BERLIN Dienstag 9. Zill! 1929 10 Pf. Nr. 316 B 157 46. Jahrgang. erscheint täglich aaterSinntag«. Zugleich Abendausgab« de«.VorwSrt«'. BeiuzSxrei« beide Ausgaben SäPf. proWvche. Z.soM. rro Monat. vledaktion und T�reditivN! Berlin SWss.LindenKr.s nVyfuftidb l nieigenorei«! Die einspaltige Nonpareilleieil« «o Pf.. Reklamezeile ü M. Ermäßigungen nach Tarif. ofischetftont»! DorwärtS-Vcrlag G. m. b.H.. Berlin Nr. 87536, Fernsprecher: Dönhoff 292 bi« 297 Konkordat angenommen. Mit 243 Stimmen gegen 472 Stimmen. Der Landtag verabschiedete heute in dritter Lesung de« StaatSvertrag mit der Kurie. In der Gesamtabstimmung wurde der Ttatsvertrag mit 243 gegen 172 Stimmen angenommen. » Der Landtag trat heute in die dritte Lesung des Staats- Vertrages zwischen Preußen und der Kurie ein. Die Parteien be- schränkten sich meist auf kurze Erklärungen. Dabei war neu, daß die Deutsch.hannoveraner entgegen ihrer Haltung in der zweiten Lesung für das Kookordal stimmen wollen nnd die Ehristlich-Ikatio- uale Baaernparlei die Abstimmung freigibt. Der katholische deutschnationale Abg. Goldau führte aus, daß bei Gründung der Deutschnationalen Volkspartei den Katholiken das Recht zugesichert worden sei, im Rohmen der nationalen Interessen ihre kirchlichen Sewissenspslichten zu erfüllen Er werde daher noch der Weisung der Bischöfe für das Konkordat ftimmeu. Unter ungeheurer Bewegung des ganzen Hauses teilte Abg. Sleinhoff(Dnat.) mit, daß die Deutschnationale Landtagsfraktlon beschlofien hak, den 2lbg. Goldau wegen dieser Stellungnahme aus der Fraktion auszuschließen. Kurz nach 1 Uhr begann dann die Abstimmung über das Konkordat in dritter Lesung. Artikel 1 wurde mit 324 gegen S2 Stimmen a«> genommen. Ein deutschnationaler Antrag zu Artikel 2. noch dem das Konkordat erst in Kraft treten soll gleichzeitig mit einem Kon- kordat mit der evangelischen Kirche wurde mit26Szu127Stim- m e n abgelehnt. Ein Antrag der Wirtschafts Partei, daß bis spätestens den 1. Januar 1930 ein Konkorhat mit der evangelischen Kirche ob- geschlossen werden müsse, wurde mit 211 gegen 175 Stim- m«n abgelehnt. Sodann wurde Artikel 2 mit 243 gegen 173 Stimme» angenommen. Venzinexplosion in Ludwigsburg. Zwei Knaben getötet. Ludwlgsiburg, 9. Juli. Bei einer Benzinexplosiou. die gesteru abend in dem Lagerraum der Kolonialwarenhaudlung Hagen erfolgte, wurden die beiden acht- und neunjährigen Knaben des Stadtpfarrers Tr. S t i n g. die sich in dem Lagerraum aufhielten, getötet. Der sehr gefährliche Brand konnte auf den Lagerraum beschränkt werden. Bei den Aufräumungsarbeiten fand man die Leichen der beiden Knaben. Siurm über Madras. 45 MUlionen Zentner Neaen fielen. London. 9. Juli. Wie aus Madras gemeldet wird, hat ein außer- gewöhnlich starker M o u s u m große Schäden in der Provinz Madras augerichtet. Mehrere hundert Dörfer sind vollkommen von den Außenwelt abgeschnitten, so daß jede Verbindung mit ihnen unmöglich ist. Der gesamte Eisenbahn», Post- und Telegraphenverkehr ist lahmgelegt. In den lehten 72 Stunden sind 43 Mit- lioaen Zentner Regen gefallen. Zwei Flugzeuge auf Transozeansahri. Aber über beide fehlen Nachrichten. Chlkago, 9. Zuli lieber den verbleib de« Flugzeugs„Unkin Bowle r" liegen Immer noch keine sicheren Nachrichten vor. Es wird vermntel, daß das Flugzeug Im Sap Ehidley in der hudsonbucht niedergegangen ist. Am Montag wurden fünf Stunden lang drahtlose Hilferufe aufgefangen, die jedoch nicht von einer bestimmten Sendestallon stammten. Waffenfludenten. „Die Berliner Studentenwahlen haben den Weg des nationalen Aufstiegs gezeigt: durch Bestimmungsmensur zur Öittatur!" Riesenhitze in LlSA. Zahlreiche Personen tot. New Bork, 9. Juli. Infolge der ungeheure« Hitze sind zahlreiche Per- sonrn vom Hitzschlag getroffen. Sieben Personen sind der Hitze bereits erlegen. Auch aus den benach- barten Städten werden viele durch die Hitze verursachte Todesfälle gemeldet. In Washington stieg das Thermometer gestern auf 3 9 Grad Celsius. Englisches Llnterfeebooi gesunken. Zahl der Menschenopfer noch unbekannt. London, 9. Juli. Die Admiralität teilt mit: Das Untersee- boot B 47 ist bei einem Zusammenstoß mit dem Unter- seeboot L 12 untergegangen. Zwei Mann von B 47 sind gerettet, ein Mann von L 12 wird ver- mißt. Der Ort des Unglücks befindet sich auf 52 Grad 4 Minuten nördlicher Breite und 5 Grad 32 Minuten westlicher Länge. Stinnes-prozeß vor dem Ende. Notwendige Nachlese aus der Beweisaufnahme. Stinnes-Prozeß vor den Plädoyer»! Noch ein kurze» Aufflackern des Interesses und... in zehn Tagen das Urleil. Die lange Dauer des Prozesses ist stets das beste Mittel, die Oeffeulllchkeit in einen sanften Schlummer zu wiegen. Herrn Stinne» sollte man aber diesen Gefallen nicht tun: deshalb noch einige köstlichkeiten aus den sieben Sitzungen der letzten vierzehn Tage. Schraub macht es mit dem«.Augenaufschlag.'' „Spion", geiferte es von der Anklagebank...Spion" hieß es in der Presse. Man bekam diesen„Spion" zu Gesicht— den Bantdirektor Siegfried Lew!» aus Paris, geschäfts- führenden Berwaltungsrat der Bsnque Central pour les pays Slaves.„Spion", weil er sich bemüßigt fühlte, den Reichskommissar Heinzmann von den Machenschaften v. Waldow's und Genossen in Kenntnis zu setzen. Herr Lewit machte im Gerichtssaal keinen besonders ungünstigen Eindruck. In den Büchern der Banque Central fand er ein Konto Wolf von Waldow, Zürich. Der famos« Holländer. Herr Schrand. der neben ihm im Verwaltungsrat der Bank saß, begnügte sich mit einer Andeutung: es handele sich um Diskontogeschäft« mit deutschen Anleihen. Französischer Wein löste aber eines Tages dem Prokuristen die Zunge— er war nicht ganz nüchtern, sagt Herr Lewit, aber trotzdem durchaus wahrhaftig— und so plauderte er aus der Schule: Das Konto v. Waldow beziehe sich auf eine widerrechtliche Aufwertung deut- scher Anleihen. Also machte Herr Lewit Anzeige beim Reichs- kommisiariat in Paris.„Ich kenne die Leutchen, hätte ich dem Lewit nicht eine Provision versprochen, er wäre mit seinem Wissen nickst herausgerückt," bekundet« der Reichskommissar Heinzmann uirter seinem Eide„Durchaus nicht," sagt Lewit,„ich habe das g a i�ze Material sofort zur Verfügung gestellt. Und 30 000 M. für vier Personen ist doch gar nicht übermäßig viel."—„Wer waren die vier?" interessiett sich die Verteidigung. Das will Herr Lewit nicht sagen.„Es war nur Herr Lewit," antworten statt seiner dje Angeklagten. Was stellt aber Herr Schrand vor?„Ein großes Kind," sagt der Zeuge.„Und da hat er Sie hineingelegt?" wundert sich der Verteidiger.„Ja, Herr Rechtsanwalt, wenn Sie mit ihm zu tun gehabt hätten, er hätte auch Sie hineingelegt."— „Wie bekam er das denn fertig?" fragte der Vorsitzende.„Es war der Augenaufschlag." Am Anfange des Stinnes-Verfahrens stand also der Bank- direktor, Herr Lewit, am Ende der Stinnes-Geschäst« findet man., den Oberregierungsrat Steiger aus dem P r e u ß i- schenLandwirtschaftsministerium. Der Oberregierungs- rat kannte nämlich die Frau eines gewisien Herrn Hsuhmann. Herr Haußmann war das Faktotum des Herrn Bela Groß. So kam es, daß der Oberregierungsrat sich nicht nur für die Frau des Herrn Haußmann, sondern auch für die Geschäfte seines Chefs interessierte. Herr Haußmann erzählte nämlich eines Tages dem Herrn Ober- regierungsrat, daß sein Chef Aufwertungsansprüche für deutsche Kriegsanleihen zu erledigen habe. Sie stammten aus Siebenbürgen. Das Geld aus der Anleiheaufwertung solle zu einem deutschen Holz- geschäft verwendet werden. Also lag„nationales Interesse" vor. Der Oberregierungsrat versprach, dafür zu sorgen, daß die Au»- zahlung des Geldes schnell vor sich gehe, interessierte für die Sache «inen Bankier Jacob, machte sich zur Durchgangsstation für die an den Herrn übermittelten Honorare— 10 000 M. von Bela Groß. 40 000 M. von Siebkamp— und erhielt selbst von dem Bankier Jacob nur drei ganz frische Tausend markscheine. Gegen Oberregierungsrot Steiger schwebt ein Disziplinarverfahren. Das Gericht ließ ihn unvereidigt wegen des„Verdachtes der Mit- täterschaft" in dieser Angelegenheit. Haußmann selbst will nicht mehr als 5000 M. erhalten haben. Auch das waren Stinnes-Gelder. Waldows Ehrenwort und Stinnes' geheime Safes. Jeder neu« Zeuge weiß zu bekunden, wie sehr Waldow Stinnes damals belastete. Da war z. B. die Sache mit Stinnes' geheimen Safes. Waldow hatte von ihnen noch auf der Fahrt von Salzburg nach Berlin dem Kriminalkommissar Rassow Mitteilung gemacht. Er behauptet, Rassow habe ihm das Ehrenwort gegeben, von dieser Mitteilung keinen Gebrauch zu machen. Kriminalkommissar Rassow erklärt:„Das stimmt nicht, wäre mir auch im Traum nicht einge- fallen. Habe nur versprochen, Stinnes nicht zu sagen, von wem ich die Kenntnis habe. Aber Waldow hat mir sein Ehren- wort gegeben und zwar aus die Richtigkeit all dessen, was er mir unterwegs erzählt hatte. Ich gab ihm sein Ehrenwort zurück, weil ich fürchtete, er habe vielleicht doch nicht die ganze Wahrheit gesagt und würde sich als Offizier mir gegenüber, gleichsfalls einem Offizier, gebunden fühlen. Wawow ist empört. Man sieht ihm die Entrüstung an; nicht etwa darüber, daß er die Safes seines Chefs verraten hatte, joichern daß man ihn Lügen straft. Aber gut, daß er fein Ehrenwort zurückerhalten hat; denn hinterher legte er trotz feines Ehrenwortes ein Geständnis ab; er widerrief letzteres, obgleich er dem Untersuchungsrichter gesagt hatte:„Solche üblen Mätzchen werde ich doch nicht machen." Ein paar Lahre Gefängnis sind nicht so schlimm. Untersuchungsrichter Töplitz kennt seine Pappenheimer. Er wallte gar nicht Waldows Geständnis entgegenehmen. Am nächsten Tage sollte der Untersuchungsrichter Brühl die Angelegenheit wieder übernehmen und Geständnisse sind immer eine Falle, sagt er. Er warnte Waldow:„Sie haben Stinnes schwer belastet. Wenn Ihre Bekundungen nicht wahr sein sollten, so wäre das eine große Ge- meinheit gegen Ihren früheren Ehes." Waldow tat ganz entrüstet. „Ich sehe mit Bedauern, daß Sie mir noch immer nicht glauben." Dann schnitt er gleich die Frage der chaftentlasiung an. Der Unter- suchungsrichter wußte nun, wo hinaus Herr v. Waldow wollte.„Sie dürfen das nicht mit dem Geständnis oerbinden", und ließ Waldow unterschreiben, daß sein Geständnis mit der Haftentlassung nichts zu tun habe. Herr o. Waldow war übrigens iutmals recht optimi- stssch. Er ließ sich die in Frage kommenden Strafgesetzparagraphen vorlegen.„Na," meinte er,„wenn ich auch zwei bis drei Jahre Gefängnis bekomme, so ist es ja nicht so schlimm. Hindenburg ist ein naher Verwandter meiner Mutter, der wird mich schon begnadigen." Jetzt erklärt er, er sei darin miß- verstanden worden, und sein Geständnis habe er abgelegt, weil man ihn einen Tag lang ohne Essen gelassen und er gehofft habe. aus der Haft entlassen zu werden, überhaupt fei er völlig zermürbt gewesen. Das war nämlich der„sadistische" Selbstbezichtigungs- trieb, wie ihn Stinnes' Verteidiger getauft haben. Gutachtentheater. „Sadistischer Selbstbezichtigungstrieb!" Das war die Parole. Waldow hatte sich nicht geirrt, als er dem Untersuchungsrichter Töplitz gegenüber äußerte: Stinnes erklärt mich noch für geistes- krank. Viel hätte da.zu nicht gefehlt. Weshalb aber bei Waldow „sadistischer Selbstbezichtigungstrieb", warum nicht bei Stinnes, der sich ja ebenfalls der Tat bezichtigte? Die von der Verteidigung be- zahlten Sachverständigen, Dr. S t ö r m e r und Dr. L e p p- mann, saßen sechs Wochen lang in der Gerichtsverhandlung— was sollten sie dagegen tun— beobachteten jede Bewegung des Herrn Waldow, interessierten sich für seine Vergangenheit und sein Verhalten im Gefängnis, befragten die Zeugen, ließen sich von anderweitigen Pflichten abhalten— so vermißte man sie z. B. wiederholt im Manasse-Friedländer- Prozeß— und kamen schließlich zu dent Ergebnis: Geisteskrank war Waldow im Gefängnis gerade nicht, aber so gewisse Andeutun- gen in der Richtung einer möglichen Haftpsychose mögen immerhin vorgelegen haben: Depressionszustände, Appetitlosigkeit, Schlaf- losigkeit. Bangen um die Zukunft, Befürchtung, daß sein guter Name leiden könnte, Sorgen um die Mutter usw. Wo bleibt da der „sadistische Selbstbezichtigungstrieb?" Die Herren. Verteidiger wissen es natürlich besser. * Die Beweisaufnahme ist geschlossen. Freitag erhält der Staats- anwalt das Wort. Eine Woche lang werden die Verteidiger sprechen. Etwa am 25. Juli dürfte das Urteil gefällt werden. Stinnes und Waldow hoffen auf Freispruch. Abwarten! Schacher am Sierbebeit des Königs. Tragikomisches vom spanischen Hof. Uns wird geschrieben: In Ergänzung des Artikels über„Thron und Altar in Spanien" im„Abend" sei hier von einem bisher unbekannt gebliebenen politischen Schacher am Sterbebett König Alfons XII., des Vaters des jetzigen Königs, berichtet. Damals. m den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, wechselten iu der Regierung Spaniens die konservative Partei unter C a n o- vas del C a st i l l o und die liberale unter S a g a st a ab. Als nun König Alfons XII.(im November I88ö) dem Tode nahe war, fürchteten die beiden mächtigen und rücksichtslos gewalttätigen Parteiführer, daß unter der schwachen Regierung der Königin- Regentin Maria Christine die von Ruiz Zorilla geführte republikanische Partei erstarken und die Monarchie stürzen könne. Damit würde aber auch ihre eigen« Herrschaft zu Ende gewesen sein. Sie beschlossen daher, ein Abkommen mit einander zu treffen, um sich an der Macht zu halten und gemeinsam die Republikaner zu bekämpfen. Während Alfons XII. mit dem Tode rang, fanden diese Verhandlungen in dem Vorgemach seines Sterbezimmers statt. Außer den beiden genannten Parteiführern nahmen an diesen Ver- Handlungen auch noch ander« konservative und liberale Politiker, einige Herren vom Hofe und der damalige päpstlich« Nuntius in Madrid, der spätere Kardinalstaotssetretär Ra m p»lla teil. Nach stundenlangem Feilschen zwischen den beiden Parteien war endlich ein« Verständigung zwischen ihnen erzielt, auf Grund deren jede von ihnen ein« bestimmte Zeit am Ruder bleiben und dann zu Gunsten der anderen zurücktreten solle. Di« Republitan«r sollten aber von beiden Parteien gemeinsam bekämpft werden, und vor allem verpflichteten sich die Liberalen, ihnen kein« Unterstützung oder Förderung zu teil werden zu lassen. Als dieser politische Schacher zwischen Canovas del Castillo und Sogasta erledigt war und sich auch Rampolla mit ihm einverstanden erklärt hatte, siel es endlich einem ein, nach dem schwerkranken König zu sehen, der unterdessen gestorben war. Auch Rampolla war in das Krankenzimmer des Königs getreten, und als er die Leiche des Königs sah, der ohne geistlichen Beistand, einsam und allein die Augen für immer geschlossen hatte, hob er die Arme zum Himmel und rief aus:„Unseliges Land, in dem um des Ehrgeizes zweier Parteiführer willen die un st erbliche Seele eines Königs verloren geht." Mächiedruck auf dem Balkan. Ein englisch-französifcher Friedensschritt. Sofia, g. Juli.(Eigenbericht.) Die Vertreter Englands und Frankreichs in Sofia wurden bei der bulgarischen Regierung wegen der Verschärfung des Ver- hältnisses zwischen Sofia und Belgrad vorstellig und ließen wissen, daß sowohl Frankreich als auch England«in« Aenderung de« bestehenden Zustandes wünschen. In Belgrad ist ein ähnlicher Schritt unternommen worden. Siitlstand in Kinnland. Keine Veränderungen im Parlament. Riga. g. Juli.(Eigenbericht.) Die Ergebnisse der finnischen Reichstagswahlen liegen jetzt aus allen Wahlkreisen vor. Danach erhalten Sozialdemokra- ten 59(60) Mandate. Bauernpartei 56(52), Fortschrittspartei 9 (10), schwedische Dolkspattoi 23(24), Sammlungspartei 31(34), Kommunisten 21(20). „Völkische Beobachtungen." Eine kleine Auslese aus dem„Aiederfächsischen Beobachter". Ein Freund unseres Blattes schickt uns aus Hannover die „Folge 27" des„Niedersächstschen Beobachters" vom 6. Juli. Das Blatt nennt sich in seinem Untertitel.Mmpfblatt für den Nationalen Sozialismus". Im allgemeinen weih man zwar, was die Presse dieser Art zu sagen hat, aber es ist doch von Zeit zu Zeit erbaulich und lehrreich, wenn man sie sich gelegentlich einmal etwas näher ansieht. In dem Leitarttkel„Wer wird wen zuerst hängen?" beschäftigt sich das Blatt eingehend mit den Ankündigungen Grzesinskis, nach denen sich das Volk gegen eine politische Ver- gewaltigung wehren würde. Am Schluß droht der Artikel:„Die nationolrevolutionären Kräfte werden fanattscher als vorher und ohne die seitherigen Organisationen und ihre Führer, im Dunkel der Illegalität einen Vernichtungskampf des einzelnen wider den einzelnen beginnen, vor dem Schüsse auf Eisner, Erz- berger, Scheidemanit, Rathenau nur ein schwacher Vorgeschmack sind." Wenn man diesen geheimnisvollen Satz auch nicht vollständig verstehen kann, so ist ihm doch zu entnehmen, daß der„Nieder- sächsische Beobachter" eine gemeine Mord hetze zu ent- fachen sucht. An anderer Stelle des„Beobachters" finden wir die folgende Ausführung, die wir ohne Kommentar wiedergeben können:„3n gehorsamer Pflichterfüllung gegenüber der beschworenen Ver- fassung steht Hindenburg an der Spitze des Reiches. Er ist der Inbegriff der Unbestechlichkeit, der Korrektheit und der Nüchternheit. Doch diese Durchschnittskräfte des Preußentums verschwenden sich bei Hindenburg an ein System, das selbst bestechlich, korrupt und pflichtvergessen ist." Eine ander« edle Kostprobe:„Daß der feist« Geschästemachcr Matthias Erzberger, den die Pistolenschüsse sana- tischer Nationalisten dem Tode langsamer Ueberernährung und qualvoller Herzverfettung entzogen, ebenfalls neben Eberts Plakette gesetzt wurde, das würden wir uns an Frau Eberts Stelle ganz entschieden verbitten."— Die völkischen Herren machen sich wirklich sehr unnötige Sorgen. Die Mordbuben. Kriegsschreier und Kriegshetzer kämpfen aber auch gegen das Verfailler Diktat. Welche Ziele sie mtt diesem Kampf zugleich verfolgen, geht aus der folgenden Aeußerung hervor:„Alle Maßnahmen gegen den Schuldparagraphen des Verfailler Diktats haben nur dann einen Sinn, wenn sie auf Er- greifung der Staatsmacht ausgehen. Tun sie das nicht, bleiben sie leere Gesten. Denn die Schildhalter des Verfailler Vertrags sitzen weniger in Paris, London und Washington, als in Berlin." Man möchte also nicht nur die Beseitigung des Friedensvertrages, man möchte so nebenbei auch die Erledigung der deutschen Republik. * Das ganz« Sammelsurium von Schimpfereien und Schmöhun- gen auf die Republik und ihre Minister zeigt, daß die völkischen Schimpfhelden wieder glauben, sich Frechheiten herausnehmen zu dürfen, seitdem das Republikschutzgesetz gefallen ist. Bauernerwachen in Polen. Front gegen pilsudski und den Großgrundbesitz. Warschau. 9. Juli.(Eigenbericht.) Die radikale Bauernvereinigung, die in letzter Zeit in politischer Hinsicht besonders hervorgetreten ist und auch auf die beiden anderen Bauernparteien einen starken Einfluß aus- übt, hat in Warschau ihren diesjährigen Kongreß abgehalten, auf dem die fortschreitende Radikalisierung der Bauernmassen zum Ausdruck gekommen ist. Die Reden, die von den Führern der Verein!- gung gehalten wurden, waren sämtlich scharf gegen die Regierung gerichtet. Der Bizesejmmarschall Dombstt, spielte auf die bekannte Drohrede des Obersten Slawek an, der neulich erklärte, daß den widerspenstigen Abgeordneten die Knochen eingeschlagen werden müßten, und erwiderte, daß die Bauern für die Knochen eines jeden ihrer Abgeordneten hundert Grundbesitzer oerprügeln würden. In einer Resolution wird die Berantwortung für die schwierige innerpokitische und wirtschaftliche Lage einzig und allein der Person P i l s u d s k i s zur Last gelegt. Di« Resolution wendet sich gegen die vom Regierungsblock geplante Verfassungsrevision und verlangt vielmehr die Wiedereinsetzung der bisherigen Verfassung in ihre Rechte, die Abschaffung des Senats, die Trennung von Staat und Kirche sowie eine druchgreifende Agrarreform. Schließlich wurde die Notwendigkeit eines Zusammenschlusses der drei Bauern- Parteien zu einer einheitlichen Organisation zum Schutze der Bauernbevölkerung gegenüber den Großgrundbesitzern als auch der Regierung festgestellt.___ Geschäfte mit der Sowjetunion! Amerika zur Anerkennung bereit. London, S. Juli. Der„Daily Telegraph" weist in einem New-Borker Bericht auf einen beträchtlichen Umschwung in der Haltung der amerikanischen Negierung hin, ins- besondere des Präsidenten Hoover, in der Frage der förmlichen Anerkennung der Sowjetregierung durch die Vereinigten Staaten. Es könne als wahrscheinlich gelten, daß Hoover unter dem Eindruck sehr einfluß- reicher Kreise die frühere Ablehnung der amerikanischen Negierung, die Sowjetregierung anzuerkennen, einer er- neuten Prüfung unterziehen werde. Eine Grupp amerl» kanischer Industrieller und Bankiers, die im nächsten Monat eine vierwöchige Reise nach Sowjetruß- land unternähmen, sei bereits von dem Wechsel in der Haltung der amerikanischen Regierung verständigt wor- den. Von Präsident Hoover selbst wird behauptet, daß er die Aufregung Kelloggs und Hughes über die bolsche» wistische Werbetätigkeit niemals geteilt habe und die ganze Frage der Aufnahme der diplomatischen Be- Ziehungen von sehr nüchternen Gesichtspunkten aus betrachte.___ Briand gegen London. Noch immer keine Einigung über den Konserenzort. Paris. 9. Zull.(Eigenbericht.) Der deutsche Botschafter ln Paris sprach am Montagabend Im Zusammenhang mit den Borbereilungen der diplomatischen San- sereuz nochmals bei Brland vor. Cr errelchle, daß die französisch« Regierung ans die Drelkeilong der Konferenz verzichtet. Brtand lehnte sedoch nach wie vor London als Konferenzort a b nnd unlerrlchleke den deutschen Botschafter ln großen Zügen über den Inhalt seiner Rote, dle er im Lause des heutigen Tages wegen des Konferenzorles an die englische Regierung zu richten beabsichtigt. Die französische Regierung wünscht Baden- Baden bzw. einen Ort In der Schweiz als Sitz der Konferenz. poincar6 wird Vertrauen fordern. Paris, 9. Juli.(Eigenbericht.) Die sozialistischen'Abgeordneten Leon Blum und Bincint Auriol werden zu Beginn der für Donnerstag bzw. Frettag in Aussicht ge- nommenen Reparationsdebcttte die sofortige Vertagung der Dis- tussion fordern und verlangen, daß die Regierung Poincarä zunächst einmal eine kategorische Erklärung über die Räumung des Rhein- land«s und die friedlichen Absichten ihrer künftigen Außenpolitik ab- gibt. Die Regierung wird demgegenüber die Vertrauens- frage stellen, zumal die Radikalen einen ähnlichen V«rtagungs- antrag zu stellen beabsichtigen. Di» Reparationsdebatte wird also mit einer Abstimmung über die Existenz des Kabinett» Poincare beginnen.- Haftentlassung bei der„Gazelte du Franc". Der ehemalige Chefredakteur der„Gazette du Franc," Pierre Audibert ist wegen schlechten Gesundheitszustandes aus der Hast entlassen worden. Oeuischer Gewerkschafter ausgewiesen. Französische Behörden und deutsche Firmen Hand in Hand. Saarbrücken, 9. Zuli.(Eigenbericht.) Der Saarbezirkslelter des Heizer- und Maschinisten- Verbandes, Schwaninger, ist dieser Tage aus Frankreich aus- gewiesen worden. Vorher wurde er von der französischen Gen- darmeric in Dicdenhosen einem Verhör unterzogen und stundenlang festgehalten. Die Saarbrücker„volkssiimme" erklärt die Maßnahme der französischen Polizei mit dem Verhalten deutscher Baustrmen, die mit der Herstellung der Moselkanalisation aus Reparationskonlo beauftragt sind. Vertraglich müssen dabei 95 proz. deutsche und 5 Proz. französische Arbeiter beschäftigt werden. Dle Firmen haben sich bis jetzt geweigert, mit den in Betracht kommenden Organisationen Tarifverträge für ihre Arbeiter abzuschließen und bezahlen durchschnittlich 20 bl» 39 M. unter Tarislohn. Die beul- schen Gewerkschaften haben selbstverständlich ein Zoteresse daran. daß die deutschen Arbeiter, die zum allergrößten Teil bei ihnen organisiert sind, auch tarifmäßig entlohnt werden, lieber die Ausweisung herrscht große Erregung unter der deutschen Arbeiterschaft, die bei den kanalisattonsarbeilen beschäftigt sind. Man er- mattet, daß die Reichsregierung den Fall ausgreisen wird. Der Ifcchisblock in Schwerin. Nationalsozialisten als Zünglein an der Wage. > Am Borabend der ersten Sitzung des neugewählten sechsten ordentlichen Mecklenburgischen Landtags sind in der Landeshanpt- stodt Sckwerin die maßgebenden Fratttonsvertreter der neu zu bildenden Rechtskoalition zu einer letzten Besprechung über die Regierungsbildung zusammengetreten. Nach dem bisherigen Ergebnis der Verhandlungen muß man mit einem Zustandekommen einer Rechtsregierung in Mecklenburg rechnen, wenn auch noch iitnerlzalb der„Einheitsliste nationaler Mecklenburger", besonders bei einigen Abgeordneten der früheren Volks- und Wirtschaftspartei, eine gewisse Opposition gegen die restlose Unterstützung der nationalsozialistischen Programmpunkte besteht. Es ist so gut wie sicher, daß der Führer des Landbunde?. Essenburgi, die Ministerpräsidentschaft und das Innenmini- sterium übernimmt. Der als Finanzminister in Aussicht genommene gegenwärtige Leiter des Landesfinanzamts Mecklenburg-Schwerin, Bi erstaedt» hat das ihm angetragene Ministeramt a b- gelehnt._ Siurm gegen Keieriage. Oeutschnationaler Antrag in Sachsen. Dresden, 9. Juli. Die Landtagsfrattion der Deutsch nationalen Volks- partei hat im Landtag einen Antrag eingebracht, der Landtag wolle als Gesetz beschließen:„Das Gesetz über di« Anerkennung neuer Feiertage vom 10. April 1922 wird aufgehoben." Es handelt sich um den 1. Mai und 9. November. Selbstmord eines Siebzehnjährigen. Vor die Zkäder des Vorortzuges geworfen. heute früh machten Bahnbeamlen aus der vororlstrecke nach Strausberg eine grausige Entdeckung. Kurz hinter Stralau-Rummelsburg fanden die Beamten zwischen den Gleisen den Körper eines jungen Mannes. dem der Kopf vom Rumpf getrennt war. Die hinzu- gerufene Polizei stellt« den jugendlichen Selbstmörder als einen 17jährig«n Erwin D re y b ro t aus der Wilhelm st raße 13 in Lichtenberg fest. In seinen Taschen fand man mehrer« an die Angehörigen gerichtete Abschiedsbriefe, aus denen jedoch nicht hervorgeht, warum der juiige Mensch den Tod gesucht hat. Die Leiche wurde beschlagnahmt und nach der Halle in der Bornitzstraß« gebracht. Ltntergrund-Güierbahn. London. S. 3uH. ver mit der Lösung der Arbeilslosenfrage betraute Mtnlster Thomas prüft gegenwärtig einen Plan für den Bau einer Lon- doner Itnlergrundbaha zur Beförderung von Gütern. Durch diesen Bau würden 60 000 Mann für wenigstens vier Zahr« Befchüfti- gung finden. Der Befürworter des Planes Viscounl Elibank er- klärte, er schätze die kosten aus 40 Millionen Pfund Sterling, und dieses kapital sei sofort verfügbar. Die Regierung sei ersucht worden. die Zinsen für das vorgestreckte kapital zu garantieren. Die llnlergrundbahn soll etwa 75 Meilen lang sein, 54 Slalioncn mit Laderampen erhalten und die verschiedenen Bahnhöse und großen Magazine in Westend miteinander verbinden. Mir Sonnabend— Frühschluß! Ein Aufruf des Berliner Polizeipräsidenten. Vom Tonkünstlerfest in Duisburg. Gegenwartsoper und Opernzukunfi. Praktische Förderung des deutschen Opernschcrssens„im Sinn fortschreitender Entwicklung"— ist eine der Aufgaben, zu denen der Allgemeine Deutsche Musitverein sich in seinen Satzungen bekennt. Von seinem Gründer, Franz Liszt, hat er die Parole der Fortschrittlichkeit als Tradition empfangen: eine srucht- bar«, aus der Vergangenheit in die Zukunft weisende Tradition, und sie hat den Verein, die künstlerisch mächtigst« Vertretung der» deut« scheu Musikerschaft noch immer, durch sieben Jahrzehnte lebendig und aktiv erhalten. Noch immer ist das„Tonkünstlerfest" die reprä- sentatioe Schau des deutschen Musikjahres. Werk« der Gegenwart, Werke der Jugend werden aufgeführt, die meisten zum ersten Male, werden gehört und beurteilt van Musikern und Kritikern aus allen Teilen des Reiches. Zunächst, und bis in den Anfang unseres Jahr- Hunderts, nur Werke des Konzertsaals: nur langsam setzt sich gegen den Widerstand wirtschaftlicher Schwierigkeiten auch die Oper in den Festprogrammen durch. In der heutigen„Opernkrise", von der alle Welt spricht, ist endlich die Opernproduktion in den Vorder- grund der Dereinsinteressen gerückt. Und zum ersten Male findet sich nun— in Duisburg, dank den außerordentlichen Möglichkeiten, die das Theater der Stadt bietet— erwünscht« Gelegenheit, die deutsche Musikwelt zu einer modernen Opernsestwoch« zu laden. Es gibt diesmal kein Orchesterkonzert: nur zwei Kammermusikmatineen: aber m sechs Tagen neun musikalisch-dramatische Werke, allen Gattungen angehörend vom Tanzspiel bis zur heroischen Oper. Das künstlerische Gesamtergebnis ist nicht überwältigend: einen sicheren Erfolg, sicher in seiner weiteren, das heißt weitesten Aus- Wirkung, bringt der letzte Abend:„Maschinist Hopkins", eine Oper aus der Maschinen- und Arbeiterwelt von Max Brand, gestern noch einem unbekannten Mann. Aber den größten, nach- haltigsten Erfolg hat— das Duisburger Stadttheater. Diese sechs Abende waren Frucht monatelanger, intensivster Vorbereitung: ein« künstlerische Arbeüsleistung, EnergiAeistung ohnegleichen: nur ein musterhast organisiertes, durchorganisiertes Operntheater konnte sich die Riesenaufgab« zumuten. Wie sie gelöst worden ist— summarisch gesprochen: vollkommen—, das hätte kein anderes Theater im Reich vermocht. Dies Theater ist am Maßstab unserer ersten Bühnen zu messen: nur eben, sein Niveau wird mit einer Konsequenz gewahrt, die bei ersten Opernbühnen nicht üblich ist. Das gerade ist das Besondere: diese äußerste Kon- sequenz. mit der in den gegebenen Grenzen das denkbar Best« erzielt wird: und diese Grenzen sprengen den Rahmen der Vorstellung, die sich bei vielen mit dem Namen„Provinztheater" verbindet. Man wird den Begriff„Provinz" revidieren müssen. Den Begriff des geschlosienen„Ensembles", den Berlin kaum noch kennt, haben wir im Lauf dieser sechs Abende sozusagen neu entdeckt. Nicht an einzelnen Siarleistungen, die das Ensemble über- ragen, sondern an der Besetzung gerade auch der kleinsten Rollen, die es nicht durch einen Augenblick der Unzulänglichkeit be- einträchtigen, ist seine Leistung zu ermessen. Und für alle Rollen ge- eignete Vertreter, jeder Mann am rechten Platz, und alles aus eigenen Kräften, kein Gast, keine Abjage,«ine Woche hindurch— und welch eine Woche!— und wie ist dies Künstlerpersonal auf- einander eingesungen, eingespielt! Man spürt, daß der Spiel- Mechanismus des Theaters planvoll durchgebildet ist: bis in den letzten Chorsänger zeugt die Darstellung von strenger Disziplinierung des körperlichen und des sprachlichen, kurz, des schauspielerischen Ausdrucks, es gibt keine lässig«, ungeschickt«, zufällige Bewegung. keine Textundeutlichkeit, Wort und Geste werden, nicht minder als das Musikalische, bewußt als höchst« Werte kultiviert. Soviel Werk«, soviel Stile: nur mit einem so zielsicher geschulten Kunstkörper wird es möglich, wie hier, jedem Werk seinen Darstellungsstll zu geben. Es war außerordentlich, mit welch genauer Einfühlsamkeit in jeder Oper die Bühn« von dem Stilwtllen durchdrungen war, der, im Geist des Werks, von der Regie ausging— von der Regie oder vom Dirigentenpult, das blieb kaum zu unterscheiden. Wir müssen das Verdienst an der hohen Gesamtleistung des Hauses seinem Leiter, dem Intendanten Dr. Saladin Schmitt, zuschreiben. In dem Regisseur Dr. Alexander Schum, den Kapellmeistern Paul Drach und Wilhelm Grümmer hat er die besten Mit- arbeiter. Und vor allem freilich ist der Maler Johannes Schröder eine künstlerische Kraft von allerhöchstem Rang. Was da im Zu- sammenwirken von Form, Farbe und Licht geschaffen worden ist, geschaffen an antik monumentalen oder märchenhast phantasievollen oder zart parodistischen Bildern: und wie dabei das technisch Kom- plizierteste und das Subtilste unfehlbar vonstatten ging... ganz gewiß, man hätte das in Berlin nicht besser machen können. Dies Theater zeigt in Dollendung den Typ, dem die Ent- Wicklung der deutschen Opernbühne zustrebt. Sein Etat mag für die Verhältnisse der Stadt hoch erscheinen, aber er ist, an der Leistung gemessen, äußerst bescheiden im Vergleich etwa mit dem unserer Berliner Opernhäuser. Was haben die voraus? In erster Linie ein paar„große" Sänger. Man kann, wie das Duisburger Beispiel von neuem zeigt, auch ohne Starattraktion große Opernkunst inachen. Darauf wird man sich in Deutschland, dessen Opernbetriebe— ausnahmslos— zu kostspielig sind, allmählich einstellen, das heißt, um- stellen müssen. Das ist die eine Lehr« dieser Opernwoche. Di« andere ergibt sich aus der Tatsache, daß es ein Stadttheater ist, das so Vorbildliches bietet. Im Jahrhundert der deutschen Hoftheater wäre kaum vorstellbar gewesen, daß ein« Industriestadt der Provinz sich so hohe Theater- ambitionen hätte träumen lassen. Die Hoftheater von damals wurden 1918 in Staats- oder Landestheater umgewandelt, und das war fürs erst« ohne Zweifel die gegebene Lösung, nämlich Ablösung. Aber es ist nicht zu verkennen, daß es den Ländern immer schwerer wird, die Last der halb unfreiwilligen Erbschaft zu tragen. Nicht den Staaten, sondern den Städten, für deren Bevölkerung die Theater da sind, obliegt vor allem, das kulturelle Werk der deutschen Theaterkunst zu fördern und zu vertiefen, das Fürstenlaune und höfisches Repräsentationsbedürfnis aufgerichtet haben: freilich nicht eben all den ehemaligen Residenzstädten mit ihren alten Hof- theatern, sondern den zukunftsvolleren Industrie� und Arbeiterstädten mit ihren neuen Stadttheatern. In Duisburg gibt Oberbürgermeister Dr. Iarres das Beispiel einer großzügigen, doch nicht ver- schwenderischen, wahrhaft zeitgemäßen Theaterpfiege. Bom Strom der unaufhaltsamen Entwicklung wird Berlin sich am schwersten, am widerstrebensten mitreißen lassen. Aber für das ganze Reich, für die deutschen Städte bedeutet die Duisburger Opernfestwoche ein Vorbild und Ereignis, dessen theatergeschichtliche Auswirkung nicht abzusehen ist. Klaus Pnngsbeim. Der Berliner Polizeipräsident Zörgicbel wendet sich in einem Ausruf an die Besitzer der Einzelhandelsbetrieb«, durch den sie aufgefordert werden, an den Sonnabenden und an den Tagen vor den drei großen Festen um 5 Uhr nachmittagsdie Geschäfte zu schließen. In dem Aufruf heißt es u. a.: „Der Fünsuhrladenschluß würde auch dem in letzter Zeit mit Recht so stark propagierten Gedanken des Woch enc Ildes, das in England sich schon seit vielen Iahren so vorzüglich bewährt hat, und das sich heute jenseits des Kanals niemand mehr fort- denken kann, zugute konunen. Das würde einmal eine Steigerung der Liebe zur Natur bedeuten... Schließlich würde eine ge- waltige Förderung unserer Volksgesundheit die erfreuliche Möglichkeit eines Ausspannens in frischer Lust fern der Großstadt mit ihrem Hasten und Treiben sein. Es wäre jedoch völlig falsch, anzunehmen, daß imr die Arbeit- nehmer emen Vorteil von der Einführung des Fünfuhrladenschlusses „Proletarier" Ein« l�»ensgroße Plastik von Heinz Tichauer, die der Berliner Magistrat ankaufte, um sie auf dem Küstriner Platz im Bezirk * Friedrichshain aufstellen zu lassen ' an Sonnabenden und an den Tagen vor den drei großen Festen haben würden. Tatsächlich liegt eine solche Regelung nicht zuletzt im eigensten Interesse der Unternehmer selbst und würde sich unbestreitbar zu ihren Gunsten auswirken. Erfreulicher- weise gilt ja der Standpunkt, daß ein« möglichst lange Geschäftszeit eine Erhöhung des Gewinns bring«, auch bei der überwiegenden Mehrheit der Unternehmer heute als schon längst überwunden. Man denke doch nur einmal zurück an die Zeiten, in denen wir noch den Neunuhr- und sogar den Zehnuhriadenschluß hatten. Damals begegnete der Gedanke eines früheren Ladenschlusses ebenfalls zu- nächst heftigstem Widerstand der Geschäftsinhaber. Bis sie dann nach und nach selber darauf kamen, daß verlängerter Geschäftsbetrieb absolut nicht gleichbedeutend mit' vermehrten Einnahmen ist, daß im Gegensatz die durch di« längere Geschäftszeit erforder- lichen erheblichen Unkosten absolut nicht in Einklang zu bringen waren mit den erzielten Einnahmen. Und man denke serner nur einmal zurück an den noch gar nicht lange hinter uns liegenden Kampf um die Sonntagsruhe. Und dann frage man, welcher Unternehmer die sonntägliche Geschäftszeit zurückwünscht. Es ist eben eine alte Erfahrung, daß nicht die Kaufmöglichkeit, sondern die Kaufkraft des Publikums ausschlaggebend für den Umsatz ist." Der Polizeipräsident bedauert weiter, daß er den Fünf- uhrladenschluß zwar empfehle, den Plan von sich aus aber nicht verwirklichen könne. So wie in Berlin liegen die Verhältnisse in allen großen Städten. Den Arbeitnehmern des Einzelhandels wäre es wirklich zu gönnen, wenn sie wenigstens einmal in der Woche um S Uhr frei hätte». Unsere Leser können die Angestellten in dem Kamps für den Sonnabend-Frühschluß unterstützen, indem sie sowie ihre Familienangehörigen grundsätzlich des Sonnabends nach 5 U h r keine Einkäufe mehr vornehmen. Darüber hinaus gilt es, die Angestellten in immer größeren Massen der freigewerkschaftlichen Organisation, dem Zentralverband der Angestellten, zuzuführen. Auch dabei können unsere Leser Hilfe leisten. Eine Zigarrenhändlerin beraubi. Frecher Diebstahl in der Turmstrahe. Ein mit überaus großer Freschheit vollsührler Geld- raub wurde heute vormittag in einem Jigarrenladen in der lurmstraße in Moabit verübt. In dem Geschäft erschien ein junger Mann, der mehrere Schachteln Zigaretten kaufte und zur Bezahlung der Ware einen Zwanzigmarkschein reichte. Die Frau, die das Geschäft versieht der Mann befindet sich außerhalb Berlins—, nahm aus einem Schubfach, der sich hinter dem Ladentisch befindet, ein« Brief- ta sche heraus, um den Schein zu wechseln. Die Brieftasche legte sie dann auf den Tisch neben sich. Die Frau gab dem Kunden auf den Zwanzigmarkschein heraus. Der junge Mensch entfernte sich mit einer Schnelligkeit, die der Zigarrenhändlerin sofort auffiel. Als sie nach der Tasche sah, die über 800 M. bares Geld enthalten hatte, mußte sie zu ihrem Entsetzen feststellen, daß sie verschwun» den war. Bon dem Dieb, nur der junge Mann kommt für den gemeinen Raub an der unbegüterten Frau in Frage, war natürlich keine Spur mehr zu entdecken._ Wetter für Berlin. Weiterhin kühl und wolkig, meist trocken. Westwinde. Für Deutschland. Ueberall kühl, im Nordosten noch Regenschauer. Aaturschuh- nötiger denn je. Gegen die zunehmende Beeinträchtigung der deutschen Landschaft hat der dritte Deutsche Naturschutztag, der kürzlich in Dresden tagte, eine Reihe von beachtlichen Entschließungen angenommen. Ueberall dringt ja der„Geist der Zeit" mit Riesenschritten gegen das deutsche Landschastsbild an: eben wird aus dem Schwarzwald die Gefähr- dung der wohl wichtigsten Eiszeit-Landschaft im dortigen Hochwald, des Schluchsees, durch ein Stauwerk berichtet. Mit Besorgnis müssen oor allem die immer tieferen Eingriffe des Steinbruchgewerbes erfüllen. Der Naturschutztag fordert eine planvolle Ausnutzung der über Tage anstehenden Bodenschätze, bei der unter Teilnahme von Vertretern der Wissenschast wie des Naturschutzes die Forderungen des Naturschutzes ebenso wie die Bedürfnisse der Wirtschaft berück- sichtigt werden. Unbedingt zu erhalten sind die als erdgeschichtliche Naturdenkmäler und als Wahrzeichen der Landschaft bedeutungs- vollen Berge. Besonders gilt das für Gebirge wie z. B. die mittel- rheinische Vulkanlandschaft und den Hegau. Die Reklame darf trotz bestehender PolizeivOrschristen nach wie vor die Landschaft verunstalten und beginnt, sich auch des Luft- raumes zu bemächtigen. Besonders die Automvbilindustrie, z. B- die Tankstellen, tun sich da hervor, und die Schienenwege der Reichsbahn haben nicht weniger unter der Streckenreklame zu leiden. Amerika bietet für solche Mißstände durchaus kein Vorbild: mehrere Staaten der Union haben die Anbringung von Werbezeichen in den Wohnvierteln, an Landstraßen, in der Umgebung von Schulen und öffentlichen-Gebäuden verboten. Sachsen hat gleichfalls gesetzlichen Schutz. Die Erholungsgebiete dürsten durch den Verkehr nicht ihrer natürlichen Vorzüge beraubt werden. Solange es nicht gelungen ist, außer staubfreien Straßen auch möglichst geräuschlose Fahrzeuge zu erzielen, fordert der Naturschutztag Fahrbeschräntungen für den Kraftoerkehr mindestens an Sonn- und Feiertagen. Professor Thiele- Dresden hatte daraus hingewiesen, daß in Sachsen 170 wichtige Straßen am Sonntag zwischen 8 und 20 Uhr für Automobile gesperrt sind, und sich für besondere Radfahr- und Fußwanderwege eingesetzt. Das wichtigste Mittel, den Zwiespalt zwischen Derkehrs- und Er- holungsgebiet zu beseitigen, ist Erziehung im Sinne der Naturschutz- bewegung, die in ihrem Endziel zum Berantwortlichkeits- und Pflichtgefühl gegenüber den Mitmenschen führt. An den Seen wird durch die Uferbebauung und Uferabsperrung der natürliche Strand vernichtet und die Allgemeinheit von den Ufern ausgeschlossen. Es ist eine pkanmäßige Festlegung der isfer- strecken zu fordern, die unbebaut bleiben und offengehalten werden sollen. Ferner ist von Sachverständigen des Naturschutzes im Benehmen mit Technikern und Wirtschaftlern festzustellen, welche Naturdenkmäler und im wesentlichen unberührten Landschaften, so- genannte Urlandschasten, am Wasser von der wirtschaftlichen Nutzung ganz»der zum Teil ausgenommen und in ihrem natürlichen Zustand erhallen werden können und sollen. Die Talsperrenbauten oernichten nicht sellen unersetzliche Natur- werte, z. B. nach den Hochwasserverheerungen in Sachsen bei Malter, wo ein wundervolles Wiesental preisgegeben werden mußte. Die Erfahrungen beim Talsperrenbau zeigten, daß gelegentlich Sperren errichtet wurden, ohne daß ein zwingendes Bedürfnis vorlag. Die Naturschutzorganisationen sollten stete Stellung nehmen können, ehe Sperren gebaut werden. Filmreprisen. Der Gedanke, gute bewährte Filme van Zeit zu Zeit wieder erstehen zu lassen und nicht in die Nacht des ewigen Schweigens zu versenken, die Zufälligkeiten der Soisonproduktion sozusagen durch Filmklassikeraufführungen auszugleichen und so nach und nach zu einem Filmrepertoire im Sinn« des Theaters zu kämmen, gewinnt von Jahr zu Jahr an Boden. Will der Film der Bedeutung, die er längst hat, sich würdig erweisen, so muß er aus der Planlosigkeit, die ihn heute noch beherrscht, heraus:«in Mittel dazu ist di« Wiederaufnahme bereits abgesetzter Filme. Die Ufa bringt gleich zwei ältere Filme, die beide noch ihren Wert und Reiz haben, aufs neue heraus. Im UT. Kurfür st en- dämm ist es„Hotel Stadt Lemberg" und im Ufa- Pavillon„Der heilige Berg". Mauritz Stillers letzte große Regieleistung mit der starken und hier gar nicht starmäßigen Dar- stellungskunst der Pola Negri verdient in gleicher Weise dies« Ehre wie das hohe Lied auf die Natur, die Bildsymphonie von Meer und Berg. r. Um die 60 jährige Schuhfrist. Das Wiener Justizministerium bereitet für die Verlängerung der Schutzfrist für geistiges Eigentum auf SV Jahr« gegenwärtig ein zweijähriges Provisorium vor, das die Werte von Johann Strauß und Millöcker mit umfaßt. Man rechnet in Oesterreich damit, daß innerhalb dieser Frist auch in Deutschland die 30jährige Schutzsrist eingeführt wird. sHofsentlich nicht!) Das Unterrichtsministe- rium wird zugleich ein Statut ausarbeiten für die Verwaltung und Verteilung eines Künftlerhilfssonds, zu dem sich die Autorengesell- schasten der Regierung gegenüber verpflichtet haben. Der in Rom seinerzeit vorgelegt« deutsche Vorschlag sieht vor, daß nach englischem Vorbild bei Ablauf der 30jährigen unbedingten Schutzfrist die 20jährjge Lizenzfrist eintritt, in der an die Erben eine Lizenzgebühr, die in einem besonderen Fonds verwaltet wird, gezahlt werden muß. Für diesen Vorschlag hatten sich seinerzeit Oesterreich. die Schweiz und Schweden mit entschlossen. Das Vorgehen Oester- reich? wird vermutlich auch«ine beschleunigt« Behandlung der Frage in Deutschland nach sich ziehen. Das Ergebnis des Wettkongresses der Bibliothekare Der erste Weltkongreß der Bibliothekare, der jetzt in Venedig zu Ende gegangen ist. hat ein« Reih« bemerkenswerter Ergebnisse gezeitigt. Für die hauptsächlich von den deutschen Vertretern an- geregt« Eiicheits-klaMikatüm wurde ein« Stndienkommissio-n ein- gesetzt, die die Errichtung einer Normenakademie zum Ziele hat. Auch di« Frage der Abkürzungen wird in einer Sonderkommission weitergebracht werden. Unter den Resolutionen, die bekannt gegeben wurden, befindet sich die Forderung nach Errichtung nationaler Auskunftsbureaus. um seltene Bücher aufzufinden, die Forderung nach Einführung eines internationalen zollfreien Leihverkehrs zwischen den Nationalbibliotheken der einzelnen Länder, sowie die Errichtung von Bibliothekarschulen, von denen ein« wenigsten« noch in diesem Jahr, oernmtlich in London, ins Leben gerufen werden soll. „Statin«der Assen", laust wieder ab S. Jnll im Rannorhau« am Kursürstendamm. Weddinger Geisieskämpfer Kommunisten schlagen auf einen 60jährigen Funktionär ein Nachdem die Leitung der KPD. am Wedding hat feststellen müssen, daß trotz der Verächtlichmachung der SPD. unsere An- Hängerschaft immer größer wird, greift sie zu den verwerflichsten Mitteln, um einzelne unserer Funktionäre der Wut ihrer Anhänger auszuliefern. In dem„Roten Weckruf", einer Häuserblockzeitung, für die Herr G o l k e, Mitglied des Landtags, verantwortlich zeichnet, die aber von Herrn Stadtverordneten Schlüter und seinen Freunden herausgegeben und redigiert wird, werden die kühnsten Verleumdungen gegen einzelne Funktionäre, die im Vordergrund der Bewegung stehen, gebracht, weil die Schmierfinken, die diese Zeilen schreiben, durch die Jnnnumtät des Herrn Golke geschützt sind. Daß sie sogar nicht davor zurückschrecken, Funktionäre der SPD. zu überfallen, zeigt ein Vorfall, der sich am Donnerstag- abend in der Geschäftsstelle der 21. Abt. abspielte. Als nach der Kassenrevision sich noch einige Funktionäre beim Glase Bier unter- hielten, wurden sie von zwei Anhängern der KPD., die eben das Lokal betraten, mit den Worten„Lumpen" und„Strolche" tituliert. Besonders ein Herr Müller. Liebenwalder Straße 30. konnte feine Wut über die SBD.-Leute nicht zügeln, und schlug aus deu Obmann der Revisoren, einen üOjährigen Funktionär, ein. Als sich unsere Genossen zur Wehr setzten, mißfiel diese Handlungsweise dem Herrn Stadtverordneten Schlüter, der vor dem Lokal auf die Auseinander- setzung mit der SPD. wartete, weil er neuen Stoff für die Häuser- blockzeitung und für„Berlin am Morgen" brauchte. Die ständige Zmwhme der Mitglieder der 21. Abteilung, besonders aus den Reihen der KPD., die. angewidert von der verbrecherischen „Politik", dieser Partei den Rücken kehren, ist den leitenden Per- sonen ein Dorn im 2luge. Deshalb appellieren sie an die niedrigsten Instinkte ihrer Anhänger, sind aber ganz entrüstet, wenn sie auf die Folgen dieser Hetzorbeit aufmerksam gemacht werden. Als vor einiger Zeit unserem Kassierer Gen. Kroll von RFB.-Leuten ein Auge ausgeschlagen wurde, da heuchelten die Herren Entrüstung, weil ein Teil ihrer Anhänger über diese Roheit entsetzt war und mit dem Austritt drohten Unbeirrt, trotz der vielen Verleumdungen und Ueberfälle, marschiert die Sozialdemokratie auch auf dem Wedding innner weiter vorwärts und läßt die kleinen Klepper und Wegelagerer, wie z. B. Hans Schlüter, der sich gern mit dem Abzeichen republikanischer Organisationen schmückt, ihre Mistkübel auf die SPD. ausschütten im Vertrauen aus das R e i n l i ch k e i t s b e- d ll r f n i s der Weddinger Arbeiter, die diese Kampfmethoden ab- lehnen. Lolly's Schokoladenlieferant. Die„Hungerkuren" I o l l y s beschäftigten nochmals das Schöffengericht Berlin-Mitte. Bekanntlich ist Jolly, dessen richtiger Name Herz lautet, bereits rechtskräftig wegen Betruges ab- g e u r t e l l t worden. Gestern hatte sich der Kaufmann Kempen wegen Beihilfe zu diesem Betrüge Iollys zu verantworten. K. hat eingestandenermaßen dem Hungerkünstler vom 28. Tage ab heimlich und fortdauernd Schokolade zugesteckt Der Angeklagte war. da er sich jetzt in Krefeld aufhält, vom persönlichen Erscheinen entbunden. Auf Gnind des rechtskräftigen Urteils gegen Jolly hielt das Gericht die BeihilfezumDetruge für erwiesen, erkannte aber gegen den Angeklagten, der geständig und nicht vor- b e st r a f t ist, und der von der Sache keinen Vorteil gehabt hat, nur aus eine Geldstrafe von Ivb Mark. Drei Wochen Ziegen in Ostsibirien. Moskau, g. Juli. lieber die katastrophalen Folgen, des nun schon seit drei Wochen anhaltenden Regens in großen Gebieten Ost- fibiriens laufen neue Nachrichten ein. Die telegraphische Verbindung zwischen Seja und Tygda ist unterbrochen. Die Flüsse Seja, Pokrowka und Amur sind in stetem Steigen, das chinesische User des Amur ist weithin überschwemmt. Viel« Landstraßen>m Gebiet der genannten Flüsie stehen unter Wasier, so daß keine Zu- fuhr von Lebensmitteln zu den vom Hochwasser abgeschnittenen Ort- schaften möglich ist. A n s i e d l u n g e n. denen sich das Hochwasser nähert, werden eilig geräumt. Verlust« an Menschenleben sind bisher nicht gemeldet worden. (Sin Lump, der Arbeitslose betrügt. Eine ganze Anzahl junger Arbeitsuchender ist wieder durch einen Schwindler um ihre paar Groschen betrogen. Er machte bekannt, daß er im Auftrage des„Beamten-Wirtschafts- Vereins" einen Automitfahrer suche. Den zahlreichen Bewerbern sicherte er«inen Wochenlohn von 40 Mark und frei« Kleidung zu. Bedingung zur Einstellung sollte aber sein, daß sich die jungen Leute einer Prüfung unterzögen, ob sie dem Verkehr auch gewachsen seien. Für diese„Prüfung", die der angeblich« Beauftragte vornahm, lieh er sich eine Gebühr von S.KV Mark bezahlen. Wenn die Angeworbenen ihren Posten antreten wollten, so erfuhren sie, daß der Beamten-Wirtschasts-Verein mit dem Betrüger gar nichts zu tun hat und daß sie ihr Geld umsonst hergegeben hatten. Der Gauner ist noch nicht ermittelt. Nachrichten, die geeignet sind, ihm das Handwerk zu legen, erbittet Kriminaloberinspektor Schorn bei der Inspektion Neukölln. Hoffentlich wird der niederträchtige Strolch bald gefaßt. Oer Hund als Werber. Di« Ortsgruppe Treptow-Neukölln des Vereins für deutsche Schüfe rhunde feierte am Sonntag ihr zwanzig- jähriges Bestehen. Bei dieser Veranstattung trat in erster Linie der deutsche Schäferhund s e l b st als Werber für sich und seine Zucht auf. Nach der Fahnenweihe fand ein Umzug durch Neukölln statt und am Nachmittag wurden Vorführungen auf dem Tasmania- Sportplatz abgehalten. Sie erbrachten den deutlichen Beweis, daß die Vcrcinsarbeit darin besteht, gute Gebrauchshunde zu ziehen. Man sah die Tiere bei Einzelgehorsamkeits- Übungen und bei Gehorsamkeitsübungen in ge- schlossenen Gruppen sowie beim Hochsprung und beim Klettern. Dabei wurde die Sprungwand in einer Höhe von 2,90 Meter überwunden. Beim Heraussuchen eines Fünfzigpfennig- ftückes aus fünfzig anderen spielle ein Hund unfreiwillig den Clown. Das Tier, das eine berühmt gute Nase hat, fand auch ohne weiteres das durch einen kleinen Strich gekennzeichnete Geldstück, legte es aber sofort wieder hin, denn im gleichen Augenblick dachte der Hund an Frauchen. Oder sagte seine feine Nase ihm, Frauchen ist auf dem Platz? Auf jeden Fall stand er— kalt und starr wie eine Marmor- figur— mit dem Kopf in Richtung Frauchen. Da berührte es äußerst angenehm, daß diesem Tier, trotz seines Versagens, das vom Standpunkt des Hundes aus sicher nicht zu Umecht geschah, nur mit größter Liebe begegnet wurde. Denn bei jeder Dressur soll der Sozialistisches Kolonialexperiment Belgische Genoffenschasten im Kongo/ Kupfer,ZinN/ Radium, plaiin ausgebeutet Die Kongokolonie, die nach ihrer jüngsten Entwicklung im Ve- I griff ist, für Belgien eine Reichtumsquell« zu werden wie Nieder- ländisch-Jndien für den Nachbarstaat Holland, war für das Land ursprünglich ein Danaergeschenk seines klugen Königs Leopold II. Das etwa 2H Millionen Quadratkilometer große vom Kongo durch- flosiene Gebiet, das nach dem Kriege durch das Mandatsterritorium von Ruanda-Urundi, einem früheren Teil Deutfcd-Ostafrikos, an der Westgrenze Ugandas, vergrößert worden ist, war eine ur- sprünglich als Handelskolonie gedachte private Schöpfung des königlichen Kaufmanns aus dem Haufe Koburg. Auf feine Initiative wurde im Jahre 1876 die International African Affocia- tion gegründet, die Stanley aussandte und ihn mit der Gründung von Stationen längs des Kongoloufs betraute. Allmählich erwies sich die Last des Unternehmens, das in seinen Anfängen nicht gerade besonders florierte, für die prioakschakulle des Königs allzu umfangreich. und Leopold vermachte die Kongokolonie im Jahre 1SV1 dem belgischen Staat, der bis dahin seinem Herrscher beretts 32 Millionen Franken darauf vorgeschossen hatte. 1908 wurde der Kongo- staat— nicht ohne heftige innerpolitische Kämpfe— endgültig belgischer Staatsbesitz. Di« Entwicklung des Landes bildet kein Ruhmesblatt in der K o l o n i s at i o n s g e s ch i ch t« Afrikas. Sie ist belastet mit den furchtbaren von dem englischen Sozialisten und Pazifisten E. D. Morel in den Iahren 1901 bis 1902 aufgedeckten Kongogreueln. Aus Morels Enthüllungen erfuhr die öffentliche Meinung Europas zum erstenmal, welche Hekatomben von Regern für den heiligen Prosit von Kolonial- diyidenden ihre Leben lassen mußten. Das Heroenzeitalter der kolonialen Erschließung des dunklen Erd- teils steht an Roheit und blutigen Opfern von unschuldigen Ein- geborenen um nichts den bei der Eroberung Amerikas verübten Grausamkeiten nach. Lediglich der Sehnsuchtstraum der weißen Eindringlinge hatte sich im Laufe der Jahrhunderte geändert. Er hieß nicht mehr wie zu Cortez' und Pizarros Zeiten Gold. Die von dem neuen Eldorado am Kongo angelockten Abenteurer begnügten sich mit Elfenbein und Gummi, aber die Methoden, die an- gewandt wurden, um die Schätze ihren Besitzern abzupressen, blieben die gleichen. An den ersten Erträgnissen der Kongokolonie klebt unendlich viel Negerblut: denn die Bewirtschaftung durch die Gesellschaft beschränkte sich in den Anfängen auf Handel, der in Wirklichkeit Raub an den wehrlosen Eingeborenen war. Im Lauf« des 20. Jahrhunderts vollzog sich in diesem System eine grundlegende Aenderung. Auf die Konquistadorenperiode folgte eine solche der systematische» kapitalistischen Erschließung, die zurzeit am Beginn des Höhepunktes ihrer Entwicklung steht. Seine Blüte oerdankt der Kongostaat in der Hauptsache dem Katangadistrikt, der neben den größten Kupfer- und Zinn- lagern der Erde reiche Vorkommen an Radium, Plattn, Gold und Diamanten enthält. Von dem im Jahre 1927 auf eine Mil- liarde Franken bezifferten Export der Kolonie entfällt mehr als die Hälfte auf Bergwerksprodukte. Das einst so heiß begehrte Elfenbein und das Gummi spielen in der Handelsbilanz nur noch «ine unwesentliche Nebenrolle. Die rasch fortschreitende Jndustriali- sicrung macht die Kongokolonie zu einem Faktor, der für die bel- gische Wirtschaft immer größere Bedeutung gewinnt. Ein Teil seiner Kupfererzeugung wird bereits in Belgien selbst weiter verarbeitet. Der Ausbau des Eisenbahnnetzes wirkt belebend auf die heimische Industrie. In den letzten sechs Jahren ist allein ein viertel der gesamten belgischen Stahlproduktion nach dem Kongo gegange«. Die Ausfuhr Belgiens ist von etwa 500 Millionen Franken im Jahre 1927 auf über 600 Millionen 1928 gestiegen. Neben dem Bergbau entwickelt sich«ine Plantagenwirtschaft und«ine Textil- industrie. In dem an der Peripherie des Baumwollgebiets gelegenen Kinshana sind innerhalb von wenigen Monaten allein sechs neue Textilfabriken entstanden. Nach der Ansicht von Sachver- ständigen ist die ehemalig« Gummisaktorei im Begriff, einmal das afrikanische Manchester zu werden. Unter der Wirkung aller dieser ökonomischen Antriebe befindet sich die Kongokolon« in einer Periode, die an die Hochkonjunktur Brittsch-Süd- afrikas erinnert und die trotz gelegenllicher Rückschläge auch schon mehrere Jahre anhält. Gefördert wird diese Entwicklung durch die Aussperrung des belgischen Kapitals von seinen Betätigungsgebieten aus der Vor- kriegszeit. Die belgische Wirtschaft besitzt einen Typus von Inge- nieuren, Kaufleuten und Finanziers, der �ein Glück von vornherein meistens in Rußland und China versucht hatte. Von dieser Kraftquelle wird nunmehr der belgische Kongo gespeist, und in den letzten Jahren hat eine förmliche Jagd aus konzessionea für olle möglichen Wirtschaftszweige bei der Verwaltung des Kongo eingesetzt. Auch die belgischen Sozialisten haben ihr« ablehnende Hallung in der Kongofrage ausgegeben. Sie beteiligen sich über die Genossenschaften aktiv an der Erschließung des Landes durch eine Gesellschaft mit einem Kapital von 12,5 Millionen Franken, der sogenannten Compagni« de la Rusinie, deren Boden- besitz in einem höchst aussichtsreichen Gebiet liegt. Die Arbeit der Gesellschaft befindet sich noch im Anfangsstadium, aber ihre Tätigkeit, die sich schon hinsichtlich der Fürsorge für ihre farbigen Arbeiter grundlegend von den kapitalistischen Unternehmungen unterscheiden wird, ist als erfies Experiment praktischer sozialistischer kolonial posikik von weittragender Bedeutung. Das wichtigste Zukunftsproblem von Belgisch-Kongo ist die Frage der farbigen Arbeit. Alle Bemühungen zur restlosen Ent- wicklung seiner wirtschaftlichen Möglichkeiten sind zum Scheitern verurteilt, wenn es nicht gelingen wird, ein Arbeiterelement zu schaffen, das den Anforderungen der mit modernen industriellen Methoden betriebenen Kolonialwirtschaft auch physisch gewachsen ist. Die systematische Kolonisierung Afrikas durch Europäer scheint nämlich auf die schwarze Bevölkerung ähnliche Wirkungen zu haben wie diejenige der Vereinigten Staaten auf die Indianer. Wenn die europäischen Kolonialmächte nicht imstande sein werden, durch«ine großzügige Sozialhygiene und eine weitsichtige Sozialpolitik dem INassmsterben der Reger Einhalt zu tun. so wird auch die schwarze Rasse sehr bald ebenso der Vergangenheit angehören wie die Rothäute. Augenblicklich zählt Belgisch-Kongo «ine Bevölkerung von 9 bis 10 Millionen,»das Man- datsgebiet von Ruanda-Urundi 4 bis 5 Millionen. Da die klimati- schen Verhältnisse der Kolonie eine physische Arbeit von Weißen unmöglich machen, ist die belgische Regierung unter dem Zwang' der Umstände zu einer Politik weitgehender sozialer Fürsorge ftir die farbigen Arbeiter übergegangen. Sie erteill Konzessionen nur gegen Garantien für ihre ordnungsgemäße Behandlung undimm hat strenge Vorschriften über Wohnungsfragen, ärztliche Bchand- lung, Arbeitszeit und Löhne erlassen. Die Erfahrungen des Systems der Menschenschonung sind noch zu neu, um praktische Wirkungen zu zeigen, und die Frage wird noch einige Jahrzehnte ungelöst bleiben, ob das Sterben der schwarzen Rasse tatsächlich eine Folge des Vordringens der hoch- kapitalistischen Wirtschast in die Tropen ist, oder ob tiefere, der Wisienschaft bisher unbekannte Gründe dafür bestehen. In jedem Falle ist die neue Kolonialpolitik Belgiens am Kongo ein inter- essantes Experiment, das für den europäischen Sozialismus und die europäische Arbeiterbewegung neue Perspektiven für das Problem kolonisatorischer Erschließung überseeischer Länder eröffnet. R.I.. Mensch immer nur das herausholen, was als natürliche Gabe im Tier liegt. Wie vorzüglich man jedoch die Anlagen entwickeln kann, bewiesen die Hunde bei der Mannarbeit sowohl am geschützten wie am ungeschützten Verbrecher. Plaza. Das Iuliprogra�rm des Varietes am Küstriner Platz ist auf Humor abgestellt. Was die berühmten Clowns A n t o n e t und Beby an Unsinn produzieren ist sehr stark. Alles wird be- gönnen, nichts beendet: zwerchfellerschütternd, wenn Antonet auf dem Tuba schimpft. N i o t n a hat sich mit seinem Partner ein Bauerngehöst als Schauplatz seiner burlesken Produktionen ausge- sucht. Da muß alles dem Spaß dienen, schließlich stürzt er, auf dein hohen Schornstein sitzend, mit dem ganzen Haus um. Auch die 4 F e r d i n i s, Jongleure im Hutladen, haben«inen allerliebsten Spaßmacher in ihren Reihen. Schließlich stellen noch die fünf O u i r o t s die Bühne(und die Zuschauer) Kopf. Lausbubenstreiche betitelt sich ihre turbulente Szene. Zu den Humoristen darf man auch den Grotesktänzer D o d d y- F i x rechnen, der die Pausen zwischen den Darbietungen der Primaballerina N a d a s n y und ihres Partners Baum füllt. Die seriöse Akrobatik vertreten die Tom-Tim-Truppe mit Höchstleistungen an Kettenringen, die Geschwister Koch mit atemberaubenden Stücken aus dem Doppelseil und Miß Hartley am fliegenden Trapez. Frau C a n o v a läßt ihre drei preisgekrönten Pudel lebende Bilder stellen, ein Meisterstück der Hundedressur. ä)ie neue Slratfenkehrmafchine. Sie lädt den Xetirldü fofort auf und Iranaporllert Ihn hlmveg. Tanie Klara muß ziehen... Tante Klara saß ruhig und unangefochten jahrelang in ihrer Kneipe, irgendwo da in einer der Nebenstraßen der südlichen Friedrichstraße und erfreute sich bei all ihren Gästen— den weiblichen noch mehr als den männlichen— ziemlicher Beliebtheit. Aber schließlich wurde ihr in ihren alten Tagen der Betrieb des Lokals zu schwer. Auch der Hausoerwalter redete ihr zu: sie sollte doch das Lokal verkaufen, sie bekäme sicher eine gute Kaufsumme, und damit könne sie sich umstellen. Tante Klara suchte also Käufer. Der Reflektant, mit dem sie zuerst verhandelte, bot ihr freilich eine nach ihrer Meinung zu gering« Summe. Dafür wollte sie ihre Existenz nicht aufgeben— sie glaubte sich sicher im Besitz. Aber irgendwo hotte ihr Mietkontrakt«in Loch. Und da der Reflektant auf Tonte Klaras Laden sich dem Vermieter angenehm zu machen wußte, besann sich der Verwalter auf dieses Loch im Kontrakt, kündigte Tante Klara und strengte schließlich die Räumungsklage an. Tante Klara wurde zur Räumung verurteilt, mußte also das Geschäft, das sie mühsam und mit Fleiß aufgebaut hatte, einfach aufgeben. Das war für den Reflektanten wirklich billiger und bequemer, als wenn er das Geschäft hätte kaufen müssen. Der letzte Tag der Räumungsfrist war abgelaufen, und der Verwalter freute sich schon aus den neuen Mieter— die Alt« war er in guter Manier losgeworden. Aber er hatte nicht mit den Geistern der Gegend gerechnet! Die dulden nicht, daß einem der Ihren Unbill zugefügt wird! Und als Tante Äara nichtsahncnd bei Verwandten den Kummer der letzten Nacht verschlief, rückten nächtlicherweile die Rächer an und beschäftigten sich eine Stunde lang intensiv mit dem Lokal. Am Morgen sah die Gegend aus, als habe da«in Erdbeben gehaust: keine Scheibe war mehr ganz,' dos Telephon rausgerissen, sogar die Busch« und Fliederbäume des kleinen Vorgartens waren abgesägt und die Möbel waren umgekippt. Der neue Mann und der Hauswirt aber werden kein« Freude an dem von den Geistern hinterlassenen Zustand.der Räume haben. Und ob der Nachfolger Tante Klaras an seinem Geschäft— ganz gleiih. welcher Branche— in dieser Gegend jemals viel Freude erlebt' steht sehr dahin. Es gehört viel Mut und Zuversicht dazu, sich wis den Geistern der Gegend in einen Kampf einzulassen. Dreigespräch im Rundfunk. Am Mittwoch. 10. Juli, abends 7.10 Uhr, findet eine Aussprache statt zwischen Klara Böhm- S ch u ch, MdR., Dr. Magdalene o. T i l i n g, MdL., und Reicks- minister a. D. Dr. K ü lz, MdR., über das Thema:„Ist das Ge gegen Schmutz und Schund ein wirksamer Schutz der Jugend � föeilage Dienstag, 9. Juli 1929 Arbeitswissenschaft Von M. Kantorowicz Dem Taylorsystem war es vergönnt, lange Jahre seinen Sieg zu feiern, bis die Wissenschaft, sofern sie nicht ausdrücklich den Unternehmerinteressen diente, feststellen konnte, daß die durch dieses System erzielte Intensivierung eine Ausbeutung des Arbeiters be- deute, die weitgehende gesundheitsschädliche Folgen hat. Ohne das Bestreben einer Erzieluirg höchster Produktivität auszu- geben, haben einige Gelehrte ein anderes Arbeitssystem ausge- arbeitet, wonach die beste Arbeitsgestaltung ohne begleitende Gc- sundheitsschädigungen des Arbeiters erreicht werden kann. Hat Taylor bei der Ausarbeitung seines Systems das Arbeitspro- bukt in den Mittelpunkt seiner Forschung gestellt, so haben seine Antipoden nur den arbeitenden Menschen ins Auge gefaßt. Eine neue Wissenschaft, die Arbeitswissenschaft, hat sich auf diese Weise in den letzten Iahren entwickelt. Diese ist nichts anderes als die Wissenschaft von den Bedingungen und Wirkungen der mensch- lichen Arbeit.(Otto Lipmann.) Die neue Arbeitskunde nimmt eine wichtige Stellung in der Berufshygiene ein, denn sie erstrebt, wie aus dem vorhin Gesagten zu ersehen ist, die Ausschaltung der gesundheitsschädlichen Momente im Arbeitsprozeß an. Sie beeinflußt die bisherige gewerbehygiemsche Forschung, da- hin überzugehen, die herrschende Arbeitsmethode mit Tiererpsri- menten durch unmittelbare Beobachtungen des Arbeiters in seinen Arbeitsverhältnissen zu ersetzen. In der Tat haben die Tierexperimente nicht die volle Erwar- tung der Arbeitshygieniker erfüllt: denn abgesehen davon, daß zwischen der Empfänglichkeit der Versuchstiere und der der Menschen wesentliche Unterschiede bestehen, erzielen derartige Untersuchungen oft akute Vergiftungen bei Tieren, nicht aber chronische, denen Ar- bester in Betrieben ausgesetzt sind. Freilich haben auch die bisher!- gen Forschungsmethoden große Fortschritte gemacht. Sie haben uns wertvolle Aufschlüsie über verschiedene Benifsgefahren, wie z. B. bei der Verarbeitung von Blei, Phosphor usw. gegeben. Aber die Gcwerbehygiene muß sehr begrenzt bleiben, solange nicht der arbeitende Mensch in den Mittelpunkt der Forschung gestellt wird. Die letztere Methode wendet insbesondere das Kaiser-Wil- Helm-Institut für Arbeitsphysiologie an. Es ge- bührt seinem Direktor, Prof. Edgar Atzler, besonderer Dank dafür, daß er den Faktor„Mensch" in seinen arbeitsphysiologischen Arbeiten, das sind solche über die Funktion des Körpers des Ar- beiters während seiner Tätigkeit, hervorhebt. Im Gegensatz zu Taylor bemüht sich Atzler, eine optimale Leistung des Arbeiters zu erreichen, d. h. die höchstmögliche Produttioleistung, die ein Ar- beiter schassen kann, ohne seine Arbeitskraft zu schädigen. So ist es möglich, anstatt des Arbeitsproduktes den Arbeiter selbst den Ausgangspunkt der Forschung werden zu lassen. Neuerdings ist das obengenannte Institut nach Dortmund übergesiedelt, wo seine Arbeiten einen großzügigen Charakter angenommen haben. Atzlers Aufgabe, die Physiologie des Arbeiters während der Arbeit zu studieren, muß aber in ihrer Methode noch weitgehender ausgebaut werden. Wenn wir feine Arbeitsmethoden ins Auge fassen, die nur im Laboratorium zustande kommen, so müssen wir dagegen einwenden, daß die Arbeiten des Arbeiters in einer Fabrik, nachdem er den langen Weg von seiner Woh- nung zurückgelegt hat usw., ganz anders ausfallen als ein Ver- fuchsexperiment, das mit einem Arbeiter im Laboratorium unter günstigen Bedingungen vorgenommen wird. Dasselbe gilt auch für die P s y ch o t e ch n i k. Auch diese Wissenschaft hat zweifellos viel geleistet, aber ihre Ergebnisse haben nur relativen Wert, denn die Psychotcchnik ist noch viel zu wenig zentralisiert, um den Arbeiter unmittelbar bei seiner Arbeit zu beobachten. Wir haben schon her- vorgehobcn, daß wir nur wenig Gelegenheit haben, die schädlichen Wirkungen der Arbeit unmittelbar zu beobachten. Allerdings ist die Wissenschaft bereits zu der Erkenntnis gekommen, daß nicht die Arbeit, sondern der Arbeiter selbst beobachtet werden muß, damit die schädlichen Wirkungen der Arbeit beseitigt werden können. So hat sich neuerdings die„Deutsche Gesellschaft für Gewerbehygiene" entschlossen, einen ärztlichen Ausschuß für K o n st t t u t i o n s- forfchung d er Arbeiter zu begründen. Die Ergebnisse solcher Arbesten werden es ermöglichen, viele Arbeiter aus den Berufen fernzuhalten, deren Arbeitsverhältnissen ihr Körperbau nicht gs- wachsen ist. In der Hauptsache ist jetzt aber eine Wissenschaft ent- standen, die die Aufgabe hat, die Physiologie, Hygiene und Patho- logie der Arbeit allseitig zu erforschen. Diese konzentrierte Wissen- schaft hat den Namen Arbeitsmedizin und die Aufgab«, Forschungsinstitute zu begründen, die die Arbeit in allen ihren Ent- stehungsformen studieren, ihr« Forschung der Allgemeinheit nutzbar machen, die einzelnen Forschungsergebnisse zusammenfassen, die Lücken zwischen einzelnen Arbeiten ergänzen, ein Nebeneinander- arbeiten und eine allzu große Zersplitterung der Mittel verhüten, eine Sammlungsstelle und gleichzeitig eine Vermittlungsstelle sein soll.(Koelsch.) Als ein wichtiger Bestandteil solcher Einrichtungen sollen spezielle Arbeiterkliniken geschaffen werden, in denen ein- wandfreie Untersuchungen der Arbeitspathologi« vorgenommen werden können. Seinerzeit, als die„Kaiser-Wilhelm-Akademie für mil.tärärztliches Bildungswcsen" liquidiert werden mußt«, hegte man den Plan,«in Reichsinstitut für medizinisch« Ar- beitsforschung zu errichten. Leider blieb dieser Plan„wegen Mangel an Mitteln" auf dem Papier. So haben die Gewerk- s�ch a f t e n die dringend« Aufgabe, zur Schaffung einer solchen Forschungsstelle aufzufordern. Darüber hinaus müssen wir aber neben den Forschungen der Arbeitsmedizin die rein soziale Seste der Arbeitsverhältnisse studieren. Es ist allerdings unmöglich, daß ein und derselbe Forscher den ganzen Problemkomplex beherrscht, denn dazu muß er eingehende Kenntnisse in der Physiologie, Patho- logie, Psychologie, Anthropologie. Hygiene. Soziologie. Iurispru- denz, Statistik, Technologie und Nationalökonomie haben. Als'ch vor drei Iahren über eine speziell« und allseitige Untersuchung über „Die Arbeit in Gießereien" berichtet habe, schrieb ich u. a.: „Es war allerdings schwer, den ganzen Komp'ex von Pro- blemen durch einen Verfasser... zu behandeln. Es wäre aber eine Aufgabe für mehrere Fachgelehrte gewesen, die alle und leder besonders ein Ziel verfolgen, in dem Sammelwerk eines umfangreichen Handbuches das Bild der Psychologie, Physiologie, Soziologie, Hygiene und Pathologie der Arbeit zu geben, indem jede Untersuchung in einen deskriptiven und in einen normativen i ilI 3crföttt. Hoffentlich ist die Zeit nicht mehr fem, wo wir ein solches Unternehmen begrüßen können." Diese Aufgabe hat jetzt die Arbestswissenschast zu erfüllen. Im Versuche ai Ein Riegel für die Der seinerzeit im„Vorwärts" eröffnete Kampf gegen die über- handnehmende Experimentierseuche an Kranken hat zu einem ge- wissen Erfolg geführt: unsere Forderung, im Strafgesetzenwurf, der gegenwärtig im Reichstagsausschuß verhandelt wird, leicht- fertige und gewissenlose Experimente an Kranken in schärferer Weise, als es bisher geschehen, als Körperver- l e tz u n g unter Strafe zu stellen, ist Genüge geleistet worden. Es ist wegen der Wichtigkeit dieses Erfolges notwendig, an dieser Stelle das Ergebnis der Beratungen des Strafrechtsausschusses näher zu beleuchten. Es ist bekannt, daß die Aktionen gegen das zwecklose, sinnlose und oft gemeingefährliche Herumexperimentieren an Kranken, wie man es in den letzten Iahren immer häufiger in gewissen öffenl- lichen Krankenanstalten bemerken mußte, von einem Teil der„ge- lehrten Welt" mit Mißfallen beobachtet wurden. Meist wurde uns entgegengehalten, daß solche Experimente im Interesse des Fort- schritte? der Wissenschaft nötig seien. Wir haben an zahl- losen Beispielen, die unverdächtigen Quellen, nämlich den medizini- schen Zeitschriften, entnommen waren, ausgezeigt, daß es Versuche waren, die ohne jeden Sinn unternommen wurden, Versuche, die nicht der Heilung wegen erfolgten, sondern aus einer überspannten„wissenschaftlichen" Geltungssucht heraus. Ebenso wie es heute modern geworden ist, daß junge Assistenten sich berufen fühlen, wissenschaftlichen Literaturehrgeiz an den Tag zu legen, ohne dazu berufen zu sein— wir erinnern an Liecks Urteil, daß der größte Teil dieser Arbeiten völlig wertlos ist—, genau so ist der„Forschungsdrang" modern geworden. Berufene und Unberufene experimentieren an Kranken herum, ohne daß das Experiment einen ersichtlichen Heilungszweck oerfolgt oder einem wissenschaftlichen Bedürfnis ent- spricht. Eine maßlose Verrohung der ärztlichen Stilistik in medizinischen Zeitschriften ist die natürliche Folge dieser hemmungs- losen Experimentierwut. Kranke werden als„Material", als„Fälle" bezeichnet, kranke Kinder werden mst dem terwinus tecknkus „Versuchs"- oder„fiontrollkinder" bedacht. Der Kranke ist kein Mensch, sondern„Material", an dem oft die widersinnigsten und jeder Vernunft baren Versuche ausgeführt werden, Versuche, die oft von den schädlichsten Folgen für Leben und Gesundheit begleitet sind. Im Strafrechtsausschuß sind eine Reihe solcher Fäll« mstgeteill worden. Insbesondere ein Fall aus der Greifswalder Frauenklinik, veröffentlicht in der„Klinischen Wochenschrift", und zwar wurde dort mit einem Msttel(Synergen) herumexperimentiert, durch dessen Anwendung bereits Todesfälle zu verzeichnen gewesen sind. Es heißt da in der Veröftentlichung aus der Greifswalder Klinik: „Um angesichts des unglücklichen Gynergenerlebnisses nicht zu schaden, mußten die Versuchspersonen vorsichtig aus- gewählt werden, zumal auch sonst schon in der Literatur iviederhott über mehr oder weniger starke Schädigungen durch Gynergen berichtet worden war." Es wird dann ein Versuch an eine Lljährigen Er st- gebärenden während der Geburt am Ende der Aus- 'treibungszeit geschildert: „Wegen der zu erwartenden Schädigung des Kindes wurde 0,5 Kubikzentimeter Synergen intravenös injiziert und ferner die Zange im Falle zu großer Gefahr für das Kind bereit- gehalten." Der Bericht stellt dann fest: „In 10 Minuten ein rapider Abfall der kindlichen 5)erztöne auf 10 nicht mehr ganz regelmäßige Schläge. Das Kind wurde dann in einem leicht asphyktifchen Zustande, der schon nach wenigen Minuten behoben war, geboren. Zu einem zweiten derartigen, uicht ganz ungefährlich«» versuch konnte ich mich nach Rücksprache mit Herrn Professor hoehne nicht ealschließen." Also: eine Ajährige junge Frau geht vertrauensvoll in eine Universitätsklinik, um dort der Niederkunft ihres ersten Kindes ent- gegenzusehen, und die Aerzte finden gar nichts dabei, während der Geburt, also in der schwersten Stunde, die eine Frau erlebt, zu- gestandenermaßen lebensgefährliche Experimente vorzunehmen. lebensgefährlich für Mutter und Kind! Wir haben mit Nachdruck erklärt, daß bei diesem Fall nicht mehr die Wissenschaft, sondern nur noch der Staatsanwalt mitzureden hätte, zumal über das weitere Schicksal von Mutter und Kind und namentlich Kind nichts bekannt geworden. In gewissen Aerztekreisen sind nun unsere Anklagen entweder mit Totschweigen aufgenommen worden oder man hat uns„Feind- schaft gegen die Wissenschaft" vorgeworfen. Wir haben wiederholt Gegensatz zu anderen Disziplinen ist die Arbeitswissenschaft eine reine Grenzwissenschaft, d. h. sie ist noch weit davon ent- fernt, eine bestimmte Form einzunehmen, sondern entnimmt den für sie in Frage kommenden Arbeitsgebieten der Forschung das, was sie braucht. Und nne«ine Biene aus verschiedenen Blumen- sästen ein Einheitsprodukt, den Honig, schafft, so vereinigt die Arbeitswissenschaft in sich alle den angrenzenden Wissenschaften entnommenen Fragen, um sie einheitlich unter dem oben angegebenen Gesichtspunkt zu gestalten und nutzbar auszuwerten. Noch steckt sie in den Kinderschuhen und ihr Charakter ist noch nicht genügend kristallisiert. Ihr Dasein ist aber durch die heute herrschenden Arbeitsverhältnisse berechtigt. Wenn auch ihren Bahnbrechern noch viele Kämpfe bevorstehen, bis sie anerkannt ist, so ist an ihrer Zu- kunft doch nicht mehr zu zweifeln. Das erfordert vor allem das Interesse der Arbeiterklasse, und dieser Faktor ist der entscheidende für das Schicksal der Arbeitswissenschaft. Eingeweide werden gefilmt Der Berliner Röutgenologe Dr. Gottheimer und der Photogroph Kurt Iacobsohn haben zusammen einen Filmröntgenapparat kon- struiert, den sie auf dem Röntgenologenkongreß zum ersten Male der Oeffentlichkeit vorführten. Man kann mit diesem Apparat das Herz, den Magen, die Lungen usw. in ihrer Arbeit aufnehmen und kontrollieren. Da sich der Röntgenfilm aus höchstens 1 Mark pro Meter stellt, ist die neue Methode geeignet, allgemein« Aufnahme in der ambulanten Krankenbehandlung zu finden. SlVÄbi-nA SfialaulfaJZe de* lortadrA i Menschen Experimentierwut Gelegenheit genommen, zu erklären, daß wir natürlich das Experi- ment als Mittel der wissenschaftlichen Forschung nicht ablehnen. Wir haben aber verlangt, daß solche Versuche zuerst an Tieren aus- probiert werden, daß sie dort, wo eine Gefahr für den Patienten entstehen kann, von den Aerzten, die glauben, auf das Experiment nicht verzichten zu können, an sich selb st oder ihren An- gehörigen ausprobiert werden. Wir haben uns gegen die Gleichgülligkest der Experimentatoren gegen das ihnen zur Heilung anvertraute menschliche Leben gewendet, eine gleichgüllige Roheit, die ihren Ausdruck in den furchtbaren Entgleisungen„Material", „Versuchs- und Kontrollkinder" findet. Wir lehnen das Experiment, soweit es die Heilung des Patienten bezweckt, nicht ab. wir lehnen aber Experimente ab— man denke an die furchtbaren veissuche mit sterbenden Kindern—. die ans Ehrgeiz ohne ersichtlichen heilungseffekl ontervommen wurden. Solche Experimente bekämpfen wir nicht nur aus ethischen Gründen, sondern auch als soziale Ungerechtigkeiten. Wir haben bewiesen. daß auch nicht in einem einzigen Falle solche Versuche an wohl- habenden Patienten in Privatkliniken, Sanatorien usw. ausgeführt wurden. Wir lehnen ferner den Mißbrauch des Patienten als „Versuchskarnickel" ab, weil solche Experimente nur geeignet sind. das Mißtrauen weiter Bevölkerungsschichten gegen den Aerztestand noch zu vergrößern. Völlig irrelevant ist der Einwand, den manche Anhänger des Experimentierunwesens uns entgegengehalten haben: Die Publikationen in der medizinischen Fachpresse seien nicht für die breite Oeffentlichkeit bestimmt. Das heißt, man solle alle diese Miß- bräuche vor dem Volke o e r t u s ch e n. Dazu geben wir uns nicht her. Für das Experiment ist nicht ausschlaggebend, daß es von einem Arzt vorgenommen wurde, sondern ob es den Forderungen der ärztlichen Ethik, wie überhaupt der allgemein gülttgen Moral entspricht. Im Herbst wird sich der Reichsgesundheitsrat in einer Extrasitzung mit dieser Frage an der Hand einer Broschüre, die Genosse Moses angekündigt hat, beschäftigen. Dort wird Gelegenheit sein, nachzuweisen, welche erschütternd hohe Zahl von Experimenten bekamst geworden ist, und wer kann ermessen, welche Experimente im Schöße der Vergessenheit„erledigt" sind, ohne daß die Verantwortlichen für ihre Taten einstehen müssen. Der Paragraph 263 des neuen Strafgesetzentwurfs hatte ursprünglich folgende Fassung:„Eingriffe urch Behandlungen, die der Uebung eines gewissenhaften Arztes entsprechen, sind keine Körperverletzungen im Sinne dieses Gesetzes." Es ist klar, daß diese Bestimmung infolge ihrer unklaren Stili- sierung uns als keine genügende Sicherheit gegen Mißbräuche der ärztlichen Macht erschien. Schließlich wird auch der gewissenloseste Experimentator von sich behaupten, sein Versuch, der den Patienten mit den schädlichsten Folgen bedroht, habe der„Uebung eines ge- wissenhasten Arztes" entsprochen. Diese kauffchukartige Bestimmung allein hätte keine Besserung herbeigeführt. Damst hätten, wie Ge- nosse Landsberg im Ausschuß mit Recht hervorhob, Fanatiker des Ehirurgenmessers einen Freibrief erhalten. Genosse Moses stellte die Forderung aus, das ärztliche Eingriffsrecht im Gesetz eng zu begrenzen. Für die Eingriffe müssen nicht nur die Regeln der Wissenschaft maßgebend sein, sie müssen vor allem auch vom Stand- punkt der ärztlichen Ethik z»llässig sein und a u s s ch l i e h» lich Heilzwecken dienen. Die sozialdemokrattschen Mitglieder verlangten, daß in den lj 263 ausdrücklich die Bestimmung eingefügt werde, daß nur Eingriffe, die zu„Heilzwecken" vorgenommen werden, keine Körperverletzungen sind. Auch der Ober- reichsamvalt a. D. Ebermayer stimmte den Forderungen auf Einfügung dieses wichtigen Zusatzes in das Gesetz zu. Unter dem Eindruck des von Genossen Moses vorgelegten Materials über haar- sträubende Versuche an Patienten ivar sich der ganze Strafrechts- ausschuß darin einig, daß der Experimentierseuche ein Riegel vor- geschoben werden müsse. Der Zentrumsabgeordnete W e g m a n n ergänzte den sozialdemokratischen Antrag durch einen eigenen An- trag, nur d i e ärztlichen Eingriffe für straffrei zu erklären, die zu Heilzwecken und„gemäß den Regeln der ärztlichen K u n st" erfolgen. Fast ein st immig nahm der Strafrechts- ausschuß den§ 263 in folgender Fassung.an: „Eingriffe und Behandlung«», die lediglich zu Heil- zwecken erfolgen, der Uebung eine» gewlsseuhasleu Arle» enffprechea und nach den Regeln der ärztlichen Kunst vorgenommen werden, sind keine Körperver- lehungen im Sinne dieses Gesetzes." Es ist ein Erfolg! Natürlich ist der Idealzustand, der ab- solute Schutz gegen mißbräuchliche Experimente noch nicht erzielt, und man wird sich bemühen müssen, in der zweiten Lesung dem Paragraphen noch eine Narere Fassung zu geben, aber, auch in dieser Form gibt die Bestimmung eine ausreichende Handhabe gegen gewissenlose Experimentierwüteriche, denen die Patienten bisher hilflos überantwortet waren. Eingriffe dürfen lediglich zu Heil- zwecken erfolgen. Also: Alle Experimente, die nur des Exp e r i m e nti e r e n s wegen vorgenommen werden und bei denen der Experimentator keinen Heilzweck nachweisen kann, werden als Körperverletzungen bestraft. Unter diese Bestimmung fallen jetzt zahlreiche Fälle, die wir früher bereits der Oeffentlichkeit mitgetellt haben— so die Versuche an sterbenden Kindern, der Greifswalder Vorfall und viele andere— und die straflos blieben, weil das Gesetz wenig Möglichkeiten bot, die Schul- digen zur Verantwortung zu ziehen und sich auch selten ein An- kläger fand. Als weitere Sicherung komnst hinzu die Bestim- nning, daß Straffreiheit nur dann besteht, wenn die Eingriffe der Uebung eines gewissenhaften Arzle» entspricht und nach den Regeln der ärztlichen Kunst vorgenommen werden. Damit soll ein Riegel jenen Experimenten vorgeschoben werden, in denen„von der Uebung eines gewissenhaften Arztes" keine Rede»var, sondern die Person des Arztes— also des Heilenden— hinter den„Forscher" zurücktrat, der die Eingriffe nicht nach den Regeln der ärztlichen Kunst vornahm, sondern nach Methoden, die den Regeln oft wider- sprachen, da sie ja keinen Heilungszweck verfolgten, sondern, wie die Experimentatoren sagen,„einen Erkenntniswert" schaffen sollten. Diese Auffassung, Erkenntnisse auf Kosten der Patienten zu ge- wiimen, wird jetzt als Körperverletzung unter Strafe gestellt. dl e ck» c u». Copyright by Orell Füßli, Zürich (15. Fortsetzung.) Und der Schnee fiel stärker und stärker. Auch über die Menschen waren Krankheiten gekommen: es waren Hautkrankheiten. Man begann sich zu kratzen und hörte da- init nicht auf, bis die Haut in Blut gebadet war. Dann bildeten sich auf dem Körper schwarze Schwären, und die griffen aus die Stirne über, nach und noch auf die Wangen, auf den Mund, auf dos Kinn. Und die Menschen schienen auf dem Gesicht eine Maske zu trogen, wie wenn sie früher zum Fastnachtstanz gingen. Diese Krankheit ergriff in der Hauptsache erwachsene Menschen. Und den Kindern ward dies zuteil: ihre Glieder wurden knochen- faul. Sogar die bis jetzt Gesundesten, die Bestgenährten, und diese vor allen anderen, wurden von Krämpfen befallen, imd es endete damit, daß sie ganz verzerrt wurden: der Rücken krumm, die Beine gebogen, die Handflächen nach außen gewendet. Sie hörten nicht mehr auf zu schreien. Und ihre Schreie oer- mischten sich mit dem Muhen, das aus den Ställen drang, mit dem Stöhnen der Menschen, dem Blöken, dem Grunzen. Und die Men- fchen flohen einer vor dem anderen; jeder erblickte den anderen mit Ekel und war doch selber ein Bild des Ekels. Oder sie hatten Furcht vor gegenseitiger Ansteckung. Sie empfanden, daß das Leben unerträglich wurde. Sie hatten Hilfe in den Nachbardörfern gesucht. Aber das Gerücht von den gefährlichen Krankheiten, die bei ihnen herrschten, hatte sich über das ganze Land verbreitet. Niemand wollte kommen. Niemand wollte sie empfangen. Es blieb ihnen nach ihrer Meinung nur eine Hilfe: die Hilfe von oben. Sic hielten eine Versammlung ab, mn die Sache zu be- sprechen. Sie wogten nicht mehr, sich anzuschauen. Die meisten trugen die Köpf« in Tücher eingehüllt. Und weil das Uebel auch die Hände zu ergreifen begann, so hielten sie sie in den Aenneln ihrer Kleider versteckt. Sie beschlossen, den Pfarrer curfzusuchen, obscho» keiner ihn seit langem gesehen hatte, und obschon er sich über die Vorgänge im Dorf keine Sorge zu machen schien. Sie warteten bis zum Abend. Sie waren fünf oder sechs an der Zahl. Unter ihnen war der große Communier, und auch der älteste Bewohner der Gemeinde, ein kleiner Greis, mit Namen Jeon-Pierre, der wegen seiner Frömmigkeit bekannt war. Sie machten einen Umweg, damit sie nicht am Wirtshaus vor- beigehm mußten. Si« klopften an: man gab keine Antwort. Sie klopften von neuem. Dann ließ sich ein Geräusch vernehmen, wie wenn Möbel gerückt werden, und eine inner« Tür wurde geöffnet und schloß sich wieder. Dann ward die Zimmertüre aufgetan:„Ahl Ihr seid zahlreich!" Und der Pfarrer brach in sein lautes Lachen aus:„Geht nur wieder, ich weiß gut, was euch hierher führt. Aber ihr kommt zu spät. Man muß die Strafe über sich ergehen lassen, denn gegen die Vergeltung kommt man nicht auf.. Und er begann wieder zu lachen- Sie traten ein. Es war dunkel in dem Raum, man konnte darin nichts unterscheiden. Ein Unbehagen hatte sie alle ergriffen und eine gute Weile schwiegen sie. Der große Conmiunier ergriff in seiner Eigenschaft als Führer zuerst das Wort. Er sagte:„Herr Pfarrer, wir sind in einer so bösen Lage, daß wir ihr notwendig entrinnen müssen...* Und eine Pause entstand...„Dieser fremde Mensch läßt uns nicht mehr los..." Der Pfarrer fragte?„Welcher Mensch...?' Er sprach nicht weiter. Seine Stimme verwirrte sich. Zu seinem Glück kam schon die dritte Stimme? eine ganz leise Kinderstimme(mir ein wenig zitterig). Das war der greise Jean. Pierre: „O, Herr Pfarrer, das ist ja eben das Unglück, daß niemand weiß, wer er ist. Alles würde nichts machen, wüßte man es nur genau... Aber trotzdem... wir haben unser Vertrauen nicht verloren. Und eben aus diesem Grunde sind wir gekommen, Herr Pfarrer, well wir, wenn Ihr nur bloß wollt, unseren guten Herr- gott anflehen möchten. Er erhört uns vielleicht, wenn wir zu- fommen beten. Betet man allein, so erhört er uns nicht." Sie warteten. Aber Nichts erfolgte. Der Pfarrer fing an, der Längs und Breite nach fein Zimmer zu durchqueren. Wegen der Dunkelheit blieb.fein Gesicht unsichtbar. Einzig seinen hohen schwarzen Schatten unterschied man. Einmal näherte er sich, dann entfernte er sich wieder. Aber unerwartet ließ sich seine Stimme von neuem hören: „Bessert euch zuerst, ich sage es euch(er sprach es mit lauter Stimme, er schrie es beinahe). Das würde unserem Herrgott mehr Freude machen, meine ich. Und dann, seht nur, wäre es doch recht bequem, einfach� wenn man Gott beleidigt hat, die Kirchenfahnen hervorzuholen... Laßt sie, wo sie sind, ich rate es euch, und tut Buße." War es dieser harten Stimme und ihres etwas falschen Bei- tlaugs wegen vielleicht? Sie fühlten sich noch verlegener als vor- dem. Und vielleicht hatte der Pfarrer schließlich noch recht. Aber wie wenn ihnen nur diese einzige Möglichkeit der Rettung ver- blieben wäre, versteiften sie sich hartnäckig auf ihren Plan und bissen sich in ihm fest und wichen nicht mehr davon ab. Deshalb stimmten alle ein, als der alte Iean-Pierre von neuem begann.„Wir bitten Sie, Herr Pfarrer, wir bitten, wir haben nur noch Sie..." und billigten es. Alle riefen mit dumpfer Stimme: „Wir bitten... Wir bitten..." Der Pfarrer hatte sich am Tisch niedergelassen. Sie glaubten in der Dunkelheit zu bemerken, wie er den Kopf in die Hände nahm. Und mit völlig veränderter Stimme, mit einer leisen Stimme. die zitterte, sagte er schlicht:„Ihr hobt recht, es ist mein Amt, man muß es bis zum Ende tun." Sie wußten später nicht mehr genau, wie alles geschehen war. Sie merkten, daß sie sich erhoben hatten, der Pfarrer gleichfalls. Und nachdem die Sache für den kommenden Sonntag in Aussicht genommen war, beeilten sie sich, wegzugehen. Er schritt aber auf einem Weg des Schreckens heran, dieser Sonntag: solchermaßen hatten sie noch zu leiden. Es scheint, daß sich die Länge der Tage verdreifacht hat: jede neue Minute bringt ein neues Unheil. Sie sahen, wie die Stunden vorbeigingen, sie hätten sie gern« angetrieben, wie man es mit den Herden tut, wenn die Tiere langsam gehen, und eines den Hals streckt, um aus einem Eimer zu trinken, das andere einen Büschel Gras abrauft, ein drittes ohne Grund stehen bleibt: dann gibt man ihnen einen Schlag mit dem Stock. Ach! Die Zeit ist ein Ding, dem gegenüber die Schläge nichts fruchten: man muß sie ertragen, Geduld ist vonnöten. Und dennoch hatte der Plan dieser Prozession ihnen den Mut zurückgegeben. „Vielleicht," sagten sie sich,„wer weiß?" I Und alle kamen, die konnten, so daß die Kirche zu drei Bierteln gefüllt war. Allein ober in kleinen Gruppen schlichen sie die Weg« hin, die noch voll Nacht waren. Und sie streckten die Hände vor sich hin und tasteten in die Finsternis hinein wie in einem Wall aus Ruß. Aber über den Dächern konnte man den hohen Kirchturm erblicken, der sein Kreuz in den Himmel hob, scharf genug für das Auge, daß es ihm möglich war, sich danach zu richten. Und bald hier, bald dort oernahm man den rauhen Atem eines Tieres hinter einer Türe oder Schreie eines kranken Kindes oder Röcheln eines Sterbenden. Nirgends und zu keiner Stunde des Tages oder der Nacht ist es uns anheimgegeben, zu vergessen, was auf uns wartet, und die Umstände, in denen wir leben, zu über- sehen. So schritten sie denn so rasch si« irgend konnten, ihren Weg und waren noch kurzem in der Kirche versammelt, während«in wenig grau, wie Spinngewebe, sich hinter den hohen Fenstern mit den weißen Scheiben zu regen begann. Zuerst kam die Messe: dazu feierlich die Orgel, der Gesang und die Meßglocke. Die hohen Mauern um sie henim waren ein sichtbarer Schutz, neben dem noch ein anderer stand, der kräftiger, obwohl den Augen nicht sichtbar, war. Aber das Herz ward daran gestärkt: es fand wieder Zuver- ficht, und als das letzte Wort gesprochen, die letzte Antwort gegeben. als der Slugenblick des Weggehens gekommen war und man begann. die Kirche zu verlassen: da fühlten sie sich vollkommen entschlossen. Es war bestimmt worden, man werde mit allen Glocken läuten. Etienne, der Sohn Etiennes, der Enkel eines dritten Etienne, stand im Glockenturm. Er war an diesem Tage nicht allein. Denn außer dem Glockenspiel, das er gewöhnlich läutete, mußte die große Marie- Madeleine mit dabei sein. Und die mußten drei Männer läuten. da sie gewaltigen Umfang hatte, wie jeder sieht, und eine bestimmte Art und Weise und nicht bequem zu bedienen war. Es kam zuerst est»«'kleine hell« Stimm«, eine lebhafte silberne Note, die sich in der Höhe des Himmels fest hängte und dort be- wegte, wie die Lerche, wenn sie emporgestiegen ist. Man sah das Kreuz hervorkommen, das ein Mann im Chorhemd trug. Das ist einer, der zu den Männern vom weißen Kleid gehört: so werden sie geheißen. Und dann kommen die Frauen und die Mädchen vom Weißen Kleide. Das Kreuz war ein wenig geneigt wegen der geringen Höhe der Vorhalle, ober schon richtete es sich wieder auf. Und in diesem Augenblick schien die kleine Stimme, die am Himmel zitterte, wie ein Kapsel aufzubrechen, wenn der Same reif ist: tausend weitere klein« Töne sprangen aus ihr hervor. Sie rieselten ganz um sie herum, stäubten in die Falten der Lust, wurden herangetragen und weggetragen. Und außer der Bewegung von oben nach unten machten sie Bewegungen nach den Seiten. . Das Kreuz wandte sich im Winkel des Kirchhofes. Dahinter kamen, wie wir salzen, die Frauen vom Weißen Kleid. Hinter den Frauen vom Weißen Kleid schritten vier junge Mädchen, auch sie ganz weiß gekleidet, und sie trugen eine schön« Maria aus Wachs in köstlichem Seidenkleid. Nach ihnen begannen die Männer zu erscheinen. Und nun erhob auch die Marie-Madeleine die Stimme. Und all die anderen kleinen Glockenklänge schienen zu fliehen, sich zu zer- streuen, wie überraschte Dögelchen, während über ihnen, von Zeit zu Zeit, ein Flügelschlag hinrauscht« wie von ungeheuren Adler- slttichen. Sie schritten die Höhe zum Kalvarienberg« empor. Da gab es zwischen Wiesen mit ärmlichem Grase kleine felsige Stellen. Der Weg sührte wechselweise daran vorüber und umkreiste sie. Da ist Grau und Grün in der schönen Jahreszeit; an diesem Tage war nur Weiß und Schwarz. Schwarz kam es aus einem kleinen Tannenwald heran, der den ganzen Kegel ein wenig unterhalb der Spitze umlief. Aus dem Gipsel war nichts als das aufgerichtete Kreuz zu erblicken, und das war der Ort, den sie erreichen wollten. Es kam die Marie-Madeleine Es kam der seine Sprühregen der anderen Töne des Glockenspiels. Und jetzt erhob sich noch der Gesang, furchtsam erst, aber dann gewann er an Sicherheit, wie sie weiter dem Kreuz entgegenstiegen. Fragen, Anrufe, Bitten: Sind wir nicht dreihundert Menschen? Wir müssen doch erhört werden. So sagten.sie sich und stiegen immer höher. Jetzt erblickte man den Baldachin, unter dem der Pfarrer mit dem Leib Gottes in seinen Händen schritt, und den Rest der Weißen Röcke? es waren die Männer. Dann kamen die Frauen, die das Buch hielten und darin lasen. Andere wiederum gaben Kindern die Hände, sehr alten auch, ganz Alten, Krüppeln, Kranken und etlichen, die nur mit Mühe gehen tonnten: und es waren solch« dabei, die die Köpfe verhüllt trugen, und solche, die ihre Hände ver- bargen. Alle, die irgendwie gekonnt hatten, waren gekommen. Bor Gott braucht man keine falsche Scham zu fühlen, selbst nicht der Schwären wegen. Der Zug entfaltete sich auf einer sehr großen Strecke: langsam rollte«r vorwärts, von Wies« zu Wiese, von Kehre zu Kehre. Und man stieg höher uiü> höher; der Gesang verlor sich mählich. (Fortsetzung folgt.) V�4S DER TAG BRINGT. aaiiniiiiiiiimniniunuiiininiiinmiiitimiHiimiuuniiiitti>tunintimniiinnniiiiitiiiimiiiumiiiimmiimininiiinimimiiiiiiiiiuniiiiiniiiinmiiiniiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiinmiimiiiiiimii) Kein Leben ohne Bakterien. Die Bakterien g«hören zu den größten Feinden der Menschheit. Sie sind«s, die die todbringenden Infektionskrankheiten verursachen. Und doch ist wieder ein Leben ohne sie nicht möglich— wenigstens nicht für die höheren Tierarten. Dies wurde schon von Pasteur er- kannt. Duclaux bracht« Pflanzenkeimlinge in bakterienfreie Garten- erde. Si« starben unter Aufzehrung ihrer Reservenährstosfe nach 2t) bis 25 Tagen ob, im Gegensatz zu den Kontrollpflanzen in bakterienhaltiger Gartenerde, die dort gut gediehen. Daraus ergibt sich, daß die Spaltpilze zum Ausbau der Pflanzen nötig sind. Ber- suche an Tieren sind, wie Tormann in„Natur und Kultur" aus- führt, sehr schwierig, da man sie wegen der großen Bakterienmengen in der Lust nahe der Erde nicht leicht keimfrei machen kann. Schottelius gelang aber doch ein Verfahren, nachdem er frisch gelegte Hühnereier durch Behandlung mit heißem Sublimat keimfrei macht«, sie in einem Brutofen ausbrütete und von dort in«inen Glaskäfig überführte. All dies geschah unter streng keimfreien Bedingungen. Auch ihre Nahrung wurde bakterienfrei gehalten. Dt« Küken waren durchaus frisch, sie entwickelten einen riesigen Hunger, aber das Futter schlug ihnen nicht an. im Gegenteil, nachdem sie innerhalb von zwei bis vier Wochen bis auf ein Drittel ihres Gewichts abge- magert waren, gingen sie ein. Wurde dem Futter eine Spur von Darmbakterien aus dem Kot anderer Hühner zugesetzt, so erholten sich die Küken, selbst wenn sie dem Tode nahe waren, und ent- wickelten sich in normaler Weise. Aenhliches beobachtete man bei den Larven der Knoblauchkröte, so daß zunächst für diese Tiergruppen di« Notwendigkeit der Batterien für ihr Leben erwiesen erscheint. Für Versuche an Säugetieren sind die technischen Schwierigkeiten zu groß. Ganze Ordnungen und Familien der Insekten haben mit Batterien und hefeartigen Sproßpilzen, die ihnen nützlich sind, innige Gemeinschaften abgeschlossen, und richten ihnen im Darm geradezu Wohnräume her. Sie geben auch auf dem Blutweg an ihre Eier diese nützlichen Bakterien als Erbgut mit. Es lebe die Kleinstaaterei! 500 Meter jenseits der lippischen Grenze liegt ein beliebtes Aus- flugslokal„Der Krug". Allsonntäglich bringt ein Autobus in mehreren Fahrten wohl über 100 Bier- und Kaffeedurstig« von der westfälischen Gemeinde Ahmsee bis zur Grenze. Bon hier muß alles zu Fuß zum.Krug" gehen, denn die lippische Regierung erlaubt nicht den Transport dieser Fahrgäste auf den 500 Metern ihrer Landstraße. Da der Autobus auf der schmalen Landstraße nicht wenden kann, fährt er leer hinterdrein, wendet am„Krug" und fährt leer zur Grenze zurück, wo die Fahrgäste aus dem Rückweg« wieder einsteigen dürfen. Ausnahmen gibt es selbst bei strömendem Regen nicht! Unterrichtsbriefe für Einbrecher. Der Sprachunterricht, ixr auf schriftlichem Wege durch Unter-. richtsbriefe betrieben wird, hat j«tzt in Amerika eine eigentümlich« Nachahmung gefunden. Man begnügt sich dort nicht mehr mit Ber- brecherfchulen. in denen erfahrene.Lehrer" selbst Unterricht erteilen, sondern es gibt auch gedruckte Anleitungen, deren Pensum in einzelne Unterrichtsbriefe eingeteilt ist. Dies« Methode, die sich mit den verschiedensten Formen des Verbrechens beschäftigt, wurde durch die Verhaftung zweier junger Männer enthüllt, die zu Eharleroi in Pennsylvanien erfolgte. Die beiden jugendlichen Verbrecher, die bei Einbrüchen verhaftet worden waren, entpuppten sich als eifrige Leser von Unterrichtsbriefen, die sie von einer„Zentrale" bezogen hatten. Einer von ihnen, ein früherer Schutzmann namens Spindler,«in Riese mit besonderen Körperkräften, sührt««inen Leitfaden über „Einbrechen und wie man seinen Gegner am besten niederschlägt" mit sich. Beide Verbrecher besaßen eine reiche Ausstattung von Re- volvern, falschen Bärten, Brillen ohne Gläsern, Gummihandschuhen, Didtrichen usw. Der zweite Verhaftete, William Friend, teilte näheres über die Erziehungsmethode der Verbrecher durch Unter- richtsbriefe mit und setzte die Polizei instand, dem merkwürdigen Erziehungsinstitut näher nachzuspüren. Hüte und Frömmigkeit. Die Kirchen haben, solange sie existieren, die Mode der Frauen- weit mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln bekämpft, und wenn man es heute mit den„unsittlichen" Kleidern hat, so wetterte man vor etwa 200 Iahren gegen die Hüte. Im Jahre des Heils Anno 1711 erließ der Kirchenvorstand von Retsord in England folgende Bekanntmachung:„Alle Damen, die mit den neumodischen Hüten in di« Kirch« kommen, werden gebeten, sich vor Beginn de, Gottesdienstes daselbst einzufinden, damit sie nicht die Aufmerksam- keit der andächtig Versammelten ablenken. Der Kirchenvorstand zu Retsord, den 9. Januar 1711." Ein netter Bürgermeister. Die amerikanische Oeffentlichkeit beschäftigt sich ausführlich mit der Angelegenheit des demokratischen Bürgermeisters von Jersey Eity bei New Park, Frank Hague. Hague, der seit 1917 Bürgermeister ist, sollte dieser Tage von einer Regierungskommission über die Herkunft seiner Einkünfte vernominen werden, verweigerte jedoch jede Auskunft und wurde daraufhin einen Tag lang hn Gefängnis be- halten. Am Abend wurde er wieder freigelassen, um sich für ein« weitere Untersuchung zur Verfügung zu halten. Der Bürgermeister, der ein Iahresgehalt von 8000 Dollar bezieht, hat in den letzten zehn Jahren für 500 000 Dollar Anschaffungen gemacht und u. a. «in fürstliches Palais erworben, ohne daß die Herkunft dieser Be- träge irgendwie ersichtlich wäre. Immerhin sind schon jetzt erbau- liche Einzelheiten über die Finanzierungsmechoden des Bürger- meisters aus der Zeit seiner letzten Wahlkampagne bekannt geworden. Danach muhte jeder Polizeimann 25 Dollar zu seinem Wahlfonds beisteuern, wenn er nicht nach einem berüchtigten Verbrecherviertel oersetzt werden wollte. Gegen di« Gegner Hagues wurden im übrigen bei den letzten Wahlen Gewaltmittel schlimmster Art an- gewendet, so daß schließlich Hague mit einer Mehrheit von 25 000 Stimmen gewählt wurde. Eine Zeillang dachte man sogar daran. Hague für die amerikanischen Präsidentschaftswahlen zu nominieren! Milosch fahrt Polsterklasse. Milosch fährt nach Berlin. Zweiter Klasse. Milosch liegt auf dem Polster und schläft. „Hören Sie," sagt da jemand,„dos geht aber nicht. Sie treten mich ja mit Ihren Stiefeln." Milosch blinzelt. Und schläft weiter. Der andere ruft den Schaffner.„Stehen Sie aus!" wftd der energisch. Aber Milosch rührt sich nicht..Lassen Si« sich doch," brummt er den Schaffner an,„erst mal seine Fahrkarte zeigen" Der Schaffner läßt sich die Fahrkarte zeigen.„Dritter Klosse," runzelt er die Stirn:„kommen Sie mit." Und Milosch schläft weiter. Auf dem Anhalter Bahnhof sieht er den anderen.„Donner-. wetter," staunt der,„wie haben Sie denn gewußt, daß ich..." „Sie haben doch," sagt Milosch�„vor dein Fahrkartenschalter dritter Klasse Schlange gestanden." „Stimmt. Und da haben Sie mich gesehen?" „Ja," jagt Milosch,„ich stand doch hinter Ihnen." cffibeiteTtSport' LeidiiathletikinNürnberg 1630 deutsche Wettkämpfer.— 2850 Meldungen. Die Leichtathleten des Arbeiter-Turn- und Sportbundes tragen im Rahmen des Bundesfestes ihre Leichtathletikmeisterschaften aus Stattfinden werden außerdem reine Festwettkämpfe. In den Bezirken und Kreisen des Bundes find an den letzten Sonntagen Ausscheidungskämpfe der Sportler und Sportlerinnen vor sich gegangen, zur Auswahl derer, die den Pflichtleistungen genügen und dadurch die Berechtigung zur Teilnahme an den Weit- kämpfen in Nürnberg zu haben. Zu diesem Zweck waren die Be- werber eingeteilt in eine Klasse A für die Bundesleichtathlctikmeister- f-haften und in die Klaffe ö mit erleichterten Pflichtleistungen für die Festwettkämpfe. Zur Teilnahme an den leichtathletischen Bundesmeisterschaften sind dem Bund 480 Sportler und Sportlerinnen mit 860 Nennungen für Wettkämpse gemeldet wor- den. Für die Festwettkämpfe sind es 11S0 Sportler und Sportlerinnen mit 900 Nennungen für Weitkämpfe. Noch kein« Turn- und Sportorganisation war in der Lage, leichtathletische Wettkämpse mit einer solchen Massenbeteiligung aufzuweisen, dazu noch im Rahmen einer Veranstaltung, bei der die Leichtathletik nur einen Teil des Gesamtprogramms ausfüllt. Hinzu kommt, daß die Sport- ler und Sportlerinnen ganz auf eigene Kosten an dem Bundesfcst teilnehmen. Das alles spricht für den Massensport der Tat und für den Idealismus der Mitglieder des Arbeiter-Turn- und Sport- bundes. Von den ausländischen Verbänden haben Sportler und Sportlerinnen für die leichtathletischen Meisterschaften und Fest- wettkämpse sich gemeldet aus Finnland, Lettland, Ungarn, Polen, Oesterreich, Tschechoslowakei, Prager und Aussigcr Verband. Ebenso nehmen Leichtathleten des Ar- beiterathletenbundes Deutschlands an den Wett- kämpfen teil. -Die Wettkämpfe um die Meisterschaften werden in der Haupt- k a m p f b a h n vor sich gehen.' Am Festsonntag werden dort aber auch besondere Festweitkämpfe ausgetragen. Außer diesen finden die Festwett kämpfe auf einem zweiten Wettkampfplatz im Stadion statt. Zur Unterscheidung der Teilnehmer an den Meisterschaften und der an den Festwettämpfen trogen die ersteren schwarze und die letzteren rote Startnummern. Die neuesten Erfahrungen der e l e k- irischen Zeitmessung werden Anwendung finden. Ein sportärztlicher Dienst wird die gesundheitlichen Auswirkungen der Wettkämpf« auf die Wettkampfousübenden überwachen. Oer kesttükrer für Nürnberg. Die Teilnehmer am Bundesfest sind nun auch im Besitz des Festführers, der auf 64 Seiten über alles Wichtige informiert. Der Vundesvorsitzende Geliert begrüßt die Kommenden:»Die alt« Noris wird widerhallen von den Schritten der Hunderttausende, von dem Lachen derer, die sich freuen zu leben, um zu kämpfen für eine bessere Welt, für den Sozialismus!" Die Festausschüsse ent- bieten uns Willkommen und mahnen:„Haltet strengste Selbstdiszi» plin, denn der Gegner schaut auf euch, unser Erfolg wird euer Er- folg sein!" Es ist alles bis ins Kleinste geordnet, die Nürnberger und Fürther haben gute Arbeit geleistet. 18 Straßenbahn- und 13 Autobuslinien befördern zum ermäßigten Gesamtpreis von 1 M. die mit dem Festabzeichen versehenen Teilnehmer vom 18. bis 21. Juli. Post- und Telephonoerkehr ist im Stadion stationiert. Privat- und Massenquartiere in Turnhallen und Schulen sind sichergestellt. Der 1. Kreis Berlin- Brandenburg hat sein Standquartier in der Altstadt, Marientorzwinger(Nähe Hauptbahnhof). Die V e r p f l e- g u n g im Stadion liegt teilweise in Bundeeregie, ferner haben wir ein Stadionkaffee, ein alkoholfreies Haus, vier große Wirt- fchaftszelt« mit den berühmten'„Närnberga Broutwärfcht". Es kann also aller Bedarf im Stadion gedeckt wenden, alles ist gut und billig. Das Festprogramm hatten wir im großen Zug bereits im„Abend" vom 25. Juni veröffentlicht, alle Einzelheiten sind im Festfllhrer angegeben, ebenso Zeichnungen der vielen Sportplätze und des Stadions. Drei Festzüge marschieren am Sonntag auf, darunter ein Radfahrerzug. Der 1. Kreis marschiert im Festzug A (Stellplatz Hopfenmarkt: 7.30 Uhr). Die Spielleute und Musik sammeln sich gesondert Bayreuther Straße(Stadtpark). Die Fest- abend« des 1. Kreises am Freitagabend sind in fünf Lokalen der Altstadt. Freitagfrüh 7 Uhr hat der 1. Kreis eine Morgen- s e r e n a d e auf dem Burgberg. Die Samariter werden nicht nur den Unsalldienst versehen, sondern sie haben auch eine Abteilung für Unfallverhütung und Hygiene, Kinderfürsorge(Sammlung und Betreuung gefundener Wnder), Auskunft und Statistik. Die sportärztliche Untersuchung wird im Einvernehmen mit der technischen Festleitung geregelt. Für die Durchführung des Festes sind 17 geschäftliche sowie acht technische Ausschüsse tätig. Ein großer Plan von Nürnberg gibt über alle Sportplätze, Standquartiere, den Festzug, Straßen- bahn- und Autobuslinien, Sehenswürdigkeiten usw. Auskunft. Alle Vereinssahnen müssen zur Stelle sein, die Jugend mit den Wimpeln, um dem Festzug ein farbenprächtiges Gepräge zu geben. Für die I u g e n d ist reichlich gesorgt, sie beteiligt sich an den Wett- kämpfen und veranstaltet außerdem Iugendtänze, das Festspiel „Mach dich frei!" und einen Fackelmorsch, die beiden letzteren Bor- führungen werden eingehend erläutert. Der Festführer bestärkt uns in dem Bewußtsein, daß dieses mit großer Spannung erwartete Fest gur vorgearbeitet wurde. 2Arteilei-flmu.Äii1!«l irnbero - 18. Ms 21. loli 1929_ Sportstätten in Nürnberg. Nürnberg, der Ort des 2. Arbeilerbundesfeftes, das in seinem riesigen Format die Frankfurter Arbeiterolymplade noch weil über- treffen wird, ist durch fein Stadion aus dem Zeppelin- f e l d in aller Welt bekanntgeworden, als bei den Amsterdamer Olympischen Spielen der Architekt hensel mit den Plänen für diese Großanlage den ersten Preis im olympischen Architekturwettbewerb errang. Die Stätte des Bundesfestes wird einen imposanten Rahmen haben. Die deutsche Großstadt Nürnberg ist außerdem mit Sportanlagen glänzend ausgestaltet, denn für seine 392 500 Einwohner hat Nürnberg gegenwärtig 1 137 329 Quadratmeter Spielplahfläche und 26 404 Quadratmeter Turnhallenfläche. Das sind 2,9 Quadratmeter Spielfläche und 0,06 Quadratmeter Turnhalleufläche auf den Sopf der Bevölkerung. Es steht damit, wenn auch die Blindestmaße von 3 Quadratmetern bzw. 0,1 Quadratmeter pro Kopf noch nicht erreicht sind, an der Spitze unserer Städte. Dies alles dank einer zielklaren, links- Es sieht damit, wenn auch die Blindestmaße von 3 Quadratmeter orientierten Kommunalpolitik. Auch dem wassersporlllchen Interesse und der Volkshygiene trug die Stadtverwaltung weitgehend Rechnung, denn neben einem großen Hallenbad, zu dem in Kürze ein zweites hinzutritt, sind 17 Freibäder vorhanden, wahrhaft, eine sporlfreudige Stadtverwaltung. lfcznrltfldii«fcrfcst in Velten. Als einen guten Erfolg kann der 2. Bezirl des 1. Kreises im Arbeiter-Turn» und Sportbund dos Kinderfest in Velten buchen. Mit einem inhaltsreichen Prolog wurde dos Bühnenschau- turnen am Sonnabend eröffnet. Der Vorsitzende des Bezirks, Genosse Richter, zog einen Vergleich zwischen dem heutigen Feste und der großen Bundesveranstaltung in Nürnberg. Hier wie dort, nur im veränderten Maßstab«, wiid für den Arbeitersport geworben. Aus den zahlreichen Vorführungen verdienen hervor- gehoben zu werden die Freiübungen der Freien Turner- schaft Schwante, die flotten Sprungseilübungen von FTGB.-Nordriirg und die von den Knaben der letzteren Abtellung gezeigten Bogenübungen. Die Freiübungen der Veltener Kinder sind noch besonders zu nennen. Mit einem Liebe wurde die ein- drucksvolle Feier geschlossen. Der Sonntagvormittag brachte das Musterriegenturnen, bei dem die Knaben von Velten 282 Punkte am Darren und die von Schwante 206 am Pferd er- zielten. Bei den Mädchen gab es folgende Resultate: Am Barren: Velten 282 Punkte, Schwante 244Z4, FTGB.-Nordring I 229: am Pferd: Schwante 224. Bei den Schwimmwettkämpfen fiel besonders „Hellas" mit seinen guten Leistungen bei Stafetten und Beliebig- schwimmen auf. Um 131� Uhr setzte sich der Festzug am Viktoria- platz in Bewegung. Mit klingendem Spiel ging es zum Städtischen Sportplatz. Hier sprach noch einmal der Genosse Richter zu der versammelten Menge und dankte im Namen der Kinder für die guten Quartiere und die Verpflegung. Nach ihm ergnsf der Bürger- mcister von Vellen, Genosse Zieger, der es sich nicht hatte nehmen lassen, an der Veranstaltung teilzunehmen, das Wort und hieß alle Gäste willkommen. Es ist eine Freude, der Jugend zu helfen, so führte er aus. Mögen die Kinder in froher Erinnerung noch recht oft an diesen Tag in Velten zurückdenken. Dann folgten allgemeine Freiübungen, die reichen Beifall fanden. Das Hand- ballfpiel Velten gegen Britz(tomb.) endete mit 3:0 für Britz. Als Sondervorführung zeigten die Völlener Kinder die Nürnberger Freiübungen und erreichten damit bei allen Anwesenden frohen Beifall und Anerkennung. Allgemeine Spiele und Stafetten be- schlössen den wirklich erfolgreichen und schönen Tag für den Ge- danken des Arbeitersports. Nachfolgend die Resultat«: Resultate be« MannsKakt, breikampfe« der ftitoVn: mr-SB-Nordrlng 237 Punkte. Selten I 434, Eberswalde 397, Stik I 371, �n,n'«si>otf 338, Velten II 333, ssT<5V..Reinickendorf.West 309. �2®V..9Iotb. Sst.®00- Ecknoante 297, Bötzow 292,!sTGB..Nort>ast I 288. ZTSB-Norden I 278, atitz n 266,©eigenfee 258, Marwitz 255, Eberswalde II 244, Velten in 180, Ebenswalde m 131, Velten IV 120, Germendorf 41. Mannschafts. 4ir et kämpf der Mädchen: MiGV..Rordring I 442. Schwante 892. 1"«>. zTGB-Nordrino II 324. Veten I 323. Hennigs. -!?!l N0. ksTEB.,Nein'chendorf.Weft 274, �TGV.-Nardrina II 248, Velten II 183, �?GB..Nordost 175. Marwitz II 18«. Bötzow I 134. Velten III III. Schön- iurttz 80. Velten IV 73. Stafette»,«naben. 5X75: Velten I »2€c!„ FTEBaRordrina I 59,3. Britz 59V, SSOSWtortoft 50,3, Schwante 1:01,4 Min., Eberswolde II 1:01,5, Britz TT 1:0M, Eberswalde I 1:03,9, Velten III 1:06,7, Eberswalde II 1:08,1, gTSB-Nordrina II 1:07, gl®®.. Nordost II 1;00,3. Stafetten, Knaben, 10X75: Velten I 1:58,7 Mi». Weitzenlee, kombiniert, 2:06, gTGB.-Nordoft 2:06,4, Britz 2:07,8 Stafetten, Mädchen, 5 X 75: Schwante I 1:02.1 Mn., JRr- bis 21H Uhr turnerische und gym- nastische Vorführungen, Leichtathletik, Springen, Laufen, Handball- spiel unter Mitwirkung des Musikkorps der„Freien Turnerschaft Groß-Berlin". Gleichzeitig an der Bärwaldbrücke: Aufschwimmen, Frouenreigen, Rettungsvorführuiigen, Spiele. Alle Mitglieder der Kartellvereine sind zur Teilnahme verpflichtet. Der Zutritt zu den Beranftalttmgen ist frei. Börsenbericht! Ueber S ch m e l i n g, den Sieger über Paolino, kommen iei)! aus Amerika allerlei interessante Nachrichten. Wir registrieren: „Nach seinem großen Erfolge über Paolino steht Max Schmeling in Amerika mehr denn je im Mittelpunkt des öffentlichen Geschehens. Mehr noch als die europäische Presse unterrichten die amerikanischen Zeitungen ihr Lescpublikum über alles das, was mit dem„deutschen Dempsey" in Zusammenhang steht. In echt amerikanischer Art widersprechen sich die einzelnen Meldungen von Tag zu Tag, die Hauptsache für die übereifrigen und auf Sensationen bedachten Rc- porter ist, daß die Leser an jedem Tage etwas Neues vorgesetzt bekoimnen. Mit der Richtigkeit wird es dabei nicht so genau gc- nominen. Da ist zunächst die Frage, ob Dempsey oder Shorkey mit Schmeling um die Weltmeisterschaft kämpfen werden. Den oer- schiedenen Ankündigungen über das Wiederauftreten Dempfeys sind auch schon ebensoviel« Dementis gefolgt, und alle Meldungen über diese oder jene Paarung sind völlig verfrüht, ehe nicht die Nachricht von der Unterzeichnung der Verträge vorliegt. Inzwischen ist der alte Streit Schmeling— Bülo w mit unverminderter Heftigkeit neu entbrannt und hat Formen ange- nommen, die eine gütliche Einigung kaum noch möglich erscheinen lassen. Anstatt den Ausgang des Paolino-Kampfes abzuwarten, verpflichtete'Bülow seinen Schützling schon vorher auf Grund seines von der New-Uorker Boxkommission anerkannten Manager-Ber- träges zu verschiedenen neuen Kämpfen, die für Schmeling eine völlig unrentable Angelegenheit(!) sein müssen, wie z. B. mit dem in Amerika gänzlich abgefallenen Phil Scott. Bülow hat damit «ine Situation heraufbeschworen, die ihn viel« der Sympathien kosten kann, die er nach bei den maßgebenden Stellen der amerikanischen Boxsportbewegung genießt. Un die Angelegenheit einer Klärung cntgegenzuführen, berief die New-Dorker Kommission eine Sitzung ein, in der die Gültigkeit des von Bülow unterzeichneten Scott- Vertrages anerkannt wurde. Schmeling erklärte jedoch rund Heraus, daß er nicht gewillt ist, die Abmachungen Bülows zu erfüllen. Er wird vielmehr eine mehrwöchige Tournee durch die Staaten antreten, um sich in S ch a u k ä m p f e n in den Groß- städten Nordamerikas vorzustellen. Das angebotene Barietä-Engage- ment ist abgelehnt worden, da eine Einigung in finanzieller Hinsicht nicht zu ermöglichen mar. Don der Schaukampfreise, die mit e r- Heblich cm finanziellen Nutzen verbunden ist, wird Schmeling erst in der zweiten Angustwoche zurückkehren, womit ohne weiteres der für den 7. August nach dem Ebbetsfieid-Stadion zu Brooklyn vorgesehene Kampf mit Phil Scott entfällt. Damit ist aber eine völlig neue Situation geschaffen. Die New-Porker Boxkommission hat Schmeling bei Nichterfüllung des Ecott-Vertrages bereits mit Disqualifikation für den Staat New Pork gc- droht, so daß sich die Veranstalter der Weltmeisterschaft nach einem neuen Kampfart« umsehen müssen. Man denkt dabei an Ehikago, Detroit oder Montreal. Wie man sieht, lassen die Angelegenheit Schmeling— Bülow und die damit zusammenhängenden Fragen so viele Möglichkeiten offen, daß die amerikanische Presse auf Wochen hinaus mit Materiol vcr- sehen ist, um das große Rätselraten mit der ihr eigenen, nicht gerade immer besonders geschmackvollen Reportertechnik fortzusetzen." Was die Berliner Sportpresse angeht, so ist festzustellen, daß sie sich von Amerika gern beeinflussen läßt. Ihre Berichte vom Kampf Schmeling— Paolino hatten wir schon beim Erscheinen als Schlachthofberichte bezeichnet. Was jetzt gemeldet wird, sind— Börsenberichte. Wcrbcschwimmfest Schoneberg. Die Schwimmabteilung des„Arbeitersportvereins von 1907 Schöneberg-Friedenau" veranstaltet am Mittwoch, 10. Juli, ein intemes Schwimmsest in der Städtischen Schwimmhalle Denn«- witzstraße 24-. Der Eintritt zu dieser Veranstaltung ist frei. Aus dem Programm ist hervorzuheben, die Vorführung einer nach modernsten Lehrmethoden geleiteten Schwimmübungs- stunde, wobei besonders der Schwimmunterricht an Nicht- fchwimniern und Darstellungen aus der Tätigkeit des Lebens- rettungsdienstes interessieren dürften, Etosfelschwimmen in allen Schwimmarten, Kunstspringen vom I-Meter-Brett wind gezeigt, den Schluß der Vorführungen bildet ein Wasserball- spiel. Ilelmngsabend des Vereins ist Mittwochabends S'A Uhr im Hallenschwimmbad Dennewitzstraße 24, daselbst werden auch Neu- aufnahmen vorgenommen. Touristen-Verein„Die Naturfreunde", Ortsgr. Berlin. Veranstaltungen am Dienstag, den S. Juli: Jugendgruppc W e d d i n g, JVj Uhr, Seestraße 84, Geschäftliches. Abt. Norden, Sonnenburger Straße M, Spielabend und Gesang. Fried- richshain, 8 Uhr, Litauer Straße 18, Naturwissenschaftlicher Abend. Dr. Lange. Friedenau, 7(4' Uhr, Osfenbacher Str. 5-, M itgliede rversammlung. Lichtenrade. 8 Uhr, Kaiser-Wilhelm- Straße 73. Heimabend. Pankow, 8 Uhr, Görschsttaße 14, Mit- gliederversammlung.— Mittwoch, den 10. Juli, Jugendobleute, 8 Uhr, Geschäftsstelle.— Beranftaltungen am DomBerstaa, dem 11. Juli: Offene Abendwanderung, Goethe- und Schiller- park, Treffpunkt 19.30 Uhr, U-Bahn, Seestraße, Führer: Naturkundliche Abteilung der Ortsgruppe. Südwest, 6(4' Uhr, Urban- platz, Teilnahme am Werbefest des Sportkartells. Führer» se k t i o n, 6 bis 8 Uhr, Auskunfterteilung in der Geschäftsstelle. Photogemeinschaft, 6 bis 8 Uhr, Auskunft und Beratung in der Geschäftsstelle(Iohannisstraße IS). Tiergarten, 7(4' Uhr, Lehrter Straß« 18/19. Gesundbrunnen, 8 Uhr, Panksttaße (Weltl. Schule), Mitgliederversammlung. Prenzlauer Berg, 7(4' Uhr, Danziger Straße 62, Vögel der Heimat, Lampasiock. Spandau, 8 Uhr, Lindenufer 1. Schöneberg, 7(4' Uhr. Hauptstraße 15. Lichtenberg, 8 Uhr, Guntherstrcrße 44, Vortragsabend. 15. B«»>el»lartell, Treptow. Geschäftsstelle Herbert Lewald, SO 38, ktief. bolzstratze 48, Mpl. 8048. Die letzte EA.-Sitzun gewlue Etwa* mit Clara Bow Bühnenscfaan Titania(uta S�handrerg) Hauptstraße 49 Beginn ab 630 Uhr Slmba, der König der Tiere Die Bnddcnbrooka Nordwesten Welt-Kino Alt-Moabit 99 Abenteuer mit Charlie Chaplin Erlebnisse d, kl. Marlon Laronge mit Lya Mara W Schlüter-Theater Schlüte rstr. 17 W. 7 u. 9.15 U, S. ab 4 U. Wer da* Scheiden hat erfunden Nachigestalten(Gassenmädel) ■ Stegllti g Titania-Palast Steglitz, Schloßstr. 5, Ecke Gutsrhuthsstr. Da» letzte Fort mit Maria Paudler und Heinrich George Bühne. Weiatraubs Sjncopatcrs U Uchterfelde-We»t> US I S Wochentags 6.30, 9 Uhr I U-L.1 Stg. 5, 7, 9 U. Stg. 3 U. J.-V. Hindenburgdamm 58a Mann, Weib, Sünde mit John Gilbert Der Pechvogel mit Harold Lloyd Bühnenschau FQm-Paiast Kammersäle Teltower Str. 1—4 Beginn 6 U. Der Katzensteg mit Lissi Arna und Jack Trevor Grones Beiprogramm � Mariendory B Mä_¥ i Mariendorfer i ia~ L,I Lichtspiele Chausseestraße 305 Stg. 3 Uhr Jug.-V. Straftenbekanntschaften Die Rache des Araberfürsten Bühnen schau Süden Th. am Moritzplatz Beginn: W. ab 6.15 Uhr, Stg. ab 430 Uhr Die vom Niederrhetn mit Mady Christian* Herzen ohne Ziel Filmeck BeBinn:W-|Ä Skalitzer Straße, am Görlitzer Bahnhof Der Graf von Monte Christo(11. T.) mit Lil Dagover Gute Bühnenschau Jugendliche haben Zutritt Urania-Theater Wrangelstr. 11, Köpenicker Brücke Woch. 6.45, 8.45 Uhr. Stg. 2.45, 5, 7, 9 Uhr G schickten ans dem Wiener Wald Blitz, der vierbeinige Retter Bühnenschau Neukölln 3 Primus-Palast Hermannplatz Der Graf von Monte Christo HI T; mit Lil Dagover, Jean Angcio Auf der Bühne: Ren« Marquis Co., Drahtseitakt The Balios Co., Equilibristik Jugendliche haben Zutritt U Nlederzchöneweiöejl Elysium(rÄLui) Hasselwerderstraße 17 Großes Filmprogramm Gute Bühnenschau > WciOensee Schloßpark Film- Bühne Berliner Allee 205—210 Drei Zirkuskönige Der Ring der Bajadere Osten Germania-Palast Frankfurter Allee 314 Wochen tg. ab 7 U, Sonntag ab 5 U. Der Hafenbaron mit Coletfe BretFl Colefte Breill persönlich anwesend Beiprogramm Bühnenschau Skala-Lichtspiele Schönhauser Allee 80 Auf der Reepcrbohn m. Eddie Polo Ich hob für Sie ein blHch. Sympathie Bühnenschau Luna-Filmpalast Gr. Frankfurter Str. 121 Die eiserne Maske mit Douglas Folrbonks Pal und Poiachon als Müller Internationale Bühnenschau Concordia-Palast Andreasstraße 64 Vcrdun (Das Heldentum zweier Völker) Abenteuer mit Charlie Chaplin Bühnenschau Norden Collosseum bSJ�JSS» Schönhauser Allee 123 Das indische Grabmal I. u. ll. Teil In einer Vorstellung Alhambra Müllerstraße, Ecke Seestraße Das Weib des Gardisten Im Lande Aman Ullohs Bühnenschau Kosmos-Lichtspiele Lichtenberg, Lückstraße 70 Ungarische Rhapsodie mit LH Dagover Die welken Rosen von Ravensberg Bühnenschau W_ Frledrlehsfoldo Kino Busch Be� 5�hrM5 Alt-Friedrichsfelde 3 Moral mit Harry Halm Ein Mädel aus dem Volke mit Harry Lledlke „Elysium" Prenzlauer Allee 58— Film und Bühne Der Beffelstndeni m. Harry Lledlke In den Händen der Polizei mit L. Chaney Bühncnsckaa Fortuna-Tageskino Müllerstraße 12c Beg. 10 U. vorm. Das fahrende Tageskino ab lO Uhr spielt nur Spitzenfilme der Weif Produktion Metro-Palast Chausseestraße 30 Das Weib des Gardisten- Ja, Ja, die Frau n sind m. schwache Seite Noack's Lichtspiele Brunnenstraße 16 Täglich 5, 7, 9 Uhr Stg. 3 U. jugendv. Erotik Abenteuer mit Charlie Chaplin „Rialto" Film u. Bühne Reinickendorfer Str. 14(am Wedding) Dos yerschwund. Brillantenkollier Der Sportkönig von Mexiko W Belnlckendorf-Ogt � Bürgergarten-Lichtsp. Hauptstraße 51 Der Graf von Monte Christo gl. T.) Der Mann mit der eisernen Faust mit Tom Tyler Bühnen* chau Jugendliche haben Zotritt �_ GesuncJBrunnnn B «Alhambra" Bad Straße 58 Der goldene Abgrund Auf der Böhne: Jetzt gehts los I Revue d. Komiker Ballschmieder- Lichtsp. Badstraße 16 Der König d. Bernina mit C. Horn Das brennende Herz mit M. Christian Gro£e Bühnenschau Humboldt-Theater Badstraße 16 Der lustige Witwer mit H. Lledlke Der Kampf um die Goldmine Große Bühnenschau Kristall-Palast Prinzenalice 1—6 Da» verbotene Paradies Lady Windcrmccres Fächer Grohe Bühnenschau Pankow J) Palast-Theater Breite Straße 21 a CharlolF etwas verrückt.— Die letzten Nächte der Miss Orchard Tivoli, Pankow Berliner Straße 27 (Das Heldentum zweier Völker) (Bis Donnerstag verlängert.) Grote Bühnenschau Film-Palast Blankenburger Straße 4 Der Graf von Monte Christo(II. T1 Leonttnes Ehemänner 1 mit CL Kommer