BERLIN Mittag 27. Mai 1929 10 Pf. Nr. 7�42 B12ü 46. Jahrgang. erscheint tjzlich avter Senntaz«. Zugleich Abendausgabe des.Vorwärts'. Bezugspreis beide Ausgaben SS Pf. pro Woche, 3,60 M. pro Monat. Lledaktioa und Tppedition; Berlin SW 68, Lindenßr. 3 oietgenprei«» Die einspaltige Nonpareille, eil« SO Pf.. Reklameieile SM. Ermäßigungen nach Tarif. ostscheckkont»: Dorwärts-Verlag G. m. b.H., Berlin Nr.»7S3S. Zernsprecher: Dönhoff 292 bis 29? Heerschau der Partei. Gruß der Magdeburger Arbeiter.— Feierliche Eröffnung. V. Scli. Magdeburg. 27. Mai.(Eigenbericht.) Könnte man wemgstens einen Teil der unvergeßlichen Ein- drücke von dem Auftakt des Magdeburger Parteitages jenen ocr- mittein, denen es nicht vergönnt war, ihn unmittelbar zu erleben! Jene erhebende Heerschau des Sozialismus, die der Eröffnung des sozialdemokratischen Parteitags in der größten Stadt Mitteldeutschlands voranging, könnte nur durch den noch nicht erfundenen farbigen Tonsilm einigermaßen denen vermittelt werden, die sig nicht selber erlebt haben. Denn es waren Farben und Musik, die den in Reih und Glied aufmarschierenden Zügen von weit mehr als 50 000 Sozialisten das besonders lebendige, frohe, ergreifende Gepräge verliehen. In der glühenden Nachmittagssonne dieses hochsommerlichen Festtages nahten die Züge in endloser Schlange über die Elbbrücke, an die prachtvolle neue Stadthalle heran und zogen vor der Terrasse vor- über, auf der die Mitglieder des Parteivorftandes und des Partei- ausschusses Platz genommen hatten und die die Grüße der Massen mit Tüchers chwenken und Winken erwiderten: stundenlang, schier ohne Ende. Rot und Schwarzrotgold, die Farben des internationalen Sozialismus und der deutschen Republik, schwebten über den Häuptern der Massen. Die Menge selbst bot ein farbenprächtiges Bild. Zunächst mar- schiert«» die Parteitagsdelegierten, sodann alle übrigen, voran die Sozialistische Arbeiterjugend, fast einheitlich gekleidet in ihren Nauen Kitteln mit roten Abzeichen. Besonders lebhaft begrüßt wurde die stattliche Schar der Berliner Arbeiter- jugend, dann folgte das Reichsbanner in seiner Uniform, die Arbeiterturner und»s portler beider Geschlechter in ihren weißen oder roten Trikots, dann die unendlichen Scharen der Parteigenossen und Genossinnen aus Magdeburg und dem ganzen mitteldeutschen Industriegebiet. Dazwischen immer wieder die roten. goldgestickten Fahnen, die Musikkapellen. Die Lieder und Märsche des Sozialismus und der Republik sowie die Hochrufe, das fröhliche Lachen der Frauen und Kinder und Männer: das war ein Auf- marsch und die Heerschau eines Teils des sozialistischen Proletariats anläßlich des sozialdemokratischen Parteitages zu Magdeburg! Kundgebung vor der Stadthalle. Zu Zehntausenden harrten in der brütenden Hitze die Menschen, seit der frühen Morgenstunde auf den Beinen, alt und jung, auf dem Ehrenhof der Stadthall«, bis alle Züge eingetroffen waren. Wahrlich kein geringes Opfer, besonders für die Alten, aber ein neuer Beweis der proletarischen Disziplin und der Liebe zur Partei. Erst um sechs Uhr war es so weit. Um diese Zeit sollte in der Stadtholle selbst die f östliche Eröff- nungssitzung beginnen. Aber die Magdeburger Organisation wollte die Genossen, die diesen bewundernswerten Opfermut gezeigt hatten, um ihre Stärke und Disziplin dem Freund wie dem Feind zu bekunden, nicht umsonst vereinigt haben. Unter freiem Himmel fand für die Zehntausende eine internationale Kundgebung statt, bei der nach einem Sprecher der Arbeiterjugend und nach Begrüßung?- worten des Parteisekretärs, Reichstagsabgeordneten F e r l, zunächst der deutsche Reichskanzler Hermann Müller unter dem leb- haften Beifall der Menge sprach. Noch größer freilich war der Jubel, der den preußischen Ministerpräsidenten Genossen Otto Braun empfing, als er bei seinem Erscheinen am Podium den schwarzen Rock ablegte und in Hemdsärmeln sprach. Die Heiterkeit steigerte sich, als er sein Erscheinen damit begründete, daß der Rechts- presse zufolge heute die Parteisekretäre in Deutschland zu befehlen hätten: Genosse Ferl, der Parteisekretär von Magdeburg, hat ihn zum Reden kommandiert, und er, als kleiner preußischer Beamter, hätte ihm gehorcht. Die lebhafte Zustimmung, die sowohl Müller wie Braun spontan unterbrach, als sie die Pflicht der Sozial- demokratie begründeten, die Regierungsvcrantwortung zu trogen. zeigte, daß nicht nur die Delegiertenversammlung im Saale, sondern gerade die Massen der Arbetter selber die Notwendigkeiten und Auf- gaben der Sozialdemokratie in der demokratischen Republik klar ersaht haben. Noch Geliert, der die Solidarität der Arbcitersportbewegung mit der Sozialdemokrattschen Partei gelobte, noch Iotl von der Sudetendeuttchen-Partei und Andersen für Däi-emark, die die Grüße der Arbeiter ihrer Länder überbrachten, hielt L ö b e in seiner wie immer die Herzen im Sturm erobernden Art eine zündende An- sprach« in der er die Bedeutung und den Sinn dieser Demonstration berome' und besonders der Jugend gedacht«, der die Zukunft unserer Bewegung gehört. Die Eröffnungssitzung. Inzwischen hotte im Innern der Stadthalle, in diesem gewaltigen Meisterwerk moderner architektonischer Kumt, das mehr als 3)as Statiner der Partei. äler&arieivorfland an der SpHxe des Zuges. Wahltag in Belgien. Vürgermehrheii bleibt.— Eupen-Malmedy fordert Volksabstimmung. Brüssel, 27. Mai.(Eigenbericht.) Bisher liegen nur Teilergebnisse vor, aber in großen Umrissen steht das Wahlbild bereits ziemlich fest. 3m ganzen sind, wie vor. auszusehen war, starte Verschiebungen nicht eingetreten, hervor- stechend ist da» starke Anwachsen der flämischen Front. Parteien, die in alle» flämischen Gebieten große Erfolge aus Rosten der katholischen Regierungspartei zu verzeichnen halten. Die Zahl der slämisch-aktivistischen Abgeordneten dürfte sich von sechs aus zehn oder elf erhöhen. Dagegen haben die Katholiken im wallonischen Sprachgebiet Fortschritte zu verzeichnen, so daß sich ihr Gesamlveriusl aus drei oder vier Mandate reduzieren dürste. Die S o z i a l i st e n hoben in zahlreichen Wahlkreisen einen geringen Stimmenverlust zu verzeichnen. Die Einheitsfront der Bürgerlichen hat also einen Teilerfolg davongetragen und verhindert, daß die Sozialdemokratische Partei ihren außerordentlich starken Gewinn der vorigen Wahl behauptet. Der Verlust der Soziodemo- kralie dürste im ganzen vielleicht drei oder vier Mandate betragen. Trotzdem dürste die Sozialdemokratische Partei die stärkste Fraktion werden, oder mindestens, wie bisher, gleich stark wie die Katholiken. Die Liberalen, die bei der vorigen Wahl einen niederschmetternden Verlust erlitten hatten, haben sich erholen können. Sie dürsten im ganzen süns Mandate gewinnen. Zn E u p e n- ZN a l m e d y hat die neue„Christliche Volkspartei", deren einziger Programmpunkt eine ehrliche Volksabstimmung über die Zugehörigteil der abgetrennten Gebiete, ist. auf sich weit mehr Stimmen ver- einigt, als alle anderen Parteien zusammen. Fügt man noch die Stimmen des Sozialdemokraten Somerhaufen hinzu, dessen Wiederwahl gesichert ist. so be- deutet die gestrige Wahl in Eupen-Malmedy schon eine wahre Volksabstimmung über die Zugehörigkeit der abgetrennten Gebiete, die an Klarheit und Bestimmtheit nichts �u wünschen übrig läßt.. Die Kommunisten dürften ihre zwei Mandate verlieren. Von den flämischen Frontistcn scheint die Wohl des Ward Her» mans, der bei der Utrcchter Folschungsaffäre eine Rolle spielte, in Mecheln gesichert. Wie es scheint, wird in Brüssel der auf der katholischen � Liste aufgestellte Foschistenführer Nothomb dank seiner Borzugsstimmen gewählt werden. Das Gesamtresultat hängt stark von den Listenverbindungen ab. Es ist anzunehmen, daß die katholisch-libcraie Koalition ihre Kammermehrhett behält, nur daß in dem Kräfteverhältnis b'eser beiden Parteien eine gewisse Verschiebung zugunsten der Liberalen und zuun- gunsten der Katholiken eintritt. 5000 Menschen saht, der eigentliche Parteitag seinen Ansang mit künstlerischen Darbietungen, insbesondere Arbeiterchören, genommen. Wiitmaack, Magdeburgs Partcivorsitzender, Beims, Magde- burgs sozialdemokratischer Oberbürgermeister, heißen die Delegierten herzlich willkommen Und nun ergreift, lebhast begrüßt, der Partei- Vorsitzende Otto Wels das Wort, um die politische Begrüßungs- rede zu halten, die zugleich die gegenwärtige Situation beleuchten und die Aufgaben des Magdeburger Parteitages in großen Zügen kennzeichnen soll. Die markige Stimme dringt durch den Riesen- räum, ganz mühelos,«ine volle Stunde lang. Di« klare, logisch aufgebaute, aujrüttelnde Rede fesselt die Hörer von der ersten bis zur letzten Erkunde trotz der drückenden Schwüle dieses Spötnach- mittags, die sich in. dem überfüllten Raum allmählich gusbreitet. Wels' Erscheinung ist schon seit Jahren zu einem Sinnbild der Kraft Topesopfcr des Sonnfads Rennauto rast in Zusdiaucrniende Berichte siehe 4. Seite, Beilage und der Zielsicherheit der Sozialdemokratischen Partei geworden. Es heißt niemandem Unrecht tun, wenn man jagt, daß er das Per- trauen der gesamten Partus besitzt und verdient wie kaum ein anderer. Viele Stellen seiner Rede lösten laute Beifallskundgebungen des Parteitags aus: der hoffnungsvolle Gruß an die im geschichtlichen Wahltamps stehenden englischen Genossen, die entschiedene Abwehr der Anschläge gegen die Arbeitslosenversicherung, die schonungslose Abrechnung mit Moskau, das zwar die chinesischen Kulis zu befreien vorgibt, aber selbst die kommunistischen Führer in Europa zu Kulis erzogen und erniedrigt hat: und besonders die Kampsansoge an die Diktaturapostel von rechts und links: wenn schon einmal Diktatur nölig sein sollte— dann wir! Als sich der Beifall gelegt hat und die Formalitäten der Bureauwahl erledigt sind, gedenkt Wels in tiefbcwegendcn Worte» einer— leider— allzu langen Liste von bekonnten Führern unserer Partei und der Internationale, die seit Kiel dahingeschieden sind. Voran Hermann Molkenbuhr und Adolf Braun. Run überbringen als erste Auslandsgäste Wilhelm Ellens bogen-Wien und Alexandre Bra ck e. Paris die Grüß« zweier Bruderparteien, die uns besonders nahestehen: der Ocsterreicher, die überhaupt mit uns eins werden wollen, und der Franzosen, die mit , uns Frieden und Freundschaft ersehnen. Das Anschlußbekenntnis Ellenbogens und die mutige Räum«ngsforderung Brackes lösen nach- haltigen Beifall aus. Es ist Abend geworden, später, infolge des unerwarteten starken Massenaufmarsches, als man vorgesehen hatte. Die weiteren Be- grüßungsansprachen werden auf Momtag vormittag verlegt, aber ehe der Parteitag diese feierliche Eröfsnungssitzung beendet, erlebt er noch ein großartiges Schauspiel: Jugendabordnungen marschieren mit riesigen flatternden roten Bannern ein unter den Klängen der mächtigen Orgel der Stadthalle. Der Sprechchor stellt sich auf das Podium auf, die Klänge der Internationale ertönen, das Orchester fällt in die Orgel ein und schließlich ist es der gesamte Kongreß, der aus SvlX) Kehlen den Hymnus des nach Freiheit und Frieden strebenden Weltproletariats ertönen läßt: ein würdiger und er- bebender Abschluß dieses Festtages, diese überwältigenden Magde- i»rger Heerschau des deutschen Sozialismus. Die Eröffnungssitzung. Magdeburg, 27. Mai.(Eigenbericht.) Der Parteitag der Sozialdemokratie wurde am Sonntagnach mittag kurz nach 5 Uhr in dem schlicht, aber stilvoll dekorierte» givßen Saal der Stadthalle feierlich eröffnet. Saal und Tribünen waren bis auf den letzten Platz gefüllt. Taufende und aber Tausend« fanden keinen Einlaß. Außer dem Reichskanzler Hermann Müller waren der Reichsinnenminister S e v e r i n g und der Reichsfinanzminister H i I f e r d i n g, der preußische Ministerpräsident Otto Braun und Innenminister G r z e s i n s k i er- schienen. Die ausländischen Bruderparteien hatten zahlreiche Dele- girrte entsandt. Mit der Ouvertüre zur Oper„Wilhelm Tell"', gespielt von dem Philharmonischen Orchester, wurde die Feier eingeleitet. Es folgten Darbietungen des Arbeitersängerbundes und Solistenkonzcrt. Abg. Wittmack begrüßt die Delegierten und Gäste namens der Organisation der Magdeburger Sozialdemokratie und des Bezirksoer- Otto m Ich danke zunächst den Magdeburger Parteigenossen für die freundlichen Worte der Begrüßung, die sie an uns gerichtet haben. Dieser Dank gilt aus tiefstem Herzen den vielen Genossen, der Jugend, den Männern und Frauen, die soeben in den vergangenen Stunden uns ein unvergeßliches Erlebnis bereitet haben.(Lebhafter Beifall.) Dieses an Wucht und Geist, Disziplin und Geschlosseicheit, Rythmus und Farbe so prächtige Bild einer sozialdemokratischen Heerschau im Herzen Deutschlands— es ist nicht nur ein erhebendes Zeichen der Lebenskraft unserer Bewegung, sondern auch die lebendige Bekräftigung folgender Worte: „Wir dürfen wohl sagen, daß heute die Blicke aller auf Magdeburg gerichtet sind, und zwar nicht nur die Blicke des Proletariats, sondern auch die Blicke der Gegner, die da hoffen, daß Zustände ein- treten können, wo die Genossen sich gegenseitig zerfleischen. Die Gegner glauben, daß solche Zeiten wiederkommen können, sie warten darauf. Sie warten darauf, weil sie wissen, daß das einst so ge- knechtete und unterdrückte Proletariat allmählich der bedeu- t e n d st e Faktor im politischen Leben geworden ist. Das Proletariat hat sich eine Stellung auf der politischen Bühne erobert, daß alle anderen Klassen mit Furcht und Schrecken auf seine Weiterentwicklung sehen, und darum warten sie darauf, daß durch gegenseitige Zerfleischung oder sonstwie ein Rückgang in der Arbeiterbewegung stattfindet." Parteigenossinnen und Genossen! Es sind wahrhaft prophetische Worte, die ich hier zitierte. Sie sind der Begrüßungsrede entnommen, die Hermann Molkenbuhr im Jahre 1910 an den Parteitag z.u Magdeburg im Auftrage des Parteivorstandes richtete. Heute ist die Sozialdemokratische Partei in Wahrheit der stärkste Faktor im Staatsleben geworden. Die Stellung der Arbeiterschaft im Staat hat eine Aenderung erfahren. D i e politische Demokratie ist errungen, ist auch die Ar- beiterklasse durch die Zerflcischungsmethoden eines Teils ihrer selbst in ihrer Wirkung geschwächt. Trotzdem marschiert die Sozialdemo- kratie vorwärts, und mit dem Aufstieg der Sozialdemokratie wächst die Gesomtmacht der Arbeiterklasse. Der Ausstieg der Partei hat in der Zeit nach dem Kieler Parteitag seinen Ausdruck gefunden in der erfreulichen Entwicklung der Organisation, in der Zunahme der Mitgliederzahl, in der Be- lebung des innerparteilichen Lebens, in der Zunahme der Ge- schlossenheit trotz aller Meinungsdifferenzen, der Belebung der kul- turellen und Bildungsarbeit, der wachsenden Anziehungskraft für die Jugend, von den Roten Falken angefangen, während z. Ä. die kommunistische Jugendbewegung völlig daniederliegt. Der Parteitag in Magdeburg unterscheidet sich nicht ünwesentlich von dem letzten Parteitag zu Kiel. Die Partei als solche ist dieselbe geblieben in ihrem Geiste, in ihren Zielen und in ihrer Führung. Wir zählen rund III 000 Mitglieder mehr, und die Zahl unserer Zeitungen hatlichumfünfgesteigert. Abergrund- verschieden ist die politische Situation. Aus der stärksten Oppositionspartei sind wir durch den klar ausgesprochenen Willen von mehr als einem Drittel des deuffchen Volkes zur stärksten Regierungspartei geworden. Durch diesen Erfolg ist die Situation geschaffen, in der wir uns seitdem befinden. Sie stellt uns vor neue Aufgaben. Unser Streben uqd unser Kampf, ob in der Opposition oder in der Regierung, gilt unverändert der Verteidigung und Förderung der Interessen der arbeitenden Rlassen DAilschlands, gilt unverändert dem Sozialismus. (Bravo!) Partei und Reparation. Unser Aufstieg berechtigt uns zum höchsten Optimismus. Er kann aber für uns nur eine Quelle noch höherer Energieentfaltung sein, der Energie, die wir brauchen, um der Schwierigkeiten unserer gegen- wärtigen Lage Herr zu werden. In der Regierung sind Mittel und Wege unseres Kampfes selbstverständlich andere als in der Opposition. Für alle Parteien und alle Länder gilt die Regel. daß die Verantwortung in der Regierung eine Belastung besonders in agitatorischer Hinsicht bedeutet. Das ist vor allem für uns in Deutschland wahr, 10 Jahre nach dem verlorenen Kriege. 10 Jahre nach dem Diktat von Versailles und im Stadium des Wiederaufbaus unseres wirtschaftlichen Lebens. So groß die Fortschritte auch sind,' die seit 1919 auf allen Gebieten der Politik und der Wirtschaft erzielt wurden, wir fühlen es gerade angesichts der Verhandlungen in Paris, daß wir noch lange nicht so weit sind, um in unseren Entschlüssen frei zu sein. Teilen auch die europäischen Siegerstooten im Weltkriege die finanzielle Abhängigkeit bom amerikanischen Gläubiger mit uns, so fühlen wir als die Besiegten des Weltkrieges diese Unsreiheit doch in ganz besonderem Maße. Wir müssen mit der Tatsache rechnen, die durch keinen Parteibeschluß aus der Welt geschaffen werden kann, daß ein erheblicher Teil der Arbeit und der Produktion des deutschen Volkes nicht dem Gemeinwohl des eigenen Landes dienen kann, sondern noch Jahrzehnte long den Re- parationsgläubigern zufließen wird. Ihre Beseitigung kann nur international erfolgen durch das Wirken der i o z i a l i st i s ch e n I n t e r n a t i o n a l e. die die Streichung aller Kriegsschulden im bewußten Gegensag zu den kapitalistischen Parteien zu einer programmatischen Forderung er- hob«, hat. Wir denken dabei an die Vierländerkonferenz. bandes Magdeburg-Anhalt. In Magdeburg sei historischer Boden für die Sozialdemokratte. Nicht nur während des Schand- gesetzes, auch nachher hätten die Magdeburger Sozialisten schwere Opfer für die Bewegung bringen müssen. Allen Verfolguirzen zum Trotz aber habe sich die sozialdemokratische Organisation in Magde- bürg außerordentlich gut entwickelt und stehe heute fest gefügt und sicher da. 10 000 Mitglieder mustert die Partei heute allein in der Stadt Magdeburg, 50 000 Mitglieder im Bezirk, darunter 16 000 Frauen. Die freien Gewerkschafjsn zählen in Magdeburg 30 000 Mitglieder, die Konsumvereine 35 000 Mitglieder in einer Stadt von 300 000 Einwohnern. Magdeburg gehöre seit langer Zeit zu ?n besten Bezirken der Sozialdemokratie. Zu keinem Bezirk seien so viele Sozialdemokraten in össentlichen Aemtern wie im Magdeburger. Dadurch sei viel Gutes für die arbeitende Bevölkerung geschossen worden. Das Gedeihen der Partei in Stadt und Bezirk Magdeburg sei vor allem der treuen Arbeit der Funktionäre zu danken. Nicht von ungefähr sei Magdeburg die Geburtsstätte des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold. Hier sei aller- dings auch der Geburtsort des Sfahlhelms, aber was will das be- sagen gegen die Kraft der sozialdemokrattschen Organisation. Das Gros der Magdeburger Arbeiterschaft folge nicht den Extremen von rechts und links, sondern der Sozialdemokratie und ihren Führern. (Lebhafter Beifall.) Oberbüfgermeister DeZm«! begrüßt den Parteitag im Namen der städtischen Körperschaften. Er erinnert an den Parteitag von 1910, der gleichfalls in Magdeburg tagte, für den aber damals ein städtisches Gebäude nicht zur Ver- fügung gestellt worden wäre. Der Wandel der Zeiten zeige sich auch darin, daß damals noch darüber gestritten worden sei, ob man in den Gemeinden das Budget bewilligen dürfe, während heule in vielen Ländern und Gemeinden die sozialdemokratische Mehrheit das Budget ausstelle. Beims schloß unter großem Beifall mit dem Wunsche, daß die Aus- einandersetzungen aus dem diesjährigen Parteitag in brüderlichem Geiste geführt werden mögen. Dann nahm Otto Wels das Wort, mit stürmischem Beifall begrüßt. ls spricht. die im Februar dieses Jahres die sozialistischen Parteien Englands, Frankreichs, Belgiens und Deutschlands zur Besprechung der Repa- rationsfrage in London Zusammenführte, und unsere heißesten Wünsche begleiten unsere belgischen und englischen Freunde in dem Kampfe, den sie gegenwärtig um die politische Macht in ihrem Lande führen. Der Sieg der britischen Arbeiterpartei, den die gesamte, für Frieden und Fortschritt kämpfende Welt erhoffen muß, wäre eines der bedeutungsvollsten und glücklichsten Ereignisse der Nachkriegszeit. Denn die fast fünfjährige konservative Herrschast in England ist eine der Hauptursachen der außenpolitischen Stagnation und der reak- tionär-faschistischen Teilerfolge in Europa. Die Tory-Regierung war bisher eines der Haupthindernisse auf dem Wege zur Abrüstung, zum wirklichen Frieden und jener außenpolitischen Ziele, für die die deutsche Sozialdemokratie mit der gesamten sozialistischen Jnternatio- nale einträchtig zusammenwirkt. Der Erfolg der Arbeiterklasse in einem Lande ist der Erfolg der Arbeiter in aller Welt. Und die Niederlage der Arbeiter in einem Lande erfolgt zu Lasten des gesamten Proletariats. Darum lehnen wir ja auch die kommunistische Auffassung ab, als ob durch irgend- welche Wunderwirkungen eine Reihe von Niederlagen dem großen endgültigen Siege des Sozialismus vorangehen müsse.- Wir glauben an die Entwicklung, die von Erfolg zu Erfolg zum entscheidenden Siege führen muß.(Lebh. Bravo!) Kür das Recht der Arbeit! Parteigenossinnen und Genossen! Wir wissen es: Durch die Uebernahme der Regierung gemeinsam mit anderen Par- teien werden wir in unserer Handlungsfreiheit noch stärker einge- schränkt. Aber das trifft nicht nur unsere Partei, sondern dieses Zusammenwirken bringt es mit sich, oder sagen wir, hat den Vorteil, daß andere große Parteien mit uns zusammen die La st der Verantwortung tragen, daß also auch sie und nicht wir allein in unserer Agitation gehemmt sind. Das ist für uns nichts Neues. Wir haben es immer betont und es gibt niemand unter uns, der nicht lieber eine sozialistische Re- gierungsbildung begrüßen würde als den Zwang, für die Partei eine Regierungsvervindung einzugehen. Aber heute ist die Frage, was wir vorziehen,«in« ganz sekundäre geworden. Im Vordergrunde dagegen steht die Frage, was wir tun müssen. Schon in die Freude über den Wahlersolg vom 20. Mai 1928 mischte sich sür uns die Sor�e um die Zukunft. Jeder von uns wußte, daß nunmehr eine Zeit anbrechen würde, in der es an B c- lastungenund Enttäuschungen für uns nicht fehlen würde. Denn die Anspannung der wirtschaftlichen Lage, insbesondere durch r—........... 0(lo neig. die dauernde Arbeltslosigkelt einerseits, und aus der schon früher geschaffenen, jetzt aber offen zutage tretenden Finanznot des Reiches waren das bezeichnendste der allge- meinen politischen Situation, wieffie sich nach den Maiwahlen ge- staltete. Die Schwankungen der Konjunktur, die Wellen des Aufstiegs, des krisenhaften Zustandes oder der schleichenden De- pression der Wirtschaft sind zwar mit der kapitalistischen Wirtjchast untrennbar verbunden, in Deutschland aber sind all die geschilderten Lasten des verlorenen Krieges, die Pflicht der Repara- t i o n e n, die Belastung der Reichsjinanzcn durch die Unterstützung der Kriegsinvaliden und auch die dringliche Aufgabe, das Schicksal der Erwerbslosen zu mildern, hinzugetreten. Wir täuschen uns keinen Augenblick darüber: auch jene bürgcr- lichen Parteien, mit denen wir uns im koalitionsverhällnis befinden, haben kein Interesse an politischen und wirtschaftlichen Erfolgen der Sozialdemokratie, also auch nicht an der erfolgreichen Politik einer sozialdemokratisch geführten Regierung. Wir fühlen uns auch in der Koalition in einem schweren Ab- Mehrkampf, denn es wurde und wird noch immer versucht, auch aus den Kreisen der Parteien, mit denen wir in der Regierung zu- sammen sind, die schwierige Finanzlage zu einem generellen An stürm gegen die Sozialpolitik und vor allem gegen die Arbeitslosenversicherung zu führen. Wir sehen in der Arbeitslosenversicherung nicht nur die Unterstützung der wirffchastlich Schwächsten, der Arbeitslosen, wir sehen in ihr auch für die sich in Beschäftigung besindlichen Arbeiter eine Sicherung gegen Lohndruck, ein Mittel zur Hebung der Löhne und der Konsumkraft der breiten Massen des Volkes. Die Arbeits- losenversicherung ist eine der wichtigsten Errungenschaften des deut- schen Proletariats in der Nachkriegszeit. Wenn heute die bürgerlichen Parteien, um diese Errungenschast leichter aushöhlen zu können, auf den Egoismus und die Kurzsich- tigkeit solcher Schichten der Arbeiterschaft spekulieren, die gegen- wärtig scheinbar nur die Lasten, aber nicht die Vorteile dieser In- stitution tragen, so antworten wir: In der kapitalistischen Gesellschaft ist keiner vor den Rückwirkungen einer Wirtschaftskrise gesichert. Die Arbeitslosenversicherung kann daher morgen oder übermorgen jedem zugute kommen, auch dem. der sich heule in der trügerischen Sicherheit einer ungefährdeten wirtschaftlichen Existenz wiegt. Die Sozialdemokratie wird, ob in der Opposition oder in der Regierung, für gesunde Umgestaltung der Wirtschaft- lichen Verhältnisse kämpfen. Sie schließt sich der freigewerkschastlichen Forderung nach der Demokratisierung der Wirtschaft, die in ihrer Vollendung nichts anderes ais Sozialismus fein kann, vollauf an. Sie kämpft für den weiteren Ausbau der Sozial- Politik und des Arbeitsrechts, das sich zum Recht aller Arbeitenden gestalten muß. Sie kämpst um eine soziale Verteilung der Lasten, damit die finanziellen Bedürfnisse des Reiches, der Länder und der Kommunen nicht einseitig auf Kosten der breiten Massen befriedigt werden. Nur wer politisch blind fft, kann oerkennen, daß es der Sozial- demokratie auch unter den schwierigen Verhältnissen der Gegenwart gelungen ist, nicht nur Angriffe zugunsten der sozial Schwächeren abzuwehren, sondern auch eine ReihevonF ortschritten zu erringen, die unter dem Bürgerblock sicher nicht eingetreten wären und über die beim Bericht der Reichstagsfraktion näher zu reden sein wird. Darüber aber sei von Ansang an jeder Zweifel ausgeräumt, an der Arbeitslosenversicherung läßt die deutsche Arbeiterschaft, lassen die Gewerkschmflen und die Partei nicht rütteln.(Stürmischer Beifall.) Probleme der Koalition. Die Sozialdemokratische Partei hat vort jeher den Mut zur Unpopularität gehabt. Und unser gegenwärtiger Kampf wird von dem voll verstanden werden, der ihn im Zusammenhang mit der allgemeinen politischen Lage zu betrachten vermag. Die Maiwahlen brachten einen Wendepunkt in der politi- schen Entwicklung Deutschlands. Die bürgerlichen Parteien waren durch den Mißerfolg des Bürgerblocks auf die Zusammen- arbeit mit der Sozialdemokratie angewiesen. In der Demokratie braucht jede Partei die Wählermasien. War die Koalitionspolitik für die Partei nach dem Zusammenbruch eine Not- wendigkeit, um den Staat überhaupt zu erhalten, die neue Staats- form aufzubauen und die internationale Politik der Versöhnung und der Verständigung anzubahnen, war die Koalition im Jahre 1923 die einzige Rettung aus der Inflationskatastroph«, die nach der Er- süllung ihrer dringendsten Aufgabe auseinanderdrechen mußte, so steht jetzt fest: Die Vürgerblockpolilik bewirkte im Mai 1928 die Flucht der Massen vor den bürgerlichen Parteien. Die Rücksicht auf die Massen zwang die bürgerlichen Parteien zur Koalition mit der Sozialdemokratie. Dabei täuschen wir uns darüber nicht, über das Unbehagen weiter Kreise des Bürgertums in dieser Situation. Aus ihr ent- stehen all die Erscheinungen, die von mancher Seite als Krise des Parlamentarismus bezeichnet werden. Wir aber sind uns klar darüber, sie entstehen nicht so sehr aus dem Wesen des demo- kratischen parlamentarischen Seystems selbst, sondern daraus, daß man den demokratischen Parlamentarismus, in welchem die Macht der Sozialdemokratie wächst, lahmlegen will. Daraus entsteht der Ruf nach dem„starken Mann". Daher spukt in manchen Kreisen von neuem der Gedanke eines Triumvirats, der in den Zeiten der Bllrgerbräu-RevolUtion des Jahres 1923 schon einmal seine Rolle spielte. So ist für uns Sozialdemokraten die Koalitionspolitik eine neue Form des schwierigen Kampfes um die Demokratie, um ihren Ausbau und um die Durchsetzung unserer Ziele. Von diesem großen Gesichtspunkt aus muß der Par» teitag die gegenwärtigen Probleme der Politik unserer Partei be-' trachten, und ihre Aufgaben für die Zukunft bestimmen. Hier gilt das Wort Hilferdings in Kiel: „Wir sollten aufhören, die Koalitionspolitik als eine Art Suspendierung des Klassenkampfes, als eine Art politischen Frie- dens zu betrachten."(Sehr gut!) Parteigenossinnen und-genossen! Es ist nicht zu leugnen, daß das parlamentarische Regime eine schwierige Zeit durchmacht. In manchem der großen Länder ist es durch ein System der Diktatur ersetzt, sei es faschistisch oder bolschewistisch. Da gilt es für uns, be- sonders verantwortungsbewußt zu handeln. Es gilt dies besonders für uns in Deutschland, wo das demokratische Regime noch jung ist und durch die wachsende Partei»»Zersplitterung belastet wird. Wir konnten uns der Mitarbeit an der Regierung nicht versagen, da sonst eine parlamentarische Regierung überhaupt nicht zustande gekommen wäre. Wenn als Ausweg etwa ein Beamtenkabinett ernannt worden wäre? Parteigenossinnen und-genossen! Denkt daran, welch einen un- geheuren Antrieb wir damit den Aposteln der Diktatur in Deutschland und in der ganzen Welt gegeben hätten. Nein! Es ist u n s e r e A u f g a b e, die Demokratie zu sichern, die Republik zu schützen. Gelänge es aber den Feinden der Republik, der Demokratie in Deutschland so schweren Schaden zuzufügen, daß kein anderer Ausweg bliebe als die Diktatur, dann sollen Stahl- Helm, Nationalsozialisten und ihr« kommunistischen Brüder von Moskau wissen: die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften, als die Vertreterin der großen Blasse des deutschen Volkes, festgefügt in ihren Organisationen, in verantwortungsbewußtem handeln und un- zerbrechlicher Disziplin würden auch sie zu handhaben wissen. (Stürmischer Beifall.) Das Recht der Diktatur siele ihnen zu und niemand anderen.(Erneuter stürmischer Beifall.) Bei ihnen wäre allein auch die Garantie sür eine Rück- kehr zur Demokrat! e nach Uebervnndung von Gchw'ievigkeik'en, die wir nicht wünschen. Allen Desperados aber, wo sie auch sitzen mögen, sei das mit aller Deutlichkeit gesagt! Dafür wich die Dach. lichkeit und Kameradschastlichkeit der Auseinandersetzungen, die ein Kennzeichen dieses Magdeburger Parteitages sein werden, Zeugnis ablegen. Selbstkritik.' Wohl stehen Fragen zur Debatte, über deren Beurteilung die Meinungen auseinandergehen. Aber gerade deshalb werden wir beweisen, datz wir als Parteigenossen unsere gegenseitigen Ansichten ouszusechten wissen, und wir werden damit ein für unsere Anhänger leuchtendes und ermutigendes, für unsere Gegner aber beschämendes und beneidenswertes Beispiel geben. Denn wo wir auch hinsehen, nach rechts und links, es ist überoll dasselbe Bild, der Kampf zwischen Hugenberg und W e st a r p um die Führung der Deutschnationalen hat längst aus- gehört, sich hinter den Kulissen dieser Partei abzuspielen. Heute ist die Welt Zeuge des ergötzlichen Schauspiels, wie sich die p r o l e- tarischen Elemente im nationalistischen Lager, die Lambach, Hlllser usw., die Gewerkschafts- und Angestelltenführer, u m den feudalen Grafen Westarp scharen müssen im Kampf gegen die plutokratrsche Parteidiktatur des politischen Parvenüs Hugenberg. Wir sind auch nicht blind dafür, daß ein Teil der demokratischen Presse im politischen Teil zuweilen mit dem intellei- tuellen Linksradikalismus liebäugelt und im Handelsteil den ver- altetsten Wirtschaftslehren des 19. Jahrhunderts huldigt.(Lebh. Zu- stimmung und Heiterkeit.) Wir sehen die Kommunisten von inneren Zerwürfnissen und Rivalitäen zerfressen. Keiner traut mehr dem an- deren. Jeder fürchtet, daß er morgen in HngnaJ>e bei jenein Allmächtigen fallen könnte, der im Augenblick zufällig das Vertrauen der Moskauer Oberinstan, genießt. Di« wenigen, die sich nicht fügen und es ablehnen, sich selbst ins Gesicht zu spucken, werden über Nacht als Renegaten. Konterrevolutionäre und Verräter über Bord geworfen. Fürwahr, Moskau hat es weit gebracht! Der Sozialismus asiaticus hat zwar die Befreiung der Kulis auf sein Programm geschrieben, in Schanghai und Kanton Taus ende in aussichtslose Putschabenteuer und in den Tod gehetzt, dafür in Europa Menschen, die sich Arbeiter- führer nennen, zu politischen Kulis gemacht, die sich innerhalb der Kommunistischen Internationale aus dieser moralischen Knechtschaft niemals befreien werden.(Zustimmung und lebhafte Heiterkeit.) Selbstbewußtsein und Würde, das ist eines der vielen Kennzeichen, die unsere' Partei von den Kommunisten unter- scheiden muß. Selbstbewußtsein und Würde werden auch die Merk- male dieses Magdeburger Parteiages sein, obwohl Fragen auf ihm zur Debatte stchen, die manchem von uns feit einem Jahre manch bittere Stunde bereitet haben. Ich kann und will dem Urteil des Parteitages nicht vorgreifen. Selbstkritik ist die notwendige Voraussetzung der lebendigen Entwicklung der Partei, namentlich in einer so großen Partei, die oll« Landesteile mit verschiedener sozialer Struktur und verschiedenen agitatorischen Aufgaben umfaßt, ist die Mannigfaltigkeit der politischen Gedanken unvermeidlich und der Austausch der Ersahrungen und Meinungen notwendig. Aus dem Parteitag zu Magdeburg gilt das Wort: Der Streit ist der Vater aller Dinge. Der Kampf muß aber nicht als persönliche Bekämpfung und Be- schuldigung, sondern als Ringen um bessere Wege der Politik, als Wettbewerb in dem Entfalten der Initiative, in der Erkenntnis der besten Weg«, in der Energie und opfervollen Arbeit für die Partei, für das Wohl und die Befreiung der Arbeiterklasse verstanden sein. Eine selbstverständliche voraussehung ist die Liebe und die Treue zu der Partei. Gegen den putschismus. Die deutsch« Arbeiterschaft hat auch in diesem Jahre den I.Mai in würdig st er Weise gefeiert. In den Industriezentren und Großstädten hat die Arbeit durchweg geruht. Alle Versamm- lungen der Gewerkschaften und unserer Partei waren überfüllt. Berlin sah Dutzende von Versammlungen. Im Berliner Sportpalast allein waren 22 009 Metallarbeiter versammelt. Mit dieser Feststellung und der Aussorderung, auch künftig am 1. Mai für unsere erhabenen Ideale massenhaft zu demonstrieren, könnten wir diesen Gegenstand verlassen, wenn nicht der 1. Mai in Berlin mit blutigen Begleiterscheinungen verbunden gewesen wäre, die leider einer größeren Zahl von Menschen, darunter völlig Unbeteiligten, das Leben gekostet haben. Wir bedauern aus tiefster Seele jedes dieser Opfer. wir lehnen aber auch gleichzeitig vor der ganzen well jede Schuld an den vlutopfern des l. Mai ab. die uns in frivoler Weise gerade von denen zugeschoben wird, die sie allein und ausschließlich tragen.(Stürmisches Sehr richtig!) Unser Gewissen ist rein. Wir wissen, daß der von den Kommunisten gepredigte Putschismus, den wir grundsätzlich ablehnen, der b e st e W e g b e r e i t e r d e r f a s ch i st i s ch e n Diktatur ist. Wir wissen, daß die Rechtsradikalen auf den Augenblick warten, wo gegen die demokratisch« Republik von links geputscht wird. So wünscht einer dieser Bundesgenossen dem andern den Garaus zu machen. Weil wir die Republik dieser Gefahr nicht aussetzen wollen, waren wir immer bemüht, den Putschisten jeder Richtung jeden V o r w a nd zu ihrem gemeingefährlichen Treiben zu nehmen. Und so stellen wir fest: Es ist nicht wahr, daß die Kommunisten gezwungen waren oder gezwungen sind, dem deutschen Proletariat die Freiheit dtr Straße zu erkämpfen. Seit den Rovembertagen 1918 waren die Straßen frei. Wo die Demonstrationsfreiheit vorübergehend ausgehoben wurde, geschah es. weil kommunistischesund Hakenkreuz. lerisches Rowdytum die Demonstrationsfteiheil der an- deren mit brutalen Wittel« gefährdete. Tatsache ist, daß Wonate hindurch Reichsbannergruppen brutal überfallen, Versammlungen gestört, Leben und Gesundheit von Staatsbürgern, die Gegner der bolschewistischen und faschistischen Diktatur sind, mit knüppeln. Schlagringen und anderem Rüstzeug bedroht wurden. Mit vollem Recht wies Genosse Grzesinski in seiner öffentlichen Warnung vom 23. März darauf hin, das Treiben der radikalen Verbände von rechts und links habe mit politischem Kamps nichts zu tun. Seine Warnung wurde in den Wind ge- schlagen. Blind folgte die KPD. ihren Moskauer Einpeitschern, die kein anderes Bedürfnis trieb, als das russische Volk von den inner-russischen Zuständen abzulenken, und die ihm deshalb einzu- reden suchten, die Welt befinde sich in einer neuen revolutionären Periode, die binnen kurzem mit dem Siege des Bolschewismus enden werde Schon am 2 9. April 1928 schrieb die„Rote Fahne", wenn nicht alles trüge, würden die Maidemonstrationen des Jahres 1928 zu den letzten friedlichen der Nachkriegszeit gehören.(Hört, hört!) Am 18. November 1928 erklärte Thälmann auf der Gau- konferenz des Rotfrontliundes Berlin-Brandcnburg. es gelt«, die prol etari fche R« v oluti on zum bewaffneten Auf« stand zu steigern. Der Kommunistische Sandtagsabgeordnete Kasper erklärte am 12. April, der 1. Mai müsie die General- probe für die kommenden Bürgerkriege sein, und um die Massen auf hie Straße zu hetzen, verbreitete man am Vor- abend des 1. Mai in Berlin ein Flugblatt mit dem Inhalt, das Demo» st ratio risverbot sei durch den Polizeipräsidenten aufgehoben.(Lebfy. Pfuirufe.) Steichskansler'Mermnnn WlilUer spricht im fhrrnhof der Stadthallc au den Tllaaten. Damit ist die elende Lüge, die Sozialdemokratie hätte am 1. Mai ein Blutbad gewollt, ebenso schlagend widerlegt, wie feststeht, daß die Kommunisten das Demonstrationsverbot nur als Vorwond zur Hetze für den Blutkrawall benutzten, den wir bedauerlicherweise erlebt haben. Freilich haben die von den Kommunisten provozierten Berliner Maivorgänge ihr Ziel nicht erreicht. Weder hat die KPD. sich mit Gewalt zur Beherrscherin der Straße auswerfen, noch der Welt zeigen können, daß sie Berechtigung zu der Anmaßung hat, sich Führerin der deutschen Arbeiterschaft zu nennen. Nur an zwei Stellen Berlins haben kleinere Gruppen miß- leiteter, halbreifer Burschen und Elemente, die mit der organisierten Arbeiterschaft nicht das geringste zu tun haben, dem Demonstrationsvetbot gewaltsam getrotzt. Glücklicherweise, denn welches Unheil wäre entstanden, wieviel Menschenleben wären wahnwitzigerweise geopfert worden, wenn die Massen des Ber- liner Proletariats nicht tausendfach mehr politische Ueberlegung und Weitblick bekundet hätten als die Führung der Kommunisten und ihre Presse, dch Tag um Tag hysterisch zur Auflehnung gegen die SPD., die Gewerkschaften und die demokratische Republik hetzten. Auch die für den 2. Mai ausgegebene Massenstreikparole verpuffte. Es- war eine Riederloge, noch größer als die zur Zeit des kommu- nistischen Volksbegehrens.(Lebh. Zustimmung.) In Berlin sind noch nicht zehntausend von rund einer Million Arbeitern und Arbeiterinnen der Streikparole gefolgt. Nicht einmal die eigenen Wähler haben der KPD. Folge geleistet! Geschweige denn der die Kommunisten an Zahl weit überragende Teil der Berliner Arbeiter- und Angestelltenschast, die in» treuer Disziplin zu den Gewerkschaften und zur Partei stehen. Die Berliner Mai-Aktion der KPD. sollte ein neues Glied in der Kette der- Kampfmaßnahmen sein, die zu- sammenfassend die neue Taktik der KPD. und der bolsche- wistischen Internationale genannt werden. Der 6. Weltkongreß der Komintern hat diese Taktik festgelegt, die Schritt um Schritt zur Blamage für Moskau und ihre Berliner Handlanger führte. Nie- Verlage folgte auf Niederlage. Gedenken wir der kommunistischen Parolen im Laufe der Jahre. Da kam zunächst die Parole: Heraus aus den Gewerk- s ch a f t e n! Sje war ein voller Versager. Dann kam die zweite Parole: Hinein in die Gewerkschaften! Sie führte so wenig zur Beherrschung der Gewerkschaften durch die KPD. wie die erste Parole zu ihrer Zerschmetterung. Dann kam die famose Parole: Mobilmachung der Unorganisierten gegen die Gewerkschaften. Auch sie endete, wie das Gesamtbild der in- zwischen abgeschlossenen Betriebsrätewahlen lehrt, mit einem r u n- den Fiasko der Moskowiter. Die allerneueste Parole aber ist die. am Anlikriegslag. dem 1. August 1929, die„proletarische Revolution" weilerzutreiben unter Anwendung der am 1. Mai in Berlin gesammel» «en politischen und technischen Ersahrungen. Das ist die offene Aufforderung zum neuen Putsch. Die Grüße der Von den ausländischen Gästen kamen in der Eröffnungssitzung nur die Vertreter Oesterreichs und Frankreichs zum Wort, die übrigen Gäste wollen in der ersten geschäftlichen Sitzung des Partei- tages sprechen. Abgeordneter Ellenbogen-Wien übermittelte dem Parteitag die brüderlichen Grüße der Sozialdemo- kratie Oesterreichs. Di« übergroße Mehrheit des österreichischen Volkes ersehne den Zusammnschluß mit Deutschland, und die öfter- reichilchen Sozialdemokraten seien immer die eifrigsten Vorkämpfer des Anschlußgedankens gewesen. Die Regierung Oester- reiche sei freilich nicht das Spiegelbild der Meinung des öfter- reichischen Volkes. Von einflußreichen Kreisen werde in Oesterreich mit der Idee de- Faschismus gespielt, die ihren organisatorischen Aurdruck in den österreichischen Heimwehren finde. Dieses Ko- kettieren mit dem Faschismus habe zwar der österreichischen Re- publik sehr geschadet, aber die österreichische Sozialdemokratie brauche deswegen nicht bange zu sein, denn sie habe die nötigen Vorkehrungen zur Verteidigung gegen die wasfenstarrenden Heim- wehren getroffen. Die Einheit und Geschlossenheit der österreichischen Sozialdemokratie sei der beste Schutz gegen soschistischc Experimente. Unter großem Beifall schloß Ellenbogen mit den Worten: Wenn einmal der große Tag der Verwirklichung des Anschlußgedankens kommen wird, d?nn kann ich Ihnen versprechen, daß wir Oester- reicher Ihnen eine starke, nach innen und außen mächtige, ziel- bewußte, vorwärtsstrebende geschlossene Machtgruppe in die deutsche Sozialdemokratie einbringen werden. Bracke-Paris. (mit starkem Beifall empfangen). Ich überbringe Ihnen die herz- lichften Grüße der französischen Sozialistischen Partei,. Diese hat soeben einen lebhaften Wahlkomps um die Gemeinderätc geführt und dabei sehr gut abgeschnitten.(Beifall.) Trotz des gemein- sauren Ansturmes der Reaktion und der sogenannten Kommunisten ist es uns gelungen, fast überall an Stimmen und Sitzen in den Parteigenossinnen und Genossen? Wir wissen es, die eiserne Disziplin der hinter der Sozialistischen Internationale und der Amsterdamer Gewerkschasts-Jnternationale marschierenden organi- sierten Proletarier garantiert im voraus, daß aus dieser Aufforde- rung zu Putsch und Bürgerkrieg der internationale Faschismus keine Nahrung ziehen wird. Für uns Sozialdemokraten bleibt es bei der Parole, die nach dem Erlaß des Bismarckschen Ausnahme- gesetzes gegen die deutsche Sozialdemokratie die opfermütigen Ber- liner Ausgewiesenen im November 1878 ausgaben: „keine Gewaltläkigkeilt Laßt euch nicht zu putschen verleiken." Galt das im Kaiserreich, zur Zeit völliger politischer Unfreiheit der Arbeiterklasse, so gilt es hundertmal in der von uns jahrzehnte- lang vergeblich erstrebten nach dem Zusammenbruch des alten Staates schließlich doch errungenen demokratischen Republik. Wir Sozialdemokraten— nur wir allein— sind von Haus aus unbedingte Anhänger und Schützer voller staatsbürger- licher Freiheit auf allen Gebieten des Gemeinschaftslebens. Das politische Denken und Wollen dieses Staatsbürgers, seine staats- politischen und wirtschaftlichen Ideale sind in Deutschland in der Weimarer Verfassung absolut geschützt. Die deutsche Republik gibt im Gegensatz zu Rußland und anderen unter Diktatur stehenden Ländern jeder Partei in so hohem Maße die Möglichkeit zu legaler Betätigung und zum geistigen Kampf für die Forderungen und Ideale, daß wir von jedermann unbedingte Respektierung der verfassungs- mäßig gezogenen Grenzen der politischen Betätigung verlangen können. Demokratie ist nicht der freie und ungestrafte Gebrauch von Messern und Revolvern, sondern Demokratie ist Kampf der Ideen, Kamps der Geister. Nicht mik dem Rüstzeug der Barbaren, mit Flint' und Speer nicht kämpfen wir. Es führt zum Sieg der Freiheit Scharen des Geistes Schwert, des Rechts paniert Niemals wird die deutsche Sozialdemokratie, die soeben erst in Sachsen einen vollen Sieg über die kommunistischen Anhänger des Putschismus und der bolschewistischen Diktatur errungen hat, anders als im Zustand der Notwehr den Boden des geistigen Kampfes verlassen. Das sei noch einmal all denen zugerufen, die mit dem Gedanken gewaltsamer Auseinandersetzungen spielen! Siegeszuverfichllich verkünden wir auch aus diesem Parteitage, daß uns die Zukunft gehören wird. Ueberzeugt, daß der Gang der wirtschaftlichen Entwicklung und die Wacht der sozialistischen Ideen zum Triumph des demo« kralifchen Sozialismus führen wird, steuern wir unseren Kurs, der der Kurs der deutschen Sozialdemokratie seit ihrem Be- stehen ist. allen Gegnern zum Trutz! dem arbeitenden Volke zu Nutz! Der Red« des Genossen Wels folgte stürmischer, lang- anhaltender Beifall.) -» Nach der Rede von Otto Wels werden auf Vorschlag von Auer» München zu Vorsitzenden des Parteitages die Ge- nassen Otto Wels- Berlin und W i t t m a ck- Magdeburg ge- wählt. Ebenso wählt der Parteitag durch Zurufe aus Vorschlag von Hünlich-Oldenburg 9 Schriftführer und auf Vorschlag von Werdig-Kiel eine Mandotsprüsungskommission, die zugleich als De- schwerdekommission dient. Den Toten der Partei! Hierauf ergreift Otto Wels das Wort, um den im Lause der letzten zwei Jahre verstorbenen Parteimitgliedern einen Nachruf zu widmen. Er gedenkt in erster Linie des schweren Verlustes, den- die Partei durch den Tod von Molkenbuhr und Zl d o l f Braun erlitten hat. Er erinnert ferner an Friedrich Brühne, Wilhelm Blas, Ferdinand Ewald, Professor Vorländer, Martin Segetz-Nürnberg. Otto Stolten-Hamburg, Paul Göhr«, Max Schippel. Er gedenkt der Berluste, die die Gewerkschafts- und Genossenschafts- bewegung erlitten hat, insbesondere des Todes von Heinrich Kauf- mann, und widmet ein Wort des Gedenkens den Führern der Internationale, die in den letzten zwei Jahren von uns ge- gangen sind, insbesondere der früheren dänischen Kultusministerin Nina Bang und des Gründers der russischen Sozialdemokratie Paul Axelrod. Der Parteitag ehrt das Andenken dieser und aller anderen Vorkämpfer, die von uns geschieden sind. Hierauf begrüßt Wels die Delegationen, an erster Stelle den Vertreter des Allgemeinen Deutschen Gewerkschastsbundes, Theodor L« i p a r t, sodann die Bertreter des Auslandes, ins- besondere die deutschen Freund« Gehl-Danzig und Ellen- bogen- Wien, Andersen- Kopenhagen. Bracke- Paris, ferner die Vertreter der deutschen und tschechischen Sozialdemokratie aus der Tschechoslowakei, sinnische, lettische und russische Genossen. Die Erwähnung der einzelnen Namen wird vom Parteitag mit lebhaftem Beifall begrüßt. Die italienische Sozialdemokratie hat durch den Genossen Modigliani ein Begrüßungstelegramm gesandt, ebenso das Reichsbanner Schwarz-Rot-Pvld durch seinen Vorsitzenden Hörsing, der an einer großen Kundgebung des Reichsbanners in München teilnimmt. Intemationale. Kommunen zu gewinnen. Ich weiß, daß die deutsche Sozialdemo- kratie sich über jeden Erfolg der sranzösischen Sozialisten freut, denn wir führen ja eine gemeinsame Aktion gegen die Kriegsgefahren und für den Wellsrieden. Immer wieder haben wir in den letzten Iahren von unserer Re- gierung gefordert, daß sie die Sicherung des Friedens nur auf dem Wege der allgemeinen Schiedsgerichtsbarkeit irnd der Abrüstung erstrebe.(Bravo!) In dem gleichen Geiste kämpfen wir auch f ll r eine gerecht« Lösung der Reparatiosfrage. Wir stützen uns dabei auf die Erklärung, die die Vertreter der deutschen Sozialdemokratie seit Kriegsende wiederholt abgegeben haben, daß Deutschland die Pflicht habe, an der Beseitigung der Ruinen in den zerstörten Gebieten Nordfrankreichs durch finanzielle und sonstige Hilfe mitzuwirken.(Sehr richtig!) Auf dieser deutschen Erklärung ebruht auch di« Reparationspolisik der französischen Sozialistischen Partei. Deshalb erklären wir. daß es ein Unrecht ist, von Deutschland Beträge zu fordern, die nicht bloß zur Beseitigung dieser Ruinen, sondern darüber hinaus als regelrechte Kriegsentschädigungen dienen sollen. Di« Forderung einer solchen Kriegsentschädigung ist widerrechtlich, denn sie widerspricht den Voraussetzungen, unter denen die Feind- seligkeiten beendet wurden.(Lebhafter Bestall.) In diesem Sinne sind wir auch nicht müde geworden, immer wieder von unserer Re- gierung die re st lose, bedingungslose und sofortige Räumung des Rheinlandes zu fordern.(Stürmischer Beifall.) Es lebe die International«! Und ich füg« w �neiner Muttersprache hinzu:„Vive la sozialdemocrati« alletnande!" (Stürmischer langan.holtender Beifall.) Am Schluß der Eröffnungssitzung legte die Arbeiter- jugend ein„Gelöbnis der Jugend" ab, das mit großem Beifall aul- genommen wurde. Dann erfolgte der Aufmarsch der Fahnen zu in Podium der Festversammlung unter stürmischem Beifall aller Ver- sammelten. Der gemeinsame Gesang der International« beschloß die Sitzung Der Parteitag der Süzialdemokratischen Partei Deutsch- lands ist eröffnet Vor der Giadthalle. Draußen wartet« indischen die riesige Menschenmenge, die keinen Einlaß zu der Eröffnungsfeier gesunden hatte. Sie wurde entschädigt durch Ansprachen des Reichskanzlers Hermann Müller, des preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun, des Rsichstogspräfidenten L ö b e, des Vorsitzenden vom Arbeiter- Turn- und Spnrtbund G c l l e r t und einiger ausländischer Gäste Aoiwendige Zurückweisung. Eine Antwort an einen Wichtigmacher. Magdeburg. 27. Mai.(Eigenbericht.) Der Schriftsteller Stephan Großmann, der im Laufe der Jahre abwechselnd der Sozialdemokratie angehörte und sie von außen bekämpfte, beschäftigt sich in seinem Montagsblatt mit den blutigen Maitagen. Auf den Inhalt dieses Artikels ein- zugehen, sehen wir keinen Anlaß. Großmann beginnt jedoch damit, daß er sich als«inen„treuen Schüler Viktor Adlers" be- zeichnet, offenbar, um den falschen Eindruck zu erwecken, als stünde er der Sozialdemokratie nahe. Dazu erklärt uns auf Anfrage Ge- nosse Wilhelm Ellenbogen- Wien, der bekanntlich auf dem Magdeburger Parteitag weilt, daß diese Selbstbezeichnung Stephan Großmanns als Schüler, ja sogar als„treuer" Schüler, Viktor Adlers eine rein subjektive ist. Gerade der oberste Grundsatz Viktor Adlers, die unbedingte Treue zur Partei, stehe in so schreiendem Widerspruch zu der Laufbahn und zu der Tätigkeit dieses Außenseiters, daß sich jedes weitere Wort der Widerlegung vollkommen erübrigt. Erklärungen Gtresemanns. Zum Rücktritt Voglers. Reicheaußenminister Dr. Stresemann erklärte heute mittag Pressevertretern, daß er Veranlassung habe, zu den A n z w e i s l u n. gen der Dementis des Auswärtigen Amts Stellung zu nehmen. Zeder, der fernerhin noch behauptet, daß K ü h l m a n n durch dos Auswärtige Amt veranlaßt worden sei, in Paris tätig zu sein, spreche bewußt die Unwahrheit. Als der englische Rot- schafter über diese angeblich vom Auswärtigen Amt veranlaßte Tätig- keit Kühlmanns dem Auswärtigen Amt ein Schriftstück, das angeblich von Kühlmann flamme, vorgelegt ha», habe ich erklärt, daß ich nichts damit zu tun habe. Dasselbe gilt von der Tätigkeit des Henn Kcchb erg. Vor längerer Zeit hol Herr Vogler durch Luftpost einen Brief dem Auswärtigen Amt zugesandt, nachträglich aber gebeten, diesen Brief als nicht existierend zu betrachten. Als das„S-Uhr-Abendblatt" die Meldung von einem Rücktritt Vöglers brachte, habe ich aus Anfrage in Dortmund die Rachricht erhalten, daß Vogler nach Berlin unterwegs sei. Zch habe darauf der Presseabteilung sagen lassen, daß von einem offiziellen Rücktritt vöglers fürs erste nicht gesprochen werden kann. Anders konnte ich nicht handeln, bevor ich mit Herrn Vogler gesprochen halte. Daraufhin hat ZNinisterialdirektor Ritter noch um 12 Uhr nachts mit Herrn vögler gesprochen. Die Mitteilung vom Rücktritt vöglers mußte aber mit Rücksicht auf Paris noch verzögert werden. Es ist eine Tatsache, daß Herr vögler bereits vor etwa drei Wochen sich intern aus das Zahlenschema Poung» fest getagt hatte. Vertreter der Schwerindustrie haben auf diesem Entschluß keinerlei Einfluß genommen. Durch den Rücktritt vöglers ist für die übrigen deutschen Delegierten eine schwierige Situation entstanden. Der Reichsaußenminister sagt« weiter: Die ganze Konferenz Hot in letzter Zeit«inen politischen Charakter angenommen. Es ist ein Verrat nationaler Interessen, wenn be- hauptet wird, daß die Reichsrcgierung den Franzosen auf Umwegen zu verstehen gegeben Hab«, sie wäre zu größeren Konzessionen bereit. Ich st«he persönlich in einer schwierigen Situo- t i 0 n. Ich weiß gar nicht, ob ich nach Madrid werde fahren können. Wer Klarheit über diese Ding« haben will, soll doch ein« Einberufung des Auswärtigen Ausschusses verlangen. Schließlich dementierte Stresemann noch, daß Briand durch Botschafter v. hoesch einen dramatischen Appell an ihn gerichtet hätte. Herr d. hoesch hat lediglich Briand den Rücktritt Vöglers mitgeteilt. Es ist eine Legende, sagte der Minister noch, daß zwischen der Reichsregicrung und den deutschen Sachverständigen Differenzen über die Ziffern bestehen. Und ebenso ist es vollständig falsch, von einer Nebenregierung zu redenD weil die drei Minister der Wirtschast, der Finanzen und des Aeußern in der Regel unter Be- toiligung des Kanzlers und eines Zentrumsministers dauernd die Pariser Verhandlung verfolgen und besprechen. pans-Washingioner Gchuldenregelung Zahlungsaufschub für Frankreich. Paris, 27. Mai.(Eigenbericht.) wie havas berichtet, hat sich die französische mit der nord- amerikanischen Regierung über die Ratifizierung des Schulden- abkommens Mellon-Beranger geeinigt. Die französische Re- gierung verpflichte! sich, dieses Abkommen bis zum l. August d. I. ratifizieren zu lassen. Die amerikanische Regierung dagegen wird vom Kongreß verlangen, daß der v e r s a l l t a g für die fron- zösische Handelsschuld von 400 Millionen Dollar vom 1. August 1929 aus den I. Mai 1930 hinausgeschoben wird. Damit wäre also Frankreich, wle havas erklärt, von jeder Sorge um diese Handels» schuld� befreit. Allerdings kann es die Ratifizierung nur dann vornehmen, wenn die Pariser Sachverständigen zu einer E i n i- g u n g kommen. Die hier erörterte Schuld ist durch die nordamerikanischen Kriegs» lieferungen an Frankreich entstanden. Auf vier Wochen verboien. Wegen Aufforderung zur allgemeinen Bewaffnung. halle o. d. S.. 27. Mai/ Dos kommunistische Organ„Der Klassenkomps", ist ab heut« auf di« Dauer von vier Wochen verboten worden wegen eines in seiner Ausgabe vom 13. Mai veröffentlichten Auf- flltzes, in dem zur allgemeinen Bewaffnung aufgefordert wurde. Bei einer Pariser Kundgebung an der Mauer der Föderisten auf dem Friedhof Per« Lochaise wurden etwa 20 Kommunisten verhaftet. Auch zwei Redakteure der„humanitä" wurden verhastet, well das Blatt zum Hngch�am im Heer aujgefordert habe. Die Frühjahrsschau der Akademie Von Dr. Paul F. Schmidt. Es scheint sich für di« Akademi«ausstelliingcn eine Tradition herauszubilden, deren Sinn man etwa so bestimmen kann: Gleich- gewicht zwischen den bewährten Aeltercn und der liberal zuge- lassenen hugend, bei strenger Sichtung der malerischen Qualität: wozu eine ausgezeichnet beschickte und jurierte Skulpturabteilung kommt. Das Resültot ist ein durchgehend hohes Niveau, eine doppelte Freude am Können der Alten und am hoffnungsvollen Nachwuchs und seinen Fortschritten. Diese Ausstellung gewährt einen großen künstlerischen Genuß. Zum vollkommenen Glück fehlt nur eins: das Erscheinen revolutionärer Begabungen, deren Neuerungen die Wogen leidenschaftlicher Parteinahme, Ablehnung oder Begeisterung hochgehen lassen. Immerhin gibt die Akademie durchaus nicht einen Querschnitt durch alle wesentlichen Strömungen der heutigen.Kunst. Vornehm geht sie vorüber an allen Erscheinungen der abstrakten, konitrukti- vistischen, surrealistischen Kunst und wie sie sonst heißen mag. Die Museen sind hier fortschrittlicher gesinnt als die Akademie- ausstellungen. Es verdient hervorgehoben zu werden, dgß Otto Dix, Wollheim, Kokoschka, Pech st ein, Hermann h u b« r Ehrenplätze bekommen haben. Mit Recht, aber man fragt sich zugleich, warum der 60. Geburtstag von Kadinsky, der 7S. von Rohlfs, der 65. von Rolde an diesen Räumen spurlos vorüber- gegangen sind. Roch heute könnte die Akademie das für Berlin und Deittschlond bedeuten, was um die Jahrhundertwende die Berliner Sezession ihrer Zeit war. Aber man will augenscheinlich nicht. Es ist schade um diese Institution. Das soll ober nicht hindern, dos Gute anzuerkennen, das hier wieder erscheint. Die ältere Generation von Liebcrmann bis K r a u s k o p f ist jeweils mit wenigen Arbeiten vorzüglich vertreten (keiner hat mehr als drei oder vier): besonders hervorzuheben sind die köstlichen Landschaften von Julius Jacob voll zeitloser Schön- heit der Malerei und ihrer Interpretation des Raumes, ein.bild- schönes Mädchcnporträt von E. R. Weiß, eine lebendige„Straße" von Max Neumann, Dettmanns lebenssrische Pastelle und die ganz köstlichen Landlchastsoisionen von Partikel, der nach seiner Heimat Königsberg geholt worden ist. Ein Selbstbildnis und ein reizendes Schloßbild Orliks nichjt zu vergessen, und die phantasiereichen Architekturstücke Hans Meids. Die Jüngeren, teilweise schon hier aufgetaucht, zum guten Teil aber völlige Neuerscheinungen, sind fast alle in irgendeiner Be- ziehung interessant. Bemerkenswert ist wieder, wie vor einem Jahr, der Drang zum Erzählerischen, die Freude an der Situation des all- täglichen Lebens: erfunden wird selten: darin dominiert wieder Joachim Ringelnatz mit drei märchenhaften Landschasts- idyllen. Die anderen begnügen sich mit feinster Beobachtung aus dem Dasein dieser immerhin lebenswerten Erde: Lilly Pollat (enlzückende Wäfchermadeln), T e u b e r(Pferdeauktion), Else van de Velde(Pariser Nachlcafc, reif« kulturell« Malerei), Fanny Remak mit ihrxn von oben gesehenen Reiterszenen(daß nur keine Manier daraus wird!), Otto Heinrich(dessen„Potsdamer Fisch- markt" tatsächlich unentwegt neue Möglichkeiten hergibt, wann w:rd er mit dem Motiv am Ende sein?), Edith Marcus, ebenfalls mit einer Fischhallc, A. P ü tz(Pariser Case), Max K a u s, der in seiner Darstellung imer reifer wird(farbig bezaubernd besonders sein„Passau"). Ebenso stark ist die Neigung zu rein malerischen Lösungen: im Stilleben hervortretend bei A. de haer, Peisfer-Watcn» phul, Brandes und N a y, in der Landschaft bei N e s ch, Payl Wilhelm, Hans Oberländer: im Porträt bei h. Schwarz(desien„Katze" indessen weit reizvoller ist). D u n- k c n und dem begabten Düsseldorfer Kaufmann. Das schöne Mädchenbildnis von Sagrekow gehört schon zu dem zeichnerisch Eingestellten: von Berismus, im Sinn« von Dix und Groß, kann man kaum mehr sprechen, eher von ein«m neuen Biedermeiertum, einem nüchtern fundierten Rausch der beschreibenden Linie: bei Thoms, Radziwill, F. T. Fuhr, Seewald noch mit heimlicher Mystik überbaut, klar bei Lauterburg, Dix» Wll- Helm Schmid, S ch r i m p s. Bei der sehr gut bedachten und günstig über alle Räume ver- teilten Skulptur kann man fast nur von Nachwuchs sprechen. Ausnahme bildet das in ausgezeichneter Wahl vertretene Werk des jüngst verstorbenen E r n st W e n ck. Man hat pietätvoll eine Menge von Kleinwerten herangeholt, die ihn von der schönsten Seite zeigen: Marmor-, Bronze- und Terrakottasigürchen von einem köstlichen Reiz der Oberfläche, der Bewegung, des plastischen Volumens, die diesen Bildhauer als einen Künstler von echtem Fingerspitzengefühl für den Zauber des weiblichen Körpers zeigen. Im gleichen Geist ist die Auswahl der übrigen getrosfen: hier kann man die Akademie nur loben. Laurent F. Keller, W. Schade, Margarete Scheel, P. Pils, Weis- müller vertreten glänzend dieses Gefühl für den ruhenden Körper mit seiner potentiellen Bewegungsschönheit: besonders anmutig A. Rhades(„Badende") und Bell ochs(ein bezauberndes Kinderköpfchen, eine lebendig seine Frauenmaske): herber E. Ger- s e l c r mit einer getönten Holzfigur und Hehler mit einer die Karikatur suchenden Bewegungsstudie in röhrenartig behandeltem Messing. Die interessantesten und jortschrittlichsten Stücke sind die von M. Habersetzer, dessen„Meister und Schüler" in der Inten- sität des Ausdrucks unsere Erwartung auf seine Entwicklung sehr hoch spannen, und Jenny Wiegmann, deren Gartenfiguren ein ganz ursprüngliches und naives Talent für rein plastischen Aus- druck oerraten. Or. Lau! F. Schmidt. Bas öde Zelt. .Wenn ich ihn noch einmal treffen sollte--!- Ein Zelt, mitten in der Großstadt, kann dekorativ wirken, wenn man die' Löwen röhren hört, oder wenn eine Reihe mehr oder minder starkkerziger- Bogentampen Stimmung oerbreitet, überhaupt wenn es umweht wind von der Atmosphäre wilder Tiere, befrackter Stallmeister, grell geschminkter Elowns und ähnlicher notwendiger Zirkusrequisiten. Es handelt sich dann um eine Romantik aus längst vergangenen Zeiten. Aber Theatervorstellungen in einem Zelt? Warum nicht! Etwa in Alaska, Mexiko oder in einer kleinen ostpreuhischen Stadt macht sich ein solcher Borgang bestimmt recht hübsch. Jedenfalls steht in Magdeburg an der Elbe, in der Nähe der rotbeflaggten Stadthalle,«in stilles Zelt. In den Lüften hört man unentwegt den Flügelschlag gewaltiger Pleitegeier, und das Zelt selbst scheint von der Schuldenlast, di« auf ihm ruht, etwas zu- fammengedrückt zu sein. Es steht da, friert in seiner Oede und schämt sich. Sie transit xlom mundi, denn unerhörte Dinge sollten hier eigentlich vor sich gehen. Magdeburg hätte staunen sollen, Kopf stehen vor Freude. James Klein wollte der Provinz zeigen, was«ine richtige Berliner Revue ist, so mit aus- gezogenen Girls und Weinlaub irgendwo im haar. Aber bekanntlich denkt nur der Mensch, und ein Gott lenkt. Am Pfingstsonntag ging alles prächtig. Autos rauschten vor da» Zelt, die Kafle war freundlich, di« Girls machten Beinparade, die Solisten mondänen Eindruck, die Zukunft stsohlt« in rosigem Licht, und die Togesgagen wurden sogar ausbezahlt. Aber dann kam alle» ganz, ganz anders, jedenfalls gar nicht, wie es kommen mußte. James Klein war verschwunden. Da mit ihm auch die Tageseinnahme verschwand, sucht« man nach ihm die Elbe nicht ob. An seiner Stelle erschienen Gerichtsvollzieher und pfändeten alles, wie es sidi für ihren Beruf geziemt, Zelt. Requisiten, un- gedeckte Schecks und was sie sonst noch fanden. Mit mildem Groll und tosenden Racheschwüren im herzen zog sich das Ensemble auf Berlin zurück. Aber nicht alle Mitglieder waren in der glücklichen Lag«, denn ein« Eisenbahnfahrt tostet bekanntlich Geld, Herr James Klein scheint dos bei seinem schnellen Ortswechsel vergessen zu haben und wahrscheinlich auch die höh« der Tagesgogen für sein« Girls. Jetzt, wie gesagt, friert das schuldbeladene Zelt in seiner Ein- lamkeit. Ein paar Stuhlreihen suchen noch Eindruck zu erwecken. Geschäftige Hände montieren sie ab. Ein paar Girls, entkleidet der herrlichen Scheinwerferbeleuchtung, sitzen in dem Raum herum, in dem sie von rechts wegen Triumpfe feiern sollten, etwas zerknittert, mühsam einen Juchheoptimismus im herzen ausbringend und dos kleine Kösterchen an- sich drückend. -'„Was wir hier machen? Gott sei Dank verpflegt uns das Wohlfahrtsamt, und es will uns auch Bahnkarten zur Verfügung stellen, wenn es weiß, wo wir in Berlin unterkommen. Ach, Berlin, wenn wir nur erst auf dem Potsdamer Bahnhof wären! Aber eins sage ich Ihnen, mein Herr, wenn ich diesen James Klein noch einmal treffen sollte, dann--!" Allred Arna. Die Geisterschrist an der Wand. Do? Menetekel der biblischen Geschichte ist jetzt durch die Fortschritte der modernen Chemie zur Wirklichkeit geworden. In einem Vortrag, den Dr. Wolf vor dem Verein deutscher Chemiker hielt, gelang es mit Leichtigkeit, durch Versprühen von Radium-Emana- tion, di« in Wasser gelöst war, an einer dunklen Wand Buchstoben in geheimnisvollem, grünlichem Schimmer aufleuchten zu lassen. Diese moderne Geisterschrist wird dadurch hervorgerufen, daß die von radioaktiven Substanzen ausgesendeten Strahlen o»f gewisse Substanzen ausprallen. Es handelt sich dabei um die sogenannten Alphateilchen, positiv geladene hettumatome» die ihr Entstehen einer Katastrophe im Mikrokosmos verdanken,«inem Zerfall des Radium- ntoms. Schon seit langem ist bekannt, daß Zinksulsid beim Auf- prallen dieser Teilchen Lichtblitze abgibt Mischt man nun Zink- sulsid in einem Gefäß gründlich mit der Lösung einer radioaktiven Substanz, so treten in diesem Gemisch viel« hundert Millionen. Licht- blitze auf, und die ganze Masse leuchtet in mattem Licht. Man ver- wendet diese Eigenschaft nicht nur zum Nachweis der Strahlen, sondern auch im praktischen Leben, namentlich zur Herstellung selbstleuchtender Zifferblätter für Uhren. Radium und Thorium sind hierfür nicht gut geeignet, denn sie zersetzen die Masse rasch, deren Leuchtfähigkeit in zehn Monaten um 40 Proz. abnimmt— und während dieser Zeit liegt ja die Uhr oft nach beim Fabrikanten oder beim Händler. Besser ist die Zugabe von Radio-Thor oder Mesothor, das die Leuchtkraft länger behält. Diese ist absolut ge- nommen zwar sehr gering, doch relativ ziemlich groß. Eine Aus- beute von 15 Proz. bei der�Umwandlung von Energie in Licht wird svicst nur noch von den Leuchtkäfern erreicht: sie ist bei ollen künlt- lichen Lichtärten viel geringer. Di« rodioaltioen Leuchtmassen, die von vorhergehender Belich- tung durch die Sanne unabhängig sind, benutzt man, um Lichtschalter im Dunkeln sichtbar zu machen, als leuchtende Reißnägel oder als Leuchtpunkte: sie werden auch auf höhenbarometeim, Kompassen und Röntgeninstrumenten verwendet. Freilich sind diese Gegen- stände nicht billig: eine leuchtende quadratische Platte von etwa 15 Zentimetern Seitenlänge kostet 200 M. Von großer Bedeutung sind die Wirkungen der Radiumstrahlen schließlich noch aus dem Gebiet der hsiltunde geworden, wo man jetzt Thorium in Forin von Salbe verwendet oder nrit diesem Stoff gefüllte dünne hohl- nadeln benutzt, die in großer Zahl in das zu behandelnde Gewebe — etwa eine Krebsgeschwulst— eingestochen werden. -.Okkulie Phänomene.� Wir erhalten folgende Zuschritt: In der Nummer des„Abend" vom 17. Mai finde ich eine Notiz..Okkult« Phänomene", in der über einen Bortrag des Dr. Rolf' Reismann referiert wird Es heißt hier, daß Dr. Reismann als V.eispiel für sein« Behauptungen den Fall der Frau Günther- G e s f e r s nannte,„jener seherin, die den Mordsall in Tzernowitz aufklärt«', hierzu erlaube ich mir. Ihnen mitzuteilen, daß von einer Aufklärung des in Rede stehenden Mordfalles durch Ftpu Günther-Geffers Nicht dl« Red« fein kann. Frau Günther-Geffer.s hat wohl bei den mit ihr veranstalteten Seancen einen Mann, ou'f den übrigens auch schon vorher ein gewisser Berdacht gefallen t»ar, als den Mörder be- zeichnet. Doch ist seine Schuld nicht im. geringsten erwiesen. Der Bclressende, der in Polen verhaftet wurve, leugnet entschieden, mit dem Morde etwas zu tun zu haben und es tonnte ihm dies auch nicht nachgewiesen werden. Uebngens Hot Frau Günther-Geisers sich bei ihren Angaben auch vielfach in fflüderfprüche verwickelt und teilweise Dinge behauptet, welche sofort.als unmöglich festgestellt wenden konnten. Die Behauptung, daß d,er Mord durch sie aus- geklärt worden sei, stellt daher— gelinde gezagt— eine'starke lieber- treibung dar., Ein Wilhelm-Busch-Rlusevm. Das: Geburtshaus Wilhelm Büschs in Wiedensahl, das sehr baufällig vvar und deswegen ab- gerissen werden sollte, ist von einer Reihe von Freunden seiner Werke erworben worden. Nach der Instond'setzung des alten Fach- werkhaufes wird man es als Wilheim-Bujch-Museum einrichten. Zu eteer Morgenfeier zum 60 Keburlswg t uns pfitzner» ladet die Preutziilbe Akademie der Künit« mit Mimvoch. den 29. Mai, mittaqZ t2 Uhr. in die Akademie der Künste ein. Die JZeier wird unter Mitwirkung deS Deman-QuartettS und der Pros. R. Kahn und H. fci. Moser stattfinden. Eine Schouspieler-Rochlvorfielluna von.Shorley», Taale-- findet am SO., 23 V. Uhr. im KomödienhouS stall. Der Veianiltreinertrag fließt den Wohlsahrtsrassen der Bühncnzcnossenschast zu. Sarlqn im Bezirisoerband Keithjtr. 11, Zimmer 15. fäeffa&e Monfag, 27. Mai 1929 SZ�WM � nkryilb) xtßA Der erste Arbeitstag des Magdeburger Parteitags. Oer Weg der Sozialdemokratie von Kiel bis Magdeburg. Sozialdemokratischer Parteitag Erster BerhandiungStaa. Magdeburg, 27. Mai.(Eigenbericht.) Die Sitzung wird um 9.25 Uhr eröffnet. Der Vorsitzende W i t t m a ck verliest mehrere Begrügungstelegramme, darunter eins von dem Sekretär der Sozialistischen Arbeiterinternationole, Adler, der bedauert, infolge dringender Geschäfte dem Parteitag nicht bei- wohnen zu können. Es folgen Begrüßungsansprachen der ausländischen Gäste. Zokl überbringt für die deutsche Sozialdemokratie in der Tschechoslowakei IZrüße und lädt die deutsche» Sozialiste» zu dem im August in Karlsbad stattfindenden Reichsarbeitertag ein. Stivin spricht für die tschechische Sozialdemokratie und wünscht dem Parteitag besten Ersolg. Anderscn-Kopenhagen feiert den roten Frühling in Dänemark bei den jüngsten Kommunal- und Reichstogswahlen. Die dänische Sozialdemokratie hat 42 Proz. der abgegebenen Stimmen erhalten. Zeelens-Lettland: Preußen ist der Pfeiler der Demokratie in ganz Europa geworden. Es lebe die alte deutsche Sozialdemokratie in der jungen deutschen Republik. Kleyn-Holland: Am 3. Juli hofft auch die holländische Sozial- demokratie auf einen Wahlsieg. Helo-Finnland: Gleich der deutschen führt die sinnische Sozialdemokratie den Kampf ersolgreich gegen bürgerliche und kommuni- stische Reaktionäre Gehl-Danzigi Aum ersten Male sollen wir als„Ausländer" zum deutschen Parteitag sprechen. Wir haben auf denkbar schwierig- stem Boden unsere Stimmenzahl im Vergleich zur Vorkriegszeit verfünffacht. Wir danken der Reichstagsfraktion für die Erhaltung der Schichau-Werft. Vorsitzender Wels dankt für die freundlichen Begrüßungs- und Anerkennungsworte. Die englischen und belgischen Partei- genossen haben sich im chinblick aus den Wahlkamps entschuldigt, die Ungarn und Jugoslawen im Hinblick auf die Verfolgungen, denen ihre Parteien gerade jetzt ausgesetzt sind. Allen gemeinsam aber ist die Ueberzeugung, daß die Stärkung der internationalen Sozial- demokratie die einzige Friedensgarantie ist und daß der Inter- nationale die Zukunft gehört. lLebhafter Beifall.) Der Parteitag tritt hierauf in seine Tagesordnung ein. Den Bericht des Parteioorstandes erstattet Hans Vogel. Der Bericht des Parteivorstandes. Hans Vogel: In den zwei Jahren, die uns vom letzten Kieler Parteitag trennen, haben sich große und bedeutungsvolle-Ereignisse abge- wickelt. In den Mittelpunkt dieser Ereignisse möchte ich die Mai- wählen des Jahres 1928 stellen Das Wahlergebnis be- deutet eine gesamtbürgerliche Niederloge. Bor allem eine Ablehnung der Deutschnationalen Partei, die in der vorausgegangenen Regie- rung des Bürgerblocks vertreten war. Man kann wohl sagen, daß die Verluste der bürgerlichen Parteien viel stärker sind als der Gewinn der Sozialdemokratie. Die eigentliche Wahlniederlage fällt aus da» Konto der Deutsch. nationalen. Die Wahl bedeutet aber auch für Zentrum und Deutsche Volkspartei«in« Niederlage, wie diese Parteien sie seil 1912 nie m«hr erlebt haben. Es ist bemerkenswert, daß auch damals «in Bündnis des Zentrums mit den Rechtsparteien vorausgegangen ist. Zentrum und Bayerische Volkspartei sind von 5,26 Millionen Stimmen im Dezember 1924 aus 4,64 Millionen zurückgegangen, was einem Verlust von 11,5 Proz. gleichkommt. Beide Parteien haben nur noch 16 Proz. der Gesamtwählerschaft hinter sich, während der Anteil der katholischen Bevölkerung an der Gesamtbeoölkerung 32,4 Proz. beträgt. Wenn man dabei noch die Rolle berücksichtigt, die..skr beide Paxteiep das Fsaueystimmrecht spielt, dann kann man sagen, daß der politische Katholizismus die schwerste Niederlage seit seinem Besteh«)? erlitten hat� Die Krise der bürgerlichen parieien. Zwei Tatsachen vor allem sind aus dem Wahlergebnis sestzu- stellen. Eine starke Gärung, Unzufriedenheit und Desorientierung bei den bürgerlichen Parteien, sowie ein großer Abfluß proletari- scher Wähler weg von den bürgerlichen zu den Arbeiterparteien. Im Lichte der Entwicklung seit 1924 gesehen, bedeutet dieser Strom der proletarischen Massen, entweder direkt oder indirekt auf dem Umwege über die KPD., die konzentrierung der proletarischen Massen in der großen Sozialdemokratie. Was die Gärung bei den bürgerlichen Parteien anlangt, darf man wohl von einer Krise reden. Es gibt kaum«in« Pkirtei, die nicht davon betroffen ist, am schlimmsten freilich die Deutschnationale Partei. In einer ähnlichen Krise steht das Zentrum, das wie die Deutschnationalen aus verschiedenartigen Schichten besteht, für die bisher der Katholizismus das Bindemittel war. Das Zentrum ist aus dem sich bedroht fühlenden Katholizismus hervorgegangen. Der Katholizismus hat heute in Deutschland wirklich nichts zu befürchten. Dadurch sind aber auch die Bindungen lockerer geworden, was sich aus den Wahlzissern ergibt. Das ist aber nicht das einzige. Der soziale Gegensatz tritt auch innerhalb des Zentrums beut- licher hervor als jemals. Daraus vollzieht sich eine langsame Abwanderung der katholischen Arbeiter zur So- zialdemokratie. was die konzentrierung der proletarische» Massen in der Sozialdemokratie anlangt, muß dabei festgestellt werden, daß sich die Spaltung der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung viel stärker konsolidiert hat, ihre Bereinigung mit schwereren Schwierigkeiten verknüpft zu sein scheint, al» man da» nach dem Zerfall der kommunistischen Partei hätte annehmen dürfen. Die Kommunistische Partei hat gegenüber dem Dezember 1924 immer noch mehr als 566 666 Stimmen gewonnen, damit aber noch nicht den Höchststand der Maiwahlen des Jahres 1924 erreicht. Di« Stimmensteigerung der Kommunisten ist wohl zu einem guten Teil auf Wähler zurückzuführen, die 1924 noch extrem rechts gewählt haben. Wie wenig Verlaß im Ernstsall aus solches Treibholz ist, hat die Kommunistische Partei bei ihrem Volksbegehren in der Frage des Panzerkreuzers und bei der Maiaktion dieses Jahres erfahren. Partei und Jugend. Eingehende Untersuchungen der Wahlzissern zeigen, daß nicht olle neu hinzugekommenen Wahlberechtigten auch sofort Wähler werden. So verhält sich das Verhältnis der Wahlbeteiligung der Frauen zu den Männern wie 93 zu 166, und dem Alter nach mablen die Zwanzig- bis Fünsundzwanzigjährigen, die bei normaler Wahlsolg« zum erstenmal die Stimme abgeben, am allersdjlechtestcn. Dabei ist die Gruppe der Zwanzig- bis Fünsundzwanzigjährigen Lei der nächsten Wahl, wenn sie turnusmäßig 1932 statrsindet, so stark angewachsen, daß sie«in Viertel bis«in Drittel aller Mandate vergeben kann. Ueber die politische Stellung der jungen wohl- berechtigten Generation fehlen leider alle Anhaltspunkte. Es müßte sich noch ergeben, ob der ihr gewöhnlich zugeschriebene Hang zum Radikalismus wirtlich besteht. Mit besonderer Genugtuung kann jestgestellt werden, daß eine starke innere Verbundenheit der Sozialistischen Arbeiterjugend mit der Partei besteht. Unsere Arbeiterjugend war überall dabei, wo?s galt, die Wahl- bewegung ,u fördern, uitb vor allem in den Bezirken mit großen ländlichen Gebieten ist ein erheblicher Teil der Wahlarbeit durch die Jugend geleistet worden. Die politische Organisierung der Jahr- gange zwischen 18 und 25 Jahren hat im Lause der letzten zwei Jahre weitere Fortschritte gemacht. Die jungen Jahrgänge in der Partei treten stärker hervor. Immer wieder wird versucht, die Jugend gegen die Entschei- düngen der Partei zu mobilisieren. Anerkannt muß werden, daß sowohl der Hauptoorstand als auch der Reichsausschuß der Arbeiter- jugcnd sich scharf gegen den Mißbrauch ausgesprochen haben. Pädo- (logisch ist es durchaus verfehlt, jungen Menschen zwischen 14 und 18 Jahren, über deren ehrliche Begeisterung für das sozialistische Ziel und deren tiefen Abscheu vor Krieg und Militarismus wir uns olle aufrichtig freuen, soviel politisch« Erfahrung und Erkenntnis zuzutrauen, wie sie so schwierige Entscheidungen wie Panzerkreuzer und Wehrprogromm erfordern. Muß denn der junge Mensch, der mit ein paar Schlagworten und mit einfachem Handaufheben den Wehrprogrammentwurs für unsozialistisch erklärt, nicht zu der Mei- nung kommen, daß eine richtige Begeisterung oder eine mächtige Wut und ein paar Schlagworte genügen, um eine solche Frag« zu erledigen? Gerade wir Sozialisten haben allen Anlaß, uns vor einer derartigen politischen Berbildung zu hüten und dafür zu sorgen, daß der Jug«nd, die doch einmal unsere Arbeit fortsetzen, das Werk sozialistischer Arbeit vollenden soll, eine gediegene politische Bildung zuteil wird. Wir brauchen Menschen, die die Tragweite ihrer Entscheidungen auf Grund ihrer politischen Schulung auch wirklich ermesten können. Die Sozialdemokratie in der Regierung. Die Sozialdemokratie hat ihren großen Wahlerfolg neben anderem der Parole zu verdanken: Weg mit der Regierung des Bürgerblocks! Der Parteiausschuh hat das in seiner Kölner Sitzung vom 6. Junj durch einen Beschluß zum Ausdruck gebracht, der sagt: „In dem Ergebnis der Reichstagswahl hat das deutsche Volt zum Ausdruck gebrocht, daß die Sozialdemokratie die Führung bei der Regierungsbildung übernimmt. Der Parteiausschuß erklärt sich damit einverstanden, daß die Fraktion die notwendigen Verhandlungen hierfür einleitet." Ich glaube mich zu erinnern, daß dagegen auch die sächsischen Genossen keinerlei Einwendungen erhoben haben. Eine andere als eine Koalitionsregierung ist in Deutschland nicht möglich, da keine Partei für sich allein über eine INehrheit verfüg«. auch die Sozialdemokratie nicht. Sie befindet sich allen anderen Parteien gegenüber in einer besonders i/Nangenchmen Lage. Allein die Regierung zu übernehmen, dazu ist sie noch zu schwach, sie ist aber auch bereits zu stark, um dauernd abseits zu stehen, den andere» die Regierungsgewalt überlassen zu können. Ist es wirklich so, daß in einer Koalitionsregierung die Sozial- demokratcn immer nur die Opfernden sind? Die Gestaltung des Sozialetats im Vergleich zu den Forderungen der Deutschen Volks- parte! und des Hansabund«s zeigen das Gegenteil. E» ist ein An- glück, daß viele unserer Genosse» immer nur da» sehen, was unsere Vertreter in der Regierung nicht durchzusetzen vermögen, nie das. was sie an Anschlägen auf die Interessen der Arbeiterklasse verhindern. Ist es wirklich so, daß«in Zusammengehen unserer Partei mit bürgerlichen Parteien d«n Klassenkampscharakter der Partei ver- wischen oder gar ausheben könne? Aber nein, wir alle, die wir die Lehren von Karl Marx und Ferdinand Lassalle kennen, wissen, daß die Sozialdemokratische Partei eine revolutionäre Partei ist und im Interesse der Arbeiterklasse auch«ine solche bleiben muß. Niemand in der Partei verleugnet den Klassenkampscharakter der Partei, niemand behauptet, daß sich durch die Wandlungen zum organisierten Kapitalismus und durch die Ansätze zur Demokratisierung der Wirt- schaft die Klasiengegensätze oerwischt hätten. Sie bestehen fort, unvermindert, teilweise zugespitzt, der Kampf geht weiter. Wenn es nur daraus ankäme, immer wieder Selbstverständlichkeiten zu betonen, immer wieder von neuem den Klassenkampf zu prokla- mieren, wie krästestrotzend müßt« die Kommunistische Partei vor uns stehen! Es kommt nicht allein aus die Manifestierunq de? Kampfes an. sondern auch daraus, dem Kampfe konkret« Zlusgaben und Ziele zu stelle» entsprechend der sozialen und wirtschastlichen Entwicklung, wie es jetzt beispielsweise auch von den Gewerkschiften mit der Forderung der Demokratisierung der Wirtschaft geschieht. Demo- krotisierung der Wirtschast bedeutet keinen Ersatz für Sozialiemus. auch kein Abrücken von der Ideenwelt des Sozialis- mus. Sie soll sein die schrittweise Beseitigung der Herrschaft, die sich auf dem Kapitalismus aufbaut. Mit dieser ihrer Forderung sind die Gewerkschaften dem Sozialismus und damit auch der Sozial- demokratischen Partei ganz bewußt ein«n Schritt näher gerückt. Wie falsch ist es doch, zu behaupten, daß olle Fortschritte auf soziapolitischem Gebiete keinerlei Verschiebung der Machtverhältnisse zwischen den Klassen zugunsten des Proletariats erwirkt hätten, und daß jeder Fortschritt durch einen Machtzuwachs des Unternehmer. tums überkompensien würde. Wer vermag im Ernst zu glauben. daß weder das kollektive Arbeitsrecht noch die Arbeitslosenosr- sicherung, weder die Anerkennung der Gewerkschaften und ihre Ein- schaltung in die Arbeitsverwaltunc». noch die Betriebsräte, weder der Einfluß auf öffentliche Betriebe in demokratisch verwalteten Gemeinden noch der Ausbau eigener genossenschaftlicher Wirtschast an den realen Machtverhältnissen etwas verschoben haben? Wäre es so, die Arberterschaft müßte am Klassenkamps verzweifeln, Aber die Machtverhältnisse haben sich doch in den letzten Ja. zehnten zugunsten der Arbeiterklasse gewandelt. Man brauc ja nur, um bei den Gewerkschaften zu bleiben, an zwei groß- kämpfe zu erinnern: den Verlaus der großen Erimmitschaue: Tertilarbeiteraussperrung von 1963 und den der großen Mctall- arbeileraussperrung im Nordwesten 192S. Militär gegen die Ausgesperrte» damals, össentliche Gelder für die Ausgesperrten heule. Sollte darin wirklich nicht eine Aenderung an den realen Macht- Verhältnissen und eine Stärkung der Stellung der Sozialdemokratie den bürgerlichen Parteien gegenüber zum Ausdruck kommen? Man soll doch endlich den Glauben aufgeb«n, daß man den Klassenkampf fördert, wenn man ihn zu Unrecht als dauernd erfolglos vor die Arbeiterschaft hinstellt. Panzerkreuzer und Wehrprogramm. In ein«r Mossenpartoi wie der unseren können nicht sofort die Auffassungen aller Mitglieder auf einen einheitlichen gemeinsamen Nenner gebracht werden. Es muß die weite st gehende Mei- nungsfretheit und-äußerung zugelassen werden. Es schadet auch nicht, solange si« rein sachlich ist und die Gebote der Kamerodschast wahrt. In der letzten Zeit hat es damit manchmal sehr gefehlt. Ganz besonders bei den Auseinandersetzungen über die Frage des Panzerkreuzers und des Wehrpro- gram ms. Es war kein« Seltenheit, daß Aeußeningen van Par- teigenosien und parteigenössischen Zeitungen den Kommunisten bei ihrem Voltsbogehren Propagandadienste leisteten. Es ist bekannt, daß die Fraktion beschlossen hat, auch bei der Abstimmung über die zweite Rate an ihrer Ablehnung festzuhalten, obwohl zur Zeit dieser Beschlußfassung all« Zeichen dafür sprachen, daß an diesem Beschluß die Bildung einer Koalitionsregienina'cheitern und unsere Vertreter aus der Regierung ausscheiden müßten. Für die Frak- tion liegt also eine klare Entscheidung vor. Wie aber sollen sich die parteigenössischen Minister verhalten, nachdem sich auch im neuen Reichstag eine Mehrheit für den Weiterbau des Vanzerkreuzers gesunden hat? Wollten wir die parteigenössischen Minister zwingen, mit der Fraktion gegen die zweite Rote zu stim- men, würde das das Ausscheiden unserer Vertreter aus der Regie» rung bedeuten. Für diesen Fall ergeben sich keinerlei Anhaltspunkte für das Zustandekommen einer neuen Regierung. Eine neue Dauerkrise mit den schlimmsten Auswirkungen für die Ar- beiterschoft und die Republik müßte die naturnotwendige Folae sein. So wichtia und so prinzipiell die Stellung der Frage des Panzer» kreuzers ist gibt es doch auch noch andere politische Fragen, die die Fraae des Baus des Panzerkreuzers in ihrer Bedeutung weit über» treffen. Der Parleivorstand beantragt deshalb auch, alle Anträge, die sich mit der Frage des Panzerkrcuiers und der Koalition be- schästigen, abzulehnen. Emheitssiaa Hilfevding hat sich in seiner Rede in Kiel eingehend mit der Frage des Einheitsstaates beschäftigt. Mit der Annahme des An- trag»- 172 Hamburg hat der Parteitag den Parteivorstand beanf- chragt, sin« Kommission zu berufen, um zu prüfen, auf welchem Weg« der Einheitsstaat am besten zu erreichen ist. Die Arbeit der Kommisston liegt in der Form von Gutachten vor, die zunächst für die Partei noch nach keiner Richtung hin bindend sind. Die Kam- Mission hat den Parteioorstand mit der Einsetzung einer Unter- k o m m i s s i o n beanftraot, die diese Gutachten zu klar umrissenen, wegweisenden und für die Partei bindenden Richtlinien be- arbeiten soll. Am vordringlichsten erscheint im Augenblick aber, daß die einze'nen Länder bei der so dringenden Reform und Vereinfachung ihrer eigenen Berwaltuna sich gegenseitig ver- ständigen Ein« Verständigung müßte um so leichter möglich sein, als von 17 Länderregierungen 16 einen So- zialdemokraten zum Regierungschef haben. Bei ihnen muß die Initiative liegen Aber auch die Redaktionen unserer Zeitungen müssen sich mehr als bisher der großen Verantwortung in dieser Frage bewußt sein. Stqrapropräm«, Der Kieler Parteitag hat einstimmig dem Entwurf eines Agrarprogromms zugestimmt. Unser Agrarprogramm ist unseren Gegnern sehr unangenehm. Sckon jetzt macht es sich auf dem Lande in der Agitation geaen den Landbund bemerkbar. Es hat die Intensität unseres Kampfes auf dem Lande ganz wesentlich nesteigert. In allen Teilen des Reiches finden sich bäuerliche Be- sttzer mit großem Einfluß aus ihre Berufsoenossen. die sich auf den Boden unseres Agrarprogromms stellen. Aus ihren Kreisen tritt immer stärker die Anforderung an die Parte' heran, geeignete Maßnahmen zur Schulung der kleinen Bauern und zur besseren Bropoaierung des Agrarprogramms zu treffen. Unser? agrarpolift- schon Schriften finden freudig«, dankbare Abnehmer. Es ist für die Dauer ganz unmöglich, all« notwendigen Arbeiten so nebenbei zu verrichten. Gerade die Fragen der Agrarpolitik erfordern Speziali- sieruna und Konzentrieruna. Dem wollen vartcioorstand und Par- telausschnß mit der Schaffung einer dem Varkeioorskand angegli». derten. der kommunalpolitischen Zentralstelle ähnelnden agrarpoli- tischen Zentralstelle nackikommen. Beamtenfragen Auf dem Gebiete der B e a m t e n o r g a n I s a t i o n hat sich in der jüngsten Zeit eine Entwicklung angebahnt, die hoffen läßt, daß ein« Berständigung zustande kämmt. Deshalb muß im Augen- bl'ck von der Fassung van Beschlüssen abgesehen werden, die eine Abkebr von den Kieler Beschlüssen und eine Störung der angebahnten Berständigungsmöglichkciten bedeuten müßten. Es geht nicht an, daß Parteigenossen, nur weil sie Mitglieder des Deutschen Beamtenbundos sind, von Funktionen und Ehrenämtern, die in und durch die Partei zu besetzen sind, ausgeschaltet werden. Die Partei kennt keinerlei, sie kennt nur gleichberechtigte Mit- glieder. Das gleiche oilt auch für die religiöse Einstellung des einzelnen wie auch für die Mitgliedschast in den Konsumgenossenschaften und dergleichen mehr. Kameradschaft, Solidarität, Sora« und Liebe für die Partei, gegenseitiges Dulden und Verstehen sind in der gegenwärtigen Zeit der größten Schwierigkeiten für die Partei doppel� notwendig. In der Beobachwna dieser Eigenschaften liegt auch ein Stück Revolu« tionierung des Mensel)«». Wir alle wollen die Revolution weiter- treiben. Wir treiben sie aber nur weiter, wir vollenden sie nur, wenn wir uns selbst revolutionieren und selbst ein- gliedern in die werdende sozialistische Gesellschaft als wirkliche S" zialisten, als Sozialisten der Tat und nicht nur des Warles? Der Rode Vogels, die durch wiederholte lebhafte Zustimmungs» äußerungen unterbrochen wurde, folgt« stürmischer Beifall Hierauf erstattete Konrad Ludwig den Kassenbericht de« Partei vorstände», uwoiiL (21. Fortsetzung.) In den Gastwirtschaften stand der Kasten mit Rauchtabak auf dem Tisch. Die eine Hälfte des Kastens enthielt den Tabak, der jedem Gast zur freien Benutzung stand. Die andere Hälfte diente als Aschen behält er, in den man die ausgerauchte Pfeife ausklopfte. In der Marschgegend war der Boden rabenschwarz und das Getreide war so schwer, daß es nicht mit der Sense, sondern nur mit der Sichel geschnitten werden konnte. Es stand nicht wie in anderen Provinzen hoch auf den Halmen, sondern lag durch die Schwere der Aehrcn vollständig danieder. Es wurde auch auf dem Lande viel Grog getrunken und ordentlich gepunscht, denn die Witte- rung war rauh, da die Winde von der Nord- und Ostsee über das Land fegten. Es war ein herrlicher Anblick, die Nordsee in ihrer unermeß- lichen Weite vor Augen zu hoben. Die Sonne spiegelte sich auf den Wellen, das glänzte und leuchtete wie lauter fließendes Silber. Auf unserer Rückwanderung längs des Nordseedeiches gewahrten wir zu unserem Erstaunen, daß die Nordsee verschwunden war und sich vor unseren Augen eine weite Sandstäche ausdehnte, in der nur in einigen Vertiefungen etwas Wasser stehen geblieben war. Es mar der Boden der Nordsee bei Ebbe. Gern hätten wir das Schau- spiel der eintretenden Flut beobachtet, aber es war sehr trübes und regnerisches Wetter, und so kalt, daß wir doch vorzogen, weiter zu wandern, als uns bei der Hundekälte am Deich zu lagern und ab- zuwarten bis die Flut eintrat. Eines Tages fiel in einem Gasthof mein Blick auf eine Zeitungs- notiz, die„ntenschenmartt" überschrieben war. Ich sah genauer hin, aber es stimmte.„Fritzchen." sagte ich,„sich mal her," und beide steckten wir unsere Köpfe in die Zeitung und lasen ein großes Inserat, das folgenden Wortlaut hatte: Zum ZNenschenmarkt, den 15. 3uli, ladet ergebensk ein,. die Hardesvoiglei. Wesselburen, den... Der Hardesvoigk. Wir sahen uns beide an und wußten nicht, was wir dazu sagen sollten. „Du," meinte Fritzchen,„da müssen wir hin." „Natürlich," nickte ich,„den Menschenmarkt müssen wir uns ansehn. Aber wir wollen doch mal den Wirt fragen, was das mit dem Menschenmarkt für eine Bewandtnis hat." Der Gastwirt setzte sich an unseren Tisch und erzählte, daß in den Städten Wesselburen und Marne, die ein Stündchen ausein- anderliegen. olle Jahre zur Erntezeit sich die Stromer und Arbeiter versammelten und sich an die zu diesem Markte kommenden Bauern zur Ernte verdingten. Wir änderten unseren Kur� und wanderten nach Wesselburen. Einen Tag vor Beginn des Marktes trafen wie ein. Sämtliche Herbergen und Gasthöfe waren überfüllt. Die Vagabunden, Fecht- brüder und Stromer gaben sich hier im wahrsten Sinne des Wortes ein Stelldichein. Selbst die Treppen in den Herbergen waren voll besetzt. Auf jeder Stufe hatten zwei bis drei Pennbrüder ihr Lager aufgeschlagen. Sogar auf den Feldern und Wiesen der Umgegend hatten Stromer ihr Quartier aufgeschlagen. In einem besseren Gasthanse gelang es mir, kür Frieda und mich ein Unterkommen zu finden. Am Sonntag besuchten auch wir den berühmten Menschenmarkt. Die Bauern aus der Umgegend kamen in die Stadt gefahren, im Gasthof wurde ausgespannt und man ging dann die Reihen der Fechtbrüder, die Aufstellung ge- nommen hatten, durch. Fand der Bauer seine alten Leute wieder, so brauchte er nicht lange zu wählen. Es ging in den Gasthof, dprt gab's zu trinken und man fuhr zur heimatlichen Scholle zurück. Frieda und ich strichen auf dem Marktplatz umher, sahen uns den Trubel an und hörten zu, wie die Arbeitsuchenden mit den Bauern verhandelten. Es fiel mir auf, daß wir einem jungen Bauern immer wieder begegneten. Plötzlich stand er vor uns, obgleich wir uns in einem ganz anderen Stadtteil befanden und starrte uns unverschämt an. Ich wollte mich gerade zum gehen wenden, als er mich fragte, ob wir bei ihm arbeiten wollten. Ich schlug es ihm kurzweg ab. Es schien mir, daß er es mehr auf Frieda, als auf mich abgesehen hätte. Er ließ jedoch nicht locker und lud uns zu Bier und Kümmel ein. Das schlug ich ihm nicht ab. Das große Wirtshaus war brechend voll, aber in einer Ecke er- wischten wir noch einen kleinen, leeren Tisch. Der junge Bauer gab Frieda Geld, damit sie uns was zu trinken hole. Frieda stieß mich in die Seite, als wenn sie sagen wollte, den Bauern wollen wir nehmen, was er wert ist, und verschwand. Nun steuerte der Bauer gleich auf fein Ziel los. Er war Besitzer eines Bauernhofes, den er allein bewirtschaftete. Seine Eltern, von denen er als einziger Sohn den Hof übernommen, waren kurz hintereinander gestorben. Sein Gesinde, das er auch von den Eltern mit übernommen hatte, war gut und zuverlässig. Aber er suchte ein weibliches Wesen, die mehr um ihn sei und nicht auf dem Felde, sondern im Haushalt tätig sein solle, und Frieda gefiel ihm. Ob ich sie ihm nicht abtreten wolle, es käme ihm auf Geld nicht an. Er zog seinen Geldbeutel und legte ein Fünfmarkstllck auf den Tisch. „Du bist wohl verrückt, Bauer," erwiderte ich,„ich bin doch kein Menschenhändlerl" In meinem Innern aber dachte ich, das kann Friedas Glück sein, und ich gab dem Bauern nach einigem Ueberlegen den Rat, sie selbst zu fragen. Es dauert« nicht lange und Frieda kam mit den Getränken zurück. Wir stießen zusammen an. „Du," sagte ich dann,„Fritze, der Bauer will dich engagieren, Host du Lust? Handgeld hat er schon auf den Tisch gelegt." und ich zeigte auf das Fünfmorkstück. Der Bauer wurde rot und sah verlegen in sein Bierglas. „Du machst wohl Spaß?" lachte Frieda verlegen. „Es ist mein voller Ernst, frage ihn selber!" Der Bau«r zog wieder seinen Beutet und legt« zu dem Fünf» Markstück noch«ms hinzu. „Du gefällst mir. Ich brauche eine Frau. Willst du mein« Fr«m werden?" stieß er hervor. Frieda lacht« laut auf und tippte sich an die Stirn. „Das sieht man euch Bauern gar nicht an, wie schlau ihr seid. Für zehn Mark will er sich eine Frau lausen! Prost Bauer!" Sie hob ihr Glas und stürzte es, noch immer halb spöttich, halb ärgerlich lachend hinunter. Ich fiel in das Lachen ein und fragte den Bauern:„Was willst du nun eigentlich, soll Frieda bei dir als Magd, Stubenmädchen, Köchin oder Kindermädchen dienen, oder willst du sie bloß so zu deinem Vergnügen haben?" „Macht das mir unter euch ab. Ich hole eine neue Lage," fügte Frieda schnippisch hinzu, nahm ein Fünsmarkstück und ver- schwand. „Es ist mein voller Ernst," stammelte der Bauer,„ich will sie zu meiner Frau machen. Hier hast du meine Hand darauf." „Mir kannst du doch nichts weiß machen! Wenn du eine Frau lmben willst, bekommst du von jedem Bauern ein« Tochter!" Der Bauer schlug mit der Faust auf den Tisch.„Ich bekomme hier keine Frau, weil mir keine gefällt, und ich will pertout eine haben, die mir gefällt! Und das Mädchen gefällt mir!" Er wischte sich die Stirn und wandte sich plötzlich mit neuer Rede mir zu.„Sei nicht dumm, nimm das Geld und red ihr gut zu!" Dabei legte er noch zwei Fünfmarkstücke auf den Tisch. „Steck' dein Geld ein, Bauer, für zehn Mark verkaufe ich mein Mädel nicht. Sie mag frei wählen. Laß mich mit ihr allein, wenn sie wieder kommt. Ich werde mit ihr sprechen." Der Bauer nickte mehrmals mit dem Kopf, stand auf und entfernte sich. Frieda war erstaunt, den Bauern bei ihrer Rückkehr nicht mehr vorzufinden. Ich klärte sie auf und redete auf sie ein. „Sieh mal, Fritzchen, wenn ich dir nicht wirklich von ganzem Herzen gut wäre, würde ich dir ja gar nicht raten, was dir der Bauer bietet, anzunehmen. Der Kerl ist, wie mir scheint, ehrlich und gut. Weshalb er aber von hier kein Mädel will, wird wohl einen Haken haben. Die Sache ist nämlich umgekehrt, er scheint mir ein bißchen beschränkt zu sein und deshalb will ihn kein Mädel. Für dich aber. Fritzchen, wäre es«ine gute Partie, denn es ist bei dem Bauern deine Liebe auf den ersten Blick, wie es bei uns beiden der Fall war." „Du willst mich wohl los sein? Wieviel hat er dir denn ge- boten?!" brauste Frieda auf. „Höre mal, Frieda, Beleidigungen unterlasse, sonst ist es sofort mit uns beiden aus!" Ich erhob mich und griff nach meinem Hut. So hatte sie mich noch nicht gesehen.„Sei mir nicht böse!" bettelte sie erschrocken.„Kannst du es mir denn verdenken? Ick) habe doch das Geld auf dem Tisch liegen sehen!" „Du kannst mir ja meine Taschen durchsuchen, wenn du mir nicht glaubst. Ich habe dem Bauern erwidert, daß ich kein Menschen- Händler bin und es dir vollkommen frei steht, zu tun und zu lassen, was dir beliebt." Und ich erklärte ihr, daß ich sie lediglich, weil ich sie von ganzem Herzen lieb hätte, In guten Verhältnissen zu sehen wünschte. „Ja, Schatz," erwiderte sie kleinlaut,„ich gebe dir ja vollständig recht, ober wir wollen es uns noch überlegen." „Zu üb«rlegen gibt es nicht viel, greif zu und nimm den Bauern, was er wert ist." „Du hast ihm das Geld zurückgegeben?" Frieda sah mich prüfend an. „Frag' ihn doch selber, weim du mir nicht glaubst!" Aber da schlang sie schon ihre Arme um mich und küßte mich, als wenn sie mich nicht mehr von sich lassen wollte. Es war unsere letzte, stürmische Umarmung. Ich schickte Frieda zum Bauern. Kaum war sie draußen, trank ich hintereinander die drei Kümmel und Bier herunter und ging an die Schänke, um dort noch zwei ordentliche Gläser Punsch hinter die Binde zu gießen. Als ich zurückkam, hatten Frieda und der Bauer bereits ihr« Plätze eingenommen. Der Bauer reichte mir über den Tisch seine Hand. Frieda, die mir meine Bewegung an- sah, traten die Tränen in die Augen. Um keine Sentimentalität aufkommen zu lassen, sagte ich:„Na, Kinder, dann wollen wir nicht lange Geschichten machen und noch einen zum Abschied trinken. Ich werde noch eine Lage holen. Bauer, gib Geld!" Der Bauer legte von neuem fünf Mark auf den Tisch. Ich schleppte eine Lag« Punsch herbei. Die Gläser klangen aneinander, der Punsch dampfte und wir tranken auf unser gegenseitiges Wohl. „Gib Vorschuß, Bauer!" sagte Frieda, als die Gläser halb geleert waren.„Will meinem Reisekameraden einen kleinen Zehr- Pfennig geben." Sie langte in seine Tasche und gab mir zwanzig Mark. Wir leerten die Gläser. „So, nun fahren wir nach Hause, Bauer!" Frieda erhob sich, reichte mir die Hand und beide verließen das Gasthaus, während ich sitzen blieb und mich berauschte. Ein Ziock wird gewendet, der Mensch bleibt der alte. Ich war wieder ein« ganz ansehnliche Zeit gewandert. Ein Ränzel besaß ich schon lange nicht mehr. Ich sah nicht mehr Hand- wertsburschenmäßig aus. Stiefel und Hosen gingen noch einiger- maßen. Die Löcher im Gesäß deckte mein grauer Gehrock mit den langen Schößen zu. Aber der Gehrock selbst war niederträchtig schmutzig, und das niachte, daß ich wie ein Vagabund aussah. Man denke sich einen hellgrauen Gehrock, den man ein halbes Jahr lang täglich ungebürstet und ungereinigt auf dem Leibe hat, mit dem man sich des Nachts zudeckte, einen Gehrock, an dem man in Er- mangelung eines Handtuches sich nach dem Waschen abtrocknet, seine schmutzigen Hände abwischt, auf dem Straßenstaub, Sonnenschein und Regen ihre Spuren zurückgelassen haben... Nein, es war wirklich nicht möglich, noch länger in diesem Aufzug zu wandern, ich, ein junger, hübscher Kerl! Ich beschloß, den Rock einfach zu wenden. Futter hatte der Rock ohnehin nicht mehr. Fußlappen und Taschentücher hotte ich mir dapaus gemacht. Im nächsten Städtchen kaufte ich schwarzen Zwirn und einige Nadeln, ein Stück Brot und einen Zipfel Wurst und alle war mein Geld. In der fünften Nachmittagsstunde verlieh ich das Städtchen. Ein Feldweg führte mich an einen Waldrand, während auf der anderen ein Kornfeld lag. Das Getreide war gemäht, die Garben gegeneinander in Hocken aufgesetzt. Angenehmer konnte ich es nicht treffen. Ich setzt« mich also an der Waldlisere nieder. Als ich an- fangen wollte, meinen Rock auseinanderzutrennen, merkte ich. daß mein Taschenmesser viel zu stumpf war. Selbst das Wetzen an einem Stein besserte die Sache nicht. Ich versucht« deshalb die Nähte einfach auseinanderzuziehen. Aber es riß wohl der Stoff neben der Naht, die Naht selbst jedoch hielt fest, als wenn der Rock ewig halten solle. Mir blieb nichts anderes übrig, als jeden Stich mit der Nadel aufzuziehen. Eine Hundearbeit war das! (Fortsetzung folgt.) WAS DER TAG BRINGT, mniiniunmiminimmmiininiiHimiiiniimiiiiiinnimiiiniiininminimiHmininiiniiniimmiiiimnumniHiiiuininiiminiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiinimiiiiiiiiiiiiiiiiMMiiiiiiiiiniiiiimuiiiiii Bürgerliches Ehrgefühl. Ein kleines persönliches Erlebnis, das ein hübsches Seitenstück zu einer immerhin nicht unbedeutenden Sache, dem Landesverrats- Paragraphen, abgibt, wollen wir unseren Lesern nicht vorenthalten. Da kommt eines Tages ein hochseudal angezogener Mensch auf einen Genossen zu, erkundigt sich nach diesem und dem, fragt, wie er da- und dahin fahren kann und vertraut schließlich dem Ge« nassen an, er habe kein Geld mehr, um nach Hause— in der Um- gebung von Potsdam wohnt er— zu fahren. Nun, die Proletarier haben immer Verständnis für Geldschwierigkeiten: der Genosse gibt ihm das nötige Kleingeld, schon aus Interesse, ob der andere seinen heiligen Schwüren nachkommt und das Geld wirtlich zurückschickt: der ist gerührt, stellt sich formell vor— Vullerjahn heißt«r— und gibt irgendeine Adresse an.„Sic kennen doch sicher den großen Landesverratsprozeh gegen meinen Vetter Bullerjahn?" fragt er. „Sicher," meint der Genosse,„gerade wir Sozialisten haben uns ja in diesem Fall für Bullerjahn eingesetzt." Darauf Herr Bullerjahn: „Ja, sehr nett von Ihnen: ich kann dos leider nicht— sehen Sie, Montag, 27. Mai. Berlin. 16.U0 Sprachgebrauch und Recht(Deutscher Sprachverein). 16.30 Dr. J. E. Poritrky: Die Sinfonie der Arbeit. 17.00 KUnstlernachwuchs(Sternsches Konservatorium der Musik). 18.00„Peter Scholiens Kostgänger". Von Paul Qrabeiu. Gelesen vom Autor. AnschlieBend: Mitteilungen des Arbeitsamts Berlin-Mitte. 19.00 Dr. A. Orabowsky: Moskau im Frühling 1929. 19.30 Prot. 0. Mcnte; Wie entwickelt man Platten und Filme? 20.00„Schicksal im Walde". Von Johannes Unidil-Prag.(Gelesen vom Autor.) 20,30 Von Prag: internationaler Programmaustausch. Orchesterkonicrt. Dirigent: Otakar Jeremias. I. Dvorak; Othello.— 2. Jlrak: Drei Lieder (Marie Pixa, Gesang).— 3. Suk: Meditationen über einen allbähmischen Choral.— d. N'ovak: In der Tatra, sinfonische Dichtung.— S. Smetana: Die Moldau.(Orchester des Radloiournal.) Nach den Abendmeldungen bis 0.30: Tanr-Musik(Robert Gaden und sein Orchester). Während der Pause; Bildfunk. Kdnigswusterhausen. 16.00 Französisch(kulturkundlich-literarische Stunde). 16.30 Theophil DeraeKleecu: Die Entwicklung der Variationstorm. 18.00 Dr. Karl Lehmann: Rheinische Dichtung. 18.30 Englisch für Anfänger. 18.35 Dr. Kanzler: Wie rüste ich mich zur Heuernte? 19.20 Dr. Manz: Die Sprache des Erfeiges, 20.00 W. A. Morart. Dirigent: Bruno Seidler-Winkler. 1. Ouvertüre zu„Figaros Hochzeit".— 2, Klavierkonzert(K.-V. 537).(J. �trauB, Flügel.)— 3. Sinfonie D-Dur(K.-V. 385).(Berliner Funk-Orchester.) 21.00 Lieder. 21.30 Fr, Schubert: Fantasie für Violine und Klavier, C-DurJ op. 159.(Georg Kniestädt, Violine und Karl Rocksfroh, Flügel.) wie das in den besseren Familien eben so üblich ist, wir können doch mit ihm nicht verkehren, solange die Sache nicht klar ist!!" Meint ihr, daß der Herr mit dem bürgerlich-empsindsamen Ehr- gefllhl unserem Genossen jemals das Geld zurückgeschickt Hot? Ein Baus— höher als der Eiffelturm. Die Pläne'für die Erbauung des höchsten Hauses der Welt sind nunm«hr fertiggestellt. Dieses gigantische Bauwerk, das den Namen Crane Tower führen soll, wird in Chikago errichtet werden, das seit Jahren einen erbitterten Kamps mit New Park in der Er- bauung von Wolkenkratzern führt. Das Bauwerk soll 306 Meter hoch, also höher als der Eiffelturm, werden und 75 Stockwerke haben. Seine Kosten werden aus 26 Millionen Dollar veranschlagt. Selbstverständlich ist mit d«m Wolkenkratzer eine Garage verbunden, die nicht weniger als KWO Kraftwagen fassen soll. Der Wolken- kratzer bekommt seine besondere Bank und einen ungeheuren Kon- ferenzsaal. Allein für die zahlreichen Angestellten, die für die Be- dienung der verschiedenen Daueranlagen des Wolkenkratzers vor- gesehen sind, werden 150 Zimmer bereitgestellt. Dickens Lieblingstochter gestorben. In London starb soeben Frau Kate P e r u g- n I, die letzt« Tochter von Charles Dickens, im gl). Lebensjahr. Catherine Eliza- beth Macr«ady Dickens, die der Vater„Kaiey" zu nennen pflegie, hatte ihre Mädchenzeit in dem anregenden Kreis verlebt, der sich im väterlichen Hause zu versammeln pflegte. Mit 18 Jahren hatte sie Charles Collins geheiratet. Der berühmte Maler Millais hatte, von der Schönheit der Braut begeistert, ihr Bild gemalt und ihr das Porträt als wertvolle Hochzeitsgabe zum Geschenk gemacht. Nach dem Tod« chres ersten Gatten heiratet«„Katey" in zweiter Ehe Carlo Perugini, einen Kunstler italienischer Herkunft, der in England naturalisiert worden war. Nachkömmlinge spanischer Soldaten. Die Nachricht, daß im Tapiche-Bezirt in Peru eine Anzahl von Ansledl«rn von Mayoruna-Indianern ermordet worden sind, ruft die Erinnerung wach, daß es im Norden des Amazonenstromes „Indianer" gibt, die weißer Abstammung sind. Forscher, die den erwähnten Teil Perus besucht haben, haben die Ueb«rzeugung aus- gedrückt, daß die Mayoruna, die ein etwas höheres Kulturniveau haben, als die ihnen benachbarten Stämme, direkte Nachkommen spanischer Soldaten sind. Vor etwas mehr als hundert Jahren hat in diesem Teil von Südamerika Diego Lopez de Aguirre mit einer Kompagnie Soldaten ein« Expedition unternommen. Die Mayo- runos sollen direkte Abkömmlinge dieser Soldaten sain. Die Mayo- runas gleichen äußerlich der weißen Rasse. Ihre Hautfarbe ist ziemlich hell und die Äänner tragen lange Bärte. Die Mayoruna- Frauen haben ungewöhnlich ausdrucksvolle Gesichter. Der Stamm, der ein Nomadenleben treibt, durchzieht den Urwald und hat sich besonders früher durch häusige Zlngriffe gegen Ansiedler und Reisende auf den Flußläufen der Nebenflüsse des Oberen Amazonas ausgezeichnet Seinerzeit wurden zwei Mitglieder der peruanisly- bolivianischen Erenzkommission, die den Aaravisluß in einem Boot befuhren, von den Mayonlnas schwerverletzt. „Lorbeer" Bundesfu�ballmeister. Hamburg siegt über«Döbern" in den letzten Minuten 5: 4(2: 0). Das Endspiel um die Auhball-Bundcsmcisterschlift des Arbeiter- Turn- und Sportbundes wurde zu einem riesigen Erfolg für die Arbeitersuhballbewegung. Die Leistungen der ZNannschosten waren erstklassig und die Organisation sehr gut. IS 000 begeisterte Zuschauer sahen ein technisch erst- klassiges Spiel, das„C 0 r b e e r".hamburg erst drei Minuten vor Spielschiuh durch das Resultat 5:4 für sich entscheiden konnte. In den ersten Minuten ist Hamburg leicht überlegen und erzielt nach 15 Minuten das erste Tor. Weitere leichte Ueberlegenhsit bringt einige Ecken ein, doch die Döberner Hintermannschaft wehrt gut ab. Durch Fehlschlag eines Hamburger Verteidigers wäre Döbern um ein Haar zum Ausgleichstor gekommen. Nach halbstündiger Spieldauer vermehren sich die Lausitzer Angriffe, doch fehlt ihnen noch das richtige System. Trotzdem Döbern besser wird, kommt Hamburg durch eine blendend« Leistung zum 2. Tor. Einen hohen Ball köpft der Halblinke zum Mittelstürmer, dieser zum Halb- rechten, der unhaltbar einsandte. Döbern wird noch etwas besser, kann ober nicht verhindern, daß Hainburg wieder einige Ecken er- zielt. Durch gute Abwehr bringen sie nichts ein. Döbern hat in seinem Torwart unbestreitbar den besten Spieler beider Mannschaften. der unglaubliche Leistungen vollbringt. Bei einem Eckenvcrhältnis von 12: 4 für Hamburg ist Pause. Hamburgs Stürmer waren in der ersten Halbzeit bester als die Döberner. Hatten sich die letzteren aber einmal bis zum Tor durchgearbeitet, waren st« außerordentlich gefährlich. Die zweite Halbzeit wurde der dramatischste Teil des Spieles. Döbern erschien nur mit 1» Mann. Der sympathische Torwart fehlte, er war verletzt worden. Wer da. glaubt«, daß sich dadurch die Mannschaft geschlagen geben würde, wurde sehr ent- täuscht. Di�Lausitzer nahmen das Spiel außerordentlich ernst und begann mit Leistungen, die man vorher bei ihnen vermißt hatte. Döbern drängte. Nach sllnf Minuten Spielzeit schoß der Mittel- stürmer das beste Tor des Tages. Eine Flanke von links nahm er aus der Luft auf und jagte den Ball mit Wucht zwischen die Tor- pfosten. Unter stürmischem Beifall erschien dann der sympathisch« Döberner Torwart auf dem Platz und somit stiegen die Aussichten der Mannschaft noch mehr. Hamburg ließ nach, Döbern drängte stärker. Fünf Minuten später stand das Spiel 2: 2. Die Döberner spielen im Gegensatz zu den Hamburger immer besser. In der 18. Minute nimmt Döberns Mittelstürmer wieder einen Ball aus der Luft an und jagt ihn mit Gewaltschuß zum Führungstor zwischen die Pfosten. Hamburgs Angriff« befriedigen nicht. Was von ihnen gefährlich wird, unterbindet der vorzügliche gegnerische Schlußmann. Döberne Linksaußen geht dem ihn bewachen- den Läufer immer wieedr durch. Das Schicksal Hamburgs scheint be- siegelt zu sein. Da gelingt es dem Linksaußen, der früher der schwächste Spieler der Mannschaft war, heut aber einen sehr guten Tag hat, in der 31. Minute durch Schrägschuß ein Tor auszuholen. Das ist das Signal zum Endspurt für die Leute von der Wasser- tante. Die Angriffe der beiden Mannschaften wechseln in raschester Folge. In günstiger Stellung erhält der Hamburger Mittelstünner den Ball, unternimmt einen Alleingang und überwindet unter nicht- endenwollendem rasendem Beifall der Zuschauermassen den guten Döberner Torwart. Es ist sechs Minuten vor Schluß, das Spiel st e h t 4: 4. Döbern greift unentwegt an und jede Minute kann ihnen einen Torerfolg einbringen.„Lorbeer" arbeitet mit demselben Elan und was vor 20 Minuten niemand glaubte, sollte Tatsache werden. Drei Minuten vor Schluß jagt der Halblinke im vollen Laus einen hohen Flankenball de» Rechtsaußen zum Slege»tresfer in das Tor. Nicht zu beschreibender Jubel unter den Tausenden Zuschauern. Das Spiel ist aber noch nicht endgültig entschieden. Döberns Angrifj« sind unvermindert gefährlich,... doch die Zeit eilt, das Spiel geht zu Ende. Was das Spiel neben seiner ungeheuren Spannung noch besonders vorbildlich auszeichnete, war die Sportlichkeit, mit der beide Mannschaften kämpften. „Lorbeer"- Hamburg ist Bundes meist er! Hoffen wir, daß die Mannschaft diesen Titel in Achüing abnötigender Würde vertritt. � Berliner Fußball. Weiljenscc verliert den I.Punkt! Der gestrige Sonntag stand im Zeichen des Nichtantretens der Gegner. So warteten Oberspree, Lichtenberg I und Eiche-Köpenick vergeblich aus das Erscheinen der gegnerischen Mannschaften. Ledig- lich den Oberspreern gelang es, noch in letzter Minute die Fußball- abteilung des Butab für ein Gesellschaftsspiel zu gewinnen. Butab mit 10 Mann, davon noch 3 Ersatz, war von vornherein gehandikapt. Wenn die Dberspreer trotzdem nur mit 5: 1 Sieger blieben, so nur durch das vorzügliche Arbeiten der Hintermannschaft des Butab. — Der Spitzenkandidat der Abteilung R, I. Klasse, W e i ß« n s e e verlor seinen ersten Punkt. Neukölln war eigentlich im ganzen Spiel die bessere Mannschast. Das robuster« spielen Weißensees schaffte eine Viertelstunde vor Schluß den Ausgleich und damit das unentschiedene Resultat 1:1.— Germania-Pankow schickte Woltersdorf mit 6: 2 geschlagen nach Haus. Nach der un- entschiedenen ersten Halbzeit, ging Woltersdorf mit 2: 1 in Führung. Dann war es aber mit der Krajt zu Ende. In gleichmäßigen Ab- ständen erringen die Pankower noch fünf weitere Tore, die dann das Endergebnis herstellen.— Hoch mit 8:1 wurde Saxonia von Lichtenberg II geschlagen. Weitere Resultate: Karow gegen Hoppegarten 3:5. Oberspree gegen Tempelhof 2 7:1. Germania 2 gegen Lichten-' berg II 2, 2: 2. Neukölln 2 gegen Potsdam 2 4:1. Neukölln 3 gegen Karow 2 0:6. Butab Jugend gegen Eiche Jugend 2: 2. * Die Sachsenmannschaft in Württemberg siegreich. In beiden Spielen, in Stuttgart sowie in Heilbronn, mußten die Wllrttem- berger eine Niederlage einstecken. Während der erste Kamps 4: 1 für Sachsen endete, lautet« das Resultat beim zweiten 3:1.— „E« n d r a ch t" D i l v 0 r de b. Brüssel gastierte im Rheinland und gewann gegen Berlbert-Lindenkamp 3: 1, gegen BsL. Boorde 6: 4 und verlor gegen Gevelsberg(3:2.— Der Dresdner Sportverein, langjähriger früherer Bundesmeister, wurde von Weiß- kirchlitz(Böhmen) überraschend 6: 2 geschlagen. ttertt»» BSC. Berliner Meister. Im völlig ausverkauften Grunewaldstadion lieferten sich die beiden„ewigen" Endspielgegner das 3. Entscheidungsspiel um die Berliner Fußballmeisterschaft des bürgerlichen Fuß- ballverbandcs und was diesmal am wenigsten zu erwarten war, geschah: Die Hertha-Leute holten klar Sieg und zum sechsten Male die Berliner Meisterschaft. Nach dem Anpfiff entwickelt sich sofort ein flottes Spiel, das in der ersten Halbzeit Hertha weit überlegen sah, dank eines gut aufgelegten Sturmes und einer sehr mähigen Tennisvertcidigung. Knapp eine Mertelstund« Spiel und Patzek mußte schuldlos zum ersten Male den Ball, durch Airsei geschossen, aus dem Tor holen. Hertha war nun gegen den katastrophalen Pfingstfonntag(gegen Nürnberg) nicht wiederzuer- kennen. Lehmann und der Ersatzmann Fritze erhöhten bis Halb- zeit auf 3: v. Nach dem Wechsel wurde die Tennisvertetdigung bedeutend besser und nur einem so ausgefeilten Techniker wie Lobecht gelang es, noch zweimal um sie herumzukommen und einzusenden. Rau« und Strohwig verbesserten durch schöne Schüsse zum End- ergebnis 5: 2. Die D. R. U. bei Rütt. Amateurrennen am Sonntag. Auf der Rütt-Arcna konnten gestern abend die D R II.- Amateure ihre Beranstaltung, die am Freitag dem Regen zum Opfer fiel, durchführen. Der Städteta mpf Berlin- Breslau, der wohl die Hauptnummer des Abends bilden sollte, wußte nicht recht zu g«. fallen. Die Fahrer hatten vier Zweierläuse, zwei Biererläufe und ein S-5tllomcter-Punktefahren zu bestreiten. Jedenfalls gewannen die Berliner ganz überlegen. Im Bereins-Mannschaftsfahren trafen sich„Endspurt" und„Alberto-Diamant". Das Rennen wurde flott erledigt und sah„Endspurt" als.Siecstr. Auch im Stundenrenuen ging es recht lebhaft zu. Immer wieder wurden Vorstöße unternommen. Dos Rennen lag dann auch bis zum Schluß zwischen den Mannschasten Käber-Uffat und Thumbach-H. Wolke offen. Schließlich gewann doch das erst- genannte Paar. Resultate: Städtekampf: 1. Berlin 47 P: 2. Breslau 21 P. Vorgabefahren: 1. Kuhlicke(80 Meter): 2. Richter(90 Meter): 3. Schurig(40 Meter): 4. Burger(0 Meter). Vereins-Mannschaftsfahren: 1.„Endspurt": 2.„Alberto-Diamant". Stundenrennen: 1. Käber-Ussat 41.250 Kilometer. 18 P.: 2. Thum- bach-H. Wolke 17 P.: 3. Mattern-Rasch 14. P.: 4. Bretzke-Kittler 13 P. Der Große Preis von Deutschland. Vor 10 000 Zuschauern ge- langte aus der Bahn bei Nürnberg das klafsisch« Dauerrennen um den Großen Preis von Deutschland über 100 Kilo- mcter in zwei Läufen von 40 und 60 Kilometer zum Austrag. Beide Läufe verliefen überaus abwechfelungsreicb, im Gesamtergeb- nis glückte schließlich dem Hannoveraner Erich Moller ein knapp-r Sieg über den Weltmeister Walter Sawall. Pere� AlUs zum vierten Male Golfmeister. Der Wettkampf um die offene Golsmeisterschaft von Deutschland ergab den Endsieg des beim Golf- und Landklub in Berlin-Wannsee tätigen englischen Berufsspielers P e r c y A l l i s. der damit zum vierten Male in ununterbrochener Folge den be- sonders in diesem Jahre heiß umstrittenen Meistertitel an sich brin- gen konnte. Die Unterschiede der Erstplacierten in der Schlagzahl waren ganz minimal. Hinter Percy Allis behaupteten sich die Amerikaner auf den nächsten Plätzen. Der beste Amateur war der Engländer Tolley, der mit dem Schweden Roberts den neunten und zehnten Preis teilen mußte. Der beste Deutsche war der Berktner D. Jesowbeck, der einen achtbaren elften Platz belegte. Sein„Lebenssinn"! In mehreren englischen Zeitungen und auch in einer Berliner Mittagszeiwng bericht«t« vor«inigen Tagen der bekannte„Beinahe- Selbstmörder", der englisch- Rennfahrer MajorSegraoe. über die Wahnfinnsfahrt in Dayton-Beach. Mit einer unglaubkichcn Frivolität versucht er den sämtlichen tödlichen Unfällen seiner un- glücklichen Vorgänge eine philosophische Tendenz zu geben:„Man besindet sich eben plötzlich dem Tod gegenüber."„Ob ich nicht mehr Rekordfahrten mache?"„Ich habe nach jedem Triumph gesagt, daß es mein« letzte Fahrt gewesen sei. Die Welt glaubt es mir nicht— ich selber auch nicht." Diese sportlichen Karikaturen, ja man kann sogar sagen: sportfeindlichen Handlungen sind nach Segrave„gar nichts Besonderes". Was tut's schon, wenn einige Dutzend dabei das Genick brechen,„denn", so sagt dieser englische„Nationalheld",„d e s Rennfahrers Lebenssinn ist— das Spiel mit dem Tode." Diesen„Lebcnssinn" demonstriert der Herr Segrave am 2. Juni auf dem Templiner See, wo er dem Motorbootweltrekord zu Leibe will.— Auf ein Neues! heule Loxkampslag im Lunapark. Der erste Boxkampftag auf dem„Dempsey-Ring" im Lunapark findet heute, Montag, 20 Uhr, statt. Das Programm ist dasselbe geblieben wie am Freitag. heule Fußball- Sparlenausschußsitzung. 20 Uhr, bei Bauch, Möckernstr. 137. Alle Spartenvorstandsmitglieder müsien erscheinen. Grunewald-Rennen. Max. und Jagdrennen. 2SV0 M.. Z200 Meftr: l. W. Schare» Donnerschlag sCoardO: 2. Leander l»reiendr»>r)i z. Heiliger Narr(H. Iaeikel): Tat: IK). PI. Zi. 13, 21. F.: Falter«.). Batld, Carla N, eiltenau. Begonie. iVj— 2-5 Lg. Narl-Ferdinand-Iagdrennen, 420« M.. SOOO«eler: 1. Hein, Stadls Hadrian lEp-riessn): 2. Vers(-. Borcke): 3. Si«I,er Mimvier iBismarkl: Toi: 59, Pl. 22, 23, 14. F.: Werden<4.1. Manitou, Van»?d«ma, Sulalia. iirdkertel. 1%—2—VA Lg. Lenz-Stennen, 4100 M.. 1400 Meter: 1. sirhr. 0. Schloideims Nodrpostl! 3. Sendbote iZlastenberger): Tot: 03. PI. 24. 44, 17. F.: Machvoran<4.1, Elias, Senner, Keorg Reimers, Ledum, Dynast, Hella X, Nur, schlug, dd— Hals—>/.. Lg. P r« s i d e Ii t e i> p r e i s, Ehrenpr. u. 7000 M.» 5000 Reter: 1. C. r>. Kammacher».?. v. Midlafs» tzateider4 Lg. 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