche Kaufleute, sondern auch Tausende aus den millleren und unteren Volksschichten, die draußen oft unter großen Opfern für die Erhaltung ihrer Kultureinrichtungen kämpften. Im Gegensatz zur Vorkriegszeit, wo Bismarck mit Bezug auf die Auslandsdeutschen das Wort von den„abtrünnigen Brüdern" geprägt habe, hätten heute Regierung. Parteien und Volk die große Bedeutung des Auslandsdeutschtums erkannt. Admiral Scebohm, der geschäfts- sührcnde Vorsitzende des VdA., erklärte auf eine Anfrage, daß der VdA. bei jedem öffentlichen Auftreten die schwarzrotgoldenen Reichsfarben zeigen und ihnen volle Achtung ent- gegenbringen werde. Verantwortlich für die Redaktion: Kranz Llüh», Berlin: Anzeigen: Th. Stolle Berlin. Berlag: Vorwärts Verlag<5. rn. k.$., Berlin. Druck: Vorwärts Buch. druckerei und VerlagsanNalt Paul Singer& Co.. Berlin 533 68, Lindenstrabe 3 Hierzu 1 Beilag«. Theater, Lichtspiele usw. Freitag, 24. 5. Staats-Oper Unter d. Linden A.-V. 135 20 Uhr Staats-Oper Arn PI.d.Republ. R.-S. IIS• 19'/- Uhr Don Giovanni Freitag, 24. 5. Stadt. Oper Bisniarckstr. Turnus III 19'.-- Uhr Engen Onegin Staat). SM. am Beadarmeninarlrt A.-V. 122 20 Uhr König Jobann Staat). Sebilier-Tbeater.Cbaritli. 20 Uhr Zaungäste 8 Uhr d 5 Barbarossa 9256 The Jevers und weitere Varietä-Dieuttelten AIgi. 8066—63 Täglich 5, Bis Sonntag 2,5. 8is INTERNAT. VARIETE Vorverkauf stets für die lautende Woche inkl. Sonntag Üerünsr||lk-Tll0 Neukölln, w Lahastr. 74/711 METRO POLTHEATER 8s Nur noch 8 Tage! Lustige Witwe Hetttcrherg Heidem&nn, Jankiihn,.EIleot, Janker- mann, Schaeffers. Kfinstlerisclie GR. SCHAUSPIELHAUS 8 Nur noch 8 Taga! Der liebe Aagustin Christians Karlweis, Lieske, Arno, Morgan, Westermeier. Leitung; Erlh Charoll._ Winrer ★ Gorrcn* 8 Uhr. Zentr. 2819» Hndm man« „Viel Nene« und finles". I Renaissance- Theater Hardenbergstr. 6 Tl.: Iteiapl. 901 1. 2583/84 8V< Uhr TSglUll SV« Uhr Die tiBiiige Fiamme Regie: Gustav Härtung. I I CASWO-THEATER Lothringer Strafe 37. ..Pldldder von laeade" und ein erstklassiger bunter Teil. Für unsere Leser: Gutschein für 1—4 Personen Fauteuil nur 1.15 M, Sessel 1.65 M., Sonstige Preise: Parkett u. Rang 0V0 M. Rose fit. Franktiuier -Tteftr 1 TeL: Alex. 3422. 8.15 Uhr: Spiel ImSchloss. Gartenbühne: 5.30 Uhr: Xonxerl und ißunler Teil 8.15 Uhr:£tn'TTalaerlratim. Reichshallen-Theater AlUUnumdi QO Okr Sleflincr sanier Unter anderm„Sine flacht n-lni XaUtteinkeller". l4 80«. bl» I M. Dönhoff- Brettl: (Saal und Garten) Varl«« ✓ Adon-Eetker-RoHen/ Ttni Volks bttnne fheittr inBilliivglitl 8 Uhr Trojaner Tialia- Theater 817 Uhr Ptarrhaus- Hamödie Staat!. Slhiller-Ib. 8 Uhr Zaungäste Siaatsoptr am Plati der BtpahllS Th Uhr Don Giovanni Kammersplele D.I. Norden 12 310 S'.jU. Ende nach 10 Aufgang nur für Herrschaffen Kleine Komödie von Siegfried Geyer Theater am Sihinhanerdamm. Norden 1141 Ii. 281 Täglich 8 Uhr Dreigrosdien- Oper Meter. VaidtL TtrtmlB. Lmtkv. Leid«!. Steck« DioUdies Tbeater D.I. Norden 12310 8U, Ende geg. 10'.'! Zum 200. Male Die eetangene Schauspiel von Edouard BourdeL Regie: Max Reinhardt. Die Komödie I Bismck.24147516 ki, Ende geg. 10WJ. Dar Mails, der seinen Hamen äntlerte 3 Akte von Edgar Walace. Regie: ttciniHilpcrtl BarnowsJr;- Bohnen Thett.r In dar XSnirjgrätzer StraBa Täglich 8-/« Uhr Rival en Komtidienhaus Täglich 8i/4 Uhr CHarleysTante mit Curt Bols. .Kleines Tbeater Täglich 8'/« Uhr Naß««" trotten? udi im iBirikifl'uta von Frank Green. Musikalische Illust. Fr. Holländer. Regie: Fr.FrietUnailil- fraisrtm. Berliner Tbeater Direkt-Heinx Herald Charlottenstraße 90 A. 7. Dönhoff 170 S'/'i, Ende 10'.', Uhr. Täglich Oie fonf Frankfurter von Carl Rössler Regie; Eimen BoDea Theiter am RolleDdorfplatz ' Täglich 80, Uhr Diumsnnerder manon Operette in 3 Akten v. Walter W. Goetze Lessing-Tbeater Täglich 8'/, Uhr „Die Frau des Trianon-Th. Täglich 8'/« Uhr Zimmer zu vermieten Für unsere Leser: Preise 1.-, 2.-, 3.- M. Dtach. Küntilor-Th, 8'/, Uhr Prosit eipsy Operette V.Gilbert Emmtf Sturm Fritz Scholz Rundfunkhörer halbe Preise Thut.am Kotib.ror Kottb.Str.6 Tägl. 8Uhr Elite- Sänger Das neue Mal- Proor. Hnefaheth. HStMIWstunu! Slumenspettdet! jeder Art liefert preiswe r: Paul Oolletx vorm. Robert Meyer Marianncnstra£e 3 Tcke Naunynstraße Amt Moritzpl 103 03 In Hfiflen. Besaß rrlSBuas mä nurffir m israoen sind sfliwsre Fälle btseitlgl vordn. Unantastbare Heumoloe. üesiatlflana and Beicrenm, irzmch ompfotiten. invalldeniiraSe 106. 9—21.1—8. Soaniag 10— IS. latohy. Töeat. d. Westens Täglich SV, Uhr Froai Lebars Weiter Wgi Friederike Carola Toelle John Hendrilt. ThaliaTbeater Dresdener Str. 72-73. 8-/> Uhr Lustspieihsos 80, Uhr Guido Thielscber Weekend im Paradies Pianelarinm — am Zoo■— Vermag. Joadtianthaier Straß« Noll. 1573 löVdUhr Sternbilder des Frühjahrs 18"4 Uhr Wunder des südlichen Himmeis 201/4 Uhr Sternhimmel und Weltbau Tägl. außer Montags u. Mittw. Erwachs. 1 Mk., Kinder 50 Pf. Mittw.: Erwachsene 50 Pf., Kinder 25 Pf. AufTeilzahlung Herren- o. Damen-Garderobe von M. 2.— Wochenrate an. MÖBEL bis 24 Monatsraten SehMtzlmmsr» KUohen» seürsafea metatuietten» KortwiOMi» suoanbrefl ANTEI QroBe Frankfurter Sir. 34 (Strausberger Platz). Kiichen rot emalll. „AnGd'-Rglbe...... 88.— 75.- Aaridite-lUdM„Hansa-.. 88.— Iis.— Anrtetc-KBdw.Uli«".. 103.— 188.- Ueldcrspiad. 03 cm br.. tob 82.— 88— inssl«lnag lalnsidr Rbelnlstber Kamen. BclonnkfidiOT Küchenmöhel-Haus LASERSTEIN luckaucr Straoe 1 Edte Qranlenstraäe. nabs Horltzplatz VoeodeiUe Scfudze Mec£cfuu zchöfuuiq. 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Mai 1929 DnWmiD � nlritiL �/iCZo Win Das Antlitz der Labour Party Wie die englische Arbeiterbewegung wurde und was sie ist „Mit ihrer merkwür. digen Synthese aus Pu- ritanismus und„inner- weltlichem" Radikalismus, ihrem Elan, chrem Selbst- vertrauen, ihrer Leiden- schaft für das nächst er- reichbar« Ziel und ihrer Kompromißbereitschaft aus dem Wege zum Endziel, ihrem völligen Mangel an j«glicher Rechtgläubigkeit und jeglichem Dogma, ihrer Fähigkeit, Mitglieder d«r herrschenden Klasse zu sich herüberzuziehen, stellt die britische Arbeiterpartei unt«r allen sozialistischen Parteien der Welt das eigenartigste Gebilde dar." So sagt Egon Wert» h e i m« r im Vorwort zu seiner Schrift„Das Ant- litz der britischen Arbeiterpartei", die der Dietz-Derlag heraus- gegeben hat. G. D. H. C o l e, der Historiker d«r britischen Arbeiter- bewegung, hat das l«senswerte Buch mit einer Einleitung versehen. Zeit der Gärung Cole erklärt, warum die Entwicklung der britischen Labour Party ohne«inen Blick auf den Hintergrund des gesamten politischen Lebens Großbritanniens unmöglich verstanden werden kann. Die Labour Party ist er st 1900 ins Leben getreten, selbst ihre unmittelbare Vorläuferin, die unabhängig« Arbeiterpartei, ist nicht vor dem Jahr« 1893 gegründet worden. Mehr als einmal freilich war die britisch« Arbeiterbewegung in den vorhergehenden 69 Iahren der Schaffung einer eigenen politischen Partei nahe. Die Chartistis'ch« Bewegung hätte in den zehn Iahren nach 1832 diesen Schritt beinahe getan, und es sehlte nicht viel, daß die Gewerkschaften im Jahre nach der zweiten Reformakte von 1867, die den städtischen gelernten Arbeitern dos Wahlrecht gab, mit Hilfe der Liga der Arbeiteroertretung eine eigene Partei ins Leben gerufen hätten. Daß dies nicht geschah, liegt im gesamten sozialen und wirtschaftlichen Aufbau der britischen Gesellschaft be- gründet. Es gab innerhalb des britischen Bürgertums söge- nannte„radikale" Elemente, die gewillt und stark genug waren, mit Erfolg um die Unterstützung eines Großteils der Arbeiter- schaft zu werbe». Immer wieder scheiterte der Versuch des Aus- baues eitler selbständigen, politischen Arbeiterbewegung an der geschickten Taktik dieser Gruppe des Bürgertums. Es gab damals im englischen Parlament nur zwei Macht- faktoren: die Toris und die Whigs, die Konservativen und die Liberalen. Die außerhalb stehenden Radikalen appellierten an die Arbeiter, einmal, um«inen Druck auf die Whigs auszuüben, zum anderen Male, um die Widerspenstigkeit des von konservativem Geist erfüllten Hauses der Lords, des Oberhauses, zu brechem Aber die so erreichten Reformen lösten bei der Arbeiterklasse eine tiefe Enttäuschung aus. Man strömte in die Gcwerkfch-'slen und suchte unter dem an- feuernden Einflüsse Rober« Owens durch gewerkschaftliche Massenorganisalioo zu erzielen, was durch politische Aktion vor- läufig unerreichbar war. Der„große gewerkschaftliche Nationalverband" wuchs schnell über seine eigenen Kräfte hinaus. Er wurde zu früh in Konflikte ver- wickelt und deshalb im Jahre 1831 zerschlagen. Aus ihm erhob sich die chartistijche Bewegung. Sie setzte sich hauptsächlich zusammen aus dem industriellen Proletariat des Lcordens, der mittleren Landesteile und des Bezirks«üdmales. Ihre lokale Führung war weitgehend in den Händen der gelernten Arbeiter, der Jntelligenzschicht der Arbeiterklasse. Di« Mehrzahl ihrer Anlzänger bestand jedoch aus den notleidenden Fabrikarbeitern der neuen industriellen Distrikte und den noch schlechter gestellten Handspinnern, die durch die Konkurrenz der Maschine zur Verzweiflung und dann zu dem blinden Aufruhr ge-> trieben wurden, den uns auch Toller in einem Drama schildert. Es folgte der Verfall der Bewegung. Die Zeit war für die Forderung des allgemeinen Wahlrechts noch nicht reif gewesen, geschweige denn für das ökonomische Pro- gramm des Chartismus, das dieser Forderung die Triebkraft ver- liehen halte. Die herrschende Klasse von damals ließ sich durch eine rein proletarische Bewegung noch nicht aus ihrer Ruhe stören. Die bürgerlichen Radikalen gründeten die Freiheitsliga, und auf die unterernährten Arbeiter übte diese Bewegung eine stckrk« An- zichungskraft aus.„Für die Aufhebung der Lebensmittelsteuern, gegen die Ausbeutung durch die Hausbesitzer," das waren die Parolen, die zogen. Aber als der konservative Ministerpräsident Sir Robert Peel zur Abschaffung der Kvrnzdlle gezwungen wurde, war dies in Wirtlichkeit ein symbolischer Sieg des indu- striellen Unternehmertums aus den Reihen der Whigs. Zeit der Klärung In der Zeit vom Zusammenbruch des Chartismus bis um das Jahr 1869 kann kaum von einer' selbständigen Arbeiterpolitik die Rede sein, obwohl die Anstrengungen in dieser Richtung niemals völlig erloschen. Der Schwerpunkt der Arbeiterpolitik lag damals auf dem Ausbau einer festfundicrten Gcwerkschafts- und Genossenschastsbcwegung unter den gelernten und besser gestellten Arbeitern. Erst noch 1869 wurde eine Aenderung sichtbak. Mit der R e f o r m o k t e von 1867, die endlich den gelernten Arbeitern das Stimmrecht verschaffte, war die gesamte politische Lage verändert. Tories und Whigs stellten nunmehr rhre Sozialpolitik im Hinblick aus die neue Wählerschasr um. Ein Jahrzehnt lang wetteiferten die beiden Parteien bei der Einführung von Fabrik-, Bergwerks-, Wohnungs-. Gewerkschaftsgefetzen und jeglicher Art von Sozialgesetzgebung. Den Gewerkschaften gelang es 1871 zwar, zum «rstenmal zwei Bergarbeitersührer ins Unterhaus zu entsenden, aber der bis dahin wachsende politische Einfluß ging beinahe wieder ganz verloren. Da wurden indenachtzigerIahren drei radikale Der- einigungen gegründet: die Demokratische Föderation, die Sozial- demokratische Föderation und die Sozialistische Liga. Aus diesen drei Quellen entstand die unabhängige Arbeiterpartei. Keir H a r d i e stellte sie auf die Grundlage der Einzelmitgliedschast. Nach einer Periode von Richtungskämpfen schloß man sich 1999 endgültig zusammen und gründete das Komitee für Arbeitervertretung. Damit war die heutige Arbeiterpartei, die Labour Party geschaffen. Dom Jahre 1996 an trägt sie den Namen, den sie bis heute beibehielt, Labour Party. 1999 hatte das Komitee lediglich die Wahl von zwei Mitgtiedern ins Parlament erreichen können, 1996 gewann die Nachfolgerin, di« Labour Party, 29 Sitze, zu denen 1999 und 1919 mehr als«in Dutzend Bergarbeiterabgeordnet« kamen. Di« Bewegung wuchs, aber der Krieg brachte Meinungsverschiedenheiten zwischen den Führern Macdonald und Henderson. Erst noch dem Kriege kam die vollkommene Verschmelzung. Vorwärts zum Sieg! Vor dem Krieg wäre ein« Arbeiterregierung in England undenk- bar gewesen. Die Macht der Konservativen und der Liberalen, die sich abwechselnd in di« Regierung teilten, war praktisch ungebrochen. Das Kriegsende hat auch hier— sozusagen in unsichtbarer Revo- lution— den großen Wandel gebracht. Seit 1918 ist die Arbeiter- Partei im Unterhaus an die zweite Stelle gerückt, während die Liberalen von ihrer Hauptstütze, den zur Arbeiterpartei überge- gangcnen radikalen Elementen verlassen, nur noch der Schatten ihres alten Selbst sind. Im Jahre 1924 hat die Arbeiterpartei für kurze Zeit die Regierungsgeschäfte geführt/ Ihre Macht war jedoch be- schränkt, da sie in allem von der Unterstützung der Liberalen ab- hängig war. Die Entscheidung, vor sie sie sich gestellt sah, lautete daher: Sofortiger Sturz oder Verzicht auf eigene Politik. So knüpft sich, nach Cole, nur geringer Ruhm, aber auch nur geringer Tadel an die Tätigkeit der ersten Arbeiterregierung Großbritanniens. Sie verwirklicht« einige nützliche soziale Gesetze, sie verändert« bis zu einem gewissen Grad« das Gesicht der britischen Außenpolitik im positiven Sinne und verhinderte daheim das weitere Sinken der Löhne. Wertheimer legt den Ausbau von Gewerkschaften und Arbeiterpartei in England klar. Während die sozialistischen Parteien des Festlandes im allgemeinen auf dem Grundsatz der persönlichen Mitgliedschaft aufgebaut sind, ist die Labour Party vorwiegend Rahme norganisation. Die Gewrkschaften gehören der Partei zu ihrem größten Teil korporativ an und stellen mehr als 99 Prozent der Mitgliedschaft. Deshalb spielten die G e werk- s ch a s t« n bei der Aufstellung der parlamentarischen Kandidaturen eine ganz hervorragende Rolle, da sie nicht nur indirekt, sondern durch ihre Beitragsleistung an die Partei 99 Prozent aller Wahlauslagen bestreiten. Lsbour Party und Kommunismus Dem Außenstehenden mußten die Gegensätze, die sich in den Iahren 1924 bis 1926 zwischen der Politik der Gewerkschaften und der der Labour Party zeigten, unverständlich erscheinen. Auf der gewerkschaftlichen Seite sah man eine Politik der Einheit«- front mit den Russen, die beinahe zu einer Sprengung des Amsterdamer Gewerkschaftsbundes führte, die Partei dagegen lehnte das Einheitsmanöver mit Moskau ab und verharrte in scharf antikommunistischer Haltung. Der Erfolg gab der Politik der Labour Party recht. Di« englischen Gewerkschaften er- litten Niederlage auf Niederlage, die Arbeiterpartei errang Sieg auf Sieg bei den Nachwahlen. Der Widerspruch, der sich dem Außenstehenden aufdrängt, ist nur scheinbar unauflöslich. Tatsächlich liegen die Dinge so, daß die Parteiorganisationen in Groß-Britannicn nicht den bestimmenden Faktor für die parlamentarischen Fraktionen darstellen, sondern um- gekehrt die Fraktionen in der Praxis die Parteiorgani- sationen leiten. Die Partei ist lediglich zwischen Parlaments- Sir Oswald tilosley Mitglied des Unterbauses und der Exekutive der Labour Party auflösung und Neuwahlen souverän. Nach der Wahlschlacht lösen sich die Fraktionen von ihrer inneren Bindung an den Partciopparat los und werden selbständiger Organismus. Die parlamentarische Fraktion wird nicht nur zu einer Funktion der Partei oder zu ihrem machtpolitischen Ausdruck, sondern zur Partei schlechthin. Später als in irgendeinem anderen Lande des westlichen oder mittleren Europa ist in Groß-Britannien die Trennungslinie zwischen der sozialistischen und der kommunistischen Bewe» gung gezogen worden. Die Rolle die der Sinowjew- Brief in den Oktoberwahlen des Jahres 1924 spielen konnte, war nur dadurch er. klärlich, daß die politischen Gegner damals noch mit einem Atom von Berechtigung die sozialistische und die kommu. nistische Bewegung in Eng. land in einen Topf werfen konnten. Gewisie historisch. psychologische Momente hin» derten das frühere Einsetzen einer klaren Scheidung. Es kann kein Zweifel Herr» schen, daß die Masse der Par» teimitglieder zunächst die Kam» munisten für nichts als radi- kaler« Anhänger der gemein- famen Sache hielt, ohne sich einer tieferen oder grundsätzlichen Verschiedenheit bewußt zu sein. Die Drahtzieher in Moskau erkannten dies wohl, und so ergab sich für die Alltagsarbeit der Kommunistischen Partei Groß-Britanniens zunächst die Taktik, die Labour Party vorwärts- zupeitfchen und die„reformistischen" Führer Macdonald, Henderson und Snowden in Situationen zu manövrieren, in denen sie mit ihrer bisherigen Politik in Widerspruch geraten und dadurch entweder radikalisiert oder„entlarvt" werden würden. Die Klärung bei den Massen setzte erst in den Jahren 19 23/24 ein. Nunmehr begann auf den Gewerkschaftskongressen und den Parteitagen der Labour Party jenes Ringen zwischen Kom- munisten und Sozialisten, das die kontinentale Arbeiterschaft zwesiel« los mehr erregt hat, als die Engländer selbst, die, sofern sie anti- kommunistisch waren, der Besorgnis ihrer Freunde auf dem Festlande von Anfang an eine ruhige Siegeszuversicht entgegengesetzt hatten. Das Verhältnis zum Soziaiismus Für den Geist, der di« beitische Arbeiterbewegung beseelt, ist es in hohem Maße charakteristisch, daß di« Labour Party beinahe zwei Jahrzehnte im öffentlichen Leben wirken, eine Millionenzisfer von Mitgliedern erreichen, zur dritten großen Partei im Unterhaus emporwachsen konnte, ehe sich im Jahr« 1913 das Bedürfnis nach einer programatischen Festlegung ihrer Ziele einstellte. � Im Gegensatz zu den Parteien des Festlandes, deren Entwicklung und Aufstieg Schritt für Schritt von Programmen begleitet war, hat sich die Arbeiterpartei von ihrer Geburtsstunde um die Jahrhundertwende bis ins letzte Kriegsjahr hinein damit begnügt, Einzelforde» rungen auf ihren Parteitagen zu beschließen, ohne dies Mosaik in den Rahmen eines Programm es zu spannen. Das liegt nicht zum wenigsten in der politischen Tradition des englischen Volkes begründet. Gegen Ende des Krieges machte sich dann innerhalb der Partei das Bedürfnis geltend, die Organisation geistig und organisatorisch den Veränderungen anzupassen, die sich im Verlause von fast zwei Jahrzehnten vollzogen hatten, und damit die Voraussetzungen für einen weiteren Ausstieg der Partei nach dem Kriege zu schaffen. Die Partei war bereits vor dem Krieg« dank der intensiven Pro- paganda der Unabhängigen Partei in ihrer Mehrheit sozialistisch geworden. Die staatliche Jndustriekontrolle, wie sie der Krieg mit sich brachte, hatte mit ihren schier unbegrenzten Mög- lichkeiten dem sozialistischen Gedanken neue Nahrung und neue An- Hänger zugeführt Di« Zeit war reif, den sozialistischen Charakter nunmehr offiziell festzulegen. Was am Beginn der Bewegung als Hemmnis für die Entwicklung betrachtet worden war, wurde nunmehr zum stärksten Anziehungspunkt. Das Parteiprogramm Es galt weiter, die Tore der Partei den geistigen Arbeitern, deren Beruf sie einer gewerkschaftlichen Organisation entzog, zu öffnen. Diese Wünsche fanden in den Satzungen der Partei, die sie sich im Februar 1918 gab, Niederschlag und Erfüllung. Das Parteistatut umreißt die Aufgaben der Arbeiterpartei, soweit es sich um politische und ökonomische Zwccksetzungcn handelt, wie folgt: ,„.. den Hand- und Kopfarbeitern das volle Ergebnis ihrer Betätigung und seine möglich st gerechte Ver- t e i l u n g aus der Grundlage des genieinfainen Besitzes an den Produktionsmitteln und mittels des besten Systems der demo- kratifchen Administration und Kontrolle der einzelnen Industrien und Verwaltungszweige zu sichern, im allgemeinen die politische, soziale und ökonomische Befreiung des Volkes und im besonderen derjenigen zu verwirklichen, die zur Bestreitung ihres Lcbensunter- Haltes unmittelbar auf ihre Hand- und Kopfarbeit angewiesen sind..." Das Programm, das in jedem Satze die Hand Sidney W e b b s verrät, stellt die größte Annäherung an eine theoretische Begründung der verkündeten Prizipien dar. 1927 beschloß man dann auf dem Parteitag von Blackpool, die Exekutive mit dem Entwurf eines neuen Parteiprogramms zu beauftragen. Es waren rein vraktijchc, unmiitelbar politische Erwägungen, die diesen Entschluß veranlaßtcn. Es heißt in der Resolution: „Angesichts der bevorstehenden Neuwahlen und des Bedürf- nisics nach einer Darlegung der grundlegenden der Wählerschaft zur Entscheidung vorliegenden Fragen, b'etaustragt der Parteitag die Landeserekutive, in gemeinschaftlicher Beratung mit dem Fraktionsvorstand eine Zlusst eilung der wichtigeren Forderungen auszuarbeiten, denen die Parteitage der Arbeiterpartei zu verschiedenen Zeiten ihre Zustimmung erteilt haben. Diese Darstellung soll ein Programm für die gesetzgebknde und administratioe'Tätigkeit einer Arbeitsrregieruna bilden." Egon Wertheimcr schließt mit dem Bekenntnis zu der lieber- zeugung, daß die Zukunft in Groß-Britannien der Arbeiterpartei gehört. Möge ihm der große Tag der englischen Wahlschlacht, an dem die Augen der Sozialisten aller Länder auf die britisch« Arbeiterpar gerichtet sind, recht geben! Henning Duclersl-v' Jtamsay lUardonald George Xansbury Gründer des»Daily Herald" <4� dw* iauywicüt. (19. Fortsetzung) „Hotz nur!" unterbrach mich das Mädchen und verschwand, wähnqid ich mir ein« neue Flasche Tockayer angelte. Kmnn hatte ich die Gläser frisch gefüllt, als die Schickse lachend aus dem Nebenzimmer kam.„Fein!" jubelte sie, siel mir um den Hai, und führte mich hinein. Das erste, was ich erblickte, war ein großes, buntes Himmelbett. „Da staunste, Iungel«, gelt?" das verlieble Mädchen lloschte in die Hände, zog die Vorhänge auseinander und deckte das Bett auf. Wir drehten im Gastzimmer die Lampe aus, riegelten die Zimmertür hinter uns ab und verschwanden dort, wo der Herr Wirt und die Frau Wirtin hineingehörten, während der Wirt in der Magdkammer schnarchte. Als wir am anderen Morgen erwachten, wirtschaftete der Wirt bereits im Hause herum. Da geruhten denn auch wir uns zu er- heben und kletterten aus unserem Himmelbett. Der Wirt begrüßte uns aufs freundlichste und erkundigte sich, ob wir gut geschlafen hätten.„Und ob!" sagten wir und sahen uns lachend an. Der Wirt fragte uns weiter, was wir trinken wollten, wartete unsere Antwort jedoch gar nicht erst ab, sondern stellte eine volle Flasche und drei Gläser auf den Tisch. Aber Anna, meine Schicksalsgefährtin, winkte ab. „Wir möchten erst Kaffee trinken" „Kakice müßt ihr euch selber kochen," brummte der Wirt, indem er das zweite Glas herunterkippte. Ich merkte schon, der Mann wurde überhaupt nicht mehr nüchtern, er wärmte seinen Affen vom Tage vorher am nächsten Morgen nur immer wieder auf. Anna braute uns ein anständiges Getränk, dos auch dem Gast- wirt gut mundete. Er seufzte:„Es ist doch ganz was anderes, wenn «ine Frau im Hause ist!" Mir kam es so vor, als wenn er es gerne sehe, wenn wir noch hier blieben. Wir machten deshalb keine Anstalten, das gastliche Haus zu oerlassen. Der Wirt hatte bereits ein helles Feuer im eisernen Ofen entfacht. Hier war es warm und mollig und draußen lag hoher Schnee. Auch das nette, hübsche Frauenzimmer fühlte sich wohl. Ich riet ihr in ihrem eigenen Interesse, wenn es irgend mög- lich sei, hier zu bleiben und sich dem Gastwirt unentbehrlich zu machen. Wenn es Sommer gewesen wäre, hätte ich ihr bestimmt diesen Rat nicht gegeben, dann wären wir beide zusammen getippelt. Aber was sollte ich wohl im Winter mit einem Weib auf der Land- straße anfangen! Und sie machte sich auch unentbehrlich: sie goß nämlich dem Wirt das Glas so oft voll, daß er, als zwei nobel aussehende Herren ins Gastzimmer traten, schon wieder vollständig benebelt war. Es waren Winkeladvokaten, die von dem Gastwirt den Austrag hatten, die Scheidungsklage gegen sein« durchgegangene Frau und den Ber- kauf des Gasthofs einzuleiten. Das waren nun die Richtigen! Sie verschwanden sofort mit dem Wirt in einem Hinterziimner, um dort ihre Geschäfte abzu- wickeln. Nach einer Weile erschien«iner der beiden Herren, holte einige Flaschen Likör und Zigarren. Hierbei stellte er auch uns eine Flasche hin und reichte mir eine Handvoll Zigarren, dabei die Hand an den Mund legend, was wohl soviel heißen sollte, macht uns den Pelz nicht naß und wir lassen auch euch zufrieden. Nach wieder einer Weile winkten uns die Ehrenmänner herein. Auf einem Tisch stand ein Leierkasten. Die beiden Herren wollten sich auch amüsieren und ein Tänzchen machen. Ich drehte unverzagt den Leiertasten, Anna flog aus einem Arm in den anderen, und es wurde ein solch feucht-sröhlicher Tag, wie wir ihn uns bester und schöner gar nicht wünschen konnten. Auch unser Gastgeber versuchte zu tanzen, siel aber immer wieder über seine Beine und rempelte jeden Stuhl um, so daß er schließlich, um der Sache ein Ende zu machen, zum Essen einlud. Anna bereitete Rührei mit Schinken und wir speisten ge- meinsam zu Mittag. Bei dieser Gelegenheit bot der Wirt Anna an, sich ihm zu verdingen und bei ihm zu bleiben. Ich redete Anna zu, und Anna erklärte sich schließlich einverstanden. Das war Grund genug zu einer besonderen Feier. Einer der beiden Herren stellte sich auf den Tisch und hielt eine schwungvolle Rede, in der er den Wirt feierte, der es verstehe, sich ein gutes Haus- mädchen zu erobern, während er Anna als umsichtige Köchin pries und dem Wirt in unser aller Nomen zu seiner neuen guten und weichen Bettunterlage gratulierte. Ich meinerseits gratulierte Anna im besonderen und wünschte, daß es ihr vergönnt sein möge, recht bald hier als Frau Gastwirtin wirken zu können. Der Gastwirt war in seinem Suff so begesttert, daß er ein frisches Faß Bier anstecken ließ. Es wurde getanzt und getrunken, bis die Herren aufbrachen, um noch den Nachtzug zur Stadt zu er- reichen. Da der Gastwirt inzwischen schon wieder besinnungslos be- trunken war, mußten wir ihn zwei Mann hoch in seine Mägdekammer bringen, während mir das Himmelbett und die Frau Wirtin in spe winkten... 2(m anderen Morgen walzte ich meine Straße in dem Bewußt- sein weiter, ein paar gute Tage kostenlos verlebt zu haben. Als ich noch einundeinhalb Iahren wieder mal hier durchkam, hatten andere Leute von dem Gasthof Besitz ergriffen, vom Gastwirt konnte ich leider nichts mehr in Erfahrung bringen. Die Aacht auf dem Kriedhof.» Was ist doch der Mensch für ein erbärmliches Geschöpf, wenn er betrunken ist und sich nicht mehr auf den Beinen halten kann! Ist er nicht erbärmlicher als das niedrigste Geschöpf auf Erden? Und diese Kreatur, die sich Mensch nennt, besitzt die Frechheit, sich für das Ebenbild Gottes zu halten! Als ich den alten Kadetten, den ich schon eine ganze Weile beobachtete, wie er auf der Landstraße hin und her wankte� sich ob und zu an einem Baum festhielt, aber dann mit einem Male wie eine abgeschobene Kugel in den Chausteegraben rollte, eingeholt hatte, rief ich ihn an:„Wo willst du denn hin, Kunde?" Er glotzte mich an und lallte:„Kunde?"„Kenn Kunde." er- widerte ich den üblichen Gruß. Als ich nochmals nach seinem Ziel fragte, lallte er:„Nach Ierichow." Da ich neugierig war zu erfahren. west Geistes Kind es sei, das schon in aller Herrgottsfrühe sternhagcl besoffen im Graben liegt, setzte ich mich zu ihm und fragte nach seiner Religion.„Organist,", war die Antwort. M � W-Ä? U>WCtiL „Du willst wohl sagen, mit deinen Organen ist es nicht mehr ganz richtig, was?" „Da," sagte er, langte in die Brusttasche und reichte mir seinen Paß. Da stand es nun, er war aus Schlesien, hieß Kleiber und war Kantor und Organist. Na, dachte ich, du bist ja ein feiner Kunde! Aber da ich dieselbe Tour hatte, machte mir's Spaß, mit einem solch ehemals gebildeten Herrn zusammen zu reisen. Den Borge- schmack lieferte er mir ja jetzt schon. Erstlich sah er niederträchtig versoffen aus. Ein dunkler Vollbart umrahmte das ganze Gesicht. Die Statur war klein und gedrungen. Die Hände dick und einem Holzhauer ähnlich. Kurz, er machte den Eindruck eines echten Land- streichers, der bereits vollständig verkommen ist. Trotz alledem war er ein völlig ungefährlicher Geselle, der keinem Kinde etwas zu leide hätte tun können. Jetzt war er eingeschlafen und schnarchte, als wenn er sämtliche Baßtöne einer Orgel aufgezogen hätte. Da es erst in der neunten Frühstunde war, legte ich mich neben ihn in den Graben und machte meine Betrachtungen. Ja, es ist so manchem Menschen nicht an der Wiege gesungen worden, wie es ihm später ergeht. Dasselbe erlebte ich ja auch an mir selbst. Weshalb ergab man sich denn dem Trunk? Viele Um- stände spielten dabei eine Rolle. Dieser Kantor und Organist, der seiner Sinne nicht mehr mäch- tig neben mir lag, mußte trinken, ersttich, um sich und sein Gewissen zu betäuben. Wer weiß, was er einst ausgefressen hatte, daß ihn dos Schicksal auf die Landstraße warf. Er mußte, um sein Leben zu fristen, betteln gehen. Im nüchternen Zustand hätte er dies nie fertig gebracht, deshalb mußte er sich vorher erst die nötige Courage antrinken. Dies war wieder ein Grund mehr zum trinken. Die Kleider, der Rock, der einst dunkel gewesen, war von der Sonne vollständig ausgezogen und hatte schon eine mehr gelbliche Farbe. Die Stiefel waren kaput, die Zehen kamen vorne durch. Im nüchternen Zustand hätte er es kaum fertig gebracht, in einem solchen Aufzuge sich vor seinen Mitmenschen zu zeigen. So wie ihm ging es den meisten, die auf der Walze waren. Es war die Scham in erster Linie, die jeden zur Flasche greifen ließ, und dennoch gewann man trotz alledem dieses Leben schließlich lieb. Die Macht der Gewohnheit hatte in solch einer Weise Besitz von einem ergriffen, daß man schließlich zu einem geordneten Leben nicht mehr die Kraft besaß. Jeder Groschen wurde daher in Branntwein angelegt, und es gab Wirtshäuser, in denen es dem Wirt und der Wirtin lieber war, es kehrten einige Handwerksburschen bei ihnen ein, als daß sechs Bauern den ganzen Abend über dasaßen, die Stube voll spuckten, ein großes Maul hatten und nichts verzehrten. Die Handwerksburschen, die liehen ihr ganzes erbetteltes Geld draufgehen. Einige Stunden hatten wir nun schon im Graben zugebrv'chi und die Sonne war wieder ein beträchtliches Stück weiter gerückt. Der schottige Baum, unter den wir uns gelegt hatten, gewährte keinen Schatten mehr, und die Sonne brannte unheimlich auf unser Lager. Da wachte mein Urion auf, griff nach seiner Flasche, hielt sie gegen die Sonne und machte dazu ein betrübtes Gesicht. Es war kein Tröpflein mehr drin! Ich tröstete ihn damit, daß das nächste Dorf in einer halben Stunde zu erreichen sei und wir uns unsere Flaschen dort frisch füllen lassen könnten. Wir machten uns beide auf die Strümpfe. Unterwegs erzählte mir mein Reifekamerad, daß er keinen Poscher mehr besitze, aber den Lehrer im Dorfe doch gern besuchen möchte.„Aber ehe," stotterte er,„ich nicht den richtigen Zungenschlog habe, kann ich nichts machen, da bringen mich keine zehn Pferde hin." „Um ordentlich einen zu schmettern, so viel habe ich schon noch," tröstete ich ihn,„Hauptsache, daß du hernach bei deinem Kollegen auch was heraus holst." Als wir ins Dorf kamen, ging unser erster Weg ins Wirts- haus. Auch hierbei gingen wir ganz politisch zu Werke. Erst wurde im Wirtshaus gefochten, dabei bekamen wir schon jeder einen Schnaps geschenkt, den wir, da unsere Kehlen vollständig ausge- trocknet waren, mit Wollust hinter die Binde gössen. Dann baten wir die Wirtin, sie möge uns unsere Flaschen füllen, was ich selbst- verständlich bezahlte. In der Ecke des Gastzimmers hatte ich ein Klavier entdeckt, höflich fragte ich die Wirtin, ob sie gestatte, daß mein Reisekamerad mal eins aus seinem Repertoire vortragen dürfe, war ich doch selbst neugierig, ob er wirklich musikalisch war. Sie sah uns erst ungläubig von der Seite an, dann meinte sie: „Der? Der sieht mir nicht gerade danach aus. Aber verstimmen Sie mir das Klavier nicht, sonst schmeiß ich euch alle beide zur Bude heraus." Nachdem Karl, so hieß der Organist mit Vornamen, das nötige Quantum intus hatte, öffnete er den Deckel und ließ feine Bären- tatzen über die Tasten gleiten. Dann aber hob er noch einmal die Hände hoch, um sich zu überzeugen, daß er keinen Zitterschlag mehr habe, und intonierte ein Musikstück, das den ungeteilten Beifall der Wirtin und des Wirtes fand, welcher unterdessen das Gastzimmer betreten hatte. Damit war für heute unsere Reise beendet. Denn durch dos wirtlich meisterhafte Spiel herangelockt, fanden sich auch bald Gäste ein, und die Wirtin gab mir zu erkennen, daß sie es gerne sehe, wenn wir da blieben. Uns war das natürlich sehr lieb. Ich sang zwischendurch einige lustige Sachen, die Kafl gut begleitete, und so wurde es bald recht fidel im Gastzimmer, in dem wir bei unserer Einkehr die einzigen Gäste gewesen waren. Wir erhielten zu essen und von allen Seiten zu trinken, so daß wir und alle Anwesenden uns bald in der gehobensten Stimmung befanden. Als es abends in der zehnten Stunde war, hatte Karl so schwer geladen, daß er die Tasten nicht mehr fand und schließlich vom Stuhl kegelte. Das war das allgemeine Zeichen zum Aufbruch. Alles lachte, wünschte uns eine angenehme Nachtruhe und der Wirt bracht« uns in die Scheune. Der Kantor, den er anderen Tags aufsuchte, kannte Karl schon, da er am Abend vorher im Wirtshaus stinen Abendschoppen getrun- ken hatte. Er wunderte sich sehr, in dem Klavierspieler einen Kollegen zu finden. Wir bekamen beide ein gutes Frühstück und Karl noch einen Fünfziger ertta. Nun konnten wir wieder weiter tippeln und hatten, als wir in Ierichow einzogen, wenigstens Entree. Wir suchten zunächst die Herberge auf. Der Organist erkundigte sich nach seinen Lehrern, ich beschloß als stellungsloser Kaufmann aufzutteten. Wir stiegen, nach- dem wir erst wieder unserer Pulle tüchtig zugesprochen hatten, auf Fahrt.(Fortsetzung folgt.) WAS DER TAG BRINGT. Vogelschutz und Vogelhege. Der Vogelschutz, dem jetzt eine so allgemeine internationale Aufmerksamkeit zugewendet wird, schließt zwei Begriffe in sich, näm- lich die Maßnahmen des allgemeinen Naturschutzes, die den Vögeln zugute kommen, und dann die Bostrsdungen, die auf künstlichem Wege die heute so erschwerten Daseinsbedingungen günstiger ge- stalten wollen. Man hat daher zwischen den eigentlichen„Vogel- schütz" und der„praktischen Dogelhege" zu unterscheiden, wie Glasewald in der bei Hugo Bermühler in Berlin erscheinenden Zeit- schrift„Der Naturforscher" ausführt. Wenn z. B. durch Anbringung von Nisthöhlen Niftgelegeicheit für Vögel geschaffen wird, die sie sonst in einem Walde kaum noch finden würden, so ist das ein« Vogelhege, ebenso wie die Winterfütterung. Dadurch würde«in« zeitweilige Ueberoermehrung der begünstigten Arten herbeigeführt. Der„Vogelschutz" dagegen beschränkt sich darauf, selteneren oder bedrohten Arten ihre natürlichen Daseinsbedingungen zu erhalten. Dies ist z. B. bei dem Naturschutzgebiet„ftremmer See" in der Mark der Fall, in dem 40 Wasser- und Sumpfoogelarten Nahrung und Brutgelegenheit finden, oder im„Golmer Luch", wo die seltene schwarzschwänzige Uferschnepfe geschützt wird. Die„Oder- hänge bei Berlinchen" ermöglichen es dem Eisvogel, in dem lehmigen Boden seine Brutröhren zu graben. Durch die Erhaltung der Eichenkratts in Schleswig-Holftein und der Knicks in Oldenburg wird freibrütenden Vogslarten Nistgelogenheit geboten. Wenn in den märkischen Forsten die alten Zweige der Buchen nicht ab- geschlagen werden, so geschieht dies hauptsächlich zu dem Zweck«, dem Schwarzstorch oder dem Schreiadler das Horsten nicht zu ver- Freitag, 24. Mal. Berlin. 16.00 Major a. D. Breithaupt:' Rettung aus Wassergetahr. 16.30 Konzert der Kapelle Emil Roösz. Anschließend; Mitteilungen des Arbeitsamtes Berlifl-Mitte. 18.10 Französisch. O. Colson, professcor de irancais: Zünfte et Compagnonnage. 18.35 Prof. Dr. Weidert: Streilzüge durch die Optik. 19.00 Bürgermeister a. D. Paul Heßlein: Staatsautoritüt und Bearatensehaft. 19.30 Otto Vetter: Falkcnberg-Freienwalde a. d. O.; Kalkberge. 20.00 Orchesterkonzert. I. Aus englischen Singspielen und Operetten. Während der Pause; Bildfunk.— II. Volkstümliches. 21.40 Beethoven: Stieichquartelt E-Moll, op. 89 Nr. 2.(Quameri-Quartett.) Nach den Abendmeldungen; Bildfunk. K«nigswnsterhausen. 16.00 Rektor Karselt: Lehrprobe. 16.30 Mersmann; Einführung in Sonate und Sinfonie. 17.00 Nachmiltagskonzert von Leipzig. 18.00 Dernburg; Die Ergebnisse der Pariser Reparationskonferenr. 18.30 Englisch für Fortgeschrittene; 18.55 Dr. Fritz Ditthorn: Die Bakteriologie des täglichen Lebens. 19.20 Wissenschaltöcber Vortrag für Tierärzte. leiden und dem Schwarzspecht Gelegenheit für seine Zimmermanns- kunst zu bieten. Ein anderer Zweig des Vogelschutzes bestellt in den gesetzlichen Handhaben, durch die besonders bei Zugvögeln die jähr- lich« Wanderung durch mehrer« Länder gesichert wird. Die Londoner Vogelschutzkonserenz vom Jahre 1927 und die Tagung des Intsr- nationalen Komitees für Vogelschutz in Genf 1928 haben solche dringenden Schutzbestimmungen festgelegt. Wenn ein Multimillionär im Gefängnis sitzt. Die amerikanischen Zeitungen sind voll von ausführlichen Schilderungen über dos Leben, das der 53jährige Oelmagnat Harry F. Sinclair, der Herr über mächtige Petroleumgesellschajten und Besitzer von schätzungsweise 590 Millionen Dollar, im Bezirks- gefängnis von Columbia bei Washington führen muß. Sinclair hat den Weg nach dem Gefängnis in einer eleganten Limousine gemacht und bei seinem Eintritt in das Gefängnistor erwarteten ihn Dutzende neugieriger Zeitungsreportcr mit gezückten Photographenapparaten. Wie die Reporter zu berichten wissen, hat Sinclair sein Schicksal gefaßt getragen. Nun muß der Millionär mit 5 Dollar in der Woche. die ihm für den Ankauf von Zigarren usw. gestattet sind, aus- kommen. Besonders gut scheint es fhm nicht zu gehen, denn die Zeitungen' wissen zu berichten, daß er an Schlaflosigkeit leide: und sich geweigert hat, sein Essen in der Gesellschaft von 260 Strafgefan- genen, von denen die Mehrzahl Neger sind, in der großen Halle des Gefängnisses einzunehmen. Immerhin ist Sinclair dadurch eine gewisse Erleichterung zuteil geworden, daß ihm als früherer Student der Chemie eine Beschäftigung als Assistent des Gefängnisarztes zuteil geworden ist. So hat er bereits bei einer von diesem Slrzi vorgenommenen Operation helfen dürfen. Der Gefangene Nr. 10 520 — so heißt jetzt der Millionär für 90 Tage— hat während der Abendstunden die Erlaubnis, Radio zu hören und in der Gefängnis- bibliothek zu lesen. Ein Schach-Match zum Südpol. Das Mitglied der Byrn-Südpolexpedition, Mr. Frank T. Davis, der in der Antarktis überwintert, hat auf Radiowege den bekannten Schachamateur Shaw von der McGill Universität in Montreal zu einem Schachmatch herausgefordert. Das Match, dos durch zehn Gewinnpartien entschieden werden soll, geht über«ine Entfernung von 7000 engl. Meilen. Kinderraub. Der Polizei in Kairo ist es gelungen,«iner fünfköpfigen Bande habhaft zu werden, die systematisch den Raub von Kindern reicher Leute betrieben hat. Ihre Mitglieder drangen als Bettler oder Händler verkleidet in die Häuser, schleppten die Kinder mit sich fort und erpreßten von den erschreckten Eltern durch Drohbriefe Lösegelder, die sich in einzelnen Fällen auf mehrere tausend Pfund beliefen. Belgien ohne Polizeistunde. Der belgische Innenminister hat«ine Verordnung erlassen, wo- nach mit Wirkung vom 1. Juni ab in Belgien die Polizeistunde, die bisher einheitlich auf 1 Uhr festgesetzt war, aufgehoben wird. - dh&rfvrid»e«elN». Siilrnbergfahrer! Montag, 27. Mai, 20 Uhr, wichtige Besprrchung im Ztrstaurant„flur Linde", Ufersir. 13. «»Seiter Radtahrer. und»rastiahrrrdund. Solid- ri tat'. Ortogruppe»roh. Berlin. iSrschäftsstrll- Slobnt Rothbarth. W. 11, Schönoberger Str. 17». Tourrn am Sonntag, 2li. Mai.— 1. 8M.: 6 und 12 Uhr Croslinser. Start: Biwwstr. 55.— 2. Adt. Sonnabend. 25. Mai, Nacht tour»ach Kloster Chori». Start:>« Uhr. Sonntag, 5 Uhr, Uebrisee: 13 Uhr, Bernau. Start: Diessen- dachstr. 3«.— 5.»dt. Sonnabend, 25. Mai, 17 Uhr, Beljig-Wiesenburg: Sonntag, 2«. Mai, 5 Uhr, Stiirihse«, 13 Uhr, Rahnodorf. Start: Landsberger Platz. —«.»dt. 7 Uhr tzliedrrtour nach Rtlderstors. Start: Slolpische Str. Sil.— 9. Abt. 6 und 13 Uhr Anbaden im Gorinsee. Start: Triftstr, S3.— 1«. Abt. b Uhr, Tour wird am Start beiauntgegobr». Start: Petersburger Str. 5.— Abt. Sh-elottenburg. 6 Uhr Rahmase«. Start: Kanal. Eete Wilmersdorser Strotze.— Abt. Schiinederg. tz Llhr»ach Brandenburg. Start: Migge, Stubenrauchstr. 5a.— Abt. Reuktzlln.«, Uhr nach dem Stienitzsee. Start: Hohen�ller»platz.— Abt. Lichtenberg. 5 Uhr nach drm Hitlzernen See. Start: ! Att-ssriedilchsselde S8.— Abt. Weitzensee-Keinersbors. 7 Uhr nach Mühlrnbeek. Start: Langhanostr. 112.— Abt. Reiniekendors. 6 Uhr nach dem Stolpe». : Hagener See. Start: V»rein»Iokal.— Bundes rrue Rotorsahrrr. Abt. K«»,. berg. 3 Uhr Sternfahrt nach Brandenburg. Start: Lousitzer Platz.— Abt. ! zrlebrich-h-i». 8 Uhr Sternfahrt nach Brandenburg. Start: Landsberger Plötz.— Abt. Neukölln. 7 Uhr Badetour. Start: Hohenzollernplatz.— Abt. Kipenick. 7 Uhr nach dem Stienitzsee. Start: Kaiser.Wilhelm.Str. 3. Alienturuer! I. Kreis, Faustballspieler! Alle Mannschaften treffen sich am kammenden Sonntag um 3 Uhr aus dem Sportplatz in Hohenschönhausen. Sommerftratzr, zur EpieleriSssmmg. Fahrverbtndung: Stratzenbahnlinir 66 bis Steffen, und Quitzowstratze. F»«i« Schwimmer G roh. Berlin e. B. Altersriegenversammlung des Gesamtvereins Sonnabend. 25. Mai, 20 Uhr, bei Dietz, Roedernstr. 11—13.— Srupne Lichtenberg: Grnppenversommlung am selben Tage bei Wegener. . dUlee iCQ.— Geupre Reulillln: G.»A.-Sitzung Dienstag. 28. Mai. IN Uhr. lei gra.:?. e-nnghoserstr. 1.- Gruppe Mitte: Borstandssitzung am , 28. Mai. 20 Uhr. bei Arndt. Schrdderftr. 2.— Die Telephonnumwrr de» Ber. cinsstatiltUers ist bis auf Widerruf: f. 3., Grünau 5621. für Zuschriften: 1 lötrandbad Grünau, •Die Sladlhalte mWagdebwrg, in der vom 26. bis 31. tflai der Parieitag der Soziatdemokra- tischen Partei 3)eutschlands stattfindet. S>er umfangreiche nenaseitlicheäiau enthält neben zahlreichen anderen{Räumen den Qroflen Saal, den.{Raum der Tiertausend'. Arbeiiszeiivertürzung im Bergbau? Oer Kohlenausschuß des IAA. befürwortet sie. Gens, 2-i. Mai.(Eigenbericht.) Der zurzeit in Genf tagend« Kohlenausschuß des Jnternatio- nalen Arbeitsamtes gab der Forderung der Bergarbeiterinternatio- nale auf einheitliche Verkürzung der Arbeitszeit prin- zipicll feine Zustimmung. Im Verlaus der Verhandlungen betonte S ch m i d t- Bochum als Vertreter der freigewerkschaftlich organi- sierten deutschen Bergarbeiter, daß die Neuregelung der Arbeitszeit aus sozialen Gründen äußerst dringlich sei. Ter deutsche Regierungsoertreter befürwortete diese Auffassung: auch Polen stimmte zu. Der englische Regierungsoertreter und der Delegierte der Unternehmer forderten dagegen Hinausschiebung der Arbeits- zeitoerkllrzung bis zur Revision des Washingtoner Abkomniens. Der Direktor des Arbeitsamtes, Thomas, schlug vor, die Entscheidung darüber, ob die internationale Verkürzung der Arbeits- zeit durch ein baldiges Conderabkommcn oder durch einen Zusag zu dem Washingtoner Abkommen geregelt werden soll, dem in der nächsten Woche zusammentretenden Verwaltlingsrat des Arbeitsamtes zu überlasten. Die Ursachen der Eisenbahnkaiastrophe. lleberschreitung der Zahrtgefthwindigkeit. Zu der Entgleisung de» UO-Zuges 7!r. 5 wird von der R e l ch s- bahndirektion Frankfurt a.?Il. mitgeteilt: 3m Bahnhof Kerzell bei Fulda wird die Fliedebrückezur- zeit umgebaut. Infolge dieser Arbeiten müssen die Züge der Richtung Franksurl a. M. im Lahnhos Kerzell durch das Heber- holungsgleis geleitet werden, das mit einer Geschwindigkeit von 45 Kilometern durchfahren werden loll. Die Ursache der Entgleisung ist wahrscheinlich darin zu suchen, daß der verunglückte Schnellzug mit unverminderter Schnelligkeit das Ueberholungs- gleis durchfuhr, hierbei entgleiste die Lokomotive, stürzte um und riß den folgenden Packwagen und drei Personenwagen mit sich. Sechs Reisende nwrden schwerer und sieben leichter verletzt. Die schwerer Berlehlen wurden dem Krankenhaus Fulda zugeführt. Die leichter Berlehten sehten ihre Reise fort. Unter diesen befindet sich auch der Direktor des Leipziger Schauspielhauses, Dr. Kronacher, der nach Frankfurt als Schauspiel- inlendank berufen ist. Er erlitt einen Bluterguß an der Schläfe. Die aus dem Gleis stehengebliebenen drei wagen des Schnellzuges wurden nach Eintreffen einer Ersahlokomotivc nach Fulda wcilergesahrcn. Bon dort sehte der Zug um 6,5t Uhr abends die Fahrt nach Eisenach fort, wo die Reisenden in einen inzwischen zusammengestellten neuen Schnellzug umstiegen. Die Züge der Richtung Fulda— Frankfurt können aus dem richtigen Gleise ohne Störung verkehren. Der verkehr in der Richtung Frankfurt— Fulda muß bi» zur Beendigung der Ausräumungsarbeiten zwischen Reuhos und Fulda einglellig geführt werden. Zu dem Unglück selbst werden noch folgende Einzelheiten bekannt: Die Unfallstelle bildet einen wüsten Trümmerhausen. Die drei entgleisten Personenwagen sind vollständig inein- oüdergeschoben und liegen links und rechts vom Gleise. Der Lokomotivführer wurde hinter seinem Führerstand unter einem Kohlenhaufen vollkommen zugedeckt aufgesunden. Der Heizer war von der Lokomotive abgesprungen und lag neben den Gleisen. Er hat einen Nervenschock erlitten. Die drei Hinteren Wagen, darunter der Speisewagen, blieben auf dem Gleise stehen und wurden nach Fulda weitergeleitet. Nur dem Umstand, daß der Zug, der nur erster und zweiter Klasse führt, schwach besetzt war, ist es zu verdanken, daß die Katastrophe kein größeres Ausmaß annahm. Schwindel im Zeliiheaier. Oer neue Zamee-Klein-Ekandal. 3n Blagdeburg Hot sich in den psingstseiertagen eine merkwürdige Geschichte abgespielt: James klein, der bekannte Theaterunternehmer, hat da» über zweihundert Mitglieder zählende personal einer Wanderrevue während der Erössnungsvorslellung im Stiche gelassen und ist mit der ganzen Einnahme nach Berlin ausgerückt. Das personal blieb völlig mittellos zurück. Ein„Theater der Fünftausend* war angekündigt: „Gigantische Wunder",„Kolossal-",„Grand-" und„Prunkreoue". Jedermann war aufs höchste gespannt. Aber am Sonntag mußte die„Eröffnungsvorstellung" ausfallen, weil angeblich die tschechischen Arbeiter, die das Zirkuszelt aufbaue» sollsen, keine Einreiseerlaubnis erhalten hatten. Sie hatten aber auch, wie sich nachträglich herausstellte, keinen Rcisevorschuh erhalten. Zum Glück fanden sich«in paar Arbeitslose, die den Zeltaufbau unternahmen. Diese Arbeit zog sich allerdings bis in die erste Vorstellung hinein, die am Psingst- niontag mit hängen und Würgen vor sich ging. Unvorbereitet waren nicht allein die Bühnenarbeiter, sondern auch das künstlerische Personal einschließlich der Musik- k a p c l l e. Auch dadurch, daß einige Male Sitzbänke zusammen- krachten, wurde die Stimmung des Publikums nicht milder. Dos Ergebnis dieser Vorstellung war eine künstlerische Pleite auf der ganzen Linie. Das wäre noch nicht das Schlimmste gewesen. Sondern das Verschwinden des Direktors James Klein samt Kasse in seinem Automobil— Ziel unbekannt. Man hat hinterher erfahren, daß Klein dem Direktionsmitglied nachgefahren sei, das Zahlungen in Berlin leisten wollte. Wie itjimer— das Personal blieb, genau wie damals, als die Revue „Von A bis Z" in der Berliner„Komischen Oper" zusammenbrach, ohne einen Pfennig Gag« sitzen. Die Gastwirt« warfen die armen Tänzerinnen, ISO an der Zahl, auf die Gtraß«. hungrig und obdachlos, veranstalteten sie am Dienstag ein; Notvorstellung zu halben Preisen, deren Erlös, knapp 800 Mark, jedem Mitwirkenden— drei Mark einbrachte. Das reicht« für ein Abendessen, aber nicht zur Uebernachtung und erst recht nicht für die Rückfahrt nach Berlin. Das Wohlfahrtsamt der Stadt Magde- bürg hat den notleidenden Künstlern ein Mittagessen gestiftet. Was weiter werden soll, weiß niemand zu sagen. Der Magdeburger Polizeipräsident hat mitgeteilt, daß ihm ein gültiger Wandergewerbeschein von der„Europäischen Reisetheaterg es ellschaft m. b. h., Berlin W62. Bay. reuther Straße 37", vorgelegt worden sei. Di« Frage ist wohl ge- stattet: Wie war es möglich, daß die Konzessions dehörds in Berlin auf diese Schwindelfirma hereingefallen ist? Ein Unter- nehmer, der sich in der Reichshauptstadt längst unmöglich gemacht Hot, durfte um keinen Preis auf die Provinz losgelassen«erden. Das Komitee der Angestellten hat Anzeige wegen Betrugs erstattet. Das Publikum ist gleichfalls geprellt worden. Es hätte eben — bei etwas mehr Vorsicht— gar nicht so weit kommen dürfen, daß dieser skrupellose Unternehmer seine Angestellten der bittersten Rot aussetzte._ Ltnsozial- aber rechimäßig. OaS Prinzip der Firma Aschinger. Ein Küchenmädchen in einem Betriebe der Firma Aschinger erkrankte und war infolgedessen 14 Tage arbeitsunfähig. Obwohl das Mädchen noch der Schonung bedurfte, ließ es sich vom Arzt gesundschreiben, denn— so sagte es als Klägerin vor dem Arbeitsgericht— wenn man bei Aschinger länger als 14 Tage krank ist, wird man entlassen, und ich wollte doch nichtentlassen werden. Die Klägerin hat sich also zur Arbeit gemeldet Man stellte sie an ihren alten- Arbeitsplatz, und zwar in der Nachtschicht. Aufwaschen war ihre Beschäftigung. Dabei mußt« sie stundenlang auf dem von Wasser überrieselten kalten Fliesenfußboden stehen. Durch diese Arbeit hatte sich die Klägerin ihrer Ueberzeugung nach ihre Krankheit zugezogen. Sie bat deshalb, man möge ihr andere Arbeit zuweisen. Diese Arbeit könne sie nicht verrichten, denn sie wolle nicht aufs neue krank werden. Bei gutem Willen und einigem sozialen Verständnis würde es doch wohl möglich gewesen sein, ein? eben erst vom Krankenlager aufgestandene Arbeiterin einstweilen mit einer ihrer geschwächten Gesundheit angemessenen Arbeit zu beschäftigen. Aber für solche humanen Erwägungen hatte man an zuständiger Stelle nichts übrig. Der Personalchef verfügte:„Sie sind gesund« geschrieben, also haben Sie die Arbeit zu machen, die Ihnzn zugewiesen wird. Wohin soll es führen, wenn in unserem Betriebe jeder Arbeiter und jede Arbeiterin sich die ihm zusagende Arbeit aussuchen will" Die Klägerin wollte ihre Gesundheit nicht völlig ruinieren. Sie verweigerte die Arbeit, durch die sie ihrer Meinung noch krank geworden war. Deshalb zpurde sie fristlos entlassen. Die Klägerin forderte Bezahlung der Kündigungsfrist. Der Vor» sitzende machte den Vorschlag, dt« Klägerin im Vergleichswege mit 10 M. zu entschädigen. Das lehnte der Vertreter der Finna „aus Prinzip" ab. Das Gericht erkannte auf Abweisung der Klage. Es ist— wie Amtsgerichtsrat P i« r a u verkündet«— schweren Herzens zu dieser Entscheidung gekommen, denn vom sozialen Ge» sichtspunkt aus sei das Verhalten der Klägerin durchaus gerechtfertigt. Aber rechtlich liege eine beharrliche Ar» beitsvcrweigerung vor. Da die Klägerin vom Arzt' gesund- geschrieben war, hätte sie die ihr zugewiesene Arbeit verrichten müssen. Deshalb habe das Gericht auf Abweisung der Klage erkennen müssen. Die Firma Aschinger ist also aus formal-juristischen Gründen mit ihrem„Prinzip" durchgedrungen. Gleichzeitig ist ihr aber ihr unsoziales Verhalten vom Gericht bescheinigt worden. Auf diesen„Sieg" darf die Firma keineswegs stolz fein. Weiler für Berlin und Umgegend: Ziemlich heiter und warm, Gewitterneigung besteht fort, südöstliche Winde.— Für Deutschland: Im Südwesten strichweise Gewitter, überall warm, im Nordosten beständig. r PROGRAMM für die Zeit vorn 24. bis 27. Mai O-T A F OIG Potsdamer Strafe 35 Der Patriot mit Emil Jaimiagt Das gute Beiprogramm Rhein stralje 14 Die Frao, nach der man sich sehnt mit Fritz Kortner Dos gnte Beiprogramm Odcon, Potsdamer Sir. 75 Die wunderbare LOde der Nina Peirowna mit Brigltlc Helm Turmstratze 12 Vererbte Triebe mit Walter KUla Der neue Weltmeister mit William Fairbanks Alexanderstr. 39-40 (Passage) Den ganzen Ta'g geöffnetl Die Frau, die teder liebt, bist Du Vagabundeniicbchen mit Reginald Dcnny Alhambra Schöneberg, Hauptstr. 30 Der Patriot mit Emil Jannlngs Das gute Beiprogramm Bühncnschau., Titania(uia slhSuberg) Hauptstraße 49 Beginn ab 6J0 Uhr Der Palrioi mit Emil Jannindt AugewShltcs Beiprogramm Nordwesten Welt-Kino Alt-Moabit 99 Verirrte Jagend Der Herr vom Finanzami mit Paul Heidemann W Charlettenbura Schlüter-Theater Schlüterstr. 17 W. 7 u. 9.15 S. ab 4 U. Die wunderbare Lfige der Nina Pctrowna mit Brigitte Helm Das Gespensterhaas ■«tea.it.■ Titania-Palast Steglitz, Schloßstr. 5, Ecke Qutsmuthsstr. Ein Millionenangebot Auf der Bühne: Ludwig Mantred Lommel > UchterFel Füm-Paiast Kammersäle Teltower Str. 1-4 Beginn 6 U. Vererbte Triebe(Das neue Geschl.) Der rasende Tentcl m. D. Fairbanks g Marlendorf'fc Vf.» T J Mariendorier lia-Lrl UAtsplele Chausseestraße 305" Der Kampf (Vererbte Tr Sdicidangsgrand Stg. 3 Uhr Jug.-V. neue Gcsdüedii Süd• n Th. am Moritzplatz Beginn: W. ab 6.15 Uhr, Stg. ab 4.30 Uhr Der Leutnant Ihrer MalestAt mit Iwan Petrovitch Hollywood W SQ/, Std. vorher Luna-Filmpalast Gr. Frankfurter Str. 121> Der Patriot mit Emil Janntngs Bühne: Else Reval und Gustav Bertram Internationale Bflhne Concordia-Palast Andreasstraße 64 Vererbte Triebe (Das neue Geschlecht) Der rasende Teufel mit W. Fairbanks Bfihnensdiaa Kosmos-Lichtspiele Lichtenberg, Lückstraße 70 Der LeutnAnl Ihrer Kafestlt Gr. Revue: Lachgas über Kosmos Kino Busch Alt-Friedrichsfelde 3 Skandal in Baden-Baden mit Br. Helm Affentheater mit lyd > Nordosten «Elysium" Prenzlauer Allee 50— Film und Bühne Grohstadlschmetterling mit May-Wong Mannheimer KfinstL-TheaL-Gasl- splel in der Revue: Komm' zu■ Bfihn auch au PR® GRAM für die Zelt vom 24. bis 27. Mal Skala-Lichtspiele Schönhauser Allee 80 Die Frau, die Jeder liebt mit Henny Porten Der Polizeispion von Kalifornien Bühncnschau Alhambra Müllerstraße, Ecke Seestraße Die Frau nach der man sich sehnt Bühne: Wiener Gesangrevue und die übrigen Varietöattraktionen Fortuna-T ageskino Müllerstraße 12c Beg. 10 U. vorm. Das führende Tageskino ab 10 Uhr spielt nur SpilzenfÜmc d£r Welt Produktion Mctro-Palast Chausseestraße 30 Die Kameradschaftsehe Hotelgeheimnisse m. Magda Sonfa Noack's Lichtspiele Brunnenstraße 16 Täglich 5. 7. 9 Uhr Stg. 3 U. Jugendv. Mascotichen mit Käthe von Nagy Was kostet Liebe? Beiprogramm Pharus-Lichtspiele Müllerstraße 142 2 Großfilme: Der Sohn der Taiga m.Lon Cheney Ein Mädel mit Tempo m. M. Davics »Malto" Film u. Bühne Reinickendorfer Str. 14(am Wedding) Die von der Scholle sind Wie sag ich s meinem Kinde Bühncnschau «Alhambra" Badstraße 58 MObtlerie Zimmer mit Margot Lande Beiprogramm Oroge BfihnenKhau Ballsdimieder- Lichtsp. Badstraße 16 Vererbte Triebe (Das neue Geschlecht) Der rasende Teufel m.W. Fairbanks Grotje Bühncnschau Humboldt-Theater Badstraße 19 2 große Schlager: Die keusche Kokotte Schatten der Nacht Bühnenschau Kristall-Palast Prinzenallee 1—6 Quartier Latin mit Carmen Bonl Beiprogramm Bühncnschau m PawKow b Palast-Theater Breite Straße 21 a Die wunderbare Lüge der Nina Pctrowna mit Brigitte Helm Grones Beiprogramm Tivoli, Pankow Berliner Straße 27 Die weiften Roten von Ravenzberg Lotte, da» Warenhauzmiddien Gzofte BOhncnsdina gNiugerzthanHaufw p Film-Palast Blankenburger Straße 4 Der Patriot mit Emil Jannlng« Lustiges Beiprogramm fl RnlnlcKcrwlorF-Ozt M Bürgcrgartcn-Liditsp, Hauptstraße 51 Die eizerne Maake mit Douglas Fairbank, Pal und Patachon alz Detckttv« BOhncn» thau Jugendliche babefi ZnfirM