BERLIN Montag 22. M 1929 10 Pf. Nr. 33S B165 46. Jahrgang. erscheint tSglich anser Seaotag«. Zugleich Abendausgabe de«.DorwSrtt'. Bezugsprei« beide Ausgaben S5 Pf. pro Woche, S,60M.»ro Monat. Redaktion und Txoedition; Berlin SWss.Lindenstr.» ffibwarfa i nielgenorei«! Die einspaltige Nonpareilleieil« «o Pf.. Reklameitile S M. Ermäßigungen nach Tarif. oßscheckkoat»! Vorwärts-V erlag G. m. b.H., Berlin Nr.»7SZS. Fernsprecher: Dönhoff 292 bis 29? Oer Reichskanzler schwer krank In Heidelberg operiert.- Zustand ernst. .Heidelberg, 22. Juli. sEigenbericht.) Reichskanzler Hermann Müller, der zur Er- holung in Bad Mergentheim weilte, erkrankte Ende voriger Woche plötzlich an einer hochfiebrigen, eitrigen Gallenblasenentzündung. Am Sonnabend wurden durch de« behandelnden Arzt, Dr. Haug, die Geheimräte Ender- le« und Ärehl aus Heidelberg und Professor Hermann Zondek aus Berlin an das Krankenlager gerufen. Der Reichskanzler, dem die Aerzte die sofortige Operation empfahlen» wurde am Sonntag vormittag im Kranken- wage» nach Heidelberg gebracht. Die Operation wvrde am Sonntag nachmittag gegen 17 Uhr durch Geheimrat Enderlen vorgenommen. Bei der Operation zeigte sich an der Gallenblase eine Durch» brach stelle in die Bauchhöhle. Die Operation nah« einen normalen Verlauf, der Zustand muh als ernst bezeichnet werden. Wie uns von zuständiger Seite soeben mitgeteilt wird, war das Befinden des Reichskanzlers in de« frühen Morgenstunde« des Montags unverändert. Zu ernsten Besorgnisse« besteht vorläufig kein Anlaß. Der Kanzler leidet schon seit Monaten an einem schweren Gallen- und Leberleiden. Die ersten Berichte über seine Kur in Bad Mergentheim lauteten durchaus befriedigend. Man muß nun mit der Möglichkeit rechnen, daß der Reichskanzler die Führung der deutschen Delegation auf der kommenden Regierungstonferenz nicht selbst übernehmen kann. Der Umschlag zum Ungünstigen stellte sich plötzlich vor einigen Tagen ein, am Mittwoch verschlimmerte sich der Zustand derart, daß der nunmehr erfolgte Eingriff erforder- lich wurde. In der Nacht zum Sonntag stieg die Temperatur bis auf 39,5 Grad. Die Gattin des Kanzlers, die sich in Berlin aufhielt. wurde sofort verständigt und reiste nach Mergentheim ab. Am Sonntag vormittag wurde der Reichskanzler dann in einem Krankenwagen nach Heidelberg transportiert. Reichsaußenminister Dr. S t r e s e m a n n, der sich in Bühlerhöhe aufhält, hat am Sonntag dauernd Erkundigungen über den Zustand des Reichskanzlers eingezogen. Reichs- innenminister S e v e r i n g, der vor Antritt seines Urlaubs zwecks Teilnahme an den Festspielen in Heidelberg weilt, hat sich am Sonntag längere Zeit an dem Krankenbett auf- gehalten. Heidelberg, 22. Juli.(Eigenbericht.) Das Befinden des Reichskanzlers ist am späten Bor- mittag gut, die Temperatur geht zurück. Zu unmittel» baren Besorgnisten ist kein Anlaß. „Bremen" noch heuie in Ikew 8ork. Ankunft mit Spannung erwartet. New York, 22. Juli. Die„Bremen" legte am Sonntag 705 Meilen, das sind 2�,2 Knoten in der Stunde zurück. Da Aussicht auf klares Wetter besteht, dürfte die Ankunft der „Bremen" am Leuchtturm im Ambrose-Kanal bereits u m 3.3N Uhr amerikanischer Zeit, an der Ouaran- täae-Statio» um 4 Uhr und am Brooklyn-Tock um 3,30 Uhr erfolgen. Berichte von Lord des Dampfers beschreiben die Jährt als beispiellos ruhig. Die Passagiere wollten kaum glauben, daß sie bereits heute nachmittag New park sehen würden. Der Rekord- erfolg sei nicht in geringem Maße der Navigationskunst des Kapitäns Ziegenbeln zuzuschreiben, der geschickt die Gegenströmungen des Golfstroms zu vermeiden verstanden habe, Die Morgenblätter berichten in großer Aufmachung von der zwischen S und 7 Uhr nachmittags erwarteten Landung der „Bremen" und stellen Vergleiche mit früheren Rekordfahrten an, von dem Raddampfer„Saoannah" an, der im Jahre 1819 ZK Tage für die Ueferfahrt brauchte, bis zum letzten Rekord der „M a u r e t a n i a" im Jahr« 1928 mit 5 Tagen 3 Stunden U Minute». Da« Jlrbeiier sporlfest in Hümberg Oben: Sctmfmmbafftn im Stadion Unten: ,®er SDutasendleich, auf dem die Stanuwettkämpfe ftaltfinden Ideale des Arbeitersportes. Höhepunkt ynd Ausklang des Nürnberger Festes. Nürnberg. 21. Zuli.(Eigenbericht.) Was Nürnberg in der Sonnabendnacht zwischen S und 1 Uhr erlebte, hat Bayern, hat Deutschland noch nichl gesehen. Glut- rot stand nach der untergegangenen glühende Sonne der Vollmond am nächtlichen Stadionhimmel, die Dunkelheit tauchte den mäch- tigen Jahnenwald in ein liefes Schwarzrot und Kopf an Kopf standen b0 000 Menschen in einer einzigen Mauer in dem Oval der großen Kampsbahn. 3n stummer feierlicher Erwartung harrten die Sinne und die herzen auf den Beginn eines J e st s p i e l», das in künstlerischer Entfaltung dem erwachten Proletariat einen Begriff seiner Ideole versinnbildlichen sollte. „Mach dich frei!"— unter diesem Motto zeigte das Jcst- spiel eine herrlich« Verkörperung des Kampfes für die Ireiheit des arbeitenden Menschen aus den Ieffeln jahrtausendelanger Unterdrückung und Ausbeutung. Sprechchöre und Bewegungschörc wuchsen in großartiger Massenregie, Z» einer Geschlossenheit und Harmonie zusammen. die tiefe Ergriffenheit und dann wieder jubelnde Begeisterung der 60 000 Menschen zu einem einzigen Körper und einem einzigen Willen einte. „Mach dich frei!" rief die rote Slurmlruppc den in Zügen ankommenden Arbeitsbrüdern und Arbeitsschwestern zu. die sich aus der Dunkelheit in das Licht der Kampfbahn bewegten. Dies war modernes Proletariat in aller gcfellschaft- lichen Schichtung des Volkes, aus den Iabriken und Kontoren. „M ach dich sr e i!" dröhnte es erfäpwernd und gewaltig in die Nacht hinaus, so gewaltig und gebieterisch, daß sie alle, die geistig und körperlich versNavt dahinleben und-siechen, wach wurden und. gepackt von stürmischen Mahnrufen, sich schließlich an die rote Sturmtrupp« der neuen Menschheit anschlössen. Mächtig brausten die immer wieder sortreißenden Akkorde der Zuternationale durch den freien Raum, über den sich schwarz der Himmel wölbte. Und dann schloffen sich 20 000 Jugendliche in der Arena zu einem wundervollen harmonischen Gesamtbild zusammen. In feierlicher Stille sprach mit weithin hallender Stimme der J�gendbundessührer von den hohen Idealen der Arbeiter- sportbcwcgung, die neben der körperkulturellen Betätigung auch die geistige und sinnliche Vertiefung de» ganzen Menschen erstrebt. Kaum, daß das Gelöbnis zur Menschheitserneuerung ver- klungen. glühtendieJackelnaus und In wenigen Augenblicken strömte die ganze Kampsbahn in einem wogenden Ilammen- m e e r. Dazu der Gesang der Internationale und des Liedes Brüder zur Sonne, zur Ireiheit! Ein überwältigender Eindruck. Dann bewegte sich das Ilammenmeer hinaus ans dem Stadion und in geteilten und wieder vereinigten Schlangen hinein in die Mauern von Nürnberg. hunderttausende standen an den Rändern des Jeuermeeres und begleiteten die Kündcr der neuen Menschheit hinein zur mitternächtigen Kundgebung in den hauplmarkt, aus dem der letzte Schwur in die lodernde Nacht hinausdröhnte. Dann wurde es schwarz und still in den alten Mauern Nürnbergs, feine Seele aber war erfüllt von der Idee des roten Proletariats. Oer Festzug. Der frühe Sonntagmorgen regte zu neuer Tat. Es galt, in einem grandiosen Jefizug der Nürnberger Arbeiterschaft den Dank für ihre Gastfrcundschasl abzustatten, zugleich aber auch dem stillgewordenen Spießbürger die glutvolle Macht der deutschen Arbcitersportbeweguug zu zeigen. Zn glühender Sonne, aber mit nicht minder heißem herzen zogen die Hunderltausend Turner und Sportler beiderlei Geschlechts mit leuchtenden Augen und nicht endenwollenden I r e i- h e i l!- Rufen in drei Stunden durch Nürnberg. Es war ein unvergeßliche» Bild: die froh« Augen de, Arbeitersuaguolls der dcutjchen Republik unier den roten Fahnen und Zlbzeicheo ihres Bundes, überall empfangen und stürmisch begrüßt mit jubelnder Begeisterung. Es schien, als bevölkerte der lehle Einwohner Dürnbergs die Straßen, durch die der Festzug seinen Weg nahm. Draußen im Stadion dann am Rachmittag das dritte große Massenschauspiel des Bundesse fl es: die Freiübungen der Männer und Frauen mit jeweils lSSSO Teilnehmern. Dazu eine Massenbeteiligung von Zuschauern aus den wällen, die das riesige Stadion umsäumten. Die letzten vier Stunden vor dem Ausklang des Bundes- f e st e s waren den Endentscheidungen der Arbeiter s p o r l l e r vorbehalten. Dieser Ausklang im Angesicht der scheiden den Sonne brachte ein letztes Treuegelöbnis der hundert tausend in der großen Kampfbahn. Alle die hunderte Fahnen und Wimpel stellten sich gegenüber der haupltribüne auf. davor der Rote Sturmtrupp des Festspiels. Räch kurzer feierlicher Mustk sprachen die Bundesführer die lehten Worte. Ein lehtes Frei heil, hinausgerufen in die Lande, und das zweite vundesfest des Deutschen Arbeiter-Turn- und Sportbundes war zu Ende. Zwischen Krieg und Frieden. London, 22. Juli.(Eigenberichl.) Die englische Regierung hat die Vereinigten Staaten und Frankreich wissen lassen, daß es sich mit den amerikanischen Ve mühungen zwecks Abwendung der Kriegsgefahr im Osten voll kommen identifiziere. Die chinesische Regierung hat ein umfangreiches Manifest veröffentlicht, in dem sie sich bereit erklärt, alles zu tun, um dem Geiste des Kellogg-Paktes zu entsprechen. In dem Manifest wird Rußland der Heuchelei beschuldigt und behauptet, aus den in Eharbin gefundenen Sowjet-Dokumenten ginge einwandfrei hervor, daß Rußland in Ehina kommunistische Propaganda treibe, Attentate und hochverräterische Akte vorbereite und Chinas mili lörilche Macht unterminiere. 2lus Ranking wird gemeldet, daß sich der zurzeit In China befindliche chinesische Gesandte in F i n n l a n d in kurzer Zeit nach Moskau begeben wird, um dort mit der russischen Regierung wegen des Konfliktes mit Ehina zu verhandeln. Albert Schwarz Dresden. 22. Juli.(Eigenbericht.) heule früh um �>4 Uhr starb in Heidenau bei Dresden der frühere Präsident des Sächsischen Landtags, Genosse Albert Schwarz. Er wurde am 25. September lS7ö in Leipzig geboren und war ursprünglich Eisendreher. Später wurde er Geschäftsführer des Deutschen Metallarbeilerverbandes und übernahm nach der Re- volution als Äolksbeauftragler das neugeschaffene sächsische Ar- beitsminiflerium. Roch kurzer Frist gab er es an den späteren sächsischen Ministerpräsidenten Held ab und übernahm das Wirtschaftsministerium, daß er in den Kabinetten Gradnauer und Buck etwa vier Jahre lang behielt. Dann�wang ihn eine schwere Krankheit, seinen Ministerposten niederzulegen. Dem Sächsischen Landtag geHörle er seit dem Jahre lSlg ununterbrochen an. Im Rovember 192(5 wurde er Präsident des Landtages und blieb es, bis der Slaalsgerichlshos im Frühjahr 1929 die kehlen Landtags. wählen für ungültig erklärte. Da sich Inzwischen das Leiden de» Genossen Schwarz verschlechtert hatte, lehnte er eine Wiederwahl als Präsident ab., Schwarz in Versailles. In seinem mehrfach erwähnten lesenswerten Buch«„So war es in Aersa/illes" schildert Victor Schiff unter anderem auch die Konferenz der deutschen Friedensdelegation mit allen ihren Sach- verständigen nach der Ueberweisung des sogenannten Vertrag». entwurfes. Es herrschte eine völlig verzweifelte Stimmung. Den Schluß dieser Konserenz schildert Schiff in dramatischer Eindringlichkeit: t »Noch einige weitere Redner ergriffen das Wort. All« kamen zu verzweifelten Schlußfolgerungen: Hungersnot, Zusammenbruch. Chaos, Anarchie seien als Folgen einer Unterzeichnung unabwend- bar— dann doch lieber ablehnen! Da erhob sich zum Schluß«in kleiner, unscheinbarer Mann, der neben Legten saß. Nur die wenigsten kannten ihn. Die durch seelische Niedergeschlagenheit und physische An- strengui-g erschöpften Teilnehmer hörten schon seit einer Weile nur noch mit halber Aufmerksamkeit zu. Ihr Gesamturteil stand ja fest, und alle Redner kamen jo ohnehin zu demselben Endergebnis. Aber schon nach einigen wenigen Sätzen des unbekann- tcn Redners horchte man auf. Seine Sätze ließen den geübten Volksredner erkennen, sein Aeußeres die proletarische her- kunft, seine Mundart die sächsische Abstammung. Es war der sozialdemokratische Arbeitsminister Sachsens, Albert Schwarz, der Vertreter" der Dresdner Regierung. Und zum ersten Male an diesem Zlbcnd hörte man ganz ungewohnte Töne der entschlossenen Energie und unbeirrbaren Zuversicht:, „Meine Herren, ich begreife Ihre Verzweiflung nicht. Nach Ihren Reden müßte man annehmen, daß die letzte Stunde des deutschen Volkes geschlagen habe. Aber das Volk will leben und wird lebcnl Mag sein, daß wir durch diesen Friedens- vertrag 20, ja 25 Jahre lang daniederliegen werden. Aber ein- mal werden wir doch wieder hochkommen. Und was sind 25 Jahre im Leben eines Volkes? Für diese Generation sehr viel, gewiß. Aber für Deutschland, für die deutsche Nation in der Geschichte fast gar nichts!" Ein Ruck ging durch die langen Tischrcihen. Die Menschen waren wie verlvandelt. Vielleicht hat sich manch einer leise geschämt, daß er sich so willenlos dem Fatalismus und der Trübsal hingegeben hatte. Aber wohl olle waren dem kleinen Zl l b e r t Schwarz, diesem Manne, den imr die wenigsten auch nur dem Namen nach kannten, dafür dankbar, � daß er sie a u f g e- rüttelt hatte. Es war, als wäre aus den Tiefen des ewig schuftenden und gemarterten deutschen Proletariats die mahnende und fordernde Stimme der Massen ertönt: Wir wollen arbeiten, wir wollen leben— obwohl wir selbst nichts davon gehabt haben irnd nach diesem Zusammenbruch erst recht nichts davon haben werden, aber damit unser« Kinder und EnkA eine bessere Zeit keimen lernen!" Diese Szene aus dem Konferenzsaal der Friedcnsdelegation in Versailles gibt ein besseres Charakterbild des setzt Verstorbenen. als lange Aufsätze es mache« könnten. Dem Mann, der auch in schwerster Stunde Deutschlands die Nerven nicht verlor, wird die Sozialdemokratie ein treues Gedenken bewahren. Ein heißer Sonntag. Mittionen Menschen unierwegs.— Wieder 1.0 Radeopfer. Berlin Halle gestern den bisher heißeflen Tag des Jahres. Troß eines Gewitterregens in den frühen Morgenstunden brütete den ganzen Tag eine unerträgliche Hitze über der Stadt. Das Thermo- meler stieg im Lause des Rachmillags aus annähernd 35 G r a d i m Schallen: in der Sonne waren die Temperaturen um viele Grad höher. Die größten Freibäder am wannsee, am Müggelsee. In Grünau und Tegelork waren übersülll. Allein im Freibad Wannsee badeten über 190 OOfl Personen. Leider ist wieder eine große Zahl von Vadcopfcrn zu beklagen. Zehn Personen fanden den Tod durch Erlrinkcn. Vor den Augen seiner Eltern ertrank in der Badeanstalt in Rosenthal der 13 jährige Schüler Rcinhold Karnowski aus der Jslandstraßc 3. Im Orantefec versank infolge Herzschlages der 23 jährige Paul Hemmerling aus der Generalftraße 7 in Weißensee- In dem sogenannten„Wilden Freibad" am Müggelsee bei Rahnsdorf kam der 20 jährige Handlungsgehilse Werner' Becker aus der Wipperstraße 5 in Neukölln ums Leben. Nachmittags ertrank beim Baden im Langen See in nächster Nähe des Restaurants Schmetterlingshorst der 25 jährige Friedrich Graß aus der Fruchtstraße 59. In der Havel bei h e i l i g e n s e e fand der 23 jährige Kellner Waller aus Friedrichshagen den Tod. Im Miersdorfer See ertranken am Nachmittag ein junges Mädchen und ein junger Mann, deren Personalien noch unbekannt sind: beide Leichen wurden geborgen. Aus dem P l ö tz e n s e e wurde gestern die Leiche eines unbekannten Mannes geborgen, der nur mit einem Badeanzug bekleidet war. Im Zeuthener See ertrank der 35 jährige Buchdrucker Georg Witzig aus der Reichenberger Straße 71. Im Stößensee fand der 20 jährige Ardeiter Gustav Kohl aus der Hedwigstraße 7 den Tod. Außerdem werden noch einige Ausflügler, von denen man glaubt, daß sie beim Baden ertrunken sind, von ihren An- gehörigen vermißt. Beim Durchschwimmen der Havel auf der höh« von Gatow geriet der 29 jährige Kaufmann W'lhelm h-ßler aus der Darmstädter Straße 10 in Halensee in die Schnaube eines Motorbootes. Der Verunglückt« erlitt schwere Unterj.henkelver- letzungen und mußte ins Krankeichaus gebracht werden. Die Boote des Reichswasser schütze- patroullierten während de» ganzen Tages auf den Gewässern, und erst nach Ein- bruch der Dunkelheit war der schwere und verantwortungsvolle Dienst der Beamten beendet. Mehrere Badende, die bereits untergegangen waren, konnten durch den Reichswalserschutz noch recht- zeitig geborgen und ins Leben zurückgerufen werden.— Don der Geschäftsstelle des Arbeiter-Samariter-Bundes, Rettungsstation Tegel, wird mitgeteilt, daß von Mitgliedern dieser Organisation in 133 Fällen Hilfe geleistet wurde. Neun Krankentransporte wurden ausgeführt, bei elf Ertrunkenen waren die Wiederbelebungsversuche von Erfolg. Für die Berliner Verkehrsmittel. Nororchahn, Straßenbahn, Autobus und für einige Strecken der U-Bahn, war der gestrige Sonntag ein Großkampftag erster Ordnung. Die Straßen. txchn hatte alles zur Verfügung stehende Wagcnmaterial auf die Schienen gebracht, und trotzdem waren die Masten kaum zu de- wältigen. Obgleich rund eine halbe Million Ferien reisend schon.zu Anfang des Monats Berlin verlassen hoben, wurden gestern allein auf der Eisenbahn und auf der Straßenbahn über vier Millionen Fahrgäste befördert. Paris, 22. Juli(Eigenbericht). In Paris und Umgebung sind am Sonniag 24 Personen ertrunken. Die Unsallstalislik ollein für den Autoverkehr verzeichnet sieben Tote. Am Gcbirgsmassiv des Montblanc sind drei Bergsteiger abgestürzt. Ser Staatsanwalt widerlegt Alsberg. Replik im Siinnes-prozeß. Um 10 Uhr morgen» erössnele der Vorsitzende. Amts- lichter Arndt, die Verhandlung im Stinnes-Prozeh und erleille dem Slaaisanwali Berliner das Wort zur Replik. „Sie werden nicht erwarten." sagte der Ankläger,„daß ich auf alle Punkte, die von der Verteidigung berührt wurden, eingehe: ich will nur das ganz Wesentliche hervorheben und in erster Linie Rechtsanwalt Alsberg antworten. Er hat behauptet, das Vorverfahren in der Stinnes-Sache erinner« an die In gut st- tionsprozesse des Mittelalters. Das wäre vielleicht richtig, wenn alle Bekundungen der Angeklagten der Wahrheit entsprochen hätten. Die Beweisaufnahm« hat ober alle diese Behaup- tungen, wie zum Beispiel das vom roten chaftformular oder von der Aushungerung, widerlegt, und ich wäre ein schlechter An- walt de» Staates, wenn Ich alle dtest Anwürfe gegen die Beamten unwidersprochen lassen würde. Als Rechtsanwalt Alsberg sah, daß st« nicht aufrechtzuerhalten sind, rückte er mit einer anderen Behauptung heraus: die Strafprozeßordnung sei in diesem. Falle abgeschafft worden, erklärte er. (?r hatte aber vergessen, daß angesehene Kommenta- toren Handlungen, wie sie hier dem Untersuchungs- richter zur Last gelegt wurden, für zulässig erklären. Sollte etwa nur die Meinung des Herrn Rechts» anwalts Alsberg richtig sein, sollten die Ansichten aller anderen Kommentatoren nichts gelten? Es soll nicht bestritten werden, daß geringfügige Berstöße gegen die Strafprozeßordnung vorgekommen seien: auf die Wahr- heitsfindung hoben sie doch keinen Einfluß gehabt. Wie steht es aber mit den Stinnes belastenden Momenten? Ich habe der Anklage die heutigen Angaben des Angeklagten zugrundegclegt und habe nachgewiesen, daß Sttnne» von vornherein das Gefühl einer unerlaubten Handlung gehabt habe» muß. Das ergab sich aus seiner ersten Aktennotiz über das Geschäft. Beide Der» leidiger des Herrn Stinnes haben aber wohlweislich an dieser Notiz vorbeigesehen. Stinnes hat seine Bekundungen über den Zeit- punkt, an dem ihm der betrügerische Charakter des Geschäftes klar- geworden sein mußte, viermal geändert. Wem, aber die eigenen Angaben des Angeklagten das beste Bcweismaterial sind, ist der fortwährende Wechsel in den Angaben gleichfalls ein vorzügliches Beweismittel. In dem Widerruf des Geständnisses am 6.-September 1928, der doch jedenfalls nach reif- licher Ueberlegung zustandegekommen ist, hatte Stinnes erklärt, daß «r spätestens im Mai 1927 von den gefälschten Unterlagen Kenntnis erhalten habe. Als er aus der Anklageschrift ersah, daß dies Ge- ständnis für ihn kritisch sein könne, änderte er in der Hauptverhandlnng seine Aussage dahin um, daß er geglaubt habe, die gefälschten Unterlagen bezögen sich auf ein legales Geschäft. Eigentümlich erscheint es aber, daß Stinnes den Angeklagten N o t h m a n n gefragt hat, ob nicht bei dem rumänischen Ge- 'chäft etwas Aehnliches vorgekommen fei. Beide Geschäft«, das ranzösische und das rumänische, stammten aus der gleichen Quelle: handelte es sich bei jenem um falsch« S ch l u ß n o t e n, so konnte es sich bei diesem nicht um wiederhergestellte verlorengegangene Duplikate handeln, wie Stinnes es hier glauben machen wollte. Di« Frage an Rothmann beweist, daß Stinnes einfach befürchtet Hot. auch beim rumänischen Geschäft könnten gefälschte Unterlogen ver- wendet worden sein. In Waldow« Vernehmungsproto« tollen und in denen des Angeklagten Stinnes ist deshalb stets von� gefälschten Dokumenten die Rede. Geht man aber von Stinnes' Geständnis vom 30. August-1928. aus, so hat er bereits vor Weihnachten von den gefälschten Schlußnoten Kenntnis«rhallen. Rechtsanwalt Alsberg berief sich in seiner Rede auf die in diesem Bernehmungsprowkoll nieder» geschriebenen Worte:„Es kann fein, daß ich bereüs vor Weih» nachten Kenntnis erhalten habe." Es heißt aber in dem Protokoll weiter:„Richtig ist, daß Waldow mir bei dieser Gelegenheit van den gefälschten Papieren erzählt Hot." Da aber Waldow erklärt, daß dies vor Weihnachten gewesen ist. so sind die Worte„Es kann fein" so zu verstehen, daß Stinnes mit ihnen gesagt haben wollte: dann kann es eben vor Weihnachten gewesen sein. Für den Tntbestand des versuchten Betruges bleibt es sich schließlich gleich, ob Stinnes bereits im Rovem- ber 1926 oder erst im Mai 1927 von dem betrüge- rischcn Charakter des Geschäftes erfahren hat. Fest steht unter allen Umständen, daß Waldow mit Wissen und Willen Stinnes' nach Amsterdam geflogen Ist. um tzendrix zu veronlasie», das Geschäft trotz der gefälschten Dokumente durchzuführen; daß Waldow sich im Juni auf Veranlassung von Stinnes nach Paris begeben hat, um dort den Altbesitz trog alledem durchzudrücken. Selbst wenn Waldow» Behauptung, er habe nach jeder Reis« Stinnes von allem unter- richtet, was sich zugetrogen hat, nicht zutreffen sollte, und tr das" von ihm als betrügerisch erkannte Geschäsl anfangs auf eigene Kappe hat zu Ende führen wollen, so war er jedenfalls gezwungen. Stinnes über alles aufzuklären, nachdem er sich überzeugt hatte, daß die Situation verzweifelt geworden war. Staatsanwalt Berliner widerlegt nun Schritt für Schritt die Argumente des Rechtsanwalts Alsberg, die Waldows Geständnis als nicht beweiskräftig er- scheinen lassen sollten. Cr geht darauf zur Beantwortung der Red« des Waldowschen Verteidiger», Rechtsanwalts Ehler», über. Er warnt die Richter, ihrem Urteil die vielen Tatsachen zugrundczulegen, die nicht Gegen. stand der Hauptoerhandlung gewesen sind, vom Rechtsanwalt Ehler» aber in seinem Plädoyer unerwarteterweis« vorgebrocht wurden. Der Staatsanwalt repliziert bei Redaktionsschluß weiter. Gtraßenbahnunglück in Grünau. 36 Ausflügler verletzt. Am Freibad Grünau ereignete sich am Konnlag. abend ein schweres Skraßenbahnunglück. Ein au» Verlin In Richtung Schmöckwitz fahrender Straßenbahnwagen der Linie SS E fuhr einem aus enlgegeugesetzter Richtung kommenden Straß enbahnzug derselben Linie. der mit heimfahrenden Ausflüglern dicht beseht war. Infolge falscher wclchenstellung In die Flank«. Die wagen wurden schwer beschädigt. 3 Personen erlitten ernstere, 33 ander:: leichte Perlehnngen. Die Unfallstelle liegt dicht am Eingang zum Freibai Grünau. Der Einsatzwagen der Linie 80 näherte sich in Normo.- geschwindigkeit der Weiche, die mechanisch funkttoniert. Zur leiben Zeit näherte sich aus der anderen Richtung eine Straßenbahn, die nur schwach besetzt war. Plötzlich bog der von Berlin kommende Straßenbahnwagen in die falschgestellte Weiche ein und fuhr der vollbesetzten Straßenbahn in die Flanke. Sämtliche Scheiben waren zertrümmert, in größter Hast drängte alles den Ausgängen zu. Zunächst herrscht««in furchtbares Durcheinander, bis von ollen Seiten Hilfe herbeiellte. Zahlreiche Ausflügler griffen hilfsbereit mit ein und als die alarmierte Feuerwehr und mehrere Wagen des Städtischen Rettungsamtes an der Unfallstelle anlangten, war die Mehrzahl der Verletzten bereits geborgen. Ein Ehepaar Becker aus der Wichertstraße 5 und eine Frau Hedwig H e ck e r t aus der Gubener Straße erhielten aus der Sanitätswoche im Freibad die erste Hilfe und wurden später ins Krankenhaus gebrocht. Die übrigen Fahrgäste hatten nur leichte Glassplitterverletzungen, Hautabschürfungen und Nervenschoke er- litten: alle konnten in ihre Wohnungen entlassen werden. Die Feuerwehr war mehrere Stunden mit den Aufräumung»orb«it«n beschäftigt. Die Jlntersuchung hol über die Ursache de» Zusammen. stoße» noch keine Klarheit bringen können. Die Weich« ist«m« mechanische, die bei Benutzung mit siner Stange umgelegt wird. Sie wird für gewöhnlich wenig gebraucht. Da» war dem Fahrer bekannt und er erwartete, sie in Fahrtrichtung gestellt zu sinden. Es wird die Möglichkeit erwogen, daß bei dem sehr starken Ausstugsverkehr am gestrigen Sonntag Personen unabsichtlich Steine dazwischen geschurrt haben oder die Umstellung mit Stöcken oder Schirmen bewirkt hatten. Oer Mut zum Kinde. Von Clara Bohm-Schuch. Wir sntnrhmen diesen Beitrag dem neuesten Beste von„Körper- ditdung, Nacktkultur" von Adolf Koch und Dr. Hans Groa». lTonderdest Nackt.l Di« reich und gut illustrierte Nummer enthält terner»wei Leitausfäste pon den Herausgebern, sowie Beiträge über Berus und Sumnastik, Nacktheit und So,ialismu» und ,w«> mit Blossen und Lesesrllchten wobl gespickte Rubriken»ur Zeitgeschichte. Es gibt nichts Lieberes und Schöneres auf der Welt, als ein Kind! kein höheres und reineres Glück als das der Elternschaft. Aus tausend Quellen strömen neue Kräfte für Mann und Frau in der Freud« an dem kleinen Menschlein. Aber«s gibt auch keine größer« Verantwortung, als die, ein Kind zu haben, für sein Gedeihen an Leib und Seele zu sorgen, all« guten Keime zu entwickeln, alle minder guten niederzuhalten, bis aus dem hilflosen Wesen der ersten Lebens- jähre eine starke, zielklar« Persönlichkeit geworden ist, die den Lebenskamps besteht. Gerade das Bewußtsein dieser Verantwortung ist es, das die besten der jungen Menschen von heute zögern läßt, Kinder in die Welt zu setzen. Die Wirtschaftslage der großen Volks- massen ist unsicher, wer heute noch Beschäftigung hat, kann sie morgen verlieren. Die Entlohnung steht in keinem Verhältnis zu dem Ver- brauch an Körper- und Nervenkraft, den das Tempo der Arbeit b«> dingt. Gleichzeitig aber fordert diese unausgesetzte Anspannung der Kräfte Auslösung in sportlicher Betätigung. Wanderungen, Reisen, Theater, und Konzertbesuchen, kurzum in der Befriedigung bestimm- ter Kulturbedürfniss«, die— wenn auch in bescheidensten Maßen— Geld kosten. Dos größte Uebel in dem ganzen Komplex Wirtschaft- licher Notstände unserer Zeit ist das Wohnungswesen. Nach der Reichswohnungszähhlng vom Mai 1927 lebten 369 000 Familien mit 2 und 377 000 Fannlien mit 3 Personen als Untermieter mit eigener Hauswirtschaft, also ohne eigene Wohnung. Das sind die jungen Ehe- paare, die nach allen Naturgesetzen und meistens auch nach eigenem Sehnen Kinder haben würden, aber weil kein Raum vorhanden ist, weil sie die schon enge Wohnung mit den Eltern und Geschwistern teilen, auf das beste Glück verzichten wüsten. Bekommen sie endlich, noch langen Wartejahren, eine eigene Wohnung, dann ist die Miete so teuer, daß sie mir bestritten werden kann, wenn Mann und Frau erwerbstätig find. Wenn Neubauwohnungen(ZlltwoHnungen gibt es nicht) von Zimmer in Groß-Berlin bis 63 Mark, 214 Zimmer bis 110 Mark Monatsmiete kosten, so ist es unmöglich, daß die ge- samten Lebenshaltungskosten bei den heutigen Löhnen und Ge- hältern von dem Mann« allein aufgebracht werden können, wenn er auch eine noch so sparsame Hausfrau zur Seite hat. Die junge Frau muß also mitarbeiten, mitverdienen und sie muß auf die Mutterschift verzichten, wie sie sich auch danach sehnen mag. Von den 32 Millionen erwerbstätigen Menschen in Deutschland sind 1114 Millionen Frauen; über 3)4 Millionen davon sind verheiratet, verwitwet, geschieden. Wieviele Mütter unter all diesen Erwerbenden sind, ist nicht gezählt, aber auch ihr« Zahl wird Millionen umspannen. Sie haben den Mut zum Kinde gehabt, trstz aller Mühe und Not: Sie wollten nicht auf ihr höchstes Glück verzichten. Bewundern muß man diese Frauen, die die dreifachen Pflichten der Erwerbsarbeiterin, der Hausfrau, der Mutter zu erfüllen versuchen. Vielen wird es nicht gelingen, sie werden versagen mästen, weil die Belastung zu groß ist, und die es schaffen, sind übermenschlich stark an Leib und Seele oder sie er- schöpfen ihre Kräfte vor der Zeit. Die bürgerlichen Parteien wollten vor dem Kriege niemals an- erkennen, welche ursächlichen Zusammenhänge zwischen der Wirt- schaftsentwicklung des Kapitalismus und dem Sinken der Geburten- Ziffern bestehen. Und doch redet allein dos Anwachsen der Frauen- «rwerbsarbeit in den letzten 30 Jahren eine deutliche Sprach«. Neben dem Verzicht auf das erst« Kind, besten Ursachen ich oben darzulegen versuchte, ist vor allem die Zahl der Mehrgeborenen unaufhaltsam zurückgegangen und wird unter den verschärften geschlechtlichen und sozialen Nöten unserer Zeit weiter sinken. Die Frau— besonders die schon mehrmals Mutter ist— ist überbürdet mit Arbeit und 4"e- antwortung. Sie sieht keinen anderen Weg zur Entlastung als d.e Einschränkung der Kinderzahl. Wenn es durch Verhütung der Emp fängnis geschieht, wird kein vernünftiger Mensch etwas dagegen ein- wenden können. Wo dagegen die Schwangerschaft unterbrochen, eine Abtreibung der Leibesfrucht vorgenommen wird, in den meisten Fällen ohne sachgemäße ärztliche Hilfe, weil die bestehenden Straj- bestimmungen das bedingen, ersteht eine körperliche und seelische Gefahrenquelle für Gesundheit und Leben der Frau, die zu ernster Beachtung nötigt. Profestor Liepmann, Berlin, rechnet jährlich 23 000 Todesfälle und 250 000 Unterleibserkrankungen auf Ab- treibungen, deren Zahl auf 1 Million im Jahr geschätzt wird. 43 Proz. oller Fälle von Sterilität sind auf die Vernichtung der ersten Kindee- frucht zurückzuführen, und gerade diese letzt« Zahl schließt eine lim summe von verlorenem Glück und seelischer Marter ein. Darum haben wir die Abtreibung stets bekämpft und die Vei. hütung der Empfängnis propagiert. Aber alle Zwangsmaßnahmen zur Förderung der Geburten lehnen wir ab, weil sie ein Ausnahme- gesetz gegen die minderbemittelten Kreise darstellen und in der Un gerechtigkeit ihrer Anwendung verbitternd wirken müssen. Sie ver- hindern die sachgemäße HUf« des Arztes durch Strafandrohung, treiben die Frauen den Kurpfuschern in die Hände und schädigen da- durch die Volksgesundheit am schwersten. Da es heut« noch kein empfängnisverhütendes Mittel gibt, das unbedingt und unter allen Umständen wirksam und allen zugänglich ist, muß konsequentcrweife die Aufhebung der Abtreibungsparagraphen des Strafgesetzbuches verlangt wetzen. Aus diesen und aus sozialen, gesundheitlichen und ethischen Gründen brachten wir im Jahre 1920 im Reichstag einen Antrag auf eine entscheidende Reform der Strafbestimmungen«in. Er kam bis zum Jahre 1924 überhaupt nicht zur Verhandlung. Di« Androhung schwerer Zuchthausstrafen bestand weiter und trotzdem oder gerade deswegen mehrten sich die Abtreibungen mit all ihren traurigen Folgen.— Endlich im Jahre 1926 führte unser Kampf dazu, daß eine Novell« zum Strafgesetzbuch angenommen wurde, wo- nach die Abtreibung, wenn sie von der Schwangeren selbst oder von einem anderen auf Wunsch unentgeltlich ausgeführt wird, nicht mehr als Verbrechen mit Zuchthaus, sondern als Vergehen mit Gefängnis bestraft wird. Auch nach dieser Aenderung ist es zu unserem Ziele: im Interesse der Volksgesundheit die Behandlung ganz in die Hände des sach» kundigen Arztes zu bringen— noch weit. Aber es ist immerhin ein Schritt vorwärts und wir müssen weiter kämpfen. Die Hauptsache bleibt noch wie vor eine weitgehende Aufklärung über die Ver- hütung der Empfängnis, damit Abtreibungen nicht notwendig werden. Viel mehr Ehe- und Sexualberatungsstellen tun not, in denen olle sich in geschlechtlichen Nöten befindlichen Menschen Rat und Hilfe holen können. Wieviel Ehen zerbrechen an der Unwisten- heit auf diesem Gebiete, wie oft wird die geschlechtliche Hingabe er- niedrigt aus Angst vor dem Kind, bis sie zum Ekel und Haß ge- worden ist. Unsittlich und demoralisierend muß der Zwang bei der Zeugung neuer Menschen wirken, wo die Freiheit des Willens gleichzeitig die sittliche Grundlage für das neue Leben darstellt. Jede Frau muß das Recht fordern, freie Menschen zum Licht tragen zu dürfen; unsere Kinder haben das Recht auf Lebensfreude und Schönheit schon vor der Geburt. Der Mut zum Kind wächst mit der Besserung der wirf- schaftlichen, hygienischen und kulturellen Lebensbedingungen der breiten Masten. Die Sehnsucht nach dem Kind, dem lebendigen Weiterleben, wird nie versiegen. Die Freiheit des Willens zur Mutterschaft aber ist die einzige Sittlichkeit. Nur aus ihr kann«in neues, verantwortliches, freies Geschlecht hervorgehen. Frankreich unterschreibt. Acht Stimmen Mehrheit jür den Schuldenvertrag mittlGA. pari», 22. Juli.(Eigenbericht.) Die französische Kammer hat am Sonnabend in einer Nacht- l i tz u n g vor überfüllten Tribünen und vollbesetzter Diplomaten- löge die Ratifikation der Schuldenabkommen mit Washington und London in der Form angenommen, die von der Regierung g e- fordet worden war. Der letzten Austimmung gingen äußerst be- wegte Diskussionen voran. Die Regierung erlangte schließlich eine Majorität von acht Stimmen(300 gegen 292). Angenommen wurde die von dem Abgeordneten Delinge vorge- schlagen« Fassung der Vorbehalte in einer besonderen Entschließung. während die beiden Ermächtigungsgesetz« selbst nur je «inen einzigen Artikel enthalten, der den Präsidenten der Republik zur Ratifikation autorisiert. In der Entschließung er- klärt die Kammer, daß Frankreich ohne schwerste Gefährdung seiner Volkswirtschaft unmöglich anders die nötigen Mittel zur Erfüllung der Schuldenabkommen finden könnte als durch die pünkliche E r- füllung der Reparationsverpflichtungen durch Deutschland. Daher seien die an die Gläubiger zu zahlenden Summen ausschließlich durch die von Deutschland eingehenden Beträge zu decken. In der Debatte, die der Slnnahme dieser Entschließung voranging, hing das Schicksal der Regierung bis zuletzt an einem Faden Noch nach Mitternacht wußte der Radikale P a l m a d e das Haus mit einer Rede gegen di« einfache Ratifikation mehrmals zu stürmischem Händeklatschen hinzureißen. Frankreich,«rklärt« er, könn« un- möglich auf 62 Jahre die geforderten Zahlungen auf sich nehmen, wenn es nicht der deutschen Zahlungen sicher sei. Dann rief Palmad« unter stürnüschem Beifall, wenn Deutschland nicht mehr zahlt, dann werden wir nicht sogen können: wir sind betrogen worden. Man wird sagen: Ihr selbst habt euch betrogen! Während sich auf der Regierungsbonk immer größere Nervosität zu verbreiten begann, bestieg gegen 142 Uhr Briand die Tribüne zu einer letzten Intervention und beschwor die Kammer, im Interesse der Aufrecht«rhaltung der Kredite Frankreichs, zu ratifi- zieren:„Di« entscheidende Minute naht heran. Jeder von Ihnen hat sich sein« Meinung gebildet. Di« Regierung erwartet von Ihnen eine klar« Entscheidung." Als nach der Abstimmung die Sitzung wieder aufgenommen wurde, herrschte im Hause«ine solch« Erregung, daß es dem Präsidenten nicht gelang, die Ruh« herzustellen und die Sitzung erneut unterbrochen werden mußte. Der Vertrag mit England wurde durch Handausheben angenommen. poincarö kündigt Rücktritt an. pari», 22. Juli.(Eigenbericht.) Die Annahme der Ratifizierung der Schulöenabkommen hat in London und Washington angesichts der nur acht Stimmen betragen- den Mehrheit für die Regierung eine K r i f« n st i m m u n g her- vorgerufen. So erklärt heute Leon Blum im„Populaire":„Mit der Abstimmung find wir in ein« politische Krise eingetreten, denn acht Stimmen Mehrheit bedeutet nichts, wo die Vertrauensfrage gestellt ist. Es scheint, daß die Regierung sich damit nicht zufrieden geben will und ist es daher sehr gut möglich, daß ernste Ereignisse in wenigen Togen geschehen können." Blum spielt damit auf das in parlamentarischen Kreisen mit großer Bestimmtheit verbreitet« Gerücht an, daß Poincarä den Präsidenten der Republik, Doumergue, schon am letzten Sonnabend seine Demission für den Augenblick angekündigt habe, wo die Ratifizierung auch vom Senat angenommen sei. Alle parlamentarischen Beurteiler, mögen sie auf der Linken oder Rechten stehen, sind sich einig in der Auffassung der Loge, daß durch die Abstimmung von Sonntag nacht die bisherige Rechksmehrheit des Kabinetts poincare zer- schlagen sei. Man würde es auf der Rechten gern sehen, wenn di« Radikalen wiederum als R o t h e l f e r einspringen und durch ihren Eintritt in dos Kabinett die zu schmal gewordene Regierungsbastz erweitern. Der radikal« Abgeordnete Dolodier erklärt aber heute in der „Republique". daß sein« Partei sich nicht zu derart kindlichen Spielen hergeben werde. Erwähnenswert ist. daß nach Ansicht aller porla- meniarischer Kritiker aus dem Pyrrhussieg des Kabinetts Poincari nur em Mann mit erhöhtem Prestige hervorgegangen ist: der Außenminister Briand._ Europa borgt von LlSA. Fast zwei Milliarden Mark im letzten Jahr. Washington, 22. Juli.(Eigenberieht.) Aus einer Mitteilung des Handelsministeriums er» gibt sich, daß Europa allein im letzten Jahre 481 Mil- lionen Dollar an Aktien und Anleihen von Amerika er» halte» hat. Ter Export amerikanischer Jlngzeuge und Flug- zeugzubehörteile hat sich im ersten Halbjahr 1»2S u« das Dreifache gesteigert; Deutschland gehört zu den Hauptkäufern amerikanischer Flugmotore. Oer Ltmgemeindungskrieg. vir Klage vor dem Staatogerichtshos. Hagen, 22. Juli. Die Ruhrgcmelnden. die zur„Abwehr der Eingemein. düngen" eine Vereinigung gebildet haben, hielten eine Sitzung ob. um zu der durch die Annahme der Umgerneindungsoorlagc im Landtag geschossenen Loge Stellung zu nehmen. Man war der Meinung, daß di« Ablehnung des Erlasses einer einstweiligen Dersügung durch den Stoatsgerlchtshos auf den Ausfall der späteren Entscheidung nicht die geringsten Schlüsie zulasse. Dt« Klag» vor dem Staats- -Gerichtshof solle mit allem Nochdruck durchgeführt iverden. Di« Tatsache, daß dieser hochpolitisch« Kamps von den beteiligten Kommunalpolltikern als„unpolitisch" bezeichnet wird, kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß sie sich mit diesem Kamps kein« Ruhmesblätter erwerben köonen. Schmuaglergesecht. In der Nähe von Elpaso(Texas) kam es zu einem schweren Feuergesecht zwischen einer amerikanischen Grenz- Patrouille und merikanischen Alkoholschmugglern. Ein amerikanischer Zollinspektor wurde getötet. Di« Schmuggler räumten schließlich da» Feld und zogen sich nach einem hartnäckigen Feuer- gefecht mit mehreren Verwundeten unter 5)int«rlassung ihrer Schmuggelware aus mexikanische» Gebiet zurück. Werden Musiker durch den Tonfilm brotlos? Don der Ortsverwaltung Berlin des„Deutschen Musiker-Berbondes" wird uns geschrieben: In der Abendausgabe des„Vorwärts" vom 16. Juli 1929 schrieb Dr. Kurt London über dieses Thema in einer Weise, der man nicht in jeder Hinsicht so ohne weiteres zustimmen kann. Es handelt sich dabei um di« Schädigung der Musiker durch den Ton- film und mechanische Filmmusik. Gewiß, der Tonfilm ist für die Kinomustker«ine ernste Angelegenheit. Wenn aber Herr Dr. London schreibt:„Nach Lage der Dinge besteh! recht wenig Hoffnung, noch eswas unternehmen zu können, bevor viele Tausende von Musikern entlassen und proletansiert werden", dann muß diesem krassen Pessimismus doch widersprochen werden. Zunächst möchte ich feststellen, daß wir Musiker gar nicht daran denken, dem Tonsilm alz Maschinenstürmer entgegenzutreten. Eine bürgerliche Zeitung brachte vor wenigen Tagen die Notiz, daß gelegentlich der Terra-Tonfilm-Aufführung„Der Hochzeitsmarsch" brotlose Musiker lärmend demonstriert hätten. Dos entspricht keines- wegs den Tatsachen, denn von der Polizei wurden die Kaufleut« L. R. und L. Z. als Dertronstranten sestgestellt. Die Musiker haben sich daran nicht beteiligt. Die Tonfilmfrage ist bei weitem noch lange nicht geklärt. Aus Amerika kommt die Nachricht, daß die ganze Bewegung schon ab- geflaut Ist und Kinomustker wieder«ingestellt werden. Die Berliner Kinomusiker aber müssen damit rechnen, daß in der kommenden Saison schon einige große Lichtspieltheater für den Tonfilm sich umstellen. Zweifellos aber werden viele Musiker zumindest vor- übergehend brotlos. Besteht aber nun tatsächlich wenig Hossnung. wie Dr. London schreibt, noch etwa« unternehmen zu können, bevor die katostrophal« Arbeitslosigkeit der Musiker durch Einführung des Tonsilms verstärkt wird? NeinI Den Musikern kann geholfen werden! Aendert den§ 16 des Reichsbeamtengesetzes, verwerft die zurzeit gültigen Richtlinien über Musikausübung durch Reichsbeamte, fchützt die Berufsmusiker vor Beamte», Dilettanten, und Aus- länderkonkurrenz. Dann wird die Gefahr einer Katastrophe beseitigt und die Arbeitslosigkeit der Berussmusiker stark eingeschränkt sein. E» handelt sich nicht nur darum, ein« ganz« Berufsgruppe vor schweren Erschütterungen zu bewahren,«, wäre dies«in« selbst- verständliche Pflicht,«ine kulturell« Aufgabe, der sich heute kein« Behörde mehr entziehen kann. In Amerika haben grvße Filmtheater, die im ersten Taumel des Tonfilm? ihre Musiker entlassen hatten, sie bereits wieder ein» gestellt, da der Tonfilm keinen Ersatz für sie bot. Sehnliches dürft« sich in Deutschland wiederhvlen. Der 12. Deutsche Sludentenlag in Hannover nahm die ver- schiedensten Entschließungen an, die sich mit der Haltung de» preußischen Kultusminister» befassen, mit dem Inholt des Poung-Plancs, den man natürlich in hochtönenden Worten ab- lehnt und mit der Zukunft der„Studentenschaften". Di« ganz«. Tagung war im höchsten Grade nationalistisch. Rückgang der Besucherzahl in den Museen. Eine Ausstellung der Besucherzahl der Staatlichen Museen in Berlin für das erste Halbjahr zeigt gegenüber dem Vorjahr« be- merkenswert« Veränderungen. Durchschnittlich ist ein Rückgang von 10 bis 18 Proz. zu verzeichnen, für einige Sondersammlungen, wie das Zeughaus sogar bis zu 30 Proz. Bezeichnenderweise ist gegen- über der Vergleichszeit des Vorjahres der Besuch sowohl im Alten und Neuen Museum wie im Kaiser-Fri«dr!ch>Mus«um nicht un- wesentlich zurückgegangen. Was die Verschiedungen innerhalb der einzelnen Monate anlangt, so ist besonders kennzeichnend der Rück- gang in den Monaten Mai und Juni, also zur Zeit der Festspiel- wachen, was nicht gerade eine Empfehlung der Festspiel-Saison darstellen kann. Auch die Besucherzahl im Schloß-Museum wie im Zeughaus ist recht erheblich gesunken, mit Ausnahme des Monats Juni. Einen Rückgang hat auch dos Museum für Völkerkunde durchweg zu verzeichnen. In der Statistik ist noch die Sammlung für deutsche Volkskunde und Kunstbibliothek aufgeführt, wovon ins- besondere die letztere sich eines bemerkenswert hohen Besuches in den Wintermonoten des Jahres erfreuen konnte. Insgesamt haben die Stilistisch erfaßten Museen im Monat Januar 36 980, im Februar 33172, März 72 618, April 78 706, Mai 55 687 und im Juni 61 813 Personen besucht. Abgesehen von den besonderen Ursachen, die wechselnder Art sind, sprechen auch allgemeine Faktoren mit. Die Museen in der biq- herigen Form sind überlebt, die Glorie, die sie in dem Zeitalter der bürgerlichen Kunstbildung umgab, ist endgültig verstorben. Es gilt nun Museen zu schaffen, die Volsbedürfnisien entsprechen. Da- für sind zurzeit aber weder Verständnis noch Neigung an den maßgebenden Stellen zu spüren. Und an Mitteln dafür dürste es auch fehlen. Verbot der amerikanischen Tonfilmapparate. In der Berufungsvechandlung vor dem Kammergericht wurde am Sonnabendnachmittag über den Patentstreit zwischen Tele- funken und der„Western Electric">Gruppe entschieden. Das Landgericht hatte seinerzeit die einstwellige Verfügung aufgehoben, die anläßlich der ersten Aufführung von„Sinzing Fool" im Berliner Gloriapalast erlassen worden war. Durch die letztinstanzliche Eni- scheidung des Kammergerichts vom Sonnabend wind diese Ber fügung von neuem unwiderruflich in Kraft gesetzt, da durch di? Benutzung der amerikanischen Tanfilmwiedergabe-Apparaiurcn des „Western Electric"-Systems deutsche Erfinderrecht« verletzt werden. In diesem Kampf zwischen den Patentinhabern ist das deutsche Fllmpublikum der Leidtragende: es wird vorläusig keine ameri- kanifchon Tonfilme zu sehen bekommen, und deutsche größeren Um- fange» gibt e» noch nicht. Va» DefizÜ der Remhardl- Festspiele. Der Münchener„Illusliicilc Sonntag" weiß zu melden, daß der GaraiitietondS für die Münchencr Rein- hardt-gestspiel« im Betrage von 170 000 Wart«oll in Anspruch atnommett werden mutz, vi« Beglückung de» deutschen voll» mit l-stspieltgen gest. picken hat also sowohl w veeBn nie in Münch««tzckto gemocht. Ein Werk der Völkerversöhnung. Oeutsch-sranzösische Kerienschulen. In diesen Tagen sind 33 französische Schüler mit drei Lehrern in Berlin eingetroffen, um an einem F e r i e n s ch u l- werk tcilzuneh.nen, wie es bisher bei uns noch nicht veranstaltet worden ist. Die jungen französischen Schüler sind in dem herrlichen L a n d s ch u l h e i ni der Stadt Berlin in Birkenwerder unter- gebracht worden, um dort fünf Wochen lang in Gesellschaft von 33 ausgewählten deutschen Schülern zu leben und ebenso wie dies« von deutschen und französischen Lehrern unterrichtet zu werden. Zu gleicher Zeit sind ebensolche Ferienschulen in Frank- reich errichtet worden, und zwar«ine in St. Omar im Norden und«in« andere in A v a l l o n in Mittelfrankreich. Auch hier werden junge Deutsche und Franzosen zusammen leben und lernen. Zum erstenmal hat auf französischer Seite der Staat selb st die Initiative ergriffen und durch Dermitt- lung der Akademien von Lille und Dijon sowie der französischen Zentralschulbehörde dafür gesorgt, daß nur wirklich würdige Schüler, die sich bereits in der deutschen Sprache besonders ausgezeichnet haben, darunter auch französische Kriegswaisen, an den deutsch- französischen Ferienschulen und am Zusammenleben mit den jungen deutschen Kameraden teilnehmen werden. Die deutschen Schüler wurden, 73 an der Zahl, sowohl für Frankreich, wie für Birken- werder, einer deutsch-französischen Schulgemein- s ch o f t entnommen, die seit September vorigen Jahres in Berlin besteht und an der unter Leitung beamteter Lehrkräfte l>00 besonders interessierte Schüler von vierzehn höheren Berliner Lehranstalten, städtischen wie staatlichen, teilnehinen. Gerade auf die ständige Arbeit in dieser Schulgemeinschast haben die städtischen Schulen den chauptwert gelegt, denn nur diese kann eine wirkliche Bar- bereitung für Auslandsreisen gewährleisten, bei denen auf die Schüler die verschiedensten Eindrücke einstürmen. Der größte Teil der französischen Schuler stammt aus Städten, die wie Arras, St. Quentin, Cambrai, Douai. Amiens, Lille, Balenciennes usw. die Unbilden des Krieges in höchstem Maße verspürt haben: ober auch Paris und die wichtige Hafenstadt Le Havr« senden ausgewählt gut« Schüler mit. Die K o st e n für die drei Ferienschulen werden insgesamt nur von öffentlichen Körperschaften getragen. Für Birkenwerder-.orgt auch finanziell � die Stadt Berlin, während die Berliner Schüler und ihre französischen Kameraden in Frankreich Gäste des Staates, der Akademien von Dijon und Lille uich einer großen Anzahl von Städten sind, unter denen wir Paris, Le Havre, Arras, St. Quentin, Cambrai, Douai, Amiens, Lille, Valencicnne- und so weiter nennen. Zahlreiche schöne Ausflüge sind von unseren französischen Gast- gebern geplant, die unseren Jungen nicht nur die Stadt Paris, sondern auch einen Teil französischen Landes zeigen werden. Auch die Stadt Berlin wird dafür sorgen, daß den Lehrern sowohl wie den Schülern, die sich in der deutschen Sprache und Kultur mit besonderem Interesse auszeichneten, die Tage des Aufenthalts in unserem Lande, die des Schaffens und Lernens sowohl wie die der Freud« und Erholung, ebenso nützlich werden wie unvergeßlich bleiben. Neichseinnahmen im Zum. Leichter Rückgang gegen Mai. Die Einnahmen des Reichs im Monat Juni 1929 betragen bei den Besitz- und Verkehrssteuern 323,4 Millionen RM., bei den Zöllen und Verbrauchsabgaben 216,7 Millionen RM., zusammen 540,1 Millionen RM. Dos Aufkommen aus der ver- anlagten Einkommen st euer war im Juni um 23,1 Millionen, aus der Körperschaftssteuer um 2,1 Millionen und aus der Umsatzsteuer um 16,2 Millionen Reichsmark geringer als im Mai: dies ist darauf zurückzuführen, daß im Mai noch größere Beträge auf den vierteljährlichen Vorauszahlungstermin vom 10. April ein- gegangen waren. Die Einnahmen aus der Vermögens st euer sind naturgemäß im Juni geringer als im Mai, und zwar um 77 Millionen Reichsmark, weil am 15. Mai ein Zahlungstermin sür diese Steuer war, der im Juni fehlte. An Lohn st euer sind in, Juni 7,1 Millionen Reichsmark mehr als im Mai, nämlich 121,1 Millionen Reichsmark, ausgekommen, eine Folge der Besserung auf dem Ar- beitsmarkt in dieser Jahreszeit und des Rückganges der Erftattun- gen für 1928, die im Juni 2.1, im Mai dagegen 7,6 Millionen Reichsmark betragen haben. Dos Steueraufkommen aus der Per- sonrnbeförderung war wegen der im Juni einsetzenden Steigerung des Rciseoerkehrs w diesem Monat um 3,5 Millionen Reichsmark höher als im Mai. Die Einnahmen aus den übrigen Besitz- und Verkehrssteuern weisen im Juni gegenüber dem Aus- kommen im Mai nur geringe Abweichungen auf. An Zöllen und Verbrauchsabgaben sind im Juni 3 Millionen Reichsmark weniger aufgekoipmen als im Mai. Dieses Minderaufkommen beruht lediglich auf den saisonmäßigen Schwankungen des Verbrauchs. Der Gescmrt Veranschlagung von 9325 Millionen Reichsmart im Reichshaushaltsplan stehen in Einnahmen im 1. Viertel- jähr 2136,5 Millionen Reichsmark gegenüber. Ein Viertel des Jahressolls ist also wie üblich im 1. Vierteljahr nicht erreicht worden, weil die Zahlungstermine für die Abschiußzahlungen der veranlagten Einkommensteuer, der Körperschastssteuer ui,d der Um- satzsteuer sowie die Abrechnungen der Zolläger in die späteren Vierteljahre fallen._ Prüfung derliiauischenVölkerbundsnoie polnische Gegenäußerung soll abgewartet werden. Gens, 22. Juli. Die litauische Note über die Gefahr von Grenzzwischenfällen zwischen Polen und Litauen hat nach einer Mitteilung des Völker- bundssekretariats gestern nachmittag in Paris den Gegenstand einer Ueberprüsung Mischen dem derzeitigen Ratspräsidenten Adatschi- Japan und dem Berichterstatter Quinones de Leon-Spanien, gebildet. Beide stellten fest, daß eine Abschrift des.Schreibens bereits vom Generalsekretär des Völkerbundes dem ständigen Vertreter Polens beim Völkerbund behufs eventueller Gegenäußerungen seiner Re- gierung zugestellt wurde. Dem Ratspräsidenten und dem Bericht- erstatter erschien es, wie es in der Mitteilung des Völkerbundssekre- tariats weiter heißt, zweckmäßig, vor einer weiteren Prüfung des litauischen Antrags die polnischen Gegenäußerungen abzuwarten. Maßgebend für diese erste Ueberprüsung des litauischen Schrei- Kens ist die grundsätzliche Entscheidung des Dölkerbundsrots vom 10. Dezember 1927, in welcher der bis dahin formell bestehende Kriegszustand zwischen Polen und Litauen als beendet erklärt wor- den war. Im 7. Absatz dieser Entschließung wird festgestellt, daß im Falle eines Grenzzwischenfalls oder einer dahingehenden Drohung der Generalsekretär des Völkerbundes auf Antrag einer der beiden Parteien sich mit dem amtierenden Ratspräsidenten und dem Be- richterstatter in Verbindung zu setzen hat, die dann die von ihnen als nötig erachteten Befriedungsmaßnahmen anzugeben haben. Gleich- zeitig enthält diese Entschließung die Erklärung, daß beide Parteien sich verpflichtet haben, eine Untersuchung des Völkerbundes zu er- leichtern. pariser Ookumenienveröffentlichung. Zur Vorgeschichte des Weltkrieges. Paris, 22. Juli.(Eigenbericht.) Der erste Bond der seit langem in Vorbereitung befindlichen amtlichen französischen Dokumenten-Deröffentlichung zur Vorgeschichte des Weltkrieges ist am Sonnabend erschienen. Di« Veröffentlichung wird von einem Komitee vor» genommen, das je zur Hälfte aus Historikern und Diplomaten zu» sammengesetzt ist. Der vorliegende Band behandelt die Periode vom 4. Dezember 1911, dem Tage des Abschlusses des deutsch-französischen Marokko- vertrag«?, bis zum 7. Februar 1912, dem Tage der Abreise des eng- lischen Kriegsministers Haldane nach Berlin zur Einleitung von Verhandlungen über eine deutsch-englische Flottenoerständigung. Es sind in ihm 631 Dokumente oereinigt, deren Auswahl aus den Ve- ständen von 4600, im Zusammenhang mit der betreffenden Periode stehenden Schriftstücken getroffen wurde. Japan sür zloitenverminderung. Aereitfchast zur SeeabrüflungSkonferenz erklärt. Dos japanische Kabinett hat nach Tokioter Meldungen seine Sitzung am Freitag ausschließlich der Frage der Flottenbegrenzung gewidmet. Nach einer Berichterstattung des Außenministers ist das Kabinett, wie zuverlässig verlautet, über folgende Hauptpunkte der japanischen Flottenpolitik übereingekommen: Japan ist durchaus bereit, an einer neuen Floltenabrüstungs- konferenz teilzunehmen, deren Ziel in einer positiven Ver- Minderung der Flottenrüstungen und nicht lediglich in einer Begrenzung besteht: Japan Ist bereit, die Festlegung des Orts. wo die neue Konferenz zusammentreten soll, und andere Einzel- heilen den englisch-amerikanischen Flottenbesprechungen zu überlasten und wünscht keine solche Konserenz auf japanischem Boden. Es wird die einfachste und verständlichste technische Methode für die Er- reichung des Zieles der Floltenabrüstung unterstützen. VrraNiwortl.'Qc dl« Redaktion: Solfpang Dchwa "Berlin Verlag: Lorwljrts Verl. drurkerri und Verlägsanstalt Bau: ;«olfgaug Schwarz, Berlin: Ängeiaen: Th.»lock«, rlag S. m. b. H.. Berlin. Druck: Vorwärts Vucht't-' lau! Singer ch Co.. Berlin TW 68, Lindengrabe Z. Hierzu l Beilage. Theater, Lichtspiele usw. » Uhr Barb. 9256 I Borrah Minevitsch's Elf amerikanische Vagabunden usw. plAza ! Tägl. S u. 813 Sonnt. 2,3 i8u Alex. 8066 INTERNAT. VARIETt Winrer ★ Cjarren* 8 nur» Zentr. 2818» Baumen erlaoDt| Kämpft Scbmcllng.Paolloo Wunderknabe Concfae und weitere Variet«. Neuheiten Volhsbtthne lbesteriniBlllovpliti SV, Uhr Berlin, wie es weint n. lacht Theater am Sdülfhauerdamm. Norden 1141 u. 281 BVi Uhr Gruppe langer Schaaspleler Zum 251. Male: Revolfe im Erzlehonoshaos letzte Aultfliiniaoen I Partei- und Gewerk- schaftsmitgl. gegen Vorzeigung des Mit- fliedsouches statt und 4 Mark nur 1 Mark Deotidiei liieater D.I. Norden 12310 8U% Ende gegen 11 Die Fledermaus Musik v.Joh. Strauß Regie: Max Reinhardt. Musik. Einrichtung E. W. Korngold. Ausstatte. L. Kainer KABAREJJ-'TANZ-PALAST• KAFFEE' BAU' 'griedrichstr. Q6 J&j Bahnhof Die Komödie J I Bismck.2414/7SI6 8V«, Ende geg. IO'/iU- Reporter 3 Akte v. Ben Hecht und Mac Arthur Regie: BslBZ BUoeri. Barnowjkj-Bnhnen Komttdianhaus Norden 6304 Täglich 8>ch Uhr Sommerpreise! n alco ist stärkend, erfrischend, bekömmlich, da aus bestem Zucker und naturreinen tfruchfaromen hergestellt. Rose- Theater, Gro�c Frankforier Sir. 132. Auf der Garienbflhac Täglich 5.30 Uhr dgrofieVarletönommerD und Gräfin Mariza. Im inncBilieaier TSgUdt 8.15 Uhr: „OEAF" Tragadle eine. Sportler« distal denandi. nur Ntr Isdiiasi aalten. Gesan und Bein, wenn antuestoesielit In 13 Tagen sind Starfcfe• Krflow O. a. b. Hl, Und» i«-7. Mnwnimnr 470»/--- savere FSile beseitigt vorden. Unantastbare Helleflnlge. Beslitfggng nnd Relerenzen. ärztlich emptohian. S-Iklw«. Inraildenstnias 10b. 18-12. Reichshallen-Theater [TJ uhr. Gastspiel der beliebten DresflnerVIktorla-sanfler Neues glänzendes Programm! Billettbestell. Zentr. 11263 I.Aug.: Wiederauftreten der Stettiner Sänger Dönhoff- Brett) Voriel«: Tanz Orchester Adolf Becker ••••••••••»•••••••••• Sommer-Garten-Theater Berliner Prater 61 58, Kast-Allee 7-1 Tel. Hb. 2246 Gastsnlsl Busiel Ecei. erat«) Uilsn Zarewirtsda Operette von Franz Lehdr Dnzn der grobe Varletäieil. Anfang Konzert 4.30. Burleske u. Variet« 8 Ohl. Cperette 8.30. icdan Donngrstag grohar VolRsiag. Jed. Mittw. Kinderlest n. Vertosnng Kurtfrstenflamm 193 wD§r blaie Voeer Bliinanlc 2551. 150 Gantspiel der wcllbekanaicn Chansonniere ISA KREMER CUKRE BAUROFF COMEDiAN-HARHONIST u. a. 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SV« Blanbarl Operette von Offenbach Kammersänger Valter lirehhofl Thut.aniKaiui.ror Kottb. Str. 6 Bis 31. Juli Tägl. i Uhr Gastspiel der 8 Origigal Lalpslgor Frltx- Wobar» Stingsr mit ibrm lir ivlia nili. neuen Programm Verkäufe Möbel Palenfmatragen„titintifftma*. Metall. betten. Auflegematraken. Chaiselongues. Walter. Stargarderstrabe achtzehn«ein Laden_• MibeNäufer «erfe«redtt und das »öbelboiar, große ilnow-dl, (leine Preiicl Beispiele: Sdllafjimmet 455. Speisezimmer 345, tetten Jimmet 260. Spteaelschränfe 118, nrichtefllchen 75, itleiderschränle 48, Halzbeltstellen 48, Chaiselongue» 28, Metall liettstellen 18, jlullegematratzcn 13. Sonstige Mäbel entsprechende Preise. Teilzahlung aufschlagirei, Wochenraten, Monatsraten. Riem« Anzahlungen. Raha-Sabatte di» zehn Prozent, stredite di» zwei Jahre. Maßige Zinsen. Reu- fölln. Hermannplatz?: Steglitz. Schloß. straße 107: Belle-?'"-e-Straße gz. Untergrund-Bahnhof.' Musikinstrumente gialpianas, Oberau» preiswert. Piano. tabrif Ltnf. 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Stierkampf oder Stierquälerei? Carmenromantik und Wirklichkeit Jede spanische Stadt, auch die kleinste, besitzt ihr« Plaza de T o r o s, ihre Stierkampfarena. In Madrid und in Sevilla sind es gewaltige Bauten, die 15 OVO Zuschauern Platz bieten. Am Sonntag und manchmal auch am Donnerstag, mit Ausnahme der Winter- monate, finden in ganz Spanien die sogenannten Stierkämpfe statt. Am späten Nachmittag, wenn sich die schlimmste Sonnenglut ge- mildert hat, wandern ungeheure Menschenmengen nach der Plaza. Stierkampf arena in Uladrld. Reiche und Anne, Männer und Frauen � zieht die Arena wie ein Magnet an. Der Preis der Plätze ist sehr verschieden, er richtet sich insbesondere nach der Schatten- und nach der Sonnenseite. Die Schattenseite— sombra— ist natürlich die teuere, ein guter Platz tostet dort etwa 6 M. In den Logen, soweit sie nicht für den Hof, die Ministerien, die Generalität usw. reserviert sind, dürfte ein Platz sogar erheblich mehr kosten. Di« Arbeiter und Angestellten füllen die Reihen auf der Sonnenseite, wo die Plätze zwar billiger, aber immer noch für ihre Verhältnisse recht hoch sind. Man sollte nun annehmen, daß, wenn alle Schichten der Be- völkeruny ein solches leidenschaftliches Interesse für Stierkämpfe zeigen, wenn die Aermsten tagelang jeden Groschen sparen, um einen Platz zu erschwingen, wenn jede größere Zeitung ein halbes Dutzend besonderer.Stierkampfberichterstatter" beschäftigt und seitenlange Berichte aus den, ganzen Lande über die Kämpfe des Vortages MMgWWWWUP, »er Stier rrlrd durch den Z-orero gereist. neröffentlicht, so müßt« es sich doch um etwas Einzigartiges handeln. Denn woher sollt« sonst diese nationale Volkstümlichkeil'stammen? Ich würde zögern, mein eigenes Urteil mit solcher Entschieden- heit hier auszusprechen, wenn es«in jubjektives und isoliertes wäre. Aber bezeichnenderweise haben f a st olle ausländischen Journalisten, ob Deutsche. Franzosen, Engländer oder Polen, un- gefähr den gleichen Eindruck gewonnen wie ich. Wir haben die Stierkämpfe als etwas Grausames, häßliches, Blödsinniges empfunden; und, was vielleicht das Sonderbarste ist: als etwas auf die Dauer unsagbar Langweiliges. Der erste Eindruck des Fremden, der die Arena zum ersten Mal« betritt, ist allerdings ein ganz anderer. Das äußer« Bild ist überaus malerisch. Der prächtige Bau, dessen Logen mit vorhängenden herrlichen bunten Teppichen geschmückt sind, die dichten Zuschauerreihen, die lebhaft gestikulierenden und dis- kutierenden Männer, die schönen Frauen, die ihre Fächer lässig hin- und herschwingen, die schmetternden Töne der Musikkapelle, da- zwischen die Rufe der fliegenden Wasser- und Obsthändler— all das ist für den Neuling zunächst«in wunderbares, fesselndes Bild, das Außerordentliches verspricht. Er erfährt noch eine Steigerung, als auf ein Fanfarensignal der Zug der sogenannten Stierkämpfer in ihren in der Sonn« glitzernden gold- und silberbestickten seidenen Gewändern die Arena betritt und unter feurigen Musikklängen durchschreitet, während ungeheurer Jubel die Menschen erfaßt. Aber das Schöne und Malerische hört in dem Augenblick auf, als der sogenannte Kampf beginnt. Ich wiederhole ausdrücklich: der sogenannte Kampf. Denn schon im Wort«„Stierkampf" liegt ein gutes Stück Fiktion und Heuchelei. Es gibt keine Stierkämpfe, es gibt nur eine Stierquälerei! Zum Kampf gehören zwei, gehören Aussichten auf beiden Seiten, gehört ein Mindestmaß von Gleichwertigkeit der physischen und geistigen Waffen. Würde man aber von einem Kampf« reden können, der sich abspielen würde zwischen einem betrunkenen Halbidioten mit einer Kinderpistole und einem Trupp von Soldaten, die über Handgranaten und Armeerevolver verfügen? Wobei noch ausdrücklich ausbedungen wäre, daß die Soldaten jeder- zeit Deckung nehmen dürfen, dem Halbidioten aber diese Möglichkeit von vornherein genommen wird! Da mag letzterer über eine noch so furchtbare Muskelkraft verfügen, man würde das niemals einen Kampf neimen, sondern höchstens eine Abschlachtung. Ein Trompetenstoß. An der Sonnenseite wird«ine eiserne Tür geöffnet und plötzlich erscheint an der Schwelle der zunächst ganz leeren Arena der erste Stier. Jede corrida besteht aus sechs hintereinander folgenden Stier- kämpfen. Di« Tiere sind meist schwarz, manchmal dunkelbraun. Sie werden von besonderen Züchtern geliefert, besonders aus der Umgebung von Salamanca, deren Namen an hervorragender Stelle auf den Plakaten und im Programm stehen und die ihren Ehrgeiz daran setzen, nur besonders kräftig« und wilde Exemplare zu liefern. Der Stier, der seit Tagen in einem dunklen Stall festgehalten wird, stürmt mit Wucht dem Licht entgegen und bleibt, von der Sonne geblendet, mitten in der Arena stehen. Di« Schreie der Menge oerwirren ihn, mit der plötzlich errungenen Freiheit weiß er schon nach wenigen Sekunden nichts mehr anzufangen. Manch- mal hat man geradezu den Eindruck, als wittere« r Unheil: er sieht sich um, schnauft und sucht den Ausgang, durch den er zum dunklen, aber sicheren Stall zurücklaufen könnte. Aber die Tür ist inzwischen wieder zugeschlagen worden: der Stier wird die Arena nicht mehr lebend verlassen. Von weitem locken ihn die T o r e r o s mit ihren roten und gelben Tüchern in den spanischen Nationalfarben. Manchmal dauert es eine ganze Weile, bis das ahnungsvolle Tier sich entschließt, da- gegen anzurennen. Dann pfeift das Publikum über diese Kampfes- unlust, und dieses Mißfallen gilt ebenso dem Tier wie seinem Züchter und den Veranstaltern überhaupt. Meist aber rennt der Stier schnurrstraks darauf los. Er ist noch ganz Kraft und Wildheit. Der Anblick ist imponierend und gefährlich. Aber siehe da: im letzten Augenblick verschwinden die Toreros durch schmale Oefsnungen hinter die Barriere, ixährend der Stier verdutzt davor stehenbleibt oder sich manchmal mit furchtbarem Anprall Mund und Nüstern blutig verletzt. Dieses Spiel wird acht- bis zehnmal wiederholt, um den Stier zu ermüden. Man merkt deutlich, wie seine Kraft nachläßt. Neuer Trompetenstoß: ein Verschlag öffnet sich und es erscheinen zwei Lanzenreiter— Picadores— auf jämmerlichen weißen Gäulen, die sich kaum auf den Beinen halten können. Die Pferde werden vorsichtig in die Nähe des Stieres gebracht. Der Picador richtet die Spitze seiner Lanze auf den Stier. Dieser erkennt schließlich die Gefahr und nimmt«inen Anlauf. Die Lanze bohrt sich in die linke Schulter des Stieres ein. Der Anprall ist noch immer stark. Oft vermag der Reiter nicht dem Stoß zu widerstehen und fällt vom Pferd. Oft verpaßt auch der Reiter den Stich und dann empfängt das Pferd den furchtbaren Stoß der Hörncr. PrimodeRivera hat vor Jahren angeordnet, daß die Pferde auf der gefährdeten Seite einen Polsterpanzer tragen müssen, so daß mancher Hornstoß glimpflich für sie ausläuft. Hat aber der Stier dennoch ein« ungeschützte Stelle erwischt, sei es am Bauch, fei es am Hinter- teil, dann ist es meist aus mit dem Pferd. Aus zerrissenen Schlag- ädern spritzt das Blut lzervor, oder es hängen au» dem aufgeschlitzten Bauch die Eingeweide bis zur Erde heru»ter. Rein äußerlich ist dieser nicht seltene Anblick der furchtbarste. Auf das spanische Publikum macht er aber nicht den geringsten Eindruck. Ich saß in Madrid während einer solchen grauenhaften Szene neben einem deutschnotionalen Kollegen, einem begeisterten Stahlhelm- barden und Revanchepolitiker. Er verbarg sein Gesicht und blickte zur Seite. Mir war der Anblick nicht weniger zuwider, aber ich '.fr.ry zog den Arm meines Nachbarn zurück und zwang ihn. auf den sterbenden Gaul zu schauen:„Das gibt es nicht, Herr Kollege," sagte ich zu>hm.„Sie treten dafür«in, daß Millionen von jungen Menschen wieder in den Krieg ziehen, um dort von Granate» zerrisien zu werden und Sie können nicht einmal sehen, wie ein Pferd seine Ge- därm« verliert und sie mit Huf- schlügen selbst zerreißt? Was ist das für ein Pazifismus, der sich auf die Stierkampforena bc- schränkt? Hinschauen, Herr Kollege, hinschauen I" Es wird immer nur die linke Schulter des Stiere, durch- bohrt, und das hat seine besonderen Gründe. Di« Lanze bohrt sich etwa 15 Zentimeter tief in die Muskeln hinein, und dies zweimal. Von diesem Augenblick an ist der Stier, der übrigens ganz« Liter Blut dabei verliert, nur noch fähig, mit einer Schulter und in einer bestimmten Richtung anzulaufen und zu stoßen. Wer das weiß, dem können nun alle weiteren Begeben- heiten nicht mehr sonderlich imponieren. Das Vorgehen der San- derillos. die dem hcraostürmend« Stier lange, bunte Stäbe Stier und Pieador. Ctfiun# durch den Tilalador. Xadarer wird forlgefchlelfl. mit hakenförmigen Spitzen in den Nacken bohren, sieht sehr toll- kühn aus. Aber eben weil die Hörner des Stieres immer nur noch nach der einen Seite ausschlagen können, ist die Sache bei weitem nicht so gefährlich wie sie anmutet. Dreimal wiederholt sich dieses elegant«, aber grausame Spiel. Mit sechs Haken im Nackenfleisch, die sich immer tiefer hineinbohren, je mehr der Stier, von Schmerz gepeinigt, oersucht, sie abzuschütteln, verliert das vorhin noch so mächtige und wilde Tie? immer mehr Blut und damit immer mehr Kraft. Deshalb ist es sonderbar, daß der letzte Akt. die Tötung durch den Matador, am meisten bewundert wird. Es mag gewiß sehr brenzlich aussehen, wenn der Matador mit seinem knallroten Tuch, das einen langen Degen verbirgt, dicht an den Stier herantritt und diesen fünf-, sechsmal und noch mehr „ stürmen läßt, um ihm im letzten Bruchteil einer Sekunde auszu- weichen. Aber erstens ist der Stier nur noch ein erschöpftes, ge- hetztes, mitleiderweckendes Ding: und zweitens ist es sein Ber, hängnis, daß er ausschließ- lich auf das rote Tuch geht und nie auf den Mann. Wenn—- was ab und zu passiert— einer seiner Peiniger ausgeglitten ist und dicht vor ihm am Boden liegt — dann genügt es, daß«in Gehilfe«inspringt und in einiger Ent- fernung seitlich das Tuch flattern läßt, um den Stier sofort ab, zulenken. Deshalb sind Unglücksfälle so selten. Würden die Stiere, anstatt wie durch ein Magnet lediglich von der roten Farbe an- gezogen zu sein, ihre wirklichen Gegner, den Menschen, er» kennen, dann würde es sehr bald keine Stierkämpfe mehr geben, weil keine Stierkämpser mehr die Arena betreten würden. Hat der Matador sein Opfer genügend hin und her gehetzt, dann bohrt er ihm den Degen in den Nocken durchs Herz. Das Publikum er- wartet und verlangt vom hochbezahlten Matador, daß er auf den e r st e n Stich töte, indem er das Herz sofort treffe. Aber sehr oft sticht er daneben. Der Degen bohrt, sich bis ans Heft in den Körper, die Spitze schaut aus dem Bauch heraus, aber der Stier lebt weiter: es sind nur die Lunge und der Magen durchbohrt worden. Dann muß der Matador den Degen wieder herausziehen, während das Pu- blikum johlt und pfeift— nicht aus Mitleid für das Tier, sondern aus Aerger über die Ungeschicklichkeit des Mannes. Ich sah in einem Falle in Sevilla, wie der Stier viermal hintereinander durchbohrt wurde— und immer noch lebte! Nur spritzt« er literweis« Blut aus. Und während er noch stand, um longsam zusammenzusinken, wurde er immer noch mit roten Tüchern zur Sonn« gehetzt: man ließ ihn nicht einmal in Frieden und im Schatten sterben! Kräftige Pfevde erscheinen, mit bunten Bändern geschmückt und hell klingenden Glocken: rasch wird um den Hals des toten Stieres «ine Schlinge gelegt, Peitschenhiebe knallen, der Kadaver wird im Galopp durch den Sand der Arena geschleift, ebenso die zugedeckten Kadaver getöteter Pferde. Auf die Blutlachen wird Sand gestreut. Das Spiel beginnt von neuem: sechsmal wiederholte es sich in zwei Stunden. Und weil es, trotz mancher Nüancen und Ueberraschungen, letzten Endes immer das gleiche Schauspiel ist, erscheint es uns sehr bald geistlos und eintönig. Man soll die Völker nehmen, wie sie sind und in der Kritik fremder Sitten Zurückhaltung üben. Deshalb sei ein Werturteil über die Spanier, die dieses Schauspiel zu ihrer Nationallcidenschaft er- koren haben, hier nicht ausgesprochen. Sie sind auch darin die Erben von 20 oder 30 Generationen. Gegen atavistische Instinkte läßt sich mit Moralpredigten und ästhetischen Begriffen schwer an- kämpfen. Ich glaube, daß der gesunde Menschenverstand mit der Zeit auch bei den Spaniern über den Atavismus siegen wird, seitdem ich gehört habe, daß z. B. in Barcelona die Liaea de Toros von der Bevölkerung immer mehr vernachlässigt wird zugunsten der Fußballplätze. Victor Lcbikk. Wettrennen zwischen Radfahrer und Tiger. Der französische Geologe Henri Mauvage, der aus Sumatra während längerer Zeit Studien machte, wohnte in dem h o l kÄ n- dischen Dorf Niewenhus. Mauvage hatte nach stunden- langem Arbeiten in der glühenden Tageshitze einst das Bedürfnis, sich im Schatten d�s Waldes zu erholen und bestieg sein Rad. In der Nähe eines Gewässers legte er sich nieder und geriet in einen Halbschlummer, als er plötzlich durch ein eigenartiges Knacken im Gehölz geweckt wurde. Sein Blut erstarrte, als er einen gewaltigen Tiger in eine freie Lichtung treten sah. Der Tiger bl.eb plötzlich stehen und starrte ihn an. M't Blitzesschnelle schwang sich der Ge- lehrte aufs Rad und raste davon. Einen Augenblick stutzte der Tiger, dann stürmte er ihm nach. Der Radfahrer hörte hinter sich die schweren Tritt« der dahineilenden Bestie und glaubte jeden Augenblick sein furchtbares Gebiß im Nacken zu spüren. In Todes- angst raste er den Abhang hinab dem Dorf- zu. Der Vorsprung. den er hatte wurde immer geringer, das Geräusch des verfolgenden Tieres wurde immer lauter. Als die Fahrt ungefähr 40 Sekunden gedauert hatte und sich bereits die menschliche Niederlassung näherte. schien es ihm, als ob der Tiger sich auf dem steilen Weg« bei seinem schnellen Dahinjogen überkugelt hätte und zurückblieb. Jedenfalls war er gerettet, denn als er kraftlos mit seinem Rade hinsank, war der Tiger verschwunden. Er hatte den Weg, zu dem er vorher- allerdings aufwärts— mehr als eine Viertelstunde gebraucht hat! abwart» in höchsteas ciaer Minute zurückgelegt. ROMAN VON WvRENCE H. D Copyright by Merlin-Verlag G.m.b.H., Baden-Baden (4. Fortsetzung.) Madome de Thebes hatte ihre Sprechstunden zu einer unge- wöhnkchen Zeit: zwischen acht und neun Uhr abends. Cardigan begab sich nach dem Abendessen zu der Hellseherin, die im besseren, wenn auch nicht vornehmsten Teil der Stadt in einem Geschäftshaus den zweiten Stock gemietet hatte. Anscheinend legte die Dam« Wert darauf, vornehm zu wirken, nicht den Gindruck des Uebereifers zu erwecken, denn Cardigan mußte, nachdem ihn der hübsche, klug aussehende Boy gemeldet hatte, im Vorraum eine geschlagene halbe Stunde warten. Dann ertönte ein Glockenzeichen, und der Boy führt« Cardigan in einen großen, ziemlich kahlen, nur matt erhellten Raum. Ig der Mitte des Zimmers befand sich ein schwarzer Tisch, auf dem eine große Kristallkugel stand. Cardigan wurde etwas unheimlich zumute. Er setzt« sich auf den Rand eines Stuhles und klopfte nervös mit dem Fuß auf den Boden. Eine Tapetentür ging auf. Cardigan hatte sie nicht bemerkt und gewann den Eindruck, als ob die Hellseherin, die nun das Zimmer betrat, geradewegs durch die Wand gekommen wäre. Vor ihm stand eine kleine, magere, weißhaarig« Frau mit glühenden tiefschwarzen Augen und einer leisen, etwas heiseren Stimme. „Was wollen Sie wissen?" fragte sie ohne Uebergang.„Der- gangenheit, Zukunft?" Cardigan wurde verwirrt: er wußte nicht, was zu antworten, interessierten ihn doch augenblicklich weder Bergangenheit noch Zu- kunft, sondern nur die Gegenwart. Er schwieg und starrt« das unheimliche alte Weiblein mit etwas törichtem Ausdruck an. Die Hellseherin drückte auf einen Knopf, und über Cardigans Sessel blitzte hell eine elektrische Birne auf. Sie setzte sich neben den Tisch, so daß ihr Gesicht im Schatten blieb, heftete die glühenden schwarzen Augen, die gor nicht zu dem alten Gesicht paßten, starr auf Cardigan, verharrte so, schweigend, ohne sich zu rühren, etwa fünf Minuten lang. Cardigan trat der Schweiß auf die Stirne, er fühlt«, wie seine Hände feucht wurden, seine Knie zu zittern begannen. Wird diese unheimliche alte Hexe ihn in alle Ewigkeit so anstarren? Endlich tönte die leise heisere Stimme ans. „Sie sind ein Mann, auf dem schwer« Berantwortung lastet." „Ja." Cardigan empfand ein Gefühl der Befriedigung: diese ganze Hellseherei kann kein Schwindel sein, wenn ihm die Frau sofort anmerkt, was für eine gewichtige Persönlichkeit er ist. „Sorgen bedrücken Sie, schwere Sorgen. Si« sind nicht imstande, etwas zu erfahren, das Si« unbedingt wissen müssen." „Ja," rief Cardigan noch verblüffter als zuvor. Eine wirtliche Hexe, eine Zauberin, diese Alte. „Ich kann Ihnen aber nur helfen, wenn Sie mir gegenüber vollkommen aufrichtig sind. Lügen verdunkeln Kristall," und die Hellseherin legte leicht die Hand auf die große Kristallkugel in der Mitte des Tisches.„Außerdem bringen sie Unglück, denn die verborgenen Mächte dulden nicht, daß man sie belügt." Ein leichter Schauder rieselte über Cardigans Rücken: es war ja immerhin möglich, daß es verborgen« Mächt« gab. „Ich werde vollkommen aufrichtig sein," erwiderte er mit nicht ganz fester Stimme. „Wer hat Sie hergeschickt?" „Ein Freund." Trotz aller Angst und Aufregung vergaß Cardigan nicht, daß er offiziell Buck, den Betriebsspitzel, nicht kennen und seinen Nomen nicht erwähnen durfte. Die Hellseherin starrte auf di« Kristallkugel, die plötzlich zu leuchten begaim. Dann schüttelt« sie den Kopf. „Ihre Worte waren wahr," sprach sie,„aber in Ihrem Geist lebt eine Lüge. Sie wollen den Namen des Freundes nicht nennen. Ich seh« in der Kristallkugel«ine dunkle Wolke." Sie schauderte. Cardigan fühlte plötzlich, daß ein kalter Luftzug durchs Zimmer strich und schauderte nun auch seinerseits zusammen. „Ah!" rief die Hellseherin.„Auch Sie fühlen die Kälte. Die unsichtbaren Mächte zürnen." Sie verstummte und starrte Cardigan von neuem mit ihren unheimlich glühenden Augen an. Der arm« Cardigan befand sich in einer bösen Zwickmühle: auf der einen Seite bedrohten ihn die„unsichtbaren Mächte", verweiger- ten ihm die gewünschte Auskunst, auf der anderen Seite aber lief er Gefahr, von einer äußerst sichtbaren, greifbaren Macht, von Calvin Füller,.zermalmt zu werden, wenn er nicht die Person des roten Hetzers feststellen konnte. � Er seufzte tief. Die Hellseherin wandte sich abermals der Kristallkugel zu. „Sagen Sie, was Sie von mir erfahren wollen," sprach sie müde.„Ich will versuchen, Ihnen«ine Antwort zu geben, wenn- gleich ich fürchte, daß es mir nicht gelingen wird." „Es handelt sich um eine Person, die im Betrieb Unfrieden stiftet," begann Cardigan zögernd.„Wir glauben... Buck meinte..." Verflucht, nun hatte«r dennoch den Namen genannt! Aber anscheinend war das der Hellseherin nicht aufgefallen, denn sie wiederholt« nur, wie in einem Traum: „Buck meinte..." „Es muß sich ein Organisator... ein roter Hetzer eingeschlichen haben," fuhr Cardigan fort.„Wir müssen erfahren, wer der Kerl ist." Die Hellseherin starrte in die Kristallkugel, sprach langsam, schleppend, wie aus dem Schlaf: „Schwer ist es. Freund von Feind zu unterscheiden. Oft halten wir Feind« für Freunde— und umgekehrt." Cardigan wurde ungeduldig: was nützt ihm das mystische Geschwätz? „Wer ist der Mann?" fragt« er gereizt.„Wie heißt er oder wie nennt er sich? Bei dem einen Kerl, dem Jerry Poggan, hatten wir es gleich heraus. Der neu« aber scheint schlauer zu sein." Die Hellseherin stöhnte, als ob sie von Schmerzen gequält würde, starrte in die Kriftallkugel, rief: „Das Gesicht! Das Gesicht!" Nach einer Weil« begann sie zu flüstern: „Ich seh«... ich sehe... der Nebel weicht..." Cardigan lauschte gespannt. ..Ei« großer breiter Mann,.« di« Augen sind blau.,, ein« Hakennase... dichtes rotes Haar... und auf dem viereckigen Kinn eine große Warze... er... ist... es...!" „Herrgott!" Cardigan schnellte vom Sessel auf. „Noch einmal! Rotes Haar? Auf dem Kinn eine Warze!" Eintönig, schleppend, wiederholte die alte müde Stimme die Worte. Dann sank die Hellseherin erschöpft im Lehnstuhl zurück. „Genug, ich kann nicht mehr..." und fügte hinzu:„Fünf Dollars! Legen Si« sie dorthin, auf den Kamin... Komnvn Sie nicht in meine Rahe... Gehen Sie...!" Michael Cardigan legte stumm das Geld auf den Kaminsims und eilte aus dem Zimmer. In der Diele wartete der Boy auf ihn und ließ ihn hinaus. Die kalte Oktoberluft ernüchterte Cardigan, trotzdem vermocht« er auf dem Heimweg immer nur:„Herrgott! Herrgott!" vor sich hinzumurmeln. Der Mann, den die Hellseherin in der Kristallkugel geschaut hatte, war Jeff Withers, der Vorarbeiter der Fabrik ge- wefcn, einer der unbarmherzigsten Antreiber und Leuteschinder des ganzen Betriebes! Calvin Füller, der viel auf gute Manieren hielt, nahm den Namen seines Gottes nie eitel, dennoch rief auch er.�Herrgott", als Cardigan ihm mitteilte, der Organisator, der rot« Hetzer, müsse un< bedingt Jeff Withers sein. Der Leiter der Geheimagentur hütete sich freilich, seinem Auftraggeber zu sagen, woher er sein« Weisheit habe, berichtete weitschweifig, wie Withers ihm bereits seit einiger Zeit verdächtig erschienen war, wi« er ihn beobachtet, ihm aufge- lauert und festgestellt habe, daß er sich nach Betriebsschluß an die Arbeiter heranmache, sie in ihren Heimen aufsuche. Drei Tag« nachher wurde Jeff Withers wegen Uebertretung des Alkoholverbots verhaftet. An jenem Tage gab es in ganz Füllers- ville keinen verblüffteren Menschen als ihn, hatte er doch seit Ein- führung der Prohibition tagtäglich vor den Augen der Polizei das Gesetz übertreten— und nun auf einmal wurde er hopp genommen. Er erhielt ein« Gefängnisstraf« von vier Monaten und hatte nun reichlich Zeit, über die Undankbarkeit seines Arbeitgebers nach- zudenken, dem zu Liebe er die Arbeiter geschunden hatte. Cardigan strahlte vor Freude: er hatte von Calvin Füller eine Extragratisikation erhalten und fühlt« sich als der klügst« Mann von ganz Fullersville. Das heißt: dieses angenehme Gefühl währt« genau«ine Woche, bis zu dem Tag, da die Arbeiter in Fabrik A plötzlich um zehn Uhr morgens die Arbeit niederlegten und erklärten, sie würden sie erst nach Bewilligung der sünfprozentigen Lohnerhöhung wieder auf- nehmen. Am Nachmittag schloffen sich ihnen sämtliche ander« Betriebe von Fullersville an. Calvin Füller ließ Cardigan kommen. Er schimpfte nicht, sprach kein lautes Wort, sagte nur eisig: „Sie sind entlassen!" „Wie? Was?" „Sie haben mich bewußt irregeführt. Außerdem müssen Sie in Ihrer Dummheit Buck verraten haben. Es ist unter den Arbeitern bereits allgemein bekannt, daß er ein Spitzel ist." In seiner Verzweiflung gab Cardigan den Schlag zurück. „Wissen Si« auch, Herr, wer den Streik finanziert?" Calvin Füllers Stimme wurde noch eisiger: „Was geht das Sie an?" Unsägliche Verachtung tönte aus seinen Worten. „Di« Leute erzählen, daß der junge Herr Jack..." „Die Leute erzähl«» viel, wenn der Tag lang ist." „Ein Glück, Herr, daß der junge Herr Jack noch nicht voll- jährig ist. sonst..." „Schweigen Sie!" Calvin Füller spielte zerstreut mit feiner Füllfeder. Cardigan. der beretts seine Herausforderung bereute, wogte noch einen Versuch. „Wenn ich nun doch den wirtlichen Organisator herausfinde, Herr...?" „Dann können Sie bleiben und erhalten tausend Dollar. Aber es muß im Verlauf einer Woche geschehen. Verstanden?" Nun folgte für Cardigan eine qualvolle, nervenzerrüttende Woche. Er suchte und suchte, zermarterte sich das Gehirn, vergeblich. Und dann wollte es die Ironie des Schicksals, daß der sehr schöne, aber auch sehr dumme Buck ihm den richtigen Tip gab: brr Idiot dem klugen, scharfsinnigen Leiter der Geheimagentur. „Sag die Wahrheit, Mike, nun ist es ja ohnehin einettei. Wem gegenüber hast du meiffen Namen erwähnt?" „Keinem Menschen!" beteuerte Cardigan. „Denk' nach." Cardigan dachte nach— mit dem Ergebnis, daß er sich des un- angenehmen Augenblicks erinnerte, da ih n bei Madame de Thebes der Name des Spitzels entschlüpft war. „Verflucht!" rief er. „Aha. da haben wir's. Wer war es?" „Die gottverdammte, alte Hexe! Die Hellseherin! Aber das ist ausgeschlossen... Buck lachte. „Nichts ist ausgeschlossen, sobald es sich um die Roten handelt. Das weiß sogar ich." Nun wutde das Haus, in dem Madame de Theben wohnte, Tag und Nacht von Cardigans Leuten beobachtet. Es war ein Eckhaus und der Eingang für Lieferanten befand sich auf der anderen Seite.» Nachdem Cardigan mit eigenen Augen drei Abend« nochein- ander die M.tglieder des Streikkmnitee» und Jack Füller durch den Lieferanteneingong ins Hau» treten sah, fühlt« er sich seiner Sache sicher genug, um Calvin Füller davon Mitteilung zu machen. Zwei Tage später drangen gegen drei Uhr morgens vier Ein- brecher in dos Schlafzimmer der Hellseherin und fanden statt der erwarteten alten Frau ein schlankes, junges Mädchen im Bett liegen, dos seelenruhig den Revolver unter dem Kissen hervorholte und gegen die Einbrecher richtete, die scheinbar entsetzt die Flucht er- griffen und nachher Cardigan gegenüber ihrer Empörung unver- hohlen Luft mochten.(Fortsetzung folgt.) WAS DER TAG BRINGT. ......................................................................................................................................................... Wieviel wiegt eine Milliarde? Bei den Reparationsverhandlungen ist wieder soviel von den Milliarden die Rede gewesen, die wir zahlen muffen, und über- Haupt spielen Milliarden jetzt im Staatshauehalt eine große Rolle. Eine Vorstellung von einer solchen Summe kann man sich aber schwer machen, und so suchte ein französisches Blatt eine sold)« dadurch zu vermitteln, daß«s Angaben über das Gewicht einer Mit- liarde in verschiedenen Geldsorten macht. Danach wiegt eine Mil- liarde in Silber 5 Millionen Kilogramm und in Gold 322 SM Kilo- gramin. In Papiergeld ist sie natürlich leichter. Eine Milliarde Franken in Tausend-Franken-Noten wiegt 1780 Kilogramm, in Hundert-Franken-Noten Il SiXI Kilogramm. Nimmt man an, daß 1 Mensch 30 Kilogramm auf seinem Rücken tragen kann, so braucht man zur Beförderung einer Milliarde in lOdst-Franken-Noten 36 Mann, in 160-Franken-Noten 230 Mann, in Gold 6456 Mann und in Silber 100 000 Mann. Einen„Bücherfreund", der sich ein« solche Milliarde in 1000-Franken-Noten einbinden laffen wollte, würde eine Bibliothek von 2000 Bänden, das Buch zu je 300 Seiten, erhalten. Kunst als Alteisen. Um dem drückenden Mangel an Roheisen abzuhelfen, werden auf Beschluß der Sowjetregierung die Eisengitter von den Gräbern alter Friedhöfe abgerissen, um verhüttet zu werden. Ausgenommen sind nur Gitter von künstlerischem Wert. Naturgemäß entstehen darüber zahlreiche Konflikstoffe, und zurzeit steht«in Streit, ob das wundervoll« schmiedeeiserne Gittertor auf dem früheren Besitz des Fürsten Galitzin bei Moskau als Alteisen verkauft werden soll oder nicht, im Vordergrund des Interesses. Das Tor wiegt 400 Tonnen. Polen... Der polnische Innenminister Slawoj-Skladkowski, Frauenarzt, dann Legionär im Weltkrieg und seither General, inter- essiert sich lebhast für die inner« Verwaltung und den Gesundheits- dienst in den weiten Ländern Polens. Er versinkt nicht in trockener Bureaukratt«, sondern er hat es sich zur Aufgab« gestellt, in eigener Person nachzuprüfen, ob auch alle seine Anordnungen im ganzen Lande befolgt werden. Ein moderner Harun al Paschid durchquert er ganz Polen per Flugzeug und Automobil und kümmert sich um das Wohl und Wehe seiner Untertanen. Auf diesen Reisen ist es dem Minister aufgefallen, daß es auf dem Lande nirgends die ge> wissen hölzernen stillen Oertchen gab. die mit stilvollen herz- und kreisförmigen Gucklöchern in anderen Ländern sehr viel zur Ber- schönerung der Dorflandschast beitragen und daneben einem recht lebenswichtigen Zwecke dienen. In dem Minister erwachte nun der Arzt: Befehle wurden erteilt, Informationen eingefordert, Berichte vorgelegt und es erwies sich, daß di« polnischen Bauern die Wohltat moderner sanitärer Einrichtungen nicht kennen, sondern gewiffe Ding« nach Väter Sitte.Hinter der Scheune" verrichten. Nun gibt es in Polen Städte mit über 100 000 und sogar 200 000 Einwohnern, die keine Kanalisation besitzen: und auch manchen Stadtteilen von Warschau— beispielsweise in der Journalisten- siedlung Zoliborz— müssen di« Einwohner in gewissen Fällen aus ihren Wohnungen hinaus und in Nachbarhöuschen herein: ober daß die Bauern so einfach hinter der Scheune— das war dem Minister- arzt denn doch zu viel. Und er befahl, daß binnen zwei Wochen sich neben jedem Bauernanwesen in angemessenem Abstand ein stille» Oertchen befinden müsse. Der Minister, hatte leicht zu befehlen— schwerer hatten es die Dorfältesten, di« Bauern zur Befolgung der ministeriellen Verfügung zu veranlassen. Ja, manchen Bauern mußten si« sogar deren Sinn erst beibringen. Und wirklich— eines Tages standen, zur Zierde des Dorfes und zur Ehre des Ministers, im polnisihen Land« genau zwei Millionen der bewußten Häuschen da. Kostenpunkt 200 Millionen Zloty, etwa 100 Millionen Mark. Aber der polnische Bauer ist konservativ. Wohl stehen die Häuschen da, aber sie dienen dem Bauern als ein« Art Rumpelkammer, manche haben si« in«inen Hühnerstall umgewandelt. Und was das ander« betrifft— die Bauern sind, wi« gesogt, konservativ und in schuldiger Ehrfurcht vor der Tradition üben sie den Brauch der Dater weiterhin aus— hinter der Scheune. Das Madagassen-Rind. Madagaskar ist wenigstens in seinen höher gelegenen Teilen ein ausgesprochenes Weideland und unterhält infolgedessen gc- waltig« Rinderherden. Das dort vorkommende Rind ist ein« der Zebusamilie angehörende Spielart. Wegen des großen Fetthöckers. den es auf dem Rücken trägt, und der ihm in der Zeit der Trocken- heit als Fettreserve dient, führt es auch den Namen Buckelochse. In der Regenzeit findet er auf den Höhen eine reiche Weide, während er in der Trockenzeit daraus angewiesen ist, längs der Flüffe und in den Sümpfen seine kümmerliche Nahrung zu suchen. Das Zebu, dessen Fleisch dem unseres Rindes an Güte nicht nachsteht, dient den verschieixnsten Zwecken und ist auf Madagaskar in der Land- Wirtschaft wie im Verkehrswesen eine unentbehrliche Hilf«. Es kann sogar als Reittier Verwendung finden, da es außerordentlich schnellfüßig ist. Fleisch, Fell und Hörner spielen Im Ausfuhrhandel Madagaskars eine wichtige Rolle. Negerschlacht in New York. In dem New-Borker Stadtviertel Hartem wurden dieser Tage 400 Mitglieder einer großen Negervereinigung, di« in der Liberty Hall versammelt waren, um über die Verbesserung der Lebenslage der Schwarzen in den Südstaaten zu beraten, von 200 Anhängern des bekannten Agitators und präsumptiven Präsidenten einer zu- künftigen afrikanischen Negerrepublik Marcus Garvey angegriffen. Zwischen den beiden feindlichen Parteien entspann sich ein wildes Handgemenge, das die ganze Bevölkerung in Furcht und Schrecken oersetzte. Das rasche Eingreisen der Polizei verhindert«, daß der Ausruhr auf die anderen Stadtteile übergriff. Den Ausgangspunkt des Streites bildet die gegen Garvey erhoben« Beschuldigung, daß er die Negersache durch Annahme von Bestechungsgelidern kompromittiert habe. Als Opfer der Schlacht sind sieben Tote und dreißig Verwundet« zu buchen. Marcus Garvey ist ein« höchst umstritten« Persönlichkeit, der schon mehrfach von sich reden gemacht hat. Er liebt es, sich„Negerkaiser" und„Schwarzer Präsident" nennen zu lassen, obwohl, wie der geschildert« Vorfall beweist, nicht davon die Rad« sein kann, daß oll« Neger ihn als Wortführer anerkennen. Als Conan Doyle noch seine ärztliche Tätigkeit ausübte, hatte er zwei Worteräume in feiner Wohnung. „Wozu zwei Warteräume?" fragte jemand die Empfangsdom«. „Ein Raum," sagt« die Dome,„ist für die Patienten bestimmt. der zweit« für den Doktor, der manchmal stundenlang auf Patienten vergeblich warten muh." Llnvorbestraste und Schnellrichter. Wie es nicht fein sollte. vor dem Schnellrichler stehen zwei junge Bayern. Der eine, 23 Zahre a!i, der andere noch nichl 21 Zahre. Der Aeltere, Albert B., ist Schlosser, der Jüngere, Fritz St., chilfstelegraphist. B. ist bereits einmal in Berlin gewesen, hat auch etwas mit dem§ 175 zu schassen gehabt. Cr behauptet, früher in Niederschöneweide gearbeitet und auch jetzt Aussicht auf Arbeit zu haben. Sonst erfährt man nichts über die jungen Leute. Nicht, weshalb sie nach Berlin gekommen sind, auch nicht, ob sie sich hier bereits lange aufhalten und wovon sie lebten. V. und S. sind im Warenhaus Dich verHaftel worden. Die Dctektivin beobachtete sie zuerst am P u l l o v c r l a g e r. Sie kamen ihr verdächtig vor; sie folgte ihnen und ertappte B., als er mit Blitzesschnelle ein teures Hemd in der Aktentasche ver- schwinden ließ. K. stand abseits. In der Aktentasche, die übrigens nagelneu war, fand man außer dem eben gestohlenen Hemd noch ein zweites und neue Badeschuhe. Aktentasche und Schuhe erklärte Ä. für sein Eigentum. Das zweite Hemd stammte von einem Dieb- stahl bei Herzog! während K. sich hier mit dem Verkäufer zum Fenster begeben hatte, um die Farbe des von ihm gewählten Hemdes bei Tageslicht zu betrachten, verstaute B. ein anderes in der Aktentasche. Vor Gericht sagte B.: Ich hatte eben nicht soviel Geld, mir ein so teures Hemd zu kaufen und da bin ich der Ver- suchung unterlegen. Ich habe nie gestohlen, und werde es auch nie mehr tun. K. b e st r e i t e t, überhaupt eiwas mit der Sache zu tun zu haben. Der Staatsanwalt hält beide für überführt und beantragt je zwei Monate Gesöngni». Der Richter verurteilt die jungen Leute dem Antrage des Staatsanwalts gemäß. Ueber die Bewährungsfrist kann er im Augenblick nicht schlüssig werden. Er fragt die Angeklagten, ob sie das Urteil an- nehmen. B. wendet sich zu K. und fragt: Nehmen wir es an? St. erwidert: Ich weiß gar nicht. Ich will auch hier gar nicht herum- lungern. B. nimmt das Urteil an. St. erklärt: Ich will es mir noch überlegen. Der Staatsanwalt beantragt darauf Haftbefehl gegen St. Der Richter entspricht diesem Antrag. Beide werden ab- geführt. In diesem Augenblick erhebt sich der Fürsorger des Pflegeamtes und bittet den Richter, B. dem Pflcgeamt zuzuführen, das auch bereit sei, für K. zu sorgen. Der Richter verkündet, daß St. zu Händen des Jugendamts entlasten wird. Dieser läßt sich einige Augenblicke später wieder vorführen und sagt:„Ich nehm« das Urteil an. Ich bin schließlich doch auch schuldig." Jemand hat ihm dazu geraten. B. ist im Pflegeamt nicht erschienen. Zwei Tag« wurde er jedoch dem Schnellgericht erneut wegen eines Warenhausdiebstahls vorgeführt. K. ist von der Wohlfahrtsstelle am Polizeipräsidium nach Befragen durch einen Fürsorger entlasten worden: er habe noch Geld, sagte er, und wolle Arbeit suchen. Das Wohl- fahrtsam t besaß aber bereits Vorgänge über ihn. Er war schon früher einmal in Berlin gewesen. Seine Der- wandten, unter denen sich auch ein bayerischer Baron befindet, wollen von ihm nichts mehr misten. Jetzt lungert er in der Stadt herum. was ist durch das Urteil erreicht worden? Rein gar nicht». Was hätte ober vielleicht erreicht werden können, wenn der Richter den beiden jungen Leuten Bewöhrungssrist zugebilligt hätte, unter der Bedingung, sich unter die Schutzaufsicht des Pflegeamts zu stellen, und der Fürsorger auf dies« Weise die Möglichkeit erholten hätte, sich mit beiden jungen Leuten eingehend zu beschäftigen. Vielleicht wäre es doch gelungen, auf sie einzuwirken und sie vor Schlimmerem zu schützen: unter allen Umständen wäre man über die Person des jungen Schlossers ins Bild gekommen. Es hat aber in diesem Falle an richtiger Zusammenarbeit von Schnellrichter und Wohlfahrtsamt gefehlt. Man bedenke nur? Während dieses über St. Vorgänge besitzt, kennt sie der Fürsorger des Pflegeamts nicht; er wird auch gar nicht von dem bevorstehenden Termin benachrichtigt, und schließlich ve r s ä u m t man es, ihm die beiden jungen Leute vorzuführen. Woran mag das liegen? •Das Maus der metalt arbeitet 9lammergchläge des Torsiissenden Strandes Rauschgisthändler... Sin erfreulicher Fang der Polizei. Seit einiger Zeit wurden in den Kreisen der Rauschgisl- süchtigen größere Mengen von Opium und vi o r p h iu m, aber auch Kokain und Heroin angeboten. In den Gaststötten, in denen sich die Anhänger der gefährlichen Gifte zu treffen pflegen, boten die Verkäufer sauber zurechtgemachte Probepäckchen an. Zufällig kam eines dieser Päckchen in die Hände eines Kriminalbeamten. Der Verkäufer fragte ihn zugleich, ob er auch eine größere Menge nehmen würde, ohne zu ahnen, wem er sein gefährliches Angebot machte. Der Beamte nahm das Probepäckchen, weil er vermutete, daß. es„gestreckte" Ware sei, wie sie sonst fast durchweg von den Raufchgifthändlern verkauft wird. Eine Untersuchung ergab'aber, daß es unver- fälschtes Gift war. In einem Cafe am Nollendorfplatz wurden weitere Verhandlungen mit dem Verkäufer angebahnt. Er wollte 2 Kilo Opium, 1 Kilo Morphium und 250 Gramm Heroin für den geringen Preis von 2<) Mark abgeben. Er selbst hatte die Ware natürlich nicht bei sich, sondern führte den vermeintlichen Käufer, den Kriminalbeamten, nach einem kleinen Lokal in der Nachbarschaft, wo zwei Leute wartend saßen. Auch diese waren noch nicht die richtigen. (Es wurde wieder nach zwei anderen geschickk, die dann Ia>- sächlich die Gislmengen herbeibrachien. Alle vier wurden jetzt festgenommen, leisteten aber so er- heblichen Widerstand, daß der Kriminalbeamte sich Hilfe herbei- rufen mußte. Die Gifte waren nicht wie sonst auf Umwegen aus dem Ausland gekommen, sondern in Berlin gestohlen. Bei der D r o g e n- großhandlung von Riedel u. Grund in der Camphausenstr. 26 stiegen gegen End« April Einbrecher zur Nachtzeit über die Feuerleiter ein. In den Lagerräumen knabberten sie kunstgerecht «inen gesicherten G i f t s ch r a n k auf und erbeuteten«ine größere Menge der gefährlichen Drogen. In den Nächten zwischen dem 20. und 22. Mai d. I. wurde der Einbruch wiederholt. Die Verhafteten werden dem Untersuchungsrichter vorgeführt werden. Rauschgifthändler gehören hinters Gitter. Gegen sie kann nicht energisch genug vorgegangen werden. Sie haben Menschen- glück und Menschenleben aus dem Gewissen, sie haben aus gesunden, ehrlichen Menschen Kranke und Verbrecher gemacht. �tontaL, 22. Juli. Berlin. 16.00 Ceors Hausdor':„Kunsthandel und Kunstwandel." 16.30 Dr. Alfred Wolfenstein: Heutige Volkssjuelc in antiken Arenen. 17.00 Unterhaltungsmusik. 18.00 Aus dem Breslauer Stadion: dXIOO-m-Staffel-Enlscheidun: aus den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften. 18.20 Crauenbildnisse(gelesen von Emil Bischoff). 19.00 Ministerialrat Hans Ooslar: Unsere Minister, woher kommen sie...? 19.30 Erich Pommer: Der Tonfilm. Seine Ziele und Möglichkeiten. 20.00 Berliner Skiigen(gelesen von Fred Hildenbrandt). 20.30 Uebertragung von Warschau: Internationaler Programmaustausch. Nach den Abendmeldungen bis 0.30 Tanzmusik. Während der Pause: Bildfunk. Königswusterhausen. 16.00 Französisch(kullurkundlich-Iitetarische Stunde). 16.30 Dr. Heinrich Hofer und Mitwirkende: Die Rokoko-Oper mit Beispielen. 18.00 Dr. Langhcinrich-Anthos: Deutsche Meisterkomödien. 18.30 Prof. Dr. C. KaBner: Weiternutzung für den Urlaub. 18.85 Dipl.-Landwirt Wulf: Nene Wege für den Absatz von Obst und Gemüse in Mitteldeutschland. 19.20 Dr. Otto Everlinj: Die freien Berufe. 20.00 Blasorchester-Konzert. 21.30„Die Hasenpfote", Tragikomödie von Hans Brcnnert. Regie: Max Bing. Uber 10 000 Wagen unseres Typ Stuttgart 200(8/38 PS) »ind heute im In- und Auslande im Verkehr. Uber 100000 Kilometer haben Wagen dieses Typs ohne Überholung zurCckgelegt Dieser MERCEDES-BENZ Sechszylinder ist mit seiner aufs Höchste vervollkommneten Konstruktion und seiner eleganten vielfach preisgekrönten Karosserie ein wirklicher Klasse-Wagen, den auch Sie sich leisten können. 4/5. sitziger offener Tourenwagen UM. 6800.— 4/5'sitziger Innen tehker...... RM. 6880.— ab Werk Auf Wunsch bequeme Zahlungsbedingungen. G Ein Wagen steht für Sie zur Probefahrt bereit! 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Der Hugend-Sprechchor dankte den Bürnbergern mit einem dreisachen Arei heil und ermohnle alle. treu zu bleiben den allen Idealen. Der allgemeine Gesang der Znter- nationale und ein dreifaches Frei heil schlössen die Kundgebung. Festvorstellungen der Bundessdiule. Im Apollo-Theater zeigte die Bundesschule ihre Kunst, und man muß schon sagen, daß der langjährige Leiter, Ben« d ix, ein Werk voll Schmiß und Feinheit ausgebaut hat. Hier ist Ziel und Richtung. Der Bund gruppiert sich— technisch gesehen— um die Bundesschule. Wir haben hier ein ebenbürtiges Gegenstück zur amr- lichen Preußischen Hochschule, dessen Direktor Neuen- d o r f s nebst vielen anderen amtlichen und sportlichen Kapazitäten den Borsührungen beiwohnte. Nachmittags kamen zunächst die Kinder mit ihren Darbietungen, abends die große allgemeine Bor- stellung. Bei den Kindern interessiert die Pädagogik. Aehnlich wie den roten Falken die Erziehung zur Selbstdisziplin, die Erkenntnis: das Groß« erreichen wir, wenn sich die Vielheiten des Kleinen unterordnen, nicht durch Zwang und Angst, sondern freiwillig aus Liebe zur Sache. Und dabei darf auch die Individualität nicht unterdrückt, sondern nur an den scharfen Kanten abgeschlissen werden. So entsteht erst die wahre innere Freude. Die kleinen Krabben von 4 bis 8 Jahren wirbeln durcheinander und sehr stolz, daß sie schon positive Werte schaffen, statt daß sie hören: dazu seid ihr noch zu klein und zu dumm. Es ist für alle etwas da. Jungen und Mädchen werden beim Uebungsftoff«inander genähert, die Mädchen üben jetzt mehr sn Kraft und Mut, die Knaben müssen weiche Formen und Tanz üben. So nähern sie sich und werden eine Einheit mit g e g e n- seitiger individueller Achtung. In der„gymnasti- schen Schnurre" zeigt sich im Spiel, wie das trotzige Kind sich wieder eingliedert in die Spielgemeinschaft. Im„S ch n i ck- Schnack" können sie ihre lustigen Faxen machen, den u n b e- holfenen Frosch karikieren. Bei den Tanz- und Sing- spielen waren sie ganz im Kindfühlen.„Kindärsch, nä, was is dänn dos?" magnetisicrte sie so, daß sie sächselten, was bei der internatio- nalen Zuschauerschaft herzliche Freude erweckte. Die Abendvorstellung war überfüllt. Hunderte fanden keinen Einlaß. Hier hatten die Großen das Hauptwort. Die mann- liche und weibliche Jugend beginnt mit einem eindrucksvollen Sprechchor: Wir schreiten, der Sieg bleibt doch. Sie gruppieren sich, während die Musik eine Paraphrase aus die Marseillaise into- niert. Für die Uebungsarbeit gi.lt das schon bei der Kindervorführung Gesagte, nur daß die Anforderungen natürlich höher gestellt sind. Die Vielseitigkeit der Formen ist imponierend. Wenn die Bundesschule noch einige Jahre weiter arbeitet, muß daraus eine Führerschaft erwachsen, auf die nicht nur die Arbeiterschaft, sondern auch de Sozialdemokratie stolz sein kann. Wir sehen die schnelle Entwicklung vom Leipziger Bundesfest 1922 bis heute. Sieben Jahre nur, auf 0 e in Wege zur Freikörperkultur, der Drill abgebaut, jode Bewegung ist Muskel- arbeit, Schwung, als Ziel Kraft und Schönheit. Neue Bundeshödistleistungen. Speerwersen: Drache(Dresden) S0.Z0 Meter. Schleuderball: küsner(Nürnberg) 53,31 Meter. 400-Meter.Lalls: Wall(Finnland) 51.8 Sekunden. Diskuswerfen: Bräutigam(Arnstadt) 38,30 Meter. Olympische Stafette: ASC. 3 Minuten 43,5 Sekunden. « Im Dreikampf der Frauen siegte Hänse'mann(Dresden- Cotta) mit 3(>4 Punkten vor Kehrt(Nünberg-West) und Stiebitz (Nürnberg-SUd) mit 301 bzw. 292 Punkten. Hänselmann lies IM Meter in 13,4 Sek. und sprang 5,1(1 Meter weit und warf den Speer 24,37 Meter. Der Zehnkampf für Sportler fand in Naumann(Leipzig-Ostvorstadt) einen jungen sehr gut veranlagten Mehrkämpfer als besten. 98014 Punkte erreichte er mit folgenden Leistungen 100 Meter 12 Sek., 400 Meter- 54.5 Sek.. 1500'Meter 4 Mi». 51.8 Sek., Weitsprung 6,30 Meter, Hochsprung 1,62 Meter. Stabhochsprung 3,25 Meter. 110 Meter Hürden 16.5 Sek., Kugel- stoßen Ii, 92 Meter, Diskuswerfen 36,64 Meter, Speerwerfen 49,72 Meter. Zweiter wurde Fuchslocher(Sulzgries-Württbg.) mit 834 Punkten vor Hetz(Feuerbach-Württbg.) mit 81914 Punkten. Am Fe st so nntag- Nachmittag litten die Endkämpfe unter einem w o l k e n b r u ch a r t i g e n Gewitter. Im 200- Meter-Lauf der Sportler siegte Etholen(Helsingfors-Finnland) mit Brustbreite vor Hoch(Wien) durch einen Frühstart in 23 Sek. Den 800-Meter-Laus der Sportler ließ sich Salojervi(Finnland) nicht nehmen. Er führte fast auf der ganzen Strecke und lies mit 1 Min. 59,8 Sek. ein« sehr gut« Zeit. Rocza(Budapest) kam zum Schluß stark auf. Seine Zeit ist 2 Min. 00,6 Sek. Im 110-Meter Hürden- lauf siegt« Wall(Finnland) in 15.8 Sek. vor Naumann(Leipzig- Ostvorstadt), der eine Brustbreite zurücklag. Da Wall eine Hürde riß, kann die Zeit als Höchstleistung nicht anerkannt werden. Im Diskuswerfen für Frauen belegte Kehrt(Nllrnberg-West) mit 25,12 Meter den ersten Platz vor Ilmhey(Nllrnb/rg-Süd) mit 24,64 ZPeter. Den Hochsprung für Männer entschied der gut veranlagte G ö r s ch(ÄSE.-Berlin) für sich mit 1,75 Meter. Zweiter wurde Wilde(Penneckenbeck) und Be.t(Karlsruhe) mit je 1,70 Meter. Im Speerwerfen für Sportler(beidarmig) war Drache (Heidenau b. Dresden) bester mit 84,67 Meter vor Geiger(Feuer- bach) mit 79,46 Meter. Auch im Speerwerfen bestarmig stellte Drache mit 53,96 Meter eine neue P u n d e s h ö ch st l e i st u n g auf. Im 200-Met«r-lkuis der Sportlerinnen lief Stiebitz(Nürnberg- Süd) vor Kehrt(Nürnberg-West) mit 13.1 Sek. die beste Zeit. Kehrt 13.5 Sek. Sehr spannend verlief die viermal 100-Meter-Stafette der Sportler. Wien gewann durch das gute Können des Läufers Hoch in 44.2 Sek. An zweiter Stelle ging Düsseldorf in 44.5 Sek. vor Feuerbach in 44.7 Sek. durch das Ziel. Im 5V00-Meter-Laus zeich« Wogner, M.(Leipzig) fein großes Können. Er ließ sich zwei Drittel der Strecke führen, um dann dem Felde voraus zu eilen. Sein« Zeit ist 15.40 Min. Wolser(Nürnberg) und Majuri(Finn- land) blieben 50 bzw. 65 Meter zurück. Wolfer 15 Min. 48.7 Sek., Majuri 15 Min. 51.5 Sek. Knapp gewann Dresden-Cotta die viermal 100-Meter-Stasette der Frauen in 53.7 Sek. vor Groß-Berlin in 53.9 Sek. Nürnberg-Süd Brustbreite zurück. Sieger im 400-Meter- Lauf der Sportler Wall(Finnland) in 50.8 Sek. Zweiter Rocza (Budapest) 51.3 Sek. Die dreimal 1000-Meter-Stafette gewann VfL. Hamburg durch seinen guten Schlußniann in 8 Min. 07.8 Sek Ausregend und sehr spannend war die zehnmal 100-Meter-Stafette. Wien, Feuerbach und Mannheim-Neckarou liefen glänzende Rennen. Wieder war es Hoch, der für Wien den Ausschlag gab. Alle drei Mannschaften liefen unter der internationalen Höchstleistung iür Bereinsmannschasten. welchc bisher Finnland mit 1 Min. 54.1 Sek inne hatte. Wien 1 Min. 52.3 Sek., Feuerbach 1 Min. 52.8 Sek., Neckarau 1 Min. 53.5 Sek. Die leichtathletischen Bundesmeister- schaften hatten mit diesem Wettbewerb einen glänzenden Abschluß gefunden. Die leichtathletischen Endkämpfe der Klasse B wurden am Fest- sonntagnachmittog mit dem Speerwersen der Sportlerinnen ein- geleitet. Dabei gelang es der Sportlerin Hähnert(Kassel) mit 27.46 Meter den besten Wurf zu tun. Zweite Harsch(TB. Bai- hingen) 27.12 Meter. In der viermal 100-Meter-Stafette für jugend- liche Sportler fielen Leipzig-Borwärts-Süd und Dresden-Striefen Freie Folge mit hohem Durchschub. durch energisch« Läufe und gute Wechsel auf. Leipzig 46.8 Sek., Dresden 47.5 Sek. Im 1500-Meter-Laus hatte sich Roste(Gera- Tinz) von Anfang an zuviel vorgenommen. In der letzten Runde zog Scherer(Mllnchen-Dachau) im glänzenden Spurt an Noske vorbei und siegte in 4 Min. 16.8 Sek. 200 Meter vor dem Ziel wurde Noske von Ebert(Hilwersdorf) überholt. Die dreimal 200- Meter-Stafette für Sportler wurde eine Beute von Leipzig Vor- wärts-Süd in 1 Min. 12.4 Sek. Zweiter Fr. Tschft. Jena 1 Min. 13 Sek. Zdweratbleten und Ringer. Di«„scheveren" Männer vollbrachten in unerschütterlicher Ruhe Leistungen, die eine riesige Zuschauermenge wiederholt zu stür- mischem Beisoll hinriß. Im Fliegengewicht brachte es Kinersberger (Wien) auf 430 Pfund.— Im Bantamgewicht erreicht« Steckst (Wien) 510 Pfund. Kinersberger(Wien) erreichte als Feder- gewicht wie Müller(Wien) als Leichtgewicht je 510 Pfund. Den Platz im Mittelgewicht konnte sich Rupp(Pforzheim) mit 550 Pfund sichern. Der Halbschwergewichtler Schuster(Wien) kam sogar auf 610 Pfund, während in der regulären Klasse Leppelt(Wien) 630 Pfund vom Boden brachte. Im Bestarmig und beidarmig Reißen und Stoßen brachte es Hähntzsch(Jena) in der Altersklasse auf 405 Pfund, im Halbschwergewicht Pordermeyer(Emmingen) auf 470 Pfund, im Mittelgewicht Häußler(München) auf 445 Pfund und Fintel(Augsburg) als Leichtgewicht auf 430 Pfund. Die Ringer erledigten die letzten großen Vorkämpfe und wurden die Matten ständig von einer ungeheuren Zahl von Zu- schauern umsäumt. Die Finnen als Meister des Ringkampfes, die sich bei der ersten Arbeiterolympiade so glänzend schlugen, scheinen diesmal in den deutschen Arbeiterathleten würdige Gegner zu finden. So ist bei- spielsweise der finnische Ringer Mökelä Kotka im Schwergewicht in der dritten Runde mit einer Niederlage und zwei unentschiedenen Gängen bereits ausgeschieden. Die Kämpfe im Boxen wurden am Freitag früh eröffnet. Im Papiergewicht ging als erster Sieger Fritz Thomas(Gera „Vorwärts") hervor. Im Fliegengewicht kämpfen um die Entschci- dung Otto Stange(„Adler" Staßfurt) gegen Karl Schneider(Turn» verein 98, Ilmenau). Temmsport. Der Tennissport hat heiße Tage, abgesehen vom Wetter, hinter sich. Die Berliner haben.sehr ernste Gegner gehabt. Aus den Schlußspielen um die Fe st Meisterschaft melden wir noch: Statt-Frankfurt gegen Pampel-Zwickau 6:3, 6:2. Gemischtes Doppelspiel: Pampel-, Myschkin-Zwickau gegen Statt-, Staubach. Frankfurt 6:3, 6:0. Männereinzelspiel: Günther-Berlin gegen Stangl-Linz 6:3, 7:5, 3:6, 6:8, 7:5. Der Sport auf dem weißen Felde war sehr anregend. FulHbsII- und Handballspiele. Das End-Gesellschaftsspiel im Fußball zwischen Auswahlmannschaften Süd- und Mitteldeutschland endete unent- schieden 3:3. Die letzten Handballspiele am Sonn- t a g brachten in den Entscheidungen um die Festmeisterschaft sehr tzuten Sport. Die einzelnen Kreise standen zur Entscheidung. Nach- folgend die wichtigsten Ergebnisse: Hesscn-Oesterreich 7:5, Süd- bayern-Pommern 11:3, vachsen-Anhalt-Nordbayern 10:3, Berlin- Hamburg 4: 5, Schlesien-Württemberg 2: 5, Lausitz-Thüringen 4: 9, Baden-Nllrnberg, Städtemannschaft, 13- 6, Magdeburg-Hessen-Nassau 11:5, Thüringen-Südbayern 11:1. Hamburg-Magdeburg 3:19, Baden-Thüringen 7:3. Handballspielerinnen: Berlin-Nordboyern 0:1, die beiden Sparten Handball und Fußball erfreuten sich auch am Festsonntog allgemeiner Beliebheit bei den zahlreich anwesenden Zuschauern. Wir dürfen mit der Ausbeute der Handball- und suß- ballsportlichen Bewegungen sehr zufrieden sein. Das ist besonders bemerkenswert.�veil auf dem Bundessest beiden Sparten Gelegenheit zu ergiebigem Spielbetrieb gegeben wurde. * Rundfunkübertragung abgebrochen. Laut Programm der Berliner Funk stunde vom Sonn- tag, den, 21. Juli 1929, sollte um 14,20 Uhr die Sport- Veranstaltung im Nürnberger Stadion über die Ber- liner Sender und den Sender Königswusterhausen übertragen werden. Punkt 3 Uhr 7, kurz vor Beendigung des Aufmarsches der Arbeitersportler im Nürnberger Stadion und somii auch kurz vor Beginn der Anspracht des Reichsinnen Ministers Seve- ring schaltete die Berliner Funkstunde ohne irgend eine Erklärung die Darbietungen in Nürnberg ab und schaltete die im Programm überhaupt nicht vorgesehen« Sportveranstaltung Tennis-Wettspiel Berlin-Grunewald ein. Dieses im Programm nicht vorgesehene Tenniswettspiel wurde dann bis 3 Uhr 34 übertragen. Und um 3 Uhr 35, also 5 Minuten später, mit der Märchenstunda laut Programm begonnen. Die programmäßig vorgesehene Nürnberger UebeAragung ließ man einfach fallen. Ausgerechnet bei einer kulturell so hochstehenden'Ärbeiterveranstaltung läßt die Berliner Funkstunde die Uebertragung vorzeitig abbrechen und schiebt eine andere Sportveranstaltung ein. Eine Umschaltung auf Königswuster- Hansen ergab, daß dieser Sender die Nürnberger Uebertragung nicht abgeschaltet hatte, sondern sie bis 3 Uhr 33 durchführte. Dieses Vorgehen der Perliner Funkstunde gegenüber den Ar- beitersportlern muß befremden. Die Rundsunkteilnehmer haben ein Recht, zu erfahren, warum die Abschaltung erfolgte. .Amerika— Deutschland 5: 0 Die deutschen Tennismcistcr geschlagen. Im Jnterzonen-Cndspiel um d c n Davis-Pokal zwischen Deutschland und Amerika waren Moldenhauer und Prenn auch am letzten Tage keine Erfolge beschieden. Prenn wurde von Tilden spielend 6: 1, 6: 4, 6: 1 geschlagen, Moldenhauer, der nun berufen war, evtl. den Ehrenpunkt für Deutschland zu retten, ging nach ausopferndem Spiele gegen H u n t e r mit 6:3, 1:6, 6:4, 4: 6, 6: 1 ein. Somit haben die Vertreter des Sternenbanners den Kampf mit 5:0 Punkten, 15:4 Sätzen und 107:7 2 Spielen gewonnen. Ihnen steht nunmehr der große Kampf mit Frankreich bevor, der einmal mehr das Interesse der gesamten Tenniswelt in vollstem Maße in'Anspruch nehmen wird. Da nun- mehr feststeht, daß Lacoste nicht spielen wird, ist für Amerika die Chance gestiegen, den heiß begehrten Pokal wieder nach der Heimat zu entführen. Auch am Sonntag nahmen wieder 7000 Berliner und viel« Hunderte von auswärtigen Tennisfreunden Hitze und Durst in Kauf, um die beiden letzten Einzelspiele zu sehen. Tilden und Prenn spielten als erste. Noch mehr als gegen Moldenhauer brachte der Exweltmeister feine virtuose Beherrschung aller Schläge zum Ausdruck. Im letzten Waffengang des Jnterzonenspieles maßen Hunter und Moldenhauer ihre Kräfte. Der Deutsche gab sein letztes her, zwang dem Amerikaner fünf schwer« Sätze aus. ehe er dem besseren den Sieg überließ. Hertha BSC. gewann. 1. FC. Nürnberg mit 3: 2 geschlagen. Das Wiederholungsspiel der Vorschlußrunde zur Deutschen Fußball-Meisterschaft zwischen dem Meister von Berlin und Süd- deutschland hatte in ganz Westdeutschland großes Interesse hervor- gerufen und 50000 Zuschauer nach dem Rhein st adion in Düsseldorf gelockt. Berlins Meister Hertha-BSE. schlug den deutschen Slltmeister 1. FC. Nürnberg mit 3:2(2:1) aus dem Felde und steht nunmehr zum vierten Male hintereinander im Endspiel. 1926 wurde Hercha von Fürth mit 4 1, 1927 von Nürnberg mit 2: 0 und im Vorjahre vom Hamburger SV. mit 5: 2 ge- schlagen. Wie wird es diesmal werden? Der Entscheidungskampf mit der Spielvereiniguna Fürth soll bereits am kommenden Sonntag in Nürnberg vor sich gehen. Zunächst spielte sich der Kamps vorwiegend im Mittelfelde ab. Schon in der 5. Minute arbeiteten die Süddeutschen eine große Chance heraus. Geiger legte Hornauer schußgerecht vor, der Ball ging aber gegen den linken Eckpfosten und wurde ins Feld zurückbefördert. Auch ein unverhoffter Fern» schuß von Kalb verfehlte sein Ziel. Auf der anderen Seite führte aber auch ein Angriff des Berliner rechten Flügels zu nichts. Stuhl- fauth konnte allerdings nur mif Mühe abwehren. Nach 10 Mi- nuten, als Hertha mehr im Angriff lag, kam Nürnberg zum Führungstor. In der 17. Minute führten die unaufhörlichen Anstrengungen von Hertha endlich zum'Ausgleich. Kirsei leitete eine Vorlage zur Mitte, der Ball wanderte von hier aus zu R u ch, der das weitere besorgte und scharf aufs Tor schoß. Stuhl- fauth bekam den Ball zwar in die Hände, konnte ihn aber nicht halten. Berlins Angriffe wurden nun immer häufiger und wuch- tiger. Nürnbergs Hintermannschaft mußte schwere Arbeit leisten, löste diese aber ebenso wie Berlins Verteidigungstrio glänzend.'Als vor dem süddeutschen Tor ein Gedränge entstand, berührte Lind- ner den Ball mit der Hand. Elsmeter! Ruch schoß, und Berlin führte 2:1. Nach der Pause legte Nürnberg sofort energisch los. Ohne er- sichtlichen Grund machte Berlins Verteidiger D o m s ch e i t im Strafraum„Hand". Den Elfmeter führt« Kalb aus, für Gehl- haar unhaltbar. Bald bekam der Kampf wieder offenen Charakter. Zwei Ecken für Nürnberg führten zu keinem Erfolge, es bleibt bei 2: 2. Als in der 28. Minute Stuhlfaut einen Schuß zu schwach ab- wehrte, gelang es L e h in a n n zum dritten und siegreichen Treffer für Berlin einzuschießen. An diesem Ergebnis änderte sich bis zum Schluß nichts mehr, trotzdem Nürnberg alles daransetzte, den Aus- gleich zu erzwingen.___ -ARBamH TUSSBALL Resultate vorn 21. Juli. Einen guten Publikumserfolg erzielte der Freie Fußball- verein Neukölln mit seinem Turnier im Neuköllner Stadion. Di« sportlichen Leistungen litten naturgemäß sehr unter der großen Hitze. Die erzielten Resultate können deshalb keinen Maßstab über die tatsächlich« Spiel st ärke darstellen. Neukölln konnte gegen Reinickendorf einen leichten 11: 0-Siea erringen. Das größere St«hvermögeiz»der Neuköllner gab hier den Ausschlag. Hoppegarten nahm seinen Gegner, Lichtenberg II, zu leicht. Nur dadurch ist die 3: 7-Ni«derlage zu erklären. Unentschieden und torlos endet« die Begegnung zwischen Vorwärts-Wedding und Rathenow. Schöneberg und Zehlendorf trennten sich mit dem Resultat 5: 2. Neukölln III gegen Lichtenberg II 2 3:2. Lichtenberg I weilte zum fälligen Rückspiel in Burg. Während die Lichtenberger das erste Spiel in Berlin 5: 2 verloren, errangen sie in Burg das umgekehrte Verhältnis. In einem technisch und sportlich hochstehendem Spiel blieben die Lichtenberger-mft 5: 2 Sieger.