Morgenausgabe Hr. 307 � t �zz-4S�.h.g.N« Wöchenttlch«Pf, movatllch 8.60 9L bn voraus zahlbor. Postbezug AJS2 TL einschllehNch 60 Pfg.Postzestuag»« aab 72 Pfg. Postbestellgebührea. Auslands» abonnement 6.— M. pro Moaat. Der.vorwärts� erscheint wochentSg» lich zweimal, Sonntags und Montags einmal, die Abendausgaben für Berlin und im Handel mit dem Titel»Der Abend". Illustrierte Beilagen.Boll und Zeit" und„Kinderfreund". Ferner »Unterhaltung und Misten".»Frauen« stimme".»Technik".»Blick in die Bücherwelt" und.Iugend-BorwSrts" Berliner VoUsblaii Donnerstag 4. Juli 4929 Groß.Äerlin Ii) Pf. Auswaris 15 pf. Di« einfpakttg« Stonpareillezest, 80 Pfennig. ReNamezette 6.— Reich— mark.„Kleine Anzeigen� das jettge. druckte Wort 25 Pfennig lzulostig zwei fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 12 Pfennig. Stellengesuch» das erste Wort 15 Pfennig, jedes weitere Wort 10 Pfennig. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. ArdeitsmarV Zeile 60 Pfennig. Familienanzetgen Zeil« 40 Pfennig. Anzeigenannahme imchaupt» gefchäst Lindenstraße L. wochentäglich von SV, bis 17 Uhr. Äentralorgan der GoziawemoSvaMche« Oartei DeMGlandS Redaktion und Verlag: Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Rtrnfp«#«: Dönhoff 292—297. lelegranim-Sdr.: Soztaldnnokrat verlf» Vorwärts-Verlag G.m.b.H. Dostschockkonto: vnlw 87 52S.— Bankkonto: Bank vor Arbettor, Sngostelllon und Beamten Wallstr. KS. Diskonto-Gelellschaft, Deposttenkasie Ltndenstr. 8 Vormarsch in Holland. Günstige Anfangs-Ergebniffe. Amsterdam, S. Juli, 23,40 Uhr.(Eigenbericht.) Das bisherige Ergebnis der Namemrwahl läßt fast überall eine bemerkenswerte Zunahme der sozialdemokratischen Stimmen erkennen. In Rotterdam wurden bisher 73 081 sozialdemokratische Stimmen gezählt, in Amsterdam in 200 von 430, also noch nicht die Hälfte aller Wahllokale, 04 330 sozialdemokratische Stimmen, in Utrecht 20 474 sozial- demokratische Stimmen; in Leiden stieg die Zahl unse- rcr Stimmen gegen 1023 von 8023 auf 0382, in Leen- Warden von 8840 auf 0408, in Alkmaar von 3077 auf 4230. Auch iu zahlreiche« kleineren Orten ist die Zahl der sozialdemokratische» Stimmen gestiegen, die der Rechts» varteien zurückgegangen. Die Katholiken habe» hier und da Stimmenzuwachs zu buchen. Tie Spannung in Amsterdam ist ungeheuer. Zehn- t»»sende stehe» trotz der späten Stunde auf dem großen Tammplatz im Stadtzentrum. Unser Parteiblatt„Het Volk" läßt die Wahlergebnisse auf einer Riesenleinwand erscheinen. 24 Uhr. Soweit sich bis jetzt übersehen läßt, kann ziemlich sicher damit gerechnet werden, daß die Katholische Staats- Partei und die Ehristkich-Historische Partei gewinnen, die Sozialdemokraten sich halten, die Antirevo- lutionäre und die Konservativ-Liberalen zurückbleiben; die Kommunisten scheinen etwas zu gewinnen. Der sozialdemokratisch« Erfolg in A m st e r d a« ist sehr beträchtlich. Die Zunahme der katholischen Stimmen tut sich besonders im Süden des Landes hervor. 0,43 Uhr. Um 0.43 Uhr konnte man überall starke Fortschritte der Sozialdemokratie feststellen. Selbst in Maastricht, wo die katholische Kirchenpropaganda die Arbeit der So» zialdemokratte sehr erschwerte, stiegen die sozialdemo- kratischen Stimmen von 0737 im Jahre 1023 aus 0821. I» der Stadt Groningen entfiele« von 47 703 ab- gegebenen Stimmen auf die Sozialdemokratie 10 370. In Rotterdam beträgt die Zahl der sozialdemo- kratischen Stimmen»ach einer späteren Zählung 01 780 oder 38.2 Proz. Iu Amsterdam betrug sie nach der letzten Zählung 87 803 oder 38.7 Proz. Alle diese Zahlen stellen bedeutende Stimmen- gewinne der Sozialdemokratie dar. Mcktntt der Regierung. ilmslerdam. 3. Juli.(Eigenbericht.) Du Regierung ist schon om Wohl vormittag zurückgetreten; sie ist außerparlamentarisch und wollte durch ihren Amtsverzicht den» nun fälligen porlamentorlschen Kabinett den Weg sofort freimachen. Das Kabinett de(Beer ist im März 1926 zuftandegekominen. nach dem das Kabinett Colyn, das nach der Wahl 1923 von der Koalition der drei Rechtsparteien gebildet worden war, infolg« der Unstimmigkeiten über die Frage der Zurückziehung der holländischen Gesandtschaft beim Vatikan gestürzt war. Bürgerkrieg? Gefahren des Heimwehrfaschismus in Oesterreich. Von Julius Deutsch, Wien. Die Enthüllungen de? Wiener„Arbeiter-Zeitung" über die Umtriebe der österreichischen Heimwehren haben zumindest das eine bewirkt, daß Klarheit geschaffen wurde. Aller- dings eine Klarheit, vor der manchem, der bisher gutgläubig in den Heimwehren ein Instrument zur Verteidigung der „Ordnung" erblickte, die Augen übergehen mochten. In den österreichischen Kleinstädten und Dörfern lebt ein ganz eigenartiger Geist. Ausgeschaltet vom großen Strome der Entwicklung, festgebannt in der Unkultur einer Welt- abgeschiedenheit, in die nur während einiger Monate des Jahres die Sommerfrischler einige Abwechslung bringen, lebt ein verspießertes Kleinbürgertum. Das ist nun rabiat ge- worden! Es lehnt sich gegen die großen Werke des sozialen Fortschritts auf, die sich die Arbeiterschaft Wiens und der paar großen Jndustriebezirke erkämpfen konnte. Der gesell- schaftliche und kulturelle Aufstieg der Arbeiterklasse hebt sich vom Niedergang des Kleinbürgertums zu sichtbar ab. als daß es von den Spießern am Stammtisch ohne Grollen ertragen werden könnte. Freilich, die Kleinbürger allein wären aus eigener Kraft kaum imstande gewesen, wehrhafte Bataillone zu bilden. Sie brauchten Führer, Organisatoren. Die fanden sich in den a b- gebauten Offizieren der alten k. u. k. Armee, die zu vielen Hunderten beschäftigungslos in den Kleinstädten herum- saßen. Soweit die Habsburgeroffiziere nicht ausreichten, wurden sie von Deutschland her ergänzt. Seit dem Kapp-Putsch gibt es zahlreiche Flüchtlinge in Oesterreich, die zuerst bei uns ein Asyl suchten und fanden, um später das Asylland zu Stätte faschistischer Verschwörungen zu machen. Die deutschen Kapp- Offiziere sind die eigent- lichen Macher der österreichischen Heimwehren. Sie haben das Prooinzkleinbürgertum organisiert und ihre Reihen durch Bauernsöhiie sowie durch etliche Arbeiter verstärkt, die man mit allen Mitteln des Terrors in die Heimwehren preßte. Diese gemischte Gesellschaft wird durch keine große Idee zu- sammengehalten. Sie will nichts Positives, sondern begnügt sich mit einem impotenten Raunzen über den Fortschritt der Arbeiterklasse. Zusammengehalten werden die Heimwehren, wie man jetzt aus Dokumenten klar und eindeutig beweisen konnte, durch das bare Geld der Unternehmer. Große Summen verschlingen die Heimwehren und ihre Führer. Und da ist kein Unterschied zwischen jüdischen und christlichen Unternehmern! Beide Gruppen öffneten bereit- willig ihre Kassen, um den„Bekämpsern des Bolschewismus". als die sich die Heimwehren dem erschreckten Kapital anboten, Mittel für ihre Ausrüstung zur Verfügung zu stellen. Diese Mittel sind tatsächlich sehr sinngemäß verwendet worden. Die Unternehmer können ihre Freude daran haben, was die Hcimwehren mit Geld alles zustande brachten. Sie kauften Maschinengewehre und Gewehre in großen Mengen. Mehr noch, sie errichtetest ein eigenes Laboratorium zur Herstellung von Gift- gasen in Graz und veranstalteten U e b'u n g e n mit den dort erzeugten Handgranaten. Sofern das Geld der Unternehmer nicht mehr ausreichte, fand man andere Wege, um die Heimwehren auszurüsten. Zahlreiche Dokumente, die jetzt veröffentlicht wurden, zeugen von einer erstaunlich engen Verbindung der Offiziere des Bundesheeres, der Gen- d a r m e r; e und der Polizei mit den Heimwehren. So ist schließlich eine illegale Armee entstanden, die sich ganz so gehabt wie seinerzeit die Hitler-Armee vor der Münchener Novemberrevolution. Ihre Macher halten ebensolche bramarbisierenden Drohreden, wie Adolf Hitler zu seiner Glanzzeit. Die S t e i d l e s und P f r i e m e r s gleichen auf ein Haar dem eitlen Gernegroß vom Isarstrand. Ebenso wie die Leute des Hakenkreuzes beschäftigen sich aber auch die Führer der Heimwehren nicht allein mit innerpoliti- schen Problemen. Sie machen auch in Weltpolitik. Da werden zum Beispiel in wüster Kannegießerei Prospekte auf Pro- spekte ausgeheckt, die ermöglichen sollen, mit Italien und Ungarn gemeinsame Sache zu machen. Dieser Richtung gilt die Kleine Entente als d e r Feind. Aber andere, insbesondere die Tiroler, können diesen Kurs nicht mitmachen, weil sie von Mussolinis Faschisten zu oft gedemütigt worden sind. So wird nun mächtig hin und her gestritten, und je nachdem, ob der heimwehrliche Stamintisch in Steiermark oder in Tirol seinen Sitz hat, gibt es sehr verschiedenartige außenpolitische Tendenzen... Der ganze Heimwehrunfug wäre sicherlich nicht von Be- deutung, wenn hinter ihm nicht politische Draht- z ie her stehen würden, die im öffentlichen Leben Oesterreichs eine beträchtliche Rolle spielen. Der frühere Bundeskanzler S e i p e l und seine engeren Freunde sind es, die(zum Teil gegen den Willen der christlichsozialen Bauern und Arbeiter) die Heimwehren fördern und stützen. Erst die Bundesgenossen- schaft mit diesen Politikern ermöglichte den Heimwehren ihr unverschämtes Auftreten. Sie mißachten nun ganz offen die Anordnungen der derzeitigen Regierung wie die der christlich- sozialen Landeshauptleute. Ggnz zweifelsohne find sie längst Das sächsische Karussell. Büngers Rechtskabineti.— Oer Arief Mückes.- Kittinger gegen Mücke. Dresden, 3. lluli.(Eigenbericht.) Bern neuen Kabinett Dünger werde» außer den Ministern Krug oon Tlidda und Weber, die bereits der Regierung Held angehörten, der Obcrlandesgerichlspräsidenl Dr. M a n s f i e l d als Justizminister und der Dauhener Kreishouptmann Dr. Richter als Innenminister angehören. Sowohl Mansfield als auch Richter gelten als„parleilos". Das Arbeits- und das wohlsahrlsministerium bleiben bis aus weitere» unbeseh». zumal die Allsoziolisten vorläufig eine Beteiligung an der Regierung abgelehnt hoben. ♦ Herr Bünger wird sich heute dem Landtag mit dem neuen Kabinett vorstellen. Sein Kabinett ist ein ausge- würden! Die Entscheidung liegt dann aber immer noch bei den Nationalsozialisten. Di« sächsischen Nationalsozialisten liegen sich wegen des Angebots des Herrn von Mücke an die Sozialdemokraten und Kommunisten in den Haaren. Herr Manfred von K i l l i n g e n ist über dieses Schreiben sehr erbost,«r de- zeichnet es als eine Putscharbeit Mückes. Run hat aber das Schreiben, das in der kommunistischen Presse ver- öffentlicht wird, folgenden Wortlaut: Drcsden-Loschwih. den 29. Juni 1929. An die Herren Vorsitzenden der sozialdemokratischen und kom> munistischen Fraktionen im Sächsischen Landtag. Dresden. Sehr geehrte Herren! Di« Entwicklung der innerpolitischen Ereignisse, die sich an die Wahl des jetzigen Herrn Ministerpräsidenten geknüpst haben, ver- anlassen die Reichsleitung der Nationalsozial-stischen Deutschen Arbeiterpartei in lleberlegungen einzutreten, ob die zukünftig« Regierung überhaupt lebensfähig ist. Ich darf mir daher erlauben, als Abgeordneter der„Sektion Reichsleitung" der NSDAP, mit Ermächtigung und im Auftrag« meiner Parteileitung an Sie heranzutreten mit der Frage, ob Sie geneigt sind, mit mir Verbindung aufzunehmen zur Klärung der Frage, ob eine Unterstützung elner von Ihren Parteien gebildeten sächsischen Regierung durch dl« nationalsozialistische Fraktion sich ermöglichen läßt. Die Herren werden sich aus dem vorigen Landtag erinnern, daß di«I«lbe Frage schon einmal gespielt hat und daß damals Zusicherungen gemacht werden konnten, die es uns ermöglicht haben würden, eine von Ihren Parteien gebildete Regierung zu unter» stützen. Dieselben Punkt« würden ja auch heut« zur Debatte stehen. Ich darf sie daher im Kernpunkt wiederholen. Damals stellte ich zur Bedingung in erster Linie die Vermeidung jedes Aus- nahmegesetzes gegen meine Partei, Vermeidung jedes Verbots oder Auflösung aus Gründen, die bei anderen Parteien unter gleichen Verhältnissen nicht zum Verbot oder zur Auflösung führten. Vermeidung aller Pollzei-Echikanen usw. usw., Vermeidung einer Beschränkung der Aeußcrung der Meinungs- frciheit. Sollten die Herren geneigt sein, die angeregte Besprechung z» haben, so wäre ich für eine Benachrichtigung, gegebenenfalls fern- mündlich, zu Dank verpflichtet. Ich darf annehmen, daß«in völliges Schweigen auf mein Schreiben als Ablehnung aiifzufassen ist und daß ich dann dementsprechend meiner Reichsparteileitung Bericht erstatten könnte. Die Nationalistische Fraktion hat Kenntnis. Ich darf ergebenfl blkken, dieses Schreiben als vertraulich zu behandelu. Mit vorzüglichster Hochachtung Ihr ergebenster Helmuth von Mücke. Abgeordneter der„Sektion Reichsleitung" der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei." Herr Hitler und Herr von Mücke, die Reichs- leitung. klopfen links an, dieweil Herr von Killingen rechts anklopft. Neueste Phase des sächsischen Bürgcrblock- karusscls: Katzbalgerei bei den Nationalsozialisten. Wobei man nicht übersehen darf, daß gleichviel ob Herr Bünger eine parlamentarische Mehrheit erhält, das Arbeiter- land Sachjen zunächst von einem um reaktionäre Beamte vermehrten Rechtstabinett regiert wird. Schlechte Aussichten für Bünger. Dresden. 3. Juli.(Eigenbericht.) Die Kommunisten haben im Sächsischen Landtag bereits ein Mißtrauensvotum gegen die Regierung Bünger eingebracht. Inzwischen haben die Auswertler beschlossen, f ü r das Mißtrauensvotum zu stimmen, so daß einschließlich der sozialdemokratischen und kommunistischen Opposition insgesamt 48 von 96 Stimmen für das Mißtrauensvotum abgegeben werden dürften. Stimmt auch nur einer der beiden Altsozialisten für das Mißtrauensvotum, was nicht unwahrscheinlich ist, so ist eine Mehr- heit von 49 Stimmen gegen das Kabinett Bünger vorhanden. Die neu« Regierung kann also bereits am Donnerstag wieder gestürzt werden. Tschechisch-madjarischer Konflikt. Derkehfssperre wegen Verhasiung eines Spions. Di- tfche'chofloivakilcke R-gi-nmg Hot ihr-n?isent>ahnverkchr nach der ungarischen Grerystation chidasnemeti bis auf werteres eingestellt und ihre Beamten van dort zurückberufen. Zur Begründung gibt Prag an, ein tschechoslowakischer Eisenbahner sei von ungarischen Beamten oer schleppt worden, ohne daß die tschechoslowakischen Behörden irgendwie verständigt wurden. Budapest sogt dazu: Die ungarischen Behörden haben bereits seit längerer Zeit gewußt, daß der tschechische Kassierer P e ch a bemüht ist, sich in den Besitz von vertraulichen militärischen Schriftstücken zu setzen. Am 28. Juni hat ein Kellner des Gasthauses von chidasnemeti, der seit längerer Zeit Bermittlerdienste für Pecha leistet, dem Pecha ein Schrift- stück übergeben, das militärische Angaben enthielt. Pecha hat das. Schriftstück genommen und durchgelesen, worauf er sich aus dem Gasthouse entfernte. Die ungarischen behördlichen Organe, die die verdächtige Haltung Pechas aufmerksam verfolgt hotten, haben ihn in Hast genommen. Mehrere Zeugen erklären, daß der Verhaftete, wie er selbst auch gestand, bereits feit längerer Zeit eine Verbindung mit Personen unterhält, die ihm«christstücke vertrau- liehen militärischen Charakters Übermittellen. Der tschechoslowakische Gesandt« sn Budapest wird von der im- garischen Regierung Aufklärung über die Verhaftung Pechas verlangen und Beschwerde erheben. Dos Regierungsblatt„Proger Press«" schreibt, man täusche sich in Budapest, wenn man glaube, auf diese Art Vergeltung für die Verhaftung ungarischer Staats- bürger in der Tschechoslowakei üben zu können.(Die Budopester Re- gierungspresse hatte nämlich geschrieben, daß häufig ungarische Staatsbürger trotz gültigen Sichtvermerks beim Betreten tfchecho- slowakischen Bodens verhaftet werden.) Neuerdings droht Prag mit Sperrung der ganzen Ungarngrenze, wenn Pecha nicht bis Freitagoormittag ent- haftet ist. Die Ungarn hoben auch einen Landwirt in Hidasnemetli verhaftet. Dem protestierenden tschechischen Gesandten erklärt« der unga- risehe Zlußenminister Walko, das Vorgehen der ungarischen Behörden richte sich gegen die S p i o n a g e t ä t i g k e i t Pechas, den man längere Zeit beobachtet hätte. Dies« Antwort wird von Prag aus als nicht befriedigend erklärt, da die Art und Weise der Verhaftung, auch wenn der Grund richtig war, dem tschechisch« ungarischen Cisenbahnübercinkonnnen widerspreche. Minister Thomas' programmrede. Arbeiierregierung und Arbeitslofigkeii. alles andere als ein Instrument zur Aufte'chterhaktung der Ruhe und Ordnung. Sie find vielmehr zu einem Element der Anarchie geworden, das die Verwaltung des Staates und der Länder in seinen Grundfesten gefährdet. Es ergibt sich nun die Frage, ob die cheimwehren stark genug sind, der österreichischen Demokratie gefährlich zu werden. Auf sich allein gestellt wären die Heimwehren auch heute noch ein bedeutungsloser Klüngel, der sich im Ernstfälle an den festen Mauern des Republikanischen Schutzbundes die Schädel einrennen würde. Aber so einfach liegen die Dinge nicht mehr. Die Kooperation der Heimmehren mit leitenden Organen der Staatscxeku- t i v e— das ist die eigentliche Gefahr, die der Demokratie in Oesterreich droht. Freilich sind auch die antifaschistischen Gegenkräfte in den letzten Iahren nicht geringer, son- bern stärker geworden. Während früher die Sozialdemokratie im Kampfe gegen die Heimwehren ganz isoliert war, zeigt sich jetzt ollgemach auch in anderen österreichischen Parteien eine gewisse Ernüchterung. Die bürgerlichen Zeitungen, die noch vor wenigen Monaten die Heimwehren feierten und verherrlichten, sind heute zurückhaltender. Eine ganze Reihe namhafter bürgerlicher Politiker hat sich sogar sehr un- Seschminkt und" deutlich von den Heimwehren abgewendet. e näher die Gefahr eines Bürgerkrieges rückte und je ver- antwortungsloser das Gebaren der Heimwehrführer wurde, desto größer wurde die Schar derjenigen, die da nicht mehr mitmachen wollen. Es ist allerdings noch immer möglich, daß es die Heimwehren wagen, bei einer ihnen passend er- scheinenden Gelegenheit es auf einen Zusammenstoß ankom- men zu lassen. Aber die Situation ist im allgemeinen für sie nicht mehr günstig. Auch das Schlagwort voin„Versagen des Parlamentaris- Mus" ist kaum mehr zugkräftig, weil das Parlament unter der Führung der neuen Regierung eine Reihe wichtiger Ge- fetze, wie das Mietenfchutzgesetz, erledigt hat und eben im Begriffe ist, eine Reihe weiterer Reformen, wie zum Bei- spiel die der Altersversicherung, der endgültigen Er- ledigung zuzuführen. So ist nunmehr die antiparlamentarische Stimmung, von der die Heimwehren eine Zeitlang lebten, ganz sichtbarlich im Abklingen begriffen. Die Arbeiterklasse Oesterreichs verläßt sich natürlich nicht auf die schwankenden Stimmungen des Bürgertums. Sie geht unbeirrt den Weg der Demokratie und den der Ver- teidigung der Demokratie. Im Kampfe gegen die .Heimwehren ist die Organisation der österreichischen Sozial- demokratie in den letzten Iahren noch bedeutend gewachsen. Auch der Republikanische Schutzbund, die Verteidigungsforma- tion der österreichischen Arbeiterklasse, ist stärker geworden. Gestützt auf ihre eigene Kraft können so die österreichischen Arbeiter den Gefahren des Heimwehrfaschismus ohne Zagen entgegensehen. Das sichere Gefühl der vorhandenen Kraft wird sie indes niemals dazu verleiten, die Gefahren, die ein Bürgerkrieg für alle Teile des Volkes in sich birgt, gering zu schätzen Das oberste Ziel ihrer Taktik war und wird es weiter sein, alles zu tun, was in ihrer Macht steht, um dem Ausbruch eines Bürgerkrieges entgegenzuwirken. Sozialfaschistin Klara Zetkin. /, Sie wollte nicht nach Teddys pfeife tanzen. JtV.ei&si» geheime u. Rundschreiben an di« polrtr- fchen Sekretäre der einzefnen Bezirke hat dos Zentralkomitee der KPD. besondere Anweisungen über die B e h a n d l u ng des Falles„Klara Zettln" gegeben. In den Rundschreiben wird zunächst bestätigt, daß der Abreise Klara Zetkins von Mvstau heftige Auseinandersetzungen mit der gegenwärtigen Führung der Kamintern vorausgegangen sind. Klara Zetkin habe eine Erklärung unterschreiben sollen, nach der sie sich in Deutschland von jeder Verbindung mit der ausgeschlossenen Brandler-Gruppe zurückhalten und sich bei einer politischen Tätig- leit T h ä l in a Ii n unter st cllen würde. Das habe Klara Zetkin 'abgelehnt. Sie habe hinzugefügt, daß sie b«! etwaigen Schwierig- keilen die Dienste des deutschen Konsuls in Moskau in Anspruch nehmen müsse. I» dem Rundschreiben wird schließlich verlangt, daß in den einzelnen Bezirken der Boden für den zu erwartenden Ausschluß vorbereitet werde. Klara Zetkin wird als«ine willenlose altersschwache Person bezeichnet, deren Rücksall in die sozialdemokratische Ideologie schon jahrelang verdeckt worden sei. Die kommunistische Oppositionspresse berichtet, in kommunisti- schen Milgliederversammlunaen erzählten die 5kPD.-Setretär« be- reit«, Klara Zetkin sei mit Anindler bei den„Sozial- sä schifte n" g c lande t. Zenirumsarbeiter zur Zollpolitik. Die Konsequenz: Lohnerhöhungen. Köln, Z. Juli.(Eigenbericht.) In einer großen Versoinmluiig der christlichen Gewerkschaften in Köln erklärte der Reichstagsabgcordncte Schlack(Ztr.)». a., die breiten Schichten des Volkes würden durch die neue Zoll- et höhung mit etwa lüü Millionen Mark jährlich mehr als bis- ber belastet. Man wüste verlangen, daß dafür ein Ausgleich durch Lohnerhöhungen geschaffen werde. Der Redner wandte sich nach diesen Ausführungen gegen die Art, wie manche landwirtschaftliche Zeitungen und Führer das Er- gebnis dieser Zollerhöhungen ausgenommen und als eine Ver- höhnang der Landwirtschaft kritisiert haben. Angesichts dessen müsse es sich die Arbeiterschaft Uberlegen, ob sie in Zukunft noch in der Lage sei, zu derartigen Maßnahmen ihre Hilfe zu leihen. Die Mecklenburger Rechisregierung. Schwerin. 3. Juli.(Eigenbericht.) Die Verhandlungen der bnrger'ichen Fraltionen des Landtages von Mecklenburg-Schwerin zur Neubildung der Regie- rung— mit Ausnahme der Demokraten— stehen vor dem Ab- schluß. Die Nationalsozialisten werden die Regierung unterstützen. Sie soll sich zusammensetzen aus dem Präsidenten der Landwirtschasiskammer von Mecklenburg-Schwerin, einem Gutsbesitzer Karl Eschen bürg als Ministerpräsidenten und dein provisorischen Leiter des Landesfinanzamtes Mecklenburg. Lübeck, Ministerialrat B i e r st ä d t. Ministerialrat Bierstädt war längere Zeit im Reichssinanzininisteriiim tätig und soll der Deutschen Volkspartei nahestehen. Eschenburg, der bisher in der mecklen- bürgischen Politik noch nicht hervorgetreten ist, gehört dem deutschnationalen Landbund an, London, 3. Juli.(Eigenbericht.) Der Minister für Arbeitsbeschaffung G. H. T h o m a s entwickelte im Unterhaus die ersten Pläne der Arbeiterregierung zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Thomas betonte, daß ein abgekürzter Weg zur Ueberwin- düng der Erwerbslosigkeit nicht vorhanden ist. Die Millionengähl der Erwerbslosen gab ein salsches Bild, als hiervon 50 Proz. nur vorübergehend beschäftigungslos sind. Di« verbleibenden SM 000 teilweise lange Zeit hindurch zur Up- tätigkeit Verurteilten stellen das gefährliche Problem dar. Sein ernstes Bestreben geht dahin, überflüssige Importe zu vermeiden und an chre Stelle Güter zu setzen, die in Groß- britannien selbst erzeugt werden können. Als Beispiel sührt er an, daß er die Eisenbahngesellschaften veranlaßt hat, in Zukunft stählerne Schlafwogen bauen zu losten, an Stelle der hölzernen, für die das Material aus dem Ausland eingeführt wer- den müsse.' Das von Thomas entworfene Aktionsprogramm zerfällt in drei Teile: Arbeiten, die sofort in Angriff genommen werden können, wie z. B. die Ersetzung der hölzernen durch stählerne Schlafwagen, Per- wendung von Zement statt Holz durch die Poswerwallur.g, Straßenbauten aus dem Wegebausands von 37)4 Millionen Pfund i Arbeiten, über deren. Notwendigkeit allgemeine Ueberein- stimmung herrscht, die jedoch eine gewisse Dorbereitung fach- licher ui�> technischer Natur benötigen, wie Eisenbahn e l e k t r is i- z i e r u n g. Schaffung einer Ringbahn um London für den Gütertransport. baldiger Beginn des Weiterbaus bzw. der Verbesserung der Londoner Brücken. Die dritte Kategorie sind großzügige Probte weder Industrieförderung, die genauer Lorbereitung bedürfen. Thomas beschränkte sich in seiner Rede im wesentlichen auf die ersten beiden Punkte und betonte, daß die Regierung in Ergänzung ihres Programms Maßnahmen der lokalen Behörden und geinein- '"tzigen Körperschaften fördern wolle. Die Frage der Erhöhung des schulpflichtigen Alters auf lo Jahre sowie die Pensionierung alter Arbeiter wird mit größter Be- schleuiiigung untersucht werden. Nach den Ausführungen von Thomas ergriff Churchill das Wort, der u. a. ausführte: Iederniann wird sicher bereit sein, Herrn Thomas angesichts der von ihm übernommenen Aufgabe Sympathie und Wohlwollen zu gewähren. Auch Herr S n o w d c n wird sicher von allen Seiten des Hauses aufrichtig und herzlich be- glückwllnscht werden, wenn es ihm— Churchill erinnerte an Snow- dens Angriffe auf die Schuldenabkommen mit Frankreich und den Vereinigten Staaten— gelingt, Frankreich zu überreden, mehr zu zahlen oder die Vereinigten Staaten, weniger zu nehmen. S« l t- f a m aber würde es fein, wenn Snowden als erste wichtige Amts- Handlung«ine europäische Vereinbarung verteidigen müßte, die Großbritannien in eine schlimmere Lage bringt als die war, die damals Snowden als durchaus skandalös bezeichnete. Die konservative Opposition erwartet, daß die Regierung Anfang 1930 einen Derlranensanlrog einbringt, damit da» Haus dann nach eingehender Aussprache über die politische Lage, wie sie sich bl» dahin entwickelt hat. abstimmen kann. Churchill schloß: Im Augenblick, wo die Regierung Macdoncrld einen Versuch unternehmen sollte, irgendwelche jener fundamen- talen Trugschlüsse in Kraft zu setzen, auf dem das gesamte Gesüge der Sozialisttschen Partei aufgebaut ist, wird sie aus dem Amt gefegt werden. Lloyd George über Abrüstung und Räumung. Der weiter« Verlauf der Debatte brachte di« mit Spannung erwartet« Red« de» Führer» der Liberalen Lloyd George. der«. o. erklärt«: Die Vorschläge der Regierung kömren vielleicht den Mitgliedern der Arbeiterpartei geiallen, ober ich zweifle, ob die Arbeitslosen über sie ebenso erfreut sein werden. Meiner Meinung nach hätte die Regierung einen kühneren Plan entwerien müssen. Lloyd George bezeichnete weiter Maedonalds Be- sprechungen mit dem amerikanischen Botschafter D a w e s als b e- grüßenswert. Wenn nun die Regierung«in Abkommen über di« Dermind«- rung der Flotten der Welt erzielt, so darf si« sich doch keineswegs vorstellen, daß sie damit da» gesamte Abrüstung?- Problem gelöst hat. Im geg-mwärtigen Augenblick gibt e», so fuhr Lloyd George fort, in Europa acht große und klein« Mächte mit mächtigerer militärischer Rüstung als vor dem Kciege. vi« Verhandlungen de« Abrüstungskommiffion waren bis zum gegenwärtigen Augenblick nicht, als«tu« Komödie. Eine Riiftungsvermindenmg ist nicht durchgeführt worden. Es b«- steht auch kein Anzeichen für den Wunsch oder die Absicht dei� Ab- rüstung. Wenn«s der Regierung nicht gelingt, die Polittk durchzuführen, die die Trundlage des Völkerbunds ist, nämlich drastische Rüstungsverminderung aus dem europäischen Kontinent, wird die Gefahr für den Frieden bestehen bleiben. Gewiß ist die augenblickliche Regierung durch den Umstand behindert, daß das vorige Kadinett sich verpflichtet hat, nicht die Reserven in die Berechiwng militärischer Rüstungen auf dem Kontinent einzu- schließen. Solange ein«, Abrüstungskonferenz unter dieser Vor- bedingui»g zusammentritt, muß sie eine vollkommene Farce"bleiben. Bier Fünftel der Heere auf dem Kontinent seien aus Reserven zusammengesetzt. Es gebe nur einen einzigen Weg zur Rüslungsvermludenmg, nämlich den gegenüber Deutschland verfolgten, die HeeresskSrke zu verminderu und das Kriegsmaterial auf den Schutthaufen zu werfen. Die Rüstungen auf dem Kontinent feien jetzt bei weitem ge- waltiger als im Jahre 1974. Es fei denn, fuhr der Redner fort, daß die gegenwärtige oder eine künftige engtische Regierung das Problem wirklich in Angriff nehmen wird, und daß das feierlichefchrift- liche Versprechen erfüllt wird, dos wir olle im Jahr« 4919 gegeben haben, nnd in dem sämtliche alliierten Möchte und alle di« anderen, die den Vertrag von Versailles miterzeichnet habe», sich verpttichten.'ihre Rüstungen- gründlich und bis zu-ckem Mindestmaß, das mit ihrer Sicherheit vereinbar ist, heräbzuseßen, vorher ist e» zwecklos, über Schiedsgerichtsbarkeit zu reden. Zur Rheinlandfrage übergehend bedauerte Lloyd George, daß die Regierung die Frage der Räumung mit der der Reparationen in Zusammenhang gebracht habe, mit denen sie nichts zu tun habe. Nach dem Friedensvertrag, so erklärte er. sollte das Rheinland geräumt werden, sobald Deutsch- lond die Bedingungen des Vertrages durchgeführt hat, und niemand kann sogen, daß Deutschland nicht seit Iahren die Bedingungen des Bertroges durchgeführt habe. ünsolgedesiea begrüße ich die Erklärung der Regierung, daß Großbritannien die britischen Soldaten abbefördern»ad einen Druck auf die anderen Mächte ausüben wird, diesem Beispiet zn folgen. Im weiteren Verlauf seiner Rede äußerte sich Lloyd George z», stimmend über die Haltung der Regierung gegenüber dem Jilbustrie- schütz. i Joseph Wauiers' Leichenzug. Unter den Hunderttausend marschieren Minister und Diplomaten. Brüssel, 3. Juli.(Eigenbericht.) 1 Die Leichenfeier für Joseph Wauters gestaltete sich zu einer großartigen Trauerkundgebung des ganzen arbeitenden Volkes von Belgien. Wohl seit Jahrzehnten hat Brüssel kein solches Leichen- begräbnis gesehen. Bor dem Sorg hielten Vanderveld« und d e Brouckere' kurze Ansprachen. Leon Blum sprach im Namen der aus- ländischen Delegierten. Für die deutsche Sozialdemokratie war E r i z p i e n erschienen. Ungezählte Tausend« füllten den großen Platz und die angrenzenden Straßen. Sie bildeten später den Trauerzug, den eine Abteilung Arbeiterwehr führte. Die Zahl der Teilnehmer wird auf 100 000 geschätzt. Der Zug, in dem auch zahlreiche bürgerlich« Politiker, Minister und Beamte sowie ausländische Diplomaten sich befanden, bewegt« sich an den Ministerien und dem Parlament vorbei, wo die Nattonolsarben halbmast gehißt waren. Am Ausgange der inneren Stadt wurde der Sorg von einem Krastleichenwogen übernommen und in Be- gleitung der Familie und des Parteioorstandes noch Varemwe in der Provinz Brüsiel zur Beerdigung übergeführt. Krankreich dürste nachgeben. Der Streit um den Konferenzort. Pari», 3 Juli.(Eigenbericht.) Das französische Außenministerium hat noch den Vorstellungen des deutsehen Botschafters hinsichtlich der Wahl des Tagung». ort«? für die diplomatische Konferenz der«ng- tischen Regierung gegenüber nochmals all« Gründe dargelegt, die ihrer Auffassung nach für die Wahl eines neutralen Tagungsortes sprechen. Indessen gibt man sich hier keinerlei Illusionen mehr darüber hin, daß Frankreich sich schließlich mit der Wahl Londons wird einverstanden erklären müssen, da alle an- deren Mächte ihre Zustimmung bereits erteilt haben. Der Quai d'Orfoy wird auch kein« Einwendung«» dagegen erheben, daß die Konferenz, wie Deutschland es wünscht, in den ersten Tagen des August zusammentritt. Hitler in Verkleidung. In Sachsen bot die Hitler-Partet ben Sozialdemokraten und Kommunist«« gemeinsame TUgierungebiltmng an. Oer vermummte Hitler: ,Aix ssu handeln V Oer Gchimpfprinz zu Lippe. Gröblichste Beleidigung republikanischer Minister kostet Svv Mark. Krach im Bühnenvolksbund. Oer neue Generaldirektor Hüpgens hat seinen Posten verlassen Dom Bühneimolksbund, d«r„christlich-nationalen" Thtoter- bosucherorganisation. hört man erbaulich« Ding«. Gp«d«n wird be- kannt, daß gönzlich unerwartet der Generaldirektor chüpkens feinen Posten mit sofortiger Wirkung verlassen hat. Seit dem l. yuli der Dorgang spielt« sich tag» zuvor ab— ist die Reich»geschöstvst«ll« de» Dühnenvolksbundes verwaist. Ueber den Nachfolger zerbrechen sich die verblüfften Hinter- bliebenen noch die Köpf«. lvie das kam? Di« Antwort auf dies» Frag« liegt aus der Hand. Hüpgens hat vor einem Jahr das Erb« feine» Vorgängers Gerst, nämlich sin« vor dem Ruin flehend« Organisation, als ehemaliger Antipode Gersts übernommen. Der neu« Mann hatte gewiß keinen leichten Stand. Er versuchte, die auseinanderstrebenden Kräfte des Bühnenvolksbundes, ein Konglomerat reoktionörfter Parteimischung, auf eine vernünftige Linie zu' dirigieren. Selbst Anhänger und Per. trauensmann des linken Zentrum», wollt« Hüpgens wohl feinen Bund vor der drohenden restlosen Isolierung bewahren und die Organisation auf eine aktionsfähige Grundloge stellen. Aber die Widerstände scheinen doch größer gewesen zu sein, als man leichthin annehmen durfte. Wohl oermied man sorgfältig«in« allzustorte De- tonung des„christlichen" und des„nationalen" Elements innerhalb des Programms! bestenfalls wendete man dies« Firmenbezeichnung je nach Bedarf und nach den augenblicklichen Konfunkturverhältnisfen an. Aber aus die Dauer ließen sich die Risse nicht überkleistern. Im Bühnenoolksbund steht der Zentrumsarbeiter neben dem Haken- kreuzler, der nationale Spießer neben dem Stahlhelmmann. Ein brodelndes Durcheinander, auf die Dauer in Güte nicht vereinbar. l'-nd nun scheint es, als ob der neu« Generaldirektor nicht nur seiner Ausgabe erlegen, sondern von den Gegnern erdrückt worden sei. Er bätte gewiß bleiben können: bestimmt zwang ihn niemand zum Gehen. Als charaktervoller Mann, der Hüpgens war, mußte er gehen. Di« inneren Derhältniss« des Bühnenoolksbund es werden durch diesen außergewöhnlichen Vorgang wieder einmal schlaglichtartig er- bellt. Die latente Krise wird auch durch diese neueste Esplofion nicht behoben. Man darf aber gespannt sein, auf welchen Irrwegen der Bühnenoolksbund endlich zu seiner ideellen Sanierung oder, was wahrscheinlicher ist, zum endgültigen Fiasko kommt. Kirchenverirag angenommen. Oer Haupiausschuß stimmt mit 16 gege�» 13 Stimmen zu. Die Beratungen über den Staatsvertrag mit der Kurie wurden gestern im Houptausschuß des Preußischen Landtages zu End« geführt.. Zwischen den Wortführern des Zentrum» und der Deut- schen B o l k s p a r t c i entstanden dabei abermals überaus heftig« '.iuseinondersetzungen. die auf der Seit« der Deutschen Dolkspami von Herrn von Campe, Dr. Kriege und Dr. S t e n d e l, auf der Seite des Zentrums von den Herren Linnebom. Lauscher und Heß gesührt wurden. Kultusminister Dr. Becker gab im Namen des Stoaisminist«. riums die Erklärung ob, daß das Staoteministerium dem endgültig 'annulierten Entschließungsantrog der Demokraten zustimmt. Der Antrag lautet: ..Ilnverbindlich in Verhandlungen mit den evangelischen � Kirchen einzulret»«»cher Ve««äge. die�sus dem--Gebiet d" Religionsübung, dech kirchlichen Eigentums und anderer kirchlicher Rechte der innerkirchlichen Gesetzgebung und der Verwaltung, der Dotationen und der Besetzung der leitenden Aemter die poritätisch« Behandlung mit der katholischen Kirche sicherstellen. Dabei soll we-ter geprüft werden, ob die bisberige Rechtslage hinsichtlich der Besetzung der theologischen Lehrstühle vertraglich festgelegt wer- den kann." -K o n i g(Soz.) begründet« einen Entschlicßungsontrag seiner Fraktion, der dos Staotsministerium ersucht, unverzüglich die Bestimmungen de» Artikels 137 Ziffer 7 der Reichsveriassung aui dem Verordnungswege durchzuführen Es handelt sich dabei um die Gleichstellung der Vereinigungen, die sich die gemeinschoitliche Pstege einer Weltanschoming zur Aufgab« machen tFreidenker). Kultusminister Becker äußerte sich zustimmend zu diesem Entschlicßungsontrag. In der Schlußobstlmmung wurde der«irchenvertrog mit IS Stimmen der Sozioldrmokraten. de, Zentrums, der Demokraten und der wirlschafwparlei gegen lZ Stimmen der übrigen Portelen angenommen. Zuvor wurde der demokratische Antrag zugunsten der evange- tischen Kirche gegen die Stinnnen der Deutschen Aolkspartei und der Kommunisten bei Stimmenthaltung der Sozialdemokraten a n- genommen. Der sozialdemokratische Antrag zuungunsten der Freidenker (Artikel 137 der Rcichsversassung) wurde angenommen. Die Arbeiislosenversicherung. Zwei Vorträge im Zivndfunt. Bor den.Hörern der„Deutschen Welle" und zahlreicher Orts- sender sprachen am Mittwoch abend Reichstagsabgeordneter Peter Graßmann, der zweite Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes und nach ihm Dr. E r d m o n n, vom Haupt- verband der Unternehmer, über die Arbeitslosenversicherung. Einig in der Anerkennung der Notwendigkeit der Arbeitslosenversicherung, gingen beide Redner in der Frage ihrer Sanierung desto weiter auseinander. Graßmann betonte, daß die vielfach behaupteten Mißstände bei ihrer Nachprüfung auf ein« verschwindende Zahl einschrumpfen und daß die Geivertsckiasten jeden Mißbrauch auf da» schärfste verfolgen: er sieht den Weg, das Defizit der Versicherung zu beseitigen und ihre Letstungssähigkeit zu stärken in der L e i t r o g? e r h ö h u n g um 1 v. H. und in der Nieder- schlagung der vom Reich pflichtgemäß gegebenen Zuschüsse. Dr. E r d m o n n sprach entschieden gegen die Beitragserhöhung- die die kaum erträgliche Kapital, und Kreditnot der Wirtschaft zu der Mehrbelastung durch den Poung-Plan in« Unerträglich« steigern würde. Sanieren könne man nur durch Beseitigung der Fehler- o u e l l e n, von denen der Redner ober nur die S o n d c r s ü r- sorge für die Saisonerwerbslosen erwähnte, um sie rundweg ab- ZU le h nen. Er berief sich auch auf amtliche Berichte, die ihm recht gäben, die ober noch nicht verösfentlicht seien. Wenn solch« Berichte vorhanden sind— bisher hat man darüber noch nichts gehört— (o muh man schon fragen, woher sie die U n t e r n e h m e r o r g a n i- sation hat! Veröffentlichen solle man sie nun sofort! Ein Serastme-Attentäler. An der philosophischen Fakultät der Belgrader Universität wurde der letzte lebende Teilnehmer an dem Serajewoer Attentat im Jahre 1014, Nasa Gabrilowitsch, zum Doktor der Philosophie promoviert. Seine Doktorarbeit war der Rechtfertigung de» bosnisch-herzegowtnischen Aufstandes vom Jahre 187S gewidmet. Glogau. 3. Iuii.(Eigenbericht.) Der Prinzensprößling beleidigt weiter. In einem Brief an den Landgerichtspräsidcnten hält er ihn reis für Jerusalem. Der Staatsanwalt fordert vier Monat« Gefängnis. Auf eine Geldstrafe bittet er nicht zu erkennen. Ein die Stoatsform verhöhnendes Urteil, an Stelle von einem Monat Gefängnis wird der Angeklagte zu öOO M. Geldstrafe verurteilt. Vor der Großen Strafkammer unter Vorsiß des La.ndgerichtz- direktors Hennig fand heut« die Berufungsverhandlung gegen den Prinzen Friedrich Wilhelm zu Lippe auf Drogeswitz statt, der in der ländlichen deutschnotiova-len Zeitung, im „Guhrouer Anzeiger", in einem Artikel über Stohlhelm-Volks- begehren und Außenpolitik grcbe Beschimpfungen der Republik und ihrer Minister ausstieß. So schrieb er, daß man im Zuchthaus gewesen sein müsse, um Minister der Republik zu werden. Die Dorinstagz hatte den Prinzen am 13. April zu einer Geldstrase von 300 TO. verurteilt. Bei der Verhandlung sind Generalstoatsanwatt Reinecke-Breslau und auch der Landgerichtspräsident Bertho'd-Glegau anevefend. Die deudschnationol« Händedruck-Sehässin ist diesmal im Zuhörerraum. Zu Beginn der Verhandlung stellte der Angeklagt« durch seinen Verteidiger, Reichstagsabgeordneten E v e rl in g, den Antrag, fünf von ihm mitgebrachte Zeugen zu oernehmen, die beweisen werden, daß in nationalen Kreisen die inkriminierten Wort« sprichwörtlich sind. Zur Person des Angeklagten ersahren wir, daß jener Prin,;enspröß> ling heute noch als Hauptmann eine Pension von 217 M. pro Monat von der dreimal verfluchten Republik bezieht, dennoch ober diese aufs gemeinste beschimpft: weiter, daß der Pvinzenspröß- ling, dem es angeblich sehr schlecht.geht, als Deputant auf dem Gute seines Dater» ist und daß er weiter als Aussichtsrotsvorsitzender der Kohlen- und Erz-A.-G. tätig ist, aber keinerlei Dividende nach sonstig« Einkommen au» diesem Posten bezieht. Für zwei im oer- gangenen Jahre unternovinrenc Auslandsreisen, aus die der Staats- anwalt hinweist, will erdicGeldero»» Freundeskreisen, u. a. von der Kohlen- und Erz-?l.-G. erhalten hoben. In Griechen- land. Syrien und Aegypten- will er rosienpsychologisch« Studien betrieben haben, aus deren Lehren heraus er auch diesen Aufsaß geschrieben hat. Parteipolitisch war er schon in den verschiedensten Rechtslagern tätig, besonders bei den v o l k i s ch e n Gruppen. In der heuligen Verhandlung oersuchte der Prinz sich als den unschuldigsten der Menschen hinzustellen. Er habe mit seinen Sätzen die Minister nicht beleidigen wollen. Mit seinem Artikel wollt« er nicht etwa die Staatsform, sondern nur die Regie- rungsweise abändern. Er sei zwar Monarchist, so erklärte er, oder für diese« korruplionssystem sei heute die Monorchie viel zu schade. Sein« fünf Zeugen, alle Stahlhelmführer, konnten direkt Positives zur Entlastung nicht aussagen. Mit einer Gest» nachdem Zu- hörerroum oersuchte der Verteidiger deutschnationale Propaganda aus der Sache zu machen. Zu einem Zusammenstoß mit dem Anklagever- t r e t« r kam es, als man die Rechtsirage in bezug aus den Straf- anfrag de» preußischen Ministerpräsidenten erörterie Der Der- leidiger Everting bezichtigte den Ministerpräsidenten einer a m t- lichen unwahren Antwort. Der Staatsanwalt verwahrt« sich ga-vtz energisch dagegen, dennoch hielt Herr Everling in schnoddrigem Tone die Zweifel aufrecht. Zur Würdigung des Charakters de? Prinzen forderte die An. klagebhörde die Derlesung eine? an dey Landgerichtsprösidenten in Glogau vom Angeklagten gerichteten Briese». Der Landgerichts- Präsident hat durch sein energisches Einschreiten in einer anderen Iustizongelegenheit und auch-n der Hondedruckasfäre sich den Haß der Recdtskreife zugezogen, und aus diesem Grunde heraus erlaubte sich der Angeklagte u- a. folgende» zu schreiben: „werter Herr Landgerichtspräsidenll wie an» republikanischen Kreisen verlautet, steht Ihr« als- baldig« Ernennung zum Oberlandesgerchtspräsi. deuten von Zerusalem bevor." Er begückwünsche ihn dazu und empfehle ihm, als Beirat sich den Asstsior Piertrkowski mitzunehmen. Wegen dieser unerhörten Peleidigung ist bereits Straf' an trag gestellt Staats« mvaltschaftsrat Pittig hielt nach§ 8 Ziffer 1 des Republikschutzgesetzes die Beschimpfung für erwiesen. Der Angeklagt« wollte die in Weimar gewählt« Staatvsorrn treffen. Er will sie beseitigen, um ein« andere an ihre Stelle zu setzen Jeder Unbefangen« muß dies aus dem Artikel herauslesen. Von Sprichwörtern zu reden, sei direkt lächrlich. Das deutsche Volk ist in seiner Mehrheit zu gesund, derartig« Sachen zu denken und als Sprichworter zu oe- zeichnen. Zur Wertung des bewußten Handelns des Angeklagten zog er auch den Brief an den Landgerichtsprösidenten heran. Der Angeklagte hat scharfe Beschimpfungen ausgestoßen und muß daher ein« scharfe Strafe erhalten. Er fordere vier Monate Ge» f ä n g n i s. Das Urteil de» Gerichtshofes lautet« auf 500 M. Geldstrafe an Stelle von einem Monat Gefängnis. . In der Begründung des Urteils sieht das Geiich: wohl die inkriminierten Sätze als Beschimpfung an. hielt aber bei der Straf- zumessung die Unbescholtenheit und politische Einstellung dem Zln» geklagten zugute und hat von einer Gefängnisstrose nach abgesehen. Es hielt eine empfindliche Geldstrafe als ausreichende Sühne für seine Tot. Der..Angeklagt« besaß den Geschmack, sitzend da? Urteil «ntgeaenzunehmen, ohne daß en vom Vorsitzenden gerügt wurde. Fünfhundert Mark Geldstrafe für den Prinzen, der im vergangenen Jahr« eine große Auslandsreis« machen konnte auf der einen Seite— die wüsten Beschimpfungen gegen re- publikanisch? Minister auf der anderen Seite: diese Gleichung stimmt nicht. Schöffen: ein Gutsbesitzer und ein cfrößerer Landwirt. Wenn die Justiz versogt, verbleibt die öffentliche Kenn- Zeichnung der niedrigen Gesinnung jener„natio- nolen" Leute, die wie der Prinz zu Lippe die Republikaner verleumden. Dieser Prinz ist eine wahre Zierde des„natio- nalen" Adels, ein Beispiel jenes Heldentums, das diese Kreise in der Republik auszeichnet. Die 500 M. werden feine generösen Freunde blechen es bleibt ihm die Verachtung aller anständigen Menschen. Evangelische Kirche und Republik. Gibt sie wirklich dem Staate, was des Staates ist? In diesen Togen, wo die evangelische Kirch« zur Begründung ihres Verlangens, einen Vertrag mit der preußischen Staatsregie- rung abzuschließen, ausdrücklich durch den Mund der Keneralsynad« hat verkünden lassen:„Die evangelische Kirche ist jeder- zeit bereit, dem Staate zu geben, was des Staates i st", ist eine aus Brasilien kommende Mitteilung ganz außerordent- lich interessant: Das gut republikanische„Deutsä� Volksblatt" berichtet über das große 7. Turnfest der Deutschen Turnerschast von Rio Grand« da Sul. Diese für das gesamte brasilianisch« Deutschtum sehr bedeutsame Veranstaltung vom 20. Mai, a» der auch die drasitionischen Behörden teilnahmen, erhielt einen empfindlichen und störenden Mißklong dadurch, daß der um da» Zustandekommen de» Festes besonders verdiente deutsche Generalkonsul, also der Repräsentant des Deutschen Reiche?, nicht erschienen war. Der Grund für sein Fernbleiben log darin, daß da» ver. fasiungsmäßige Hoheitszeichen des Deutschen Reiches das Bonner Schwarzrotgold, auf dieser Kundgebung sabotiert wurde. E? war, wie gemeldet wird, wegen der hartnäckigen Republikfeind- schost„einilußreicher Persönlichkeiten" des dortigen Deutschtums nicht möglich, die Fahne Schwarzrotgold zu zeigen. Wer waren nun ober diese einflußreichen Persönlichkeiten, denen die Fahne Schworzrotgold ein Dorn im Auge ist? Sie bestanden, wie uns dazu geschrieben wird, aus einigen Kaufleuten und au» der in der Synode von Rio Grande zu sammenge» s ch l d s s«» e n r c i ch s d e u t s ch c n evangelischen Geist- lichkeit.?lus der Mitte dieser Geistlichkeit sprang denn auch Herr Pastor Gottschald für die Festred« ein. die der Generalkonsul halten sollt«. Wie uns mitgeteilt wird, ist die deutsch-evangelsiche Syiwd« von Rio Grand« da Sul, die solchermaßen schwarzweißrot onge- strichen ist, dem preußischen evangelischen Kirchen- bund angeschlossen und empfängt von ihm Ihr« Weisungen. Wir sind gespannt, was die evangelische Generolsynvde zu diesem keineswegs vereinzelt dastehenden Vorkommnis sagt, und ob sie bereit ist, sehr»nmißocrstöndlich die Ausländsdeutsche evangelische Geistlichkeit darüber zu belehren, ob dos Gebot, dem Staat« zu geben, was des Staates ist, etwa nur für den untergangenen schwarz- weißroten Obrigkeitsstaat gegolten hat oder ob e« auch für d!' 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Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei -landesorganisation Hamburg neu zu besetzen, Bewerber müssen eine langjährige Mitgliedschaft in der SPD, organisatorische Ersahrungen sowie rednerische Befähigung nachweisen und die theoretischen wie prak- tischen Voraussetzungen politischer Führung erfüllen. Bewerbungen mit Angaben über die bisherige Tätigkeit in der Partei und Lebenslauf sind bis zum 20. ZuN tS2g zu senden an tteiNBI«« EISENBARTH Homburg, Schlankreye 25, IV. Nr. 307- 46. Iahrgang �.ch Vonnerstag, 4. Iuli �929 Der ll!K«eIi«WteM Charlottenbiirg. ! Au den höchsten Schornsteinen Europos ist der eben fertiggestellte Schornstein des Kraftwerkes Charlottenburg zu rechnen, der mit seinen t28 Meter Höhe in gewaltiger Weise die ganze Um- gebung überragt. Sein unterer Durchmesser mißt II Meter, der obere 8 Meter. Errichtet wurde er zur Vermeidung von Flug- aschenbelästigung, der die in der Umgebung des Kraftwerks an- sässtgen Bewohner früher ausgesetzt waren.— Außerdem wurde im Kraftwerk Charlottenburg zum Aus- gleich der in den Wintermonaten, vornehmlich abends auftretenden lleberbelastung«in« Ruths-Speicher- anlag« errichtet. Sie hat den Zweck, in den Zeiten geringer Belastung, also nachts und in den Tagesstunden, den von den Turbinen nicht benötigten Dampf aufzuspeichern. Zu Zeiten der Höchstbelastung des Werkes wird der Dampf dann dem Speicher entnommen und mittels Turbinen in elektrisch« Energie umgesetzt. Auf diese Art ist es also möglich, 67 000 Kilowatt zu speichern, um sie in 1K Stunden zur Entladung zu brin- gen. Die Ausnutzung de» aufgespeicherten Dampfes geschieht durch zwei Turbinen von je 20 000 Kilo- watt Maximalleistung. Knickerbocker und Baron v. Dassel. Wie die russischen Ookumenienfälscher hineingelegt wurden. Der zweite Verhaadlnngstag i« Orlow-Pawl»- nawskl-prozeß brachte schon mehr klarheil: die Ilebelschwadeu von Tterleumdungen. hinter denen der wirtliche Tatbestand verhüllt werden sollte, beginnen sich allmählich zu zerstreuen. Die Dehaup. limgen der Angeklagten, der amerikanische Journalist Knickerbock e r habe gemeinsam mit der GPU. gesälschle Dokumente gegen die amerikanischen Senatoren vorah und Ikorris in Umlauf gebracht, um die wahren Beziehungen der beiden zu der Sowjelregierung zu verschleiern: ihre Verdächtigungen. Knickerbocker habe sie als Lockspitzel der politischen Abteilung lA am Polizeipräsidium aus das Glatteis de» Dokumenienverkauf» gelockt, haben sich schon heute al, plumpes Verdunkelungsmanöver entpuppt. Im übrigen bewegte man sich in der letzten Sitzung unter adligen russischen Herren mit deutschen Ilamen: v. Lampe, Baron Dassel. Baron S ü st e r. Den Höhepunkt der Verhandlung bildete die Aussag« de» Herrn Knickerbocker. Oer Journalist Knickerbocker. Man ist über die ruhige Sachlichkeit dieses viel jünger aus- sehenden Zljährigen, schmalen, rothaarigen Amerikaners angenehm überrascht. Seine überlegen« Darstellung bot der Aggressivität der Verteidiger keine einzige Angriffsfläche. Im Degenteil: er begann seine Aussagen gewissermaßen selbst mit einem Generalangriff aus die Verteidigung. Er müsse an dieser Stell«, erklärte er, unter Bc- rusung auf Leumundszeugen den Verleumdungen, die über ihs» verbreitet werden, entgegentreten. Zur Sache selbst sagte«t: Im Oktober vorigen Jahres sei zu ihm Herr Dassel gekommen und habe ihm erzählt, daß er einen früheren Agenten der GPU. kenne, der sehr interessante Enthüllungen über hochgestellte amerikanische politisch« Persönlichkeiten machen könne. Als er im Januar in den amerikanischen Zeitungen die Belichte darüber las, daß der von dem amerikanischen Senat eingesetzte Untersuchungsausschuß die Fälschungen der Vorah- und Norris- Dokumente festgestellt Hobe, und daß Borah sich mit diesen Fest- stellungen nicht begnügen, sondern dem Ursprung der Fälschungen nachgehen wolle, da erinnerte er sich an dos Gespräch mit Dassel. Er fragte ihn, ob nicht unter den Dokumenten irgend- welche seien, die auf Borah Bezug hätten. Dassel versprach, sich danach zu erkundigen. Einige Tage darauf händigte er Dassel auf dessen Ersuchen einen Spesenvorschuß in höhe von 73 M. ein. Wieder ein paar Tage später besucht« ihn Dassel erneut und nannte ihm diesmal den Namen Sumarokow. Knickerbockcr er- kundigt« sich bei der russischen Botschast und erhielt die Auskunft, daß dieser bis zum Jahre 1924 sich tatsächlich in russischen Diensten befunden habe und wegen Diebstahls entlassen worden sei. Schon bei der ersten Begegnung hatte Dassel.Knickerbocker er- zählt, daß Pawlonowski angeblich einen ganzen Köster mit Dokumenten besitze, unter denen sich auch Borah-Schriftstück« befänden: der Koffer sei aber verpfändet: um ihn auslösen zu können, brauche er Geld. Am 28. Februar rief Dassel Kmckerbocker an und teilte mit, dos Pawlonowski die Dokumente nicht zeigen wolle, ohne einen Vorschuß erhalten zu haben. Knickerbocker weigerte sich, im voraus zu bezahlen. Am 29. Januar brachte ihm Dassel zwei?l»sw«ise des Pawlonowski und bat ihn, als Pfand gegen diese 100 M. für Pawlonowski vorschießen zu wollen. Am 30. Januar sollte Änicker- docker dann die beiden Dokumente erholten. In der Nacht vom 50. zum 31. fand ober in jeinem Kabinett ein rätselhafter Einbruch statt; sämtlich« Schreibtisch« waren erbrochen. Bon Papieren oder sonstigen Sachen fehlte nicht». Di« Verteidigung ist bemüht, festzustellen, daß Snickerbocker in diesem Falle gewissermaßen als Lockspitzel der Polizei tätig gewesen sei. Er hätte nicht anders gehandelt, sagte der Zeuge, wenn auch die Polizei ihre Hände nicht im Spiele gehabt hätte. Nachdem er von Pawlonowski trotz des Vorschusses die versprochenen Schrift- stück« nicht erhalten, dagegen in der Nacht vom 30. auf den 31. der Einbruch stattgefunden hotte, habe er auf Anraten des ameri- konischen Botschafters Anzeige bei der Polizei erstattet. Regierungs- direktor Dr. Weiß ließ ein Protokoll aufnehmen und riet ihm, mit der Betrugsanzeige noch zu warten, da er doch nicht wissen könne, ob er nicht doch noch echte Dokument« erhalten würde. Erst als er auf seine Forderung, ihm die Originale der gefälschten Borah- Schriftstücke zu besorgen— dem amerikanischen Ausschuß hatten nur Photographien vorgelegen—, ihm das dritte Schrifsttück zur Verfügung gestellt werden sollte, da griff die Polizei ein. Baron v. Dassel. Baron v. Dassel weiß viel und interessant zu erzählen. Er ist Journalist und schreibt für amerikanische Zeitungen. Mit einem Empfehlungsschreiben des Barons Küster fand er Zutritt zu Pawlo- nowski. Sehr verdächtig erschien es dem Zeugen, daß dieser immer ganz genau die Wünsch« Knickerbocker» notierte. So kam das dritte„fabelhafte" Dokument zustande, das ganz den Wünschen Knickerbockers entsprach: es ging aus dem- selben deutlich hervor, daß die GPU. selb st die gefälschten B 0 r ah- D 0 k u m e n t« in Umlauf gesetzt hatte. Zuerst legte Pawlonowski seinen Auftraggebern nur die englische Uebersetzung dieses Dokumentes vor. Später bracht« er das Original. Als er den Verdacht äußerte, Knickerbockcr könnte es photographiert haben, beruhigte Dassel ihn: das würde jeder journalistischen Ethik widersprechen. Das Schriftstück war aber schon photographiert. Baron v. Küster. Dieser Zeug« kennt Orlow noch von Rußland.(Er hat unter ihm in der Freiwilligen Arme« gedient. In der Orlowschen Woh- nung traf er sehr oft Pawlonowski: einig« Tage schlief dieser sogar bei ihm, sprach ober später über seinen Gastgeber sehr schlecht. Auch Orlow war auf Pawlonowski schlecht zu sprechen. Der Zeuge scheint übrigens selbst großes Interesse für ontibolschewistische Do- kumente zu haben. So schrieb er eines Tages aus Paris an Orlow und bat ihn, ihm für die sranzSsische Regierung irgendwelche Schriftstücke über die Tätigkeit der Volschewisten in Frankreich zur Verfügung zu stellen. Orlow war diesmal nicht dazu in der Lag«: man Hobe ihm die Dokument« gestohlen, schrieb er zurück. Im August oder September 1928 hat dann Pawlonowski dem Zeugen seine sensationellen Dokumente über die amerikanischen Politiker angeboten. So gelangten sie später über Baron Küster und über Baron Dassel an Knickerbockcr. Der Baron bestreitet auch nicht, daß er gehofft Hab«, an der ganzen Sache etwas zu oerdienen. Laut Bertrag mit Knickerbockcr sollte nämlich Orlow 1000 Dollar erhalten, Küster, Dassel und Pawlonowski dagegen sallicn die zweiten 1000 Dollar unter sich verleilen. Pawlonowskis Braut, dos 23jährigc Fräulein Dümmler, ist ein« sehr interessante Zeugin. Sie war es, die von Orlow persön- Lui) das erste Schriftstück erhalten und es Dassel gebracht Hai. Ihr hat Knickerbocker erklärt, daß ihn nur die gefälschten Original- dokument« interessieren: zusammen mit ihrem Bräutigam begab sie sich stracks zu Orlow, der sich auf der Stelle bereit erklärte, den Wunsch des amerikanischen Journalisten zu erfüllen, wovon Fräulein Dümmler den Auftraggeber auch sofort telephonisch benachrich- tigt«: ihr hat schließlich Orlow die englische Uebersetzung des„fabel- haften" Dokument« in die Feder diktiert. Die Zeugin will wissen, daß Pawlonowski mehr als tausend schriftliche Berichte dem Obersten Sieoert während seiner Tätigkeit bei ihm eingereicht hat. Als Dank dafür versuchte der russische Oberst die Braut zu ver- anlassen, den ihrem Bräutigam gehörenden Koffer voll Dokumente zu ihm in die Wohnung zu schassen, damit er hier an einigen für ihn gefährlichen Schriftstücken Aenderungen vornehmen könne. Al» die Zeugin Herrn Sieoert«ine» Tage» zur Red« stellte, werl er«in ihm von Pawlonowski für die deutsche Regierung über- geben«? Dokument auch in die Hände einer anderen Regierung übermittett hatte, erklärte dieser:„Sie können tun, was Sie wollen. hinter mir steht die deutsche Regierung und die politische Polizei." Man wird ja Herrn Sievert in der heutigen Sitzung kennenlernen. Auch Beamte der politischen Polizei werden vernommen werden. " �* 20000 Mark Geldstrafe. Das Urteil im Waldenbvrger Betrugsprozeß. Da, Schössengerichl Berlin MUle. unter Vorsitz 00« Amtsgerichlsral ketzner. verurteilte nach kurzer Beratung den Bankier Theodor»athk«. dvrch dessen AnlriHegeschäste die Stadt Waldenburg schwer geschädigt wurde, wegen Vergehen» gegen das Vankdepotgeseh in Tateinheit mit Betrug zu einer Geldstrafe van 20000 IN. Zu dem Urteil fügte Amtsgerichtsrat Keßner eine für den Angeklagten vernichtend« Urteilsbegründung hinzu. Das Gericht wäre der Ansicht, daß der Angeklagt« allein schon dadurch gegen das Bankdepotg«setz verstoßen hätte, indem er die Obligationen, die er für die Stadt lombardiert hatte, allein weitcrbeiieh. Der Rechtswidrigkeit de» Berrnögensvorteiles von 200 000 TO. sei sich Rathke auch subjektiv bewußt gewesen. D«r Ober- bürgerm erster, der seine Verfehlungen freimütig eingestand, hätte als Zeug« glaubwürdig ausgesagt, daß er in diesem Punkt« von dem Bankier getäuscht wurde. In anderen Fällen der Anklage mußt« auf Freispruch erkannt werden. Dieser Freispruch wäre aber kein Ruhmesblatt für Rathke, weil er auf der Tatsache beruhe, daß der Angeklagte völlig unfähig sei, ein Dankgeschäft zu führen. Seiner Unwissenheit wegen müßt« ihm aber der gute Glaub« zugebillizt werden. Strafbar wäre aber wieder der fingierte Ver- trag der Stadt Waidenburg, die der Höhepunkt der Tragödie dieser Transakttonen genannt werden müsse. Es fei wohl in der Geschichte der Kommunen etwas ganz Einzigdostehendes, was hier geleistet wurde. Die Stadt Waldenburg war ihr Geld los, und man fand nicht den Mut, die Wahrheit einzugestehen. Der Oberbürgermeister verschleierte nicht nur seiner Behörde den Totbestand, sondern er hielt es für richtig, durch den fingierten Vertrag, nach dem die Obligattonen noch bei Rathke lagen, Waldenburg zu immer höheren Zahlungen zu verpflichten. Die Tatsache, daß der An- geklagte unbestraft war. sicherte ihm mildernd« Umstände zu, so daß aus Geldstrafe zu erkenmn war. Der Angeklagt« habe nicht aus verbrecherischer Neigung gehandelt, sondern er wollte in Unkenntnis über die Grenzen seines Könnens größere und zwar ausländische Geschäfte finanzieren. Betriebskosten und gesetzliche Miete. Inkrastireten der neuen Bestimmungen am 1. August. Di« gesetzlich« Miete betrögt in Preußen wie in den anderen deutschen Ländern seit dem 1. Oktober 1927 120 Proz. der reinen Friedensmiete. Nach diesem Zeitpunkt ist in zahlreichen Ge- meinden eine Erhöhung der Abgaben für Entwässerung (Kanalisation), Straßenreinigung, Fäkalien-, Müll- und Schlacken- abfuhr eingetreten. Für diese Erhöhung der Betriebskosten findet der Vermieter in der nach dem Stande der Betriebskosten vorn 1. Oktober 1927 einheitlich für ganz Preußen festgesetzten gesetzlichen Miete bisher keine Deckung. Wie der Amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, wird hier durch eine demnächst in der Preußischen Gesetzsammlung erscheinende Verordnung des Preußischen Staatsministeriums Abhilfe geschassen. Danach haben die Gemeindebehörden einen hundertsotz der reinen Friedensmiete zu bestimmen, um den sich die g«< setzliche Miete dort erhöhl, wo eine Erhöhung der eingangs bezeichneten Betriebskosten nach dem 1. Oktober 1927 stallgesunden hat. Damit wird dem Vermieter ein Ausgleich für die ihn örtlich jeweils treffende höhere Belastung gewährt. Die neue Verordnung des Staatsministeriums tritt am 1. August d. I. in Kraft. Oeutfch-franzöfifcher Schüleraustausch. Unter der großen Zahl der gegenwärtig Berlin verlassenden Kindersonderzüge befinden sich auch zwei Gruppen, die be- sonderer Erwähnung verdienen. In Zusammenarbeit des B« r. liner Landesjugendamts mit dem Deutsch-französtschen Schüleraustauschdienst, Heidelberg, ist es gelungen, 58 Schüler und ferner durch Vermittlung der Deutschen Liga für Menschenrechte 46 Schüler der höheren Lehran st alten der Stadt Berlin nach Frankreich auszutauschen. Sie verlassen Berlin unter der Führung von Studienräten in drei Gruppen und bleiben während der Ferien in Paris und seiner Umgebung und zu einem Teil auch in Südfrankreich, um dann mit ihren französischen Austauschpartnern am Ende der Ferien nach Berlin zurückzukehren. Acht Wochen lang bleiben also die deutschen und französischen Schüler zusammen, um sich gegenseitig als Gäste bei den Austouschellern näherzukommen und ihre Sprachkenninisse zu fördern._ Drei Radfahrer uniet einem Möbelwagen. Gestern abend ereignete sich an der Ecke Grell» und Hose- mannstraße«in schwerer Sttaßenunfoll. Ein Motorrad. fahr er, der aus dem Soziussitz einen Begleiter mit sich führt«, fuhr beim Ueberqueren der Straßenkreuzung mit einem Rad- fahrer zusammen. Alle drei Personen stürzten aus das Straßen- pflaster. Zu allem Unglück passierte in demselben Augenblick«in Mörtelwagen di« Unfallstelle und di« beiden Motorradfahrer gerieten unter die Räder des Wagen». Sie erlitten dabei schwer« Schädel- brüch« und innere Verletzungen. Die Verunglückten, ein Hans S ch e e r aus der Schrcincrftraße 20 und Johann Mehlis aus der Grüneberger Straß« 14, wiirden ins Krankenhaus Am Fried- richshoin gebracht. Der Radfahrer ist mit leichteren Bar- letzungen davongekommen. p Geldraub Llnter den Linden. Das Mitteleuropäische �eisebureau um 30000 M. bestohlen. Die Langsinger, die sich das Reisefieber zuauhe machen, wissen zu arbeilen. lUH gröhler Unverfrorenheit hat gestern in den ersten Rachmittagsstunden ein unbekannter Dieb aus der wechselkasse des MTR. Unter den Linden da» gesamte Portefeuille mit 30000 Ul. Znhalt ent- wendet. Die Bureauräume im Erdgeschoß bergen einen großen Huf- cisenförmizen Ladentisch. Auf der einen Seite befindet sich die Fahrkartentafse.ausder anderen die W e ch s e l k a s s«. Dies« ist von hohen Glaswänden umschlossen mit einer Schalteröffnung in der Mitte. Der Angestellte, der sie bedient, geht nicht zu Tisch, sondern speist in den Hinteren Räumen, wenn der Andrang gerade etwas nachläßt. Am Mittwoch nachmittag kurz vor 2 Uhr trat eine kleine Pause ein. Da rief eine Filiale des Unternehmens aus der Friedrich- straßc an und bat um 1000 französische Franken Wechselgeld. Der Kassierer begab sich also»ach von: in seinen Verschlag, um das Geld bereitzulegen. Da sah er zu seinem Entsetzen, daß während seiner furzen Abwesenheit«in Dieb den gesamten Geld- bestand entwendet hatte. Kriminalbeamte des 1. Reviers wurden sofort benachrichtigt, konnten aber von dem Diebe keine Spur mehr finden. Die Tatsach«, daß etwa 50 bis 60 Leute im Raum« anwesend waren und hin und Herliesen, hat natürlich sein Vorhaben begünstigt. Es erschien zunächst unbegreiflich, wie der Dieb sich der Geldtasche hatte bemächtigen können. Gleich neben der Wechselkasie sitzt ein Angestellter, der die Pauschalreiseabteilung bearbeitet. Etwa 3 Meter hinter der Wechselkasse sind drei An- gestellte mit der Abfertigung der Schlafwagenabteilung beschäftigt. Alle hatten voll zu tun und konnten mir wenig auf ihre Umgebung achten. Durch Versuche, die die Kriminalbeamten anstellten, ergab sich, daß nur ein sehr groß gewachsener und magerer Mensch mit langem Arm sich durch, die Scholteröffnurrg zwängen und das Geld ergreifen konnte. In dem Portefeuille befanden sich außer den Banknoten noch für etwa 20000 M. Traveller- S ch e ik s, die sofort gesperrt wurden. Es ist immerhin möglich, daß einer der Anweseiiden eine Beobachtung-gemacht, die zur Auf- klärung beitragen kann. Jweckdienliäze Nachrichten werden an den I. Kriminalbezirk des Polizeiamtes Mitte erdetem ff.- r Ltm einen �embrandi. Ist er echt oder ist er falsch? Der Skreil um dm rnigezweisettm Rcmbraadk, über dm wiederHoll berichtet wurde, ist zwar in künstlerischer Hinsicht noch nicht entschieden, die polizellicheu Ermittlungen sind jedoch zu einem gewissen Abschluß gelangt. Das bisher gesammelte Material wird nunmehr der Staats- anwaltschast zur wetteren Veranlassung übergeben werden. Die Nachforschungen, die Kriminalkommissar Thomas in Wien an- stellte, ergaben, daß das Gemälde nicht aus Privatbesitz stammt, sondern in einer Wiener Kun st Handlung war. Dies« über- gab es einem Maler, aus dessen Händen es zunächst an einen Polen und dann an den Berliner Professor gelangte, der es der rheinischen Gruppe vertaufte. Die Stempel, es sind derm vier, zeigen, daß es zweimal bereits ausgeführt und einmal wieder eingeführt worden ist, ein Beweis, daß es schon mehrmals im Härtel auftauchte. Aus dem Oktober 1927 liegt ein Gutachten des verstorbenen Experten von Bode vor, der das Gemälde für einen echten Rembrandt ansprach:md ihm die Bezeichnung„Die hei- l i g e Familie" gab. Der holländische Gutachter hoofste de Groot schrieb das Gemälde vor fünf Jahren dem Fabricius zu und nannte es„D i e B e s ch n e r d u n g M o s e". Es ist möglich, daß ein Schüler Rembrondts es in der Werkstatt des Meisters geschaffen hat und daß der Meister selbst Anleitungen gab. Der vorletzte Agent, der Pole, schützte bei seiner Bernehmung vor, daß er der deutschen Sprache nicht genügend mächtig sei und gab zu, daß er infolgedessen manches mißverstanden haben könne. Da das Bild durch so viele Hände gegangen ist, so hat jeder nach seinem Ermessen ihm mehr oder weniger Wert beigelegt. Die Ber- liner Gruppe hat aber nicht nach Treu und Glauben gehandelt. Sie Hot lßcrfichcrurnjen gegeben, die nicht den Tatsachen entsprechen. Ob der Tatbestand des Betruges vorliegt, kann man jetzt noch nicht endgültig entscheiden. Wie wir von dritter Seite erfahren, will die Berlmer Gruppe versuchen, sich mit der rheinischen zu einigen. Obwohl die Wand- lungsfttst bereits am 13. April abgelaufen war, soll der Ber- such gemacht werden, den Kauf entweder rückgängig zu machen oder auf anderem Wege eine Einigung zu erzielen. Oos Gchnellbahnneh weitet sich. Aauprogramm der nächsten fünf Jahre. lieber die Pläne zum Ausbau des Berliner Schnellbahn. nehes ist im„vorwärts" schon im Zanuar dieses Zahres aus- sührlich berichlek worden. Da» Rachrichlenamt des Magistrats gibt jetzt nochmals eine zusammenfassende kurze Darstellung und schreibt über das Bauprogramm der nächsten Zeit: Der Ausbau des Berliner Schnellbahnnetzes ist eine der wichtigsten Aufgaben in verkehrspolitischer Hinsicht, heute sind bei den im Bau befindlichen Strecken 8000 Arbeiter be- schäftigt. In dieser Zahl sind 2000 Arbeitslos« einbegriffen. Wenn die im Augenblick im Bau befindlichen Strecken beendet sind, wird Berlin ein Schnellbahnnetz von 81,1 Kilometer besitzen. Augenblicklich betrögt die Strecke des in Betrieb befindlichen Netzes mir 58,9 Kilometer. Die Zahl der Bahnhöf«, die heilte 70 beträgt, wird dann auf 95 angewachsen sein. Di« Unssteigebahn- Höfe sind bei dieser Berechitung nur einmal gezählt. Nach dem Ab- schluh dieser Arbeiten werden dam: die von der Stadtverordneten- Versammlung bereits genehmigten neuen Bahnlinien Alexanderplatz— Klei st park und Halles ches Tor— Kriminalgericht und die Verlängerung der bereits be- stehenden Linie Gesundbrunnen— Neukölln und der Nordsüdbahn in Angriff genommen. Diese neuen Linien bzw. die Verlängerung der bestehenden werden die Gesamtmenge unseres Schnellbahnnetzes um weitere 17 Kilometer auf 98,1 Kilometer erhöhen. Außer den genannten Linien wird der Bau zweier Linien, die vom Potsdamer Bahnhof ausgehen und zur Hasenheide bzw. zum Lehrter Bahnhof führen sollen, in Aussicht genom- meu. Diese Strecke wäre dann nach Siemens st adt weiter-. zuführen, wodurch der großen Zahl der dort Beschäftigten der Weg zur Arbeitsstätte wesentlich abgekürzt würde. Ferner wird daran gedacht, den Zweig der O st w e st l i n i e, der augenblicklich in der Uhlandstraße endet, bis h a l e n s e e zu verlängern. Endlich wird es sich als notwendig herausstellen, die Gesundbrunnen— Neukölln-Bahn im Norden bis Bahnhof Reinickcndorf-Rosenthal, die ja auch Anfangsstrecke der Liebenwalder Eisenbahn ist, und im Süden bis nach Britz zu verlängern. Außerdem wird die Nordsüdbahn bis Mariendorf, Trabrennbahn, weitergeführt werden. Nach Bollendung dieser Arbeiten, für die eine Zeit von 5 Jahren angenommen werden kann, wirddas Berliner Schnellbahnnetz rund 136 Kilometer lang sein. Di« Kosten für diesen Ausbau werden etwa 445 Millionen Mark betrogen. Tatütata, der Kronprinz ist da! � Der hohenzollerkult scheint immer noch nicht ganz ausgestorben zu sein— wenigstens in gewissen kleinbürgerlichen Kreisen. Don einem Leser unseres Blattes wird uns geschrieben:„Der sonst so friedliche Vorort Friedenau hatte vor wenigen Tagen einen großen Tag: der Exkronprinz, der älteste Sohn des erledigten Kassers, hatte einem Bildhauer seinen Besuch abgestattet. Kaum hatte sich die Fama oerbreitet, als Leute herbeieilten, um das seltene Schauspiel miterleben zu dürfen. Kinder umringten das kronprinz- liche Auto und waren selig über einen Händedruck, was bei den Kleinen schließlich noch zu verstehen wäre. Aber kaum glaublich erscheint die Mär, die ein den sogenannten besseren Ständen an- gehörender Herr zum Besten gab:„Meiner Frau hat der frühere Kronprinz die Hand gereicht. Sie ist so glücklich darüber, daß st4 für acht Tage nichts zu essen braucht!" Eine andere Frau sagte zu mir ausdrücklich:„Ich habe mit der Hand gewinkt, er hat mir, ja wirklich m i r gewinkt und zugelächelt." Sollte man so etwas noch für möglich halten?... Echt Friedenau!" Ozeanflieger nach Berlin gestartet. Looo Kilometer bereits durchflogen. Chicago, Z. Juli. Da» Land, und Wasserslugzeug der Flieger Gast und Parker Cramer starteie gestern zu seinem Finge Chicago— Berlin. Der Abslug vollzog sich glatt vom Michigan- See aus. Milwaukee. 3. Juli. Das Flugzeug nahm um 8,37 Uhr früh(New-Yorker Zeit) hier die angekündigte Zwischenlandung vor. Es wurde von Vertretern der Behörden und einer zahlreichen Menschenmenge begrüßt. * Die Flieger wollen die nördliche St reck« wählen, um nach Europa zu gelangen. Von Milwaukee fliegen sie nach Kanada. Dort soll eine zweite Zwischenlandung erfolgen. Eine dritte ist au, dem Rem i-See vorgesehen. Dort ergänzen die Flieger ihre Vorräte sür den Flug über den Ozean. Von: Remi--«cc wollen die isi'eger -ms der Strecke Grönland. Irland, Bergen und Kopenhagen Berlin erreichen, wo sie hosten Ende der Woche zu landen. Eine notwendige Rücksichtnahme. Die Republikanische Beschwerdestelle in Berlin hat eine dankenswerte Anregung gegeben, über die sie uns s-hreibt: „In dem staatlichen Charit«krankenhaus m Berlin bestand noch immer die Sitte, daß über den Betten der Doch- n er innen Tafeln angebracht waren mit der Bezeichnung ..Frau" oder„Fräulein". Auf diese Weise mußte i«der Besucher sofort erkennen, ob es sich um eine lcdige oder um eine verheiratete Mutter handelt. Di« Republikanische Beschwerdestelle Berlin wandt« sich wegen dieses Mißstandes, der dem Sinn de- Artikels 121 der Reichsverfossung zuwiderlauft, an die Direktion des Charitökrantenhauses und erhielt unter dem 2V. Juni den Bescheid, daß von jetzt ab aus den Tafeln über de n Betten nur Bor- und Zuname aufgeschrieben werden. Es sst erfreulich, daß die Charitedi rekllon auf die Anregung sofort eingegangen ist. Das bestehende Borurteil gegen un- verehelichte Mütter ist hiermit nicht beseitigt. Aber die Rücksichtnahm« auf dieses Vorurteil wird von vielen unver- ehelichten Müttern mit Freude begrüßt werden. Di« jetzt von der CharttSdirektton getroffene Maßregel war langst eine Notwendigkeit. Schwarzweißrote StudenienbooiStaufe. Di« Studenten oerlangen zwar, daß ihnen der Staat recht groß« Unterstützungen gewährt, um ihren Sportbetrieb zu unterhalten. Wenn sie aber akademisch« Sportfeste veranstalten, dann zeigen sie ihre Abneigung gegen die Republik recht deutlich. So wurden bei einer Bootstaus« der Hochschule für Leibes- Übungen in Pichelsdorf nur s ch w a rz w e i ß r o t c Wimpel aufgezogen. Trotzdem sprachen zwei Beamte. Die Republik(nlltc doch vorsichtiger sein in der Bewilligung von Mitteln. Um reaktionäre Studenten zu unterstützen, ist das Geld der Steuerzahler zu schade._ Ci» iuternationalcr Genofseuschaftstag. Der Internationale G e n o s s e n s ch a ft s t a g, der nf diesen Tagen von den Konsumgenosscnschaften auf Deranlassung des Internationalen Genossenschaftsbundes in allen Ländern der Welt festlich begangen wird, ist ein großzügiger W er b e ta g für die gc- nossenschaftliche Wirtschaftsidee. Dem Internationalen Genossenschaftsbund sind aus 37 Ländern der Welt 45 genossenschaftliche Zentralverbände angeschlossen, in denen 169 000 Genossenschajtei: mit rund 52 Millionen Mitgliedern vereinigt sind. Davon sind in Konsumgenossenschaften 60,0? Proz., in landwirtschaftlichen Ge- iwssens-hasten 22,49 Proz., in Kreditgenossenschaften 16,95 Proz. und der Rest in anderen Genossenschaften zusammengeschlossen. Die Warenumsätze der Konsumgenossenschaften sind sür das Jahr 1928 auf über 27 Milliarden Mark berechnet, die g e- nossenschaftliche Warenerzeugung auf rund 3 Mit- liardcn Mark. Das Anteilkapital der Mitglieder beträgt 2% Milliarden Mark. Die deutschen Konsumgenosscnschaften nehmen mit rund 1ZH Milliarden Mark Umsatz und 450 Millionen Mark Eigenproduktion an der genossenschaftlichen Weltwirtschaft teil. SaeK Xondon: 721 (Berechtigte üchersetzimg von Erwin Magnus). Als er wieder auf dem Bett saß, sprach er ernsthaft zu seinem Schuh:„Die Kleine hat recht. Nur ein Bett aus einmal. Hundertvierzig Roßhaarzügel, ohne daß ich' einen einzigen gebrauchen könnte. Ein Zügel auf einmal. Ich kann nur ein Pferd auf eittmal reiten. Armer alter Bob. Es wäre besser, wenn ich dich auf die Weide schickte. Dreißig Millionen Dollar und hundert Millionen oder gar nichts in Sicht, und was Hab ich davon? Es gibt eine Menge Dinge, die man nicht für Geld kaufen kann. Die Kleine kann ich nicht kaufen. Tüchtigkeit kann ich nicht kaufen. Was Hab ich von dreißig Millionen, wenn ich nicht mehr als einen Liter Cocktail täglich nehmen kann? Wenn ich Durst auf hundert Liter hätte, dann wäre es was anderes. Aber einen Liter— ein elendes Literchen. Hier sitze ich, der dreißigfache Millionär, und schufte mich Tag für Tag mehr ab als ein Dutzend von den Leuten, die für mich arbeiten, und alles, was ich davon habe, find zwei Mahlzeiten, die mir nicht schmecken, ein Bett, ein Liter Martinis und hundertvierzig Roßhaarzügel an der Wand." Er starrte melancholisch die ganze Ausstellung an.„Ich bin ein schöner Esel, Herr Schuh. Gute Nacht." Biel schlimmer als der beherrschte Dauertrinker ist der stille Säufer, und das wurde Daylight jetzt. Er trank selten in Gesellschaft, fast immer allein in seinem Zimmer. Täglich, wenn er von seiner Arbeit und Mühe heimkam, trank er, bis er schläfrig wurde, und schlief ein mit dem Bewußtsein, daß er am nächsten Morgen mit trockener, brennender Kehle aufwachen und dasselbe Tagesprogramm wiederholen würde. Das Land erholte sich mit seiner gewöhnlichen Elastizität. Die Geldknappheit aber dauerte an, obwohl die Leser von Daylights Zeitungen wie von den anderen von Privatleuten subventionierten Blättern zu dem Ergebnis Kätten kommen können, daß jede Schwierigkeit vorbei und die Panik über- standen wäre. Alle öffentlichen Aeußerungen waren zuver- sichtlich, aber die Privatleute befanden sich zum großen Teil in schrecklichster Verlegenheit. Die Auftritte, die in Daylights Privatkontor und bei semen Direktionssitzungen stattfanden, hätten die Leitartikel in seinen Zeitungen Lügen gestrast, und auch die Reden, die er etwa den Großaktionären der Sierra- und Salvador-Elektrizitäts-Kompanie der Vereinigten Wasser- werke und einiger anderer Gesellschaften hielt. Schließlich, als der Sommer im Anzug war, trat eine Wendung zum Besseren ein. Es kam ein Tag, da Daylight etwas tat, was er noch nie getan hatte. Er verließ das Ee- schüft eine ganze Stunde früher, als gewöhnlich, weil nicht die geringste Arbeit mehr zu tun war. Bevor er ging, trat er in Hegans Privatbureau, um einen Augenblick mit ihm zu schwatzen, und als er sich erhob, um zu gehen, sagte er: „ijegan, wir sind übern Berg. Wir gehen als ganze Kerle aus diesem Pfandleihgeschäft heraus und tun es, ohne ein einziges Pfand im Stich zu lassen. Das Schlimmste ist über- standen und das Ende in Sicht. Rur noch die Zügel ein paar Wochen stramm halten, dann können wir loslassen und uns in die Hände spucken." Diesmal änderte er sogar sein Programm. Statt direkt in sein Hotel zu fahren, machte er die Runde durch ver- schiedene Bars und Caf�s, trank hier und da einen Cocktail, auch zwei bis drei, wenn er Bekannte traf. Nachdem er wohl eine Stunde auf diese Art verbracht hatte, kam er ins Parthe- non, um noch ein Glas zu trinken, ehe er zum Essen heimging. Er hatte schon ein gut Teil getrunken und war sehr aufge- räumt und guter Laune. An einer Ecke der Bar standen einige junge Leute und belustigten sich mit dem alten Trick, die Ellbogen auf die Schranke zu stemmen und sich gegenseitig die Hände herunterzudrücken. Ein breitschulteriger junger Riese schlug, ohne selbst den Ellbogen zu verrücken, alle Hände nieder, die sich ihm entgegenstreckten. Das erweckte Daylights Interesse. „Das ist Slosson," antwortete der Barkeeper ihm auf sein« Frage.„Der beste Schwerhammerwerfer von ganz Ober-Kanada. Er hat alle Rekorde heuer geschlagen, sogar den Weltr'ekord. Ein tüchtiger Kerl." Daylight nickte, trat zu dem jungen Mann und legte seinen Arm zurecht. „Ich möchte dir eine Chance geben, mein Sohn," sagte er. Der junge Mann lachte, griff zu, und zu Daylights Ueberrafchung wurde feine eigene Hand auf den Schanktisch gezwungen. „Warte," murmelte er.„Roch einmal. Ich war noch nicht fertig diesmal." Wieder griffen die Hände der beiden Männer umein- ander. Es ging schnell. Di« Offensive von Daylights Muskeln ging sogleich in Abwehr über, aber wieder wurde seine vergebens widerstrebende Hand heruntergedrückt. Day- light war verblüfft. Es war kein Trick gewesen. Die Ge- wandtheit war auf beMn Seiten gleich, wenn nicht größer auf der seinen, Kraft, reine Kraft hatte es gemacht. Er bestellte Getränke,-hob, immer noch verblüfft und grübelnd, seinen eigenen Arm und betrachtete ihn wie etwas Fremdes und Neues. Er erkannte ihn nicht wieder. Jedenfalls war es nicht der, mit dem er all die Jahre herumgegangen war. Der alte Arm? In alten Tagen wäre es Spielerei gewesen, die Hand des jungen Riesen niederzuzwingen. Aber dieser Arm— er betrachtete ihn immer noch mit einem so zweifeln- den, verblüfften Ausdruck, daß die jungen Leute laut lachten. Ihr Gelächter riß ihn aus seinen Betrachtungen. Im ersten Augenblick stimmte er ein, aber dann trat allmählich ein ernster Ausdruck in feine Züge. Er lehnte sich über den Schanktisch und sagte zu dem Hammerwerfer:„Mein Sohn, laß mich dir ein Geheimnis ins Ohr flüstern. Mach, daß du von hier wegkommst und aufhörst zu trinken, ehe du richtig damit angefangen hast." Der junge Mann wurde rot vor Zorn, aber Daylight fuhr ruhig fort:„Hör auf deinen Papa und laß dir ein paar gute Ratschläge geben. Ich bin selbst ein junger Mann, aber nicht mehr so richtig. Ich will dir was sagen: Bor ein paar Iahren wäre es mir ein Kinderspiel gewesen, deine Hand runterzudrücken." Slosson sah ihn zweifelnd an, während die anderen sich grinsend um Daylight drängten. „Mein Sohn, ich bin kein Prediger. Es ist das erstemal, daß ich den reuigen Sünder spiele, und du selbst hast mich dazu gebracht. Ich Hab in meinem Leben schon mit manchem zu tun gehabt, und ich war nicht wählerisch, was du selbst am besten beurteilen kannst. Ich will dir sagen, daß ich reich bin. der Teufel weiß, wieviel Millionen ich habe, aber ich will alles bis auf den letzten Schilling hier auf den Tisch legen, um deine Hand runterzukriegen. Mein Sohn, so steht es mit mir. und so sehe ich selbst die Sache an. Das Spiel lohnt sich nicht. Hüte dich und denk mal darüber nach, was ich dir gesagt habe. Gute Nacht." Er drehte sich um und taumelte hinaus, und der mora» tische Eindruck seiner Predigt litt stark darunter, daß er, als er sie hielt, so offensichtlich betrunken war. (Fortsetzung folgt.) Donnerstag 4.3ul»1929 Unterhaltung unö ÄAissen Vellage des Vorwärts mengen: Qefang der Walchinen Sturzbäche sprühenden Sonnenscheins. Ein Baum atmet so tief das belebende Licht, das sein« tausend ffnospen platzen. Unter dem Baum steht ein« alt« Frau und bietet Schneeglöckchen an. Maien- jung sind die fleinen Blumen, die den Lenz aus Eisesstarre und Schnee gelockt. Ich stehe, staune, trinke Licht und Blumemvunder und versinke im jauchzenden Hoffen--- Da schlägt mir jemand herzhast auf die Schulter und lacht: „Komm mit, Traumpeter, ich Hab' heute etwas Besonderes für dich." ist der Redakteur I., ein lieber, lebenbejahender Mensch, der asies Sinnende„weich" nennt und gegen Lyrik, von Berufs wegen, hundert Dorurteil« hat. Unterhakend nimmt er mich in» Schlepptau und redet davon, daß um dies« frühe Frühlingszeit seine Redaktwnsstube zum Rori- tätenkabinett wird. Denn der April bringt die ersten Maikäfer, kahlnackte Spatzenbabys, flügelzerknickte Schmetterlinge, eine Riesen- Heuschrecke, die Zeitlupe läuft, vorzeitige Blumen und Blüten. Jeder liebe Einsender erhofft am anderen Tage«inen beträchtlichen Artikel in seiner lieben Zeiwng und schon am Tage darauf ein noch be- trächtlicheres Honorar in seinen noch weit lieberen Händen dafür zu holten. Er aber, so sagt mir mein Freundredakteur, sei heut« aus ein- ganz andere Rarität lüstern. Er möchte mal einen richtigen Früh- lings-, Mai- und Lenzidealisten von Maschinen zermalmt sehen. Ra, und ich sei gerade der Richtige dazu. Blutdürstiger Dompyr! Nein, nicht ganz so grausam habe er da» gemeint. Aber ich solle mit ihm kommen, er wolle mir«in Zeitungshaus vom Keller bis zum Dach zeigen. Leb wohl, jubelnde Sonne, lachender Lenz. Freiheit und Leben, lebt wohl! Hinein ins Dröhnen, Getöse, in Fron und menschen- marternde Technik! Ich will meine abgöttische Lieb« zur Natur retten, darum will ich mit ihm gehen und— sein Maschinenelend kennen lernen. Im Maschinenraum, bei den Transformatoren, waren wir zu- erst. Kacheln, Fliesen, Marmor, blitzende Knopfe, zuckende Zeiger in Uhren wie lauernd« Augen. Dieses Herz des ganzen Hauses dröhnt und smnmt im dumpfen, rhythmischen Sang und sendet geheimnisvolle Ströme von Energie und Kraft durch tausend Adern. Die werden zerspalten in hundert« zuckender, vibrierender Nerven und laufen bis in d«n First de» Daches. Der ganze Raum— der Schlag eines Herzens vertausendfacht— klopft, und pocht bei Tag und Nacht. Und die Kraftströme geben Leben und Tat den klappernden. plärrenden, schnarrenden Setzmaschinen, diesen Wundern der Technik. Rädchen, Häkchen Sttftchen, Spiralen, Hebel, Walzen greifen, heben, schieben, sammeln und zerteilen. Ein Grisf des Mannes an der Maschine und das Surren, Spurren, Hächeln und Rasseln verstummt, oll die tausend kleinen Tel«, die eben noch so munter hin und her sprangen, verharren tot und reglos. Ein Griff--- es schnarrt und knarrt, zirpt und pfeift, tuschelt und raschelt von neuem. Wie pulswarm lieb«nd die Hand des Setzers auf diesem bannen- den und lösenden Hebel liegt, so-- so-- liegt wohl Gottes Hand auf dem Herzen des Menschen. Doch weiter geht's. Dort wallen und wogen in riesigen Bottichen galvanische Bäder. Achtzig Stunden— um einen einzigen Willi- meter Kupferniederschlag zu gewinnen. Achtzig Stunden ohne Unter- laß dies Brodeln und Sprudeln, Strömen und Fliehen--— Und es zischt silbriger Gischt in kochenden Kesseln, wasserflüssiges Blei, Matrizen zu gießen, halbe Zylinder, Stück um Stück, in einem fort. Hartgegossene Weisheit aus heißen Köpfen, polittsch Gezänk, politisch Geschrei, bleischwer verbunden mit Unglück und Schmerz und den Seltsamkeiten fernwetter Welten. In den Riesenrotattonsmaschinen, an dicke Walzen gepreßt, um- dreht sich die starre silbrige Weisheit wohl tausendmal und preßt ihr Bild hunderttausendfach auf das endlose Band weihen Papiers. Jedweder Menschcnlaut wird von dem Gang der Ungeheuer zermalmt. Ich schreie meinem Begleiter etwas ins Ohr, aber es wird nicht einmal ein Flüstern daraus. Hebel greifen, Zähne beißen, Messer reißen, Farbe tropft wie ölig Blut. Walzen und Bolz«n, Wellen und Räder, Federn und Kolben stoßen und stampfen, stöhnen und dröhnen, wuchten und donnern gigantisches Lied. Hymnus der Technik! Der Boden bebt in rhythmischen Akkorden und zitternd Singen tönt in der zerrissenen Lust. Gewaltig Brausen, grausig schön, zer- malmend, in die Knie zwingend und erhaben, voll Stolz und voll Triumph. Der Siegessong der wuchtenden Maschinen, die sich der Mensch erdacht, erklügelt und ersonnen. Das Loblied des Geschöpfes auf den Schöpfer. Hoch oben, auf blitzendem Gestänge, schreiten Männer in blauen Kleidern, sicher, gelassen und ruhig, mit schier königlicher Würde. Da und dort ein leichter Griff an Hebel oder Uhr, ein sanftes Streichen mit einem Tuch, als wische er einem Fiebernden begüti- gend den Schweiß von der Stirne. Ich lege die Hand auf die Schulter meines Begleiters: „Nein, sie zermalmen mich nicht, deine Maschinen. Donnernd und berstend, erhaben und zerbrechend ist der Maschinen erzenes Lied. Doch tausendmal herrlicher ist der Mensch, der da oben steht! Er ist nicht Knecht, nicht Sklave seiner Maschine, nein, nein! Er ist ihr Herr, ist König über sie! Sieh, das berauscht mich! Es ist nicht wahr, was ich bisher geglaubt, daß die Maschin« den Menschen zur Nummer macht, ihn um Denken und Wollen, um seine Persönlichkeit bringt. Nein, nein, des Menschen Werk ist sie, und er freut sich seiner Schöpfung. Aus seinen Augen tönt das geweihte Lied, da seine Lippen verstummen müssen in dem Getöse." Wir stehen wieder im Freien, der Freund und ich. Bon ollen Dächern, Firsten und Zinnen rinnt flüssiges Sonnengold gleich blin- kenden Bächen. In meinen Ohren summt, tönt und klingt noch der Sang der Maschinen, und die Gedanken daran machen mich stumm und versonnen. „Nun, bist du endlich bezwungen, Traumpeter? Hat dich die Moschino gepackt und deine weiche Lyrik zerhackt?" Und wieder lege ich schwer die Hand aus des Freundes Schulter und zeige auf einen Baum, der dort in einem Garten steht. „Sieh dort den Baum, lieber Freund, kahl ist er noch und scheinbar tot. Bald springen seine Knospen, grüne Blätter drängen sich heraus. Dann wird er weiße Blüten tragen, ein schneeiger Schaum in Duft wird sein, und aus den Blüten werden rote Früchte reifen, poll Saft und würziger Süße--- und all dies Sprießen, Wachsen, Blühen und Reisen aus tausend Bäumen und Sträuchern zugleich--- geschieht, ohn' daß ein«inz'ger Laut an deine Ohren dringt, ohn' daß ein Siegessang erklingt. Der Schöpfung ur- gewaltig, heilig Lied, lautlos aus tausend Wundern blüht." Da reichte mir der Freund die Hund und sagte im Fortgchm: „Unverbesserlich!"■ Alexander von Sacher-Waloch: Das Zigeuncrvolkl Wir kennen sie nicht und es ist schwer, sie zu erkennen. Und was wir über sie wissen, ist sicher vielfach zum Guten oder Bösen übertrieben und verzerrt. Diese ewig ruhe- losen, von Ort zu Ort und Land zu Land streifenden Vagabunden, diese geheimnisvollen, von den Wirtsvölkern durch einen kaum überbrückbaren Abgrund getrennten Menschen, denen, wohin sie auch kamen, ihr zweifelhafter Ruf vorauseilte, da» Gefühl mit Neugier gepaarten Grauens hervorrufend, wir kennen sie nicht! Woher kommen sie? Vor einem Jahrtausend tauchten sie in unserem Erdteil auf. Ein Nomadenoolk, wie die Hunnen und Madjaren und doch in ihrer Wesenheit durch Welten von denen getrennt. Denn während jenen als Triebfeder zu ihren Wanderungen natürliche Umstände, das Aufsuchen neuer Iagdgründe und Weideplätze, die«ehnsucht nach einer neuen Heimat und damit auch das unbewußte Symbol der Seßhaftigkeit diente, ist den Zigeunem der Begriff 5)eimat fremd geblieben bis auf den heutigen Tag. Der Zigeuner ist heute wie vor Jahrhunderten: Triebkraft und ungebrochen in seinen Instinkten. Er hat sich nie mit den Wirtsoölkern befreunden können, die ihm naturgemäß feindlich gegenüberstanden. Dos einzige Volt, das sich vollkommen rassenrein erhalten hat, weil es keine Entwicklung kennt. Moral, Sitten, Religion sind jür sie leere Begriffe. Sie sind die geborenen Ausbeuter und haben es seit jeher oerstanden, auf Kosten anderer zu leben. Wo sie auf- tauchten, waren sie stets nur geduldet, für kürzere oder längere Zeit, und mußten dann weiter, denn sie taten Nichts dazu, sich beliebt zu machen. Wenn man aber heut« vom Standpunkt des modernen Europäers ein Urteil über sie fällen will, so darf man nicht ver- gessen, daß alles, was wir ihnen an Unmoral, Grausamkeit, Ge- winn- und Genußsucht mit Recht zuschreiben, sür sie Ziel und Lebens- inhalt bedeuten. Der Zigeuner stiehlt aus Neigung um der Sache selbst willen. Er lügt um der Lüge willen, dem Zwange eines Ur- mstinktes nochgebend, der sich durch die Jahrhunderte seines Man- derlebens rein und ungebrochen vererbt hat. Dabei ist er heute wie ehedem in da» Netz finstersten Abeuglaubcns verstrickt, �enn da er keine Entwicklung kannte, ist er so wie sein Voter war und wie dessen Vorväter waren.„Zigeuner",„Zigany" ist die gebräuchlichste Bezeichnung für sie. Unter diesem Namen sind sie in der Wallache!, an den Ufern der Moldova, in Ungarn, Siebenbürgen, Italien, Polen und Galizien, Oesterreich und Deutschland bekannt. In alten Aenchtsakten des 15. und 16. Jahrhunderts bezeichnet man sie 3)ie„SchwarmreHer" häufig als Aegyptcr und man findet Angehörige ihrer Raffe in fast alle größere Zauberei» und Hcxcnprozesse dieser Epoche verstrickt. In Deutschland tauchten si« am Anfang des 15. Jahrhunderts auf. Sie kamen über die böhmische Grenze unter Anführung ihres eigenen Kapitäns, Zigcunerkönigs, und nannten sich selbst Aegypten Sie erzählten die fantastischsten Dinge über ihre Abstammung, um- gaben sich selbst mit der Glorie eines aus der Heimat vertriebenen Volkes, das vergeblich gegen seine Unterdrücker gekämpft hotte, und machten den Dorfbewohnern weis, in allen Künsten der Zauberei wohl bewandert zu sein. Auch nach Frankreich kamen sie zuerst aus Böhmen, daher bezeichnete man sie dort als Bohemiens. Wir wissen heute, daß sie keine Aegyptcr waren. Die Ur- Heimat der Zigeuner liegt in Indien, an den Ufern des Indus. Ueberraschend ist die Uebereinstimmung vieler Vorstellungen sexual- psychologischer Art bei den Indern und Zigeunern. Ihre Wände- rung noch Europa begann im 13. Jahrhundert und sie kamen mit den Scharen der Nachfolger Dschingischans. Sie brachen zuerst in die asiatische Türkei und nach Persicn und Armenien ein. Ihre Mehrzahl war und blieb Nomaden. Di« bildeten im 15. und 16. Jahrhundert Räuberbanden, die an Grausamkeit alles überboten. Aus Asien kamen sie schon im 9. Jahrhundert n. Chr. in großen Scharen nach dem westlichen Europa. Sie wurden von Ort zu Ort gejagt. Immer wieder scharten sie sich unter eigenen Kapitänen und Zigeunerkönigen zusammen und nahmen zeitweilig längeren Aufenthalt. Die einzelnen Mitglieder dieser Banden hielten in unverbrüchlicher Treue zueinander. Diesem selten starken Käme- radschastsgefühl, das sie untereinander und auch mit dem in diesem Zeitalter blühenden Landstrcichertum verband, lag der Gedanke der Blutsbrüderschaft zugrunde. Das Symbol der Vlutmifchung brachte eine Art geschwisterliches Verhältnis zustande und sollte bis zum Tode ein unzerreißbares Band der Treu« um die Beteiligten schlin- gen. Diese Art Blutgenossenschoften, deren Blütezeit in da» 16. und 17. Jahrhundert fällt, stammt übrigens schon aus der germanischen Wanderzeit. Auch hier g«b es Blutsbünde, hie sich zur Voll- bringung einer besonders gefährlichen Tat zusammenschlössen. Die Zigeuner waren oft in der Lage, Freibriefe der Kaiser und Päpste vorzuzeigen. So erhielt der Jigeunsrherzog Andrias, der mit tausend Anhängern nach Bologna zog, vom Papst Martin V. einen Schutzbriei. Im Mittelalter finden wir sie in allen Zauberei- und Hexenprozessen und an der Spitze der wahnwitzigsten Sexual- verirrungen. Man darf aber nicht glauben, daß sie sich in jenen Zeiten der Folter und Inquisition, in einer Epcfthe, in der selbst in den Kreisen der Begüterten und Gebildeten der finsterste Aber- glaube herrschte, in ihren Verbrechen merklich von dem dieses Zeit- alter überwuchernden Landstreichervolk unterschieden. Wenn wir heute bei dem Mordprozeß in Kaschan von ihren Grausamkeiten und Verbrechen hören, die uns das Blut in den Adern erstarren lassen und uns in unserem fortgeschrittenen Zeitalter ungeheuerlich erscheinen lassen, so dürfen wir eben nicht vergessen, daß es sich hier um Angehörige einer Rasse handelt, die keine Entwicklung kennt und über die Zeit, ohne sie zu berühren, hinweggewachsen' ist. Di« Zigeuner, die berüchtigten„Schwarzreiter", die Kinder verkrüppel- ten und zum Betteln abrichteten, vor denen Hob und Gut anderer nicht einen Augenblick sicher waren, und die fähig waren, jedes Verbrechen im Dienste ihrer von Aberglauben durchsetzten Phantasie zu begehen, standen in diesem Zeitalter des Verbrechertums nicht allein. Wenn wir die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts betrach- ten, diese Hochflut grausamer Verbrecher und Verbrechen, so wird uns vieles, was uns heute an diesem Volk ohne Zeit und ohne Ent- wicklung ungeheuerlich erscheint, verständlicher werden. Eine ganze Zunft der Diebe, Mörder, Zauberer, Hexen, Wolfbanner und öhn- lichen Gelichters bevölkerte die Landstraße. Dazu Maximilians ent- lassene Söldner, die die Alpenländer als Gartknechte(garten— betteln) unsicher machten und den Zigeunern an Grausamkeit und Blutdurst keineswegs nachstanden. Dieses Volk wurde später mit allen Mitteln ausgerottet, in Hexen- und Zaubereiprozessen gefoltert und verbrannt. Was übrig blieb, mußte der Zeit weichen. Die Zigeuner aber blieben bis auf den heutigen Tag das Ilrvolk. dos sie waren. Sie wußten in allen Zweigen und Künsten der Zauberei und Giftnüschcrei Bescheid. Zur Erwerbung des„Glücksfingcrs", des Fingers eines zu gewisser Zett und unter gewissen Unsständen Gemordeten, auch„Schlaslicht" ge- nannt, scheuten sie vor nichts zurück. Das Schlaflicht sollte vor Entdeckung bei Einbrüchen schützen und wer ein solches bei sich hatte, konnte ruhig und unbekümmert einen Einbruch begehen, denn die Bewohner des Hauses oerfielen alle in tiefen Schlaf und merkten nichts von den Vorgängen. Seit jeher standen die Zigeuner beim einfachen Volk im Rufe von Leuten, die in Liebesdingen besonders gut Bescheid wissen und dieser Ruf hat sich bis heute erhalten. Man denke nur an Wahr- fagefrauen zigeunerischer Herkunft, an Liebestränklein usw. In Europa gibt es heute rund 650 006 Zigeuner. Die meisten davon leben in Ungarn und in der Wallache!. In Deutschland dürfte ihre Zahl kaum 600 überschreiten. Diele von ihnen sind er- staunlich musikalisch, und«S gibt in Ungarn heute noch ganze Gcigergcschlcchtcr, deren Talent sich von den Vätern auf die Söhne weitervererbt und die beim Volk sehr beliebt sind. Aber das sind Ausnahmen. Ihre Mehrzahl sind nach wie vor Vagabunden. Di« hier gegeben« Schilderung wirft kein gutes Licht auf diese braunen Gesellen. Vergessen wir aber nicht, daß sie viele Jahr- hunderte in Unterdrückung und Sklaverei gelebt haben und von Ort zu Ort gejagt wurden. Es ist historisch, daß noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Bukarest bei einem Erbschoftsverkauf ganze Zigeuncrfamilien als käufliche Sklaven öffentlich versteigert wurden. Vielleicht ist der Abgrund, der sie noch heute von allen Völkern trennt, nur darum unüberbrückbar, weil man an ihnen alle Mittel der Bekehrung versucht und verschwendet hat, mit Ausnahme eines einzigen: der Liebe. SelbUm&rder und fflellgehilfe Am Wege sitzt ei» Mann, der aussieht wie ein Stück Holz. Die Sonne bescheint ihn, aber er rührt sich nicht. Am frühen Margen ist Schnee gefallen. Dieser Schne« bedeckt in weichen Polstern Knie, Schultern und Kopf. Darüber wundert sich der Heilgehilfe, der des Weges dahin- wandert, eingedenk seiner Pflicht, allen Menschen«in freundlicher Helfer zu sein. Er nimmt die Schneebrille ab, um den Sitzenden besser betrachten zu können. Dieser steife Mann ist wahrscheinlich erfroren(so urteilt der Heilgehilfe) und legt seinen Rucksock ab, geht eilig ans Werk, unter- sucht den Körper. Die Haut ist kalt, ober das Herz zuckt noch, flackert wie ein« Kerzenflamme im Luftzug. Rettung ist möglich. Der Heilgehilfe arbeitet, um das erlöschende Herz wieder anzufachen. Es gelingt endlich. Der Mann erhebt sich langsam und stampft mit den Füßen. Der Heilgehilfe setzt seine Schneebrille wieder auf. Dann gehen beide nebeneinander weiter ohne zu sprechen. Nachdem sie ein tüchtiges Stück vorwärtsgekommen sind, wagt der Heilgehilfe endlich, den schweren sonderbaren Mann, den er gerettet hat, mit einem Wort anzurühren. Halb verächtlich wird ihm darauf der Vorwurf hingeworfen, warum er die Menschen am Sterben hindere. Der Heilgehilfe, bestürzt über solche Lebensaus- fassung, wagt den Einwand, daß Gott jeden Menschen sterben ließe zu seiner Zeit. Der Mann meint, er sei erwachsen und brauche keinen Vormund, er wolle sterben, wann es ihm passe. Der Heilgehilfe ist sehr bekümmert und betrübt. Er möchte etwas bemerken über die göttliche Vorsehung, unterdrückt es aber rechtzeitig, uin den Mann nicht zu reizen. Schreckliches Unglück muß den Mitwanderer betroffen hoben, warum sonst hätte er den Ent- schluß gefaßt, diese lebendige Erdenwelt zu verlassen! Während sein« Gedanken diesen Punkt umkreisen, geht der Tag zu Ende. Di« Dunkelheit wird immer dichter und umwächst sie wie ein plötzlicher Wald. Jetzt endlich ist der Heilgehilfe im klaren, daß der Mitwanderer doch nach seinem Unglück gefragt werden müsse, aber als er sich nach ihin hinwendet, beinerkte er nichts mehr von ihm. Er ruft und«rhält kein« Antwort. Er läuft zurück und strengt seine Augen an. Da sitzt er dunkel im Schnee, in der nämlichen Haltung wi« zuvor unter der Sonne. Er geht hin und setzt sich wortlos neben ihn. „Was ist denn?" fragt der Mann. „Wenn du durchaus sterben willst, so werde ich mitsterben. Es stirbt sich leichter zu zweien. Verzeih mir, daß ich dich vorhin daran gehindert habe." „Ich will nicht belästigt werden." „Ich bin Heilgehilfe und muß überall, wo etwas schwer fallt, erleichtern. Das will Gott so haben. Mir ist dos Leben eigentlich nicht wichtiger als dir. Aber meinen Beruf nehm« ich ernst." Der Mann steht auf. Im Weitergehen sagt er erstaunt:„Daß Gott auch so aussehen kann, hätte ich mir niemals träumen lassen." Der Heilgehilfe hütet sich, seine Freude anzudeuten. Er geht dem Geretteten zur Seite, läßt aber einen kleinen Zwischenraum. damit seine Gegenwart nicht allzu deutlich werde und das bewegte Meer ihrer Seelen ungestört sich besänftig«. Znfi aa't Siusenduxgen für diese Rubrik Pud » e r I i u SW»8, Lindenstrab« Z, G parieinachrichten ffSrk für Groß-Verlin stet, m, da» Bezirk»sekretartat 2. Hof, Z Treppe» recht», zu richten.' ». ttiri, Krcu�ber». ssreitaz. b. IuN, Ubr, bei Krüger. Srimmltr. 1, erweiterte Kreisverstendssidung. 7. Km«!» Ehorlotitcnburg. Bildu,!o«au»sch»ß. Äusgab« der OuartolsbZnde des Bücherkrcises ssreitag und Eonnobend ab 19 Uhr im Jugendheim 9io, sinenstr. t IT. Krei» Tempclbos. Achtung! Tie ssraltionzschung beginnt heut«, Donner«. tag. t. Juli, bereits um t9V4 Uhr. 14. Kreis Reukölln-Brip. Donnerstag, 4. JuN, IS llhr, im Vartelbureau, Jdcalvassage. Zusammenkunft der Genossinnen, die wegen des Kreissestes Jettel einlegen wollen. heule, Donnerstag, 4 3u(L 4. Abt. 8Ö Uhr Zuberlt wichtige Eidung aller Bezirksfübrcr bei Dobrohlaw, Swinemünder Str. 11. Morgen, Ireitag, 5. 3ulL 81- Abt. Zsriedena». 20 Uhr bei Schdnefeld, Kirchlir. 21, ssuuttionilrütung. Ausgabe de« Mitteilungsblatte». SchZneberg. 71. Abt. 20 Uhr bei Jürgen». Bardaro ssaltr. b», ssunktionür. Übung.— 78. Alt. 20 Uhr bei Holl. Liegfrietstr. 9 snicht Lindenhof), wichtig« ssunttionarlibung. Renköll». 81 Abt. 20 Uhr bei Lüddeckt, Karl-gartenstr. 12, ssunktiondrsidung. Erscheinen aller dringend erforderlich.—«z. Abt. Die Funltionürsidung am ssreitag fällt aus, da am Jahlabendmittwoch eine Kreismitglieder» Versammlung stattfindet.—»7. Abt. WH Uhr bei Krüger. Emser Ecke Neißestraüc. ssunktionärsihung. 124. Abt. Arietrichsfcld«. 20 Uhr isunktionärftbung bei Schwarz, Eavrivi. olle« 10S. Besondere Einladung erfolgt diesmal nicht. Mitteilungen crsolgen noch unter 19. Kreis Pankow. Sonnabend, 6. 3uli. 144. Abt. Reinickendarf-Vst. 1» Uhr bei Sithne, Relidenzür. 8, Funktionär. fitung. Jeder Bezirk muh unbedingt vertreten fein. Altland« berg. 20 Uhr bei Piskatzek, Monatsvcrsammlung. Tagesordnung: che. meindencuwahlen. 3ungsozialisten. .Heut« wichtig« Drupperlonferen, 1»>H llhr i» der Gaststätte de» Arben er. Abstinenten- Bundes, Marheiirrke-Plah Z— 4. Tagesordnung: 1. Bilbungsprogramm und»rnppcnarbeit. 2. Wiener Zngeadtaq. W z. Berfchicdenes. Jede Gruppe entsendet zwei Bertrrter. Di« Mit- W glicder des Arbeitsausschusses kommen mit den W«rbcd«»irkslciteru ßZ und der Savlcitung nm 18 llhr cbendort zusammen.' I. A.: Sa», Seigewasser. Arbeiksgemeinschafk der Kinderfreunde. Kreis isriedrichsbain. We Mccklcnburgfahrer trcfsen sich Donnerstag um 9 Uhr Steitincr Bahnhof. Kreis Neukölln. Heute, Donnerstag, 17—18 Uhr, Sprechstunde. Baracke Ganghofcrstraßc. Kreis Kren, berg. Die Namednsahm treffen sich Sonnabend, 8, JuN, 7%4 llhr, Bellc-Alliance-Plati.— Die Brodtenfahrer treffen sich Sonnabend, 0. Juli, 8 Uhr. vor dem Lehrter Dohnhof.— Die Dubrowfahrcr treffen sich Montag, 8. Juli. 14 Uhr, vor dem Gürliher Dahn ho f. Kreis Weihenfee. Gruppe„Gemeinschaft" Hohenschönhausen. Donnerstag lebte Jusammcnkunft der Rheinlandfahrcr. Alle müssen anwesend sein. Alle Karten müssen abgerechnet werden. Di« Gruppe, die von Genossen Schmidt» bauer einen Sveer in Verwahrung erhalten hat, möchte ihn mit nach Namedn nehmen und ihn an Gruppe Hohenschönhausen abliefern. Geburlstage. 3ubUäen usw. 91. Abt. Ncnlöllo. Unserem liebe», bewährten Genoffeu K»rt Gärtner, Wih- mannstr. 14,»och nachträglich z» seinem 50. Geburtstag« die herzlichste» Glückwünsche. Möge er UN» noch recht lange als Mitlämpser erhalten bleibe». 85. Abt. Nenlöll». Am 28. Znui beging unser Genosse Otto Rothbart. Ziethenssrasie, seine» 60. Geburtstag, ebenfalls sei« ZOiäbrigc« Part-iinbitäum. — Am I. Juli feierte unser Genosse Gregor Slowinle. Prinz-Handjery. Strohe, fei» 25jährig-» Partrijnbilänm. Mägen ss« al» langjährige Kämpfer in der sei». Die beste» Wünsch« der artei weiter bei bester Abteilung begleite» ssc. Gesundheit tätig Sterbetafel der Groß« Derllner Partei« Organisation 4. Abt. Unser Genosse Gustav Mügg«, Alte Schönhauser Str M. Ist ver. storben. Ehr« seinem Andenken. Die Beerdigung hat bereits stottgesunden. 25. Abt. Unser Genosse Hans Hoffmonn, Lipvehner Str. 25. ist verstorben.«Nicht, wie irrtiimsich angegeben wurde, Hermann Hosfmann.) 85. Abt. Tempeldof. Am 29. Juni verschied unser Genosse Mchlbose. Ehr« seinem Andenken. Die Einäscherung sindct am Donnerstag, 4. Juli, 1Ü!H Uhr, im Kremalorwm Baumschulcnweg. Kicfholzssrohc. statt. Vorkrage, Vereine und Versammlungen. #- Reichsbanner„Schroatj-Hol-Gold". «eschästzstelle: Berlin S. 14, Sebastianstr. 37/38, Hot 2 Zr. Donnerstag, 4. Inli. Kreuz berg. Sporilcr! Jeden Donnerstag von 18— 20 lH Uhr in Treptow. Spielwiese 9. Lichtenberg. Achtung! ssunktionärversammlung findet nicht statt. Neuer Termin wird noch bekannt- gegeben.— Freitag, 5. Juli. Krei» Norden. 17 Uhr alle arbeitsfreien Käme. roden Antreten Stratzenbahnhof Milllerstrahe. Tiergarten. Westen I. Die für Freitag, b. Juli, angesetzte Versammlung fällt aus! Dafür am Frei. tag, 12. Juli, 20 Ühr. bei Heckert, Kurfürsten. Ecke Steinmetzstrahe. Wcdbing. Pflichtperonstaltung in Neinickcndorf. Antreten 19'H Uhr Himmel. fahrtkirche, Bahnhof Gesundbrunnen. Prenzlauer Berg. All« arbeitsfreien Kameraden Antreten 17 llhr Strahenbahnhof Müllerstrahe. Eharlotteubnrg. llhr Mitgliederversammlung de» Ortsverein» im Edenpalast, Kaiser-Fried- 29,.... rich�tr. 24. Ausweis: Mitgliedsbuch. Kam. Rathau». 5. Juli, angesetzt« Kameradschafsversammlung fällt aus. Di« für Freitag. _______...________________________ Achlaeberg-Fricdenan. Achtung! Funktionärversammlung 20 Uhr im Bereinslokal von Grund, Mei» ninger Sir. 8. Erscheinen Pflicht. Lichtenberg. Kam. Borhagen, 20 Uhr wich. tige Sitzung bei Fritz, vorm. Lohan,. Jung. Ecke Oderstrahe. Ouartierfraae und Verteilung der Plaketten für die Bundcsversassungsfeier. Erscheinen ist Pflicht. Reinickendorf.West. Die Versammlung findet erst am 12. Juli statt. Dafür Antreten 19 Uhr im Bereinslokal zum Ummarsch in Reinickendorf. Nachzügler 1941 Uhr Schweden. Ecke Ehristianiostrahe. Borsigwalde. 20 Uhr Kameradschaftsversammliing 20 Uhr im Lokal Woitschach. Ernststr. 1. Vortrag Dr. Hausdorf Nachbar komeradschaften und Republikaner sind herzlich willkommen.— Wassersportabteiluag Tegel. Donnerstag, 4. Juli, 20 Uhr, Mit» gliederversammlung im Bootshaus Tegel.— Weihensee. Freitag. 5. Juli. An- treten 19H Uhr Bahnhof Gesundbrunnen, Pslichtveranss lKam.s Kameraden: am Freitag. sgmmlung. Tagesordnung wird raden ist Pflicht. 'Gesellschaft sür Vrdlvnb« z» Berlin. An Stelle der allgemeinen Sitzung im Juli: Führung durch den Botanischen Garten durch die Herren Prof. Dr. Mildbraed, Pros. Dr. Kraus« und Driv.-Doz. Dr. Markgras. Sonnabend, 8. Juli, 17 Uhr. Treffpunkt: Eingang des Botanischen Garten» in der Strohe »Unter den Eichen'. las a-egei.—-iacigeaire. nreirag, o. �Uii,-an» iidbrunnen. Pflichtveranstaltung.— schöne, che. g, 6, Juli. 20 Uhr. bei WIedemann, Bollver» dort bekanntgegeben. Erscheinen aller Käme- Am Nachmiktag plauderten Halbwüchsige über ihre Em- stellung zur Literatur. Was man zu hören bekam, wirkte merk- würdig gegenwartsfremd. Die jungen Mädchen zeigten„im ganzen den typisch unpersönlichen Baü Uhr Die Fletaans Staat). Sdiasspb. am Gendarmenmarkt A.-V. ISS 20 Uhr Staat). Selüller-Tlieater.Chsrltt). 20 Uhr Treibjagd Reichshallen-Theater Abends jj] Uhr LleMner Sänger mit dem sdiüDsn lull.'Pro- nramm(nur noch bis 15. 7.) Ad 16. 7.: Gutapiel der Dresdner Vicioria-Sänger 4 L � Dönhoff- Brettl: •(Saal und Garten) Variel»: Tanz; Orth. Ad. Becker •®®e»»eGeeie##eee«M« 9 Sommer-Garten-Theater* Berliner Prater N 58, KasL-Allee 7-9. Tel. Hb. 224» SastsDlel Sösts] Beer. Biete) Lilien ZsarewUsda Operette von Franz Lehdr Dazu der»roBe Vartel4teil. Anfang Konzert 4.30. Burleske u. Varietd 8 UÜI. Operette 8.30. lefleo Bonnerstag grober Voiksias. jed. Mittw. Kinderlest n. Verlosnno ueeete Meeweeeeeee folhsDUlme fheater aaBiloTplati 8»k Uhr Berlin, wie es weint u. lacht Dentsdies Theater D.I. Norden 12310 SU- Ende gegen 11 Die Fiedermans Musik v.Joh. Strauß Regie: Max Reinhardt Musik. Einrichtung und Leitung E.W. Korngold. Ausstattg. L. Kainer Die Komödie J1 Bismck.2414/7516 Gesdtlossen. U Freitag. 5. In». 0'/. Uhr Reporter in der Besetzung des Berliner Theaters. Berliaer Theater DlrektHeinz Herald Charlottenstraße 90 A.7. Dönhoff 170 8.15 U. EndelOVaU. Reporter (The Front Page) Ein Stück in 3 Akten von Ben Hecht und Charles Mac Arthur Regie: HeinzHilpert U Freiing, i. lull. OVi Uhr: Rsponer in der Komödie Bamowsky Theater in der KBniggrätzcr Straße Bergmann 2110 Täglich&U Uhr Rival en Komödienhaus Norden 6304 Täglich 8V» Uhr Hodizeitsreise Sommerpreise! rheaLam Kuth.Tor Kottb.Str.6 Jr Tägl. 8Uhr fin Ellte- «fv Sänger ProgramEil Ab 17.-31.7. Gastspiel der 9 Original FrtÖ «Ä.U. Rothenburger Geld-Lotterie •817 Gewinn« and I Prlml« RM ifise L l>du(uxl Sinshind Alle Gewinne bar ohne Abzug zahlbar Postgeböl Liste 40 Pfennig Eosee zu 3 RP1"Bd »eilltrt, ninschl. pe CT IftM Porto und LI*«» MUS Krl •mpfahlan und»arunden auch unter Nachnahme G. Dlsdilads d Co.. Berlin c 2 Bankgeschäft. 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