BERLIN Soimabend 20. M 1929 10 Pf. Nr. 336 B 167 46. Jahrgang. «rscheiat tSßllch-»»«rSinntag«. Zugleich Abendauegabe de«.vorwSrt«'. Bejug«prei« beide Ausgaben SS Pf. pro Woche. 3,60 M. pro Monat. Redaktion und Expedition-, Berlin SWLS.Lindenftr.s nVffU>W�6 l »leigenprei«: Die einspaltige Nviipareillezeil« so Pf.. Reklamezeile s M. Ermäßigungen nach Tarif. »stscheekkonto: DorwärtS-Verlag G. m. b. H., Berlin Nr. 87636. Fernsprecher: Dönhoff 292 bis 297 Wettaktion für den frieden. Amerika interveniert in Nanking- Krankreich in Moskau. Peking. 20. Juli. Der amerikanische Gesandte Mac Murray hat am Freitag dem chinesischen Außenminister Dr. Wang telegraphiert, daß er von seiner Regierung beauftragt sei, mit der Nankinger Regierung über eine amerikanische Vermittlung in dem Streit zwischen China und der Sowjetunion zu verhandeln. Der amerikanische Gesandte bat die Nankinger Regierung, ihm mitzuteilen, ob sie bereit sei, die amerikanische Vermittlung anzunehme«. K o w n o, 20. Juli. Wie aub Moskau gemeldet wird, hat der f r a« z ö» fische Botschafter in Moskau, Jean Herbette, am Spät» abend des Freitag von Außenminister Briand ein Tele» gramm erhalten, in dem er beauftragt wird. Schritte in der Frage der amerikanischen Vermittlung in dem russisch- chinesischen Streit zu unternehmen. Jean Herbette hat die Vermittlungswünsche Amerikas dem stellvertretende« Anßenkommissar bereits zur Kenntnis gebracht. Wie sich sie Sowjetregierung zu diesen amerikanischen Bestre» bungen stellen wird, ist allerdings noch nicht bekannt. Beide Parteien annahmebereit. 31 e w g o r r. 20. 3ull Die Washingtoner Regierungskreise äußern ihre Befriedigung darüber, daß die Wortführer der Sowjetregierung sich bereiter klärt hätten, den Kellogg-Pakt zur Grundlage weiterer Verhandlungen zu machen. Auch der chinesische Gesandte in Washington hat in einer Unterredung mit dem Staatssekretär Slim- son eine zusagende Antwort erteilt: Obwohl der kellogg-ver- trog noch nicht in Kraft getreten sei. beabsichtige Ghina nicht, in der gegenwärtigen russisch-chinesischen Meinungsverschiedenheit Gewalt zu gebrauchen. Ein« amtliche Antwort der chinesischen Regierung aus den ihr lelegraphisch übermittelten amerikanischen Der- mlttlungsvorschlag liegt allerdings noch nicht vor. Trohdem erllärte Staatssekretär Stimson bereit» dem Präsidenten hoover. daß die Rankinger Regierung den Verpflichtungen des Kcllogg-Pakles nachkommen werde. Die Vermittlungsaktion. London, 20. Juli. Die To t so che nm e l du n g e.n über die letzte Entwicklung im chrnesisch-ru-fsischen Streit sind heute morgen außerordentlich spärlich und verzeichnen kaum irgendwelche neuen wesentlichen Ergebnisse. Im Mittelpunkt steht nunmehr die amerikanische 23cr» mitttungsaktion, der namentlich die„Times" große Beachtung schenkt. In einem Washingtoner Bericht des Blattes heißt es. daß in maß- gebenden amerikanischen Kreisen sehr große Hoffnungen auf die Bermittlungsaktion gesetzt werden. Der Kreis der Personen, die überzeugt sind, daß größere Feindseligkeiten vermieden werden könnten, sei sehr groß. In Washington hoffe man. daß bis zum 24. Juli, an dem der Kellogg-Pakt in Kraft gefetzt wer- den soll, bereits«in Ersolg dieser Ausgleichsaktion zu verzeichnen sein werde und dieser Tag demzusolge Anlaß zu der F«ier des ersten wirklich bedeutsamen Erfolges dieses Paktes gebe. Die amarikanische Vermittlung stützt sich in erster Linie aus Artikel 2 des im Dezember 1921 in Washington abgeschlossenen Viermächtcvertrages zwischen dem britischen Weltreich, Frankreich, Japan und den Vereinigten Staaten über die Erhaltung des allgemeinen.Friedens im Fernen Osten und die Sicherung der Rechte und Besitzungen dieser vier Vcrtragsmächtc in jenen Sc- bieten im besonderen. Dieser Artikel sieht vor. daß im Falle einer Bedrohung oder eines Angriffes aus die Rechte eines oder oller dieser Mächte die vertragschließenden Parteien, sich miteinander in Verbindung setzen und in einebt vollkommenen und offenen M c i- nungsaus tausch über die wirksamsten Maßnahnien sich einigen sollen, um der jeweils bestehenden Lage am wirksamsten begegnen zu können.__ New yorf erwartet„Bremen". Sine Sensation. Rew Jork. 20. Juli.. Das Publikum sieht dem ersten Einlause?1� neuen Lloyd- dampfers„Bremen" mit so regem Jntercss« entgegen, daß be» reit» jetzt großer Andrang nach Karten zur Besichtigung des Schiffes während seines New-Dorker Aufenthaltes herrscht. Es sind schon «tu» 3000 Karten ausgegeben worden. Das Moskauer Wetterhäuschen. Bin in's Haus! Naus aus'S paus! Fein Seschast, Wie'S trefft! Zwei alte Leute niedergeknallt. Raubmord bei Innsbruck. Innsbruck, 20. Juli. Auf dem Wege von K r a m s a ch nach Branden» berg im Unterinntal wurden gestern um 7 Uhr abends der pensionierte Schuldirektor Wilhelm Hummel ans H o s st e t t e n an der Pielach in Niederösterreich und seine Frau, als sie auf einor Bank an der Straße rasteten, von einem Unbekannten aus dem Hinterhalt niederg e.schossen und vollständig ausgeraubt. Ooppelmord bei Luzern. Oer Tater verhaftet. ---;•»»— y L u z e r n. 20. Zuli. Am Freitag mittag wurde in der abgelegenen alten Gerberei in kostanienbaum auf der horwer Halbinsel de» vierwaldstätler See» eine in den SOer Jahren stehende Frau in ihrem Hause mit einer Axt erschlagen. Der Täter raubte ungefähr 1000 Franken. hierauf lockte er da» vierjährige Enkelkind der Ermordeten in den abseitsgelegenen Hühnerstall und tötete es ebenfalls. Dann bestellte der Raubmörder ein A u l o von Luzern nach Sastonienboum und ließ sich noch dem Luzerner Bahnhos fahren. Bereit» nachmittags wurde er von der Luzerner Polizei festgenommen. Er stammt au» dem Orte der Tat und hat sich seit längerer Zeit unstet herumgetrieben. Die weißeWeste besperrnGtinnes l�echisanwali Alsberg sprichi weiter. Unter nicht geringerem Andränge eines„erstklassigen" Publikums als gestern erhielt heute morgen im S t i n n e s- P r o z e h Rechtsanwalt Dr. Alsberg das Wort zur Fort- sehung seines Plädoyers. Halt« er sich im ersten Teil seiner Rede mit den Unter- s u ch u n gs m« t h o d e n des Vorverfahrens auseinandergesetzt, so warf er jetzt die Frage nach dem Zustandekommen der(B e st ä n d» nisse von Waldow und Stinncs auf. Bei der Haßstimmung, sogt Rechtsanwalt Alsberg, die bei Waldow gegen Stinnes geherrscht hat, war es ihm unmöglich, uybeeinslußt und ruhig zu sagen, was er wußte, was er unter allen Umständen aufrechterhalten konnte, wofür er Unterlagen besaß. In welcher Atmosphäre hat Waldow seine Aussagen gemacht? Das ist von ihm selbst einmal in der Vor- Untersuchung zum Ausdruck gebracht worden. Sie haben, sagte er dem Untersuchungsrichter, Ihr Ziel erreicht. Ich bin zermürbt! Es kommt nicht darauf an, ob das, was mit Waldow geschehen ist, gut- gläubig oder nicht gutgläubig geschah. Der Ange» schuldigte gibt sich keine Rechenschaft über die Trag- weite seiner Bekundungen, er will seine Ruhe haben. Aus diesem und auch noch anderen Gründen wählt er n i ch t so sorgfältig, wie es vidlleicht erforderlich wäre, seine Worte, besonders, wenn er glaubt, daß ihm durch sein« Aussoge irgendwelche Vor- teile winken. Für Waldows Gernütscinstellung in der kritischen Zeit wurde der Artikel des„L 0 k a l- A n z e i g e r s", in dem Stinnes angeblich von ihm abrückte, von entscheidender Bedeutung. Kriminalkommissar Grassow hat aber diese Gemütsstiinmung in ihm ganz bewußt genährt. Sie wurde noch gesteigert als der von Stinnes zu ihm gesandte Verteidiger Dr. H o l k sich auf ein« rein formelle Aussprache beschränken mußte und der Untersuchungsrichter in ihm die Vorstellung weckte, Stinnes seien alle Mittel gut genug, selbst ein Giftmord, um ihn unschädlich zu machen. Der Refrain Sterlchl über das nürnberger S&undesfejt der JlrbeilerfporÜer flehe in der Sporibeilage. der Detektiv», die der Kriminalkommissar Grassow in ihn hinein- pflanzt«, lautete: Sagen Sie sür Stinnes aus, so schaden Sie sich, sagen Sie gegen Stinnes aus, so nützen Sie sich. Pflicht des Untersuchungsrichters wäre es gewesen, zu sagen: I» dieser Verfassung nehme ich von Ihnen keine Erklärungen entgegen. Daß seine Seelenver- fassung sich an der Grenze des Gesunden bewegt habe, ist von Dr. Leppmann bestätigt worden. In diese Zermürbungstaktik der Voruntersuchung paßt auch vor- züglich die Art hinein, in der die Vernehmungsprotokolle aufgenominen wurden— ein Hohn auf die Forderungen der Strafprozeßordnung. Man hat Waldow nie zur ruhigen Besinnung kommen lassen,' hat die Protokolle mit Stinnes herabsetzenden Be- merkungen gespickt, man hat nie und nirgends den Versuch gemacht, die Aeußerungcn, die zur Belastung Stinnes' dienen könnten, auf ihre tatsächliche Grundlage zu prüfen. In dem Be- streben, Belastung auf Belastung zu häusen, hat man dabei von Waldows Aeußerungen abgesehen, die erweislich unrichtig waren und für die es nur die eine Erklärung gab, daß Waldow eben ge- sehen habe, seine einzige Rettung sei, Ding« zu bekunden, die man von ihm hören wollte und die Stinnes belasteten. Schritt für Schritt hat man versucht, den Zcntpunkt, in dem Stinnes von dem betrügerischen Charakter des Geschäfts Kenntnis bekommen habe, vorzudatieren. Ter Verteidiger versucht dann, an Hand der angeb- lichen ursprünglichen unbeeinflußten Erklärungen Waldows, an Hand der Zeugenaussagen und der lior- respondenz den Nachweis zu führen, daß Stinnes von dem Betrug erst in einem Zeitpunkt Kenntnis er- halten hat. in dem bereits sämtliche Täuschungs- manöver durch die Ausländer verübt seien und daß durch nichts, was Stinnes nach dieser Kenntnis getan habe, der Betrug der Ausländer habe gefördert werden können. Run das angebliche eigene Geständnis des Slinnes! Trotz- dem, so sagt der Verteidiger, sich die Vernehmung, bei der Stinnes ein Geständnis abgelegt haben soll, unter Umständen abgespielt hat, dj« den Staatsanwalt gezwungen haben, in der Hauptverhandlung selbst von der Methode dieser Vernehmung abzurücken, ent- hielten die ErNörungen Stinnes' positiv nichts, was sich für seine Schuld verwerten ließe. In dem vom srühen Morgen bis zum Abend dauernden Geständnis, dem die Attacke Heinzmann vorangegangen ist, der Stinnes unter Drohungen bestürmte, seine Kenntnis für ein früheres Datum Wzugeben, hat Stinnes sich n i ch t zu dem bekannt, was man von ihm verlangte. Nur das eine„e s kann sein" hat er sich selbst an diesem Tag« abringen lassen, als Preis dafür, daß ihm Heinzmann die Verschonung mit der Unter- suchungshaft versprochen hatte, als Pms dafür, daß man in diesem Falle davon Abstand nehmen wollte, in der Firma das unterste zu oben zu kehren. Rechtsanwalt Dr. Alsberg bemüht sich. als Parallele für den Stinnes-Prozeß den Fall S a c c o-V a n z« t t i anzuführen, bei dem gleichfalls das„es kann sein" eine entscheidende Roll« gespielt Hab«. Das„es kann sein", das man schlichlich aus Stinnes mit allen Mitteln herausholte, so ruft der Verteidiger aus, ist für die Schuldfeststellung ein Nichts. Man sah sich der Tatsache gegenüber, daß Stinnes bestenfalls die Möglichkeit zugab, daß er schon im November 192k Kenntnis gehabt habe, und daß er diese Möglichkeit nur deshalb zugab, weil man ihn über die volle Trag- weit« dieses Zugeständnisses im Dunkeln lieh. Wenn es dem Untersuchungsrichter tatsächlich entgangen ist, daß Heinzmann Stinnes vor der Vernehmung aus dem Zimmer des Untersuchungsrichters herausgeholt hat, um ihn sturmreif zu machen, dann kann allerdings der Untersuchungsrichter Stinnes nicht verstanden haben, als dieser ihm zu erkennen gab, daß er um den Preis der Zusiche- rungen Heinzmanns, um das Schlimmst« von Familie und Firma abzuwenden,«in Datum als möglich zugeben wollte, für das er selbst in diesem Augenblick gar keine Unterlagen haben konnte. Aus Freude darüber, daß es mit Waldows Hilfe endlich geschafft war, entließ -man diesen sofort aus der Haft. Jedem Versuch einer weiteren Klärung des Sachverhalts ging man aus dem Wege. Man glaubte, ein Geständnis zu haben, was wollte man mehr? Stinnes hat aber diesen sogeannten Akt der Wahrheitsermittlung nur als eine Ueberlistung aufgefaßt; das hat er wenige Minuten später dem Rechtsanwalt gegenüber unzweideutig zum Ausdruck gebracht. Zum Schluß einige rechtlichen Ausführungen: Stinnes hat nie den zum Gesetz erforderten Vorsatz gehabt, an einem Betrüge teilzu- nehmen. Er hat nach der Entdeckung der Tat alles getan, was allein verständigerweis« von ihm hätte erwartet werden können. Mit nicht nur fadenscheinigen, sondern juristisch absolut falschen Gründen will man Stinnes daraus«inen strafrechtlichen Vorwurf machen, daß er sich, nachdem er die Kenntnis vom Charakter des Geschäftes erhalten habe, um dasselbe nicht weiter gekümmert habe. Fühlt der Herr Staatsanwalt selbst nicht, ruft der Verteidiger aus, wie er dies ganze Verfahren dadurch l ä ch e r l i ch macht, daß, nachdem all« Stricke gerissen sind, mit denen man Stinnes in den Betrug der Ausländer verknoten wollte, nunmehr der klägliche Versuch gemacht wird, ihn an dem» Nagel einer juristischen Kon- struktion aufzuhängen, die zu allem Ueberfluß välligunhaltbar ist? Aus dem Schmerz, schließt der Verteidiger, der die Verletzung der heiligen Schutzrechte des Angeklagten verursacht, löst sich eine Freud«, die glückhafte Erkenntnis, daß das Recht doch stärker ist als die Macht, daß dosUnrechtnieRechtwerden kann. Rechtsanwalt Dr. Alsberg hat gesprochen: am Montag werden ihm die andern Verteidiger sekundieren; die Staatsanwälte Stunn und Dr. Berliner werden zu antworten wissen. Rüstei zum 11. August! Groß-Werbetag für Quartiere. Seit einigen Tagen lenkt an allen Anschlagsäulen der Q u a r t i e r- a u fr u f des Ehrenausschusses des Reichsbanners zur Ler- sassungseier die Aufmerksamkeit oller auf sich. Am Sonntag werden die Mitglieder des Reichsbanners überall vorsprechen, um Quartiere für die zum 10. und 11. August aus dem Reich nach Berlin kommen- den Republikaner zu sammeln. Da das zu bearbeitende Ge- biet jedoch außerordentlich groß ist und daher vielleicht nicht all«, die gern Quartier geben möchten, erreicht werden, so bittet das Reichs- banner, aus den republikanischen Zeituirgen den fogenben Abschnitt auszuschneiden und an das Gaubureau des Reichsbanners Schwarz- Rot-Gold, Berlin S. 14, Sebaftianstrahe 37/38, einzusenden: Ich erkläre mich bereit,.... Reichsbannerang«- hörige für.... Nächte in Freiquartier aufzunehmen. Name:................ Adresse:................ Der Appell wird sicher lebhaften Widerhall finden. Oie Bauklempner streiten weiter. Verhandlungen vor dem Schlichter ergebnislos. Die gestrige» Verhandlungen vor dem Schlichter für Berlin- Brandenburg zur Beilegung des Streiks der Berliner Bauklemner haben zu keiner Verständigung geführt. Die Lohnkommission der Bauklempner erNärte von vornherein, daß sie keine ihrer Forde- rungen preisgebe. Die Unternehmer erklärten sich lediglich bereit, den Schiedsspruch nachträglich anzuerkennen, der ganz erhebliche Verschlechterungen des bisherigen Manteltarifes bringt und von de» Unternehmern abgelehnt worden war, weil ihnen die Verschlechterungen noch nicht weit genug gingen. Die Bauklempner hatten den Schiedsspruch abgelehnt und mit dem Streik beantwortet, weil seine Annahme praktisch für die meisten Bauklempner«in« Lohnkürzung um 7 Pf. die Stunde bedeutet hätte. Da die Bauklempner sich gegen die beabsichtigten Verschlechte- rungen ihrer Arbeitsbedingungen im Abwehrkampf befinden, mußte die Lohnkommission dos„Angebot" der Unternehmer vor dem Schlichter zurückweisen. Die Vertrauensleute, denen heute vormittag im Verbandshaus der Metallarbeiter über den Ausgang der Derhand- langen berichtet wurde, verzichteten darauf, über das Verhandlungs- ergebnis überhaupt zu diskutieren. Sie brachten einmütig zum Ausdruck, daß sie nach wie vor alle ihre Kräfte dafür einsetzen werden, um den Kampf, der ihnen von den Innung?- meistern aufgezwungen wurde, zu einem vollen Erfolg zu führen. Der Vertreter des Metallarbeiteroerbandes, Dietrich, wies darauf hin, daß die Streikleitung es ablehnen müsse, auch nur einem streikenden Bauklempner eine Arbeitsberechtigungskart« aus- zustellen. Den Streikenden selber wird über die Verhandlung und über die weitere Entwicklung der Dinge in einer Streik- Versammlung am Montag vormittag um 10f£ Uhr in den Andreasjälcn berichtet werden. Ein Schwerverbrecher verhastet. Man verdächtigt ihn mehrerer Morde. vor einiger Zeit wurde in der S a tz l e r st r a h e ein Verbrecher festgenommen, der eine ganze Reihe von falschen Namen führte. Zetzt ist es der Kriminalpolizei gelungen, den verhafteten als einen Zljährigen Rudolf weiß, der au» caulerwasser stammt, festzustellen. Sei etwa neun Monaten gingen aus verschiedenen Provinz- städten Meldungen ein, daß dort«in geheimnisvoller Motorradfahrer gesehen worden war, nach dessen Verschwin- den man stets einen Diebstahl oder Einbruch entdeckte. Man ver- mutete in ihm einen Berliner und benachrichtigte die Berliner Kriminalpolizei. An Hand der Beschreibung gelang es, dieseiz Motorradfahrer als einen gewissen„Marks" festzustellen und sein Quartier in der K a tz l e r st r a ß e zu ermitteln. Er war aber fast nie anzutreffen. Ohne eine geregelte Beschäftigung zu haben, ver- fügte er stets ül>er größere Summen, die ihm erlaubten, mit seiner Freundin die teuersten Lokole aufzusuchen. Nach seiner Festnahme wurde er Kriminalkommissar Dr. A n u s ch a t vorgeführt. Ein« ganze Reihe von Einbrüchen in der Provinz konnte �>m nachgewiesen werden. Weiter wurde festgestellt, daß er seine Mute nicht immer gleich nach Berlin brachte, sondern sie bei einer Familie in der Nähe von Angermünde unterstellte. Aehnliche Hehler- nester muß er noch in Städten der Priegnitz und in einer Stadt südlich Berlins gehabt haben. Unter dem Namen Pense war er in Stettin zu 4 Iahren Zuchthaus verurteilt worden. Er entwich aber aus Gollnow, nachdem er elwa zwei Jahre verbüßt hatte. Außer diesen Einbrüchen und Diebstählen, die er in der letzten Zeit oerübt«, kommen ober schwerere Straftaten aus früheren Jahren noch auf fein Konto. So wird er von Schlesien her gesucht wegen Mordes an dem Oberpfarrer Schöne aus vlodelsdorf im kreise Goldberg. Der Geistliche wurde ermordet und beraubt. Obwohl Weiß den Mord bestreitet, scheint er durch eine Karte, die er vorher an den Pfarrer schrieb, schwer belastet. Bon der Tschechoslowakei wird er wegen zwei anderer Ber- brechen gesucht. Ihm fällt ein schwerer R a u b ü b e r f a l l zur Last, der am 14. November 1922 in Hermannsfeifen ausgeführt wurde. Diesen Ueberfall gibt Weiß auch zu. Ein dreifacher Mord, der im Januar 1923 auf der Benischbaude verübt wurde, soll, wie er behauptet, von anderen begangen sein. Er leugnet also nicht, daß er Augenzeuge des Kapitalverbrechens gewesen war. Genaue Einzelheiten über diese Verbrechen sind hier noch nicht bekannt, da das Material aus der Tschechoslowakei noch nicht ein» gegangen ist. Weiß wurde heute dem Untersuchungsrichter vor- geführt Kommunistisch-Wilhelminisches. Die„Tioit Hahne" braucht keine Vermittlung! Durch das Vermittlungsangebot der Vereinigten Staaten ist die Kriegsgefahr im Fernen Osten zwar nicht beseitigt, aber doch etwas vermindert worden. Das paßt dem Organ zur Bertretung der sowjet- russischen Interessen in Deutschland, nämlich der„Roten Fahne", ab solut nicht in den Kram. Während selbst die oerdeckt-kommunistische Münzenberg-Presse die„große Bedeutung" des amerikanischen Schrittes anerkennt, erklärt die„Rote Fahne" kurz und schnoddrig: Die Sowjetregierung wird selbstverständlich alles tun, um den Ausbruch eines Krieges zu vermeiden. Sie besteht aber mit vollem Recht auf die Annahme ihrer überaus gemäßigten und berechtigten Forderungen durch die chinesische Regierung. Sie braucht daher die„Vermittlung" der Imperialisten nicht. „Wir brauchen keine Vermittlung", das war auch der Standpunkt des wilhelminischen Deutschlands ün Juli 1914, bis es dann zu spät war! Natürlich hat damals auch die wilhelminische Re- Abrechnung über laufende Xieferungen. An den Towaritsch K a s s i e r« r des„E k k i" in Moskau. Im Verlauf« unserer angenehmen Geschäftsoerbindung lieferten wir während der letzten Dekade in Unterstützung der dortigen Außen- Politik folgende wohlerwogenen Unflätigkeiten: 1. 19mol den Chefredakteur des„Vorwärts" ein „S t i n k t i e r ch e n" genannt, i 12 Rubel.... 120 Rubel 2. 4mal der Gesamtredaktion des„Borwärts" den „P e st h a u ch der SPD.-Kanaille" bescheinigt, ä 5 Rubel............... 20„ 3. 8mal den Vorsitzenden der Berliner SPD. einen „Schuf t" geheißen, a 11 Rubel....... 88 4. 7mal dito, doch statt„Schuft" gesagt„2 u m p"(mit Erfolg eines Schusses gegen die Wohnung), ä 9 Rubel............... 53„ 5. 2 Ste in e gegen das Chinesische Konsulat(versehent- lich ins„Aus" placiert), a 20 Rubel...... 40„ 6. Phantastische Ausschmückung des Vorgenannten als„Massendemonstration"......... 100„ 7. 231 gewöhnliche Lügen zur Entfesselung der Kriegs- psychofe, i 3 Rubel............ 693„ 8. 200 übliche Ausfälle gegen„Vorwärts", Gewerk- fchaften, SPD., i 3 Rubel.......... 600„ Summa: 1724 Rubel in Buchstaben: Eintaufendsiebenhundertvierundzwanzig Rubel, um deren baldgefällige Ueberfendung wir höflichst bitten. Bestand geprüft, durchgezählt, vollständig befunden. .Jonstlwn. Redaktion der„Roten Fahne". gierung beteuert, daß sie alles tun wolle, um den Frieden zu er- halten. Nur nachgeben wollte sie nicht, nur die glatte Anerkennung des österreichischen Ultimatums an Serbien wurde gefordert. So ist es auch jetzt: gerade das, worauf es ankommt, wird abgelehnt— unter Beteuerung der allgemeinen Friedfertigkeit. Das ist in Wahrheit das G e g e n t e i l von Friedfertigkeit! Wer Vermittlung ablehnt, trägt die volle Verantwortung für die Zuspitzung des Konflikts. Aber am End« sind die Moskauer Machthaber vernünftiger als ihr« Berliner Trabanten, deren einzige Sorge es ist, keinen Satz zu schreiben, der in Moskau Anstoß erregen könnte? Während die amerikanische Vermittlung schroff abgewiesen wird. ist die gcknze erst« Seite der„Roten Fahne" gefüllt mit Meldungen über„Aufstände, Streiks und Meuterei in China". Das Gewirr gänzlich unbestätigter Meldungen erinnert auch stark an August 1914, wo deutsche Blätter bald Meuterei der russischen Flotte, bald den Ausbruch der russischen Revolution, bald Riesenaufstände in Indien und Südafrika zu melden wußten. Die Methoden zur Er- zeugung der Kriegspsychose haben sich, wie man sieht, seitdem nicht oerändert! Kommunisten-Zwischensall in Hamburg Angriffe auf die Polizei. Hamburg. ZO. Juli. Angehörige der Kommunistischen Partei versuchten im Anschluß an eine Bersammlung gestern abend am Millerntor. am Holsten- platz und in der Altmannstraße in geschlossenen Zügen zu deino»- strieren. Die Polizei, die gegen die Zugblldung einschritt, stieß in einigen Fällen auf tätlichen Widerstand und mußte vom Gummiknüppel Gebrauch machen. In der Poolstraße, wo ein größerer Zug aufgelöst werden mußte, wurden die Polizeibeamten mit Latten angegriffen. Ein Beamter wurde durch Messer- st i ch e in die rechte Schulter und linke Hüfte verletzt. Der Täter, ein 21jähriger, wegen Diebstahls gesuchter Matrose, der, wie er angab, Mitglied der kommunistischen Vereinigung „Rote Marine" ist, wurde festgenommen, und hat die Tal eingeräumt. Man fand bei ihm ein Dolchmesser und«inen Schlag- ring. Im Laufe der Nacht wurden noch einige andere Deman- strationsteilnehmer, die gegen Beamte tätlich vorgegangen waren, ermittelt und festgenommen. Oie l�owdypartei. von kommunistischen RowSyS niedergeschlagen. Erst vor wenigen Tagen mußten wir von dem feigen Ueberfall kommunistischer Rowdy» aus Reichsbannerkame rade« berichten. Zn der vergangenen Rächt wurde abermal» ein Reichsbanner- mann in Moabit von Kommunisten nieder- geschlagen und schwer mißhandelt. Der 25jährige Reichsbannerkamerad Fritz L. ging gegen 4 Uhr früh durch die Havelberg er Straße. Plötzlich wurde der Ahnungslose von fünf Kommunisten ohne ersichtlichen Grund angerempelt. Wie auf ein Kommando fielen die Burschen dann über den Wehrlosen her und schlugen solange aus ihn«in, bis er zu Boden sank. Von Augenzeugen war das Ueberfallkommando herbei- gerufen worden, bei dessen Eintreffen die Täter flüchteten und cm- kamen. Einer der Rowdys ist bekannt, denn es ist der eigene Bruder des Ueberfallencn, Otto Lehmann, der der Kam- munistischcn Partei angehört! Soweit führt kommunistische Verhetzung, daß mau den eigenen Bruder wegen politischer Meinungsoerschiedenheilen überfällt. Urleil im Zigeunerprozeß. Schwere Zuchthausstrafen. k a s ch a u, 20. Juli. heute vormittag 11 Uhr wurde im kaschauer Zigeuner- Prozeß das Urteil verkündet. Die Angeklagten Alexander F i l k e und Paul R i b a r erhielten lebenslängliche» Zuchthaus, die Angeklagten Joses h u d a k 14 Iahte und Julius Ezfzar 12 Jahre Zuchthaus, von den übrigen Angeklagten wurde« sechs zu 8 Zähren, zwei zu 4 Jahren Zuchthaus verurteilt. Dle beiden weiblichen Angeklagten erhielten 2)4 bzw. 2 Jahre Gefängnis. Bei sämtlichen Angeklagten werden 2 Jahre 8 Monate Gefängnis als durch die Untersuchungshaft verbüßt angerechnet. D-Zug Verlin— Lnsterburg enigleist. personeirsind nicht verletzt. Königsberg. 20. Juli. Die Presseftelle der Reichsbahadlrektion teilt mit: vom D-Zug Berlin— Schueidemühl— Deutsch. Eylau— Jnsterburg. der fahrplanmäßig 9.04 Uhr von Berlin (Friedrichstraße) abfährt, entgleisten gestern nachmittag aus der polnischen Strecke Bromberg— Thorn zwischen Schirpitz und Thorn vier Personenwagen aus bisher nicht geklärter Ur- fache. Reisende wurden nach Angabe des polnische» Bahnhof». vorstände» in Schirpitz nicht verletzt. Einigung in der l�heinschiffahri. Duisburg. 20. Zuli. Am Freitag fanden unter dem Vorsitz de» Ministerialrats Dr. E l a s s e n vom Reichsarbeitsministerium Verhandlungen im Lohn- und Tarisstreit in der Rheinfchisfahrt statt. Die Unternehmer erklärten sich bereit, den Schiedsspruch über den Tarifvertrag ynzuerkeunen. An Stelle des eohuschiedsspruch» vom 4. Zu» bleibt die bisherige Gehalts- und Lohnregelung in Kraft, die mit vierwöchiger Kündigungsfrist erstmalig zum 31. März 1930 gekündigt werden kann. Deutsche Streikbrecher in Holland. Wie aus Amsterdam berichtet wird, sind 70 Landarbeiter aus Friesland m Ost-Groningen eingetroffen, um die Arbeit der streiken- den holländischen Landorbeiter zu verrichten. Di« Streikbrecher er» halten angeblich außer Kost und Quartier einen Tagelohn von etw« 10 Mark. Das wäre ein Judaslohn! Die holländischen Landarbeiter wür- den wohl nicht stroiken, wenn sie diesen Lohn bei freier Derpflegunz bekommen würden. Der feine Herr Regierungsra». Wie uns milacteiit wird gebort der R e g i e r u n g s ra t Barth, der in einem Gerichtsbericht den wir am Freitag veröffentlicht haben,«ine Rolle spielt, dem Reick». Patentamt an. � Arbeiterchore im Rundfunk. Bon Heinrich Maurer. Es wurde gerade in letzter Zeit(wengstens v o r der Berufung des neuen Intendanten) über die Leitung der Funkstunde in der Presse viel geklagt. Zum Teil mit Unrecht. Denn was da an Mängeln der Vortragssolge, der Auswohl der Künstler, des überall nur antupfenden Schlendrians ihr vorgeworfen wurde» kommt doch auch daher, daß der Rundfunk für olle da ist, also auch ein jeder einen Teil seiner Wünsche zugunsten eines andern opfern muß. Opfern ist aber nicht jedermanns Sache. Nehmen ist heute seliger als Geben. Was die Künstler anlangt, lo oerlangt eine ganze An- zahl ihrer Ersten aus streng künstlerischen Gründen gar nicht nach Mikrophon-Bestätigung. Denn dieses Zauberkästchen ist nicht selten eine merkwürdige Nivellierungskiste. Das gilt für Instrumentalisten und Sänger, für ernstes und lustiges Genre. Daß von den uninter- essontesten, ja langweiligsten Künstlern eine ganze Reihe schon Stammgast geworden ist, deutet allerdings nicht auf Ueberanstrengung der bisherigen Leitung. Auch ist es eigentlich selbstverständlich, daß Direktionsmitglieder, wenn sie nicht kritisch ganz unantastbar sind, nicht ungebührlich hervortreten dürfen, solange noch bessere Kollegen aus der Außenwelt zur Verfügung stehen. Der Schlendrian, der letzte Vorwurf, ist wieder zum Teil wenigstens aus dem Prinzip der Allenrechtmacherei zu erklären. Und da die„kompakte", von Ib s e n so gehaßte„Majorität", der das Geistige Hekuba ist, von der Leitung bisher wohl als die überlegene angesehen wurde, so war diese auch darin nicht ganz im Unrecht. Den chauptentschuldigungs- grund aber, den die Direktion hatte, durfte sie nicht einmal für sich in Anspruch nehmen. Denn da könnten viele Kartenhäuser zu- sammcnstürzen, die heute noch mühsam aufrecht stehen. Der chaupt« schuldige ist nämlich die heut« noch bestehende Unzu- länglichkeit dieses Weltwunders Radio. In der hohen Kunst, speziell der Musik, gibt es wenig, das in der Rund- sunksendung als vollkommen bezeichnet werden kann. Das Wert- vollste beim Sologesang, Klavier, Streicherkorps, Bläsern(außer Holzbläsern) und alle große Polyphonie in Chor, Sinfonie und Oper muß mit schmerzlichen Genießer-Abstrichen hingenommen werden. Darum ist die scharfe Auswahl in dem Gebotenem und den Darstellenden ganz ttoiinent wichtig. Neues, Reizvolles, Unbekanntes ist mit aller Macht heranzuziehen. Und da möchte ich heute der neuen Leitung der Funkstunde etwas ans Herz legen, das niemand vor den Kopf stoßen kann: Ich mein« die Arbeiterchöre mit ihrer speziellen Eigenlite- r o t u r. Der Rundsunkchor ist abgebaut. Niemand wird ihm viel Tränen nachweinen. Selb st unter all bekannten Diri- genten gab es bei ihm oft erstaunliche Minder« l e i stu n g e n, ganz erfreuliche nur sehr selten. Friede seiner Asche! Nun kommen die privaten Chöre wohl auch etwas zu ihrem Recht. Daß die Arbeiterchöre da durchaus nicht etwa mit einem kleinen Winkelchen sich zufrieden geben können, hat man osfenbar schon er- könnt. Denn auch wenn bürgerliche und ArbeUerchöre ungefähr die- selbe Vortragssolge zum Vorwurf hätten, also nur die Qualität der Wiedergabe dos Entscheidende bei der Berufung für die Funtstund« wäre, so mußten die Arbeiterchöre bei unserem heutigen Stande schon g u t abschneiden. Aber hier handelt es sich um weit Wichtigeres, Höheres, um kulturelles Neuland, das die bürgerlichen Konturrenten gar nicht auszuweisen haben. Ob das Neue, die sogenannte„Tendenz", allen liegt oder manchem in die Nase sticht, ist ganz gleichgültig. Kümmert sich heut« noch ein Theater- leiter darum, ob unser bestes Tendenzdrama, die„Weber", ollen wohlgefällig ist oder nicht? Daß die ganz ängstlichen Seelen beim Ertönen der Kampflieder der Arbeiterchör« immer noch ruhig schlafen können, dafür wird ja die zensurierend« Oberleitung der Funkstunde schon sorgen. Aber jeden Gebildeten, gleichviel welcher Richtung er angehört, muß es doch reizen, diese neue Volkskultur überhaupt kennenzulernen. Di« vielen atonalen Solisten-, Kammermusik-, Orchester- und Opernwerke waren jedenfalls weit qualvoller« Rätsel für die über- wiegende Mehrzahl der Laienhörer, und mußten von allen gelöst werden. Diese Kampflieder sind meist weit melodiöser, klangvoller und viel verständlicher als jene himmelstürmenden, anarchistischen Gebilde, die doch auch heute noch dem Durchschnittslaien ein Buch mit sieben Siegeln sind. Man darf ja schon deswegen auf weiter- gehend« Berücksichtigung der Arbeiierchöre rechnen, weil auch von den Hörern ein verhältnismäßig großer Prozentsatz den Arbeiter- kreisen angehört. Aber eins muß deutlich gesagt werden: Diese Be- rücksichtigung verlöre jeden Sinn, wenn die Arbeiterchöre in ihrer Vortragssolge auf dieselben Liedertaseleien fest- genagelt würden wie die bürgerlichen Vereine. Wenn sie nicht Ge- lcgenheit hätten, ihre Spezialität, die Kompflieder, vorzutragen. Das wäre eine Rückständigkeit, die wir der neuen Oberleitung nach ollem, was man von ihr kennt und gehört hat, nicht eben zutrauen möchten. Der Herr, der recht behielt. Bon Heinrich Glanse. Als der Zug sich in Bewegung setzte, also im letzten Augenblick. nahm er mir gegenüber Platz. Zunächst siel mir nichts an ihm auf, es sei denn seine Bulldoggenphysiognomie und ein gewisses Etwas in seinem Ausdruck, das auf ein seltenes Maß von Brutalität schließen ließ. Für einen ehemaligen Feldwebel hätte man ihn halten können, noch nicht einmal dafür, und so beschloß ich denn, ihn jenem Rowdietum«zuzuzählen, das so international ist wie seine innere und äußere Unbildung. Nein, von Geistigkcit war in diesem Antlitz nichts zu spüren. Der Zug hatte die Holle noch nicht verlasieii. da begann besagter Herr«ine emsige Tätigkeit z» entfalten. Er legt« die Aktenmappe geräuschvoll von der«inen auf die andere Seit«, räusperte sich mehrere Male, raschelte mit einer Zeitung riesigen Formats, breitet« sie möglichst weit auseinander, krabbelte»inen Rotstift her- vor und blickte siegesgewiß um sich. Im ersten Augenblick wußte ich nicht, was dieses Gehab« bedeuten solle. Bald wurde es offen- sichtlich. Die Zeitung war keineswegs dafür da, um gelesen zu werden. Wenigstens nicht von ihm. Nein, sie diente lediglich als Lockköder. Denn bald hatte jeder, der im Abteil saß, erkannt, daß es sich um ein ausländisches Blatt und zwar eins aus dem geseg- netcn Lande des Faschismus, handelte. DerftändNch, wenn neu- gierige Augen an den fremdländischen Typen haften blieben. Und damit war der Zweck erreicht.« „Ja. meine Herrschaften." begann der Herr plötzlich unauf- gefordert und wuchs um ein paar Zoll, als er die Augen der Neu- gierigen auf sich gerichtet sah,„so ist das nun. wenn man Korre- spondent einer großen italienischen Zeitung ist. Selbst am Sonntag hat man keine Ruhe. Achtstundentag!'Lächerlich, was die roten Brüder da fordern." Der Herr räuspert« sich umständlich und sah sich im Kreise um. Die bewundernden Blicke der anderen liquidierend, nahm er die Enden seines langen Schnurrbartes zwischen die Finger— Finger übrigens, von denen jeder einzelne einem Schupo als Gummiknüppel hätte dienen können—, schnob heftig durch die Nase, kramte eine Kognakslasch« aus der Aktenmappe und genehmigte sich einen Schluck. „Prima, prima, kann ich Ihnen sagen, in allen Ehren," blinzelte er mich an. Ich konnte nicht umhin zu lächeln. Der eifrige Herr rutschte mir mit einem Wupp entgegen, seine Finger nestelten an meinen Rockausschlägen, seine verfetteten Knie berührten die meinen. „In allen Ehren, Hab ich gesagt. Denn unsereins kann sich doch nicht mit jedermann, mit jederweib müßte man eigentlich sagen"— der Herr wieherte auf, wie ein Gaul, den die Sporen kitzeln—,„mit, mit... einlassen. Mein Fräulein Braut ist Klasse. Ehrenwort. Alter Adel, Witwe eines Generalstäblers. Bin übrigens selbst Offizier a. D. selbstredend, denn wer wird dieser Ichwarzrot- ich... eußlichen Republik sein« Dienste anbieten! Komm von der Marine, Kapitän!!" Der Herr mit der Bulldoggenphysiognomie machte«ine Verbeu- gung und berührte mit seiner Stirn, die wie«ine Speckschwarte glänzt«, fast meine Brust. „Der Herr sind doch auch Offizier gewesen'" schnuppert« die breite Bulldoggennas« leicht mißtrauisch. „Bedaure." Das Sitzfleisch meines Gegenübers geriet in rückläufige»ewe- gung. Die Gummiknüppelfinger zwirbelten erregt an den Bart- enden. .-Ja. sehen Sie." er wandte sich jetzt wieder an all«,„so als Marineofsizier kommt man überall herum. War in Ehina, in Süd- amerika, in Afrika, in Australien. Da lernt man den Umgang mit der großen West". Ei« verächtlicher Blick streifte mich. Der Herr nahm einen glucksenden Schluck aus der Flasche und badete im Sonnenschein der bewundernden Blicke. „Herr, Herr," wandte er sich plötzlich wieder an mich und begann erregt durch die Nase zu schnauben,„wollen Sie etwa leugnen, daß das mit dem neuen Staat«ine große Schweinerei ist? Bin nach streng nationalen Grundsätzen erzogen und in diesen Dingen verstehe ich keinen Spaß. War ich da neulich auf dem Finanzami und— was soll ich Ihnen sagen— ein« geschlagene Stunde hat mich die Bande warten lassen, während sie dasaß, Margarinestullen taute und dicke Zahlen malte. Sie da, sag ich zum nächsten, Ich bin Ver- tretcr der„Stampa". Mann, iag ich, ich bin Vertreter von g Welt- blättern!"„Und wenn Sie der Herr von Doorn wären, wär's ooch noch so, antwortet der Kerl."„Das ist Majestäisbeleidigung!" schrei ich ihn an.„Werde mich über Sie beim Direktor beschweren!"„Das tun Sie man!"—„malmt der Idiot mit dem vollen Mund und schiebt mir eine Adresse hin. Nu sagen Se selbst, aufhängen sollte man das Iudenpack mitsamt allen Ministern." Die Augen des Herrn wanderten drohend von einem zum an- dern. Beifallsgemurmel erhob sich. ,D>b Sie'? nun hören wollen oder nicht," ein wütender Blick spießte mich auf,— ,-da ist es doch bei Mussolmm andere!" Der Herr spuckte die Worte förmlich hervor und ein Rinnsal Speichel bahnt« sich friedlich den Weg über sein Kinn, ,zrnd ich kann Ihnen slüstert», nationaler Mann wie ich. ehemaliger Seeoffizier und Der- treter von zwölf Weltblättern wird sich doch nicht an die Karre fahren lassen Rö, Mann, das wäre gelachtl Einen Bericht Hab ich an meine italienische Zeitung ausgesetzt,«inen Bericht, wenn der nicht den Kredit dieser verdammten Iudenrepublik ganz einfach, ganz einfach.... wetten?! Ra, und was meine spanischen und aMeri- konischen Blätter airgeht, da Hab ich natürlich auch gründlich mies gemacht. Werd diesem neuen Deutschland den Laden schon gründ- lich versauen. Wozu spricht man denn englisch, spanisch und italie- nisch und hat sein« Beziehungen zur ausländischen Presse?" Ich flüsterte dem Herrn drei Worte italienisch zu. Sie eni- hielten die denkbar schwerste Beleidigung für einen Rationalen. War er Offzier, so mußte er mich sofort fordern. Der Herr sah mich mit offenem Mund« an und war sprachlos. Ich wiederholte tzi« Worte auf Spanisch. Der Herr lief blaurot an, sah sich hilflos um und schwieg. Ich sagte die Worte laut und deut- lich ans englisch.„Aus deutschem Boden." brüllte der Herr und schlug mit der Faust auf den Rahmen, daß das Fenster klirrte,„auf deutschem Baden red« ich nur deutsch, Sie verdammter Roter!" Der Beifall war auf seiner Seite und nicht«r war es, der auf der nächsten Station da, Abteil verließ und in Schillers„Jungfrau von Orleans" werden bedeutende Worte über die unausrottbare mensch- liche Dummheit gesprochen. und Alaska werden Ansichten gesammelt. Dann geht's um ganz Nord- und Südamerika herum, insbesondere in Südamerika welden viele Besuche abgestattet. Es ist also«in reichhaltiges Bilder» material, das für den Film zur Verfügung steht, und das meist« ist wohl, ein Teil sogar hervorragend, geraten. Besonders schön find die Bilder von den Gletschern des Feuerlandes. Abwechslung bringen die Bordoufnahmen: Ernst und Scherz(Aequatortaufe), Arbeit und Spiel wechseln. Hoffentlich hat das Ausland von unseren Blaujacken denEindruck bekommen, daß es ein neues, republikanisches Deutschland gibt, das nicht mit dem Säbel rasselt, sondern nur ein gleichberechtigtes Mitglied der Völkerfamilie sein will. Oer Theatergeschästsmann. Zum Tode Edmund Reinhardts. Edmund Reinhardt, der Bruder Max Reinhordts, ist plötzlich in Baden bei Wien gestorben. Er war noch ein rüstiger Mann und stand in den ersten Fünfzigern. Vor wenigen Wochen hat er in Berkin für seinen Bruder einen tüchtigen Kampf gegen die Steuerverwoltung ausgefochten. Den Reinhardt-Bühnen wurde zugebilligt, daß sie zur höheren Kultur gehörten, und darum er- hielten dies« Theater allerhand Erleichterungen im Verkehr mit dem strengen Fiskus. Jetzt, da Edmund Reinhardt unerwartet verschwindet, erinnert man sich an den außerordeiMich geschickten Mann, der durch Rechenkunst und gpoßes Finanztalent die Rcgiotolente seines großen Bruders ergänzte. Aus irgendeiner kaufmännischen Branche kam Edmund Reinhardt. Als fern Bruder Max in BeNkin begann, auf eigenes Risiko Theater zu spielen, verfügte er in seinem Bruder Edmund sofort über den tüchtig st en Geschäfts- führer/ Es waren noch kleine Verhältnisse, mit denen Max Rein- Hardt sich herumschlagen mußte, als er vor etwa 30 Iahren die ersten Serenissimusspiele aufs Programm setzte. Und als der ehr- geizige Mann zur großen Regiekunst weiterstrebte, hatte er nicht viel Geld in der Tasche. Es mußten vertrauensvolle Leute aus- findig gemacht werden, die dem vielveifprechenden, aber nur wenig bekannten Genie Max Reinhardt einen Kredit eröffneten. Der Vater des modernen Theaters am Beginn des neuen Jahrhundert», der klein«, solide Dr. Brahm, nahm für sein« Unternehmungen eigentlich all diese ökonomischen Konjunkturen in Anspruch, und es gelang diesem ebenso idealen wie realen Theotevdirektor, die für dieses Spekulationegebiet vorhandenen wirtschaftlichen Möglich- teit allein zu seinen Gunsten auszunutzen. Da trat Max Reinhardt als künstlerischer Konkurrent gegen Brahm auf den Schauplatz und Edmund Reinhardt als geschäftlicher Konkurrent. Edmund begründete das ökonomische Glück seines Bruders. Edmund mußte in manchen Iahren der Nachkriegszeit ein Defizit decken, das die Reinhardt-Bühnen beinahe zugrunde gerichtet hätte. Max Reinhardt war verschwenderisch in Plänen. Er baute sich neben dem Deutschen Theater und den Kammerspielen das Zirkustheater des Großen Schau- spielhaufes und dann wiederum die„K o m ö d i e". Das waren alles Riesenspekukotionen. die in die Zeiten böser wirtschaftlicher Krisen fielen. Es war sehr fraglich, ob die Reichshaupfftadt, die durch In- flatian und durch die ersten Stabilisierungsnöte die wirtschaftliche Opferkraft und Opferfähigkeit verloren hatte, fähig sein würde, all diesen kühnen Unternehmungen ausreichende Existenzmittel zuzu- führen. Für all dieses kaufmännische Werk setzte sich Edmund Reinhardt ein. Er war der achtsame Finonzminister ein«« Unter» nehmen?, dessen Kompliziertheit und Umfang nur wenig hinter der Mchtigkeit einer ganzen Stadt- oder Provinzialfinonzwirffchast zu- rückstanden. Dann mußte Edmund Reinhardt auch die Finanzen der Rem- Hardts che n Reiseuntcrnehmiungen organisieren. Bei den alljährlichen Salzburger Festspielen mochten die Hotels und Restaurant« stets bessere Geschäfte als der Theaterkassierer. Wieder waren die Be- Hörden zu interessieren, und Edmund Reinhardt quetschte auch aus den widerspenstigsten Stadträten und Bürgermefftern Subsidien heraus. Besonders schwierig war die Lag« in Wien, wo Max Reinhardt eine tote Stadt zu lebendigem Kunstbetriebe erwecken wollte. Hier in Oesterreich und hernach auch in den Bereinigten Staaten von Amerika entdeckt« Edmund Reinhardt immer wieder die millionengesegneten Mäzene, denen es nicht dar- auf ankam, von ihrer Gefchöstsbilanz einige hunderttausend Schil- ling- oder Dollarverluste abzuschreiben, die der prachtliebende Max Reinhardt für sein« Theatertunst verschluckt hatte. Edmund Reinhardt, Meister in all diesen Transak» tionen, ein hochbegabter Finonzdiplomat, verwendet« all sein« Talente nur, um dem großen Bruder zu nützen. Er war der glän- zendste Repräsentant jener Männer der kapitalistischen Theater- Wirtschaft, die bemüht sind, in die vollsten Aktienpakete hineinzu- greifen, damit ein verwöhntes Luxuspublikum ergötzt und amüsiert wird. Bon der sozialen Theaterkunst, die nachher auch die beschei- deneren Theatergeschäftsleute der Bolksbühnen hervorbrachte,»er- stand Edmund Reinhardt nichts. Cr wollte vor allem nichts davon verstehen. Und so gab er seinem Bruder Max auch bald den Rat. die Berliner Volksbühne künstlerisch und wirtschaftlich aufzugeben, die eine kurze Zeit lang zu dem Bundesstaat de« Deutschen Theaters und sern->r Zweiggeschäfte gehörte. Max Hochdorf. Die Welifahrt der„Emden". tlfa-pavillon. Der Kreuzer..Emden", der Enkel der„Emden", die zu Anfang des Weltkrieges durch ihre kühnen Fahrten und Abenteuer legendär wurde, hat eine Weltreise gemacht. Di« Beziehungen zum Ausland« sollten dadurch wieder verstärkt, den Auslandsdeutschen die Heimat wieder nahegebracht und der Gesichtskreis der Besatzung erweitert werden. Natürlich wurden, und zwar vom Ober» Maschinisten, fleißig Aufnahmen gemacht, und so wurde ein Film daraus, der uns bunte Bilder von der Weltreis« und vom Leben und Treiben an Bord vermittelt. Es sind freilich nur flüchtige und schnell vorüberhuschend« Eindrücke:, zwei Jahr« hat die Reis« ge» dauert, viele Länder sind besucht und viel« Häfen angelaufen worden. Man sieht Kamelritte auf den Konarischen Inseln, steigt in K a p pkst a d t mit ans Land, besucht die ehemals deutschen Kalo- i nien. Sumatra und Java geben ihre Reize her, in Japan! Ein geplanter Roman Hofmannsthals. Nach Mitteilungen, die Dr. Robert Freund im„Präger Tag- blatt" veröffentlicht, hat sich Hofmannsthal in seinen letzten Leben«- tagen mit den Vorstudien zu einem großen historischen Roman be- schäftigt. Er sollt« Philipp II. von Spanien und Don Juan d'Austrn behandeln. Der Vertrag über dos Werk war dem Verleger am 12. Juli zugegangen. Deutsche Filme ins amerikanische Museum. Dem Kunstmuseum an der Harvard» Universität ist eine Filmsammlung angegliedert worden. Die ersten Film«, welch« ausgewählt wurden, sind Produktionen des Jahres 1926, darunter von amerikanischen Filmen„Blutsbrüderschoft",„Moana von der Sichsee".„Whax Price Glory* und von ausländischen Filmen die beiden deutschen„Varieiö" und„Walzertraum". Das Berliner Institut für Krebsforschung am Luijenplotz. das mit dem Charitekrankenhaus in Verbindung steht, ist jetzt plan- mäßiges Unioersitätsinstitut geworden. Bei dieser Ge- legenheit sind, wie dl«„Deutsche Medizinisch« Wochenschrift" meldet. der Direktor. Geh Rat Profesior Dr. Ferdinand Blumenthal. und die Leiterin der Abteilung für experimentell« Zellforschung, Profesior Dr. Rhoda E r d m a n n, die bisher Heide nichtbeamtele außerordentliche Professoren waren, zu planmäßigen außerorden!» lichen Professoren ernannt worden. Erinnerungen an Hans Delbrück. Von Oiio Landsberg. Delbrück entstammte einer ungewöhnlich begabten Familie. Die Delbrücks, deren Name wohl, wenigstens nahm dies Hans Delbrück an, aus del Brügge(von Brügge) entstanden ist und daher eine Herkunftsbezeichnung wäre, haben bedeutende Staatsmänner, Kauf- leut« und Männer der Wissenschaft hervorgebracht. Die letzteren haben sich auf den verschiedensten Gebieten(Geschichte, Iuris- prudenz, Chemie, Archäologie) betätigt. Und was das Wertvollste ist: sie waren sämtlich Männer von ausgesprochenem Adel der Ge- sinnung. Hans Delbrück war in allem ein Sohn seines Geschlechtes und zum wissenschaftlichen Ruhm der Delbrücks hat er nicht wenig bei- getragen. Seit Jahrtausenden hatte man dem alten Herodot nach- erzählt, daß das Heer, mit dem der Perserkönig Terxes gegen Griechenland auszog, aus Millionen Kriegern bestanden habe, von denen jeder auch noch von einem Trotzknecht begleitet gewesen sei. Delbrück hatte aus alten Urkunden ersehen, wie die Legende die Zahl der Ritter Karls des Kühnen von Burgund oermehrt hatte. So entstanden bei ihm Zweifel an der Richtigkeit des Berichts Herodots. Und nun berechnet er, daß, wenn die Erzählung des griechischen Historikers richtig wäre, die Nachhut der persischen Armee noch in der Landeshauptstadt Susa gewesen wäre, während die Spitz« schon in den Permotylen gestanden hätte. Und er stellte sich weiter an der Hand eigener Kriegserfahrungen vor, wie schwer selbst im Zeitalter der Eisenbahnen die Verpflegung eines einzigen Armeekorps ist und zog daraus den Schluß, daß die Ber- proviantierung einer Millionen-Armee bei den primitiven Verkehrs- Mitteln des Altertums unmöglich gewesen wäre. Seine Gründe waren so überzeugend, daß jetzt kein ernsthafter Mensch mehr den Zahlen des alten Herodot Glauben schenkte. Genau so ist die lieber- lieferung von den Riesenheeren der Zymbern und Teutonen und der Gallier über den Haufen geworfen. Delbrück war viel zu einsichtig, als das er das geschichtliche Ge- schehen für ein Spiel des Zufalls hätte halten können. Nicht selten findet man in seinen Werken Spuren einer vollkommen materialistischen Betrachtungsweise. So wenn er in Band II Seite 82l> seiner Weltgeschichte den hundertjährigen Krieg zwischen England und Frankreich auf die Formel zurückführt: In diesem Kriege spielt auch schon das kommerzielle Interesse ein Roll«. Die flandrischen Städte kauften den Engländern, die selber noch wenig Fabriken hatten, die Wolle ab und die Insulaner wollten sich diesen Markt nicht schließen lassen. Wenn Delbrück gleichwohl des öfteren die materialistische Geschichtsauffassung entschieden abgelehnt hat, so lag das an einem Mißverständnis, dem er unterlegen war. Er glaubte, daß diese Geschichtsbetrachtung den Einfluß der Persönlich- keit überhaupt leugne, während sie in Wirklichkeit das menschliche Wirken im Rahmen der Erfordernisse der wirtschaftlichen Entwick- lung, allerdings nur innerhalb dieses Rahmens, sehr wohl als ge- schichtlicher Faktor gelten läßt. Und er legte sie andererseits in der Beziehung falsch aus, daß er ihr die Neigung unterstellte, auch die Bildung des Charakters des Einzelmenschen von wirtschaftlichen Borgängen abhängig zu machen. So äußerte er einmal zu mir im Priootgespräch:„Sehen Sie einmal, wie irrig Ihre materialistische Art ist, welthistorische Dinge zu sehen. Dietrich Schäfer(der bekannte alldeutsche Historiker der Berliner Universität) hat ungefähr die gleiche Entwicklung gehabt wie ich und wie verschieden sind wir beide Männer in unseren Anschauungen!" , Wie es Bücher gibt, die man liebt, obwohl jede ihrer Zeilen als unrichtig erwiesen ist, so gibt es auch Menschen, die man trotz schwerwiegender Irrtümer verehrt. Von dieser Art war Delbrück. Es ging von ihm einHauchvonReinheit aus, dem man nicht widerstehen konnte. Dieser Mann war die personifizierte Ehrlich- keit. Und noch eines zog unwiderstehlich zu ihm hin: bei aller seiner geistigen Bedeutung hatte er oft etwas rührend Kindliches an sich. So, als er einst in den neunziger Jahren schrieb(er hatte gerade, mit 50 Jahren, zu radeln begonnen), der englische Arbeiter sei so- zialistischcn Gedankengängen deshalb abhold, weil fein ganzes Sinnen von der Lieb« zum Sport beherrscht wäre, und noch mehr, wenn er im Anschluß an diese Betrachtung prophezeite, in dem Maß, in dem es gelingen werde, den deutschen Arbeiter für den Fahrradsport zu gewinnen, werde er sich von der Sozialdemokratie abwenden. Damals antwortete ihm der.Madderadatfch" in einem hübschen Gedicht, das mit den Worten schloß:„Rodeln ist ein fürtrefflicher Brauch, leider radeln die Sozi auch." Die Weissagung Delbrücks wird damals auf nicht viele Gläubige gestoßen sein, aber desto mehr Heiterkeit erregt haben. Was wollen aber diese und ähnliche Irrtümer besagen? Es steckt schon etwas Richtiges in den Worten Schopenhauers, daß die Naivität das untrüglichste Kennzeichen der Genialität ist. Delbrück war ein starker Unabhängigkeitsdramg eigen. Als Parlamentarier war er kein bequemes MitgHeö seiner Fraktion. Wiedeholt eilte er aus ihren Sitzungen in dos Hauptbureau des Reichstages, um in der Aufwallung des ersten Aergers über einen gegen feine Stimme zustandegekommenen Beschluß seinen Austritt aus der Fraktion zu erklären. Der Führer, der alte Herr von Kardorsf, hotte dann die größte Mühe, ihn zu beschwichtigen. Aber einen Heros gab es für Delbrück, vor dem er sich verneigte. Das war Bismarck. Ihm gegenüber oerschwand seine sonst un- begrenzt« Neigung zur Kritik. Einen Vortrag, den er Anfang der achtziger Jahre in Stralsund über die Handwerkerfrage hielt, be- gann«r mit den Worten, es sei schwer, zu diesem Problem Stellung zu nehmen, da der Herr Reichskanzler sich noch nicht dazu geäußert habe. Und als Mitte der achtziger Jahre der Bismorcksche Gedanke eines Branntweinmonopols an der Unpopulariiät des Entwurfs im Reichstags jämmerlich Schiffbruch erlitt, war unter den ganzen drei Stimmen, die für Ja abgegeben wurden, auch die von Hans Delbrück. Das Ausscheiden Bismarcks aus der politischen Arena machte Delbrück geistig völlig frei. Von nun an stellte er sich völlig aus sich sell'st. Es gab für ihn keine Gotter mehr. Dem wilhel- minischen Regime erwuchsen daraus keine Vorteile. Im Senat der Universität Berlin stimmte Delbrück gegen die Maßregelung von Leo Arons, dem der angeblich über den Parteien stehende Obrigkeitsstaat das Recht abgesprochen wissen wollte und auch hat absprechen lassen, über mathematische Physik zu lesen. In seinen. Preußischen Jahrbüchern bekämpfte Delbrück schonungslos die Politik der'Nadelstiche gegen die preußischen Staatsbürger polnischer und dänischer Nationalität. Seine kritischen Aeuße- rungen über die törichte Behandlung der Dänen verhalfen ihm sogar zu einem Disziplinarverfahren Zur tragischen Gestalt wurde Delbrück im Weltkriege. Ihm war ebenso wie uns Sozialdemokraten klar, daß dos vom Meer abgs- schnitten« Deutschland der ganzen Welt unterliegen mußte, wenn es seinen Staatsmännern nicht gelang, �inen Frieden der Verständi- gung herbeizuführen. Die, die es anging, waren angeblich zu schwach, um die von ihm wie von der Sozialdemokratie immer und immer wieder empfohlene Politik mit Nachdruck zu betreiben oder sie waren zu schwerhörig, um die Stimme der Weisheit zu verstehen. Wer weiß, ob damals Herr von Kessel nicht erwogen hat, die unbequeme Tätigkeit Delbrücks durch Anordnung der Schutzhast über ihn lahm- zulegen. Nun ist der Hand des tapferen Kämpfers das Schwert entfallen, das er so meisterlich zu schwingen verstand. Sein Andenken wird nie vergessen werden. Abgelehnter Gehalisschiedsspruch. Gleiwih, 20. Juli. Der Arbeitgebervevband der oberschlesischen Montanindustrie hat den am vergangenen Freitag gesällten Schiedsspruch, der eine Ge- holtserhöhung von oier Proz. für die Angestellten der obcrschle- sischen Montanindustrie mit Wirkung ab 1. Juni vorsah, a b- gelehnt. Die Erklärungsfrist läuft morgen ab. Von den Angestellten- organisationen haben bisher nur die freien A n g e st e l l t e n zu dem Schiedsspruch Stellung genommen. Sie haben unter Protest angenommen._ weiter für Berlin: Heiter und sehr«arm, etwa? Gewitter- neigung, meist schwache östliche und südöstliche Winde. Für Deutsch- land: Keine wesentliche Aenderung, aber im Westen strichweise Gewitter. Sonosdend, 20. JuIL Ber III. 16.00 Dr. Wölfl: Vom Stein der Weisen. 16.30 Rendsduu für Blumen- und Oartenfrennde. 17.00 Unterhalluntsmusik. Mitteilungen des Arbeitsamtes Berlfi-Mitte. � 19.00.Max Günther:..Tarifvertragliche oder individuelle Regeltins der Arbeits: bedingungen von Angestellten". 19-30 Prof. Dr. Wegener: Spanien als Reiseland. 20.15 Theater am Bülowplatz:„Berlin, wie es weiol und lacht". Nach den Abendmeldungen bis 0.30: Hotel Esplanade: TanzmnstV. Wihrend der Pause: Bildfunk. KSnigswisterhausea. 16.00 Min.-Rat Ottendorf: Richtlinien für den Turnunterricht an den prenBischea Volksschulen. 16.30 David Stetter; Dienstliche Gemeinschaft der Personale in den öffentlichen Betrieben und Verwaltungen. 17.00 Nachmittagskonzert von Hamburg. 18.00 Dr. B. Broecker: Das Schlichtungswesen. 18.30 Dr. Funke; Sommerreise durch Norwegen. 18.55 Richard Stahl: Deutsche Meister der Karikatur. 19.20 Dr. L. Herz: Theatererinnerungen eines alten Mannes. 20.00 Anekdoten. Soootas, 21. JuIL B er 1 1 b. 6.00 rTHik-Oymnastlk. 6.30 Frühkonzert. 8.55 Stnndcnglockcnspicl der Potsd. OanrisotiWrclie. Morfeafe!«. Otockea- geläut des Berl. Doms, 10.00 Wettervorhersage. 11.00 Für den Landwirt. 12.00 Mandolinenorchester-KonzerL 13.00 Unterhaltungsmusik. 14.20 Von München: Uebertragung aus dem Nürnberger Stadion. 15.30 Märchen(erzählt von Tony Tetzlalf). 16.00 Mozart: Sonate E-Moll(K-V. 304).— Beelhoven: Sonate G-Dur, op. 96(Georg Beerwald, Violine und Prof. Walter Rehberg. Flügel). 16.40 Rennbahn Berlin-Qtunewald: Die Hauptprüfnng der Internationalen Renn: woche.(Am Mikrophon: Chefredakteur Georg Lfldecke.) Anschließend: Konzert aus dem Lunapark. 19.00 Ouvertüren und Lieder(Schallplattenkonzert). 20.00 Gottfried Keller(zum HO. Geburtstag am 19. lull). Rezitationen: Leo Reuß. 20.30 Bunter Abend. Anschließend: Zeit, Wetter, Tagesnachrichten. 9por� Anschließend bis 0.30 Tanzmusik. Während der Pahsc: Bildfunk. KOnigsvusterhaisei. 18.30 Dr. P. Graßmann: Wisby einst und jetzt. 19.00 Gedenkstunde für Detlev von Liliencron. Theater der Woche. Vom 21. Zu« bis 29. Zu« Volksbühne. Theater am Bülowpfatz: Berlin, wie e» meint und lacht Theater mit festem Spielplan: Theater am Schiffbau erbe mm,«Reoolte im Craiebunnshau«.— Deutfche» Theater: Dir gledermaus.- Die itamibir: Reporter.— Ksmib:enhau<: SodHcitsrcife.— Theater de, Westen«: griederife.— Luftfpieihau». Du wirst mich heiraten.— Retrapal-Theater: Bioudort.— Rase. Theater: Olaf. Korten» bühite: Kriifin Marino.- Plaza,«inteenarten. Seala: Jrtterirattonafes Variete.—»eich.haßen.Zheater: ffioftfpicl Dresdner SiltorioOöonoet.— Theater am Sottbnffer Tor: Dostspiel der Leipstaer STttt|.ffiehct.Sänflct."> Theater mit wechselndem Spielplan. Tchlohpark-Theater Steßlil,: Bis 22. Dos©lüdsirf bei.«b 23. ginhen Sic, dost Conftonac fich richtig oerhält. Nachmittagsvorstellungen. Theater de, Westen«: 21.. 28. Friederike.—»etrapof-Theater- 21., 28. Sloubort.— Sole. Theater: Dortenbiihne; 21., 28. Sonaert u. bunt. Teil.— Plaza, Wintergarten, Seala: gnternotionaies Beriete 21., 27., 28. gntcrnotl. Variete.____ ..Volk und Zeil", unsere illustrierte Wochenschrift, und ..Der kinderfreund" liegen der heutigen Postauflage bei. Verontmortl. für die Redaktion: Wallgang Schrnar,, Berlin: anzeigen: Th. Stade, Berlin. Berlag: Vorwärts Verlag®. m. b. H., Berlin. Druck: Borworts Buch» druckerei und Beriogsanstait Paul Singer 5c Co.. Berlin SW i8. Lindenstrage Z. Kierzn 1 Beilage. 'V**'" [ Xlteoler, L\ *-Wi.._______ � TUea.let, Lidtlspiele usw. Rose- Thealer, Grohc Frankfurter Ztr. 132. Auf der Gartenbühne Täglich 5.30 Uhr• 9gro6eVariet6DDfflmeni und Gräfin Mariza. Im inoenilieater; rsglidi 8.15 Uhr; „OEAF" _ Tragödie eine« Sportlers 8 Uhr Garb. 9256 Borrah Minevitsch's Elf amerikanische Vagabunden usw. Sonnabend u. Sonntag je 2 Vorstellungen 3« u. 8 Uhr. 3« ermäßigte Preise Tägl. S Ii.«15 SnnnLZ.Sa 8" Alex, 8066 j INTERNAT. VARIETE ■ VoUUbltline nieiteranBüloiplati SV. Uhr Benin, wie es wein! ii. lacht DeDttdies IHM D.I. Norden 12310 3US Ende gegen 11 Die Fledermaos Musik v.loh. Strauß. Regie: Max Reinhardt. Musik. Einrichtung E. W. Korngold. Ausstattg. UKalner Die KomSdie j I Bismck. 241477516 8Vi, Ende geg. IOVjU. Reporter 3 Akte v. Ben Hecht und Mac Arthur Regie: Belm BUperL Theat d. Westens Täglich SV« Uhr Sonntag. 3V2 u. SV* Franz Lehars Welter folg! Friederihe I.otte Carola, Willy Thunis, Telephon Steinplatz 0931 u. 5121 Theater am Sdiiffbauerdamm Norden 1141 u. 281 8'/. Uhr Gmppe langer Sdianspleler Revolle im Erztehnnoshaus (Uraonatininos- beteUang) Partei-undQewerk- schaftsmitgl. gegen Vorzeigung des Mit- fliedsbuches statt und 4 Mark nur 1 Mark Netropol-Th. Tägl. 8V. Uhr Sonntags u. S'/i Blanbarl Operette von Offenbach Kammersänger Viller lirehhofl Samowskj- Bahnen Komödienhaus Norden 6304 Täglich 8V» Uhr Hodizeitsreise Sommerpreisel tt Utu• zentr. 2819• 9 im wen erlaudt Kampf: Schmellng.PaoIlno Wunderknabe Conche und weitere Variete- Neuheiten Sennabend und Senntag In 2 Verstellungen 3» und* Uhr. 3»° kleine Preise. Sommer-Garten-Theater Berliner Prater N 58, Kast-Allee 7-9. Tel. Hb. 2246 Gasiinlal Cnslel Beer. Gictel Lilien ZarewMuln Operette von Franz Lehär Dazu der grohe Variclete'�. Anfang Konzert 4.30. Burleske u Variete 6 Ubi. Operette 8.30. !eden Donnerstag großer Volks lag. jed. Mittw. Hindertest n. Vertosong e— eeeeeeeieeeeeeeeee Lustspielhaos Täglich 8Vi Uhr Du wirst mich heiraten I Rundfunkhörer halbe Preise. Tleai.aieliatui.Tor Kottb. Str. 6 Bis 31. Juli Tägl. S Uhr Gastspiel dar 9 Original Laipzlgar Fritz- Wabar- Stingar mit ilrm llr lall» rflllin neuen Programm Planetarlam — am Zoo ftrlliq. Jadiimtlitlv Slralt B.S Barbarossa 5578. löV« Uhr atarnbildar das Sanimer, IS«/, uhr Dar ahrtfcall dar Sonna 20V, U. Van Pal zu Pol am Steramhiniaal Tägl. außer Montags u. Mittw. Erwachs. 1 Mk, Kinder 50 Pf. Mittw.; Erwachsene 50 Pf., Kinder 25 Pf fnferole im Vorwärts sichern Erfolg! Reichshallen-Theater [a"| uhr. Gastspiel der beliebten DresflnerVIMoria-sanner Neues glänzendes Programm! 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Juli 1929 torAMift ShnJnttifn&i �bh&nHk Die Eiefantenpatrouille Abenteuer aus Ostafrika von Rudolf de Haas T. Am Rande des Urwaldes, der den Schneethron des Ks l i m a n- d s ch a r o umsäumt, wende ich mich noch einmal um. Die Sonne ist eben untergegangen. Bon unserem deutschen Reiterlager auf dem Doppelberge unten am Hang dringt ein arabisches Hornsignal her- über. Die ungeheure Pyramide des M e r u, der in Montblanchöhc den Horizont abschneidet, versinkt in Flammen; fern im Westen heben sich scharf umrissen die Berge des großen asritanischen Grabens vom Abendhimmel ab. Rechts von mir äst friedlich ein Rudel Kuh- antilopen in Gesellschaft von Grantgazellen. Es dauert eine Weile, bis ich mich von dem Panorama der über- wältigend großzügig hingeworsenen Landschaft losreißen kann. Ein dreistündiger Ritt durch den nächtlichen Urwald steht mir bevor. Ich muß noch heute die am Nordrand des Schneeriesen gelegen« einsame B i e h f a r m erreichen. Von dort aus soll die bereits am Morgen abmarschiert« Patrouille, der ich zugeteilt bin,«inen Vorstoß in das britische Gebiet unternef>men. Der kürzest« Weg zu meinen Kameroden führt die Telegraphenlinie entlang, die wir quer durch den Kilimandscharourwald gelegt haben. *** „(Ein Gewitter zieht heraus!" meint der Schwarze, der neben meinem Maultier herschreitet. Es ist Abdallah, einer meiner Diener, der mich bis zur Biehform begleiten soll. Eben sind wir in den Gürtel mannshoher Stauden«ingebogen, der den eigent» lichen Waldrand vom Steppengebiet trennt. Ich bin noch zu sehr mit dem Bild« beschästigt, das ich gerade geschaut habe, und achte auf den Ausruf nicht weiter; aufgefallen ist mir nichts. „Es ist kein Donner!" höre Ich Abdallah nach einer Weile sagen.„Dilleicht sind Wildherden in der Nähe." Diesmal glaube ich auch etwas vernommen zu haben. Möglicher- weise brach ein Buschbock durch das Unterholz. Ohne mir sonderliche Gedanken darüber zu machen, verfalle ich wieder in meine Träumerei. Mittlerweile haben wir den Punkt erreicht, an dem der eigent. liche Hochwald beginnt und die Stauden sich nur noch zur Linken in einer Mulde zusammendrängen, um sich hier zu verabschieden. Rechts wuchert Unterholz, aus dessen Dickicht sich Ricsenstämine erheben. Es schlägt über Roß und Reiler zusammen. Mit einen» Mal zerreißt mir ein satanischer Schrei das Trommel- fell. Die Büsche zu meiner Rechten rauschen, Aeste knacken und brechen. Eine graue Riesenschlange fährt aus dem Laubwerk heraus und schnellt durch die Lüste aus mich zu. Es ist die toddrohende, mir nur zu wohl bekannte Waffe des Herrschers dieser Wälder, den ich so manches Mal in den geheimnisvollsten Gründen seines Reiches überrascht habe. Nun ist die Reihe an mir. Im selben Augenblick gellen kreischende Trompetenstöße durch die Lust, der Boden erdröhnt unter dem Gestampf einer ungeheuren Herde, Stämme und Unterholz splittern, als seien alle Mächte der Hölle entfesselt; der ganze Urwald um mich herum ist lebendig geworden. In meinem Kopf« wirbeln mir die Gedanken in wildem Chaos durcheinander, das Blut ist mir zu Eis gefroren. Mit aus ihren Höhlungen quellenden Augen seh« ich nur noch mechanisch, wie Abdallah, der Mohr, einem Pfeil gleich von hinten an mir vor- überschießt und den Telegraphenpfad entlang nach vorn in die Büsch« schnellt.„Ihm nach!" kommt es über mich,.�heraus aus dem Sattel!" Der Rüssel des Elefanten ist in meinem Nacken, reißt mich in der nächsten Sekunde vom Tiere und zerschmettert mich am ersten Baumstamm... All das sehe ich in otembeklemmender Klarheit vor mir; wenn überhaupt ein Entrinnen noch möglich ist, dann nur zu Fuß! Allen Erwägungen, wie ich aus dem Sattel in die Mulde zur Linken springen soll, entzieht mich das Maultier. In wahn- sinnigem Schreck fliegt es den Piad entlang, auf dem Abdallah ver- schwunden ist. An Abspringen ist nicht mehr zu denken. Wie eine Puppe klebe ich im Sattel, keines Gedankens mehr mächtig. Ich fühle nur nach, wie dos recht« Kme und der Schenkel auf wind» schneller Flucht am Telegraphenstrang gescheuert werden, wie sich das am folgenden Pfosten wiederholt, wie der schmale Pfad ein Marterpfod wird, den ich nur mit äußerstxr Anspannung aller Willensstärke ertrag«. Immer noch dröhnt das satanisch« Gekreisch« hinter mir, ein Laut im höchsten Diskant der Wut; daß es aus diesem riesigen Tierkörper dringt, ist das unfaßlichst« von allem, das grauen- Haft Unheimliche. Mit einem Male reißt die Richtung ab, der Weg biegt fast im rechten Winkel zur Seite. Weller jagt das rasende Maultier wie von Furien gepeitscht durch den Wald. Ich hör« die Stimm« des 'Verfolgers auch jetzt noch, aber sie' klingt aus weiterer Entfernung herüber; kein Zweifel, der vornehmlich aus die Witterung angewiesene Dickhäuter hat die Richtung verloren. Vor uns her rast Abdallah, den das wie der Sturmwind dahin- brausende Maultier nicht einzuholen vermag... II. Fünf Tage später wankt ein Häuflein todmüder Reiter zu Fuß durch die Steppe, halb verhungert und halb verdurstet. Unbarm- herzig sendet die Sonne ihre glühenden Pfeil«; sie zerschneiden den Sehnerv, sie fahren in das Rückgrat, sie lähmen die Lebenskraft. Es ist unsere Patrouille. Wir sind mit unserem Dutzend Weißer und nicht viel mehr Schwarzer auf ein« Doppelkampagni« feipdlicher Schützen gestoßen. Perde und Proviant gingen verloren. Wir können froh sein, daß wir mit dem Leben davongekommen sind, daß wir die goldene Freibeit noch genießen. Der Feind ist uns auf den Fersen. Wir sehen seine Schwadronen durch die Büsche schwärmen, um uns den Heimweg abzuschneiden; an allen Furten legen sie sich vor, ihre Bluthunde, die M a s s a i, schnüffeln umher; von den hohen Warten der Berge lugen sie nach uns aus. alle Fußspuren der Wildnis suchen sie ab. Seltsam, so weit das Auge schweift, ist die Steppe wie aus- gestorben Wo sind die Gazellen und An-ilopen, die hier zu Taufen- den sonst äsen? Nicht ein Schwanz ist zu sehen. Die Hoffnung aus einen saftigen Braten trügt, der Teufel hat sein« Hand im Spiele. Marschieren, nur marschieren! lost Kilometer Lustlinie ohne Weg und Steg, über Berge und Schluchten hinweg, durch Felsgeröll und Dornen ohne andere Hoffnung als die, ein in Klüften verstecktes Wasserloch, einen noch nicht ganz ausgetrockneten Sumpf zu finden. Ein Kral der Nomaden rettet uns das Leben; wir sollen wie ein Heuschreckenschwarm in die Hürden. Milch, dicke Milch in weitbäuchigen oder langgestreckten Kallebassen ist eine Wonne, wie wir sie bisher im Leben nie gekannt hoben. Weiter! Dort drüben reiten die Briten bereits die Höhen herauf, wir dürfen nicht säumen. *** Tags darauf geht das Elend wieder los. Wir wanken wie trunken durch die Schluchten, völlig entkräftet. Warum haben wir uns gestern nicht die Zeit genommen, am Kral der Nomaden eine Ziege oder ein Schaf zu schlachten, allen Feinden zum Trotz? So kommen wir nicht weiter. Mir geht es nicht besser als den Kameraden. Ich taumele durch die Bodenrisse und falle in die Dornen, stolpere über Blöcke und stürze in die stachligen Schwertogaoen. „Ein Elefant,«in Elefant!"— Wer gab den Alarm? Es ist der Jüngste von uns. Einen Stecknadelknopf weist er am Horizont, den außer ihm nur die schärfsten Augen wahrnehmen. Alles schüttelt den Kopf, schwarz und weiß, niemand glaubt ihm. „Ihr werdet's ja sehen!" lacht er und ist von seiner Ansicht nicht abzubringen. Der Stecknadelknopf ist in unserer Marschrichtung. „Weiter," drängt der Führer.„Wir werden dahinter kommen." Einen schwarzen Punkt in der Steppe nehmen bald alle wahr. Deutlich hebt er sich von dem gelben Grasmeer ab. Er wird größer und größer. Kein Zweifel, ein Tierkörper bewegt sich dort über die Ebene. Ein großer, das erkennt man jetzt,«in riesengroßer. Wahr» haftig, ein Elefant! Auf das Akazienwäldchen zur Rechten schreitet er zu. Langsam, ganz langsam, ohne die Gefahr zu wittern. Wie ein« Horde entfesselter Geister der Unterwelt stürzen alle nach vorn. Eine ungeheuze Welle der Vernichtung brandet auf den ahnungslosen König der Wälder zu... Es ist keine Jagd mehr, es ist ein Morden. Wir haben nichts weiter als unsere Karabiner, nur die fünf Geschosse, mit denen wir dem Riesen zu Leibe gehen. Nicht viel anders ist es, als wenn Zwerge aus Liliput mit Nadelgeschossen dem Menschen an das Leben wollen. Unter einem Hagel von Projektilen steht der Elefant noch auf- recht wie ein grauer, verwitterter Turm der Vorzeit. Mit einem Male läuft ein Zittern durch die ungeheuren Glieder. Plötzsich bricht er zusammen. Wie lüsterne Kannibalen stürzen die verhungernden Menschen über ihn her. Die einen reißen ihm die kostbaren Haare aus dem Wedel, die anderen sägen ihm die Stoßzähne vom Kopf herunter, die Dritten schneiden den Rüssel in Scheiben und braten ihn am schnell entfachten Feuer in der Asche. Jede Erfahrung in der Zubereitung des Elephanten fehlt uns. So jedenfalls, wie wir es versucht haben, schmeckt der Braten nicht. Wir beißen uns die Zähne an den Rüsselscheiben aus. Noch ahnt keiner, wie vorzüglich das Herz ist, das lernt man erst später. In Eile geht alles vor sich; wer weiß, wie bald die Geschosi« der Engländer um unsere Bratspieße knallen. Das Signal des Führers ertönt. Bom Rücken des Elefanten. unter seinen Stumpsüberresten von Stoßzähnen hervor, aus dem Schatten seines Bauches heraus fahren verschlafene Gestalten hoch. Wir machen uns zum Aufbruch fertig. Ein Schrei der Ueberraschung erklingt aus der Kehle eine» der unfern. Er deutet auf die Wildnis hin, die uns umgibt. Wir trauen unseren Augen nicht. In weitem Umkreis um uns herum äst friedlich eine Elefantenherde; andere Dickhäuter stehen im Schatten der Schirmakazien und holten ihren Mittagsschlummer. Woher sie kamen, ist uns ein Rätsel. Genug, sie sind da... Keiner von ihnen hat irgendeine Witterung der furchtbaren Gefahr... *** Wir marschieren, bis die Nacht hereinbricht und sinken todmüde an einer Suhle nieder. Die meisten nehmen sich nicht einmal die Mühe, das Schlammwasier zu kosten; völlig erschöpft fallen sie in traumlosen Schlummer. Trompetengekreisch schmettert durch die Finsternis. „Die Elefanten haben ihren toten Gefährten gefunden!" sagt jemand und schläft sofort wieder ein. Das Gekreisch kommt näher. Wie Nebelhörner zur See heulen die Trompetentön« durch den Wald. Immer schriller, immer drohen- der. Zweifellos, die Dickhäuter sind im Anzug«. „Sie kommen, ihren Gefährten zu rächen!" orakelt einer. „Auf all« Fälle suchen sie diese Suhle auf; es ist besser, wir verdrücken uns," meint« der Führer. Müde stolpern wir weiter, dem Wahrzeichen dbr Heimat zu, dem großen Schneeberg. Die Nacht will kein Ende nehmen.., Klaas Neukran tz: Das gestorbene Lazarett Drohende Kriegsgesahr zwischen Sowjelruhland und £hina! wieder einmal lauert das Kriegsgespenst auf seine Opfer. Mag man Sowjetrußland zu Europa rechnen oder zu Asien, wie es Wissenschaftler neuerdings tun, kein Friedens- freund, kein Mensch von veranlwortungsbewußlsein wird gleichgültig bleiben können bei dem Gedanken, daß zehn Zahre nach Abschluß des Wellkrieges ein neuer Brand entfacht wird. dessen Herd man zwar sieh», dessen Umfang und Ende ober ungewiß bleiben muß. Zur rechten Zeit kündet der Znkernakionale Ar- bellerverlag- Berlin einen Sammelband„Der Krieg" an. der, soweit man aus den Mitteilungen des Verlages er- sehen kann, als ein flammendes Manifest gegen Krieg, Kriegs- ftisler und Kriegsgreucl gedacht ist. Der Internationale Ar- beileroerlag verfolgl kommunistische Tendenzen, wir hoffen, daß das„Volksbuch", wie er den im August erscheinen- den Sammelbond nennt, zunächst einmal in Sowjelruhland verbreitet wird. Der uns zur Verfügung gestellte Abschnitt ..Da» gestorbene Lazarett" könnte ebensogut auf dem sowjetrussisch-chinesischen Kriegsschauplatz wirklichkell werden. Es war an einem der letzten lzeißen Tage des Sommers 1918. Ich ging durch die Straßen und Wohnung�, von St. Quentin. Hoch über uns sangen ein paar englische Flugzeugmotore. Ich ging direkt an-den Häusern entlang. Kleine, abgelegene Nebenstraßen, die ich nie vorher betreten hatte. Plötzlich traf mich ein penetranter Geruch Eine schwere süßliche Fäule, die mich sofort an die Leichenfelder vor der Lorettohöhe erinnerte. Ich wollte im ersten Moment umkehren. Weg von diesem schrecklichen Geruch! Ich fühlt« genau, daß sich hier irgendwo, wenn ich weiterging, ein entsetzliches Grauen enthüllen würde. Dann ging ich weiter dem Geruch nach. In einem kleinen stillen Garten, abseits von der Straße stand eine Kapelle. Ueber den sonnendurchglühten sandigen Dorplatz ging ich zum Eingang, desien große Türen weit osfenstanden. Neben dem Tor hing ein kleines Schild:„Feldlazarett Nr. VII". Der wahnsinnige Geruch, der mir in der Tür entgegenschlug, machte mich schwindlig. Ich kehrte um»nd zündete mir«ine Ziga- rette an. Hinter der Tür, auf den Fliesen, nur mit einem grauen Soldatcnhemd bekelidet, log ein Mensch. Das Gesicht aus dem Baden. Der Körper in einer schwarzen, fostgetrockneten Blutlach?, in der Myriaden von Schwcihfliegen herumkrochen. Um den Leib hingen die durchgebluteten Fetzen eines Verbrnibes. Es schien, als hätte der Soldat versucht, herauszukriechen. Ick? zog tief den Zigarettenrauch in die Lungen und stieß die Tür zu dem Kirchcnschisf mit dem Fuß zurück. Eine Wolke von Fliegen erhob sich. Der faule Geruch schlug wie«ine Faust in mein Gesicht. Und dann sah ich auf einmal alles... Da einer und da einer... auf Feldbetten... Strohsäcken... auf den Fliesen. Einer hatte die schwarzen Lippen in dem hohlen Wachsgesicht wie zum Pfiff hochgeschoben. Di« Augen waren offen und starrten ohne Pupillen an die Deck«. Das Gesicht seine» Nach. barn war mit Papierzeltstoff zugedeckt. Eine gelb« dünne Hand mit langen, gebogenen Fingernägeln hing auf dem Boden... Von Bett zu Bett... olle tot. Vor dem Altar log einer ohne Beine auf dem weißen Blechtisch, An dem verkrusteten Schnitt klebte ein glänzender schwarzer Klumpen von Fliegen. Der Kopf hing mit aufgerissenem Munde über die Kant« des Tisches nach hinten. Als ob ein Mensch mitten im wohnsinnigen Schmerz, mitten in cinein furchtbaren letzten Schrei, gestorben war. Ueber einem zerfetzten schwarzen Leib lag quer«ine deutsch« Zeitung mit fettigen Flecken.„Fahnen heraus"— stand mit großen Buchstaben darauf. Auf dem gelben verzerrte» Gesicht eines Jungen lag ein Zettel mit einigen Bleistiftkritzeln. Hans Jürgen, Inf.-Reg. 41 gest. 6. 8. 18. „Gestorben" war abgekürzt. Ich schob den Zettel in die Tasche. Einer hing halb aus dem Bett, den umwickelten Kopf in einer schwarzen«» trockenen Blutlache. So war er gestorben... Aus einem Eimer, den eine Wolke von Fliegen fast verdeckt«� ragte ein amputierter Arm. Sind es alle Gastote.... in deren Eingeweide sich das weiße, füßriechende Phosgen gefressen hatte...? Auf einem Stuhl neben einem Toten lag ein Blatt Papier: „19. 11. 1918. Kamerad, um Christ« willen, ob du Deutscher oder Franzose bist, wer diesen Zettel findet, schreib« an meine Fryu, Anna B...., Dortmund,...... straße 7. Schicke ihr die Uhr, in dem Brustbeutel ist noch etwas Geld. Schreibe nicht von unserem Ende hier. Wir krepieren alle. Die Aerzte und die Sanitäter sind schon seit gestern fort. Sie sagten, es kömmt Ablösung, aber ich glaube es nicht. Wir werden alle sterben. Das Schreien ist furcht» bor. Es hört niemand. Mein Rücken ist kaputt. Schreibe nichts von hier an meine Frau. 11. 11. 1918. Es kommt niemand. Immer noch rufen welche. Wenn wir nur erst alle tot wären. Ich liege in mcinein Blut und Dreck, ich nicht.." An dieser Stelle brach der Brief mit einem dünnen Strich noch unten ab. In dieser Nacht schrieb ich vorne im Graben zwei Briefe. Einen an den Kommandeur der 221 Infanteriedivision Exz. de la Cheva- lerie, und den anderen an Frau?lima B..... Dortnmnd. -- straße 7. Eine Woche später hotte eine abkommandiert« Kompagnie mit Gasmasken vor dein Gesicht die Toten auf de.n Platze vor der Kapelle begraben. Man hatte«in großes Loch aus- gehoben und die Leichen mit Matratzen und Strohsäcken hinein- geworfen und Kalk daraufgedeckt. Jemand hatte mit Blaustift auf ein Holzkreuz geschrieben: Hier ruhen in Gott 83 tapfere deutsche Soldaten. Sie starben den Heldentod. In derselben Kapelle von St. Ouentin wird heut« wieder zu Gott gebetet. Weihrauch ist stärke? als der Verwesungsgeruch de? LZ toten Soldaten. l&fi ROMAN VON .WRENCE H. DE Copyright hy M«rlin»V»r1ag G.m b.H-, Baden-Baden (3. Fortsetzung) .Vestechlich?" fragte er kurz. ,.?Wn. T? vurde schon mehrere Male vergeblich versucht, ihn zu bestechen: sogar mit recht hohen Summen/ «Säuft er? Kann man ihn so erwischen?" »Nein. Er ist Temperenzler." »Ich möchte nicht wieder mit dem Knüppel arbeiten lassen," meinte Calvin stirnrunzelnb. Der Spitzel überlegte eine Weile, dann fragte er: „Wie war'? mit Roste?" Calvin? Gesicht erhellte sich. »Eine gute Idee. Sagen Sie ihr. daß sie fünfhundert Dollars erhält, wenn sie ihr Ziel erreicht. Wie sie es anfängt, ist ihr« Sache." »Gut, Herr. Noch eins. Der alte Kordon hat einen Brief erhalten, sein Sohn schreibt ihm, daß er demnächst herkommt." Calvin lächelte. „Die Post arbeitet gut. Man mutz die Leute wieder einmal etwa» ermutigen. Arme Teufel, sie werden ja so schlecht bezahlt." „Sollen wir wegen David Gordon...?" »Nein," unterbrach ihn Calvin.„Er soll nur herkommen. Und wenn er da ist, laßt ihm freie Hand. Ich möchte mit einem Schlag die ganz« Familie treffen. Sie stört mich hier. Was ist's übrigen» mit dem Mädel? Hat Duck noch immer keinen Erfolg bei ihr?" Cardigan schüttelte den Kopf. »Ich glaube, sie verdächtigt ihn." „Der verdammte Idiot! Es ist wirklich ein Unglück, daß eure Leute immer so hätzlich sind. Manchmal braucht man für die Weiber einen schönen Mann, und der ist dann regelmäßig ein Trottel! Tonst noch was?" »Ja, die alte Schullehrerin scheint verrückt geworden zu sein. Sie hat sich aus die ,New Republic' abonniert und hat neulich den Kindern in der Klasse erklärt, Christus habe nur die Armen geliebt und es sei ungerecht, daß in unserem freien Land Menschen ver-. hungern, während andere im Ueberflutz leben." „Hysterische alte Jungser! Woher wissen Sie es?" »Jenny©ims hat es daheim erzählt." »Kinderaussogen gelten wenig. Man mutz versuchen, die alte Crock ihren Ausspruch vor Erwachsenen wiederholen zu machen. Ist da? alles?" „Ja, Herr." »Also loht den Kerl, den Hammond, ungeschoren. Ick) will nur wissen, wann und wo er mit meinem Bruder zusammenkommt." „Gut, Herr." Der Spitzel ging, aber Calvin legte sich trotz der späten Stunde noch nicht schlafen, schritt weiter auf und ab und ärgerte sich über den Bruder, der ihm mit seiner dummen Sentimentalität bei jedem Schritt und Tritt im Wege stand. In drei Monaten wird Jack eirn undzwanzig sein, dann sind die zwei Millionen frei und mit zwei Millionen kann ein so gottverdammter Narr allerlei Schaden stiften. Dabei ist Jack in der letzten Zeit plötzlich vorsichtig geworden, zurückhaltend, er gibt einem keine Handhabe, tut nichts, das ermöglichen würde ihn den Behörden auszuliefern. Calvin verfluchte im stillen den Nater, der sich nicht mit einem Sohn begnügt hatte: wieviel wäre ihm erspart geblieben, würde der verwünschte Krüppel nicht auf die Welt gekommen sein! « Arthur Hammond strebte durch die dunklen Gassen von Füller». ville seinem Hotel zu, das in einem besseren Teil der Stadt ge- legen war. Bon einem Kirchturm schlug es ein». Als er in der Nahe seine« Hotel» um die Ecke bog, hörte«r eine Frauenstimme gellend um Hilfe rufen. Er rannte vor und sah ein junge, Mädchen. das ein wüst aussehender Kerl festhielt. Arthur Hammond war ein kräftig gewachsener Mensch, der sich aus? Boxen verstand. Ein wohlgezielter Kinnhaken machte den Gegner für den Augenblick kampfunfähig. Er schien auch kein besonderer Held zu sein, denn er rannte, sobald er sich einigermaßen erholt hatte, wie ein Hase davon. Das Mädchen lag schluchzend, halb betäubt, in Hammonds Armen. „Ich ging gerade heim, wohne im Hotel Royal, da überfiel mich der Kerl, wollte mir die Börse stehlen. Oh. wie sroh bin ich, datz Sie rechtzeitig gekommen sind!" Hammond stützte die Schwankende. „Beruhigen Sie sich. Ich bringe Sie heim. Wohne ebenfalls im Hotel Royal." Er schob seinen Arm unter den des Mädchen» und führte es sorgsam d!« wenigen Schritte zum Hotel. E» erwies sich, daß die beiden im gleichen Stockwerk wohnten. Das Mädchen hielt Hammond fest, als sie vor seinem Zimmer anlangten. »Sie dürfen es nicht falsch auffassen," sagte e» mit zitternder Stimme,„wenn ich Sie bitte, für einen Augenblick in mein Zimmer zukommen. Ich... ich fürchte, datz ich ohnmächtig werde. Und e» ist sehr spät, das Stubenmädchen schläft, ich kann ihm nicht mehr klingeln." E« war ein ganz junges Mädchen, rührend in seiner Angst. Hammond»faßte es nicht falsch aus" und folgte ihm in, Zimmer. Hier sank das Mädchen mit halbgeschlossenen Augen aus die Chaiselongue. „Oh," hauchte es mit versagender Stimme,„alles dreht sich! Ich werde gleich ohnmächtig werden. Wosier! Im Badeziimner. Und dort in der Lade mein Riechsalz! Rasch! Rasch! Hammond lief in das Badezimmer. Als er mit dem Riechsalz und einem Glos Wasier zurückkehrte. erwartete ihn«in seltsamer Anblick. Da» Mädchen stand halbnackt da. die Kleider logen zersetzt und zerrissen auf dem Boden, aa» einer tiefen Kratzwunde am Hals floß Blut. Hammond blieb wie erstarrt stehen. In diesem Augenblick bo. gann da» Mädchen zu schreien, daß die Wände zitterten: e» schrt« und schrie, hörte nicht aus. Zuerst glaubte Hammond. es habe aus Angst den verstand verloren, erkenne ihn nicht wieder, glaube seinen Verfolger vor sich zu sehen. Er redete beschwichtige.� aus das Modchen ein: doch dieses schrie nach lauter und gellender. Da durchzuckte Hammond ein peinlicher Gedanke. Er eilte zu? Tür. drückte die Klink» nieder. Di« Tür war verschlossen. Und das Mädchen schrie noch Immer. Auf dem Korridor ertönten laufende Schritte. Es wurde an der Tür gepocht. Da» Mädchen kreischte: „Brecht die Tür auf! Er hat den Schlüssel! Rasch! Rasch! Ehe« zu spät ist!" Dravtzen rief eine kräftige Männerstimme: Zurück!" Wuchtige Schläge donnerten gegen die Tür. Die Bretter zer, splitterten, die Angeln kreischten. Endlich brach sie aus. Herein trat der Hoteldetektiv, gefolgt von sechs stämmigen Hausdienern. „Da!" schrie das Mädchen,„der Mann! Hallet chn fest!" Die Hausdiener stürzten sich auf Hammond, überwältigten ihn und banden ihn mit Stricken Der Inzwischen herbeigeeilte Hotel- direktor telephonierte die Polizei an.. Das Mädchen hüllte sich schamhaft in einen Schlafrock, lag schluchzend, am ganzen Körper zitternd, auf der Chaiselongue. Al, noch unglaublich kurzer Zeit der Polizelkommissor erschien, sagte das Mädchen, fortwährend von Schluchzen unterbrochen, au»: „Der Mann da, ich kenne ihn nicht. Hab' ihn nie gesehen... Heute nacht kam er in mein Zimmer, stürzt« sich aus mich... ritz mir die Kleider vom Leib..." Mit zitternder Hand deutete es auf die noch immer vor dem Bett liegenden zerfetzten Kleidungsstücke und fuhr dann fort: Wollte... wollte... Oh, wie soll ich es sagen? Ich bin ein anständiges Mädchen... mein Vater ist Postor in Theben... Er wollte..." Die Stimme versagte ihm. „Wir verstehen schon, Fräulein," sprach der Polizelkommissar. „Ich»ersuchte mich zu wchren... Sehen Sie, da an meinem Hals die Wunde... aber er war so stark... Ich schrie und schrie.., endlich kamen Leute. Gott fei Dank, das ärgste wurde verhütet.. wenn ich bedenke..." Das Mädchen verstummte, verbarg zitternd das Gesicht in den Händen. „Mein Gott," stöhnte es,„daß es so döse Menschen gibt!" Hammond hatte die ganze Zeit über geschwiegen. Er wußte. daß jede Verteidigung sinnlos wäre. Er war, wie ein Narr, in die Falle gegongen. „Versuchte vergewalllgung!" sprach streng der Polizei- kommissar.„Abführen in den Polizeiarrest." Handschellen flirrten. Hammcnd wurde abgeführt. Fräulein Raste Iinks schmierte die Kratzwunde mit Goldcreme ein und legte sich zu Bett. Nach getaner Arbeit ist gut ruhen. Fünf Minuten später schlief sie bereit, den Schlaf der Gerechten und träumte von den schönen Dingen, die sie sich für fünfhundert Dollars würde kaufen können. Bei dem Verhör wurde selbstverständlich Hammonds wahrer Name und Beruf bekannt, und die gute Gesellschaft von Füllers- ville schauderte über di« Verruchtheii der Roten, die die Natio« nalisierung der Frauen auch im freien Amerika einführen wollen. Der erste Organisator war erledigt. Die Hellseherin. „Irgendjemand," sprach Buck mit sorgenvoller Mien« zu Michael Cardigan,„hetzt in den Betrieben die Arbeiter auf. Irgend- jemand prodigt Organisation und Solidarität. Es muß sich allem zum Trotz wieder ein Organisotor eingeschlichen haben." „Au-geschlosien," widersprach Cardigan.„Der Bahnhos ist überwacht: im Auto sind ebenfalls nur Leute in die Stadt ge- kommen, von denen wir genau wissen, wer sie sind." „Kann sein, ober jemand ist an der Arbeit," beharrte der .schöne" Spitzel und Cardigan wurde nachdenklich. Wenn sogar der Idiot etwa» merkt! Der letzte Coup war glänzend geglückt, doch ist ja gerade das Elend bei dieser Ärbeit, daß man sich nie auf seinen Lorbeeren ausruhen kann, es kommt immer wieder etwas Neues. Diese verdammten Roten ruhen uttd rasten nicht, und Calvin Füller ist kein Menschenfreund, der zahlt nicht, wenn nicht auch die War« geliefert wird. Cardigan seufzte. „Was soll ich tun? Die Betriebe sind voll von den Unfern. Wir haben Leute bei der Post, bei der Dahn, überall." Buck kratzte sich hinter dem Ohr und sagte etwas verlegen: „Ich gehe doch zu der neuen Hellseherin. Di« soll unglaubliche Dinge wissen. Meine Schwester war neulich bei ihr, der hat sie olle» aus ihrer Vergangenheit gesagt und auch die Zukunft prophezeit. »Hellseherin?" »lla. sie nennt sich Madame de Thebes und ist vor drei Wochen hergekommen, aus Philadelphia," »Wird schon irgendein betrügerisches altes Weib fein," brummt« Cardigan. Aber Buck, der äußerst abergläubisch war, widersprach eifrig. »Nein, nein, sie ist das Wahre." Cardigan lachte. Als aber drei Tage später die Arbeiter eine Delegation zu Calvin Füller schickten, eine sünfprozentige Lohn- erhöhung sorderten und es wogten, mit einem Streik zu drohen, verging ihm dos Lachen. Calvin ließ ihn kommen, und die halbe Stunde, die Cardigan erleben muhte, blieb in seinem Gedächtnis hasten. »Wissen Sie," herrschte ihn der Herr von Fullersville an,„daß einige der Leute sogar schon der Gewerkschaft beigetreten sind? Natürlich wissen Sie es nicht!" sügte er zornig hinzu, ol» er Cardigans verblüfftes Gesicht sah.„Sie sind ja nur der Leiter meines Geheimdienstes, brauchen derartige Dinge nicht zu wissen." „Ja., aber... wie?... woher?..." stammelte der Unglück- selige Cardigan. „Der Idiot, der Buck, hat e» herausgebracht. Seine neueste Geliebt« Pirosko Nagy zeigte ihm die Mitgliedskarte und forderte ihn auf, ebenfalls der Gewerkschaft beizutreten." Cardigan schwieg bestürzt und verfluchte insgeheim Buck, der ihn, seinen Vorgesetzten, nicht rechtzeitig denochrichtigt hall«. .�Jemand organisiert die Leute," fuhr Calvin Füller gereizt fort,„und zwar in den Betrieben. Jemand, der sich überhaupt nichr im Arbeiterviertel sehen läßt, weder bei Tag noch bei Nacht. Ich lasse Ihnen noch drei Tage Zeit, Cardigan. Haben Sie bi» dahin den Organisator nicht entdeckt, so sind Sie die längste Zeit Leiter der Agentur gewesen. Verstanden?" „Ja, Herr." Cardigan schlich wie ein begossener Pudel au» dem Zimmer. In seiner Not fiel ihm Bucks Rat ein: die Hellseherin, viel- leicht wußte die«irklich etwa? mehr als ander« Menschen. Jeden- falls konnte«in Versuch nichts schaden. Und schließlich war»s ja keine Schande, die Frau aufzusuchen. Cardigan wußte, daß die vornehmsten Damen der Stadt zu Madame d« Thebes gingen, nicht nur Dienstmädchen, die an der Treue ihres Schatzes zweifelten und derartige» Gesindel. Weshalb sollte die Frau nicht auch herausfinden können, wer iy den Betrieben hetzt? lFortsetzung folgt.) Rätsel-Ecke des..Abend". IMMMUUIlMMaMMMUMM Silbenrötsel. Oiomantrötfel. Die Buchstaben in der Figur sind so zu ordnen, daß die woge- rechten Reihen nennen: l. Mitlaut: 2. alt« Wellstadt: 3. ein Tier der Berge: 4. Hand- werker: S. Stadt in der Provinz Brandenburg: ö. eine Erholung: 7. Blumen: 8 Einträchtig- keit: S. schriftliche Mit- teilung: IC. Teil eines Baumes: 11. Selbstlaut. — Die mittelste senk- rechte Linie lautet eben- so wie die mittelste wagerechte.». d. Aus den Silben: a alp as dach bat der dilh e si fi g« im i» ker land le li Ii lin lü na ne o paß ri saa st sel sel sen ta ur zö sind 15 Wörter ,zu bilden. Heren Ansangs- und Endbuchswben von oben nach unten gelesen den Anfang eines betonnten Arbeiterlied«, ergeben.— Die Wörter bedeuten: 1. Dekannte Kognakmartr. 2. Mädchenname: 8. Hundename(Rufname): 4. Alpenhirt: 5. P,ß in den Alpen: 6. Eheverbot der Mönch«:?. Instl im Atlantischen Ozean; Türkischer Männernam«: C. Unwahrheit: IC. Bienen- Züchter: 11. Nebenswß der Elbe: 12. Wüste in Arabien: 13. Mäd» chennome: 14. Teil des Gesichts: 15. Ort aus Rügen. it. ZahlenrStsel. An Stelle der Zahlen müssen Buchstaben gesetzt werden, so daß die erste wagerechte und di« erste senkrechte Reihe da? gleich« Wort ergeben. Die Bedeutung der einzelnen Reihen ist folgende: immimmwimNmiMamwmiimummi» Kreuzworträtsel. Wagerecht: 2. geographische Bezeichnung: 4. Stadt in der NUderlausih: 6. französischer Artikel: 7. Fürwort: 9. Nahrungsmittel: 10. Anruf für Kellner: 11. Präposition: 13. Doppelvoksl: 14. Nachkomme: 17. Erdprodukt.— Senkrecht: 1. Begriff für weich: 2. abgekürzt« Firmenbezeichnung: 3. abgekürzter Elternnome: 4. französischcr Fluß: 5. unangenehmer Zustand: 6. ausländisch« Währung: 8. Gewässer: 12. Harzfluß: 15. englisch nein: 18. oraöi- jches Bindewort." (Auflösung der Rätsel nächsten Mittwoch.) AuflSsung der Rätsel aus voriger Rümmer. Rösselsprung: Aus stolzem Schiffe, wie in schwankendem Rachen. So fahren sie hin auf dem Lebenomeere: Die Emen sinnen, was si« könnten machen, Di« Andern, was zu tun gewesen wäre. S«»graphischem Zahlenratsel: Vr«nd«i»burg. Altona, Lostvck Celle, Eisenach, Landsberg, Oppeln. Naumburg, Aochei,.—- D>« Anfangsbuchstaben ergeben Barcel»«. Kaps»lr«ts«k:„In der Sintgkeit(i«0i die Stink« h« Schwachen. B«r»rSts«kz Hand, Schlag— Handschlag. Kreuzworträtsel: Wagerecht: 1. Kahn: 5. Sag«: 9. Vts: 10. le: 12. Uri; 13. um; 14. Iull; 15. an: 18. Met; 17. Ems: 18. Uhu; 19. Bar: 21. la: 22. Io«: 28 fo; 27 Mus: 29. Nu; 30. Di»: 31. Esse: 32. Pakt.— Senkrecht: 1, kaum: 2. Armenhaus: 3. ho; 4. n: s. an; 7. Grammatik: 8. ein»! 10. Lu: 11. est 18. Ulme« ZV. Rvft: 23. an: 24. zu: 25. 28. si: 30. da. Sl«tchkla«g: Kiefer. ( Nr. 336 46. Jahrgang Sonnabend 20. Juli 1929 Ein Fortschritt in der Ausnutzung der Windkraft. Ben jeher Hot die Ausnutzung der Windtrast den Menschen be- schästigt. Aber von den ersten primitiven Krastmoschinen, den Segeln und Windmühlen der Aegypter und Hindus bis zur modernen Ttahlwindmühle sind kaum nennenswerte Fortschritte zu verzeichnen. Wahrend die Dampfmaschine von ihrem ersten Auftreten bis auf die heutigen Tag« gewaltige Veränderungen erlebt hat, Derbesse. rungen im Sinne einer höheren Ausnutzung der aufgewandten Zweijlügliges Windrad (Abb. 1) Wärmeenergie und in der Richtung auf größere Betriebssicherheit, während sie aus der Kolbenmafchin« immer mehr zur Turbine wird, ist das Grundprinzip der Windausnutzung das gleiche geblieben: das Segel, dos sich mit oder vor dem Winde bewegt. Erst der von Flettner auf Grund des Magnus-Effekts entwickelte„Rotor* eröffnet« neu« Wege zur Ausnutzung der Windkraft, Wege, die sich von den bisherigen grundsätzlich unterscheiden. Er beruht bekannt- lich auf der Erscheinung, daß ein im Wind« sich drehender Zylinder. dessen Umfangsgeschwindigkeit größer ist als die Windgefchwlndig- keit, ein« unsymmetrische Strömung hervorruft, die an jener Seite, an der Windströmung und Zylinderbewcgung gleich- gerichtet sind, einen Unterdruck(Sog) und an der gegenüberliegenden Seite, wo der Zylinder sich gewissermaßen gegen die Windrichtung bewegt, einen Ueberdruck erzeugt. Der Zylinder erhält auf diese Weise einen Antrieb quer zur Windrichtung, der etwa sechs, bis achtmal größer ist als die Antriebskrast, die aus ein Segel gleicher Größe wirkt. Die Drehbewegung des Zylinders wird dabei durch einen besonderen Antriebsmotor hervorgerufen. Eine weitere Durchbildung des Flettner-Rotors ist vor wenigen Fohren dem sinnischen Kapitän Sigurd I. Savonius geglückt. Im Gegensatz zum Flettner-Rotor b«dars si« keines Antriebs durch einen Motor. Di« Wirtungsweise der neuen als„Flügel-Rotor* bezeichneten Windkrajtmaschin« sei kurz an Hand der Abbildungen t und 2 erläutert. Abb. i zeigt ein Windrad, das aus zwei in der Mitte zusammengesetzten Zyltnderhälsten a und K besteht. Im Windstrom bewegt es sich im angedeuteten Drehsinn, weil der im Flügel k erzeugt« Druck den an der offenen Seite von a gebildeten Sog(Unterdrück) überwiegt. Rotiert dieses Windrad belastungslos im Winde, so wird seine Umfangsgcfchtvindigkeit nahezu der Wind- geschwindigkeit gleich. Rückt man beide Flügel in der Mitte aus- einander, so«ntsteht da» bekannte Windrod der Windmesser, das meist vier halbtugelsörmige Flügel lxsitzt. Die Umfangsgefchwindig- keit sinkt beträchtlich und beträgt im allgemeinen nur mehr die Hälft« der Windgeschwindigkeit. Aus Abb. 1 ergibt sich deutlich, daß die Saugwirkung des Unterdrucks im Flügel s der Grund dafür ist, worum der Druck auf dem Flügel d nicht stärker ausgenutzt werd«n kann, wie allgemein für den Widerstand eines Körpers in der Luftströmung d«r Rückenwiderstand verhältnismäßig größer« Bedeutung hat als der Frontalwiderstand. Diesen Rückenwiderstand beseitigt Savonius beim zweislügeligen Windrad dadurch, daß er die Flügel in der in Abb. 2 gezeigten Art gegeneinander versetzt. Zwischen d«n inneren Kanten der beiden Flügel entsteht«ine Oeff- nung, durch die die Lust hindurchströmen kann, um, nachdem sie aus den ossenen Flüg«l K einen Druck ausgeübt hat, die Innenseite des Flügels» zu treffen. Der Effekt dieser konstruktiven Maßnahme ist erstaunlich Die Umjang»geschwindigk«it steigt auf das l ,7 fache d«r Windgeschwindig. keit an und die Drehkrast ist etwa dreimal größer als die eines zwei» flügeligen Windrades von gleicher Größe, aber ohne mittlere Oeff» nung. Mit der Erhöhung der Umsangsgeschwindigkeit über die Windgeschwindigkeit ist ober zugleich die Boraussetzung für das Austreten des Magnuseffektes gegeben und die Abb. 2 läßt in der Tat erkennen, daß an der Außenseite des Flügels a ein Druckgebiet, an der Außenseite von k ein Soggebiet zur Ausbildung gelangt ist, so daß dem Rotor«in Antrieb quer zum Wind verliehen wird. Der Flügelrotor liefert also nicht nur die Drehbewegung de, Windrades, sondern zugleich auch die Antriebsbewegung des Segels bzw. des FlettneraStowr?. Eingehend» Laistiche über die Kröß« d«? Drehtraft ergab««, daß ein Mügelrotor umZOProz. mehr Kraft liefert als eine lSflüg-lige Windmühle gleicher wirksamer Fläch«, und wenn man die Reibung?- und sonstigen Uebertragungsverlustc bei der Windmühl« berücksichtigt, ergibt sich ein Dortcil von M bis 60 Proz. zugunsten des Flügelrotors. Der Magnuseffett des Flügelrvwr, ist gleich groß wie der Antrieb, den eine 2,2- bis Zmal größere Segelsläche erfährt, wenn sie im Winkel von ZS bis 40 Grad zum Wind steht, d. h. bei größter Wind- traftausnutzung. Flettnerrotox und Flügelrotor ergeben bei gleicher Länge, gleicher Oberfläche und gleicher Drehzahl einen gleich großen Magnusefsekt. Wie beim Flettnerrotor wird auch beim Flügel- rotor der erzielbarc Effekt wesentlich verstärkt, wenn man den Zylinderkörper mit Endplotten versieht, die den Windstrom hindern, über die Zylinderenden hinweg vom Druck- zum Soggebiet zu ge- langen. Die Anwendungsgebiete des Flügelrotors können nach vorstehendem zweifacher Art sein: man kann ihn zum Schiffsantrieb benutzen, um den Magnuseffekt auszunutzen oder aber als Antriebsmittel für Arbeitsmaschinen. Die Verwendung als Schiffsantrieb ist bisher versuchsmähig noch wenig geklärt, so daß über ihre praktischen Möglichkeiten und Aussichten vorläufig wenig gesagt werden kann. Im Vergleich zum zylindrischen Rotor(Flettner- rotor) hat der Flügelrotor für den Schiffsantrieb den Vorteil, daß er keines Antriebs bedarf und daß auch dann ein beträchtlicher An- trieb auftritt, wenn man mit dem Winde fährt, ein Fall, in dem der zylindrische Rotor praktisch wirkungslos ist. Viel weiter ist die Anwendung des Flügelrotors zum Antrieb von Arbeits- mosch inen gediehen. Wir finden ihn heut« in kleiner Ausfüh- rungssorm als Windkrastmaschine zum Antrieb von Ventilawren für Eisenbahn-, Straßenbahn- und Autoomnibuswagen. Die von außen sichtbaren Teile dieser Geräte sind nicht die Ventilator- schaufeln, sondern die gewölbten Flächen de» Flügelrotors. In größerer Ausführungsform finden wir ihn als Antrieb für Pumpen und zur elektrischen Krasterzeugung. Abb. 3 zeigt einen Z-qm-Flügel- rotor für Pumpenantrieb. Man wählt die Abmessungsverhältnisse von Breite zur Höhe im allgemeinen wie 1: 2. man kann ober auch bis auf 1: S gehen und hat in der Wahl des Abmessungsverhält- nisies ein Mittel in der Hand, um die durchschnittliche Drehzahl zu erhalten, die für das fragliche Anwendungsgebiet erforderlich ist. Sehr wesentlich ist auch, daß sich die Drehzahl des Flügelrotors durch ein« einfache Borrichtung selbsttätig regeln läßt. Das Prinzip dieser Regelung läuft darauf hinaus, daß beim Ansteigen der Wind- Ansicht des Fliigelrotors (Abb. 3) geschwindigkeit über ein bestimmtes Maß hinaus die auftretenden Zentrifugalkräste die Flügelstellung so verändern, daß die dem ausgesetzte wirksame Fläche verkleinert wird. Man kann aus diese Weife erreichen, daß die Rotordrehzahl beim Ansteigen der Wind» stärke von 3 auf 10 Setundenmeter nur um 10 bis 1? Proz. zu- nimmt. Der Rotor läuft ferner von jeder Stellung aus an, er hat keinen toten Punkt. Alle dies« Fortschritte sind zweifellos sehr bedeutend im Sinne einer besieren Ausnutzung der Windkrast, sie überwinden jedoch diejenige Schwierigkeit nicht, die einer vermehrten Windkrastgewin- nung grundsätzlich im Wege steht: die llnzuverläfsigkeit und Un» sicherheit, die darin besteht, daß die atmosphärischen Verhältnisse dauernden Schwankungen unterworfen sind und daher niemals die Gewähr dafür gegeben ist, daß wir den Wind zum Antrieb unserer Maschinen dann auch wirklich haben, wenn wir Ihn brauchen. Es besteht kaum«in« Aussicht dafür, daß beispielsweise einem Windkrastgenerator. der einen Stadtteil mit elektrischer Energie zu versorgen hat, gerade dann die größte Windkraft zur Verfügung steht, wenn der Energiebedarf am größten ist. Hier liegt der Zwrteil der Kohle: wir können uns unschwer allen, selbst den feinsten Be- lastungsschwonkungen anpassen. Wir hoben den Betrieb in der Hand und find nicht von Zufälligkeiten abhängig. Man könnte sich einen anscheinend einfachen Ausweg denken: Die Mndkrastmoschine arbeitet eben nur dann, wenn Wind zur Verfügung steht, und speichert die erzeugte Energie auf, um sie im Bedarfsfall abzugeben. Dieser technisch an sich möglich« Weg stößt ober auf die Schwierig. keit, daß die Aufspeicherung verhältnismäßig teuere Betriebsmittel voraussetzt. Ein in Bleksammlern installiertes Kilowatt ist doppelt so teuer wi« ein im Dampfkraftwerk installiertest Die Rentabilität wäre ernstlich in Frage gestellt. Auch die Wasserspeicherung ist kaum wirtschaftlich zu gestalten. Solange diese Schwierigkeiten nicht über. wunden sind, dürfte daher kaum mit einer Windkrastausnutzung in größtem Maßstab zu rechnen sein. Das wird aber nicht hindern, daß der Flügelrotor künftig wohl in Gegenden mit ständiger Wind- bewegung und für Zwecke, bei denen der Zeitpunkt der Arbeits- leistung weniger ins Gewicht fällt, vermehrte Anwendung finden wird. hn. Flügelrotor (Abb. 2) Ein Historikerkongreß der exakten Wissenschaften fand Ende Mai in Paris statt. Es ist ein erfreulicher Erfolg der Internationalen Zusammenarbeit, daß Deutschland mit vierzehn Sitze» als die stärkste der Nationen vom Pariser Kongreß heimkehrte. Die Geschichte der Medizin ist vertreten durch Su dh o f f. Leipzig und S.igcrist- Leipzig, die Geschichte der Chemie durch v. L i p p m a n n- Halle, Ruska- Berlin und Da rm st a e d t e r- München, die Geschichte der Technik durch F e ldh au s- Berlin. Da die Geschichte der Mathematik, der Chemie, der Physik und der Technik infolge lang- jähriger Vernachlässigung außerordentlich stark mit Fehler» durch- setzt ist, beschloß der Kongreß die Einsetzung einer„Kommission für die Richtigstellung der Irrtümer*, deren Vorsitz Feldhaus-Berlin hat. Frankreich, Italien, Nordamerika und England sind in dieser Kom- nission vertreten. Diese Kommission soll mit möglichster Be- schleunigung die gröbsten Irrtümer sammeln und ein Handbuch vorbereiten, aus dem man die tatsächlichen historischen Zusammen- hänge ersehen kann. Ein solches Nachschlagewerk wird nicht nur dem Historiker, sondern auch dem Volkswirtschastter, dem Kunsthistoriker und dem Politiker von größtem Wert sein. Auch die Spezialgebiete der Technik und der Industrie sollen historisch weitgehend berücksichtigt werden. Der Kongreß wurde vom französischen Kultusminister, von der französischen Akademie der Wissenschaften. vom Internationalen Institut für geistige Zusammenarbeit(Völker- bund) und. von namhaften französischen Gelehrten offiziell begrüßt. Bei Gelegenheit des Pariser Kongresses wurden die vbm frau- zösischen Staat zur Versügung gestellten neuen Arbeitsräume im Hotel de Revers dicht neben der Nationalbibliothek der Sektion als dauernder Sitz übergeben. In Anwesenheit des Kultusministers wurde an diesem Hause«ine Erinnerungstafel enthüllt, die auf die große Geistesgeschichte, an der dieses Haus durch de» Abbe Ba rthtlemy, Madame d'Alembert und andere Anteil hatte, hinweist. Bücher der Technik, Berichte über betriebswifsenschaftliche Arbeiten. Band 1. Bobbe, Untersuchungen an Hobel maschilien mit umlaufenden Messern. Harnisch. Langlochfräsen in Holz unter bes. Berücksichtigung des Ver- gleich» der gebräuchlichsten F r äs e r f o r m e n. H etz e l: Ueber die Bearbeitbarkeit von Spanholzplatten und Sperrholzplatten.«4 Seiten mit 14« Abbildungen und 2 Zahlentafeln. Brosch 14 M. Für Mitglieder des V. D. I. 12,60 M.». D. g.-Ver