BERLIN Montag 12. Zum 1929 Nr. 278 B 135 46. Jahrgang. erscheint täglich anserGonntag«. Zugleich Abendausgabe de<.Vorirärts'. Bezugspreit beide Auegaben SS Pf. xro Woche, S.ko M.»ro Monat. Redaktion und Expedition; Berlin SWöS.Lindenür.S Snjeigenorei«! Die einspaltige Nonpareilleieil» 8» Pf.. Reklamezeile S M. Ermäßigungen nach Tarif. Postscheckkonto! Vorwirts-Verlag®. m. b.H., Berlin Nr. S7SZ6. Fernsprecher- Druhoff 292 bis 297 Das Ltrteit im Mg ens-Prozeß. Todesurteil gegen August Nogens, Zuchthausstrafen für die Llebrigen. Eeeabrüstungskonferenz kommt. L. R. Neustrelitz, 17. Juni.(Eigenbericht-I Ter Borsitzcndc im Rogens-Prozesi verkündete um 13 Uhr folgendes Urteil: August Rogens wird wegen Mordes zum Tode verurteilt und wegen Meineides unter Berücksichtigung des Paragraphen 137 zu 1 Jahr und sechs Monaten Zuchthaus. Fritz RogenS wird wegen Beihilfe zum Mord und wegen Meineid unter Berücksichtigung 8 137 und des Jugendgesetzes zu 4 Jahren und 1 Monat G e- sä» g n i s verurteilt. Frau Kahler wird wegen Beihilfe und wegen Meineid unter Berücksichtigung 8 137 zu st Jahren Zu.thauS, Blöcker wird wegen Meineid unter Be- rück lchtigung 8 137 zu 1 Jahr und K Monaten Zuchthaus verurteilt. Ten Angeklagten werden je 8 Monate Gefängnis an- gerechnet. August Rögens wird außerdem zu dauernde,» Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte. Frau Kühler zum Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf auf Ist Jahre verurteilt. Fritz Rogens wird der Rest der Strafe in Höh« von 1 Jahr 6 Monaten erlassen. Be- währungSfrist um 3 Jahre bei guter Führung wird zu- gebilligt. Die Ltrieilsbegründung. Der Dorsitzeiide erklärte bei seiner Urteilsbegründung, das Gericht Hab« die Geständnisse der Angeklagten für glaub- würdig gehalten, wenigstens insofern sie sich selbst bezichtigten. Ks konnte nicht Ausgabe des Gerichts sein, die Schuld oder Un- schuld Iakubowskis festzustellen. Dos wird Ausgabe des Wieder- alifnahmcverfahrcns in Sachen Jakubowski sein. Das Ge- richt wall« auch nicht vorgreifen in das Urteil des neucn Der- fahren». Es bleibe dahingestellt, ob Jakubowski Mithelfer oder Anstifter gewesen ist. Da» Gericht Ist weit enlsernl davon. Zakubowstis Unschuld anzuerkennen, im Gegenteil erschien er in der Verhandlung schwer- belastet und dringend der Tal verdächtigt, festgestellt erscheint jedenfalls, daß er nicht allein der Täter gewesen ist. Auch Zweifel an seiner Schuld sind rege geworden. Ks muß aber dach gesagt werden, daß Aussagen der Angeklagten, sosern sie Iokubowski belastet hoben, bei der Beurteilung ihrer Tot entscheidend sein müssen. Jnsosern ist zu bemerken, daß Frau Rogens nur als Mithelferin erscheint, August als M i t t ä t e r. Dos Gericht hat. entsprechend seiner eigenen Aussage angenommen, daß August den Aufpasser gespielt hat. und somit ist er der Mittäterschaft am Morde schuldig. Friß ist der Mittäter- schast schuldig. In, weiteren erörtert das Gericht ausführlich, inwiefern sich die Angeklagten des Meineides schuldig gemacht haben und begründet das Strafmaß. Nebenkläger Rechtsanwalt Brandt erhebt sich nach der Urieils- verkiindung und bittet um Begnadigung Augusts. Staatsanwalt Weber erklärt, daß er sich dieser Bitte anschließt. Amerika und England in Verhandlungen. Oer Weg zum Einheiisstaat... Thedinghausen feiert Jubiläum. Wolfss Bureau verbreitet aus Braunschweig folgende erfreuliche Nachricht: Aus Anlaß der 2Z0jährigen Zugehörigkeit des Amtes The- dinghausen zum Staate Braunschweig fand am Sonnabend und Sonntag bei begeisterter Teilnahme der Beoölke- rung eine große Feier in Thedinghausen statt. Vom braun- fchweigischen Staatsmini st erium nahmen der Vorsitzende des Staatsministeriums. Minister Dr. I a s p a r, und Minister Steinbrecher daran teil. Nach einer Rundfahrt durch den Amtsbezirk und einem großen Feftzug erfolgte am Nach- mittag die Gedenkfeier. Der Vorsitzende des Kreistages. Lillie, hielt eine Ansprache. Ihm antwortete der Borsitzende des Staatsministe- riums, der zugleich eine von den drei Ministcrn unterzeichnete Botschaft verlas, in der es u. a. heißt: Nachdem am 5. Februar d. I. 250 Jahre verstrichen waren, seitdem das Gebiet des jetzigen Kreiegemeindeverbandes Thebing- Hausen mit dem braunschweigischen Land verbunden wurde, um dann zwei Jahre später ein Bestandteil de« braunschweigischen Staates zu werden, schickt sich-die Bcvö'kerung Thedinghausens an, diesen denkwürdigen Erinnerungstag sestlich zu begehen. Mit lebhaftem Dank nimmt die braunschweigischc Staatsregicrung London. 17. Zun,.(Eigenbericht.) Die Unterredung zwischen dem am Freitag in England einge- lrosfenen neuen amerikanischen Botschafter General D a w e» und dem britischen Blinisterpräsidenten Macdonald fand am Sonntag in Forres(Bord- Schottland) Im Hause des schottischen Großindustriellen und Zugendsreudes TNacdonalds, Sir Alexander Grant, statt. Die Aussprache dauerte eine Stunde. Nach Beendigung der Unterredung verlas INacdonald vor Pressevertretern redungen abgeben würden, wie ihr Londoner Korrespondent cr- sähr», hat General Dawes dem Ministerpräsidenten die erwartete Einladung zu einem Besuch in Mashington nicht ü b e r- brach», wie es scheint, ist an Stelle einer solchen Aussprache eine baldige Konserenz sämtlicher Seemächte der Seeabrrislung geplant. Kreuzerbau vertagt. London. 17. Juni.(Reuter.) Tie fünf Kreuzer, die gemäß dem Programm deS nächsten fiskalischen Jahres auf L.iel gelegt werden sollten, sind nach Meldungen New Porter Zeitungen wegen der demnärkit itattrindrndrn Beivrerl»» zwischen worden. demnächst stattsindendcn Besprechungen Hoover und Macdonald zprückgestellt I pariser Konferenz in dieser Woche? % Segelflieger Sdmlm(Ostpreußen), der am Sonnlag lifdlidi rerungUlekle, CAerichl 2. Seile.) eine zwischen Dawes und Macdonald verabredete Mitteilung, welche u. a. besagt:„Mir haben in gemeinsamer Aussprache die gegenwärtige Lage der Seeabrüslung. soweit England und Amerika in Betracht kommen, erörtert, wir wünschen beide klarzustellen, daß wir mit einer Mitarbeit der anderen Seemächte an diesen Verhandlungen, von derem erfolgreichen Abschluß der Friede der Welt abhängt, rechnen." Macdonald fügte hinzu, daß General Daw«» in einer Rede am Dienstag abend in London und er, Macdonald, in einer gleichzeitige» Rede in Losiiemouth Erklärungen über das Ergebnis dieser Unter. Paris, 16. 3»ni.(Eigenbericht.) Der Reichsaußenminister Stresemanv, der voraussichtlich am Donnerstag in Paris eintreffen wird, wird, wie von französischer Seite mitgeteilt wird, hier mehrere Tage verweilen. Er wird voraussichtlich nicht nur Briand. sondern auch den Ministerpräsidenten P o i n c a r e besuchen. Dos„Journal" glaubt iagar ankündigen zu können, daß auch der englische Premierminister Mac- d o n a l d und der belgische Ministerpräsident I a s p a r nach Paris reisen würden, so daß also Ende dieser Woche in Paris eine 2lrt diplomatischer Vorkonferenz stattfinden würde. Briand wird, wie der„Petit Parisien" erklärt, sofort nach seiner Rückkehr in Paris sich über die Ansichten der sranzösischrn Regierung zum Poung-Plan in Kenntnis sehen. Die französische Regierung hat bereits in ihrer Sitzung am Sonnabend die finanziellen Bestimmungen des Ponng-Planes in, Prinzip angc- nommen. Sie hat jedoch die Stellungnahme zur Rheinland- räumung bis zuu Rückkehr Briands verlogl. Briand soll auch, wie der„Petit Parisien" weiter erklärt, in einen diplomalische» Meinungsaustausch mit der englischen, belgischen und italienischen Regierung eintrelen, damit er bei der Ankunft Slrcsemanns auch über deren Stellungnahme unterrichtet sei. Sollte die Aussprache zwischen Briand und Stresemann zit einem prinzipielle>> Uebereinkoinmen aller am Poung- Plan interessierten Mächte fuhren, dann würde— wie der„(fr- celsior" erklärt— da; O r g a n i s a t i o» s k o in i t e e der hiter- nationalen Reparationsbank am 15. Juli in Baden-Baden zu- summentreten. Sobald die technischen Arbeiten dieses Komitees weit genug gediehen seien, würde die Regierungskomerenz etwa A n- fang Aug» st eröffnet werden können. Auf diese Weise würde es gelingen, den Sachverständigenplan programmäßig ain 1. September in Kraft treten zu lassen. Falls wirtlich an diesem Datum noch einige rückständige Fragen zu erledigen seien, meint der„Excelsior" weiter, dann gäbe die S e p t e m b e r t a g u n g des Völkerbundes in Genf Gelegenheit zu ihrer Lösung. namens des braunschweigischen Staates dieses erneute Bekenntnis des Kreisgemeindeverbandes Thedinghausen zum braunschweigischen Slaatsgedanken entgegen, das in der heutigen Zeit von besonderem Wert ist. Das Staatsministerium, das der hohen Einschätzung der heutigen Gedenkfeier durch die Teil- nähme zweier seiner Mitglieder an ihr auch äußerlich Ausdruck gibt, weiß sich«ins init der braunschweigischen Bevölkerung, wenn es das Bekenntnis Thedinghausens zum braun- schweigi-schen Staat in gleicher Treue erwidert. Das; die besondere Fürsorge, die der brannschweigischc Staat dem räumlich von seinem übrigen Territorium getrennten Thedinghäuser Gebiet stets angedeihen ließ, auch in Zukunft nicht sehten wird, dessen dars sich der' Kreisgemcindcverband Thedinghausen versichert halten. In erneuter Bestätigung dieser Anteilnahme an der Entwickluna des Thedinghausener Landesteils wird der mit- unterzeichnete Minister des Innern dem Kreisgemeindeverband Thedinghausen aus Anlaß der heutigen Feier der Zuqehöriakeit zum Lande Braunschweig nach noch zu treffender näherer Ver- einbnrung Mittel für die A u s g e st a l t u n g' d e s Kreis- kranken Hauses zur Verfügung stellen. Das �prseulichste an dieser ganzen Affäre ist augenscheinlich die Tatsache, daß ein Krankenhaus errichtet werden soll. Im übrigen aber: der Flecken Thedinghausen bildet mit einigen Ort- schaften eine braunschweigischc Exklave in der preußischen Provinz fzannover. Diese Exklave ist an der Weser unniittelbar an deren Eintritt in das b r e m i s ch e Staatsgebiet gelegen und nach der Karte mindestens 100 Kilometer von der Grenze des Freistaats Braun schweig entfernt! Diktator Braun. Voller Schrecken sieht die..Kreuzzeitung" eine sozialdemokratische Diktatur nahe». Der dazugehörige Diktator iit auch schon gefunden, es ist der preußische Miilisterprüsident 0 t t o Braun, der einstweilen— noch der goldsichcren Information der ..Kreuzzeitung"— allerdings �loch gegen die R i v a l i t ä t K a r l Severings zu kämpfen hat...! Aber Otto Braun wird dos Rennen schon machen, sogar die„Kreuzzeitünq" bescheinigt ihm„dos sowohl taktische wie strategsschi Geschick, Diktator zu sein". — Welch? Bosheit des deutschnotionalen Plattes»-»» te ilen Parteioorsibend«»».>» Das Ende des Rekordsegelfliegers Lehrer Schulz und Begleiter beim Absturz eines Motor-Sportstugzeuges getötet Die Frau als Gehilfin des Mannes. Severins begrüßt den Kongreß des Weltbundes für Frauenstimmrecht. Sic seierlichc Eröffnung des Kongresses des Frauenstimmrecht- Verbandes fand heute vormittag im Versammlungssaal von Kroll statt. Der mit Reichsfahnen und den Fahnen sämtlicher angeschlosse- nen Lmidesverbüitd« geschmückte Saal bot ein festliches Bild, das erhöht wurde durch die hier und dort auftauchenden farbenprächtigen Volkstrachten der Vertreterinnen Indiens, Ceylons und orientalischer und balkanischer Länder. Man bemerkte mit Vergnügen die markanten Erscheinungen von Beamtinnen der englischen w e i b- lichen Polizei in Uniform. Auch die Jugend hatte sich in großer Zahl zur Teilnahme an dem Kongreß eingefunden. Die erste Vorsitzende des Weltbundes, Mrs. Corbett A s h b y, drückte ihre Befriedigung aus über die Versammlung von Frauen oller Erdteile und die weitgehende Gastfreundschaft in der Haupt- stadt des Deutschen Reiches. Ihr antwortete Reichsinnenminister Sevcring, der den Weltbund dazu beglückwünschte, daß er seine Tagung gerade in Berlin abhielte, wo vor 25 Jahren die organisatorische Grund- läge für den Weltbund gelegt worden ist. Noch vor 50 Iahren betätigte sich die deutsche Frau in B e r e i n e n, wo man sich mit Handarbeiten und der Hebung gefallener Mädchen beschäftigte. Gleich wie Lona Hessel in Ibsens„Stützen der GeKllschaft" reiht die Frauenftimmrechtsbeknegung die Fenster auf, um frische Luft der neuen Zeit hereinzulassen. Mit der Erringung des Frauenstimm- rechts ist aber der Kampf noch nicht beendet. Deshalb ist die Welt- nistsion des Weltbundes noch nicht erfüllt. Minister Severing berief , sich auf das Wort von Selma Lagerlöf, daß der gute Staat nur erreicht werden kann, wenn die Frauen zu den Gehilsen der Männer gemacht werden. Der heutige Staat, der beruht auf Macht und Blut und Eisen, muß abgelöst werden von einem Staat, dessen Fundamente sind Wahrheit und Freiheit. Dieselbe Haltung, wie sie der Weltbund gegenüber den Frauen eingenommen hat, möge er auch gegenüber dem deutschen Volk« be- «eisen, das schwer unter dem Versailler Friedensdiktat und unter der Anklage der A l l e i n s ch u l d am Krieg« leide. Mit Recht legen die Frauen keinen Wert auf fonnale und Teilrechte, die ihnen die Männer aus Galanterie einräumen, sondern kämpfen um die t a t- sächliche Gleichberechtigung. Auf diesem Standpunkt stehen auch die deutschen Frauen, welche zwar die vollkommenst« Gleichberechtigung erreicht haben, sich aber noch nicht als fertige » Staatsbürgerinnen fühlen. Frau v. F e l s e n begrüßt den Kongreß im Namen des deutschen Staatsbürgerinnenverbandes, der seit 1919 an die Stelle des früheren Reichsverbandes für Frauenstimmrecht getreten ist. Die Prüfung des Weltkrieges hat der Frauemveltbund bestanden durch die starke weibliche Solidarität. Berlin als glänzende Fremden- stadt gibt keinen rechten Eindruck von der N o t des deutschen Volkes, darum mögen die Delegierten auch dos industrielle Mittel- d e u t s ch l a nd, das Rheinland und Ostpreußen besuchen, um das deutsche Volk bei seiner Arbeit, seinem Leiden und seinem Aufbau- willen zu sehen. Ein besonderer Gruß gilt der zahlreich vertretenen Jugend. An Stelle der durch Krankheit verhinderten greisen Ehrenvor- sitzenden Mrs. Ehatmann E a t t gibt Mrs. S l a d e für die ameri- konische Delegation einen Rückblick auf die verflossenen 2? Jahre, hinter denen die kommenden nicht zurückstehen mögen. Macdonald für die Minderheiten. Er wünscht Siresemann guten Erfolg. London. 17. Juni. sVigenbericht.) I« einem Artikel in der„Sunday Times" betont Ramsay Macdonald nach einer Skizzierung des curopäi- schen Minderheitenproblems, daß diesen Minder- heiten als letztes Mittel ein Zutritt zum Völker- b u n d gestattet sein müßte. Es sei ein Unglück, daß die auf Minderheiten bezüglichen Rechte des Völkerbundes die alten Staaten wie Italien ausschlössen und daß die bestehenden Vefugnisse des Völkerbundes in der Minder- heitenfrage durch die Völkerbundspraxis abgeschwächt wurden. Dies müsse sofort aufhören und eine wirk- same Völkerbundskontrolle eingeführt werden. Die der Uebcrreichung von Petitionen im Wege stehenden Schwierigkeiten müßten beseitigt werden. Eine der Man- datskomission entsprechende permanente Minder- heitenkommission müsse eingefetzt werden und die Diplomatie der Verschleierung ein<*nde finden. Jeder Mann, dem die Fortdauer der Demokratie und die Iichc- rung des Friedens in Eur&Pa am Herzen liege, werde Ttresemanns Aktion beim Völkerbund guten Erfolg wünschen. pariser Nationalistenangst. pari«, 17. Juni. tt!>genbericht.) Der Artikel Macdonalds in der„Sundoy Times" hat in Paris beträchtliches Aufsehen erregt. Allerdiftgs enthält sich die ge- samte Pariser Presse jeglichen Kommentars mitgeteilt wurde, daß der Aufsatz vor der Uebernohme der Ministerpräsidentschaft ge- schrieben-wurde. Nur das nationalistische„Echo de Paris" be- hauptet, daß der italienische Geschäftsträger am Sonntag schon einen Prote st schritt vorgenommen habe, und es verlangt, daß Frankreich das gleiche tun solle. Macdonald Hobe sich in seinem Artikel wirklich wieder als der Mann erwiesen, der während, des Krieges von 1914 bis 1918 sein Vaterland ständig verraten habe, s!!) Es sei bezeichnend und traurig genug, daß es nicht ein deutscher, sondern ein englischer Sozialist sei, dazu noch ein englischer Premier- minister, der als erster die clsaß-lothringische Frage wieder ausgerollt habe. �-<• Munitionslager im Stahlhelmhaus. Bei einem Oachstuhlbrand in die Lust geflogen. Durch einen eigenartigen Zusgll scheint die Polizei in k) a h e n n c u e n d o r s, an der Oranienburger Streck«, aus die Spur eines geheimen Alunilionslagers gekommen zu sein. In dem Landhaus des Stohlhelmers Elsers in der Vit- toriastroße 9 in Hohenneuendorf entstand mittags in der Mansardenwohnung, die ein Untermieter innehat, Feuer. Als die Feuerwehr anrückte und im Verein mit Nachbarn an die Be- kämpfung des Brandes gehen wollte, erfolgten plötzlich mehrere heftige Detonationen. Unmittelbar darauf gab es fort- wäbrendss Knattern, dos fast eine Viertelstunde long dauerte. Zahlreiche Gewchrgeschass« wurden auf die Straße und den umliegenden Grundstücken geschleudert, so daß sich die Feuerwehr zunächst in rcspektvnller Entfernung halten mußte. Dann erst k nntc das Feuer, das den ganzen Dachstuhl einäscherte, gelöscht werden.. Der bekannteste aller deutschen Segelflieger und Inhaber aller Segelflugrekorde, der Lehrer F e r d i- nand Schulz, hat gestern beim Absturz eines Motorsportflugzeugcs in S t u h m seinen Tod gefunden. Das Unglück ereignete sich bei einem Ehrenflug gelegentlich einer Dentmalseinweihung in Stuhm(Westpr.) Nach beendigter Feier kreiste das Sportslugzeug„M a r i e n b u r g" des Westpreuß!- schen Vereins sür Luftfahrt in etwa 50 Meter Höhe über dem Denkmalsplatz, als zum Entsetzen der nach Tausenden zählenden Zuschauermenge aus bisher nicht geklärter Ursache die Tragflächen des Flugzeuges sich vom Rumpfe lösten. Der Rumpf selbst sauste mit großer Geschwindigkeit ungefähr 50 Meter vom Denkmal cnt- sernt auf den Marktplatz nieder. Die Flieger Ferdinand Schulz uod sein Begleiter, der Illarienburger Segelflieger Bruno Kaiser, wurden tol aus den Trümmern geborgen. * Ferdinand Schulz, der während des Krieges Kampfflieger war, wurde nach dem Krieg« Sportlehrer in der Fliegerschule Rassisten. Am 11. Mai 1924 konnte er mit einem selbstgebauten Segelflugzeug den ersten Dauerflug unternehmen, a ch t Stunden, 42 Minuten und 9 Sekunden in der Luft bleiben und sich damit den Weltrekord holen. Seinen eigenen Rekord überbor er im Oktober 192Z bei einem Segelflugwettbewcrb. Er blieb 12 Stunden 6 Minuten und 22 Sekunden in der Luft. Am 3. Mai 1927 steigerte er seine Leistung mit einem Fluge von 14 Stunden und 8 Minuten. Den ersten Weltrekord im Dauer- segelflug mit einem Passagier stellte er im Juli 1926 aus. Schweres Autounglück bei Klensburg. Zwei Tote, vier Verlehie. Flensburg, 17. Juni. Ein schwerer Autounfall ereignete sich auf der Straße Flensburg— Husum. Ein Ehepaar aus Hamburg hatte sich mit seinen Kindern zum Besuch von Verwandten nach Flensburg begeben. Von hier aus sollte ein Autoausflug nach Husum unternommen werden. In Flensburg bestieg das Ehepaar und vier weitere Personen, zusammen drei Damen und drei Herren. das Autö. Tic Kinder des Ehepaares blieben bei ihrer Großmutter in Flensburg zurück. Auf der Ehaussee Flensburg— Husum platzte der hintere rechte Reifen des Wagens. Ter Wagen überschlug sich. Der Lenker des Wagens war auf der Stelle tot, seine Frau wurde schwer verletzt in eine benachbarte Gastwirt» schaft getragen, wo sie eine Stunde später st a r b. Zwei weitere Insassen des Wagens wurden schwer, die beiden anderen leicht verletzt. Oer„Gelbe Vogel" in Paris. Frankreich ist begeistert.— Oer blinde Passagier. Paris, l7. Zun!.(Eigenbericht.) Die sranzösischen Flieger Assolant, Lefävre und L o l t i. die am Sonnlag im Triumph aus dem Flugplatz in Le B o u r g c t empfangen worden sind, sind in Paris vnbestreitbar die großen Helden des Tages geworden. Der Enthusiasmus der Pariser Oeffentlichleit, der sich im ersten Augenblick in der Erinnerung an die mehr durch jugendlichen Leicht- sinn verschuldeten Mißerfolge der Flieger im letzten Jahre stark zurückgehalten hatte, ist voll zum Durchbruch gekommen, zumal die Flieger sich am Sonntag mit dem Lustfahrtminister und ihren Er blieb 9 Stunden und 21 Minuten in der Luft. Ein Jahr später holte er sich auch den Slrecken-Wcltrekord mit einem 62-Kilom«ter-Fluge. Im vorigen Jahr gelang e» ihm auch, den Höhenweltrekord an sich zu reißen, am 5. April 1928 stieg er bei Hirschberg im Riesengebirge auf und brachte sein motorloses Flugzeug aus 570 Meter über die Abflugstelle. Der Pionier des Segelfluges hatte vor zwei Jahren berests einmal einen Unglücks- fall. Er war mit einem Flugzeug in Danzig aufgestiegen. Als er in 49 Meter Höhe war, wurde sein Flugzeug von einem W.rbelivind erfaßt und mit voller Gewalt niedergerissen. Die Maschine ging bei diesem Absturz vollständig zu Bruch, Schulz wurde bewußtlos aus den Trümmern herausgezogen und mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht. Er erholte sich aber bald wieder und hatte im vorigen Jahr, wie auch in diesem, noch eine ganze Reihe Flüge durchgeführt. Noch ein Segelflieger tödlich abgestürzt. Kastel, 17. Juni. Nachdem am Sonntag in dem Fliegerloger am Dörnberg mit den Segelflugzeugen„Maz�Kegel" und„Prüfling Dörnberg" mehre'-- wohlgelungen« Segelflüge geflogen waren, startete gegen 4'/s Uhr nachmittag» der 22jährige Jungflieger Heinz Kalle aus Kassel mit dem„Prüfling Dörnberg". Bald nach dem Starr verlor das Flugzeug an Höhe, um dann plötzlich senkrecht abzustürzen. Schwerverletzt wurde der Jungflieger aus den Trümmern geborgen und v e r st a r b auf dem Transport zum Krankenhaus. Die Unter- suchung hat ergeben, daß sich � das Steuer nach dem Abswrz noch vollkommen in Ordnung befand, so daß anscheinend ein Bedienung?- fehler der Zlnlaß zu dem schweren Unglück gewesen ist. früheren militärischen Borgesetzten, dem Oberst Weiß vom 34. Flieger-Regiment, wieder versöhnt haben. Wie üblich, mußten die drei Flieger und ihr blinder Passagier mit List und Gewalt den Fäusten ihrer Bewunderer entrissen werden, damit sie überhaupt heil noch Paris zurückkehren konnten. Die Atlantikflieger erklarten. daß sie mehrmals in Lebensgefahr geschwebt hätten. Einmal sei das Flugzeug in einen Luftsack von 2999 Metern aus 899 Meter gefallen, ein andermal sei es durch die Verstopfung einer Benzinleitung bis dicht auf die Wasseroberfäche herabgedrückt worden und konnte erst im letzten Augenblick.wieder emporgerissen werden. Der blinde Passagier Artur Schreiber scheint auf dem Gipfel des Glücks zu schweben. Er bewegte sich vollkommen außer Rand und Band vor Glückseligkeit. Er schwenkt« dauernd «ine amerikanische Flagge und brachte ewige Hochrufe auf Frank- reich aus, augenscheinlich weil damit seine französischen Sprachkennt- nisse erschöpft waren. Er bewegte sich so aufgeregt auf den Schulterp seiner Bewunderer herum, daß er sich in wenigen Minuten seine Kleider zu Fetzen zerrissen hotte. Im übrigen erwies er sich als waschechter Amerikaner Er hat sich strikt geweigert, irgendeinem Journalisten eine Erklärung über seine Untat obzu- Sieben, dg er das Monopol seiner Geständnisse nur gegen klin- gende Münze abzugeben gedenkt. Ueber oll dem Ernpfongstaumel war aber doch noch ein Passagier des Kanarienvogels vergessen worden: das junge Kroko- d i l. dos die Flieger als Glückstier mitgenommen hatten. Aller- dings scheint sich dieser Mmiatursaurier über sein Abenteuer nur sehr wenig erregt zu haben. Er schlief während der ganzen Zeit und nahm nur In Spanien etwas Nahrung zu sich, um dann sofo-r wieder in einen totenähnlichen Schlaf zurückzufallen. Am Sonntag abend, nachdem sich die Empfangsmenge verlaufen hatte, fand man das Glückstier imnier noch schlafend, steif wie ein Bock, in den Kissen eines Sitzes versteckt. Zwei onglo-indischc Offiziere ermordet. In der nordimzilch'ü Landschaft Waziriston wurden zwei britische Offiziere auf einer Aula- fahrt getötet. Es soll sich um den persönlichen Lcr- geltungsakt eines Eingeborenen handeln. Einer, der sich selbst angibt. Oer Totschlag an dem Referendar Günther Schaffer. vor dem Schwurgericht III, unter Vorsitz von Land- gerichtsdirektor Ohnesorge, begann heute früh die Verhandlung gegen den Zlljährigen Möbeltischler Herbert Meyer von der Roten Zugendfront, der angeklagt ist, am 9. Dezember v. 3. in Karlshorst den Referendar Günther S ch ä f f e r vom Zungdeukschen Orden vorsätzlich durch einen Dolchstich getötet und gleichzeitig an einem Raushandel. dem ein Menschenleben zum Opfer gefallen ist, teilgenommen zu haben. Am 9. Dezember fand in Karlshorst ein Demon st ratio ns- z u g des Roten Fronttämpfer-Bundes statt, der sich gegen die kurz vorher erfolgte Tötung eines Parteimitgliedes Willi Schuh in Oberschön eweid« richtete. Angeblich sollte Schuh das Opfer eines Ueberfalles von rechtsradikaler Seite sein, was sich aber nach der Feststellung der Anklage als ein Irrtum erwiesen hat. An dem Zug« nahmen etwa 3999 Personen teil, und es soll unter den Zugteilnehmern eine erregte Kampfstimmung geherrscht haben, so daß es unterwegs mehrfach zu Zwischenfällen mit Anders- denkenden gekommen ist. Der Referendar S ch ä f f e r war zum Besuch bei dem Schüler Wunsch, der auch dem Jungdo angehörte. Als der Zug an dem Haufe der Eltern van Wunsch, Treskow- Allee 194, vorüberkam, traten beide jungen Leute auf dl« Straße, um sich ihn näher anzusehen. Einige Frauen auf dem Bürgersteig erkannten die beiden an ihrem Iungdoabzeichen und sollen ihnen zugerufen haben:„F a s ch i st« n g e s i n d e l I, Faschistenschweine!" Dadurch wurden auch die Zugteilnehmer auf die beiden aufmerk- sam und einige von ihnen lösten sich aus dem Zuge und es kam zu einem Angriff auf die Iungdolcute. Wunsch rettete sich in die elterliche Wohnung, während Schäffer sich zunächst mit seinem Spo- zicrftock gegen die Angreifer wehb»«. Er wurde in den Haus- f l u r gedrängt und hat bei dieser Gelegenheit zwei Messer- st i ch e erholten, van denen einer tödlich war. Schäiser ist zwei Stunden noch der Einlieserung ins Kronkenhaus an den Folgen der Verletzungen verstorben. Dieser Vorgang hatte sich abgespielt, als bereits die letzte Gruppe des Zuges an dem Tatort vorbei- marschierte. Mehrere Augenzeugen haben einen jungen Mann als I den Täter beschrieben. Auf Grund dieser Angaben wurden zwei Personen, darunter auch Meyer, sestgenommen, dann aber wieder entlassen. Hinterher lies bei der Kriminalpolizei ein Schreiben ein, in dem höhnisch darauf hingewiesen worden war, daß Herbert Meyer der Täter gewesen sei, den man wieder habe laufen lassen. Daraufhin wurde Meyer nochmals in seiner Wohnung verhaftet, und bei der Haussuchung sand man in seinem Besitz einen Dolch, der Blut spuren aufwies. Auch an seiner Windjacke sollen Blutspritzer gewesen sein. Das Merk- würdige ist nun, daß der anonyme Brief noch den Bekundungen der Schreibsachverständigen einwandfrei von der Hand de» Angeklagten selbst stammen soll. Meyer bestreitet dos aber. Da sich die Anklag«, die von Staats- onwaltschaftsrat Dr. Lesser vertreten wird, aus einen Indizienbeweis stützt, find gegen 69 Zeugen zur Beweisaufnahme geladen worden. Di« Rechtsanwälte Dr. Hcrzfeld und Justizrat Dr. Viktor Frankel haben auch kommunistische Abgeordnete geladen. Der Angeklagt«, der sich seit Zlnfang dieses Jahres in Untersuchungshaft befindet, ist ein kräftig gebauter junger Mann. Er gehört nach seiner Angabe seit seinem 14. Lebensjahr« der Kam- munistifchen Jugendverbindung an und ist 1927 der Roten Jugend- front und der Kommunistischen Partei beigetreten. Aus der Tschecho- siowakei war er vorher schon wegen seiner politischen Betätigung ausgewiesen worden. Vors.: Was sagen Sie zu der Anklage? Angekl.: Ich habe mit der Tat nichts zu tun Bors.: Wollen Sie sich überhaupt nicht zu dem Vorfall äußern? Angekl.: Ick? weiß von dem Vorsoll überhaupt nichts. Der Vorsitzende ging nun mit dem Angeklagten genau durch, wo er sich zurzeit des Dorfalls be- funden habe. Der Angeklagte gab an, daß er in der letzten Gruppe. und zwar in der ersten Reih« der Roten Jungfront marschiert sei. Vor sich sah er etwa 29 Zivilpersonen auf dem Bürgersteig vorwärts- rennen. Er habe seinen Freund Ullrich beaust'agt, hinzulaufen und zu sehen, was los sei. Ullrich sei zurückgekommen und habe be- richtet, es fei da etwas losgewesen, er habe aber nicht mehr sehen können, was geschehen sei. Zehn Lahre Ozeanflug. Die erste Ozeanüberquerung im Zum 1919. Der geglückte Tronsatlantikflug des„Gelben Vogels" mit den Piloten Lotti, Assolant und Lefeor«, wird schon fast als ein oll� tägliches Ereignis bewertet werden. Wenn auch Frankreich seinen Fliegern«inen herzlichen Empfang bereiten wird, da sie ja die ersten Franzosen sind, denen die Ueberquerung des Ozeans gelang, so wird die Begeisterung auf dem Flugplotz von Le Bourget doch nicht mehr so hoch gehen, wie an jenem 22. Mai 1927, als Lind- bergh dort landete. So rasch vergeht die Zeit, so schnell verbraucht sie Erfolge und groß« Taten! und doch umfaßt die Geschichte des Ozeanflugs erst zehn Jahre. In diesen Tagen konnte man ein Jubiläum seiern: am 10. Juni 1919 gelang die erste Ozeanüberquerung ohne Zwischenlandung. Es waren die englischen Flieger Alcvk und Brown, die mit ihrem Doppeldecker von 700 PS im Laufe von siebzehn Stunden die Streck« zwischen Neufundland und Clifton in Irland zurücklegten. Die erste Ozeanüberquerung in Etappen war dem amerikanischen Ober- leutnant Read kurz zuvor geglückt. Er hatte ein viermotoriges Wasierslugzeug von 1600 PS benutzt und war, mit einer Zwischen- > landung auf den Azoren, von Neusundland nach Lissabon geflogen. Im selben Monat starteten drei Portogiesen, Continho, Cabral und Sacadura auf der südlichen Strecke zwischen Lissabon und Rio de- Janeiro zum Ozeanflug. Zwechundert Meilen von der brasiliani- schen Küste entfernt wurde ihr Flugzeug aus einem felsigen Eiland zerstört, und die Piloten muhten ein Ersatzslugzeug nehmen. Nun dauerte es volle fünf Jahre, bis erneute Versuche, das Weltmeer zu überwinden, gemacht wurden. In: Jahre 1924 waren es die Amerikaner Lowcll. Nelson und Smith, die in Etappen von Lon- don über Island, Grönland, Labrador, Neufundland nach New Jork flogen. 1926 unternahmen die Spanier Franca und Alda mit einem deutschen Flugzeug und englischen Motoren den Flug von Spanien nach Pernambuco mit einer Zwischenlandung in Porto Fraya. Sie brauchten dazu 56 Stunden, in denen insgesamt über 10 000 Kilo- meter zurückgelegt wurden. 1927 glückte dem Italiener De Pinedo ein« Ozeanüberquerung in Etappen, im März desselben Jahres dem Portugiesen Bieres ein Flug nach Südamerika mit einer Zwischen- landung. Di« nächsten Unternehmungen waren unglücklich. Im Mai versuchte der Franzose Romans von Senegambien aus nach Pernambuco zu fliegen: seit seinem Start hat man nie mehr etwas von ihm gehört. Dasselbe traurige Geschick wurde den beiden fran- zösischen Fliegern Nungesser und Coli zuteil, die den Ozean vou Osten nach Westen ohne Zwischenlandung bezwingen wollten. Der erste, dem die Ueberquerung des Atlantik von Kontinent zu Kontinent geglückt ist, war Lindbergh. Durch Witterung und Rückenwiird begünstigt, konnte er die Strecke New Park— Paris in 33,5 Stunden zurücklegen. Sein glänzender Erfolg und das ge- waltige Echo, das er diesseits wie jenseits des Meeres fand, haben den Ozeanflug— bis dahin eine Angelegenheit der Sportsleute und Flieger—, zu einem Unternehmen gemacht, an dem die ganze Oeffentlichkeit hinfort leidenschaftlich Anteil nahm. 5hirz nach Lindbergh flogen Chamberlin und Levin« von Amerika nach Deutsch- land: sie konnten mit ihrem zweiundvierzigstündigen Flug den Streckenrekord Lindberghs schlagen. Ebenfalls im Juni jenes Jahres stieg der amerikanische Nordpolflieger Byrd zu einem Flug« nach Europa auf. Er startet« am 29. Juni in Zlmerika. erreichte in der Nacht vom 30. Juni zum 1. Juli die Bretagne, wo er sich im Nebel verirrte und auf dem Meer niedergehen mußte. Di« großen Er- folge der amerikanischen Flieger machten rasch Schule. Aber so glücklich Lindbergh und Chamberlin gewesen waren, so katastrophal Verliesen die Flüge, die im Herbst unternommen wurden. Am 31. August 1927 starteten Michin und Hamilton mit der Prin- Zessin Löwenstein-Wertheim: sie blieben verschollen. Acht Tage später wurden drei Amerikaner auf dem Flugzeug„Old Glory" ein Opfer der rasenden Elemente. Kurz darauf mißlllckte das Wog- nis der Ruth Elders, ohne jedoch Menschenleben zu fordern. Schlimmer erging es den beiden Flugzeugen„Sir John Curling" und„Dawn". Beide gingen auf offenem Meer zugrunde die fünf Insassen, darunter«ine Frau, Mrs. Graysen, ertranken. Ihr Schick- sal teilten im Jahre daraus Hinchcliffe mit seiner Begleiterin Miß Mac Kay. Di« Oeffentlichkeit verlangte unter dem Eindruck dieser Men- schenopfer den Verzicht auf weitere Unternehmungen dieser Art. Alle Versuche, den Ozean von Osten noch Westen, also unter schwere- ren Bedingungen als in der umgekehrten Richtung, zu überqueren, waren vergeblich geblieben, und es gelang erst den„drei Mus- kotieren der Luft", Köhl, Fitzmaurice und Hünefeld, durch ihren glänzend gelungenen Flug im April 1928 die Möglichkeit eines solchen Unternehmens zu beweisen. Im Monat daraus kam die erst« Frau, Miß Earhart, mit dem Piloten Stulz In einem Ron- stop-Flug von Amerika noch Europa. Schiedsspruch im Textilkonflikt. Die Gewerkschafien beantragen Verbindlichkeitserklärung. �Der Schlichter von Schlesien hatte die Tarifparteien zum 15. Juni von Amts wegen zu Verhandlungen nach Breslau geladen. Nach 13stündiger Sitzung verkündete die Schlichter- lammer folgenden Schiedsspruch: Die am 30. April 1929 abgelaufenen Lohntarife treten vom Tage der Wiederaufnahme der Arbeit mit folgenden Aenderungen wieder in Kraft: Der Ecklohn für die Bezirke Reichenbach. Görlitz. Lauban. Breslau erhöht sich sofort auf 58 Pf., ab 1. April 1930 auf b0 Pf. Jür die Bezirke Grünberg, Landeshul, Reustadl er- höht sich der Ecklohn sofort auf 59 Pf., ab 1. April 1930 auf Kl Pf. Alle Tariflohnsähe erhöhen sich nach dem bisherigen Schlüssel. Diese Regelung wirkt sich in gleicher weise auf die Akkordstücklöhne aus. Diese Vereinbarung gilt bis 31. Oktober 1930 und kann mit einer zweimonatigen Kündigungsfrist zu diesem Termin ausgekündigt werden. Wird von der Kündigung kein Gebrauch gemacht, läuft diese Vereinbarung immer ein halbes Jahr weiter. Die Aussperrung ist sofort aufzuheben. Die Arbeit ist sofort wieder auszunehmen. Die Aussperrung gilt nicht als Unterbrechung des Arbeitsverhältnisses. Eine am Sonntag in Breslau tagende Konferenz der Funktionäre des Deutschen Textilarbeiterverbandes, in der alle an der Zlussperrung beteiligten Filialen vertreten waren, nahm den Spruch e i n st i m m i g an und beauftragte Zwei Souveräne. „Nachdem wir als unbeschränkte Souveräne unserer Parteien anerkannt sind, werden wir der Republik mal zeigen, was 'ne Harke ist!" die Verbandsleitung, seine Verbindlichkeit beim Reichsarbeitsminister zu erwirken. Ebenso wurde der Spruch von den am Bertrag beteiligten Gewerkschaften wie dem Christlichen, dem Hirsch-Dunckerschen Textilarbeiteroerband und den Berufsfremden, die ebenfalls am gleichen Tage Konferenzen hatten, einstimmig ange- nommen. Auch diese werden die Verbindlichkeit beantragen. Arthur Keil wieder verhastet. Oer Schwindel mit dem„Standard-WarenkaufhauS". In seiner Wohnung in der Christstraße zu Ehar- l o t t e n b u r g wurde aus Grund eines haflbesehles der Slaatsanwaltschast der 39 Jahre alte„Kausmann" Artur keil von der Kriminalpolizei wiederum sestgenommen. Der Haftbefehl gilt für das Unternehmen„Standard- W a r e n k a u f h a u s", das von Keil im Juni 1927 gegründet wurde. Schon drei Monate später waren Anzeigen vsn B e- r r o g e n e n eingelaufen. Keil wurde vorgeworfen, daß er Gewinn- anteile nicht ausgezahlt und den Geldgebern, die ihre Ka- pitalien gekündigt hatten, ihre Einlagen nicht herausgab. Schon einmal wurde Keil im Februar 1928 festgenommen zur Verbüßung einer alten Strafe. Nach der Entlassung zu Anfang dieses Jahres wurde ein neues Bureau eröffnet, unter der Bezeichnung „S t a d t b u r e o u", in der Lützowslraße. Dieses Unternehmen ging nicht unter Keils Nomen, sondern unter dem feines Schwagers Artur Haa k. Auch gegen dos Stadtbureau liegen bereits bei der Kriminalpolizei und der Stoalsanwaltschaft Anzeigen vor. Wegen des von Keil im Jahre 1926 gegründeten Wettkonzerns schwebt noch das R e o i s i o n s v e r j a h r e n. Der Gründer hatte damals gegen eine monatlich« Einzahlung von 106 Mark Gewinne von 50—«0 Mark zugesichert, die er auf Grund seines unfehl- baren Wettsystems erzielen wollte. Die Unternehmungen des rührigen Mannes haben die Gerichie, die Kriminalpolizei und die Oeffentlichkeit in den letzten Jahren wiederholt beschäftigt. Da Keil eine hohe Strafe zu er- warten hat und Fluchtverdacht vorliegt, so wurde der Fest- genommene noch Moabit gebracht. Wetter für Berlin: Leicht wolkiges bis heiteres, am Tage mäßig warmes Wetter mit westlichen Winden Für Veulschland: Zeit weife stärker bewölkt, sonst heiter, am Tage mäßig warm. „Andre(5h6mer." Staatsoper Unter den Linden. Andrö Chenier, Dichter und Träumer, zum handelnden Helden und Opernheldcn nicht gefchosfeii— ist«rfüllt von sozialem Mitleid und von innerem Zlufruhr wider die herrschende Klasse, vom Drang nach Menschenbesreiung und Menschenbeglückung, erfüllt vor, den großen Ideen der französischen Revolution, deren Sturmzeichen, wie vou fern, in d«n«rsten Akt klingen. Schloß der Gräfin von Coigny: der Prooinzadel, der sie nicht hören, nicht verstehen will, feiert Feste: nur Madeleine, das Haustöchterchen, zur hochnäsigen Gans erzogen, scheint ein wenig zu spüren, was in der Luft liegt: in Gerard, dem Lakaien, bricht die Empörung aus... Ein Drama der Revolution, erwartet man, werde sich in den folgenden Akten entwickeln. Im zweiten Akt sind wir mitten in der Revolution, in Paris, in den Tagen der„Schreckensherrschaft", wie die bürgerliche Geschichtsschreibung diesen Abschnitt der Geschichte des Bürgertums benannt hat. und es mag wohl in der Tat eine schreckliche Zeit gewesen sein— aber die Revolution, wir merken es bald, ist für den Opcrndramotiker nur Kulisse, ist nur wirkungsvoller, freilich auch ein wenig verwirrender Hintergrund für eine romantijch-aben- teuerliche Liebes- und Eifersuchtsiragödie, die sich zwischen Made- loine, Ehenier und Gerard begibt. Als echte Revolutionsoper endet sie mit Tribunal und Guillotine, die schließlich die Liebenden im Tode vereint. Nicht Gesinnung, sondern Theatcrgeschmack Hot nach diesem Stoff, diesem Milieu gegrifjen: der Geschmack der bürgerlichen Ge- sellschaftsoper, wie er sich beispielhaft in Puccinis„Tosca" auswirkt, nämlich austobt. Der Italiener Umberto G i o r d a n o, kein Jung- ling heute, Hot in jungen Jahre» die Partitur dieses„Andre Chenier" geschrieben, der 1896 in der Mailänder Scala seine erfolg- reich« Uraufführung erlebt und sich seither— nicht in Deutschland, doch in den romanischen Ländern, auch in Amerika, im Spielplan erhalten hat. Ein Ton von jugendlichem Idealismus klingt aus dieser Musik, der sympathisch anspricht, mag auch ihr Klang und Stil nicht von heute sein: doch auch für den Ton von gestern, wenn er ehrlich und echt ist, nicht nur für Neues vom Tag«, müssen wir ein empfängliches Ohr haben, und wir erfreuen uns an der in ihrer Art gekonnten Arbeit eines kultivierten, ernsten Musikers, die wir ein bißchen verspätet kennen lernen. Das im herkömmlichen Sinne bühnenwirksame Stück gibt H ö r t h mit P i r ch a n s Hilsc, mit viel plastischen Bauten und lebhaft bewegten Chormasien, in einer durchaus eindrucksvollen Inszenierung: aber die Handlung bleibt unplastisch, das Wort, wenn nicht gerade ein Sprecher wie Henke es formt, bleibt streckenweise undeutlich. Die Verständlichkeit des Worts müßte freilich im Orchester beginnen, dos unter Szells Leitung laut und grob musiziert. Aber die Prachtstimme» der Delia Rein Hordt und Karl Martin O e h m a n s dringen sieghaft durch. Den großen Er- folg des Abends hat und macht Herbert I a n s s e n, der die Gestalt des Lakaien und späteren Revolutionsgewoltigen Gerard als Sänger und Schauspieler in das Format großer Opernkunst hebt. XIaus Pringsheim. Die Pariser Wagner-Festwoche des Bayreuther Theaters, die am 20. d. M. beginnt, wurde am Sonnabend im Thöatre des Champs-Elysees mit der Generalprobe von„Reingold" eingeleitet, zu der die künstlerische und literarische Welt nebst der Presse ein- geladen war. Die Aufführung stand unter der musikalischen Lei- tung de? Bayreuiher Dirigenten Franz von Hoehlin, während die Bühnenleitung Wolfram Humperdinck ausübt. Sie vermittelte den Pariser Wagner-Verehrern einen starten Eindruck. Die zweite Generalprobe brachte die Aufführung der„Walküre". Die deutschen Künstler erzielten einen noch größeren Beifall als am Tage zuvor, der nach dem ersten Aufzug einen geradezu stürmischen Charakter annahm._ klemperer Nochsolaer von Ziegsried Och». Der von Siegfried Och» Begründete Pbilbarmoniichr Cbor bat sich unter dem Vorsts» des RcchtSan- toaltä Curt Sluzewlli neu konsiiluiert. Der Cbor bat Otto Klemperer ein- stimmig zil seinem Dirigenten gewäblt. Klemperer hat das Amt angenommen. Der Nordlsch-Deusiche Ilnlversitölslog wurde am Sonntag in Kiel cröfsnct. Oas Festspiel von„Florian Geyer". Staatstheater. Für alle Musikfreudcn, mit denen die Berliner und ihre Gäste jetzt wochenlang beglückt wurden, gab es bei den Liebhabern des Sprechtheaters keine Entschädigung. Man ist erstaunt, daß die Direktoren von der Reibaro und alles, was sich von kleineren Leuten dem großen Konzern nachschleppt, so groß« Versprechungen mochten, und dann auch nicht ein einziges Wort hielten. Man führte, um die Wochen der Festspiele auszufüllen, aus, was gerade au? der Walze lief. Man gab sich nicht einmal die Mühe, die Stück«, auszulüften, wie die fürsorglichen Hotels es mit ihren Fremden- zimmern getan hatten. Alle Ehren, auch olle Einnahmen käme» auf Kosten der Oper oder der Konzerte. Die Fremden, die wirklich nach Berlin kamen, um das mit soviel lauten Trompetenstößen über die Welt hinausgerühmte Berliner Theater kennenzulernen, mußten den Eindruck haben, daß die Reklameschriften des Fremden- werbebureaus und alle sonstigen Prospekte nur blauen Dunst ge- macht hatten. Dos Stoatsthcater sprang noch im letzten Moment aus der Reihe. Die Aufführung des„Florion Geyer" versammelte am Sonnabend nicht nur die Neugierigen, die unter gütiger Mitwirkung der Hohenzollerngespenster im Potsdamer oder Charlottenburger Schloß republikanischen Tee trinken wollten. Da war wirklich wieder eine Gesellschaft von Kunstsreunden beisammen, ein innerlich und äußerlich gespannter Kreis, der die Aufführung des„Florinn Geyer" mit Andacht erwartete. Es war eine festliche Aufführung, und ü- paßte darum durchaus zum Programm dessen, was angekündigt war. Auf die Neueinstudierung der„Weber"(am Borobend), die auch Festspislftück sein sollten, hatte Ießner nicht viel Sorgsalt verwendet. Der, Florian Geyer" war auch neu einstudiert, nach der alten Ueberlieserung, doch man hatte sich bemüht, jede einzelne Krast wiederum ganz strenge in das Spiel einzufügen. Es wurde sichtbar, wie sehr unser Staatstheater für Festspiele geeignet ist. Stößt Florian Geyer sein Mesier mitten in das Herz der deutschen Zwietracht hinein, dann packt die Zuhörer und Zuschauer das Gefühl, daß sie einem politischen Akte beiwohnen. Der Ort des Staatstheaters ist irgendwie merkwürdig, sogar irgendwie heilig, und man bedauert, daß der Leiter dieses Schauhauses, der ein tüchtiger und mit der Zeit eng verbundener Mann ist, so häusig Wege geht, die er sich und seinem Publikum ersparen müßte. Aber Ießner hat jetzt genug Er- fahrungen, Feindschaft und sogar Anpöbelungen eingesammelt. Er ist, sozusagen, jetzt erst staatstheaterreif geworden. Eine Frist von fünf Jahren wurde ihm wieder gegeben. Das ist eine lange u»d zugleich eine kurze Frist. Er soll sie benutzen, damit er alles ver- meidet, was nur Konjunkturtheater ist. Der Intendant, der R«- gisieur, seine Dramaturgen, seine Schauspieler, sie müsien sich alle anstrengen, damit sie nicht den Tagesklamauk nur mitmachen und sich blöd amerikanisieren lassen, wie es heute in Berlin die Theater. mode ist. Der Intendant eines Staatstheaters hat nicht nur Ein- fluß auf den Kassenrapport, er kann auch«ine Generation, die sich das Dramatisieren von oberflächlicher Aktualität allzu bequem macht, zu besserer, zu vertiefter Arbeit bringen. Und nun genug Festspiel, und nun wieder Alltagsarbeit, damit bei neuen Festspielen nicht mehr gemäkelt und gemault werden muß. Max Hctclidnrf. Eine Expedition noch dem..goldenen Zeitollex" der Eskimo,. Eine Expedition, die die noch immer ungeklärte Frage nach dem Ilr- sprung der Eskimo? erforschen will, wird demnächst von Reine abgehen, um verschiedene Städte an Rorton-Sund und aus der St.-Lawronce-Insel zu unteesuckien. Geleitet wird dos Unternehmen von dem amerikanischen Ethnoloqen Henry B. Collins, und man hofft zu erweisen, daß die Eskimos ihre Urheimat am Behrings-Meer oder im nördlichen Alaska haben. Collins hat bereits auf feiner Expedition von 1926 in diesen Gebieten Gegenstände ausgegraben, die in Form und Einzelheiten vollständig verschieden sind von den Werkzeugen, die die Eskimos heute besitzen. Man will besonders die uralten Haufen von Küchenabfällen, die sich hier im gefrorenen Zustand erhalten haben, genau durchsuchen, und holst, in ihnen für die älteste Kultur der Eskimo» so wichtig« Anhaltspunkte zu finden. wie dies in den„KjökeN'Mödinger", den ähnlichen AbfollhT' Skandinaviens, für die germainfche Frühkultur möglich war Schafft Schullandheime! Ein Appell der Berliner Arbeitsgemeinschaft. Die Arbeitsgemeinschaft dertöroh-Verliner Schullandheime hatte anläßlich ihrer Tagung zu einer Werbevcrsammlung einberufen, um den Grdanken weiter in die Oeffentlichkeit hineinzutragen. S-udienrat Dr. Ulrich wies in feiner Begrüßungsansprache darauz hin, daß der Beweis der Lebensfähigkeit der Schulland- Heime dadurch erbracht worden fei, daß die vorhandenen Land- Heime für die Anforderungen der Schulen nicht mehr ausreichen. Oberftadtschulrat N y d a h l gab eine umfassende Uebersicht von den Schullandheimen der Stadt Berlin. Er erklärte sich als großen Freund der Landhcime und sein« Ausführungen bewiesen dies. Das Ziel der Bewegung müßte dahin gehen, daß jede Schule auch ihr eigenes Heim auf dem Lande habe. Die Schullandheime sollten so ausgestaltet werden, daß auch eine B e s e ß u n g im Winter möglich fei. Das anzustrebend« große pädagogische Ziel sei, Kinder der verschiedenen Schulgattungen und verschiedenen Alters in einem solchen Landheim zu vereinigen, um das gemein- samc Zusammenfinden und Erleben zum G e m e i n s cha f t s- ge danken in ihnen zu entwickeln. Dies sei die Grundersorder- nis zur S t a a ts b ü rg e r c r z i e h u n g. Berlin vertrete selbst- ständlich das Prinzip, was auch in den Richtlinien für dschulland- Heime festgelegt ist, daß der unterrichtliche Zweck nicht leiden dürfe und daß es sich darum empfiehlt, die Derschickunq der Kinder l l a s s e n w e i s c vorzunehmen. Der erste Versuch Berlins bc- gann in Zerpcn schleuse, wo man eine Scheune und einen Pferdestall zur Unterbringung einer Schule herrichtete. Ohne große Zuschüsse habe es sich ermöglichen lassen, dieses Landheim von Jahr zu Jahr auszubauen, das jetzt Platz für 120 Kinder bietet. Nydahl empfiehlt eine nickst zu große Belegung der Heime, da das Eigen- leben des Schullzeims darunter leide. In Zossen hat die Stadt eine Reihe von Gebäuden vom Militärfiskus gemietet und sie für Schulzwecke ausgestaltet. Hier finden 700 bis 800 Kinder Aus- nähme. Die Klassen haben hier durchschnittlich 4 bis 6 Wochen Schulunterricht. Das jährliche Hinausziehen der Schule in ihr Heim verankere das Heimatgefühl des Kindes mit dem liebgc- wordenen Orte, aus Berliner Kindern würden Landbürger. Bor zwei Jahren bewilligten anläßlich des Pestalozzi-Jubiläums die städtischen Körperschaften die. Summ« von Zä0 000 M. zur Errichtung eines neuen Schullandheims in der D u b r o w. Dieses Heim ist auf das modernste ausgestaltet und es sind auch weitere Mittel je nach den Bedürfnissen für dieses Heim bereitgestellt worden. Inmitten des märtischen Waldes, in einer der schönsten Partien märkischer Landschaft, leben die Kinder an Leib und Seele auf, und der llntcrrricht gestaltet sich lebhafter und fruchtbringender als in der Stadtschule. Oberstodtschulrat Nydahl begrüßt einen engen Zusammenschluß aller Bestrebungen, die auf das Schulland- heim und verwandter Schulziele hinsteuern: die privaten Eigen- Heime, die von vielen Schulen�mit Mitteln aus der Elternschaft gc- schaffen wurden, müßten weiter bestehen bleiben, denn diese wären die stärksten Antreiber sür die Idee. Bei einer weiteren Ausge- Haftung des Berliner Schullandheimwescns in den nächsten Jahren würde man auch dazu übergehen, die Verwaltung und Bewirt- schastung zentral zu regeln. Schon heute hätten die Berliner Heime eine sechsfache Ueberzeichnung, sie reichen also nicht aus Di« Stadt bewilligt einen Pauschalfotz von 1 M. pro Kind und Tag, die Lehrer in Landschulheimen erhalten«inen besonderen Zuschuß von 3 M. täglich. Ein neues Schulheim ist in Birken- werder entstanden, in dem 40 Kinder Aufnahme finden. Es er- füllt alle pädagogischen und unterrichtlichen Anforderungen und wurde wie das Heim in der Dubrow mit Zeitralhcizung ausge- stattet, um die Kinder im Winter hier unterrichten zu können. Birkcnwerder ist speziell sür Berliner Sonderschulen be- stimmt, also für Zurückgebliebene, Taubstumme, Blinde u. a. Mehrfach hatte Berlin Gelegenheit, Austauschschüler fremder Län- der, so aus Spanien und England, in diesen Heimen al» Gäste bei sich aufzunehmen, wodurch ein großer kulturpolitischer Gedanke durch die Schullandheime gefördert wird. Neuerdings beabsichtigt Berlin ein ganzes Gut für die Zwecke des Schullandheims herzu. richten, dem eine Haushaltungsschule angegliedert werden soll. Dieser Gedanke erscheint besonders glücklich, wenn man sich überlegt, daß die Stadt viele Güter, die heute nicht mehr lukrativ arbeiten können, bereits in Schullandheime umwandeln könnt«, wobei eine Bewirtschaftung der Güter durch die Schicken mit ins Auge gefaßt werden könnte. Daß sich dieser Gedanke durchführen läßt, hat die Art Scharfendergs und ander« Experiment« lBewirtfchaftung der Güter durch Obdachlose) bewiesen. Natürlich sollte ein solches Schullandheim oder Schulfarm nur von einer Schule besetzt sein, damit der Zusammenhang mit dem Schulwerk nicht verloren geht. Der Vorsitzende des Reichsausschuffes für deutsch« Schulland- Henne, Studienrat Dr. NicolaiausAnnaberg im Erzgebirge. drückte feine Verwunderung und Freude über die Ausführungen des Vertreters der Stadt Berlin aus: bisher wäre dos rasche Fort- ichreiten des Schullandheimgedaickens in Berlin gor nicht bekannt gewesen. Er gab dann eine Darstellung van der Entwicklung des Schullandheimgedonkens, der spontan aus Lehrern und Elternschaft wahrend der Not der Kriegsjahre nnd der In- slotioi, entstanden sei. Heute besitzt Deutschland etwa 200 Schullandheime in allen größeren und auch mittleren Städten, voran marschiert Hamburg, wo der Gedanke zuerst entstanden und ver- wirklicht worden ist. Hier haben oft die Eltern von proletarischen Kindern Tausende van Arbeitsstunden freiwillig geleistet, um aus einer alten Mllitarbarocke, einem alten Bauernhaus in der Heid« oder in der Geest ein Heim für ihre Kinder zu schassen. Dies« eng« Zusammenarbeit der Elternschaft mit den Lehrern dünkt dem Vortragenden als schönste Frucht de» Landschulheims. Dr. Sahrhag« in Homburg, der Werbeleiter der Hmn- bvrger Schullandheime, gab dann in lebendiger Darstellung an Hand von den von ihm selbst aufgenommenen Filmen eine Uebersicht aus dem Leben in Hamburger Schul- Heimen, wo die Kinder in der Heid«, am Meer, in Sylt und auf versteckten Schäreninseln ihre Heime besitzen und eine fröhlich« Iu- gendzeit erleben dürfen. Die Arbeiterschaft und ihre gewählten Vertreter in staat- lichcn und kommunalen Verbänden wird diesen dankenswerten Be- strcbungen einer modernen Lehrerschost volles Berstöndnis und jede Unterstützung entgegenbringen. Auch wir unterschreiben das wenig bekannt« Wort Schillers, dos«in Dortragender in seine Ausführungen einflocht:„Sorgt für eure Gesundheit! Ohne sie kann der Mensch nicht gut sein.� Friedrich llalterolh. Arbeitersänger-Kongreß in München. Oir Generalversammlung des Arbeitersänger-Vundes. München, 17. Juni(Eigenbericht) Am Sonntag nahm hier die 7. Generalversammlung des Deutschen Arbeiter- Sängerbundes ihren An- fang. Es haben stch etwa 100 Delegiert« aus dein Reich sowie Per- treter der Arbeiterfönger-Jnternalionale aus Oesterreich, der Schweiz, der Tschechoslowakei, Ungarn. Elsaß-Lothringeu und Amerika eingesunden. Für die Sozialdemokratische Par- t e i übermittelte Reichstag-abgeordnetcr Heinrich Schulz di« Grüße und Glückwünsche der Sozialdemokratischen Partei und des Sozialistischen Kulturbundes. Als ein« der wichtigsten Stützen dieses Kulturbundes bezeichnete er den Arbeiter-Sängerbund. Die Bertrcter der ausländischen Verbände überbrachten proletarische Grüße aus ihren Heimatländern und bezeichneten das mustergültig« Wirkon der deutschen Sangesbrüder als beispielgebenö für d.e Arbeit in ihrer Heimat. Ernste Minuten waren den großen Taten gewidmet. die aus Münchener Boden für die sozialistische Idee gelebt haben und gestorben sind. '..Der Geschäftsbericht de» Bundesvorsitzenden Fehsel ton- stotiekt»«in« innere F« st i g u n g und Konsolidierung des Bundes, dem heure nahezu«ine Viertelmillion Mitglieder in 5004 Dereinen angehören. Der Bundesverlog Hot einen ungeahnten Aufschwung genommen und sst heute zu einer schweren Konturrenz für die kapitalistischen Musitalienverlage geworden. Sozialisierung des Musikalienmarktes nonnte Fehsel es. Wir denken— so erklärte ex—, gor nicht daran, unseren proletarischen Charakter preiszugeben. Ein Drittel oller im eigenen Vorlag herausgegebenen Musikstücke sind Tendenz- uyd Kampslieder. Bor kurzem wurde in Berlin ein eigene» Bundeshaus erworben, das im Herbst seiner Bestimmung zugeführt wird. Für den künstlerischen Beirat des Bundes sprach Dr. Alfred Guttniann, der mit warinen Worten der unvergävg- lichen Verdienste de» im Februar verstorbenen Professors Sieg» fried Ochs gedacht«, dem die Arbeitersöngerbewegung so unendlich viel zy danken habe. Guttmonn stellte mit Befriedigung dos harmonische Zusammenarbeiten zwischen dem Dorstond und dem künstlerischen Beirat fest und fordert««in noch intensivere» Erfassen der Kinder und der Jugendlichen für die Arbeitersängeridee. Damit war der erste Bundeskongrehtag beende!. Am Abend waren die Delegiert« Gäste der Stadt München. Hitzewelle in New yerf. 71 tm gork, IT. Zvoi." Seit einigen Tagen find in Titte Jork zehn Personen»m Hiß- schlag gestorben. Nenn weitere liegen schwerkrank danieder. A« Sonnabend zeigte da» Themomeler 90 Grad Fahrenhell, was die höchste Temperatur für de« IS. Zuni seit 46 Jahren darstellt. Berantwertlich wr die Redaktisn: ffe»»« Ktiitz», Berlin;«irzeizen: lV Siede, Berlin. Berlä«: Berwört» Serlaa S. m. b.£>., Berlin. Druck: Borwaris Buck- druckerti und BerkaSianlialt Paul Sinaer& ff»..----"~■--- dl« in l»eil,,«. Ca.. Berlin SD 58. Lindrnstralle Z. /'•y'V <) Momag. 17. 6. Staats-Oper Unter d. Linden A.-V. 155 IQ1 3 Uhr Cauallorfa rustlcana eaiazzi Sfaals-Oper Am Pl.d.Republ. R.-S. 142 20 Uhr Sinfonie Konzert Montag, 17. 6. staut. Oper Bisrrtarckstr. Turnus I I 19»3 Uhr Pique- Dame Staatl. Sdiausph. am Gandarmenmarkt R.-S. 45 20 Uhr Staat!. Sehilier-Theater.Charltli. 20 Uhr Der Friseur von Roßlagen I Rose-Theater GroB* Frankfurter Str. 132. rsgllcfa 5.19 Uhr; Pfleiseken Komödie in 4 Akten r. H. A. KUm Gartenbühne: 8.15 Uhr „Die geschiedene Frau" scai/A 8 L'iir b 5 Barbarossa 9256 O'Hanion& zamDuni 73« die weitere c iUtraHiionen »♦••••»»•wooaaaaa« SommeF-Garten-Theater Berliner Prater X;»,4 jst.vV.,ce7-9. Tel. Hb. 2246 Bastspftl fiusid Beer, B-elei Lilien in der Operette „Der ersten Liene ooia'ne zeit- Operette in 3 Akten(30 Mitwirk.) Ferner:„Br ist flofli der Pana". Burleske in I Akt mit Gustel Beer, Qretel Lilien. Dazu der groBe neue varietdieli. Anfang Konzert 4.30. Burleske u. Variete; Dm. flperetie 8.30. Z jeden Bonnerslao groBer Volks iag. j plAza Am M«t. 8085—68 Tägl.Su. B15: Intern. Varietä Vorverkauf stets für die laufende Woche inkl. Sonntag J die■ ■ag D Reichshallen-Theater AIlaBendildi QQ Uhr Sfetliner Sänger u. a.;„Flne'i lacht hn ytalnreinkeller". goaimerprelse! Biiiettbc- bcsteilung Zentrum II 263 .Dönhoff. Brettl: (Saal und Garten) vartet«- Tanz- Bacher-Konzert Mfiüin Ab 3 Uhr Grosser SonntagsbctWcb. iMeue Attraktionen Zum 1. Mai in Deutschland; Der ßensationelle Dressurakt RAUBTIERE IM GLOBUS Volks bttime liaateram Sfilowjlati 8 Uhr Berlin, wie es weint u. lacht Staat!. Sdiiller-Th- 8 Uhr Der Friseur uon RoQiagen Serlioer Theater OirekLHeinz Herald Charlottenstraße 90 A. 7. Dönhoff 170 8 15 U.• Ende 10'� U. Reporter (The Front Page) Ein StOck in 3 Akten von Ben Hecht und Charles Mac Arthur Regie iHeinzHilnen WM Iheater D.I. Norden 12310 8 U, Ende gegen Z Die Fledermaos Musik r.Joh. Strauß. Regie: Max Reinhardt Musik. Einstud. und Leitg. Erich Wollg. Korngold. Die Komödie J1 Btsmck.241 4/7516 S1,:, Ende geg. lO'MJ Der Mano, der saner Hamen äaderte 3 Akte von Edgar Waiace. Regie: HcinzHilpert Barnovsky-Bnbaeii Theater in der Kßniggrltier Straße Täglich SV. Uhr Riva I en Komödienhaus Täglich SV. Uhr Charlevs Tante mit Curt Bols. Trianon-Th. Täglich SV. Uhr Sonntag 3'� u. 8''< Gastiplel dtr legem snr üaueraDBhne Moral unterm Himmeinett Für Jugendliche nicht geeignet. Rundfunkhörer BeUlS Preise. Lessing-Theater Täglich SV. Uhr im betrüg' Didi nur aus Liebe Ein Stück mitMu- sik nach Verneuil. Theaier im Molleodorrpltlz Täglich SV. Uhr Öle Männer der Manen in 3 Akten r W. Goetze Dtsdi. Klistier-Tk. Täglich SV« Uhr- Polnische Wirtschaft Netropol-Th. FMSPMM IBM Tägl. S1� Uhr BlanSarl Operette von Offen baeh lltke Dorseh Lm Sinak Kldon Thittr Täglich SV. Uhr NafiMtdridtN? Lucie Mannhelm, Max Adalbert, Herr- mann-Schaufuß, Hermine Sterler. Fr. HolMinder. Fr. Frleanin- Frederl*. Tuest, fl. Westens Täglich SV. Uhr Sonntag ZV, u. SV. Frau Idars Weiler- Mal Friederike Telephon Sleinpiatz 0901 u. 7180 Tkni.iB B«in.T»r Kottb.Str.6 Tägl. 8 Uhr Eirta- i Sänger Bit lul- .8(11■ BarimBeLeir Planetarium • am Zoo— fnliil. JaBanifesialliil B.5. Barbarossa 5578 16 bis 19 Uhr BiUer* mttellueg 19 bis 1 9', i Uhr Der 20'. Uhr Da« Wetten im Lichtbild Lustspielhans Tägl. SV. Uhr Arm wie eine Kircnenmaus Skideisky, Flink Berisch u. a. Rundfunkhörer Iialhe Preise. Pumpen wäret. Fl hat Entli teile PraiaHeta-ratia laak.D). Pumpenfabrik BERUH R IS. 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Juni 1929 DerjUipnD SftäJaukfaJfo dU Der Wanderer durchs Nichts Tragisches Interaezzo im australischen Busch trögt einen„Billy", einen Blechiopf in der Hand, eine Art I lose, melancholisch-monoton«, mondortig aussehende Landschast, auf leerer Konseroendüchfe: das ist alles, was er zum Kochen braucht! I rotem, hartem Boden, in der sengeirden Sonne. er hnt einen eine?lr« nnfnemmer MierNeXerf. ,;j,er Er wurde ein 5un6c>vner, wie es deren viele gibt in Austra- lien. Er wanderte von frühmorgens, bis zur Zeit, wo der Tag ohne Dämmerung, mit einem Ruck in die Nacht übergeht Ehe die Sonne hinter der unendlichen Ebene untergetaucht war, mußte er eine sfarm erreicht haben, das war seine legte Sorge im Leben. Er trat in den Gesinderaum, bekam seine Ration Tee und Fleisch (wie jeder, der dort noch Essen verlangt), ohne darum zu bitten, als etwas Selbstverständliches, ihm, dem Wanderer von Gesetzes- wegen Zustehendes. Er kochte, schlief, verließ wortlos das Haus und wanderte weiter, Meilen und Meilen, bis zur nächsten Farm. So wanderte er Jahre und Jahrzehnte, ohne Berührung mit der menschlichen Kultur, stumpf und stumm durch den ganzen Farm- gürtel des Hartgebackenen, altersmüden Kontinents, der überreich an Sonne und Licht ist, aber arm an Mensch und I'er, Berg und er hat einen swag, eine Art aufgerollter Pferdedecke über den Rücken geschnallt: das ist olles, was er zum Schlafen braucht: ein Dinspi, e n gewöhnlicher australischer Köter, folgt ihm gesenkten Kopses nach: das ist alles, was er an Gesellschaft braucht,— so wandert er durch die Unendlichkeit und Einsamkeit sonngedörter, australischer Ebenen, durch Steppen und Urwälder: so wandert er dreißig, vier- zig. er weiß nicht wieviel Jahre, denn Zeit und Raum und Men- schentum und Gottheit und jeglicher Begriff sind ihm abhanden gekommen durch das ewige Wandern, das Wandern durch dos Nichts. Nun hat auch das Wandern aufgehört. Auf einer Buschwanderung sand ich ihn sterbend aus der roten Erde, sein aus tausend Wunden blutender Körper mit Ichwarzen Ameisen bedeckt, die ihn auffraßen. Wer war dieser Mann? Er war ein„Bemittancernan", ein aus der Art geschlagener Sprößling eines vornehmen, englischen Hauses: mit einer Monats- Pension(einer BeinitUnce) nach Australien geschickt worden. Das schien keine Strafe vorerst und er hatte ja auch keine verdient, er war nur etwas sehr leichtsinnig gewesen. Die australischen Städte, ein Zufluchtsort(großenteils) der vom öden, leeren, melancholischen australischen Land Abgestoßenen oder dort Gescheiterten und die Belustigungszentrale der aus. dem Lande Florierenden, der Reich- gewordenen, der Schaskönige, der Weizensarmer, der Goldwäscher. Die australischen Städte sind der krasseste Gegensatz zur Oede und Eintönigkeit des Landinnern? eine sprudelnde Quelle der Lebens- lust. Ich kenne keine so sorglosen, vergnügungssüchtigen und ver- gnügungsreichen Städte der Welt.„Er" war ganz entzückt von dieser Frische und ursprünglichen Lebenslust. Und man war entzückt von ihm: ein Flirt mit einem„Elegant" der alten Welt(in dieser neuesten Welt gibt es keine) ist für manche Australierin der In- begriff der Seligkeit. Da man in Australien immer in Gesellschaft lrinkt, auf Ein- srdnng, Revanche und fortgesetzter Gegenrevanche, kam er aus dem Trinken und den Bars nicht mehr heraus. Eines Tages blieb die .JernitUnce au». War sein Bater gestorben oder wieder verhet- ratet?.Dos konnte er erst nach Monaten erfahren: mittlerweile mußte er verdienen. Wohlan! Australien ist das Arbeiterparadies. Soweit man ein Boll durch soziale Gesetzgebung glücklich machen kann, haben d e sukzesswen australischen Regierungen ihre Pflicht getan. Jede Dienstbotenstube, jede Schusterwerkstötte wird gesundheitsamtlich inspiziert, ob sie hell und luftig genug sei und es wird streng darauf geachtet, daß niemand, ijh�rlaste.!.. oder unterbezahlt wird Aber.— um. in diese»«rbeiterparadies einrugehpn. ihur man vorerst eiiiev "Posten finden.' � Wenn das Land von der Dürre verbrannt oder von der Ueber- schwemmung weggeschwemmt wurde, ist(von Nachkriegswehen nicht zu sprechen) 3ürre und Ueberschwemmung auf dem Arveitsmarkt der Städte, selbst für die geübtesten und tüchtigsten der boden- ständigen Leute. Nachdem der Fremde einige Zeit an Bar-Ecken herumgelungert hatte, auf Chancen zum Trinken oder Arbeiten wartend(dem Trinker verabreicht der Barmann ein Gratislunch), ging er aufs Land. Im einsamen Landinnern ist der Zuwandernde aus alle Fälle will- kommen. Er besitzt Menschenwert, Seltenheitswert, wenn keinen anderen. Als brauchbare Kraft muß man �allerdings anpacken können, im Reiten, Zimmern, Schlossern. Solieln, Biehtreiben und weiß Gott was noch alles zu Hauie'sein— und„er" hatte zarte weiße Hände„'vbieb ncvcf- cluf an honest days work"(die, wie man ihm sagte, nie- tine ehrliche Tagesarbeit verrichtet hatten. Schließlich fand er eine Stellung als benimsary-nder. Er muhte «in großes Hammelkönigreich umreiten und nach den Löchern im Zaune sehen, der da unten gleichzeitig Stollmouer ist. Es dauerte oit Monate bis er zurück war, und außer ungezählten Schafmil- lionen auch einen Menschen zu sehen bekam. Es war die Lehrzeit einsamster Existenz. Er nächtigte in einem Sack voll Eukalyptus- blättern unter dem flimmernden Sternenhimmel, einer magischen, fast irrealen Deckenbeleuchtung, die chn- anfänglich nicht schlafen ließ. Er kochte und aß irgendwie und irgendwas, schoß Kaninchen, schlachtete Schafe, briet Fleisch aus'einer Schaufel und führte Ge-- spräche mit verdorrten Baumstrunken. Aber zweimal im Jahr fuhr er noch Melbourne, wo es europäische Bäume und Blumen gibt, Pars>md Geschäfte und so schöne und gutgekleidete Frauen wie irgendwo aus der Welt— und wo sein Smoking beim Portier im ersten Hotel hing und seiner wartete. Zweimal im Jahr verwan- delte er sich für einen Monat von einem schwitzenden Grenzreiter in einen betrunkenen Lord. Schließlich vergaß er sich in der letz- teren Rolle und verlor den Reiterposten. Dann wurde er Babbiter: staatlicher Kaninchenvertilger. Die Kaninchen haben sich in Australien ins ungemessene vermehrt und fressen den Schasen die ohnehin karge Nahrung weg. Daher wer- den sie von eigens dazu angestellten Männern, den Babbiiern, vergiftet. Auch dieses ist eine gut bezahlte, wiewohl ebenfalls sehr einsame Arbeit. Und nachdem er sie im Stich gelassen, wurde er Buschmann und rodete Urwaldland. Aber jedesmal, wenn er eine größere Summe Geldes erhielt, verwendete er sie nach der leicht- sinnigen Art gar manches australischen Landarbeiters. Der über- g dt feinen Jahreswechsel dem ersten, besten Schankwirt und be- ginnt in der Hinterlandsbar zu zechen. Er zecht und zecht, bis man ihm jagt, sein Geld sei vertrunken. Dann bekommt er drei Tage das Gnadenbrot und schließlich einen Fußtritt.. Er arbeitet wieder ein Jahr und trägt sein Geld zum nächsten Wirt. Aus seinen Wanderungen traf er Menschen, die jedwede Sorge um die Existenz abgeschüttelt haben. Das sind die sogenannten Lundcnvner». Der australische Sundowner ist ein Wanderer aus Erden, mit dem t-in Vagabund der Welt sich weisen kann. Er wandert von «msomen Farm vurch die Einode zur nächsten. Wenn die Sonne untergeht(vben thf sun goa down), muß der Sundowner, der„Dämmerer". eine menschliche Behausung erreicht haben, sonst muß' er ohne Nahrung gehen. Das ist sein einziges, letztes Ziel aus Erden Bei Tag wandert er einsam in der einsamen Natur, und die Nacht schläft er als Fremder unter fremden Menschen. Der Sundowner wandert immer, immer weiter, immer wo anders- bin. Meilen und Meilen wandert er. unter dem zitternden Kupfer- Himmel, durch immer dieselbe schattenlose, trostlose, geruchlose, laut- und Fluh und Tai. So wanderte er, ohne sich des Wanderns zu freuen und lernte die Natur und die Menschen und die Sprache verachten. Er sah nur mehr seinen Hund: das einzige Wesen, das er und das ihn verstand. Nach und nach verlor er die Erinnerung. Schließlich verlor er die eigene Identität. Er wußte nicht srsiy, wer er war. Er wanderte namenlos, ein Niemand durch das Nichts. Er wanderte ewig durch Unendlichkeiten. Er wanderte____ Eines Tages wollte er rasten. Er setzte sich unter einen jener Eukalyptusbäume, die zwar nicht die Blätter, wohl aber die Rinde verlieren. Die Sonne schien grell auf den kahlen Stamm und den grauen Wanderer. Sie drang in sein müdes Gehirn und weckte einen letzten Funken. Er erinnerte sich plötzlich an seine Jugend, hörte sanfte Stimmen, fühlte weiche Teppiche und den Blick einer Frau...., ein Kaminfeuer leuchtete, ein seltsames Licht.... sein Herz krampst« sich zusammen. Er siel zu Boden. Jetzt kamen die Herren der australischen Erde. Die kleinen Ameisen kamen und machten sich über die große Beute her. Sie überrannten und fraßen diesen Menschenleib, der über Meere hier- hergekommen und vor ihrer Behausung ihnen als Beute zugefallen war. Der Körper zuckte unter Millionen von Bissen. Aber er konnte sich nicht wehren. Er kam nicht von der Stelle. Es war zu End« mit dem Wandern. Mit dem Leben. Der Dingo leckte die Wunden und winselte. Heinrich Hemmer. Pferdebeine gegen Volkssouveränität Zum achzigsten Jahrestag der Sprengung des deutschen Revolutionsparlaments Im Mai 1849 blieb kaum noch eine Täuschung darüber, daß die deutsche Revolution im Sterben liege, und es war nicht überall ein Sterben in Schönheit. Rasch waren die Aus- stände in Sachsen und im Rheinland von der Uebermacht nieder- geworfen worden, und wenn auch in Baden und der Pfalz die re- volutionäre Flamtne noch lohte, so rückten doch schon, um sie mit Kommißstiefeln auszutreten, die Marschkolonnen der preußischen Gegenrevolution heran. Auch in der Frankfurter National- Versammlung, dem großen lebendigen Zeugen, daß das deutsche Biedermeierland wirklich so etwas wie eine Revolution gehabt hatte, brannte dos Lämpchen trübe: fast im Nebel der Bor- zeit verschwand der Maimond des Jahres.zuvor, da die Pauls- kirche Brennpunkt der Freiheits- und Einheitshoffmmgen einer ganzen Nation gewesen war. Ja, es ging zu Ende mit der Revo- lution, zu Ende mit dem Revolutionsparloment! Nicht zuletzt deshalb, weil es sich alle Zeit zu wenig als R e- v o l u t i o n s Parlament gefühlt hatte! Ilm die für ihre Kasten- schränke zitternden Mastbürger mit den Farben Schwarzrotgold zu oersöhnen, vergaß rtwif nur allzu bereitwillig, mit dem Dichter zu empfand Stolz darauf, eine respektable, eine honette, eine gesetz- l'che Revolution zu hoben, fcic vor jeder Verbotstafel ängstlich Halt machte, der Danton, Robespierre und M a r a t Gott sei Dank «ittriet und trotz der pomphaft ausgerufenen Souveränität des Parlaments dos neue Deutschtand friedlich-schiedlich mit den Fürsten zu vereinbaren trachtete. Um freilich statt dessen die Unterschrift unter der Charte des neuen Deutschland den F ü r st e n abzupressen, fehlte es der Nationalversammlung an Macht. So durchdrungen waren die Ideologen der Paulstirche van dem Glauben an die werbende und siegende Kraft des Rechts, daß sie, olle Erfahrungen der Geschichte in den Wind schlagend, e» ver- säumten, ein Parlamentsheer hinter sich.zu scharen, während die Fürsten, nach dem ersten Schreck ainottnend, die Säbel schleifen und die Flinten laden liehen, eingedenk des Sprüchleins: Gegen Demokraten helfen nur Soldater.» Jetzt, da die Bataillone der Gegenrevolutton heranrückten, stand denn die Nationalversammlung schutzlos und wehrlos da und hatte nicht einmal»inen Nochtwächterspieß zur Verfügung, um die Frei- hett zu verteidigen. Auch lichtete sich die Paulskirche, in der sich einst an die 7l» Volksvertreter gedrängt hatten, täglich bedenklicher. Im April wurden die österreichischen, im Mai die preußischen und sächsischen Abgeordneten von ihren Regierungen abberufen, und wenn auch nur die der Reaktion von vornherein Verhafteten dem ungefetz- lichen Verlangen willfahrten, so riß ihr Austritt doch breite Lücken in die Versammlung. Als auch die Erbkoiserlichen, die„Rotte Gagern", 7? Mann hoch, dem Parlament so de» Rücken kehr- ten, wie Ratten das sinkende Schiff verlassen, bekam die Linke das Heft in die Hand. Aber auch sie hielt, statt sich die letzten Illusionen aus den Augen zu wischen, an der Zentvalgewalt des famosen Erzherzogs Johann fest, der, ein wahrer Reichsver- roeser, für die Verwesung de» Reichs sorgte und mit der Nationalversammlung Schindluder spielte. Daß er ihr nach dem Rücktritt K a g e r n s ein Ministerium, bestehend aus den komischen Figuren des Parlaments, aus die Nase setzte, nahm es zwar mit einem Mißtrauensvotum auf, aber da der Habsburger mm einmal für die dem Spießbürger wohlgefällige Legittmität der Revolution bürgte, waren die Psuis sehr laut und die Entrüstung sehr allgemein, als erst Schlöffet den Antrag stellte, den Reichs- Verweser zum Feind des deutschen Volkes zu erklären, und zwölf Tage später Wilhelm Wolfs, der Freund von Karl Marx vor- schlug,„den ersten Volksverräter, den Reichsverwefer für vogelfrei zu erklären. Aber gerade wegen der kaum noch zweideuttgen Haltung dieses Erzherzogs fühlte sich die deutsche Konstituante in Frankfurt von Tag zu Tag unbehaglicher: m den Straßen der Mainstadt lies das Militär der Mächte/ die gegen die Reichsverfassung offen Krieg führten, immer herausfordernder herum. Am 3l>. Mai beschloß wie ein Bettler ausgenommen. Rur widerwillig überließ ihr die Kammer dreimal ihren Sitzungs- saal: nachher mußte das Parlament, noch zweimal das Tagung?- lokal wechselnd, sein Gewerbe gewissermaßen im Umherziehen aus- üben. Obwohl die württembergische Regierung die Reichsver- fossung anerkannt hatte, und der Ministerpräsident Römer der Nationalversammlung nach wie vor angehörte, witterte der miß- trauische König Wilhelm I. in den ungebetenen Gästen Brand- stifter, die in seinem Ländle„Anarchie verbreiten" wollten„gleich der in Baden und in der Pfalz", ober da er nicht minder fürchtete, daß ein schroffes Vorgehen gegen die Erkorenen des deutschen Volkes ihm von seinen Untertanen böse angekreidet würde, übte er zunächst erzwungene Duldung. Da die Konstituante auf kaum mehr als hundert Abgeordnete zusammeirgeichmolzen war, die fast alle der Linken oder entschie- denen Linien zuzählen, schüttelte sie jetzt den Erzherzog Johann als Volksverräter ab und setzte eine sünfköpsige Reichs- r e g e n t s ch a f t ein, die nicht ganz mit Unrecht Karl Heinzens Spott herausforderte: Erst hasten sie da» Reich. Doch keinen Regenten gesunden. Dann hatten sie fünf Regenken zugleich. Da» Reich war unkerdesten verschwunden. Der Wille, das Nötige zu tun, war jetzt zwar da: aus der Stim- mung der Mehrzahl heraus erklärte Zimmermann, der Ge- schichtsschreiber des Bauernkrieges, wenn es denn sein müsse, halte er es mit M a ch i a v e l l i s Wort:„Heilig sind die Waffen, besonders dann, wenn keine Hoffnung ist als die Waisen." Aber mit dem Willen ollein war es nicht getan. Was mehr denn je fehlt«, war Macht, und sie zu schaffen, war es längst zu spät. Da nicht einmal die demokratischer Gesinnung verdächtige Sttittqarter Bürgerwehr ee wagte, mit gefälltem Gewehr zum Schitze vor die Nationalversammlung zu treten, blieb es eine leere und hoffnungs- lose Geste, wenn die Regentschaft den Oberbefehl über die Reichsarmee übernahm. Um die Befehle der Fünf kümmerte sich in ganz Deutschland niemand mehr als um den Mann im Mond, und dem König vollends ward die Geschichte zu dumm, als hie Reichsregenten— auf dem Papier!—«s unternahmen, einen württembergischen bifi.sier wegen Ungehorsams seiner Stellung als Reichsgeneral.zu entheben und von der Stuttgarter Regierung 5000 Mann als Kern eines aufzubauenden Reichsheeres zu ver- langen. Auch sein Handlanger Römer war jetzt bereit, Demo- kratie hin, Demokratie her, die lästigen Zuzüglinge auf den Schub zu bringen. Der entscheidende Anstoß aber kam von der Vormacht der Gegenrevolution, von Preußen. Die Berliner Machthaber forderten die württembergische Regierung in höchst unwirscher Drohnote auf,„dem Unwesen jener aufrührerischen Versammlung ein Ende zu machen", widrigenfalls die freundliche Hilfe preußischer Truppen zu erwarten sei. Da die württembergisch« Majestät vor nichts einen höllischeren Respekt hatte, als vor dem Einmarsch der Pickelhauben, verbot seine Regierung am 17. Juni der National- Versammlung ein weiteres Tagen. Als sich gleichwohl am folgen- den Tage die Abgeordneten In feiettichem Zuge.zur F r i tz s ch e n Reithalle begaben, voran der greise schwäbische Dichter U h l o n d und der„Altvater des schwäbischen Liberalismus" Schott. versperrte ihnen ein Bataillon de» 6. Infanterie-Regiment» den Weg. Einwände gegen die Aufforderung eines zivilen Regierungskom- missar», auseinanderzugehen, schnitt brutaler Trommelwirbel ab: aus einer Nebenstraße sprengte eine Schwadron des 2. Reiter-Re- giments, nackte Klingen blitzten in der Lust. Befehlsstiminen schrien: EinHauen, aber wie der die Aktton leitende General be- richtete,„mit Anwendung von ein paar flachen Säbelhieben" er- ledigte sich der nur platonische Widerstand: der Einsatz von Pserdebeinen gegen die Volkssouveränität ge- nügte. Noch einmal versammelten sich die also Auseinond--r- oarum die Versammlung mit 71 gegen 84 Stimmen ihre Ueber- gesprengten nachmittags im Hotel Marquardt und beschlossen, sich siedlung noch Stuttgart, obwohl das revoluttonäre Baden nicht nur geographisch, sondern auch politisch viel näher lag und Heidelberg die Volksvertretung in seine Mauern eingeladen hatte. Da ganz im Gegenteil Stuttgart gar nicht nach der Ehre geizte. die Üeberbleibsel de« Rcvolutionsparlaments.zu beherbergen, schlich sich die Versammlung, die immer nach die Souveränität der Na- tion verkörperte, wie ein Bettler in die w'i't'rmbergische.Hruptst-dt ein, und wurde am 26. Juni in Karlsruhe einzufinden, aber da an diesem Tag statt der RationalveHammluing die Soldateska des Prinzen von Preußen in die badische Hauptstadt einzog, dauert« es volle sieben Jahrzehnte, bis wieder, als Ausdruck der Souveränität der Na- tion, ein deutsches Revolutionsparlcynent unter Schworzrotgold zusammentrat. Von Stuttgart nach Weimar war der Tag lang und steinig, ober schließlich machte doch der II. August 1919 den 18. Juni 1849 wett. Hermann>Vendel. «Schluß) Was nicht alles in fünf Minuten passieren kann. Auf dem Dachfirst von Schoss«hs Remis« hatte sich Witwers Piau niedergelassen. Er spürt« das kommend« Regenwetter in den pfauischen Knochen und erfüllte darum die Luft mit feinem mih- tönigen Geschrei. So ein Pfauenruf ist schlimmer als das tollst« Katzengeschrei in den Januarnächten, und der Theodor, der unten im chof seine cholzaxt schliff schien der gleichen Meinung zu sein: denn er brummte:„Du Satansvieh, du elendiges, wenn man dich fressen könnte, Hütt' ich dir schon langst deinen chalswirbel umgedreht." Der Theodor schliff wie wütend. Er wollte nachher cholz spalten, die richtigen knorrigen Stumpen, die er selber aus der Hardt geholt hatte, so zu einer Zeit, da bestimmt kein Forstmann unterwegs war. Für solche gestohlene Knorren muh ein« ehrliche Axt doppelt scharf sein, sonst battet's nicht: das ist«in alter Dorfglaube. Lieni, der Schmied, drehte dem Theodor zur Gesellschaft den Schleifstein. Lieni war gar nicht gut aufgelegt: irgendeines von diesen verdammten Bauernrössern, das er am Morgen hätte be- schlagen sollen, hatte nicht stillgehalten, und es gab eine Boxerei, bei der der Schmiedmeister trotz seiner Schweizermuskeln deutlich zweiter Sieger geblieben wäre, wenn nicht der Rohbesitzer vermittelnd ein- gegriffen hätte. Sowas ärgerte den Alten immer. Ja. Herrgott, wenn niemand dagewesen wäre bei dem Dorfall, so hätt« er der alten Schindmähre ein gutes Stfick Eisen auf dem Rücken krumm geschlagen. Die würde schon. Mores vor ihm bekommen haken! So aber— und mit verbissener Wut drehte er den Schleisstein mit solcher Wucht, dah das Wasser im Schleifsteintrog, von der Gewalt des rotierenden Steines mitgerissen, steif wie«in Eiszapfen in der Luft stand und wie gefroren aussah. „Der Teufel soll so ein stinkiges Schmicdsleben holen! Nichts als räudige Gäule kriegst du in die Finger. Da kannst du dich schinden! Und niemals passiert was in diesem vergessenen Nest!" Während der Lieni dies sagte, nahm der Theodor die Axt vom Schleifstein und prüfte mit dem Daumennagel die Schärfe, der Schneide. „'s ist gut so, Schmied, du kannst mit Drillen aushören!" In diesem Augenblick ging von rechts, von Laubys Holzhof her. ein kriegerisches Gefauche los. Tatzenschläge fielen. Miaugelchrei ertönte, wie«in von der Sehne geschnellter Pfeil sauste Minetti, Theodors Hauskatze, über den Hof, verfolgt vom Roten. Der Rate, dos war der nichtsnutzige Kater des Bürgermeisters, ein Dieh aus Angora, mit dickem, brandrotem Pelz und einem Schwanz so lang und dicht und buschig, daß er einem Waldfuchs alle Ehre gemacht hätte, geschweige denn einem dörflichen Kotzenvieh. So lang und schwer war dieser Schwanz, daß ihn der Kater beim Springen und Laufen am Boden schleifen lieh, so dah der Hof an der Stelle, wo er durch war. wie gefegt schien. „So. bist du wieder hinter unserer Minetti her, du Mistvieh, verschworenes!" knurrt« der Theodor und warf im hellen Zorkl die Axt nach dem enteilenden Kater. Sie wirbelte durch die Luft wie «in Tomahawk, den wir aus den Indianerbüchern her kennen, und traf beim Niederkrachen mit breiter Schneide den Schwanz des Katers so, daß es ihn glatt abhieb, knack, als sei er nur ein dürrer Ast und nichts weiter. Da stieg ein Schrei auf, wie er bis dahin in der Burglibemer Bannmeile noch niemals erklungen war, ein Schrei, der einem das Blut in den Adern gerinnen machen konnte. Der schwanzlos gewordene Kater fuhr zehn-, zwölsmol um sich selber herum wie«in irrsinnig gewordener Kreisel: dann sauste er in seinem Schmerz, der ihn blind machte, geradenwegs ab, die fünf Meter hohe Holzwand der Remise hinauf aufs Dach. Das ging wie aus der Pistole geschossen, so schnell, daß das Aug« kaum mehr mitkonnte. Er raste geradlinig auf Witwers Pfau zu, der am Firstend« stsnd und, als der Lärm im Hofe angegangen war, den Rheumatis- mus in seinen hohlen Knochen vergessen und eine Weil« mit seinem mihtönigen Gekreische ausgehört hatte. Der Pfau faßte den Katerfpnmg als Zlngriff gegen sich selber aus und flüchtete mit ungefügen Flügelschlägen. Er siel mehr vom Dach,« berob. als er slog, und zum Unglück ging gerade unten aus Wickis Weg die Frau des Polizeikommissars' Steinbrecher vorbei, der setzte er sich mit voller Sturzwucht in die Perücke. Die Frau Polizeikommisfar, von dem Ungewohnten bis in den hintersten Winkel ihrer kommissärischen Seele erschreckt, vermeinte nicht anders, als die Säulen des Himmels stürzten ein, und es nahe sich das jüngste Gericht(denn sie war sehr fromm, eine Stündlerin, und wartete schon seit ihrem zwanzigsten Jahr von Woche zu Woche auf da» Strafgericht, das über die verderbte, sündige Welt herein- zuhrechen fällig war). Aber so, wie es setzt über sie kam, das stand in keiner Weissagung und das ging ihr doch«in wenig zu schnell, weswegen sie ein Geschrei anstimmte, gegen weiches das seinerzeitige Toben und Brüllen der jüdischen Iungmannschast vor dem irans- jordanischen Jericho nur ein sanftes Flüstern genannt werden kann Steinbrecher, der gleich nebenan wohnte, der aber die Stimme seiner besseren Hälfte auf zwei Kilometer gegen den Wind erkannt hätte, linterbrach die Konferenz, die er' eben mit seinen drei Gendarmen hotte, und eilte ans Wickis Weg hinunter, dem Geschrei nach, zu sehen, mos es gab«. Da faß nun der Bürgermeisterskater, der berüchtigte, auf dem Dachfirst der Remise mit verrenktem Halse und leckte die Stelle, an der noch vor einer Minute sein schöner Schwanz angewachsen gewesen war. Mitten im Lecken hörte er wieder aus, hob lein gc- guältes Katerhaupt gegen die Wolken und weinte in entsetzlichen Tönen Rache und Verderben herab auf die ruchlose, oxtwerfend« Menschheit. Die Frau Polizeikommisior mar in die Knie gesunken, haste die Hände aufgehoben und schrie, solcherart dem Kater sekundierend und immer noch den Bogel Minervas auf ihrem Haar. Der Pfau hatte sich darein festgekrallt, wie betäubt von dem unerwarteten .Herniedersturz aus Dachhöhe. Als er aber Steinbrecher höchsteigen in Uniform auf sich zukeuchen sah, stampfenden Schrittes, begriff er in seinem pfauischen Instinkte, es fei besior, diese Stätte des Jammer, zu verkästen, als noch länger zu verweilen. Deshalb breitete er fein« Schwingen, tat ein paar mochtig« Schläge und ern- schwebte. Aber ein« seltsame Beute blieb in seinen Fängen hängen, das ehrwürdige graue Matronenhaar der Polizeikommistärin. Mir diesem Skalp entschwebte er, und nacktköpfig, kahl, glattglänzend wie eine Billardkugel im Gaslicht, blieb entkleideten Hauptes knie- lings die exnfte Bibelforscherin zurück, und hotte noch immer nicht begriffen, was eigentlich vor sich gegangen war. Der Theodor aber und der Lieni hinter ihrem Hag, die lochten, als sie das sahen, wie die Wilden. Sie tanzten um sich selber herum, als ob sie auf einem Kilbe- boden wären und schon den vierten oder fünften Liter hinter sich hätten. Hahaha, lachten sie. hahaha, und tanzten und gumpien und schlugen sich, hahaha, vor lauter Lochen auf die Schenkel, hahaha, daß es laut schallte, hahaha. Dem Polizeikommistar stieg die rote Wut ms Gehirn, als er feine Frau in dieser merkwürdigen, seinem wichtigen Amt durchaus nicht angemessenen Stellung erblickt« und als er im Hof drüben die beiden, den Lieni und den Theodor, so unmäßig lachen sah. Er stellt« sich an den Zaun und rief hinüber, sie sollten still sein und beide sofort mit Lochen aufhören, sonst ließ« er sie von der Stelle weg verhaften und nach Hüningen hinunter ins Loch führen. Da lachten die beiden noch viel mehr als vorher: denn in seinem Zorn sah der Kommistar gar nicht wie ein Mensch au», nein, das war bestimmt nichts weiter als ein entwichener, rotangelaufener, wutfpciender Mandrill, wie man die hie und da in einer der durch- reisenden Menagerien zu sehen bekam gegen gutes Geld. Sie konnten nicht anders, die beiden Sundgauer, hahaha, sie drehten sich weiter in ihrem Ring, steifbeinig die Füße lüpfend, und lachten, lachten, hahaha, daß ihnen die dicksten Tränen über die Backen rannen. Der Kommissar, sich in seiner blauen Wut nicht mehr kennend, vergaß feine sünfundfünfzig Jahr«, stieg wie ein Junger über den Zaun und ging mit geballten Fäusten auf den lachenden Theodor und auf den lachenden Lieni los. Da kam er aber gerode an die Rechten! Noch immer lachend, hahaha, nahmen sie feinen Angriff an. hahaha, und hatten jjen Mann des Gesetzes bald so verwalkt, daß er gellend um Hilfe schrie. Nicht minder seine Frau, die sich von ihrem Schrecken erholt hatte und nun wie ein frischrasierter Chinesen- köpf über den Hag herüberiah. Aus das vereinte Geschrei der beiden kamen elligst die drei Gendarmen»u» dem Konferenzzimmer gelaufen, heidi in Sätzen, immer drei Stufen auf einmal, die Trepp« hinunter, ihrem Häupt- WAS DER l Clemenceau und Zola. In diesen Togen erscheinen in Paris bisher unveröffentlichte Briefe Zolas an seinen Verteidiger Labyry. Wie man sich vielleicht erinnert, wurde Zola wegen seines Auftretens im Dreyfue-Prozeß vor Gericht zitiert, worauf Zola sich freiwillig ins Exil begab und sich ein ganze, Jahr in London aufhielt. Ladorys Witwe wider. setzte sich lange der Veröffentlichung dieser Korrespondenz, und erst vor kurzem ist es dem Schwiegersohn Zolas gelungen, Madame La- bory für die Freigabe der Briefe zu gewinnen. Es geht aus den Briefen unter anderem hervor, daß Clemenceau dem berühmten französischen Dichter stet« zur Seite gestanden und ihn im kritischen Augenblick zu seiner Flucht nach England verHolsen hat. El«- menceau und Zola begegneten sich oft in der Redaktion der Zeitung „Aurora". Der Titel von Zolas weltberühmt gewordenem Artikel ,.5'occuze"(„Ich klage an") stammt von Elemeneeau, der ein Meister in der Erfindung von sensationellen Titeln war. Zola wollte d« Anklageschrist unter dem Titel„Ein Brief an Felix Faure" oer- öffentlichen. Am selben Tage, an dem Zola Hals über Kopf nach London flüchtete, ließ Clemenceau einen eigenen Artikel unter dem Namen Zolas erscheinen. Stimmwechsel bei Vögeln! Stimmwechsel ist bei Bügeln nur sehr selten anzutreffen. Nur bei jungen Bussarden läßt er sich beobachten, deren Iugendrufe bei gleicher Klangfarbe etwa ein« Oktave höher klingen als die der älteren Tiere, ferner bei flüggen Waldohreulen, bei denen sich die Tonhöhe de« Rufes um 1 bis 2 Oktaven von der alten Stimme unter- scheidet, und bei dem jungen Woldkauz, dessen Stimme«ine Quart höher liegt, als die Stimme des Voters, sowie an jungen siau». enten. Stimmbruch, jedoch mit sonderbarer Tonsärbung, läßt sich nach den Untersuchungen von Stadler und Schmitt außerdem an jungen Heidelerchen und jungen Buchsinken wahrnehmen, deren Iugendgezwitscher tonlos und rauh klingt. Sehr deutlich hört man den Uebergang von der Kinderstimme zur Stimme der Alten auch beim jungen Haushahn. Bei den meisten übrigen Bügeln entstehen die alten Stimmen ganz unabhängig von den Iugendstimmen. So- bald diese Bogel«ine gewiss« Entwicklungsstufe erreicht haben, kann man nicht selten von demselben Tier beide Stimmen sozusagen nebeneinander hören. Dann verstummt eines Tages die Jugend- stimme, und die erwachsene Stimm« behält nunmehr die Oberhand. So entsteht das tiefe Quaken der alten Stockenten keineswegs au» den hübsch klingenden Rufen der Iungenten, und ebenso verschieden sind die Iug«ndrvs« bei Star, Mehlschwalb«, Goldammer, Specht wie auch beim jungen Fischreiher, beim Kormoran, dem Wasser- schmätzer, dem Teichhnhn und der Gans von den Ruflouten der erwachsenen Tiere. Ein falscher Zar hingerichtet. In Charkow wurde kürzlich von den Sowjetbehürden«,n« Ge- heiinorganifation entdeckt, die in der Umgebung zahlreiche Anhänger besaß und im Kellergewölbe eines ehemaligen Magnatenschlosse, ihre Zusammenkünfte abzuhalten pflegte. Do» Haupt der Gesellschaft, ein gewisser Nikita Schmurschut, nannte sich Zar Nikita und erschien bei den Dersammlungen im Schmuck einer Krone und m reich- besticktem Brokatmantsl. Man vermutet, daß sich der„Zar" dieses prunkvolle Kostüm au» der Garderobe des Opernhauses von Charkow verschafft hatte. Nikita ixhaupt«»«, der Großfürst Michael zu sein, der, wie man weiß, kürzlich in London gestorben ist Di« Zett werde nicht mehr fern sein, erklärt« er immer wieder seinen Anhängern. an dem er den Thron seiner Väter besteigen werde. Die Mitglieder. die diesen Ankündigungen willige» Gehör schenkten, steuerten reichlich Geld-bei, das der„Zar" für seinen.Hofstaat" verwandte. Lei dieser Gelegenheit stellte es sich heraus, daß die Bauern in der Um- aebung von Charkow noch über onfehnl-cbe Geldoorröte verfügen. Schnmrschuk hielt sich außertem eine gutousgerüstete Garde, mit ling zu Hilfe. Me hatten«Her ehrlich« SchrnerMiiche: denn Ha waren im Dienste des Staates grau geworden, der die umfänglichen Personen liebt. Besagter Bäuch« wegen kamen sie nicht so rasch über den Zaun in den Hos hinüber, als sie wohl gern gemocht hätten. Einer stützte den anderen bei dieser Klelterpartie, und für die, die zusehen konnten, hahaha, war's beinahe zum Zerspringen. Denn mittlerweile hatte sich, durch dos Geschrei und dos Getöse angelockt, ein ganz beträchtlicher Teil der Ortschaft versammelt, schaute zu und schrie Hallo! Als die Gendarmen drüben waren, da besannen sie sich sehr schnell auf die Buchstaben ihrer Instruktion, zogen eins, zwei, drei vom Leder und gingen mil geschwungener Plempe gegen die beiden lachenden Missetäter und Polizeikommissardurchhauer vor und hatten sie nach kurzem Kampf überwältigt. Nicht genug damit, daß sie ihnen ein paar zünftige Löcher die Schädel geschlagen hatten, sie legten ihnen Handschellen an und machten Miene, sie solcherart gefesselt nach Hüningen hinunter zu führen. Der Lieni und der Theodor bluteten an Händen, Gesicht und Kopf wie gestochene Schweine auf dem Tchlachibrett, ihr Haar war versiruppt, und da sie gefesselt waren, sahen sie so gefährlich und so verwildert aus, als ob sie Mörder wären und«in halbes Land umgebrocht hätten. Richtig schinderhannesmäßig sahen sie aus oder wie der schwäbische fyznnikel, dieser Gutedel, von dem man allerhand wilde Geschichten in allen alten Kalendern liest. Aber trotz ihren Handschellen waren st« frohen Muts und lachten unterwegs, hahaha. was aus ihnen herausging, hahaha. bis noch Hüningen hinunter. Alle, die mitgingen aus der seltsamen Fahrt, hahaha. die lachten auch, denn so etwas, hahaha. Gendarmen, hahaha, mit gezogenen, Säbel, hahaha, an dem noch Blut klebte, hahaha, so etwas sah man nicht alle Tage. Und, hahaha, das Lachen verstummte nicht, al» die beiden, hahaha, mit ihrer gendarmlichen Begleitung hinler der eisernen Gefängnistür verschwanden, hahaha Nein, das Lachen pflanzte sich weiter, von Ortichost zu Ortschaft, hahaha, und bald lochte da» ganze Land, als es die lächerliche und belachenswerte Geschichte erfuhr Bon dem Augenblick an, wo der verfluchte Bürgermeisterskater schwanzlos die Holzwand der Remise hochsaust«, bis zu dem Augen- blick, wo die vereinten Hände der bewaffneten Macht die beiden Schweroerbrecher aus dem Hof auf die Straße zerrten, waren sicherlich nicht viel mehr als fünf Minuten vergangen. Und da soll Lieni, der Schmied, nochmals den Mund austun und zu sagen wogen:„Niemols passiert was!" Der bürgermeisterliche Kater, der entschwanzte, war bestimmt anderer Meinung. Er wich nicht mehr von dem Remisensirst. Noch stundenlang, bis tief in die Nacht, harrte er aus aus seinem Platz und beheulte die Welt und ihr« Schlechtigkeit. Genauer gesagt, er teilte seine Zeit zwischen Heulen und Lecken. AG BRINGT. der er regelmäßig Angriffe aus staatliche Fabriken unternahm. Bor einigen Wochen gelang«» ihm sogar, ein ganzes Dorf zu besetzen. Dos Militärkommando von Charkow schickte schließlich eine starke Tnipepnabteilung gegen Schmurschuk, der noch einem erbitterten und für beide Parteien äußerst verlustreichen Feuergefecht mit seinen Anhänger« gefangengenommen wurde. Während sein« Mitläufer mit Gefängnisstrafen davonkamen, wurden Schmurschuk und sein« Braut. die sich Zarin Olga nannte, zum Tod« verurteilt. Der Mann, der Abschied winkt. Bor kurzer Zeit starb in Liverpool ein Mann mit dem seit- samsten Beruf, denn er hatte nichts zu tun, al, Abschied zu winken. Er kam zu diesem seltsamen Erwerb durch«in eigenartige» Erlebnis. Bor vielen Iahren stand er am Hofen, als ein Dampfer nach Amerika abfuhr. Derartige Abfahrten dauern immer recht lange. Ein Herr, der eben eine Dame wiederholt umarmt hatte und dann das Schiff eiligst verließ und sich an» Land ruhern ließ, wandt« sich an ihn und fragte ihn. ob er in wenigen Minuten zehn Schilling verdienen«olle. Da er arbeitslos war, bejahte«r mit Freud« diese Frage, worauf ihm der Herr auf ein« Dam« in Schwarz wies. Er erklärte ihm. daß dies seine Frau sei. die sich nach Amerika begebe. Er habe kein« Zeit, hier zu stehen und zu warten, um Abschied zu winken. Wenn der junge Mann bis zur Abfahrt des Dampfers Abschied winken wolle, so wolle«r ihn dafür zehn Schilling geben. Auf die große Entfernung werde seine Frau ihn nicht erkennen, zumal sie kurzsichtig sei. Don diesem Augenblick an stand er stets am Hafen und winkle berufsmäßig Abschied.» Weil sie Eier legen.... Zu den großen Lächerlichkeiten, in denen sich die Kleinlichkeit der Nordamerikaner demonstriert, gehört die unerhört peinliche Zoll- Untersuchung beim Betreten von Gottes auserwähltem Boden. Kam da neulich ein Schmetterlingssammler mit schönen, glasgeramten. in Stuttgart vom Kosmos erworbenen Schmetterlingen nach New Bork. Der Zollbeamte bestaunt die Sache: dos hotte er noch nie gesehen. Er schlägt in seinem Buche nach— von Schmetterlingen keine Spur. Aber verzollt mußte dos Ding doch werden, da» schien dem erfahrenen Beamten klar. Schließlich verfiel er aus den Posten 2A78s, nämlich Hühner. Der Gelehrte war sprachlos. Hühner sind teuer einzuführen, denn USA. hätt etwas auf die reine Rais« seiner Hühner.„Warum Hühner?" fragte der Sammler den Be- amten.„Nun," erwidert« dieser,„die Schmetterlinge legen Eier wie die Hühner und haben Flügel wie die Hühner.. Eine Rekordversteigerung im Rundfunk. Die Versteigerung der Kunstsammlung de» Millionär» Karl W- Hamilton, des„geheimnisvollen Mannes der Part Avenue", der sich vom Schuhputzer zum Muttimillionär aufschwang und be» deutende Kunstwerke zusammenbrachte, erregt« in Amerika'o große» Aussehen, daß sie durch den Rundfunk verbreitet wurde. Di« Mil- lionen Hörer, die den Geboten und dem Aufschlagen de» Hammers solgten. kamen auch auf ihr« Rechnung, denn es wurde be. dieser Versteigerung der höchste Preis erzielt, der bisher auf einer öffent- lichen Auktion in den Bereinigten Staaten gezahll wurde. Ein Beauftragter des Kunschändler» D Uveen gab für die„Kreuzigung" des umbrischen Quattrocento-Meisters Piero della Francesco Z7H 000 Dollar. Duveen hatte dasselbe Bild 10 Jahr« vorher Hamitton für SO 000 Dollar verkauft. Für ein anderes italiensche» Quattrocento. Bild, eine Madonna des Frg Filippo Lippi. wurd« die Summe von 12.S000 Dollar gezahlt Eine amerikanische Schauspielerin hat sich mit einem Griechen verheiratet. Bist du mit mir glücklich?" fragt der Mann fein« Frau kurz nach der Hochzeit. O. sehr glücklich," schwärmt die Schauspielerin,„ich werde von jetzt ab nur Griechen heiraten." A. St, (J�ior/ün�oJ/zlkl -ARBEITER. WSSBALL Stettin gewinnt gegen Liditenberg I 6:5. Lichtenberg I hatte sich zum gestrigen Sonntag den mehrmaligen Siettiner Areismeister. Stettiner Bollspielklub 1919, verpflichtet. Um 17.29 Uhr begann aus dem Platz in der Kynast- strotze das Spiel. Die Leitung hatte Manlina. Lichtenberg I hat Anstotz und kommt gut vor. Es gibt gleich aufregende Momente und für den Stetiiner Torwart viel Arbeit, Lichtenbergs Sturm hat einen guten Tag. Linksautzen kann in der 7. Minute den ersten Treffer für seinen Verein buchen. Nach dem Anstoß leitet Stettin einen schönen Angriff ein. endet aber beim Torwart. Lichtenbergs Sturm scheint unermüdlich im Angriff zu sein. Ein Tor wird vom Schiedsrichter nicht gegeben. Noch 20 Minuten schießt Holbrechts für Lichtenberg das zweit« Tor. Stettin drängt scharf nach vorn und kann in der 28. Minute durch den Halblinken unhaltbar da» erst« Tor schießen. Das Spiel wird etwas schärfer, trotzdem ist Lichtenberg weiter überlegen Stettins Torwort erhält einen Boll unglücklich vor den Leib und muß den Platz verlassen. Ein Ersatz- mann tritt«in. Lichtenbergs Linksautzen ist allein vorm Tor, schießt aber hoch darüber hinweg. In der 42 Minute kann Halblinks von Lichtenberg das dritte Tor eindrücken. Noch dem Anstoß sendet Halbrechts innerhalb zwei Sekunden das vierte.Tor für Lichtenberg eine. Eine gute Chance verpaßt der Stettiner Halblinke. Dann gehl es in die Pause. Resultat 4:1 für Lichtenberg. Nach der Pause ist das Feld plötzlich oerändert. In der zweiten Minute stellt Stettin das Resultat auf 4: 2. Durch den Erfolg er- mutigt, wird Stettin zusehends bester und zeigt nun ein sehr gutes Kombinationsspiel. Lichtenberg läßt sehr noch. In der 18. Minute kann der Linksaußen noch«ine schöne Flanke für Lichtenberg I ein- senden. Damit geht dos Resultat aus 5:2 für Lichtenberg. Don nun ab setzt sich Stettin vor Lichtenbergs Tor sest. In kurzem Abstand werden zwei Tor« erzielt. In der 40. Minute macht Lichtenbergs Verteidiger Hand, der daraus gegeben« Elfmeter wird glatt verwandelt. Hierdurch wird das Resultat auf unentschieden (5: 5) gestellt. Zwei Minuten vor Schluß schießt der Halb- linke Stettins das entscheidende Tor. Noch einmal kommt Lichtenbergs linke Seite gut vor, wird ober vom Torwart abgestoppt. Mit 6:5 für Stettin wird das Spiel abgepfiffen. Beide Mannschasten gaben ihr Bestes. Lichtenberg I ist zu empfehlen, Umstellungen in der Mannschaft möglichst zu unterlassen. Es kommt dadurch nur Unruh« in die Leute.— Borher spielten Lichtenberg I zweite Mannschaft gegen Frei« Turnerscyost Schöneberg mit dem Resultat 6 zu 5 für Schöneberg. Stettin BSC. 19 spielte am Sonnabend gegen den Kreismeister Luckenwald« ll in Luckenwalde und verlor mit 3: 2. Sehr mager war das Programm der Serienspiele. Der Grunv war dos Spiel der Städtemannschait gegen Leipzig. Oberspree spielte aus eigenem Platz gegtn Nowäwes. Noch flottem Verlauf konnten die Oberspreer mit 4:0 das Spiel für sich ent-- scheiden.— Spandau 25 und Reinickendorf trennten sich mit 4:1 für Spandau.— Karow 2 gegen Weihense« 2 0:7. Lichtenberg II 2 gegen Neukölln 3' 10: 0. Vorwärts 2 gegen Ger- monia 2 1:4. Berlin gegen Leipzig'Cxautsdi 0:2(0:0). Di« technisch bester« Mannschaft hat verloren und zwar auf Grund von zwei Fehlern, die die Verteidigung kurz vor Schluß inochte. Sonst waren die Verteidiger sehr gut, wie überhaupt die ganze Mannschaft einen tadellosen Eindruck hinterlassen hat. Es ist zu beachten, daß die L«ipziger Mannschaft als technisch sehr gut zu bezeichnen ist. Dem Spielverlaus noch hätte Berlin 4— 5 Tor« durch Kopfstöße erzielen können. Da diese aber gegen die Sonne spielend au-gesührt werden mußten, gingen die Bälle knapp über die Lotte oder neben den Pfosten. Bei Berlin gefielen besonder» der Mittelläufer und der rechte Läufer, letzterer hauptsächlich in der ersten Halbzeit. — j- Jugendschwimmfest bei den JFreien Schwimmern Grof�Serlin. Bon herrlichstem Wetter begünstigt, begingen gestern im Sommerbad der Gruppe Neukölln die„Freien Schwimmer Groß- Berlin" das erste bundesossene I u g e n d s ch w i m m f« s«. Die Uirterstützung durch die Bundeso«r«ine entsprach nicht den gehegten Erwartungen. Bor zahlreich erschienenen Gästen wictelten sich die nach jeder Richtung hin interessanten Kämpfe ob. Ein Aufmarsch, der mit dem Absingen ges Liedes„Brüder, zur Sonn«, zur Freiheit" endete, zeigte unter flatternden roten Fahnen und Wimpeln die stets bundestreue Tendenz des Berein«.---- Der Vertreter der Ja- gendlichen begrüßt« Gäste und Vereinsmitglieder, w>e» aus die Be- deutung der Leonstaltung hin und forderte zur Unterstützung der Bestrebungen der Arbeitersportbewegung auf. Sein« Ansprache schloß mit dem begeistert aufgenommenen Bundesgruß. Di« W e l t k ä m p f e zum großen Teil als Manschostskämpfe durch- geführt, zeigten eine hohe sportliche Durchbildung aller Teilnehmer. ein Beweis für die reg« Arbeit im Verein. Die beiden durchge- führten Wasserballspiele sportlich fair, aber doch scharf gespielt, be- endeten das Programm. Die gute Durchführung des Festes sowie die im Programm gezeigte Vielseitigkeit des Schwimmsportes war angetan, der Schwimmbewegung neu« Anhänger zu gewinnen. Resultate. Freifttlstafett« 4XM Mete«.(Ainbec unb tzugenb.) 1. Lichten. bern 3 1W»; J. RentiMn 3.2«*..-r»iuulichea z»,«»bsch»i»,««»! ,1 ,«»eter ?ruN l« b!» 13 Sah": 1. Lem»« UW; i. Einbrnonn 1.43%: 3. Ataufe 1.4« csftmtl ReuN.1. M 1« d>» 18 3a V: t. O-stere-ich USW: J.«ofch(bei»« fiXii cV 130 Act» matt,: 1. Ainb«, Licht, nb.ra-»ibcheu,«,»«. ftof,«,' 4*5» W«: 1. Neukölln J 4,0«%; t, Stnföjn, 4.27%.„«.'»ltch. 3ui>end.Lain«s«a0cl. 3x5»»et««- 1. Lichten 5»,*,40; 8. 8!,i)k8IIn JX. 4X5« SBt»«: 1. Hellas unb LuMtitbeeo 3.13%.— Sn�n»lMVX»f'l cmlnnl'chl. 4X5» 1. Neukölln Z.W4.: 8 H,-a» 2 biOarulect.-»t.ul«--st�Nek. 4>'3» Ztket»,' 1 Lichtender« l 8.83: M it, 3,3,',. Wiltl. Auaemb-Brust. La'Irl 4*50 Ret»; 1. Lichtender« 1 3,30%; 2. Neukölln 1 3 50%; 3. Neil, mn 2 3 59- Aua5«nI«,e.„.s,,I. 4X5» Rei»; 1. Reukbll» 8 14%; » eichend»? unl, Hella» 3.85%. Räanl. 4*5« Ret«,- ? 2 Neukölln 2-37.-r-»Sbchk..»r-stl»»ju>»«a. z» Rat..! 1 Kvrbia Hella» 55%.—«eibl, S»a»n»-Ur»ift!Ilch«>n,«e», 3»»et»,! 1 Vraun'Lichtend»»«Nt: 8. Encker. Neukölln 58.— tvafiee»«!. 1. Suiel: Nrukölln— Branbendurg»: 2 wr Neukölln. 2. Spiel: L'chtenbera— Hella« 5:4 fllr Hella»._ «MorgcnshindC bei Kroll. Im Rohmen der Berkiner Tilrn. und Sportwsche gab d>« Hannoversche Musterturnschule unter Leitung von Loge» im Garten des Krollfchen Etablissements am Sonntag vormittag ihr Debüt. Zu der Veranstaltung der Loges-Schule, d«r für die Entwicklung der deutschen Gymnastik bestimmenden Musteranstolt, hatte sich eine stattlich« Schar Interessierter eingefunden, die den ausgezeichneten Darbietungen aufmerksam folgten. Befond«r«n Beifall fanden die bunten Tänze, dos Keulenschwingen und die außerordentlich vielseitige Fußgymnastik. Am Nachmittag fuhren die Hannoverschen Gäste nach Potsdam hinaus. Die Regatta des DWV. Republikanischer Tag aut dem Tegeler See. Auf dem Tegeler Se« konnte am Sonntag der Deutsche Wassersport-Derband seine zweite Regatta durchführen. Rings um den See hatten alle Restaurants und Bootshäuser die Reichsfarben gehißt. Der DWB. ist die Spitzenorganisation der republikanischen Wossersportvereine. Zur Zeit ge- hören ihm 24 Bereine an. Er ist der einzige Verband, in dem sämt- liche Wassersportarten vertreten sind. So war auch da» Programm der Regatta recht umfangreich. Schon in den Bormittogsstunden begannen die Wettkämpfe mit einer Segelregatta. Unter der Leitung des Berbondssport- warts Arnold Schlicht wurden die Rennen durchgeführt. Die Be- teiligung an der Regatta war sehr stark und es wurden durchweg gute sportliche Leistungen erzielt. Bei der R«gclregatta, die um 10 Uhr vormittags vom Bootshaus des SSE.„Odin" in Soai- winkel abging und an der 57 Boote teilnahmen, lag„Odin" in den meisten Konkurrenzen an der Spitze. Den Wanderpreis des Reichs- banner-Bundesvorstandes konnte„Libelle" mit dem Steuermann Krippendorf-.,Odin" in der Zeit von 2 Stunden 28 Minuten 20 Se- kuitden über 11 Seemeilen gewinnen. Den Wanderpreis des Prä- sidiums des Deutschen Auto-Clubs erhielt„Bonbonniere", Steuer- mann Schneider-„Odin". Dos schnellste Boot der 15-Quadratmeter. Iollen-Klosse war..Pustewind", Steuermann Krüger, in der Zeit von 2 Stunden 25. Minuten 30 Sekunden. Auch der Heiligenseer Segelclub, der Wassersportverein Mllggestpree und SC. Wiking er- zielten vorzügliche Resultate. Am Nachmittag« fand die reich beschickte Kanu- und Ruder- r e g o t t a statt. Im Iunior-Ri«men-Dierer um den Wanderpreis des DWV. siegte der Sportverein der Gaswerke vor dem der Ber- liner Brennstoff-Gesellschost. Den Wanderpreis des Bezirksamtes Reinickendorf, den im Vorjahre die Berliner Brennstoff-Gesellschaft errungen hatte, konnte sich diesmal die Wasiersport-Abteilung de- Reichsbonners in der vorzüglichen Zeit von 7 Minuten 57 Sekunden holen. Durch die Vsrbandsmeisterschast im Riemen-Bierer gewann der Sportverein der Bewag den Preis der Preußischen Staats- regierung. Berbandsmeister im Rennkajak wurde Pohl von der Wassersport-Dereinigung Stralau. Das Schlußrennen war dos inter- essanteste. Zwei Rennochter wurden über die 2000-Meter-Stre: 3. Primel. Toto: 331:10. Platz: 7l. 193. 54:10. fferner Uesen: Brate. Turidd». Sphinr I. Aerrigon jr.. Möglich. Kras Dorn, Morgentau, Aursürst.— 2. Pkt.: 1. Cha» tobe B e r l i n Hot in der Schul« Ibsenstr. 17 ein« Abteilung für Frauen über Z5 Jahre eröffnet, wo unter geeigneter Leitung ent- sprechende Gymnastik gepflegt wird, Uebungsabende an jedem Don- nerstag von 20 bis 22 Uhr, Anmeldungen in der Turnhalle. Jede Vettere Auskunft erteilt di« Geschäftsstelle. Berlin NO 18. Lichten- berger Str. 3. Rinbctgfaberr! NöAsie Uebunzostunbe ber Spubernoelttbrung im kani- ring heute. Rontag. jl. Iupl. in Treptoye, Turnhalle. B,ua»«ft'. 73, 1»% Uhr Teooio.Nol»eotz-Bcrlia. NNrubergsaheer. Alle Nitrnbeegsahree teessen sich zu«ichtiger Aussprach« Dienstag. 1». Juni. 21 Uhe, im„Alten Batzenhoser� kanbsberger Allee 158. ffeftbeitrag unb Uebernachungsgelb llnb mitzubringen 15. BozirksIartEl fit Arbeitersport«»» A-rperpsleg« Trrpta». cyrsch-ist-, stell« Herbert Sewalb.<50. 33, Airsholzstr 43, Moritzplatz 8048, Den an. geschlossenen Organisationen würbe tn ber letzten GA.. Sitzung ausgraeben. bic Adressen der Borsttzenben, bie Uebungsstatten. Uebungoahenb. Be-r-hr.-oka'- nnb bi« regeimittzigen ffusammenkstnste in ben letzteren, ber ffiefchSft.fien- melben. Leiber ist bis beute noch keine Melbung eingegangen. Do mtf'r Bezirkskaetell ein Werbe flugblatt hrvausgeben erill, bitten wir um mngeherbe Mitteilung. Die Sache eilt, i. X: Stoclb. Die Hölle von Cura�ao. Eine holländische Petroleumstation in Mittelamerita. Die kleine niederländische Insel Curacao mit dem Houptort Willemstad an der Nordkiiste des südanierilanischtn Staates Vene- znela ist durch den Uebersall einer oenezuelamschen Bande auf das ungeschützte Willemstad plötzlich zu größerer politischer Bedeutung gelangt. Dennoch gewinnt man erst ein anderes Verhältnis zu den dortigen Vorkommnissen, wenn man in Betracht zieht, daß Willem- stad in wenigen Jahre» zu einem der ersten Petroleumplähe der Welt geworden ist., Curaeao lebt von dem großen venezuelanischen Hinterland«! solange dessen Handel unbedeutend war, hatte mich Willemstad wenig zu besagen. Nach dem Weltkriege hat man indessen begonnen, die ungeheuren P e t r o l e u m v o r r ä t« dieses Tropenlandes zu bewirtschaften. Venezuela hat in schnellem Laufe die Petrolegm- Produktion von Mexiko überflügelt und steht heute nach den Bereinigten Staaten auf dem Weltpetroleumnrarkte bereits an zweiter Stelle. Zwei Interessensphären schneiden sich hier, der amerikanische Standard Oil os New Aork-Konzern und der englisch- niederländische Deterding-Konzern Koninklijke Shell. Cuxacao war ursprünglich seit seiner Entdeckung im Jahre 1527 spanischer Besitz und gehört zu der großen Gruppe der„Inseln unter dem Wind", die eigentlich nichts anderes als die höchsten Spitzen eines in vorgeschichtlicher Zeit im Caraibischen Meer ver- sunkenen Gebirges sind. Die Insel Curacao selbst ist ein welliges Hügelland, in dessen unmittelbarer Nähe das Meer erstaunliche Tiefen aufweist. Das benachbarte Venezuela, das 1919 seine Un- abhangigkeit von Spanien erkämpfte ist größer als Deutschland und Frankreich zusainnien und hat am Caraibischen Meer eine Austen- I i n i e von etwa 3900 Kilometern Ausdehnung. Seine beispiellose Fruchtbarkeit, in uniiiitteldarer Nähe des Aequators. hat von jeher die großen Kolonialmächte angelockt: gegenwärtig spielt das nord- amerikanische Kapital dort die erste Rolle, und die Petroleuni- intercsscn der Standard Oil sind dort bereite weit größer als die des Herrn Detexding und seiner britisch-niederländischen Freunde. Nun ist Venezuela selbst niit ganzen 3 Millionen Einwohnern und einem stehenden Heer von 9000 Mann gewiß kein« Großmacht, aber alle Vorgänge am Caraibischen Meer werden von den Ver- einigten Staaten mit gespannter Äusmertsamkeit verfolgt, und an eine niederländische Strasexpedition, die der Monroedoktrin widerspräche, ist daher icherhaupt nicht zu denken. Curacao wurde 1031 von der niederländischen westindischen Compagnie gewaltsam in Besitz genommen. Di? vorhandene» Spanier und Indianer wurden verjagt und»ach Venezuela hinübergeschasft, während man auf der Insel holländische K o l o n i st e n ansiedelte. Von 1643 an führte die Compagnie Negersklaven«in, deren Nachkomnreii hier heute noch wohnen. Schon einmal, während der Jahbc 1761 bis 1782, erlebte die Insel eine Blütezeit, als wegen der großen Kolonialkriege Englande auf dem amerikanischen Festland der Handel hier eine sichere Zuflucht fgnd. Seil 1816 war sie endgültiger niederländischer Besitz. Bis 1863 stand Curacao als ein Mittelpunkt des Handels in Negersklaven in zweifelhastem Ruf: als die Sklaverei aus- gehoben wurde, trat eine schwere Krise ein. Es hat sich hier eine eigene Ilmgängssprachc herausgebildet, das sogenannte P a p i a- m e n t u, eine Mischung aus der spanischen, holländischen, englischen und altcaratbischen Sprache. Die Insel zählte im Jahre 1912 ganz« 33 900 Einwohner, wovon nur 302 Niederländer waren. Der größte Teil dieser durchweg katholischen Bevölkerung wohnt in dem nach holländischer Art mit Grachten gebauten Willemstad. In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts kam hier die Panamahutindustrie auf. Di« meisten Panamahüte, die in Europa für schweres Geld verkaiift werden, stammen aus Curacäo, wo sie von bettel- armen Negern gegen einen kärglichen Togclohn geflochten werden. Do die Insel an chronischem Wassermangel leidet, ist von einer Landwirtschaft größeren Umsanges natürlich nicht die Rede. In seinem Buch„Nach den Antillen und Venezuela" schreibt der verstorbene niederländisch« Sozialist van Kol über Curacao, daß man hier nichts als k a h l e Felsen sieht. Die braunen versengten Hügel, auf denen die Steine turmhoch auf- gestapelt seien, die verbrannten oder ausgetrockneten Felder, auf denen kaum ein Grashälmchen sichtbar sei, das sei ein un- vergeßliches Schauspiel. Mensch und Tier litten hier H u n g.e r und schrien nach Wasser und Nahrung, und die arm- seiige Bevölkerung sei mit einem faden Brei aus Mais mit etwas H a m m e l f.l« i sch zufrieden. Aus dieser Insel des Todes hat nach dem Weltkriege der Petroleumhandel des Deterding-Konzerns Koninklijke Shell sich ousgetan und in Gestalt der Petroleum- Industrie-Gesellschost Curacao eine der größten petroleumrassinerien der Welt errichten lassen. Di« Schifsohrtsgesellschast Curacao und die Kgl. Niederländische Dampflchiffgesellschast laufen Willemstad an und haben hier ihre gewaltigen Lagerfchtippen und ausgedehnten Kais. Der Gesamtwert der Einfuhr belief sich bereits im Jahre 1928 auf mehr als>90 Millionen Gulden. 6202 Schiffe liefen den Hasen Willemstad im vergangenen Jahre an. In den letzten Jahren sind der günstigen Arbeitsgelegenheit wegen auch viele Venezuelancr eingewandert, wie überhaupt politische Flüchtling« aus Venezuela feit Alters gern nach Curacao gingen. Von 1909 bis 1921 waren bereits einmal die diplomatischen Beziehungen zwischen Niederland und dem benachbarten Venezuala abge- brachen, was mit dem niederländischen Eingreifen in Venezuela während der Unruhen unter dem Präsidenten Castro in Zusammen- hang stand Curacao selbst ist fast immer das Stiefkind der Nieder- lande gewesen, wenn sich auch durch die im Jahre 1928 fertiggestellte große Regierungsivasserleitung in Willemstad die Verhält- nisse etwas gebessert haben. In den letzten Iahren hat sich selbst ein gewisser Luxus bemerkbar gemacht, so daß bereits 1200 Automobile auf der kleinen Insel gezählt werden. So setzt sich Petroleum in Geld uni. Reifezeugnis in der Wohlfahrisarbeii. Oer Abbau der Proletarier. In dem Schlußabsatz des Artikels„Ehrenamtliche Wohlsahrts- arbeit" in Nr. 11 der„Frauenstimme" vom 13. Juni bedauert der Verfasser, daß Bestrebungen im Gange seien, die ehrenamtlich« u n- besoldete Tätigkeit der Wohlfahrts-Kommissionsmitglieder durch besoldete Beamte zu ersetzen., Daraus gehl hervor, daß zurzeit eine ganz uneinheitliche Ge- schästsfiihrung bei den Berliner Bezirks-Wohljahrtsämtern herrschen niuß. Im Bereich des Bezirksamtes Mitte sind die von dem Ver- fasfer befürchteten Mnßnabmen bereits durchgeflihrt, so daß die ehrenanitlich tätigen Kommissionsmttglieder vollständig a u s g c- schaltet sind. Dazu haben die ehrenamtlich tätigen Parteigenossen des Bezirks Mitte in einer Versammlung Stellung genommen und sich dagegen ausgesprochen, daß Beamte zur Erledigung der Untcrstützungsgcsuche angestellt werden. Es kam dabei auch zur Sprache, welche Q u a l i s: k a t i o n derartige Beamte haben müh- tcn. Zuni großen Befremden der Anwesenden mußte der reserie- rende Genosse, Stadtrot Herrmann, feststellen, daß höhere Schul- bildung niit Reisczengnis Boraussetzung für diese Be- anitcnlausbah» sei! Unseren Parteigenossen wird es nur in seltenen Fällen möglich sein, ihren Kinder» eine derartige Schulbildung zuteil werden zu lassen. So bleibt diese Karriere wieder einmal ein Reservat für unsere Freunde von rechts. Ob damit aber den Armen gedient sein kann, ist doch zumindest sehr zweifelhast. Gerade wir Parteimit- glicder sind dach die Berufenen, den Hilfesuchenden praktisch« Hilfe "ZU bringen, weil wir selbst oft genug gefühlt haben, wo, es heißt, erwerbslos und mittellos zu sein. Wir brauchen Armut erst gar nicht zu studieren in Vorbereitungskursen mit einem Reifezeugnis einer höheren Schule in der Tasche, sondern wir haben am eigenen Leibe und in der eigenen Familie praktische Erfahrungen genügend gemacht, um mit Verständnis für des anderen Not wirkliche Hilfe zu bringen. Ständig geht die Klage der Stadtverwaltung dahin, daß ge- spart werden müsse, daß Ausgaben für Wohlsohrtszwecke eine kaum noch tragbare Höhe erreicht hätten, und jetzt wird wertvoll« unbe- soldete Tätigkeit ausgeschaltet, um bezahlte Beamte anzustellen. Nach dem Bildungsgong dieser Beamten werden diese sicher in eine höhere Besoldungsgruppe eingesetzt. Das bedeutet für den Etat sicherlich auch eine sehr fühlbare Ausgabe. Das wichtigste aber ist, daß erhebliche Bedenken geltend ge- macht werden können, ab denn den Hilfesuchenden mit dieser Neuregelung gedient ist. In Zeiten wirtschastiicher Krisen häufen sich erfahrungsgemäß die Ilnterstützungsanträge. Di« Antragsteller begeben sich auss Wohlfahrtsamt, stellen dort den Unterstützungs- antrag, und ein„B e r h ö r b o g e n" wird ausgenommen. Mit diesem Berhörbogcn begibt sich der Beamte nun zu dem Hilfe- heischenden in die Wohnung zur Prüfung der Verhältnisse. In der Wohnung wird er indes nur dos bestätigt finden, was bereits auf dem Verhötbogen schriftlich festgelegt ist. In einem schriftlichen Be- richt schlägt der Beamte nun die Höhe der Unterstützung vor, und auf dem Wohlfahrtsamt fetzt dann ein anderer Beamter an Hand des Berichtes die Unterstützungssumme endgültig fest, Liegen nun derartig» Unterstützungsanträge in Mengen vor, wird das der gründlichen Prüfung miß Peachestung des An« träges nicht, förderlich sein. Ganz anders geht indes die Bearbeitung der Anträge durch die Wo hlfahrtsk om Mission vor sich. Der ehrenamtlich tätige Pfleger macht auch seinen schriftlichen Bericht, muß aber in de? Kommissionssitzung nähere Ausführungen über den Unterstützung.» fall machen. Da der Antragsteller im Bezirk der Wohlsahrts- kommission wohnen muß. sind die persönlichen Derhä'tnisse des- selben fast immer einem oder inehreren Mitgliedern der.Kommission bekannt. Durch diese persönliche» Wahrnehmungen können doch die Verhältnisse des Antragstellers viel eingehender gewürdigt werden. Diese gründliche Bearbeitung kann n l e m a i s durch einen, vielleicht mit Anträgen überhäuften Beamten ersetzt werden. Bor der Umwälzung von ik918 war es undenkbar, daß«>n Nachtwächter cingest-llt wurde, wenn er im Verdacht stand,„rot" zu sein. Wohl in keiner Woblsahrtskommission. damals Armen- kommission genannt, saß ein Parteimitglied. Die demokratische Staatsform brachte unseren Parteigenossen die Möglichkeit, innner mehr in die Verwaltung einzudringen, und, nachdem nun in den Wohlfahrtskommissionen viele Parteigenossen und-genossinnen Sitz und Stimme haben, werden wir wieder kaltgestellt. Man kann sich des Gesühles nicht erwehren, daß es dem Dezernenten für das Wohlfahrtswesen im großen Magistrat. Herrn Bürgermeister Dr. Scholz, als Volksparteiler etwas Furchtbares sein muß, zu erleben. daß ein ganz gewöhnlicher Proletarier in einer Wohlsahrts- kommission sitzen kann, und es ist gar nicht auszudenken, ein Schneidergeselle, Schlosser o. ö. bekleidet das Amt eines Wohlsahrts- Kommissions-Porstehers, unbesoldete Ehrenämter, die früher ganz selbstverständlich als Privileg de» Kommunal- Frei» s i n n s galten und daher fast ausschließlich den Herren Houseigsn- tümern vorbehalten waren. O. K i e n a st, Dorsteher der 42. Wohlfahrts-Kommission. Mit Kallschirm in den Mein. Oie pilotin Sily Tußmar erkranken. Di« bekannte Fallschirmpilotin Elly Tußmar aus München ist in Thür(Schweiz) bei einem Absprung aus einem Flugzei-g mit dem Fallschirm in den Rhein gestürzt. Fräulein Tußmar war der Einladung zur Teilnahme an dem heute hier von der Aero- gesellschaft veranstalteten Flugtog gefolgt. Der erste Absprung, den sie vornahm, glückte. Sie wurde allerdings von dem starken Wind weit abgetrieben, so daß sie erst 1000 Meter vom Flugplatz entfernt auf einer Wies« zur Erde kam. Ihr zweiter Absprung, den sie mehrere Stunden später ausführte, hatte«inen unglücklichen Aus- gang. Der Wind trieb Fräulein Tußmar gegen Westen ob und in den Rhein, von dessen Fluten sie fortgerissen wurde. Ihre Leiche wurde borgen. Die Nachrittst von dem Unglück verbreite'« sich erst ziemlich spät, da dos Niedergehen der Fliegerin den Blick- n der Zuschauer durch«inen Wold entzogen wurde. Man wurde erst aufmerksam, als der Flieger über de? Absprungstelle long« Zeit kreiste und so aus das geschehene Unglück aufmerksam machte. Oer Kührer der Heilsarmee gestorben. London, 17. Zunl.(Eigenbericht.) General L o o t h, das Oberhaupt der Heilsarmee, der un. längst der Mittelpunkt einer Palastrevolution um die Führung der Heilsarmee stand, ist am Sonntag im 71. Lebensjahr« gestorben. i*1 f V Montag. 17. Juni. Berlin. Dr. Wönbureer: Vorn ncani Sinn der Kamerfd�chaft. 16..30 Sprfchlichc Plaudereien(Deutscher Sprachverein). 17.00 Wilhelm Rinkens. Dr. Lorenz!. Bariton. Am Fihfel: Der Komponist. J, Toccata und Fuxe A-Moll. 2. Lieder. 3. Drei Klavierstücke. 4. Lieder, 5. Zwei Klavierstücke. 6. Lieder. Anschiießcr.d Mitteilungen des Arbeitsamtes Berlin-Mitte. 19.00 Ministerialdirektor Ernst Schäfer: Zorfl 80. Geburtstag Wilhelm Kahls. 19.10 Prof. Dr. med. J. H. Schultz: Kann man schlafen lernen? 19.35 Dr. W. Pohl: Sozialpolitische Umschau. 20.00 Abenduntcrhaltung. 20.45..Redaktionsschluß", Funkreportage. Regie: Alfred Braun. 21.-50 Ludwig Spohr. Dirigent: Bruno ScidlCr-Winkler. Nach den Abendmeldungen bis 0.30: Tanzmusik(Kapelle Dajos Bcla). Während der Pause Bildfunk. Königs Wusterhausen. 16.00 Englisch(kultorkundlich-litcrarische Stunde). 16.30 Dr. Guido K. Brand. Erna Feld. Rezitation: Die Frühvollendeten 18/0 Georg Foerstcr: Neue Strömungen in der Philpsophie. 18.30 Englisch für Anfäiiger. 18.55 Reg.-Dir. Erb: Der Pfälzer Wald.< 19.20 Paul Westheim: Meister der Plastik. S inälco halt Ermattung nieder. stärkt Schaffenden die müden Glieder. SflValCe ist stärkend, erfrischend, bekömmlich, da aus bestem Zucker und naturreinen tfruchtaromen hergestellt. »»m. Stark): A Krftiar Q. m.b.H., LmnÖ*- fet«jar Naa» 7. Aiaaandir 47b»/ KAriaat. IM — Orioioal-Befeina— Nllfl I DredDefl l Ein Brlfl- ein Bell Deutsches Reichspatent 4}«2(M mit doppelseitiger Patent-M.atrat«e Patent-MatratzeR». Radefeetlen Mit Beferna- Federung sind geräuschlos und liegen sich nicht ein. 2i) J Garantie, reberall erhältlich. Mtl. rtdtr-Hur.-rttrlk, Mmmitr.!« »M Lcadan's Jiorbmöbel MinMi 5ms,» A harte Mutter MäBige Preise f.rkxt|ttn i.firUii NcukBltn «iiotnknti. 21 Iii Hcrmannstr. 10 'mar ftlPrt.l7M ■ Küchen■ roh emaill. 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