Morgenausgabe Nr. 25S_, t SZSchenllich SZPI, monatlich Z.so M. im voraus zahlbar. Postbezug 4,32 M. eiuschüebiich 60 Pfg. Postzeitung,» unb 72 Pfg Postdestellgebühren. Zlueland«» »bonneme« 6.— M. pro Monat. Per„DorwSrts' erscheint mochenlig. lich zweimal, Sonntags und Montag« einmal, die Abendausgaben siir Berlin und im Handel mit dem Titel.Der Abend". Illustrierte Beilagen„Boll und Zeit" und„iiindersreund". gerner .Unterhaltung und Wissen"..Frauen» stimme"..T-chnil"..Blick in die Lüchern>-ll"und.Iugend»Borwärts" Berliner Voltsblatt Dienstag 4. Iirni 1929 Groß-Äerlin 10 Pf» Auswärts 15 pt. Dir e t n 1 p a l l t g e Nonpare>Nezell» SO Pfennig. Reklame' eile 5.--- Reichs. mark.„Kleine Anzeigen� das'ettge. druckte Wort 25 Pfennig(zulassig zwei fettgedruckte Worte), icdes weitere Wort 12 Pfennig. Stellengesuche das erst» Wort 15 Pfennig, jedes weitere Wort 10 Pfennig. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Arbeitsmai kt Zeile 60 Pfennig. Familienanzeigen Ze le 40 Pfennig. 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Sein Gesicht war wettergebräunt, als ob er von einer Wanderung im Hoch- linde seiner schottischen Heimat, nicht aber von einem schweren Wab/kampf zurückgekommen wäre�. Aus jedem seiner Worte sprachen Optimismus und das V e r- trauen darauf, daß bei den kommenden Entwicklungen d i e Initiative in den Händen der Arbeiter- p a r te i sei und auch weiterhin verbleiben werde. Jeder Ver- such, den Führer der Arbeiterpartei über seine Auffassung der unmittelbaren parlamentarischen Entwicklungen zu d-fragen. stieß aus begreiflichen Gründen auf Macdonalds Entschlossenheit, nichts zu sagen, was die Lage p r ä j u- dizieren könnte. Er betonte, daß die Verantwortung verfrühter Erklärungen zu groß sei, als daß es ratsam wäre, einem ausländischen oder einem englischen Journalisten gegenüber irgendwelche Mitteilungen zu machen, die auf die unmittelbare politische Entwicklung Bezug haben. Man wird jedoch zwischen den Zeilen der nachfolgenden Erklärungen mancherlei herauslesen können, was auf die Stel- lung der Arbeiterpartei zu einer Reihe der brennendsten Fragen politische Schlüsse durchaus ermöglicht. Ramsai) Macdonalö äußerte sich zunächst befriedigt über dm Ausgang der Wahlen, den er als„a u ß e r o r d e n t l ich" günstig bezeichnete. Natürlich hätte er eine absolute Majorität vorgezogen...Unser Sieg hat mir eine unge- heure Menge von Telegrammen aus der ganzen Welt gebracht," fuhr Macdonald mit einer Geste nach seinem Schreibtisch fort.„Alle Länder sind in diesen Glückwünschen vertreten— mit der einzigen bezeichnenden Ausnahme von Rußland. Die Wahlen haben vor allem zwei Dinge eindeutig bewiesen: Das Land will eine andere Regierung, und zweitens: das Land hat Vertrauen zur Arbeiterpartei und wünscht, sich und sein Jnter- esse von der Labour Party in der Regierung vertreten zu sehen. In einem gewissen Abstände hierzu könnte man noch eine dritte Schlußfolgerung aus dem Ausgang der Wahlen ziehen: Die Nation betrachtet jede dritte Partei als unerwünscht." Die Zwischenfrage, daß die Liberalen immerhin ein Viertel der Stimmen erzielt hätten, be- antwortete Macdonald mit dem Hinweis, daß dies angesichts der 506 liberalen Kandidaten n i'ch t s beweise. Die 5 Millionen liberaler Stimmen enthielten einen Großteil Stimmen von Männern, die noch die Blütezeit des Liberalismus erlebt hätten und aus Loyalität für ihre alte Partei stimmen: „Vergessen Sie nicht, daß die Liberalen noch im Jahre 1926 eine riesige Mehrheit im Parlament besessen haben und zahlreiche Wähler von damals noch heute zur Wahlurne gehen. Ferner haben diesmal eine Menge Konservative, die gegen die Regierung demonstrieren wollten, den Liberalen ihre Stimme gegeben." Beinahe gereizt fügte Macdonald hin- zu, die Liberalen interessierten ihn nicht, eine Behauptung, die er später noch einmal mit großem Nachdruck wiederholte. Auf die Frage, wie er die e u r o p ä i s ch e Gesamt- situation beurteile und ob er noch der Auffassung sei, daß es Jahre dauern würde, ehe die Sünden der R e- gierung Baldwin wieder gutgemacht werden könnten. und ob er glaube, daß in der gegenwärtigen Situation mit Erfolg außenpolitische Schritte von Großbritannien getan werden könnten, antwortete Macdonald:„Es ist immer an der Zeit, etwas zu tun und die Dinge vorwärts zu treiben. Wenn wir morgen an die Macht kommen, werden wir am nächsten Tage mit der Sondierung der Situation und der Ausstreckung von Fühlern beginnen." Macdonald wandte sich hierauf gegen den Versuch, ihn auf bestimmte Aktionen und Formeln'festlegen zu wollen. , Die richtige Methode ist, mit Gesprächen mit Staatsmännern und Diplomaten zu beginnen und diese internationale Aussprache ständig in Fluß und Bewegung zu halten, um zu verhindern, daß eine Stagnation wie die gegen- wärtige eintritt." Zur A b r ü st u n g s fr a g e.machte der Führer der Arbeiterpartei einige hochinteressante und politisch bedeutungsvolle Feststellungen. Macdonald machte einen prinzipiellen Unterschied zwischen den kleinen und den großen Nationen. Sie seien beide in durchaus verschiedener Lage:„Es gibt kein kleines Land, das sich wirklich verteidi- gen kann Wird es überfallen, so helfen ihm 10 090 Mann unb ein Panzerkreuzer nicht im geringsten. Es kann sich Baldwin tritt zurück. Macdonalds künftiges Kabinett. London. 3. Juni.(Eigenbericht.) Die Regierung Baldwin entschied sich am Montag im Bcrlauf einer längeren Kabinetts- sitzung für den Rücktritt. Baldwin wird dem König am Dienstag seine Demission überreichen. Der König dürfte Macdonald sofort mit der Neu- bildung des Kabinetts beauftragen. Ramsay Macdonald hat bereits die letzten beiden Tage mit der Zusammenstellung seines Kabinetts benutzt, das nunmehr in großen Umrissen scrtigzu- stehen scheint. Nach einer alten Tradition wird kein Abgeordneter mit einem Posten im eigentlichen Kabinett betraut werden, der nicht schon in dem alten Parlament Abgeordneter gewesen ist. Alle bisher in den konservativen Zeitungen erschienenen Meldungen über die Zusammensetzung des Kabinetts sind nur Kombinationen Außenstehender. Es kann jedoch als sicher gelten, daß folgende Abgeordnete der Arbeiter- Partei zu Ministern ernannt werden: Artur Hen- d c r s o n. I. H. Thomas. Philipp S n o w d c n. Loro Thomson. Artur Green Wood, Frau Inzanne Lawrence. Der Führer der schottischen Linken Wheatley. der im Kabinett von 1924 einen der wichtigsten Posten innegehabt hat, erhält kein Ministcramt. Das allgemeine Interesse konzentriert sich selbst- verständlich auf die Nachfolge Sir Austen Chambcrlains. In gut unterrichteten Kreisen der Arbeiterpartei glaubt man zu wissen, daß die Zeitungsmeldungen, wonach Henderson und Thomas zur engsten Wahl stehen, den Tatsachen entsprechen. Als U n t c r st a a t s s e k r c t ä r im Auswärtigen Amt dürfte nicht Lord Thomson. sondern voraussichtlich SirOswaldMosleher- nannt werden. militärisch und machtpolitisch weder schützen noch sichern. Eine große Nation ist in einer etwas anderen Situation. Sie kann sich machtpolitisch bis zu einem gewissen Grade schützen, aber auch sie kann keinen Krieg verhindern. Ihre militärische Macht stellt fü* sie einen Einsatz(dootv) dar, mit dem sie verhandeln kann. Ihre wirkliche Abrüstung hat daher ein internationales Abrüstungsabkommen zur Voraus- setzung. Darum muß sich ihre Politik, was die Abrüstung betrifft, in der Richtung auf die Herbeiführung eines solchen internationalen Abkommens bewegen." Das Gespräch wandte sich hierauf den psychologischen Voraussetzungen des großen Sieges der Arbeiterpartei zu, wobei Macdonald die interessante Behauptung aufstellte, daß es der Erfolg der Arbeiterregierung von 19 2 4 gewesen sei, welcher der Arbeiterpartei in der ver- gangenen Woche ihren Sieg gegeben habe. Auf die Frage nach dem Einfluß des G e n e r a l st r e i k s auf den Ausgang der Wahlen stellte Macdonald ausdrücklich fest, daß alle kon- servativen Versuche, unter Hinweis auf die Ereignisse von 1926 eine Panik gegen die Arbeiterpartei zu erzeugen, ebenso verpufft seien wie der Versuch, die Arbeiterpartei als eine Gefahr für die Verfassung Großbritanniens oder für die finanzielle Sicherheit und den Kredit des Landes hinzu- stellen. . Mit besonderer Wärme besprach Macdonald dann die Rolle, die insbesondere die jungen Frauen, die zum erstenmal gewählt haben, bei der großen politischen Entschei- dung spielten. Der Wechsel, der sich in. der geistigen Einstel- lung der Frauen im Laufe der letzten 20 Jahre vollzogen hätte, sei wirklich ganz e r st a u n l i ch. Vor Zwanzig Jahren sei die junge Frau ganz von der Idee einer zukünftigen Heirat beherrscht gewesen— sie hätte für industrielle oder soziale Pflichten kein Interesse gehabt. Heute sei sie nicht nur besser gekleidet, geistig lebendiger, selbstbewußter, sondern auch interessierter:„In gewisser Beziehung sind diese jungen Frauen selbständiger als ihre Brüder. Ich weiß von den alten konservativen Familien, in denen seit Gene- rationen konservativ gewählt wurde, weil es die Söhne und Enkel einfach für ihre Pflicht hielten, unabhängig von ihren persönlichen Anschauungen die Familientradition aufrecht zu erhalten und konservativ zu wählen. Was ist aber geschehen? Die junge Tochter hat sich geweigert, einer blinden Tradition zu folgen, und wir haben zum erstenmal in der Geschichte Großbritanniens erlebt, daß zahlreiche bürgerliche undaristokratischeFamilien infolge der politischen Selbständigkeit der jungen Frauen innerlich gespalten waren. Das Land hat nunmehr entdeckt, was die Arbeiter- parte! schon längst geahnt hat, daß diese jungen Wähler sich ihrer Verantwortung voll und ganz bewußt sind. Sie traten politisch als ein unbeschriebene� Blatt an den Kampf der Parteien heran und hatten keinerlei Verbindung mit einer bestimmten politischen Organisation. Die jungen Frauen wollten keine altmodischen politischen Feuerwerke. Was sie interessierte, waren die Absichten der Parteien und der Grad von Ehrlichkeit, den sie den Parteien bei der Durchführung ihrer Absichten zutrauten. Th e o r e t i s ch e Programm- punkte und Wahlversprechungen haben sie' nicht interessiert. Unter diesem Gesichtspunkt haben sie sich zu einem großen Teil f ü r u n s entschieden. Sie haben mit der politi- scheu Tradition gebrochen, und wir können über die Art und Weile, ivte sie das getan haben, nicht genug dankbar sein." Einen Hinweis auf die Ungerechtigkeiten, zu denen das gegenwärtige britische W a h l s y st e m geführt habe, beantwortete Macdonald mit einer scharfen Pole- mik gegen das proportionale Wahlsystem, das er stets bekämpft habe und das daran schuld sei, wenn heute keine sozialistische Partei auf dem Kontinent zu einer Mehrheit gelange. Im übrigen betonte Macdonald, daß er an dieser Frage„n ichtim gering st en interessiert" sei, so lange man nicht einen wirklich idealen Ersatz für das britische Wahlsystem gefunden habe. Diese anscheinend rein theoretische Frage und Antwort besitzt insofern hohes aktuelles Interesse, als es immer deutlicher wird, daß die Art und das Ausmaß einer liberalen Unter st ützung dfr Arbeiterpartei im Unterhaus in hohem Grade davon abhängen wird, ob sich die Arbeiterpartei auf eine Kon- Zession gegenüber den Liberalen in der Frage der Wahl- rechtsreform einlassen wird. Macdonalds Erklärungen zu dieser Frage lassen keinen Zweifel offen, daß eine.weitgehende ReformfürdieArbeiterparteinichtin Frage kommt. Es wird immer deutlicher, daß weder die 51onser- vativen noch die Arbeiterpartei ein Entgegenkommen in dieser Frage gegenüber den Liberalen zeigen werden und daß sie sich in ihrem Vernichtungskampf gegen die Liberale Partei einig zu sein scheinen. Labours Dank. London, 3. Juni.(Eigenbericht.) Der Führer der Arbeiterpartei Macdonald übermittelte dem „Soz. Presledienst" folgende Botschaft: „Ich danke den verschiedenen sozialistische» Parteien Europas für ihr« guten Wünsche, die sie uns gesandt haben. Mein« Kollegen und ich erwidern sie aufs herzlichste. Es erfüllt uns mit Freud«, zu ersehen, daß die Erfolge, die wir erzielt haben, einen Ansporn für die organisatorische und propa- gandistischc Arbeit der Parte! in andere» Ländern dar- stellen." Labour-Sieg und Z�heinlandräumung. Paris, 3. Juni. Das den Sozialisten nahestehende Abendblatt„S o I r" erklärt, daß es die h ö ch st e Z e i t sei, das Rheinland zu räumen. Die Berständigung auf der Reparationskonferenz sei so gut wie er. zielt. Nun sei auf der sogenannten Rheinlandkoiiferenz vereinbart worden, daß die Räumung sofort nach der Unterzeichnung des neuen Abkommens beginnen'würde. Der Fälligkeitstermin sei da, man könne ihn trotz des Widerstandes der nationalistischen Fraktion (Marin und allerer) nicht mehr ausschalten. Die englische Ar- beitcrpartei habe sich stets für die Räumung der Koblenzer und der Mainzer Zone ausgesprochen, sie werde ihr Wort nicht brechen. Die Regierung Poincares könne jetzt nicht mehr bei der von ihr verfolgten verhängnisvollen Politik bleiben, wohl oder übel werde sie das Rheinland ausgeben müssen, wenn sie nicht vor aller Oesfentlichkeit als Friedens st örer erscheinen wolle. In dieser Hinsicht würden die englischen Wahlen«in Unglück für die französischen Nationalisten sein, die nichts gelernt und nichts vergessen hätten. Chamberlain geht nicht nach Madrid. London, 3. Juni. Aus zuverlässiger Quelle wird bekannt, daß Chamberlain nicht zur bevorstehenden Ratstagung nach Madrid geht. sondern daß der britische Rolschaster in Madrid. Sir George Grahame, mit der Vertretung Großbritanniens bc- austragt werden wird. Aktentasche entlarvt Spion. Tschechischer Hauptmann verkauft Mlitärgeheimnisse. Prag. Z. Zunl. Die prager Militärbehörden kamen am Mittwochabend durch einen Zufall aus die Spur einer Spionage, deren Umfang, Gröhe und Tragwelte Erinnerungen an den Namen Redl hervorruft. Am Mittwoch um 1t Uhr abends wurde im Bureau der tschechischen staatlichen Aerolinie in Prag der mit der Leitung der Sanzlei des prager General ftabes betraute Offizier verhaftet. Der Name des Mfizier». der im Kapitänsrang steht, wurde zunächst, wie auch über ha iriil der ganze Zwischenfall bisher geheim gehalten wurde. Inzwischen ip der Name des Offizier- Spions bekanntgegeben wor den: er heiht Fallout. Di«„Liiwoe Noviny" bringt letzt folgende Einzelheiten: Am Mittwochnachmittag bemerkte der auf dem Flugplatz in Prag dienst tuende Genda-m, daß im Warteraum einer der Reifenden«ine Aktentasche vergessen hotte. Die Tasche wurde von dein Gendarmen vorläufig in Verwahrung genommen. Als der GeNl darm die Tasche umdrehte, um nach einer Adresse zu suchen, be- merkte er. daß im Schloß der Tasche ein Stück Papier eingeklemmt war. Bruchstücke des Textes erweckten das Mißtrauen des Gen- darnien, denn es schien, daß die Aktentasche Schriftstück« enthielt, die vom Kriegsministerium in Prag stammten. Die nähere Untere suchiing ergab, daß die Mappe geheime militärische Auf- Zeichnungen enthielt. Das Flugzeug, dessen Reisende als Veo lustträger in Betracht kamen, startete um 16.45 Uhr mit dem Ziel Dresden, welches 17.25 Uhr erreicht wird. Um 18 Uhr wurde der Flugplatz Prag von Dresden angerufen. Es wurde angefragt, ob im Prager Flugplatz nicht eine Aktentasche gefunden worden sei. Im Aliftvage der inzwischen von dem Fund verständigten Militärbehörde antwortete der diensttuende Beamte, daß die Aktentasche gvfimden worden sei und dem Eigentümer in Prag zur Verfügung stehe. Hierauf erklärte der Mann am Dres dcner Fernsprecher, er werde die Aktentosch« noch am Abend in Prag abholen. Die Tesche solle beim Portier der Gkoda-Werke in Prag hinterlegt werden. Am Abend bezogen zwei Detektive Posten in den Sköda-Werten. Um 11 Uhr aberids hielt vor dem Hauptportal ein Auto mit rtjchsdeutscher Nummer. Der Herr, der ausstieg, betrat das Bureau der Fluggesellschaft, verlangte die Aktentasche und wurde verhastet. Unterdessen versicherte man sich auch des Dresdener Autos. Der Chauffeur erklärte, von dem ihm unbekannten Herrn auf der Straße gemietet worden zu sein und verlangte das Entgelt für die Reise im Betrage von 216 M. Vorerst wurde er allerdings für verhaftet erklärt. Erst nachdem man den Wagen durchsucht und nichts Verdächtiges gefunden hatte, wurden Wagen und Lenker freigegeben. Der Verhaftete war anfangs bestrebt, seiner Reise den Anschein eines Freund- schaftsdienstes zugeben. Cr erklärte, die Aktentasch« sei nicht seine eigene, sie � gehöre einem Dresdener Geschäftsfreund, der ihn gebeten habe, die Tasche, die für ihn Wichtiges enthalte, abzuholen. Offiziere des Kriegsminifteriums erkannten in ihm aber den Kapitän, in dessen Kanzlei wichtige militärisch« Dokumente vervielfältigt wurden,©«in Bureau befand sich außerdem in u n- mittelbarer Nähe der Räume, in denen die Safes mit den Mobilisierungsplänen untergebracht sind. Es scheint, daß sich der Ääpitän die Schlüssel dieser Tresor» verschafft und sich auf Grund van Wachs, und Seifenabdrücken Nachschlüssel anfertigen ließ. «Letztere Bebauptung ist inzwischen dementiert worden. Red. d.„25.") Es wurde festgestellt, daß stch der Kapitän im Laufe der letzten zwei Jahre außerordentlich oft den Montag vormittag als dienstfrei ausbot, ebenso die Vormittage der auf Feiertage nachfolgenden Tag«. Erst jetzt stellt« es stch heraus, daß der Kapitän an Tagen, wo die Bureaus geschlossen werden, aus den Safes wiitstige G e- heimdokumente lieh und sie ins Ausland brachte. Am Tage seiner Rückkehr legte der Kapitän die entwendeten Dokumente wie- der unbemerkt an ihre Stelle. Wie lange sich der Kapitän als Spion betätigte, ist bis jetzt noch nicht festgestellt. Fest steht ledig, lich die Tatsache, daß der Kapitän im Laufe des Monats Mai im Flugzeug zweimal nach Dresden und einmal nach Bertin fuhr. Als Motiv der Spionage wird Gewinnsucht angeführt. Minister» Präsident Urdzal, der gleichzeitig Kriegsminister ist, ließ stch aus. iührlich Bericht erstatten. Der Kapitän ist in Untersuchungshaft und befindet sich im Prager Militärgefängni« auf dem Hradschin. Wer zahlte»Friedländer�? Prag, 3. Juni. Die Spionagesache eines Prager Kapitäns des Generalstabs zieht weitere Kreise. Es scheint, daß höher« Offizier« belastet sind. Das sozialdemokratisch«„Pravo Lidu" schreibt u. a.:„Der Kapitän, dessen Name im Interesse der Untersuchung nicht genannt werden darf, wies einen reichsdeutschen Paß auf den Namen Fried- l ä n d e r vor. Wenn Friedländer nach Dresden flog, ging er immer sogleich in die reichsdeutsche Spionagezentrale, wo er unsere Mili- iärpläne zum Photographieren übevgab und von wo er sie unbe- schädigt zurückbrachte und in den Safes des Generalstobs nieder- legte. Für feine Tätigkeit wurde er mit 8600 M. monatlich bezahlt. Diese Tätigkeit führt« er etwa zwei Jahre lang durch. Der Paß ist von den reichsdeutschen Behörden so ausgestellt, als ob dieser Friedlönder Reichsdeutscher wäre." Belgisches Hindernis weggeräumt. Direkte deutsch-belgische Verhandlungen. , Republikanische Bauern. Kundgebung im Lande Bayern. München, 3. Juni.(Eigenbericht.) Die Republikanisierung der bayerischen Bauernschaft macht erfreuliche Fortschritte. Bor einem halben Jahr gründete ein führendes Mitglied des Bayerischen Bauernbun- des den„Deutschen Jungbauern-Bund", der inzwischen so stark ge- worden ist, daß er am Sonntag bei einer Kundgebung in der schwä- bischen Stadt Mindelheim die ansehnlich« Zahl von 3600 südbayerischen Jungbouern um seine Fahnen scharen konnte. Dies« repu- blikanische Bauernjugend ist in Ortsgruppen und Gauen gut durch- organisiert mit einheitlichen Wimpeln, deren eine Seite die Farben der Republik schwarzrotgold trägt. Das Bekenntnis zur Republik und ihren Farben, zur Dem» kratie und Großdcutschland war auch das Charakteristische in der Rede des baizerischen Landwirtschaftsministers Fe Hr. Zuvor wandte er sich entschieden gegen den Radaunationallsmus des Stahlhelms und betonte, daß durch keine Diktatur, fon- der nur in der Demokratie nutzbringend für das Vaterland und den Bauernstand gearbeitet«erden könne. An der Kundgebung beteilig- ten sich fast alle Reichs- und Landesabgeordneten des Bayerischen Bauernbundes. Der französifch-lürkisch« vertrag über die türtisih-syrische Frage ist in Paris unterzeichnet worden. Paris. Z. Juni.(Eigenbericht.) Der ewig« Stein des Anstoßes, der die Einigung der Sachverständigen noch im letzten Augenblick behindert» die Frage der Markentschädignng fnr Belgien, wird nun aus dem Wege geräumt werden. Die belgische Delegation auf der Sachverständigentonferen, hat die offizielle Mitteilung erhalten, daß der Mini» sterialdirektor vom deutsche» Auswärtigen Amt, Dr. Ritter, zur Führung dieser Verhandlungen nach Paris abgereist sei. Auf welcher Basi» das strittige Problem gelöst werden wird, ist noch uichl erstchllich. Jedenfalls ist es eine üble Stimmungsmache von ftanzösischer Seite, wenn behauptet wurde, die Reichs- regierung habe nicht» andere» zu tun. als sich zur Zahlung von je Z5 Rlillioneu Mark während 37 Jahre zu verstehen. Mau muß deshalb daran erinoeru. daß die Markfrage, über die schon fett ISZI verhandelt worden ist, 1925 ihrer Lösung nahe war. Damals war zwischen Berlin und Brüssel abgemacht worden, daß in Eupeu und Malmedy eine neue Voltsabstimmung stattfinden sollte. Falls diese Abstimmung für Deutschland günstig ausgefallen wäre hätte Belgien eine Entschädigung von 240 Millionen Mark erhalten. Die französische Regierung hak aber damals durch diese Einigung einen Strich gemacht, weil sie darin einen Anfang zur Revision der territorialen Bestimmungen de» Verfailler vertrage« sehen wollte. Au, der Tatsache dieser von Frankreich durchkreuzten Einigung erklärt sich auch, warum die französische presse energischer als selbst die Belgier erklärt, die Martenlschädigungssrage müsse aus der pariser Sachverständigen- tonserenz geregelt werden, weil sonst Deutschland Eupcn und Malmedy zurückverlangen werde. Richl vergessen darf übrigens werden, daß Belgien bei der Einigung von 1g2ö die Markenlschädi- gung ausdrücklich als rein politische» Problem anerkannic. Sin Brief Vr. Schachts an Owen �oung. pari», 3. Juni.(TU.) In der belgischen Martfrage hat der Vorsitzende der deutschen Gruppe, Dr. Schacht, an den Vorsitzenden des Sach- verständigenausschusses, Owen D o u ng, folgenden Brief ge- richtet: „Sehr verehrter Herr Vorsitzenderl In Ergänzung der ijnterhaltung, die ich am letzten Sonn- abend mit Ihnen in der belgischen Markfrage gehabt habe, beehre ich mich Ihnen mitzuteilen, daß die deutsche Regierung bereit ist, folgende Maßnahmen zu ergreifen: 1. Unverzüglich ein pactum 6e contrakenäo(einen Vorvertrag. Red. d.„V.") mit der belgischen Regierung(sei es durch Roten- Wechsel, sei es durch ein gemeinsames Protokoll) abzu- schließen, wodurch die beiden Reaierungcn sichnerpslichten, Ver- Handlungen auf einer neuen Basis aufzunehmen, mit dem Ziele einer endgültigen Regelung der Martfrage. 2. Diese Verhandlungen alsbald aufzunehmen und darüber übereinzukommen, daß diese Verhandlungen abgeschlossen werden sollten, bevor der neue Reparationsplan von den Regierungen in Kraft gesetzt wird. i 3. Die deutsche Regierung hat Herrn Ministeriakdirektar Ritter zu ihrem Sonderbeoollmächtigten für diese Frage ernannt. Er ist bereit, die Verhandlungen alsbald zu er- öffnen. Der wesentliche Inhalt der vorhergehenden Punkte ist dem belgischen Gesandten in Berlin mitgeteilt worden, dessen Antwort von der deutschen Regierung erwartet wird. Die deutsche Regierung hat diesen Vorschlag in dem Geiste des Entgegenkommens und mit dem festen Willen gemacht, dieses Hindernis für die normale Entwicklung der freund- schaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern zu entfernen. Ich hoffe, daß diese Feststellungen alle Mißverständnisse besei- tigen werden, die hinsichtlich der Stellung der deutschen Regierung in der belgischen Markfrage bestehen. Im Hinblick auf diese zurzeit bestehenden Mißver stand- nisse wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie den übrigen Mitgliedern des Ausschusses von der Stellungnahme der deutschen Regierung, wie ich sie hierin dargelegt habe, Mittellung machen würden. Mit der Versicherung meiner persönliche» Hochachtung ver- bleibe ich Ihr sehr ergebener gez.: Dr. Hsalmar Schacht." Der Brief ist von dem Borsitzenden an sämtlich« Mitglieder des Ausschusses zur Kenntnis gegeben worden. poincar6 und das Gchuldenabfommen. Paris, 3. Juni.(Eigenbericht.) Die Debatte über die Ratifizierung der interalli- ierten Schuldenabkommen mit London und llLashington wird voraussichtlich am Dienstag in acht Tagen in der Kammer be- ginnen. U. a. werden Ministerpräsident P o i n c a r e und Außen- minister B r i a n d, der am Montag abend nach Madrid abgc- reist ist und bis dahin zurückgekehrt sein soll, das Wort ergreifen. Eine Abstimmung darüber, ob Frankreich wirtlich ratisi- zieren soll � oder nicht, soll am Schlusie der Debatte nicht stattfinden. Poincarc soll sich lediglich mit einem allgemeinen Vertrauensvotum begnügen, um dann mit seiner Hilf« die Ratifizierung durch Dekret vorzunehmen. In gewissen politi- schen Kreisen geht das Gericht um, daß er sich bei dieser Debatte in die Minderheit versetzen lassen wolle, um sein Kabinett durch Aus- bootung der äußer ften Rechten um Marin und Herein- nähme der Radikalen zu einer Konzentration der Linken umzubil- den. Vorläufig müssen diese Gerüchte mit Skepsis aufgenom- men werden. » Zusammen mit Briand hat Staatssekretär v. Schubert, der am Nachmittag in Pari» eintraf, gestern abend Paris verlassen. Dr. Strefemann begibt sich am Mittwoch abend über Paris nach Madrid. Die Zwangsarbeit unter Anklage. Kurtwängler am Weiiersprecheu verhindert. Genf, 3. Zunl.(Eigenbertchi) Z« Verlauf der Aussprache über die Zwang». arbeit kam es am Montag auf der Arbeitskonferenz zu einem höchst bedauerlichen Austritt, der von dam Direktor de, Arbeitsamtes Thomas hervorgerufen wurde. Thomas war Gegner einer allgemeinen Debatte. Er wurde am Montag sichtlich nervös, als nacheinander die Arbeiterver- treter Zndicns und Z a p a n s Unzvlängllchkeiten de» offiziellen Graubuches des Arbeitsamte» aufwiesen, während die An- Hänger der Zwangsarbeit da» Amt beglück- wünschten. Als zu Anfang der Rachmillagsfltzung der deutsch« Detegierte Furtwöngler vom ADGV. das wort ergriff, um au Bei- spielen zu zeigen, wie Solonialverwaltungen und Arbeitgeber zwangsähnliche Zustände ohne gesetzliche Grundlagen schafften, verbot ihm Thomas da» Reden mit der merkwürdigen Begründung, nur der offizielle Wortlaut des Graubuche» fei zu diskutieren, private Auslegungen ständen nicht zur Debatte. Der leitende Vizevorfihende. ein Lette, duldete die ge- fchäftsordnungswidrigen Unterbrechungen von Thomas, auch als sie sich zu Worten wie„tendenziös",„verlogen" steigerten. Der Lette ließ sich von Thomas schließlich dazu bestimmen. Furt- wänglers Ausführungen als außerhalb der Tages- ordnung zu bezeichnen. Mertens, als Führer der Arbeitergruppe, wies sofort in- mitten de» allgemeinen Tumulte» diese« versuch. die Redefreiheit zu unterbinden, zurück, während Furtwöngler e» vorzog, feine Rede abzubrechen. Die Debatte ergab im übrigen, daß England, wie Spanien und andere Regierungen das von Zouhaux geforderte eindeutige verbot der Zwangsarbeit für unausführbar erklärten. Andere Regierungen machen einen diplomatischen Unterschied zwl- schen Zwangs- und pslichtarbeit: sie wollen zumindestens die letz- tere in vollem Umfang aufrecht erhalten. Die Arbeitnehmer verlangen dagegen einmütig die völlige Beseitigung aller Zwangsarbeit oder ähnlicher Arbeitssysteme, wobei sie den Begriff Zwangsarbelt viel weiter fassen ats die offizielle veftnition des Arbeitsamtes. Die Arbellgeber hlelten sich vorläufig zurück. Sie werden ihren Standpunkt wahrscheinlich erst bei der Einzel- beratung In der Kommission äußern.— Die Solonialdebalte wnrdc am Montag geschlossen. Was nicht gesagt werden durste. Die Red« des deutschen Delegierten zur Arbeitskonferenz, Furt- wängler, die infolge des Tumultes nur teilweise gehalten wurde, lautet in ihren wesentlichsten Punkten: „Es ist Zweifel darüber ausgedrückt worden, ob dos Inter» nationale Arbeitsamt die Belastungsprobe einer Dis- k u s s i o n über das ins Politische greifende Problem der kolonialen Zwangsarbeit bestehen könne. Auch wir Arbeiter stellen diese Frag«, nicht aus derselben Besorgnis für dos Arbeitsamt, sondern weil ihre Beantwortung mit Klarheit ergeben muß, was die Völker der kolonialen Länder von ihr zu hoffen und zu erwarten haben. Es ist zunächst der peinlichen Tatsach« Ausdruck zu geben, daß au» den Kolonien mit Zwangsarbeit Vertreter überhaupt nicht auwefeud sintn weder«w, den afrikanischen Negerkolonien Frankreichs, Englands Belgiens, Portugals, noch au» den sogenannten Mandatsgebieten, den ehemaligen deutschen Kolonien. Das Fehlen von eingeborenen Delegierten stellt ein ernsthaftes Ergebnis der Konferenzarbeiten in mancher Beziehung um fo mehr in Frage, als das sogenannt« Graubuch des Amtes keine Darstellung der Zustände unter dem System der Zwangsarbeit enthält, sondern lediglich ein« Zusammenstellung der gesetzlichen Bestimmungen in den einzelnen Kolomen. Run weiß jeder, der einmal in einem Soloniallande war. wie wenig dort Gesehe dieser Art bedeuten gegenüber der administrativen Praxis und der sozialen Wirtlichkeit. In Britisch. Indien wurde vor Iahren der Zehnftundentag für die Industriearbeiter rati- fiziert. Man umgeht ihn in der raffinierten ZSeif« durch Be- Nutzung besonderer Fabrikuhreu. Wo steht in dem Bericht ein einziges Wort von den Leiden der 300 000 plantagen- kulls in Zasei-Zndiea? Wo steht in dem Bericht, daß in der fran- zösischen Niederlassung von Schanghai dft chinesischen Strafarbeiter mit ketten aneinander geschmiedet werden? Wo lesen wir, daß wegen absoluten Mangels an modernen Hilfswerkzeugen beim Bau einer Eisenbahnlinie im französischen Kongo 25 000 Neger wie Vieh oerenden mußten? Soll etwas Entscheidendes geleistet werden, fö ist zu fordern, daß in dies« dunklen Gebiete periodisch Inspektionen entsandt werden. 2&ir werden weiter fordern müssen, daß die Begriff« der Zwangsarbeit geändert werden. Würde die Charakter!- fierung der Zwangsarbeit durch den Fragebogen beibehalten werden, so wären sehr viele Formen der kaum verhüteten Sklaverei leg» lisiert und die Arbeit der Konferenz würde eher schaden denn nützen. Wir werden verlangen müssen, daß Maßnahmen, die hier beschlossen werden, in der kürzesten praktisch möglichen Frist zur Durchführung gelangen. Der Kolonialimperialismus zeigt immer mehr, daß er der beste Boden für den Bolschewismus ist. Wenn wir keinen Bolschewismus wollen, so müssen wir den Kol» nialimperialismus ablehnen. Noch mögen die Herren der Kolonial- reich« sich sicher fühlen hinter den Wällen von Kanonen, den Ge- birgen von Gasgranaten Wer die Entwicklung der Technik, das Erwachen der farbigen Erdteile, die Weltgeschichte, welche Welt- gericht sst, sie werden diese Schutzwäll« zusammenfegen auf den Kerichthaufen der Vergangenheit, wenn wir nicht rechtzeitig einschneidend« demokratische Reformen zum Wohle der unterdrückten Kolonialvölker schaffen." Schillers Ltrenkel verurieili. Milde Bestrafung für Betrugsversuch. Wüc zburg. 3. Juni. In Sachen Gleichen-Rußwurm wurde heute um ?L10 Uhr abends dos Urteil gefällt. Es lautet, dem Zlntrag des Staatsanwalts gemäß, auf 10 000 Mark Geldstrafe oder einen Monat Gefängnis. Das Gericht kam zu der Ueber- zeugung, daß der Zlngcklagte die ihm zur Last gelegte Tot be- gangen hat, weil er sich in schlechter Vermögenslage befand. Die Verhandlung habe kein Moment dafür ergeben, daß der Angeklagte bei Begehung der Tat stch im Zustand der Un- zurechnungsfähigkeit befunden habt. * Sächsisches Mmdestpwgramm. Für die Regierungsverhandlungen. Das von der sächsischen Sozialdemokratie anläß. lich der Verhandlungen zur Neubildung der sächsischen Regierung beschlossen« Mindest Programm enthält im wesentlichen sol- gende Forderungen: Umgestaltung der Grund- und Gewsrbesteuergesetze nach folgen den Gesichtspunkten: Schonung der kleinen Gewerbe- betriebe und des kleinen chausbesitzes. Stärkers Belastung der hohen Betriebs- und Bodenerträg«. Erhebung der Grundsteuer nach der Einheitswerterhöhung. Erhebung einer Bau landsteuer. Aufhebung der Verkoppelung der Zuschläge zur Ge werbe- und Grundsteuer. Neuregelung der Verteilung der dem Lande vom Reiche überwiesenen Steueranreile, unter besonderer Berücksichtigung der Notlage der Gemeinden. Ableh nung finanzieller Sonderzuwendungen an die Kirche. Bekämpfung der Erwerbslosigkeit durch Schaffung von Arbeits Möglichkeiten. Erhöhung der Mittel zur wert schaffenden Erwerbsloseufürsorge. Durchführung eines Arbeit* befchaffungsprogramms. Strenge Beachtung der tariflichen Arbeitsedingungen in den Staatsbetrieben. Einführung des Achtstundentages in den staatlichen Betrieben und Anstalten. Wahr- nehmung der Arbeitnehmerinterinteressen bei bevorstehenden Be- triebsstillegungen. Ausbau des A rb e i tar s chn tz e s. be- sonders bei Bau- und Bergarbeitern. Erhöhter Schutz für Jugend- liche, Frauen und Heimarbeiter. Vereitstellung ausreichender Mittel zur Durchführung des sächsischen Wohlsahrtspslegegesetzes. Verbesserung des Hebammenwesens. Soziale Ausgestaltung der Kliniken, der Erziehungs-, Heil- und Pflegeanstalten. Bereitstellung größerer Mittel für die Schulkind erspeisungen. Ausbau der Jugendfürsorge. Bereitstellung größerer Mittel fürden Wohnungs- bau. Aufrechterhalwng des Bodensperrgesetzes. Bekämpfung der Grund- und Bodenspekulation. Erhaltung und Ausbau des Mieterschutzes. Beseitigung der. Lockerungsoerordnung. Aenderung der Gemeindeordnung, vor allem Einführung des Be- schlußrechts der Gemeindeocrordneten in allen Gemeindeangelegen- heiten, Durchführung des Einkammersystems, Be- schränkung der Staatsaufsicht, Angleichung der Gesetzgebung über die Bezirksverbände an die Gemeindeordnung. Neuorganisation und Vereinfachung der Verwaltung, insbesondere durch Beseitigung der Kreishauptmannschaften, Kommunalisierung und Neuabgrenzung der Amtshauptmannschasten, Zusammenlegung der Gemeinden, Neu- organisation der Ministerien nach sozialen und sachlichen Notwendigkeiten, insbesondere Erhaltung und Ausbau des Arbeits- und Wohlfahrtsministeriums. Entmilitarisierung der Polizei. Umgestaltung der Rechtspfleg« nach sozialen Gesichts- punkten. Humane Gestaltung des Strafvollzugs. Ausbau der Für- sarge für Strafentlassene. Soziale Ausübung des Gnadenrechts. Besetzung von Verwaltiings-, Polizei-, Richter- und Staatsanwalts- stellen mit zuverlässigen Republikanern. Durchführung des Uebergangs- und Schulbedarfsgefetzes, Schaffung eines Berufsschulgesetzes. Unterstellung aller Schul- und Bildungseinrichtungen unter dos Bildungsministc- riüm. Organischer Aufbau de» gesamten Bildung;- und Schul- wesens vom Kindergarten bis zur Hochschul« auf weltlicher Grund- lag«. Neuordnung des höheren Schulwesens und Einflußnahme auf die höheren Schulen und llniversitäten, um den akademischen Nachwuchs im republikonrschen Sism« zu- erheben. Scheiff u n g« i n i* ti�a nd« Sschülb ai r ar tttb i Nsubear- kieitung des Londcslchrpilanez nach sozialen Gesichtspunkten. Förde- rung der Leibeskultur. Die Aufgaben der Polizei. Rede Stverings in Darmffadt. varmstadl. Z. Juni. Am Montag vormittag wurde im Ünion-Theater die Hessische Polizeiwache eröffnet. Dabei hielt Reichsinnenminister Severing ein« Rede.. Er erklärte, es müsse eigentlich nicht Hefsische Polizei- wache, sondern Polizeiwoche in Hessen heißen, denn man solle nicht dos Unterschiedliche, sondern dos Einigend« hervorheben. Sein eigentliches Thema„Das Reich und' die Polizei.n den Ländern' habe ihm einen Wermuttropfen in die Freude über die Veranstaltung getröpfelt, denn er könne als Reichsmimster den Er- gebnissen der Länderkonferenz nicht oorgreisen. Er gab dann ein Bild von der Vorgeschichte der deutschen Polizei, wie sie sich in der Gegenwort zeigt. Der Minister sprach weiter von der rinheit- lichen Zusammenfassung der Polizeikräfte, wobei er darauf hinwies, daß er damit noch nicht dem Zentralismus das Wort reden wolle. Er betonte jedoch, daß er dies vielleicht später zu einem anderen Zeitpunkt tun werde. Bezüglich des Rot-Frontkömpfer-Derbots gab der Minister zu. daß gewiß die Durchsührung zu berechtigter Kritik Anlaß gebe. Man müsse aber anerkennen, daß bisher noch niemals ein derartiges Verbot so schnell und wirksam durchgeführt worden sei. Zur besseren Ueberwachung der staotsgefährlichen Kräfte be- dürfe es noch eines Ausbaus der kriminalistisch-politischen Polizei. Die bessere Ueberwachung der staotsgesähriichen Gruppen von rechts und links fei deshalb«rsorderlich, weil diese Gruppen genau wüßten, daß sie politisch abgewirtschaftet haben, wenn sie ihre Prahlereien nicht eines Tages in die Tat umsetzen. Stahlhelm und Nationalsozialisten hätten nach Blättermeldungen und amtlichen Nachrichten Waffenbrüderschaft geschlossen, und die Kommunisten hätten zum l. August«ine Revolution ange- kündigt, was von dem Betätigungsdrang dieser Gruppen spreche. Gewiß sei die Gefahr eines Umsturzes nicht akut, besonders nicht, wenn die Revolution vorher angekündigt werde, aber in einer Zeit jührlanger Arbeitslosigkeit sei diese Agitation nicht ungefährlich. „Darauf kommt es an,' so sagte der Minister weiter,„daß. wenn der Feind sich muckst, der Staat die Mittel in der Hand hat, sofort tue Mobilmachung gegen diesen Feind durchzuführen. Ich nenne jeden einen Feind, der nicht auf verfassungsmäßigem Wege einen Umsturz oder Aenderung der Bersassung will. Den Artikel 4L der Reichsverfassung, der nun einmal ein Machlparograph sei, solle man nicht dauernd anwenden. Der Staat fei dann kein Volksstaot mehr. Der Kamps g«gen die renitenten Volksgenossen müsi« ohne Ausnahmegesetz« möglich sein. Wie das im einzelnen geschehen solle, könne er jetzt nicht sagen, obwohl er sich über den Weg durchaus Nor fei Jedenfalls müßte das Reich Mittel in die Hand be- kommen gegenüber den Ländern, die den Anordnungen des Reiches auf polizeilichem Gebiete nicht folgen, das. Nötig« selbst zu ver- anlassen«ine derartig« Bestimmung befände sich bisher lediglich im Gesetz über die Ausführung des Friedensvertrages. Noch mehr als bisher müsse die Polizei ihren Charakter als Freund und Be- rater des Dolkes wahren.'_ Der kommunistische Parteitag, der bereits mehrfach verschoben wurde und jetzt endgültig vomJl. bis.lS. Juni Dresden statt- finden sollte, ist wegen der Geschäftslage des Reichstage» nach Berlin verlegt worden. Er findet nunmehr. vom kommenden 0 tzis Dienstag, de» 11. Im», in Berlm statt. Bei Ostelbiers. ,C Gott, warum so wütend, Papa?* ,Oa will ich— äh— jrad diese steuerfreie Reichsanleihe zeichnen und rechne mir aus, wie famos ich dabei Steuern spar. Da fällt mir doch ein,— daß ich— äh— sowieso seit Iahren feiste Steuern zahle! Sone Iemeinheit!* Bauernhilfe oder Brotzott? Sozialdemokratische Vorschläge im Reichstag. In der gestrigen Reichstagssitzung, über deren An- fang wir in der Beilag« berichten, nahm zum Haushalt des Er- nährungs Ministeriums weiter das Wort Abg. Mathilde Wurm(Soz.): Schon auf einem Landwirtfchaftstongreß im Februar 1889 er- töönte der Ruf: Die Landwirtschaft ist in Not, ihre einzige Rettung ist Entschiildung. Na nun auch heute nach 4v Jahren der gleiche Ruf ertönt, �ann nicht die Republik an der Not der Landwirtschaft schuld fein.(Sehr gut! links.) Auf der wirlschaflskonferenz in Genf ist mit Zustimmung der deutfchen Vertreter Abbau der Zölle gefordert worden, hier im Rdchsloq ober Hai Minister Dietrich gegen einen Abbau der Schuhzölle gesprochen und eigentlich eine Rede für die Schulzzölle gehalten, und noch vor den Sommerserien eine cnt- sprechende Zollvorlage angekündigt. Ich hatte gehottt, daß ein demokratischer Ernahrungsminister dos Versprechen von Gens wahr machen würde, ober ich Hab« Mich ge- täuscht. Der Minister Hot damals auch gesagt, richtig verstandene Konsumentenpolitik decke sich mit der Produktionspolitik. Da» wäre richtig, wenn wir nicht in einer privatkapitalistischen Prosttwirtschoft lebten. Do kommt es eben nicht darauf an, gut und billig zu produ- zieren, sondern nur darauf, einen Profit herauszubekommen. Der Prosit wird' nicht als Triebfeder zu billigerer und besserer Pro- duktion angesehen, sondern der Profit ist Selbstzweck. Das Schutzzollsystem ist nur ein Glied in der Kette der auf Profit abgestellten Produktionswirtschaft. Jnimer wird Schutzzoll verlangt, um die Rentabilität der Landwirtschaft zu erhöhen, ober die Erfahrung seit 1889 lehrt, daß der Schutzzoll weder die Ren- tabilität noch die Produktion fördert, sondern im Gegenteil Pro- duttionsverbesserung und Rationalisierung verhindert. Der Ausschuß empfiehlt, eine Angleichung der Viehzölle an die Fleischzölle und die Erhöhung der Zölle auf Schweinespeck und -schmalz zu verlangen. Die tierischen Erzeugnisse der deutschen Ladwirtschast sind 8 Milliarden wert, die pflanzlichen Erzeugnisse nur 4— 4M Milliarden. Die Viehwirtschast ist also das Rückgrat unserer Landwirtschaft. Es ist eine Ilebertreibung, wenn der ungenügende Preis des Schlachtviehs als ein Symptom siir die Unrentabilität der deutschen Viehhaltung hingestellt wird. Gewiß ist dieser Preisstand ein ernstes Problem: die bis jeht zur Preishebung ongeratencn Mittel sind jedoch unzulänglich. Die starke Verringerung der zollsrcicn Gesriersleischeinfuhr hat die Rind- viehpreise nicht wesentlich erhöht, wohl aber den Fleischkonsum d-r Massen verringert, die sich das teuere Frischfleisch nicht leisten können. Man verlangt nun das Verbot der Rinderein- fuhr aus Dänemark. Dänemark führt die abgemolkenen Kühe aus. Wird dos verboten, so wird man diese Kühe in Dänemark schlachten und das Fleisch ausführen. Unsere mit großen Kasten errichteten Grenzschlachthäuser werden dann vemiden und die darin Beschäftigten arbeitslos werden. Soll ein derartige Maßnahme übrigens der Dank an Dänemark für die oft gerühmte dSnifche Fürsorg« sein, die während des Krieges und nach dem Kriege unseren hriiigern- den Kindern zuteil geworden ist?(Sehr gut! links) Der Gefrier- fleifchkonfum Hot selbst bei der höchsten Einfuhr nur 2 Proz. des deutschen Fleischkonsums betragen. Den Preisdruck infolge der Bieh- einfuhr aus Dänemark wird man weder durch Drosiclung, noch durch Grenzsperre beseitigen. Man verlangt Förderung des Milchkonsums. Wir bemühen uns seit Jahren darum durch die Propaganda des Rcichsmilchausschuffes. Weniger Kühe mit vergrößerter Leistung sind rentabler.�ols eine große Zahl von Kühen mit geringer Milchproduktion. Wir sollten nach dänischem Beispiel die Wilchkuhwirlschaft auf möglichst hohen Crkrag umstellen, denn nur durch erhöhte Milch- Produktion unter geringeren Soften und insolgedesien verbilli- gung der Milch kann der Konsum stark erhöht werden. Preiserhöhung der Produkte kann den Konsum nicht steigern. Mir schreibt eine Arbeiterin, indem sie sich entschuldigt, daß sie so selten schreibe, für die IS Pfennig Porto könne sie ihren Kindern einen halben Liter Milch kaufen, und diese Pflicht gegen ihre Kinder gehe ihr noch über den Brief, den sie so gern schreiben würde. Es muß die ungehuere Spanne im Milchpreis zwischen dem, was der Produzent bekommt, und was der Konsument bezahlt, verschwinden Wir sind durchaus der Meinung, daß der Produzent einen an gemessenen Preis erhalten soll, ohne daß die Preise für den Kon- sumenten zu hoch gesteigert werden.(Sehr richtig! bei den Soz.) Nun verlangt man Erhöhung des Schmalzzolles. Schmalz ist die Butter der armen Leute. Sie verlangen Erhöhung de» Maffenkonsmn» und wollen gleichzeitig den Massenverbrauch verteuerat Mit einer solchen Zollerhöhung würden Sie den Preisunterschied zwischen deutschem und amerikanischem Schmalz doch nicht aus- gleichen und den Konsum des letzteren nicht verringern, nur würde auch er verteuert werden. Statt der gehässigen Boykottausruse an Land- bundmitglieocr, wodurch auch die übrigen Landwirte in den Landbung hineingezwungen werden sollen, wäre es besser, wenn der Landbund das Landvolk über die betriebswirtschastlichen Notwendigkeiten der Zeit aufklären würde. Arbeiten Sie mit uns an der Unterweisung und Ausklärung der Landbevölkerung, so werden Sie zur Gesundung der Landwirtschast mehr beitragen, als durch Zölle und Grenzsperre.(Beifall b. d. Soz.) Reichsernährungsminister Dielrich erwiedert auf die Anfrage de» Grafen Westarp(Dnat.) wegen der Preisenachrichten über die Der- schiebung der Beratungen über die landwirtschaftlichen Zölle auf den Herbst, hier liege ein Mißverständnis vor. Es soll« zunächst nur über die Frage des Brotgetreides ein Ausschuß de rufen werden, der zu den Borschlägen des Ministers Stellung nehmen soll. Dann soll auch der Reichstag, bevor er in die Ferien gccht. sich mit diesen Fragen beschäftigen/ Auf eine Anfrage von kommunistischer Seit« teilt der Minister weiter mit, daß der vorgesehene Ausschuß kein Reichstagsausschuß, sondern ein solcher vom Sachverständigen sei. Abg. Passehl(Soz.): Wir Sozialdemokraten haben durch unsere Arbeit hier erkennen lassen, daß wir alle Zweige der Fischerei ohne Aus- nahm« für sehr wichtig halten, lieber die Lage der Fischerei werden wir durch die'„Jahresbericht« für die deutsch« Fischerei' sehr gut orientiert, nur ist zu wünschen, daß ihre Heraus- gäbe in Zukunft mehr beschleunigt wird, als das bisher der Fall war. Anerkennen muß jeder, daß die deutsche Republik für die Fischerei in den letzten Jahren mehr getan und bedeutendere Mittel zur Verfügung gestellt hat, als das im alten Obrigkeitsstaat jemals geschehen ist. Wir sind einverstanden, daß zur weiteren Steigerung der Rentabilität Gelder hergegeben werden. Die Propaganda muß sich vollkommen auf die Bedürfnisse der Fischerei umstellen. Förderung der H e r i n g s f i s ch e r e i ist dr'ngendes Bs- dürsnis. Hier müssen all« Gesellschaften ohne Ausnahme berück- sichtigt. werden, und es ist zu hoffen, daß in diesem Jahre kein Fahrzeug still liegt. Großen Schoden hat der strenge Winter der Fischerei zugesügt. Wir hatten die Anregung gegeben, den Fischern billige Kredite zur Verfügung zu stellen. Dieser Anregung ist man z» unserer Freude gefolgt. Aber die zu diesem Zweck« ausgesetzteß 100 000 Mark genügen nicht. Darum wünschen wir, daß der Mini- ster aus anderen ihm zur Verfügung stehenden Fonds einen weiteren Betrag von 100 000 Mark zu Kreditzwecken für die Fischerei bereit stellt. Schwierig ist die Lage der Klein fische r an den norddeutschen Flußmündungen. Rcichsernährungsministcr Dielrich: Die Mittel de» Haushalts für die Fischerei reichen 1929 nicht aus, um die dringendsten An- sorderungcn zu befriedigen. Ich beabsichtige deshalb, aus den Mitteln zur Förderung der landwirtschgstlichen Erzeugung usw. einmal den Betrog von 120 000 Mark für die Förderung der Hochseefischerei und von 50 000 Mark für die Treibnetzheringssischerei zu verwenden. Nach weiterer Diskussion wird die Auesprach« geschlossen. Es folgen die Abstimmungen. Der kommunistische Antrag, 5 Millionen Mark für Kinder- speisungen neu in den Etat einzustellen, wird in namentlicher Ab- stimmung mit 262 gegen 54 Stimmen der Kommunisten und Nationalsozialisten abgelehnt. Der Etat des Ernährungs Ministeriums wird mit den vom Ausschuß vorgeschlagenen Kürzungen bewilligt. Der kommumstische Antrag, aus dem 25.Millionen-Fond» 300 000 TO. abzutrennen zugunsten der bei der Reorganisation de» Genossenschaftswesens benachteiligten Angestellten und Arbeiter wird angenommen. Ein Zlntrag des Handelspolitischen Ausschusses wird in seinem ersten Teil, der„die erforderlich« Relation zwischen allen Lebend- viehzöllen und Fleischzöllen sichern' will, von den Bürgerlichen gegen die Sozialdemokraten angenommen. Bei der Abstimmung über den zweiten Teil, der die Speck- und Schmalz- zölle erhöhen will, bleibt eine Gruppe von Zentrumsohgeordneten um den Minister Stegerwald sitzen. Das Ergebnis ist unge- miß, ein Hammelsprung soll entscheiden— da wird Vertagung der Abstimmung aus die dritte Lesung beschlossen. Damit ist die Beratung des Etats für Ernährung und Lab Wirtschaft erledigt. Nächste Sitzung Dienstag 3 Uhr: Kleinere Borlagen, Eii � Reichswirts chaftsministeriums. Schluß%10 Uhr. t Washington— Amsterdam? Ein amerikanischer Verschmelzungsvorschlag. Washington, 3. Juni. Vizepräsident der American Föderation of Labour» Woll, macht in längeren Ausführungen den Borschlag der Gründung eines neuen Weltver- bands der Gewerkschaften, der durch eine Ver- bindung der Panamerican Federation of Labour mit dem Amsterdamer internationalen Gewerkschaftsbund unter Ausschluß der sowjetrussischen Gewerkschaften Zustandekommen soll. Woll führt weiterhin auS, fein Vorschlag sei geeignet, die Gewerkschaftsbewegung zu förder» und zugleich die amerikanische Arbeiterbewegung gegen europäische Ginflüsse zu schühen. Wir können auf den ersten Blick nicht beurteilen, ob es sich hier um eine rein persönliche Meinungsäußerung handelt oder um einen Vorschlag, hinter dem der Amerikanische Gcwerkschaftsbund bzw. der Panamerikanische Gewerkschaftsbund steht. Doch wie dem auch sei, der Lorschlag verdient ernste Beachtung. Die zplenäid Isolation, in der sich die nordamcrikanischcn Ge- werkschaften bisher gegenüber dem Internationalen Gcwcrkschafts- bund von Amsterdam befanden, ist erschüttert durch die Tat- sache, daß Europa infolge des Krieges in eine wachsende wirt- schaftliche Abhängigkeit gegenüber den Vereinigten Staaten von Nordamerika geraten ist. Diese Abhängigkeit— man kann es auch Verbundenheit nennen— hat dazu geführt, daß amerikanisches Kapital in europäischen.Unternehmen investiert ist und zweifellos in steigendem Maße investiert werden wird. Prak- tisch bedeutet dos für die amerikanischen Arbeiter die Gefahr des Lohndrucks durch die erheblich schlechter bezahlten europäischen Arbeiter. Wenn General Motors Opel aufkauft, wenn F o r d eine Verbindung eingeht mit der I. G. Farbenindustrie, so sind daran nicht nur die deutschen Arbeiter und die deutsche Volkswirt- schaft interessiert. Wie auch die Kommerzialisierung eines Teils der deutschen Reparationsschuld vor sich gehen mag, wie die Schulden Frankreichs. Englands, Italiens und Belgiens an Amerika ab- getragen werden, es ist ohne weiteres klar, daß der Einfluß des amerikanischen Industriekapitals in Europa da- bei wachsen muß. Diese Tatsachen führen mit Naturnotwendigkeit zu einem engeren Zusammenschluß der europäischen und' amerikanischen Arbeiter. Schon gehören viele amerikanische Gewerkschaften ihren inter- nationalen beruflichen Verbindungen an. Der Anschluß an den JGB. ist nur noch eine Frage der Zeit. Es ist anzunehmen, daß der internationale Gewerkschaftskongreß von Stockholm im nächsten Jahr sich damit befassen wird. Ob dieser Anschluß sich in Form eines Zusammenschlusses unter Bc- rücksichtigung der besonderen Wünsche der amerikanischen Gewerk- schasten vollziehen wird, oder ob es sich einfach um einen Beitritt Handel», ist nicht von entscheidender Bedeutung. Wir glauben des- halb, daß man in der Form den amerikanischen Gewerkschaften die Verschmelzung— oder den Beitritt— erleichtern soll. Entscheidend und wichtig ist ollein die endliche Vereinigung der freien Gciverk- schaften der ganzen Welt. Amerikanischer Lohnkampf. 6,S0 M. oder 6,40 M. Stundenlohn. Chikogo, 3. Juni.(Eigenbericht.) Die Eisenkontruktionsarbeiter von Chikago sind wegen Lohn- differenzen in den Streik getreten, so daß jed« Bautätigkeit ruht. Die Arbeiter fordern 1,62 Dollar Stundenlohn, während die Unter- nehmer nur 1,52 Dollar.zahlen wollen. Auch die in der Zwischen- zeit geführten Verhandlungen sind ergebnislos verlaufen.(Mit diesen Löhnen vergleiche man die Löhne der Berliner Eisenkonstruktions- ürbeiter, die noch nicht ein Sechstel ihrer Kollegen von Ehikaoo erhalten.) Das„Sofort-programm". Vom Z�eichstabinett abgelehnt? Der Demokratische Zeitungsdienst meldet: „Nach dem Beschluß des Rcichskabinetts vom Freitag Hot sich ergebe», daß der zuerst vom Arbeitsministerium vorgelegt« E n t- wurf insofern innerhalb der Reichsrcgierung Bedenken erregt hat. als er einmal nach der materiellen Seite Reformoor- schlüge brachte, die auf Gnind der bisherigen Erfahrungen mit dem Geseiz über die Arbeitslosenversicherung und dem Gesetz über die Sonderfürsorgc bei berussüblicher Arbeitslosigkeit als unge- n ü g e n d erachtet wurden.- Weiterhin sind ober auch innerhalb der Reichsregierung Bedenken geäußert worden über die Erhöhung des Versicherung sbeitrages von 3 auf 4 Proz. Bei einer solchen Erhöhung hat man innerhalb des Arbcitsministerium» zwar gewisse finanzielle Schwierigkeiten der Arbeitslosenversicherung b e- s c i t i q e n wallen, dadurch aber ist auch der Zwang zur Äende- runq der unhaltbar gewordenen materiellen Bestimmungen fort- gefalle n. Jetzt soll der umgekehrte Weg versucht werden, indem erst einmal eine Revision der gesetzlichen Be- stiickmu n gen vorgenommen wird, die änderungsbedürstig sind und von dem Ergebnis dieser Aenderungen wird dann die Prüfung abhängen, welche finanziellen Maßnahmen außerdem notwendig sind." Wir wissen nicht, ob und wieweit die Meldung des Demo- kratifchen Zeitungsdienstes mit den Tatsachen übereinstimmt. Die Wolff-Meldung über den Kabinettsbeschluß, die wir veröffentlicht haben, war etwas unklar. Es hieß dort, das Reichsarbeitsrniiii- sterium sei beauftragt worden, einen Vorschlag(Sofort-Programm) auszuarbeiten, der dann einem parlamentarischen Sachverständigen- ausschuß unterbreitet werden soll. Es wäre wohl angebracht, wenn die Oeffentlichkeit darüber unterrichtet würde, wie sich das Kabinett zu der Behebung der finanziellen Schwierigkeiten der Reichsanstalt stellt. Ob diese Schwierigkeiten, wie es die Vereinigung der Ar- beitgeberverbände verlangt, dazu dienen sollen, um die Arbeitslosen- Versicherung abzubauen, oder ob, unabhängig von der lieber- Prüfung des Gesetzes auf eventuelle Lücken, die Finanznot der Reichsanstall durch«ine zeitweilige Beitragserhöhung behoben werden soll. Das war der Vorschlag des Reichsarbeils- Ministers. Ist diesem Vorschlag vom Reichskabinett zugestimmt worden? Wenn nicht, wi« sieht das„Sofort-Programm" jetzt aus? Lohnabfchluß im Bauklempnergewerbe. Manteltoris noch strittig. Die Lohnverhandlungen im Bauklempnergewerbe haben zwischen dem Deutschen Metallarbeitcrverband und den linier- nehmern zu einer Vereinbarung geführt. Danach werden ab 1. Jum bis 30. September 1929 die Löhne der Bauklempner von 1,59 Mk. auf l.ölZ Mk pro Stunde erhöht und ab 1. Oktober bis 31. März 1930 auf 1,70 Mark. Junggesellen im ersten Jahr nach beendigter Lehrzeit erhalten in denselben Zeitabschnitten ein« Lohnerhöhung von 1,32 auf 1,39 Mk. bzw. 1,43 Mk. Junggesellen im zweiten Jahre nach beendigter Lehrzeit erhalten 1,50 Mk.(bisher 1,43 Mk.) und ab 1. Oktober 1,54 Mk. Die Landzulage, die bisher KM Mk. betrug, beträgt ab 1. Juni 6,80 Mk. und ab 1. Oktober 7.— Mk. Zu diesem Lohnabkommen, über das der Bevollmächtigte Ge- noss« Eckert Bericht erstattete, nahmen gestern abend in einer außerordentlich stark besuchten Branchenversammlung die Bau- klempner Stellung. Nach einer ausgiebigen Debatte wurde dem Zlb- kommen gegen wenige Stimmen z u g e st i m m t. Die Unternehmer haben das Abkommen gleichfalls angenommen, das somit in Wirksamkeit getreten ist.. In der Diskussion ist jedoch darauf hingewiesen worden, daß die gut organisierten Bauklempncr unter keinen Umständen eine Ver- schlechtcrung des M a n t e l t a r i i s, der noch umstritten ist. hin- nehmen würden. Die Bauklempner sind entschlossen, jeden Versuch der Unternehmer in dieser Beziehung mit allen Mitteln abzuwehren. Die Gesamtzahl der Unfälle im Ruhrbergbau im ersten Viertel- sabr 1929, Oberbergamt'-beziik Dortmund, betrug nach amtlicher Mitteilung l7'?l1. d. h. 51.389 auf 1000 Beschäftigte, und die An- zahl der tödlichen Unfälle 163 oder 6.487 auf 1000 Be- slbästigte. Dek Vierteljahrsdurchschnitl von 1925 bis 1928 betrug 18 829 Gcfa.ntimiälle— 32,103 auf 1000 Beschäftigt- und 210 tödliche Unfälle— 0,57 aus 1000 Beschäftigt«. 5PD.-�etsnsrdetterZ H«ale,>» Uhr, in den Sophlewllen, Sophienslrafte 1718 Vollvcrummlung aller SPD.-Meiallarbeiler Tagesordnung: I. Referat des Genossen Franz Gutschmidt über„'Wohn nngswir Uefa aii Im Rehmen der Kommune Berlin'. «.Stellungnahme xur Gener alreriammlnng.— Vollzähliges Erscheinen aller Genossinnen und Genossen erwartet l Der FrakUotuTonland. Verbandstag der Landarbeiter. Siel. 3. Juni.(Eigenbericht.) Der Deutsche Londarbeiterverband hält hier zur- zeit seine 5. Generatversammlung ab. Der Verband sieht, wie der zweite Vorsitzende L o e h r k e in seinem Geschästsbericht hervorhob, fein« Hauptaufgabe in der Schaffung von Tarifverträgen und in deren lleberwachung. Die lohnpolitifchen Erfolge des Berbandes— betonte Loehrke— sind erfreulich. In allen Bezirken des Reiches sind gegenüber 1926 änsehnlichc Erhöhungen der Darlöhn« erreicht worden. Bei allen sich bietenden Gelegenheiten wurde vom Lcr- band zum Ausdruck gebracht, daß weniger von einer Not der Land- wirtfchaftsbetriebe als von einer Not der Landarbeiter gesprochen werden muß. In sozialpolitischer Beziehung tritt der Verband dafür ein, daß der Landarbeiter im Vergleich zu den anderen Arbettergruppen nicht schlechter gestellt werden darf. Leider haperts noch sehr in der Anerkennung dieses Slfundfatzes. Besonders skandalös find die Verhältnisse aus dem Gebiet der Unfallverhütung. Zur lleberwachung von fast 5 Millionen Betrieben sind nur 83 technische Aufsichtsbeamte tätig. Der Verband verwirft die Sonderregelung, die im Arbeitslofcnver- sicherungsgcsetz für die Landwirtschaft noch weiter ausgebaut wer- den fall. Die Abwanderung der Landarbeiter bedauert auch der Verband, er protestiert aber gegen die Behauptung der Unter- nebmer, daß die Landslucht eine Folge der Vergnügungssucht sei.' Die Ursache der Abwanderung liegt in der lrosllofen Loge, unter der die Landarbeiter leiden. Ueber die Betriebsrätebewegung sprach Kreutzer vom Vorstand. Im letzten Jahre fanden im Verbandsgebiet siebzig Schulungskurse statt. Die Betriebsrätearbeit ist nicht leicht in der Landwirtschaft, weil die Landwirte noch immer Gegner neuzeitlicher Arbeitsverhältnisse sind und von allen Gesetzen, die den Land- arbeiiern irgendwie Rechte einräumen, nichts wissen.wollen. In der Zlussp räche wurden oft erschütternde Beispiele für die Rückständigkeit der Arbeitsverhältnisse in der Landwirtschaft vorgetragen. Schars kritisiert wurde vor allem die Deputatentlohnung. Mit Nachdruck wurde eine Neu- sormuliening der Domänenpachtvcrträge gefordert, da die zurzeit bestehendei Verträge den Interessen der Landarbeiter absolut nicht gerecht würden Die Vertreter des Gaues Berlin wandten sich energisch gegen die Befchästigung ausländischer Wander- a r b e i t e r in der Landwirtschaft, da noch ein« ganze Menge ein- heimischer Landarbeiter arbeitslos fei. Der Derbandsvorsitzende Schmidt betonte, daß die Feindschaft gegen den sozialen Aufstieg der Landarbeiter bis in die Reihen der Demokratischen Partei hineinreiche. Eine Sonderstellung der Land- arbeiter in der Arbeitslosenversichcrung sei nicht zu verantworten: denn sie führe gerade die Mißstände herbei, über die beute so viel geklagt werde. Der preußische Landtagsabgeordncte Branden- bürg geißelte die vielen Mißbandlungen von Arbeiiern in der Landwirtschaft und wies zum Beweis der Feindschaft der bürgerlichen Parteien gegenüber dem Landproletariat darauf hin, daß im Preußischen Landtag alle Anträge der Sozialdemokratischen Partei zur L.indarbeiierfrage von allen bürgerlichen Parteien ein- tnütig abgelehnt worden seien. Der Landarbeiter habe nur z w e I Freunde: die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften. preise und Löhne. Abschluß bei der Reichspost. Vereinbarung über Löhn?» Krankengeld und Urlaub. Am Sonnabend fanden die Tarifoerhandtungen mit der Reichs- poft ihren Abschluß. Die Grundlöhne werden vom 31. März 1929 an für die Lohngruppen 1 bis 7 im Lohngeblet 1 um 4 Pf., Lohn- gebiet 2 und 3 um 3 Pf. die Stunde erhöht. Für die Lohn- gruppe 8 betragen die Grundlöhne 75 Proz. von der Lohngruppe 7. In den Orten mit Ortslohnzuschlägen beträgt die Erhöhung des Stundenlohnes bis zu 6 Pf. Der Zuschlag für Sonntags- arbeit ist auf 20 Proz. erhöht worden. Im Krankheitsfälle, der länger als drei Tage dauert, wird vom 4. Tage an je nach der Beschäftigungsdauer bis zu 12 Wochen e n Zuschlag zum Krankengeld in der Höhe gewährt, daß sich einschließlich der vollen reichsgesetzlichen Leistungen der gleiche Betrag ergibt, der vor der Erkrankung zur Auszahlung gelangte. Für die Arbeiter mit mehr als 15 Dienstjahren und einem Lebensalter von über 40 Iahren wurde der Urlaub auf 21 Tage erhöht. Die Vereinbarung gilt bis zum 31. März 1931. In der rheinisch-westfälischsn Kaliindustrie haben die Arbeiter neben der strikten Durchführung des Achtstunden- tages ein« Lohnerhöhung von 10 Pf. gefordert. Daraufhin haben die Industriellen mit Preiserhöhung gedroht und erklärt, die Preisbildung richte sich nach der Neuregelung des Lohnes. Eine etwas ausgeleierte Melodie, die nirgends so falsch ist wie gerade in der Paustosfindustrie mit ihren überhöhten Preisen und niedrigen Löhnen. Oer Schiedsspruch für die Reichsbahn. Verbindlichkeitserklärong beantragt. Im Lohnskreil bei der Deulschen Reichsbahn haben die beteilig. lcn Gewerkschaften die Verbindlichkeilserklärung des Schiedsspruches beantragt. Der Reichsarbeilsminifler hat die Par- leien zu Verhandlungen über den Antrag auf Mittwoch vormittag 91-- Uhr eingeladen. Verbandstag der Saitler. 40 Jahre Gewerkfchastskampf. . Dresden. 3. Juni.(Eigenkchricht.) Am Montag wurde in Dresden Tier Berbondstog des Deutschen Sattler-, Tapezierer- und P o r t« fe u i l l e r- Berbandes«rösfnet. Mit ihm ist die F e i e r d e s vierzig- jährigen Bestehens der in dem Verband zusammengeschlosie- nen Organisationen verknüpft. Aus diesem Grunde sind zahlreiche Mitglieder, die dem.Verband seit seiner Gründung angehören, zu der Dresdner Tagung eingeladen worden. Der Verbandsvorsitzende Peter Blum gedachte in seiner Er- öffnungsrede der Entwicklung des Verbandes in vier kampfreichen Jahrzehnten. Er betonte, daß die Geschichte einer solchen Gewerk- schaft ein gutes Stück Kulturarbeit verkörpere. Graßmann. der im Namen des Vorstandes des ADGB. den Kongreß begrüßt«, gedachte mit Genugtuung des allgemeinen Aufstiegs der Freien Gewerkschaftsbewegung und forderte zu besonders eingehender Be- fchäftigung mit allen Wirtschaftsfragen auf. Im Sinne dieser Mah- mtng hat Großmann das Hauptreferat auf dem Berbandstag über „Bedeutung und Ausgaben der Gewerschaften in der W ir t s ch a f t" übernommen. Der Vorsitzende Blum erstattete den allgemeinen Geschäfts- b e r i ch t. Der Verband hatte mit besonderen Schwierigketten zu kämpfen, da die Arbeitslosigkeit seit 1926 fast ununterbrochen gerade in seinen In-dustriebezirken außerordentlich groß war. Trotzdem ist es ihm gelungen, durch starke M i t g l i ed e r zu n a h m e in den letzten Jahren den Rückgang des Jahres 1926 nahezu wieder aus» zugleichen. Dieser Erfolg ist vor allem der rührigen Tätigkeit der Verbandsfunktionäre zu danken. Erfre-.ilichxrweise ist es auch. g«. lungen, bei der Organisierung der Lehrlinge wesentliche Fort» schritte zu machen. Für die bevorstehenden schweren sozialpolitischen Kämpfe übernimmt der Verband die Porole des Magdeburger Parteitages:„Hände weg von der Arbeitslosen» Versicherung!" Die künstige Arbeit muß darauf gerichtet sein. die Bindung der Mitglieder an den Verband fester zu gestalten und zugleich die Bildungsarbeit. zu fördern. Blum schloß seinen Bericht mit einem kräftigen Bekenntnis zur Arbeiter- bcwegung. Auch der Kassen- und der Redaktionsbericht, den Riedel und Engel erstatteten, zeigten ein günstiges Bild von dem Stand des Verbandes. Ueber die schwierigsten Jahre ist man jetzt hinweg. Zu den Vorstandsberichten liegen zahlreich» Anträge vor, die aus ein« lebhafte Aussprache schließen lassen. Drohender postbeamienstreit in Frankreich. Polizisten als Streikbrecher. Part». 3. Juni.(Eigenbericht.) Der Unterstaatssekretär für die Postverwaltung, der 191 Briefträger wegen eines kurzen Proteststreikes für einen Monat vom Dienst enthob, hat als Ersatz für die gemoß- regelten Beamten die Hilfe von nicht wemger als 50 0 Polt- z i st« n in Anspruch nehmen müssen. Dies« Hilfskräfte werden augenscheinlich von der Last der Briefpoft erdrückt. Tatsache ist jedenfalls, daß die Postbestellung in Paris nicht mehr funktioniert. Die Postbeamten, deren Unzufriedenheit stark gestiegen ist, haben vergeblich versucht, mit dem Unterstaatssekretär in Verhandlungen einzutreten. Man befürchtet daher für Dienstag den General- streik in der gesamten Po st Verwaltung. In diesem Falle dürfte die ganze Polizeimacht Frankreichs nicht mehr aus- reichen, um die Streikenden zu ersetzen. ZL�Frete Gewerkschasts-Iuaend Groß-Rerlin Scutk, Dirnstag, IS'Z Uhr. togrn dir Krupprn: Spandau: üirupprn. hrim Stiidt. Iuffrndhrim Lindrnufrr 1. Lrimbrsprrchuns. Zutriit nur mit Vrrbonb-buck»nd Hiimauawris.- Treptow: ffiruppc-.-.hcim Schule Wild.-nbruchstr..'0—54 ldortzimmerl. Keimbesprechunp. Brrbend-budilontrolle. — Humboldt: Gruppcnheim Jugendheim Graun.. Ecke Lorhingstroße. Heim» delprechung. Konirolle der verbondadllcher»nd Heimauswcise.— Landsberger Piah: Kruppenheim Ingendhcim Diestelmcmrstr. 5. Heimdesprechung» Der. bendsbuchkontrollc.— frankfurter Allee: iüruppenheim Sfiidt. Jugendheim Litauer Str. 18. Seimbcsprechung. Kontrolle der VerbandobUlher und Leim» auomeise.— Nen-Lichtenberg: Sruppcnhcim Jugendheim Dunlerstr. 4Z. Heim. besprechung. Dringt keimausweise und Derdanosdllcher zur Kontrolle mit.— Marien dorf: Eruppcnheim Jugendheim Torsftr. 7, alte Sdnile. Eröffnung». feiet. SKulif. Lichtbilderportrag:„Unsere Sfffitz. in Wort und Bild'— Lichten- berg: Jugendheim Tosseffr. 22. Dorfrag:„Aus dem Lehen eine»-Redakteurs." — Südmeften; Spielen ab 18 Uhr a"f dem Srortplah Kahdachstrahe.— Tempel- dof: Spielen ab 18 Uhr auf der Südseite des?rmpr!do'er lteldes.— Edar- Ixftentnrg: Spielen od ZS Uhr auf dem Sporfp'ah Eharlottenburg. Sovd'e- Eharlotte-Etrohr.— Maabit: Wir spielen ab 18 Uhr auf der Epiefmiese des Boiksparks Zichlcrgc.— Zeppelinplatz und Wedding: Wir bad.-n im Blcg-nfte. � 3uaenfrarupt)f de«l?entTalverbandeS der AnaeffeNten sp/f Heute. Dienstag, sind folgende Beranstalwng-n: Rard-vest: Jugendheim Lehrter Str. I»— lij Heimdesprechung.— Uebnngsaberd de» Sprech- und»cwegungachara 20 vhr in der Turnhalle der Schule Daruther Str. 20. Turnkleidnng und Hallenschnhc mitbringen!— Osten: Wir besuchen die Werbe- bezirksversammlung. Berantwortlich für Paltlik: Dr. Cnrt Eeyer: Wirtschast:#. illwgelbilscr: Gewerkldiaftsbcweguna: 3. Steiner: sseuilleton: K H. DSscher: Lokales und Sonstiges: ikriji Karstadt: An, eigen: Th. Stocke: sämtlich in Berlin. Verlag: Dormärts-Derlagpalt einen Antrag, zu dem er entschlossen ist, wieder zerreißt.' Zeuge Müller: Sie haben mir keine Vorhaltungen zu machen! Rechtsanwalt Dr. Brandt: Herr Oberstaatsanwalt. Sie kennen die Strafprozeßordnung nicht. Ich habe schon einmal Ihnen vorhalten müssen, daß Sie mir eine falsche Auskunst gegeben haben! Vors.: Ein Verteidiger darf zwar kein�Vorhaltungen in der Dorwursssorm machen, aber er kann Dinge ins Gedächtnis zurückrufen. Ich kab« kein Bedenken, in-dieser Form eine Vor- Haltung zuzulassen, aber ich kann ja hierüber einen Gerichts- b e s ch l u ß herbeiführen. Nach kurzer Beratung des Gerichts teilt der Borsitzende mit, daß das Gericht die Frage für zulässig halte. Eine positive Anrede gehört zur Fragestellung. R.-A. Dr. Brandt fragt nun weiter: Haben Sie eine Gegenüberstellung der- jenigen Angeschuldigten vornehmen lassen, die sich gegenseitig be- schuldigten? Zeuge Müller: Ich glaube nicht. Auf Fragen des A o rs itz enden bekundet der tgeuge Oberstaatsanwalt a. D. M ü l l e r, er habe einen D o t m c t s ch e r in der Verhandlung gegen Jakubowski nicht für nötig gehalten. Ein Antrag aus Zuziehung des Dolmetschers sei auch gar nicht g e st e l l t worden. V o r s.: Was war die Meinung des Rechtsanwalts Koch? Zeuge Müller: In der Paus« vor meinem Plädoyer sagte Koch zu mir:„Was soll ich da noch viel reden? Die Sache ist ja ganz klar. Jakubowski hat es offenbar gemocht." Ich habe das auch dem M i n i st e r i u m sofort mitgeteilt. Dr. Brandt: Können Sie sich erklären, daß Rechtsanwalt Koch seine Meinung nach Ihrem Plädoyer so grunb» legend geändert hat? Das wird doch nicht auf Ihr Plädoyer zurückzuführen gewesen sein?(Heiterkeit.) Zeuge Müller: Er ist wohl trotz seiner vorausgegangenen Aeußerung wieder anderer Meinung geworden. R.-A. Dr. Brandt: Regierungsrat S t e u- ding hat einmal einen Steckbrief gegen Fritz Rogens erlasien. Daraufhin haben Sie ein Strafverfahren gegen Steuding wegen Freiheitsberaubung eingeleitet mit dem Vermerk:„Ruht bis zum Abschluß des Versahrens gegen Jakubowski." Zeuge Müller: Ich war der Ansicht, daß Steuding nicht zum Steck- brief berechtigt war. Deshalb habe ich mir diese Notiz ge- macht, daß viellicht eingeschritten tberden müßte. Dr. Brandt: Warum aber erst nach Erledigung) des Prozesses? Das sieht doch so aus, als ob nur eingeschritten werden sollte, wenn Sie gesiegt hätten! Das Einschreiten war doch aus jeden Fall Ihre Pflicht? Zeuge Müller: Es ist nicht Pflicht des Staatsanwalts, sofort einzuschreiten, er soll im Gegenteil abwarten, bis genügend An- haltspuntte vorliegen. Rechtsanwalt Dr. Brandt: Auch der Staatsanwalt unterliegt dem Gesetz! Oberstaatsanwalt Weber: Tatsächlich war die Verfolgung Steuding? objektiv unzulässig. Fritz hatte sich nämlich der Verwahrung entzogen, deshalb war der Steckbrief berechtigt. Es ist ungewöhnlich, daß ein Beamter verfolgt werden soll. Sie sagten, Sie hätten kein Interesse an der ganzen Geschichte gehabt? Zeuge M ü l l e r: Ja. Es tut mir auch leid, daß diese Leute hier(der Zeug« weist auf die Angeklagten hin) damals uns allen die Hucke vollgelogen haben.— Es folgt die Vernehmung des früheren Staatsministers Hustädt über die Ablehnung des Gnadengesuchs für Jakubowski. Dr. Hustädt, der zusammen mit dem Minister Schwabe den Gnadenakt ablehnte und die Boll st reckung des Urteils verfügte, setzt eingehend die Gründe auseinander, die das Ministerium zu dem ablehnenden Schritt veranlaßten, und erklärt dabei: Der Justizreferent des Ministeriums, Dr. P a g e l, hat wiederholt betont, er habe den festen Eindruck, daß an der'schuld Jakubowskis nicht dermindesteZweifel bestehe und daß Jakubowski nach seiner festen Ucberzeugung mit vollem Recht zum Tode verurteilt worden sei. Die Revision wurde vom Reichsgericht verworfen. Zwei Wiederaufnahmeverfahren wurden abgelehnt. Ich selbst habe mit ganz besonderer Gründlichkeit das Beweismaterial durchprüft. Aus das starke Leugnen Jakubowskis konnten wir e r- fahrungsgemäß kein besonderes Gewicht legen. Jakubowski war auch vorbestraft. Ganz unerhört fand ich es, daß der Pfarrer schrieb, er und seine Kollegen seien der Änsicht, daß die Hinrichtung nicht erfolgt wäre, wenn es sich bei dem Täter statt um einen Russen, etwa um einen Mecklenburger gehandelt hätte. Auch der Brief, den Rechtsanwalt Dr. Koch einen Tag vor der Hinrichtung an mich richtete, bot keinen Anlaß, jetzt plätzlich noch die B e g n a d i- u n g auszusprechen. Natürlich war es für uns ein außerordentlich 'werer Entschluß. Es folgt die Vernehmung des Vorsitzenden des. Schwurgerichts, des Präsidenten von Buchika, der das Todesurteil verkündete. Buchka macht seine Aussage sehr vorsichtig, in langsamer Sprechweise. Er macht gleich eingangs daraus ausmertsam, daß er in den letzten vier Jahren viel erlebt habe und daher keine s e st e Erinnerung mehr an die Hauptverhandlung gegen Jakubowski besitze. Der Zeuge weiß nicht mehr, daß er damals auf den Tisch geschlagen imd zu August Rogens gesagt haben soll: Wenn ich nicht wüßte, daß Sie gar nicht in Balingen waren, dann würde ich überzeugt sein, daß Sie der Mörder sind. R.-A. Dr. Brandt: Haben Sie in der Hauptverhandlung Anhaltspunkte für Ihr« These bekommen, daß Erdrosseln immer Schreie auslöst? Zeuge: Es sind eine ganze Reihe von Sachverständigen bei dem Lokaltermin dabeigewesen. Alle dies« Feststellungen sind ja dann im Schoß« des Gerichts beschlossen worden. R.-A. Dr. Brandt: Also Sachverständige wurden nicht danach gefragt? Zeuge: Das glaube ich nicht. Eine lange Erörterung entspinnt sich über die Frage der Vereidigung des Oberstaatsanwalts Müller, die Rechtsanwalt Dr. Brandt wegen Verdachts der Be- günstigung nicht vorzunehmen beantragt. Müller habe sein Amt dazu verwandt, die Aufklärung des Falles zu verhindern. Oberstaatsanwalt Dr. Weber beantragt die Vereidigung, weil keinerlei Verdacht vorliege.— Der Zeuge selbst betont sein ehrliches Bestreben, die Wahrheit zu finden. Nach Vereidigung der Zeugen v. Buchka und Hustädt tritt eine Mittagspause ein. In der Nachmittagssitzung verkündet der Vorsitzende zuitzichst den Beschluß, daß Oberstaatsanwalt Müller vereidigt wird, da ein Verdacht der Begünstigung nicht gegeben sei. In einer Erklärung wendet sich.R.-A. Dr. Brandt gegen die Angriffe, die Minister H u st ä d t heute vormittag gegen Regierungsrat Steuding ge- richtet habe, und die geeignet seien, die Ehre dieses Beamten in der Oeffentlichkeit herabzusetzen. Äuch der Oberstaatsanwalt bezeichnet diese Angriffe als geradezu unerhört. Amtsgerichtrats K l i n- g e n b e r g, beisitzender Richter im Verfahren gegen Jakubowski, bestätigt, daß Jakubowski in der Verhandlung schließlich z u g e- geben habe, den Dorsweg bis zu den Steinen in der Nähe der Kate gegen 6 Uhr abends gegangen zu fein. Im übrigen habe er es für votsam gehalten, ein Todesurteil, das aus Indizien beruhe, nicht zu oollstrecken. Ein« Bollstreckung sei wohl nur bei besonders gelagerten Fällen am Platz«. Hieran schließt sich die Vernehmung der S a ch v e r st ä n d i- gen über die Todesursache auf Grund des Leichenbefundes. Die Anklage nimmt Erwürgen mit der Hand an. Oer blöde Hannes. Der Sachverständige Obermedizinalrat Starke hat den blöden Hannes Rogens in seiner Anstalt behandelt. Er hält ihn für einen Idioten, nicht für einen Schwachsinnigen. Nachdem er eine Zeitlang hmvegetiert hatte, wie viele andere, sei Hannes an schwerer Tuberkulose zugrunde gegangen. Ein solcher Idiot könne sehr gut einen Menschen seines Lebenskreises richtig bezeichnen, wie es Hannes bei Jakubowski getan habe. Vor Gericht sei er aller- dings wohl durch die Menge Menschen eingeschüchtert. Ober- st a a t s a n w a l t: Ist es möglich, ihm eine Lüge nahezulegen? Sachverständiger: Das ist sehr schwer. Dr. Brandt: Glauben Sie, daß er vor Gericht den Jakubowski tatsächlich als den wieder- erkannt hat, der ihn ausgesucht hat? Sachverständiger: Das glaube ich nicht. Ich glaube vielmehr, daß er mir aus dest Namen Joseph reagiert hat, als er im Gerichtssaal auf Jakubowski hinwies. Prof. Aschaffenburg, Direktor der. Psychiatrischen dach£ondon: (Beredlügte Uebersetzung von Erwin Magnus). Sogar sein Geselligkeitstrieb ließ nach. Er spielte am liebsten allein und verachtete die meisten seiner Mitspielenden. Da er weder Sympathie noch Verständnis für sie hatte und unabhängig von ihnen war, gab er sich nur wenig mit den Männern ab, die er zum Beispiel im Alta-Pacific-Klub traf. Als der Kampf mit den Schiffahrtsgesellschaften am heißesten tobte und seine Angriffe unberechenbaren Schaden in der Hafenwelt anrichteten, wurde er sogar aufgefordert, aus dem Klub auszutreten. Das paßte ihm im Grunde genommen ausgezeichnet, und er schlug sein Quartier jetzt in den Klubs auf, die von den eigentlichen Machthabern der Stadt ge- gründet waren und unterhalten wurden. Diese Männer ge- fielen ihm tatsächlich besser. Sie waren ehrliche Seeräuber, die freimütig erklärten, daß sie nur um des Gewinnes willen spielten und sich nicht hinter eleganter Heuchelei versteckten. Der seit Monaten tobende Sturm der gesamten Presse hatte an Daylights Charakter nicht ein Tüttelchen Gutes ge- lassen. Es gab keinen Punkt in seiner Geschichte, der nicht zum Verbrechen oder zum Laster verzerrt war. Der Um- stand daß er auf diese Weise öffentlich zu einem schändlichen Ungeheuer gestempelt war, hatte fast die letzte schwache Hoff- nung in ihm ertötet. Dede Maion näher kennenzulernen. Er fühlte daß ein Mann seines Kalibers nicht die geringste Aussicht hatte, mit freundlichen Augen von ihr angesehen zu werden und nur durch eine Gehaltserhöhung auf funfund- siebzig Dollar den Monat konnte er sie zwingen, an ihn zu denken Die Aufbesserung wurde ihr durch Morrison mitge- teilt, sie bedankte sich später bei Daylight, und damit war die Sackze erledigt.... Als er sich eines Sonnabends mude und von der Stadt bedrückt fühlte, gehorchte er einer Eingebung, die eine große Rolle in seinem Leben zu spielen bestimmt war. Der Wunsch. aus der Stadt zu flüchten, frische Landluft zu atmen und ander« Eindrücke zu erhalten, war die Ursache. Aber vor sich selbst entschuldigte er sich damit, daß er nach Glen Ellen wollte, um die Ziegelei, die er einmal Holdsworthy zuliebe gekauft hatte, zu besichtigen. Er verbrachte die Nacht in einem kleinen ländlichen Gast- Hof und ritt am Sonntagmorgen aus dem Dorfe. Alles, was irgendwie ans Geschäft erinnerte, hing ihm zum Halse her- aus, die bewaldeten Höhen riefen ihn. Er hatte ein Pferd unter sich, ein gutes Pferd; es erinnerte ihn an die Mustangs, die er als Knabe in Oregon zugeritten. Er war früher ein guter Reiter gewesen, und er hatte seine Freude daran, wie das Pferd jetzt auf dem Gebiß kaute, und wie das Sattel- zeug knirschte. Er wollte sich erst das Vergnügen gönnen und hinterher die Ziegelei besichtigen, und ritt aufwärts, indem er nach einem Wege spähte, der ihn auf den Gipfel bringen konnte. Beim ersten Gatter verließ er die Landstraße und galoppierte über eine Wiese, auf der Heu gemäht war. Zu beiden Seiten des Weges stand das Korn hoch, und er atmete entzückt den warmen Wohlgeruch- ein, Lerchen flogen vor ihm auf, und von allen Seiten klangen weiche Töne. Nicht ein Gehöft war zu sehen, und nach dem Trubel der Städte genoß er die Stille. Er ritt jetzt durch offene Wälder, über kleine, blumenübersäte Lichtungen, bis er zu einer Quelle kam. Flach auf dem Boden liegend, trank er in tiefen Zügen, und aufblickend durchfuhr es ihn plötzlich, wie schon die Welt war. Es üher- kam ihn wie«ine Entdeckung. Die wichtigsten Geschäfte hatten ihm keine Zeit gelassen, daran zu denken. Während er die Luft, die Schönheit um sich her und den Gesang der Lerche in der Ferne einatmete, kam er sich wi« ein Pokerspieler vor, der vom Spieltisch aussteht, an dem er die ganze Nacht ver- bracht Hot, und der nun aus der stickigen Luft in den frischen Morgen kommt. Am Fuße der niedrigen Hügel fand er ein verfallenes Holzgattsr, vermutlich noch aus der Zeit der ersten An- siedler, die nach der Goldgräberperiode das Land urbar ge- macht hatten. Die Bäume standen hier sehr dicht, aber es gab nur wenig Unterholz, so daß er unbehindert unter dem Gewölbe der Zweige reiten konnte. Er befand sich jetzt in einem mehrere Morgen großen Winkel, wo statt Eichen und Madronjos stattliche Fichten wuchsen. Am Fuße eines steilen Hanges stieß er auf eine prachtvolle Gruppe, die um eine kleine murmelnde Quelle standen. Er hielt sein Pferd an, denn neben der Quelle sah er eine wilde kalifornische Lilie. Es war eine wundervolle Blume, die in diesem Kirchenschiff von hohen Bäumen wuchs. Wenigstens acht Fuß hoch, erhob sich ihr Stengel, gerade und schlank, grün und nackt, bis zu zwei Drittel seiner Höhe, und dort brach«ine Fülle schneeweißer, wachsartiger Glocken hervor. Es waren Hunderte dieser Blüten, alle an einem Stengel, fein abgewogen und ätherisch zart. Daylight hatte nie etwas Aehnliches gesehen. Mit einem unklaren religiösen Gefühl nahm er den Hut ab. In diesem Frieden war kein Raum für Verachtung und schlimme Gedanken. An dem steilen Hang über der Quelle wuchsen zierliche Farnkräuter: gestürzte, mit Moos bewachsene Baumriesen lagen hier und dort, sanken langsam und wurden eins mit dem Waldboden. Auf einer kleinen Lichtung, etwas weiter fort, schlangen sich wilder Wein und Ielängerjelieber in grünem Ueberfluß um die alten knorrigen Eichenstämme. Ein graues Eichhörnchen huschte auf einen Zweig und be- trachtete ihn. Irgendwoher erklang das Hämmern eines Spechtes. Diese Töne störten nicht die feierliche Ruhe des Ortes, sie gehörten hierher und machten die Einsamkeit erst vollkommen. „Als wäre es«ine andere Welt," flüsterte Daylight leise. Er band sein Pferd an einen Baum und wanderte zu Fuß durch die Hügel. Die Höhen waren gekrönt von Jahr- hunderte alten Tannen, die Hänge von Eichen, Madronjos und Christdozjp bewachsen. Hier gab es keinen Weg für sein Pferd, und er kehrte zu der Lilie am Bach zurück. Zu Fuß, strauchelnd und stolpernd, das Pferd am Zügel führend, er- kletterte er die Hügel. Farnkräuter bildeten einen Teppich zu seinen Füßen, der Wald stieg mit ihm und wölbte sich über seinem Haupte, und immer spürte er die reine Freude und Süßigkeit in seinem Herzen. Auf dem Gipfel kam er durch«in seltsames Gebüsch samtstämmiger Madronjos, und dann tauchte der offene Hang vor ihm auf, der in ein kleines Tal hinabführte. Im ersten Augenblick blendete ihn der helle Sonnenschein, und er blieb stehen, um ein Weilchen auszuruhen, denn er keuchte vor AnstrenMng. In allen Tagen hatte er keine Atemnot, keine so leichte Ermüdung der Muskeln gekannt. Ein kleiner Bach floß talabwärts über eine Wiese, auf der kniehohes Gras und blaue und weiße Anemonen wuchsen. Die Hänge des Hügels waren mit Lilien und wilden Hyazinthen bedeckt, die sein Pferd langsam, fast zögernd durchschritt. (Fortsetzung folgt.) Klinik Köln, beginnt sein Gutachten mit dem Ausspruch: Im allge- meinen wird viel zu viel Gewicht auf Zeugenaussagen gelegt. Wenn man schon die Aussage eines normalen Menschen vorsichtig bewerten muß, so halte ich eine Verurteilung aus Grund der Aussage eine» so tiesftehenden Idioten wie Hannes Itogens für eine wahr« Unmöglichkeit. Der SachverstSndige bölegt feine Anschauung von Hannes Rogens mit zahlreichen Einzelheiten. Man kann aus einem solchen Jungen, so fährt er fort, alles herausfragen, z. B. durch mehr- mal ige Fragen:„Also, Joseph war da?" kann man schließlich «in Ja' erzielen. Ich halte es für so gut wie unmöglich, daß er in der Verhandlung spontan irgend etwas erzählt haben kann, das auf Wahrheit beruht. Das Gericht hat ihn nicht vereidigt. In einem solchen Falle darf man aber die Angaben eines solchen Menschen auch nicht im Urteil verwerten. Die Möglichkeit, daß Hannes einmal etwas Richtiges sagt«, ist zuzugeben. Aber ich muß mich dagegen wenden, daß man es oerwertet. Die Verhandlung wird am Dienstag früh fortgesetzt. Es soll dann zunächst der frühere Verteidiger Jakubowskis, Rechts- anmalt Koch, vernommen werden. Kampf den Geschlechiskrankheiien! Eröffnung der Aufklärungswoche. vi« vom hauptgesundheitsamt der Stadt Berlin zusammen mit den Versicherungsträgern veranstaltete Ausklärungswoche zur Förderung des Kampfes gegen die Geschlechtskrankheiten begann am Montag mit einer Erössnuug»- s I h u n g im Berliner Bathaus, an der Vertreter der Behörde«, der Krankenkassen und der Aerzteschaft teilnahmen. Oberbürgermeister V ö ß, der die Versammelten im Namen der Etodt begrüßte, sprach von dem in der breiten Masse des Volkes durch Aufklärung über die Gefahr zu weckenden Willen zum Kampf gegen die Geschlechtskrankheiten. Das Gesetz zur Ve- kämpfung der Geschlechtskrankheiten habe den Gemeinden als eine Selb st Verwaltungsangelegenheit diese Aufgabe zugewiesen, und zu ihrer Lösung brauche die Stadt freie Bahn, auf der sie(hier spielte der.Oberbürgermeister auf den Streit zwischen Stadtverwaltung und Aerzteschaft an) sich auch nicht durch die Aerzte behindern lassen dürfe. Stadtmedizinalrat Prof. Dr. von Drigalski erörterte die durch das Gesetz geschasfene Rechts- läge,' die ganz andere Maßnahmen als früher ermöglicht, da das Gesetz jedem Geschlechtskranken die Pflicht zur Heilung auferlegt und die Männer davon nicht aus- schließt. Aber der früher gegen die Prostituierten ausgeübte Zwang ist jetzt durch freiwillig« Inanspruchnahme der ärztlichen Für- sorge ersetzt, die in den von der Stadt geschossenen Beratungs- und Bchandlungsstellen für Geschlechtskranke jedem kostenlos und verschwiegen gewährt wird. Den rechten Erfolg werden diese Fürsorgestellen dann haben können, wenn Aufklärung über die Geschlechtskrankheiten und über die Notwendigkeit ihrer Bekämpfung in weitesten Kreisen verbreitet wird. Direktor K ö h n, Verstands- Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Großberliner Versichcrungs- träger, erinnerte an die Zeit, in der nach den Bestimmungen des ersten Krankenversicherungsgesetzes(von 1883) den Geschlechtskrank- Helten bei den Zkrankenkassen eine beschränkende Sonderstellung zu- gewiesen werden mußte, so daß der Kampf gegen sie erschwert w-.irde. Schon vor Jahrzehnten haben aber die Krankenkassen begonnen, ihre Mitglieder durch Flugschriften und durch Vorträge über die Geschlechtskrankheiten aufzutiären, wie es jetzt in der Aufklärungswoche(3. bis 8. Juni) getan werden soll. Die Krankenkassen begrüßen es, bei den Aufklärungsbemühungen die Gemeinden als Bundesgenossen zu haben. Die Teilnehmer der Sitzung besichtigten danach die von der Stadt im Haus« �des Hauptgesundheitsamtes eingerichtete erst? Beratungs- und Behandlungsstelle für Geschlechtskranke. fahrlässige Gchupobeamie. Sie sollten den Schaden wieder gutmachen. Der ungewöhnliche Fall, daß der Slaalsanwall gegen beamtete Zeugen den Antrag stellt, diesen Zeugen wegen ihrer aus grober Fahrlässigkeit beruhenden Anzeige die kosten des Strafverfahrens aufzuerlegen, ereignete sich vor dem Amtsgericht Charloltenburg. Angeklagt war der Kaufmann S. wegen Vergehens gegen die Gewerbeordnung in zwei Fällen. Er sollte in seinem Kolonialwarengeschäst in der Kolonie„Erholungs- h e i m" am 14. Juli und am 3. August v. I. Bier und Schnaps gegen Entgelt ausgeschenkt haben, ohne eine Konzession zu besitzen. Am 14. Juli erschien in dem Laden des Angeklagten der Polizei- hauptwachtmeister Pri etz und stellte fest, daß dort mehrere Personen anwesend waren, die Bier und Schnaps tranken. Dieselbe Feststellung machte am 3. August der Polizeiwachtmeister Rieke. Der Aufforderung des Angeklagten, die Anwesenden zu befragen, ob sie für die Getränke etwas bezahlt Hütten, kamen die Beamten nicht nach und lehnten es auch ab, sich von den Gästen den Sachverhalt auseinandersetzen zu lassen. Sie erstatteten ohne weiteres Anzeige. Bor dem Amtsgericht bekundete eine Reihe von Zeugen übereinstimmend, daß in beiden Fällen der Angeklagte die Getränke unentgeltlich verabreicht hatte. Nach diesem Beweisergebnis beantragte der Staatsanwalt, den beiden Schupowachtmeistern die Kosten des Verfahrens aufzuerlegen, weil es ihre Pflicht gewesen wäre, sich über den Sach- verhalt zu vergewissern. Der Vorsitzende oerkündete, daß der Angeklagte als' unschuldig freigesprochen sei. Sämtliche Kosten des Verfahrens einschließlich der Verteidigung legte das Gericht der Staatskasse auf. An die Beamten richtete der Vorsitzende die dringende Mahnung, in künftigen Fällen sorgfältiger ihre Anzeigen vorzubereiten. Es sei ihre Pflicht, auch deü Angeschuldigten zu hören. Der Raubüberfall im Hausflur. Die Untersuchung der Kriminalpolizei zu dem seltsamen Raubllberfoll auf den 2l1jährigen Angestellten S. der Firma Zuntz sel. Wwe. Hot noch keine volle Klarheit gebracht. Die Plut- spuren rühren in der Hauptsache, wie inzwischen festgestellt werden konnte, durch einen Schlag aus die Nase und nicht gegen den Magen, wie der Ucbersallene erzählte, her. Geraubt sind ins- gesamt 2S0l> Mark. Alle Einzelheiten des Ueberfalles werden von der Polizei noch einer genauen Prüfung unterzogen. Besonders eigenartig berührt der Umstand, daß die Täter, nachdem sie ihr Opfer niedergeschlagen und bewußtlos gemacht hatten, in dem Haus- flur, in dem sie keinen Augenblick vor der Uebcrraschung durch Hausbewohner sicher waren, sich auch noch der Mühe unterzogen, den Angestellten so umständlich zu fesseln. 5prcchchor für vrolelorische Feierstunden. Heute, Ig'/, Uhr, UebrntgZ- stunde im Gesansssaal der Sophtenschule, Beinmeisterstr. 1S/l7. Die zerstückelte Krauenleiche. Auch der zweite Arm bei Schildhorn gelandet. Trotz der unermüdlichen Arbeil der Polizei ist es noch nicht gelungen, das Geheimnis des grauenhaften Frauen- mordcsbei Schildhorn zu entschleiern. Gestern nachmittag ist nun bei Schildhorn durch den Relchswosserschuh auch der zweite Arm der zerstückelten Leiche av» der Hovel geborgen worden. Der Fund wurde dem Schauhaus zugeführt. Die Polizei tappt weiter völlig im Dunkeln, und die weiteren Er- mittlungen dürften besonders schwierig sein, da ja über die P e r siö n l i ch k c i t der Ermordeten bisher rein gar nichts bekannt ist. Aus diesen? Grunde ist die Polizei auf die Mithilfe des Publikums angewiesen: es werden daher alle Personen, die irgendwelche Mitteilungen machen können, unter Hinweis auf ein« Belohnung von 1000 IN., ersucht, ihre Wahrnehmungen den Kriminalkommissaren Dr. Braschwitz und Zapfe im Polizei- Präsidium zu melden. Nach den Leichenteilen zu urteilen glaubt man, daß die Tote eine etwas beleibte Frau von mittlerer Größe gewesen ist. Die Hände sind verhältnismäßig klein und weisen keine Spuren harter Arbeit auf. Die Nachforschungen nach den noch sehlenden Körperteilen wer- den intensiv fortgesetzt. Bisher läßt alles daraus schließen, daß die Zerstückelung der Leiche mit größter Ruhe äußerst fachmännisch vorgenommen worden ist. Denn auch der gestern gelandete zweite Arm ist zuerst aus dem Gelenk gekugelt und dann a b- gesägt worden.__ Oer Mann, der seine Krau erwürgte. Statt 6 Zahre Zuchthaus Vh Jahre Gefängnis. Zum zweiten Ittale beschäsiigle sich gestern das Schwur- geeicht I mit der Chelragödie des schon bejahrten Reisenden Alberl S t r e I ch h a n. Zm INai v. Z. hatte Streichhan nach ZZjähriger Ehe seine Frau eines Morgen, im Bett erwürgt. Nach seiner Angabe war die Tat bei einer Auseinander» s e tz u n g über das chewidrige Verhalten seiner Frau im höchsten Affekt verübt worden. Das Schwurgericht hatte im vorigen Sommer Streichhan unter Vcrsiigung mildernder Umstände z u 6 Jahren Zuchthaus verurteilt; auf Revision hin hatte das Reichsgericht dieses Urteil kassiert, weil das Schwurgericht nicht genügend das Eifersuchtsmoment berücksichtigt hatte. Es wurde gestern daher noch einmal der ganze Fall aufgerollt, und das neue Schwurgericht kam zu einer ganz andcrerk Auffassung. Unter Zubilligung mildernder Umstünde im Sinne des Z 213 StGB., wonach der Angeklagte zu der Tot gereizt worden war, wurde Streichhan jetzt zu 2V2 Jahren Gefängnis ver- urteilt. Es wurde ihm auch die Untersuchungshaft von nahezu 13 Monaten voll angerechnet. Geständnisse des Zigeunerhaupimanns. Oer Nofchauer Menschenfresserprozeß. Sascha«, S. Juni. Im Verlauf der Vernehmung des Zigeuner- Hauptmanns Filke im Menschenfresser- Prozeß gab dieser eine eingehende Darstellung aller sechs Mordtaten, die ihm zur Last ge- legt werden. Bei Plünderung des Kaufmanns David Roth sei er, Filke. zusammen mit Hudak in die Wohnung des Kausmannes eingedrun- gen, nachdem sie vorher ihre Gesichter mit Ruß geschwärzt hätten. um sich unkenntlich zu machen. Bei der Ermordung des 1 4 j ä h r i- gen Gymnasiasten Ondresco Hobe Paul Ribar den Knaben niedergeschlagen, während er das Verbrechen„überwachte". Bei dem Morde an der unbekannten Frau sei er insofern beteiligt ge- wesen, als er, nachdem Paul Ribar die Unbekannte erdrosselt hätte, ihre Leiche in den Wald geschleppt und sie dort oersteckt habe. Bei der Ermordung des Holzsällerpaares Kocerha, die von Paul Ribar und Hudak ausgeführt wurde, habe er unter der Tür gestanden und zugesehen. Außerdem sei er an dem Morde an dem jüdischen Kausmann Ruszniak in Szepsi beteiligt gewesen. Miliiärzug in Sachsen verunglückt. Vier Todesopfer, mehrere Verletzte. Königsbrück(Sachsen), Z. Juni. Heute nachmittag stürzte in der Nähe des Bahnhofs Laußnitz ein Wage« eines Militärzuges um, ein zweiter Wagen e n t g l e i st e. Nach den bisherigen Fest- stellnngen find vier Todesopfer zu beklagen, ferner wurden einige Personen schwer verletzt. Hauseinsturz in Aeapel. Drei Tote, mehr als dreißig Verwundete. In Neapel stürzte auf dem Korso Viktor Emanuel ein fünfstöckiges Miethaus ein. Das Haus hatte schon seit einiger Zeit bedrohliche Sprünge gezeigt: es war deshalb kürzlich einer Reparatur unterzogen worden. Nachdem noch am Sonntag früh der Haus- besitzer erklärt hatte, daß keine Gefahr bestehe, fielen abends mit großem Krachen mehrere Balken auf die Straße hinab. Die Bewohner hatten keine Zeit, sich auf dieses Warnungszeichen hin in Sicherheit zu bringen, denn wenig« Sekunden später sank unter donnerndem Getöse der große Mittelbau des Hauses in sich zu- sammen. Ein Teil der Hausbewohner wurde unter mehreren hun- dert Doppelzentnern Schutt begraben. Polizei und Pioniere, die sofort zur Hilfeleistung herbeieilten, konnten drei Tote bergen. Außerdem wurden über 30 Verwundete aus dem Trümmer- Haufen ausgegraben. Man vermutet, daß sich noch mehr Menschen unter den Schuttmassen befinden._ Grubenbahnunglück bei Görlitz. 24 Verletzte. S 0 h l f 0 r k. 3. Zunl. Aus dem Braunkohlenbergwerk Stadl Görlitz ist heute gegen 11 Uhr auf der Grubenbahn ein von einer Loko- molive gezogener Personenwagen aus einen vollen Kohlenzug aufgefahren. Im Personenwagen befanden sich 3 4 Kohlenhändler und der Bergwerksdireklor Slrangfeld. Es wurden 24 Personen verletzt, davon süns schwerer. Unter den schwerer Verletzten besindet sich auch Bergwerks- direktor Strangfeld. Die Verletzten wurden größtenteils durch Das Sonntagmittagkonzert ist eine ständige Einrich- tung geworden— und man freut sich darüber. Jlja L i v s ch a k 0 s f mit' seiner Kapelle hatte gerade die richtige angenehme Programm- Mischung dafür getroffen. Am Nachmittag zog die Kapelle Otto K e r m b 0 ch auf. Am Abepd gab es«in wirklich wertvolles popu- läres Konzert. Selmar M e y r 0 w i tz wußte selbst die allzu oft gespielte„Arlesiennne-Suite" Bizets wieder zu starkem musikalischen Leben zu erwecken. Klau- Groth, dem am 4. Juni 1899 verstorbenen Dichter, war am Montagabend eine kleine Gedenk- seier gewidmet. Nachträglich sei noch eines Vortrags gedacht, den der Deutschlandjender verbreitete. Der Geschäftsführer des Ar- beiterradiobundes Sc galt sprach über die„Stellung der Rundfunkhörer zum heptigen Sendeprogramm". Er betonte, daß die Weltanschauung der sozialistischen Arbeiterschaft dorm zum großen Teil unberücksichtigt bleibe. Aus diesem Grunde forderte Segall eine Vermehning der Arbciterstunden, wie sie von Professor Boldt auf der Deutschen Welle eingeführt wurden. Die Arbeiterschaft muß nicht nur zuhören, sondern auch Kritik an Bor- trag und Sprecher üben. Jeder Vortragende sollte sich bei der Bc. Handlung seines Themas darüber klar fein, zu wem er sprechen will. Die Anregungen des Vortrags sollten bei den Programmbearbeitern des deutschen' Rundfunks Beachtung finden. Tcs. Auto in ihre Wohnungen befördert. Lebensgefahr besteht bisher bei keinem der Verletzten. Ueber die Ursache des Unfalls wird die Untersuchung noch Klarheit ergeben. Cm besonders schlechtes Gesetz. Bela Groß fühlt sich im Stinnes-prozeß unschuldig. Zm Stinncs-Prazeß beschloß am Montag das Gerichl. de« ehemaligen Reichskommissär für die Ablösung enkwerteker Mark- anleihen, Staatssekretär heinrici, als Sachverständigen zu laden. Zn seiner forlgesehlen Vernehmung fahle der Angeklagte B ela G r 0 s z seine Ausführungen dahin' Zusammen, daß nach seiner Meinung wegen seiner Veleiligung an dem Anleiheablösungsgeschäst gegen ihn höchstens eine O r dn u ngssiräs e verhängt werden könnte. Da aber die von ihm veranlahten Ablösungsanlräge wieder zurückgezogen worden seien, komme auch eine Ordnungsstrafe nach seiner Auffassung nicht in Frage. Seine Auslieferung an Deutschland, so erklärte Bela Grosz weiter, Hobe er selbst gewünscht, und«r komme auch freiwillig zu diesem Prozeß, um alles klarzulegen. Im übrigen habe Reichs- tommiffar Heinzmann ihm einmal erklärt, daß das Ablöse- gesetz ein„provokant schlechtes Gesetz" sei. Aus Verlangen des Staatsanwalts sollte sich Groß dann darüber äußern, wie man sich bei den bisher erörterten sehr erheblichen Un- kosten des Geschäfts von zirka 463 990 Mark überhaupt einen lohnen- den Gewinn herausgercchnet hatte und wie er verteilt werden sollte. Groß wich jedoch trotz aller Borhalte einer klaren Beantwortung aus, betonte nur, daß sein materielles Interesse gar nicht besonder» groß gewesen sei, und daß er nicht wissen könne, wie sich die einzelnen Beteiligten ihre Gewinnchancen berechnet hotten. Bor s.: Hatte Nothmann sich ausgerechnet, wieviel er mit 199 999 Mark verdienen könne? Groß: Meines Wissens nicht. Später wurde die Verhandlung vertagt. Schlafend ins Wasser gefalle». Auf tragische Weise ist gestern nachmittag der 47jähr:ge Zimmermann Gustav Schleifer aus der Bernaucr Straße 9 ums Leben gekommen. Sch. angelle vor dem sage- nannten Kiewitt bei Potsdam vom�Kahn aus. Dabei ist er insolge des langen Stillsitzens eingeschlafen, über Bord g e- fallen und ertrunken. Die Leiche wurde geborgen.— Beim Ueberschreiten des Fahrdammes an der Ecke Prinzen- und Gitschiner Straße wurde gestern nachmittag der Söjährige Kassenangestellte Otto G e r n dt aus der Blumenstraße 6 von einem Lieferauto überfahren und tödlich verletzt. Der Dichter Karl Slernheim, der schon wiederholt an geistigen Störungen gelitten und die letzten Monate in einer Anstalt in Kreuzlingen zugebracht hat, ist dieser Tage in das Sanatorium Westend übergeführt worden. Sein Zustand ist besorgnis- erregend. Aus der Partei. Genossin Ida Braun bittet uns namens der Angehörigen des dahingeschiedenen Genossen Dr. Adolf Braun ollen denen, die aus Anlaß des Todes ihres Vaters Beweise ihrer Teilnahme gegeben haben, tiefgefühlten Dank zu übermitteln. muöö SL: «n-OWsuUig ietM-, ob/wv iot nöeü'vSöUvt auch scaKt uvuLiv&jhj! fahrt 0$! Öd UHrttä AeUr Yw£dßi ßdyUjyuL r9cL J&i/ft X/yyi> IbiHdZ'. Einsendungen für diese Rubrik find Berit» SV 68, Liudeustraze Z, Pariemachn'chien für Groß-Verlin stet» an da» Bezirlesekretariat 2. Hof, 2 Steppen recht», zo richte». Z. Are!, Tiergarte». Donncrsiag. 6. Juni, ISs? Uhr, in der Spedition Wilhelmshaven er Str. 48, Sitzung der Zeitungskommisfionen. 3. Ärciß Wedding. ktrei»mitglieder»ersam»lu»g am Da»»er»tag, H 6. Iu»i, Wi Uhr, im Patze» haser Zluaschank, Ehaufieestr. 64. Tage». K-? ordnu»g: Bericht»am Parteitag. Reseregt.Matz Urich. 5. firei» firiedrichehai». Mittn.och, 6. Juni, IB'j Uhr, Bezirk»-■ Versammlung im Rath-u», Sladtvclordnctenfitzuug»iaal. 7. Kreis Eharlottenburg. Kreismitglicderoersommlung am Donners- C 6. Zuni, 16' e Uhr, in Ahlert» Festsälen, Berliner Str. 88. Tage». Z W ordruag:.Der Parteitag i» Magdeburg",»«richterstatter: Dr. Sieg- l- M fried Kamerau. Mitgliedsbuch legitimiert. m>4. Kreis Neukölln. Heute, Dienstag. 4. Juni, lkreisnritgliederver. KZ sammlung um l»'� Uhr im Städtischen Saalbau, Bcrgstr. 147. Bericht Kz vom Parteitag in Magdeburg. Z2. Abt. Achtung! Die durch die sseitungskammission einberufene Sitzung mit den Funktionären in Schmidts Gesellschaftsbaus sillt umständehalber mu«. Nächste Sitzung wird noch dckanntgemacht. Morgen, Mittwoch. 5. Juni. 41. Abt. 26 Uhr ssahlabcnd« in folgenden Lokalen: 1. Gruppe: Lokal Söbel, Tempelhoser User 6; 2. Gruppe: Lokal Erdmann, Belle-Allianee-Str. 73»; 3. Gruppe: Lokal Fcchncr, Fidicinstr. 4; 4. Gruppe: Lokal Schuster, Ehamissoplotz 4; 5.—«. Gruppe: Lokal Lutze. Bergmannstr. SS; 7. und 8. Gruppe: Lokal Schult. Maricndorfer Str. 6. Eharlottenburg. 61. Abt. 26 Uhr bei Lehmann. Königsweg 8, Funktionär. sitzung.— 57. Abt. 20 Uhr im Lokal Goethe-Eck, Goethe sie. 64, wichtige Funktionärsitzung.— 58. Abt. 20 Uhr im Ranke. Haus, Rankestr. 4, vorn 4 Treppen. Porstonds» und Funktionärsttzung. 82. Abt. Steglitz. Pünktlich 26 Uhr bei Echellhose, Ahornstr. 15a, Funktionär. sitzung. 84. Abt. Lankuntz. 20 Uhr bei Lehmann, Kaifcr-Wilhelm-Str. 20—31, Funk. tionärsitzung. Frauenveranslaltungen. 6. Are!» streuzberg. Heute, Dienstag, 4. Juni, 26 Uhr, in Robe» Fest, sälen, Fichtestr. 26, Vortrag des Genossen Dr. Wolsgang Herbert über ..Ludwig nc» Drethovcn als Mensch und Künstler". Anschließend gemüt. lichcs Beisammensein. 13.«reis Tempelhol, Marieudors, Rarienieldc, Lichtenrade. Alle Genossinnen t reifen(ich Mittwoch, 3.?uni, pünktlich 6 lg Uhr am Unterarundbahnhos Flughafen zum Besuch der Weltlichen Schule in der Pankfiraße. 17. Krei« Lichtenberg. Heute, Dienstag. 4. Juni, lO'-i Uhr. bei Akbrccht, Boxhagener Ecke Nene Bahnhofftraße..Di« Frau in Politik und Wirt. schasl." Neferentin Luise Kähler, M. d. L. »3. Abt. Nenkölln. Die Genoffinnen treffen(ich Mittwoch, 5. Funi, 9 Uhr, Bahnbof Kaiser, Friedrich, Straße zur Besichtigung der Ausstellung„Gas und Wasser". 162. Adt. Baumschnlrnroeg. Der Frauenabend findet umständehalber erst am Mittwoch. 5. Juni. IlK». Uhr. bei Haß. Raumschulrnstr. 72. statt...Die sozialhngienischen Einrichtungen des Bezirks Treptow." Referent Stadt. arzt Dr. Boeder. 114. Abt. Lichtenberg. Alle Genossinnen beteiligen sich am heutigen Kreis- frauenabend. sSiehe Notiz 17. Krei») 121. Abt. Karlsborst� Alle Genossinnen besuchen den heutigen Kreissrauenabend bei Albrecht. Bozhogener Site Neue Bahnhofslraße. Fahrnerbindung mit der Linie 13 oder mit der Stadtbahn bi» Stralau-Rummelsburg. 123. Abt. Kaulsbort. Die Genassinnen werken gebeten, sich nollzählig am heutigen Krcisirauenabend bei Albrecht, Boxhagcncr Ecke Neue Bahnhoj, straße, zu beteiligen. Fohrpcrbindung mit der Stadtbahn bis Stralau. Rummelsburg. 132. Abt. Blankenburg. Die Genossinnen und Freunde unserer Sache per. ansialten am Donnerstag, 6. Juni, einen Ausflug nach Tegel. Abfahrt ad Blankenselde pünktlich 13.05 Ahr. Bezirksausschuß für Zlrbeikerwohlfahrk. 7. Krei« Ehaelottenbupg. Am Dienstag. 4. Juni. Besichtigung des Mogda- lenenheimes in Teltow. Lichterfeldcr Str. 4. Treffpunkt um 13 Uhr vor dem Heim. Fahrverbindung: Vom Bhf. �oo mit der 177, dann umsteigen in die 166, oder pom Wannfcebahnhof bi» Lichterfrlde-Ost. dann umsteigen in die 166. Landlvirtschastsdebaite im Reichstag. Sozialdemokratie für wirkliche Hilfe, aber gegen Zollwucher. Der Reichstag ist am Montagnochmittag wieder zusammen- getreten. Vor Eintritt in die Tagesordnung verlangt Abg. Graf Westarp tDnat.), daß der Außenminister vor seiner Abreise nach Madrid, also noch in der ersten Halste dieser Woche, dem Reichstag über die Pariser Vereinbarungen berichte. Durch diese Vereinbarungen werden zwei Generationen mit unersüllbaren Verpflichtungen belastet. In Madrid soll das bindend festgemacht werden. Vorfyer muß der Reichstag gehört werden. Präsident Löbe: Im Aeltestenrat hat die Rcichsregierung mit- geteilt, daß die Abmachung über die belgischen Morkbeträge noch aussteht und die Pariser Verhandlungen auch noch nicht abgeschlossen sind. Erst in der zweiten Hälfte der Woche glaubt die Reichs- regierung im Besitz des Ergebnisses zu sein. Abg. ZNaslowski(Komm.) will die Anträge und Interpellationen seiner Partei wegen der blutigen Maitage usw. heute beraten sehen. Ablehnung würde die Feigheit(Rüge des Präsidenten), die erbarm- liche Angst der Mehrheit und der Regierung bKveisen. Abg. v. Lindeiner-Wildau(Dnat.) unterstützt den Antrag Westarp. Präsident Löbe: Reichskanzler und Außenminister wollen morgen im Auswärtigen Ausschuß Auskunst geben; für das Plenum ist es noch zu früh.— Die kommunistischen �Anträge werden noch in dieser Woche beim Etat des Innern besprochen werden können. Abg. Dr. Äreitscheid(Goz.): Di« Verhandlungen der Sachverständigen sind zur Stunde noch nicht abgeschlossen. Es wäre unmöglich, über den Pariser Bericht erfolgreich zu diskutieren, che dieser Bericht uns in seinem Wortlaut » Während der Ferien- und Reisezeit ■ kann der„Vorwärts" und der„Abend" auf jede Dauer allerorts bezogen werden. Touristen und Wanderer B fordern das Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands bei den Bahnhofsbuchhandtungen, Zeitungs- Kiosken, Buch* handlungen und sonstigen Verkauftstellen. SPD..Fraktion bt» Bezirlsawl« Ochönebera-Ftiesena». Lersann». S2 luny de» parieigrnisfische» Arbeiter, Angastellten unk Beamten de» m S«jttk«amt» am Dannerataß, 6. Juni, 26 Uhr. bei Will, Schönebcrq, W Marti», Luther-Str. 6». Psrtrag:»Der Kamps nm die Permaltnnp KZ Berlin»". Reserent Dtvdtnervrbnetcr Hans Wsywsk. Erscheinen aller t-z KZ bringend erforderlich. Sgwpathisierrnbe find«ingelabe». Gunter, Jungsozialisten. Gruppe Lichtrnberg: Heute, Dienstag, 26 Uhr. im Iugrndhrim firaße 44.„Der Magdeburger Parteitag". Referent Hans Waldmann. Grnpp« Tempelhas-Mariendarf: Heule, Dienstag, 4. Juni. 26 Uhr, im Jugendheim Tempelhof, Geemaniastr. 4—6, Varlrag:..Die englischen Wahlen und ihre Bedeutung sür den inlernationalen Sazialismus". Referent Paul Bernstein. Werbebezirk Westrn: Grnasse Siegfried Bernfeld lpridzt am 7. Juni im Schwaben landzimmee, Hanptftr. 15, über„Grziehungsfragen". Arbeitsgemeinschaft der kinderfreunde Groß-Berlin. Achtung! Mittwoch. 5. Juni, 26 Uhr, findet die fällige Heisersitzung statt in der Friedrlch.Berderschen Oberrealschule, Weinmeisterstr. 15, Aula sauf Hausnummer achten). Sterbetafel ber Groß- Berliner Partei« Organisation Z2. Abt. Nach schwerem Krankenlager verstarb am 30. Mai unsere Genossin Krause. Kcinigsbcrger Ltr. 3i. Ehre ihrem Andenken! V SozialistischeArbetterjugendGr.-Verlin »tn'endimaeo fär dies, Jtubrtt nur an da« Zügen dsekreterläl Berlin ED 68. Ttndensiraße 3 Achtung! Di« Wien-Eamwelllsten müssen sasaet abgerechnet werden; sür die Anmelbnng sür Wien Mittwach, 5. Juni, letzter Tennin. Heute, Pienslag. lg)4 Uhr. Abteilungsmitgliederversammlungen: Söllnisiber Part: Heim Waisenstr. 18.— Rasenthaler Porstadt: Schul« Elisabeihkirchstr. 19.— Westen II: Heim Bülowstr. 88.— Brnnnenplntz: Heim Pank. Ecke Wikscnstraß».— Sesnnbbrunnen l: Schule Eatrnburger Straße 2.— Schillerpark: Schule Schöningstraßc.— Wedding, R. F.: Schule Lütticher Str. 4.— Wedding-Rard: Heim See- Ecke Turiner Straße.— Ar»»- N'alder Platz: Heim Rastenburger Ecke Wrhlauer Straße.— Hrlmhaltzplatz: Heim Danziqcr Str. 62.— HahenschZnhaulen: Ed)ule Dingelstädter Straße.— Rardast: Heim Danzigcr Str. 62.— Wärtder Platz: Schul« Kastanicnallre 82. — Hasenhesb«: Helm Wassertarstr. 6.— SSben: Heim Barcksir. ll, g. 5.— Schäncbeeg l: Heim Hauplstr. 15.— Schöncbcrft IV, Ä. F.: Heim Haupl. straße 15.— Hermsdars: Seim Raanftraße.— Reinickendars vft: Seim Li». dauer Straß«, B. 1.— Niederschönhansen: Schule Blankenburger Str. 76.— Pankow II: Heim Därschstr. 14.— Ientrnm: Heim Landsberger Str. 56. „Berufserlebnisse."— Reinicken dort. Welt: Heim Eeidelstr. 1.„Der Parteitag." — Britz I: Margen, Mittwach. FunktianSrsitzung im..Hufeisen".— Süd- westen: Heim Baeckste. ll sEssenausgahe). 26 Uhr Funktionärsitzung.— Neukölln Vlll: Veranstaltung in der Baddin-Aula fällt au». Heimabend und Wieniartenabrechnung Schule Rütlistraße. SSG. Neukölln: Margen, Mittwoch, 19 Uhr, Heim Bergstr. 29:„Das Kommunistische Wamsest". Bcrbebezirk N-nkälln: Die Werbebezirksmisgliederoersammlung sindet nicht statt. Alle Gruppen begeben sich in ihre Zugendhrime. Dir Werbehezirks. Versammlung findet erst am Freitag statt. Vorkrage, Vereine und Versammlungen. Reichsbanner..�chwarz-Rol-Gold-. Ges'chöstzstelle: Berlin S. 14. Sebasttänstr. Z7/38. Hol 2 kr. Ortsoeerin Mitte: Dienstag. 6. Zuni, 26 Uhr. Kameradschaitener. mw-» sammlung der 5. Kameradschaft im Rasenthaler Haf.— Drtsver. ei» Reinickenbars, Kameradschaft Wittenau: Außerardentliche Mitgliederper. sammlung Donnerstag. 6. Juni. 26 Uhr. d-i Albert Schulze. Dorfauc. Verband sozialdemokratische««ladennler sBerlin.Friedrnau, Hähnelstr. 3). Zusammenkunft Mittwoch, 5. Juni, 26 Uhr, bei Bettermann, Patedamer Str. 54, Hochbahn Bülawstraßc._________ wellerbericht der össenllichen Wetterdienststelle Lerlin und Umgegend. sNachdr. herb.) Wechselnd bewölkt, noch einzelne Regensölle, müßige bis friiche westliche Winde. Später wieder kühler.— Für ventschlemd: Ueberall beründerltcheS, zu einzelnen Regensällen neigendes Wetter. Später von West nach Ost sortschreilende Abkühlunz. Sommerfrischler lassen sich den„Vorwärts" bei einer Aufenthaltszcit bis zu einer Woche per Kreuzband nachsenden. Das Porto beträgt wochentags 10 Pf, Sonntags 15 Pf. tpro Woche 70 Pf.). Bei längerem Aufenthalt ist der „Vorwärts" auf dem billigeren Wege der PostÜberweisung zu beziehen, welche die Hauptexpedition vornimmt In diesem Falle kommen zu dem Abonnementsbetrage nur die Postbestellgebühren von 72 Pf. pro Monat Wenn Nachsendung der Zeitung gewünscht wird, ist die in Frage kommende Ausgabestelle oder die Hauptexpedition des „Vorwärts", Berlin SW 68, UndenstraBe 3, möglichst eine Woche vorher zu benachrichtigen. Laubenkolonisten wird der„Vorwärts*4 durch Boten zugestellt Genaue Bezeichnung der Laube ist erforderlich. Postabonnenten I müssen die Nachsendung mindestens 2 tage vor der Abreise tunlichst schriftlich bei der Zustell- Postanstait beantragen. Vnru/ärtc.Xforlan sw«8, und«n*traB« 3 vorwaris-veriag Farnspraehor Dönhoff 293-397 "vorliegi. Autzerilcju ist c» doch allgemeine Auffassung, daß die Sach- : verständigen ünbecinflußt von jeder politischen Erwägung oder Iustänz beraten' sollen.(Höhnische Zurufe rechts.) Wenn Sie uns einen Beweis bringen können, daß wir di« Sachverständigen irgendwie zu beeinflussen versucht haben, so wäre wir sehr dankbar. Und das ist der einzige Grund, warum wir bedauern, diese Debatte noch ausschieben zu müssen. Sobald die Pariser Ergebnisse einen politischen Charakter angenommen haben, wird der Reichstag selbst- verständlich zu ihnen Stellung nehmen, und erst dann wird eine solche Debatte nützlich sein können. Abg. Dr. Bredt(Wirtsch.-P.) hält den Zeitpunkt für die Debatte noch nicht gekamnien. Ein Antrag Arick(Rot.-Soz.) aus Herbeirufung der Rcichsregierung wird abgelehnt, ebenso der Antrag Westarp. während der Antrag Maslvwski durch Widerspruch aus dem Hause erledigt wird. Darauf wird die Beratung des Etats des Reichsernährungs- Ministeriums fortgesetzt. Abg. Tanßen(Dem.) wendet sich scharf gegen die agrarisch- nationalsozialistisch-demagogische Hetze aus dem Lande, der auch die Bombenanschläge in Nordwestdeutschland, zuletzt das Attentat auf das Lande sfinanzamt in Oldenburg zuzuschreiben seien. Wir sordcrn von den Regierungen schärfstes Vorgehen gegen eine Hetze, die solche Folgen nach sich zieht. Die notwendige Hilfe für die Landwirtschaft wird durch solche Mittel nicht erreicht. Wie vor dem Krieg muh wieder die Einsuhr von Rindvieh und Rindfleisch alljährlich in den Monaten August bis November verhindert werden. Abg. Serschbaum(D. Bauernp.): Im scharfen Gegensatz zu der Rot der Landwirtschaft, die auch die Kinder der Bauern vom Lande oertreibt, stehen die immer weiter gesteigerten Gehälter der Beamten. Abg. Meyer-Hannover(Ehr. Bauernp.): Die Landwirte ver- stehen es nicht, iah der Reichstag die Beratung dieses Etats zweimal unterbrochen hat. Das Reichsernährungs- und Landwirtschalts- ministeriunr muß nicht aufgelöst, sondern ausgebaut werden. Die Finanzämter gehen in ihrer Abschätzung von Grundstücken sehr weit auseinander und lassen es an Rücksichtnahme gegen die Besitzer stark fehlen. Die Rentenbankzinsen und Roggenschulden sind auf die Dauer nicht aufzubringen. Abg. Tempel(Soz.): Wir bedauern die Kürzung der Etatsmittel zur Förderung der Ralionalisierungsbestrebiingen in der Landwirtschaft von 18 aus 13 Millionen, aber bei der Finanzlage des Reiches war dies unumgänglich. Im Interesse meiner Heimat Hannover-Oldcnburg begrüße ich ganz besonders die Auiwendung von 45 Millionen für die land- wirtschaftliche Siedlung und von 2 Millionen sür die Oedlandkulti- vierung. Sehr erhebliche Zuschüsse und Garantien sind für Ostpreußen bewilligt worden. Ein Vergleich der Auswendungen Preußens für die Landwirt- fchafl in der Vorkriegszeit und jetzt ist sehr lehrreich: 1k>13 insgesamt 58,3 Millionen. 1927 dagegen 139.2 Millionen. 1913 für landwirtschostlichc Hochschulen und Forschungsanstolten 4,9 Millionen, 1927 aber 8,5 Millionen. Für Landwirtschastsjchulen 4.4 gegen 1,5 Millionen, für Hachwasserfchutz usw. 32,7 gegen 17,6 Millionen, sür Förderung der Landeskultur 48,5 gegen 19,2 Millionen. Landwirtschaftliche Fortbildungsschulen bestanden 13 90» im Jahre 1927 gegen 6075 im Jahre 1913 und der Schulbesuch ist in dieser Zeit von III 006 auf 273 000 Schüler gestiegen. Das R e i ch hat im letzten Jahr der Laadwirtschaft u. o. gegeben; 30 Millionen zur Absatzverbesserung, 30 Millionen zur Reorgan!- sation des Bich- und Fleischmokktes, 1 Million zur Förderung des Absatzes von Eiern und Geflügel und 25 Millionen für das Genossen- schaktswesen, 110 Millionen Umschuldtingskredite, 107 Millionen zur Krsditförderung, für die Fischerei und sür die Winzer. Dazu kommen die Reichsgarantie für die Finanzierung der Beschaffung von Kraft- Maschinen, Düngemitteln usw. mit 115 Millionen, sowie die Ost- preußenhilfe, die Steuerermäßigungen und-streichungen. Niemand kann bestreiten, was hier trotz der allgemeinen Rotlage für die Landwirtschaft getan wurde. Draußen aber behauptet man, wir wollten die Landwirtschaft er- drosseln. Das kann man nur aus politischer Blindheit oder aus Bös- Willigkeit, in den meisten Fallen besteht wohl der letztere Grund. (Lebhafte Zustimmung links.) Der deutschnationale Abg. Treviranuz Hot sich hier bemüht, sachlich zu reden— im Gegensatz z» dem üblichen Ton aus den land- wirtschaftlichen Versammlungen. Vielleicht können wir uns theo- retisch über eine Annäherung an die Planwirtschaft mit der Rechten unterhalten, und zwar eher, als mit Herrn Tantzen.(Zurufe des Abg. Tantzm.) Allerdings bei der praktischen Durchführung werden sich sehr erhebliche Disserenzcn Uvischen uns und der Rechten heraus- stellen.(Abg. Tantzen: Wollen Sie denn auch das Monopol?) Wir behalten uns alles vor, aber wenn das Reich und die Länder dauernd so große Mittel sür die Landwirtschast hergeben, dann haben sie auch das Recht auf Kontrolle und Mitbestimmung. Eine gewisse Planwirtschaft wird sich auch in der Landwirtschaft durchsetzen müssen, und die Begriffe dort werden sich unseren An- schauungen nähern. Unter keinen Umständen dürfen die Mittel, die die Allgemein- heit zur Verfügung stellt, so verludert werden, wie das in den letzten Jahren im Genossenschaftswesen geschehen ist. Mährend die altangesehene Raisseisenbank ihre Kredite an die Bauern aus das äußerste reduzierte, hat sie dem Abenteurer llrolzesf, der keine andere Legitimation mitbrachte, als daß er zaristischer oder weißgardistischer Ossizier gewesen sei. 20 Mil- lionen sür die unmöglichen Geschäfte zur versügnna gestellt. sich in die sonderbarsten Unternehmungen hineinziehen stifien und alles verloren. Verantwortlich dafür sind die durchwegs deutschnotionalen Herren der damaligen Leitung. Als sie schon wußten, daß die Raiss- eisenbank im Zusammenbruch war, richteten sie öffentlich di« schwersten Beschuldigungen gegen die P r e u ß e n k a s s c, der allein die Rettung der Raiffeijenbank und die Bewahrung t a u s c n- der Bauern vor dem vollständigen Ruin zu verdanken ist. Dcis sind dieselben Herren, die bei der Inszenierung der Barmat-Hetze im Weinrestaurat„Schifferhaus" die Sektgläser aus gutes Gelingen aneinander stießen. Diese Herren Dietrich, Seelmann-Eggebert und andere waren die Hauptredner vor Landwirten über.Korruption in der Republik". Wallten wir im gleichen Tone reden, so würden wir die Pleite der Raifseiscnbak die Pleite der Deutschnotionalen Volkspartei nennen. Auch die Landbundbank hat 5— 6 Millionsn Mark durch leichtfertigste Kreditgewährung sür abenteuerliche Ge- schöste verloren. Herr o. L o e, der inzwischen wohl den Weg vom rechten Zentrum zu den Deutschnotionalen gesunden hat, riß ossönt- lich die neue. Leitung der Preußenkasse auf das schwerste herunter. während seine Parteigenossen im Ausschuß das gute Arbeiten dieser neuen Leitung anerkannten.(Hört! Hört! links,) Wir hoben auch in der Opposition der Bewilligung gewaltiger Mittel zur Hilse sür die Landwirtschast zugestimmt, draußen aber verhetzt man die Bauern mit den gemeinsten Lügen gegen den Reichstag und die Republik. Die Ausfchxritungen und das Blut, das dabei geflossen ist. fallen-so dieser hetze zur Last. Ich will die Hysfmmg nicht aufgeben,.daß Sic von diesen Methoden abrücken werden." Ich weih nicht, wann Sie Ihr Damaskus gegenüber der Republik erleben werden, aber ich weiß, daß die Bauern sich auf die Dauer«ine solche Führung nicht gefallen lassen werden, und das wird nicht nur politisch, sondern auch Wirtschaft- lich zum Nutzen der Landwirtschast sein. wir fordern, daß gegen jeden Mißbrauch in der Leitung land- wirtschaftlicher Kreditinstitute ous das schärsste vorgegangen wird. Sollte die Justiz versagen— und die Sabotage der Arbeit des Preußischen Untersuchungsausschusses muß Verdacht erwecken—, so hat die Regierung die Mittel, um mit der nötigen Schärse gegen die verantwortlichen Leitungen, natürlich nicht gegen die Bauern, die die Opser sind, vorzugehen. Unsere Unterstützung wird sie dabei haben.(Lebh. Beisall der Soz.) Abg. hörnte(Komm.): Die Krise der Landwirtschast ist ein Teil der Krise des Kapitalismus. Die Suboentionswirtschaft muß auf- hören. Abg. Gras Westarp(Dnat.) verlangt noch heute eine Regie- rungserklärimg, ob sie wirklich die Zollfrage bis zum Herbst ver- schieben wolle. ?1bg. Diernreiter(Bayer. Volksp.): Noch vor der Sommerpause muß der Reichstag der Landwirtschaft ausreichenden Zollschutz ge- währen. Zlbg. Frau Weber(Z.): Der Gemüsebau muß gefördert werden, um die ausländische Einfuhr zu verringern. Ein besonderer Slusschuß beim Ernährungsministerium sollte das Volk über Ernährungssragcn aufklären. (Fortsetzung im Hauptblott.) Giahlhelmerei in München. Die Herren WNhelmSsöhne auf Stroh. München, 3. Juni.(Eigenbericht.) Mit einem Appell auf dem Schwemmsand der Isar in der Nähe des Deutschen Museums und einem anschließenden Parade- marsch ist der Stahlhclmtag am Sonntag ohne Zwischenfall beendet morden. Die Stahlhclinleiwnq bezifsert die Zahl der Teilnehmer auf„etwas über 100 000", während nach den in amtlichen Kreisen vorliegenden Meldungen nur 60 00 bis 70 000 Menschen an dem Stahlhelmtag beteiligt gewesen sind. Hugenberg bestmd sich mit dem deutschnationalen Schars- macher Frijj Thyssen unter den Ehrengästen der Stahlhelin- Kundgebung. Außerdem sah man Mackensen, Tirpitz, Goltz, den bayerischen Iustizminister Gürtler und den national- sozialistischen Reichstagsabgeordnelen Epp. Rcklamehajt wurde be- sonders die Teilnahme von vier Wilhelmesöhnen an den Veranstal- tungen des Stahlhelms hervorgehoben. Sie sollen in der Nacht zum Sonntag mit den gewöhnlichen Sterblichen„sogar" auf Stroh geschlafen haben. Die Schlußrede hielt der zweite Borsitzende des Stahlhelms, Düsterberg, der von dem Stahlhelm-Appell als van einer im Geiste der alten Wehrmacht vor aller Welt beabsichtigten Demonstration sprach. Totsächlich roch die ganze Veranstaltung nach unversälschter, kaiserlicher Kasernenhofluft. Im übrigen warf Düster» berg dem Zentrum und der Bayerischen Volkspartei unchristliche, undeutsche und unwahre Gesinnung vor. Sie trügen ihr Christen- tum nur nach außen und seien gegen die eigenen Volksgenossen vom Haß erfüllt. Dieser Ausfall ist als Quittung für den baye- rischen Ministerpräsidenten und seine Regierung gedacht, der sich trotz aller föderalistisch aufgeputzten Ueberredungstünste des Stahlhelmführers nicht»an seiner Ueberzeugung abbringen ließ, daß der Stahlhelm ein preußisches Gewächs sei und in Bayern nichts zu suchen habe. Dienstag. 4. 6. Staats-Sper Unter d. Linden A.-V. 143 20 Uhr Dienstag, 4. 6. Stüdt. Oper Bismarckstr. Turnus I 20 Uhr Madame Bntterfly Staals-Oper Am Pl.d.Repubt. R.-S. 127 lO'/s Uhr Staat). Sdiausph. am Gendarmenmarkt A.-V. 131 lOVs Uhr Staat). Schüler-Theater, Ctiarltb. 20 Uhr Gespenster Winter k(jarren� 8 u&r• zeoir. 2819• Baadin enaoht| Bon John Jazx�GIrls, Bob Fisher, Neger-Imitator im Stile AI Jolsons— Antonet& Beby, Die berQHmtenl Clowns und weitere Verletz-] Neuheiten. 8 Uhr B 5, Barbarossa 9256 O'Hanlon& zambuni nnd tue weUeren Attraktionen VolUsbllline riieat« imBaiowiiat: 8 Uhr Trojaner Thalia- Theater 8'/3 Uhr narriiaus Komodie Staat). Sdiiller-Tl!. 8 Uhr Gespenster siaaisoner am Platz der Kepadlik 7"! Uhr 4 Carmen CÄSINO-THEÄTER Lothringer Strafe 37, ..ntittar von und ein erstklassiger bunter Teil. FOr unsere Leser: Gutschein für 1—4 Personen Fauteuil nur 1.15 M, Sessel 1�5 M., Sonstige Preise; Parkett u. Rang� u. 8V< Franz iMars Wetter- lolgl Friederike Tel. Steinplatz 5121 Trianon-Th. Täglich SV« Uhr Sonntag JV's u. SV. Gattsplel Oer legere seer BaaenbOhne DIU 3 Dortheiligsn Ein toller Schwank Preise: 2,3,4,SMk. usw. Rundfunkhörer balke Preise. 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RM 6 321 243 1t I 1 513 602 71 953 005 61 1 194 998 91 9982 850 37 RM-V 105 807 05 9 877 043 32 9 982 850 37 «) Davon laufende Steuern RM I 196 895 73. Die Auszahlung der für 1928 auf tO% festgesetzten Di- vidende erfolgt abzüglich 10% Kapitalertragsteuer von heute ab bei: der Dresdner Dank, Berlin und ZweldnlcdcrlMtondeii, der Berliner Handcl«-Gc»clUchafl, Berlin, dem Bank'nause von Gold»chmidt-Roihschlld D Co., Berlin, dem Bankhause Kanold Z. Gröncbcrg, Berlin und an der GaelHAnlUk.«« in BerUn-Tempelhof gegen Elnlieferung des auf Reichsmark lautenden Dividendenscheines für 1928 bzw. des Dividendenscheines Nr. 1 der neuen Aktien Berlin, den 1. Juni 1929. 1 Der Vorstand. Theater am Hoilendcrrplatz Täglich SV. Uhr Die msnner dar manon Operette in 3 Akten v. Walter W. Qoetze DUch. KQnstler-Th. 8V. Uhr Prosit eipsy Operette v.Gilbert Agn« Erterhazy Fritz Sdiulz Rundfunkhörer kalbt Preise mal. am Rotui.ror Kottb.Str.6 Tägl.8 Uhr EHte- Sänger Dil tanifi«,: .Ben nbais grobe Los r Planeiarium » am Zoo—— Virilat. Juiimlhaiet Slnli B. 5 Ba rbarossa 5578 16". Uhr St.rnbililer das Sommers 18". Uhr Oer Qlutball der Sonn» 20". U. Von Pol zu Pol am Slernonhlmmel Tägl. außer Montags Mittw. Erwachs. Mk., Kinder 50 Pf. Mittw.; Erwachsene 50 Pf.. Kinder 25 Pf. HÄ�SURG'AMERIKA LINIE �if�KANADA NSchste Passagier- Abfahrten: D..Cleveland*......... 25.'uni D..Wesfphalia*......... 6. Juli D, ,Thuringia*.......... 20. ull D..Cleveland*......... 30. Juli D..Wesfphalia*......... 14. Aug. M.-5..St. Louis'........ 16. Aug. AUSWANDERER belieben sich wegen aller Einzelheiten zu wenden an: HAMBURQ- AMERIKA LINIE Hamburg 1, Aistardamm 23 oder die Vertretung in: ßeriin, am Zoo. Hardert- bergsfr. 29 a— e. 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Di« eine Gartenseite grenzte an die Straße, die staubig und schmal war und den Eindruck einer Dorfstraße erweckte. Denn obwohl diese Gärten, die diese Straße «ntlangliescn, alle zur Stadt Karan gehörten, war hier alles länd- lich und primitiv, die Straßen kaum fahrbar, die Zäune verbogen und zerfallen, die Dächer der Wächterhütten windschief und vom Regen zerfressen. Unser Haus log am anderen End« der Stadt und wir harten ein« Stunde Wegs bis zu diesem Garten, der in den Erinnerungen meiner Kindheit einen besonderen Platz einnimmt. Moschu, der Wächter, war alt und kümmere sich wenig um sein Amt, er saß vielmehr stundenlang vor der Hütte aus einem großen, weißen Stein in der Sonn« und träumte vor sich hin. Er schlief mit offenen Augen. Ich ging meine eigenen Wege, denn der Garten hatte viele'geheime Plätze und Winkel, und die kleinen, schmalen Pfade inmitten der Hoselnuß- und Ginstersträuche, die geraden Wegzeil«n, die durch das Kukuruzfeld führten, die vsrbor- gcncn Sitze im breiten, schattigen Astwerk der Nußbäume waren für mich von besonderem Zauber. Oft zogen an den Abenden Rauchfahnen in geringer Höhe über den Garten hinweg und ich vernahm aus der Fern« klagenden, eintönigen Gesang. In diesem Gesang stimmten allmählich die Wächtersleute sämtlicher umliegen- der Gärten ein und bei der klagenden, langgezogenen Melodie schwoll mein Herz von unbekannter Sehnsucht. Ich dachte an große, ferne Städte, die ich kaum dem Namen nach kannte, und an ein« Zukunft in Sonne und freier Luft, denn ich wollte Postkutscher werden urch über sämtlich« Straßen d«r Erde fahren. Pier Pferde sollten vor die Kutsche gespannt sein, womöglich Rappen. An den Sonntagen, wenn ich nicht zur Schule mußte, war ich früh auf den Beinen und beeilte mich, oft in Begleitung einiger gleichaltriger Jungen, den Garten rasch zu erreichen. Wir staitien hinter dem Zaun und sahen den Märktlern zu, die mit großem Peitschengcknoll in hohen, überdachten Wagen aus der Straße in die Richtung der Stadt vorbeizogen. Die W«iber trugen große, vollbcpackte Körbe frei auf den Köpfen, die Körbe schwankten im Gehen hin und her und ich wunderte mich oft, daß sie nicht herunterfielen. Sie hatten reich verzierte, blütenweiße Hemden an und trugen vorn und hinten rot, gold und braun gehaltene, schwcrgestickte Schürzen. Sie gingen barfuß und ihre Füße waren bis an die Knöchel kotig. An ihren Nacken, die unier den wuchtenden Körben den Eindruck dünner Stengel erweckten, sprangen die Adern hervor. Die Männer trugen hohe Lammfellmützen, mit Lederriemen verschnürte Sandalen ar» den Beinen, weiße, faltige Leinenhemden und Hosen und kupfer- beschlagene Geldgürtel um di« Hüften. Sie hatten scharfe, von der Sonne und den Entbehrungen braungegcrbte, eingefallene Gesichter. Ich stand hinter dem Zaun und starrte mit weit offenen, er- staunten Augen den Märttleni nach. Die Rufe meiner Spiel- kameraden klangen'da schon aus irgendeiner entfernten Eck« des Gartens. Zur Zeit der Obsternte kam mein Großvater häufiger als sonst den Weg hernusgeschritten, um nachzusehen. Cr trug einen buschi- gen, grauen Backenbart, hatte ein« Brille auf der scharfgeschnitte- nen, etwas geröteten Nase und stützt« sich auf«inen Krückstock mit elfenbeinenem Griff. Meistens begleitet« ich ihn. Wir sprachen wenig auf diesen gemeinsamen Wanderungen, denn ich wagte es vor Ehrfurcht kaum, ihn anzureden, weil er- ein großer, bedeutender Mann war und immer ein wenig mit den Augen zwinkerte, wenn er mit mir sprach. So fragte er mich manchmal beispielsweise: „Wie lange läuft der Hase ins Feld hinein?"— und zwinkerte mit den Augen. Ich wußte natürlich die richtig« Antwoit darauf, d«nn wir Iungens wußten alle, daß der Hase nur bis zur Mitte ins Feld hineinlief, von hier an lief er nämlich wieder hinaus. Ich wagte mich dennoch nie mit der richtigen Antwort hervor. Aber zumeist schwiegen wir, denn mein Großvater war ein schweigsamer Mann. Ich sehe ihn heute nach so klar wie ehemals, und es ist mir, als hörte ich seid« ruhige, ermahnend« Stimme und als sähen mich seine scharfen und freundlichen Augen hinter der goldumrande- tcn Brille an. Oft beobachtete ich ihn, verstohlen hinter dem Fenster- Vorhang hervorlugend, wenn er aus dem Haufe trat, um seinen täglichen Rundgang durch die Stadt anzutreten. Er ging immer langsam und kam doch stets zurecht. Der Gteichklang seiner Schritt- war unterbrochen vom Klopfen seines Krückstockes, den er bei jedem zweiten Schritt auf da» Pflaster stieß. Es gab wenige Häuser in der kleinen Stadt, die er nicht betreten hatte. Für mich und für gewöhnliche Menschen waren di« Fronten der Häuser geheimni»- volle, künstlich errichtete Schutzwölle, hinter denen sich das Leben der anderen Menschen abrollte, von denen wir nichts oder nur wenig wußten. Er drang täglich durch die für andere verschlossensn Türen, denn die Menschen riefen ihn zu sich. Er wußte um ihre geheimsten Nöte, kannte ihre Sorgen, ihr« Hoffnungen und Ziele. Oft, wenn er kam. streut««r Linderung aus und entzündete neue Hoffnung in den Herzen. Oft. wenn er ging, schloß er leise«ine Tür hinter sich, und wie sich seine gleichmäßig«« Schritte, die immer zurechtkamen, langsam entfernten, blieb ein großes Schweigen hinter ihm zurück: Der Tod. Er war der Arzt der kleinen Stadt. Er war nie in Eise, aber e» gab doch nie Ruh« für ihn. Cr war- immer da. wo man ihn brauchte, immer gleichmäßig, immer ruhig, immer hilfreich, ohne Unterschied, ob er zu d«n Armen ging oder zu den Reichen. Dennoch tonnt« man ihn nicht eigentlich freundlich nennen. Seine Art war«her kühl, ja, manchmal schroff. Oft konnte er aufbrausen, wenn er sah. daß man ihn nur aus Un- rerstond— dies kam sehr häufig bei den rumänischen Bauern vor— zu spät gerufen hatte. Dennoch glaube ich. daß ihn alle liebten. die ihn näher kannten. Hie kamen zu ihm mit den. verschiedensten Anliegen und baten um seinen Rot Und wenn ich heut« über sein Wirken nachdenke, habe ich dabei oft einen seUsamen Gedanken. Ich denke: Cr war das Gewissen der Stadt. Auf seinen Gängen durch die engen Straßen und Gäßchen, über di« Plätze, bis w.üt in die bäuerlich- Loistadt hinaus, gesellten sich oft Bekannte zu ihm. Oft sah ich ihn. wenn ich mich scheu auf meinen Streifzügen, die mich möglichst weit van der Schul« fortführten, di- Wauer ent- langdrückt-, um nicht von ih« bemerkt zu werden, wie er im eifrigen Gespräch mit dem Uhrmachermeister Grochowina oder dem Herrn Postdirektor Fischer daherkam. Er hatte dabei die Gewohnheit, alle zehn Schritte stehenzubleiben und hielt den Kopf etwas schi«f, wie lauschend, während der andere eifrig gestikulierend auf ihn einredete. Dann setzten sie sich wieder in Bewegung, um nach weiteren zehn Schritten wieder für kurze Zeit halt zu machen. II. Zwischen unserem Gartenaufseher. Moschu und meinem Groß- vater bestand«ine Fehde schon seit Jahren. Er wußte, daß Moschu ihn bestahl und doch verjagte er ihn nicht. Denn welcher«allachische Gartenaufseher hätte nicht gestahlen? Uns Kindern hatte Moschu bei seinen Unternehmungen eine wesentliche Rolle zugeteilt. Er benutzt« uns als Schild, um seine Diebstähle, die nie das angc- messen« Maß überschritten, zu rechtfertigen. Hatten wir an einem Sonntag im Garten g«spi«lt, und sollte einer von uns einen Apfel vom Baum« gepflückt haben, so tonnte man Gift darauf nehmen, daß der Baum am nächsten Tag« vollständig �eer war. Mein Großvater kam in den Garten und sah natürlich den leeren Baun». Er hob seinen Stock und deutete auf di« kahl- gepflückten Aeste. Dabei sah er Moschu von der Seite an. Moschu stand da, ein Bild der Unschuld und des Jammers. Er hob die Schultern und sah zum Himmel auf, als riefe er Gott und alle Heiligen zu Zeuge» ob dieser Freveltat. Dann sagte er still soviel: — Eopilul«.... Die Kinder. Wir, die lästigen Uebeltäter, die Gott nur zu seinem Aerger und zum Schaden meines Großvaters geschaffen hatte, hatten den Baum am Vortage geplündert. Zwar habe er es nicht genau ge< sehen, da er sich um jene Zeit gerade hinter dem Hause aufhielt, ober er könne beschwören, daß einer von uns beim Fortgehen einen Apfel in der Hand hatte und mit vollen Backen kaute. . Da war nichts zu machen. Meim Großvater nahm den Bericht schweigend hin, aber die Sache wurmte ihn doch möchtig. Moschu war ein geschickter Kerl. Aber meinem Großvater gelang es den- noch, ihn einmal zu erwischen. Das war so: Eines Nachts erwachte ich von einem Geräusch, das aus d«m Nebenzimmer drang. Dort schlief mein Großvater. Ich hörte das Rücken von Stühlen und das Klirren der Waschschüssel. Draußen war es noch dunkel, nur ein ganz schwacher Schimmer lag über dem straßenscitigen Fenster und zeigte an, daß der Morgen nicht mehr fern sein könne. Kurz darauf trat mein Großvater in die Stube, vollkommen angefleid«t, den unvermeidlichen Krückstock in der Hand.' Als er sah, daß ich die Augen offen hotte, meinte er nach einigem Zögern: „Wenn du rasch fertig bist, nehme ich dich mit. Ich glaubte ein schadenfrohes Leuchten in seinen Augen zu be- merken, aber vielleicht schien«s mir nur so. Ich sprang aus dem Bett und zog mit übertriebener Hast meine kurzen Höschen an. Dann gingen wir los. Die Straßen waren noch fast menschenleer. Aber von der Ferne hörte man schon das Rollen von Wagen, die zum Markte in die Stadt kamen. Auch war es heller geworden. Wir schritten schweigend nebeneinander her. Mein Großvater sprach nicht, und ich wagte nicht zu fragen. Aber soviel merkte ich schon, daß der Weg zu unserem Garten führte. Wir waren noch am Ende des Zaunes, als mein Großvater ein seltsames Geboren zur Schau trug: Er trat vorsichtig auf und näherte sich so seinem Bc- sitztum, schleichend wie ein Dieb. Er empfahl auch mir grüßte Vor- ficht. Wir schlichen uns leise bis an die Gartenpforte und lugten durch eine Ritze hinein. Es war schon so hell, daß man all« Gegen- stände deutlich erkennen konnte. Meines Großvaters Antlitz begann zu strahlen. Auf dem kleinen freien Platz vor der Hütte standen drei große Körb«, bis an den Rand gefüllt mit Acpfeln. Moschu klopfte sich gerade nach getaner Arbeit den Staub von den Händen. Er schien recht vergnügt, denn er summte irgendein verwegenes kleines Lied vor sich hin, dessen einzelne Strophen immer mit einem lauten„ho-hoj" endeten. Aber seine Freude war von kurzer Dauer. M«in Großvater sti«ß mit einem Ruck die Gartenpforte auf und trat ein. „Guten Morgen. Moschu", sagte er mit unglaublich milder Stimme. . Moschu wandte den Kopf und dann gab er sich einen Ruck, daß ihm fast die Lammfellmützc vom Kopse siel; sein Mund öffnete stch weit vor Erstaunen und er bot ein Bild vollkommener Fassungslosigkeit. Wie er sich auch abmühte, es gelang ihm nicht,«inen Ton von sich zu geben.' Mein Großvater war inzwischen näher- getreten. Er klopfte mit dem Stock an die Wände der Körbe, bückte sich, nahm hier und dort einen Apfel auf, betrachtete die Fruchte, roch daran und legte sie dann wi«der hübsch ordentlich in die Körbe zurück. Sein Gesicht verlor nach wie vor nichts von seiner unheil- verkündenden Freundlichkeit. Ich glaube, daß Moschu ein Gefühl haben mußt«, als würde er auf langsamem Feuer lebendig gebraten. Er konnte aus der Miene seines Herrn nicht klug werden. Seine großen, schmierigen Hände schienen ihm sehr im Wege zu sein, denn er tat sie abwechselnd nach vorn und hinter seinen Rücken, und sein Adamsapfel hüpfte auf und ab, wie der Kolben einer Dampfmaschine. Mein Groß- voter schwieg noch immer. Seine Augen wanderten über den Garten und ich sah, wie seine Blicke jeden einzelnen Baum liebe- voll umfaßten. Ein leichter Dunst stieg aus dem rückwärtigen feuch- ten Teil des Gartens empor, abet der Wind zerwehte ihn allmählich und drüben, viele, viele Gärten weiter, blühte ein zartes, rotes Leuchten auf. Ich glaube, daß dieses Schweigen für Moschu eine Ewigkeit bedeutete. Dann hob mein Großvater den Kopf und sah Moschu hinter seiner goldumrandeten Brille scharf und stechend an und sagte: „Ich habe dir Unrecht getan, Moschu, denn ich dachte immer, du seist ein fauler, arbeitsscheuer Kerl und zu nichts zu gebrauchen. Aber nun sehe ich, daß du in deinem Eiser, mir zu dienen, die Nacht zum Tage machst und heute, zu meinem Geburtstage, drei Körbe voll gepflückt hast, um mich zu überraschen. Hole jetzt den Wagen, m«in Lieber, und fahre mir die Körbe heim, damit sie nicht solange hier herumstehen, denn, wie du weißt, gibt es hier viel diebisches Gesindel in der Gegend und ich will dir diese Vcr- antwortung nicht ausbürden..,. i Das mit dem Geburtstag war erdichtet.(Schluß folgt.) Crosby Stall, ein Steint des Briedens Man sollte annehm«», daß die moderne Entwicklung der Welt- und Großstädte die Menschen weit nähergebracht habe, als es in frühren Jahrhunderten, im Rahmen bäuerlicher.Kultur, in abseits gelegenen Dörfern und Gehöften jemals möglich war. Der Heu- tige Großstädter, der cingeschlojsen ist in«ine Genmnlchoft von Millionen von Menschen, der täglich imd stündlich den Lebensweg ungezählter kreuzt, scheint den Begriff der Einsamkeit vollkommen verlernt zu haben. Sieht man aber tiefer hinein, so ist man immer ! wieder betroffen und erschreckt, weil unmittelbar neben dem lau- tekten Treiben di« furchtbarste Vereinsamung ihren Platz gefunden hat. Man erfährt von Menschen, die im Großstadthaus verhungern. die verzweifelt um«ine Verdienftmöglichkeit kämpfen, ohne daß ein Nachbar eine Ahnung davon hat. Und wie ist es auf geistigem Gebiet? Der Künstler, der Wissenschaftler, der in ein« Weltstadt reist, entgeht nur mit Hilfe guter persönlicher Verbindungen und Empfehlungen oder mit Hilfe von Organisationen der Verein- samung und Unbeochtetheit. Es entspricht deshalb einem tiefen Bedürfnis, daß sich h«ut«, im Jahrhundert der Millionenslädte, überoll Vereinigungen bilden, die den Zweck versclgen. Menschen der gleichen Interessengruppen einander näherzubringen, sie aus der Vereinsamung der Gemein- schalt zuzuführen. Innerhalb dieser Bestrebung«» aber gab es bis vor kurzem«ine klaffende Lücke. � Sie betraf die Akademikerin, die. wissenschaftlich gebildete Frau. Sie war heimisch in der Universi- tätsstodt, in de** sie ihre Studienzeit verlebt hatte oder ihre Tätig- keit ausübte. Aber sobald sie ins Ausland reiste, stand sie ollein.> Vor ollem für die Philologinnen war die Lücke schmerzlich fühlbar. Sie mußten wenigstens eimnal jährlich nach England oder Frankreich fahren, um ihre Sprachkenntnisse zu vervollkommnen. Aber weder in Poris noch in Genf, weder in Lausann« noch in London fand man einen behaglichen Sammelpunkt, ein Daheim, in dem man musizieren, lesen und mit Gleichgesinnten plaudern tonnte. Selten nur bot sich eine Möglichkeit, mit Frauen d«r gleichen Be- rufsinteresien in Verbindung zu treten. Seit kurzem aber ist diese Lücke in London ausgefüllt. Di« Akodemikerin, die heut« nach London reist, braucht nicht mehr lange nach einem geeigneten Ouar- tier zu suchen, sondern sie besitzt ein internationales Heim, in dem sie all«s findet, was ihr das Ausland zu bieten hat. Es ist Erosby Hall, das Heim für Akademikerinnen der gan.zen Welt." An den Ufern der Themse führt der Weg in die stille Dorstadt Ehelsea, in der Erosby Hall, nahe der Chelsea-Brücke liegt. Hier stand einst das Wolmhaus von Thomas Morus, d«m unglücklichen Kendler und Gelehrten, der sich hier eine stille Zuflucht für seine Studien g«schafs«n hatte, bis man ihn aifls Schafott schleppt«. Heute sind diese bluttgen Zeiten vergessen, und frohes Leben wogt in d«n Räumen. Helle, freundlich« Gesellschaftsräume, Lese- und Musikzimmer, Studier- und Schlafzimmer sind in Erosby Holl vor- Händen. Viele Zimmer sind Gefchenke von Privatpersonen oder Stiftungen von frauenfreundlichen Organisationen. Don den Fen- stern genießt man einen wundervollen Blick über den Fluß und die grünen Rasenflächen des Batterfea Parks, über Bäume und blühend« Sträucher Aber auch architektonisch und kulturhistorisch ilt Erosby Hall eine Sehenswürdigkeit. Was haben die alten Mauern schon gesehen, wieviel Jahrhunderte haben sie miterlebt! Von der alten Festhalle, in der zur Zeit des Erbauer«, des reichen Kaufmanns Sir Erosby im Jahrhundert Richards III. und der Königin Elisabeth rauschende Festlichkeiten stattfanden bis zum politischen Gefängnis der Puritaner zu Cromwells Z«it, von der Verwendung als Kapelle bis zur bunten Warenhalle ging der Weg ihrer Entwicklung. Das Gebäude ist ein Bestandteil englischer Ge- schichte und Kultur, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart die Hand reichen. Was ist nun der Zweck der heutigen Erosby Hall und was ist ihr Ziel? Professor Carolins Spurgeon, die Vorsitzende des Aus- schusses, der die Mittel für das Heim zufammengchraclst hatte, legte heides in ihrer Ansprache bei den Eröffnungsfeierlichkeiten klar. Sie feierte das Werden von Erosby Hall als eine Entwicklung, die zum Höhepunkt, zu feiner heutigen Ausgestaltung führte und begrüßte den Tag der Eröffnung als einen Sieg in dem schweren Kamps, den die Frauen der Länder Europas und der anderen Erdteile um ihre Anerkennung geführt hatten. Dos Echo, dos die Neuerrichtung von Erosby Holl, überall gefunden hatte, zeigte zur Genüge, daß die Zeit vorüber war. in der man sich über das Fraucnftudium belustigte, in der die großen Dorkämpferinnen der Bewegung recht- und schutzlos waren. Das Heim aber soll den Geist der Frauen- bewegung weitertragen, es soll ein Sammelpunkt sein, in dem Beziehungen freundschaftlicher Art zwischen den Frauen oller Völker angeknüpft werden. Es soll mehr sein als eines der üblichen Klub- häufer, mehr als eine der Wohnstätten, in denen Angehörige eines bestimmten Berufs Unterkunft finden. Es soll ein„Heim" sein im besten Sinne des Wortes, ein geistiger Sammelpunkt, in dem sich Frauen aus allen Himmelsrichtungen kennenlernen, in dem sie ihren Horizont erweitern, in dem sie geben und empfangen in beschwingtem Austausch der Gedanken und Weltanschauungen. Wird Erosby Hall dieser Aufgabe gewachsen sein? Ohne zu optimistisch zu fein, wird man die Frage bejahen dürfen. Denn hier vereinigt sich alles, was sonst durch Ozeane und Erdteile, durch Sprache und Nationalität getrennt ist. Hier können Meinungen geklärt und Vorurteile beseitigt, politische und weltanschaulich« Fragen von den verschiedensten Standpunkten aus beleuchtet und diskutiert werden. Diese Möglichkeiten aber bedeuten schon an sich unendlich viel. Denn nur aus diese Weise können sich Beziehungen und Freundschaften zwischen den Vertreterinnen der verschiedensten Völker der Erde anbahnen. Diese Freundschaften aber wirken weiter, in das Volk hinein, in die Heimat, in die jede einzelne wieder zurückkehrt. So scheint Erosby Holl tatsächlich auf einem Höhepunkt seiner jahrhundertealten Wirksamkeit angelangt zu sein. Es ist ein internationales Frauenheim, ein Heim des Friedens ge- worden.< Dr. E l f e M ö b u s. Sing In der Untergrundbahn. Die großen Pariser Kinotheater lasten jetzt ihre Filme in den Waggons der„Metro" und der„Nord- Süd" laufen. Es werden natürlich nicht die ganzen Filme gespielt, sondern nur einzelne Streifen, die während der Fahrt auf einer an der Wand angebrachten weißen Fläche gezeigt werden. Zwischen den Filmen erscheint außer den eingestreuten Reklamevorfichrungen immer wieder der Rat:„Wenn Sie durch uns auch nach so fasziniert sind— bitte, vergessen Sie deshalb nicht, an der richtigen Station auszusteigen." Michsbank und Kreditpolitik. Ziemliche Anspannung trotz Restriktion.- Oeckungsverhältnis im ganzen besser. Da die künstliche Kreditcinschrcinkung tmrch die Reichsbank wohl noch fortdauert, wird man den Reichsbankausweis zum 31. Mai noch kaum als vollwertiges Zeugnis zur Beurteilung des Geld- Marktes in Deutschland verwerten können. Die Inanspruchnahme der Reichsbank zum Maiende war ziemlich beträchtlich. Für neu hereingenommen« Bant» und Reichsschotzwechsel sowie neu gewährte Lombarddarlehen wurden 640,1 Millionen erforderlich. Die gesamte Kopitalanlage in diesen Posten hat sich gegenüber Ende April noch aus 3332,5(3281,6) Millionen erhöht. Die Wechselbe- stände sind um 456.6 Millionen(letzte Aprilwoche 550,9 Millionen) auf 2860,0(2790,2) Millionen gestiegen. Der Bestand an Reichs- schatzwechseln hat sich gegen die Vorwoche um 26,5 auf 144,8 Millionen vermehrt, rund 8 Millionen mehr als Ende April. Nicht un- erheblich geringer als Ende April ist aber die Zunahme der Lombarddarlehen. Sie vermehrten sich um 157,6(gegen 221,1 Mil- lionen in der letzten Aprilwoche) auf 254,8 Millionen, das sind 8 Millionen weniger als Ende April. Die Kundschaftsgelder auf Girokonto erfuhren in der letzten Maiwoche eine Abrnchm« um nur 14,2 auf 628,2 Millionen, das sind gegenüber Ende April etwa 43 Millionen mehr. Gegenüber dem A p r i l u l t i m o, der der Diskonterhöhung gefolgt war, ist die Gesamtinonsruchnahme der Reichsbant immer- hin nichtunerheblichgeringer. Das kommt auch in der Veränderung des Papiergeldumlaufes zum Akisdrulk, bei der aller- dings die erheblichen Devisenkäufe der Reichsbant noch zu berück- sichtigen sind. Der Umlauf von Reichsbantnoten hat sich in der letzten Moiwoche um 600,2 auf 4606,4 Millionen erhöht, und bleibt damit noch um etwa 25 Millionen hinter dem Notenumlauf von Ende April zurück. Der Umlauf an Rentenbankfcheinen vermehrte sich um 56,1 auf 490,8 Millionen. Es rst klar, daß dieser vermehrte Notenumlauf auch das Deckungsoerhältnis der Vorwoche erheblich verändern mußte. Die Bestände der Reichsbank an deckungsfähigen Devisen haben zwar auch in der letzten Woche noch erheblich zugenommen, nämlich um 152,7 auf 299,1 Millionen, was gegenüber Ende April mit 99,4 Millionen ziemlich genau das Dreifache ausmacht. Ob- wohl sich die G o l d b e st ä n d e mit 1764,5 Millionen gegenüber der Vorwoche kaum verändert haben, liegen dies« aber gegenüber Ende April(1891,6 Millionen) noch um 127 Millionen niedriger. Das hat zur Folge, daß die umlaufenden Reichsbantnoten durch Gold allein nur mit 38,3 P r o z. gegen 44,0 Proz. m der Vorwoche und 40,8 Proz. Ende April gedeckt sind. Selbst gegenüber dem Ausweis vom 7. Mai, der mit einer Golddeckung von 39,7 Proz. und mit einer Gold- und Devisendeckung zusammen von 41,0 Proz. die Restriktionsmaßnahmen auslöste, liegt die Gold deckung des Notenumlaufes noch um 1,4 Proz. niedriger. Nichtsdestoweniger ist die Gesamtdeckung. Ende Mai nicht schlechter als Ende April und besser als am 7. Mai. Gold und deckungs- fähige Devisen zusammen mochten End« Mai 44,8 Proz. des Notenumlaufes aus gegen 47,7 Proz. in der Vorwoche. 43,0 Proz. Ende April und nur 41,0 Proz. am 7. Mai. Es ist eine ernste Frage, ob die Reichsbank, wenn sie die künstliche Einschränkung der Kredite fallen läßt, was vielleicht schon Entu Mai weitgehend geschehen ist, den Diskonberhöhen und so der von den Privatbanken bereits vorgenommenen Kreditver- teuerung auch offiziell folgen mußs Dem reinen Deckungsverhältnis nach könnt« das nötig erscheinen. Wer die Spannung in der Reichs- tasse, die Wirkungen der Reichsanleihe, die Goldverbistigung in New Port, die starken materiellen und psychologischen Wirkungen der Pariser Einigung machen die Geldmarkt- und Kreditlage mniber- sichtlicher als je. Selten dürften die Gründe, mit diskontpolitischen Maßnahmen ausnahmsweise etwas zuzuwarten, zwingender gewesen sein als jetzt. Auch die Notendeckung bereitet angesichts des guten Markstandes und kaum mehr zu befürchtenden Goldverlusten keine großen Sorgen, so daß sicher mit Reichsbank- maßnahmen bis Mitte Juni gewartet werden kann. Russisch- schwedischer Zündholzkrieg Zusammenhänge und Möglichkeiien. Wie bereits einige Jahre lang auf dem Gebiet des Erdöls, machen die Russen jetzt auf dem Zündholzmarkt«ine Konkurrenz, die dem Schwedentrust(Svenska Tändsticks A. B.) sehr unangenehm sein muß. Die im Verlauf eines Jahrzehntes errichtete Weltmacht des Schwedentrusts, der heute in 40 verschiedenen Ländern über 150 Fabriken kontrolliert und nach seinen Angaben etwa 80 Proz. der Weltproduktion unter sich hat, beruht in der Schaffung von Monopolen für Zündhölzer in ganzen Staaten. Um zu solchen— privaten— Staatsmonopolen zu kommen, hat die Svenska in vielen Fällen den Staaten als Entgelt große Anleihen vermittelt, insgesamt für mehr als 800 Mill. Mark. Der einzige große Konkurrent der Seoenska in internatwnalem Maßstab ist der Zündholztrust der Sowjetunion. Schon vor dem Kriege produzierte Rußland so viel Streichhölzer, daß fast 10 Proz. der Erzeugung ausgeführt wurden. 1914 betrug die russische Pro- duktion etwa 450 000 Kisten(1 Kiste— 10 000 Schachteln, eine Schachtel— 60 Zündhölzer). Produktion und Ausfuhr schrumpften in den Iahren des Bürgerkrieges stark zusammen, doch setzte 1923 ein neuer Aufschwung«in. 1925 betrug der Exzort schon wieder 18 000 Kisten und heute beträgt er wohl das Mehrfache davon. Hauptabsatzgebiete für Rußland sind wie vor dem Krieg« Perflen und überhaupt Vorderasien, ferner England. Nunmehr kommen russische Zündhölzer auch in größerer Menge nach Deutschland. Bis 1927 war der deutsche Zündholzimport ver- schwindend klein, 1928 betrug er 1,29 Milliarden und im ersten Vierteljahr 1929 3,20 Milliarden, hiervon allein 3,17 Milliarden aus Rußland. Diese Ziffer würde einer Iahreseinfuhr von 20 000 Kisten entsprechen, wobei zu bemerken ist, daß die deutsche G«- samtproduktion nur etwa 200 000 Kisten beträgt. Die r u s s i» sche dürfte inzwischen auf 700 000 Kisten gestiegen sein. Interessanterweise exportierten die Russen auch nach Stand!- n a o i e n, sogar noch Schweden selbst, serner nach Nord- und Südamerika. Erst kürzlich wurde bekannt, daß die Russen mit der b o l i o i s ch e n Regierung einen Vertrag über jährlich 15 Mil- lionen Schachteln(1500 Kisten) auf 10 Jahr« abgeschlossen haben: die Menge ist zwar nicht groß, doch ist das Abkommen für das russische Vordringen bezeichnend. Die Vorteile der Russen liegen einmal im staallichen Regime, das von vornherein ein« gute Konzentration erlaubt, feryer darin, daß alle wichtigen Fabriten in unmittelbarer Nähe der großen Ejpenholzvorkommen liegen. Espenholz ist für die Zünd- Holzproduktion der wichtigste Rohstoff. Rußland verfügt darüber in Ueberfülle, während Schweden teilweise auf Einfuhr angewiesen ist. Bis in die letzt« Zeit wurde russisches Espenholz nach Schweden ge- liefert. Vor einigen Monaten hörte man bereits von russischen Dro. Hungen, die Espenholzausfuhr zu sperren, falls der Schwedentrust in Vorderasien weiter vordringen sollte. Inzwischen haben die Espenholzlieferungcn tatsächlich aufgehört. Wenn auch die Schwedenfirma selbst, wie sie behauptet, über Ersatz verfügt, so ist dies doch bei den meisten ihrer europäischen Tochter- gesellschaften kaum der Fall. Hierdurch und durch die gesteigerte russische Zündholzausfuhr sieht die Svenska immerhin ihr Monopol bedroht und entfaltet eine rege Kampfpropaganda gegen die russische „Dumping"(Schleuder)-Konkurrenz. lllunmehr liegt ein« russische Erklärung vor, in der man sich gegen den Vorwurf des„Dumping" verteidigt. Die Pro- duktionskosten seien infolge Rationalisierung und Massenproduktion sehr niedrig, man spare ferner infolge des kleineren Zündholz- formats an Fracht- und Zollkosten und wenn in Rußland der Klein- Handelspreis je Schachtel 32 Pfennig betrage, so deswegen, weil die russische Zündholzsteuer doppelt so hoch fei als in Deutschland. Andererseits geben aber die Russen zu, daß die russischen Fabriken für das Epenholz nur etwa die Hälfte besten zu zahlen hätten, was man der Svenska hätte aboerlangen können. Für den Verbraucher, auch für den deutschen, ist es keineswegs unerfreulich, daß der Wettbewerb überhaupt da ist und daß dem schwedischen Zündholztrust das lückenlos« Weltmonopol be- stritten wird. Es fragt sich aber, und gerade bei Rußland, wie lange diese Freud« dauern wird. Auch beim Erdöl- und Benzin- kämpf hat. wenigstens auf dem englischen und deutschen Markt, die russische Konkurrenz gegen den Shell- und den Standard vil- Konzern vor einiger Zeit eii� End« genommen, und zwar gegen die Verbraucher. Die Russen oerbürgen sich nämlich mit den Herren Deterding und Rockefeller und paßten ihr« Preise—- sehr gut kapitalistisch— den Wünschen des englischen und amerikanischen Oeltrusts an. Infolgedessen gingen dann in England wie in Deutsch- land die Benzinpreise rasch in die Höhe, in England um 50 Proz. Und der Zündholzkrieg könnte ganz ähnlich ausgehen! Di« groß« Atttvität der Russen könnte dos Vorspiel zu einer russisch- schwedischen Zusammenarbeit sein und für die Sicherung einer möglichst anständigen russischen Quote für die Weltzündholz- Versorgung. Sowjetrußland kann nämlich mit den„Wölfen des internationalen und imperialistischen Finanz- und Trustkapitals" ganz ausgezeichnet heulen, so- bald ein Geschäft, auch zur Ausbeutung der Weltarbeiterschaft, zu machen ist. Unter Geschäftsleuten ist das so üblich: aber die sowjet- russische Katze soll auch dieselbe Schelle tragen wie die amerikanisch« und die schwedische. Wie die pariser Einigung wirkt. Börsenhausse in Berlin.— Höhere devtsche Anleihetorse in New gort. Die nach der grundsätzlichen Reparationseinigung in Paris zu -�wartenden ersten Wirkungen sind prompt eingetreten. In den nächst betroffenen Geldzentren Berlin und New Park hat die Finanzwelt mit deurlichem Optimismus reagiert. Die schon vor einigen Tagen in Berlin begonnene Steigerung der Aktienkurse hat sich gestern sprunghaft fortgesetzt. Die Aktien der Schwerindustrie haben ganz ollgemein erheblich gewonnen— Vereinigte Stahlwerke sprangen um 4 Proz.—, Elektrowerte, Kunst- seid« und Kaliwerte sind gefolgt. Dabei sind ausländische Käufe vorherrschend. Aber auch die festverzinslichen Papiere, die in den letzten Monaten erheblich eingebüßt hatten, haben ihre Kurse verbessert. In New Uork ist das Bemerkenswerteste die trotz des ziemlich starken Kurseinbruches für amerikanische Industriell ktien gleichzeitig festzustellende Kursbesserung der deutschen" Dollar- Anleihen. Diese Kursbesscrung deutscher Anleihen ist zweifellos als wichtiges Symptom für die schon jetzt zu verzeichnende Ver- besserung des deutschen Kredits anzusehen. Eine� andere Frage ist es allerdings, wie stark und wie schnell Deutschland aus New Bork wieder langfristiges Kapital erhalten kann. Es ist noch keineswegs gewiß, ob die Einschränkung der Börsenspekulation in New Aork von Dauer sein wird. Immerhin ist festzustellen, daß die durch die.Börsenspekulation veranlasste grosse Geldteuerung in New Bork sehr schnell gewichen ist, während vor drei Wochen noch 12 Proz. gezahlt wurden, vor 14 Tagen noch 954 Proz., ist in der Woche zum 2. Juni der Zinssatz für tägliches Geld auf 6 Proz. zurückgegangen und Geld ist nach wie vor reichlich vorhanden. Sollte diese Entspannung andauern, dann oerbessern sich natürlich auch die Möglichkeiten für Deutschland, billigere Kredit«, sowohl lang- als kurzfristige, hereinzuholen. Arbeiismarkt erleichtert sich weiter. Noch 100000 Haupwnterfiühte in Berlin. Das Tempo in der Entwicklung der Arbeitsmarktlage im Be- reiche des Landesarbeitsamtes Brandenburg hat sich in den beiden letzten Wochen etwas verlangsamt. Der allgemeine Bedarf an Arbeitskräften scheint gedeckt und weiteres Anziehen oder An- steigen der Konjunktur geschieht nur äußerst zaghaft. Im allgemeinen Ist der Wgang noch den Außenberufen zuzuschreiben. In der Metallindustrie war in den hauptsächlichsten In- dustriezweigen ein allmähliches Anziehen der Kon- junktur feststellbor. Keine Veränderung zeigte die Leder- und Papierindustrie: sowie das Holz- und Schnitzstofsgewerb«. Di« Beschäftigung im Bekleidungsgewerbe ließ In den männlichen Berufen stark nach, dagegen wurde sie in den weiblichen Berufen. wenn auch'nur vorübergehend, besser. Günstiger als in der Vorwoche war der Beschäftigungsgrad im Baugewerbe. In der Berichtswoche fiel die Zahl der Arbeitsuchenden um 2353 aus 236 350, d. h. um 0,99 Proz., gegenüber einer Abnahme um 7520-- 3,05 Proz. m der Vorwoche. Im Bezirk des Landes- arbeitsamtes Brandenburg verteilten sich die Arbeitsuchenden auf Berlin mit 195 141, aus die Provinz Brandenburg mit 38 570 und auf die Grenzmark Posen-Westpreußen mit 2639 Personen. Die Zahl der Hauptunterstützungsempfänger in der versicherungsmähigen Arbeitslosenunterstützung betrug 127 819, in der Krisenunterstützung 26 383, zusammen 154 193 Personen. Bon den Hauptunterstützungsempfängern in der Arbeitslosenversicherung entfielen aus»« r l i n 100 735. In der Krisenfürsorge entfallen aus Berlin 22 704 Unterstützte._ Bilanz im Reemisma-Trust. 10 Prozent Dividende.— Die Neuorganisation nach der Verschmelzung. Der große Aufiaugungsprozeß, den die beiden führenden Groß- konzerne Reemtsma und Neuerburg in den vergaugenen Monaten in der deutschen Zigarettenindustrie durchführten, hat zu einer gründlichen Umschichtung in dieser Industrie geführt. Dac- Ergebnis dieses Auffaugungsprozesse» ist, daß Reemtsma und Neuer bürg jetzt eine unangreifbar« Monopolstellung besitzen. Nach de. allerletzten Fusion von Halpaus-Breslau durch Neuerburg beherrschen di�e beiden eng zusammenarbeitenden Konzerne etwas mehr als 80 Prozent der gesamteti deutschen Zigarettenproduktion, so daß die jährliche Gesamtleistung dies« beiden Konzerngruppen sich auf rund 26 Milliarden Zigaretten stellt. Der Reemtsma-Konzern in Altona-Bahren- feld, der in den beiden Krtsenjahren 1925/26 für fein Altonaer Stammunternehmen auch die Dividendenzahlung einstellen mußte, für 1927 ober den Aktionären bereits wieder 10 Proz. Dividende auszahlen tonnt«, schließt sein Geschäftsjahr 1928 gleichfalls wieder mit 10 Proz. Dividende ab. Der Geschäftsbericht zeigt, daß Reemtsma von den schweren Preiskämpfen im vergangenen Jahr oerhAtmsmäßig wenig berührt wurde, denn die Gesellschaft konnte nach den Angabe« der Verwaltung die durch die wachsende Kon- kurrenz entstandenen Mehrtosten durch erhöhte Umsätze ausgleichen. Da es Reemtsma und Neuerburg im April dieses Jahres gelungen ist, ein P r e i s k a r t e l l für die gesamte Zigaretten industri« zusammenzubringen und eine Heraussetzung der Erzeugerpreis«(Rabattsenkung) um 2 Mark durchzudrücken, so können die Preiskämpf« innerhalb der deutschen Zigarettenindustric zunächst als abgeschlossen gellen. Die Reemtsma-Gruppe wird jetzt den Konzern in der Weise umgruppieren, daß die Altonaer Spitzengesellschast, die bisherige Reemtsma A.-G., deven Kapital nur 4,2 Mill. Mk. betrug, in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung mit 30 Mil- lionen Stammanteilen umgewandelt wird. Die Verwand- lung der Aktiengesellschaft m eine G.m.b.H. begründet die Verwaltung damit, daß durch diese Umwandlung dem Familiencharatter des Rcemtsma-Unternehmens Rechnung getragen wird. Der wahre Grund für diese Umwandlung dürste aber jedenfalls der sein, daß Reemtsma als G.m.b.H. nicht mehr zur öffentlichen Bericht erstattung verpflichtet ist, eine Tatsache, mit der sich auch einmal die deutschen Behörden sehr gründlich beschästigen müssen. In welch lächerlichem Verhältnis das Reemtsma-Kapitol zu dein Produktionsumfang und zum Umsatz der Gesellschaft steht, zeigt wieder die Bilanz für 1928. Der rohe Fabrikationsgewinn wird mit rund 208 Millionen ausgewiesen, während die Steuern und Verbrauchsabgaben 113,6 Millionen ausmachten. Der sichterflc Gradmesser für den Umsatz, der Posten„Rabatte und Provisionen", wird mit 27,1 Mill. Mk- ausgewiesen und erreich« damit fast die Höhe der beiden letzten Geschäftsjahre 1926 und 1927 zusammen. Da für 1928 der Kleinhandelswert der deutschen Zigarettenproduttion mit 1,8 Milliarden errechnet wurde, so komnu man schon für 1928 noch Abzug der 40 Proz. Material- und Ban dervlensteuer sowie der Groß- und Kleinhandelsverdienste schätzungs weise bei Reemtsma auf«inen Jahresumsatz von etwa 400 Mill.«k._ Oer deuisch-polmsche Zollkrieg. Die Nesienrngon wollen»baldigst" sich verständigen. Bei der Unterzeichnung de» neuen deutsch-polnischen Holz- Provisoriums haben beide Regierungen übereinstimmend ihren Wunsch zum Ausdruck gebracht, baldigst zu einer Regelung ihrer gemeinsamen Wirtschaftsbeziehungen durch Abschluß eines Handels- vertrage» zu gelangen und haben die gegenseitig« Versicherung ab- gegeben, kein« Verschärfung der bestehtnden Bestimmungen auf dem Gebiete de» deutsch-polnischen Warenaustausches eintreten zu lassen. Dies« Erklärungen sind werwoll. Doch„baldigst", was heißt das? Der deutsch-polmsch« Zollkrieg läuft bereits fast vier Jahre. Zusammenschluß im Gchuhgroßhandel. Di« Umstellung führender Schuhfabriken in Deutschland auf neue Fabrikattonsmarken, sowie der Ausbau der eigenen Wsatzorgani- sationen bei den größeren Fabriken und da» Eindringen au». ländischer Wert» in den deutschen Schuhhandel Hot zu einem wichtigen Zusammenschluß im deutschen Schuh- grsßhandel geführt. Wi« die Zettschrift„Schuh und Leder" meldet, hat eine Reihe führender deutscher Großschuhgeschäsie mit einem Jahresumsatz von nicht weniger als einer Million sich in einem Großeinkaufs- b un d mit dem Ziel zusammengeschlossen, die Rationalisserung in der Fabrikation und in der Preisgestaltung zu sördern. Der neue Bund stützt sich varläusig auf nord-, mittel- und süddeutsche Firmen, jedoch soll er schan in den nächsten Tagen auch auf das unsstdeutsche Gebiet ausgedehnt»erden. Wenn die beabsichtigt« Rationalisierung dieses Bundes dahin abzielen soll, daß die falschen Kosten, die der Zersplitterung in der Industrie und der ungesunden Uebersetzung des Schuhhandll» entspringen, deseitigt werden, und die Kauf- kraft der verbrouchermassen durch entsprechende Preissenkungen «thöht wird, s» tonn dieser Zusammenschtuß volkswirtschaftlich sehr nützlich« Wirkungen haben. eorenz-Berlt« steht gut. Zu der unter dieser Ueberschrift kürzlich im„Vorwärts" erschienenen Notiz, in der aus die kürzlich erfolgte Einflußnahme desholländischenPhilips-Glühlampen. tonzerns hingewiesen wurde, teilt unk die Lorenz A.- G. mit, „daß die Geselllchaft auch heut« noch ein rein deutsches vom Ausland völlig unabhängige» Unternehmen sei". Zu dieser Mitteilung der Verwaltung ist zu bemerken, baß die Gesellschaft zwar noch nicht - unter der tapitaünäßigen K a n t r o l l e des Philips-Konzerns steht. daß aber die Holländer ein starkes Minderheitsaktienpatet von etwa 1 bis 2 Millionen Mark Aktien erworben haben. Da die Lorenz- Verwaltung die hierüber erschienenen Meldungen in der Presse nichtdementiert hat, so wird man kaum von einer völligen Unobhänigkeit der Gesellschaft sprechen können. Mindestens 10 Proz. des Aktienkapitals in holländischem Besitz bedeutet besonders bei dem sehr energijchen Philips-Konzern einen Auslandsetnfluß, den man nicht einfach bestreiten kann.