Morgenausgabe Nr. 343 A123 46.IahrgPsg.Poftz»iwng». und 12 Psg. Postbestellgebührnu Luelond» »bonnement 6.— M. pro TOonot. Sn„ConDÖris* erscheint wochentdg. lich zwetmal, Sonntag« und Montag» einmal, dl» Zlb-ndau-aaben für Berlin und lm Handel mit dem Titel.Der Volt Illustrierte Beilagen nd'. Ferner Abend... und 3df und.Kmderfreun.______ .Unterhalwng und Wisf-n"..Frauen- stimm»",.Technti"..Blick in dl, Bücherwelt" und.Jugend-Borwärt»" P- VWV Berliner Vottsbia« Donnerstag 25. 2uli Groß-Äerlin 10 Pf- Auswärts 15 pf. 2Me«Iniparttg« NonpareillezeN, 80 Pfennig. Reklame�eUe 5.— Reich»» mark.„Kleine Antigen" da» fettge» fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 12 Pfennig. Stellengesuche das erst» Wort IS Pfennig» jedes wettere Wort 10 Pfennig. Worte über IS Buchstaben zahlen für zwei Worte. Arbeitsmartt Zeile 60 Pfennig. Familienanzeigen Zeil« 40 Pfennig. Anzeigenannahme imHaupt» yefchäft Lindenstraße 3. wochentäglich von 8'/, bis 1? Uhr, Jentralovgan der Soziatdemokvattfchen Oavtei Deutschlands Redaktion und Verlag: Berlin SW 68. Lindonstraße 3 yernsprecher: Dönhoff 292—297. Telegramm-Ldr.: Sozialdeinokra« Cerlhi Vorwäris-Verlag G.m.b.H. Postsch«ckkonto: Berlin 37 KSK.— BanNonto: Bank der Arbeiter, Nngefiellien vnd Beamten Wallstr. KS. DiSkonto-Eelelllchaft. Depositenkasie Lindenftr. ii Oer Friedens 46 Staaten angeschloffen—> Washington. 24. Juli. Durch die heute mittag um 12 Uhr erfolgte Nieder- legung der japanischen Ratifikationsurkunde durch Bot- schafter Debutschi beim Staatssekretär Stimson ist das endgültige Inkrafttreten des Kellogg-PaktS er- folgt. IS erste Teilnehmer und Sl weitere Staaten haben ratifiziert und die Urkunden niedergelegt. Acht weitere Ratifikationsurkunden sind noch nicht deponiert worden. BiS auf Argentinien und Brasilien haben alle Weltstaaten die Ratifikation vollzogen oder angekündigt. Tie nach amerikanischem Staatsrecht erforderliche Proklamation wurde im Weifte« Hause um 1 Uhr mittags von Präsident Hoover iu Anwesenheit CoolidgeS und KelloggS und aller Vertreter der fremden Mächte feierlich verlesen. AlS Vertreter des Senats wohnten Senator Borah und Swansou der Verlesung bei. An diese schlaft sich im Weiften Hause ein Frühstück für sämt- liche Teilnehmer an. «- Anläßlich des Inkrafttretens des Kellogg-Paktes hat Reichs- Präsident von Hindenburg an den Präsidenten der Per- einigten Staaten von Amerika nachstehendes Telegramm gerichtet: ..Aus Anlaß des Inkrafttretens des Paktes zur Aechtung des Krieges, an dessen Zustandekommen die Vereinigten Staaten von Amerika einen so hervorragenden Anteil haben, spreche ich Ihnen, cherr Präsident, die herzlichsten Glückwünsche aus. Ich hege die Hoffnung, daß dieser Pakt bei der Gestaltung der Beziehungen zwischen den Völkern seine Kraft bewähren und dazu beitragen wird, den W e l t s r i e d e n auf der Grundlage der Gerechtigkeit zn sichern." Oer Pakt als Operationsbasis. Präsident Hoover leitete die seierlichc Proklamierung mit einer Ansprache ein, in der er sagte, der Pakt sei reich an Bedeutung und an Möglichkeiten für die künstige Gestaltung der internatio- nalen Beziehungen und stellte eine Plattform dar, von der aus bei irgendeinem Borfall oder irgendeiner Handlungsweise sofort ein Sammelruf an die Weltmeinung ergehen könne. Er pries die Aufnahme des Paktvorschlages durch fast die gesamte Welt und schloß mit dem Hinweis, daß dieser erste Schritt uns alle anspor- nen solle, jede Möglichkeit zum Ausbau des Vertrages zu er- greisen und nach besten Kräften an der Bcrwirklichung der in dem Kriegsoerzichtspakt niedergelegten Idee mitzuarbeiten. Sowjetunion bleibt beim Frieden. Die Verpflichtuna des Friedenspaktes. Paris, 24. Juli.(Eigenbericht.) Der russische votschaster Dogalewski überbrachte am Mittwoch dem Außenminister v r i a n d denDankderSowjet- Pakt in Krafi. ur zehn noch nicht verpflichtet. regierung für die von Frankreich unternommene Vermittlungsaktion im chinesisch-russischen Sonslikt. Dogalewski gab zugleich die Erklärung ab. seine Regierung könne zurzeit auf die Vorschläge vriands nicht eingehen, da die Haltung der chinesischen Regierung eine Einigung vorläufig unmöglich gestalte. Die Sowjets hielten jedoch an dem Grundprinzip des Kellogg-paktes fest. * Der von der Sowjetregierung zur Aufnahme der rusiisch- englischen Vorbesprechungen bestimmte russische Botschafter in Paris Dogalewski wird, wie uns aus London gemeldet wird— am Donnerstag abend in London erwartet. Sowjeteinmarsch in die Mandschurei? Eine noch unbestätigte Meldung. London, 24. Juli. Die Lage an der mandschurisch-russischen Grenze ist äußerst verworren. Obwohl Rußland und China wiederholt ihre Be- reitwilligkeit zu einer gütlichen Verständigung ausgedrückt haben, „sollen" nach einer Agenlurmeldung russische Truppen in der Rühe von Mandschuli die mandschurische Grenze überschritten hoben. Die chinesischen Truppen sollen sich bei der Annäherung russischer Streitkräfte eiligst aus die Stadt zurückge- zogen haben. Zn Mandschuli selbst herrscht eine ungeheure Panik. Chinesen und Weißrussen verlassen in aller Eile in Zügen, Automobilen und wagen die Stadl. Die Güterzüge, die sich nach Mandschuli unterwegs befanden, sind angehallen worden, wodurch sich ein großer Mangel an Lebensmitteln in der Stadt bemerkbar macht. Do die Chinesen keine schwere Artillerie besitzen, dürften sie dem weiteren Vorrücken der russischen Tkuppen keinerlei nennenswerten Widerstand entgegensehen. Wie in Charbin eingetroffene Flüchtlinge berichten, haben die chinesischen Truppen sich fluchtartig ln die Stadt zurückgezogen. Die Einwohner befinden sich teilweise aus der Flucht nach Charbin. Der Kommandeur der chinesischen Militärstreitkräste hat sofort Wagen und Pferde requiriert und die einheimische Bevölkerung gezwungen, eine dreifache Reihe von Schützengräben nördlich von Mandschuli auszuwerfen. die von chinesischen Truppen beseht wurden. Mandschurische Truppen, die in südlicher Richtung transportiert werden, sind am Montag nach Mandschuli umdirigerl worden. An der man- dschurischen Grenze sollen aus chinesischer Seite insgesamt 2 5 Regimenter zusammengezogen worden sein. Heute sind weitere 300 russische Angestellte der ostchinesischen Elsenbahn wegen angeblicher Verhetzung von Bahnangestellten v e r- hastet worden. Zn pogranitschnaja wurden 42 Personen, unter denen sich acht Frauen befanden, in Haft genommen. Von der russischen Regierung ist nunmehr an alle russischen Angestellten der Bahn die Ausförderung ergangen, ihre Stellungen bei der Eisenbahn auszugeben. Labour stellt Marinebauten ein Kreuzer werden nicht weitergebaut— Besprechungen mit Amerika. London. 24. Zuli.(Eigenbericht.) Ramsay Macdonald teilte am Mittwoch im Unterhaus mit. daß die Regierung den Entschluß gesaßt habe, alle Arbeiten an den Kreuzern.Surren" und.Rorth-Cumberland" e i u z u st c l l e n. ein Unterseeboot außer Dienst zu sehen, zwei Unlerseeboot- Konirakte rückgängig zu machen und weitere Schisssbauarbeiten zu verlangsamen. Im Hinblick aus das Schiffsbauprogramm für lgZ0 würden keinerlei Schrille unternommen werden, ehe neue Entschlüsse der Regierung gefaßt worden seien. Die Regierung sei sich sehr wohl bewußt, daß die Verringerung des Marine- Schisss- bauprogramms ungünstige Rückwirkungen aus den Arbeit«- markt ausüben müsse: sie habe deshalb besondere Abmachungen mit der Admiralität zum Zwecke der Aussaugung der sreiwerdenden Arbeiter getroffen. Die Seemächte stimmten im übrigen darin überein. daß ein englisch-amerikanisches Abkommen einem allgemeinen Seeabrüstungsabkommen vorausgehen müsse. Die Seemächte würden sobald als möglich zusammenberusen werden. Er hosse, daß diese Seeabrüstungsbesprechungen schließlich zu einer Aussprache über die gesamte Abrüstung führen würden. Zn bezug auf die Frage der anglo-amerikanischen Besprechungen stellte Macdonald fest, in den gegenwärtigen Diskussionen mit dem amerikanischen Votschaster sei eine Ueberein- slimmung darüber erzielt worden, daß das Prinzip der Parität zwischen England und Amerika Anwendung sindeu solle, wobei die Friedensbedürsnisse der beiden Rationen ein gewisse» Maß von Elastizität in der Ausdeutung dieser parilöl gestatten würden. Macdonald teilte schließlich mit. daß sein Besuch in Amerika, soweit er im Augenbtick ersehen könne, im 0?. laber erfolgen werde. Aegypten-Kommissar tritt zurück. Die ägyptisch« Frage stand am Mittwoch im Mittelpunkt einer erregten Szene im Unterhaus, die den Beweis da- für erbrachte, daß die Arbeiterregierung keineswegs die reaktionäre Gewaltpolitik ihrer Vorgängerin in Aegypten fortzusetzen gedenkt. Außenminister Henderson teilte unter lebhafter Erregung der Oppo- sition dem Haus« mit, daß Lord Lloyd, der bekannte scharf- macherischs britische Oberkommissar in Aegypten, um seinen Rück- tritt nachgesucht habe und dieser von der Regierung auch bereits angenommen worden sei. Aus eine weitere Frag« wurde Henderson deutlich und betonte, daß er an Lord Lloyd vor seiner Äbreise aus Aegypten ein Telegramm gesandt habe, das als«ine Aufforderung zum Rücktritt zu verstehen war. Wie Henderson mit- teilte, ist das Vorgehen der Regierung auf ihre Beurteilung der Haltung Lord Lloyds gegenüber der Politik der konservativen Re- gierung zurückzuführen. Lord Lloyd war der bös« Genius der Aegypten-Politik Chamberlains. Sein Rücktritt dürfte von der BevAksrung Aegyptens freudig begrüßt werden. Hermann Müller. Stetige Besserung im Befinden des Reichskanzlers. Heidelberg, 24. Juli.(Eigenbericht.) Das Befinden des Reichskanzlers bessert sich langsam aber stetig. Ter Patient nimmt bereits wieder leichte Speisen zu sich und ist bei guter Stimmung. Die Aerzte sind indessen iu ihrer Prognose immer noch Lufterst vorsichtig. Die Kriegshetzer. Die Kommunisten als Erben Northcliffes. Der Massenwahn ganzer Völker im Krieg ist eines' der traurigsten Kapitel in der Geschichte des menschlichen Geistes — noch trauriger ist das Treiben derer, die künstlich auf die Erzeugung von Masfenwahn hinarbeiten. Dies traurige Geschäft ist während des Weltkrieges zu wahrer Virtuosität ausgebildet worden: die Kriegspropagandisten aller Länder, massenpsychologisch geschult, verstanden es schließlich trefflich, auf dem Klavier der Massenstimmungen zu spielen. Die Hetznachricht, die erregende Kriegslüge, die Greuelpropaganda feierten Triumphe. Die raffinierteste Lügenpropaganda griff die Massen bei den einfachsten tiefsitzenden Affekten an, nach dem zynischen und doch so ungeheuer aufschlußreichen Worte des größten aller Kriegspropagandisten, des Lord North- eliste: Zu einer guten Nachricht gehört dreierlei: Blut, Vagina und Nationalflagge! Daher die Greuellügen von den abgehackten Kinderhänden, den geschändeten Frauen, den unschuldig Erschossenen, die sich sür ihre Nationalflagge opferten! Die Agenten der Sowjetpolitik haben von Northcliffc und den Seinen gelernt. Sie betreiben eine unsäglich plumpe und rohe Hetzpropaganda— ganz nach dem Muster jener Hetze, die zu Wilhelms Hunnenrede führte und zu dem be- rühmten Ausspruch:„Pardon wird nicht gegeben. Gefangene werden nicht gemacht!" Ist es ein Zufäll, daß die„Rote Fahne" gerade ein Bild aus der Zeit des„Feldzugs gegen die Hunnen" umgefälscht hat, um ihre Kriegshetze gegen China damit zu verstärken? Wir haben die schamlose Bilderfälschung der„Roten Fahne" aufgedeckt, um dieser vergiftenden Kriegsagitation entgegenzuwirken. Die Preßpiraten, die an der Vergiftung der Seele der Völker arbeiten, sind mindestens ebenso schlimm wie die Generäle, die zum Kriege hetzen. Schlimmer noch— ohne die Vergiftung der öffentlichen Meinung, ohne jenen künstlich erzeugten Massenwahn müssen alle Bemühungen der Militaristen wirkungslos bleiben. Wer die Behauptung aufstellt, daß die Greueipropaganda dem Frieden diene, der ist nicht nur ein Kriegshetzer, sondern ein niedriger Lügner dazu! Wer den Frieden will, der muß der Kriegslüge in jeder Form entgegentreten. Wir wiederholen: es ist ein Verbrechen am Frieden, wenn der ruffisch-chinesische Konflikt von der Sowjetpresse in Rußland und außerhalb Rußlands zu einer maßlosen und noch dazu schamlosen Kriegshetze benutzt wird. Nicht nur am Frieden zwischen Rußland und China, sondern an dem großen Ge- danken des Friedens überhaupt. Denn der Kampf um den Frieden ist ein Kampf um die Seele der Menschen, er beruht auf jenem sozialen Optimismus, der an den Sieg der Vernunft und der Wahrheit über die Affekte und über die Kriegspsychose glaubt. Wer kriegerischen Massenwahn mit Hilfe der Greuelpropaganda erzeugen will, der muß im tiefsten Grunde die Volksmassen verachten, der muß auf sie herabsehen als auf eine ungebildete, unvernünftige Herde, die mit einigen dreisten Lügen, die an ihre Affekte greifen, in jenen Zustand des Wahns versetzt werden kann, in dem die Tierheit hervorbricht. Die gewissenlosen Burschen in der Sowjetpresse, die das verächtliche Geschäft der Greuelpropaganda zum Zwecke der Kriegshetze betreiben, ahnen nicht, wie sehr sie den ethischen Grundgedanken des Sozialismus und Kommunismus ins Gesicht schlagen! Sie werden es niemals verstehen— das ist die große prinzipielle Klust, die sie von allen wahrhaften Sozialisten und allen wahrhaften Freunden des Friedens scheidet. Gegenüber dem Versuch, Kriegspsychose zu erzeugen, darf es für wahrhafte Pazifisten nur leidenschaft- lichen, rücksichtslosen Kampf geben. Wir haben eine Hetz- lüge der„Roten Fahne" zerstört, und die wilden Be-. schimpfungen der Hetzer, die uns diese Tat eingetragen hat, werden uns nicht abhalten, der Kriegshetze auf das stärkste entgegenzuwirken! Welches Verbrechen, in Deutschland, dessen Volk den Frieden will, dessen Friedenswille seine stärkste moralische Waffe ist, mit Greuelpropaganda und Hetzlüge Kriegspsychose erzeugen zu wollen, gegen wen es auch immer sei! Heute ist es die Hetzlüge gegen China— gegen wen wird das verbreecherische Treiben sich morgen richten?. Heute hetzen die Reptilien der Sowjetpolitik— welches Vorbild für die Nationalisten und Chauvinisten! Die B i l d l ll g e ist die niederträchtigste Form der Kriegshetze— sie ist während des Krieges mit Virtuosität gegen Deutschland angewandt worden. Das fängt jetzt wieder an— diesmal zur Abwechslung in Deutschland gegen China. Die Bildlüge spekuliert auf den naiven Glauben, daß die Photographie nicht lügen könne. Sie spekuliert auf den Glauben an die Ehrlichkeit, darauf, daß der Durchschnitts- mensch mit keinem Gedanken darauf rechnet, daß die Ge- meinheit und das Verbrechen das Bild und die Photographie oerfälschen könnten. Sie ist ein Mißbrauch der Anständigkeit der Menschen durch unanständige Elemente. Unsere Zerstörung der Greuellüge der„Roten Fahne" wird von diesem Organ beantwortet mit folgenden Sätzen: „Wer bezahlt den„Vorwärts"? Steckt hier nicht'mehr dahinter? Nicht die direkten gekauften Liebesdienste einer feilen Journaille, der aus den Geheimfonds der imperialistischen Mächte Subventionen zugeflossen sind?" Die Burschen, die solches schreiben, können nicht fassen, daß man die Wahrheit und den Frieden liebt um seiner selbst willen! Sie gleichen jenen Verleumdern, die gerade die Sozialisten, die im Kriege am leidenschaftlichsten für den Frieden eingetreten sind, beschuldigt haben, feindliche Spione, bezahlte Agenten des englischen oder französischen Geheimdienstes zu sein! Die Gesinnung der Redakteure der „Roten Fahne" ist der nationalistischen Hetzpresse würdig Welche erbärmliche Verteidigung, zu schreien: wir haben zwar gelogen, aber für die Aufdeckung unserer Lüge ist be zahlt worden! Eine feine Sorte von Journalismus das! Wer bezahlt den„Vorwärts"? Die Berliner Arbeiter! Dieselben Berliner Arbeiter, die die Kommunisten gewinnen wollen! Ob die Kriegshetzer in der„Roten Fahne" selbst noch glauben, daß sie mit ihrem verächtlichen Fälschen auch nur auf einen Berliner Arbeiter noch Eindruck machen? Das ist eben die Auffassung dieser Burschen von der „Roten Fahne", daß eine Zeitung alles nur gegen Bezahlung tue— fei es auch die Verteidigung der Wahrheit. Es ist die schmählichste Verleumdung, die gegen einen Journalisten geschleudert werden kann, daß er im Solde unbekannter Mächte stehe und sich aus Geheimfonds finanzieren lasse— aber diese Verleumdung, gegen die jeder Journalist sich mit äußerster Empörung zur Wehr setzen wird, verliert ihr Ge- wicht, wenn sie von notorischen Fälschern und Betrügern ausgestoßen wird! Jeder, der für die Wahrheit kämpft, riskiert, daß er vom Gesindel mit Schmutz beworfen wird. Die wahnwitzige Kriegshetze, die schamlose Greuel Propaganda mit Fälschungen, die Nachahmung der chauvr nistischen Kriegslügen, und dazu die Beschimpfung derer, die für den Frieden wirken— so erscheint die neueste Phase der Sowjetpolitik in der„Roten Fahne". Von diesem Auswurf des Journalismus läßt die Sowjetregierung ihre Interessen publizistisch in Deutschland vertreten! � Brauchbare Richter. Sie müssen schleunigst befördert werden. Der nationalsozialistische frühere Pastor Münchmeyer aus Borkum wurde am Mittwoch von dem Schöstengericht Hannover von der Anklage eines Vergehens gegen das Republikschutzgefetz freigesprochen. Der Staatsanwalt hatte 6 Wochen Gefängnis beantragt. Bor Gericht wurde festgestellt, daß gegen Münchmeyer zurzeit nicht weniger als 48 Beleidigungsklagen schweben. Münchmeyer hotte im September vorigen Jahres in einer Ver- fammlung die Republik als Juden- und Saurepublik be- ichimpst. Er bezeichnete damals u.a. auch die Ermordung Rathenau« als«in großes Glück für Deutschland. Hermann Müller bezeichnet« er als Reisenden einer gewisien Porzellanbranche. In seiner Begründung des freisprechenden Urteils führte der Gerichtsvorsitzende u.a. aus, daß die Ausdrücke Juden- und Sau- republik an fichkein« Beschimpfung darstellten. Die Aeuhe- rung über den Reichskonzler sei auch nicht beleidigend; e» fei außer- dem nicht erwiesen, daß der Angeklagt« den Mord an Rathenou gebilligt habe. Richter, die so tapfer freisprechen, sind tüchtige Leute. Sie sollten schleunigst befördert werden. Und da es bezüglich ihrer B«- fähigung zum„Reisepden in einer gewissen Porzellanbranche" wahr- icheinlich doch nicht langen würde, sollte man sie schleunigst ans !8«ichsgericht versetzen. Dort ist ja für die Justiz über die„Jriden- republik" schon richtig vorgearbeitet worden. Reueste Verfaffungsklage. Oeutschnaiionoles Qaerulantentvm.— Wer bezahlt die Kosten? Di« Hundsiogshitze hat auch in der deutschnationalen Fraktion des Preußischen Landtags ihr« Wirkung getan und die Herrschaften endlich aus Ihrem Dornröschenschlaf erweckt. Am 12. Dezember 1927, also vor mehr als IX Jahren, ver- abschiedete der Preußische Landtag eine Vorlage der preußischen Regierung über Aenderungen des Gemeindever- faffungsrechte». Zweck und Ziel dieser Vortage war u. a., die seit Jahrzehnten umstrittene Frag« der Gutsbezirk« einer Regelung entgegenzuführen und die etwa 12000 Gutsbezirk« aufzulösen. Am 30. Dezember trat die Vorlage in Kraft. Sie wurde in wenigen Monaten durchgeführt. Mitte Oktober 1928 waren durch die Auflösung der GutÄiezirke mehr als IX Millionen entrechteter Menschen den Einwohnern der deutschen Städte und Gemeinden hinsichtlich ihrer Rechte gleichgestellt. Die Vor- rechte der Gutsoerwalter hatten aufgehört. Don alledem scheint die deutschnotionale Fraktion de« Preußischen Landtags nichts gehört und nichts erfahren zu haben: denn mehr als IX Jahre noch der Inkraftsetzung des Gesetzes und soft ein Jahr nach dessen restloser Durchführung ist ihr plötzlich ein Licht ausgegangen. Plötzlich beginnt sie sich für die Stützen ihrer Ideen, für die Gutsverwalter alz die ausschließlichen Herren der Gutsbezirke, zu interessieren und sich ihrer anzunehmen. In einer dieser Tage eingereichten Ktage gegen di« preußische Regierung wird die D« r f a s s u n g s m ä ß i g k e i t des seit % Jahren unter viel Zeitaufwand und mit nicht unerheblichen Kosten durchgeführten Gesetzes bezweifelt und der Staats- gerichtshof ersucht, die Versassungswidrigkeit zu bestätigen. Man sordert von dem höchsten Gerichtshof nicht mehr und nicht weniger als die Wiederentrechtung von IX Millionen Menschen zugunsten einer kleinen Cliqu« deutschnationaler Gutsverwalter. Das ist die Deutschnationale Partei in ihrer wahren Größe! Es liegt uns fern, uns auch nur mit einem Wort mit der recht- lichen Seite dieses deutschnationalen Hundstagsproduktes zu beschäftigen. Die Klage zeigt, daß nicht sachliche, sondern rein parte!- politische Momente die Politik der Deutschnationalen Partei be- stimmen und daß man sich nicht scheut, selbst im Interesse dieser Parteipolitik den höchsten zuständigen Gerichtshof in Aktion zu setzen. Es ist an der Zeit, daß endlich auch der Staatsgerichtshof in seinem eigenen Interesse gegen eine derartige Sorte von Klagen ein scharfes Wort findet. Auslandsverlrelungen der Südafrikanischen Union. Die dem Abgeordnetenhaus vorgelegten revidierten Etatvoranschläge sehen die Errichtung von Gesandtschaften in Rom. Washington und Haag »nd die Ernennung von Handelssekretären in Mailand, New Port und Haag, ferner die Ernennung eines Handelsvertreters in Ham- Uirg vor, Photofälschung als System. Wie die Kommunisten das Bildersälschen beireiben. «Bftage in die Betriebszeitung nie eine Meldung, di« unwahr ist. Durch eine Lüge diskreditierst du die Betriebszeitung für lange Zeil." Gebot Tit. 7 der„Zehn Gebote für Vekrlebszeituags- redakleure", herausgegeben vom„Agitprop". Die von uns aufgedeckte Fälschung des chinesischen Greuelbildes wird von der„Roten Fahne" mit der Behauptung bemäntelt, daß sie einer„Mystifikation" zum Opfer gefallen sei. Es läßt sich aber leicht beweisen, daß die systematische Bildersälschung zu den ständigen kommunistischen Kampfmitteln gehört. Getreu der An- Weisung Lenins, im politischen Kampf auch vor der bewußten Lüge nicht zurückzuschrecken, ist diese Art der Fälschung von den Kommu- nisten sogar zu einer besonderen Spezialität ausgebaut worden. Wir rufen in folgendem einige besonders markant« Fäll« kommu- nistischer Bildfälschung ins Gedächtnis zurück, in denen der Nachwels der Fäsichung restlos glückte. Eine Fälschung der Jugend-„prawöa". Am 15. Januar 1929 veröffentlichte die Iugend-„Prawda" in Moskau ein Bild, auf dem man steht, wie eine Schupokette eine Menschenmenge, au» Kindern und Erwachsenen bestehend, zurück- drängt. Das Bild erschien in der Jugend-„Prawda" mit folgender Beschriftung: Deutsche Polizei schützt die Faschisten. wahrend einer faschistischen Demonstrakion drängt die deutsche Polizei die Menge der Arbeiterjugend und der Roten Frontkämpfer zurück, die gegen die Faschisten demonstrieren. In Wirklichkeit war das Bild ausgenommen im Jahre 1928 bei der Rückkehr der Ozeanflieger Köhl, Hünefeld und Fitzmaurice. Die von der Polizei zurückgedrängte Menschen- menge besteht, wie der deutsche Beschauer des Bildes ohne weiteres erkennt, aus Schulkindern und gänzlich unpolitischem, schaulustigem Bllrgerpublikum! Lmmerireu'Begräbnis mlt Rotfront. Um die Jahreswende 1928/29 fand im Osten Berlins die große Schlägerei zwischen dem Ganovenverein„I m m e r t r e u' und den fremdgeschriebenen Zimmerleuten statt. In der Kommunistenpresse begann alsbald eine heftige Hetze gegen die Polizei, der vorgeworfen wurde, daß sie die„Jmmertreu"-Leute— angeblich wegen deren „staatserhaltendcr Gesimnmg"— zu milde behandle. In Unter- stützung dieser Hetze veröffentlichte die kommunistische„Arbeiter- Illustrierte" eine Anzahl von Bildern, darunter auch das Bild einer Beerdigung, mit folgender Beschristung: ver Trauerzug de» Ringverein»„Zmmerlreu" bei der Beerdigung eines seiner Mitglieder. Nach dieser Beerdigung erfolgte der Angriff auf die in ihrem Lokal friedlich versammelten Zimmerer. Scharfe Augen entdeckten im Trauerzug dieser angeblichen „Inun«rtreu"-Beerdigung eine Deputation de» Roten Frontkämpferbundes mit roter Fahne! Di« Bildfälscher hatten nicht aufgepaßt. Das peinliche Mißgeschick, dos ihnen unter- laufen war. zwang sie zum G e st ä n d n i s: sie hotten das xbeliebige Bild einer Beerdigung eines harnllosen Neuköllner Geselligkeit-- Vereins als die Beerdigung der„Immertreuen" ausgegeben. Ware nicht durch einen Zufall die Rotfrontkämpfergruppe im Leichenzug erkennbar gewesen, so hätte das Publikum diese Bildsäsichung wie hundert andere nicht bemerkt! Die photographischen„Beweise". Bei Ausschachtungsarbeiten auf dem Gelände des„Ulop" wurden unter einem Dogen der Stadtbahn im Juli 1927 einige Dutzend ur- alte Skelette gefunden. Sachverständige gaben das Alter der Knochen auf weit über 50 Jahre an. Später wurde festgestellt, daß hier i m Jahre 1813, also zur Zeit der Freiheitskriege, in den Lazaretten verstorbene Russen und Franzosen beerdigt worden waren. Die kommunistische Presse behauptete wochenlang in sensatio- nellster Aufmachung, daß es sich um die Skelette von Revolutia« n ä r e n aus dem Januar 1919 handle, die damals von Re- gierungstruppen im„Ulap" heimlich ermordet und verscharrt worden seien. Als demgegenüber auf das hohe Alter der Knochen hingewiesen wurde, veröffentlichte die„Rote Fahne" und di« Münzenberg- Presse„photographische Beweise" für dos angeblich viel jüngere Aller der Knochen. Diese Photographien zeigten Knochen, an denen noch Ueberreste von Weichteilen zu sehen waren. Nachdem der Spektakel einige Wochen gedauert hatte, staute e: ab, und dann wurde es ganz still. Die Ausschachtungsorbeiten am Stadtbahnkörper waren nämlich inzwischen weiter fortgeschritten, man hatte die jahrzehntealten Zementböden eines zweiten und eines dritten Stadtbahnbogens aufgebrochen und auch unter diesen, ja sogar unter den Stützpfeilern der Stadtbahn immer neu« Skelette, einige Hundert im ganzen, ausgegraben. Damit war die kommu- nistijche Behauptung, daß es sich um Opjer der Revolutionskämpje von 1919 handle, völlig zusammengebrochen. Und die„photographischen Beweise"? Merkwürdig, wie ver- geßlich die Leser der.Roten Fahne", der„Well am Abend" usw. sind. Seiner von ihnen hat es für notwendig gehalten, darüber nachzudenken, woher die phhotographifchen Beweise für eine offen- sichtliche Unwahrheit gekommen sind. Niemand Hot sich überlegt, daß man in einer Stadt wie Berlin, wo es Dutzende von Kliniken, Anatomien usw. gibt, sich sehr leicht frisches mensch- liches Knochenmater ial beschaffen und photogrophieren kann. „Bringe in die Betriebszeitung nie ein« Meldung, die unwahr ist. Durch eine Lüge diskreditierst du die Betriebszeitung für lange Zeit." So tautet die Moskauer Anweffung für die Kleinen. Wie di« Redakteur« der großen Zeitungen sie befolgen, das zeigt allein das Beispiel der Bildsälschungen! Reuiraler Gchristkenner abgelehnt. llm die Echtheit von Miß' Unterschrift. kattowih. 24. Juli.(Eigenbericht.) Im Ulitz-Prozeß kam es am Mittwoch hauptsächlich zu Auseinandersetzungen darüber, ob di« Unterschrift unter das einem polnischen Deserteur zur Verfügung gestellte Dokument ge- fälscht ist odei� tatsächlich von Ußtz ausgeführt worden ist. Die Verteidigung des Angeklagten forderte, den Leiter der grapholo- gischon Abteilung des Polizeiinstitujes in Lausanne. Bischoff, als Sachverständigen zu vernehmen. Die Staatsanwaltschaft lehnte diesen Antrag ab. Das Gericht schloß sich dem nach einer kurzen Pause an, erklärte sich jedoch bereit, einen von der Verteidigung be- nannten polnischen Schriftsachverständigen zuzulassen. Die Anklagebehörde hotte als Schriftsachverständigen den Pro- feflor Krull-Krakau gewählt, der, von der Verteidigung ziemlich in die Enge getrieben, schließlich zugab, daß ein genauer Nachweis darüber, ob di« Unters chrift gefälscht ist oder nicht, kaum zu er- bringen sei. Der Sachverständige Kiccinsky stellte fest, daß es unmöglich sei, über die Entstehung der Unterschrift irgendein« be- slimente Erklärung abzugeben. Die fünf leicht zu schreibenden Buch- stoben der Unterschrfft des Angekagtan würden für einen Fälscher nicht die geringst« Schwierigkeit in sich bergen. Deutsche Beamte vernommen. Kattowih, 24. Jüli. Die Sensation des zweiten Verhandlung-tages des Ulitz- Prozesies bildet« die Vernehmung der beiden von der V e r t e i d i- g u n g geladenen deutschen Beamten. Oberregierungsrat Graf Matuschka von der Oppelner Regierung und Polizei- inspektor Mentzel von der N e i ß« r Polizeioerwattung, di« seinerzeit den Fall Biatucha bei den deutschen Behörden bearbeiteten. Sie er- klärten unter ihrem Eid, daß sich außer der Mitgliedskarte des Deutschen Volksbundes nie«ine andere Bescheinigung bei den Akten Bialuchas befunden habe und daß auch eine solche Bescheini- gung nie o« rlangt und von Bialucha auch nicht beigebrocht worden sei. Der ganz« Geschäftsgang der Akten ergebe einwandfrei, daß diese Bescheinigung niemals vorgelegen Hobe. Die Original- akten wurden von Oberregierungsrat Graf Matuschka dem Gerichts- Hof zur Derfügung gestellt._ Vorbeugung in Krankreich. Führende Kommunisten wegen des 1. August verhastet. Paris. 24. 3ufl.(Eigenbericht.) Am Mittwoch wurden alle Vorstandsmitglleder der Sommnnlstlschen Partei Frankreichs außer den durch die parlamentarische Immunität geschützten verhaftet. ferner der Generalsekretär der kommunistischen Gewerkschaften und zahlreiche kommunistische Bürgermeister und Gemeinderalsmitglieder. Da zurzeit lu Paris ein Teil der Erdarbeiier streikt, wurden auch einige kommunistische Erdarbeiterführer festgenommen. Die Zerstörung der OemonstrattonSpläne. Pari», 24. Juli. Die vor einigen Tagen gegen die Kommunisten eingeleiteten polizeilichen Maßnahmen wachsen sich immer mehr zu einem ver- nichtenden Feldzuge gegen die Kommunistische Partei und ihre Organisation aus. Im Verlaufe des heutigen Tages hat die Polizei die heute früh angekündigten Haussuchungen bei der Roten Hilf« vorgenommen. Außerdem fanden- Durchsuchungen in den Geschäftsräumen der kommunistischen Jugend statt. Anch di« Wohnungen zahlreicher kommunsitischer Führer wurden durch- sucht. So erschien die Polizei bei dem kommunistischen Bürgermeister der Vorstadt Jvry, bei einem kommunistischen Stadtrat des gleichen Ortes und bei einem Mitglied des Zentralkomitees der kommunistischen Jugend, bei mehreren Redakteuren sowie«inigen kommunistischen Gewerkschaftsbeamten. Uebrall sollen zahlreiche Dokumente beschlagnahmt worden sein. In den Räumen der kommunistischen Jugend wurden außerdem drei geladene Revolver entdeckt. Der Sekretär des kommunistischen Gcwerkschaftsbundes, Dutilleux. wurde oerhastet. Gegen sämtliche Mitglieder des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, soweit sie nicht bereits festgenommen wurden, wurden Haftbefehle erlassen. Di« meisten von ihnen haben jedoch. gewarnt durch die bisherigen Vorkommnisse, die Flucht ergriffen und konnten von der Polizei noch nicht gefunden werden. Unter ihnen befindet sich auch der kommunistisch« Abgeordnete Duclos. Der„Temps" berichtet, daß die vom Innenminister Tordieu angeordneten Maßnohmen zu einer völligen Desorganisation in den Reihen der Kommunisten geführt haben und daß all« Pläne für den Roten Tag fehlgeschlagen seien. Weiter wird angekündigt, daß am 1. August sämtlich« Versammlungen unter freiem Himmel und Umzüge untersogt werden. Am schärfften geht die Polizei gegen die ausländischen Arbeiter vor, ganz gleich, ob es sich dabei wirtlich um Kommunisten oder nur um Teilnehmer am Untergrundbahnstreik handelt. Heut« sind fünf Ukrainer und Polen über die Grenz« abgeschoben worden. Sechs anderen Arbeitern. Spaniern, Polen und Tschcchoslowaken, wurden die Personalausweise entzogen mit dem Beseht, Frankreich unverzüglich zu verlassen. Gegen Bäumung oder für Solidarität. Pari», 24. Juli.(Eigenbericht.) Der französische S e n o t hat am Mittwoch mittag mit der D i s- kussion der Schuld« na bkommen mit Washington und London begonen. Di« Beratung wird sich vor allem auf finonztech- nischem Gebiet bewegen. Als erster Redner sprach am Mittwoch der Berichterstatter der Finanzkommission D u m o n t. der in seinen Ausführungen in opti- misttscher Weise die künftige Lage des französischen Geldmarktes her- vorhob. Frankreich könne sich nicht weigern zu zahlen und zugleich selbst seinen Schuldner zur Zahlung antreiben wollen. Der früher« Präsident Millerand, der gegen die Ratifikation sprach, sprengte den Rahmen der Diskussion mit hesttgen Ausführun- gen gegen die Rheinlandräumung. Die Besatzung garantiere di« Erfüllung der militärischen und sinonziellen Derpflich- tung Deutschlands und die Sicherung oller Alliierten. Deutschland sei nach wie vor nationalistisch und betreibe ein« ständig« Propa- ganda gegen die Feststellung seiner Kriegsschuld, für den An- schluß usw. Auf Millerand folgte de Ioüoenel, der seine Red« mit der Feststellung begann, daß heute der Tag gekommen sei, an dem Frankreich zu einer Politik der Jsolierung oder einer i n t e r- nationalen Solidarität sich entscheiden müsse. Deulschnational« Untreue. Die Staatsanwaltschast in Königs- berg hat gegen den zweiten Vorfitzenden des Ostpreußischen Land- gemeindeverbandes Mickim ein Strofversahrenwegen Untreue, Unterschlagung und Betrug eröffnet. Der erste Vorsitzende dieses Verbandes ist der deutschnational« Reichstagsobgeordiicic Moenke. Prozeß Siinnes. T Verteidiger Dr. Alsberg(sein Plädoyer schließend): �Meine Herren Richter! Verfahren Sie nach dem Grundsatz: RechtgehtvorMacht!� Stimme aus dem Jenseits:».Stimmt, danach ist Familie Stinnes stets verfahren!� Gärung im Reiche Hugenberg. Die Christlich-Sozialen organisieren sich. �Kaufmann" Crnst Buchrucker. Rationalsozialistische Gründungen. Bor mehreren Wochen wurde in Verlin eine Kredit« und W i rt sch a ftsg e n o I s e n s ch a f t„Selbsthilfe" gegrün- d e t. deren Zweck die Förderung des Erwerbes und der Wirtschaft durch Gewährung von Krediten. Annahme und Verzinsung von Geld« cinlagen, Beschaffung von Hypotheken und Baugeldern und Verwirk- lichung von Wirtschaftsmethoden zur Einführung von Standard« waren fein soll. Die Gesellschaft, die für ihre Mitglieder Geschäfts- onteile bis zur Höhe von lvllv Mark herausgibt, will auch im Reich Mitglieder werben und plant die Einsetzung von Bezirksleitern in ganz Deutschland Im Vorstand dieser Genossenschaft befindet sich— und das ist für die Gesellschaft charakteristisch— u. a. auch ein Kaufmann Ernst Buchrucker. der gleiche Buchrucker, der im Jahre 1923 alz Major der Reichswehr an dem Kü striner Putsch maß« gebend beteiligt war. Die neu gegründete Firma arbeilet eng zusammen mit der im September 1928 gegründeten Waren-Derkehrs-Gesellschoft m.b.H. sWa-Ge). die wiederum aus der im 3uli des gleichen Jahres ge« gründeten Deutschen Wirtschaftsorganisation hervorgegangen ist. Dieses Unternehmen beabsichtigt nach seinen Statuten, alle Arten von Handelsgeschäften vorzunehmen, so den Ankauf und Berkauf von Waren jeder Art und die Beteiligung an Unternehmungen und Gründungen. Beide Gesellschaften legen Wert aus n a t i o- nalgesinnt« Mitglieder und unterhalten enge Be« Ziehungen zu den Nationalsozialisten. Der Bruder des nationalsozialistischen Abgeordneten S t r a s s e r geht in der Gesellschaft z. B- ein und aus. Er hat dem neuen Unternehmen bereits ein großes Projekt vorgelegt, dos die Gründung eines Zcitungsunternehmens bezweckt. Strasser glaubt, daß eine Zeitung, die sich nach außen unparteiisch zeigt, aber grund- sätzlich zur Opposition neigt und die aus Prinzip die Hand- lungen der Regierung und der führenden Par- teien kritisiert, sehr rasch einen gewaltigen Erfolg haben muß. Er denkt an eine Zeitung, die sich sozusagen als Tribun des Volkes bezeichnet, kein Programm hat als das, die Stimme der Opposition zu erheben gegenüber der jeweils herrschenden Gewalt auf politischem, wirtschaftlichem und künstlerischem Gebiet. Eine solche Zeitung müsse in Berlin sehr bald eine Auslage von über lOOOOll erreichen. Di« maßgebenden Kreise der„Wa-Ge" stehen dem Plan Strassers sympachisch gegenüber. Sie verfolgen also unter dem Deckmantel wirtschaftlicher Betätigung reaktionäre Ziel« und die Stützung eines nationalsozialistischen Zeitungsunternehmens. Oer schweigende Winnefeld. Volksparteiler und Bodenreform. Abgeordneter Winnefeld ist der Vorsitzende de; volks- parteilichen Reichsarbeiterausschusses. Dieser in Westsalen-Süd ge« wählte Arbeitervertreter stellte vor einiger Zeit im Reichstag B«> hauptungen auf, für die er noch heute die Beweise schuldig ist. Di« letzt« Nummer der„Bodenreform"(Adolf Damaschke) stellt fest, daß Winnefeld im Reichstag erzählte: „Der Herr Verbondspräsident für dos Ruhrkohlcngebiet, Dr. Schmidt, Hot vor kurzem in Bielefeld auf einer Tagung ge- lagt:„Der Bodenrefarmgesetzentwurf des Herxn Damaschke ge». höre in«in Museum/ Damaschke schreibt dazu:„Dadurch hat Winnefeld in g«-. wissen Teilen des Reichstages den gewünschten Erfolg erzielt:.�heiter- keitl" Am 11. Mai hob« ich in eingeschriebenen Briefen die.Herren Winnefeld und Dr. Schmidt um Mitteilung gebeten, ob und in welchem Zusammenhang jene Aeußerung gefallen sei. Herr Dr. Schmidt antwortete. Herr Winnefeld antwortete nicht. Endlich, am 2«. Juni, hat Herr Winnefeld Gelegenheit ge- . nornmen, zu antworten. Di« Antwort besteht in nichtssagenden Redensarten. Er beruft sich nochmals auf den Verbondspräsident Schmidt. Winnefeld erhält dazu die folgende Absuhr vom Leiter der „Bodenreform":„Was Herr Winnefeld sonst noch gesagt hat, ist unerheblich und zeugt nur von einer sachlich schwer verständlichen Erregung. Die Sache liegt doch einfach so: Hätte Herr Winnefeld innerhalb von drei Wochen mein« berechtigte Frage beantwortet, so würde«in Zweifel an seinem guten Glauben keinen Augenblick möglich gewesen sein. Das will natürlich nichts über den objektiven Tatbestand sagen. Wer Versammlungen kennt, weiß, wie leicht man sich in gewissen Dingen irren kann. Es sei deshalb der Brief von Herrn Dr. Schmidt im Wortlaut wiedergegeben: Essen, den 31. Mai 1929. Sehr geehrter Herr Damaschke! Das Zitat de» Reichstagsabgeordneten Winnefeld ist mir voll« ständig unbekannt. An sich ist es bereits ungenau, wenn es mich als Verbandspräsident bezeichnet. Mein« Ausführungen auf der Jahresversammlung der Deutschen Gartenstadtgesellschast in Bielefeld am 13. Oktober 1928 sind wörtlich zum Abdruck gelangt in. der Nummer 19 von„Stadt und Siedlung", einer Beilage zur „Dleutschen Bauzeituug", Berlin. Ich gebe ergebenst anheim, die Ausführungen durchzulesen. Ferner habe ich das Protokoll der Verhandlungen durch« Sefehen und auch hier an keiner Stell« eine Aeußerung, die dem sitat des Herrn Winnefeld entspricht, feststellen können. Mit vorzüglicher Hochachtung ergebenst gez.: Dr. Schmidt. Damit ist erreicht, was erstrebt war: Ein Sachkenner wie Herr Dr. Schmidt kann nun nicht mehr von ehrlichen Gegnern gegen uns ins Feld geführt werden!" » Der volksparteiliche Abgeordnete Winnefeld, der Arbeit«rver. treter. sollt« bei dieser Sachlage doch den Mut ausbringen, entweder seinen Irrtum«inzugestehen, oder hiebfest« Benxise zu erbringen. Di« breiteste Oesfentlichkeit hat ein Interesse daran, wie ein Ab» geordneter zu seinen im Reichstag gemachten Ausfüllungen steht. Das Verbrechen der Zwangsarbeit. Kampf im hottändisch-indifchen Volksrat. Amsterdam, 24. Juli.(Eigenbericht.) Im Indischen Dolksrat in Bataoia kam es anläßlich der Beratung des Justizhaushalts wegen der zwangsweisen Ar» beitsoerpslichtung der Eingeborenen zu einem scharfen Zusammenstoß zwischen den Sozialdemokraten bzw. den Sprechern des indonesischen Intellektuellen-Bundes und den Ver- tretern der europäischen großkapitalistischen Parteien. Widdendorf t u n g. Ein indonesischer Abgeordneter erklärte, daß die letzten Mord« an Europäern in Delhi aus Sumatra auf das schändliche' Arbeitssystem zurückzuführen seien. Im Bereich des Allgewaltigen Hugenberg gehen Dinge vor, die die Oesfentlichkeit mehr interessieren als dem„fferrn von Film und Presse" lieb fein dürste. Die„Frankfurter Zeitung" gibt einer Darstellung über gewiss« parteimäßige Neubildungen Raum, die deswegen besondere Aufmerksamkeit verdient, weil sie aus dem Kreise der sogenannten Christlichsoziol«n stammt, die bisher schon innerhalb der Deutschnationalen Partei ein gewisses Eigen- leben führten. Wie erinnerlich, wurde seinerzeit die Deutschnotio- nale Partei zusammengebraut aus den Restbeständen der Deutsch- konservativen, der Frcikoisservativen, der Christlichsozialcn und der Deutschsozialen. Zu den„Christlichsozialen" Stöckerscher lieberliefe- rung gehören von den bekannteren Reichstagsabgeordneten unter anderen der Schwiegersohn Stöckers. Liz. Mumm, und der Ab- geordnet« Lambach, dessen Artikel über die Monorchie als Angelegenheit von Film und Kindermärchen noch in Erinnerung fein dürste. Neuerdings sind, nach der Darstellung in der„Frankfurter Zeitung", Bestrebungen im Gang«, di« christlich. sozialen Elemente innerhalb der Deutschnationalen Partei wieder stärker zusammenzufassen. Da besteht zunächst eine„Christlichsoziale Reichsoereinigung" und ein-„politische Vereinigung Ehrlstlich- nationale Selbsthilfe". Zwischen den beiden Organisationen bestehen Verbindungen, die ein Zusammengehen größeren Stils vorbereiten. Die letztere Vereinigung ist hervorgegangen aus dem„Deutsch- nationalen Angestelltenbund", der seit 1922 besteht, ober erst in den letzten Monaten ein politisches Eigenleben entwickelt. Ihr Vor- sitzender ist Lambach. Sie stützt sich hauptsächlich auf die der Deutschnationalen Partei nahestehenden Mitglieder des Deutsch- nationalen Handlungsgehilfenverbandes(DHD.). Unter ihrem neuen Namen will die„Politische Vereinigung Christlichnationale Selbst- bilse" über die reinen Angestelltenkreise hinweggreisen und weitere Schichten um sich sammeln, um so ein« gewisse Selbständigkeit gegenüber den großkapitalistischen Tendenzen zu gewinnen, die durch Hugenberg in der Partei repräsentiert werden. Welche Kreise die neue Vereinigung umschließt, geht auch daraus hervor, daß der frühere sächsische?lltsozialist N i e k i s ch ihr beigetreten ist! Die Vereinigung gehört korporativ der bereits erwähnten „Christlichnotionalen Reichsvereinigung" an. Diese ist im Sommer vorigen Jahres aus dem Zusammenschluß mehrerer örtlicher und provinzieller Derbänd« hervorgegangen. Sie sühll sich als Erb« der früheren Stöckerschen Gründung, die ja, wie be« kannt, auch durch A b s p l i t t e r u n g von der früheren Konser« vativen Partei entstanden war. In gewissen. Teilen dieser neuen Schwarzrotgold in München. Gin Erlaß der Reichsregierung. München, 24. Juli.(Eigenbericht.) Die Münchener Hotels haben es bisher immer wieder geflissentlich vermieden, bei osfiziellen Veranstaltungen, wozu Vertreter der Reichsregierung und der Reichsbchörden«ingeladen und erschienen sind, die verfassungsmäßigen Farben des Reiches zu ze-gen, während sie ausländische Besucher mit deren Farben begrüßten. So konnte man immer wieder das beschämende Schauspiel erleben, daß»eben den Farben de; auswärtigen Staates keine Reichsfarben, wohl aber die weißblaue und schwarzgelbe Flagge erscheint. Der Landesverband Bayern der Vereinigung republi- konischer Presse hat sich dezhalb an die R«> ch s r c g i e- rung gewandt und diese hat zur Ergänzung der Erlasse, die sie zur Achtung und gebührenden Ehrung der Reichsflagge heraus- gegeben hat, den Vertreter des Reiches in München angewiesen, entsprechend dem Erlaß über die„Teilnahme von Behördenver- tretern" vom 5. April 1929 künftighin Münchener Hotels, in denen hohe Reichsbeamte anläßlich von Festlichkeiten absteigen, anzuhalten, die Reichsfarben zu hissen. Der Erlaß vom S. April bestimmt, daß Vertreter von Reichsbehörden an Veranstaltungen, bei denen Flaggenschmuck verwandt wird, nur Anteil nehmen dürfen, wenn die Reichsfarben an hervorragender Stelle ge- zeigt werden und ihnen überhaupt ein angemessener und wür- diger Anteil an dem Floggenschmuck eingeräumt wird, Vor der christlichsozialen Gruppierung wird bereits mit dem Gedanken ge- spielt, bei den bevorstehenden K o m n> u» a l w o h l e n in Preußen mit eigenen Listen vorzugehen, wenn, wie zu erwarten ist, die Deutschnationole Partei, deren politische Haltung bekanntlich von dem Vorsitzenden Hugenberg„entscheidend beeinflußt" wird, den Wünschen der Arbeiter- und Angestelltenkreis« nicht genügend cnt- gcgenkommen sollte. Ob es zu einer solchen offenen Fronde jedoch schon in diesem Jahre kommen wird, st«ht noch dahin. Von Interesse scheint es ober .zu sein» daß das Bestreben Hugenbergs, eine„kleine aber stark« Partei" zu haben, sich der Verwirklichung wenigstens hinsichtlich der Kleinheit nähert. In diesem Zusammenhang ist nicht ohne Bedeutung, daß auch in den sogenannten„nationalen Arb«it«rkreisen" eine dauernde Eifersüchtelei Um das Vorrecht der Organisationen und Or- gönisatiöttchen sich geltend, macht. Da hat sich z. B. der„Reichs- verband vaterländischer Arbeitervereine" offiziell bei dcr Hauptgeschästzstelle der Deutschnotionalen Partei darüber b«- schwer!, daß die Mitglieder des„Deutschnationalen Arbeiter- bundes" in Berliner Großbetrieben parteimäßig zusammengefaßt und daniit in einen Gegensatz zu den Vaterländischen gebracht würden. Der als„Arbcitersekretär" bestellt« Organisator, ein Berliner Stadtverordneter, mußte sich aus Grund dieser Beschwerde vor der Hauptgeschäftsstelle sozusagen förmlich enischuldi- gen. Er behauptete, daß der„Reichsverband vaterländischer Ar- beiter" wi«derholt versucht habe, die in der D e u t s ch n a t i o n a l e n Partei tätigen Arbeiter für die Deutsche Dolkspartci zu gewinnen. Er bezifferte die Zahl der von seinem, durch das Landesarbeitsamt.zugelassenen, Arbeitsnachweis allein nach den Sicmenswerken vermittelten deutschnationalen Arbeiter auf etwa 499. Er hält es auch jür seine Pflicht, diese von ihm ver- mittelten Arbeitskräfte innerhalb des Betriebes deutsch- national zu überwachen und sie in, Kampfe gegen „marxistischen Terror" zu stählen. Daß ihin dabei die Botertändischen beschwerdeführend in den Weg kommen, ericheint ihm n»t Recht als eine Verletzung der brüderlichen Interessen, die diese schwarzweiß- roten Gelben nun einmal zusammenführen sollten. Einstweilen sind diese deutschnativnalcn Arbeiterbündler noch hvgenb«rgtreu. Wenn ab«r die der volksparteilichen Werbung ver- dächtigen„Vaterländischen" bei dcr Hauptgeschäftsstelle d-r Hugen � berg-Partei weiter freundwilligc Förderung finden sollten, so ist nicht abzusehen, welches Ende mit Schrecken diese Treue nehmen kann. Nach ollem wird man in froher Erwartung dem Ergebnis des vom Offiziersausschuß veranstalteten Volksbegehrens Hug«nb«rgscher Erfindung entgegensehen dürfen! Entscheidung über die Teilnahme der Vehärdenvertreter ist sestzu- stellen, ob und inwieweit den Erfordernissen dieses Erlasses genügt ist, nötigenfalls ist auf eine entsprechende Ausschmückung in den Reichssarben hinzuwirken. Aachtlang von Lnfierburg. Oer Staatsanwalt und seine Revision. Die Wiederoufnahmeverhondlung in Jnsterburg hat d«n früheren Hilfsgendorm Dujardin, der vom ersten Gericht wegen Totschlags, begongen an dem Gutsbesitzer Joquet. zu lebensläng- lichem Zuchthaus verurteilt worden war, vollkommen rehabilitiert. Es hat nicht nur den schweren Verdacht ausgesprochen, daß es die früher freigesprochene Frau Jaquet selbst gewesen sei, die ihren Mann ermordet habe, sondern darüber hinaus Dujardin auch das Recht auf eine Entschädigung für die unschuldig er- littenen Zuchthausjahre zuerkannt. Die Oesfentlichkeit mußt« annehmen, daß nun der Fall Dujardin ein für alle Mole aus der Welt geschafft sei und daß dieser unglückliche Mensch eirdlich die Möglichkeit erhalten würd«, stch eine neue Existenz zu gründen. Jedoch weit gefehlt. Dem Staatsanwalt hat das unzweideutige Urteil des Gerichts nicht ge- nügt. Er hat Revifionsgründe gefunden und beim Reichsgericht Revision gegen das freisprechende Urleil eingelegt. So lebt Dujardin wieder in voller Ungewißheit und nnr aus gelegentliche Arbeit an- gewiesen, ein Zustand, den: sein durch die lange Gefangenschaft zerrütteter Organismus nicht gewachsen ist. Muß das sein? Zusammenbruch einer Legende. Reue Ergebnisse der Arbeitslosenerhebung. Im neuen Reichsarbeitsmarktanzciger ist soeben das dritte Teilergebnis der großen Arbeitslosen- crbebung erschienen. Neue interessante Totsachen sind sestgestellt worden. Sie erhärten die bereits gelungene Widerlegung der großen chctzluge, daß die Arbeitnehmer nur solange arbeiten, bis sie in den„Genuß" der Arbeitslosenunterstützung kommen. Im Durch- schnitt sämtlicher Berussgruppen betrug die Dauer der Arbeit innerhalb 52 Wochen 41,2 Wochen bei den Männern und 42,6 Wochen bei den Frauen, insgesamt 41,4 Wochen. Man kann also unmöglich behaupten, die Dauer der versicherungspflichtigen Beschäftigung im letzten Jahr vor der Zlrbcitslosmcldung sei zu kurz und ein Miß- brauch der Versicherung. Auch der§ 95 des Ärbeitslosenoersicherungsgesctzes, der Er- wcitorungszeitcn zur Erfüllung der 26wöchigen A n tv a r t s ch a f t(Rahmenfrist) vorsieht, bedeutet im Verhältnis zu seiner großen sozialpolitischen Bedeutung keine abnonne Belastung der Versicherung. Rund eine Million, also knapp die Hälfte aller cnaßten Hauptunterstützungsempsängcr, haben genau 26 Kalenderwochen zur Erfüllung der 26wöchigen Anwartschaft gebraucht, d. h. sie hoben in dieser Zeit ohne irgendwelche Unter- b rechung der Krankheit, Arbeitslosigkeit. Unterstützungsbezug aus früheren Anwartschaften usw. in versicherungspflichtiger Beschäfti- gung gestanden. Weitere über 850 999 Hauptunterstützungsemp- fänger, d. h. über 49 Proz. benötigten bis zu dreiviertel Jahren, um die 26wöchige Anwartschaft zu erfüllen: 219 999, etwa 19 Proz. aller Hauptunterstützungsempfänger, brauchten zu dieser Voraus- feizuirg des Unterstützungsbezugcs mehr als dreiviertel Jahre. Von ihnen wiederum hotte der größte Teil, 156 999, die Anwartschaft noch innerhalb des ersten Jahres vor der Arbeitslosmeldung zurück- gelegt, während nur 77 999 Personen länger als ein Jahr gebraucht haben, d. h. von den Erwciterungszeiten des§ 95 Abs. 2 und 3 des Arbeitslosenoerficherungsgesetzes innerhalb der Dreijahrs- frist vor der Arbeitslosmeldung Gebrauch gemocht hoben. Die Zahl der Hauptunterstützungsempfänger, dlelongeralszwei Jahre gebraucht haben, beträgt etwa nur 1799 Personen. Die Unter- suchung bezog sich auf die Gesamtzahl der erfaßten 2 964 352 Hauptunterstützungsempfänger. Der Rest der Erhebung muß nun noch über die weiteren Merkmale des Arbeitsschicksals(Unterstützung, Arbeitsunfähigkeit durch Krankheit usw.) im ersten Jahr vor der Arbeitslosmeldung Klarheit schaffen. Eins läßt sich jetzt mit immer schärferer Deutlichkeit feststellen: Es ist nicht wahr, daß die Arbeiterschaft mit der Arbeitslosen- Versicherung einen Mißbrauch getrieben hat, der die Reichs- finanzen unnatürlich belastet hat. Die Arbeiterschaft hat nur dann von der Versicherung Gebrauch gemacht, wenn sie von der kapitalistischen Wirtschaft aufs Pflaster geworfen wurde. Vielleicht bequemen sich jetzt die Kritiker der Arbeitslosenversicherung, denen noch zu raten ist, zur Einkehr und Umkehr. Vielleicht machen sie jetzt endlich die Augen auf, um die durch die Erhebung ein- wandfrei festgestellten Tatsachen zu würdigen und zu respektieren. Nicht eine verkehrte Sozialpolitik, sondern Abstieg der K o n j u n k- tur, Polarwinter, Reparationsdruck und Ratio- nalisierung— sie sind die wahren Ursachen für die sprunghaft emporgewachsene finanziell« Inanspruchnahme der Reichsanstalt während des letzten Winters. Wir fürchten, daß ein gut Teil der Gegner der Arbeitslosen- Versicherung nicht sehen will, weil er, wie seit dem Beginn der Arbeitslosenhetze deutlich zu erkennen war, mit dem Kampf gegen die Arbeitslosenversicherung einen Stoß ins Herz der deutschen Sozialpolitik führen will, weil es sich für ihn bei dem Streit um die Arbeitslosenversicherung nicht um eine Er- kenntnis, sondern um eine M a ch t f r a g e handelt. Der Abschluß der Arbeit des Sachverständigenausschusses wird darüber schon in den nächsten Tagen Klarheit schaffen. Kampf in der Geldschrankbranche. Angestettte und Arbeiter in Front. Der Sonflikl in den Berliner Bauschlossereien und Geld- schrankfabriken scheint nicht nur auf die Angestellten beschränkt zu bleiben, sondern wird voraussichtlich auch aus die Schlosser, Helfer und die übrigen Arbeiter dieser Betriebe übergreisen. Auch hier war vom Metallarbeiterverband der Lohn- und Manteltarif vom 39. Juni gekündigt und Verbesserungen der tariflichen Vesti-mmungen gefordert worden. Unter anderem wurde die Herabsetzung der wöchentlichen Arbeitszeit von 461� auf 45 Stunden verlangt, die Erhöhung des Urlaubs für alle Arbeiter- kategorien um je einen Tag, die Aufbesserung der Bauzulage von 6 auf 19 Pfennig und die Erhöhung des Tariflohnes für die Ar- bester über 21 Jahre um 15 Pfennig pro Stunde sowie für die Arbeiter unter 21 Jahren um 19 Pfennig. Ebenso wurde gefordert die tarifliche Regelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen der Lehrlinge. Der Verhandlungen mit den Unternehmern über diese Forde- rungen blieben ergebnislos. Die Unternehmer traten noch mit ganz erheblichen Verschlechterungsanträgen auf den Plan. So stellten sie zum Beispiel der Forderung der Arbeiter auf Herab- sctzung der Arbeitszeit die Forderung nach Wiedereinführung der 48-Stunden-Woche gegenüber. Dann verlangten sie weiter, den Tarifvertrag zunächst um einen Monat zu verlängern, ein« neue Tarifgruppe für die Arbeiter von 21 bis 24 Iahren einzuführen und vor allem die Bestimmungen der Tarife zu streichen, wonach bei Lohnverhandlungen erzielte Zulagen auch den Arbeitern in vollem Umfange gewährt werden, die übertarifliche Löhne erhalten. Dieses Verhandlungsergebnis, über das Genosse Fuchs vom Metallarbeiterverband gestern abend in einer übersüllten Versamm- lung der Bau- und Geldschrankschlosser in den Germaniasälen de- richtete, wurde von den Versammelten ohne Debatte ein- st immig abgelehnt. Ebenso einmütig wurde beschlossen, heute, Donnerstag, in allen Betrieben eine Streikabstimmnng vor- zunehmen. Das Abstimmungsergebnis muß ab 4 Uhr nach- mittags im Bureau des Metallarbeitcrverbandcs abgeliefer werden. Die Vertrauensleute der Branche treten ebenfalls heute abend um 7 Uhr im Berbandshaus der Metallarbeiter zusammen, um die weiteren Kampfmaßnahmen zu beschließen. Aller Boraus- ficht nach wird es am Freitag früh zur Arbeitsniederlegung kommen. Genosse Lange vom ZdA. gab in dieser Branchcnversammlung «inen kurzen Bericht über die Entwicklung des Konfliktes der An- gestellten in der Geldschrankindustrie und sprach die Erwartung aus, daß die Arbeiter den Streik nach besten Kräften unterstützen werden. Erteilte weiter mit, daß ob heute, Doimerstog früh, neben den bereits im Streik stehenden Angestellten auch noch die der Firmen Schulz u. H o ldefl eisch und Ä. L. B« necke die Arbest niederlege» iverden. Der Firma Turban ist ein bis heute vormittag 19 Uhr befristetes Ultimatum gestellt worden, in dem verlangt wird, daß sie die Forderungen der Angestellten restlos anerkennt widrigen- falls die Angestellten heute ebenfalls in den Streik treten. Im An- schluß daran wurde noch die Neuwahl der Branchen- le i t u n g vorgenommen, über die wir noch berichten werden. Angestelliensireit in der Gelöschrankindustrie. Geschlossene Kampffront aller Angestellten. Nachdem die Gehaltsverhandlungen mit dem Schutzverbond Berliner Schlossereien ergebnislos verlausen sind, haben die frei- gewerkschaftlich organisierten Angestellten der Geldschronkfabriken und Bauschlossereien mit überwältigender Mehrheit durch eine U r- a b st i m m u n g zum Ausdruck gebracht, daß sie zur Durchsetzung ihrer berechtigten Forderungen das letzte gewerkschaftliche Kamps- mittel anwenden wollen. Die Tariskommifsion hat daher beschlossen, daß ab Dienstag mittag die Angestellten der Betrieb« Ade- Arnheim, R. Blume und R. F r a n ck e in den Streik treten sollten. Dieser Ausforderung sind nicht nur die freigewerkschaftlich organisierten Angestellten nachgekommen, sondern auch zum erheb- lichcn Teil die Mitglieder der gegnerischen Organisationen, die durch ihre Nichtkündigung des Tarifvertrages den Gehaltskonflikt veranlaßt haben. Verschärfung im Bauklempnerstreik. Auch die gemischten Betriebe einbezogen Der Streit der Berliner Lauklempner hat sich jetzt insofern verschärft, als nunmehr auch die Klempner in den Streik mit einbezogen worden sind, die in den sogenannten gemischten B e- trieben beschäftigt sind, das heißt in solchen Betrieben, die neben Bauklempnerarbeiten auch Gas. und Wasserinftallation ausführen. Es befinden sich jetzt ungefähr 1299 Bau- und Jnftallotionsklempner im Streit. Die Ausdehnung des Streiks ist hauptsächlich deswegen erfolgt, weil die Unternehmer in den Berhandlungei, am Freitag, über deren Ausgang wir bereits berichteten, keine Zugeständnisse machten. Die Situation ist im allgemeinen sür die Streikenden äußerst günstig. Die Streitenden sind nach wie vor entschlossen, so lange im Kampfe zu verharren, bis die Unternehmer ihre Absicht auf- gegeben haben, den bestehenden Manteltarif zu verschlechtern. Anspruch auf Arbeitslosenunterstühung Entlassungsgrund und Arbeitsverdienst. Die B e s ch e i n i g u n g f ü r e n t l a s f e n e Arbeitnehmer muß Angaben über die Art des Arbeitsverhältnisses, über seinen Beginn und sein Ende sowie über den Entlassungsgrund enthalten und ferner die Höhe des Arbeitsverdienstes und eine etwa gewährte einmalige Abfindung angeben. Diese Angaben müssen vollständig und richtig sein— eine Selbstverständlichkeit, die jedoch in der Praxis keineswegs immer ausreichend beachtet wird. Wie die Reichs- anstalt mitteilt, werden vsr allem über den Entlassungs- g r u n d, aber auch über den Arbeitsverdienst häufig un- genau« und unrichtig« Angaben gemacht. Da diese Angaben die Unterlagen für die Prüfung des Anspruches der Arbeitslosenunter- stützung und für die Bemessung ihrer Höhe bildeten, so könne jede Ungenauigkest zur Folg« haben, daß unberechtigte oder zu hoch be- messen« Arbeitslosenunterstützung gezahlt und dadurch das Der- mögen der Reichsanstalt geschädigt würde. Ein Unternehmer, der zum Beispiel Entlassung wegen Arbeits mangels bescheinigt und gleichzeitig neüe Arbeitskräfte der gleichen Kategorie sucht, oder der unrichtige Angaben über Beschäftigungsdauer und Lohnhöhe macht, fetzt sich der Gefahr aus, vom Staatsanwalt wegen Beihilfe zum Betrug verfolgt und von der Reichsanst stt wegen Schadenersatz belangt zu werden. Größte Sorgfall und Ge- wissenhastigkeit bei Ausstellung der Arbeitsbescheinigung sei daher dringend anzuraten. Eisen- und Revolverdreher! Meidet die(Spalter! Die ausgeschlossene Vranchenkommission hat zum Freitag, dem 26. 3 uli, abend» 7 Uhr. In den Sophlen-Sälen eine Branchen- Versammlung der Eisen- und Revolverdreher und-dreherinnen sowie der Rundschleiser einberusen. Zu dieser Einberufung hat die ausgeschlossene Kommission kein Recht, wir ersuchen unsere Mit- glieder, dieser Versammlung sernzubleiben. Es wird in kürzester Zeit vom Deutschen welallarbeiterverband eine ordnungsgemäße Dreherversammlung einberusen werden. Deutscher wetallarbeileroerband. Orlsverwallung Berlin. Hilfe für Aiederkirchner. Ein zweiter Spaltungsversuch. Zum 15. Juni berief die kommunistische Branchenkommissioi. der Dreher des Deutschen Metallarbeitervcrbandes, Ortsverwaltung Berlin, eine Branchenoersaimtilung ein. in der der ausgeschlossene Niederkirchner, Leiter der abgespalteten Rohrlegervercini- gung, referierte. Obwohl die Brancheniommission von der Orts- Verwaltung des Metallarbeiterverbande? darauf hingewiesen wurde, daß es unzulässig sei,«inen Ausgeschlossenen, Leiter einer Gegenorgoni- sation, als Referenten zu bestimmen, bestand die Bronchen- kommission auf ihrer Absicht. Gegen die Mitglieder der Branchen- kommission, die sich derart verbandsschädigend betätigten, wurde darauf ein Ausschlußoersahren eingeleitet. Aber auch dann beharrte die Branchenkommission aus ihrem Standpunkt. Sie wurde ausgeschlossen. Nun berufen die Ausgeschlossenen nach ihrem Borbild und Meister Niederkirchner eine„Branchenversammlung" ein. Es gelte„Stellungnahme über die zu ergreifenden Maßnahmen zu nehmen". In acht Worten wird dreimal„genommen". Ganz wie Niederkirchner. Auch den Eisen- und Revolverdrehern und-dnehe- rinnen soll die organisatorisch« Einheit genommen werden. Niederkirchner hat Schissbruck) gelitten. Mehr als zwei Drittel der Rohrleger ssnd dem Metallorbeiterverband treu geblieben. Daß auch der Rest seinen Weg zum Metallarbeiterverband zurück- finden wird, ist nur noch eine Frage der Zeit. In dieser verzweifelten Situation schaut Niederkirchner nach Hilsstruppen aus. Er glaubt, sie in den organisierten Drehern gefunden zu haben. Aber diese wissen, was«ine Spaltung für sie bedeuten würde, denn sie haben im DBMI. einen gewaltigen und gefährlichen Gegner. Was aber schert das den Niederkirchner? Er braucht zahlende Mitglieder, wenn das Geschäft ihn ernähren soll. Di« Dreher und Dreherinen werden ihm den Rücken drehen. Sic werden es einmütig ablehnen, dem auf das Trockene geratenen Niederkirchner zu Hilfe zu kommen und auch nicht durch den Besuch der Versammlung den Spaltungsversuch unterstützen. Kurzarbeit bei Opel. Frankfurt a. Rl.. 24. Juli.(Eigenbericht.) Bei den O P e l> W e r k e n ist Kurzarbeit von 3 bis 5 Tagen pro Woche angeordnet worden. Der Betriebsrat hat der Betriebs- leitung vorgeschlagen, keine Ueberstunden einzelner Arbeitsgruppen zuzulassen, dafür aber 49stündige Kurzarbeit pro Woche durchzu- führen, damit Arbeiterentlassungen oerhindert werden. Bom Schlichter wurde den Opel-Arbeitern eine Erhöhung des Stundenlohnes von 4 Ps. zugestanden. Gefordert waren 19 Pfennig. Neues Gewerkfchafishaus in Stuttgart. Stuttgart. 24. Juli.(Eigenbericht.) Die Stuttgarter Gewerkschaften haben zum Zweck der E r r i ch- tung eines Gewerkschaftshauses mit der Stuttgarter Stadtverwaltung einen Vertrag abgeschlossen, wodurch die Stadt den Gewerkschaften im Bahnhoisoiertel einen zentral gelegenen, 19 Ar umfassenden Bauplatz abgibt. Der Preis pro Ouadratmeter betrögt 559 Mark. Ebenso übernimmt die Stadt bis zu 89 Proz. die Bürgschaft sür ein größeres Darlehen, das die Gewerkschaften sür den Neubau aufnehmen wollen. Der Bauplatz ist im Bahnhofsvicrtel durch Bauplanänderungen srei geworden. Die Ge- santtkosten für den Bau betragen rund 2 Millionen Mark. Fortdauer des argentinischen OockarbeiterstreikS. Buenos Aires, 24. Juli.(Eigenbericht.) Die argentinischen Druckereiarbeiter fordern zur Unterstützung der streikenden Rosario-Dockarbeiter den Generalstreik für ganz- Argentinien. Die Stillegung des Rosario-Hafens kostete den beteiligten Gesellschaften bisher 5 Millionen Dollar, während die Lohn- forderungen der streikenden Arbeiter verhältnismäßig gering sind. Arbeitslosenzöhlung in Amerika. In den Vereinigten Staaten soll im nächsten Jahr eine Arbeitslosenzählung stattfinden. Zu diesem Zweck haben bereits Besprechungen des Handelssekretariats mit Vertretern der Unternehmer und der Gewerkschaften stattgefunden. Der amerikanische Gewertschaftsbund begrüßt den Plan, da das Arbeitslosenproblem in der Union sehr umstritten ist, und die Schätzungen der Arbeitslosen- zisser zwischen 1999999 und 8999999 schwanken. Gesperrte Gastwirtsbetriebe! Wegen Tarifbruch und Nicht- benutzuirg des öffentlichen Arbeitsnachweises für das Gastwirts- gewerbc hat der Zentralverband der Hotel-, Restaurant- und Cafe- Angestellten sür seine Mitglieder folgende Gastwirtschaften gesperrt: Norden— Tegel: Casc Seerose. Jnh. Müller, Müllerstr., Ecke Seestr.; Strandgarten, Jnh. Pieper, Tegel. Jörsselde: Havelschloß, Jnh. Massareck, Jörsselde. Pichelsberg«: Kaiser- garten, Jnh. Pirwitz. Erkner: Bürgergarten, Jnh. Schröder. Woltersdorfer Schleuse: Zum Kranichsberg, Jnh. Günther. Neukölln- Treptow: Restaurant aus dem Schieß- standgelände, Hasenheide. Strausberg: Hotel Wolfstal, Jnh. Freudiger und Keller. Ausgehobene Sperre! Wie uns der Zentroloerband der Hotel-, Restauroitt- nud Ease-Angeftellten mitteilt, ist die Sperre über das Lokal Wilhelmshof, Jnh. Herma» Bülop, Berlin-Köpenick, Hirfchgartenstroße 1, aufgehoben, da die Disserenzen beigelegt sind. Deutsche» K»l»-rbeUe»»erba»!>. Mo!>eMIschlkr der Innungsbetriebe! Äm ssrcita«. dem ZK. Juli, IKZÜ Uhr, Versammlung im Verbandthou-, Rungc. straßc 30. Tagesordnung:„Bcrlcht iilict die Lohnverhandlung". Orlsverwallung Brrlin. irffoFmc GewerkschastS'Iugenö Groft-Berlin Heute, Tonnerslaa. l»'- Uhr. logen die Gruppen: Lichteubcea und Veu-Lichlcabeig: Zugendheim Sauiilliahe. an der Lessingsirahe. Lolr». wirtschafllichc Plaudereien.— Selundbruouc«: Jugendheim. Pate Schule. Galenhurger Straße. Portrag:„Modern- Dirtschastsvrvbleme".— SchSncweide: Jugendheim Oberschöneweide. Lousener Str. 2 lodere, hinter-, Zimmer). Liederabend— Söpeuick: Gruppenheim. Jugendheim, Grünauer Str. 5. Badeabend. Treffen um Ift'/j Uhr Bahnhos Svindler»seld.— Moabit: Stadt. Jugendheim Lehrter Str. 18— 19. Vortrag:»Die«ircht in der Rarifotur".— Südosten: Gruppenheim V-ichenb-rger Sir.« IsZeuerwehrhau»). Vortraa: ..Mit und die Verussschule".— T-Wpelhas: Srupp-nheim, Lv/ieum Germania. stntfte 4—6. Vortrag:„Gewerkschaftliche Zeit, und Streitfragen".— Seddiuq: StSdt. Jugendheim Orthstr. lv. Varirag:„Sniga-S Umgang mit Menschen".— Sport,»ad Spielabeud« ob 18 Uhr: Rordriug! Sportplosi Canlianltroße. Plotl 2 v.— ltreik vbcrspree: Kiese 8 im Trepiower Park.— ZleulSllu.Ker. manuplag:«leine Wiese im Volksport Lasenheide.— Achtung, Schwaezwald- saheee! Treffpunkt Zl'.e Uhr im Wartesaal III.«lasse, Anhalter Vahnho>. 0)uoendqruvpe des Zentralverbandes der Anaesteilten Heute, Donnerstag, find folgende Beranftaltungen: Osten: Iugenddeim Litauer Str. 18. Vortrag:..Das Nervensystem des Menschen".— Treptow: Jugendheim Wildenbruchstr..'L(Zugang von der Graetzstraße in Treptow). Lichtbildervortrag: jpochseefiscfcerei". Referent: Georg Heilbrunn.— SchSneberg: Iugenddeim Honptstr. l.i, Hosg�baude(Tdvringenzimmer). Aussprache:..Mo. derne Kunst und Sozialismus". W Verantwortlich für Politik: Dr. Surt Geyer: Wirlschaft: G.«liugelhöfer: Gewerkschaftsbewegung: Z. Steinet; Feuilleton:«. H. Difcher: Lokales und S-nNiaes:»ei«,»arftadt: Ans« igen: Tb. färntlidl in Berlin. Verlag: Vorwärts-Verlag E. m. b. H.. Verlin. Druck: Vorwärts.Buchdruckerei und Vrrlagsanstalt Paul Singer u.hne Wickel und frieren leicht, aber alles muß wie auf den Schlag bereit sein, denn im Augenblick, da der Arzt ins Zimmer tritt, läuft die Be- Handlung ab ohne eine Sekunde Unterbrchung. gleich dem dahinfegenden Schicksal. Die drei ranghöchsten Sanitätsleute der drei Bataillone halten ihre Namenlisten, ihre Fiebertabellen in den Fäusten. Zwei: der vom ersten und der vom dritten Bataillon sind ehrgeizig wie scharfe Konkurrenten. Jeder will die besseren Heilerfolge aufzutischen haben. Beide sind tüchtig und zu- verlässig. Der vom ersten ist obendrein persönlich mutig und kaltblütig, dabei gutartig, ja väterlich zu Untergebenen, jedoch dem Saufen und dem Jähzorn zugeneigt. Er heißt Josef Asam, ist Zimmermann und stammt aus der Moorgegend nahe dem Wendelstein.— Der vom dritten Bataillon war Krankenpfleger in der Chirurgischen Klinik zu München: er bildet sich's nicht nur ein— er h a t das größere Wisien, er beherrscht halbwegs ein Dutzend lateinische Bezeichnungen, er läßt sich hie und da in wissenschaflliche Gespräche mit den unteren Aerzten ein, denen er in praxi entschieden überlegen ist, er, Franz Fähnlein. Beim Dienst auf dem Verbandplatz hat er immer gleich heraus, ob eins Knochenfraktur vorliegt oder nicht, während der dreiviertel fertig studierte herum- murkst, herumtastet und des Opfers Unbehagen vergrößert. Auch zu schienen verstehen die alten Feldwebel besser, schneller, schmerzloser als die jungen Doktors. Der dritte, der Sanitätssergeant vom zweiten Bataillon, wird von den beiden anderen gebremst verachtet: er ist ein Schlamper, er hat seine Salbentö�fe, seine Bücher nicht in Ordnung, stets schmiert und schwindelt er da etwas zu- sammen, ob sich's um Salben oder um Aufzeichnungen handelt, sein Krankenraum ist besonders dreckig, seine Requisiten sind mangelhaft, seine Thermometer meist zerbrochen— aber was das Aergerlichste ist: seine sanitären Ergebnisse sind eigent- lich nicht schlechter als die beiden andern. Er ist„wiffen- schaftlich" total ungebildet— ja er glaubt erbärmlicherweise an Wunderkuren und wendet sie heimlich an.. Die beiden anderen verpetzen ihn deshalb nicht bei den Aerzten, aber sie empfinden ihn als unwürdigen Kollegen. Was mackt er für Sachen? Im Frühjahr, als rätselhafte Darminfektionen leichter Art grassiert haben, hat er seinen Patienten Frosch- laich zu schlucken gegeben. Und sie sind rascher mobil ge- worden als alle anderen Kacker. Feldwebel Fähnlein, der Wissenschaftler, der sogar mit psychischen Einflüssen arbeitet, höhnt:„Eigentlich ist es begreiflich: vor lauter Grausen, wenn du nicht stirbst, mußt du da ja gesund werden." Ihm, der mit Froschlaich und Spatzendreck verkappt arbeitet, ist der Kameraden Ablehnung auf geistigem Gebiet gleichgültig. Er wurstelt weiter, im Gehirn wohl nicht ganz richtig, mit gelegentlichen«pileptoiden Erscheinungen be- haftet, nervösen Anfällen ausgesetzt, daher von den Aerzten nachsichtig behandelt, die zu erkennen glauben, daß er im ganzen doch willig, eifrig und brauHbar ist. Er heißt Anton Malz, er hat bis zum Krieg als Hühneraugenoperateur und Naturheilkundiger in Augsburg gelebt. Der Regimentsarzt tritt schnellen Schrittes ein— besser sagt man: er tritt auf: seiner wenigen Vorzüge einer ist, daß er pünktlich zu sein pflegt. Man braucht nicht stundenlang zu warten wie bei einem anderen gewissen Herrn vom zweiten Bataillon. Die Feldwebel schreien ihrer Herde zu: „Achtung, stillgestandenl"— und die kranken Knochen deuten wenigstens die Geste einer strafferen Haltung an. Der Re- gimentsarzt läßt den dicklichen Körper auf einen Sessel vor einem Pultchen nieder, das män aus einem der früheren Klassenzimmer hier hereingetragen hat— einem Schülerpult mit Papier und Tinte, vor dem er nun etwas albern hockt, indeß er selber kommandiert:„Rührt euch!" Und dann beginnt man sogleich und rapid«. Es ist üblich, mit etwa vierzig Kranken in einer guten Stunde fertig zu werden. Das sind noch keine zwei Minuten für den Mann. Eigentlich interessieren den Regiments- und Stabs- arzt Dr. Nohl nur die Furunkel. Bei den Erkrankungen der Atmungsorgane fragt er lediglich nach den Temperaturen: find sie nicht besorgniserregend(und wann wären sie es? höchst selten), so erfolgt nichts als die knappe Anordnung, wie bisher weiter zu machen. Aber Furunkel haben feine sachlich-liebevolle Aufmerksamkeit. Denn er liegt da in einem chevaleresken und spannenden Streit mit anderen Sanitäts- offizieren vom Regiment. Sie behandeln so— er so. Er ist für Ausbrennen, jene sind für Schmieren, für Diät, für Baden oder für Luft und Sonne. So brennt er denn eigen- händig mit irgendwelchen glühenden Drähten und Nadeln, hantiert, daß es zischt und stinkt, daß Wehlaute ertönen und d�l drei Neulingen in der Ecke ganz übel wird. Aber nun naht der Augenblick ihrer eigenen Angelegen- heit. Dr. Nohl hat Zettelchen und Ausweise geschrieben: für einen Zahnkranken zum Divisionszahnarzt, hinter zur Sa- nitätskomstagnie; für einen Bindehautkranken zurück zur Augenstation: für einen Hochfiebernden ins Feldlazarett(mit dem Wort„Typhus" und einem Fragezeichen dahinter, denn hier vorne wird nicht auf Bakterien untersucht): für einen des Trippers Verdächtigen(weiß der Henker, woher er ihn bezogen haben soll). Jetzt erhebt er sich ächzend, steckt eine Zigarre in Brand und wendet sich an die Feldwebel, die eifrig in Salbentöpfen umherstochern und Binden an kranke Beine legen:„Asam, noch was?" „Jawohl, Herr Stabsarzt, drei neue Mann wären da." Sie müsfen aus ihrer dunklen Höhle hervormarschieren und in Linie antreten. Der älteste, Holzer mit dem großen Schnauz- und dem kleinen Knebelbart, übernimmt es, für sie zu sprechen. «Ihr kommt vom Ersatztruppenteil aus München? Ihr seid als Krankenträger ausgebildet?" � „Jawohl, Herr Doktor." Das dickliche Gesicht des Arztes schwillt unter der zer- knitterten Feldmütze rot auf. Ein Unwohlsein scheint ihn zu befallen, er öffnet am Hals einen Haken der Litewka. „Was bin ich? Wie reden Sie mich an, Sie—?" Schweigen. Die drei haben noch nie einen Stabsarzt gesehen. Daheim sind sie in jener phantastisch primitiven Weise von einem Unterarzt ausgebildet worden; zu dem haben sie Herr Doktor gesagt. r- 24 Stunden Rettungsdienst. Erlebnis einer Journalistin. TIZil eincm gehcinicn Grauen hatte ich immer das„A m l Ttorden, Rettungsamt", gelesen. Es erweckt unan- genehm beengende Gefühle in der Magengegend, das„heute rot, morgen tot" der Groszstodt. Visionen von blinkenden Messern, grellem Licht, Karbolgestank. Ein unvorsichtiger Schritt, ein Ausgleiten, ein ganz dummer blöd- sinniger Zufall wirft dich dieser immer bereiten Rettungsmaschine in die Zlrmc. Und was dann? Was geschieht mit dir, wenn du, � von Samaritern geschleppt, eingeliefert wirst? Und dann war ich als Patientin auf der Rettungswache in einem kleinen Kranken- Haus. Ich fand Gefallen in den Äugen des Arztes.„3a, wenn Sie Journalistin sind und Interesse für uns haben, kommen Sie doch mal einen Tag her."—„Gemacht." Eines Nachmittags trat ich an. In der Handtasche vorsichtshalber ein Fläschchen Kognak und ein heftchen Heftpflaster.„Na, nett, daß Sie gekommen sind." Mein Doktor holt einen Stuhl, eine Zeitung.„Nur einen Moment muß ich Sie allein lassen, ich habe D i e n st."„Wie? Außer dem Rettungsdienst noch?"„Leider, die Stadt spart. Wir machen zu gleicher Zeit unseren S t a t i o n s d i e n st." Ich las inzwischen natürlich nicht die Zeitung, sondern orientierte mich. Ein Vorraum mit Schreibtisch, Telephon, Lcdcrsofa und eine halboffene Tür zum Allcrheiligsten. Ein plumper Tisch, einer der nickelglitzerndcn Unter- suchungsstühlc, bei deren Änblick alle Schmerzen verschwinden, zwei Schränke mit geheimnisvollen Töpfchcn und Tiegeln, Messern, haken. Waschbecken, Kocher. Es klingelt. Ein kleiner Junge erscheint, von der Rettungsschwestcr begleitet. Seine Hand in ein nicht ganz einwandfreies Taschentuch gehüllt. Auf den ebensoweng proppcrcn Backen Tränenspuren. „Was hast du denn?"„Geschnitten."„Womit?"„Messer."„Na, zeig' mal her." Tatsächlich ein derber Schnitt! Mein Doktor kommt. Drückt und zieht an der Wunde herum.„Nichts. Saubermachen und Salbenverband." Und zu mir: ,,Sie hatten sich das wohl dramatischer vorgestellt?" In- zwischen wird der Junge behandelt von der geschickten, netten Schwester, wird im großen Buch notiert und zieht strahlend mit dem Riefenvcrband ab. Ein blutiges Bündel Menschenfleisch. Eine Stunde Ruhe. Ich schwatze mit dem Arzt über alles mögliche. Plötzlich ist draußen Lärm, die Tür fliegt auf. Zwei Polizisten schleppen ein blutiges Bündel Menschen- fleisch. Der Arzt fliegt, verdoppelt sich. Verbindet, spritzt. In- zwischen telephoniert man um ein lautlosgleitendes Krankenauto. Auf eine Bahre, los! Zur Operation an eine Klinik. Ich denke an meinen Kognak. Der Arzt lacht schon wieder:„Der ist in zzpei Monaten wieder auf dem Damm. Sind nur Schönheitskorrek- turen." Ich muß mich jetzt auf Befehl meines Chefs ins leere Nebenzimmer schlafen legen.„Wird heute noch eine heiße Nacht, wir haben Freitag." Aber er verspricht, mich jedesmal zu wecken. Keine zehn Minuten liege ich und bin gerade am Ein- duseln.„Aufstehen!" Ich falle vor Schreck beinahe vom Sofa. Ein leicht alkoholisch duftender Mann.„Ick bin vom Affen gebissen." Cr streift den Aermel hoch: ein blutender Biß wie von einem Kinde mit Raubticrzähnen. Sein Affe Hot ihn ge- bissen. Er ist D r e h o r g e l m a n n. Verband, Verhaltungsmaß- regel, ab. Än eine Bezahlung sst da natürlich nicht zu denken. Das geht das Wohlfahrtsamt an. Jetzt darf ich mal endlich schlafen. Als ich wieder hoch muß, ist es schon 4 Uhr.„Nichts gewesen?" frage ich erstaunt.—„Doch, eine Menge. Ich war sogar mit der Feuerwehr fort zu einer G a s v e r g i f tu n g."—„Ohne mich?"— „Das wäre nicht gegangen, ist auch kein Vergnügen."—„Und sonst noch?"—„Drei oder vier Betrunkene, die wir auf die Polizei- wache gebracht haben. Einer wurde noch frech, den habe ich raus- geschmissen."—„Sie selbst?"—„Was soll ich machen? Er fing mit der Schwester an. Ein Schupo war nicht in der Nähe."—„Und was ist jetzt?"—„Wir müssen nach drüben, da ist eine Schläge- r e i gewesen. Sie sollen einen stark oerprügelt haben." Wir ziehen uns an. Drüben herrscht Frieden. Sieger und Besiegte sitzen zwischen leeren Flaschen und singen oder schlafen. Wir verordnen kalte Umschläge und verduften schleunigst. Um 8 Uhr werde ich wieder geweckt zum Kaffcetrinkcn. Allerlei Leiden. Quetschwunden, zerschnittene Finger, Nierenkoliken und Leib- schmerzen. Mit unermüdlicher Liebenswürdigkeit wird geholfen, werden durch den Dettennachwcis Betten besorgt, soweit das Krankenhaus'hier die Fälle übernehmen kann. Ein A r- b c i t e r mit einem dickvcrquollenen Auge. Ein Eifenfplitter ist ihm ins Auge geflogen, der Sanitäter der Fabrik hat ihn holen wollen und dabei das Auge bös verletzt. Zu schwierig für uns! Kalter Umschlag! Zum Augenarzt!„Wenn die Leute bloß nicht soviel helfen wollten," faxt der Arzt,„sie richten das größte Unglück mit ihrer Gutmütigkeit an. Keine Wunde bekommen wir her, die nicht dick mit b l u t st i l l e n d e r Watte verklebt wäre. Um uns über die Größe der Verletzung zu orientieren, müssen wir unsere Pa- tienten mit dem Abzupfen fürchterlich quälen. Berlin hat 37 Rettungsstellen. Jeder kann schnell genug behandelt werden. Warum kommen die Leute nicht gleich. Ein fester Berband mit einem sauberen Tuch genügt doch für die paar Schritte." Meine 24 Stunden sind um. Ich verabschiede mich von allen, danke meinem Doktor und verschwinde. Else F a n t e r. Die Zauber von Tegel. Drei Mann festgenommen. Unter dem verdacht, in der Rachl vom t6. zum 4?„ Februar d. Z. den räuberischen Uebersall aus die Kandelhardt- Garagen in der Gulcnbergstraße 5/6 zu Charloltenburg und am 7. vlai 1923 morgens um 8 Uhr den Uebersall aus den 40 Jahre alten Kassenbolen Franz R. vom Wohlfahrtsamt Tiergarten verübt zu haben, sind am Witlwoch mittag von der Kriminalpolizei drei wann festgenommen worden. In der Februarnacht drangen in die Kontorräume der Kandel- Hardt-Gesellschast drei maskierte Männer ein, nachdem sie vorher das Licht in den Räumen ausgeschaltet hatten. Unter Be- drohung mit S ch u ß w a s f e n wurden zwei anwesende Angestellte, .die die Abrechnung mit den Taxenchausseuren zu besorgen hatten, gezwungen, sich ruhig zu oerhalten und den Inhalt des Geld- schrankes, etwa 2000 w., an die Räuber auszuliefern. Alle drei Räuber trugen Masken, die offenbar aus den Oberteilen von Damenftrümpfen hergerichtet waren. Mit dem Kelde zogen sich die Eindringlinge zurück und hielten noch von der Tür aus die Angestellten in Schach. Sic entkamen über eine Mauer nach dem nahegelegenen Salzufer, wo allem Anschein noch ein Auto zur Flucht bereit stand. Noch dreister gingen die Verbrecher zu Werke bei dem Uebersall aus den K a s s e n b o t e n R., den sie am hellen Tage überfielen, Sie hatten ausgekundschaftet, daß er die U n t e r st 2 tz u n g s- g c l d c r von der Zentralstelle abholte, um sie nach dem Amt in der Wullenwcbcrstraße 9 zu bringen. An den ahnungslosen Boten fuhr morcgns um 8 Uhr kurz vor dem Wohlfahrtsamt plötz. lich ein Auto heran, ein Mann sprang heraus, entriß ihm die Tasche, die etwa 7000 M. enthielt, und sprang in den Wagen zurück. Die Bande fuhr in rasendem Tempo mil der Beute davon. Langwierige Beobachtungen ergaben, daß drei Verdächtige sich feit einiger Zeit in der Tegeler Gegend niedergelassen hatten. Zunächst erwischte nmn nur den einen des Trios, einen gewinn Max Thomas, die beiden anderen wurden dann ebenfalls dingfest gemacht. Es sind ein 3l Jahre alter Friedrich ch o f f m a n n, der 'rühcr in Tempelhof wohnte, und ein 26 Jahre alter Walter S ch i c r i n g, der noch nicht lang« in Berlin anfässig ist. OielNrenadiertrude. Eine heitere GerichtöverhanSlung in heißer Zeit. In die unter der Wirkung der Hundstagshitzc und der Gerichts- ferien herrschende Stille in Moabit brachte ein heiter wirkender kleiner Norfall vor einer Strafkammer des Landgerichts I eine?lb- wcchslung. Aufgerufen wurde die Sache Paul Gerstenkorn. Den- Gerichtssaal betrat darauf mit tänzelnden Schritten eine ge- schmackooll gekleidete„Dame" nnt einem Bubikopf und nahm auf der Anklagebank Platz. Verwundert schüttelte der Vor- sitzend« den Kopf und rief:„chcrr Justizwachtmeister, das ist ein Irrtum, ich will den Bäckergesellen Paul Gerstenkorn jetzt haben." Leicht errötend und mit leiser Stimm« ertönt« es dann von der Anklagebank wieder:„Dos bin ich." Dann sagte die„Dame" auf der Anklagebank, ihre Schüchternheit abschüttelnd, mit hoher stimme:„Ich bin jetzt nicht mehr Paul Gerstenkorn, sondern dos Zimmermädchen Paul Gertrud Gerstenkorn." Weiter führte„die" Angeklagte dann aus, daß sie sich innerlich nur als Frau fühl« und auch nur fähig sei, weibliche. Berufe auszuüben. Vor Jahren habe sie Soldat werden wollen» sei aber entlasscn worden wegen ihres weibischen Benehmens, und. man habe sie beim Regiment immer nur die„G r« na d i e r t r u d c" genannt. Sie sei dann Kindermädchen geworden und zuletzt sei sie in Hotels Zimmer- mädchen gewesen. Sie nenne sich daher auch jetzt Gertrud. Tat- sächlich hat dieser„weibliche Mann" auch früher die Erlaubnis ge- habt, Frauenkleider zu tragen. Di« Genehmigung wurde aber auf- gehoben, weil„sie" sich auf der Straße in anstößiger Weife auf- geführt und versucht hatte, Männerbekanntschaften zu machen. Ein ähnlicher Vorfall, bei dem sie das Pech gehabt hatte, einen Kri- minalbeamten anzusprechen, bildete auch den Gegen- stand der gegenwärtigen Änklage gegen„Paul Gertrud". Vom Amtsgericht war eine Haftstrafe von sechs Wochen mit gleichzeitiger Ueberweisung an das Arbeitshaus auf zwei Jahre verhängt worden. Vor der Strafkammer, die sich mit der Berufung zu beschäftigen hatte, oerwies Rechtsanwalt Dr. Arthur Schulz auf die unglück- selige Zwitterstellung von„Paul Gertrud". Die Strafkammer wies zwar die Berufung ab, sprach sich aber dafür aus, daß die Polizei „Paul Gertrud" bei günstiger Führung schon früher aus dem Arbeitshaus entlasse._ poale Zwn iagi. Oer Machtfaktor der jüdischen Arbeiter. Zu vorgerückler Stunde wurde am vounerslag in dem Festsaal des hackcschen Hofes der S. Weltkongreß des jüdischen sozialistischen Arbcilerverbandcs Poale Z i o n eröffnet. Es waren Delegierte aus fast allen Ländern der Erde er- schienen. Begrüßungstelcgramme waren eingelaufen von dem Sekretariat der 2. Internationale, von den sozialistischen Parteien Deutschlands, der Tschechoslowakei und Schwedens. Für das in Brüssel gegründete sozialistische Pro-Palästina-Komitc« sprach Dr. Oskar. Cohn. Di« offiziell« Begrüßungsansprache hielt der Vorsitzende des Verbandes, Dipl.-Ing. Genosse jjaplansky. Er gab zunächst einen Rückblick über die Bewegung, die ihren Anfang vor nunmehr 23 Iahren nahm. Damals setzte die erste Arbeiter- einwandern ng nach Palästina ein. Di« ganze Bewegung war an Kämpfen reich, besonders schwer waren die letzten Jahre, da gleichzeitig die finanzielle Krisis des Zionismus überwunden und in geistiger Beziehung die soziale Reaktion abgewehrt werden mußte. Eine Stütze in diesem Kampf war das Bewußtsein der Solidarität mit der Arbeiterschaft der ganzen Welt durch die erst in Brüssel wieder befestigte Zugehörigkeit zur 2. Internationale. Einen neuen Impuls für die Bewegung versprach sich der Referent durch die englische A r b e i t e r r e g i e r u n g, die, wenn es ihr auch nicht möglich sei, alle Wünsche zu befriedigen, doch wenigstens die K o l o n i a l p o l i t i k der konservativen Regierung nicht sort- setzen wird. Kaplansky entwickelte dann das Programm der Welt- konferenz, die sich in der Hauptsache mit drei Problemen zu befassen haben wird: Die inncrpalästincnsischen Verhältnisse, die Stellung der Landesverbände der Poale Zion zu den sozialistischen Parteien ihrer Gastländer und die Ausstellung von Richtlinien zu dem 16. Zionisti- sehen Kongreß im'August in Zürich. Es nahmen noch Vertreter verschiedener Länder das Wort, die olle zum Ausdruck brachten, daß die Poale Zion zu einem wirk- lichen Mochtfaktnr für die jüdischen Arbeiter- M a s j e n geworden ist. Man kann nur im Interesse des inter- nationalen Klassenkampfes wünschen, daß dteser lüdisch.sozialistische Arbeiterverband in Zukunft weiter so treu zu seinem Programm stehen wird. Für die glatte Abwicklung des Programms der 8. W«ltkonfercn.z bleibt zu hoffen, daß in der Diskussion etwas mehr Rücksicht auf den Tagungsort genommen wird und Heber- jetzungen der Reden aus dem Jiddischen vorgenommen werden. Explosionsunglück in Holland. Vier Arbeiter tot, siebzehn Verletzte. Amsterdam, 24. Juli. Heute nachmittag ereignete sich anö bisher«ngc- klärter Ursache in der Kartoffelmehl- wad Dextrmsabri* der Firma K. I. Wittens in Tmmclanderwhk bei Veendam ein schweres Explosiousnngliick. Ter Explosion folgte ein Brand, der die Fabrik, ein Wohnhaus und zwei Banerngehöfte in Asche legte. Das Unglück hat vermutlich vier Menschenleben ge- kostet. Die Leiche eines Arbeiters wurde bereits aus den Trümmern hervorgeholt. Drei Tote liegen noch unter den Trümmern. Die Zahl der Verletzten beträgt 17; darunter bc- finden sich mehrere Schwerverwundete. Oer Baderbedarf Lichtenbergs. Dos Gesundheitsamt Lichtenberg hat soeben dem Bezirksamt den ersten Vcrwaltungsbericht des am 2. Februar vorigen Jahres er- öffneten Städtischen Volksbades an der Hubertus» st r a ß e vorgelegt. In den ersten beiden Monaten nach Eröffnung der Anstalt, im Februar und März 1928, wurden bereits 9 4 672 Bäder ge- nommen. Im Rechnungsjahre 19 28(April 1928 bis März 1929) war die Gesamtzahl der genommenen Bäder 464762, davon entfallen 269 468 auf männliche und 195 294 auf weibliche Besucher. Bei einer Einwohnerzahl des Bezirkes von 212 797 sind das im Jahre pro Kopf der Bevölkerung 2,2 Bäder. Da in Groß-Berlin die Durchschnittszahl der abgegebenen Bäder pro Kopf und Jahr auf 1,4 errechnet ist, so ist der Besuch der Lichtenbergec Anstalt als gut zu bezeichnen und damit ihre Notwendigkeit für den Bezirk erwiesen. Die Anstalt war an 289 Tagen geöffnet und durch. schnittlich täglich von 1698 Personen besucht. Di« höchste Bcsuchsziffer war ont 26. Mai 1928 3888, die niedrigste am 14. Februar 1929 437(am Tage vor der 14tägigen Schließung der Änstalt wegen des außergewöhnlich starken Frostes). Durch Vermitt- lunq des Wohlfahrtsamtes wurden 1798BäderanErwerbs- l o f e u n e n t g e l t l i ch verabfolgt. Auf Kosten der Schuwerwallung badeten 2792 Schulkinder außerhalb des obligatorischen Schul- schwimmunterrichts. Schwimmunterricht«rhielten 1264 Per- fönen. Unentgeltlicher obligatorischer Schulschwimmunterricht wurda 5082 Kindern erteilt. Von 2671 Schülern und 2411 Schülerinnen erlernten 582 und 795 das Schwimmen, 981 und 739 schwammen sich frei, 777 und 636 brachten es zum Fahrtenfchwimmer. 64 Knaben legten die Rettungsschwimmerprüfung ab. Das Wasser in beiden Schwimmbecken der Anstalt wurde allt monatlich durch das Hauptgefundheitsamt bakteriologisch unterfuchtz die Befunde waren stets einwandfrei. Die medizinische Kur« a n st a l t des Lichtenberger Bolksbades hat während des Rechnung»- jahres 1928 insgesamt 16691 Heilbader verabfolgt. Davon entfallen auf Krankenkassenmitglieder und auf Wohlfahrtskronk« 11 767. Ganz vorzüglich hat sich die Einrichtung der unentgclt- lichen ärztlichen Badebcratung bewährt, die namentlich Minderbemittelten, die keiner Krankenkasse angehören, dienen soll (Sprechstunden Montag bis Donnerstags von 17— 18 Uhr). Die Verwaltung des Städtischen Bolksbades Lichtenberg ist bemüht, durch aufmerksames Verhalten des Personals und durch peinlichste Sauber. keil des Betriebes den lebhaften Zuspruch der Bevölkerung nicht nur zu erhalten, sondern noch zu verstärken. Die Ausnahmefähigkeit der Anstalt ist hinsichtlich der Reinigungsbäder(Wannen- und Braufcs bäder) längst nicht erfchöpft._ Rennfahrer Krewer freigesprochen.- Das Schöffengericht Köln sprach am Mittwoch den Rennfahrer K r e w e r von der Anklage der fahrlässigen Tötung frei. Auf der Bonner Straße ereignete sich am 26. Mörz dieses Jahres ein Zusammenstoß zwischen einem von Krewer gesteuerte»� Auto und einem Straßenbahiuvagen. In dem Zluto saß der in Sportkresseii bekannte Schrittmacher Christian Junggeburth, der so schwer« Verletzungen erlitt, daß er drei Wochen später an den Folgen des Unfalles st a rb. Junggeburth erklärte auf seinem Sterbebette. seinen Freund treffe keine Schuld an dem Unglück, da er sich noch in letzter Sekunde bemüht habe, den Wagen zum Halten zu bringen. Nunwehr wird Krewer als Vertreter Deutschlands an dem Austrag der Radweltmeisterschaften in Zürich teilnehmen können._ Noch mehrere Tage Moorbrand in Oldenburg! Der Moorbrand bei Strückhausen in Oldenburg wurd« gestern abend um 10 Uhr zum Stehen gebracht. Heute vor. mittag loderte dos Feuer bei wieder aufsrischenden Winden erneut auf, die Löschmannschaften sind jedoch Herr der Lage. Der Torfbrand wird ober noch mehrere Tage andauern. Der Gesamt- schaden wird auf 500 000 Mark geschätzt. 150 Kubikmeter Torf sind verbrannt. Außerdem sind vier Häuser abgebrannt und einige Häuser und Gehöfte beschädigt und geräumt. Kommende Doppelprogrammc der Unuk-Stunde. Die Funk-Stunde in Berlin beabsichtigt vom 4. August ab ein Doppelprogramm zur Sendung zu bringen dergestalt, daß die Sendergruppe Berlin-Witzlebcn, Berlin O., Stettin und Magdeburg das ein- und der Deutfchlandfender K ö n i' g s w u st e r h a u f e n das andere �Programm verbreiten. Während schon feit längerer Zeit die Funk-Stunde ein- bis dreimal wöchenilich getrennt von ihrem sonstigen Programm Sonderdar- bietiingcn über den Deutschlandscnder veranstaltet hatte, soll vom 4. Äugust ab diese Maßnahme zur regelmäßigen Einrichtung wer- den. Den Hörer», die inmitten der Stadt init ihren ungünstigen Fernempsaiigsoerhältnisscn wohnen, soll damit vornehmlich die Mog- lichkeit gegeben werden, mit einfachen Empfangsgeräten jeden Abend aus zwei im Charakter verschiedenen Programmen skch das Gewünschte auszuwählen. An dem ursprünglichen Plan. daß der Deutschlandsender auch Spitzenleistungen anderer deutscher Sender übernimmt, soll nichts geändert werden, und so wird der Deutschlandsender wenigstens einmal in der Woche Darbietungen eines anderen deutschen Rundfunksenders verbreiten. Ein Freikonzert im Freilichttheater de, Voltsparks Zungfernheide der- (inslallct der V o I k z ch o r„Harmonie' Charloltenburg am Freitag, dem L«. Juli, abends 8 Ubr. Zum Vortrag gelangen Männer-, Frauen-, Jugend- und gemischte Chöre. Die Darbietungen des beliebten Vollschores finden bei freiem Eintritt statt. y�aMcn die wundervolle goldklare Haarwaschseife für jedes Haar, auch als Shampoon Jüf- ) Wie Heiratsschwindler arbeiten. Eine besondere Gorie Rechtsbrecher. Die ciong« Geschichte fängt meistens so an: In einer Zeiüing sieht ein Inserat, worin ein Herr mittleren Alters, in gesicherter Stellung, Bekanntschaft mit einer nicht Unvermögen» den Dame sucht, die A>er ein reiches Innenleben verfügt. Es zibk viel nicht ga»,; unvermögende Damen, die sich«inbilden, über ein reiches Innenleben gu verfügen. Sic schreiben aljn, legen ein« gut gemachte Pbotographie bei und empfehlen sich zur geneigten Veniek» s'chtigung. Dann kommt ein recht artiges Antwortschreiben' der Herr mittleren Alters versichert, daß er von den Dutzenden van Briefen gerade nur diesen einen beantworte, weil er aus dem Stil ersehe, daß die Schreiberin dem I d e a l b i l d e, dos er sich vom Weibe mache, am meisten ähnele. Ein Treffpunkt wird ver- abredet: der Briefschreiber entpuppt sich als ein liebenswürdiger, erfahrener Mann. Später geht man ins Theater oder Kabarett. Der Kavalier laßt sich nicht lumpen. Nach einigen Wochen wird Ver- I ob u n g gefeiert, und die Dame gewährt ihrem Herzliebsten recht gern einige Vorfreuden aus die elzelichc Glückseligkeit. Eines Tages kommt dann der verlobte anmarschiert und erzählt ganz niedergeschlagen, daß ihm ein großes Geschäft aus der Nase gehe, weil er im Augenblick kein Geld flüssig habe. Zwanzig. tausend Illark könne er aus einen Schlag verdienen, wenn er bis morgen zehn Mille einzahle. Nun horcht feine holde Braui auf. Das fei eine gopz einfache Sache, sie werde ihm dos Geld eben so lange leihen. Der Bräutig im zieht mit dem Scheck oder dem baren Geld? daoon und läßt sich nicht wieder blicken. Die düpierte Braut erfährt dann mit .der Zeit, daß sie einem Heiratsschwindler in die Finger ge- fallen ist. Sie rennt zur Polizei, erstattet Anzeige, find ein halbes Jahr später tritt sie mit acht oder zehn anderen Betrogenen zu» sammen vor d'e Schranken des Gerichts und sieht ihren früheren Geliebten auf der Anklagebank sitzen. Oftmals aber wenden sich die betrogenen Frauen gor nicht an die Polizei, weil sie sich scheuen, ihr« intimen Beziehungen zu dem Betrüger Vi n zu g« st eh e n. Bor Gericht wird ja häufig Gewicht auf Beantwortung derartiger i n f diskreter Fragen gelegt. Der Heiratsschwindler tritt natürlich in hundert Masken auf. Man findet den vornehmen und den primitiven Typ. Man findet den feudalen Pscudo-Adligcn, der große Summen einsteckt, und man findet den Schuft, der sich an den Spargroschen einer armen Prolctarierin vergreift. In vielen Gcrichtsverhand- lunger. muß man belustigt zur Kenntnis nehmen, daß che geprellten Frauen dem Betrüger gar nicht mal gram sind. Die Heirats- wütigen wünschen nichts sehnlicher, als daß der Gauner möglich't bald freigelassen werde, um sein Heiratsversprechen doch noch einzulösen. Aber der will lieber Achelputz schieben, als in das Ehejoch kriechen. Auch milet den Heiratsvermittlern befinden sich Elemente, die nur auf Nepp ausgehen. Somml man in solch eln Ehevermilt- lungsbureau wird einem, nachdem man natürlich eine Anzahlung geleisiel hat. ein Phsiographiealbum vor die Nase gehalten, eine Musterkollektion von Reflektanten, die für jeden Geschmack und Geldbeulel paßt. Selbstverständlich fehlen die Anreißer nicht. Manch herunterzekommene Existenz, die nichts weiter ihr eigen nennt als einen gepumpten Anzug und blendendes Konversations- talent, wird von verschiedenen Heiratsvermittlern auf einige Wochen engagiert, um als Lockvogel auszutreten. Die Heiratsvermittler arrangieren ein kleines geselliges Beisammensein.„Der Herr Gras muß Sie doch näher kennenlernen, nicht wahr? Auch Fabrik- besnzer Stolzenkurg. der sich für Sie interessiert, wird anwesend sein. Das Diner stellen wir zusammen: die Rechnung wird Ihnen später zugehen, gnädige Frau" Na ja, und da sitzen nun die Domen niit ihren Reflektanten bei einigen Flaschen Sekt zusammen, man unter- hält sich sehr angeregt, die Heiratsvermittlerin schwebt wie eine aus- geblasen« Amorette durch die Räume, aber aus der Werbung des Grafen oder des Fabrikanten Soundso wird nichts. Die Heirats- Vermittlerin zuckt bedauernd die Achseln.„Ach, das tut mir ja sehr leid Der Herr Gral ist. von Ihnen entzückt, aber Sie sind ihm z» j 11 11 g. Aber warten Sie mal, da sollt mir soeben ein, daß mich Herr X. gebeten hat, Sie mit ihm bekannt zu machen. Das ist ekVi hoch'einer Mann, Rentier. Sie beide würden ausgezeichnet zu ein- ander paffen." Sie schleppt den Herrn Rentier, einen ver schul- d e t e n Hausbesitzer, an. lind noch einige ander« Herren. Das Lager ist groß. Aber mit keinem kaninit die ersehnte Heirat zustande. Ilm eine Erfahrung reicher, um einige hundert Mark ärmer verläßt die Klientin das Bureau der geschäftstüchtigen Vermittlerin. Wieviel Betrügereien jährlich an heiratswüligen begangen werden, laßt sich nicht genau feststellen. Nur ein geringer Pro- lentsotz der Heiratsbetrüge gelangt zur Kenntnis der Behörden. Man kann wohl behaupten, daß eine große Armee von Gaunern einzig und allein vom Heiratsschwindel lebt, ohne zur Rechenschast gezogen zu werden. Auch Frauen, raffinierte Hochstaplerinnen, wenden sich gern diesem Berusszweig zu. Meistens begnügen sie sich damit, den Schmuck, den sie von ihren Verlobten erhalten haben, zu ver- silbern. Unter den Heiratsschwindlern der letzten Jahr« war Zweifel- los Landru der eriolgreichste und gesährlichste.„Herr von 45, ohne Anhang, aber in geachteter Lebensstellung mit eigener Woh- niing, sucht eine vermögende Dame zu ehelichen." Diese Worte waren der Köder. Diese banalen Worte übten einen faszinierenden Ein- fluß aus Hunderte von Frauen aus, auf geistreiche und auf dumme Frauen. Nun, Landru v e r st a n d sein Geschäft. Er plünderte die Frauen aus. Da Ehen bekanntlich im Himmel geschloffen werden, drückte er den Weibern die Kehle zu und verbrannte sie in seinem Küchenherd. Jahrelang konnte Landru sein Unwesen treiben. Wohl liefen hier und da Anzeigen bei der Polizei ein, aber da Landru ständig seinen Namen wechselte, dauerte es sehr lange, bis man ihn erwischte. In dem Tagebuch, das man in.seinem Besitz fand, waren die Namen von 2£3„Bräuten" aufgezeichnet. Wieviel Frauen er ums Leben gebracht Hai, ist nicht festgestellt worden. Die Staatsanwaltschaft klagte ihn des zehnfachen Mordes an, und der erfolgreiche Heiratsschwindler wurde zum Tode verurteilt und guillotiniert. „Herr von 45, ohne Anhang, aber in geachteter Lebensstellung, sucht vermögende Dame zu ehelichen." Wer vermag in die Seele des Inserenten zu blicken? Vielleicht ist es ein ehrlicher Mensch, vielleicht ist es ober auch ein Heiratsschwindler oder Lust- mörder, der aus sein Opfer lauert... Gen offen Fröhlich zum 70. Geburtstag! Heute begeht in voller körperlicher und geistiger Frische unser alter Kampfgenosse, Stadtrat a. D. Alexander Fröhlich, seinen 70. Geburtstag. Schon in jungen Iahren fand Alexander Fröhlich den Weg zur Sozialdemokratischen Partei. Bereits im Jahre 1887/� war er in feiner oberfchlesischen Heimatstadt Katscher als sozial- demokratischer Stadtverordneter tätig. Ansang der neunziger Jahre zog er nach Berlin, wo er im damaligen Z. Der- liner Reichstagswahlkreis als Funktionär regen Anteil am Partei- leben nahm. Im Jahre 1911 wurde er durch das Vertrauen der Genossen mit einem Stadtv er ordneten Mandat bedacht. welche Funktion er bis zum Jahre l9Zl) ausübte, um dann noch einige Zeit als unbesoldeter Stadtrat beim zentralen Mo.- gistrat tätig zu sein. Nach der Schaffung des Gesetzes Groh-Berlin wurde er im Bezirk Prenzlauer Berg zum unbesoldeten Stadtrat gewählt. Seine reiche kommunale Erfahrung kam dem Bezirks- amt bei dem Aufbau sehr zugute. Im Jahre 1925, bei den Neu- mahlen, lehnte er es wegen zunehmenden Alters ab, sich wieder als Stadtrat ausstellen zu lassen. Aber auch nach seinem Austritt aus dem Bezirksamt wurden die Verbindungen mit der ihm lieb gewordenen Tätigkeit nicht völlig gelöst. Die Berliner Stadtoerordnctenversammlung hat Alexander Fröhlich im Jahre 1926 wegen seiner Verdienste um die Kommune Berlin zum Stadtältesten gewählt. Wir wünschen unserem alten Freunde und Genossen, daß er noch recht lange in voller Frische seinen Lebensabend genießen mögcl Zwei Freundinnen ertrunken. Gestern nachmittag kamen beim Baden zwei junge Mädchen, die siebzehnjährige Eva Boruschek und di- neunzehnjährige Hildegard Fürst, die im gleichen Hause in der Alten Schönhauser Straße 4 bei ihren Eltern wohnten, ums Leben. Eva B. hatte mit ihrer Freundin Hildegard für gestern nachmittag eine Bodepartie verabredet. Sie fuhren �nach dem M ü g g e l s e z und schwammen zwischen den Restaurants Strand. s ch l ö ß ch e n und M ü g g e l s ch l ö ß ch e n in den See hinaus. Sie müssen ihre Kräfte aber überschätzt haben. Plötzlich wurden am User laute Hilseruse gehört. Die beiden Mädchen kämpften verzweifelt mit den Wellen, und als Hilf« herannahte, waren sie bereits untergegangen. Von der F e u?.r w e h r tonnten die Leichen nach einstündigem Suchen geborgen werd n. Ein Berliner Tourist veranglückt. Am Dienstag nachmittag befand sich der Tourist Bruno Schwarz ans Verl in-Neukölln, Spengler st raße 16. auf einer Wanderung am-S ch wo rz a- U f e r. Als ein Il n- metter hereinbrach, stichle er zwischen Schwarzburg und Sitzen- darf vor dem Hagel unter einer Fichte, die neben mehreren Buchen stand. Schutz. Eine Windböc knickte die 7? Zentimeter starke Fichte, die Schwarz unter sich begrub. Der Unglückliche mußte mit Sägen und anderen Handwerkszeugen aus seiner Lage befreit werden Der?lrzt stellte einen Beckenbruch und Bruch der Wirbel- säule fest. Schwarz erlag seinen schweren Verletzungen auf dem Transport noch dem Rudolftädter Krankenhaus. War er der Täter? Oer Prozeß des„Batermörders" Halsmann. Die neue Gerichtsverhandlung gegen den Studenten der Dresdener Technischen Hochschule halsmann, der im Frühling dieses Jahres wegen Ermordung seines Vaters, eines Rigaischen Zahnarztes, in Innsbruck zu zehn Jahren schweren Kerkers verurteilt wurde, ist aus den 9. September anberaumt. Dos Gericht Hot in der Zwischenzeit einen Lokaltermin in GegenwnA des Angeklagten und seines Verteidigers vorgenommen. An der Stelle, an der der Absturz des Vaters Halsmann stottge- funden hat, waren aber seit der Zeit verschiedene Berände- r u n g en vor sich gegongen, so daß ein vollständig klares Bild über den Takort nicht zu erhalten war. Der Prozeß wird durch die Persönlichkeit des Angeklagten und die verschiedenen Umstände bei der ihm zur Last gelegten Tat großes Interesse beanspruchen. Freitod eines Rechtsanwaltes. In seiner Wohnung in der W i l h e l m st r a ß e hat gestern ein Berliner Rechtsanwalt Selbstmord durch Erhängen verübt. Die Gründe, die den Mann zu dein Berzweiflungs- schritt getrieben hoben, sind noch unbekannt. vlohkonzerl. Das Voiksbildmigsamt Wilmersdorf veranstaltet am Sonnlag, dem 28. Juli tll.'S, 12—13 Uhr, im Preutzenpari W i l m e r S d o r f. ein Platzkonzert, das ausgesüyrt wird von der Musik- kapellc der Feuerwehr, unlcr Leitung des Siandmeisters E. Schulz. mm Problematik der W e d e k i n d s ch e n Menschen: Hochstapler und Zlbenteurer verzehren sich aus Sehnsucht nach dem bürgerlichen Leben. Der Unbürgerliche will unter ollen Umständen wieder an- gesehen und gesichert sein, allerdings nicht durch den Achtstundentag oder durch Absolvierung von Uederstiinden. Es gibt, wenn man be- gabt genug ist, bequeinere Möglichkeiten, allerdings führen sie bei Wedekind zu keinem erfreulichen Resultat. Das schöne, gesicherte Leben bleibt dem Outsider verschlossen, und so kommt der Held des„M a r- q u is von K e i l h" zu der Weisheit letzter Schluß: Das Leben ist eine Rutschbahn! Also„Der Morquis von Keith" im Rundsunk! Ge- eignetes Objekt, da es auf den Dialog ankommt und nicht so sehr aus di« visuellen Dorgänge auf dem Theater. Die Menschen enthüllen sich in ihren Reden, ja sprechen bereits Arabesken und sprechen wie in der Ballode aneinander vorbei. Wedekivtd ist ganz Dialog oder besser noch Monolog. Jeder legt seine Ari« hin. Weinende Clownerie und Moralpredigten, Groteske und ernst« Maske! Alfred Braun will durch die W e i n t r a u b s jo etwas wie grokesk-oibnerendes Leben inszenieren, verharrt aber sonst aus ruhiger, breiter Grundloge. Man denkt unwillkürlich an Ießners Prestotempo zurück, an den gestrafften Rhythmus damals in der Ausführung des Staatstheaters. Noch Stein- rück, Kortner und George jetzt E u.g e n K l ö p j e r in der Titelrolle, sehr saftig, so etwas humordurchsonnt, Großbankier und Großbürgcr, ober kaum Hochstapler, kein Spieler aus Leidenschast. kein Spieler mit sich selbst und den anderen. Es fehlt die Spannung, die in diesem Menschen lebt. kl 5. Schiffsunglück in Indien. 65 Menschen ertrunken. London. 24. Juli. Mc aus Lahore(Indien) gemeldet wird, hat sich«ms dem E h e n o b s l u ß in der Nähe der-Stadt G h a n i o t ein furchtbares Schisssunglück ereignet. Ein Schiff mik über hundert Personen an Bord geriet plötzlich in einen Wirbel st urm und kenterte. Bon den Possagieren tonnten nur 45 gerettet werden, während 65 den Tod in den Wellen fanden. kinsendungen silr diese Rubrik sind Berlin SA 63, Liniensiratze 3, partemachnchien für Grsß-Berlm stet» an da» Bezlrl»s«kretariat i. Hot, 2 Treppen recht», zu richten. 2. itrei» Tierpartcn. Bchiunp. Z>rek»mitalicl>er! Am So-ntap, dem 26. Juli, findet im T-dötirnbaus Pliitzenfee unter streisfommcrfast statt. i-f Da der lleberfchnsi deu Sinberfreunden sowie der Tozialisfifchea Ar.... W briterfnoend dr» 2. Kreises überunclin wird, rechnet der Krei»vorst»ud W Fi mit»ollem Besuch. Da, Proaromm ist ersttiafsia. Sienofsinne« und Sj W Gcnolfrn, ladet �reurde u d Bekannte ei»! Helft deu Kindelfreuoden W und unferer Ardeiterjupend! I Pilduirpyavssckuhmitqlik'der und Festordner! Bildungsausschuß- mitgl'rder srnvil? die �cswvdnt'r für dos Comntsrfeft werdrn gebeten, bestimmt noUzablig an der Eißung am ftreilag, dem 26. Juli. 20 Uhr, bei Krüger. Vutlißstr. 10. teilzunehmen. 18. Kreis Weißensoc. In unserem Kreis sollen vom 10. zum 11. August 2000 auSwärtige Neickisbannersameraden beherbergt werden. Wir bitten die Ouartiergeber, möalichst ihre Adresse mit der Anaabe. wieviel Same. raden beherbergt werden, an Otto ssallers. Mar Pohlmann. Wilhelm Peters. Lichtenberger Str. 12. oder direkt an A. Bauft. Berliner Allee 177. für Hohenschönhausen an Gastwirt Walter David, Berliner Str. 97, oder Mar Siedler. War-tenbergstraße, abgeben. heute. Donnerstag. 2S. Juli: 24. Abt. Die chrurpenwbree werden aebetefi. sofort d-e Billett»»um Reich», arbeitersportlaa vom Abteilungskassierer obzubolen. 26. Abt. Die(benossinnen und Genossen, die gewillt iinb. wäbrent der Ber. iasiungs-age>-in«n Kameraben autzunehmen. haben sofort ihrem Bezirk». siihrer Mitteilung zu machen. 38. Abt. Das Materias zur Kundaebuva am t. August ist sofort von Barwsch. Dr-edenstr. 87. abznbo'en. Die Bezirksstihrer werden gebeten, dir De. nnssen bestimmt zur Knndaebunq einzuladen. waffnet waren, sollen zu einem alkoholischen Getränk Fliegen- schwamm gefügt haben, wodurch sie in besagten Zustand gerieten. Die Richtigkeit dieser Behauptung ist natürlich schwer nachzuweisen, aber aus neuerer Zeit wissen wir, daß auch der in Deutschland wachsende Fliegenpilz eine berauschende Wirkung ausüben kann. Wie Apotheker Dr. H. Cäsar vor einigen Iahren im„Pilz- und Kräuterfreund" berichtet, hat er am eigenen Leibe diese Wirkung studiert. Nach dem Genuß von zwei Pilzen torkelte er wie ein Be- trunkener und konnte eine veränderte Herztätigkeit feststellen. Er- brechen, wie nach dem Genuß der meisten giftigen Pilze, trat ab«r nicht ein. Auch diese Erfahrung des Freiburger Apothekers soll uns nicht beweisen, Fliegenpilze zu genießen. Wir haben ja immer noch den viel angenehmer schmeckenden Alkohol, wenn es uns nach einem Rausch gelüstet und Berserkerwut kann man in manchen Gegenden Deutschlands ja auch schon an Menschen beobachten, die nur ein paar Maß Bier zuviel getrunken haben. Donnerstag 25. Juli 1929 £<■<> 3>erula: Äktt' JtlValide In der Stadt Barcelona, dort, wo van der breiten, sonnen- durchglühten Kaipromenadc eine Palmenallce zum Kolumbus- denkmal führt, fragte ich einen spanischen Soldaten, der den Möwen Brotstücke zuwarf, nach dem Weg zur Kathedrale. Ich verstehe nur wenige Wort« der Sprache, die in Barcelona gesprochen wird. Es ist nicht spanisch, es ist katalanisch, und dieser Dialekt soll, wie mir Kenner versichern, auch für den geborenen Spanier nicht leicht zu verstehen sein. Aber der junge Spanier gab mir eine Antwort weder auf spanisch noch auf katalanisch, er wies mir vielmehr mit ein paar kurzen, aber ausdrucksvollen Hand- bcwegungen den Weg: Gradaus— rechts— nochmals rechts— dann links. Ich wußte Bescheid. Der Weg war weit, die Sanne brannte und der Soldat meinte, ich täte besser, die Elektrische zu benützen. Wiederum sprach er nicht latalonisch, sondern er deutete durch Gesten das Läuten einer Glocke an und das Gleiten der Elektrischen— ich verstand ihn sofort. Und da der Wogen sich nicht zeigen wollte, so machte mein freundlicher Begleiter mir den Vor- schlag, mich inzwischen aus die Bank neben ihn zu setzen und zu warten. Der junge spanische Soldat war stumm. Nur seine Hände plau- dcrten fröhlich und unbekümemrt, und es gab nichts, was sie mir nicht in klaren, mühelos zu verstehenden Zeichen erzählt hätten. Er habe den Krieg in Marokko mitgemacht, berichtete er, und seine Hände malten den ganzen Tumult einer Schlacht: Vorwärtsstürmen, Schnellfeuer, Ueberfall und Rückzug. Ueber die Notwendigkeit dieses Feldzugcs hatte er seine eigene skeptische Meinung und er brachte sie rückhaltlos durch Achselzucken und ärgerliches Kopf- schütteln zum Ausdruck. Ein Wagen fuhr vorbei und der junge Invalide machte mich so- gleich(indem er die Fäuste ballte und schüttelte, so etwa, als hätte er Zügel in den Händen und ein Gespann zu regieren) daraus aus- merksam, daß die Pferde schön, stark und feurig wären, echte andalusische Rosse. Dann zwinkerte er mit den Augen nach links und lächelte mir zu. Ich wandte mich um. Zwei spanische Offiziere kamen langsamen Schrittes die Promenade heraus, und mein spani- scher Freund hatte mir mitgeteilt, daß er sogleich die Ehrenbezeu- gung zu leisten haben werde, und daß er diese Zeremonie für gänzlich überflüssig halte, indem er aus einen imaginären Reißbrett Skizzen entwarf und dann mit den Händer allerlei Architetkur: Portale, Fensterrcihen, Treppen und Dachkuppeln formte. Das sei ein gutes Gewerbe, man könnte Geld verdienen. Eine junge Dame setzte sich, mit einem Buch in der Hand, neben uns. Der junge Soldat gab mir zu verstehen, daß sie jung und hübsch sei und er ermunterte mich, mein Glück bei ihr zu versuchen. Ich werde Erfolg haben, daran sei nicht zu zweifeln, beteuerte er. Er machte selbst den Vermittler und wandte sich an die junge Dame, indem er ihr versicherte, daß mein Herz lichterloh für sie brenne. Ich sei reich, ein Fremder von weit her, ich wollte sie mit nach Haus« nehmen, sie werde mit der Eisenbahn fahren. Das Mädchen wurde verlegen, lachte und blAtötte in ihrem Buch. Gr deutet auf feine Schultern, dorthin, wo die spanischen Ofsiziere die DIstinttionen tragen, zwirbelt« dann unternehmend seinen nicht vorhandenen Schnurrbart und eröffnete mir auf diese Art, daß die junge Dome bereits Beziehungen zu einem eleganten, jungen Offizier habe und leider nicht mehr frei sei. Um mich zu trösten, blies er in die hohle Hand und machte die Geste des Wegwerfens. Das hieß: Mach dir nichts draus, sie ist der Mühe nicht wert, es gibt viel schönere Mädchen hier in der Stadt. Wir verstanden uns vollkomen, wir unterhielten uns über alles Mögliche. Auf der ganzen Fahrt durch das fremdsprachige Land habe ich keinen Menschen so gut verstanden, wie diesen jungen stummen Invaliden. Meine Elektrische wollte nicht kommen, doch ich hatte keine Eile. Er holte Bananen aus seiner Tasche und bot mir von ihnen an. Ich möge nur zugreifen, meinte er, er habe ihrer genug. Wir tauschten Zigaretten und rauchten. Und dann kam der Lastwagen. Er war mit Fässern'beladen' und polterte schwer die Promenade herauf. Und gerade vor unserer Bank stürzte das eine der beiden Pferde zu Boden. Er versuchte sich aufzuraffen, siel wieder und konnte nicht weiter. Der Kutscher kletterte fluchend vom Wag«n und schlug mit dem Peitschenstiel auf das arme Tier ein. Der Soldat war aufgesprungen. Er war dunkelrot im Gesicht und zitterte vor Zorn. Seine Zigarette siel zu Boden. Er wollte etwas rufen oder schreien, aber aus seinem Mund kam nur ein dumpfes Gurgeln. Er wandte sich an mich. Er wollte sprechen, erklären, anklagen, ober zum erstenmal versagten seine beredten Hände und er stand hilflos, stumm und verzweifelt vor mir. Furchtbare und unauslöschliche Minute! Nie werde ich vergessen, wie Zorn, Jammer und Empörung mit einemmal den Stummen sprachlos machten. lÜZZedel: � 1111(1�1111$ PU dCT �CkC Die regelmäßig wiederkehrenden Wanderungen unserer Zug- vögel sind hinreichend bekannt. Weniger bekannt scheinen die gesetz- mäßigen Wanderungen unter den Fischen zu sein, deren Beob- achtung und Erforschung uns weit mehr Schwierigkeiten bereiten als die Wanderzüg« der Vögel. Das liegt einmal daran, daß das Hilfsmittel der Beringung, das bei der Erforschung des Wander- zuges der Vögel so große Dienste leistet, bei den Fischen fast gänz- lich in Wegfall kommt. Man ist allerdings in letzter Zeit auch zu einer Markierung bei den größeren Fischen übergegangen, ind«ni man kleine kupferne Ringe in den Flossen befestigt. Das ist aber nur bei den größeren Fischen zu bewerkstelligen, für die Fischbrut kommt eine solche Kennzeichnung nicht in Frage. Wir wissen, daß die riesigen Wanderungen der Heringe mit der Nahrungsfrage in engster Beziehung stehen und kennen die Wanderstrahen ganz genau, weil die natürlichen Feinde des Herings wie Walsisch, See- Hunde, Delphine und Möven seinem Zuge folgen. Wir wissen wohl, daß der Laichplatz des Aals mitten im Atlantischen Ozean zwischen dem 25. und 45. Grad nördl. Breite in einer Tiefe von 500 bis 1000 Meter liegt, wir verdanken diese Feststellung der Tiefsee-Forschung. Aber den Laich des Aals selbst hat man bisher noch nicht gefunden, wohl aber kennen wir wieder die Aallaroen und deren Entwicklungsgang. Der Aal ist ein Süßwasserfisch und wandert zum Laichen aus den Flüssen ins Meer. Die jungen Aale wachsen unter dauernden Umwandlungen in bezug auf die Form innerhalb zwei Jahren zu etwa 8 Ztm. langen Fischchen heran und erhalten mit zwei Iahren die typische Aalgestalt. Bis dahin halten sie sich in größeren Meerestiefen in der Nähe der Laichplätze auf. Äann beginnt die Wanderung der Jungaale in großen Scharen nach den Flußmündungen, sie steigen die Flüsie hinguf und zerstreuen sich in den Flußgebieten. Dabei werden von den Jungaalen große Hindernisse, wie steile Wasserfälle und hohe Wehre überwunden. Besonders interessant ist die Ueberwindung des Rheinfalles bei Schaffhausen. Bei dem Versuch, die dortigen Felsen zu überwinden. sterben Millionen von Iungaalen. Die rauhe Gesteinsoberfläche bietet der schlängelnden Fortbewegung Schwierigkeiten und auf den toten Leibern der Jungaale schiebt sich der große Zug der Nachfolgenden vor. Die Leiber dienen den Ueberlebenden sozusagen als Stützpunkte und ermöglichen in der schlüpfrigen Masse ein weiteres Fort- schlängeln. Auf diese Weise gelangen die Jungaale in den Bodensee. Etwa mit acht Iahren werden die Tiere geschlechtsreif und die Rück- Wanderung ins Meer beginnt. Auf dieser weiten Wanderung ins Mcer legt der Aal täglich etwa 15 bis 18 Klm. zurück, so daß er nahezu ein volles Jahr braucht, bis er die Laichplätze im Atlanti- schen Ozean erreicht. Eine Rückwanderung der Laichaale ist bisher nicht festgestellt worden und die Wisienschaft nimmt daher an, daß der Aal nach dem Laichgeschäft stirbt. Diese Annahme ist auch ge- rechtfertigt, denn wenn sich beim Aal die Keimdrüsen entwickeln. dann schrumpfen gleichzeitig die Verdauungsorgane ein und die Laichaale verhungern langsam. Die Liebe wird also bei den fort- pflanzungsfähigen Aalen mit dem Tode bezahlt. Im Gegensatz zum Aal zieht der Lachs, der ein Meeresbewohner ist, zum Laichen aus dem Meere nach den Flüssen. Stromschnellen und Wehr« werden dabei mit Leichtigkeit überwunden, der Lachs ist ein gewalliger Springer und hat die Fähigkeit, bis zu drei Meter in die Höhe zu schnellen. Bezüglich der Lachswanderungen hat man überraschende Feststellungen machen können. Durch Markierung von Iunglachsen mit kupfernen Ringen in den Flosien konnte man feststellen, daß die Lachs«, welche aus der Weser stammen, zur Fort- pflanzungszeit nur wieder nach der Weser zurückkehrten, die Lachse aus dem Rhein nur wieder nach dem Rhein. Dasselbe gilt auch für die Lachs« aus den Nebenflüssen von Rhein und Weser. Man kann also auch hier feststellen, daß ebenso wi« gewisi« Zugvögel, auch die Lachs« immer wieder ihre alle Heimat aufsuchen. Die Tatsache selbst spricht aber deutlich dafür, daß der Lachs einen hochentwickelten Ge- fchmockssinn und ein gutes Gedächtnis hat. Letzteres bestätigen uns auch die Fischzüchter, denn die Fische gewöhnen sich sehr schnell an die Stellen, wo gefüttert wird, und kehren dorthin auch zu den be- stimmten Zeiten zurück. Standen die Wanderungen des Aals und des Lachses mit der Fortpflanzung in einem gesetzmäßigen Zusammenhang, so muh man den gewalligen Wanderungen des Herings eine andere Ursache bei- messen. Die Wanderungen der Heringe, die für unsere Herings- fifcherei von allergrößter Bedeutung sind, hängen mit der Nahrungs. frage zusammen. Die Hauptnahrung der Hering« besteht aus den Kleinlebewesen des Planktons, deren Anwesenheit von Meeres- strömungen und Jahreszeit abhängig ist. Die Wanderzüge der Heringe folgen daher immer dem Plankton des Meeres, und zwar dicht unter der Wasseroberfläche, auf dem die Kleinlebewesen umher- treiben. Aus den gewaltigen Heringsansammlungen hat der Mensch Nutzen gezogen und der Heringsfang ist für viele Länder ein wich- tiger Erwerbszweig geworden. 3)er Aiphaltfee auf Trinidad Nur wenige Weltreisende kennen die Insel Trinidad, die von den Eingeborenen„paradiesischer Garten" genannt wird. Die Insel wurde im Jahre 1498 von Kolumbus entdeckt. Der wachthabende Matrose meldete, daß drei Berggipfel in Sicht wären: als sich aber das Schiff, auf dem sich der Entdecker Amerikas befand, der Insel näherte, könte Kolumbus den wahren Sachverhalt feststellen. Die drei Berggipfel, die zuerst für drei verschiedene Inseln gehalten wurden, gehören in Wirklichkeit zu einem einzigen Stück Land im Ozean: deshalb erhielt das neuentdeckte Land den Namen „Trinidad", d. h. Dreieinigkeit. Dicht vor der Insel strömt ein weißes Schaumbad durch die See, die dort«ine düstere schwarzgrün« Farbe hat— es sind die gewaltigen Fluten des Orinoco, die sich durch den sogenannten Drachenschlund ergießen, durch ein« schmale und von Inseln besäte Wasserstraße, die Trinidad von der Küste Venezuelas trennt. Die Schiffe haben es dort nicht leicht, gegen die starke Strömung zu fahren, deren Brausen wie eine unheimliche Musik tönt. Trinidad ist heute eine reiche Insel, nachdem es jahrzehntelang an der Auf- Hebung des Sklavenhandels gelitten hat, dessen Zentralstelle es ge- wesen ist. Die Fruchtbarkeit des Bodens ist außerordentlich groß und ennöglicht ein« beträchtliche Ausfuhr von Kopra und Zucker. In der Mitte der Insel liegt die größte Sehenswürdigkeit Trinidads: der in der ganzen Welt einzigdastehende Asphaltsee „Pitschlake" mit schwimmenden Erdpechinseln. Auch sonst treten auf der ganzen Insel Asphalt- und Erdpechbildungen. Schlamm- vulkane, Petroleumquellen und andere heißen Quellen auf. Der See besteht aus einer öligen Masse, die schwarz und glänzend und sonderbarerweise an einigen Stellen mit Gras bewachsen ist. Man kann auf dem Asplzaltsee spazieMengehen— allerdings unter der Gefahr, mit den Schuhen in de? klebrigen Masse steckenzubleiben. Wnn an einer Stelle des Sees ein großer Block Asphalt heraus- genommen wird, sieht man am nächsten Tag von dieser Prozedur keine Spur mehr, denn neu« Asphaltformationen haben sich inzwischen unter den Strahlen der Sonne gebildet. Sin inlernalionales Archiv für Morofkope. Die Astrologische Vereinigung in New Jork plant zur Unter. stützung der astrologischen Forschung die Einrichtung eines inter- nationalen Archivs, das sich auf eine Sammlung von Horoskopen stützen soll. Die gleichgerichteten Bereinigungen in Europa und der übrigen Wlt sollen aufgefordert werden, Horoskope von Menschen mit seltenen Schicksalen zu sammeln und dem Archiv zuzustellen. Eine besondere Abteilung wird auch die Sammlung von Horoskopen her- vorragender Persönlichkeiten, Künstler, Schriftsteller, Diplomaten und Erfinder bilden. Amerika, du hafl es beffer. Goethe hatte schon recht, wenn er von dem glücklichen Amerika sprach. Und wenn die deutschen Steuerzahler vor Neid platzen, es fei ihnen doch gesagt, daß das amerikanisch« Schatzamt die im letzten Halbjahr 1928 über den Voranschlag eingegangenen Steuerzahlungen in Höhe von 100 Millionen Dollar zurückzahlt. Der glücklichste Steuer. zahler ist der Stahltrust, der nicht weniger als 15 Millionen Dollar zurückerhält. Der alte Rockefeller hat die ihm zurückgezahlten 120 000 Dollar wohltätigen Stiftungen überwiesen. ■•nS Wollplüsc MarkeSmyma nüf-TSaSe 69.- rm9r Verkauf nur SpandauepSh;3Z ™«'-"i-ifem-iis-sw- K zZl-K105. mm-iitt- KMKMVW?d1?UÄ-NMM� 4. Kral» Prenzlauer Berg � Unftcoa treu»» Parte>s«»u>ssen I Alexander Fr5hlich \B Weißenburger Straße 29 «V»n feinem TO.(Bebnclslagc Die herzlichsten«lOSmSnsche tm In Ü7 iShrig-r Mitgliedschaft zur Partei bat unser Jubilar im stampf« fiir bie Ideen de» Sozia- Itsmu» stets feinen Mann ae- standen. Wir wünschen dem®e> burt»tag»kinde. daß e» ihm noch recht lange vergönnt sein möge, den Siegeszug der Partei mit» � zuerieben. (ü Die Part eigen aaten and i»-gcnoillnnen ffi mjVSSchch««« ff W.«Mellnno.'S A Unser verehrter Senass« � «>Auxust Hanert«> � Turiner Straße 33 � ZaarewUsd« i Operette von Franz Lehär 1 Dazu der große VarlelMell. ' Anfang Konzert 4.80. Burleske u. Variete 6 Dkl. OpefClte 8.88. ledep Oonoersiao oroBer Valksun. I jed. Mittw. Klndtrlesl». Terlosang OSOOGOOOO8OOOO8OOOOG BANK und SPARKASSE ALLER ARBEITNEHMER IST DIE BANK DER ARBEITER, ANGESTELLTEN UND BEAMTEN, A.-G. 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