BERLIN Sienstag 25. Zum 1929 lOPf. Nr. 292 B145 46. Jahrgang. erscheint t<« Ober st ei ermark, dem Produktionsgebiet der größten öfter. reichischen Unternehmung, der Alpine-Montangesellschast, einen i betrlebsfaschistischen Charakter) annahm. Deutschnationale, antisemitische Ingenieure und ehe. malige Offizier«, die nun als Industrieangestellte tätig sind, besorgen! dort das Geschäft, die Arbeiter durch rücksichtslosen Terror in diel Heimwehrorganisation zu prcffen. Die große Arbeitslosigkeit, die! Tatsache, daß fast die ganze Arbeiterschaft in diesem Gebiet in Werkswohnungen lebt und mit dem Brot im Weigerungssalle auch das Obdach verliert, ermöglichen es den Heimwehren, hier uni» da bei den Arbeitern allerdings sehr fraglich« Erfolge zu erzielen. Der Erfolg aber, den die Regierung Seipel vor allem mit den Heimwehren erzielen wollt«, war die Einschüchterung der Sozialdemokraten im Parlament. So bekam das anfänglich recht verschwommene und bedeutungslose Raisonnieren einiget Provinzspießer über den Parlamentarismus seine von Seipel ab- sichtlich unterstrichene Bedeutung, so wurde es den Heimwehrsührer« möglich, hochverräterische Reden zu halten, den Kampf gegen die Verfassung mit Messer und Mistgabel zu predigen und nach dem Vorbild Mussolinis de» Marsch auf Wien anzukündigen. Sic durften das, ohne daß ein Staatsanwalt sich um sie gekümmert hätte, weil Seipel diese antidemokratischen Aeußerungen brauchte, um den Sozialdemokraten Angst um die österreichische Demokratie zu machen und so ihren Widerstand im Parlament zu brechen. Wie die Unternehmer an der Wiege der betriebssaschistischen Tendenzen, so stand Seipel, der Bundeskanzler der Republik, an der Wiege der antidemokratischen Tendenzen der Heimwehrbcwegung. Dadurch wurde aber auch-die früher bedeutungslose Soldotenspielerci infolge des Waffen- und Menschenmaterials, das den Putschoffizieren zur Äcrfügunz stand, zu einer um so größeren Gefahr, als der aus einer bestimmten innenpolitischen Situation entstandene und keiner Idee dienende militärische Apparat seine Eigengesetzlichkeit zu entwickeln begann. Wie aus den veröffentlichten Dokumenten hervorgeht, ist die Hciniwehr im Besitz einer beträchtlichen Anzahl von Gewehren und Maschinengewehren, die zum Teil auch aus Bayern bezogen wurden. Den tiefsten Eindruck aber hat auch in der bürgerlichen Oeffentlichkeit die Verössentlichung von Briefen und Berichten der steirifchen cheim- wehren hervorgerufen, die mit furchrbarer Deutlichkeit beweisen, daß die heimwehrpulschislen sich auch zum Gislgaskrieg rüsten. So haben die steirifchen heimwehren, wie einwandfrei feststeht. wiederholt llebungen abgehallen, bei denen die Mannschaft im Gebrauch von Gasgranaten. Gasspritzen. Vrandgranaten und ?lebeltöpfen unterwiesen wurden. Da wurde das vergasen ganzer Straßen, das Vergasen von Maschinengcwehrstellungen. das Räumen von Straßen durch Vernebelung und anderes mehr geprobt. Bei einer Grazer Firma wurden nachweislmr die Behelfe für die liebungen zum Giftgaskrieg und, wie aus einem Brief hervorgeht, zur Zeit der Wiener Neustädter Tagung wahrscheinlich auch g e- brauchsfertige Granaten hergestellt. Die Grazer Polizei- direktion, die damals durch eine sozialdemokratische Anzeige ge- zwangen, eine Hausdurchsuchung bei der die Granaten erzeugende Firma vorgenommen hatte, hatte allerdings angeblich nichts gefunden. Durch einen nunmehr veröffentlichten Bericht kommt sie aber in den schwersten Verdacht, die Angelegenheit damals unter- schlagen und vertuscht zu haben. So konnte infolge der wohl- wollenden Duldung der Behörden der grauenvolle Gedanke, daß mn des Profites der Hausbesitzer willen Giftgasschwaden aus die heimische Bevölkerung losgelassen werden könnten, Gestalt gewinnen. Und dies unter der Regierung eines Dieners der Kirche! Es entbehrt nicht eines paradoxen Einschlags, daß es dem Priester Seipel nur gelang, die sozialen Spannungen bis zur Gistgasproduktion zu steigern, während sein Nachfolger Streeru- w i tz, der direkte Vertreter des Unternehmertums es verstand, auf dem Wege der Verständigung ein annehmbares Kom- promiß in der Mietenfrage zu schaffen und so den ersten Schritt zur Entgiftung der Atmosphäre zu tun. Er wird freilich auch den zweiten Schritt tun und mit der Seipelschen Duldung der heim- wehren energisch Schluß machen müssen. Mit der Entspannung der parlamentarischen Situation und dem Verzicht daraus, die heim- ivehren nach dem Muster Seipels als Drohmittcl gegen die Sozial- dcmokratie zu benützen, allein ist es noch nicht getan und das schon deshalb nicht, weil der militärische hcimwehrklüngel gerade jetzt, da ihm durch die Verständigungspolitik ein wichtiges Betätigungsfeld zu entschwinden droht, besonders aus die Erzeugung von Un- ruhen bedacht sein wird. Man kann sich leicht vorstellen, welch Fülle von dunklen Plänen in den Hirnen von Menschen Unterschlupf finden mag, die bereit sind, mit Giftgas auf das eigen« Volk loszu- gehen. Die Veröffentlichungen des„Arbeiterwille" und der„Ar- beiter-Zeitung" haben gezeigt, wie weit die unter Führung mili- tärischer Zlbenteurer betriebene Bürgerkriegsrllstung bereits ge- diehen ist. An der Pegierung wird es nun liegen, diesen gefährlichen Unruheherd endgültig zu beseitigen. Mauereinsturz in Lichtenberg. Sin Toter, ein Echwerverlehter. heule mittag ereignete sich in der V ö ck l i n st r a ß e 6 im Osten Berlins ein schwerer Unglücksfall, der ein Todes- o p f e r forderte. Ein weiterer Schwerverletzter mußte ins Lichtenberger Hubertuskrankenhaus gebracht werden. Von der Städtischen Müllabfuhr sollten heute mittag aus der 20. und 21. Gemeindeschule in der Böcklinstraße größere Mengen Müll abgefahren werden. Bei der Einfahrt prallte der schwere eiserne Wagen gegen eine Mauerstütze, die er zertrümmerte. Dar- aus stürzte der große steinerne Torbogen zusammen. Der Kutscher. ein 45jähriger Leo Obst aus der Pofener Str. 1, wurde von einem großen Mauerblock so unglücklich am Kops getroffen, daß der Tod aus der Stelle eintrat. Sein Mitfahrer, der 40jährige Wilhelm Wagner aus der Braunsbetger Str. 18 erlitt durch herab- stürzende Mauerteile lebensgefährliche Verletzungen. Auf der Rettungsstelle in der Cadiner Straß« erhielt W. die erste Hilfe. Die alarmierte Feuerwehr nahm die Aufräumungs- arbeiten an der Unfallstelle vor. Die Hastentlaffung des Autofahrers. Oer Lokaltermin von Gatow. Wie wir schon kurz mitteilten, wurde am Montagabend an der L-Kurve der Gatower Chaussee, dem Schauplatz der Auto lata strop he,«in Lokaltermin abgehalten. Außer einem Stabe von Kriminalbeamten und Sach- verständigen waren auch der Fahrer Kaufmann R lecke und der Unglückswagen zur Stelle. Durch genaue Messungen wurden die Stellen festgelegt, an denen der Zusammenstoß und der Sturz der Getöteten erfolgt sein müsien. Der Zeitungshändler Engelte war, wie man feststellte, vom Ehauffeerand Meter weit in den Seitenweg hinelngefchleudert worden. Da- durch Ist bewiesen, daß der Unglückswagen die Kurve zu weit nach links ausgefahren hat. Einen weiteren Beweis erbringen dl« zahlreichen Glassplitter, die weit nach links im Chausseegraben liegen. Dann wurde das Rad des Getöteten an das Auto heran- geführt. Ob es schon das Vorderrad berührt hat, ließ sich nicht feststellen, dagegen muß es mit der Lenkstange etwa in höhe der Wagentür zusammengeprallt und nach hinten auf den Kotflügel abgedrängt worden sein. In mehrfach wiederholten Fahrt«n fuhren die Sachverständigen mit wechselnder Geschwindigkeit die Kurve aus. Es zeigte sich dabei, daß ein Fahrer selbst mi« SO KIlomeker Geschwindigkeit die Mille der Kurve ohne Gefahr hallen kann. Unbegreiflich blieb den Sachverständigen die Erzählung des Fahrers, daß«r an S t e t n w ü r f e geglaubt und den Zusammen- stoß mit zwei Menschen nicht gemerkt haben wollte. Zahlreiche Zuschauer, besonders viele Automobilisten. hatten sich zu Fuß und mit ihren Wagen eingefunden und brachten den Vorgängen lebhaftes Interesse entgegen. Sle verlraten all- gemein die Ansicht, daß zwar auch der geübteste Fahrer Unglück haben könne, daß es aber ein Verbrechen sei. die Opfer einfach im Stich z« lassen. Nach Abschluß des Lokaltermins wurde Riecke aus der Haft entlassen, das Verfahren gegen ihn geht weiter. Der Führerschein ist ihm von der Kriminalpolizei abgenommen und mit einem ausführlichen Bericht den, Kraftverkehrsamt ein- gereicht worden./ Lugendtragödie vor Gericht. Bruder- und Kreundesmörder Manaffe Kriedländer. Vor dem Landgericht III steht heule morgen M a n a s s e Friedländer. Die Anklage lautet aus Totschlag in zwei Fällen. Der lSjährige hol am 24. Januar d. 3. seinen ein 3ohr jüngeren Bruder W o l d e m a r und den gemeinsamen Freund Tibor Földes mit drei Schüssen gelötet. Den Vorsitz führt Landgerichtsdirektor Ohnesorg c. Die Anklage vertritt der Erste Staatsanwalt Jäger. Die Verteidigung liegt in den Händen des Rechtsanwalts Arthur Brandt. Als Sachverständige sind anwesend: Dr. Stürmer und Dr. D y r e n- f u r t h für die gerichtlich-medizinischen Fragen, Dr. L e p p m a n n als Psychiater— er hat den Angeklagten eingehend untersucht— und von der Verteidigung geladen Dr. Alexander vom Psycho- analytischen Institut sowie das Mitglied des Landtags, Oberstadt- schulrätin W e g s ch e i d e r. Oer Angeklagte ist ein blosser, schmalbrüstiger Jüngling, mit etwas langgezogenem Gesicht und dunklen, großen Augen, die er während des Zeugen- aufrufes zu Boden schlägt. Interessant ist, daß seine Eltern das Gericht gebeten haben, das Photographieren zu verbieten. Vater, Mutter, Bruder und Schwester— die Mutter in langem Trauer- fchleier— treten vor den Zeugentisch: auch der Bater des getöteten Tibor Földes. Der Vorsitzende stellt die Personalien des Angeklagten fest und läßt ihn seinen Lebenslaus erzählen. Manasse Friedländer schildert ihn mit ruhiger Stimme in kurzen, abgehackten Sätzen. Er ist in Petersburg als Sohn eines wohlhabenden Kaufmannes geboren. Elf Monate später kam sein Bruder Waldemar zur Welt— das unterstreicht er schon jetzt. Außer diesem hat er noch zwei Geschwister. Er erhielt zu Hause Privatunterricht: als er acht Jahre alt war, erwarb der Bater an der finnländischen Grenze ein Haus, in das die Familie übersiedelte, hier blieb sie wohnen, als die Grenze nach der Oktoberrevolution gesperrt wurde. Im Jahre 1919 kam der Junge wegen einer Lungenentzündung zuerst in ein Sanatorium in der Nähe des Wasserfalls Imatra, dann nach Schierke im harz, wohin ihn ein Verwandter begleitet hatte, zwei Monate später in ein Kindersanatorium im Schwarzwild und von dort nach Seesen im harz, wo er zuerst die Volksschule, dann die höhere Schule besuchte, hier vereinte er sich wieder mit seinem Bruder, da auch die Familie unterdes nach Deutschland ge- kommen war. Es folgte nun eine Pension bei einem Rechtsanwalt in Strausberg bei Berlin, Schulbesuch, und ein Jahr später die Uebcrsiedelung nach Berlin sowie die Aufnahme beider Knaben in die Siemens-Oberrealschule. In Strausberg erfolgte auch die Bekanntschaft mit Tibor Földes.— Der Angeklagte erzählt: „Während mein Bruder nach wie vor zur Schule ging, war.ch gezwungen. Aushilfearbeiten zu verrichten. Ich besuchte die Kunden, besorgte Gänge, arbeitete im Laboratorium, in der Hoffnung, allmählich auch das Photographieren zu erlernen Anfangs ging alles gut. Als aber der 22iährige Bruder des Dirsk- tors in das Geschäft eintrat und hier den Herrn spielte, kam es zwischen mir und ihm zu Konflikten, der ältere Bruder versuchte sie zu schlichten, der jüngere hatte es sich aber in den Kopf gesetzt, ihn hinauszubekommen, und als es eines Tages wieder zu Zwistigkeiten lam, w rde er tatsächlich entlassen. Während ich mich nun auf der Suche nach einer neuen Stellung befand, kam es zu Katastrophen mit meinem Bruder.. An dieser Stell« unterbricht der Vorsitzende den Angeklagten und verliest den Erösfnungsbeschluß: Manasse Friedländer wird angeklagt, vorsätzlich jedoch ohne Uebe-rlegung seinen Bruder Wolde mar und Tibor Földes getötet zu hoben: außerdem wird ihm noch erschwerter verbotener Wafsenbesitz zur Last gelegt. Vorsitzender: Wollen Sic sich auf die Anklage äußern, Manasse: Wie sind Sie in dem Besitz der Waffe gelangt, und wie standen Sie z» Ihrem Bruder und Földes?, Der Angeklagte crzähtl, wie ihn eines Tages auf der Straße in der Nähe des Alexanderplatzes ein Mann angesprochen, ihm heimlich einen Revolver gezeigt und ihm angeboten habe, den Revolver zu kaufen. Da er früher öfters Kinderpistolen besessen hatte, sei er auf den Gedanken gekommen, die Waffe für 2 0 M. zu erwerben. Anfangs habe er vor der siebenfchüfsigen Mauserpistole großen Respekt gehabt und sie in seinem Koffer aus- bewahrt. Dann habe er sie aber immer bei sich getragen. Da er sich im Schießen üben wollte, habe er eines Tages den Mann an- gesprochen, der ihm die Waffe verkauft hatte. Dieser habe ihm noch etwa 50 Patronen verkauft und ihm auch einen Kohlenkeller zur Verfügung gestellt, wo«r sich im Schiehen habe üben können. Hier habe ex sämtliche 50 Patronen verschossen., nur etwa 6 bis� 7 seien übrig geblieben. Den Namen des Mannes wolle er nicht nennen. Die Pistole habe er auch stets zur Arbeit im Keystone-Verlag mit- genommen. Jetzt kommt der Angeklagt« aus sein Verhältnis zum eigenen Bruder zu sprechen. Die Beziehungen'sind anfangs sehr gute gewesen. Die Beziehungen wurden schlechter in Strausberg— Manasse war damals 16. Tibor 15 Jahre alt. Als der Jüngere sich eifrig mit dem Sport zu beschäftigen begann, und die Mutter bei den Be- suchen beider Iungens in Berlin den Woldemar immer freundlicher empfing als den Manasse. In Gegenwart der Muller war das Verhältnis beider Knaben stets ein gespanntes. Sie machte kein Hehl daraus, daß sie auf die körperliche Ueberlegenheit des Jüngeren stolz fei, und dieser gab sie, je weiter desto mehr, dem Aelteren zu fühlen. Auch Fremden gegenüber äußert« sich die Mutter über Manasse in einer Weise, daß dieser sich gekränkt fühlte. Sobald es zwischen den beiden Brüdern zu einer Auseinandersetzung kam, machte Woldemar von seinen Fäusten Gebrauch. Manasse durfte überhaupt nicht mehr entgegenreden. Wol- demar hatte sich zu einem Boxer ausgebildet— der Verteidiger überreicht deni Gericht auch Photographien, die den 17jährigen als Boxer darstellen. Anderthalb Jahre vor der Tat kam es zu einer Schlägerei, die zur Folge hatte, daß die Brüder seitdem miteinander nicht mehr sprachen. Oer verhängnisvolle Tag. Jetzt folgt die Schilderung des verhängnisvollen Tages. Gegen 4 Uhr am 24. Januar war Manasse von„New Jork Times", wo er sich um«ine Stellung beworben hatte, nach Hause gekommen. Im Eßzimmer saß Woldemar, der Klavier spielte, und der 19jährige S t e r n b a ch, mit dem zusammen beide Brüder früher Religion?- Unterricht gehabt hatten. Manasse ging in sein Schlafzimmer, das sich an der anderen Seite des Korridors befindet. Später kam Földes. Er begrüßte Manasse, gab ihm die neueste„Berliner Jllustrirte" und begab sich ins Speisezimmer. Manasse folgte ihm. einige Minuten später, unterhielt sich mit ihm und mit Sterirbaä), begab sich in das Schlafzimmer zurück, nachdem Sternbach sich ent- fernt hatte. Während er hier Zeitungen las, kam Woldemar ins- Zimmer und stellt« ihn zur Rede, weil einige seiner Hefte auf dem Boden lagen. Manasse antwortete in gereiztem Tone, der Bruder versehte ihm einige Faustschläge gegen die Brust, er taumelte zurück, der Bruder folgte ihm, drängle ihn mit Faustschlägen zur Tür hinaus. Da kam ihm der Gedanke an den Revolver. Kampfabbruch in Schlesien? Nachverhandlungen über den Textilschiedsspruch gescheitert. Das Reichsarbeitsministcrium hatte zu Montag die Tarif- parteieu zur Rachverhandlung über den Antrag aus Verbindlichkeit eingeladen. Die Bemühungen des Vorsitzenden. Herrn Dr. Dobber- stein, eine Einigung herbeizuführen, scheiterten trotz zwölfstündiger Verhandlung. Runmehr hat der Reichsarbeitsminister das Morl. Er wird nicht umhin können, dem Antrage der Gewerkschaslen Rechnung zu tragen und den Schiedsspruch für verbindlich zu erklären, um so mehr. als der schlesisch« Schlichter von Amlswegen eingegriffen hat und vom Arb-eitsminister nicht desavouiert werden kann. Frankreich fordert zur Konferenz auf. Sine Note an die Zieparationsmächte angekündigt. Paris, 25. Juni.(Eigenbericht.) Die französische Regierung wird, wie offiziös mitgeteilt wird. in den nächsten Tagen eine Rote an die am Boung-Plan beteiligten Regierungen richten, worin sie auf Grund der Berhand- Jungen mit Stresemann das Programm der künftigen Regierungs- konferenz festlegen wird. Sie wird gleichzeitig die Regierungen auf- fordern, ihre Zustimmung zu einer möglichst baldigen Ein- berufung dieser Konserenz zu geben. Der Text der Rote soll heute im Ministerrat festgelegt werden. Die Reichstagsred« Stroseinanns wird in der heutigen Morgen- presse nur spärlich kommentiert. Die Presse gibt zwar zu. daß Stresemann mit seiner Zurückweisung der demagogischen Angriff« der Deutschnationalen die übergroße Mehrheit des deut- schen Volkes hinter sich habe, aber sie zeigt trotzdem größte Zurück- Haltung selbst gegenüber denjenigen Stellen der Rede Stresemanns, wo er die ständig« Kontrolle im Rheinland ablehnt. Der Senator de I o u v e n e l, der als Vorsitzender des Aktionskomitees für den Völkerbund in den letzten Tagen eine Reihe von Vorträgen in verschiedenen mittelfranzösischcn Städten gehalten hat. hat es dabei als wünschenswert erklärt, daß bei der Räumung des Rheinlandes der allgemeine Schiedsgerichts- vertrag endlich unterzeichnet werde. Im übrigen betonte de Iouoenel, daß die Räumung automatisch der Inkraftsetzung des Donng.Planes folgen müsse. Letzt ist der I�adiobund dran! Die Kommunisten in den Kulturverbänden. Im Arbeiterradiobund hat sich die Kommunistische Partei bis- her vergeblich bemüht, Einfluß zu gewinnen. Nachdem die Per- suche trotz langjähriger Zellenarbeit' endgültig mißglückl sind, bc- absichtigt der inzwischen ausgeschlossene Berliner Ortsgruppenvor- stand, Gewaltm abnahmen durchzuführen, die ihm ober von der kommunistischen Zentrale nicht leise genug zugeslüstert werden. Im Namen von zwei Angehörigen der Opposition, von denen übri- gens schon einer erklärte, daß sein Name mißbraucht wurde, wird eine Mitgliederversammlung einberufen trotzdem der erweiterte Bundesvorstand als höchste Instanz zwischen Bundestagungen nur den Bundesvorstand dazu ermächtigt. Der Bundesvorstand ist mit der vorläufigen Geschäftsführung bis zur Neuwahl eines ordentlirben Ortsgruppenvorstandes beauftragt und hat diese Arbeiten den Ge- nassen Bruno B o i g t, Kurt E i s n e r, Heinz N i e m e i« r. Albert N e u m a n n- Stralau übergeben. Die Ausgeschlossenen dürfen weder innerhalb noch außerhalb der Organisation irgendeine Tätig- teit im Namen des Arbeiterradiobundes Deutschlands e. D. ausüben. Jeder bundesgeschäftliche Verkehr mit den Ausgeschlossenen, jegliche Ausführung etwaiger Anweisungen von dieser Seite ist mit den Interessen des Bundes und seinen Bestrebungen unvereinbar. In allen bundesgeschäftlichen Angelegenheiten gibt der Bundesvorstand oder die mit der vorläufige» Geschäftsführung der Berliner Or- ganisatlon beauftragten Genossen Auskunft. Eine zufällig schon jetzt bekannt gewordene Resolution, die von der„Mitgliederversammlung" angenommen werden soll, will fest- stellen, daß der Ausschluß des ehemaligen Ortsgruppenvorstandes zu Unrecht erfolgt ist. lieber die weitere Taktik der Opposition bleibt man nicht im unklaren, wenn man ihren Kampfim Ver- band für Freidenkertum und Feuerbestattung verfolgt hat. Die Opposition will mit allen Mitteln S p a l- tungsarbeit vollenden. Klare Beweise hierfür liefert ein Fraktionsrundschreiben der Bezirksleitung der Kommunistischen Partei, die die bereits schon längst gegründete Fraktion der Kom- munisten im Arbeiterrodiobund für offiziell erklärt und deren Exi- stenz durch Zurückhaltung des Bundeseigentums der Ortsgruppe ge- sichert werden soll. Dieses Vermögen und das gesamte Verw.il- tungsmaterial, das sich die Mitglieder in einer fünf Jahre langen Arbeit mühsam geschaffen haben, wird von den Ausgeschlossenen widerrechtlich zurückgehalten. Wie in vielen anderen Kultur- organisationen versuchen also die Parteitommunlsten im Arbeiterradiobund die Weisungen ihrer Moskauer Brotgeber auszusübren. Wer sich dabei unter den vielen Richtlinien, Analysen und Tak- üken nicht zurechtfindet, der stiegt aus der Partei heraus, wenn seine Tätigkeit auch sonst dem Radiobund noch so viel geschadet hat Oer Besuch der kanadischen Journalisten. Nach einer vom Reichsverband der Deutschen Presse für die kanadischen Kollegen arrangierten Rundfahrt durch Berlin und nach Besichtigung der Sehenswürdigkeiten der Reichshouptstadt gaben de? Magistrat und die Stadtverordneten von Berlin den Besuchern zu Ehren gestern ein Frühstuck im Flughafen- restaurant auf dem Tempelhofer Feld. Nachmittags hatte der Leiter der Presseabteilung der Reichsregierung. Ministerialdirektor Dr. Zech- lin zu einem Tee-Empsang geladen. Der Reichsverband der Deutschen Presse veranstaltete abends zu Ehren der in Berlin weilenden kanadischen Verleger und Journalisten im Kaiserhof ein Essen. Im Namen des Reichsverbandes begrüßte Professor Bern- h a r d die Gäste, im Namen der ausländischen Gäste antworte:« W. I. E. S u t t o n, Direktor der„Montreal Gazette", der die Be- deutung der Deutsthstämmigsn für Kanada betonte. Fünf Jahre Kampf ums Recht. Was sich die Dersicherungsbehörden leisten. Wir hatten im„Abenh" vor einiger Zeit den Leidensweg eines Metallarbeiters geschildert, der seit fünf Iahren vergeblich sein Recht in der Invalidenversicherung sucht. Durch seinen schlechten Gesund- heitszustand verliert er im April 1924 seine Arbeitsstelle. Der Arbeitgeber bescheinigte ihm, daß er alle Arbeiten zur größten Zu- friedenhcit ausgeführt hat, das Betragen lobenswert war, aber dennoch die Entlassung erfolgen muhte, weil seine g e- schwächte Gesundheit ihn an der Ausführung der crsorder- bchen Arbeiten behinderte. Bon der Krankenkasse wird der Arbeiter ausgesteuert. Alle späteren Versuche, Arbeit zu erlangen, scheitern. Der Facharbeitsnachweis für die Metallindustrie bescheinigt ihm, daß eine Unterbringung völlig ausgeschlossen ist,„da er gesundheitlich die Arbeit nicht leisten kann". � Die im Rentenoerfahren von den Versichcrungsbehörden zur Begutachtung hinzugezogenen Acrzte bestritten nun nicht etwa eine starke Erwerbsbeschräntung, in ihrer unerforschlichen Weisheit halten sie jedoch den Mann noch für 59 Proz., einer der vereidigten Gerichtsärzte nur noch für 49 Proz. erwerbsfähig. Also: immer noch um 6% Proz. zuviel erwerbsfähig, um Die Arbeilsrichlerin. Seit kurzem amtiert am Arbeitsgericht Berlin zum ersten Mal« ein weiblicher Lorsitzender— zugleich der einzige weibliche Borsitzende aller deutschen Arbeitsgerichte. Der neue Richter ist Dr. Edith Klausner. Fräulein Klausner hat 16 Jahre lang den Arbeitsnachweis der Stadt Berlin geleitet. Noch der Revolution gab sie diesen Posten auf, besucht« wieder die Universität und studierte Rechtswissenschaft. als Invalid« zu gellen! Der sachkundigste Arzt, der den Mann seit 1918 behandelt, häll allerdings in seinem Gutachten vom Oktober 1926 ihn für völlig erwerbsunfähig. Bei solcher Sachlage hätte das Oberversicherungsamt schon aus eigenem Entschluß zur Bejahung der Invalidität kommen müssen. Diese eigentlich selbstverständliche Entscheidung wurde nicht ge- troffen. Gegen das ablehnende Urteil des Oberversicherungsamtes Berlin vom 26. Januar 1928 wurde Revision«ingelegt. Der zwölfte Revisionssenat des Reichsversicherungsamtes hat in der Sitzung vom 15. März 1929 das Urteil des Oberversicherungsamtes a u f g e- hoben und die Sache zur anderweiten Verhandlung und Ent- scheidung zurückverwiesen. Hören wir die Gründe: „Der Revision konnte der Erfolg nicht versagt werden. Di« Feststellung des Oberversicherungsamtes, daß der Kläger noch nicht Invalide sei, ist nicht bedenkenfrei getroffen. Der Ge» richtsarzt Dr. Romberg hat in seinem Gutachten vom 24. Juni 1927 vorgeschlagen, den Kläger ineinerKlinikbeobachten zu lassen, und es dabei für zweckmäßig geHallen, mit der Beobachtung zunächst die Rervenklinik der Charit« zu beauftragen. Die Aerzte der Ersten medizinischen Universitätsklinik der Charit« und der Psychiatrischen und Nerventlinit haben darauf am 2. und 15. November 1927 Gutachten erstallet. Dem Gutachten vom Z. November 1927 liegt nun nicht eine neuere Beobachtung zu- gründe, sondern eine frühere Beobachtung vom 25. März bis zum 2. April 1927, also in einer Zeit, die noch vor Erstattung de» Gutachtens des Dr. Romberg liegt. Das Gutachten vom 15. No- vember 1927 Ist im wesentlichen nicht auf eine neuere Beobachtung hin, sondern auf Grund von einzelnen Untersuchungen am 9.. 19., 12. und 16. August 1927 erstattet worden. Der innere Wert beider Gutachten ist demnach in erheblichem Umfang« dadurch gemindert, daß ein« ausreichend« neue Beobachtung, die der Gerichtsarzt doch gerade für erforderlich gehallen hatte, nicht stattgefunden hat und vielmehr den Gutachten. abgesehen von einzelnen Untersuchungen, eine ältere Beob- achtung zugrunde gelegt worden ist. die vor mehr als sieben Monaten vor Erstattung der Gutachten statt- gefunden holte. Der Sachverhall kann demnach nicht als im genügenden Um» fange aufgeklärt erscheinen. Di« angefochten« Entscheidung war daher auszuheben und die Sache an dos Oberversicherungsamt zur erneuten Berhandlung und Entscheidung zurückzuverweisen." Di- Durchführung der Revision hat über ein Jahr gedauert. Nach wetteren drei Monaten fett Fällung des Revisionsurteil- er. folgt nun nicht etwa die Bewilligung der Invalidenrente, sondern die Aufforderung, sich zur Beobachtung in der Charit« einzufinden. Bei diesem Tempo muß man fragen, ob es den Behörden über» Haupt bewußt wird, daß es sich um Menschenschicksale handelt. Di« Versicherungsbehörden sollen nicht nur sozial gs» recht urteilen, sie sollen auch schnelle Hilf« leisten. Nur dann sind fi« ihrer sozialen Aufgabe gewachsen. C» bleibt bei den Brotkarten. Der Rot der Boltskommissor« hat in feiner letzten Sitzung den Beschluß gefaßt, dos Brotkarten. jystem auch im Wirtschajtsjahre 1929/59 beizubehalten. Außerdem hat der Rat der Volkskommissare den Handelskommissar ersucht, die paatlichen Ankaufspreise für Getreide aus derselben Höh« zu belassen. Die Berliner Philharmoniker. Reorganisation unter Mitwirkung von Stadt und Reich. Sanierung und Stabilisierung des Berliner Philharmonischen O r ch e st« r s: die Notwendigkeit war seit langem von allen an der Kontinuität des rcichshauptstädtischen Musiklebens inter- cssierten Seiten erkannt; immer wieder ist, auch im„Vorwärts", die Wichtigkeit und Dringlichkeit der Ausgabe betont, ihre baldige Lösung als wünschenswert bezeichnet worden. Schon im Herbst des vorigen Jahres haben mit diesem Ziel Berhandlungen zwischen den maß- gebenden Stellen eingesetzt; nun soll es Ernst werden. Vor einigen Togen hat der Magistrat der Stadtverordnetenversammlung in Form einer Dringlichkeitsvorlagc einen Reorganisationsplan zugehen lassen, der eine der Heuligen Lage entsprechend« und, wie uns scheint, im wesentlichen durchaus zweckmäßige Neuordnung der Verhältnisse darstellt. Nach diesem Plan schließen Stadt und Reich sich in einer gemein- nützigen Arbeitsgenleinfchast zusammen, zu dem Zweck, durch sinan- ziell« Beihilfe die künftig« Existenz des Philharmonischen Orchesters zu sichern, und treten in die GmbH, ein, zu der dieses umgebildet wird. Der jährliche Zuschuß beläust sich aus 459 999 M., wovon die Stadt drei Viertel— 369 099 M.—, das Reich ein Viertel— 129 999 M.— zu tragen Hot. Im Fall einer späteren Beteiligung Preußens, die vorgesehen ist, vermindert sich die Leistung der Stadt um 69 999 M. und würde in diesem Falle also 399 999 M. betragen. Wir haben oft daraus hingewiesen, daß für die Philharmoniker — wie übrigens heut« für jedes Konzertorchester— die Frage des künstlerischen Niveaus und seiner Stabilität nicht in letzter Linie eine sinanziell« Frag« ist. Die bisher gewährte finanzielle Unterstützung hat sich als unzureichend erwiesen. Immer mehr wuchs die Schwierig- keit, für ausscheidende Mitglieder vollwertigen Ersatz zu schassen; immer mehr wuchs die Gefahr, gerode die besten Kräfte des Orchesters nicht länger halten zu können. Durch die gedachte Rege- lung werden den Mitgliedern des Philharmonischen Orchesters Der- gütungs- und Bersorgungsansprüche ungefähr in dem Umfang wie den Orchestermttgliedern der Städtischen Oper A.-G gewährt. Da- durch, so hofft man mit Recht, wird iener Gefahr wirksam.begegnet, jene Schwierigkeit behoben werden. Neue Verpslichtuirgen der Stadt gegenüber sollen den Philharmonikern nicht erwachsen; es bleibt bei dem bisherigen Umfang von Gegenleistungen in Form von Volks- fymphoniekonzerten, Kainmermusikabenden und Schüler-Jreikonzerten. Eine Neuordnuiiig aus lange Sicht: wir dürfen den Zustand, der geschaffen werden soll, mit aufrichtiger Befriedigung begrüßen. Aber es wäre nur«in halber Zustand, wenn nicht zugleich die Dirigenten. frage geregelt würde. Sie soll in großzügigster Weise geregelt werden; Dr. Wilhelm Furtwängler wird als erster Dirigent des Orchesters unkündbar auf die Dauer von zehn Iahren verpslichtet. Di« Freud«, den großen Künstler dauernd gewonnen zu haben, wird allgemein sein: in der Berliner Oefsentlichkeit wie unter den Mit- gliedern des Orchesters. Aber zehn Jahre, wir wollen es in der ersten Freud« nicht vergessen, sind«ine lange Zeit. Unwiderrufliche Bindung aus zehn Jahr«— wie oll« Erfahrung lehrt, für die Be- Hörde allemal um eine Nuance uirwiderrusllcher als für den Künstler, der gebunden werden soll—: ez wird zweifellos nötig sein, alle Einzelheiten dieses Vertrages, der in der Musikwell ohne Beispiel ist, sehr gründlich zu prüfen, bevor er abgeschlossen wird. Eine durchaus großzügige Regelung— das gilt nicht zuletzt von der finanziellen Seite dieses Furtwängler-Vertrages. Dem Dirigenten wird darin«in festes Jahreseinkommen von 6 5 9 9 9 M. zugestanden. Darüber hinaus sichert er sich eine Art von Optionsrecht für die Leitung auswärtiger Konzerte, sowett dieses nicht in seinen vertrag- lichen Pflichten einbegriffen ist. Und daneben soll er sa auch, so hört man, als Gastdirigent an der Städtischen Oper tätig sein, auch hier also im Dienst« der Stadt, im Grunde von derselben Hand besoldet wie als erster Dirigent des Philharmonischen Orchesters. So lassen sich Ziffern errechnen, für dl« in unseren Verhältnissen kaum ein« Analogie zu finden ist. Immer wieder hören wir die unmäßige Höhe gewisser Sängerstargagen mtt dem Hinweis auf kon- kurrierend« Angebote auswärtiger, insbesondere ausländischer Opernbühnen begründet. Zlber wir wüßten zurzeit von keiner Stelle der Konzertwclt, deren finanzielle Leistungskrast durch solche Ziiicrn überboten werden nnihte. Furtwänglers Gegenleistung? Er dirigiert jährlich dreißig Konzerte. Das ist nicht sehr viel. Es ist, glauben wir, noch viel weniger: diese dreißig werden nur zwanzig, zehn davon werden nur. wie bisher, die öffentlichen Generalproben der Philharmonischen Konzerte fein. Dazu kommen fünf auswärtige Konzerte, zwei Eh.ir- konzertc und— drei volkstümliche Konzerte. In der Tat: nicht mehr als drei. Wir haben den Eindruck, daß das zu wenig, um nicht zu sagen, lächerlich wenig ist. Die Interessenten de« Philharmonischen Konzerte, deren es jährlich zehn gibt, zählen in Berlin nach Taufen- den; die Interessenten volkstümlicher Konzerte nach Hunderttaufen- den. Von denen sollen sich mir 6000 im Jahr an der Leistung des großen Dirigenten persönlich erfreuen dürsen, von der olle Zeitungen voll sind, und die nun einmal aus öffentlichen Mitteln teuer bezahlt werden muß. Wir hoffen, daß es nicht bei der de- scheidenen Zahl dieser drei Konzorte bleiben wird. Es gibt in diesem Vertrag noch ander« Punkte, die uns bedenk- lich scheinen müssen. Zur Stunde mag es nicht unsere Sache sein, im voraus die Autorität des Aufsichtsrates, der gebildet werden soll, zu stärken. Aber, wie die Trennung der Gewallen im Staat, so scheint uns eine klare Scheidung der administrativen und der künst- lerischen Leitung in dieser GmbH, von vornherein unerläßltch. Von diesem Grundsatz würde abgewichen, wenn dem ersten Dirigenten irgendein Einfluß aus die Wahl und Ernennung der Geschäftsführer vertragsmäßig eingeräumt wird. Und auch in anderer Hinsicht scheint es uns notwendig von vornherein, der Gesahr zu begegnen, die sich aus der Verbindung künstlerischer und verwaltungsmäßiger Inter- essen allzu leicht ergeben kann. Furtwängler ist Künstler, er übt einen Künstlerberuf aus, und alle psychologischen Voraussetzungen dieses Berufes müssen auch in seiner Person unterstellt werden. Das ist kein Vorwurs; das ist eine selbstverständliche Feststellung. Der Künstler, der in der Oossentlichkeit steht, sei es auch noch so hoch im Erfolg, steht doch immer wieder im Kampf um diesen Erfolg; er hat das Reckst, ja er hat sich selbst gegenüber die Pflicht, iminer wieder an die Wahrnehmung seiner persönlichen Interessen zu denken. Er hat im Herbst der Behörde gegenüber erklärt, daß er mit Rücksicht aus seinen künstlerischen Ruf seine Stellung als Dirigent des Orchesters ausgeben müsse, falls dem Orchester nicht die Möglichkeit gegeben werde, sich aus seiner künstlerischen Höhe zu halten. Die Furtwönglcr-Konzcrte werden für das Philharmonische Orchester auch weiterhin nur einen Teil seiner Beschäjtigung aus- machen: es werden auch weiterhin andere Dirigenten am Pult er- scheinen müssen. Aber es wäre bedenklich, wenn bei ihrer Auswohl und Berufung der Dirigent Furtwängler ein entscheidendes Wort mitzusprechen hätte; er steht anderen Dirigenten als Kollege gegen- über, und es kann geschehen, daß sie ihm als Rivalen, als Kon- kurrenten gegenübertreten— im Wettbewerb nicht um ein Amt, doch um Erfolg und Geltung. Es erscheint uns nicht minder bedenklich, wenn dem ersten Dirigenten Gewalt über die Wirtschaft- lichc Existenz der ihm künstlerisch nur: künstlerisch— unterstellten Musiker gegeben wird. Er fordert sie, indem er sich bezüglich der Einstellung und Anstellung neuer Mitglieder das entscheidende Wart vorbehält. Die künstlerisch« Selbstverwaltung des Orchesters, das sich au» eigenen Kräften zu einem der ersten in der Welt auf- geschwungen hat, ist im Laufe von 59 Jahren bewährt. Wir haben Herrn Dr. Furtwängler gewiß keine Ratschläge zu erteilen; sonst würden wir ihm sagen, daß die Stellung, die er im Musikleben als Leiter der Philharmonischen Konzerte einnimmt, und die Wirkung, die von seiner großen Kllnstlerpersönlichkeit au»- geht, ihm eine überragende, wahrhaft unangreifbar« Position nach allen Seiten gewährt; und daß er auf so umfassende, dichte Sicherung dieser Position nicht bedacht zu sein braucht. Aber die verantwori- lichen Männer der neuen G. m. b. H. sollten wohl darauf bedacht sein, eine unnötige und nicht ungefährliche Häufung von Macht- bcfugmssen in der Person des künstlerischen Führers zu vermeiden. „Erotik". Uraufführung im Eapitol. In den ersten Szenen trifft ein junger Mann, Don Juan im Beruf und sonst nichts, in einem Bahnwärterhaus, wo er über- nachten muß,«in junges Mädchen, di« Tochter des Bahnwärters. Der Vater muß Streckendienst verrichten, und die beiden jungen Menschen bleiben allein. Draußen planscht unaufhörlich der Regen. Beide sehnen sich nacheinander, und es kommt, wie es kommen muß. In dieser Ouvertüre wird prachtvoll gespielt und inszeniert. Ita R i n a und Olaf Fjord gestalten die auskeimende Leiden- schaft mit ganz zarten Nuancen völlig unaufdringlich und dezent und trotzdem leidenschaftlich entflammt. Di« Szenen sind völlig echt aus dem Milieu und aus der Situation herausgestaltet, sie werden um- wittert von einer tragischen Ahnung. Aber das versprechen, da» hier der Regisseur und Manuskriptversasser Gustav M o cha t y gibt, erfüllt sich später nicht. Zu viel« konventionelle Momente mischen sich in die Handlung. Es entsteht ein Gesellschaftsdrama mit zwei übereinandergelagerten dreieckigen Verhältnissen, also ein Sujet, das reichlich bekannt ist. Hinzu kommt noch, daß Olaf Fjord später keinen individuellen Ausdruck mehr findet, und auch Ita Rina von Szene zu Szene blosser wird. Der Auftakt ist einheitlich gesehen, ein großes Crescendo, das den Titel„Erotik" rechtfertigt. Dann aber verliert sich der große Zug und Einzelhelten überwuchern. Machaty mißbraucht die Groß« ausnahm«. Es ist nicht notwendig, daß jeder Kuß besonders prägnant gezeigt wird, wenn er nicht handlungssteigernd wirkt oder eine neue Wendung der Handlung zur Folge hat. Diese Details sind oller- dings von künstlerischer Gestaltungskraft erfüllt, doch ihr« Ueberzahl stumpft ab. So ist dieser Film trotz feiner kultivierten Haltung äußerst problematisch. Wählt man«inen Tttcl wie„Erotik", dann soll man ihn auch zu erfüllen suchen. Vor Jahren lief einmal«in Mauritz-Stiller-Film„Erotik" ein zartes, abgedämpftes und witziges Kammerspiel,«ine fein stilisierte Komödie, di« über dos Thema Crottk mehr brachte als dieses, etwa» pompös ausgezogene Drama. Hervorzuheben sind noch drei Schauspieler, Sleichert, Pistek und Serventini, Eharakteristiker von hohem Talent 5. Ausklang des Volksbühnentages. Mtt einer öffentlichen KunÄgetmng im Siadttheater schloß die diesjährig« DoUsbühnentagung in Danzig. Der Schriftsteller Willi- bald O m a n t o m s k i eröffnete den Roigen der Redner. In dichte- rischen Worten sprach er von der seelischen Dersassung der heutigen arbeitenden Menschen,»an ihrer inneren Not und von der brennen- den Aufgabe, diesen Menschen Auflockerung de, Ichs. Befreiung, Beglückung— somit überhaupt erst das Lebe» zu geben. Das Theater wurde von dieser Forderung her in seine Funktionen eingewiesen Sein letzter Zweck ist. Freude zu bringen in dieses Dasein, die Kräfte auszulösen, wachzulialten und einzusetzen.zum Kamps um eine schönere Welt. Der zweite Redner, Prosessor Dr. S. Marck(Breslaus, stellte die Volksbühnenaroeit den wich- tigslen zivilisatorischen Mächten der Gegenwart: Film, Sport, Radio gegenüber. Das Problem der Gegenwart lautet: eine Massen- kultur zu schassen ohne Berlust des Niveaus. Hier liegt das Mysterium des Theaters. Die Volksbühne aber muß das kulturelle Gemissen dieses Theaters, daher disser Zeit sein. Den Abschluß bot di« ausgezeichnete, von Temperament. Geist und Begeisterung ge- traone Rede van Professor August Ziegler(Hannover). Noch ein- mal rückte er Bolt und Kunst nebeneinander, betonte, daß dieses Thema im Brennpunkt der Ideenwelt der praktischen Volksbühnen- arbeit stehe. Alltägliche Operette. „phips" in der Komischen Oper. „Phips, laß dich nicht erwischen." Da» Stück ist nicht ganz so schlimm, wie sein Titel vermuten läßt. Immerhin, bloß Operettenmassenware. Genormte Dialoge, genormte Situationen, genormt« Typen. Alles ausgewalzt in erstaunlichen Längen. Streichen, streichen. Herr Regisseur Edmund! E» ist zum aus- wachsen. Selbst einige wirtlich temperamenwolle(und einige leider unangenehm überhitzte) Szenen können über die Langeweile nicht wegtäuschen. Der größte Heiterkettsersolg: In der großen Pause verirrt sich eine Maus im Parkett. Da kreischten alle Mäuschen. Bon Gustav Bertram könnte man behaupten, daß er«inen flotten Lebemann abgibt, wenn er einige Uebertreibungen mildern würde. Seine Partnerin, Marga Peter, verfügt über gutes Aeuhere und angenehme Stimm«. Lotte H a u e hat ausgezeichnete Momente Im Grotesken. Hans Bergmann verzerrt unangenehm die Rolle eines obskuren Brasilianer». Für di« Bühnenbilder nehmt euch nächstesmal einen künstlerischen Beirat. Die Ckague sorgte in wohltuender Zurückhaltung für Beifall Die Ausbreitung der Lepra. Entgegen der Annahm«, daß die Lepra in Europa vollständig ausgestorben ist. wird jetzt aus Griechen- land gemeldet, daß dort 1599 bis 1699 Lepraerkrankungen festgestellt worden find. Allein in Athen befinden sich 49 bis 59 Fäll« in Be- Handlung. Seltsam mutet an, daß sich diese Kranken frei m der Stadt bewegen dürfen und nur vom Pasteur-Institut kontrolli«� werden. De- Julius Goldstci», Proseljor der Pvilojophi« an der Hochjchuic in Darmstadt, ist soeben im öS. Lebensjahr gestorben. Er war ein besonderer Kenner der englischen Philosophtez seine pubUztftisch« TSttgkett galt tnSbc sondere politische» Frage». Radek gegen Trohki. Die Linksopposition geschwächt.— Noch Trotzki hofft noch immer. Aus Rußland wind gemeldet, daß sich Karl Rädel endgültig von der trotztistischen Opposition losgesagt und ein Ausnahme- g e s u ch an die russische Parteileitung gerichtet hat. Das Gesuch ist von der Stalinpresse sreundlich aufgenommen worden. Rädel hat seit 1326 zusammen mit Trogli einen zum Teil recht scharfen Kampf gegen die herrschend« Stalinrichtung geführt. Er ging ein« Zeitlang noch weiter als Trotzt! und behauptete, daß die russische Revolution endgültig verloren sei. Insolgedessen wäre die Bildung einer neuen kommunistischen Partei notwendig. Jahre- lang hat sich Rädel über die Stalinsche These vom Sozialismus lustig gemacht. Mit den airdcren Oppositionsführern trug er bis heute nicht erschüttertes Material über die EntwicklungzumKapitalis- mus in Rußland zusammen. Heute versucht er ähnlich wie Sinowjew seine oppositionell« Haltung und Betätigung ungeschehen zu machen. Mit der gleichen Schärfe, mit der er bisher Stalin be> kämpft hat, wendet er sich heute gegen Trotz! i. Ihm macht er zum Vorwurf, daß er in Rußland eine illegale Organisation aufgezogen habe und damit die Spaltung der Kommu- nistischen Partei proklamiert hätte. Die im Ausland gebildeten selb- ständigen Gruppen könnten nur auf Grund von Anweisungen T r o tz l i s handeln. Die Forderung Trotzkis nach einer geheimen Abstimmung in der russischen Kommunistischen Partei und in den Ge- werkschaften sei konterrevolutionär. Ganz besonders ver- orgt Rädel seinem bisherigen politischen Bundesgenossen dessen Mit- arbeit an der bürgerlichen Presse. Trotzkis Standpunkt, daß im Kampf gegen Stalin olle Mittel erlaubt seien, wäre verwerfens- wert und die von Konstantinopel ausgegangene Rechtfertigung an die russischen Arbeiter sei ein höchst beschämendes Dokument. Rädel prophezeit der trotzkistischen Gruppe, die er als«in Gemisch menschewistischer und syndikalistischer Elemente bezeichnet, ein Auseinanderfliegen in Hunderl Richtungen. Auf dies« Angriffe antwortet Trotzki in einem Artikel auffallend versöhnlich und zurückhaltend. Zwar meint er, daß Rädel innerlich nie richtig zur Opposition gehört hätte, daß ober Rädel, den er als einen der besten marxifti- sehen Journalisten der Welt lobt, höchstwahrscheinlich bei der Oppo- sition geblieben wäre, wenn deren leitende Gruppe nicht vor 1% Iahren zerstreut worden wäre. Die Stalinisten erwarten von Rädels Abfall, daß nunmehr auch andere russische Oppositionsführer den Weg der Kopitu- lation beschreiten. So hat Stolin dem früheren Botschafter in Frankreich, Ratowski, bereits eine hohe Funktion angeboten, falls er von Trotzki öffentlich abrückt. Die gleiche Methode wurde gegenüber dem Theoretiker Preobafchenfki versucht, der jedoch nach wie vor seine Solidarität mit Trotzki und seinen Anschauungen bekundet«. Zweifellos ist die linkskommunistische Opposition in Rußland durch Rädels Kapitulation geschwächt. Das gibt auch Trotzki zp. Er hofft jedoch, daß die Kapitulation von Rädel, Sinowjew und Kamenew unter der Oppositionsgrrippe eine Aus- lese hervorruft, die sich als der echte Sauerteig für zukünftige Massenkämpse erweise. Seine Anhänger fordert er deshalb zur Ausdauer auf. Es ist dennoch außerordentlich fraglich, ob Trotzki mit seinem Appell die linkskommunistische Opposition noch zusammenhalten wird. Die neuesten Ludenpogrome. Lm Kampf zwischen pilsudsti und Nationalisten. Warschau. Ende Juni.(Eigenbericht.) Di« polnischen Juden sind tradittonell die Sündenböcke für die Fehlschläg« der herrschenden Klasse. Wenn die zaristischen Gou- verneure ein Anwachsen der Unzufriedenheit in„Rusfisch-Polen' fühlten, da wurde das Zeichen zum Judenpogrom gegeben, jüdisches Blut floß, jüdische Läden wurden geplündert— die aufrührerischen Element« hatten sich ausgetobt und die Ruhe war wieder hergestellt. Die polnischen Rechtsparteien haben diese Tradition getreulich übernommen: man wird gut tun, die letzten antisemitischen Studentenausschreitungen in Lemberg, Posen und in geringerem Umfange auch in Warschau unter diesem politischen Ge- sichtspunkt zu betrachten, und sich davor zu hüten, für die Pogroms das polnisch« Volk oder die polnische Regierung verantwortlich zu machen. Sicherlich ist die Stellung der polnischen Juden nicht so gut, wie die der Juden in westlichen Ländern. Besondere Sym- pathien besitzt das polnische Volk für die jüdische Bevölkerung nicht. Auch die Regierung kann sich keiner sonderlich liberalen Haltung rühmen. Immerhin hat sich die Lage der Juden gebessert gegen- über der systematischen Judenverfolgung, die von den nationalistischen Rechtsregierungen, vor dem Pilsudski-Regime, betrieben wurde. Die gegenwärtige Regierung, obwohl politisch durchaus reaktionär, ist konfessionell fortschrittlicher als ihre von Klerikalismus und Ratio- nalismus durchsetzten Vorgänger-, überdies handelt es sich um Juden, die zu keiner„politischen ZNinderheit" gehören und deren Stimme im Ausland, zumal bei den für Polen besonders wich. tigen Finanz, und Sreditfragen, nicht unerhört bleibt. Trotzdem sind aber die polnischen Juden alles andere als„gleich- berechtigt":«s tzibt in Polen keine jüdischen Staatsbeamten, keine jüdischen Offiziere, die Zahl der jüdischen Studenten und Professoren ist durch einen rigorosen numerus clausus begrenzt, die Behörden, vor allem die Steuerämter, sind von dem Antisemitismus nicht ganz frei, und die jüdische Konfession ist immer noch für die Karriere in der Industrie, dem Handel, der Bankwelt und sogar in der Kunst im höchsten Grade hinderlich. Indessen besitzen die polni- schen Juden, als eine Minderheit, von der man keine irredentistischen Absichten wie etwa von den Deutschen und Ukrainern befürchtet, die Möglichkeit, ihre kulturellen Ansprüche zu vertreten und auch durchzusetzen, und wenn die Resultate bisher noch wenig zufrieden- stellend waren, so fällt ein Teil der Schuld auf die Juderl selber zurück, die sich in zahlreiche nicht nur politisch, sondern auch kulturell und sprachlich einander bekämpfende Organisationen zersplittern. Es ist aber— auch schon vor dem Maiumsturz— immer seltener vorgekommen, daß die polnische Bevölkerung sich zu offenen Gewalttaten Juden gegenüber hinreißen ließ. Zu den letzten judenfeindlichen Exzessen in Polen wäre es zweifellos auch nicht gekommen, wenn es sich wirklich nur darum gehandelt hätte, daß di« Studenten ihren angeblich beleidigten religiösen Gefühlen Ausdruck geben wollten. Es hat unoerkennbar hinter der Studenten- aktion ein Drahtzieher gestanden, der di« chauvinisttschen Korps- studenten, auch in Polen, zu den Judenpogromen verleitet hat. Wer ist es nun gewesen, wer hat in Polen ein Znleresie daran, dem Ansehen Polens im Auslande zu schaden und der polnischen Regierung im Lande selbst Schwierigkeiten zu bereiten? Der Drahtzieher ist unschwer zu erraten. Die Organisierung und Leitung der deutschfeindlichen Kundgebungen nach den Oppelner Zwischenfällen war von der Nationaldemokratie als«in Mittel ge- dacht, ihren geringen Einfluß durch die Schürung des Haffes gegen Deutschland zu stärken, breite Volksmassen auf dem Wege über diese Parole zu sich herüberzuziehen und ihr« durch das Pilsudski-Regime eingeschrumpften Organisattvnen- zu stärken. Die-judenfeindlichen Exzesie find ebenso das Ergebnis einer planmäßigen Aktion der Nationaldemokratie und stellen eine förmliche Offensive dieser fankrotten Partei gegen di« gegenwärtige Regierung dar. Der Plan war einfach: nach außen sollten die Pogrome dem Außen- minister Aaleski in Madrid Balken zwischen die Beine werfen, im Innern die Regierung zu energischen Maßnahmen gegen die Studenten veranlassen und der Nationaldemokratie dadurch für di« bevorstehende politische Kraftprob«, sei es bei den Berfafsungskämpfen, sei es bei den Neu- wählen, den Trumps in die Hand geben, die ohnehin für unpolnisch und verjudet gellende Regierung als„Beschützerin der Juden" brandmarken zu können. Nicht, daß dieser Trumpf den Nationaldemokraten nicht zu gönnen wäre: wird er doch bei allen vernünftigen Leuten in Polen kaum das erwünscht« Ergebnis zeiligen: aber es muß doch fest- gestellt werden, daß die polnische Polizei und die polnischen Be- Hörden erst mit oller Energie einzuschreiten begannen, als sie den politischen Charakter der Exzesse erkannten und diese auch «inen regierungsfeindlichen Charakter annahmen. Wenn es sich um kommunistische Demonstrationen handelt, dann sind blanke Säbel und Maschinengewehre und berittene Polizei stets zur Stelle. Bei Juden ist der polnische Beamte geneigt, leicht zu zögern, zumal es bei den breiten Massen gegenüber politisch nicht günstig erscheint, in den Geruch der Judenfreundschaft zu kommen. Die gegenwärtigen Machthaber, die ihr« physische Gewalt durch«in«n moralischen Unterbau stützen wollen, haben auf Gefühle und Einstellungen der Massen dort stark Rücksicht zu nehmen. Die letzten Judenpogrom« in Polen bedeuten die Ankündigung bedeutsamer machtpolitischer Kämpf«: eine jüdische Angelegenheit sind sie nur insofern gewesen, als der Kampf zwischen der Nationaldemokratie und der Pilsudski-Regierung auf jüdischem Rücken ausgetragen wurde. Die Vifla des Reichsbahndirekiors. Abermals ein Iteichsbahn-BestechungSprozeß. 3a der großen Bcftechungsafsäre. die durch den Fall des Reichsoberbahnrals Erich Schulze eingeleitet worden war, hat die Staatsanwaltschaft I nunmehr die dritte und letzte Anklage erhoben. Wegen schwerer passiver Bestechung nach§ 332 StGB, ist gegen den Direktor bei d«r Reichsbahn Wilhelm Neumann und wegen aktiver Bestechung aus Z 333 StGB, gegen den Kaufmann und Zivilingenieur Dr. phil. David K a e m p f e r von Staats- anwaltschaftsrat Herrmanns Anklage erhoben worden. Es wird bc- antragt, das Verfahren vor dem Erweiterten Schöffen- gcricht Berlin- Mitte zur Verhandlung zu bringen. Ur- sprllnglich war nur Anklage wegen einfacher Bestechung erhoben worden. Die Strafkammer des Landgerichts I hotte den Eröifnungs- antrog der Staalsanwallichast aber mit der Weisung zurückgegeben, Anklage wegen schwerer Bestechung zu erheben. Diese neu« Anklage liegt nunmehr vor. Di« beiden Angeklagten stellen die Bestechungen entschieden in Abrede und haben durch die Rechtsonwälle Dr. Peschk« und Dr. Frey beantragt, das Hauptversahren gegen sie nicht zu eröffnen. Der Anklage liegt folgendes zugrunde: Reichsbahndirsktor Neumann war Abteilungsleiter einer Einkaufsabteilung im Reichs- bahnzentralamt. Er hotte auch die Umarbeitungsauf träg« für Altmetalle zu vergeben. Während früher bei den Auf- trägen nur der Hüttenoerband berücksichtigt wurde, hatte Neumann im Jahre l32t) auch Auftröge an die Firma Dr. Kaempfer u. Co., die Hütten- und Schmelzmerk« in Gliesmarode bei Brounschweig erteilt. Das geschah, um durch di« Konkurrenz von Außenseitern Preis- ermößigungen zu erzielen. Dr. Kaempfer hotte auch eine Empfehlung der braunschweigischen Regierung gehabt. Zwischen Neumonn und Kaempfer knüpften sich dann freundschaftliche Beziehungen an. Im Laufe der Jahre wuchsen di« Aufträge an Dr Kaempfer immer mehr an und sollen in keinem Verhältnis zu der Bedeutung seiner Firma gestanden haben. Wöhrend der Zeit von vier Jahren hat Neumann von d«m Mitangeklagten eine Reihe von Geschenken aller A r t«rhalten. In den Akten befinden sich zahlreiche Dankes- briefeNeumanns über die Zuwendungen. Ansang 1923 stellte Dr. Kaempfer dem Reichsbahndircktor«ine von ihm für diesen und nach seinen Wünschen erbaut« Villa in der Nähe von Neubabcls- berg bezugsfertig zur Verfügung. Nach dem Mietsoertrage sollte Neumann auf Lebenszeit die Villa bewohnen dürfen. Der Mietspreis stand weit unter dem üblichen Werte. Es sollte nur «in Hundertstel des Jahresgehaltes als Miete gezahlt werden. Im Jahre 192S geriet Dr. Kaempfer in Zahlungsschwierigkeiten und die Reichsbahn war mit einer Ford«ru.»g von 400 000 Mark Hauptgläubigerin. Direktor Neumann kaufte nun die Villa zum Preise von 2SOOO M.-, dieser Preis soll auch nach dem Gut» achten weit unter dem wahren Wert sein. Reichsbahndirektor Neu- mann veronlaßte dann in geheim geführten Verhandlungen di« Firma Schoysr zur Vermeidung des Konkurses, die Hüttenwerke des Mitangeklogt«» zu übernehmen, und sicherte dieser Firma zur Schad- losHaltung langfristige Umarbeitungsaufträge zu. Dies« Verträge sollen nach den Untersuchungen des sogenannten Eltz-Ausschusies für die Reichsbahn überaus ungünstig gewesen sein. Oer Toie auf den Schienen. Die Untersuchung in Guben. Der rälselhosle Tod des gestern früh aus den Gleisen bei Guben tot aufgefundenen SSjährigen Dr. S. R. P i n k u s aus der Freisinger Straße in Schöneberg ist trotz aller De- mühungen der Polizeibehörden noch völlig ungeklärt. Di« für heute vormittag angesetzte Obduktion wird erst am Nachmittag stattfinden, da man zunächst das Eintreffen des Berliner Kriminalkommissars D r ä g e r von der Landeskriminalpolizei ab- warten wollt«. Bisher sind die Ermittlungen noch nicht weiter vorgeschritten. Die Untersuchung ist besonders dadurch sehr er- schwert, weil niemand weiß, welchen Zug Dr. Pinkus in der Nacht zum Montag benutzt hat. Di« aus Schlesien in Richtung Berlin fahrenden Züge sind gerade zum Wochenend« und auch in der Nacht zum Montag regelmäßig sehr stark besetzt. Bisher hat sich kein Zeuge, der irgendwelche Wahrnehmungen machen konnte, gemeldet. Auch über den Verbleib des Gepäcks konnte bisher nichts ermittelt werden. Es wäre dringend notwendig, das Begleitpersonal aller in Frage kommenden Züge üb«r ihre etwaigen Beobachtun- gen in der fraglichen Nacht zu hören. Durch di« Reichsbahn sind in dieser Beziehung bereits die notwendigen Schritte eingeleitet worden. Aus diesem Grunde sind bereits die wagen mehrerer Züge genau untersucht worden, doch ist nirgend» die Spur eine» lieber- falls oder eines Kampfes zwischen dem Täter und seinem Opfer gesunden. Andererseits wird erneut vermutet, daß Dr. Pinkus, desien finanziell« Lage nicht besonders gut war. Selbstmord verübt hat. Doch wird di« genaue weitere Untersuchung, die in Guben im Verein mit den Berliner Beamten gefühtt wird, hoffentlich bald eine Klärung des mysteriösen Falles bringen. B-rantwortlich für die Redaktion: Franz ttlSH», Berlin: Berlin. Verlag: Vorwärt, Verlag«. in. d. H.. Berlin. Druck: iZorwärt» Bück- druckeret und Verlagsansialt Paul Einger& Co.. Berlin SM 68, Lindcnftrak- 3. Pietz» 1 Beilage. Vnzeiaen: T>.»locke. Druck: Vor»-- �- Sornrner-Garten-Theater Berliner Prater N58, Käst- Allee 7-9. Tel. Hb. 2246 Oastsptcl Bosiel Beer. Bietel Lilien in der Operette ersten Liebe said'oe zeit" Operette in 3 Akten(30 Mitwjrk.) Ferner:„Er ist dodl der Paed".( Burleske inl Akt mit Gustel Beer, große Grete! Lilien. Daru der neue VartetdieU. Anfang Konzert 4.30. Burleske u. Variet« 8 USr. Operette 0.30. ledee Donnerstag grober Velkstig. Rose- { Theater, Grobe Frankfurter Str. 132, T(glich 0.15 Uhr Gartenbohne iagUdii 5,30 Uhr: Konzert und banter Teil | 8,15 Uhr: DIB siLSU Berliner II Ut-Trla NaukSila. W Utaotr. 74/711 SCAtlV 8 Uhr B 5. Barbarossa 9256 O'Hanlon& zambunl und die weUerea aitraWlonen PLAZA Am»»»"">«»*UtM 01,,. 1068—88 Tägl.5u.815: Intern. Variete Vorverkaut stets für die laufende Woche inkl. Sonntag 1 ete 1 die I LustspieihODS Tägl. 81/» Uhr Arm wie eine Kirchenmaus Skidelskv, Flink Beriscn u. a. Rundfunkhörer Preise. Otsdi. Künstler-H. Täglich SV. Uhr: Polnische Wirtschaft WM Theater Beriiaer Theater D.I. Norden 12310 Ende gegen II Die Fledeivm tusikv.Joh. Strauß. Regie: Max Reinhardt lusik. Einrichtung E. W. Korngold. Die Komödie II Bismck.2414/7516 l'h, Ende geg. lOt/iU. ter Mann, der sei Hamen änderte 3 Akte ron Edgar Wala iegie; HeinzHilpert DirektHeinz Herald Charlottenstraße 90 A.7. Dönhoff 170 8.15 U. Ende 10"i ü. Reporter (The Front Page) Ein Stück in 3 Akten von Ben Hecht und Charles Mac Arthur Regie: HeinzHilpert BanmwskHDboes Theater in der KOniggritzar Straß, Täglich 8V« Uhr Rivalen Komttdlanhau, Täglich 8V. Uhr CharleysTufe ■tt Cairt Bois. Metropol-TD. Festspiele 1929 Tägl. 8V« Uhr Blaubail Operette von Offenbach lilke Dorseh Leo Slezik Planelariom am Zoo VerUag. JantiaithaarShal: B. 5. Barbarossa 5578 16 bis 19 Uhr Blld,r- ausatalluiig 19 bis 19Vj Uhr Oer AkandhiamM 20V« Uhr Das WaftaR inUcMWU Winfer ★ Garrem Kleines Theater Täglich 8V* Uhr uu ideibtrt in NaJHtrtrodieB? neat.am KoitD.Tor Kottb.Str.6 TägUSUhr EiltC- sanger DI« lool- StBUtlon: .tckritd Wsmaelesr L-]uergens Alexandcrplats Nene Königstr. dSeflagc Dienstage 25. Juni 1929 SprAbpnD Beerdigungsschwindel in USA. Eine duftige Blüte amerikanischer Geschäftshuberei/ Von H. Hesse, New York Amerika ist das kapitalistisch fortgeschrittenst�— und kulturell zurückgebliebenste Land. Der erfolgreiche Gesä)östshubcr ist oll- gemein das Ideal, und sein Reichtum verschafft ihm Ansehen, Ehre und Bewunderung, ganz gleich, auf welche Weise er sein Vermögen erworben. Nie heiligt im modernen Leben der Zweck die Mittel mehr, als beim Gelderwerb in Amerika. Der Geschäftshuber schreckt vor keiner Gemeinheit zurück. Alles und jedes betrachtet er nur aus dem einen Gesichtswinkel: wie läßt sich Geld daraus machen? Frohe und traurige Familienereignisse, Geburt und Tod— alle müssen herhalten, dem Geschäftshuber den Beutel zu füllen. Zu einer Goldgrube hat sich in New Jork das Geschäft des Leichenbestatters entwickelt. Der Tote braucht nichts mehr — also nehmen die Begräbnishabicht« einfach alles, was sie nur kriegen können. Särge, die im Großhandel 25 bis 30 Dollar kosten, werden dem Publikum mit 200 bis 300 Dollar in Rechnung gestellt. Im gleichen Berhältnis, möglichst zum zehnfachen Preise, werden Kleider, Blumen und alle Beerdigungsartikel berechnet. Ein Auto kann man sonst für fünf Dollar die Stunde mieten— bei der Beerdigung kostet«in Auto in gleicher Ausstattung 15 bis 20 Dollar. Ja, die Sterbeurkunde, die umsonst ausgestellt wird, wurde in manchen Fällen mit zehn Dollar berechnet. So ist es denn kein Wunder, wenn man die jährlichen Beerdigungskosten in de? Stadt New Pork aus 15 Millionen Dollar schätzt. Leidtragende sind gewöhnlich nicht in der Stimmung, zu rechnen und um Preise zu feilschen. Bielmehr hat der gesetzliche Räuber leichtes Spiel, den Wohltäter zu markieren, der den Hinterbliebenen olle Bürden abnimmt, die ihnen in den Tagen des Kummers be- sonders lästig, sind. Sie brauchen nur den vom Leichenbestatter auf- gestellten Vertrag zu unterschreiben, und der Edle besorgt alles, olles. Die Trauernden brauchen sich um nichts zu bekümmern. Doch wenn sie die Fassung wiedergewinnen, gehen ihnen die Augen erneut über, wenn sie sehen, wie unverschämt sie gerupft wurden, Fürsorgliche Familienväter nehmen eine Lebensversicherung, um im schlimmsten Falle ihre Lieben nicht ganz mittellos zurück- zulassen. Jahr« und Jahrzehnt« spart sich die Familie die Prämien am Munde ab. Und tritt dann der Ernstfall ein, so ist es nur zu oft der Beerdigungsschwindler, der die Beute an sich zu bringen weiß, sodaß die Familie leer ausgeht. Di« skandalösen Zustände sind so weit gediehen, daß die Versicherungsgesellschasten sich genötigt sehen, sich mit diesen Gaunereien zu befassen, da der eigentliche Zweck der Versicherung— den Hinterbliebenen«inen Notpsennig zu bieten— nur zu oft völlig ins Wasser fällt. Sie führten unter anderem die Bestimmung«in, daß im Gegensatz zu früher keine Ansprüche von Leichenbestatiern an Vcrsicherungs- .Policen bis zu tausend Dollar anerkannt werden. Früher brauchten die Leichenbestatter nur die Police oorzuzesgen, um die Beerdigungs- kosten zu erheben. Einige Fälle mögen die Praktiken in ihrer ganzen Verwerflichkeit veranschaulichen. Der Fall des Arbeiters Solucci. Eines Tages wurde der Arbeiter Colucci von einem Kraft- lastwagen zu Tode gequetscht. Er verdiente nur 24 Dollar die Woch«� und besaß Frau und vier Kinder. Frau Colucci half die Familie durchbringen, indem sie durch Anfertigung künstlicher Blumen in guten Zeiten füns bis sechs Dollar wöchentlich verdiente. Ihre Ersparnisse hatten sie sich während ihres ganzen Chelebens abgedarbt. Die Hiobsbotschaft wurde Frau Colucci von einem m e n s ch e n- freundlichen Nachbarn überbracht, der anregte, sie möge die Beerdigung durch einen ihm bekannten Leichenbestatter besorgen lassen. Frau Colucci willigte ein, und der Ehrenmann stellt« sich selbst vor. Er versprach, alles besorgen zu wellen. Da er jedoch selbst ein armer Schlucker wäre, benötigte er etwas Geld oder irgendeine Sicherheit. \ Die Familienersparnisse betnigen achthundert Dollar ind befanden sich in der Sparkasse. Frau Colucci holte das Such hervor und versprach, sie würde am nächsten Morgen einiges Zeld abheben. Allein das war gar nicht nötig, erklärte der Leichen- estatter. Da das Buch auf ihren Namen lautete, könnt« er dz mitnehmen und seinem Lieferanten zeigen, von dem er den Darg und andere Artikel beziehen würde, und er würde gern ein Dar Tage aus das Geld warten. Wenn sie ihm also das Buch »ncerlassen wollte---- ■ Auch mußte sie ihm ein Schriftstück unterzeichne», das ihn be- rechtigte, den Leichnam ihres Mannes aus dem Hospital zu holen. Zwei Tage später wurde der Arbeiter beerdigt. Eine ganze Woche dachte Frau Colucci in ihrem Kummer nicht an das Spar- kassenbuch. Erst als die Miete fällig war, suchte sie den Leichen- bestalter auf, um das Buch zu holen. Das Guthaben betrug nur noch fünfzig Dollar. Für den Rest von 746 Dollar erhielt sie eine quittiert« Rechnung. Der sindige Leichenbestatter hatte über der Unterschrift der Frau deit Zahlungsauftrag eingefügt und. den Betrag von der Kasse ob- gehoben. Die einfache Frau war mit den Gesetzen nicht bewandert und ließ sich von der Versicherung des Leichenbestatters beschwichtigen, er b efönde sich in seinem vollen Recht. Die arme Witwe fuhr sort, Blunnen anzufertigen, und machte die größten Anstrengungen, sich und die Kinder durchzubringen. Es gelang ihr jedoch nicht, sodaß schließlich eine W o h l tä t i g k e i t s g« s e l l s ch a f t eingreifen mußt!? Als diese erfuhr, wie die Witwe um ihre Ersparnisse be- schwindelt worden war. gelang es der Gesellschaft, mit der Drohung einer Strafanzeige die Hälfte der Summe zurückzuerhalten. ft£s ist in Amerika üblich, für alles Mögliche Provision zu ver- lanoen So ist es auch ziemlich sicher, daß der Nachbar dem "eischenbcstatter g« g e n P r o v i s i o n den Fall zuschusterte, sich auf jsoen Fall nichts dabei dachte, der armen Witwe dieses Geld zweck- los aus der Tasche zu jagen. ilOOO 5 Lebensversicherung- 74* Schulden. Ein anderer Fall betras einen Straßenbahner, der bei einem Unglück das Leben verlor. Sein« ganze Hinterlassenschaft bestand in zwei Lebensversicherungen von je sünf- hundert Dollar, deren Prämienzahlungen die Familie auch mit größter Müh« durchgehalten hatte. Ein menschenfreundlicher Bestatter erfuhr von dem Vorhanden- sein dieser Versicherungen, als die betrübte Frau ihm ihr Vertrauen schenkte. So ließ er sich denn eine Blankovollmacht geben und be- sprach die Einzelheiten der Beerdigung. Er regt« an, daß der Tote «ingeNeidet werden solle. Auch sonst solle er so natürlich wie möglich aussehen. Ferner wollte er einige Palmen benutzen, die er gerade zur Hand hatte. All« diese harmlosen Vorschläge wurden natürlich ahnungslos gebilligt. Unter dem Vorwande, daß er von der Sterbeurkunde Abschriften besorgen müsse, brachte der Leichenbestatter die Versicherungs- Policen, dos einzige Besitztum der Familie, in feine Gewalt. Als die Witwe einige Tage noch der Beerdigung Geld brauchte, erkundigte sie sich nach der Police. Der Leichenbestatter erklärte, daß er sie zwecks Deckung seiner Rechnung eingezogen habe. Er wäre jedoch sehr erfreut,.sie zu sehen, denn er hoff«, sie würde es baldigst ermöglichen können, die 74 Dollar zu beschaffen, die sie ihm noch schulde, denn seine Rechnung betrüge 1074 Dollar. Die Summe ergab sich unter anderem aus 450 Dollar für den Sarg, 150 Dollar für 5 Autos zum kirchhos, 30 Dollar Leihgebühr für Palmen. 50 Dollar für einen Anzug, den man dem loten angezogen. Der Schwindler hatte jedoch nicht mit dem Umstände gerechnet, daß es sich um einen Unfall handelte. Bei der Untersuchung durch die Unfallversicherung kam auch die Beerdigung aufs Tapet und es stellte sich unter anderem die Gemeinheit heraus, daß der Leichenbestatter den mit 50 Dollar berechneten Anzug in einem Altloden für ganz« sünf Dollar gekauft hatte! Der Verstorben« sollte ,.so natürlich wie möglich� aussehen. Das klingt dem gesunden Menschenverstand sehr vernünftig. Der sindige Geschäftshuber aber faßt diesen Auftrag nicht so auf, als solle der Tote eben einem Toten ähnlich sehen, sondern macht mancherlei Mätzchen und Kinkerlitzchen, nur um eine lange Rechnung aufstellen zu können. Da werden auch dem Urgroßvater noch Löckchen ge- b rannt, das Gesicht wird geschminkt. Lippen werden un- natürlich rot angemalt, ärger als die verrückteste Modepuppe es tut. Mit rosigen Wangen liegt schließlich der alte Großvater im Sarge, als ginge er als junger Bursche aus den Ball! Die Witwe Ehester klagt. Handelt es sich um vermögende Leute, so fällt der Fischzug natürlich noch viel reicher aus So unternahm die Witwe des Schrift st ellers Ehester gerichtliche Schritt«, um von den Beerdigungskosten im Betrage von 7072,17 Dollar nicht weniger als 6543 Dollar wegen Ueberforderung zurückzuverlangen, und zwar von der handelsgerichtlich eingetragenen Beerdigungskirche Frank Camp bei l. Ehester starb plötzlich, und schon wenige Stunden später hatte die Firma das Glück, den Fall für sich zu ergattern. Der Tote wurde in das Institut am Broadway geschafft, wo Frau Ehester «inen Sarg aussuchte, ohne nach dem Preise zu fragen. Als sie später erfuhr, daß der Preis nicht weniger als 6500 Dollar betrug. beeilte sie sich, diese Bestellung rückgängig zu machen, um einen weniger kostspieligen Sarg zu nehmen. Ein Vertreter der Firma aber redet« ihr diesen Entschluß aus, da das Gesetz verböte, eine Leiche von einem Sorge in einen anderen zu überführen. Noch vor der Beerdigung erschien ein Kreditvertreter der Firma und verlangte Sicherheit, daß die Kosten bezahlt würden, und ließ sich von einer Versicherungspolice über 25 000 Dollar 8000 Dollar überschreiben. Die spezifizierte Rechnung kam einige Tage später. und betrüg nur 27,83 Dollar weniger als die Garantiesumme von 8000 Dollar. Kurz darauf übergab Frau Ehester die Sache dem Gericht. Ihr« Anwälte konnten die berechtigte Forderung nur auf eine weit geringere Sumn� bezisfern. Es stellte sich zum Beispiel heraus, daß der mit 6500 Dollar berechnete Sarg im Großhandel nur 1100 bis 1200 Dollar kostete. Die Firma suchte die Sache zu verschleppen, doch erhielt die Klägerin zunächst das Recht zugesprochen, aus den Geschäftsbüchern die wirklichen Auslagen der Firma für die«in- zelnen Posten der Rechnung festzustellen. Außer dem Sarge von 6500 Dollar wurden gefordert: für Einbalsamieren 100 Dollar. Einsargen 25 Dollar. Leichenwagen 25 Dollar. 6 vahrluchlräger 60 Dollar, Palmen 60 Dollar, houorar für den Beslattungsdirektor nebst Assistenten 35 Dollar, allgemeine Dienstleistungen 250 Dollar. rote Rosen 100 Dollar. Seidengewand 300 Dollar. Damit war die Firma jedoch die Petersilie verhagelt, und anstatt ihre Praktiken vor Gericht erörtert zu sehen zog sie es vor, sich güt- lich zu einigen und einen Teil des Raubes herauszugeben. Es ist in diesem Gewerbe allgemein üblich, die Kostenrechnung so aufzustellen, daß von der Police oder der Sicherheit nur eine Bagatelle oder gar nichts übrig bleibt. Von Sachverständigen wird geschätzt, daß ein Drittel bis zur Hälfte der Beerdigungskosten ein- fach übervorteiltes Geld,„Tunke" darstellen, mit der diese Geier den an sich schon fetten Happen übergießen. Bei den 15 Millionen Dollar, die New Park alljährlich für die Beerdigung seiner Toten aufwendet, bedeutet dies einen ganze ansehnlichen Betrog. So bildet denn die New-Porker Beerdigungsindustrie«ine sehr duftige Blüte an dem sehr duftigen Baume der amerikanischen Geschäftshuberei. 1 UnzuSängiieher Kindersehutz Wir vcröffrntlichcn diesen beachtenswerten Beitrag, ohne uns dem Vorschlag in dieser Form anzuschließen. Der Ausschuß hat, wie der Berichterstatter, Gen. Dr. Landsberg, ihm empfohlen hat, den§ 265 in der Fassung der Regierung?- vorläge angenommen. Sollt« damit die endgültige Regelung sest- gelegt sein, so würde der schweren Not vieler gequälter Kinder keine Abhilfe zuteil werden. Es ist darum dringend zu wünschen, daß unsere Genossen im Reichstag die Frage noch«in- mal ernsthaft erwägen, um eine bessere Fassung zustande zu bringen. Wie schon die Genossin Pflllf hervorhob, beschränkt sich die Vorlag« auf körperliche Mißhandlung, während doch jedermann weiß, daß durch seelische Quälerei oft weit schwerere Pein des Kindes herbeigesührt wird. Denken wir an böswillige Angst- erregung, an die übermäßigen und sinnlosen Arbeiten, die bei den bösen Stiefmüttern des Märchens eine so große Rolle spielen, an den ost genannten Fall des Vaters, der seinem gequälten Jungen die einzige Freude nahm, indem er sein leidenschaftlich geliebtes Kaninchen tötete und das arm« Kind zwang, mit dem toten Tierchen zusammen zu schlafen. Solche Fälle sind, wenn nicht gerade eine körperliche Schädigung durch Nerven, Zerrüttung nachweisbor ist, heut« straflos und bleiben straflos, wenn die Vorlage, wie sie ist, Gesetz wird. Ferner beschränkt der Entwurf die Strasbarkeit nach 8 265(wo dieser nicht gilt, bleibt es bei den allgemeinen milderen Strafen für Körperverletzung) auf die Fälle, in denen das Kind bzw. der wegen Gebrechlichkeit oder Krankheit Wehrlose der Fürsorge oder Obhut des Tätes untersteht, oder seinem Hausstand angehört oder von dem Fürsorgeberechtigten seiner Gewalt überlassen worden ist. Ein ausreichender Grund zu dieser Einschränkung ist nicht einzu- sehen. Mag es, rein sittlich betrachtet, das Verhalten des Täters erschweren, wenn er dabei sich noch einer besonderen Pflichtverletzung schuldig macht: sür das Kind macht es keinen Unterschied, ob«in Elternteil oder ein böswilliger Entführer, vielleicht ein Sadist, der das Kind verlockt hat, oder«in Räuber, der es verstümmelt, um es zum Betteln zu mißbrauchen, der Täter ist. Gewiß wird dann nicht selten der Fall der schweren Körperverletzung, die auch höher bestrast wird, vorliegen. Aber notwendig ist das nicht. Unter allen Umständen verdienen solche Taten, sür die auch eine Höchst- grenze von fünf Jahren Zuchthaus viel zu mild erscheint, die schärfst« Ahndung. Gewiß ist mir bekannt, daß auch in solchen Fällen oft sehr viel aus Rechnung der sozialen Umstände entfällt, und daß Strafen allein nie ausreichen, um weit verbreitete Uebelstände zu über- winden. Aber, solange die Zeit noch nicht da ist, in der eine ver- nünstig« Gesellschaftsordnung, soziale Erziehung und planmäßige Zeugungsauslese den Quell des Verbrechens verstopft haben, solange wird es noch nicht möglich fein, auf das Mittel der Strafe zu verzichten. Und nirgends wird ihr« Anwendung mehr gerechtfertigt sein, als wo es gilt, die wehrlosesten Opfer fremder Grausamkeit zu schützen. Ein Mangel ist auch die Beschränkung aus böswillige Vernachlässigung. Erstens ist die Böswilligkeit in den meisten, auch den schwersten Fällen fast nie nachweisbar. Und zweitens macht es für das Kind keinen Unterschied, ob es aus Böswilligkeit, aus Liederlichkeit oder sonstigen Beweggründen in Schmutz und eitriger Jauche verkommen muß. Es wäre überhaupt geboten, die Menschlichkeit im Strafrecht nicht zu einseitig dem Verbrecher zuzuwenden. Mehr noch als er verdienen die schuldlosen und be- dauernswerten Opfer des Verbrechens Mitgefühl und wirksamen Schutz. So komme ich dazu, folgende Fassung, in der die verschiedenen Gesichtspunkte berücksichtigt sind, zur Annahme zu empfehlen: „Wer Kinder, Jugendliche oder wegen Gebrechlichkeit oder Krankheit Wehrlose, die seiner Fürsorge oder Obhut unterstehen oder seinem Hausstand angehören oder sich in seiner Gewalt befinden, quält oder roh mißhandelt oder ihnen durch gröbliche Vernachlässigung seiner Sorgenpslicht körperlichen oder seelischen Schaden zufügt, wird mit Gefängnis nicht unter drei Monaten bestraft. In besonders schweren Fällen ist die Strafe Zuchthaus." Daneben ober sind noch zwei wichtige Punkte zu beachten, ohne deren sachgemäße Erledigung auch der beste gesetzliche Kinderschutz aus dem Papier stehen bleibt. Bei der Verhandlung der meisten Kindermißhandlungen zeigt es sich, daß die Nachbarn schon lange davon gewußt, aber aus Angst vor einem Rohling oder vor Polizei- scherereien feig geschwiegen haben. Seit 25 Jahren habe ich mich bemüht, um das auszugleichen, die Organe der Arbeiterbewegung zur Mitwirkung aus diesem Gebiet zu gewinnen. Leider vergeben». So muß auch hier das Mittel der Strasdrohung wirken. Man muß die Strafe, die aus unterlassene Anzeige eines gemein- gefährlichen Verbrechens steht(8 139 des Entwurfs), auch auf diese Fälle ausdehnen. Etwa so:„Dasselbe gilt, wenn im Falle des Z 265 rechtzeitige Anzeige bei der Behörde oder einer von dieser zur Annahme zugelassenen Stelle unterblieben ist." Schließlich und vor allem bedarf es aber noch einer Aenderung der Rechtspflege, um die neue Regelung wirksam zu machen. Wer diese Dinge verfolgt hat, der weiß auch, welche unangebrachte. oft unverantwortliche Milde, weit über die Nachsicht des Gesetzes hinaus, die Gerichte meist walten lassen. Wenn e� auch nicht mehr ganz so schlimm ist wie früher, wo es manchmal billiger war, ein Kind langsam zu Tode zu martern, als etwa einem Landrat oder Gendarmen eine unangenehme Wahrheit zu sagen, so fehlt doch noch viel zu der Einsicht und dem Ernst, die von der Rechtsprechung gerade in solchen schweren Fällen zu fordern sind. Allzu sehr gilt bei unserem Durchschnittsrichter noch der Schutz der„Autorität", liege sie auch in den unwürdigsten Händen. Unendliche Erfahrung hat gezeigt, daß unsere Gerichte im allgemeinen zur Aburteilung dieser Schandtaten ungeeignet sind. Darum gilt es, ein anderes Gericht zu suchen, das durch seine Zusammensetzung und sein bis- heriges Wirken weit eher das Vertrauen verdient, daß es hier richtig verfahren werde. Ich meine das Jugendgericht. Bisher nur zuständig sür das Verfahren gegen Jugendliche, mach« man es auch da zuständig, wo ein Kind, ein Jugendlicher oder ein« ihnen in z 265 gleichgestellt« Person als Verletzt« in Frage kommen. Die Unzulänglichkeit des Bestehenden, die Wichtigkeit des ge- schädigten Rechtsguts rechtfertigen diese Abweichung von der Regel Suaoa Katzenstein. Copyright by Orell FBBIi, Zürich (3. Fortsetzung.) Ein einziger Mensch im Dorfe sagt« immer noch weiter:.Lraut hm nicht!" und er begnügte sich nicht damit, es bloß zu sagen: je mehr sich die anderen einnehmen ließen, um so eindringlicher sprach er. Man hi«lt zwar diesen Luc für oerstört: bald erschien ihm die heilige Jungfrau, bald einer der Heiligen oder Jesus selbst. (?r hatte studiert, um Pfarrer, dann, um Notar zu werden. Er war niemals weder Pfarrer noch Notar gewesen: niemand wußte, daß er je einen Beruf getrieben hatte. Er lebte bei einer Schwester, die ihn aufgenommen hatte: ohne sie wäre er Hungers zugrunde gegangen. Er verbrachte feine Zeit damit, daß er in dicken Büchern las. oder durch das Dorf schlenderte, vor den Leuten stille stand, um, wie er zu jagen pflegte, in ihnen„die Ehrfurcht vor den heiligen Geboten" wachzurufen: ein mächtiger, zerzauster Bart schaut« unter dem steifen, städtischen Hut hervor, der, ganz zei�heult, tief über den Ohren saß. Er trug einen langen, ausgefransten Gehrock. Die Dorfbuben warfen Steine hinter ihm her. Man sah dann, wie er stehen blieb und sich umdrehte und die Faust erhob. Er war einer jener Menschen, wie man deren viele sieht. Sie hoben sich, da sie sich im Leben nicht zurechtfanden, in die Ein- bildung hinübergerettet, und aus ihr heraus kommen sie zu uns, mit dunklen Reden und wilden Gebärden. Aber sie tun niemand etwas zuleide: sie sind zu weit von allem Irdischen entfernt. Sie erregen zu guter Letzt auch kein Aufsehen mehr. Sie taugen zu nichts Rechtem, als daß man über sie lacht. Aus diesem Grunde wird man es verstehen, daß die Leute, als Luc sich über Branchu ereiferte, mit den Schultern zuckten: man gab ihm den Rat, sich zum Teufel zu scheren und dort Spektakel zu machen. Aber er schrie nur noch lauter. Nun aber war im Dorf noch ein anderer Schuhmacher:«r hieß Jacques Musy. Ein armer Teufel, der immer krank war, und sein Aussehen war nicht das beste. Seine Wangen waren hohl, sehr mager, und er ging vornüber gebeugt. Häufig blieb seine Werkstatt mehrere Tage nacheinander geschlossen, weil er nicht arbeiten konnte. Er ließ oft mit der Erledigung von Aufträgen auf sich warten; wenn es ihm dennoch nicht an Arbeit fehlte, so war es, weil man Mitleid mit ihm hatte. Aber das Mitleid ist bei den Menschen ein Sonntags- gefühl: es ist wie jene schönen Kleider, die man nicht alle Tage anzieht. � Da man nun wußte, daß Branchu so vortrefflich und so billig arbeitete, wurde Jacques auf die Seite geschoben. Was nützte es da viel, daß er feine Werkstatt nicht mehr verließ und von morgens bis abends nicht mehr von seinem Schuftersessel aufstand? Er sah bald, was ihm drohte: niemand kam mehr zu ihm. Er sah zum Fenster hinaus, schaute auf dein Vorplatz den kleinen Mädchen zu, wie sie Himmel und Hölle spielten, und mit den Füßen einen flachen Kiesel durch die Nierecke treiben, die man mir einem Stecken in den Erdboden gekratzt hatte. Eine Stunde verstrich noch der anderen. Kein einziges Paar Schuhe ward mehr auf dem Fuß- boden niedergestellt, wo er sie schön geflickt immer hingesetzt hatte. Er geduldete sich 14 Tage, drei Wochen: man begann sich zu fragen, wovon er leben mochte. Eines schönen Morgens blieb feine Werkstatt geschloffen. Zweifellos war er krank: man beunruhigte sich keineswegs. Zwei oder drei Tage vergingen unterdessen so. Und es war ein Zufall, daß«ine Nachbarin ihn entdeckte, am vierten Tage, wenn ich recht vermute; er roch bereits und sein Gesicht war ganz schwarz. Die Leute erzählten sich, was sich zugetragen und wie man ihn gefunden hatte: hstiter der Tür hatte er sich an einem Stück Pechdraht gehenkt. Man läutete für ihn die Glocken nicht. In der Frisdhofecke wurde er begraben. Und schon war er vergessen: und das Ereignis selbst wäre schnell vergessen gewesen,— denn es kommt hierzulande häufig genug vor, daß sich einer aufhängt— hätte Luc diesen Anlaß nicht als Vorwand ergriffen. Er schrie lauter, mit größerem Selbst- bewußtsein: „Seht ihr nun!" Man fragte: „Was soll man sehen?" „Ob ich recht oder unrecht gehabt hatte, daß ihr ihm nicht trauen sollt. Schon ist Jacques Musy tot." „Jacques Musy, was will das weiter besagen? Was des einen Glück, ist des anderen Unglück. So war es immer; so wird es immer sein." Das ist die Kunst, sich mit dem Geschehenen abzufinden und vielleicht steckt viel Weisheit darin. Luc indessen rief nicht minder laut und warnte und schüttelte bedeutungsvoll seinen Kopf, wie er «einer Wege weiter schritt. 2. Kapitel. Allerdings stellten sich die Zeichen erst viel später ein, gut drei oder vier Monate später, als sich Branchu im Dorfe niedergelassen hatte. Es war eines Morgens im Oktober, als Baptiste, der Jäger, einen Hasen schoß, und sein Gewehr ging ihm in den Händen los. Man legte ihn auf einem Reisigbündel vor seinem eigenen Hause zurecht. Die Frauen liefen nach einem Waschbecken: im Nu war das Wasser rot. Und er, der doch kräftig war, bekam, wie er sein Blut fließen sah, auf der Zunge einen schalen Geschmack.„Mein Gott." riefen die Frauen,„ihm wird übel!" Dennoch setzte im Innern seines Körpers die Herzpumpe ihre Arbeit fort; sie sandte einen dünnen Strahl aus, den man nur mit einem guten dichten Spinngewebe zu stillen vermochte. Drei Tage später fiel«in gewisser Mudry, ein Vetter von Baptiste, eine 100 Meter hohe Wand hinunter und zerspellte den Schädel. Die kleine Luise, das Tochterchen des Sigrists, bekam die Hals« 'raune. Zwei Tiere standen in derselben Nacht um. im selben Stalle. Ein neuer Stadel brannte ab. f Aber all dies waren nur äußer« Geschehnisse. Es mochten, wie man es zu nennen pflegt, zufällige Zusammentreffen gewesen sein, aber das Sprichwort sagt: ein Unglück kommt nie ollein. Das Bs- unruhigendste war, was sich im Innern der Leute begab: ihre Art ändert« sich auf einmal, und nicht so, wie man es für menschen- möglich gehalten hätte. Da war zum Beispiel Herr Tr«nte-et-Quarante, der ein Kind von einer anderen Frau als der feinigen hatte. Wie dessen Unter- halt ihm zu teuer zu stehen kam— er liebte jene Frau nicht mehr—, da steckte er eines Abends die Kleine, als sie schlief und die Mutter an den Brunnen Wasser holen gegangen war, in einen Sack, den er zuband, ging mit ihm schnurstracks in den Talboden hinab, wo er ihn in den Fluß warf, der da vorbeifloß. Er hatte«inen dicken Stein in das Bündel geschnürt: man sah in kürzester Frist nichts mehr. Da war auch diese Nachtbubcnschlacht: eines Nachts gegen Ende der Weinernte kamen sie in einem Trupp ins Dorf; es ist wahr, sie hatten ein wenig getrunken, und der neue Wein ist gefährlich. Wie man sich nachher erzählte, war der Streit um eines Mädchens willen begonnen worden; einer von ihnen hatte sich oer- schworen, sie sei ihm zu Willen- gewesen. Worum denn rllhintc er sich dessen? Gewiß, man kann sich mit jemand necken, aber man muß auch wissen, wann es genug ist, damit der Scherz nicht übel ende; dieser Joseph tat gerade das Gegenteil. Und der andere, der wirkliche Liebhaber, der Jean hieß, konnte sich nicht mehr halten; er sagt« zu Joseph: „Schweig! oder..." „Oder?..." hatte Joseph gefragt. Sie waren ungefähr 15 Burschen, und es war vollständig dunkel; und es begab sich ganz oben vor der letzten steilen Abkürzung bei der langen Straßenkehre: das heißt also, nur wenige Schritte vom Dorf entfernt. Die beiden Stimmen hatten plötzlich in die stille Nacht gegellt. Einer hatte sich auf den anderen geworfen. Und statt sie zu trennen, wie man es sonst immer tut, hatten sich die anderen sofort in zwei feindliche Parteien gespalten, die die zwei gegeneinander aufhetzten:„Hau zu Joseph!" und„Wehr dich, Jean!" Diese freilich brauchten nicht ausdrücklich angefeuert zu werden, weil ein« gleich starke Wut ihr Mark erregt hatte. Dreiiyal hatten sie sich erhoben, dreimal waren sie wieder hinge- fallen; ein spärlicher Mond drang hinter den Wolken hervor. Mond, du bist Zeuge: es ist abends auf der Straße, es ist Weinernte und man hat auch viel getrunken; das erklärt ober noch lange nicht, warum sie sich, einer auf dem anderen liegend, umklammert halten und warum der ober« dem unten Liegenden die Faust ins Gesicht schlägt. Und nun? Versteht man das eher? Nun hauen nicht mehr bloß die zwei aufeinander los: alle, die da sind, haben mit ein- gegriffen. Rauhe Schreie erheben sich, man öffnet die Fenster. Die Männer treten mit Laternen hinaus: sie sagen:„Was gibt's denn?" Und wie sie sehen, was der Mond erhellt:„Mein Gott, mein Gott!" Auch die Frauen haben die Häuser verlassen, sogar die Kinder im bloßen Hemd, obwohl die Nacht klar ist und der Nordwind bläst. Di« Mutigsten hatten sich, einige mit Stöcken bewaffnet, heran- geschlichen. Aber umsonst versuchten sie zu schlichten. Man muß abwarten, daß die Schlacht von selber und aus Mangel an Kämpfern zu Ende kommt. Vier der Burschen blieben auf der Straße liegen. Am anderen Morgen war das Blut noch nicht trocken, das in Lachen herumlag. Für eine gut« Weil« blieb eine braune Kruste am Straßenrand kleben, die der Wind nach und nach abblätterte und wegtrug. Jean mußte das Bett sechs Wochen hüten. Auch verwunderten sich alle, weil er, der im Recht war, das ganze Unglück tragen mußte und Joseph nichts. Ein Kiefer war ihm zerschlagen, die Stirn ge- spalten, ein Bein verquetscht, am ganzen Körper Wunden. Ein schweres Fieber ergriff ihn, man mußte bei ihm wachen, der Arzt sprach zuerst von einem Schädelbruch, und man fürchtete geraume Zeit, er würde es nicht überstehen. Indessen stolzierte Joseph durch das Dorf und prahlt«:„Er kennt mich jetzt; er wird sich nicht mehr mit mir messen." Und er lachte und brüstete sich. Und was geschehen mußte, geschah: er nahm Jean sein Mädchen weg, obwohl er keineswegs daran gedacht hatte. Sie kam eines Tages selber, legte den Arm um seinen Hals und kirrte ihn:„Ich Hab' dich lieb; du bist der Stärkste." Es gab keine Gerechtigkeit mehr: sie schien das Land verlassen zu haben: das sah man im Haushalt von Clinche, der früher ein rechtlicher und sanfter Mensch gewesen war, und seine Frau war eine tüchtige Frau und seine Kinder liebe, folgsame Kinder. Mit einem Male wechselte er die Laune, und so oft er heim kam, erging er sich in harten Worten und Flüchen. Einmal war die Suppe zu heiß, einmal zu kalt. Dann war «in Geruch in der Küche, und der Geruch machte ihn husten. Dann wieder war der Haushalt nicht in Ordnung: war er aber in Ordnung, so warf er seiner Frau vor, sie verliere ihre Zeit damit. Auf alle erdenkliche Weise suchte er eine Ursache zum Zank. Die Schläge hingen schon in der Luft. Und sie kamen. Denn anfangs gab seine Frau keine Antwort. Eine folgsame Natur, im Gehorsam erstarrt, war sie nun be- fremdet, ihren Mann so verändert zu sehen: man weiß ja zur Ge- nüge, daß sich die Menschen wieder ändern, und sie fügt« sich in Geduld. Aber wie es keineswegs vorüberging und er im Gegenteil alle Tag« anmaßender und roher wurde, da sagte sie eines Tages, wie sie nicht mehr an sich halten konnte: „Wie kannst du alles vergessen, Jean? Erinnere dich, als du zu mir kamst: du sprachst damals nicht so hart, wenn deine Worte auch niemals zärtlich waren. Ich sagte damals zuerst nein. Aber dann hotte ich Mitleid mit dir, als du des Nachts unter mein Kammerfenster kamst und weintest... Und nun?... Jetzt- bist du's, der nichts mehr von mir will." Er gab zur Antwort:„Vergeud' die Zeit nicht! Pack diesen Besen, rat ich dir, und etwas schneller, sonst.. Er hob die Hand gegen sie. Di« Kinder begannen zu weinen. Die kHölle ist in diesem Haus. Man vernimmt den kleinen Henri, wie er seinen Vater anhält:„Vater, bitte, tu mir nichts! Vater, Vater, schlag' mich nicht!" und er windet sich auf den Knien in der Küche. Doch der steht und hört nichts, weil ihn der Zorn stumpf und blind macht: er schlägt auf den kleinen Henri los, wie er auf seine Frau eingedroschen hat, und das ganze Dorf weiß, warum und woher die Schreie kommen. Ein Windzug weht vorbei und ver- schlingt alles. Da sällt der Wind wieder, und die leise Stimme dringt von neuem aus dem Dunkel hervor, bis sie in einem langen Seufzer erstirbt, wie der Wind, wenn er sich zwischen zwei Balken verfangen hat.(Fortsetzung folgt.) WAS DER TAG BRINGT. «iMiiiniiiiimmiinttntuiiininimmtiinuiiiHfinuuuiiniinnDiimimunnnuuiiiiiunHiimiiiiiunmitiniunmtnniiimntniinininiiiiimiiiiiiiiiiHiiiiiHiiiiiiiiiiiintiniiiMiHiiiniiiiiiiiirD Telephon in allen amerikanischen Flugzeugen. Mochtige Radiostationen, die Luftlinien von 73 Mitglieder. Das waren für die damalige Zeit gewaltige Zahlen. Diesmal soll in Nürnberg das größte oller bisherigen Feste steigen, das auch die Frankfurter Olympiade 1923 an Teilnehmer- zahl weit überflügeln wird. Di« Feststadt ist schon in Erwartung der Gäste. In ollen deutschen Städten und Dörscrn machen die Arbeitcrsportlcr sich fertig für die Massenvorführungen, die spart- lichen Wetrkümpse und Sonderoorsühruugcn. Das neue Stadion iit Nürnberg wird zum erstenmal auf eine harte Probe gestellt, und die Feststadt wird alle Mühe haben, die herbeiströmende Mass« Volk unterzubringen und zu verproviantieren. Aber wir brauchen leine Sorg« zu haben, es ist alles bis ins kleinste vorbereitet, lind wir sind überzeugt, daß es klappt. Das eigentliche Fest erstreckt sich nur auf drei Tag-, vom Frei- tag, 19, bis Sonntag, 21. Juli. Aber bereits am Sonnabend, 13. Juli, beginnt nachmittags das Probeturnen der süddeutschen Kinder. Am Sonntag, 14. Juli, ist Vorfeier des Bundesfesles von morgens um 7 Uhr ab. Die Kinder veranstalten einen großen Fest- zug und Massenübungen, ferner finden Probewetturnen, leicht- athletische Probewettkämpse, Schwunnnvettkämpfe, Fußballspiele und Massenturnen der Kinder und Erwachsenen statt. All« Per- anstaltungcn, die beim chauptfcst steigen werden, können hier bereits im kleineren Maßstab ausprobiert werden.— Am Donnerstag, dem 18 Juli, findet während des ganzen Tages der Ansturm der Sonder- züge statt. Gleichzeitig beginnen an diesem Tag« das Tennisturnier und die Serie der Fußballspiele. Der Nürnberger Bezirk hält einen Spieltag der Kinder ob. Abends Huben die verschiedenen Ausschüsse ihre Beratungen. Am Freitag, 19. Juli, ist vormittags 10 Uhr die feierliche Fest- erösfnung im Raihoussaal. Nachmittags find verschieden« Vorführungen der Bundesschule im Apollo-Theater, und die Zug?nd hält ihre Hauptprobe zuin Jugendfestspiel in d«r Hauptkampfbahn ab. Abends sind Kundgebungen der Spielleute und gesellig« Zu- fammcnkünste der Kreise in verschiedenen Lokalen. Von morgen» ab beginnen gleichzeitig die Weltkämpfe der Turner, Leichtathleten, Schwimmer, Kunusahrer, Fuß- und Handballspieler.— Der Sonnabend bringt bereits die Vorproben zu den Massenübungen ab 7 Uhr früh. Nachmittags beginnen die Sonderoorführungen im Tanzring. Abends hat die Jugend ihren großen Tag. Sie zeigt das Festspiel:„Mach dich frei!" und veranstaltet nachdem einen Fackelzug durch die Stadt mit Schlußkundgebung auf dem Markt- plag.— Während des ganzen Tag«s finden die Wetttämpf« ihre Fortsetzung. Der Sonntag wird der hauptscsttag mit den zw«i Festzügen durch die Stadt nach dem Stadion, die den Vormittag in Anspruch nehmen. Nachmittags find alle Plätze des Stadions durch Vor- führungen belegt. Das Imposanteste dürften wohl wieder die Massenübungen der Männer und Frauen werden, die alle Schönheit der neuen Gymnastik demonstrieren werden. Anschließend zeigt di« Jugend Tanzvorführungen. Fußball und Handball haben ihr« Schlußwettkämpfe, und den Abschluß des Festes bildet eine große Kundgebung in der Hauptkampfbahn. Und dann folgt die Nochfeier: die vielen großen und kleinen Wanderungen, die alle Teilnehmer unternehmen zum Genuß der Naturfchönhoiten. Aber nun bedenkt: Wenn olles wirklich schön werden soll, dann muß jeder einzelne mithelfen! Zahlt di« Fahrgelder sofort, sendet die Meldungen ab. Seid pünktlich. Jede kleinste Bumm»lei stört das Fest! Werbt für zahlreich« Teil- nahm«, damit auch der 1. Kr«is mit Stolz auf seine Arlmt beim Fest zurückblicken kann. Heiitc Abend Rütt' Arena! Der am Freitagabend dem Negen zum Opfer gefallene Teil des Steherprogromins soll nun, wie bereits mitgeteilt, am Dienstagabend auf der Rütt-Are na nochgeholt werden. Das Programm Hot interessante Erweiterungen erfahren. So ist noch der St«ttlner Corpus hierzu verpflichtet worden. Im Preis vom Kr«uzb«rg, der über zweimal 20 Kilometer führt, wird der klein« angriffsfreudige Stettiner, der hinter seinem ständigen Schrittmacher Wiewerall fährt, den Berliner Koch ersetzen. In dem am Freitayabend so groß gefahrenen Saldow, dem Belgier Dewolf, der den Preis von Neukölln gewann und bei seinem Debüt als Sturzkappenfahrer überraschend stark fuhr, in Lewanow und Bauer erstehen dem kleinen Corpus sehr schwere Gegner, und man kann gespannt sein, ob er sich auf der Rütt-Areno ebenso gut aus der Affäre ziehen wird wie auf der Olympiobahn. Die um- rahmenden Fliegerrennen bestreiten sämtliche Berliner Amateure, mit den Deutschen Meistern Fliege! und Gangel, sowie den schnellen Joho-w und Schulz an der Spitz«. Das„Goldene Rad" von Berlin kommt am 30. Juni auf der Olympiobahn zur Entscheidung. Die Besetzung des erst- klassigen Rennens kann sich sehen lassen, wurden doch neben dem neuen französischen Stehermeister Paillord, der zum ersten Mate in diesem Jahre auf einer deutschen Bahn startet, Möller, Sawall, Thollembeek und Maronnier zur Teilnahme verpflichtet._ Der klassenbewußte Kurfürstendamm! Darauf war ich im Westen Berlins nicht gefaßt: Sitze ich da in einem vornehmen Cafe am Kurfürstendomm, da geht«ine moskowitisch aussehende Jungfrau im Abendkleid vorbei, drückt allen Herumsitzenden etwas verstohlen einen Zettel in die Hand, und mit einem„Bitte weitergeben" verduftet sie. Ich komm- nach etwa einer Stunde ins„Romanische Cafe" und erleb« das gleiche: sehe auch überall aus dem Fußboden die Zettel herumliegen Ich lese: „An die Arbeiter Groß-Berlins!"(Die wahr- scheinlich im Westen wohnen!) Folgt ein longer Salm über das sensationelle 14. Kreisfest der Berliner Arbeitersportlcr. Nach der Zettclreklame muh das ja eine schaurig gewaltig« Sache geben. Steht doch da fett:„Es starten: Rußland, Finnland, Schwede», Norwegen, Frankreich, Tschechoslowakei"...„sowie Tausende aus dem Reich." Armes Bundesfest in Nürnberg, dachte ich so im stillen-, da kommst« nicht mit! Es heißt dann weiter: ,Ln der Situation, wo die Bourgeoisie mit Hilfe ihrer sozialdemo- kratischen Agenten die klassenbewußte Arbeiter- s ch a f t knebeln will, ist es hundertfach nötig, die Uner- fchütterlichkeit der roten Klassenfront unter Beweis zu stellen."— Und so was verteilen diese„klassenbewußten" Maulhelden im vor- nchmsten Berliner Westen! Es muß sehr schlimm um die armen oppositionellen Arbeitersportlcr stehen, wenn sie im Westen Berlins hausieren gehen müssen. Heureka! Der klassenbewußt« Kurfürsten- dämm ist da! Internationüler Arbeiter«Fußball. „I ahn", M i t t w e i d a i. Sa.— Red Star, Wien, 2:6 (1: 2). Der Wiener Meister bot ein großes Spiel, ganz besonders in der zweiten Halbzeit. Es war gekennzeichnet durch gute Ball- behandlung, geschicktes Täuschen, systemvolles Zuspiel und herz- hasten Torschuß. Wien hatte gegen Mittweida den Vorteil, sich vier Tage ausgeruht zu haben. Zuschauer: 2500. „H e l i o s", Dresden— Red Star 4:1. Der Sieg 7: 3 des Wiener Meisters über„Sturm", Fronkenberg i. Sa., an. Vor- tage bedeutete ihm für das bevorstehende Dresdener Spiel keines- falls eine Hoffnung. Helios-Dresden vertritt beste Dresdener 1. Klasse und schlug Red Star überzeugend. Der Wiener Meister schloß seine Deutschlandreise also mit einer Niederlage ab. „Eintracht, Kassel— W e i ß k i r ch l i tz(Bäh m e n) 1: 8. Der deutschböhmische Meister gab auf seiner Spielreise nach Hessen-Nassau in Kassel gegen den westdeutschen Meister eine glänzende Gastrolle. Das Ergebnis besagt alles. Das Spiel am Sonnabend war der Auftakt zum„Fest der Arbeit" in Kassel. 5000 Zuschauer waren Zeugen des Sieges von Weißkirchlitz. Springe a. d. Weser— Marathon, Wien, 3:3. Noch dem 5: 2-Sieg Marathons über Hameln ist dieses Ergebnis ein guter Achtungserfolg für Springe. Springe überraschte Ma- rathon bald nach Beginn mit 3 Toren, denen die Gäste bis zur Paus« nur eins entgegensetzen konnten. Hannooer-Mecklenh«ide— Marathon. Wien, 0: 5. Marathon hatte au? dem Spiel gegen Springe Lehren ge» zogen und war von Ansang an bedacht, technisch das Beste zu bieten, was auch gelang. Mecklenheide war überaus eifrig. Eifer allein ersetzt aber nicht Technik. Das Spiel war für den Ortsteil Mecklenheide ein besonderes Ereignis und wies 2000 Zuschauer auf. Bautzen(Oberlausitz)—„W oder", Wiener N« u- st a d t, 1:3. Die Niederösterreicher, in Ballbehandlung und Stellungsspiel sehr gut, führten ein außerordentlich schnelles Tempo, dem die Gastgeber auf die Dauer der Zeit nicht gewachsen waren. Der Sturm war im Torschuß ausgezeichnet. Bautzens Torwart verhütete-ine noch größere Niederlage. Zur Halbzeit lag Bautzen erst mit 2:1 im Rachteil. Tourist«»»«»!»„Die Noturfrouudr", Zi-nUiile Wir». Abt. griebrichobai»! Dicnslag. 25. Juni, 20 Uhr, Litaucr Sir. IS: Sportkartrllfmnen.— Abt. Lichtcurobr: THrnolnfl, 25. Juni. 20 Uhr. ilaisrr.Wilhrlm-Sti. 73 bei&nfc: Musikabenb.— Abt. Rorben: SicnMofl. 25. Juni, AbcnMpaftieraong, Bstrger- part.— Abt. Wcding: Ibitnätoa, 25. Juni, 20 Uhr, Turiner Ecke Seestraße: „Vögel der Heimat". I>�e»dgr»»pe: Dienslag, 25. Juni, 19 Uhr. Seeslr. M: Bunter Abend.— Abt. T«t>tow: Dien-Iag, 25. Juni, Spielen Treptow Wiese 9.— Abt. Vanto«: Dienstag, 25. Juni, 20 Uhr. Gijrlchstr. lt: Frage- lettelabend.— Abt. Prenllaucr Berg: Donnerstag, 27. Juni. 20 Uhr, Dan» liger Str. 52, Baracke 2:..Mussolinien" lRefercnt Dr. Mar Schütte).— Abt. Seiundbrunnen: Donnerstag, 27. Juni, Noturtundemuseum. Trcffpunlt IRZi Uhr JnvaNdenstroße.— Abt. Lichtenberg: Donnerstag, 27. Juni, 20 Uhr, Kuntcrftr. Liederabend.— Abt. Silbwest: Tonnerstag, 27. Juni, 20 Uhr: Spielen im Voltsvark,— Baturipigcnlchaftlich« Abt.: Donnerstag, 27. Juni, alte Barkanlagen Schloß griebrichsfelde. Treffpunkt 19 Uhr Bhf, Lichtenberg. griedrichsfelde, greic itauu-URioR«roß.Berllu. Abt. Tegel: Bootshaus am Tegeler See. Bootsstäude noch frei. Sihuug Donnerstag, 27. Juni, 10 Uhr. bei Srunwald, Kameruner Str. 19. Sitste willkommen. Mitglieder«erden aufgeuomiuen. Anschrift: Walter Echlokat, NO. 55. Prenllauer Allee 202. FTSB., Rnberbelirl. Mtgliedcrverfammlung am 27. Juni in Nieder- fchöneweide, Berliner Etr. 97— 9S. 20 Uhr. Vorher Trainingsbetrieb im Boots- Haus. SintriNskarten ,ur Negatta am 30. Juni sind bei Ott» Lehnert, Neukölln, Bergstr. 61, l» haben. Die Kommunisien im eigenen Spiegel. In der Zeitung des Arbeiter-Turn- und S p 0 r i- b u n d e s finden wir einen Artikel der„Arbeiter-Presse", des Thüringer Organs der kommunistischen Opposition, der die Verhält- nisse in der Sportabteilung der KPD-Zentrale in bengalischer Beleuchtung zeigt. Man erfährt da: „Am Sonntag, dein 26. Mai, tagte in Berlin eine von der Thälmann-Fllhrung einberufene Reichsko ufere uz opposi- tion eller Arbeitersportler. Auf dieser Konferenz wurden weiter« Schritte zur Schassung einer Organisation der Ausgeschlossenen mit den noch in den Arbeitersport- verbänden befindlichen oppositionellen Arbeitersportlern beschlossen. Es wurde eine„Jnteressengemelnschast zwecks Wiederherstellung der Einheit im Arbeitersport" gegründet. Die Konferenz faßte außer- ordentlich weitgeheich« Beschlüsse. Die Massen der Arbcitersportler, auch die der oppositionellen, haben vor der Konferenz weder von deren Stattsinden, noch von den dort beabsichtigten Beschlüssen etwas ersahren. Jetzt werden die Arbeitersportler der Opposition vor weittragend« Beschlüsse gestellt, deren Durch- führung ihnen von der Th ä l m a n n- F ü h r u n g aus- gezwungen werden soll, ganz gleich, ob sie die Beschlüsse für richtig und notwendig erachten oder nicht. Die Beschlüsse der Berliner Konferenz bedeuten«inen weiteren Schritt zur Schasstmg einer selbständigen Sportorganisation. Seil Jahren wird diese Taktik von der Leitung der Roten Sportinter- nationale verfolgt. Bisher war der Widerstand gegen die Durch- führung dieser Jsolieningsstrategie innerhalb der oppositionellen Sportler zu groß. Mit der Durchführung der neuen Linie glaubt man jedoch, auch unter den oppositionellen Sportlern so viel Ver- wirruna angerichtet zu hoben, daß sie sich jetzt für die Gründung einer selbständigen Sportorganisation hergeben. Bereits im August vorigen Jahres haben Dahlem, Bergmann und Fried mann derartige Vorstöße in den Berliner Sportfraktionssitzungen gemachst Die Formusierung Bergmanns lautete damals: Schaffung eines revolutionären Sportverbandes, der noch nicht RSJ.(soll heißen: Sektion der Roten Sportinternationale) heißt. Die Durchführung dieser Linie, um die seit Jahren die Disfcren- zen in der Parteiführung der KVD. und mich in der RSJ. gehen, hatte zur Voraussetzung, daß die allen Funktionäre der Reichs- frattionsleitung beseitigt und neue willjährige Elemente berusen werden mußten. Genosse Fritz Wie st wurde aus der Sportleitung entfernt und nach dem Leipziger Bundestag Genosse Paul Zobel als Fraklionsleitcr bestimmt. Unmittelbar nach dem Leipziger Bundestag hat das ZK.(Zentralkomitee) gegen den Willen der Berliner Sportfrakrion unter Anwendung des bureaukratifchen Drucks und unter Mißbrauch der Disziplin jene Maßnahmen getroffen, der die Spaltung im Berliner Arbeitersport auf dem Fuße folgte. Der Versöhnler Paul Zobel wurde gegen seine Ueberzeugung zur Durchführung der Dahlemschen Linie verwendet, dabei gleichzeitig in einflußreichen Positionen kaltgestellt. Er wurde aus der Führung des Berliner Kartellverbandes und der Märkischen Spielvereinigung herausgeworfen. Zobel, der heute im Literaturvertrieb der Partei als„Spez" arbeitet, der in privaten Gesprächen die Sportpolitit der Dahlem unh Remmele für verhängnisvoll hält, gibt sich jedoch immer noch dazu her, ins Reich hinaus zu fahren, um durch Spielabschlüsse immer neue Vereine ausschlußreis zu machen und dadurch die„Interessengemeinschaft" organisatorisch zu stärken. Die Reichskonserenz der oppositionellen Slrbcitcrsportler zeigt den kommunistischen Arbeiterjportlern, daß die verhängnisvolle Politik des ZK.(Zentralkomitees) auch in der Arbeitersportbewegung weitergetrieben wird. Die weitere Isolierung der Kom- muniste» oon den Arbeitersport Massen ist die unausbleibliche Folge. Im letzten Jahr, seit dem vor- jährigen Bundestag, vermochte die Partei nicht eine einzige wir- ungsooll« Kampagne in der Arbeitersportbewegung durchzuführen. Die guten Anfänge einer immer breiter werdenden Protestbewegung gegen das Reichsbanner und gegen die Rcichsbannerpolitik der resormistischkn Sportführer werden völlig liquidiert. In vielen Parteibezirten ist heut« die kommunistische' Opposition versackt. Sie kann erst dann wieder wirksam werden, wenn dem Dahlem-Rcmmele- Kurs entschiedener Widerstand geleistet wird. Die Arbeitersportlcr der KPD.-Opposition müssen in ihrer Tätigkeit die Einheitsfrvnl- taktik anwenden und, vom Standpunkte und den Interessen der Arbeitersportbewegung ausgehend, die Arbeitersportlermassen an die revolutionären Ausgaben der deutschen Arbeiterklasse heran- sühren." Neue Linien, Analysen, Absetzung oon„Führern", Einheits- frontgebrüll, Spaltung, Organisation der Splitter: das ist die Unterstützung, die die kommunistischen Drahtzieher dem Arbeitersport angedeihen lassen. Mit ihre» Roßtäujchermethoden haben sie einen, wenn auch oerschwindenden Teil der Arbcilersportler hinter sich gebracht, aber sie wissen nicht, was sie mit ihnen anfangen sollen. Di« Bewegung stagniert, geht zurück, Führerkämpfe, Cliquenwirtschaft rauben ihr Idee und Ziel, was übrig bleibt, sind „Splitter die man sammelt"! Den Schaden hat die Gesamtarbeiterbewegung. Was keine Mahnung zur Ueberzeugungs- treue fertig brachte, bringt die rauhe Wirklichkeit den Irregeleiteten bei. Arbeitersportliebes Leben und Begeisterung, gepaart mit Ueberzeugungskraft, ließen das Fest des 2. Bezirkes in Tegel zu einem bedeutenden Tage im sportlichen Leben des 1. Kreises im Arbeiter-Turn- und Sportbund werden. Trotz des ungünstigen Wetters waren Hunderte von Arbeitersporllern und-sportlerinnen zum sriedlichen Wettkampf vereint. Im Rahmen der 30-Jahr-F«i«r der„Freien Sportvereinigung Tegel e. V." zeigte ein Bühnenschauturn«n am Sonnabend gute und neu« Uebungsformen der rhythmischen Gymnastik. Die Bezirksbarrenriege der Frauen und die Reckriege der Männer gaben Zeugnis vom Wert des Geräteturnens. Ein im- posanter Festzug bewegt« sich am Sonntagmittag durch die Straßen von Tegel und zeigte, wie man in wirkungsvoller Weif« für den Arbeitersport werben kann. Aus-dem Fcstplatze forderte der Kreis- Vorsitzende Reichert in einer Ansprache alle Anwesenden auf, im Sinne des Arbeiter-Turn- und Sportbundes zu wirken, ohne sich oon links oder rechts beirren zu lassen. Bor zahlreichen Zuschauer- massen rollt« dann«iii vielseitig«? Programm ab. Als Beste in den einzelnen Sportarten wurden genannt: Iischer-Schönow, Schramm- FTGB.-Nordring. Bergens-Schönow, Wollenberg-Gabow, Krause- Britz, Greh-Bernou Am Sonntagvormilteg versammelte die bundestreue Ortsgruppe Berlin des Arbeiterschützenbundes ihre Mitglieder auf dem Sportplatz in Friedrichsfclde. anläßlich der Austragung der ersten Meisterschaft im Kleinkaliberschießen. Meister wurde H. Meyer mit 79, 2. W. Maschke mit 73, 3. O. Koch mit 68 Ringen, bei zehn Schuß und Zehnerscheibc, sämtlich Abteilung Mitte angehörig. Das Mannschaftsschießen gewann die Abteilung Mitte gegen Schöneberg überlegen. Der Abend vereinigte die Teilnehmer beim ersten Stiftungsfest, das mit einer Bannerweihe verbunden war. Interessierte Genosse» werden gebeten, auch als Gäste an den Ilebungsabenden: Montags bei Jürgens, Schöneberg, Barbarossa- straße S», und Sonntags bei Lohann, Brüderstrahe 16/18, 20 Uhr, teilzunehmen. Auskunst in der Geschäftsstelle: Stesan Brumirski, Kommandanlenstmße 77, Merkur 7752. All« Arl>eiterschachspiel«r Pankows sind freundlichst ein- geladen, an der h«ut« stattfindenden Gründung der Abteilung Pankow teilzunehnren. Tvesspunkt 20',4 Uhr im Lokal Kober, Pankow, Ber- liner Ecke Prinz-Heinrich-Straße. Nachstehend finden die Leser des„Abend", di« Interesse und Freude am Schachspiel haben, ein Abteilungsverzeichnis der bundes- treuen„Freien Arb«iter-Schach-Vereinigung Groß-Bcrlin". Die Spielabende beginnen um 20 Uhr und finde» in jeder Woche statt. Als Einleitung wird immer ein lehrreicher Vortrag gehalten, im Anschluß daran bekommt jeder Schachsreund entsprechend seiner Stärk« Gelegenheit zum Spielen. Unterricht für Anfänger wird gern und kostenlos erteilt. Alle Anfragen in Dereinsangelegenheiten find an Georg Wcrwinfki, Berlin S 59, Planuser 91, zu richten. Llbt. Schöneborg: Siunslogs bei Seidel, Tchiinebcrg. Nuslov-MAlcr- Vleß 1.— Abi. Lichtcnbeeg: Dicnsiagz bei Schuler, Berlin, Wühlischftr.:io.— Abt. Memcl: Dienstgg, bei Lücke, Berlin, Memcler Etr. 10.— Abt. Grünau: Dieustags im Gemeinlchofiobau-,»ut»hof yalkenberg.— Abt. Sumboldibaiu: Dienstag, bei Döhling, Berlin, Brunnenstr. 79.— Abt. Neukölln: Dienstags bei Bolemski, Neukölln. Boddinstr. 5.— Abt. Friebrichshain: Montag» und Mittwoch, bei Albrecht, Berlin, Straßmannstr. 42.— Abt.«reujbcrg: Donnerstag, bei Krenp, Berlin, Planufer 75—75.— Abt. Prenzlauer Berg: Donnerstag, bei Klug, Berlin. Danziger Sir. 71.— Abt. Trejito»: Donners lag, bei Döhling, Treptow, Elsenstr. 10.— Abt«estend: Donnerstag, dr: Jamin, llbarlottenburg, SophicUlftarlotte.Str. 88.— Abt. tSilmcrsborf: Donnerstag» bei Hanrmerling, Wilmer»dorf, Brandenburgische Etr. 75.— Abi. Ritt«: yreitag, bei«urirock. Berlin, Zionskirchvlasi.— Abt. Webbtng: grci- tag, bei Hern«,. Berlin. MWersir.- 25.— Abt. fflnfttnfcc: greitoq-, b- Galla», Weißen l-e. Berliner Allee» Ecke Lehderftraße. War das auch„pietätlosigkeit"? Wie Kirchengemeinden ihre Friedhöfe verkauften. Die Deutschnationalen setzen in ihrer Press« die xiftige Hetze gegen die Berliner Stadtverwaltung fort. Sie ergehen sich in immer neuen Klagen darüber, daß im Bezirk Kreuzberg die Friedhöfe zwischen Bergmannstraßc, Jüterboger Straß«, Golßener Straße und Jllllichauer Straße als Freiflächen ausgewiesen werden sollen. Sie wiederholen zum soundsovielten Male die Behauptung, daß von der Freiflächenaus- Weisung die Vernichtung der Friedhöfe zu besürchten sei. Im . Vorwärts" ist schon festgestellt worden, daß die Frciflächenaus- Weisung tatsächlich einer Bernichtung der Friedhöfe vorbeugen soll. Verhindern soll sie, daß die Friedhöfe einmal z» Baustellen ausgeschlachtet werden. Was tun in Berlin die Kirchengemeinden selber zum Schutz alter Gräber auf ihren Friedhöfen? In der Regel schützen ssc nur Gräber, für die nach Ablauf der Liegesrist die Hinterbliebenen zum zweiten Male die Grabstättengebühr zahlen. Wer kein Geld dazu hat, wird selten dem Schicksal entgehen, daß ihm das Grab seines Toten zerstört und die Grabstätte neu belegt wird. Wenn die Kirchengemeinden wollen, haben sie meist die Möglichkeit, auch ihre schon geschlossenen Friedhöfe noch auf lange Zeit weiter zu erhalten. Selbst die als Freiflächen ausgewiesenen Friedhöfe können ihnen gegen ihren Willen von keiner Stadtgemeinde abgenommen werden, wenn diese daraus Erholungsstätten für die Bevölkerung machen möchte. Haben aber die Kirchengemeinden immer das Nötige getan, im Besitz ihrer Friedhöfe zu bleiben und die Ruhestätten ihrer Toten zu schützen? W>c ist es gekommen, daß z. B. in Berlin-Nord der zwischen Bergstraße und Gartcnstraße gc- legcne Friedhof der Sophientirchengemeind« an die Stadt fiel? Und wie war es möglich, daß man in der Luisenstadt mit dem an der Oranienstraße gelegenen Friedhof der Jakobikirchengemeinde dasselbe erlebte? Beide Friedhöf« wurden von der Kirche an di« Stadt Berlin verkauft, die dann diese Begräbnis- stätten in Erholungsstätten umwandelte. Ja, warum denn oerkaust? Die Kirchengemeinden konnte doch niemand hierzu zwingen! Ge� kauft hat di« Stadt Berlin den Iatobikirchhof zur Hälfte schon im Jahre 1864, zur anderen Hälft« im Jahre 1887 für zusammen .859 502 Mark, den Sophienfriedhof im Jahre 1874 für 367 875 Mark. Das waren für die damalige Zeit recht ansehnliche Beträge. Bar Geld lacht.(Das Geld für den Iakobisriedhof floß in den Säckel der Petrikirche, die ein Anrecht daraus hatte.) Hat damals einer von Friedhofzerstö-ung gesprochen, von Verletzung der Pietät, von Rück- sichtelosigkeit gegen heiligste Gefühle der christlichen Bevölkerung? Aus beiden Friedhöfen waren zur Zeit des Verkaufes noch Gräber, die man noch nicht eingeebnet hatte. Sie blieben auch Nach Um- Wandlung der Friedhöfe in Erholungsstätten noch längere Zeit er- halten und wurden von der in den Besitz der Friedhöfe gelangten Stadt Berlin geschützt. Auf dem ehemaligen Friedhof an der Oranienstraße gibt es noch heute einige Gräber, die gepflegt werden. Was soll denn der dreiste Schwindel, daß heute di« Stadt nicht dasselbe täte, wenn sie einmal die als Freiflächen ausgewiesenen Friedhöfe übernähme und sie zu Erholungsstätten für die Bevölke- rung machte? Man braucht solchen Schwindel, um gegen„rote Parteiwirtschaft im Rathaus" wettern zu können, wo- mit man für die bevorstehenden Kommunalwahlen werben möchte. Selbstverständlich fallen nach der Freiflächenausweisung die Friedhöfe nicht ohne weiteres und nicht kostenlas an die Stadt. Sie dürfen nicht bebaut werden, aber sie bleiben Eigentum der Kirchen- gemeinden. Will di« Stadt sie übernehmen, so muß sie kaufen und muß deü Kirchengemeinden das Land bezahlen. Aber so viel wie bei Baustellcnpreisen der Friedhöfe ist nach der Freistellenausweisung allerdings für die Kirchengemeinden nicht herauszuholen. Daher jene Tränen der Deutschnotionalen! Frauen, Lugend und Arbeiterschaft. Oer AusNang des ZrauenkongresseS. Festlich, wie der Beginn des großen Kongresses des Weltbundes für Frauenstimmrecht war auch sein Abschluß. Hatten am Anfang Begrüßungen von Männern gestanden, die als Bertreter staat- lichcr, als Repräsentanten des jungen deutschen Volksstaates zur neuen Weltmacht cher Frauenbewegung sprachen, so bildete den Schluß ein Gruß jener Mächt«, deren Geist und Wirken in die Zukunft weist: Jugend und Arbeiterschaft. Di« Jugend hatte am Sonnabend abend zu einer Kundgebung unter freiem Himmel ins Sportforum geladen: 1566 junge Mädchen aus Gym- nasium, Hochschule, Frauenschule und Angestelltcnberufen grüßten die Frauenbewegung. Gesang, Volkstänze und Fackelreigen wech- selten miteinander ab. Der letzte Ansklang geschah am Sonntag vormittag im dicht- gefüllten Saal der Volksbühne. Die Wahl dieser Stätte sollte symbolisch sein für die Gemeinsamkeit von Frauenbewegung und Arbeilerschosl im Kampf um den Frieden. Nach einem stimmungsvollen musikalischen Vorspiel erschienen vor einem Hintergrund, der im Lichtbild den betreffenden Erdteil zeigte, Vertreterinnen aller fünf Kontinente. Durch alle Ansprachen hindurch klang die Sehnsucht nach Frieden, der Wille der Mütter der ganzen Welt, den Frieden zu schaffen. Freilich ist ein wahrer Friede nicht möglich, ehe nicht Ungerechtigkeit und Unterdrückung aus der Welt geschwunden sind, das brachten die Ansprachen der Ver- treterinnen der unter kolonialer Unterdrückung leidenden Länder Indien und Aegypten scharf zum Ausdruck, während die südamerika- nische Vertreterin aus Brasilien auf den Kampf des Proletariats um Gerechtigkeit der Gesellschaftsordnung hinwies. In ihrem Schlußwort sprach Adele Schreiber von dem gemeinsamen Weg der Arbeiterschaft und der Frauenbewegung zum Welt- sriedensziel. Dann folgte der vom S p r e ch ch o r für proletarisch« Feier- stunden unter Mitwirkung namhafter Künstler(Lina Lossen, Lothar Müthel u. a.) und unter Leitung von Albert Florath aufgeführte Sprechchor „Stimmen aus dem Weltall" von Eleonora Kelkowska. Die Szene zeigte ein friedliches Fa- milienidyll, das durch Alarmtelegramme von drohender Kriegs- gesahr aufgestört wird. Düstere Wetterwolken überschatten di« Szene. Die Mutter ruft verzweiflungsvoll um Hilfe gegen die Gefahr. Es erscheinen in drei Gruppen die Frauen und Kinder der Kriegsopfer des Weltkrieges, di« Kriegsinvaliden und die Arbeiter, di« am eigenen Leibe das Entsetzen des Krieges erfahren haben. Sie ver- zweifeln an ihrer Fähigkeit, di« Gefahr bannen zu können. Im Hintergrund erscheint die Gistgasfabrik. Kriegssanfaren und Kanonendonner ertönen, eine schneidende Stimme ruft:„Gas über euch!" und betäubt sinken die Menschen zu Boden. Doch die Frau beschwört die Stimme der Toten des Weltkrieg», die Lebenden zum Widerstand aufzurufen. Mit der Weife:„Freude schöner Götterfunken" erhebt sich die Meng« vor dem in reinem Blau er- strahlenden Horizont im Entschluß, die geeinte Kraft gegen den Krieg einzusetzen. Für die Ausländerinnen war die Sprechchorkunst der deutschen Arbeiterschaft ein überwältigend neuer Eindruck. Eine Einladung von Genossin Juchacz oereinigt« etwa 36 So- zialistinnen und Gewerkschaftsvertreterinnen, die am Kongreß teil- genommen hatten. In einer kurzen Ansprach« sagt« Genossin Juchacz, daß di« Bedingungen und Methoden des proletarischen Kampfes zwar in der Welt verschieden seien, daß wir aber alle das Einigende empfänden. Museum der Elettroiechnik. Eine Ausstellung der AEG. 3m großartig«« Rahmen, wie man es in der Reichs- Hauptstadt noch nicht kennt, hat die AEG. eine Gefamtaus- ftellung ihrer Erzeugnisse im Passage- Kaufhaus in der Friedrichstraße vereinigt. Man kann hier schon von einem Museum der Elektrik- t e ch n i k sprechen,«in«m Museum des lebendigsten und sich täglich erneuernden Stoffes. Dieser Gedanke ist«s auch,- der grundlegend bei der Gestaltung der ständigen Ausstellung obgewaltet hat. Bei einer Besichtigung der neu eröffneten Ausstellung wies Direktor Geyer daraus hin, daß die AEG. sich seit Rathenaus großzügiger allg«meinwirtschaftlicher Führung die Pflege der Ausbreitung und zweckmäßig«« Anwendung der Elektrizität Hobe angelegen s«in lasten. Die Ausstellung stände allen offen, nicht nur dem kaufenden Publi- kum als fachmännische Beratungsstelle, auch in ihren Vorsühr- und Experimentierräumen den Schulen, den«igen«« Arbeitern d«r AEG., di« hier das von ihnen geschaffene Teilerzeugnis in fertiger Vollendung erblicken könnten, den Fachleuten zum Studium und den großen Fachverbänden zu ihren Tagungen. Ein prächtig gestalteter Vortragsraum zeigt eine kleine intime Bühne, auf der neuartige Beleuchtungs«ffekte für Bühnendekoration vor- geführt wurden. In diesem Raum finden instruktive' Vorträge und Filmvorführungen vor Schulen und Interessenten statt. In ander«« Räumen werden die meisten größeren Maschinen und Apparate in Betrieb gezeigt, und überall ist an Schalttafeln und Haltern etwas zu knipsen und in Bewegung zu setzen. Nur raten wir dringend, sich nicht dabei ohne Fachkenntnis an die großen Hochleistungs-Oelschalter zu wagen, die Schreckgeräusche hervorrufen, bei denen man den Schlag bekommen kann. Sehr reichhaltig sind die Felder der Motoren, Ventilatoren, Elektrowerkzeuge, Klein- apparate für den Haushalt, Beleuchtungsgegenstände u. a. Eine Schifsskommandobrücke ist mit den Einrichtungen für den elektrischen Ruderantrieb u. a. ausgerüstet. Es würde zu weit führen, alle Schaudinge aufzuzählen, die für jeden mechanisch ein- gestellten Menschen hier wie eine Offenbarung wirken. Zum Schluß sei noch auf die prächtigen Besucherräume für die Angestellten im oberen Stockwerk hingewiesen, die Box- und Sporträume, Spiel- und Unterhaltungszimmer ausweisen, in denen man sich wohl fühlt. Die Reichshauptstadt ist um«ine neue schöne Attraktion bereichert worden. Dreitägiges Fest der Arbeiter. Kastel. 24. Juni.(Eigenbericht.) Das dreitägige„Fest der Arbeiter" wurde am Mon- tagabend mit einem großen Feuerwerk der Kasseler Arbeit«rschajt beendet. Das eigentliche Volksfest fand in Schöneseld statt, einein herrlichen Naturpark inmitten der Stadt Kastel. Abends wurde das Festspiel„Spartakus" aufgeführt, das unter Leitung des Re- gisteurs von F i« l i tz- Berlin mit mehr als 1660 Mitwirkenden eingeübt worden war. Festansprachen hielten die Reichstags- abgeordneten Scheide mann, S che t f« l- Berlin, Pens- Dessau und der Vorsitzend« des Arbeiter-Turn- und Sportbundes Geliert- Leipzig._ Das Ende der �Freia". Oer älteste Ostseebäderdampfer wird abgewrackt. Wie uns aus Stettin gemeldet wird, hat die Reederei B r a e u n l i ch den auch vielen Berliner Ostseebest'.chern bekannten Raddampfer„Frei a" zum Abwracken nach Holland verkauft. Damit verschwindet aus dem Ostseebäderverkehr der älteste und sicher auch einer der beliebtesten Dampser. Di«„Freia" wurde Anfang der neunziger Jahre von der Reederei Braeunlich über- noinrnen und in den Dienst der Linie Stettin— Rügen gestellt. Das Schiff ist bereits übergeben und wird in den nächsten Tagen den Stettiner Hafen im Tau eines holländischen Schleppers verlassen. moQ> Potsdamer Strafe 38 Die Kosaken mit John Gilbert Der Herr rom Finanzamt (6 lustige Akte) Rhcinstra$e 14 Älcht) Verlängert: Der KAnltf von Soho mit Emil Jannings Odeon, Potsdamer Str. 75* Der Graf tob Monte ChrUto, 2.Teil Im Lande Aman Ullaha Jugendliche haben Zutritt Turmstrabe 12 Alraune mit Brigitte Helm Siam- das Land der weiben Elefanten Alexanderstr. 39-40 (Passage) Der Graf von Monte Christo (2. und letzter Teill Die Herrenhofsage Jugendliche haben Zutritt ■ Schönabara■ Alhambra Beg-sWa��'5U Schöneberg. Hauptstr. 30 Der Student von Prag mit Conrad Veldt Das große Beiprogramm Tilania(ui, sSönLherg) Hauptstraße 49 Beginn ab&30 Uhr Liebe mit Elisabeth Bergner Hinter Klostennancrn Nordwesten Welt-Kino Alt-Moabit 99 Das Recht der Ungeborenen Rtn-Tin-Tln von Spfirhunden verfolgt Schlüter-Theater Schlüterstr. 17 W. 7 u. 9.15 S. ab 4 U. 1 MAdel und 3 Clowns mit Evello Holt Abentcurcr'G. m. b. H. mit Carlo Aldlnl ■»tegiit«■ Titania-Palast Steglitz, Schloßstr. 5. Ecke Gutsmulhsstr. Wenn der wci£c Flieder wieder bldhi Bühne: Hollaender-Trio W Uchterfelde-Wa»t"b Hi-Li stg.fi, 7, 9 Hindenburgdamm 58a Wochentags 6.30, 9 Uhr U. Stg. 3U.J.-V. Das zweite Leben mit Pola Ncgri Noll Ohr mit Lionel LanTmore BQbncn. cbau FUm-Paiast Kammersäle Teltower Str. 1—4 Beginn 6 U. Champagner mit Betty Balfonr GlQck bei Frauen Mariendorf 3 A4~ f{ Martendorter 1 ia- lel Liditsplele Chausseestraße 305 Stg. 3 Uhr Jug.-V. Die Verbannten mit Macisie Lockendes Gift BOhncnsdiaa SUden Th. am Moritzplatz Beginn: W. ab 6.15 Uhr, Stg. ab 4.30 Uhr Das Indische Grabmal I. n. II. Teil mit Mia Mar, C. Veidt. B. GAtzke Sfldostan Filmeck Beg,nn: Skalilzer Straße, am Görlitzer Bahnhof Masco tiefaen mit Kfite v. Nagy Die Todeskurvc mit Hillbnry Rock Gute Bahnenschau Urania-Theater Wrangelstr. II, Köpenicker Brücke Woch. 6.45, 8.45 Uhr. Stg. 2.45, 5, 7, 9 Uhr Diebe(Abenteuer ein. Hoteldiebes) Gnies Beiprogramm Drei Internat, Variete' Aitr. > Mdukölln j Primus-Palast Hermannplatz Harolds liebe Schwiegemnaxna mit Harold Lloyd Herr Arnes Schatz nach d. Roman v. Selma Lagerlöf Auf der Bühne: Die sieben Teuans« Arabertruppe W Wledorschannwida p Elysium GuSüJäS-st) Hassclwerderstraße 17 Wenn Meer und Himmel sich berühren Die rollende Kugel mit Licdike Gute BOhnenscfaan WelOewseo Schlobpark Film- Bühne Berliner Allee 205—210 Die sdtOnsie Fraa tob Paris Das Findelkind von Singapore Variete l Osten Germania-Palast Frankfurter Allee 314 Wochentg. ab 7 U� Sonntag ab 5 U. In den H&nden der Polizei mit Lon Chancy Der neue große Russenfilm: Der Spion von Odessa Dazu das große Tonfilmprogramm Luna-Filmpalast Gr. Frankfurter Str. 121 Rivalen mit Dolores del Rio Emil und Schlcmibl unter Menschenfressern Grobe Bühnenschau Concordia-Palast Andreasstraße 64 Geschlecht in Fesseln mit W. Dieterle Die lustigen Vagabunden mit Pat und Patachon BOhnenschau Kosmos-Lichtspiele Lichtenberg, LQckstraße 70 Asphalt mit Betty Amann, Gnstar Frfihlldi Schatten der Nacht BOhnenschau Kino Busch Alt-Friedrichslelde 3 Die OrdtidecntiueriB mit Xenia Desnl Liebesreigen mit Wilhelm Dieterle «Elysium" Prenzlauer Allee 58— Film und Bühne Der Dieb von Bagdad mit Fairbank» Die große Leidenschaft LH Dago. er mit I Norden Skala-Lichtspiele Schönhauser Allee 80 Der Graf tob Monte Christo(I) Bühne: Belcantc-Duett Collosscum Schönhauser Allee 123 Film- und B&bncnschau Der Graf von Monte Christo(II) Ausgezeichnete Bühnenschau Alhambra MUllerstraße, Ecke Seesiraße Fries Mas Fahrt Ins Glück mit Mady Christians Große BOfanenscban Fortuna-T ageskino MQllcrstraße 12c Beg. 10 U. vorm. Das führende Tageskino ab 10 Uhr spielt nur Spitzenfilme der Welt- produkiion Metro-Palast Chausseestraße 30 Der Graf von Monte Christo(I) r Durchs Brandenburger Tor mit Kampers Noadc's Lichtspiele Brunnenstraße 16 Täglich 5, 7,9 Uhr Stg. 3 U. Jugendv. Was Kinder d. Eltern yersdiweigen Alle, Schwindel mit Reginald Oenny „Rialto" Film u. Bühne Reinickendorfer Str. 14(am Wedding) Vorsicht, MAdcfarnhlndlcr I Der Kftnlg im Sattel Bühne «Alhambra*' Badstraße 58 Luftpiraten mit Harry Fiel Die Königin von Moniin Rouge Große Bfibnenschan Ballschmieder- Licfatsp. Badstraße 16 Herzblut einer Mutter Die Rache des Arabe« Ifli sien Grobe Bfibnenschan Kristall-Palast Prinzenallee 1—6 Das deutsche Lied Das Ladenmldcl mit Mary Pidcford Grütze Bühnenschau Pankow Palast-Theater Breite Straße 21 a Hotel Stadt Lemberg mit Pola Negri Das grotze Beiprogramm Tivoli, Pankow Berliner Straße 27 Der Graf von Monte Christo(□> Bühne: Wunder-Schimpansen Film-Palast Blankenburger Straße 4 Das Spielzeug von Paris Pat und Patachon als Müller Bürgergarten-Lichtsp. Hauptstraße 51 Sünde und Moral Wochenend wider Willen Bühnenschau